PRIMS Full-text transcription (HTML)
Fritz, der Mann wie er nicht ſeyn ſollte oder die Folgen einer uͤbeln Erziehung.
Ein unterhaltender Roman von ihm ſelbſt erzaͤhlt. Jn zwei Theilen.
Erſter Theil.
Gera,1800bei Karl Gottlob Haller und Sohn.
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Erſter Abſchnitt, welcher ſtatt einer Vorrede gilt.

Wenn mich meine Mutter nicht gewoͤhnt haͤtte, mein theures Jch fuͤr ein aͤußerſt viel bedeu - tendes Weſen zu halten, welches, wie es ſich auch betragen, oder was es ſich durch boͤſe oder dumme Streiche zuziehen moͤchte, dennoch ſehr in Ehren zu halten waͤre; ſo wuͤrde ich mich ſchwerlich entſchloſ - ſen haben, mein Leben und meine Thaten zur Wiſ - ſenſchaft des reſpektabeln Publikums zu bringen. Jch wuͤrde argwoͤhnen, daß die Leſer uͤber manches anderer Meinung ſein koͤnnten wie bei meiner Mutter in Anſehung andrer der Fall war und ichAvon2von ihr lernte. Denn wenn etwas von der Art, wie ich ſelbſt es zehnmal aͤrger that, von andern geſchah; ſo wußten wir uns weidlich daruͤber aufzu - halten und unſer Mißfallen daran zu bezeigen. Hatte eine Sache Beziehung auf uns; ſo ſchimpf - ten wir, was nur ſchimpfen heißt, ließen’s auch nicht an Rache fehlen, und ſuchten alle Leute, die es nur hoͤren wollten, zu uͤberreden, daß es kein gottloſeres Geſchoͤpf auf der Welt geben koͤnne, als eben den, der uns beleidigt hatte. Was wir dann von ſeinen Fehlern, Schwachheiten und Unarten in unſerm Gedaͤchtniß nur auftreiben konnten, das gaben wir, vermehrt und verbeſſert aus dem Waa - renlager unſrer Urtheilskraft reichlich und unent - geldlich Preis.

Allein, wie ich ſchon zu verſtehen gegeben ha - be, eine Handlung oder Meinung hatte in den Augen meiner Muter, mithin auch in den meini - gen, ein ander Anſehn, wenn ſie von mir geſchah, gemeint oder begangen wurde. Dieſen Glau - ben kann ich noch nicht ablegen, und ich werde meine Leſer fuͤr die hoͤflichſten Leute von der Welt halten, wenn auch ſie denſelben bei meiner Ge - ſchichte fleißig vor Augen haben wollen.

Sollten ſie mich dann und wann in luͤderli - cher Geſellſchaft finden, ſollten ſie erfahren, daßich3ich ausgepruͤgelt, oder ins Gefaͤngniß geſetzt wor - den bin; daß ich habe Spießruthen laufen muͤſſen, u. d. g. ſo bitte ich ſie, was das erſte betrift, zu bedenken, daß ein reicher junger Herr, wie ich war, wohl einmal zur Veraͤnderung einen tollen Streich machen koͤnne, und in Anſehung des uͤbrigen dem Ausſpruche beizutreten, den meine Mutter ſeli - ger, bei ſolchen Gelegenheiten, immer im Munde fuͤhrte, daß es lauter impertinentes, nichtswuͤrdi - ges Geſchmeiß, oder lauter unbarmherzige Men - ſchen waͤren, die mir dergleichen Leiden zufuͤgten. Sie werden auch beſagten Ausſpruch ſehr billig fin - den, da aus meiner Geſchichte uͤberall erhellen wird daß es pure lautere Kleinigkeiten waren, wegen de - ren mich die boͤſe Welt mißhandelte.

Daß ich das Schickſal hatte, um mein Ver - moͤgen zu kommen, war ein Ungluͤck, welches ihr Mitleiden im hoͤchſten Grade erregen muß, wenn ſie ſehen, daß ich nichts weiter dazu beigetragen habe, als daß ich eine Lebensart fuͤhrte, wie ſie jungen Herren von meiner Erziehung zukommt, de - nen von Jugend auf nichts verſagt wird, und die jeden ihrer Einfaͤlle befriedigen koͤnnen. Was konn - te ich dafuͤr, daß dieſes ſo viel koſtete, und daß manche Leute ſo viel Vortheil davon zogen? Freilich blieb mir am Ende kein anderer ehr -A 2licher4licher Weg uͤbrig, als zu betteln, wo ich woll - te und durfte.

Dazu aber war nun ein Mann, wie ich, nicht gemacht. Alſo mu[ß]te ich wohl auf einen Nah - rungszweig ſinnen, bei dem ich keine ſo demuͤthige Miene annehmen durfte, als die Geber von den Bittenden erwarten. Jch kam auf dieſem Nah - rungswege, da ich ihn wirklich einſchlug, gar zu ſchlecht fort; welches blos daher ruͤhrte, weil ich mich bei der Sache auf eine ganz ungezwungene Art benahm, woruͤber man mich eigentlich haͤtte loben ſollen.

Jtzt iſt alles uͤberſtanden. Jch ſitze hier auf dem kleinen Landguͤtchen, welches mir meines Va - ters Bruder hinterlaſſen hat, ſtelle es der gerechten Rache des vergeltenden Schickſals anheim, die boͤ - ſen Menſchen, die mir oft das Leben ſauer gemacht haben, zu beſtrafen, und philoſophire uͤber die Hinfaͤlligkeit des Gluͤcks eines Mutterſoͤhnchens.

Mein Vater pflegte immer zu ſagen; doch von ihm habe ich noch kein Wort erwaͤhnt, und ſehe mich alſo genoͤthigt, den erſten Abſchnitt mei - nes Berichts, der ohnehin, als Vorrede betrach - tet, ſchon lang genug iſt, zu ſchließen, und mei - ne Leſer vor allen Dingen mit dieſem Ehrenmanne bekannt zu machen.

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Zweiter Abſchnitt. Mein Vater.

Johann Jacob Schnitzer war der Name dieſes ehrlichen Mannes, dem ich, wie Er ſelbſt glaubte, mein Leben zu danken habe: und da dieſes Leben lange ſehr froh war; ſo wuͤrde ich es ihm ſicherlich gedankt haben, wenn ich’s jemals fuͤr noͤthig gehal - ten haͤtte, mich fuͤr etwas zu bedanken. Von Dan - ken aber hielt ich immer ſo wenig, daß ich kaum die erſten Beinkleider trug, als ich ſchon alles um mich her als mein Eigenthum anſah, und nicht anders glaubte, als es ſei meinem Vater viel Ehre, mich Sohn nennen zu duͤrfen, da er Gott danken muͤßte, daß ihn die Mutter im Hauſe duldete, wo ſie und ich allein zu befehlen hatten.

Er war ein ehrlicher Gaſtwirth, und hatte weiter keinen Fehler, als daß er ſeine Bequemlich - keit liebte, und daher alles, was dieſe ſtoͤren konnte, z. E. Speculationen, das Einkommen zu vermehren die Muͤhe, ſeinen eignen WillenA 3[durch -]6durchzuſetzen, ſo wie jede andre Sache, die et - wa Anlaß zum Verdruß geben konnte, gefliſſent - lich mied. Bei ihm gieng alles ſeinen gewoͤhnli - chen Gang; er hatte, ſeiner Meinung nach, Leu - te, auf die er ſich verlaſſen konnte, und verließ ſich ſo gaͤnzlich auf ſie, daß, wenn nicht ſeine erſte Frau, und nach ihrem Ableben meine Mutter fuͤr gut befunden haͤtten, der Ehrlichkeit dieſer Leute durch genaue Aufſicht zu Huͤlfe zu kommen, ſie wohl zuweilen die gute Gelegenheit, fuͤr ſich ſelbſt zu ſorgen, zum Schaden unſers Hausweſens genutzt haben moͤchten.

Der gute Johann Jacob wuͤrde, als juͤngſter Sohn ſeines Vaters, den ſchoͤnen Gaſthof in der großen Stadt, wo wir hauſten, ſchwerlich haben annehmen koͤnnen, da noch zween Bruͤder und zwo Schweſtern miterbten, wenn ſich nicht eine alte reiche Jungfer von guter Familie in ihn verliebt haͤtte. Er ſelbſt war eine lange Weile viel zu un - erfahren in der Kunſt, Blicke und Worte zu deu - ten, als daß er die gute Abſicht der reichen Jung - fer, ihn mit ihrer Hand zu begluͤcken, haͤtte erra - then ſollen. Seine Mutter aber war deſto hellſe - hender, und ſtieß ihn, wie er nachmals oft geſagt hat, mit der Naſe drauf. Dennoch moͤchte die Sache wohl ſchwerlich recht in Vortrag gekommenſein,7ſein, wenn nicht meine Großmutter dieſe Muͤhe uͤbernommen haͤtte. Dieſes geſchah aber; und ſo wurde denn Jungfer oder Mamſell Bluminn Frau oder wenn man will, Madame Schnitzerinn. Dieſes waͤre ſie aber ſchwerlich geworden, wenn ſie die zwei Haͤuſer, welche ſie meinem Vater zubrach - te, eher geerbt haͤtte, als ein Jahr vor ihrer Ver - heirathung: denn waͤren ihr dieſe ſchoͤnen Haͤuſer zwanzig, oder dreißig Jahre fruͤher zugefallen; ſo duͤrften die allezeit fertigen Geldfreier wohl nicht zugelaſſen haben, daß ſie ganze fuͤnf und vierzig Jahre, als Jungfer verlebt haͤtte.

Genug, ſie war nunmehr Johann Jacob Schnitzers Bettgenoſſinn, und war ein gutes leut - ſeliges Geſchoͤpf, welches ihm alles an den Augen anſah, und ihn aller Muͤh uͤberhob. So bald her - nach mein Großvater die Welt geſegnet hatte, ver - kaufte ſie das eine von ihren Haͤuſern, gab den Bruͤdern und Schweſtern meines Vaters, was ih - nen gehoͤrte, und watſchelte nun achtzehn Jahre lang, als die aufmerkſamſte Wirthinn im Gaſthofe herum. Dabei hatte Herr Johann Jacob keine andere Muͤhe, als die Rechnungen ins Reine zu bringen, und wenn vornehme Herrſchaften kamen, ihnen an die Hausthuͤre entgegen zu gehn, und ſie auf die beſtimmten Zimmer zu bringen.

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War dieſes verrichtet; ſo konnte er wieder in ſein Stuͤbchen ſchleichen, ſein Pfeifchen anſtecken, und leſen, welches ſeine Lieblingsbeſchaͤftigung war. Er las aber keinesweges, was ihm in die Haͤnde fiel, ſondern wirklich mit einer ihm ganz eignen Auswahl. Buͤcher, die er verſtand, waren nicht nach ſeinem Sinne; ſie kamen ihm vor, wie Men - ſchen, die nur gewoͤhnlichen Alltagsverſtand haben; dagegen betrachtete er ſchwuͤlſtige oder ſchwaͤrmeri - ſche Schriften, wo es ſchwer zu errathen iſt, was der Verfaſſer eigentlich meinet, oder in welcher Re - gion er ſchwebe, als ſcharfſinnige und tiefdenkende Maͤnner, deren Umgang ihm Ehre machte.

Seine Abneigung gegen alle Muͤhe wuͤrde ihm dieſen Geſchmack ohne Zweifel bald verleitet haben, (denn immer zu leſen und zu leſen, ohne zu wiſſen, was man geleſen hat, iſt doch keines Menſchen Sa - che, der ſeine geſunde Vernunft beſitzt;) aber er hatte einen Freund, der zwiſchen ihm und den großen Maͤnnern, mit deren Werken er ſich unter - hielt, Dolmetſcher war. Mit dieſer Huͤlfe alſo uͤberwand er jede Schwierigkeit, und gab ſich ein recht gelehrtes Anſehn, wenn er mit dem Meßca - talog in der Hand, worinnen ſein gelehrter Freund immer Buͤcher mit den am meiſten Wunder verſprechenden Titeln, anſtrich in denBuch -9Buchladen kam, und die ſo bemerkten Schriften ſoderte. Frau Schnitzerinn, welche wegen der ſech - zehn Jahre, die ihr Mann juͤnger war als ſie, oft bei ſich ſelbſt ſagte, daß ein anderer an ſeiner Stelle nach jungen Dirnen umherſchauen wuͤrde, redete ihm (zum Danke, daß er dieſes nicht that,) nie mit einem Worte drein, wenn er von Meſſe zu Meſſe neue Buͤcher anſchaffte, und dane - ben auch andre, die ihm ſein Rathgeber vor - ſchlug, kaufte.

So wenig dieſer freundſchaftliche Rathgeber, den ich dem Leſer ſo gleich naͤher bekannt machen werde, immer die beſte Wahl zu treffen wußte, ſo konnte es doch nicht fehlen, daß nicht mit unter auch manch gutes und vortrefliches Werk in die Sammlung meines Vaters kam. Mein Vater las indeſſen alles, wie es ihm ſein Lehrer zu genießen gab; und die natuͤrliche Folge davon war, daß ſein Geſchmack und Magen hin und wieder ziemlich pa - radox, und von dem Geſchmack und Magen ande - rer Leute ſehr abweichend geriethen.

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Dritter Abſchnitt. Magiſter Confuſelius.

Meines Vaters Freund war ein Herr Magiſter, Namens Confuſelius; ein kleines Maͤnnchen, wel - ches trotz ſeiner Feinde auf der Univerſitaͤt, die im - mer neidiſcher Weiſe behaupteten, er ſei ein Erz - ignorant und ein verworrener Kopf, gleichwohl Mittel und Wege gefunden hatte, Magiſter zu werden. Nachdem er zu dieſer akademiſchen Wuͤr - de gelanget war, hatte er ſich wieder in ſeine Va - terſtadt gewendet, wo er von einigen Jnformatio - nen lebte, hin und wieder ein Hochzeit-Geburts - tags - oder Leichencarmen machte, und bei alle dem nicht ſelten mit ſchmalen Biſſen vorlieb nehmen mußte. Dieſes kam beſonders daher, weil er ſeine Jnformationsſtunden ſelten lange behielt, woran lauter boͤſe Maͤuler Schuld waren, die den Eltern immer vorſagten, ihre Kinder wuͤrden bei ihm wei - ter nichts lernen, als die verkehrten Begriffe und Meinungen von allen Dingen, die er ſelbſt hegte.

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Es war alſo ein großes Gluͤck fuͤr den verfolg - ten Mann, daß er Zuflucht bei meinem Vater fand, nnd dieſer ihn nicht entbehren konnte; wel - ches ihm denn manche gute Mahlzeit einbrach - te. Confuſelius hatte woͤchentlich zweimal den Tiſch, bei meinem Vater, welcher aber alsdenn in Herrn Schnitzers eignem Stuͤbchen fuͤr dieſen und ihn allein gedeckt wurde: denn Schnitzer woll - te die koſtbaren Stunden des Umgangs mit dem Herrn Magiſter den Wiſſenſchaften allein und unge - ſtoͤrt widmen. Außer dieſen beiden einſamen Mit - tagsmahlzeiten waren noch zween andere Tage be - ſtimmt, an denen Johann Jacob die Abende von 6 bis 10 Uhr in einer Tabagie zubrachte. Auch dahin begleitete ihn Magiſter Confuſelius jedesmal, und wurde von meinem Vater freigehalten.

Die Geſellſchaft, welche in der Tabagie zu - ſammenkam, war von Johann Jacobs Schlag, und beſtand aus lauter guten, lieben Freunden von ihm. Man hielt da verſchiedene politiſche, und ſo gar einige gelehrte Zeitungen, die man denn las, und hernach daruͤber raͤſonnirte. Natuͤrlich war der Herr Magiſter hier Praͤſes, und docirte in der Verſammlung. Seine lehrbegierigen Schuͤler glaubten jeder Auslegung, die er dem, was geleſen wurde, gab, traten dem Recenſenten entweder bei,wenn12wenn er lobte oder tadelte, oder widerſprachen ihm, je nachdem der Magiſter es that. Eben ſo machte er ihnen begreiflich, wie jeder politiſche Artikel in den Zeitungen zu nehmen ſey, entweder er witterte in einem Artikel geheime Abſichten die - ſes oder jenes Hofes; oder er widerſprach manchem Artikel gaͤnzlich, und gab wohl gar vor, Briefe zu haben, welche das Gegentheil beſagten. Mit ei - nem Worte, der kleine Mann machte bei allem ſeine politiſchen und gelehrten Anmerkungen, durch welche er denn in den Augen der Geſellſchaft als ein Mann von großen Einſichten erſchien, der von al - len Dingen den rechten Grund wuͤßte. Dabei be - fand ſich nun Herr Magiſter Confuſelius ſehr wohl: denn jeder anweſende Gaſt draͤngte ſich zu ſeiner Freundſchaft, und ſchaͤtzte ſichs zur Ehre, wenn ſich der Herr Magiſter von ſeinem Tabak die Pfeife ſtopfte, von ſeinem Bier oder Wein trank, und ſonſt mit ihm vorwillen nahm. Er konnte alſo immer ohne zu Mittage geſpeiſt zu haben, in dieſe Verſammlung gehn, weil er da alles Ver - ſaͤumte nachholte, und bey der Trennung uͤberge - ſaͤttigt, auch wohl zuweilen mit einem halben Raͤuſchchen, nach Hauſe gieng.

Sonach war auf vier Tage in der Woche fuͤr ihn geſorgt: und wann der ehrliche Mann ja dieuͤbri -13uͤbrigen drei Tage in Verlegenheit kam, wie er ſei - nen Magen befriedigen ſollte; ſo machte er ſich um die Zeit des Eſſens ein Bewerbchen zu Herrn Schnitzer, ſagte ſeiner Frau gelegentlich etwas An - genehmes vor, und ſo gelang es ihm denn wohl, zum Eſſen eingeladen zu werden. Dieſes lehnte er nun wohl erſt hoͤflichſt ab; wenn ſie es nun aber nicht anders haben wollten; ſo bat er um Erlaub - niß, in der Wohnſtube der Madam ein paar Biſ - ſen zu ſich zu nehmen: denn an die Wirthstafel, wo er immer ein wenig geſchraubt wurde, war er nicht zu bringen; und das aus der ſehr gegruͤnde - ten Furcht, Johann Jacob, welcher alsdenn auch zugegen war, moͤchte, wenn er ſich gegen einige unbarmherzige Gaͤſte nicht gehoͤrig verantworten koͤnnte, und wohl gar aus der Faſſung gebracht und aufs Haupt geſchlagen wuͤrde, die hohe Mei - nung, die er immer von ihm hatte, etwas herun - terſtimmen.

Er ſelbſt behielt indeſſen dieſe hohe Meinung von ſich ſelbſt beſtaͤndig bei. Was fuͤr Demuͤthi - gungen ihm auch fort und fort wiederfahren moch - ten, ſo ertrug er ſie alle mit großer Gelaſſenheit, ließ ſich durch nichts in ſeiner wiſſenſchaftlichen Laufbahn irre machen, und begnuͤgte ſich mit dem Beifalle ſeines Publikums in der Tabagie.

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Er hatte etwas (was es war, iſt mir nicht er - innerlich) geſchrieben, und war gluͤcklich genug gewe - ſen, es fuͤr ein ſehr geringes Honorarium bei einem Buchhaͤndler unterzubringen, der nicht viel dabei verlieren konnte, weil er ſelbſt etliche Preſſen hatte, und es auf den Ausſchuß ſeines Papiers druckte. Conſuſelius prahlte, als er ſein Werk angebracht hatte, in der Tabagie nicht wenig damit. Er ſagte zwar, die Herren Buchhaͤndler bezahlten ge - lehrte Arbeiten gemeiniglich ſchlecht genug nach ih - rem Werthe, und er haͤtte daher nicht mehr, als drei Speciesthaler, fuͤr den Bogen bekommen; aber er rechnete deſtomehr auf die folgenden Aufla - gen, deren gewiß mehrere noͤthig ſein wuͤrden. Sein Verleger hatte indeſſen ein ſo entſchiednes Ungluͤck mit dem Werke, daß er es gaͤnzlich in die Maculatur werfen mußte; und er wollte hernach ſo wenig, als ein andrer, wieder etwas vom Herrn Magiſter Gottlob Heinrich Confuſelius in Verlag nehmen.

Dieſer Unfall ſchlug jedoch die Standhaftig - keit des Herrn Magiſters noch nicht zu Boden, ſondern er ſchrieb fort. Um das Papier dazu anzu - ſchaffen, kaufte er zuweilen eine Scarteke beim Antiquar fuͤr ein Paar Groſchen, brachte ſie mei - nem Vater, und verſicherte ihn, es ſtecke vielVer -15Verſtand in dem alten Werke, und er habe lachen muͤſſen, da es ihm der einfaͤltige Mann, der es nicht zu ſchaͤtzen wuͤßte, nur 10 Gr. geboten, und hernach gar fuͤr einen halben Gulden gelaſſen haͤt - te. Johann Jacob dankte ſeinem treuen Freunde fuͤr dieſe Aufmerkſamkeit, gab ihm den halben Gulden mit Freuden, und ſetzte damit den armen Magiſter in Stand, ſich nach und nach das noͤthi - ge Papier zu ſeinen Scribeleien zu kaufen.

So hatte er unter andern ein Drama und ein Trauerſpiel geſchrieben, deren Jnhalt ich, da ſich von beiden einige Exemplarien bey uns im Hauſe herumtrieben, ſehr wohl behalten habe; daher ich auch den Leſern dieſer Geſchichte wenigſtens ei - nen Auszug aus dem erſten mittheilen kann. Es wird ſie nicht wundern, daß mir derſelbe noch ſo gut im Gedaͤchtniß geblieben iſt, wenn ich ſage, daß Magiſter Gottlob Heinrich Confuſelius zwei Jahre lang mein Jnformator, oder wie ihn mei - ne Mutter durchaus genannt wiſſen wollte, mein Hofmeiſter war, und ich mich die ganzen zwei Jahr uͤber an ſeinen Werken im Leſen uͤben mußte.

Das erſte Stuͤck alſo fuͤhrte den Titel: Nothzuͤchtigung und Heirath aus Zwang. Der erſte Act war bei einer Kupple -rinn,16rinn, die mit vier ſehr frechen Freudenmaͤdchen von den Mannsleuten ſprach, welche geſtern bei ihnen geweſen waren; zwoen davon gewiſſe Fehler verwies, welche ſie begangen hatten, und die andern dagegen wegen ihres klugen Verhaltens lobte. Hier - uͤber wurden denn die getadelten Schoͤnen unwil - lig, und ſagten den gelobten allerlei Anzuͤglichkei - ten, welche dieſes wiederum uͤbelnahmen. Daraus entſtand nun ein heftiger Zank, bei dem ſie ſich rauften und ſchlugen., wobei die Kupplerinn, um Frieden zu ſtiften, erſt zuredete, dann in alle hin - einkeulte, und ſie endlich aus einander brachte. Der ganze Auftritt war eben ſo erbaulich, als de - likat.

Jm zweiten Auftritt erſchien ein wilder Offi - cier, als die Maͤdchen noch eben erſt beſchaͤftiget waren, ihre Haare wieder in Ordnung zu bringen. Er trat mit einem Fluch und mit aͤußerſt poͤbel - haften Worten ein, und warf Stock und Hut hin, ſich aber auf einen Stuhl, wo er erſt bemerkte, daß die Weibsleute erhitzt und erboſt waren, wo - von er die Urſache wiſſen wollte. Sie ward ihm mitgetheilt; alles was vorhin geſprochen worden war, wurde kuͤrzlich wiederholt, und ſeiner Ent - ſcheidung unterworfen, worauf er denn ein Urthel ſprach, worinnen den ſaͤmtlichen Schoͤnen ebennicht17nicht geſchmeichelt war. Kurz, er ſagte ihnen rund heraus, ſie waͤren alle zuſammen luͤderliche und ekelhafte Geſchoͤpfe, deren ſich ein ehrlicher Mann nur im Nothfalle bediente, die er aber im - mer verabſcheute. (Dieſes ſollte nemlich eine kraͤftige Moral ſein.)

Nachdem er ihnen ſo offenherzig die Meinung geſagt hatte, meldete er der Kupplerinn, die er mit einem Schimpfwort anredete, er muͤßte ſie al - lein ſprechen, und ſie koͤnnte etwas verdienen, wenn ſie ſich geſcheut benehmen wollte. Sie be - fahl hierauf den Freudenmaͤdchen hinauszugehn; und dieſe thaten es, indem ſie den Lieutenant ſchimpften, und ihm Geſichter ſchnitten.

Nun entdeckte der Officier der Kupplerinn, daß er in ein junges, unſchuldiges Maͤdchen, das Kind rechtlicher Leute, ſterblich verliebt waͤre, und und ihr zwanzig Louisd’or geben wollte, wenn ſie ihm zu einer Zuſammenkunft mit dem Maͤdchen helfen koͤnnte. Es wurde Rath gepflogen, und endlich beſchloſſen, das junge Maͤdchen in einen Garten zu locken; dieſes ſollte nun ſogleich geſche - hen. Die Kupplerinn beſchloß, der Koͤchinn die - ſer ehrlichen Leute, die eine gute Bekannte von ihr war, einige Louisdor zu bieten, wenn ſie ihre Mamſell bereden wollte, dieſen Abend mit ihr inBden18den beſtimmten Garten zu gehn, wo ſie einen vor - nehmen Herrn finden wuͤrde, der ſie heirathen, aber ſie gern erſt am dritten Orte ſprechen wollte.

Die Alte gieng alſo, und der Officier rufte ihre Maͤdchen wieder herein, bat ſie, nicht weiter boͤſe zu ſein; daß er ihnen vorhin die Wahrheit ge - ſagt haͤtte, und trieb, um ſie wieder auf gute Lau - ne zu bringen, unartigen Scherz mit ihnen.

Jm vierten Auftritte kamen mehr Manns - leute. Die Maͤdchen mußten Wein und Gebacke - nes holen, und nun gieng es bunt uͤber, bis im fuͤnften Auftritte die Kupplerinn zuruͤckkam, die denn mit dem Officier heimlich ſprach, und ihm ſo erwuͤnſchte Nachrichten brachte, daß er vor Freuden mit den Fingern ſchnippte, und indem er Hut und Stock nahm, und abgieng, ſagte, ich bin zu geſetzter Zeit zur Stelle. Und meine zwan - zg Louisd’or, ſchrie ihm die Alte nach Sollſt du haben, rief er zuruͤck.

Ha! alte Vettel, ſagte einer der Anweſenden, eben verkuppelſt du wieder ein huͤbſches Maͤdchen! Die Alte geſtand es, begonnte aber zu wehklagen, daß ſie auf ſolche Art ihr Brod verdienen muͤßte, da ſie einmal dieſe Lebensart ergriffen haͤtte, und zu keiner andern mehr geſchickt waͤr. Sie wuͤnſch - te, daß dergleichen Erwerb nicht geduldet und dieArmen19Armen auf eine andre Art unterſtuͤtzt wuͤrden, ſo wuͤrde ein ſolches Suͤndenhandwerk nicht getrieben, und manches junge Maͤdchen nicht verfuͤhrt wer - den.

Mit dieſer Moral ſchloß ſich der erſte Act, in - dem die vier Mannsleute, welche unterdeſſen, daß die Alte ſprach, mit den Maͤdchen gefluͤſtert hat - ten, mit ihnen paarweiſe abgiengen, und die erſte abermals auswanderte, um alles in dem Garten, wohin das unſchuldige Maͤdchen kommen ſollte, gehoͤrig einzurichten.

Der zweite Act war in dieſem Garten. Die junge Perſon erſchien mit der Koͤchinn, gieng ei - nigemal mit ihr auf und ab, und der Officier kam endlich zum Vorſchein. Er nahm ſie in Empfang, fuͤhrte ſie herum, noͤthigte ſie endlich, ſich auf ei - ner Raſenbank niederzulaſſen, und ſetzte ſich zu ihr. Nun begann er mit Liebeserklaͤrungen, und ſprach vom Heirathen. Das arme unſchuldige Kind, welches noch dazu ein wenig einfaͤltig war, verſi - cherte, daß ſie nichts dagegen haͤtte, und ihm recht gut waͤr; er moͤgte alſo nur bei ihren Eltern um ſie anhalten. Dieſes verſprach der Liebhaber; und nun erſchien die Kupplerinn mit Wein und Con - fect, womit ſich das Maͤdchen ſehr gern bewirthen ließ. Weiter erfolgten allerhand Zwiſchenſcenen. B 2Unter20Unter andern ließ der Autor, um ſeine Kenntniſſe von dergleichen Anſtalten zu zeigen, einen Mann mit der Zitter erſcheinen, der zu ſeinem Jnſtru - ment ein Lied (von ihm, dem Verfaſſer ſelbſt, gemacht,) uͤber das Gluͤck zweier Liebenden, die einander in den Armen liegen, ſang.

Endlich gieng der Spielmann ab; die Kupple - rinn und die Koͤchinn, welche immer von weitem geſtanden, jedoch auch ihr Theil an der Collation erhalten hatten, entfernten ſich ebenfalls; und der Officier blieb mit ſeiner Beute allein. Er verdop - pelte ſeine Liebkoſungen, und wurde von einem Au - genblicke zum andern dreuſter; das Maͤdchen aber vom Wein erhitzt, wehrte ſich immer ſchwaͤcher und endlich Doch, der Leſer bewundre die De - likateſſe des Herrn Magiſter Confuſelius! Hier fiel der Vorhang; aber man hoͤrte das Maͤdchen, welches die letzte Gunſt nicht erzeigen wollte, ſchrei - en, und wußte, was vorgieng.

Jm dritten Act uͤberfiel der Bruder des ver - ungluͤckten Maͤdchens den Officier zu Mitternacht in ſeinem Quartier. Er machte erſt ein graͤuliches Gepolter vor ſeiner Thuͤre; der Bediente des Offi - ciers zankte draußen mit ihm, und wurde gepruͤgelt. Endlich ſprang ſein Herr, wie er war, hinter der Couliſſe, als aus dem Bette hervor, aber, (derLeſer21Leſer kennt meinen decenten Confuſelius noch nicht,) in Schlafhoſen, oͤfnete die Thuͤre, fragte ſehr trotzig was es fuͤr Lerm gaͤbe, erſchrak aber nicht wenig, als ein junger, ſtarker Student mit bloßem Degen hereintrat und Rechenſchaft wegen des an ſeiner Schweſter veruͤbten Bubenſtuͤcks foderte. Der Offi - cier nahm ſich jedoch bald zuſammen, und machte den Unwiſſenden. Nun erfuhr er aber, daß alles entdeckt, von dem Maͤdchen ſelbſt ausgeſagt, die Koͤchinn ſammt der Kupplerinn bereits in Verhaft geſetzt ſei, und beide, wir billig, ins Zuchthaus kommen wuͤrden, und daß der Herr Lieutenant nicht eine Minute mehr zu leben haͤtte, wofern er ſich nicht entſchloͤſſe, ſich noch dieſe Nacht mit ſeiner Schweſter trauen zu laſſen. Der Officier wollte Einwendungen machen, wollte ſeinen Degen haben, ſchrie ſeinem Bedienten zu, daß er ihm ſolchen ge - ben ſollte: aber dazu war keine Moͤglichkeit; denn der Student hatte noch einen Gehuͤlfen mitgebracht, der den Bedienten ſchon eingetrieben hatte, und der ihn nicht von der Stelle ließ, wo er ihn hin - gedruͤckt hatte. Der Student hatte indeſſen den Herrn Lieutenant in einen Winkel gedraͤngt, und ſetzte ihm die Degenſpitze auf die Bruſt; indem er immer wiederholte, willſt du dich trauen laſſen? Sage ja, oder ich erſteche dich! Endlich ſagteB 3der22der Officier in der Angſt ja; und nun traten das Maͤdchen, deren Eltern, und der Prediger, welche ſaͤmmtlich vor der Thuͤre gewartet hatten, herein.

Der Prediger hielt eine ruͤhrende Straf - und Ermahnungs-Rede, worinnen er dem Lieutenant ſein Verbrechen aufs kraͤftigſte vor Augen legte, und ihm ſeine Pflicht, das geſchaͤndete Maͤdchen wieder zu Ehren zu bringen, vorſtellte. Der Offi - cier wagte nichts deſtoweniger, noch einmal Ein - wendungen zu machen: allein die ganze Familie, und beſonders der Student fuhren ihm dermaßen auf den Hals, daß er, weil er ſich allein ſah, beſchloß, ſich trauen zu laſſen, wozu ihm ſein Be - dienter den Ueberrock anziehn mußte.

Hier hatte der Magiſter wiederum ſo außer - ordentlich viel Einſicht, zu wiſſen, daß ſich dieſe Handlung nicht auf die Buͤhne ſchickte; alſo ließ er den Lientenant ſeinem Bedienten befehlen, zwei Lichter anzuſtecken, und bat die Geſellſchaft, ins Nebenzimmer zu kommen.

Damit aber die Buͤhne waͤhrend der Trauung nicht leer bliebe, kam der Bediente, nachdem er dem Brautpaar und den uͤbrigen hineingeleuchtet hatte, wieder zum Vorſchein, und hielt einen Monolog, der ſo lange dauerte, als die eingebil - dete Trauung. Er fieng ſich an: nun! der hatalſo23alſo auf einmal eine Frau am Halſe; ſo gehts, wenn die Herren denken, ſie koͤnnen die Buͤrger - maͤdchen mißbrauchen, wie ſie wollen, u. ſ. w. Mit einem Worte, dieſes Selbſtgeſpraͤch war vol - ler Sentenzen.

Das junge Ehepaar kam hierauf nebſt den an - dern wieder zum Vorſcheine. Der Prediger gratu - lirte nochmals. Dieſes thaten auch die Aeltern und der Bruder der jungen Frau, die nun den Of - ficier als Sohn und Bruder aufs zaͤrtlichſte umarm - ten. Der Fremde, den der Bruder mitgebracht hatte, ſagte auch viel ſchoͤnes. Der neue Ehemann bezeigte ſich ſehr zufrieden, ſeine Pflicht erfuͤllt zu haben, und dankte herzlich allen, die ihn dazu ge - noͤthigt hatten, verſicherte auch, daß er ſein Caro - linchen zaͤrtlich liebte, und daß ſie, ſo viel an ihm laͤge, an ſeiner Hand gluͤcklich ſein ſollte.

Dieſes ruͤhrte die Eltern bis zu Thraͤnen; ſie gaben den lieben Kindern ihren Segen; jedes der Anweſenden ſagte noch etwas ſchoͤnes, und der Va - ter gab, damit die Zuſchauer doch zuletzt noch et - was zu lachen haͤtten, dem Bedienten zwei Caro - lins, woruͤber dieſer vor Freuden wie raſend her - umſprang, und dann die Scene mit den witzigen Worten beſchloß: das war eine beſondere Nacht;B 4mein24mein Herr hat eine Caroline, und ich habe ihrer zwei erobert.

Hiermit fiel der Vorhang.

Der Magiſter hatte weder dem ehrlichen Jo - hann Jacob, noch ſonſt jemanden ſeiner Freunde, waͤhrend er dieſes vortrefliche Stuͤck ausarbeitete, ein Wort davon geſagt; als es aber fertig war, brach er in der Tabagie unvermuthet damit hervor, und ſagte: ich habe hier eine Comoͤdie verfertigt, die wohl nicht geringen Effect thun ſoll, wenn ſie aufgefuͤhrt wird: denn ich greife das Laſter der Wolluſt ſo recht in der Wurzel an, und laſſe daſ - ſelbe beſtraft werden. Wenn man nicht immer Geld brauchte; ſo wuͤrde ich dem Publikum ein Ge - ſchenk damit machen: das heißt, ich wuͤrde es um - ſonſt auffuͤhren laſſen. Da aber doch ein jeder von ſeinem Fleiße leben muß, werde ich es an den Di - rector unſrer Truppe verhandeln: und ich kann es, ſeinem Werthe nach, nicht unter 50 Thalern laſ - ſen.

Die Geſellſchaft bezeigte ſchon im Voraus viel Achtung fuͤr das Product ihres Praͤſes, und verſicherte, daß er es nicht anders laſſen koͤnnte. Man wartete mit Verlangen, das Stuͤck ſelbſt zu hoͤren, und war ſtolz darauf, die erſte Verſamm - lung zu ſein, der es mitgetheilt wuͤrde. Der Ma -giſter25giſter bat die Anweſenden ſaͤmmtlich, ja nicht da - von zu ſprechen, damit es nicht herum kaͤme und den Werth der Neuheit verloͤhre; und ein jeder ge - lobte ihm, nicht ein Wort davon uͤber ſeine Zunge kommen zu laſſen.

Nun las er; und je weiter er kam, deſto mehr haͤuften ſich die Lobeserhebungen. Die Hecren von der Tabagie fanden das Stuͤck ſo natuͤrlich und nachdruͤcklich, daß gewiß gleich nach der erſten Vor - ſtellung Anſtalt zu Zucht und Ordnung im Lande gemacht werden wuͤrde.

Mein Vater fragte zwar mit aller Beſcheiden - heit, ob es nicht vielleicht gar zu verſtaͤndlich waͤ - re, da er doch ſelbſt der Meinung ſei, man muͤſſe gewiſſe Dinge, wenn man daruͤber ſchriebe, ver - bluͤmt vortragen, um dem Leſer Gelegenheit zum Denken zu geben? Doch der Magiſter ſagte: es iſt ein Unterſchied, mein lieber Herr Schnitzer, wenn wir unter uns ein Buch leſen, und ichs erklaͤre, und wenn man ein ganzes Publikum vor ſich hat, wo man Gutes ſtiften ſoll: dann muß man deut - lich ſprechen: denn im Schauſpiele, wo die Hand - lungen ſchnell auf einander folgen, haben die Leute nicht Zeit, uͤber das, was ſie hoͤren, lange zu gruͤ - beln.

Johann26

Johann Jacob ließ ſich belehren, und alle an - dern ſagten, der Herr Magiſter haͤtte recht.

Sie konnten nun die Zeit nicht erwarten, daß das Stuͤck aufgefuͤhrt wuͤrde, und drangen in den Magiſter, daß er doch ja morgendes Tages zum Director der Schauſpielergeſellſchaft gehn moͤchte. Confuſelius verſicherte ſie, er ſelbſt wuͤrd es nicht laͤnger aufſchieben, wenn er nicht eine kleine Ver - hinderung haͤtte. Es fehlte ihm nemlich an einem anſtaͤndigen Kleide: denn wenn er zu einem ſolchen Manne ſo ſchlecht gekleidet kaͤme, wie hierher, wo es ihm gute Freunde nicht uͤbel naͤhmen; ſo koͤnnte ihn der Mann, da er ihn noch gar nicht kenne, uͤber die Achſel anſehn und denken, er duͤrfe ihm ſein Stuͤck wohl abdruͤcken. Haͤtte er itzt nur etli - che und zwanzig Thaler, ſo koͤnnte er ſich binnen drei bis vier Tagen einen neuen Anzug ſchaffen, den er auch gern gleich bezahlen wollte, ſobald er die funfzig bekaͤme; und es ſollte das auch nicht das letzte ſein, was er fuͤrs Theater ausarbeiten wollte.

Mein Vater uͤberlegte ſchon, ob er ihm das Geld nicht anbieten ſollte; ein anderer aber von der Geſellſchaft, der bisher noch gar nichts fuͤr den Magiſter gethan hatte und ſich wegen der funfzig Thaler fuͤr voͤllig geſichert hielt, kam dem HerrnSchnitzer27Schnitzer zuvor, und bot ihm das benoͤthigte an, ſich neu zu kleiden; welches denn auch Herr Confuſe - lius des folgenden Morgens ungeſaͤumt abholte.

Confuſelius hoffte in ganzem Ernſte, ſein Stuͤck anzubringen, und war ſo begierig, ſich da - mit je eher je lieber einen Namen zu machen, daß er die Zeit nicht abwarten wollte, bis ein neues Kleid fertig werden koͤnnte, und daher zu einem Kleiderhaͤndler gieng ſich da alles, was er brauchte, auslas, fuͤr das uͤbrige Geld gute Schuhe und Struͤmpfe anſchaffte, und ſeine Waͤſcherinn bezahl - te, die ihm ſein bischen Waͤſche bisher, weil ſie lange unbezahlt geblieben war, inne behalten hatte. Somit ſetzte er ſich denn in den Stand, dem Di - rector der Schauſpielergeſellſchaft ſeinen Beſuch zu machen.

Der Director empfieng ihn ſehr hoͤflich, nahm das Stuͤck an verſprach, daſſelbe mit Fleiße zu le - ſen, und bat den Herrn Magiſter, nach drei Ta - gen ihm wiederum die Ehre ſeines Beſuchs zu goͤn - nen. Confuſelius gieng den dritten Tag wieder hin, hatte aber die Kraͤnkung, daß ihm der Director ſeine Nothzuͤchtigung und Heirath aus Zwang mit den froſtigen Worten zuruͤck gab: hier iſt ihr Stuͤck; ich kann’s nicht brauchen.

Con -28

Confuſelius war ſo beſtuͤrzt daß ihm ſeine Haͤn - de den Dienſt verſagten, das Manuſcript zu neh - men. Es kam ihm ganz unbegreiflich vor, daß man ein ſolches Stuͤck ausſchlagen koͤnnte. Der Director mußte ihn ausdruͤcklich bitten, es wieder zu ſich zu nehmen, welches der Magiſter hierauf auch that, jedoch mit der Frage: warum er es nicht brauchen koͤnnte? Fragen Sie das den erſten beſten, verſetzte jener, der Gefuͤhl und Geſchmack hat; oder leſen Sie es ſelbſt noch einmal mit Be - dacht durch; ſo werden Sie mir die Antwort er - ſparen, die ich Jhnen nicht gern geben moͤchte.

Der Magiſter gieng bitter und boͤſe hinweg. Es war aber eben der Verſammlungstag in der Tabagie, und ſchon Zeit ſich dort einzufinden. Er war auch hierzu vorher ſchon entſchloſſen geweſen, ſobald er die Antwort des Schauſpieldirectors ein - geholt haͤtte, zu welcher Stunde des folgenden Ta - ges er ſein Honorarium abholen ſollte: allein die ſo eben vorgefallenen Umſtaͤnde veraͤnderten die Sa - che. Nun mußte der beſtuͤrzte Mann erſt nach Hauſe gehn, ſich faſſen, und darauf denken, was er in der Tabagie vorgeben wollte; denn einen ſo unerwarteten, demuͤthigenden Fehlſchlag zu beken - nen und ſelbſt zu erzaͤhlen, war ſein Wille gar nicht.

Nach -29

Nachdem er ſich in ſeinem Dachſtuͤbchen wie - der in etwas geſammelt hatte, las er ſein Stuͤck nach dem Rathe des Directors noch einmal durch, fand es aber noch vortreflicher, als vorher, und that vor ſich hin den Ausſpruch, der Mann haͤtte keinen Geſchmack, oder hienge doch zu ſehr an dem gewohnten Theaterſtyl und an einer modiſchen Art, die Dinge vorzuſtellen, um ſein Werk ſo verdienſt - lich zu finden, als es waͤre. Das nemliche, dachte er, koͤnnte ihm wohl auch bei jeder andern Truppe begegnen: alſo waͤre es am beſten, daß er’s drucken lieſte, um vor allen Dingen das Publikum an ſeine neue Darſtellungsart zu gewoͤhnen, die doch gewiß Beifall finden wuͤrde und muͤßte: und dann waͤre die natuͤrlichſte Folge, daß es irgend ein Mann von Wichtigkeit aufgefuͤhrt zu ſehen wuͤnſchte, wo - durch es denn bei guter Zeit noch aufs Theater kommen wuͤrde.

Damit ſie nun an Stuͤcken dieſer Art ſogleich Vorrath haben moͤchten, beſchloß er deren vor der Hand noch zwei auszuarbeiten und ſie dann auf eigne Koſten drucken zu laſſen.

So bald er uͤber dieſen Endtſchluß mit ſich ſelbſt einig worden war, gieng er leichten Herzens in die Tabagie; und dort ſagte er denn ſeinen Freun - den alles, wie er es ſelbſt dachte, ausgenommenden30den Umſtand von der abſchlaͤgigen Antwort, die er vom Director bekommen hatte. Er leugnete uͤber - haupt, daß er bei ihm geweſen waͤre, und gab vor, daß er ſich die Sache anders uͤberlegt haͤtte. Was den Vorſchuß betraf, den er auf die funfzig Tha - ler genommen hatte, ſo verſicherte er, denſelben allenfalls binnen vierzehn Tagen, wo er Geld, wel - ches ihm ſchon lange außengeblieben ſei, aus einem fremden Orte bekaͤme, erſtatten zu koͤnnen. Dieſes ließ ſich ſein Freund auch gefallen, und rechnete um ſo mehr darauf, da der Magiſter hinzuſetzte, darum waͤr ihm eben der Einfall, ſein Stuͤck ſelbſt drucken zu laſſen, in Sinn gekommen, weil er Geld zur Ausfuͤhrung zu erwarten habe.

Die beiden andern Stuͤcke wurden gemacht, und waren, wie der Leſer leicht denken kann, dem erſten voͤllig gleich an Werthe. Auszuͤge daraus zu leſen, mag ich meinen Leſern alſo nicht zumuthen; auch habe ich mich ſchon lange genug bei Begedenhei - ten vor meiner Geburt aufgehalten, und eile daher von dem Magiſter um ſo mehr hinweg, da mir ohnehin noch ſo manches zu ſagen uͤbrig iſt, ehe ich ſelbſt auftreten kann. Juͤr itzt kennen nunmehr meine Leſer den Herrn Magiſter, Heinrich Gottlob Confuſclius zur Gnuͤge, und es wird dieſer Ehrenmann ver - muthlich in der Folge noch mehrmals das Gluͤck,oder31oder vielmehr werden die Leſer das Gluͤck haben, mit dieſem Lichte der Welt wieder in Geſellſchaft zu kommen.

Vierter Abſchnitt. Suschen.

Es war fuͤnf bis ſechs Wochen nach der Schlacht bei Prag, als um die Zeit des Mittagseſſens ein Soldatenweib nebſt ihrer Tochter, einem Maͤdchen von ſechzehn Jahren, in die Kuͤche des Gaſthofs trat, in der ſich Madame Schnitzerinn eben beim Anrichten befand. Die Fremde bat in klagendem Tone um ein Paar Loͤffel Suppe fuͤr ſich und ihre Tochter, und betheuerte, daß ſie beide in drei Ta - gen nichts warmes genoſſen haͤtten. Zuſpruch von dieſer Art war der Frau Schnitzerinn nichts neues; aber die gute Frau war mildthaͤtig und es kam ihr wie ſie ſagte, nie auf einen Mund voll Eſſen an. Sie hieß alſo auch dießmal das Soldatenweib mitihrem32ihrem Maͤdchen ſich in einen Winkel ſetzen, und gab Befehl, ihnen etwas anzurichten.

Jndem nun die Suppe verzehret ward, er - zaͤhlte das Weib ihre traurige Geſchichte. Sie war die Wittwe eines preußiſchen Grenadiers, der bei Prag toͤdtlich verwundet, und einige Wochen drauf an ſeinen Wunden geſtorben war. Sie war eben des Tages vor der Schlacht mit ihrer Sus - chen den weiten Weg dahergekommen, um ihn zu beſuchen, und ihm ein wenig Waͤſche, und ein paar Thaler Geld zu bringen. Nun hatte es aber der liebe Gott ſo geſchickt, daß ihr Mann gar ge - blieben war; und ſie bezeigte ſich nur froh, daß ſie und Suschen ihn noch hatten warten und pflegen koͤnnen, wozu denn die paar Thaler gerade zu rech - ter Zeit gekommen, die denn aber auch rein dar - aufgegangen waren.

Die Wittwe weinte bei ihrer Erzaͤhlung, und auch Suschen wiſchte ſich die Thraͤnen ab. Ma - dame Schnitzerinn aber, die an nichts liebreichern Antheil nahm, als an den Leiden armer Kriegs - maͤnner, und an dem Verluſte, den durch ihren Tod Wittwen und Waiſen erlitten, war indeſſen, daß die Frau ihre Schickſale erzaͤhlte, naͤher getre - ten, und ſtand, die breite Latzſchuͤrze uͤber den dicken Bauch geſpannt, und ihr Bund Schluͤſſelan33an der Seite, indem beide Haͤnde, in einander ge - faltet, auf dem Bauche ruhten, dicht vor den ar - men Fremden, deren Thraͤnen ſie begleitete. Sie fragte nur immer, unter den mitleidigſten Aus - rufungen, nach allen Umſtaͤnden, troͤſtete mit un - ter die Leidtragenden, und ermahnte ſie, etwas zu ſich zu nehmen, indem ſie ihnen noch ein ander Gerichte geben hieß.

Die Grenadierwitwe langte, um dieſe wohl - thaͤtige Frau immermehr zu uͤberzeugen, daß ſie ihr Mitleid verdiene, ihres Mannes Todtenſchein aus dem Handkorbe, erzaͤhlte dann, daß ſie noch zwei kleine Kinder in der Garniſon bei einer Muh - me gelaſſen haͤtte, und meinte auf die Frage, ob ſie denn ihr Landesfuͤrſt nicht ſammt den Kindern verſorgen wuͤrde? daraus wuͤrde wohl nicht viel werden.

Jmmer mehr neigte ſich das gute Herz der Frau Schnitzern zu dieſen armen Leuten; ſie ließ ihnen einen friſchen Krug Bier geben, ſagte, wenn ſie etwa ſehr muͤde waͤren, koͤnnten ſie wohl bis den folgenden Tag bei ihr ausruhn, und erbot ſich, ih - nen in einem Kaͤmmerchen eine Lagerſtadt einzuge - ben, indem ſie Mutter und Tochter fuͤr huͤbſche ehrliche Leute anſaͤhe. Daß ſie dieſes waͤren, be - ſtaͤtigte die Mutter ſehr weitlaͤuftig; und SuschenEbeob -34beobachtete die Herzensguͤte der Frau Wirthinn auch nicht umſonſt. Sie dachte in ihrem Herzen, es ließe ſich wohl recht gut bei dieſer lieben Seele, und in einem ſo lebhaften Gaſthofe leben; und es duͤnkte ſie keinesweges unmoͤglich, daß ſie hier in Dienſte kommen koͤnnte, wenn ſie oder ihre Mut - ter ſo einen Wunſch aͤußerten.

Die Gedanken und Wuͤnſche der Menſchen begegnen ſich oft auf dem nemlichen Wege, und erlangen dann um ſo eher das vorgeſteckte Ziel. Frau Schnitzerinn hatte ſchon ſeit einiger Zeit den Wunſch geheegt, ein armes Maͤdchen zu finden, welches ſich fuͤr die Wohlthaten, die ſie ihr erzei - gen wollte, abrichten ließe, ihr in der Wirthſchaft beizuſtehn, auf das Geſinde des Gaſthofs Achtung zu geben, und ihr in allem treu zu ſein. Sie war die letzten Jahre her immer kraͤnklicher gewor - den; und ihr Stickhuſten wurde beſonders in der kalten Jahreszeit ſo arg, daß er ihr, wenn ſie viel in der Kuͤche, in den Gewoͤlbern und Kellern her - umgieng, zuweilen die Luft verſetzte. Es ſtand zu fuͤrchten, daß es hiermit in kurzem noch ſchlim - mer werden wuͤrde: und wenn ſie nun die Stube, auch wohl gar das Bette ſollte huͤten muͤſſen; wer wuͤrde dann Achtung geben, daß nicht alles im Hauſe bunt uͤber gienge, da ſie keine treue Seeleum35um ſich, und beſonders ſeit etlichen Jahren leu - ter heilloſes Geſinde hatte; welches ohne Zweifel auch daher kam, weil ſie ſeit dieſer Zeit immer je kraͤnklicher, je verdruͤßlicher ward, und die Un - tugenden ihrer Leute ſchon mehr, als vorher, be - merkte.

Sie hatte Suschen gleich beim erſten Anblicke nicht unleidlich gefunden. Da ſie nun hoͤrte, daß ſie die Tochter eines ehrlichen Grenadiers waͤre, die ihrem Vater die letzten Pflichten hatte leiſten helfen; ſo entſtand bei ihr der Gedanke, das Maͤd - chen dazubehalten; jedoch wollte ſie vor allen Din - gen ein wenig mehr mit ihr bekannt werden, ehe ſie etwas in der Sache beſchloͤſſe; und dieß war die Urſache, warum der Mutter und der Tochter vergoͤnnt wurde, bis den folgenden Tag im Gaſt - hofe zu bleiben.

Die Frau Wirthinn machte ſich nach Tiſche noch viel mit den beiden Weibsleuten zu ſchaffen, gab ſogar Suschen einige kleine Auftraͤge; und das Maͤdchen, ihrer eignen Abſicht voll, verrichtete alles ſo geſchwind, ſo geſchickt und ſo ſittig, daß Madame Schnitzerinn ſchon ein paarmal auf der Zunge hatte, ihr zu ſagen, ſie ſei willens, Sus - chen bei ſich zu behalten. Um ſich jedoch nicht zu uͤbereilen, ſuchte ſie die Zeit der Pruͤfung zu ver -C 2laͤn -36laͤngern, wozu ſie auch ein trefliches Mittel fand. Sie beſchloß, eine Waͤſche anzuſtellen, welche ei - nige Tage hinnahm, und wozu ſie Gehuͤlfen brauch - te; es kam eben nicht darauf an, dießmal mehr Leute, als ſonſt, bei dieſer Arbeit anzuſtellen. Das ward alſo der Grenadierswitwe angetragen, und, wie man leicht denken kann, ſehr gern angenom - men.

Waͤhrend dieſer Woche, (denn dieſe lange Zeit gehoͤrte dazu, alles wieder in Ordnung zu bringen,) ſetzte ſich Suschen nicht nur in der Gewogenheit, der Madame Schnitzerinn, ſondern auch in ihrem Zutrauen feſt. Sie war auch indeſſen mit derſel - ben einig worden, und nun ließ ſie ihre Mutter allein abreiſen, die denn ihre Reiſe um ſo vergnuͤg - ter fortſetzte, weil ſie ſelbſt ein Gluͤck fuͤr ihre Toch - ter ahndete, und ſie alſo der Frau Wirthinn mit Freuden uͤberließ.

Suschen war kein haͤßliches Maͤdchen: auch war ſie wohlgewachſen, flink und ſchnippiſch, folg - lich ganz ſo, wie ſie ſich in einen Gaſthof ſchickte. Damit ſie nun dem Hauſe Ehre machen ſollte, klei - dete die Frau Schnitzerinn ſie recht artig heraus, ermahnte ſie aber zugleich, ſich ſo aufzufuͤhren, daß ſie ihre Wohlthaten an ihr verdoppeln koͤnnte, und warnte ſie beſonders, wegen der Mannsperſonen jaauf37auf ihrer Huth zu ſein und ſich mit keinem einzu - laſſen: denn ſie wolle ein ehrliches Maͤdchen in ih - rem Dienſte haben, und koͤnne ſie, wenn ſie ſich uͤbel auffuͤhrte, nicht behalten.

Suschen war von der Natur mit einer guten Doſis Stolz verſehen worden; dieſer hatte ſie auch in dem demuͤthigen Zuſtande, in welchem ſie mit ihrer Mutter in dieſen Gaſthof gekommen war, nicht verlaſſen; ſie hatte daher gleich in die erſten Erzaͤhlungen ihrer Mutter hin und wieder etwas eingeſtreut, was ihr vor der Wirthinn, noch mehr aber vor den Dienſtleuten, die in der Kuͤche zu thun hatten, ein Anſehn geben ſollte. So hatte ſie z. B. geſagt: ihr Vater haͤtte eben Unteroffi - cier werden ſollen, da ihn ſein ungluͤckliches Schick - ſal betroffen habe. Sie gedachte auch nachher noch gelegentlich einiger Verwandten von gutem Mittel, die ſich hoffentlich ihrer kleinen Bruͤder annehmen wuͤrden. Auch ſpeiſte ſie keinesweges mit der heis - ſen Begierde einer hungrigen Reiſenden, die, wie die Mutter ſagte, in drei Tagen nichts Warmes genoſſen hatte, ſondern hielt an ſich, und ließ ſich ſogar noͤthigen.

Als ihr zuerſt der Einfall zu Kopfe geſtiegen war, daß ſie wohl bei der Frau Wirthinn in Dien - ſte kommen moͤchte, rollte dieſem erſten GedankenC 3ſo -38ſogleich der zweite, dritte und vierte nach, welche alle die Vortheile, die ſie hier haben koͤnnte, in ſich faßten. Der dritte und vierte ſprach von ei - nem ſtattlichen Liebhaber und einer guten Verſor - gung durch eine Heirath. Ein paar huͤbſche ſchlanke Marqueurs, welche Suschen bald anſichtig worden war, hatten dieſe beiden Punkte in der Gedanken - folge natuͤrlich gemacht.

So wie ſie aber nur einige Tage wirklich im Dienſte des Hauſes geweſen war, wo ſie denn mehr mit dem Herrn Johann Jaeob zu thun bekommen hatte, erhoben ſich ſchon die Bilder von ihrer kuͤnf - tigen Verſorgung uͤber die Marqueurs hinweg. Sie ſah, daß Herr Schnitzer ſeine Alte herzlich werth hielte, ihr in allen Stuͤcken den Willen ließ, und ſich ſogar da, wo es ſeiner Bequemlichkeit nicht hinderlich war, eigentlich nach ihr richtete. Er bezeigte ſich ausnehmend freundlich gegen Suschen, weil ſeine Frau gutes Zutrauen zu ihr hatte; er - mahnte ſie, derſelben ja huͤbſch zu folgen und ihr fleißig an die Hand zu gehn, weil das gewiß zu ihrem Beſten ſein wuͤrde; und verſprach von freien Stuͤcken, daß er ſelbſt alles moͤgliche dazu beitra - gen wolle, wenn er immer hoͤrte, daß ſeine Frau Urſache faͤnde, mit ihr zufrieden zu ſein.

Aus dem allen zog Suschen zween Schluͤſſe. Der39Der erſte ſagte: ein Mann, der mit dieſer alten Frau ſo gut lebt, wird gewiß eine junge wenigſtens eben ſo gut halten. Der zweite faßte die Ueber - zeugung in ſich, daß der Weg zu Herrn Schnitzers Herzen nur in der Aufmerkſamkeit zu finden ſei, welche ſie ſeiner theuren Gattinn bewies. Es war ſehr wahrſcheinlich, daß die wackere Frau noch kaum zween oder drei Winter uͤberleben wuͤrde. Un - terdeſſen konnte auch Herr Schnitzer noch nicht ver - alten; dieſer Herr Schnitzer war ſelbſt kein unebe - ner Mann, und mußte, als einziger Erbe ſeiner itzigen Frau, eine trefliche Partie fuͤr eine zweite Frau werden.

Dieſes alles wohl uͤberlegt, wurde die Freund - lichkeit, womit Suschen ſchon gegen einen der Marqueurs begonnen hatte, ſehr herabgeſpannt, und dagegen ein Ernſt angenommen uͤber den ſich alle Mannsleute, die im Hauſe waren, und die ins Haus kamen, nicht wenig wunderten.

Sie hielten es anfangs fuͤr bloße Verſtellung; allein Suschen bewies bald, daß es Ernſt war. Sie hatte ſich einmal in ihrem Herzen vorgenom - men, mit der Zeit Madame Schnitzerinn werden, und beſchloß alſo, auszuharren, blieb auch dieſem Vorſatze ziemlich immer treu, außer daß ſie, wenn es in Anſehung vornehmer Herren, die zuweilen daC 4ein -40einkehrten, hoͤchſt noͤthig war, ein wenig von ih - rer Regel abzugehn, welches aber blos geſchah, da - mit die Herren ein andermal wieder einſprechen moͤchten, folglich nur zum Beſten ihrer Herrſchaft. Uebrigens hatte ſich Madame Schnitzerinn nicht gerrechnet, da ſie gehofft hatte, an Suschen eine treue Gehuͤlfinn zu haben. Suschen war ſchon vor Ablauf des erſten Jahres faͤhig, die ganze Wirthſchaft zu verſehn; und ſie that dieß auch mit ſolchem Eifer, daß ihr alle uͤbrige Domeſtiken herz - lich feind wurden. Daraus machte ſie ſich aber nicht das geringſte: vielmehr uͤberſah ſie keinem einen Fehler, ſondern brachte alles Ungleiche auf der Stelle vor die Ohren ihrer Frau, welche folg - lich die ganze Zeit zankte, und vor Aergerniß zu - ſehends kraͤnker wu de.

Gegen den Herbſt des dritten Jahrs konnte Madame Schnitzerinn nicht mehr das Bette ver - laſſen. Jn dieſem traurigen Zuſtande nun war ihr groͤßter Troſt, daß Suschen, das treue und kluge Maͤdchen, alles verſah. Auch hatte Sus - chen nunmehr volle Gewalt, zu ſchalten und wal - ten, zu verſchließen und aufzuthun, kurz anzuſtel - len, was und wie ſie es wollte.

Eines Tages, da ſie in der Krankenſtube hin - ter dem Schirm am Bette mit etwas beſchaͤfti -get41get war, ohne daß die Kranke von ihrer ſo nahen Gegenwart wußte, fieng dieſe an, mit ihrem au - ten Johann Jacob, der eben bei ihr ſaß, von ih - rem nahen Ende zu ſprechen, wovon er aber durch - aus nichts hoͤren wollte, weil er ſich bei ſeiner alten Lebensgefaͤhrtinn immer recht gut befunden hatte, und uͤberhaupt gar nicht der Mann war, der ſich etwa nach einer jungen Frau geſehnt haͤt - te, indem er ſich bei einer ſolchen manche Beſchwer - de vorſtellte, der er bisher uͤberhoben geweſen war. Jhm war uͤberhaupt jede Veraͤnderung unange - nehm; und alles, was außerordentliche Geſchaͤfte gab, wie z. B. bei Begraͤbniſſen der Fall iſt, ekelte ihn an; daher war ihm auch wirklich der Ge - danke, daß ſeine Frau ſterben wuͤrde, im hoͤchſten Grad ungelegen.

Ach! meine liebe Frau, ſagte er, ſprich doch nicht von deinem Tode; du biſt ſchon lange kraͤnk - lich und Gott hat dich immer noch erhalten, er wird ſchon dießmal auch wieder helfen.

Nein, mein lieber Jacob, nein, verſetzte Frau Schnitzerinn, wenn der Steckfluß noch einmal koͤmmt, nimmt er mich mit; das wirſt du ſehn. Alſo laß uns immer davon ſprechen, wie’s nach meinem Tode werden ſoll. Ach! das iſt meine groͤßte Unruhe, daß du eine Frau bekommen koͤnnteſt, diemeine42meine Muͤhe und alles das Meinige nicht verdien - te und dich aͤrgerte!

Die Unruhe, antwortete Johann Jacob, laß ja fahren, mein Schatz: denn ich heirathe in mei - nem Leben nicht wieder; darauf kannſt du dich ver - laſſen.

Dieſe Verſicherung ſchmeichelte der Kranken nicht wenig; und ſo wie ſie ihren Mann kannte, zweifelte ſie auch nicht, daß er Wort halten wuͤr - de. Sie billigte ſeine Abneigung vor einer zwei - ten Ehe ſehr, und hatte dawider eine Menge Gruͤn - de, die ihm auch vollkommen einleuchteten. Alſo ſchlug ſie ihm nun vor, Suschen lieber noch in hoͤhern Gehalt zu ſetzen, als ſie bisher gehabt hatte, und das Maͤdchen, welches doch einmal die Wirth - ſchaft verſtuͤnde und viel Ambition haͤtte, gut zu halten. Koͤnnte ſie es doch, da ſie noch kaum neun - zehn Jahre haͤtte, noch ein Jahr einer zehn abwar - ten, ehe ſie einen Mann naͤhme: wollte ſie aber ja eher heirathen; ſo waͤre der beſte Rath, ſie im Hauſe zu verheirathen ſo haͤtte er vielleicht zwei treue Leute, die, wenn ſie auch ſich mit unter ein wenig bedaͤchten, doch uͤbrigens auf ſeinen Nutzen bedacht ſein, und den andern auf die Fin - ger ſehn wuͤrden. Dazu ſollte er aber ja keinenvon43von den Leuten nehmen, die itzt im Hauſe waͤren denn ſie taugten alle nichts.

Auch in dieſem Stuͤcke gab Johann Jacob ſeiner Frau Recht, und ſchlug ſogleich ſelbſt einen armen Hausknecht vor, der bei jemanden von ſei - ner Verwandtſchaft diente, und ſein Pathe war. Der Burſche kann itzt ungefaͤhr zwei und zwanzig Jahr alt ſein, ſagte er, und iſt ein huͤbſcher Kerl. Den wollen wir zu uns nehmen, wenn du auch, wie ich hoffe, nicht ſtirbſt. Er kann auf Weihnach - ten als Marqueur antreten; wir thun doch ohne - hin einen von den beiden andern weg. Auf dieſe Art wird er mit Suschen bekannt; und wir ziehen uns treue Leute; auch koͤmmt, was ich dann thue, meinem Pathen mit zu gute.

Madame Schnitzerinn fand den Einfall vor - trefflich; aber nicht ſo vortrefflich fand ihn Suschen. Sie aͤrgerte ſich dermaßen daruͤber, daß ſie mit großem Gepolter hervor und zur Thuͤre hinaus fuhr, woruͤber Herr und Frau Schnitzer erſchraken, und ſchon unwillig werden wollten. Doch er und ſie fanden Entſchuldigung fuͤr Suschen.

Ach, ſagte ſie, ſie hat den losgeriſſenen Um - hang am Bette angenaͤht, und macht nun, daß ſie in die Kuͤche koͤmmt.

Viel -44

Vielleicht, ſagte er, verdruͤßt ſie’s, daß wir ihr einen Mann zudenken, der noch Hausknecht iſt: denn ſie iſt hoffaͤrtig, und hat vielleicht auch ſchon einen Schatz im Hauſe.

Nein, verſetzte ſie, gewiß nicht; ſie kann die Kerls alle nicht leiden.

Nun, erwiederte er, vielleicht konnte ſie auch das Lachen nicht laſſen, daß wir von ihrem kuͤnf - tigen Manne ſprachen, und wollt’s uns doch nicht merken laſſen: drum prallte ſie ſo hinaus, muß ihr doch aber einen Verweis geben; denn ſie hat dich und mich erſchreckt, und dir koͤnnt’s ſcha - den.

Suschen war, waͤhrend daß ihre Herrſchaft ſo unter ſich den Grund ihres Betragens zu errathen ſuchte, in ihrer Kammer, und weinte vor Verdruß, daß in Herrn Schnitzers Herzen eine ſo erſtaunliche Kaͤlte und Geringſchaͤtzung gegen ſie regierte; daß er nicht nur beſchloſſen hatte, nie wieder zu heira - then, ſondern auch ihr nichts beſſers, als einen gemeinen Hausknecht, zudachte. Alſo, meinte ſie, habe ſie umſonſt gegen alle Mannsperſonen ſproͤde gethan, und ſie ſich zu Feinden gemacht; umſonſt gegen einige jungen Herren, die ihr doch gefallen haͤtten, ſich ſo wenig gefaͤllig bezeiget, da ſie ihrdoch45doch gewiß die ſchoͤnſten Geſchenke gemacht haͤtten, wenn ſie gefaͤlliger geweſen waͤre.

Sie mußte aber bald wieder aus ihrem Schmollwinkel hervor, weil es Arbeit vollauf im Hauſe fuͤr ſie gab. Doch verrichtete ſie dieſe itzt ſehr verdruͤßlich und nachlaͤßig, warf unter andern der Koͤchinn die Schluͤſſel zur Speiſekammer hin, und ſagte: was geht’s mich an? gehe ſie ſelbſt hin - ein, und nehme ſie, was ſie braucht.

Da hatte Suschen doch endlich einmal etwas zum Beſten gegeben, was man der Frau Wirthinn hinterbringen konnte. Flugs lief eine zweite Magd zu ihr hinein, und erzaͤhlte, wie Suschen raͤſonnir - te, und alles zu freien Haͤnden hingaͤbe.

Frau Schnitzerinn aͤrgerte ſich wirklich, ſo was von Suschen zu hoͤren: ſie ließ ſie bald darauf rufen; und nachdem Suschen eine gute Weile hatte auf ſich warten laſſen, erſchien ſie mit einem trotzi - gen Geſichte mit der Frage: Was ſoll ich?

Sage mir nur, war die Antwort, was iſt dir denn wiederfahren, und was hoͤr ich von dir? willſt du mich auch vollends todt aͤrgern?

Suschen wollte nicht ſogleich wiſſen, von was die Rede waͤre; es kam aber endlich doch zur Spra - che; und indem ſie das Hinwerfen der Schluͤſſel gaͤnzlich leugnete, machte ſie ein langes Regiſtervon46von den Streichen, welche die Marqueurs, der Hausknecht und die Maͤgde begangen haͤtten, wor - uͤber ſie endlich wohl verdruͤßlich werden muͤßte, beſonders da ſie nichts, als ſpitzige Reden von dieſen Leuten bekaͤme, die ihr alles zum Poſſen thaͤ - ten.

Die Kranke aͤrgerte ſich abermals, redete ihr aber zu, nur Geduld zu haben, und ſich an dieſe Leute nicht zu kehren, ſondern huͤbſch alles, wie bisher, in Acht zu nehmen und ihnen derb die Meinung zu ſagen, worinnen ſie und Herr Schn[it]- zer ihr ſchon beiſtehn wuͤrden. Sie ſollte, ſetzte ſie hinzu, nur bedenken, daß ihr bald die ganze Wirth - ſchaft allein uͤberlaſſen ſein wuͤrde: und wenn ſie immer ihre Pflicht thaͤte; ſo wuͤrde Herr Schnit - zer nicht allein ſehr gut mit ihr umgehen, ſondern ſie auch mit der Zeit verſorgen, wie ſie ja vorhin von ungefaͤhr ſelbſt gehoͤrt haͤtte.

Hier kam die gute Frau auf einen Punkt, der Suschens Galle aufs neue rege machte: da ſie aber doch, ohne abzubrechen, fortfuhr, und vom Bedenken in ihrem Teſtamente ſprach, ſo hielt Suschen an ſich, verſprach alles Gutes, und ver - biß fuͤr den uͤbrigen Abend ihren Verdruß noch gut genug, indem ſie ſich entſchloß, wenigſtens doch zu nehmen, was ſie haben koͤnnte, und ſichnicht47nicht durch ungeſtuͤme Auffuͤhrung um das Gute zu bringen, was ihr im Teſtament der Frau Schnitzerinn etwa noch zugedacht waͤre.

Unterdeſſen konnte ſie doch vor Unruhe uͤber Herrn Schnitzers Aeuſſerungen in der folgenden Nacht kein Auge zuthun. Es war aber kein Un - gluͤck, daß der Schlaf ſie dießmal floh: denn haͤtte er ſeine ſanften Fluͤgel uͤber ſie gebreitet; ſo wuͤrde er dieſe koſtbaren ſtillen Stunden ihrem Nachden - ken geraubt haben, welches doch den Grund zu dem ganzen Gluͤck ihres folgenden Lebens legte.

Es taugt nichts, lieber Leſer, daß man ſich uͤber das Fehlſchlagen einer Lieblingshoffnung aͤr - gert: denn am Ende ſieht man doch immer, daß man ſich mit einer ſo unangenehmen Empfindung ohne Nutzen geplagt hat, und mithin beſſer gethan haͤtte, ſo gleich gelaſſen zu uͤberlegen, was zu ma - chen ſei, um entweder ſeinen Zweck dennoch, oder vielleicht etwas noch beſſeres zu erlangen. Am Ende gluͤckt’s doch, zumal bei ſolchen klugen und entſchloſſenen Leuten, wie Suschen war.

Nachdem ſie ein paar Stunden lang bei ſich ſelbſt wiederholet, was ſie hinter dem Bettſchirme gehoͤret, ſich nochmals daruͤber geaͤrgert, und ein wenig reiflicher uͤber ſich ſelbſt und den ehrlichen Johann Jacob nachgedacht hatte, fieng ſie in Ge -danken48danken folgendermaßen an: ich bin wohl auch recht einfaͤltig, daß ich das alles fuͤr ausgemacht und unwiderruflich halte, was der traͤge Schlin - gel, der Wirth, da hinſchwatzte, als wenn er nicht zu allem zu bereden waͤre, was man von ihm ver - langt! Jch muß nur zuſehn, wie ichs anfange: antragen kann ich mich ihm wohl nicht, ſondern es muß ſo geſpielt werden, daß er ſelbſt mich noch bittet. Ha! das muß ich mit dem Schmarotzer, dem Confuſelius, machen. Wenn ich den gewinne, ſo geht’s! Und er wird ſich ſchon gewinnen laſſen: er iſt itzt in der Noth; wer ihm heraus hilft, dem thut er alles zu Gefallen. Jch muß gleich mor - gen anfangen, huͤbſch freundlich mit ihm zu thun, und ihn anzukirren, denn lange macht’s die Alte nicht mehr.

Dies hatte Suschen wie im prophetiſchen Geiſte geſagt: denn eben als ſie bis dahin war, kam die Krankenwaͤrterinn, und rufte ſie, weil es gar gefaͤhrlich um Madame Schnitzerinn ſtuͤnde.

Die gute Frau war durch Suschens Schuld einmal erſchrocken, und hatte ſich zweimal geaͤr - gert, das alles zuſammen machte ihre alten Zufaͤl - le wieder rege.

Das ganze Haus kam in Bewegung; der Arzt wurde gerufen, und all das Hin - und Herlaufenſchien49ſchien bloß zu dem Ende zu geſchehn, damit die gute Frau Magdalene Schnitzerinn nicht ſo ohne Auf - ſehn die Welt verlaſſen ſollte, welches ſie noch ge - gen Morgen derſelbigen Nacht that.

Johann Jacob war uͤber alle Maaße betruͤbt; einmal, hatte er ſich an ſein altes Weibchen ge - woͤhnt und zweitens wußte er ſich vor dem Getuͤm - mel uͤber die Anſtalten zum Begraͤbniſſe der Leiche nun nicht zu laſſen.

Hier war nun aͤchte Freundſchaft alles werth. Das bewies Magiſter Confuſelius: denn er war augenblicklich bei der Hand, und uͤbernahm alle große und kleine Geſchaͤfte, die zum Begraͤbniß er - foderlich waren. Sein Eifer gieng ſo weit, daß er einem von den Verwandten meines Vaters, der bei dieſer Gelegenheit auch dienſtfertig ſein wollte, ein paarmal unhoͤflich begegnete, und ihm endlich gar zu verſtehen gab, es wuͤrde Herrn Schnitzer am liebſten ſein, wenn ſich Herr Siegemund in nichts mengte, weil einmal ihm, dem Magiſter, die Sor - ge fuͤr das Geſchaͤfft aufgetragen waͤre.

DFuͤnf -50

Fuͤnfter Abſchnitt. Abermals Magiſter Confuſelius.

Der theure Mann hatte ſeine guten Urſachen, ſich bei einer ſolchen Gelegenheit unentbehrlich zu ma - chen: ſein Anſehen war ſeit einiger Zeit bei mei - nem Vater, ſo wie in der Tabagie, gefallen; hat - te ſich wieder erhoben, und ſtand abermahls ein wenig, da der Todesfall eintrat. Die Urſachen hierzu verdienen angefuͤhrt zu werden.

Der Leſer wird ſich noch aus dem Obigen der drei Theaterſtuͤcke erinnern, mit denen der Herr Magiſter das Publikum beſchenken wollte. Er hielt ſein Wort, und machte den zweiten Verſuch in theateraliſchen Stuͤcken mit einem Dra - ma, betitelt: die weiſe Staatsverfaſſung.

Dieſes Drama enthielt zu viel, dem Herrn Confuſelius ganz eigne Cigenheiten, als daß ich’s uͤber mein Herz bringen koͤnnte, den Leſer wenig - ſtens einen Auszug daraus vorzuenthalten.

Der Verfaſſer ließ im erſten Act ein Paar weiſe Maͤnner uͤber ein neues Staatsverfaſſungsſyſtemkluͤ -51kluͤgeln, worinnen die unerhoͤrteſten Vorſchlaͤge von der Welt aufs Tapet kamen. Ein junger Koͤnig, welcher dieſen Maͤnnern den Auftrag dazu gethan hatte, kam aller Augenblicke zu hoͤren, wie weit ſie es mit einander gebracht haͤtten, wobei denn un - ter andern die naſenweiſe Sentenz vorkam: Aller - gnaͤdigſter Koͤnig! geruhen nur Eure Majeſtaͤt, uns Zeit zu laſſen. Ein Staatsſyſtem iſt kein Ballet; ſo was auszuarbeiten, erfodert mehr Zeit, als jenes zu erſinden. Es erſchienen auch Miniſter und Hoͤf - linge, die ihren Rath dazu gaben, und die weiſen Maͤnner durch Schmeicheleien bereden wollten, alles nach ihrem Sinn einzurichten. Dieſe wurden aber ſo unhoͤflich abgewieſen, daß ſie daruͤber erbittert wur - den und Rache drohten.

Das Syſtem wird endlich fertig, und der Koͤ - nig erſcheint im zweiten Act auf dem Throne, ne - ben ihm ſeine Gemahlinn, und um ihn her ſeine Großen. Die weiſen Maͤnner ſitzen dem allen ge - genuͤber. Eine Menge Volks ſteht auf allen Sei - ten; man mußte ſich dabei die Buͤhne ſo groß, wie einen Marktplatz, denken. Ein Secretair ſteht in der Mitten auf einer Erhoͤhung, und verlieſt die neue Staatseinrichtung. Kein Menſch bekoͤmmt Auflagen, als die Kaufleute, der Adel, und dieD 2rei -52reichen Haͤuſerbeſitzer. Der Bauer geht frei aus, ſo wie Kuͤnſtler, Handwerker und Gelehrte, wenn dieſe auch Haͤuſer haben. Die letzten bekommen noch dazu, wenn ſie nicht in Aemtern ſtehen, oh - ne Ausnahme, Penſion, ſobald ſie nur beweiſen koͤnnen, daß ſie auf einer Univerſitaͤt geweſen ſind. Das Militair wird gaͤnzlich abgeſchaft. Dieſen Vorſchlag thut jedoch der Koͤnig durch Couriere al - len andern Maͤchten, und koͤmmt mit ihnen uͤberein, daß ſie einander, wenn ſie Streitigkeiten haben, beim Reichskammergerichte verklagen wollen. Alles, was die Soldaten bisher gekoſtet haben, wird auf hohe und niedre Schulen, nicht nur in jedem kleinen Staͤdtchen, ſondern auch auf Doͤr - fern verwendet, damit die Bauern aufgeklaͤrt wer - den. Das Juſtizweſen im Lande wird veraͤndert, und zwar dergeſtalt, daß der Prediger und der vor - nehmſte Schulmann jedes Orts nebſt einigen Ge - richtsperſonen alles unentgeldlich entſcheiden. Alle Jahre werden dem Koͤnig, als Oberrichter, die ſchwerſten Sachen in allen ſeinen Provinzen, die bloß darum nicht entſchieden werden konnten, weil ſich die Partheien nicht fuͤgen wollten, vorgelegt; und er entſcheidet ſie durch einen Machtſprnch. Die Juden werden nebſt den abgeſchaften Solda - ten aus dem Lande verwieſen; jedoch bekommen dieletz -53letztern noch einen Zehrpfennig auf den Weg. Am Hofe giebt es keine Hofmarſchaͤlle, keine Cammer - herren u. ſ. w. mehr, ſondern Hofgelehrte, aus jedem Fache; Philoſphen, Poeten, Mathemati - ker, u. d. gl. Dieſe ſind auch Miniſter. Die Koͤniginn und die Prinzeſſinnen haben keine Hof - damen mehr, ſondern die Weiber und Toͤchter der Hofgelehrten machen ihre Geſellſchaft aus; ihre Vaͤter und Maͤnner hingegen richten die nicht oft vorfallenden Hoffeſte ein. Das Theater iſt der einzige feſtgeſetzte Zeitvertreib; es werden aber auf demſelben nicht ſolche Stuͤcke, wie bisher, aufge - fuͤhrt, ſondern einige ſcharfſinnige und geiſtreiche Gelehrte geben Acht auf alle Fehler, die in der Reſidenz, von dem Koͤnige und der Koͤniginn an, begangen werden, und bringen alle ungewoͤhnliche Handlungen derſelben, ſo wie ſolche wirklich vor - gefallen ſind, in Theaterſtuͤcke, ohne Schonung des Namens, ſowohl zur Belohnung, als zur Beſſe - rung. Der Koͤnig bezahlt die Truppe ſehr gut und allein; alles Volk geht frei ins Schauſpiel u. ſ. w.

Waͤhrend der Vorleſung dieſes Projectes wird der Beifall des Volks immer lauter, ſo daß der Vorleſer oft Stille gebieten muß. So bald er ge - endet hat, erhebt ſich uͤberall ein froher Jubel und ein wiederholtes Vivatgeſchrei. Die Großen desD 3Hofs54Hofs hingegen und die Koͤniginn bezeigen ſchon waͤh - rend des Leſens ihr Mißfallen durch Blicke, Mie - nen, Achſelzucken u. d. gl. und entfernen ſich, bis auf einige wenige, ſehr mißvergnuͤgt. Aber der Koͤnig laͤßt ſie laufen; denn er, als ein kluger Herr, billigt alles, dankt den weiſen Maͤnnern, verſpricht die ſchnellſte Ausfuͤhrung ihres Plans, und beſtimmt noch heute eine Stunde, wo er uͤber verſchiedene Artikel noch in ſeinem Cabinette vertraut mit ih - nen ſprechen will.

Jm dritten Act erſcheint die Koͤniginn mit ihren Hofdamen. Nach und nach finden ſich alle uͤbrigen ein, die vorhin bei Erklaͤrung der neuen Staatseinrichtung zugegen waren und ziehen aufs erbaͤrmlichſte darauf los. Die Koͤniginn will noch nicht glauben, daß der Koͤnig alles ſo werde ein - fuͤhren laſſen. Da kommen aber jene, die noch mit angehoͤrt hatten, wie er den weiſen Maͤnnern gedankt, ihre Anordnungen aufs ſchnellſte einzufuͤh - ren verſprochen, und ſie zu einer vertrauten Unter - redung in ſein Cabinett beſchieden hatte und be - richten, was ſie vernommen haben.

Nun werden die Haͤnde uͤber den Koͤpfen zu - ſammengeſchlagen; Ach und Wehe wird geſchrien, endlich aber uͤber die Lage der Dinge nachgedacht, und die Koͤniginn laͤßt ſich bereden, in die Ermor -dung55dung ihres Gemahls zu willigen, und die Regie - rung zu uͤbernehmen. Sie ziert ſich zwar anfangs ein wenig, und macht die Bedenkliche und Gewiſ - ſenhafte; man ſtellt ihr aber vor, ein großes Un - gluͤck fuͤr ſo viele koͤnne gar fuͤglich durch den Mord einiger, die es verurſachen wollen, verhuͤtet wer - den; und ſo ergiebt ſie ſich endlich drein, daß noch heute Abend der Koͤnig und ſeine drei Weiſen im Cabinett uͤberfallen und erdroſſelt werden ſollen.

Ein Kammerdiener, deſſen ganze Verwand - ſchaft aus Doctoren und Magiſtern beſteht, hat in - deſſen gehorcht, und tritt, nachdem alles die Buͤh - ne verlaſſen hat, auf, den Zuſchauern zu melden, daß er die Verraͤtherei entdecken will. Das thut er denn auch, und im fuͤnften Act wird alles, auch die Koͤniginn in Verhaft genommen, und gefeſſelt aufs Theater gebracht; worauf denn auch die To - desurtheile uͤber die Verbrecher geſprochen werden. Doch die Koͤniginn iſt ſchoͤn, und der Koͤnig leut - ſelig; ſie bittet ihn fuͤr ſich und die andern Ver - ſchwornen um Begnadigung, und er begnadigt ſie. Alle kommen zur Erkenntniß, geſtehen, das neue Staatsſyſtem ſei edel und weiſe, und ſomit wird beſchloſſen, daß es morgendes Tages unter Trom - peten und Paukenſchall eingefuͤhrt, auch durch Cou - riere in allen Provinzen des Reichs, und an allenD 4andern56andern Hoͤfen bekannt gemacht werden ſoll. Zuletzt tritt der Koͤnig hervor, und ruft: ſo ſiegt die Weis - heit! welches alle andere wiederholen.

Die umſtaͤndliche Beſchreibung des neuen Trauerſpiels, als des dritten dramatiſchen Wer - kes aus der Feder des poetiſchen Magiſters Confu - ſelius, welches aus fuͤnf langen Acten beſtand, wird mir der Leſer hoffentlich erlaſſen. Es war betitelt: Abſalom der Rebell, und hub ſich damit an, daß Abſalom die Kebsweiber ſeines Vaters vor den Augen der Zuſchauer ſchaͤnden wollte. Doch auch hier drohte Confuſelius nur: denn Ahitophel ſagte, die Gelegenheit waͤre hier nicht bequem; er ſolle lieber auf den Altan gehn, wo Ruhebaͤnke ſtuͤnden, und ſein Thun auch von noch mehr Menſchen ge - ſehen werden koͤnnte.

Alles Uebrige geſchieht auf der Buͤhne. Ahi - tophel henkt ſich. Der Wald iſt zu rechter Zeit da, daß Abſalom mit den Haaren an einem Baume haͤngen bleiben kann, wo denn der Schauſpieler, der den Abſalom gemacht haͤtte, vermuthlich aufs klaͤglichſte wuͤrde haben ſchreien und zappeln muͤſſen. Das Thier, welches unter ihm weg und davon lief, ſollte ebenfalls ein, in eine Mauleſelhaut genaͤhe - ter Schauſpieler ſein, auf welchem Abſalom, (wieder57der Magiſter ſelbſt ſorgfaͤltigſt angemerkt hatte,) in den Wald geritten kommen mußte.

Der arme Koͤnig David gieng mit ſeinem ge - treuen Haͤuflein zwar barfuß, aber doch mit der Kro - ne auf dem Haupt, uͤber den Bach Kidron. Der Laͤſterer Simei warf ihn mit Steinen, und ſchimpfte alles, wie es geſchrieben ſteht.

Zuletzt wurde, wie wir wiſſen, Koͤnig David wieder eingeſetzt; nun kam alles mit Trompeten und Pauken uͤbers Theater gezogen, und ein He - rold rief aus: Der Gerechte uͤberwindet ſeine Feinde, und Rebellen werden geſtraft.

Jn der Tabagie hatte man dieſe beiden Stuͤcke eben ſo bewundernswuͤrdig gefunden, wie vorher die Nothzuͤchtigung und Heirath aus Zwang. Jeder Anweſende hatte es recht ſehr ge - billigt, daß der Magiſter ſolche Meiſterſtuͤcke, die ihn nicht nur beruͤhmt machen, ſondern ihm auch ein ſchoͤnes Stuͤck Geldes einbringen koͤnnten, dem Schauſpieldirector nicht fuͤr den Spottpreis von funfzig Thalern uͤberlaſſen, ſondern ſeine Meiſter - ſtuͤcke lieber fuͤr eigne Rechnung drucken laſſen wollte.

Confuſelius mußte indeſſen mancherlei Finten ausſinnen, aus wie vielen Orten her er zum Drucke ſeiner Werke aufgefodert wuͤrde, und woher ihmdie58die Koſten fuͤr Papier und Druck zukommen muͤß - ten: aber uͤber beide Punkte wußte er eine Menge von Briefen an ſich ſelbſt zu ſchreiben, die er dem Buchdrucker Buſch vorzeigte, ehe dieſer den Druck uͤbernahm.

Nachdem dieß aber geſchehen, und der Druck vollendet war bezeigte er ſich ſehr verdruͤßlich, daß ihn ſeine Schuldner noch immer unbefriedigt ließen. Er wuͤrde wohl, ſagte er mehrmals zu dem Buch - drucker, zum Verklagen ſchreiten muͤſſen; jedoch ſchadete das dem Geſchaͤfte nicht. Herr Buſch moͤchte ihm nur indeſſen die Exemplarien verabfol - gen laſſen, damit ſie verſandt werden koͤnnten; ſo wuͤrde wenigſtens bald Geld fuͤr das Werk ſelbſt da ſein. Allein dieſer Vorſchlag wurde nicht ange - nommen. Buſch erklaͤrte ſich rund heraus, daß er ohne Geld nicht ein Exemplar herausgaͤbe. Was war nun zu thun? Hier hieß es, wie geſchrieben ſteht: die Kinder ſind kommen bis an die Geburt, und iſt keine Kraft zum Gebaͤhren da.

Confuſelius lief in der Angſt zu Herrn Johann Jacob Schnitzer. Dieſer ehrliche Mann war nun wohl immer willig und bereit, den Magiſter zu fuͤttern, und ihm mit kleinen Vorſchuͤſſen zu hel - fen; aber eine Summe, die ins Große gieng, hatte er nie von ihm erhalten koͤnnen. Ueberhauptwar59war die Caſſe in den Haͤnden ſeiner Frau, die ſich eben nicht ſo eingenommen fuͤr den Magiſter bezeigte, daß ſie ſogleich haͤtte aufzaͤhlen ſollen, wenn er Geld ſuchte. Dieſes wußte ihr Mann: und er war weit entfernt, ihr weitlaͤuftig vorzuſtellen, daß hier keine Gefahr zu laufen ſei. Alſo verbat er dieſe Muͤhe, weil dabei leicht gar ein kleiner Streit mit ſeiner Frau vorkommen konnte. Alles, was er thun konnte, war, dem Buchdrucker zuzureden, daß er doch die Exemplarien moͤchte verabfolgen laſſen, weil ihm ja die Bezahlung nicht fehlen koͤnnte.

Confuſelius ſah indeſſen ein, daß Zureden al - lein bei Herrn Buſch nichts helfen konnte, wenn Herr Schnitzer nicht wenigſtens fuͤr ihn gut ſagte, welches er dieſem auch zu verſtehn gab.

Schnitzer verſprach, die Sache zu uͤberlegen: und nachdem er nochmals bedacht hatte, daß Werke von der Art durchaus ihr Gluͤck machen muͤßten, ſchlenderte er, nachdem der Magiſter fortgegangen war, weil er ohnehin ausgehn mußte, im Vorbei - gehn mit zum Buchdrucker Buſch. Sie haben fuͤr den Magiſter Confuſelius etwas gedruckt, wie ich hoͤre, fieng er an.

Buſch.

Ja, leider!

Schnitzer.

Wie ſo leider?

Buſch.
60
Buſch.

Ach! mein lieber Herr Schnitzer, wollte Gott, ich haͤtte das verdammte Zeug, ehe ichs druckte, jemanden, der’s verſteht, zu leſen ge - geben! ſo behielt ich mein Papier und das Setzer - und Druckerlohn. Aber ich Eſel gab die ſaubern Stuͤcke, die ich ſelbſt durchzuſehn, mir nicht Zeit nahm, erſt vor ein Paar Tagen, dem Herrn Doctor Kluge zu leſen. Dieſer nahm das Exemplar, als etwas monſtroͤſes mit zum Rector Puͤſter. Beide haben ſich halb todt gelacht, und halb todt geaͤr - gert uͤber den Unſinn des Autors: und beide haben mir geſagt, ſo was ganz elendes, unflaͤtiges und abgeſchmacktes haͤtten ſie noch nie geſehen! Con - fuſelius bringt’s nicht unter; denken Sie an mich. Wer wird fuͤr ſo was Geld geben? Der Kerl hat nichts; er log mir vor, daß er hier und dort Geld ausſtehn haͤtte; aber ich habe mich naͤher erkundi - get, und ſehe nun wohl daß es lauter Lug und Trug war, was er mir vorſchwatzte. Aber er ſoll mich bezahlen, mag er’s hernehmen, wo er will. Dann mag er ſeine Schweinereien meinethalben zu Pfef - ferduͤten verkaufen, oder zu A.. wiſchen machen.

Ei, ei! verſetzte Herr Schnitzer, das haͤtte ich doch nicht geglaubt. Wenn nur die Herren Kluge und Puͤſter nicht etwa aus Neide ſo uͤbel urtheilen!

Buſch61

Buſch verſicherte ihn, er kenne dieſe Herren beſſer; ſie ließen gern einem jeden Gerechtigkeit wiederfahren, und freuten ſich jedesmal, etwas Neues von gutem Gehalte zu leſen.

Nach einigem Hin - und Herreden bat Schnit - zer den Buchdrucker, daß er nur noch ein wenig in Geduld ſtehen moͤchte, weil Confuſelius doch wohl Rath ſchaffen wuͤrde, und gieng ſeiner Wege.

Nicht lange nach ſeiner Zuhauſekunft erſchien der Magiſter. Nun, Herr Schnitzer, ſagte er, haben Sie Sichs wegen des Gutſagens uͤberlegt?

Nicht nur uͤberlegt, verſetzte Johann Jacob, ſondern ich bin auch der Sache wegen bei Herrn Buſch geweſen.

Confuſelius
(ſehr freundlich.)

So? o! tauſend Dank! Alſo?

Schnitzer.

Ja, wie die Umſtaͤnde ſind, kann ich mich in nichts einlaſſen.

Confuſelius
(beſtuͤrzt.)

Wie denn ſo?

Schnitzer.

Buſch hat mir geſagt, es haͤt - ten zween gelehrte Maͤnner Jhre Arbeit geleſen, und ſie gaͤnzlich verworfen.

Confuſelius
(in heftigem Zorn.)

Was? Verworfen? Zween gelehrte Maͤnner? Bin ich nicht ſelbſt ein Gelehrter? Gilt mein Wort nicht ſo viel als das Wort anderer? Wer ſind denn dieKerls?62Kerls? Jch wills wiſſen! Sie ſollen mir Rede ſtehen; ich verklage ſie; das heißt meine Ehre und meinen Credit angegriffen. Wer ſind ſie? Sie muͤſſen mirs ſagen?

Johann Jacob zittert, an allen Gliedern, und wußte nicht, was er thun ſollte, um den Magiſter nur zu beſaͤnftigen; denn er, der jede Unruhe, je - den Streit ſcheute, mußte nun nicht allein die Erſchuͤtterung ſeiner Nerven uͤber den Zorn des Ma - giſters ertragen, ſondern ſollte ſich auch in Nen - nung der Namen der beiden gelehrten Gegner des Magiſters einlaſſen. Dadurch konnte er ſich den Buchdrucker, und wohl gar die beiden Gelehrten zu Feinden machen, und vielleicht noch obendrein genoͤthiget werden, vor Gericht zu zeugen. Bei - nahe haͤtte er dem aufgebrachten Mann, um ihn nur wieder zu beruhigen, das Geld zur Einloͤſung ſeines Machwerks angeboten; aber er beſann ſich noch zeitig genug, daß der Magiſter darum doch wohl nicht zu dem erlittenen Schimpfe ſchweigen, ſondern vielleicht noch ſtolzer werden, und ſeine Gegner deſto hitziger verfolgen wuͤrde, und wußte alſo nicht, wie er ſich aus der Sache ziehen ſollte. Da nun Confuſelius fortfuhr, in ihn zu dringen, daß er die Tadler ſeiner Werke wiſſen wollte; ſofuhr63fuhr Schnitzer in der Augſt heraus: da fragen Sie Buſchen, er hat ſie mir nicht genennt.

Der Magiſter lief ſpornſtreichs zu dem Buch - drucker, und fieng dort keinen geringen Laͤrm an; aber Buſch war nicht ſo zaghaft, wie Schnitzer, ſondern ſagte mit ziemlich rauher Miene: Herr Magiſter, ſein Sie nicht ſo vorlaut. Jch werde Jhnen die Herren nicht nennen; genug, daß ich mich auf ihren Ausſpruch verlaſſen kann. Aber was geht das mich an? meinetwegen mag an Jh - rer Arbeit etwas Gutes ſein, oder nicht, ich ver - lange mein Geld.

Confu ſelius.

Die Namen meiner Ver, laͤumder will ich wiſſen.

Der Buchdr.

Mein Geld will ich haben.

Confuſelius.

Die Namen.

Der Buchdr.

Mein Geld!

Confuſelius.

Jch belange Sie injuria - rum.

Der Buchdr.

Und ich Sie wegen Lug und Trug.

Confuſelius.

Was? mich? wegen Lug und Trug?

Der Buchdr.

Ja Sie, Sie! Jch trage darauf an, daß Sie die Briefe von den Leuten vor - zeigen muͤſſen, von denen Sie immer noch umNach -64Nachſicht, wegen Jhnen ſchuldiger Zahlungen ge - beten worden ſind. Alsdann ſoll an dieſe Leute ge - ſchrieben werden; ſo wird ſich wohl finden, ob Sie es gegen mich mit Lug und Trug geſpielt haben. Warten Sie nur, Herr Magiſter, Jhre Streiche ſollen ſchon an den Tag kommen. Habe ich mor - gen mein Geld nicht, dann gehts auf Rathhaus; nur Geduld, ſolche Großſprecher muͤſſen ihren Lohn bekommen!

Hier hatte der Buchdrucker eine Saite beruͤhrt, deren Uebelklang den Magiſter auf einmal kleinlaut machte. Er beſaß aber doch noch Gegenwart des Geiſtes genug, um ſich zu ſtellen, als wuͤßte er nicht, wohin der Punkt von den Briefen zielte, und ſagte alſo: was Neider ſprechen und ſchrei - ben, ruͤhrt mich nicht; ich weis am Beſten, was an den Stuͤcken iſt, die Sie fuͤr mich gedruckt ha - ben, und das wird Jhnen die Folge beweiſen. Sie ſollen Jhr Geld haben; alsdann aber werde ich mir gerichtlich ausbitten, daß Sie mir die Leute nen - nen, die ſich unterſtanden haben, ſchlecht von mei - nen Arbeiten zu ſprechen.

Jch denke, was Neider ſprechen, ruͤhrt Sie nicht, rief der Buchdrucker dem davon eilenden Ma - giſter nach.

Dieſer65

Dieſer rief noch zur Thuͤre, durch die er ſchon auspaſſirt war, hinein: nein, aber loſe Maͤuler muͤſſen gezuͤchtigt werden.

Damit warf er die Thuͤre zu; aber der Buch - drucker lief zur Thuͤre, und rief ihm noch nach: und Betruͤger, die ehrliche Leute beluͤgen auch daß ich nur morgen mein Geld bekomme!

Dieſer Zank war in der Druckerei vor den Oh - ren aller Arbeiter vorgefallen, und es waren noch Fremde dazu gekommen. Da nun beide Streiter ziemlich laut ſprachen, verſammelten ſich ſo gar Zuhoͤrer von denen, die im Hauſe und Hoſe ab - und zugiengen. Magiſter Confuſelius fand, als er herunter gieng, alle Treppen, das Haus und den Hof, welcher ein Durchgang war, beſetzt, und ein jeder ſah an ſeinem gluͤhenden Geſichte, daß er Theil an dem Zanke genommen hatte.

Ein Aufwaͤrter aus Schnitzers Gaſthofe war gerade um die Zeit da ſich der Laͤrm oben kaum an - gefangen hatte, durch den Hof paſſirt, und war, weil er den Magiſter an der Stimme zu erkennen glaubte, hinaufgelaufen um naͤher zu ſehn, ob er recht gehoͤrt habe. Dieſer hat - te denn alſo von Verklagen und von Verlaͤum - dern gehoͤrt, und eilte nach Hauſe, um den Spaß zu erzaͤhlen. Der gute Johann Jacob lachte nichtEmit66mit daruͤber, ſondern ſtand vielmehr Todesangſt aus, daß er in die Sache verwickelt werden wuͤrde. Schon wollte er Buſchen, der nach ſeinen Gedan - ken, der Klaͤtſcherei wegen, leicht ungehalten auf ihn ſein koͤnnte, ein Flaſchenfutter voll Wein zum Geſchenke ſchicken, um ihn zu beſaͤnftigen: aber er uͤberlegte doch auch wieder, daß ein Geſchenk, ſo zur Unzeit, die Sache nicht wieder gut machen koͤnn - te, ſobald es zur Klage kaͤme, und Confuſelius ſich auf ihn, als Zeugen, beriefe, in welchem Fall er doch nicht leugnen koͤnnte. Alſo wollte er lieber vor allen Dingen den Magiſter dahin zu bereden ſuchen, daß ihn dieſer aus dem Spiele ließe, und dann erſt den Buchdrucker beſaͤnftigen. Jndeſſen war er immer ſehr unruhig, und wuͤnſchte nur zu erfahren, ob der Laͤrm noch dauerte. Doch er be - kam hieruͤber bald Nachrichten, die ihn aber aufs neue zittern machten.

Ein Branntweinbrenner, der zum Zirkel der Taba - gie gehoͤrte, kam im Vorbeigehn zu Schnitzern, da er eben an ſeiner Hausthuͤre ſtand, und meldete ihm, daß Freund Confuſelius von dem Buchdrucker Buſch und deſſen Leuten ausgepruͤgelt worden waͤre; er konnte den Laͤrm, der dort im Hof und Hauſe ge - weſen, und den Zulauf von Menſchen, die dazu gekommen ſein ſollten, nicht genug beſchreiben.

Der67

Der Leſer weis, daß Confuſelius ohne alle Pruͤgel weggekommen war, und darf auch nicht den - ken, daß der Herr Magiſter wieder umgekehrt ſei, um ſich wirklich eine Tracht Schlaͤge zu holen. Bloß die Fama hatte die Nachricht des Branntwein - brenners ſo herumgetrompetet, indem die Leute, welche den Laͤrm ſelbſt gehoͤrt, es denen, die ihnen zu erſt begegnet waren, dieſe wiederum andern, und die andern noch andern mitgetheilt hatten, wobei denn von einem jeden etwas zugeſetzt worden, und die Geſchichte ſolchergeſtalt in dem Umfange, wie Schnitzers theilnehmender Freund ſie ihm berichte - tete, dem Branntweinbrenner zu Ohren gekommen war.

Schnitzer beichtete dieſem in der Angſt was fuͤr Theil er ſelbſt an dem Handel gehabt hatte, und geſtand, daß er aus Unvorſichtigkeit an dem ganzen ungluͤcklichen Vorfalle Schuld ſei.

Bei dieſer Gelegenheit erfuhr denn alſo auch der Branntweinbrenner, was andere Leute, und zwar wirkliche Gelehrte von den Werken urtheilten, die ſie in der Tabagie ſaͤmmtlich ſo ſehr bewundert hatten. Er trat Schnitzers Meinung bei, daß die beiden Gelehrten wohl auch aus bloßem Neide ſo nachtheilig davon geſprochen haben koͤnnten, indemE 2man68man ſehr wohl wuͤßte, wie die Gelehrten einan - der zu verkleinern ſuchten.

Beide bedauerten den guten Magiſter wegen der empfangenen Schlaͤge, der Branntweinbrenner nahm ſich ſo gar vor, ihn zu beſuchen, und wenn der arme Mann etwan uͤber Wunden, Beulen oder zerſchlagene Rippen zu klagen haben ſollte, den Lei - denden pflegen zu helfen.

Schnitzer wollte gern ein Gleiches thun, und bat den Brannteweinbrenner, daß er doch ſogleich ein Paar Flaſchen Wein, die er herbeiholte, mit zu dem Patienten nehmen moͤchte, womit er ſich die zerſchlagenen Glieder waſchen koͤnnte, mit dem Verſprechen, daß er ihm noch heute eine kraͤftige Suppe ſchicken, und ihn, ſo lange er krank ſein wuͤrde, taͤglich mit Krankenſpeiſen verſehen laſſen wollte. Nur ſollte der Branntweinbrenner den Magiſter um Gotteswillen bitten, daß er bei dem großen Proceſſe, der nun doch entſtehen muͤßte, ja nicht ſeinen d. i. Schnitzers Namen nennen moͤchte.

Der Branntweinbrenner ſteckte die Flaſchen zu ſich, und verſprach, ſeinen Auftrag auszurich - ten; und Herr Johann Jacob begab ſich, um ſei - nem klopfenden Herzen vollends Ruhe zu ſchaffen, mit einer Flaſche des beſten Rheinweins in jeder ſeiner Rocktaſchen zum Buchdrucker.

Buſch69

Buſch machte wirklich, als er Schnitzern ſich - tig ward, ein finſteres Geſicht, und empfieng ihn mit den Worten: Wird mir Jhr Magiſter mor - gen mein Geld ſchaffen?

Schnitzer.

Das weiß ich nicht, lieber Herr Buſch; aber Sie haͤtten ihn doch nicht ſo trakti - ren ſollen.

Buſch.

Wie denn traktiren? Der Patron kommt noch her und pocht, und beſteht darauf, ich ſolle ihm die Herren nennen, welche die Wahr - heit von ſeinen Schmierereien geſagt haben, damit ſich dieſe mit ihm abgeben ſollten. Wundert michs doch, daß Sie ihm noch die Namen ver - ſchwiegen, da Sie es ihm geſagt haben. Aber was mache ich mir aus Confuſeliuſen? Doktor Kluge und der Rektor Puͤſter werden ſich eben ſo wenig aus ihm machen; meinethalben kann ers auch er - fahren.

Schnitzer.

Mir fuhr’s ſo ’raus, daß Leute, die es verſtuͤnden, ſeine Stuͤcke nicht ſo ſchoͤn ſaͤn - den, wie er; und wiſſen Sie, warum? Er ver - langte, daß ich bei Jhnen fuͤr die Zahlung gut ſa - gen ſollte; deswegen kam ich eben vorhin zu Jh - nen. Da Sie mir aber ſagten, was die Herren Gelehrten geurtheilt haͤtten; ſah ich ein, daß ich mich damit nicht einlaſſen konnte. Nun mußte ichE 3dem70dem Magiſter doch ſagen, warum ich ſein Begeh - ren nicht erſuͤllen koͤnnte.

Buſch
(in aͤußerſter Verlegenheit.)

So? ja nun, da freilich. Je nun, Herr Schnitzer, abgehn werden die Stuͤcke wohl; und freilich beſ - ſer, wenn er ſie in Haͤnden hat und gehoͤrig aus - geben kann.

Schnitzer.

Drum geben Sie ihm nur ſeine Sache.

Buſch.

Drum ſagen Sie nur gut, damit er ſie bekoͤmmt.

Schnitzer.

Ei! wie kaͤme ich denn dazu? Sie haben’s einmal gedruckt, und ich hab’s ja nicht beſtellt. Jch daͤchte, es waͤre am beſten, Sie gaͤben’s ihm; ſo verklagt er Sie vielleicht nicht, weil Sie ihn ſo gepruͤgelt, und noch dazu Jhre Leute zu Huͤlfe genommen haben.

Buſch.

Wer hat Jhnen das weiß gemacht? Kein Menſch hat ihn angeruͤhrt; wir haben uns bloß gezankt.

Schnitzer.

Wirklich?

Buſch.

Auf Ehre! Kommen Sie herein und fragen alle meine Lente. Er hat von einem Jnjurienproceſſe geredet, den er anfangen will; und ich habe ihm angekuͤndigt, daß ich ihn nicht nur auf die Schuld, ſondern auch auf falſcheBriefe71Briefe verklagen werde, mit denen er mich ſicher gemacht hat. O! er wurde da ſehr ſtill; und kehrte die Sache anders um. Jch habe ihm aber angedeutet, daß ich morgen mein Geld haben muß: er verſprach’s zu ſchaffen, und dann will er ſeinen Proceß anfangen.

Schnitzern wurde wieder leicht ums Herz, da er das hoͤrte. Er wußte wohl, daß Confuſelius das Geld nicht nur morgen, ſondern auch noch lange nicht ſchaffen konnte. Alſo konnte auch nichts aus dem Jnjurienproceſſe werden, in den er doch wohl unvermeidlich verwickelt worden waͤre. Die Pruͤgel waren erlogen, und Buſch bezeigte ſich nicht einmal unwillig gegen ihn. Was hatte es nun fuͤr Noth? Er ließ ſich nichts von dem Weine merken, den er in den Taſchen bei ſich hatte: denn ein ſol - ches Geſchenk, wo es nicht noͤthig war, nannte er in ſeinem Herzen ſelbſt Verſchwendung.

Buſch fieng noch einmal an vom Gutſagen zu ſchwatzen. Schreiben Sie mir nur ein Paar Zei - len, ſagte er; dann mag der Magiſter ſeine Sa - chen hinnehmen; und ich zweifle gar nicht, daß er ſie verkauft.

Schnitzer huͤthete ſich aber nunmehr doppelt vor dieſer Schlinge; er gab Buſchen die Aufmun - terung aus eben dem Grunde, den dieſer ihm vor -E 4legte72legte, zuruͤck, ſchuͤtzte endlich Geſchaͤfte vor, und gieng nach Hauſe, ſeinen Schlafrock anzuziehen, ſein Pfeifchen in Ruhe zu rauchen, und die Ruͤck - kunft des Branntweinbrenner von dem Beſuche bei dem Magiſter zu erwarten.

Dieſer fand ſich auch bald ein, und brachte die Nachricht, welche Schnitzer ſchon wußte, daß ſich der Magiſter friſch und geſund befand. Er hatte zwar die ausgeſprengte Pruͤgelgeſchichte uͤbel - genommen, hatte aber doch ſeinen Verdruß lieber der Laͤnge nach erzaͤhlt, weil er hoͤrte, daß der Branntweinbrenner doch ohnehin ſchon durch Schnitzern davon unterrichtet war, und er ſelbſt auch wohl ahnden konnte, daß die Sache außerdem herumkommen wuͤrde, da die Leute zumal ſchon mit ſolchen, fuͤr ihn entehrenden Zuſaͤtzen von dem Zanke ſprachen. Nun ward ein Jnjurienproceß wider Buſchen, nach der Meinung des Magiſters, um ſo nothwendiger, je mehr die Leute von der Sache redeten. Confuſelius bat alſo den Brannt - weinbrenner mit Thraͤuen, daß er ihm doch das Geld zu Ausloͤſung ſeiner Stuͤcke aus der Druckerei verſchaffen moͤchte, damit er deſto freier handeln koͤnnte.

Dieſer Freund haͤtte ihm auch herzlich gern ſelbſt geholfen; aber Vorſchuͤſſe von Betraͤchtlich -keit73keit konnte er nicht machen: er verſprach indeſſen, ſich anderwaͤrts Muͤhe zu geben, und mit etlichen Mitgliedern der Tabagie aus der Sache zu ſpre - chen.

Das gab dem Magiſter einigen Troſt; und nun bat er nur den Branntweinbrenner um die einzige Liebe, daß er ihm vor der Hand ein paar Gulden vorſchießen moͤchte, um die Anzeige von ſeinen Theaterſtuͤcken in die Zeitungen ſetzen laſſen zu koͤnnen, welches er bisher, gewiß auf Anſtiften ſeiner Feinde, nicht haͤtte erhalten koͤnnen, ohne vor - aus zu zahlen.

Der Branntweinbrenner ließ ſich erbitten; und der mehr als halb getroͤſtete Dulder wandte, ſo bald jener kaum fort war, etwas von den Paar Gulden an, ſich Zucker, Zimmt, Eier und Sem - mel holen zu laſſen, damit ihm ſeine Aufwaͤrte - rinn eine Weinſuppe machen koͤnnte. Er hatte ein Paar ganze Flaſchen voll; alſo konnte ein großer Topf voll gekocht werden. Er bat ſeinen Wirth, einen Schuſter, mit ſeiner Frau und ſeinem Soh - ne, der den Studien gewidmet, und ſchon Prima - ner war, zu Gaſte, und ließ ſogar noch etwas But - ter und hollaͤndiſchen Kaͤſe holen, damit es an nichts fehlen moͤchte. Zum Nachtiſche las er der Geſellſchaft alle drei Stuͤcke, von denen er dochals74als Autor die Aushaͤngebogen aus der Druckerei bekommen hatte, vor; und dießmal ward er auch ſo gar von dem Schuͤler bewundert, der ſich die Freiheit nahm, den Herrn Magiſter um ein Exem - plar zu bitten, und die liebreiche Vertroͤſtung er - hielt, daß ſeine Bitte erfuͤllt werden ſolle, ſobald er mehr Exemplarien im Hauſe haben wuͤrde.

So hatte Confuſelius auf dieſen Verdrußvol - len Tag noch einen ganz angenehmen Abend, und gieng in Hofnung auf das Verſprechen des Brannt - weinbrenners, ihm, wo moͤglich, das Geld zu Aus - loͤſung ſeiner Theaterſtuͤcke zu ſchaffen, ruhig ſchla - fen.

Am andern Morgen ſetzte er die Anzeige von ſeinen Werken nochmals, und zwar mit dem Zuſatz auf, in ganz neuer Manier geſchrie - ben, und begab ſich in die Zeitungs-Expedition, wo er die Paar Groſchen, die man fuͤrs Einruͤcken verlangte, ſehr großmuͤthig zahlte, und nicht arg - woͤhnte, daß er, ſeine Stuͤcke, die beſtellte An - zeige, und ſein geſtriger Zank mit dem Buchdru - cker die Urſach waren, warum die drei Perſonen, die in der Expedition ſaßen, vor Lachen beinah er -.

Es gab wenig Haͤuſer in der Stadt, wo die geſtrige Begebenheit nicht ſo oder anders erzaͤhltworden75worden waͤre. Die Herren Doctor Kluge und Rec - tor Puͤſter erfuhren ſie, wie andre, holten ſich den eignen Verlauf der Sache bei Herrn Buſch ſelbſt, und verbreiteten ſie weiter. Buſchens aͤlteſter Sohn, der den Buchhandel erlernt hatte, befand ſich in einer der beſten Handlungen, und war ein guter Kopf, aber auch ein Schalk. Bisher hatte er ſich entweder noch nicht die Zeit genommen, des Magiſters Machwerke zu leſen, oder er hatte auch wohl uͤberhaupt nicht einmal gewußt, daß ſie bei ſeinem Vater gedruckt worden waren. Erſt nach - dem Puͤſter und Kluge das nun ſtadtkuͤndige Urtheil davon gefaͤllt hatten, ſagte ihm der Vater den gan - zen aͤrgerlichen Handel.

Der junge Buſch las denn nun die dramatiſchen Werke des Herrn Magiſters Confuſelius, und be - luſtigte ſich ſo ſehr daruͤber, daß ihn der Vater leichtſinnig ſchalt, weil er zu dem Schaden ſeines Vaters lachen koͤnnte.

Der junge Menſch ließ es nun freilich auch an ſich nicht fehlen, die Scene in der Druckerei, von der er Zeuge geweſen war, allen ſeinen Bekannten zu erzaͤhlen, und dabei die Schauſpiele des Herrn Confuſelius ſelbſt ſo zu ſchildern, daß einem jeden duͤnkte, er habe lange nichts tolleres gehoͤrt, und daher ein jede, auch die Freunde und Bekanntender76der Herren D. Kluge und R. Puͤſter die Piecen ſelbſt zu leſen wuͤnſchten. Gleich nach dem Tag des Zanks hatten ſchon an die zehn vornehme Per - ſonen zu Herrn Buſch geſchickt, und um Exem - larien bitten laſſen, die ſie gern bezahlten. An - fangs gab ſie Buſch fuͤr ein geringes hin; als aber der fuͤnfte Bediente kam, ſchlug er ſchon im Preis auf; und den andern Morgen ließ er kein Exemplar unter 1 thlr. 8 gr. Es wurden aber deren nur noch drei geholt. Nun wollte Buſch gern den Preis wieder herunterſetzen; allein die Stadt war mit den vierzehn Exemplarien hinlaͤnglich verſehen; denn ein jeder borgte das ſeinige ſeinen Bekannten.

Dieſes war die Urſache des Lachens in der Zei - tungs-Expedition, und zugleich die Urſache des Stehenbleibens auf den Straßen, wo Confuſelius durchpaſſirte. Etliche muthwillige Knaben beglei - teten ihn ſogar, und reeitirten die Titel ſeiner Stuͤ - cke. Der Magiſter ſah ſich um, gieng großmuͤthig ſeines Ganges fort, und dachte, das koͤmmt alles von meinen Feinden; aber ihr ſollt mir es ſchon zu rechter Zeit buͤßen.

Auf den Abend deſſelben Tages ſollte die ge - woͤhnliche Zuſammenkunft in der Tabagie ſein. Dort, meinte Confuſelius, wuͤrde ſein Freund der Branntweinbrenner wohl ſein Wort reden. Deß -77Deßwegen wollte er auch dießmal nicht ſelbſt gegen - waͤrtig ſein, entſchloß ſich aber, vorher zum Brannt - weinbrenner zu gehen, und ihn nochmals um Got - teswillen um Beiſtand zu bitten.

Ungluͤcklicher Weiſe war dieſer Mann, auf den er itzt ſein ganzes Vertrauen geſetzt hatte, nicht zu Hauſe. Confuſelius gieng des Nachmittags wie - der zu ihm, traf ihn aber auch dießmal nicht, und ſchlich mit gepreßtem Herzen durch Nebengaͤßchen wieder heim: denn die Begleitung der Knaben, das Gaffen und Lachen der Voruͤbergehenden war itzt noch aͤrger, als am Vormittage.

Der arme Magiſter gerieth in die Verſuchung, ſich zu haͤngen, und wuͤrde es ohne Zweifel gethan haben, wenn ihn nicht noch die Hofnung, daß er ſich durch dieſes giftige Complott des Neides und der Bosheit noch als Sieger ſchlagen, und dann deſto mehr erheben wuͤrde, von einem ſo verzwei - felten Schritt abgehalten haͤtte.

Jndeſſen b. ſchloß er, heute zu Hauſe zu blei - ben, ſchrieb aber ein hoͤchſt ſchmeichelhaftes, obwohl zugleich prahlendes Briefchen an den Branntwein - brenner, worinnen er ihn einen einſichts vollen Mann und großmuͤthigen Freund, ſich ſelbſt aber ein verfolgtes Genie nannte, und ihn verſicherte, daß er alle Hofnung ſeine Feinde beſchaͤmen zu koͤn -nen78nen, auf ihn ſetzte. Er moͤchte alſo dieſe Hofnung nicht zuſchanden machen, ſondern heute Abend, da er ſelbſt, einer kleinen Unpaͤßlichkeit wegen, nicht ausgehen koͤnnte, fuͤr ihn ſprechen, und ihn morgen fruͤh mit einer troͤſtlichen Antwort erfreuen!

Allein auch hier hatte des Magiſters Ungluͤcks - ſtern fuͤr Begebenheiten geſorgt, die es ſeinem Freunde nicht nur unmoͤglich machten, etwas fuͤr ihn zu thun, ſondern ihm auch ſogar alle Luſt zu weitern Verſuchen benahmen.

Unter denen, die bei Schnitzers ſpeißten, war nicht einer, der den geſtrigen Vorgang beim Buch - drucker nicht gewußt, und nur wenige, welche die Schauſpiele nicht ſchon geleſen gehabt haͤtten. Ei - ner davon hatte ſie in der Taſche bei ſich; ſie wurden alſo denen zu Gefallen, welchen ſie noch nicht ſo ganz bekannt waren, vorgeleſen, hunder - terlei Anmerkungen dabei gemacht, und dieſe mit ſchallendem Gelaͤchter begleitet.

Johann Jacob ſagte kein Wort dazu. Ein dunkler Gedanke fragte vielleicht, ob er denn ein Eſel waͤre, daß er die Graͤuel, die Abſurditaͤten und offenbaren Dummheiten, die in den Stuͤcken uͤber - all vorkamen, und die ihm itzt ſo gut, wie jedem andern, einleuchteten, nicht eher wahrgenommen haͤtte. Aber dieſen Gedanken verſchlang ſogleichwieder79wieder ein weit hellerer, da er zu ſich ſelbſt ſagen konnte: ich war ja doch noch klug genug, nicht gut fuͤr Papier und Druckerlohn zu ſagen.

Als er des Abends in die Tabagie kam, hielt ers fuͤr Pflicht ſeine Freunde von dem, was er nun gewiß zu wiſſen glaubte, auch zu unterrichten; aber er ſagte ihnen, da er ſeine Erzaͤhlung anhob, nichts neues mehr: denn ſie hatten das naͤmliche von ihren Barbirern oder Friſſirern, und beim Ausgehen hier und da gehoͤrt. Alſo wurde der Stab gaͤnzlich uͤber den Freund Confuſel[i]us ge - brochen. Es hieß, man wuͤrde mitlaͤcherlich, wenn man ſich mit dieſem Menſchen viel abgaͤbe, und muͤßte ihn folglich zu entfernen ſuchen.

Der Branntweinbrenner erzaͤhlte nun zwar, was ihm der Magiſter aufgetragen hatte, und las das nur vorhin von ihm empfangene Briefchen vor; aber alle erklaͤrten ſich, ſie gaͤben nicht einen Gro - ſchen dazu. Den Branntweinbrenner gereute ſo - gar, daß er dem Magiſter zween Gulden vorge - ſchoſſen; und ein anderer in der Geſellſchaft, der ihm neulich 24 Thaler Vorſchuß zu ſeiner Kleidung gegeben hatte, nahm ſich vor ihn morgenden Ta - ges um ſeine Foderung zu mahnen. Kurz, die ganze Geſellſchaft war nicht wenig aufgebracht; man erklaͤrte den Magiſter ſchlechtweg fuͤr einenLuͤg -80Luͤgner, der ehrlichen Leuten, die ſich nicht um die Gelehrtenkuͤnſte bekuͤmmern koͤnnten, weil ſie mit ihren Berufsgeſchaͤften zu thun genug haͤtten, leicht von ſeinen Kenntniſſen weiß machen koͤnnte, was er wollte, fuͤr einen Dummkopf und Prahler, den man’s empfinden laſſen muͤßte, daß es nun be - kannt ſei, woran man mit ihm waͤre.

Der verurtheilte Mann lauerte demnach am andern Morgen umſonſt auf die Ankunft des Branntweinbrenners. Voller Ungeduld ſchickte er um zehn Uhr ſeine Aufwaͤrterinn mit noch einem Briefchen zu ihm. Jndem aber die Antwort eben einlief, trat zugleich die Magd des Kleidungsglaͤu - bigers bei ihm ein. Er las das Billet des Brannt - weinbrenners zuerſt; es beſtand in den wenigen Worten: Jch kann nicht dienen, und ſonſt will’s auch niemand thun, bitte mir hingegen meine zwey Gulden wieder aus.

Mit zitternden Haͤnden las er nun das zweite Billet, welches ihm in ziemlich derben Ausdruͤ - cken ſagte, daß ſich Endesunterſchriebener binnen heute und acht Tagen die bewußten 24 Thaler zu - ruͤck ausbaͤte.

Erblaßt und ſtammelnd ſagte Confuſelius zu der fremden Magd, er werde es beſorgen, und hieß, als ſie hinaus war, ſeine Aufwaͤrterinn gehen, dieaber81aber noch vorher zu erinnern hatte, daß ſie nun ſeit vielen Monaten kein Aufwartelohn aon ihm bekom - men haͤtte, und ihm nicht mehr aufwarten koͤnnte, wenn er ihr nicht wenigſtensetwas zahlte.

Um ſie fuͤr itzt los zu werden, verſprach er, ſie mor - gen zu befriedigen; und da ſie hinaus war, unter - ſuchte er in allem Ernſte die Feſtigkeit der Naͤgel umher, und ſah ſich nach einem Stuͤcke Strick um.

Als ihn der Satan in dieſem boͤſen Gedan - ken noch ſo eben aufs geſchaͤftigſte beſtaͤrkte, poch - te, dem Verfuͤhrer zum Poſſen, jemand an Con - fuſeliuſſens Thuͤre. Dieſes machte ihm zwar neu - es Schrecken; allein dießmal verwandelte ſich ſein Schrecken auf der Stelle in Troſt und Freude. Es war der junge Buſch, der, den Magiſter da ſeine Troſtloſigkeit eben den hoͤchſten Grad erreicht hatte, mit einer unerwartet angenehmen Nachricht uͤber - raſchte. Verzeihen Sie, mein Herr Magiſter, ſagte der Schalk, wenn ich Sie ſtoͤre; es geſchieht aber zu Jhrem Beſten. Jch doch mein Herr, ich wollte wohl im Voraus bitten, daß Sie mich nicht verriethen! Mein Vater iſt doch im - mer mein Vater; und er wuͤrde es ſehr uͤbel neh - men, wenn ich, als ſein Sohn aber die Billig - keit und die Achtung, die ich fuͤr Sie habe ich kann’s nicht mit anſehn, daß Jhnen UnrechtFge -82geſchieht. Sie muͤſſen alſo wiſſen aber ich bit - te nochmals, mich nicht zu verrathen. Der Magiſter ſchwur hoch und theuer, daß er ſeinen Namen nicht wollte uͤber die Lippen kommen laſ - ſen, wenn er als ein rechtſchaffener junger Mann an ihm handeln und ihm eine Nachricht zu ſeinem Beſten geben wolle.

Hierauf vertraute ihm denn Buſch, daß ſein Vater die Schauſpiele friſch drauf los verkaufte, daß ein unglaubliches Gereiße darnach ſei, und daß ſie ſehr hoch weggiengen. Jch ſollte das frei - lich von meinem leiblichen Vater nicht ſagen, ſetzte er hinzu; aber es kraͤnkt mich, daß Sie um die Be - zahlung geaͤngſtigt werden, da er ſie in Haͤuden hat, und ſchon immer einnimmt. Es kann Jhnen dieſes zwar nicht verborgen bleiben, und er wird Jhnen auch vermuthlich, wenn er ſein Geld heraus hat, das uͤbrige berechnen: allein Sie ſollten doch auch ſchon davon benachrichtiget ſein.

Confuſelius hatte den jungen Menſchen ganz ausreden laſſen, und indeſſen die Freude des erneu - erten Lebens im Stillen eingeathmet. Jtzt begounte er: o, mein lieber Herr Buſch! das wußte ich laͤngſt, daß dieſe Stuͤcke, mit deren Ausarbeitung ich mir gewiß die groͤßte Muͤhe gegeben habe, al - ler Welt Beifall finden wuͤrden. Alſo habe ichmich83mich daruͤber gar nicht geaͤngſtigt, wohl aber habe ich mich uͤber Jhren Vater geaͤrgert. Nun um Jhrentwillen ſoll er geſchont werden: aber es iſt allerdings unerlaubt, daß er ſich, ohne mir ein Wort zu ſagen, und ohne daß ich den Preis geſetzt habe, heraus nimmt, meine Schriften zu verkau - fen. Sie koͤnnen mir nicht verdenken, daß ich mich deßhalb ſogleich melde; aber ſein Sie unbe - ſorgt, er ſoll nicht erfahren, daß ich’s von Jhnen habe; ich kann ja wohl ſagen, daß ichs durch an - dere erfahren haͤtte.

Ja verſetzte Buſch, thun ſie mir den Gefallen denn

O! mein lieber junger Mann, fiel der Magi - ſter ein, ich werde mich wohl huͤten, Jhnen Ver - druß zu machen! Nein, ich ſehe, daß Sie ganz anders denken als ihr Vater, und ich hoffe auch, daß Sie mir die beiden ſuperklugen Herren nennen werden, die ſo ſchlecht von meinen Werken geſpro - chen haben: denn ich merke, Sie haben Begriff von Pflicht und Ehre.

Ei ja wohl, erwiederte Buſch; aber bis itzt weiß ich ſelbſt nicht, wer die albern Leute ſind. Gewiß koͤnnen ſie es nicht verſtehen, weil ſie ſonſt nicht ſo widerſinnig urtheilen wuͤrden. So bald ichs aber ausgeforſcht habe, erfahren Sie es. F 2Fuͤr84Fuͤr itzt muß ich mich Jhnen empfehlen, damit ja niemand merke, daß ich bei Jhnen geweſen bin.

Confuſelius ſchwur ihm nochmals die vollkom - menſte Verſchwiegenheit zu, und begleitete ihn ſo leiſe, wie jener gieng, die Treppe hinunter, indem ſie beide eben ſo leiſe ſprachen. So bald aber der Magiſter ſeinen neuen Freund los war, begonnte er deſto lauter zu werden, rannte zu ſeinem Wirth, und erzaͤhlte ihm in großem Eifer, daß, wie ihm ſo eben jemand geſagt haͤtte, ſchon 3 bis 400 Ex - emplarien von jedem ſeiner Schauſpiele vergriffen waͤren, wovon ihm der Buchdrucker Buſch nicht ein Wort ſagte; dieſe Frechheit ſollte ihm aber uͤbel bekommen.

So bald er die Theilnahme des Schuſters an dem Gluͤcke ſeiner Schriften eingenommen hatte, eilte er wieder auf ſein Stuͤbchen und ſchrieb fol - gendes an den Buchdrucker:

Da ich eben vernommen, und zwar von drei oder vier glaubwuͤrdigen Perſonen vernommen habe, die mir ſehr viel ſchmeichelhaftes uͤber meine Schauſpiele ſagten, daß deren ſchon eine große Menge in der Stadt verbreitet waͤren, indem Sie ſolche friſch weg verkauften, ſo wollte ich nur hiermit anfragen, wie Sie ſich das unterfangen koͤn -85 koͤnnen? Jch mag nicht ſelbſt zu Jhnen gehen, um mich mit einem ſo groben Manne nicht noch einmal abzugeben und noch mehr zu aͤrgern. Wo - fern Sie mir aber nicht ſogleich die Berechnung der Einnahme uͤberſchicken, und mir den Reſt der Auflage verabfolgen laſſen: ſo werde ich, und das noch heute, einen Rechtsgelehrten zu Jhnen ſchicken, welcher anders mit Jhnen ſprechen, und Jhnen zeigen wird, was darauf erfolgt, wenn man anderer Leute Waare, ohne dazu autoriſirt und mit ihnen uͤber den Preis einig zu ſein, ver - kauft, und noch dazu ſo impertinent gegen den Eigenthuͤmer iſt. Warlich! es ſoll Jhnen ſchlecht bekommen, daß Sie erſt mit andern Gemeinſchaft machen, meinen Ruhm zu verkleinern, dann mich gar ſo einzutreiben gedenken, daß ich zuruͤcktreten und nicht merken ſoll, wie Sie mich um meine Kunſtwerke betruͤgen wollen.

M. Confuſelius.

Als dieſer Brief ausgefertigt war, zog ſich Confuſelius uͤber Hals und Kopf an, ſtieg herun - ter und bat den Primaner, der eben aus der Schule zu Hauſe gekommen war, denſelben zum Buchdrucker Buſch zu tragen, ihm ſolchen in eig - ne Haͤnde zu geben, und auf Antwort zu warten. Er ſelbſt aber gieng zu Schnitzern und allen ſei -F 3nen86nen Bekannten, theilte ihnen den entdeckten Bu - benſtreich mit, und pochte gewaltig, indem er zu - gleich den falſchen Freunden und Thoren, die ſich an jedes ſchlechte Gerede kehrten, tuͤchtige Hiebe verſetzte.

Aber der Nebel war einmal von den Augen ſeiner Freunde gefallen; ſie wußten ſchon, warum man die abgegangenen Stuͤcke gekauft hatte; ei - ner davon berichtete ihm ſogar, daß es uͤberhaupt nur vierzehn Exemplarien von jeder Piece waͤren, die in der Stadt circulirten; und das alles ſagten ſie ihm unverholen.

Der Magiſter ſpannte nun zwar, da er dieſes hoͤrte, den Ton in etwas herab: aber eswaren doch Exemplarien abgegangen, und es ließ ſich ja wohl auch denken, daß Buſch die Menge verheim - lichen wuͤrde. Alſo gereuete ihn der ſtarke Brief noch nicht: und was die Nachrichten betraf, daß man die erwaͤhnten vierzehn Stuͤcke nur gekauft habe, um zu lachen, ſo verachtete er ſolch bos - haftes Gewaͤſch, da er vielmehr uͤberzeugt waͤre, daß blos die gute Jdee, welche man von ihm haͤtte, den Abgang verurſacht habe, weil er die Stuͤcke durch die Zeitung bekannt gemacht haͤtte: denn vermuthliich haͤtte erſt dieſen Morgen mit dem fruͤheſten der Verkauf ſeinen Anfang genom -men87men; uͤbrigens koͤnnten ſie ſich darauf verlaſſen, daß ſeine Nachrichten gegruͤndet waͤren, weil ſie ihm jemand aus Buſchens eignem Hauſe gegeben haͤtte. Faſt wurden Schnitzer, der Branntwein - brenner und einige andere in ihren Urtheilen wie - der irre; ſie waren daher, als der Magiſter weg - gieng, ungleich hoͤflicher gegen ihn, als bei ſei - nem Eintritt.

Es war hoher Mittag, als der Primaner das Billet zum Buchdrucker Buſch trug. Die Familie ſaß bei Tiſche und Buſch der Sohn mit - ten darunter.

Was alle ! ſagte der Vater, als er las, plagt denn den der ? Lies einmal, Albrecht, dem Kerl muß ich noch die Rippen im Leibe zer - ſchlagen! (zu ſeiner Frau) da hat er gehoͤrt, daß ein Paar von den Dingern verkauft worden ſind, und nun ſchreibt er mir ungewaſchenes Zeug, ordentlich vom Betrug.

Nun lieber Vater, ſagte Albrecht, eigentlich haͤtten Sie ihn wohl von dem Abgange benach - richtigen ſollen; das iſt wahr. Jndeſſen hat es nichts zu ſagen, aͤrgern ſie ſich nur nicht, und laſſen Sie mich antworten.

Das thue, ſagte Buſch, und ſchreib ihm, daß er und ich froh ſein koͤnnten, wenn nochF 4Leute88Leute neugierig wuͤrden, ſeine Fratzen zu leſen, ſo bekaͤme ich mein Geld und er

Jch wills ſchon machen, ſagte Albrecht, ſtand auf, und ſchrieb.

Es iſt recht[gut], daß Sie nicht ſelbſt ge - kommen ſind; ſonſt haͤtten Sie, ohne Advoca - ten, fuͤr die Beſchuldigung eines Betrugs durch meinen Hausknecht bezahlt werden ſollen. Ja, ich habevierzehn Exemplarien von Jhren Sude - leien verkauft. Den Anlaß dazu hat Jhre laͤ - cherliche Auffuͤhrung in meinem Hauſe gegeben, die gleich allenthalben herum gekommen iſt; je - dermann wollte zum Spas die ſaubern Stuͤcke leſen. Jch glaubte von dieſer Wuth der Men - ſchen uͤber Thoren zu lachen, Nutzen fuͤr Sie zu ziehen, und ſteigerte, da ſich die Kaͤufer dar - um draͤngen zu wollen ſchienen, den Preis: aber nachdem 14 Exemplarien von jedem Jhrer Stuͤk - ke abgeholt waren, hatte die Nachfrage ein En - de. Hier iſt die Berechnung, ſie beweiſt Jhnen, daß ich wirklich 20 Thaler geloͤßt habe; dieſe ge - hen nun von meiner Rechnung ab. Sobald Sie mir den anſehnlichen Reſt vollends bezahlen, ſteht der ganze Wuſt Unſinn zu Dienſten, und will ichs Jhnen Stuͤck fuͤr Stuͤck zaͤhlen.

Ueb -89

Uebrigens ſteht es Jhnen frei mir einen Rechtsgelehrten zuzuſchicken, oder mich zu verkla - gen, ich werde beweiſen, daß ich zu Jhrem Be - ſten gehandelt habe: denn haͤtte ich die Leute, die nach Jhrem Machwerke fragten, erſt wieder her beſtellen ſollen, wenn ich Ruͤckſprache mit Jhnen wuͤrde genommen haben; ſo war es moͤg - lich, daß denen, die darnach geſchickt hatten, die Luſt zu lachen vergieng, und auch die 20 Tha ler nicht geloͤßt wurden. Jch aber werde, wenn Sie mir noch viel Flauſen machen, ohne laͤnger - zu verziehn, wegen der gewiſſen Briefe bei den Gerichten Meldung thun Verſtehen Sie mich?

Buſch.

Confuſelius wartete unten bei dem Schuſter auf die Ruͤckkunft des jungen Menſchen, und ließ ſich, weil er Hunger hatte, nicht lange noͤthigen, Erdaͤpfel mit zu ſpeiſen.

Kommen Sie, mein Schatz, ſagte er, als endlich der Primaner mit der Antwort zuruͤcke kam, und eſſen Sie nun auch; ich will mittlerweile leſen.

Was er las, erbaute ihn nicht ſehr; indeſſen wußte er ſich ſchnell genug zu faſſen, und ſagte, 120 Thaler. Nun in einem Tag iſt das Abgangge -90genug. Buſch will, ich ſoll Friede mit ihm ma - chen. Hm! was hat man auch vom Zanken?

Mit dieſen Worten eilte er fort; der Prima - ner ſagte aber ſeinen Eltern, daß der Magiſter prahlte und loͤge; er habe es haußen, indem Herr Buſch drinnen geſchrieben haͤtte, ganz anders ge - hoͤrt. Die Eltern wollten mehr hoͤren, und erfuh - ren nun, was ſie noch nicht gewußt hatten, daß ihr Miethmann mit ſeinen Schauſpielen zum all - gemeinen Spott gemacht wuͤrde; daß nicht 120 Tha - ler, ſondern eine Kleinigkeit daraus geloͤßt ſei, wel - che Buſch an ſich behielt, und in ſeiner Antwort auf weitere Bezahlung des Drucks draͤnge, u. ſ. w. Jn dieſem Augenblicke fiel auch ſein Credit beim Schuſter, der die Miethe fuͤr das ganze letzte Jahr zu fodern hatte; es wurde beſchloſſen, ihn zur Be - zahlung anzuhalten, und ihm die Wohnung aufzu - ſagen.

Der arme Magiſter gieng indeſſen oben in ſeinem Stuͤbchen, mit dem Tode ringend, auf und ab, und konnte drei bis vier folternde Stunden hinter einander durchaus keinen Schluß faſſen; ſich haͤngen, ſich erſaͤufen, mit Buſchen doch anbinden, mit der ganzen Stadt anbinden, eine Schmaͤhſchrift ſchreiben, davon laufen das alles jagte ſich un - ter und neben einander in ſeinem Kopfe.

Gegen91

Gegen Abend kam Albrecht Buſch geſchlichen. Herr, ſagte Confuſelius, entweder Sie haben mich belogen, oder Jhr Vater luͤgt! Doch Sie haben Wahrheit geſagt: er hat verkauft. Wollen Sie den groben und frechen Brief ſehen, den er mir geſchrieben hat?

Herr Magiſter, verſetzte Albrecht, nachdem er ſich geſtellt hatte, als ob er laͤſe, die Antwort iſt immer, wie die Frage. Jch war eben da, als Jhr Brief einlief; denn ich eſſe meiſt zu Hauſe. Sie mußten in der Lage, in der ſie ſind, nicht ſo aus - fallen, und ja nicht gleich von betruͤgen ſprechen. Jch konnte meinen Vater kaum beſaͤnftigen; er zog ſich ſchon an, und wollte ſelbſt zu Jhnen lau - fen, denken Sie, was das fuͤr ein Laͤrm geworden waͤre; er iſt nicht fein, mein Vater! Aber aber ich ſage Jhnen, Sie ſollten nicht gleich ſo hart ſchreiben, denn betruͤgen wollte Sie mein Vater doch nicht. Jch vermag etwas uͤber ihn; und da bracht ich’s denn endlich doch ſo weit, daß er ſich wieder auszog und ſchrieb. Nun er hat ſich, wie ich aus dieſem Briefe ſehe, doch ziemlich beſaͤnftigen laſſen. Jch bitte Sie aber recht ſehr, bringen Sie ihn nicht noch mehr auf!

Con -
92
Confuſelius.

Beſaͤnftigen laſſen; ſagen Sie? und ſchreibt ſo grob als moͤglich? was ſoll denn das vom Hausknecht heißen?

Albrecht.

Wenn er Sie auch nicht, wie er hier zu verſtehen giebt, vom Hausknecht pruͤ - geln laͤßt; ſo thut er es ſelbſt: nehmen Sie ſich lieber in Acht; er iſt groß, und Sie klein.

Confuſelius.

Das ſoll er ſich unterſtehn!

Albrecht.

Je nun, er bezahlt die Strafe, und Sie haben die zerſchlagenen Rippen weg und den Schimpf dazu.

Confuſelius.

Aber Sie haben mich ja ſelbſt aufgebracht. Haben Sie mir nicht geſagt

Albrecht.

(einfallend) Jch habe Jhnen ge - ſagt, daß er von Jhren Stuͤcken verkauft haͤtte; und das iſt wahr. Jch bildete mir ein, es waͤre mehr; und aus Gutherzigkeit ſteckte ichs Jhnen. Sie verſprachen mir um meinetwillen, meinen Va - ter zu ſchonen, haben aber Jhr Wort ſchlecht ge - halten. Es thut mir leid, ich koͤnnte Jhnen mehr Dienſte thun, koͤnnte Jhrem geſunkenen Rufe wie - der aufhelfen, koͤnnte Jhnen

Confuſelius.

(einfallend) Ach ja, mein lieber Herr Buſch, wenn Sie mein Freund ſein wollten, koͤnnten Sie mir allerdings ſo viel helfen, daß alle Streitigkeiten zwiſchen Jhrem Herrn Va -ter93ter und mir beigelegt wuͤrden. Jch bin wie ver - folgt; und daran iſt er mit Schuld. Doch ich wollte alles vergeſſen, wenn Sie mir beiſtehen wollten.

Albrecht wollte wiſſen, was Confuſelius von ihm verlangte, und verſprach, ſein moͤglichſtes zu thun.

Nachdem nun der Magiſter ſein Herz gaͤnzlich vor ihm ausgeſchuͤttet hatte, beſchloß Albrecht, ſich ſeiner anzunehmen. Wenn er dieſes einigermaßen aus Mitleid that; ſo hofte er ſich auch durch man - che luſtige Scenen, zu der Herr Confuſelius den Stoff hergeben ſollte, dafuͤr zu belohnen.

Er wandte den Abend dazu an, ſeinen Va - ter zu bereden, daß er dem Magiſter gegen eine Obligation auf ſeine Schuld, laut welcher der letz - te in Terminen bezahlen ſollte, ſeine Werke, ohne ein Exemplar zuruͤck zu behalten, verabfolgen ließe, und ihm noch einige Thaler von dem daraus geloͤß - ten Gelde dazu gaͤbe.

Albrecht hatte, da er von dem Magiſter hin - weg gieng noch keine Hoffnung, dieſes ſo bald durch - zuſetzen. Vater Buſch hatte aber ſeine guten Stun - den, in denen alles mit ihm zu machen war. Die - ſe wollte Albrecht wahrnehmen: und da der Va - ter des Nachmittags die frohe Nachricht bekom -men94men haͤtte, daß eine fuͤr verloren gehaltene Sum - me Geldes gluͤcklich gerettet ſei; ſo traten die gu - ten Stunden noch dieſen Abend ein:

Welch Entzuͤcken fuͤr Confuſelius, als ihm Albrecht mit ſeines Vaters Genehmigung am fol - genden Morgen die beſagte frohe Nachricht brach te. Er erſtickte beinahe den jungen Menſchen in der Umarmung, nannte ihn ſeinen einzigen Freund und Retter, und ſchrieb alles, was dieſer wollte, lief ſogar ſelbſt mit zu Vater Buſchen, und be - zeigte ſich aͤußerſt hoͤflich; wogegen ihn aber dieſer verſicherte, daß er keine Nachſicht haben wuͤrde, wenn er die Termine nicht einhielte.

Nun gieng er im Triumph, neben der Trage her, auf welcher ſeine vortreflichen Machwerke nach ſeiner Wohnung gebracht wurden. Ueberall ſah er ſich um, ob nicht jemand von ſeinen Bekannten den Zug ſaͤhe. Er hatte auch dieſe Freude wirk - lich, indem ihm der Branntweinbrenner begegne - te, der denn auch ſtehn blieb und mit Verwunde - rung der Trage nachſah; Confuſelius gruͤßte ihn im Vorbeigehn nur obenhin.

Gleiches Aufſehn machte der ankommende Transport in ſeiner Wohnung. Als man die Men - ge Papierballen hinauf geſchleppt hatte, und ſein Kaͤfig damit faſt ganz ausgefuͤllt war, bezahlte ermit95mit einer gewiſſen nachlaͤſſigen Art den Traͤgern, was ſie foderten, und ließ es nun ſein erſtes ſein, Exemplarien von allen drei Stuͤcken zu nehmen, ſie zu ſeinen Wirthsleuten, die ihn ſchon des Abends vorher gemahnt und ihm die Stube aufgeſagt hat - ten, hinunter zu tragen und zu ſagen: hier iſt mein Verſprechen fuͤr den Sohn; und nun werden Sie doch wohl glauben, daß ich bezahlen kann?

O ja, antwortete der Wirth, Papier haben Sie genug, wenns nur auch Geld bringt!

Das kann nicht fehlen, verſetzte der Magi - ſter, und flog davon, um an alle Mitglieder der Tabagie ein Exemplar abzuſchicken.

Die Aufwaͤrterinn kam eben zu rechter Zeit; um die Beſtellungen zu uͤbernehmen und etwas auf Abſchlag zu erhalten, welches ihr wieder guten Willen machte.

Hierauf ſetzte er ſich hin, und ſchrieb, ohne auf die Pflege ſeines Magens zu denken, an alle Profeſſoren, die er auf der Univerſitaͤt gekannt, an etliche adliche Herren, und ſogar an eine Dame, die er nur ein einzig mal geſehen hatte, endlich auch an mehrere große Maͤnner und Damen, wel - che er bloß dem Rufe nach kannte. Allen ſchickte er Exemplarien, bat ſie, dieſe Kinder ſeines Flei -ſeß96ßes in ihre Protection zu nehmen, und gab zuletzt ziemlich deutlich zu verſtehn, daß er ein Douceur erwartete. Acht ſolcher Briefe waren von eilf Uhr des Vormittags bis ſieben Uhr des Abends mit unglaublicher Anſtrengung geſchrieben, und mit den Theaterſtuͤcken in Paquete gebracht. Es koſtete ihn viel Papier, und Siegellack, und fuͤr ſeine wirkliche Baarſchaft ſo viel an Poſtgelde, daß er am Ende wenig mehr uͤbrig hatte. Er that aber doch, ſo ſehr ihn hungerte, eine ſparſame Mahl - zeit, um einige Groſchen, die ihm noch geblieben waren, zu Poſtpapier aufzuheben, und des folgen - den Tages noch ſechs oder acht Briefe zu ſchrei - ben: Er ſaͤumte auch nicht, dieſe ebenfalls aus - zufertigen, ſchickte aber dieſe zweite Ladung fort, ohne ſie zu frankiren, weil er das Poſtgeld nicht mehr auftreiben konnte.

Nun war etwas, aber doch noch lange nicht alles wieder im Gleiſe: denn noch immer konnte der Magiſter nicht ungeneckt auf der Straße gehn; und was das uͤbelſte war, ſo hatte der arme Mann nichts in der Welt mehr, ſeinen Hunger zu ſtillen. Zu Schnitzern gieng er zwar noch an den gewoͤhnlichen Tagen zum Mittagseſſen; aber dieſer verlangte nicht mehr allein mit ihm zu ſpei - ſen: der Magiſter hingegen wollte ſich nicht an dieWirths -97Wirthstafel ſetzen; und ſo nach ward ihm in einer andern Stube etwas aufgetragen, freilich aber nicht von den beſten Schuͤſſeln, und immer mit ei - ner Art, die ihn belehrte, daß man eben nicht boͤſe werden wuͤrde, wenn er ganz wegbliebe.

Er wuͤrde das auch wohl gethan haben, wenn er nicht dieſe einzigen zwei geſicherten Mahlzeiten, was es ihm auch koſten moͤchte, beizubehalten fuͤr unumgaͤnglich noͤthig geachtet haͤtte. Zur Tabagie lud ihn keiner der Theilnehmer mehr ein; und er draͤngte ſich, wie die Umſtaͤnde waren, nicht gern zu: denn ſeine beiden Glaͤubiger, beſonders der, ſo die 24 Thaler zu fodern hatte, ließen ihn ohne - hin ſehr oft mahnen.

Albrecht Buſch war itzt der einzige Menſch, welcher ihm noch ſo oft einen gluͤcklichen Abend machte, als es ihm ſelbſt moͤglich war, einen Abend außer Hauſes zuzubringen. An ſolchen Abenden nahm er den Magiſter mit auf ein Caffee - haus, oder in einen Weinkeller, wo mehrere jun - ge Leute zuſammenkamen. Da ward er denn gut bewirthet, aber auch zuweilen aufs unbarmherzigſte geſchraubt, welches er ſich jedoch gefallen ließ.

Er hatte, trotz aller Anfechtung, doch den Verſuch gemacht, einigen Buchhaͤndlern in der Stadt ſo wohl, als auswaͤrts, ſeine Werke inGCom -98Commiſſion zu geben; aber faſt jeder entſchuldigte ſich, daß er keinen Platz dazu haͤtte, oder daß ſei - ne Geſchaͤfte, die ohnehin uͤberhaͤuft waͤren, nicht zuließen, ſich mit neuen zu befaſſen.

Da lag nun ſeine Arbeit, wie Blei; und die Antworten von den vornehmen Perſonen, an die er geſchrieben, denen er Exemplarien zuge - ſchickt, und die er alle mit dem Goͤnnertitel beeh - ret hatte, blieben aus.

Der arme Confuſelius, der nicht gern ſeinen letzten Rock veraͤußern wollte, war nun ſo verlegen um Geld, daß er, als eines Tages ſein Wirth mit Schuhen in eine kleine Stadt zum Jahrmarkte ge - zogen war, die Zeit wahrnahm, wo die Frau auch nicht zu Hauſe, und der Sohn ſo eben in der Schule war, die Haͤlfte von den Exemplarien ſei - ner Werke als alt Papier an einen Lumpenſamm - ler, den ihm der junge Buſch boshafter Weiſe am Abend vorher uͤber den Hals geſchickt, und den der Magiſter alſo wieder zu ſich beſtellt hatte, fuͤr einen Thaler verkaufte, wozu er noch etwas Leinenzeug legen mußte.

Jn dieſer Zeit der Angſt dachte Confuſelius oft mit Wehmuth an die verfloßnen guten Tage, an ſein ehemaliges Anſehen bei den Freunden in der Tabagie, und an ſo manche Zubuße zuruͤck, dieer99er von ihnen, beſonders von Schnitzern, bekommen hatte: und wenn er gleich nicht um das geringſte weniger von ſeinen Stuͤcken hielt, ſo wuͤnſchte er doch zuweilen, daß er ſie nie gemacht haͤtte, weil ſie Anlaß zu ſo viel Verdruß, Verluſt, und, wie er ſich ſelbſt nicht verheelen konnte, ſo gar zu aller - lei Schmach gegeben und ihn noch dazu in Schul - den geſtuͤrzt hatten. Dies klagte er eines Tages ſeinem Buſenfreund Albrecht; und dieſer beſchloß abermals, dem Dulder beizuſtehen. Es wurde bei ſeinem Vater ein gelehrtes Blatt gedruckt, in wel - chem auch Recenſionen vorkamen. Wir wollen, ſagte Albrecht, ein guͤnſtiges Urtheil uͤber Jhre Theaterſtuͤcke einruͤcken laſſen. Machen Sie die Recenſion nur ſelbſt, und geben Sie ſie mir: ich werde dafuͤr ſorgen, daß ſie im naͤchſten Stuͤcke mit abgedruckt wird.

Dieſes war ein herrlicher Gedanke, voll der groͤßten Hoffnung fuͤr den armen Mann. Mit Freuden lief Confuſelius nach Hauſe, und ſetzte eine Lobſchrift von ſeinen Arbeiten auf, welche man fuͤr unverſchaͤmte Pralcrei erklaͤrt haben wuͤr - de, wenn die Stuͤcke wirklich gut geweſen waͤren. Er eilte, ſie Albrechten zu uͤberbringen; und die - ſer trug dem Setzer auf, ſie in ein einziges StuͤckG 2ein -100einzuruͤcken, wogegen er etwas anders weglaſſen koͤnnte.

Confuſelius weinte vor Freuden, als ihm Albrecht das gedruckte Blatt brachte, er las ſei - nen Ruhm, den er ſelbſt verkuͤndigt hatte, zehn - mal, und dankte Albrechten aufs verbindlichſte.

Wiſſen Sie was? ſagte Albrecht, Jhre Freunde in der Tabagie wollen wir ſchon kirre ma - chen. Laſſen Sie ſich nichts merken; ſobald aber die Verſammlung wieder dort iſt, will ich mit Jh - nen hingehn. Da ſollen Sie hoͤren, was ich ſchwatzen werde; ich wette, ſie begegnen Jhnen wieder mit der alten Achtung, und ſind froh,[wenn]Sie mit ihnen umgehen wollen. Auch dieſer Vorſchlag warb angenommen, und Albrecht hielt ſein Wort.

Meine Herren, ſagte er, als er mit dem Magiſter ankam, verzeihen Sie, daß ich ſo frei bin, mich in Jhre Geſellſchaft zu draͤngen. Was dieſen Herrn betrift, ſo weis ich von ihm ſelbſt, daß er ſonſt von Jhnen ſehr geſchaͤtzt, und einer von den gewoͤhnlichen Theilnehmern Jhrer Zuſam - menkuͤnfte geweſen iſt. Dieſes verdient er auch noch; ich kann ihm, ſeitdem er mir ſeine Freund - ſchaft geſchenkt hat, zum Ruhme nachſagen, daß er immer mit beſonderer Achtung von Jhnen ſpricht,und101und nichts ſo ſohr beklagt, als daß ein gewiſſer Kaltſinn zwiſchen Jhnen und ihm eingetreten iſt. Daran, ich weis es ſchon, ſind dieſe boͤſen Maͤu - ler ſeiner Feinde und Neider Schuld; und leider[hat]ſelbſt mein Vater die Uebereilung begangen, The[il]daran zu nehmen. Allein er bereut es nun, und iſt, wie Sie wohl wiſſen werden, mit dem Herrn Magiſter voͤllig ausgeſoͤhnt. Noch mehr, ein recht gelehrter und verſtaͤndiger Mann hat, zur Beſchaͤmung der thoͤrichten Tadler, eine Re - cenſion von des Herrn Magiſters Theaterſtuͤcken eingeſandt, die der Welt nun wohl den Werth ſei - ner treflichen Producte hinlaͤnglich zeigen wird. Jch war außer mir vor Freude, da ich es las, und lief ſogleich damit zu unſerm Freunde hier, der aber ſo beſcheiden war, zu meinen, der Mann habe zu viel Gutes von ſeinen Arbeiten geſagt.

Da er mir nun, wie geſagt, mehrmalen ge - klagt hatte, daß Sie uͤber die Beſchimpfungen, die ihm vor einiger Zeit unverſchuldeter Weiſe wie - derfahren ſind, kaltſinnig gegen ihn geworden waͤ - ren; ſo ſchlug ich ihm vor, daß wir heute Abend zuſammen hier anſprechen, und ich Jhnen zeigen wollte, was einſichtsvolle Leute von der Sache ur - theilen. Er wollte durchaus nicht ausgehn; aber ich ſagte: kommen Sie nur mit; Sie muͤſſen denG 3Tri -102Triumph haben; Jhre geehrten Freunde werden Jhnen gern Gerechtigkeit wiederfahren laſſen und dem beſſern Urtheile beipflichten. Sie erlauben alſo, daß ich Jhnen die Recenſion leſe Und nun las der Schalk.

Confuſelius hatte waͤhrend der langen Anrede des jungen Buſch halb weggewandt da geſtanden, und blieb auch jetzt noch in dieſer Stellung. Als aber Albrecht mit ſeinem Leſen fertig war; verſi - cherten ihn die verbuͤndeten Freunde, es ſei das gleich anfangs auch ihr Urtheil von des Herrn Ma - giſters Schauſpielen geweſen. Ein jeder bezeigte nunmehr ſeine Freude, daß doch endlich einmal ein rechtſchaffener Mann, der gewiß ein gruͤndlicher Gelehrter waͤre, ihrem alten Freunde haͤtte Gerech - tigkeit wiederfahren laſſen.

Man lud ihn mit ſeinem jungen Freunde ſehr hoͤflich ein, Platz zu nehmen, welches ſie denn bei - de thaten.

Albrecht wußte, daß der Magiſter mehr als einen Glaͤubiger unter der Geſellſchaft hatte. Um nun dieſe Herren zu guter Geſinnung gegen ihn umzuſtimmen, fieng er bald darauf an: wenn ich Jhnen rathen ſoll, Herr Magiſter, ſo warten Sie die Leipziger Oſtermeſſe ab; da will ich Jhre Wer - ke, weil ich doch einmal mit hin muß, in Com -miſ -103miſſion nehmen. Sie geben etwas weniges fuͤr den Transport; und ich will es mit dem Rabbat als Freund billig mit Jhnen machen. Es iſt ſo am beſten. Der Antrag, der Jhnen vorgeſtern gethan worden iſt, koͤnnte zwar auch gut ſein: allein Sie muͤßten doch immer mit der Zahlung warten; ich aber verkaufe nicht anders, als fuͤr baar Geld, weil’s Commiſſionsgut iſt.

Confuſelius glaubte zwar nicht gaͤnzlich, daß Albrecht den Vorſchlag im Ernſte thaͤte; aber er antwortete doch ſehr ernſthaft darauf, er wollte ſichs uͤberlegen, und wuͤrde dieſen Rath vielleicht annehmen, und ſeine nun wiederkehrenden Freunde, (deren Geſichter ſeit Albrechts Antrag an Freundlichkeit merklich zugenommen hatten) rie - then ihm ſehr dazu, weil es am beſten waͤre, dieſe Zeit noch abzuwarten, und dann ſein Geld auf einmal einzuſtreichen.

Albrecht mußte ſich bald hernach empfchlen, weil er anderwaͤrts verſagt war; und der Magiſter, der ſich aͤußerſt gleichguͤltig gegen die Freunde der Tabagie betrug, ließ ſich durchaus nicht erbitten, da zu bleiben, war aber doch guͤtig genug, halb und halb zu verſprechen, daß er naͤchſtens wieder bei Jhnen einſprechen wollte.

G 4Al -104

Albrecht nahm ihn mit in einen Jtaliaͤner - keller, wo ſchon etliche andre junge Leute auf ſeine Ankunft warteten, weil er ihnen die Geſchichte mit dem Wochenblatte, ſo wie den Verſoͤhnungsact des Magiſters mit ſeinen Goͤnnern im Voraus ver - trauet hatte. Es gab keinen ſchlechten Spaß, daß er Herrn Confuſelius ſelbſt mitbrachte, der nun fuͤr die nur ſo eben genoſſene Ehre hier buͤßen muß - te.

Vor allen Dingen las Albrecht die Recenſion vor; und die andern wunderten ſich, daß ſie dieſel - be nicht in ihren Exemplarien von dem Wochen - blatte gefunden hatten; ja, es hatte ſo gar einer von den Anweſenden die nemliche Nummer bei ſich, und gab ſie dem Magiſter und Albrechten zu leſen. Confuſelius erſchrak; Albrecht aber ſtellte ſich ganz erſtaunt, und verſicherte, daß er den Setzer dar - uͤber zur Rede ſtellen wuͤrde, weil ihm doch der Auftrag eigentlich von dem Verfaſſer der Recen - ſion gemacht worden ſei, der ſich desfalls an ihn halten wuͤrde.

Allein die ganze Geſellſchaft bezeigte ſich un - glaͤubig und ſetzte Albrechten zu, zu bekennen, daß entweder er, oder der Magiſter ſelbſt den Auf - ſatz gemacht haͤtten.

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Albrecht betheuerte mit verſtelltem Ernſte, daß er nicht der Verfaſſer ſei. Confuſelius be - hauptete gleichfalls ſeine Unſchuld, ward aber ſo lange gehudelt und auf alle Art geaͤngſtigt, bis Al - brecht, den er immer anſah, als flehete er ihn um Erloͤſung an, endlich ſagte: nun ja, er hat die Recenſion ſelbſt gemacht; laßt ihn nur zufrieden, und ſchaͤmt Euch, ſo indiſeret zu ſein! Und das ſag ich, wer von dieſem Scherz etwas uͤber ſeine Zunge kommen laͤßt, der hat’s mit mir zu thun.

Nun war keine Gnade mehr fuͤr den Magiſter; die Anweſenden ſchraubten ihn ſo arg, daß er faſt Thraͤnen vergoß, und gern alles, was ſie ihm vor - ſetzten, im Stiche gelaſſen haben wuͤrde, wenn er nicht haͤtte befuͤrchten muͤſſen, daß ſie, wenn er ſich aͤrgerlich bezeigte und davon gienge, dieſen neu - en Streich immer weiter in der Stadt ausbreiten moͤchten; ja daß ſo gar ſelbſt Albrecht, deſſen Gaſt er eigentlich war, und der doch immer noch ſeine Partie nahm, die Hand von ihm abziehn, und einem jeden die volle Freiheit geben koͤnnte, ihn an andre zu verrathen.

Bis zur Ohnmacht erſchrak der Magiſter, da endlich einer von den jungen Leuten, als ſiel es ihm von ungefaͤhr ein, den ganzen traurigen Handel mit dem Lumpenſammler erwaͤhnte, und dabei be -haupte -106hauptete: er habe den Einkauf, den dieſer bei Herrn Confuſelius gemacht haͤtte, noch am naͤmlichen Tag erfahren, indem er von ungefaͤhr Geſchaͤffte in der Wohnung des Lumpenſammlers gehabt, und die Werke des Herrn Magiſters haͤtte liegen ſehn.

Albrecht ſah den Magiſter mit ernſthaftem Ge - ſicht an: iſt das wahr? ſagte er. Nun denn iſt’s vorbei; nun koͤnnen Sie mir nicht zumuthen, den Reſt, den Sie etwa noch haben, in Commiſſion zu nehmen.

Confuſelius hielt es fuͤr gefaͤhrlich, ſich noch einmal aufs Leugnen einzulaſſen. Lieber gab er vor, es waͤre ihm das Ungluͤck begegnet, daß er einen großen Krug voll Vier vom Tiſche auf die Schriften geworfen habe. Dadurch waͤren denn die Packete ſo verdorben, daß er nichts beſſer da - mit vorzunehmen gewußt haͤtte, als ſie dem Man - ne, der von ungefaͤhr dazu gekommen ſei, zu uͤber - laſſen. Was haͤtten ſie ihm auch laͤnger im Wege liegen ſollen, da ſie doch nicht haͤtten verkauft werden koͤnnen?

Der Verraͤther wollte indeſſen keine Zeichen von uͤbergelaufenem Bier an den verhandelten Ex - emplarien geſehen haben. Alſo mußte Confuſelius endlich doch Luͤgen auf Luͤgen haͤufen, und gerieth mit einem Worte dermaßen in die Klemme, daßihn107ihn nur das nochmalige Verſprechen, welches Al - brecht ſeinen Freunden abnoͤthigte, nichts von alle dem auszuſchwatzen, und der Troſt, bei ſeinen ehe - maligen Anhaͤngern wieder in Gunſt zu ſtehn, von gaͤnzlicher Verzweiflung abhalten konnte.

Den Tag nach dieſen theils herzerquickenden, und theils wiederum herzzerſchmetternden Begeben - heiten erſchien der Brieftraͤger zu neuer Freude und neuem Schmerz. Confuſelius bekam naͤmlich mit einmal von der Poſt vier Zuſchriften, und zwar zu - foͤrderſt einen Brief, in welchem ein Ducaten lag. Beides hatte er dem Mitleiden der vorhin erwaͤhn - ten Dame zu danken, an welche er ſeine Stuͤcke geſchickt hatte: ſie ließ ihm durch den Schreiber ihres Mannes antworten, ſie habe ſein Paquet erhalten, und ſende ihm hiermit etwas zur Ver - geltung. Die andern drei Paquete unterdruͤckten die Freude uͤber dieſes Briefchen ſogleich wieder: denn ſie brachten ihm ſeine Werke in Natura un - frankirt, mit dem Beſcheide zuruͤck, daß man der - gleichen Behelligungen einmal fuͤr allemal ver - baͤte.

Hiermit gieng alſo wieder ein Theil vom Du - caten an Porto drauf; und an dem Herzen des un - gluͤcklichen Confuſelius nagte wegen der ihm zuruͤck - geſandten Schriften, und der damit verbundenen,nicht108nicht gar ſchmeichelhaften Antworten auf ſeine Zu - ſchriften ein neuer Wurm. Er mußte nunmehr taͤglich mit Zittern der Ruͤckkunft ſeiner uͤbrigen ausgeſandten Paquete entgegen ſehn; jedoch troͤſte - te er ſich auch wieder mit einer Hofnung, daß auch wohl noch Antworten mit Ducaten oder Louisdors einlaufen koͤnnten. Keines von beiden erfolgte; wohl aber giengen etliche leere Schreiben ein, mit der kurzen Nachricht, daß man ſeine Paquete er - halten haͤtte.

Confuſelius dankte nur Gott, daß er allein geweſen war, als jene Briefe mit den zuruͤckkom - menden Stuͤcken angelangt waren; ſo mit erfuhr es doch, dachte er, niemand.

Unter den Poſtſecretairs befand ſich indeſſen ein Freund Albrechts, welcher des Abends vorher mit bei der Geſellſchaft im Jtaliaͤnerkeller geweſen war. Dieſer ſah die Brieſe auspacken, und errieth, da er Paquete mit der Addreſſe an den Magiſter erblickte, was die darauf bemerkten gedruckten Sachen ſein konnten.

Confuſelins wurde noch deſſelben Tages wieder in den Jtaliaͤnerkeller eingeladen, und da kamen denn gar bald die Poſtpaquete mit gedruckten Sa - chen zur Sprache. Allein der Herr Magiſter ge - ſtand nichts, ſondern gab vor, es waͤren gelehrteWerke,109Werke, die man ihm von auswaͤrts zugeſchickt haͤt - te. Man bat ihn, er moͤchte doch der Geſellſchaft die empfangenen Schriften auch mittheilen. Das verſprach er, und ſuchte, um ſein Wort zu halten, in Herrn Schnitzers Buͤchervorraͤthen, (denn er gieng itzt da wieder aus und ein,) verſchiedne noch ungebundene Sachen aus, borgte ſie ihm ab, und brachte ſie Albrechten, damit er ſie nebſt ſei - nen Freunden leſen koͤnnte.

Uebrigens aber fieng er doch an ſich etwas mehr, als bisher, vor der Geſellſchaft dieſer muth - willigen Buben zu huͤthen. Deſto ordentlicher hin - gegen gieng er wieder in die Tabagie, wo er die vorige Rolle von neuem ſpielte, und wo man ihm, weil da ein jeder die auf Oſtern bevorſtehende Ein - nahme fuͤr gewiß hielt, als einem Manne, der auch in Anſehung der Baarſchaft geborgen waͤr, begegnete, weshalb ihn auch die beiden Glaͤubiger nicht mahnten.

Albrecht und ſeine Freunde begnuͤgten ſich, ihn in ihrer Mitte zum Beſten zu haben, und hielten wirklich uͤber alles, was ſie wußten, rei - nen Mund. Da nun jene Auftritte und ſeine Schriftſtellerei faſt vergeſſen waren; ſo lebte Con - fuſelius vor der Hand ziemlich ruhig. Zwar er - ſtieg der Mangel in ſeiner Wohnung die aͤußerſteHoͤhe.110Hoͤhe. Er ſollte Hausmiethe bezahlen und aus - ziehn: denn der Schuſter war nicht einfaͤltig genug, an eine ſehr nahe beſſere Zukunft zu glau - ben. Der erſte Zahlungstermin bei’m Vater Buſch ruͤckte auch heran; aber wegen dieſes Punktes verließ ſich Confuſelius auf den Sohn. Ein andres Dachſtuͤbchen hatte er endlich auch erfragt; und zu kleinen Beduͤrfniſſen aller Art borgten ihm bald Schnitzer, bald Albrecht einige Groſchen.

Voller Kummers aber war unſer Mann doch bei alle dem beſtaͤndig, weil er ſich unmoͤg - lich des Gedankens entſchlagen konnte, wie es auf Oſtern, oder vielmehr nach Oſtern, wenn die Finte, daß Albrecht Geld fuͤr ihn von Leip - zig mitbraͤchte, aus Licht kaͤme, werden ſollte. Er ließ dieſem mehr als einmal etwas davon merken; Albrecht troͤſtete ihn aber damit, daß man ihm doch nichts nehmen koͤnnte, wenn er nichts haͤtte.

Eines Tages kam Albrecht in großer Eile mit einem dicken Buche zu ihm. Hoͤren Sie, Herr Magiſter, ſagte er, mir iſt etwas einge - ſallen. Was thut der Menſch nicht, wenn er in Noͤthen iſt? Da hab ich in meines Vaters Buͤchervorrathe Doctor Fauſts Hoͤllenzwang ge -fun -111funden. Den Henker! da ſteckt tiefe Kunſt drin - nen. Sie ſind ein Mann von Kopfe; nehmen Sie doch das Werk vor, und ſtudieren Sie es. Jch will eben nicht ſagen, daß Sie den Teufel citiren, oder ſich gar ihm ergeben ſollen, damit er Jhnen Geld bringe: aber man kann ſich doch mit ſolchen Kuͤnſten manchen Leuten unentbehr - lich und furchtbar machen. Verſtehen Sie mich? Jhnen darf ich nichts weiter ſagen?

Confuſelius ſah die Sache nicht als eine Kleinigkeit an. Er gab Albrechten ſo gar zu verſtehn, daß er nicht ganz fremd in dieſer Kunſt waͤre, und ſie nichts weniger als verwuͤrfe; nur ſei er, fuhr er fort, von der Sache abgekommen, wolle ſich aber nun mit Fleiße drauf legen und dankte Albrechten ſehr, daß er ihm das Werk borgen wollte.

Nunmehr ſtudierte Confuſelius Tag und Nacht ſo emſig, daß er Eſſen und Trinken, ja ſeine eigne uͤble Lage daruͤber vergaß: denn er ſah ſich ſchon im Geiſte mit ungezaͤhlten Schaͤ - tzen verſehn. Er wollte allerdings, wie ihm Al - brecht nicht eben beſtimmt rieth, den Teufel citiren, und allenfalls einen Vergleich mit ihm treffen; denn, dachte er, hier in dieſer Welt kann Mei - ſter Urian einem armen Manne wohl mehr nuͤ -tzen,112tzen, als der liebe Gott, der es wohl auch nicht eben ſo uͤbel nehmen mag, wenn man ſich durch jenen mit dem zeitlichen Drecke verſorgen laͤßt; zuletzt hilft er einem doch wohl wieder von dem ſchwarzen Kerl los.

Er vergaß uͤber dieſem neuen Studium ei - nigemal die Tabagie, ja ſo gar die beſtimmten Mahlzeiten bei Schnitzern: und wenn er ja dahin kam, ſprach er ſo geheimnißvoll von uͤbernatuͤr - lichen Dingen, gab ſeinen Zuhoͤrern ſo viel zu errathen, und war uͤbrigens ſo ſtill und nach - denkend, daß man nicht wußte, was man aus ihm machen ſollte, ihn aber doch dabei noch im - mer fuͤr einen Mann hielt, welcher unergruͤndlich gelehrt ſein muͤſſe, was auch immer ſeine Neider ſagen moͤchten.

Er verſchlang, was er las, und glaubte ſich, wenn er denn daruͤber nachdachte, faſt voͤllig im Beſitze der ſchwarzen Kunſt. Daher gebehrdete er ſich oft des Nachts wie ein Wuͤthender und citirte uͤberlaut den boͤſen Geiſt.

Seine Wirthsleute hoͤrten einigemal ſein To - ben, und ſahen nach ihm: aber ſo bald er jemand kommen hoͤrte, veraͤnderte er Sprache und Stel - lung, verbarg ſein Buch, und gab vor, daß er ſtudiere, und eine Oration, die er naͤchſtens hal -ten113ten ſollte, deelamire. Der Nachtwaͤchter hatte ihm ſchon ein paarmal zugehoͤrt: einſtmals bloͤk - te aber Confuſelius ſo, daß der Mann an die Hausthuͤre ſchlug, und durchaus hineinwollte, um zu ſehn, was vorgieng.

Der Magiſter oͤfnete ſein Fenſter, und fragte, was es gaͤbe?

Nun, was weis ich’s? ſagte der Nachtwaͤch - ter; es iſt ja hier alle Naͤchte ſo ein Hoͤllenlaͤrm; es muß doch was im Hauſe vorgehn?

Auf der Welt nichts, verſetzte Confuſelius; ich armer Mann habe oft den Magenkrampf ſo arg, daß ich mich des Schreiens nicht enthalten kann.

Der Waͤchter beklagte ihn, rieth ihm eine Medicin, die vielen Menſchen geholfen haͤtte, und gieng ſeines Thuns fort. Von der Zeit an, wurde Confuſelius vorſichtiger: und es war auch hohe Zeit; denn trotz deſſen, was er ſagen moch - te, munkelte ſich’s doch ſchon in der Gaſſe von ihm herum, daß er mit Geiſtern zu thun haͤt - te.

Er nahm alſo andere Maasregeln, gieng in einen nahen Wald, ſuchte den einſamſten Platz aus, der zugleich Raum zu einem Zirkel enthielt, und ſtellte dort ſeine Beſchwoͤrungen an. DaßHes114es ihm bald geliugen wuͤrde, ſchien ihm gewiß; er hatte, (wie er Albrechten, der ihn oft frag - te, wie weit er in ſeiner Kunſt waͤre, verſicher - te,) ſchon verſchiedene Anzeigen, und fand, daß der Wald, ſich beſſer zu dergleichen Operationen ſchickte, als eine enge Stube; denn mehr als einmal haͤtte er ein bedeutendes Rauſchen zwi - ſchen den Baͤumen gehoͤrt, welches nicht natuͤr - lich ſein koͤnnte; ja es haͤtte ihm einmal ſo gar der Erdboden zu zittern, und ein andermal ein Blitz zwiſchen den Baͤumen ſich zu kreuzen geſchie - nen.

Albrecht nahm die Miene des Erſtaunens und der groͤßten Erwartung an, ermunterte ihn aber doch, fortzufahren, damit er bald Meiſter in der Kunſt wuͤrde, da er ſchon ſo nahe daran ſchiene. Dabei bat er ihn, daß er ſeiner, wenn er im Beſitz der Schaͤtze dieſer Erde ſein wuͤrde, nicht vergeſſen moͤchte: denn da ihn ſein Vater ziemlich knapp hielte, koͤnnte er wohl auch etwas brauchen.

Confuſelius meinte, es verſtaͤnde ſich von ſelbſt, daß er demjenigen, welcher durch Mitthei - lung dieſes Buchs ſchlummernde Gaben in ihm erweckt haͤtte, den Dank nicht ſchuldig bleiben wuͤrde.

Albrecht115

Albrecht hatte ſeine Freunde bereits auf herr liche Feſte zubereitet, wenn der Magiſter etwas weiter in ſeiner Narrheit ſein wuͤrde: allein es kam nicht dahin, weil ein Verwandter ſeines Va - ters ihn ſelbſt unter ſehr vortheilhaften Bedingun - gen nach Amſterdam in ſeine Handlung berief, und er alſo den Ort verlaſſen mußte. Und nun ward es auch unumgaͤnglich noͤthig, daß er vor ſeinem Abgange Doctor Fauſts Hoͤllenzwang ſtillſchweigend wieder in ſeines Vaters Buͤchervorrath brachte. Folglich hoͤrte Confuſeliuſſens Studieren auf. Es war mir vorbehalten, ihm Gelegenheit zur Fort - ſetzung dieſes Studiums zu verſchaffen, und ihm dabei ganz anders zuzuſetzen, als vermuthlich der muthwillige Albrecht Buſch gethan haben wuͤrde, der bloß die Grille hatte, den Magiſter in Geſellſchaft ſeiner Freunde zum Beſten zu haben, aber es doch leidlich zu machen.

Das letzte Abentheuer, welches Albrecht mit dem Magiſter beſtand, war ſo luſtig, daß mei - ne Leſer hoffentlich dabei gern vergeſſen werden, ob der ſeinſollende Held dieſer Geſchichte, Fritz Nickel Schnitzer, ſchon gebohren ſei, oder erſt noch ge - bohren werden ſolle.

Es ereignete ſich naͤmlich ein Vorfall, der den Anlaß gab, daß Fauſts Hoͤllenzwang eher auf dieH[2]Seite116Seite gelegt ward, als es außerdem noͤthig geweſen waͤre: denn da Albrecht fort ſollte, ſo gab’s nicht mehr Zeit, zweierlei Geſchaͤffte, von denen ein je - des eigne weitlaͤuftige Anſtalten erforderte, zugleich zu verrichten. Alſo griff Albrecht, vor allen Dingen nach dem, was das meiſte Aufſehn machte.

Er erfuhr, daß in einem benachbarten kleinen Staͤdtchen eine herumziehende Schauſpielertruppe angekommen ſei. Sogleich wurde beſchloſſen, daß dieſe Geſellſchaft eins von den Confuſeliuſſiſchen Stuͤcken auffuͤhren ſoͤllte. Freund, ſagte Albrecht, indem er ſchnell bei dem Magiſter in die Stube trat, es zeigt ſich eine Gelegenheit, Jhre Arbeit auf die Buͤhne zu bringen! Jn * iſt eine Schauſpielerge - ſellſchaft angekommen; wir wollen hin, ſogleich hin, und dieſen Leuten eines von Jhren Stuͤcken lieber umſonſt geben, damit ſie deſto williger werden, es einzuſtudieren. Sie wiſſen, wie unſer hieſiges Publikum iſt; alles wird hinaus ſtuͤrzen, und dann bei der Auffuͤhrung erſt ſehn, was Sie geliefert ha - ben.

Welch ein Einfall fuͤr den nach Ruhme ſchmach - tenden Magiſter! Aber er hielt ſich nicht bei Be - wunderung des Einfalles auf, ſondern ſchickte ſich auf der Stelle an, nach * zu gehn.

Nein!117

Nein! ſagte Albrecht, zu Fuße koͤnnen Sie nicht hin. Der weite Marſch wuͤrde meinen gelehr - ten Freund zu ſehr ermuͤden, und uns noch dazu aufhalten.

Alſo wandt er die Miethe von zwei Pferden daran, und ſo ritten denn die beiden im vollen Ja - gen davon, und kamen, mit allen drei Stuͤcken verſehn, wohl behalten bei der Truppe an.

Der Direktor bezeigte ſich ſehr vergnuͤgt, daß ſein Theater die Ehre haben ſollte, ein Stuͤck, welches noch nirgend gegeben worden, vorzuſtel - len; und Albrechr wußte dieſen großen Vortheil noch mehr zu erheben. Man fand indeſſen das Perſonale, des Trauerſpiels ſo wohl, als des Dra - mas zu zahlreich fuͤr die kleine Truppe: alſo wurde Nothzuͤchtigung und Heirath aus Zwange gewaͤhlt.

Albrecht half nun die Rollen austheilen, und den Vertrag zwiſchen dem Dichter und dem Di - rector ſchließen. Zu folge deſſelben, ſollte der Ver - faſſer die Haͤlfte der Einnahme ziehen, die gewiß, wie Albrecht ſelbſt ſorgen wollte, ſehr groß ſein wuͤrde: dafuͤr aber ſollte er die Rolle des Predi - gers ſelbſt ſpielen, weil zu dieſem ehrwuͤrdigen Charakter ein Mann von Anſtande noͤthig waͤr, woran es der Truppe zu fehlen ſchien.

H 3Alles118

Alles wurde nunmehr feſtgeſetzt, und dabei die beiden Bedingungen ausgemacht, daß die Sache vor der Hand verſchwiegen gehalten, aber das Stuͤck puͤnktlich binnen vierzehn Tagen gelernt und einſtudiert ſein ſollte. Nach den vierzehn Tagen wollte man den Tag der Auffuͤhrung anſetzen und oͤffentlich bekannt machen.

Confuſelius ritt zwar mit Albrechten wieder nach Hauſe, kehrte aber des andern Tages mit dem fruͤheſten zu Fuße zur Schauſpielertruppe zuruͤck, und verließ ſie nicht wieder. Er hatte alle Haͤnde voll zu thun, ſeine Mitſpieler recht abzurichten, bat ſich aber auch fuͤr dieſe Muͤhe beim Direktor zu Gaſte, der jedoch heimlich alles, was verzehrt ward, aufſchrieb.

Den vierzehnten Tag kam Albrecht, war bei der Probe zugegen, und bezeigte vollkommen ſei - nen Beifall. Nun wurde der Tag angeſetzt; Al - brecht und Confuſelius uͤbernahmen die Bekannt - machung; der letzte gieng ſelbſt nach Hauſe, und ſorgte, daß die Ankuͤndigung geſchwind gedruckt ward. Albrecht gab das Geld dazu her: denn Va - ter Buſch wollte ſich nicht damit befaſſen.

Waͤhrend der Abweſenheit des Herrn Magiſters konnte kein Menſch begreifen, wo er ſo lange ſteckte; es verbreiteten ſich auch ſchon allerhand uͤble Geruͤchte,daß119daß er ſich erſaͤuft haben, oder doch davon gelaufen ſein muͤßte: aber itzt beſchaͤmte er die boͤſen Zun - gen, die ſo was geſagt hatten, deſto mehr, da er erzaͤhlte, was fuͤr Anſtalt er gemacht hatte. Sei - ne Freunde in der Tabagie, die ſelbſt nicht ganz abgeneigt geweſen waren, dem Laͤſtergeruͤchte Glau - ben beizumeſſen, bezeigten ſich unendlich erfreut, ihn wieder zu ſehn; und noch mehr freuten ſie ſich, daß endlich eines ſeiner Stuͤcke zur oͤffentlichen Auf - fuͤhrung kommen ſollte. Er hatte ſich ein Dutzend Freibillets ausbeduugen; mit dieſen uͤberraſchte er ſie und einige andere Bekannte aufs ange - nehmſte.

Die groͤßte Angſt hatte jedoch Confuſelius noch um den prieſterlichen Anzug. Er mußte doch durch - aus Prieſterrock und Ueberſchlag nebſt einer runden Peruͤcke haben; und woher das alles nehmen? Albrechten und ſeinen Bekannten war zu viel dar - an gelegen, daß er in dieſem Ornat auf der Buͤhne erſchiene; alſo zerbrachen ſie ſich ſelbſt die Koͤpfe, Mittel dazu ausfindig zu machen. Doch zu gutem Gluͤck hatte ein Schneider erſt kuͤrzlich einen Prie - ſterrock bei einer Predigerwittwe gekauft, um das Zeuch zu andern Kleidungsſtuͤcken zu verbrauchen. Dieſes ward entdeckt: der Schneider hatte ſchon angefangen, den Prieſterrock zu zertrennen; aberH 4Dou -120er mußte ihn wieder zuſammennaͤhen, und fuͤr ein Douceur herleihen. Ein Ueberſchlag war bald gemacht, und eine alte Stutzperuͤcke fand Albre[c]hts Friſeur in einem Winkel, und brachte ſie ein we - nig in Ordnung. Alſo ward auch dieſer Sorgen - ſtein dem Magiſter vom Herzen genommen.

Alles, was einen Wagen oder ein Reitpferd zu bekommen wußte, und was, wo dieß nicht ſein konnte, zwei geſunde Fuͤße hatte, ſtuͤrzte am Tage der Auffuͤhrung nach *; kein Menſch wollte dieſes merkwuͤrdige Schauſpiel verſaͤumen.

Die Entree koſtete 8, 4 und 2 Groſchen und das gab ein jeder gern; ja es fehlte gar bald ſo ſehr am Platze, daß ſich viele gar aufs Theater draͤng - ten; und Confuſelius wurde ſo ſtolz auf die große Menge von Zuſchauern, daß er ſich nicht nur gegen dieſe, ſondern auch gegen ſeine Mitſp[i]eler inſolent betrug.

Albrecht und ſeine Freunde hatten beſchloſſen, faſt ununterbrochen zu klatſchen; andere hingegen pochten, pfiffen, lachten, und ſprachen ganz laut. Es war ein ſo wunderſam vermiſchter Laͤrm, daß man aller Augenblicke vom Theater her um Stille bitten mußte. Confuſelius, welcher im Prieſter - rock und ſeiner Stutzperuͤcke den Souffleur machte, trat ſelbſt zuweilen mit gebietriſcher Miene hin -ter121ter der Couliſſe hervor, und gebot mit Ziſchen, zu ſchweigen.

Die Acteure und Actricen ſpielten ihre Rol - len ſo natuͤrlich, und verſetzten ſich ſo gluͤcklich in den Charakter, den ein jedes vorzuſtellen hatte, daß unter andern die vier Bordellſchweſtern, die ſich mit einander ſchlagen und raufen mußten, im Ernſt auf einander ergrimmten, und eine der an - dern blutige Naſen ſchlug. Eine davon, die uͤber der Schlaͤgerei einen Zahn einbuͤßte, wurde ſo er - bittert uͤber ihre Gegnerinn, daß diejenige, welche die Kupplerinn ſpielte, nicht vermoͤgend war, Ver - ſoͤhnung zu ſtiften, ſo daß ſich noch einige von den Zuſchauern, und darunter beſonders Albrecht drein legen mußten, die anfgebrachten Gegnerinnen zu - frieden zu ſtellen, damit nur fortgeſpielt werden koͤnnte. Doch die Zuſchauer hatten durch dieſes Zwiſchenſpiel deſto mehr an Stoff zum lachen ge - wonnen.

Als es bald dahin kam, daß der Prieſter auf - treten ſollte, d. h. waͤhrend des zweiten Aets, ſchlich ſich einer von Albrechts Freunden zu dem Geiſtli - chen des Orts, den man in der ganzen Gegend als einen ſtolzen, hitzigen und ſtuͤrmiſchen Mann kannte, und der bekanntlich uͤberhaupt an derglei - chen Poſſen kein Vergnuͤgen fand. Mein HerrPaſtor122Paſtor, ſagte er, ich bin zwar ſelbſt der Comoͤdie wegen, die das abſcheulichſte Ding von der Welt iſt, hierher gekommen; aber ich aͤrgere mich uͤber mein weggeworfenes Geld. Es iſt nichts als Skan - dal und Unſinn. Haben Sie es noch nicht gele - ſen, oder davon gehoͤrt? Es erſcheint zuletzt ein Prieſter im vollen prieſterlichen Ornat.

Was? ſagte der Prediger. Nein, ich habe den Quark weder geleſen, noch leſen hoͤren wollen. Was? im prieſterlichen Ornat?

Ja, wahrhaftig! Sie ſollten das nicht leiden; ich glaube, er wird bald erſcheinen; hinter der Couliſſe hab ich ihn ſchon vorgucken ſehn; Prie - ſterrock, Ueberſchlag und runde Peruͤcke; alles wie

Das kann nicht gelitten werden, ſagte der alte Paſtor und lief, ungewiß was er thun ſollte, in der Stube auf und ab.

Schicken Sie doch, rieth der Verraͤther, ein Paar handfeſte Schuljungen mit dem Bettelvogt hin, und laſſen ihn vom Theater treiben.

Das will ich, das will ich, rief der Paſtor aus, lief ſelbſt hinaus, und ſuchte die Jungen und den Bettelvogt. Aber ja leider, ſie waren in der Comoͤdie!

Hier123

Hier war alſo nichts zu thun, als daß der Paſtor die erſten beſten Knechte vom Pfarrhofe ſelbſt abſchicken mußte. Dieſe wurden denn unter - richtet, was ſie zu thun haͤtten.

Albrechts Freund nahm ſie mit, und zeigte ihnen den Weg aufs Theater; jedoch rieth er ih - nen, ja nicht eher ſichtbar zu werden, als bis der Geiſtliche auftraͤte, ſo fern er nicht etwa ſchon auf dem Theater ſtuͤnde.

Aber Confuſelius ſtand bereits da; und ſo fuhren denn auch die Knechte gleich zu, riſſen ihm den Prieſterrock vom Leibe und die Peruͤcke vom Kopfe, und zerrten ſo unbarmherzig an dem Ueber - ſchlage, daß Confuſelius beinah erdroſſelt ward. Er ſchrie um Huͤlfe, und erhielt ſie auch. Die uͤbrigen Perſonen auf der Buͤhne draͤngten ſich au - genblicklich zu: da aber Confuſelius unter andern etliche Rippenſtoͤße bekommen hatte, ließen ſie ſich, um nicht auch ſo was zu erfahren, in nichts ein, als daß ſie den Ueberſchlag loͤſten, ihn geſchwind vollends ausziehen halfen, und den beraubten Mit - ſpieler entfernten. Die Knechte ſchrien, indem ſie ihn ſo unbarmherzig entkleideten: man wird ihn lehren, das heilige Amt ſchaͤnden. Confuſelius hin - gegen ſchrie, Huͤlfe! Rettung! die andern Schau - ſpieler und Schauſpielerinnen ſchrien durcheinan -der;124der; und alle Zuſchauer lachten aus vollem Halſe. Und das gab abermahls einen Laͤrm, von dem die Mauern zu Jericho haͤtten einfallen koͤnnen.

Albrecht draͤngte ſich, wie außer ſich vor Be - Beſtuͤrzung, durch die Menge, welche dem Thea - ter von außen zuſtroͤmte; und als er an ſeinen ent - kleideten Freund heran kam, rang er jammernd die Haͤnde uͤber den Unfall. Confuſelius ſaß im bloßen Hemd und Beinkleidern da, denn die Knech - te hatten nicht eher geruht, als bis ſie ihm auch den ſchwarzen Rock und die Weſte herunter gezo - gen hatten. O Gott, ſchrie Confuſelius, nach - dem, trotz des Laͤrmens, den die Frauenzimmer vorhin machten, alles ſo vortreflich gegangen war, koͤmmt ein ſolches Ungluͤck!

Beruhigen Sie ſich, ſagte Albrecht, ſo was kann jedem begegnen. Freilich wenn man gewußt haͤtte, daß der Paſtor hier, auf deſſen Anſtalt, wie ich hoͤre, die Kerle Sie uͤberfallen haben, ein ſo ſtrenger Mann waͤre, ſo haͤtte man Prieſterrock und Kragen weglaſſen koͤnnen. Denn eigentlich iſt’s doch wohl ein Mißbrauch, in ſolchem Ornat aufs Theater zu treten. Sie koͤnnen nichts mit ihm machen, Herr Magiſter: denn er behaͤlt Recht wenn Sie klagen.

Aber125

Aber verſetzte der Magiſter, wo ſind denn die Kleider? die haben die Kerls mitgenommen; und krieg ich ſie nicht wieder, ſo muß ich ſie bezahlen.

Albrecht verſprach, dafuͤr zu ſorgen, und that es wirklich, beſonders da er ſelbſt mit dafuͤr ſtehn mußte.

So lief demnach dieſe weit und breit beruͤhm - te Comoͤdie ab. Der letzte Auftritt hatte, wegen der Dazwiſchenkunft der Pfarrknechte, den Zu - ſchauern den Spaß am vollkommenſten gemacht. Das Stuͤck war lange aus, als der Jubel daruͤber noch dauerte. Viele, beſonders die wilden Juͤng - linge, blieben uͤber Nacht in *, und wollten durch - aus den Magiſter Confuſelius ſehn, der ſich aber nicht ſehen ließ, und brachten ihm ein Staͤndchen von funfzehn bis ſechzehn graͤßlich verſtellten Stim - men, welche eine verſtimmte Violine und ein Du - delſack begleiteten.

Am Morgen endlich, da alle Fremden wieder fort waren, rechnete Confuſelius mit dem Direk - tor zuſammen, welcher nunmehr nicht nur eine große Rechnung wegen der Zehrung in den vierzehn Vorbereitungstagen, (in denen ſie ſich nichts hat - ten abgehen laſſen,) brachte, ſondern uͤberhaupt die Haͤlfte der Einnahme erſt nach Abzug aller Un - koſten dem Magiſter bezahlen wollte.

Das126

Das wollte dieſer nicht zufrieden ſein und ward hitzig; der Direktor ſagte ihm aber rund her - aus, er habe ſich mit ſeiner Fratze vom Stuͤck, woruͤber ſich alle Welt aufgehalten haͤtte, nur Schande gemacht.

Der Magiſter behauptete, er wuͤrde den Zu - lauf nicht gehabt haben, wenn er ein ander Stuͤck gewaͤhlt haͤtte, und wollte nun noch dazu auch als Schauſpieler bezahlt ſein.

Beide ſagten einander die groͤßten Anzuͤglich - keiten, und wurden nach und nach immer erboß - ter, bis es endlich gar zum Handgemenge kam, worinn Confuſelius wiederum den kuͤrzern zog, weil die ganze Truppe gegen ihn zuſammen trat. Sie hatten ſchon alle zuſammen des Spotts uͤber ihn zuviel geſehen und gehoͤrt, und glaubten ihn alſo nicht mehr ſchonen zu duͤrfen.

Albrecht und ſeine Freunde waren ebenfalls uͤber Nacht in * geblieben, weil ſie einen Auftritt, wie er nun vorfiel, im voraus vermuthet hatten: ſie lauerten alſo in dem nemlichen Gaſthofe drauf, und horchten vor der Stube, in der Confuſelius erſt ganz friedlich mit der Geſellſchaft das Fruͤhſtuͤck einnahm, dann aber in beſagten Zank gerieth. Als ſie aber merkten, daß alles auf den armen Magiſter loskeulte, und ſie ihn abermals um Huͤl -fe127fe ſchreien hoͤrten, ſtuͤrmten ſie hinein und rette - ten dieſen Maͤrtyrer ſeines Genies. Der Streit wurde nun ſo weit geſchlichtet, daß ſich Confuſe - lius ſeine Mundportion fuͤr zwo Wochen abziehen ließ, und beide Theile, er und der Direktor, die Unkoſten zur Haͤlfte trugen.

Bei alle dem hatte der Magiſter doch fuͤr ſeine Muͤhe und ſeine ausgeſtandenen Unfaͤlle einen huͤb - ſchen Thaler Geld. Er vergaß alſo gern, was er ausgeſtanden hatte, und nahm hoͤchſt vergnuͤgt Ab - ſchied von der Truppe. War doch nun endlich ei - nes von ſeinen Stuͤcken wuͤrklich aufgefuͤhrt, und dabei eine ſolche Menge von Zuſchauern geweſen, von denen viele geklatſcht hatten. Albrecht und ſeine Freunde machten ihm auch noch eine Menge Complimente, die er alle fuͤr baaren Ernſt auf - nahm.

Jtzt war er nur verlegen, wie er die Ruͤckreiſe nach Hauſe machen ſollte. Zu Fuß wollte es nicht recht angehn, weil er von dem geſtrigen und heu - tigen Kampf und von der entbehrten Nachtruhe noch ziemlich muͤde war. Aber er hatte ja nun auch Geld, um ein Miethpferd zu bezahlen.

Albrecht wußte hier wiederum Rath. Blei - ben Sie, ſagte er, noch eine Stunde hier: wir wollen nach Hauſe reiten, was die Pferde laufenkoͤn -128koͤnnen, und wollen Jhnen einen Gaul von Haus aus entgegen ſchicken. Nach Verlauf einer Stun - de gehen Sie immer langſam fort; ſo werden Sie das Pferd treffen, und es koſtet Sie doch nicht ſo viel: denn, ſetzte er leiſe hinzu, mein Vater weis ſchon die Einnahme, die Sie hier gehabt haben; und er wird vermuthlich etwas davon haben wollen; auch haben Sie der Schulden ohnehin mehr.

Confuſelius ließ ſich das gefallen, und die jungen Leute jagten, ſo ſchnell ſie konnten, um in die Stadt zu kommen. Albrecht wußte, daß ein reicher Muͤller unter ſeinen Eſeln etliche ziemlich große Mauleſel hatte. Von denen borgte er einen, ſchafte geſchwind Sattel und Chabracke, alles ſehr g[l]aͤnzend herzu, und ſchickte ihm das Thier ſo entgegen.

Dieſes alles nahm einige Zeit hinweg, und Confuſelius mußte lange wackeln, ehe er das ver - ſprochene Pferd erblickte. Deſto mehr Freude aber machte ihm der Anblick, da es ſo ſtattlich ge - ſchmuͤckt kam. Er fand es freilich etwas klein; aber um den Unterſchied von Pferd und Mauleſel hatte er ſich nicht bekuͤmmert: alſo dachte er auch nicht daran, daß ihm hier ein Thier von der letzternArt129Art ſeinen Ruͤcken bot, ſondern hielt es fuͤr ein Roß, das ſo recht fuͤr ſeine Taille gemacht waͤre.

Das letzte, was Albrecht noch fuͤr ihn that, war, daß er nebſt ſeinen Freunden einer Bande lu - ſtiger Jungen Geld gab, damit ſie am Thore, wo Confuſelius einpaſſiren ſollte, aufpaſſen, und dann, wenn er kaͤme, ſaͤmtlich ſchreien mußten: Vivat unſer großer Confuſelius! Mit dieſem Ausrufe ſollten ſie ihn bis an ſein Quartier begleiten. Ei - ner von den andern jungen Leuten lief in den naͤch - ſten Garten, wo am Eingange Tannen ſtanden, und ließ ſich Zweige geben, die er unter die Kna - ben vertheilte, um ſie dem Magiſter ſtatt Lorbeeren zuzuwerfen.

Dieſer wußte, als er ankam, gar nicht, was er von dem Vivat, von dem Zuruf und der Be - gleitung der Knaben denken ſollte. Er war ſehr geneigt, es fuͤr Ehrenbezeigung aufzunehmen; aber der Zulauf mehrerer auf den Straßen, die zum Theil uͤber den Mauleſel, zum Theil uͤber das Mitlaufen, Schreien und Werfen der Knaben lachten, weckte ihn aus dem ſuͤßen Traume, den er ſchon begonnen hatte. Er haͤtte ſich gern un - ſichtbar gemacht, waͤre gern davon geflogen; aber keines war moͤglich: ſein Ritt gieng immer langſa - mer, weil ſich immer mehr Zulauf fand, er wurdeJnebſt130nebſt dem Maulthiere faſt bis an ſeine Wohnung getragen, und kein Fenſter war auf der Straße, wo er durchkam, unbeſetzt.

Ohne dem, der ihm den Mauleſel entgegen - gebracht hatte und ihm immer nachgefolgt war, zu danken, oder ihm ein Trinkgeld zu geben, oder zu fragen, was er zu bezahlen habe, ließ er, da er endlich ſeine Hausthuͤr erreicht hatte, und her - untergeſprungen war, das Thier ſtehen, rannte ins Haus, und warf die Thuͤre hinter ſich zu. Jn ſeinem Stuͤbchen warf er ſich aufs Bette, und wartete dort ab, daß ſeine im Aufruhr begriffenen Sinne ſich wieder ſammelten, um dann nachzuden - ken, wie es mit ihm ſtuͤnde, was er von ſich ſelbſt zu halten, und nun ferner zu thun haͤtte? Als es endlich zur Berathſchlagung kam, rechnete er ſeine gehabte Freude gegen das Leid, ſein Gluͤck gegen das Ungluͤck, und fand, daß eins mit dem andern aufgienge. Jndem er aber dieſe Bemerkung machte, fiel ſeine Hand von ungefaͤhr auf die We - ſtentaſche; da klapperte Geld, und gab dem Gluͤcke doch den Ausſchlag.

Albrecht beſuchte ihn den Tag nach ſeiner Zu - hauſekunft, und wurde wegen des Mauleſels, (denn Confuſelius hatte vom Thor an bis an ſeinQuar -131Quartier wohl zehnmal gehoͤrt, daß es ein ſolches Thier waͤre, worauf er ritt,) zur Rede geſetzt.

Jch habe das auch gehoͤrt, ſagte Albrecht; und ich wuͤrde uͤber den dummen Streich des Pfer - deverleihers erſchrocken ſein, wenn ich nicht wuͤß - te, daß itzt in den groͤßten Staͤdten wohl Fuͤrſten und Grafen auf Mauleſeln reiten. Das geſchieht, weil ſie ſanfter gehn, und es ein morgenlaͤndiſcher Staat iſt.

Das ließ alſo der Magiſter gelten, aber nun wegen der Knaben?

Herr, ſagte Albrecht, hieruͤber koͤnnen Sie nicht anders als ſehr zufrieden ſein, weil es ein Beweis von der Achtung der Stadt iſt: denn ſo viel ich weis, hat niemand die Knaben angeſtellt; ſie haben Jhnen dieſe Ehre angethan, weil ſie Jh - ren Ruhm von allen Menſchen gehoͤrt haben. Die Menge der uͤbrigen Begleiter darf Sie auch nicht verdruͤßen; ſonſt muͤßten es große Fuͤrſten ebenfalls uͤbel nehmen, wenn bei ihrer Ankunft in einer Stadt alles Volk neben ihnen herlaͤuft Nein, Herr Magiſter, Sie ſind ein wunderlicher Mann, dem nichts recht iſt.

Confuſelius bat vielmals um Verzeihung, wenn er einen ſo lieben Freund mit unnoͤthigen Klagen, die ſeine Hypochondrie ausheckte, zurJ 2Laſt132Laſt fiele, und verſicherte ihn, daß er die Sache nunmehr aus einem andern Geſichtspunct anſaͤhe. Kurz, er war itzt in ſeinen Gedanken wuͤrklich der gluͤcklichſte Mann von der Welt.

Er trug Vater Buſchen etwas auf ſeine Schuld ab, bezahlte ſeinen Wirth, zahlte auch etwas auf die andern Schulden, zog aus, und wieder ein, und hatte nach alle dem noch einige Thaler uͤbrig.

Johann Jacob und die Freunde in der Taba - gie wußten nun zwar eigentlich nicht recht, was fuͤr ein Urtheil ſie ſeit der oͤffentlichen Auffuͤhrung der Nothzuͤchtigung und Heirath aus Zwang von dem Magiſter faͤllen ſollten, da er ſo ziemlich von neuem zum allgemeinen Gelaͤchter worden war: aber ſie ließen ihn doch ſo mit unter ſich laufen, und faßten am Ende den Entſchluß, ihn auch, wie andere, zum Beſten zu haben.

Nun aber kam wieder eine uͤble Epoche fuͤr ihn. Sein Freund Albrecht reiſte ab, und einige Zeit nachher ſieng Vater Buſch an, ihn wegen der Zahlung zu verfolgen: denn nun ward er nicht mehr von ſeinem Sohne zuruͤck gehalten.

Wozu dieß Anlaß gegeben habe, und wie kein Uebel ſo groß iſt, daß es nicht etwas Gutes bewir -ken133ken ſollte, werde ich meinen Leſern im folgenden Abſchnitte ſagen.

Sechſter Abſchnitt. Meine Mutter.

Jch haͤtte vor dieſen Abſchnitt, wie vor den vierten, wiederum die Ueberſchrift ſetzen koͤnnen, Suschen: denn eben ſie war es, welche die Ehre haben ſollte, meine Mutter zu werden. Da ihr aber doch dieſe Ehre nun bald wiederfaͤhrt; ſo konnte ich ſie auch wohl ſchon hier meine Mutter nennen.

Der Leſer wird ſich erinnern, daß Suschen in der Angſt ihres Herzens uͤber das Geſpraͤch zwiſchen Herrn und Madame Schnitzer, welches ſie hinter dem Schirme gehoͤrt hatte, den Ent - ſchluß faßte, ihre Zuflucht zu dem Magiſter Con - fuſelius zu nehmen, und ihn zum Vermittler ih - rer Abſicht auf Johann Jacobs Herz und Hand zu machen; und daß ſie ſich um ſo mehr die Hoff -J 3nung134nung machte, er werde ihr ſeinen Beiſtand nicht verſagen, weil er ſich in ſehr bedraͤngten Umſtaͤn - den befand, aus denen ſie ihn zu erloͤſen, ſich vorgenommen hatte.

Der Hintritt der Frau Schnitzerinn erfolgte im Herbſte des nehmlichen Jahres, da Albrecht bald nach Oſtern die Stadt verlaſſen hatte. Jn dem halben Jahre, welches ſeitdem verlaufen war, hatte Confuſelius ſchon viele angſtvolle Stunden gehabt: denn Vater Buſch ſuchte ihn wenigſtens eine Woche um die andere mit ziem - lich derben Mahnbriefen heim; und der arme Magiſter hatte ſchon alle erdenklichen Finten er - ſchoͤpft, um immer wieder Nachſicht zu erhalten. Ueberdieß fehlte es ihm allenthalben; auch der Kleidungsglaͤubiger hatte einige mal mit Ernſt an - gefragt, ob er ihn nicht bald vollends bezahlen wuͤrde?

Dieſes war jedoch unter ſeinen Sorgen noch die geringſte: denn in der Tabagie hatte man im - mer noch die beſte Hoffnung, daß er durch ir - gend einen Zufall aufkommen werde; und man ſchonte ihn hier noch mehr, nachdem ſich ein wichtiger Mann eingefunden hatte, der viel auf ihn hielt.

Jn135

Jn Johann Jaeobs Gaſthof war nemlich vor einiger Zeit ein alter Edelmann eingekehrt, wel - cher die Confuſeliuſiſchen Theaterſtuͤcke geleſen, und mit ſeinem Beifall beehrt hatte. Zwar ge - fiel es ihm nicht, daß er in ſeiner neuen Staats - verfaſſung dem Adel nicht nur große Abgaben vorzuͤglich aufwaͤlzte, ſondern ihn auch ſogar vom Hofe verdraͤngen wollte. Da er aber hernach den Magiſter ſelbſt kennen lernte; und dieſer, nach einigen Unterredungen uͤber die bei - den ſtreitigen Puncte, ſeinen Jrrthum erkannte, und die Gruͤnde des alten Barons, warum der Adel billig ſteuerfrei bleiben, und ihm die Hof - ſtellen ausſchließlich uͤberlaſſen werden muͤßten, ſo vollkommen einſah, daß er ſeine Staatsver - faſſung ganz zu unterdruͤcken verſprach; ſo ſchenk - te ihm dieſer ſeine Gewogenheit vollkommen, und bat ſich von ihm die zwei andern Stuͤcke aus, von welchen Abſalom der Rebell, (wie er her - nach meinte, da er ſie durchgeleſen hatte,) vollkom - men auf ſeinen Schwiegerſohn paßte, der wegen des muͤtterlichen Vermoͤgens ſeiner Tochter viel Laͤrm und Streit mit ihm angefangen haͤtte. Die Nothzuͤchtigung und Heirath aus Zwang gefiel ihm um eines Enkels willen, der, wie er ſagte, ein liederlicher Faͤhndrich waͤreJ 4und136und den Huren nachliefe. Auch wollte er dem jungen Herrn gleich ein Exemplar von dieſem Stuͤcke zur Warnung ſchicken, damit er ſaͤhe, was aus ſolchem Leben endlich herauskaͤme.

Die Freundſchaft zwiſchen ihm und dem Magiſter wurde ſo warm, daß ihn der alte Herr mit ſich auf ſein Gut nahm, vermuthlich um noch viel von dem gelehrten Manne zu lernen. Aber die Freude dauerte nicht lange, weil der Baron ploͤtzlich, ehe ſein neuer Client noch ſechs Wochen auf dem Guthe geweſen war, mit Tod abgieng. Confuſelius mußte alſo wieder abreiſen, und brachte weiter kein Andenken von ſeinem Freund und Goͤnner mit ſich weg, als einen Rock mit Zubehoͤr, den ihm der Alte kurz vor ſeinem Tode geſchenkt hatte.

Der Magiſter hatte nicht große Luſt, nach ſeiner Vaterſtadt zuruͤck zu kehren, weil dort im - mer noch Schulden zu bezahlen waren. Eher noch war er halb und halb geſonnen, nach Amſterdam zu reiſen, um dort durch Fuͤrſprache ſeines Freun - des Albrecht ein Unterkommen zu ſuchen. Allein da er die Weite des Weges, den gaͤnzlichen Man - gel an Mitteln, ſich durch zu zehren, und naͤchſt dem beſonders den Umſtand uͤberlegte, daß Albrecht ihn doch auch dort nicht ganz aus ſeinem Beutelernaͤh -137ernaͤhren wuͤrde; ſo ſtand er wieder von dieſer Reiſe ab: und da er in der ganzen weiten Welt keinen Ort wußte, wohin ihn auch nur ein Funken Hoff - nung lockte, ſich erhalten zu koͤnnen; ſo blieb ihm nichts weiter uͤbrig, als wieder dahin zu gehn, wo er hergekommen war.

Er kam alſo wohl behalten zu Hauſe wieder an, beſchloß aber, ſich vor dem Vater Buſch ſo lange, als moͤglich verborgen zu halten.

Das gelang ihm auch einige Zeit: denn wenn ihn ſein Weg ja der geraden Linie nach vor Bu - ſch[e]ns Hauſe vorbeifuͤhren mußte, ſo gieng er doch lieber zwo oder drei lange Straßen um, und wan - derte durch einen ganz andern als den naͤchſten Weg dahin, wo er zu verrichten hatte.

Bei Herrn Schnitzer war er, als er vom Lande wieder heim kam, ſehr willkommen; eben ſo auch in der Tabagie, wo er als ein Mann an - geſehn wurde, den wohl noch mehr vornehme Herr - ſchaften eben ſo gut ſuchen wuͤrden, wie der ver - ſtorbene Baron, ohne deſſen Tod er vermuthlich nicht wieder nach Hauſe gekommen ſein wuͤrde.

Jn dieſer Meinung beſtaͤrkte Confuſelius die Geſellſchaft auf alle Weiſe, indem er ſeine in dem Hauſe des alten Herrn gemachten Bekanntſchaf - ten nannte, und nicht genug ruͤhmen konnte, wieviel138viel Ehre ihm von allen erwieſen worden ſei. Auch ſchwatzte er eines Abends davon, daß er ſich halb und halb als Hofmeiſter in einem andern adelichen Hauſe verſprochen haͤtte; nur wollte er ſich, wie er vorgab, weil’s ihm gewiß genug waͤre, ein we - nig ſuchen laſſen.

Die Geſellſchaft zweifelte hieran im geringſten nicht: aber es erhob ſich leider! gar bald ein neuer Unſtern, durch welchen der gute Ruf des armen Confuſelius abermals mehr als ſchwankend ward.

Der Herr Magiſter war ein Menſch wie ande - re. Wen konnte es befremden: daß er auch mit unter, wie andre, den ſuͤßen Trieb der Liebe em - pfand? Wie er aber faſt in allen Stuͤcken ungluͤck - lich war, ſo ergieng’s ihm auch hierinnen. Schon waren mehrere, denen er ſeine Leiden vorgetragen hatte, unerbittlich geweſen; und dieß um ſo mehr, weil er ſeinen gaͤnzlichen Mangel an perſoͤnlichen Annehmlichkeiten nicht durch das geringſte, was ſonſt ſeine Antraͤge haͤtte willkommen machen ſol - len, erſetzen konnte. Nach ſeiner Ruͤckkunft vom Lande war ihm eingefallen, die Frau ſeines neuen Wirths artig zu finden und ſie mit ſeiner Zudring - lichkeit ſo gar zu beſtuͤrmen. Die Frau nahm es aber uͤbel, daß ſich ein ſo haͤßlicher kleiner Menſch, der auch keinen Groſchen anzubieten hatte, unter -ſtehn139ſtehn konnte, ſie liebkoſen zu wollen, und ſagte es ihrem Manne, einem derben Boͤttcher.

Der Mann rieth ihr, den Magiſter auf den Abend in die Schlafkammer zu beſtellen; er ſelbſt wollte verborgen ſein, als ob er nicht zu Hauſe waͤre.

Dieſes geſchah. Alles gieng nach dem Wun - ſche des frohen Magiſters. Er nahte ſich ſeinem Gluͤcke mit ſo ſchnellen Schritten, daß er ſchon an der Seite ſeiner Schoͤnen Platz nehmen wollte, als ſie einen mit ihrem Mann verabredeten Anfall von Huſten bekam, worauf dieſer die Thuͤre oͤfne - te, hereinſtuͤrzte, und mit ſeinem ſpaniſchen Rohr dem vor Schrecken halb todten Magiſter unbarm - herzig zuſetzte.

Confuſelius ſchrie und bat um Gnade, wel - che er denn auch in ſo fern erhielt, daß ihm ver - goͤnnt wurde, ſo wie er war, dem fernern Pruͤgel - regen zu entlaufen. Er ward aber doch von dem barbariſchen Boͤttcher zum Hauſe hinaus auf die Straße getrieben, worauf dieſer die Thuͤre von innen verriegelte.

Jn dieſem traurigen Zuſtande mußte er lange umhergehn. Zwar pochte er einige mal an, und bat, daß man ihn doch ins Haus und in ſeine Stube laſſen, oder ihm wenigſtens ſein erſtes undnoͤthig -140noͤthigſtes Kleidungsſtuͤck geben moͤchte; allein er fand kein Gehoͤr, bis der Nachtwaͤchter zu ſeinem Beiſtand erſchien. Da ihm dieſer nun wirklich Eingang verſchafte, ſo wuͤrde die Geſchichte wenig - ſtens nicht ſo ſehr herumgekommen ſein, wenn nicht die Nachbaren, die vorher durch das helle Geſchrei des Magiſters aufmerkſam geworden waren, in den Fenſtern gegen uͤber die ganze Scene mit angeſe - hen haͤtten, und noch uͤberdieß waͤhrend der Zeit, daß der Waͤchter mit dem Boͤttcher capitulirte, ei - nige Nachtſchwaͤrmer, die Confuſeliuſſen kannten, vorbei gekommen waͤren, die denn nicht eher weg - giengen, als bis ſie den ganzen Handel erkundet hatten, den ihnen der Boͤttcher nach endlicher Oeff - nung ſeiner Hausthuͤre nach allen Umſtaͤnden er - zaͤhlte.

Dieſe neue Fatalitaͤt kam am folgenden Tage uͤberall herum, und hatte die doppelte uͤble Folge, daß Buſch dadurch Nachricht von ſeiner Wieder - kunft erhielt, der denn auch ſo gleich auf ſeine Be - zahlung draug, und daß Herr Johann Jacob Schni - tzer ſammt allen Genoſſen der Tabagie die Koͤpfe wieder maͤchtig ſchuͤttelten.

Nicht acht Tage vor dem Ableben der Frau Schnitzerinn war dieſe Begebenheit vorgefallen: aber da Confuſelius einer der erſten war, der inSchni -141Schnitzers Hauſe als Theilnehmer und Troͤſter er - ſchien, und Herr Johann Jacob vor Betaͤubung uͤber den erlittenen ſchweren Verluſt an den neu - lichen haͤßlichen Streich des Magiſters gar nicht dachte; ſo uͤberkam er gluͤcklich die Auftraͤge, zu denen er ſich ſo eifrig zudraͤngte.

Suschen, die, wie wir wiſſen, ihre guten Urſachen hatte, den Magiſter bei Herrn Schnitzer aufs moͤglichſte wieder voͤllig in Credit zu bringen, redete ihrem Herrn ſelbſt zu, den Magiſter, der doch eine gute Haut, und ſchon ſo lange her ein treuer Freund vom Hauſe geweſen und geblieben waͤre, die Geſchaͤfte des Begraͤbniſſes allein zu uͤberlaſſen, damit nicht, wenn ſich mehrere drein mengten, des Laufens im Hauſe zu viel wuͤrde.

Waͤhrend dieſes geſchah, bekuͤmmerte ſich Con - fuſelius wenig um das, was nicht Beziehung auf ſein itziges Geſchaͤfte hatte, und ließ ſichs zwiſchen den Gaͤngen, die er thun, und den Anſtalten, die er treffen mußte, im Gaſthofe wohl ſein. Auch ließ es ihm Suschen an nichts fehlen, was zur Erquickung ſeiner matten Lebensgeiſter gereichen konnte.

Der Appetit vergieng ihm jedoch auf einmal, als ihm ein Gerichtsdiener, der ihn zu Hauſe ge - ſucht, und den ſein Wirth nach Schnitzers Gaſt -hofe142hofe gewieſen hatte, die Citation vor den Rath zur Einlaſſung auf eine Schuldfoderungsklage von dem Buchdrucker Buſch brachte. Dieß mal hielt indeſ - ſen ſeine Angſt nicht lange an.

Er beſann ſich ſogleich, daß ihm Johann Ja - cob, der nun ſeine Frau nicht mehr zu fragen hat - te, und dem ſeine Dienſte itzt unentbehrlich wa - ren, wohl dieß mal aus der Noth helfen wuͤrde.

Um ſich ſeines Beiſtandes noch mehr zu ſichern, klagte er der Suschen, (die ohnehin ſchon wußte, wie ernſtlich er von Buſchen gedraͤngt wurde,) ſei - ne Noth und bat ſie, daß ſie doch bei Herr Schni - tzern ein gutes Wort fuͤr ihn einlegen moͤchte, da - mit er ihm endlich aus dieſer Verlegenheit huͤlfe. Dafuͤr verſicherte er ſie ſeiner Ergebenheit und Willfaͤhrigkeit zu allen erſinnlichen angenehmen Dienſten.

Der Suschen kam dieſes Vertrauen ſehr er - wuͤnſcht; ſie verſprach, alles Moͤgliche beizutragen, und zweifelte auch nicht an dem beſten Erfolge, rieth aber doch dem Magiſter, Schnitzern ja nicht eher wegen ſeiner Noth auzugehn, als bis ſie ſelbſt ihm ſagen wuͤrde, daß es Zeit ſei. Unterdeſſen ſolle er ſich nur bei dem Rathe noch eine Friſt von vier Wochen ausbitten. Binnen dieſer Zeit wuͤr - de ſich hoffentlich bei Herrn Schnitzer die itzigegroße143große Traurigkeit uͤber den Tod ſeiner lieben Frau ein wenig gelegt haben; und alsdann wuͤrde ſich auch ein vernuͤnftiges Wort mit ihm ſprechen laſ - ſen.

Confuſelius erſchien ziemlich dreiſt vor dem Rathe, bat, wie ihm Suschen gerathen hatte, um eine monatliche Friſt; und Buſch ließ ſich, auf Zureden der Obrigkeit, dieſen Aufſchub ge - fallen.

Johann Jacob war von Haus aus ein ruhiger, gelaßner Mann, und ſchon den Tag nach dem Be - graͤbniſſe ſeiner Frau ſo weit wieder getroͤſtet, daß er ſie zu ſeiner Ruhe und Bequemlichkeit nicht mehr fuͤr unentbehrlich hielt. Suschen bewies ſich in der Wirthſchaft emſiger, als jemals; und ſo gar die Sorgfalt der ſeligen Frau fuͤr die Pflege ihres Ehemannes war, ſelbſt in ihren geſunden Tagen, nichts gegen die dienſtfertige Thaͤtigkeit, mit wel - cher Suschen ihm jeden Wunſch an den Augen an - ſah und demſelben, ſo viel moͤglich, zuvorkam. Schnitzer dankte dem Himmel, daß er ihm eine ſo treue Wirthſchafterinn beſchert hatte, und be - ſchloß in ſeinem Herzen, ſie, wie ſein eigen Kind, zu verſorgen.

Sie hatte ein geltendes Wort bei ihm zu ſprechen, und fieng auch daher, etwa vier Tagenach144nach dem Begraͤbniß, als ſie des Abends allein bei ihm war, folgendes Geſpraͤch an.

Der Herr Magiſter Confuſelius iſt doch wirklich ein brauchbarer Mann, und meint es recht gut mit Jhnen; er liefe Jhnen, glaub ich, durch’s Feuer. Jch weis nicht, was die Leute wollen, daß ſie aller Augenblicke was mit dem Mann haben! Er iſt doch ſehr vernuͤnftig, und, wie ich von Leuten, die es wohl verſtehn muͤſſen, gehoͤrt habe, auch gelehrt. Mich duͤnkt aber, es iſt Neid, daß ſie ſo beſtaͤndig auf ihn loshacken, wie die Kraͤhen. Da iſt nun wieder die dumme Geſchichte mit ſei - nen Wirthsleuten auf dem Tapete: ich habe ſie aber nun ganz anders gehoͤrt, als neulich, da das Gerede ſich anfieng. Die Boͤttcherfrau iſt ein Weib, die es mit andern haͤlt; und ſie mag dem guten Magiſter wohl ſelber Gelegenheit gegeben haben. Nun freilich, wie die Mannsleute ſind, wenn eine Frau, oder auch ein Maͤdchen nicht mehr auf ſich haͤlt, und ſich ihnen halb antraͤgt. Hi, bi, hi, meinen Guſto hat ſie nicht. Der Magiſter, daͤcht ich, waͤre wohl nicht der Mann, der eine reitzen koͤnnte. Aber er ſoll doch der Boͤtt - cherinn ſo gut gefallen haben, daß ſie ihm Anlaß gegeben hat; und er, der Boͤttcher, iſt ein eifer - ſuͤchtiger Mann, und grob dazu: da mag er denngeſe -145geſehen haben, daß ſie mit einander haſelirten, und iſt daruͤber hahnebiegen gegen den Herrn Confuſe - lius geweſen. Das iſt nun die ganze Geſchichte, zu der die Leute ſo viel zugelogen haben.

Schnitzer.

Jch glaub’s auch.

Suschen.

Sie koͤnnen mir’s glauben mich kraͤnkt ſo was. Der arme Mann! er iſt ſo ehrlich, und weis doch auch einen vernuͤnftigen Diſcours zu fuͤhren. Er kann Jhnen manche Stunde, und auch den Kummer um die liebe ſelige Frau, die doch nun einmal weg iſt, vertreiben. Wahrhaftig, Herr Schnitzer, Sie brauchen einen ſolchen Mann, der Jhnen dann und wann ein bißchen die Zeit vertreiben kann.

Schnitzer.

Freilich! ich bin einmal an ihn gewoͤhnt, und ſeh es immer recht gern, wenn er ein bißchen herkoͤmmt.

Suschen.

Je nun ja, das denk ich auch. Aber eins will ich Jhnen doch ſagen: der Buch - drucker Buſch hat ihn verklagt, und den ſoll er nun in vier Wochen bezahlen. Da hab ich nun ſchon gemerkt, daß er Geld von Jhnen zu erhal - ten denkt. Aber zwar ich habe Jhnen nichts vorzuſchreiben aber wenn ich an Jhrer Stelle waͤre, das thaͤt ich nicht. Denn ſehen Sie nur, fuͤrs erſte, was kann ihm Herr Buſch nehmen,Kwenn146wenn er nichts hat? Soll er ihn hinſetzen laſſen; ſo muß er ihn noch dazu bekoͤſtigen. Darnach hat der Magifler auch mehr Schulden: wenn er einen bezahlt, wollen’s die andern auch ſo haben; da wuͤrde er denn immer verklagt, und ſaͤße Jh - nen beſtaͤndig wieder anf dem Halſe. Sehen aber die andern, daß Buſch nichts kriegt; ſo laſſen ſie ihn alle laufen: und Herr Schnitzer koͤnnen ihm außerdem Wohlthaten genug erweiſen, die dem armen Manne beſſer zu gute kommen.

Schnitzer fand, daß Suschen ſehr vernuͤnftig raͤſonnirte, und nahm ſich vor, dem Magiſter nichts zu borgen.

Waͤhrend der vier Wochen fragte Confuſelius ſeine vermeinte Beſchuͤtzerinn fleißig, ob ſie ſeiner Sache wegen mit Herrn Schnitzer geſprochen haͤtte? Anfangs ſagte ſie es haͤtte ſich noch nicht ſchicken wollen; in der Folge wollte ſie davon geſprochen, aber beinahe abſchlaͤgliche Antwort erhalten haben; jedoch wolle ſie wie - der anſetzen. Endlich als nur kaum noch ein Tag zum Zahlungstermin fehlte, verſicherte ſie den Ma - giſter, ſie habe alles Moͤgliche gethan; Herr Schni - tzer haͤtte nicht ja, nicht nein geſagt; und nun riethe ſie ihm, ſeine Worte ſelbſt anzubringen.

Dieſes that der Magiſter ſogleich: aber Hoͤren und Sehen vergieng ihm, da Johann Jacob alles147 abſchlug und nicht zu erweichen war. Suschen ließ ſich, als er darauf fortgieng, nicht vor ihm ſehn. Der geaͤngſtigte Confuſelius that die Nacht drauf kein Auge zu, und ſann den ganzen folgenden Tag auf Mittel, die nun zu ergreifen waͤren.

Suschen hatte nichts verſaͤumt, was eigentlich zu ihrer Abſicht, von welcher der Leſer bald naͤher unter - richtet ſein wird, noͤthig war. Sie ſchickte gegen Ablauf der confuleliußiſchen Zahlungsf[r]iſt ein vertrautes Weib zu Buſchen, welches dieſem, ohne ſie ſelbſt in die Sache zu mengen, hinterbringen mußte, Confuſe - lius haͤtte Geld; er verließe ſich aber darauf, daß ihn Herr Buſch nicht wuͤrde ſetzen laſſen; wenn alſo Herr Buſch nicht Schaͤrfe brauchte, ſo wuͤr - de der Magiſter ſein Geld wieder verthun, und er nimmermehr etwas bekommen.

Zu folge dieſer Nachricht that das Billet, wel - ches Confuſelius ſelbſt des Morgens nach dem Zah - lungstermin an Buſchen abſchickte, nicht die gering - ſte Wirkung. Es erfolgte darauf bloß die kurze muͤndliche Antwort, es waͤre ſchon gut.

Buſch ließ den Tag hingehn, machte aber An - ſtalt, den Magiſter des folgenden Morgens in Ver - haft nehmen zu laſſen.

Hiervon bekam Suschen ſchon den Abend vor - her Nachricht durch ihre Vertraute, und nun giengK 2ſie148ſie des Morgens um ſechs Uhr zum Magiſter, trat bloß in ſeine Thuͤre, und ſagte: ich kann mich nicht aufhalten, Herr Magiſter; alſo ſag ich Jhnen nur in der Geſchwindigkeit, daß Sie dieſen Morgen arretirt werden ſollen. Kommen Sie hurtig durch die Hinterthuͤre zu uns; ich werde Sie da erwar - ten und will Sie verbergen.

Confuſelius warf ſich eilig in die Kleider, lief, was er konnte, und wurde von Suschen verſteckt.

Etwa zwo Stunden hernach ſuchten ihn die Gerichtsdiener im Gaſthofe. Suschen hatte das nur abgewartet, weil ſie wußte, daß es ſo kommen wuͤrde; ſie wies alſo die Gerichtsdiener ab; und da kein andrer den Magiſter hatte kommen ſehen, wurde nichts verrathen.

Nunmehr begab ſie ſich erſt zu dem Verheim - lichten, welcher die ganze Zeit auf das, was ſie ihm mehr ſagen wollte, aͤngſtlich geharret hatte. Sie brachte ihm ein gutes Fruͤhſtuͤck, und hob nun ihren Spruch folgendermaßen an: fruͤhſtuͤcken Sie, Herr Magiſter, und machen Sie ſich keinen Kum - mer. Wenn Sie mir verſprechen, daß Sie mir wie - der einen Gefallen thun wollen; ſo will ich Jhnen aus der Noth helfen. Die Gerichtsdiener waren eben hier und ſuchten Sie: kein Menſch weis, daß Sie bei uns ſind, ſelbſt Herr Schnitzer nicht;und149und ich habe Sie verleugnet. Aber ewig koͤnnen Sie doch nicht hier ſtecken: und wollten Sie es auch noch ſo lange aushalten, und ich verſteckte Sie; ſo wuͤrd es doch heißen, Sie waͤren davon gelaufen; dann ließe Sie Buſch wohl gar in den Zeitungen eitiren, denn er iſt ſehr aufgebracht.

Jch will Jhnen einen Vorſchlag thun, fuhr ſie fort: wenn Sie treu und ehrlich verſprechen, was ich verlange; ſo will ich ſelbſt Jhnen auf der Stelle vorſchießen, ſo viel Sie brauchen: denn ich habe mir hier ſchon etwas geſammelt.

Confuſelius wurde himmelfroh, dieſes zu hoͤ - ren. Er fruͤhſtuͤckte ſehr ruhig, bat ſie, ſich zu erklaͤren, und nahm ſich vor, alles zu verſprechen, was Suschen nur verlangen moͤchte,

Nun ruͤckte dieſe mit dem Bekenntniß heraus, daß ſie große Neigung haͤtte, Madame Schnitzern zu werden, und zwar um der guten Verſorgung willen; denn ſonſt koͤnnte ſie wohl unter juͤngern und huͤbſchern Mannsleuten waͤhlen: alſo bedinge ſie ſich fuͤr die Huͤlfe, welche ſie dem Magiſter itzt leiſten wollte, von ihm weiter nichts aus, als daß er den Herrn Schnitzer dazu bereden helfen moͤchte. Es wuͤrde ihm dieſes nicht ſchwer werden, meinte ſie, weil Herr Schnitzer ihr ohnehin ſchon ſehr ge - wogen waͤre, und viel Vertrauen zu ihr haͤtte. K 3Uebri -150Uebrigens wuͤßte ja der Herr Magiſter ſelbſt auch, daß ſich Herr Schnitzer leicht zu etwas bereden ließe. Sie wolle ſich ihm nur nicht gern antragen, und Er moͤchte wohl, von ſich ſelbſt bei ſeiner Traͤgheit und Abneigung vor einer zweiten Ehe, nicht ſo leicht darauf verfallen. Mit tauſend Vergnuͤgen, ſagte Cnnfuſelins, will ich das unternehmen; und ich werde es auch gewiß durchſetzen: denn Schni - tzer glaubt mir in allem.

Hm! verſetzte Suschen, damit war es nun nicht mehr ſo arg: aber mir haben Sie’s zu dan - ken, wenn Sie ſeit dem Tode ſeiner Frau wie - der ſo gut bei ihm ſtehen, daß er Jhnen alles be - willigt, außer Geld, welches er uͤberhaupt nicht gern weggiebt. Schon dafuͤr ſollten Sie dankbar gegen mich ſein; aber ich will Sie mir noch mehr ver - pflichten, und Jhnen itzt aus Jhrer Noth helfen. Allein, Herr Magiſter, das ſag ich Jhnen, er - fuͤllen Sie die Bedingung nicht, und ſuchen’s nicht dahin zu bringen, daß ich meine Abſicht erreiche; ſo will ich Jhnen aͤrger zuſetzen, als itzt Buſch: und gewiß ſollen Sie hier alle Zu - gaͤnge verlieren. Thun Sie hingegen bald dazu, und machen Sie, daß Schnitzer mir ſelbſt den Antrag macht; ſo ſollen Sie auch, wenn ichFrau151Frau Schnitzerin bin, tagtaͤglich den Tiſch zu Mittag und zu Abende bei uns haben.

Confuſelius ſchwur Suschen zu, ſich alle Muͤhe von der Welt zu geben, und ſagte, er waͤre uͤberzeugt, daß ſie kuͤnftiges Jahr um dieſe Zeit Madame Schnitzern ſein wuͤrde.

Sie holte Papier, Dinte und Feder, ließ ſich von ihm eine Obligation auf ſtuͤndliche Auf - kuͤndigung geben, die ſie ihm zerriſſen wieder zuſtellen wollte, wenn ſie hier Wirthinn vom Hauſe waͤre, und zahlte ihm ſodann das benoͤ - thigte Geld, womit er triumphirend zu Buſchen eilte, und dieſen mit vielen ſpitzigen Worten be - zahlte.

Nachdem ſich Suschen des Magiſters auf die gedachte Art verſichert hatte, ließ ſie es ihre erſte Sorge ſein, dieſen Mann immer mehr und mehr bei Johann Jacob angenehm zu machen. Da aber dieſer ſich verlauten ließ, es wuͤrde wohl nicht viel drauf ankommen, wenn er von heute hier ſpei - ſte, weil unter den vielen Menſchen, fuͤr welche taͤglich zugerichtet wuͤrde, wohl eine Perſon mehr ſatt werden koͤnnte, ohne daß deßhalb mehr aufgienge; ſo wußte ſie ihm das auszureden. Denn erſt, wenn ſie Frau Wirthinn waͤre, ſollte er dieſeK 4Wohl -152Wohlthat als eine ſchon verſprochene Gunſt ge - nießen.

Confuſelius war nicht ſo ganz aufrichtig, wie es Suschen hofte, willens, ihr Wort zu hal - ten; vielmehr hatte er ſeit dem Tode der Schnitze - rinn einen andern Anſchlag im Kopfe. Er hatte nemlich eine Verwandte in der Stadt, ein feines Maͤdchen, welches noch bei ihren Eltern war. Dieſe hatte er dem Wittwer zugedacht; und ſein Einfall war ſo uͤbel nicht: denn ihrem Vater, ei - nem Kupferſtecher, der fuͤr ſeine Kinder, wie die meiſten Kuͤnſtler, nichts ſammeln konnte, haͤtte es gewis nicht uneben geſchienen, ſeine Tochter ſo gut verſorgt zu ſehn. Er wuͤrde es ſeinem Vetter Confuſelius Zeitlebens verdankt, und ihn von Stund an fuͤr ſeinen beſten Freund erkannt haben, dem er ſich dafuͤr zu aller moͤglichen Erkenntlichkeit fuͤr verbunden geachtet haben wuͤrde. Eben ſo er - kenntlich mußte die Tochter ſein; und Schnitzer, der nun ſein Vetter wurde, mußte ihm nun um ſo mehr zu allen Stunden freien Zutritt goͤnnen. Auf dieſe Art haͤtte Confuſelius, ſeiner Berech - nung nach, zwei Haͤuſer gehabt, welche ihn, als Verwandte, im Wohlſtand erhalten konnten und Ehren halber erhalten muͤßten. Nach ſeiner Meinung durfte er auch von der Zeit an nicht mehr fuͤrWoh -153Wohnung ſorgen, weil ihn entweder Schnitzer, oder deſſen Schwiegervater logiren mußte.

Nach dieſem wohlausgeſonnenen Anſchlage, kam ihm Suschens Bedingung, unter der ſie ihm das Geld fuͤr Buſchen gab, ziemlich ungelegen: aber er war in der Bedraͤngniß, und mußte ver - ſprechen, jede Bedingung, die ſie machte, zu er - fuͤllen. Jndem er das Geld empfieng und es Bu - ſchen hintrug, war er noch viel zu voll von der Freude, endlich aus dieſem uͤbeln Handel erloͤßt zu ſein, und ſich vor Buſchen als ein Mann, der bezahlen koͤnnte, zu zeigen, als daß er ſich eigent - lich haͤtte vornehmen ſollen, Suschen zu hinter - gehn. So bald er aber wieder zu Hauſe war, dach - te er nach, wie er es machen ſollte, um ſeine Muh - me doch Schnitzern vorzuſchlagen, und zugleich der Rache Suschens auszuweichen.

Er fand, daß das immer noch recht gut an - gienge, wenn er dem Kupferſtecher vertraute, wie er endlich zu dem Gelde gekommen war, daß er hatte Buſchen bezahlen koͤnnen; wenn er ihm ohne Ruͤckhalt geſtuͤnde, daß er in der Noth wohl haͤtte zugreifen, und das verlangte Verſprechen von ſich geben muͤſſen; daß er aber in ſeinem Herzen ſchon lange Schnitzern ſein liebes Muͤhmchen zugedacht habe. Dieſes waͤre auch noch ſein Wille, indem er ſichden154den Henker um die Dienſtmagd bekuͤmmerte, und lieber ſeinem Muͤhmchen eine ſo gute Verſorgung goͤnnte. Nur aber waͤr es noͤthig, dieſer Creatur das Geld, welches ſie ihm vorgeſchoſſen haͤtte, wieder zu geben: und ſein Vetter, dachte er, wuͤr - de nun wohl von ſelbſt ſorgen helfen, daß er von der Anfoderung der Suschen wieder frei werden koͤnnte.

Nach einigen Tagen erfuhr er, daß man ſehr unklug handle, ſich, wenn man verſchuldet iſt, ins Bezahlen einzulaſſen, weil man dann ſo bald nicht damit fertig wird. Der vier und zwanzig Thaler - Glaͤubiger hatte nicht ſo bald erfahren, daß Buſch Geld bekommen haͤtte, als er das ſeinige auch fo - derte, wozu er dem Magiſter nur ein Paar Tage Zeit ließ, indem er zu verſtehen gab, daß er den Weg, den Herr Buſch gegangen war, ebenfalls einſchlagen wuͤrde, weil man nun wohl ſaͤhe, daß ihn dieſer Weg noch am erſten ſeine Pflicht lehrte.

Confuſelius verzog nun nicht laͤnger, ſein Herz vor ſeinem Vetter auszuſchuͤtten. Er erzaͤhl - te ihm von Suschens Darlehn; ſagte ihm, unter welcher Bedingung ſie ihm das Geld gegeben hatte; geſtand, daß er in der Angſt wohl haͤtte jede Be - dingung eingehn muͤſſen; eroͤffnete ihm aber nun - mehr, daß er eigentlich die Abſicht haͤtte, ſeineToch -155Tochter an Schnitzern zu verheirathen, und klagte ihm endlich ſeine itzige Verlegenheit wegen der 24 Thaler. Jch weis wohl, ſagte er, daß ichs nur der Suſe ſagen duͤrfte: denn ſie hat noch Geld; und der Dieuſt, den ſie von mir erwartet, iſt wich - tig. Jch koͤnnte ihr ihn auch leiſten: denn Schni - tzer muß, wie ich will: aber es waͤre doch Scha - de, wenn das Soldatenmaͤdchen in unſrer Stadt eine ſolche Heirath thun ſollte. Nein, eine ſo gute Verſorgung gehoͤrt fuͤr Jhre Tochter. Jch bitte Sie, helfen Sie mir nur vor allen Dingen zu den 24 Thalern, und ſehn Sie zu, wie Sie mir in ein Paar Monaten ſo viel ſchaffen, daß ich das Menſch dort bezahlen kann: ſo mache ich gleich die Partie.

Der Kupferſtecher hatte gegen die Verſorgung, welche Vetter Confuſelius ſeiner Tochter zudachte, nichts; aber er war weder Willens, die 24 Thaler, noch jene weit groͤßere Summe voraus zu bezahlen, ſondern meinte, wenn der Herr Vetter Confuſelius die Heirath zu Stande braͤchte, wollte er, oder vielmehr ſollte die Tochter erkenntlich ſein. Vor - her aber koͤnnte man ſich in nichts einlaſſen.

Was nun zu thun? dachte Confuſelius. Das iſt doch ein ſchreckliches Mißtrauen, eine ſehr un - vetterliche Liebloſigkeit von dem Mann! aber war -te;156te; nun ſoll Suschen, die doch, wie ich ſehe, viel beſſer zu leben weis, den reichen Gaſtwirth haben, und nicht deine Tochter!

Jn dieſer Stimmung lief er zu Schnitzers, und klagte Suschen ſein neues Leiben.

Ja, Herr Magiſter, da kann ich nicht hel - fen, ſagte dieſe; ſo viel Geld bring nicht mehr zu - ſammen aber warten Sie!

Jhr fiel ein, daß es nicht ſchaden koͤnnte, wenn ſie ſich den Magiſter immer mehr verpflich - tete; und dießmal koͤnnte auch wohl Schnitzer herausruͤcken. Alſo beſtellte ſie den Magiſter auf den Abend wieder zu ſich, und gieng zu Schnitzern.

Na, ſagte ſie, hab ich’s nicht geſagt, wenn der Magiſter einen bezahlt, ſo wachen gleich meh - rere auf? Da hat der ehrliche Mann, dem zum Gluͤcke Geld von einem fremden Buchhaͤndler ein - gegangen iſt, kaum Buſchen befriedigt, ſo meldet ſich gleich der wie heißt er doch? es iſt jemand, der auch immer mit in die Tabagie koͤmmt, und dem der Magiſter noch 24 Thaler ſchuldig iſt.

Schnitzer.

Ach! ich weis ſchon, nu?

Suschen.

Der will ihn nun auch ſetzen laſſen; Ja ich bin ein armes Dienſtmaͤdchen: aber haͤtt ich’s, gleich gaͤb ich’s dem armen Ma -giſter;157giſter; denn mit Bedraͤngten muß man doch Mit - leiden haben.

Schnitzer.

Aber woher weißt du es denn, daß er wieder in dieſer neuen Noth iſt?

Suschen.

Woher ich’s weis? Ei! vorhin kam der Magiſter, und ſagte: Suschen, ſage Sie doch einmal Herr Schnitzern, daß ich um lumpiger 24 Thaler willen aus der Stadt muß; und ſo erzaͤhlte er mir alles. Jch ſollte Jhnen ſei - nen Empfehl machen.

Schnitzer.

Wenn er nur weis, wohin.

Suschen.

Was wird er denn das wiſſen, er geht auf Gerathewohl weg Jhnen wirds doch wohl manchmal bange nach ihm ſein.

Schnitzer.

Es iſt aber auch garſtig von dem Mann; er will doch des Magiſters Freund ſein.

Suschen.

Ja, Freund! Wenn alle Menſchen daͤchten, wie Sie. Jch weis gewiß, am Ende beſchaͤmen Sie jenen noch. Mich geht’s nicht’s an, Confuſelius iſt mir eigentlich unleid - lich; weil ich ihn aber als Jhren ſo treuen Anhaͤn - ger, zumal bei dem Todesfalle der ſeligen Madame habe kennen lernen; ſo thut’s mir doch leid, daß er um einer Summe willen, die dem haͤßlichen Manne, der ihn quaͤlt, und auch Jhnen eine Klei -nigkeit158nigkeit iſt, ſich wie ein Hund auf der Straße her - umſchlagen ſoll.

Schnitzer.

Wenn wollt er denn fort?

Suschen.

Morgen fruͤh.

Schnitzer.

Jch koͤnnt’s ihm allenfalls ge - ben; aber er giebt mir’s nimmermehr wieder.

Suschen.

Ja, wiedergeben muͤßt er’s freilich; und er wird’s auch; hat er doch ſeine groͤßte Schuld nun ſchon bezahlt. Er ſoll ja, wie man hoͤrt, Hofmeiſter werden: wenn er das iſt, kann er Sie bezahlen, und Jhnen wohl manche Herrſchaft zuweiſen.

Das iſt wahr, ſagte Schnitzer, und befahl Suschen, den Magiſter ruſen zu laſſen. Dieſer kam, empfieng das Geld, und bezahlte abermals unter Großſprecherei.

Einige Monate vergiengen nunmehr, ohne daß etwas veraͤnderliches vorfiel. Suschen rieth dem Magiſter, zu thun, als ob er ſchon ein paar Hofmeiſterſtellen ausgeſchlagen haͤtte, weil ihm ei - ne dritte unter weit vortheilhaftern Bedingungen angetragen waͤre, die aber erſt in ſechs bis acht Monaten angetreten werden koͤnnte. Dieſe Roto - montade, welche ſie unterſtuͤtzen half, indem ſie es hin und wieder gehoͤrt haben wollte, vergroͤßerte ſeinen Credit bei Schnitzern; und in der Tabagiebereu -159bereuete der nun befriedigte Kleidungsglaͤubiger ſo - gar, daß er einen Mann, der ihm noch in der Fol - ge ſehr nuͤtzlich ſein koͤnnte, ſo gedraͤngt habe. Con - fuſelius befand ſich bei ſolchem guten Auſehn ſo wohl, daß er wieder alles uͤber Schnitzern vermochte, und aufs neue deſſen gelehrter Rath war. Johann Ja - cob dachte ſogar mit einiger Bekuͤmmerniß an die Zeit, wo der Magiſter durch den Ruf des großen Herrn, der ihm ſeine Kinder anvertrauen wollte, ihm entriſſen werden ſollte.

Auch Suschen trug zu ſeinen guten Tagen bei: ſie ließ ihn nicht nur keinen Tag ohne einige Erquickung ſeines Magens, ſondern lieh ihm auch, wenn er es verlangte, einige Thaler, um ſeinen unhoͤflichen Wirth, oder ſonſt ein dringendes Be - duͤrfniß zu befriedigen.

Leute, die auf moraliſche Denkart halten und behaupten, man muͤſſe bieder und dankbar ſein, werden dafuͤr halten, Confuſelius muͤſſe ohne mehr als pflichtmaͤßig zu handeln, die Zeit kaum haben erwarten koͤnnen, wo er ſein Verſprechen gegen Suschen halten koͤnnte. Wer aber kluͤger iſt und es einſieht, daß es pure Einfalt iſt, ehrlich ſein zu wollen, wird es nichts weniger als befremdlich finden, und nichts weniger als den Magiſter tadeln, wenn ich ſage, daß er Tag und Nacht darauf dachte, wieer160er durch Verheirathung ſeines Freundes Schnitzer einen ganz andern Schlag machen, und doch im Gaſthof als Hausfreund bleiben koͤnnte. Sein Vet - ter, der Kupferſtecher, hatte ihn zu ſehr beleidigt, und ſich gegen ſeine Vorſchlaͤge viel zu kalt bezeigt als daß er ſie haͤtte bei ihm wiederholen ſollen: aber es gab ja wohl noch Wittwen und Maͤdchen in der Stadt, bei denen ein Gaſtwirth, er nun - mehr wenigſtens 30000 Thaler im Vermoͤgen hatte, ſehr willkommen ſein wuͤrde; und warum ſollte er ſelbſt nicht als Freiwerber, wenn er eine ſolche Heirath ſtiftete, einen Kuppelpelz von tau - ſend Thalern fuͤr ſich verdienen und mitnehmen koͤnnen? Gelang ihm dieſes; ſo konnte er, wie er meinte, der Suschen alles wieder geben, was er von ihr bekommen hatte; und dann war es ihm einerlei, ob ſie ſich trollte oder bliebe. Er hatte ſchon etlichen Vaͤtern und einer jungen Wittwe ziem - lich deutlich zu verſtehen gegeben, was er bei Herr Schnitzern thun koͤnnte, und unter welcher Be - dingung er es thun wollte; ja, er ſtand ſogar mit einer Wittwe ſchon in Tractaten: dabei aber machte er ſich doch auch die Hoffnung, die er bei andern zur Verſorgung ihrer Toͤchter erreget hatte, um kein Haar weniger zu Nutze, wie er Suschens Ge - faͤlligkeiten immer fort und fort annahm.

Das161

Das Trauerjahr des Herrn Schnitzer neigte ſich nun zum Ende, und Confuſelius begonnte end - lich, ſein Freiwerber-Geſchaͤfft im Ernſte zu trei - ben. Er ſtellte Schnitzern vor, daß er uͤbelthaͤte, wenn er in ſeinen beſten Jahren, da er die Vater - freuden noch genießen, und bei einer jungen Frau manches Vergnuͤgen finden koͤnnte, welches er bei der Seeligen nicht gekannt haͤtte, ledig bliebe. Da er indeſſen mit ſich ſelbſt noch nicht einig war, wel - che von allen denen, die er auf ſeiner Liſte hatte, er Schnitzern vorſchlagen ſollte, indem er den rei - chen Wittwer am liebſten an die Meiſtbietende verhandelt haben moͤchte; ſo wollte er ſeinen Mann nicht vor der Zeit warm machen, ſondern ſprach nur uͤberhaupt von dieſer und jener huͤbſchen Per - ſon, die er kannte, und bei der er allenfalls, wenn Schnitzer es verlangte, den Freiwerber fuͤr ihn ma - chen wollte.

Dieſes wurde nun ſein taͤgliches Geſpraͤch, mit dem er immer naͤher ruͤckte, zumal da Johann Ja - cob ſelbſt anfieng, zu uͤberlegen, daß es ſo uͤbel nicht ſein koͤnnte, ein huͤbſches muntres Weib, ſo oft es ihm gelegen waͤre, in ſeine Arme zu ſchließen. Er machte zwar mit unter noch eine oder die andre Einwendung; aber Confuſelius wußte jeder Bedenklichkeit zu begegnen; und nachdem er alleLZwei -162Zweifel des ehrlichen Mannes widerlegt hatte, ſag - te Schnitzer endlich: nun ſo nennen Sie mir doch eine.

Jch muß mich erſt, verſetzte Confuſelius, nach einigen, die ich in Gedanken habe, genauer erkun - digen, damit wir erfahren, weß Geiſtes Kinder ſie ſind: denn ich mein es gut mit Jhnen, und moͤchte nicht gern, daß Sie einen ſo wichtigen Schritt thaͤ - ten, ohne gewiß uͤberzeugt zu ſein, daß Sie auch ein gutes Weib bekaͤmen.

Eben trat Suschen herein. Johann Jacob war von der beſten Laune: ihm war Liebe und Hei - rathen in den Sinn gekommen; und das Maͤd - chen, der er bisher ſchon gewogen war, kam ihm in dieſem Augenblicke reizender vor, als jemals. Was ihm noch nie vorher eingefallen war, fiel ihm itzt ein, daß es nemlich fuͤr ihn am beſten und be - quemſten waͤre, Suschen zu heirathen. Was meinſt du, Suschen, ſagte er? da will mich der Magiſter durchaus zum Heirathen bereden, und faſt hat er mich auch dazu beredt. Er meint, es gaͤbe ſo manch huͤbſches Maͤdel, auch wohl manche huͤbſche Wittwe in der Stadt, die er mir vor - ſchlagen koͤnnte. Was ſagſt du dazu?

Der Magiſter veraͤnderte die Farbe, und Sus - chen gab ihm einen ſchrecklichen Blick. )

Aber163

Aber ich denke, fuhr Schnitzer fort, wenns einmal ſein ſoll; ſo brauch ich mich nicht erſt lange nach einer Frau umzuſehn. Was fehlt denn Sus - chen, Herr Magiſter?

Confuſelius.

Ei, ei, mein lieber Herr Schnitzer, Sie ſind ſo fein, daß Sie gleich mer - ken, wo ich hin will, eh ich noch vollends ausge - kramt habe. Die, die iſt’s eben, die ſich fuͤr Sie ſchickt, und mit der Sie gewiß am erſten gluͤcklich ſein werden. Ja wohl koͤnnte ich Jhnen manche in der Stadt vorſchlagen; aber ein Suschen faͤnden Sie doch nicht.

Schnitzer.

Nun ſo ſchlag ein, Maͤdel! Du kennſt meine Wirthſchaft; meine ſelige Frau war dir auch gut; du ſollſt mir ihre Stelle erſe - tzen.

Suschen ließ Schnitzers Rechte eine Weile nach ihrem Patſchchen ausgeſtreckt und meinte, er ſpaßte wohl nur: da er ſie aber verſicherte, es ſei ſein ganzer Ernſt, ſo ſchlug ſie ein; und nun war (mit der Abrede, daß bis zum Ablaufe des Jah - res nichts von der Sache bekannt werden ſollte,) alles richtig.

Confuſelius wuͤnſchte mit verſtellter Freund - lichkeit Gluͤck: aber Suschen hatte ſein Erroͤthen bemerkt, als Schnitzer ihr erklaͤrte, daß er ſie ge -L 2waͤhlt164waͤhlt habe; ſie ſah auch nur allzuwohl, daß ſeine Freude verſtellt war, und ſchrieb ſich’s hinters Ohr. Sie ſchien ſich zwar durch die nachmaligen Betheurungen des Magiſters, daß er keine andre, als ſie, gemeint haͤtte, uͤberzeugen zu laſſen, und dachte in ihrem Herzen, er habe doch in ſo fern Wort gehalten, daß er Schnitzern wieder Luſt zum Heirathen gemacht hatte; aber ſeine Falſchheit ſchrieb ſie ſich doch hinter’s Ohr. Sie gab ihm ſeine Obligation, ohne erſt ihre Hochzeit abzuwar - ten, noch am naͤmlichen Abende zuruͤck, und blieb vor der Hand ſo dienſtfertig gegen ihn, wie ſie bis - her geweſen war: aber die heimliche Bosheit, wel - che ſie bei allem Schmeicheln und Heucheln des Magiſters an ihm zu erkennen glaubte, ſchrieb ſie ſich doch hinter’s Ohr.

Schnitzer gewann indeſſen ſeine Braut taͤglich lie - ber. Er konnte die Zeit kaum erwarten, wo ſie ſeine Frau werden ſollte: alſo war keine Moͤglich - keit, daß der Magiſter ſie noch bei ihm haͤtte an - ſchwaͤrzen, und die Sache ruͤckgaͤngig machen koͤn - nen; deßwegen duͤnkte ihn das beſte, ſich in das, was nun einmal nicht zu aͤndern ſtand, zu ergeben, und der Jungfer Braut aufs gefliſſentlichſte die Aufwartung zu machen. Die Klugheit ſelbſt erfo - derte dieſes Benehmen: denn es war nicht blos zuver -165vermuthen, ſondern fuͤr unfehlbar gewiß zu halten, daß Suschen den guten Johann Jacob voͤllig un - ter den Pantoffel nehmen, und mithin kuͤnftig al - les von ihr allein abhaͤngen wuͤrde.

Die Hochzeit wurde mit vielem Aufwande ge - feiert: denn ſo wollte es Suschen haben. Schon von dem Tage an, da ihre vorſeiende Verbindung oͤffentlich erklaͤrt worden war, hatte ſie jedermann Mamſell nennen muͤſſen. Die Kleider der ſeli - gen Frau, welche ſie Schnitzern bald nach getrof - fener Einigung abzuſchwatzen gewußt hatte, waren theils nach der Mode geaͤndert, theils verkauft, und dagegen galantere Sachen angeſchaft worden. So mit war ſie ſchon als erklaͤrte Braut nicht anders, als hoͤchſt elegant erſchienen; und nun ſah man ſie am Hochzeittag in voller Pracht, wie ſie ſich denn hernach als junge Frau ſo wohl im Negligee, als im Putz allezeit nach dem beſten Geſchmacke klei - dete. Sie hatte nicht ruhen koͤnnen bis Schnitzer ſie als die Tochter eines Lieutenants aufbieten ließ; ja ſie hatte ihn ſelbſt uͤberredet, daß ihr Vater ein Lieutnant geweſen waͤre; und nur weil ihre Mutter und ſie bisher dieſem Stande nicht haͤt - ten Ehre machen koͤnnen, wollten ſie es mit Fleiß verſchwiegen haben. Johann Jacob glaubte es treuherzig genug, indem er ſich entweder nicht aufL 3den166den Todtenſchein beſann, oder ihn auch wohl gar nicht geleſen haben mochte. Unterdeſſen gab es doch wenigſtens zehn Perſonen, denen ihn Suschens Mutter gezeigt hatte; und dieſe glaubten es nicht, ſondern laͤſterten um ſo mehr uͤber die unſchickliche Heirath, die der reiche Schnitzer mit dem dummen, hoffaͤrtigen, verlogenen Mutze geſchloſſen hatte.

Madame Schnitzerinn ließ ſie laͤſtern, wie ſie wollten; oder vielmehr wußte ſie nicht, daß es ge - ſchah, weil ihr doch jeder ins Angeſicht hofierte. Beſonders fanden ſich einige Weiber, die ihr die groͤbſten Schmeicheleien ſagten und ihr bei jeder Gelegenheit zu Dienſten waren, gegen die ſie ſich auch dafuͤr gebuͤhrender Maaßen ſehr erkenntlich und freigebig bewies, ob ſie gleich gegen andre karg - te, und an Hochmuth und deſpotiſchem Betragen gegen das Geſinde immer mehr zunahm.

Sie hatte waͤhrend ihres Brautſtandes nicht Muße gehabt, ſich viel um andre Dinge zu bekuͤm - mern, als die ihre neue Einrichtung betrafen, wel - che, wie ich ſchon geſagt habe, nicht ſchlecht war - Um es aber in allen Stuͤcken der vornehmſten Da - me in der Stadt gleich zu thun, und Kleider von aller Art nach der neueſten Mode zu haben, zog ſie eine Franzoͤſinn zu Rathe, welche Putzmache - rinn, dann Maͤtreſſe, und endlich Gouvernautegewe -167geweſen war, itzt aber junge Maͤdchen fuͤr die ga - lante Welt bildete. Bei dieſer nahm auch ſie Lee - tion in Sitten und Anſtande, wie ſich’s fuͤr eine Perſon, die nunmehr etwas vorſtellen wollte, ge - hoͤrte und gebuͤhrte.

Mamſel Fanchon wurde mit ihren Zoͤglingen, deren ſie ſich, wie ſie ſagte, als armer Kinder von gutem Stande annahm, und die ſie ſo lange in Aufſicht behielt, bis eine oder die andre ſich anders verſorgte, in Schnitzers Gaſthof eingefuͤhrt. Suschen nahm ſich auch vor, das Franzoͤſiſche bei der Fanchon zu lernen, wozu ſich dieſe unent - geldlich erboten hatte. Fuͤr eine ſolche Gefaͤlligkeit, und beſonders dafuͤr, daß ſie die Mamſel Braut, und dann die junge Frau in der Art, ſich anzu - ziehn, und im bon ton unterrichtete, genoß ſie mit ihrer jungen Zucht manch Abendeſſen, wobei jedoch Schnitzers keinen Schaden hatten: denn es fanden ſich Mannsperſonen ein, die dieſen kleinen Feſten beiwohnen wollten, und die ihre Zeche, wie natuͤrlich, bezahlten, die Fanchon namnte dieſe Mahlzeiten Soupés spirituels; und es wurden dieſelben bald beruͤhmt und haͤufig frequenitirt.

Confuſelius wuͤrde, ſo wie er war, der jun - gen Frau Schnitzerinn bei dieſen neuen artigen Bekanntſchaften ſchon zur groͤßten Laſt geweſenL 4ſein,168ſein, wenn ſie auch ſonſt nicht ſo viel Urſache ge - habt haͤtte, ihm abgeneigt zu ſein; da nun aber die - ſes hinzukam; ſo war der Bruch zwiſchen dieſen beiden Perſonen gar nicht zu vermeiden. Aber die - ſer Bruch erfolgte noch dazu unter dem groͤßten Laͤrm. Nachdem Suchen Frau vom Hauſe ge - worden war, wartete der Magiſter von Tage zu Tage, daß ſie ihn als immerwaͤhrenden Gaſt ein - fuͤhren wuͤrde. Sein Gewiſſen ſagte ihm zwar, daß er es um ſie nicht ſonderlich verdiente: aber er hatte ſich doch an jenem Abende, da Schnitzer in Suschens Gegenwart von andern Perſonen ſprach, die ihm der Magiſter vorgeſchlagen haͤtte, ſeiner Meinung nach gut genug herausgeholfen, und war es auch noch uͤberdem ganz allein, der bei Johann Jaccb die Luſt, zu heirathen, erwe - cket hatte. Folglich konnte ſie ihm doch nicht vor - werfen, daß er ſein Wort nicht gehalten haͤtte; und nun war es nicht mehr als billig, daß auch Madame Schnitzer ihm das ihrige hielte.

Dieſe aber dachte ganz anders. Sie hatte ſich nicht nur, wie ich ſchon geſagt habe, des Magi - ſters offenbare Falſchheit und ſeinen nur ſchlecht verheelten Widerwillen, da Schnitzers Wahl auf ſie fiel, hinters Ohr geſchrieben, ſondern hatte auch gar bald Herrn Schnitzer uͤber den ganzen Jnnhaltſeiner169ſeiner Geſpraͤche mit dem Magiſter, die Veraͤnde - rung des Witwerſtandes betreffend, ausgefragt, und ſo nach erfahren, daß Herr Confuſelius auch mit keinem Worte, nicht einmal von weitem, oder auch nur durch Anſpielung ihrer erwaͤhnt, ſon - dern nur immer von einer huͤbſchen, bemittelten Wittwe, und von etlichen ditto Maͤdchen geſpro - chen hatte.

Dieß wurmte ſie nicht ſchlecht; ſie bereuete nichts ſo ſehr, als daß ſie ihm das Geld fuͤr Bu - ſchen vorgeſchoſſen, und Schnitzern zu jenem an - dern Darlehn beredet hatte: denn ſie ſah, daß ſie die Luſt, ſich wieder zu verehlichen, auch wohl ſelbſt bei ihrem Johann Jacob haͤtte erwecken koͤn - nen, ohne ſich ihm geradezu anzubieten. Sie haͤt - te nur den Schein annehmen duͤrfen, als wolle ſie ihm eine andere Perſon zur Frau vorſchlagen; ſo wuͤrde er eben ſo gut darauf verfallen ſein, ihr ſelbſt den Antrag zu thun.

Doch das Geld war einmal weg, und jede Anſtalt, es von dem Magiſter wieder zu erlangen, waͤre doch umſonſt geweſen. Was ſie aber feſt be - ſchloß, war, dieſem nicht nur den verſprochenen Tiſch fuͤr immer nicht zu geben, ſondern ihn auch ganz und gar aus dem Hauſe zu verbannen.

Als170

Als Braut, und einige Wochen noch als jun - ge Fran, ließ ſie es nur bei einer nachlaͤßigen Be - gegnung, und bei faſt lautem Spott uͤber ihn mit der Fanchon, wenn er, indem dieſe da war, ſich ſehen ließ, bewenden. Er indeſſen hielt dieß fuͤr jugendlichen Muthwillen, den er ihr bei Gelegen - heit aufruͤcken wollte, und ahndete nichts ſchlim - mes.

Vielleicht haͤtte ſich auch ihre Erbitterung wider ihn gelegt, und ſie haͤtte ihn wenigſtens mitlaufen laſſen, wenn ſie nicht, zu des Magi - ſters Ungluͤcke, von ihrer getreuen Poſtentraͤgerinn waͤre benachrichtiget worden, daß er mit der Witt - we uͤber einen Kuppelpelz von 1000 Thalern ſchon einig geweſen waͤre, wenn er die Heirath mit ihr und Schnitzern zu Stande braͤchte, und daß er ſo gar außerdem noch von etlichen andern, mit denen er unter aͤhnlichen Bedingungen das nemliche ab - geredet, ſchon etwas darauf genommen haͤtte.

Sie hatte, als ſie dieſe Nachricht hoͤrte, ſo eben etwas bei der Fanchon zu thun; dieſer erzaͤhlte ſie nun auf der Stelle, wie viele ſich auf auf ihren Mann geſpitzt haͤtten, und wie Con - fuſelius ihn ordentlich habe verkaufen wollen. Der Fanchon war dieſes nichts neues; ſie hatte ſchon einigemal davon ſprechen wollen: aber es wa -ren171ren ihr immer andere Dinge in die Quere gekom - men. Jtzt beſtaͤtigte ſie nicht nur alles, was die Poſtentraͤgerinn geſagt hatte, ſondern ſie erzaͤhlte der Frau Schnitzerinn auch, was dieſe nicht wuß - te, und was Confuſelius bei ſeinem Vetter dem Kupferſtecher von dem Vorſchuſſe, den ſie ihm ge - than, und von der Bedingung, unter der es ge - ſchehen war, geplaudert hatte; wobei denn auch die Ausdruͤcke, Soldatenmaͤdchen, Dienſtmagd und dergleichen nicht vergeſſen wurden. Dieß al - les wußte die Fanchon, die es aus ſichern Quelleu ganz genau erfahren hatte.

Die junge Frau gerieth beinahe in Gefahr, vor Bosheit zu berſten, gieng aber doch auf der Stelle wieder an ihre Geſchaͤffte, und war noch kaum ein Paar Minuten dabei, als ungluͤcklicher Weiſe Confuſelius ankam. Eben war ſie im Hau - ſe, und eben wollte ſie der Magiſter dreiſt an ihr Verſprechen erinnern. Er gieng alſo feſten Schrit - tes auf ſie zu, und fieng an: Nun Madam, wie wird es denn? Sie ſcheinen ganz vergeſſen zu ha - ben, daß ich, wenn die Heirath zu Stande waͤre

Jch habe vorhin geſagt, daß ſich Madame Schnitzerinn in der Schule der Mamſell Fanchon zu verfeinern geſucht hatte. Damit nun nicht et -wa172wa einer oder der andere von meineu Leſern in dem, was ich weiter zu berichten habe, einen Wi - derſpruch finde, oder zu finden glaube, erinnere ich zum voraus, daß ich die Ehre gehabt habe, viel vornehme, feine, und extrafeine Damen, (die nicht mehr, wie Suschen, bloß Anfaͤngerinnen im bon ton waren,) kennen zu lernen, welche ſich, ſo bald ſie in Zorn geriethen, faſt eben ſo unfein bewieſen, als es hier von ihr geſchah.

Wenn die Heirath zu Stande waren alſo Confuſeliuſens letzte Worte, denen er nichts mehr hinzufuͤgen konnte, weil Madame anhob, und ihn, wie folgt, unterbrach.

Marſchiere, niedertraͤchtiger Achſeltraͤger, (in - dem ſie ihm dieſen Titel mit lauter Stimme er - theilte, warf ſie ihm einen in der Naͤhe ſtehenden Topf an den Kopf,) marſchiere, ſchleichender Dummkopf, der meinen Mann ausgeboten hat, der nicht werth iſt, daß er ehrlicher Leute Schwel - le betritt, den die ganze Stadt zum Narren hat, den der Boͤttcher im Hemde zum Hauſe hinausge - pruͤgelt hat, der bei der ſtaͤnkrigen Comoͤdie in * zweimal Pruͤgel bekommen hat, der auf dem Eſel geritten iſt, dem die Jungen ſo vielmal nachgelau - fen ſind, der den Teufel citiren wollte, aber zu dumm dazu war u. dgl.

Con -173

Confuſelius war bei den erſten Worten der Frau Schnitzerinn, welche der Topf begleitete, zu ſehr erſchrocken, als daß er ſich gleich haͤtte ver - antworten koͤnnen. Er hatte auch das Blut, wel - ches ihm an einigen Stellen des Geſichts herablief, abzuwiſchen: aber er bekam doch bald die Sprache ſo weit wieder, daß er contra ſchimpfte und ſchmaͤhte, obgleich, was er ſagte, eigentlich nicht gehoͤrt und verſtanden wurde, weil ihn Madame Schnitzer uͤberſchrie.

Alles im Gaſthofe lief zuſammen; Schnitzer kam zitternd aus ſeinem Stuͤbchen hervor, und entſetzte ſich, ſeine liebe junge Frau mit ſeinem Freunde Confuſelius in einer ſo hitzigen Fehde be - griffen zu finden.

Suschen, mein liebes Suschen! Herr Magi - ſter, Magiſter Confuſelius! Was iſt’s denn, was giebts denn? ſtotterte er: und die Zankenden ließen ihn ausrufen und fragen, ohne ſich ſtoͤren zu laſſen.

Schaffe mir den Kerl aus dem Hauſe, rief endlich Suschen; ſchaff ihn fort ach ich bin ſo wankte ſie in die naͤchſte Stube, ſank auf einen Stuhl, und bemuͤhte ſich, ohnmaͤchtig zu werden.

Schni -174

Schnitzers zaͤrtliches Herz bebte bei dieſem An - blick. Er eilte zu Huͤlfe, rief alle ſeine Leute zu - ſammen, und ſchickte nach dem Arzte. Confuſe - lius gieng fort, und drohte; alles, was ſich vor dem Hauſe verſammelt hatte, begleitete ihn; er wiſchte ſich die Stirn, und zitterte; viele wollten ſo gar geſehen haben, daß er weinte.

Suschen mußte ſich zu Bette legen. Der Arzt verordnete ein niederſchlagendes Pulver, wel - ches die Krankheit leicht in wenig Minuten heben konnte; weil ihr, ſo bald ſich der Zorn wieder ge - legt hatte, ohnehin nichts fehlte. Aber ſie befand doch fuͤr gut, einige Tage hoͤchſt miſerabel zu blei - ben, und in dieſem Zuſtande ihren Mann deſto - mehr wider den Magiſter aufzubringen.

Sie berichtete ihm mit ſchwacher Stimme den Anlaß zu dieſem Gefecht, und ſetzte um des beßern Eindrucks willen eine große Menge Beleidigungen hinzu, an die Confuſelius nicht gedacht hatte. Dieſes geſchah jedoch nicht etwan, um ihren Mann zu bewegen, daß er ihn ganz aus dem Hauſe ver - bannen moͤchte, welches er wohl ohnehin thun muß - te, ſo bald ſie es wollte, indem Schnitzer ſchon gar keinen Willen mehr hatte, ſondern ſie wollte es dahin bringen, daß er dem Magiſter einen groben Brief ſchriebe, und ihm darinnen rund heraus ſagte,daß175daß er in ſeinem Leben nichts weiter mit ihm zu thun haben wolle. Hauptſaͤchlich aber glaubte ſie, dafuͤr ſorgen zu muͤſſen, daß Confuſelius auch aus der Tabagie verbannt wuͤrde, damit er nicht dort etwan aus Rache ihrem Manne dies und jenes in den Kopf ſetzte, indem ihr das Gewiſſen ſagte, daß bereits Stof genug zu einer Klaͤtſcherei vorhan - den waͤre.

Schnitzer war wirklich ſehr boͤſe auf den Ma - giſter, und fand es ganz billig, daß man ihn von nun an laufen ließe: aber zu dem groben Brief haͤtte er ſich doch nicht leicht entſchloſſen, wenn Confuſelius nicht ſelbſt an ihn geſchrieben, ſich uͤber die angethanen Beleidigungen der Frau Wir - thinn beſchwert, und ſich Erklaͤrung ausgebeten haͤtte, warum er ſo ehrenruͤhrig behandelt worden waͤre?

Dieß hieß nun aber Oel ins Feuer gegoſſen. Johann Jacob brachte dieſen Brief ſeiner Frau; und dieſe hetzte ihn noch zehnmal mehr auf. Sie beſtand darauf, daß er ihm nicht nur ſein freches Ausbieten eines Mannes, wie er war, der ohne ihn wohl zu waͤhlen gewußt haͤtte, ſondern auch ſeine vorher veruͤbten Streiche, welche ihn des Um - gangs jedes vernuͤnftigen Menſchen unwerth mach - ten, vorwerfen ſollte; und damit dieſes ja geſchaͤhe,mußte176mußte Johann Jacob vor ihrem Bette ſchreiben, wo ſie ihm ſelbſt die Worte vorſagte. Fand er ir - gend einen Ausdruck zu ſtark; ſo ward ihr flugs wieder ſchlimmer, wie es denn nicht anders ſein konnte, weil es ihr aͤußerſt empfindlich ſein mußte, daß er einen Menſchen, der ſie ſo groͤblich belei - digt hatte, noch ſchonen wollte: denn das war ihr ein Beweis, daß er ſich aus den Kraͤnkungen, die ihr wiederfuͤhren, nicht viel machte. Sie hatte ihm nemlich erzaͤhlt, in was fuͤr ſchlechten und veraͤchtlichen Ausdruͤcken er von ihr geſprochen haͤtte; nur daß ſie das erſt nach der Zeit, wo ſie ſchon mit ihrem lieben Manne verſprochen geweſen war, bei ſeinem Vetter, dem Kupferſtecher, und ohne allen Anlaß geſchehen ſein ließ.

Confuſelius bekam alſo die ſtarke Antwort richtig; und was wollte er machen? Jhm war in ſelbiger nichts aufgebuͤrdet, was nicht gegruͤn - det geweſen waͤre. Denn Madame Schnitzerinn ließ im Dietiren die ſelbſt gemachten Zuſaͤtze weg. Alſo hielt er fuͤr das Beſte, zu ſchweigen und ſich zuruͤck zu ziehn.

Schnitzer war aber doch etwas unruhig, daß er ſeinem ehemaligen Freunde ſo hart geſchrieben hatte, und wollte es wenigſtens dabei bewenden laſſen, wollte ihn auch nicht gern, nach dem Wil -len177len ſeiner Frau, in der Tabagie verhaßt machen. Deßwegen beſchloß er, lieber ſelbſt nicht mehr in dieſe Geſellſchaft zu gehn, und gab gegen ſeine liebe Frau vor, er wolle wegbleiben, um den Men - ſchen, der ſie ſo ſehr beleidigt haͤtte, gar nicht mehr zu ſehn; zudem waͤr es ja auch ungewiß, ob die andern von der Geſellſchaft den mindeſten Theil an ſeiner Veruneinigung mit dem Magiſter neh - men, und ob ſie ihn nicht vielmehr gar ſchuͤtzen wuͤrden.

Das war aber wieder nicht, was Frau Sus - chen wuͤnſchte; ſie hatte ihre Urſachen, warum ſie dem lieben Manne den Zeitvertreib, den er zween Tage in der Woche, jedes mal fuͤnf Stunden lang, in der Tabagie genoß, herzlich goͤnnte.

Was? ſagte ſie, um dieſes Lumpenhundes willen wollteſt Du die Geſellſchaft Deiner alten Freunde meiden, und Dir eine ſolche Veraͤnderung entziehn, da Du ſo nur allzueingezogen lebſt? Das waͤre mir recht; da muͤßt ich Dir nicht ſo gut ſein, als ichs bin, wenn ich das ruhig geſchehen laſſen koͤnnte. Laß mich ſorgen; ich will’s ſchon ver - mitteln, daß Du ihn auch dort nicht mehr zu ſehn bekommen ſollſt; melire Dich nur in nichts!

Schnitzer wollte dieſes und jenes einwen - den; aber ſeine theure Haͤlfte ereiferte ſich, undMnann -178nannte ihn, (dießmal noch mit verbluͤmten Wor - ten,) einen einfaͤltigen Mann, der ſich fuͤr alle ſeine Wohlthaten wohl noch gar Ohrfeigen von Confuſeliuſſen geben ließe; alſo glaubte er Unrecht zu haben, und ſchwieg.

Sie wurde wieder geſund, und gieng aus. Nunmehr bekamen alle Weiber von den Mitglie - dern der Tabagie Beſuche von Madame Schnitze - rinn, die ſie denn auch alle gluͤcklich durch Nach - richten, wie Confuſelius uͤber ihre Maͤnner raͤſon - nirte, dermaßen aufhetzte, daß ſie ſich vornahmen, dieſen alles haarklein wiederzuſagen, und ihnen vorzuſtellen, wie hoͤchſt unrecht es ſein wuͤrde, wenn ſie einen ſolchen Menſchen noch laͤnger un - ter ſich litten. Suschen vergaß nicht, ihrem Mann hernach ebenfalls, (als haͤtte ſie es erſt außer Hauſes erfahren,) zu erzaͤhlen, was Confu - ſelius von ſeinen Freunden und ihm ſelbſt uͤberall in der Stadt herum geſprochen haben ſollte.

Da es nun in der Tabagie zur Sprache kam; ſo beſtaͤtigte Schnitzer alles, was jene ſchon von ihren Weibern gehoͤrt hatten: und als an eben dieſem Abende der Magiſter angeſtiegen kam, ſag - ten ſie ihm ſaͤmtlich, er wuͤrde wohl thun, ſich eine andere Geſellſchaft zu ſuchen: ſie koͤnnten ihm nicht verwehren, in dieſes Haus zu kommen; aberdieſe179dieſe Stube haͤtten ſie fuͤr die zween beſtimmten Abende einmal in Beſchlag genommen.

Confuſelius wollte die Urſache wiſſen, warum man auch hier ſo beleidigend gegen ihn verfuͤhre; und dem guten Johann Jacob blutete ſchon das Herz daruͤber. Er ſeines Theils haͤtte nicht un - gern geſehen, daß es zur Verſoͤhnung gekommen waͤre. Allein der Magiſter ſelbſt fieng an, auf die Frau Schnitzerinn zu ſticheln, deren unverſchulde - ter Verfolgung er ohne Zweifel auch dieſe Begeg - nung zu danken haͤtte; und dadurch machte er den ehrlichen Johann Jacob aufs neue unwillig; ſo un - willig, daß er ſagte, laſſen Sie meine Frau zu - frieden, und aͤrgern Sie mich nicht noch ein mal. Sie ſind ein Menſch, der es mit allen Leuten ver - dirbt.

Solcher harten Worte hatte ſich Schnitzer Zeitlebens nicht bedient; ſie ermunterten auch ſo fort ſeine Freunde zu noch haͤrtern. Confuſelius, der einer gegen ſechſe war, fand alſo fuͤr gut, zu gehn, beſchloß aber, ſich an der Stifterinn ſeiner neuen Verdruͤßlichkeiten bei guter Zeit zu raͤchen.

M 2Sie -180

Siebenter Abſchnitt. Jn dem ich mir alle Muͤhe geben will auf die Welt zu kommen.

Madame Schnitzerinn war an dem Tage, wo ihr Zank mit dem Magiſter vorfiel, etwas uͤber zween Monate verheirathet; und in dieſer Zeit hatte ſich in Schnitzers Gaſthofe ſchon ſehr viel geaͤndert. Der Leſer wird Frau Suschen aus dem, was ich von dem Eintritte bei der ſeligen Frau an bis hierher von ihr erzaͤhlt habe, ſo ziemlich kennen gelernet haben, und wird nun wohl be - kennen muͤſſen, daß es eine Perſon von ſehr mun - term Geiſt und vielem Scharfſinn war; eine Per - ſon, die viel zu klug und viel zu liebevoll fuͤr ſich ſelbſt war, um nicht ihrem Vortheil und ihren Leidenſchaften alles Moͤgliche zu Gefallen zu thun. Er wird ſich auch beſinnen, daß ſie den guten Jo - hann Jacob blos aus Klugheit zum Manne genom - men hatte, ohne daß ihr ein einziger Gedanke von Liebe oder Achtung fuͤr ſeine Perſon zu Kopfe ge -ſtie -181ſtiegen waͤre. Schnitzers Liebe zum Frieden, und ſeine bloͤde Furchtſamkeit iſt dem geehrten Leſer gleichfalls bekannt worden; alſo wird er nun aus dem allen leicht ſelbſt ſchließen, daß ſich ſeine jun - ge Frau vornahm und fuͤglich vornehmen konnte, ihn fuͤrs Erſte ſo ganz unter ihre Botmaͤßigkeit zu bringen, daß er im kurzen kein einziges gebenedei - tes Woͤrtchen mehr mitzuſprechen haͤtte, zweitens ſich wegen des Mangels an Lebhaftigkeit bei ihrem Manne gelegentlich von andern Seiten her zu ent - ſchaͤdigen, und drittens ſich ſo zu bereichern, daß ſie jede Ausgabe, die ihr beliebte, mit Bequem - lichkeit machen, und im Falle der Noth auch wohl einen guten Freund unterſtuͤtzen koͤnnte.

Zu den beiden erſten Punkten bedurfte es kei - ner beſondern Anſtalten: denn Johann Jacob war ohne Muͤhe unterzukriegen; und fuͤr einen guten Freund zur Unterhaltung fuͤr Madame war bereits geſorgt. Nur die Vermehrung der Einkuͤnfte er - forderte einige Veraͤuderungen; und dieſe ſind ſo wichtig, daß ich deutlich davon ſprechen muß.

Der galanten Mamſell Fanchon, und der von ihr zuerſt angegebenen Soupés ſpirituels habe ich bereits erwaͤhnt. Seit nun die Fanchon Haus - freundinn war, gab es woͤchentlich zwei ſolche Soupés, welche gerade an den Tagen gehaltenM 3wur -182wurden, an denen der ehrliche Schnitzer in die Tabagie zu gehen pflegte. Die Geſellſchaft war aber, wenn er um zehn Uhr nach Hauſe kam, noch beiſammen, und Suschen die erſte Zeit allemal zur Stelle, um ihn auf ſein Stuͤbchen zu begleiten, und ihn von dem Gewinne zu unterhalten, den dieſe neueingefuͤhrten Abendgaͤſte einbrachten. Frei - lich waͤre ihr, meinte ſie, nun deſtomehr Plage aufgebuͤrdet; denn ſie muͤßte, indem er dort ruhig ſaͤße, in der Kuͤche und im Keller auf - und ablaufen; aber ſie wollte ſich das doch recht gern gefallen laſſen.

Ein alter Marqueur, welcher der neuen Ge - bieterinn von ganzem Herzen feind war, nahm zwar einſt die Gelegenheit in Acht, wo er Schnitzern hin - terbringen konnte, daß die Frau Wirthinn nicht immer in der Kuͤche und im Keller waͤre, ſon - dern alles in der Geſchwindigkeit abmachte, und dann wenigſtens drei Stunden lang beim Soupé spirituel mitjubelte: aber Johann Jacob hielt es ihr um des lieben Friedens willen nicht einmal vor, und hatte auch kein Arg bei der Sache; denn Suschen ſchimpfte auf niemand aͤrger, als auf die treuloſen Weiber, die ſich nach andern Mannsleuten umſehen.

Uebrigens wollte es ihm doch nicht gefallen, daß man immer vor zwei Uhr in der Nacht nicht aus einander -gieng,183gieng, und daß Suschen, die doch aufs Recht ſehn mußte, dann auch nicht eher zu Bette kommen konnte: aber ſie ſtellte ihm vor, daß dieſes nicht zu aͤndern waͤre, und wußte ſo von der Sache zu ſprechen, daß er gar noch Urſache fand, ſie deß - halb zu bedauren.

Außer dieſem neu errichteten Kraͤnzchen, fuͤhr - te Suschen noch einen andern, bisher verabſaͤum - ten Erwerb fuͤr den Gaſthoft ein, obwohl eben die - ſer Erwerb ihrem Manne gerade am ungelegenſten war.

So lange naͤmlich ſeine erſte Frau lebte, ka - men ſie beide darinnen uͤberein, daß nie eine Spie - lergeſellſchaft in ihrem Hauſe geheegt wurde, weil die Spielerprofeſſion, wie ſie ſich aberglaͤubiſcher Weiſe einbildeten, unrechtmaͤßig waͤr, und ſie ſich keines Unrechts theilhaftig machen wollten. Al - lein Suschen war aufgeklaͤrter; ſie wollte den Ge - winn, den eine bei ihnen gehaltene Bank einbraͤch - te, nicht einfaͤltiger Weiſe einem andern uͤber - laſſen.

Mein Kind, ſagte Johann Jacob, als ſie hiervon das erſtemal ſprach, thue mir den Gefallen, und laß mir die Spieler aus dem Hauſe; denn ich kann dir ſolche Leute nicht ausſtehn. Sieh nur, fuͤrs erſte ſind die Hazardſpiele von der ObrigkeitM 4ver -184verboten: und was verboten iſt, darf man ja nicht thun; man muß auch immer dabei in Furcht le - ben. Zweitens iſt eine Spielergeſellſchaft immer eine Bande Menſchen, die nur auf Ueberliſtung und unrechtmaͤſigen Gewinn ausgehen. Sie rich - ten nichts als Ungluͤck an. Mancher hat Weib und Kind daheim ſitzen, die er vernachlaͤſſigt, und nicht ſelten an den Bettelſtab bringt: und ſpielt ſich ja dann und wann einmal einer reich, oder kann vom Spiel leben und prangen; ſo verſteht er ſeinen Kniff, und hat das, was er beſitzt oder verſchwendet, nicht mit Ehren und die, denen er’s abgenommen hat, ſammt ihren Angehoͤrigen, ſeufzen uͤber ihn.

Madame Schnitzer ſtuͤtzte die Arme unter, waͤhrend ihr Mann ſo ſprach, drchte das Koͤpfchen, und laͤchelte veraͤchtlich zu der eben mitgetheilten Erklaͤrung uͤber den Werth der Spieler. Mein liebes Jakoͤbchen, ſagte ſie, als er ausgeredet hat - te, Du biſt ein herzensguter Mann, aber wirklich ſehr einfaͤltig. Sieh nur, was Du da alles ge - ſchwatzt haſt. Die Obrigkeit, ſagſt Du, verboͤte das Spiel; aber, mein Himmel! manche Herren von der Obrigkeit ſpielen ja ſelbſt mit. Und es iſt auch nur zum Scheine, das Verbot. Waͤr’s Ernſt; ſo wuͤrden ſie der Sache ſchon zu ſteuernwiſſen:185wiſſen: aber ich will Dirs beſſer ſagen, warum es verboten wird.

Schnitzer.

Nun?

Suschen.

Damit, wenn ſie einmal thun wollen, als wenn ſie boͤſe wuͤrden, die Bankhalter brav (ſie macht mit der Hand eine Bewe - gung, Geld zu zaͤhlen.)

Schnitzer.

Wenn das auch waͤre, Sus - chen; ſo koͤnnten die Herren doch wohl, wenn ſo was bei unſer einem entdeckt wuͤrde, große Strafe dietiren.

Suschen.

Sei unbeſorgt, man ſetzt ſich mit den Polizeidienern auf einen guten Fuß.

Schnitzer.

Jch mag das alles nicht, Sus - chen. Jch bin nun einmal den Hazardſpielern nicht gut; ſie ſind Zeitverderber, Leute, die einander auf den Ruin gehen; Betruͤger; boͤſe leichtſinnige Menſchen, die keine Religion und keine Moralitaͤt kennen.

Suschen
(Achſel zuckend.)

Pauvre Nigaud!

Schnitzer
(laͤchelnd.)

Du biſt ein Blitz - weib; da ſpricht ſie ordentlich ſchon Franzoͤſiſch.

Der gute Schnitzer wuͤrde ſich nicht ſo hier - uͤber gefreuet haben, wenn er gewußt haͤtte, daß ſeine theure Haͤlfte dieſes einzige Woͤrtchen zu derZeit186Zeit darum ſchon ſo fertig ſagen konnte, weil ihn die Fanchon, mit der ſie ſich uͤber ihn luſtig mach - te, ſo zu nennen pflegte, und es ihr eben, um ihn damit zu ſchimpfen, gelehrt hatte. Dieß ahndete er aber nicht; vielmehr hielt er ſeine Frau fuͤr ein großes Genie, welches gleich alles faßte, und alſo auch in andern Stuͤcken leicht beſſere Einſichten haben koͤnnte, als er. Waͤre das aber auch nicht geweſen; ſo ließ ſich doch mit einer Frau, die ſo viel Geiſt hatte, nicht leicht ſtreiten. Er ließ denmach die Gruͤnde, die ſie zur Rechtfertigung des Spiels vorbrachte, gelten. Da ſie ihn nun uͤberzeugt hatte, machte ſie ihre Anſtalt, die an - ſehnlichſten Spieler ins Haus zu ziehn; und dieſe Abſicht konnte ſie leicht genug ausfuͤhren.

Jn Schnitzers Gaſthofe logierte ſeit laͤnger, als drei Jahren, ein ſtattlicher Herr, zwar nicht fuͤr immer, aber doch alle Jahre von der Zeit an, da die Leute aus den Baͤdern wieder nach Hauſe reiſten, bis es wieder Zeit wurde, ſie zu beſuchen. Baron Treff, ſo hieß dieſer galante Mann, hatte Suschen immer unter den Maͤdchen im Hauſe am meiſten huͤbſch und artig gefunden: und wie edle Seelen immer harmonieren, ſo ſpuͤrte auch ſie ei - nen ſtarken Zug der Liebe fuͤr ihn in ihrem zarten Herzen. Aber als Maͤdchen, hatte ſie, wie wirwiſſen,187wiſſen, Herrn Schnitzer mit ihrer Hand zu begluͤ - cken beſchloſſen; ſie widerſtand alſo dem Baron, der ſie, ihrer Einſicht nach, doch ohnehin nie hei - rathen wuͤrde. Jedoch gab ſie ihm alle Beweiſe ihres Wohlwollens; die ſie, ohne gegen die Be - hutſamkeit anzuſtoßen, geben konnte; und ſchon dafuͤr war er erkenntlich genug, um ihr von Zeit zu Zeit, wann er bei Caſſe war, kleine Geſchenke zu machen. Das bei Caſſe ſein war freilich bei ihm nicht immer der Fall; er kam manchmal mit leerer Boͤrſe nach Hauſe, und ſah ſich genoͤ - thigt, des folgenden Tages zu ſeinem Banquier zu ſchicken, um zu dem, was er geſtern los worden war, noch nachzuzahlen.

Er war nicht eben einer von den routinirten Spielern, die immer gewinnen; aber die anſehn - lichſte Summa, die er verlor, benahm ihm doch den Muth nicht, weil er ſie immer wieder zu ge - winnen hoffte. So lange nur der Banquier noch ſeine Wechſel honorirte, bezahlte er auch trotz des oͤftern Verluſtes ſehr ordentlich im Gaſthofe; ja, er ließ, wenn er einen Abend gluͤcklich geweſen war, was darauf gehn. Gewiſſe immerwaͤhrende Bankhalter wollten ihn nie gern, weder in den Baͤdern, noch in der Stadt miſſen, denn von ei - nem Vermoͤgen, welches, als er muͤndig wordenwar188war, (wo er ſich auch gleich in Schnitzers Gaſthof einfand,) in 40000 Thalern beſtanden hatte, war itzt nur noch hoͤchſtens 4000 Thaler uͤbrig, welche ſeine lieben Freunde auch noch zu bekommen hoff - ten. Zu dem war der Mann ſo hoͤflich, ſie, wenn ſie ihn einmal gewinnen ließen, des folgenden Ta - ges zu Gaſte zu bitten und aufs praͤchtigſte zu tractiren.

So bald Suschen nun Frau Wirthinn ge - worden war, that ſie ſich in Darlegung ihrer freundſchaftlichen Geſinnungen gegen den Baron keinen Zwang mehr an. Jhre Pflicht als Wir - thinn erfoderte ja, daß ſie freundlich und artig mit den Gaͤſten umgieng. Wer haͤtte dabei Ar - ges denken, oder gleich auf verbotene Vertrau - lichkeiten ſchließen duͤrfen, wenn ſie und Baron Treff etwa ein halbes Stuͤndchen allein zu ſpre - chen hatten? und was gieng es auch uͤberhaupt die Leute an, da Schnitzer nichts davon wußte? Dieſer war auch kein ſolcher neidiſcher Mann, daß er ſeinem Naͤchſten nicht Mitgenuß gegoͤnnt haͤtte: vermuthlich war das Suschen uͤberzeugt, und fragte alſo weiter nicht, wie weit ſie in der Freundſchaft gegen den Baron gehen duͤrfte.

Als er nur noch 4000 Thaler ſein nennen konnte, mußte er ſich ſo gut in delabrirten Um -ſtaͤn -189ſtaͤnden rechnen, als ob er nichts mehr haͤtte, denn das verſchuldete Gut mußte erſt verkauft werden, ehe er die 4000 Thaler in die Haͤnde bekam. Da dies nicht ſogleich geſchehen konnte, ſo hatte er Schnitzers Nachſicht noͤthig, wozu ihm Suschen noch als Ausgeberinn zu verhelfen wußte, alſo fand bereits zwiſchen dieſem vereinigten Paar gegenſeitige Verbindlichkeit ſtatt. Die 4000 Thaler liefen in der Zeit ein, da Johann Jacob zum zweitenmal heirathete, und weil Baron Treff ſein Capital nicht ruͤhmlicher anzuwenden wußte, als wenn er ſelbſt eine Bank errichtete, ſo machte er ſich von der bisherigen Geſellſchaft los und warb ſich ſeine eigenen Spieler an.

Dieſes loͤbliche und honette Geſchaͤft begann alſo in des Barons Zimmer und die Soupés ſpirituels trugen nicht wenig bei, Spieler in Menge hinzuziehn, und anzuwerben. Suschen durfte, weil Baron Treff ſchon lange da logierte, ihm das Zimmer, wo geſpielt ward, nicht anrech - nen, aber ſie machte wegen der Gefahr, der ſie ſich doch ausſetzte, von jedem Tag einen Theil des Gewinns fuͤr ſich aus, und machte es ferner zur Bedingung, daß alle fremde Herren zu dem Sou - ſpirituel engagirt wuͤrden und gut bezahlen muͤßten. Das alles erfolgte, in kurzer Zeit zogdieſes190dieſes geiſtige Soupé jeden liebenswuͤrdigen Fremdling, der Verſtand genug beſaß, ſeinen Geiſt da aufklaͤren zu wollen, nach Schnitzers Gaſthof: Viele die vorhin ihr Geld anderswo verſpielt hat - ten, fanden ſich auch da ein und eben ſo vermehr - te ſich die Anzahl der Grazien, denn gewiſſe Her - ren brachten ihre ſchon habenden Bekanntſchaften hin und einige davon waren ſogar mit beim Spiel engagirt.

Taͤglich war demnach Geſellſchaft bei Schni - tzers, taͤglich ward geſpielt, auch die beiden Soupee - Tage, wo man aber nur zwei Stunden ſpielte und punkt ſieben Uhr zu den Freuden der Converſation ſchritt, die denn mit der Zeit des Abendeſſens bis ein Uhr, zuweilen auch laͤnger dauerten. Bei die - ſen Anſtalten konnte es nicht fehlen, daß Madam Schnitzer nicht nur viel gewann, denn ſie ließ ſich gut bezahlen, und die Herren, welche da zuſammen kamen, gehoͤrten nicht zu den bedaͤchtigen Leuten, welche es fuͤr Weisheit halten, zu rechnen, wie weit es reichen kann, wenn man hoch, und wie weit hingegen, wenn man wirthſchaftiich lebt. Nebſt dieſer guten Aufnahme ihrer Finanzen, wel - che ſie in Stand ſetzten, den groͤßten Luxus in Kleidern und Putz zu zeigen, gewann ſie auch taͤg - lich an Artigkeit, und war in kurzem ſo weit, daßſie191ſie jede Bedenklichkeit in ihren Handlungen, die ihr vielleicht jemand, der was auf die dumme Fratze Moral haͤlt, angerathen haͤtte, ver - bannte.

Schnitzer, welcher bald uͤber jedes Wort, ſo angefahren ward, daß er gern in nichts mehr re - dete, ſeufzte oft heimlich und wuͤnſchte ſeine ſelige Frau zuruͤck, bei der alles ſtill und ſittlich zuge - gangen war und es auch nie an einkehrenden oft großen Herrſchaften gefehlt hatte, auch war taͤg - lich ſein Tiſch mit huͤbſchen Gaͤſten beſetzt, von denen jetzt die meiſten wegblieben. Es mangelte zwar nicht an Einnahme, wenn er auch ſelbſt nichts davon dekam, ſo ſah er ſie doch in der Pracht ſei - nes Suschens, uͤbrigens war Fuͤlle im Hauſe, und ihm gieng nichts ab, auch gab Suschen die Herren und Damen, die bei ihr einkehrten, fuͤr ſehr vor - nehm aus, aber ihm wollte duͤnken, daß dieſer Glanz, dieſer Vollauf und Jubel ſeinem guten Ruf nachtheilig waͤre, deswegen war ihm gar nicht wohl zu Muthe. Jnider Tabagie gab man ihm ſo viel verbluͤmt anzuhoͤren, daß er in dieſer hypo - chondriſchen Grille immer mehr beſtaͤrkt ward, und Confuſelins der die Ausuͤbung ſeiner Rache nur verſchoben hatte, um deſtomehr im Verborgenen zu wirken, kraͤnkte ihn noch mehr.

Seit192

Seit dem ſtarken Auftritt mit Suschen wa - ren vier volle Monate verfloſſen, in denen er nichts hatte von ſich hoͤren laſſen, weil es ihm wohl gieng. Wie in der Welt doch immer noch jedermann et - was Liebes findet, ſo hatte auch der Magiſter end - lich eine noch nicht ganz alte Wittwe auf der Vor - ſtadt kennen lernen, die ihn leidlich fand. Sie hat - te einen Kramladen, war nach ihrer Art wohlhabend und ſehr munter.

Es duͤnkte ihr, da Confuſelius bei naͤherer Be - kanntſchaft ſeine Wuͤnſche nach ihrem Beſitze aͤußer - te, nicht uneben Frau Magiſtern zu werden. Aber ſie war erſt einige Monate Wittwe, da ſie ſeine Be - kanntſchaft machte und er ihr kurz darauf den An - trag that, alſo wollte ihre Erbarkeit, daß ſie es ihm nicht anders als unter drr Bedingung, es noch lange geheim zu halten, zuſagte. Gegen dies Ver - ſprechen beredete er ſie, ihn jetzt gleich, da ſie doch wuͤßten, wie ſie zuſammenſtuͤnden, ins Haus und in Koſt zu nehmen. Dies ward ihm gewaͤhrt und nun war unſer Mann geborgen, er ſpeiſte, trank, ſchlief, pflegte ſich und nahm ſich keines Dinges mehr an, ja er war ſo uͤber alle Eitelkeit hinweg, daß er faſt den ganzen Reſt ſeiner Schauſpiele der Geliebten zum Brautgeſchenk gab, welche nun fuͤrlange193lange Zeit Pfeflertuͤten davon hatte, die er ſelbſt zum Zeitvertreib machte.

Jn dieſem ruhigen Zuſtande zog er mit Be - quemlichkeit Nachrichten von ſeiner Feindin ein - und ſammelte deren ſo erbauliche, daß er einen gro - ßen anonymiſchen Brief an Schnitzern damit anfuͤl - len konnte. Er ſelbſt ſchrieb ihn zwar, aber er, nahm ſich Zeit dazu, um eine ganz andere Hand - ſchrift, als er gewoͤhnlich ſchrieb, herzuſtellen. Ma - dam Schnitzer ward in dieſem Briefe beſchuldigt, daß ſie es mit dem Baron Treff hielt, die Sou - pés spirituels waren ohne Umſtaͤnde fuͤr un - zuͤchtige Zuſammenkuͤnfte beruͤchtigter Frauenzim - mer und leichtſinniger Mannsperſonen erklaͤrt, und mit Schmerz bekannte der Autor des Briefs, daß Schnitzers Gaſthof, der bei der frommen und tu - gendhaften ſeligen Frau ſo beruͤhmt und beliebt ge - weſen war, jetzt weit und breit fuͤr ein Spiel - und H Haus erkannt wuͤrde.

Suschen, ſagte Schnitzer mit Thraͤnen in den Augen, (als ſie eben, da er dieſen Brief geleſen hatte, bei ihm eintrat) Suschen ich bin ſehr ge - kraͤnkt.

Suschen.

Nun, wer kraͤnkt Dich?

Schnitzer.

Ach! Jch Suschen Du kraͤnkſt mich.

NSus -
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Suschen.

Jch? womit? gewiß durch meine Bemuͤhung, den Gaſthof taͤglich mehr in Flor zu ſetzen? Ja, ja, ich weiß es ſchon, wie ich von Dir belohnt werde.

Schnitzer.

Ach Kind, dieſer Flor ich ſoll nichts ſagen, aber meine ganze Renomee iſt hin, kein rechtſchaffener Menſch kommt mehr her, man ſpricht von Dir und unſerm Hauſe greuliche Dinge.

Suschen.

(in Poſitur) Wer?

Schnitzer.

Sieh dieſen Brief, er ſagt mir zwar nichts neues, aber er beſtaͤrkt mich in meinen Ahndungen.

Nun erfuhr Madam Schnitzerinn den ihr ſo ſehr ruhmwuͤrdigen Jnhalt, aber anſtatt, wie ſonſt, ſich in Wuth zu verſetzen, lachte ſie aus vollem Halſe und ſagte dann: pauvre nigaud. O wie dumm! Zum Thuͤren aufrennen, warlich! Nicht zu ſehn, daß der Neid eines andern Schlingels von Gaſtwirth den verfluchten Wiſch verurſacht hat! Ach nein Suschen, verſetzte Jacob, das glaub ich nicht J ſo glaub, was du willſt, ſchrie ſie, Dir muͤſſen freilich dieſe Luͤgen glaubhaft vor - kommen, denn es iſt Dir ja nichts neues, wie Du meineſt, ein ſchoͤnes Compliment fuͤr mich, ma foi! (hier ſprang ſie auf) ich will kurzen Proceß ma - chen, der Baron iſt zu Hauſe, ich will’s ihm ſagen,daß195daß Du die verdammte Verleumdung, daß ichs mit ihm hielt, glaubſt, und allen, die uns bisher Geld eingebracht haben, will ichs ſagen, wofuͤr Du ſie haͤlſt, dann koͤnnen ſie wegbleiben und der Gaſthof mag leer ſtehn zum Baron will ich zuerſt! (ſie lief.)

Schnitzer.

Suschen!

Madam Schnitzer.

Ja, Suschen!

Schnitzer.

Suschen hoͤr doch, ich glaubs ja nicht, mach nur keinen Laͤrm!

Na, ſagte ſie, zuruͤckkommend, ſo ſprich nicht mehr ſolch dummes Zeug. Daß ichs ja nicht mehr hoͤre, ſonſt ſchick ich Dir alle, die hier angegrif - fen ſind, uͤber den Hals und gieb her den Wiſch! (ſie fuhr hin und nahm ihn vom Tiſch) Du willſt ihn doch keinem zeigen, ſagte Johann Jacob zit - ternd. Nein, verſetzte ſie, dasmal will ichs nicht thun, ſondern weil ich Dir noch immer gut bin, nahm ich ihn weg, damit Du Dich nicht wieder drein vertiefſt und Dich aufs neue aͤrgerſt.

Hier lief ſie fort und uͤberließ ihren Mann ſeinem Nachdenken, welches eben nicht ſehr viel Troſt fuͤr ihn mitbrachte, denn er fand ſich durch das Betragen ſeiner Frau wohl eingeſchreckt, aber nicht uͤberzeugt. Sein einziger, aber nur ſehr duͤrf - tige Troſt war, daß anonymiſchen Briefen nichtN 2immer196immer zu trauen ſei, und dieſer die Sache wohl aͤrger gemacht haͤtte, als ſie waͤre. Ja ſagte ein zweiter Gedanke, wenns nicht vor Augen laͤge, in - dem faſt niemand ehrbares mehr herkommt und mit dem Baron hierauf folgte eine Gedan - kentiefe, aus welcher er ſich allmaͤhlig wieder erhob und ausrief: Was hilfts, ich hab ihr einmahl die Herrſchaft gegeben, mags nun gehn, wie’s will, ich will mich nicht mehr aͤrgern.

Madam Schnitzer war, waͤhrend ihr Mann das alles dachte, und die letzte kluge Ueberlegung mach - te, bei dem Baron Treff, und las den Brief mit ihm. Jch will gehangen ſein, ſagte dieſer, wenn Confuſelius ihn nicht geſchrieben hat! Da haben Sie recht, verſetzte Suschen, kein andrer als er! Der Baron beſann ſich auf jemand, der ſeine Hand genau kennen mußte, ließ ihn rufen und erfuhr, daß er recht gerathen hatte, denn hin und her wa - ren bie Buchſtaben und Zuͤge ſeiner gewoͤhnlichen Handſchrift ganz aͤhnlich. Der ſoll bezahlt werden, ſaͤgte Treff, nahm ſeinen derbſten Stock, fragte den Magiſter aus, und rannte zu ihm hin.

Confuſelius hatte alles, was zur Leibes Nah - rung und Nothdurft gehoͤrt. Dieſer Umſtand machte ihn dreuſt; der Herr Baron fuhr zwar unange - pocht in die Stube hinein, wo man ihm ſagte,daß197daß er den Mann, den er ſuchte, finden wuͤrde, kuͤndigte ſeine Abſicht mit einem Schimpfnamen an, und rannte mit aufgehobenem Stock auf ihn los, aber der kleine Magiſter hatte gleichfalls ei - nen Stock in der Naͤhe ſtehn, den er geſchwind genug zur Hand nahm. Eben ſo ſchnell ſprang ſeine Braut, welche das Geſchrei draußen hoͤrte, mit der Ofengabel herein. Der eben auch nicht rieſenhafte Freiherr ſah ſich alſo zwiſchen zwei Feu - ern, und hielt es hier fuͤr das ſicherſte ſein ſpani - ſches Rohr zu ſenken.

Was wollen Sie von mir? was wollen Sie von dem Magiſter? ſagte das Liebespaar zu gleicher Zeit. Der Baron antwortete, indem er den anonymiſchen Brief herauszog: Haben Sie nicht dieſes Paſquil geſchrieben? Confuſelius verneinte es und blieb ſtandhaft dabei. Jndem er ſo ſeine Unſchuld bezeugte, welche ſeine Braut beſtaͤtigte, fanden ſich einige Bekannte ein und etliche Kaͤu - fer kamen in den daranſtoßenden Laden, die gleich - falls Bekannte und gute Freunde der Kraͤmerinn wa - ren. Durch ſo viel Beiſtand dreuſt gemacht, hob der Magiſter ſeinen Spruch folgendermaßen an: Wie konnten Sie ſich unterſtehn, mich gleich bei Jhrem Eintrit zu ſchimpfen? wer hat Jhnen das Recht dazu gegeben? Denken Sie, daß Sie beſ -N 3ſer198ſer ſind wie ich? Nein, Herr Baron, ich bin ein ehrlicher Mann und Sie ſind ein Spieler, folglich mag ich mich nicht einmal mit Jhnen vergleichen; Leute von ihrem Handwerke ſind nichts beſſer als andere Beutelſchneider, und duͤrfen ſich gar nicht unter andere honette Leute rechnen. Der Baron wollte boͤſe werden, Confuſelius ſprach aber vom Hausrecht, das er gebrauchen wollte, wenn er nicht in Frieden abzoͤge, und drohte die ganze ſchoͤ - ne Wirthſchaft, die jtzt bei Schnitzers waͤre, zu verrathen. Treff meinte, daß er ſich mit ihm nicht abgeben, ihn aber verklagen wollte und gieng.

Dieſer Zank kam bald herum, man erzaͤhlte allenthalben, was Confuſelius dem Baron fuͤr Sottiſen geſagt, und es gab Leute, welche behaup - teten, dies waͤre das kluͤgſte und wahreſte, was der Magiſter, ſo lange er lebte, geſagt haͤtte, welcher Meinung ich keineswegs beitrete: Jch be - haupte vielmehr, daß die Spieler Leute ſind, die es beſſer als andre verſtehn, wie man ohne Muͤhe und Arbeit blos, ſpielend und unter lauter Wohl - leben entweder reich werden oder mit guter Art verarmen kann; die uͤbrigens die meiſte Zeit in Friede und Eintracht zuſammen leben, und ſich die Beute, die einer dem andern abnimmt, willig ausliefern, die ſo gar ehrlichen Lenten nirgend imWege199Wege ſind und ſich nicht ums Zeitliche ſo placken und plagen wie dieſe, ſondern alles dem Gluͤck uͤberlaſſen, welches ſie allenfalls, wo’s noͤthig iſt, ein wenig corrigiren.

Der Baron erzaͤhlte Suschen, was der inſo - lente Magiſter fuͤr ein loſes Maul gehabt haͤtte, aber weit davon entfernt, zu der ihm gedrohten Klage zu ſchreiten, beredete er vielmehr dieſe, auf eine feine Art, daß ſie doch nunmehr wieder Friede mit dem unhoͤflichen Menſchen machen moͤchte. Sie wollte hierzu keine Zeit verſaͤumen, machte ſich alſo einige Tage nachher einen Spatzierweg vors Thor und kam als von ohngefaͤhr vor dem Kram - laden en queſtion vorbei. Sie kaufte etwas und ließ dabei ihre Stimme ſo laut erſchallen, daß Confuſelius zur Thuͤr herausguckte, wo ſie denn hoͤchſt verwundernd that, ihn anzutreffen und nicht unterlaſſen konnte, eine kleine Unterhaltung mit ihm zu beginnen. Seine bevorſtehende Heirath war ſchon ſo weit erklaͤrt, daß er kein Bedenken trug, der Madam Schnitzer dieſe Verbeſſerung ſei - ner Umſtaͤnde, wobei er keinen Menſchen weiter brauchte, auch bekannt zu machen. Sie wuͤnſchte ihm von Herzen Gluͤck dazu und aͤußerte, daß ohn - erachtet der Herr Magiſter, ſchon da ſie noch Jung - fer war, ſo ſchlimm und entehrend von ihr ge -N 4ſpro -200ſprochen, welches ſie damals eben ſo aufgebracht haͤtte, ſie doch nicht unterlaſſen koͤnnte, der ehe - maligen Freundſchaft zu Gefallen ein Hochzeitge - ſchenk zu ſenden. Dies ward ſehr gut aufgenom - men, auch hielt Suschen Wort, ſchickte auch au - ßerdem ab und zu ein Geſchenk aus der Kuͤche, wo - durch ſie alle fernere anonymiſche Briefe nebſt al - len Spionerien des Magiſters ihm abkaufte und in einer Art von entfernter Freundſchaft mit ihm blieb, bis es dem Schickſal in der Folge gefiel, ihn ganz und fuͤr einige Zeit ins Haus zu fuͤhren.

Nach dem Unwetter, woran Confuſelins mit ſeinem anonymiſchen Briefe Schuld war, gieng es eine geraume Zeit vortreflich und ungeſtoͤrt auf der breiten Straße, welche Fran Suschen mit ihren Gaͤſten wandelte. Die Finanzen des Baron Treff bluͤhten dergeſtalt, daß er mit ſeinen Pferden und Wagen aller Art, den Gelaß in den Remiſen und Staͤllen des Gaſthofs allein einnahm, die Anzahl ſeiner Bedienten vermehrte ſich ebenfalls, ſo daß er auch mehr Raum im Hauſe brauchte. Es war nothwendig, daß er ſelbſt dafuͤr ſorgte, daſſelbe aus - zufuͤllen, denn viel Herrſchaften, welche vorher in Schnitzers Gaſthof eingekehrt waren, beſonders die, welche Gemahl innen und Toͤchter mitgebracht hatten, blieben weg. Forthin logirten nur ſolcheFrauen -201Frauenzimmer da, die ſich aus der klugthuenden honetten Welt nichts machten, und junge Manns - perſonen, welche der Baron Treff gemeiniglich in den Zuſtand verſetzte, daß ſie nicht ſo nach Belie - ben abreiſen konnten, ſondern vorher Umſchlaͤge machen und Correſpondenzen fuͤhren mußten, um bezahlen zu koͤnnen. Einige, welche außer einer guten Caſſe, Koſtbarkeiten, Pferde, Wagen u. d. gl. mitgebracht hatten, konnten ſich leichter expediren, fuhren aber entledigt von dem allen mit der ordi - naͤren Poſt weg, wozu ihnen, wenn alle Stricke riſſen, der Baron wohl gar ein paar Ducaten groß - muͤthigſt vorſchoß. Er ſah ſolche Kleinigkeiten niemals an und war ein Mann, der junge Leute ſowohl aus der Stadt als die von fern herkamen, von allen andern Verfuͤhrungen und Gelegenheiten, das Geld zu verthun, dadurch abhielt, daß er ſie zu den edeln Freuden des Soupé spirituel en - gagirte, wo ſich jeder eine Freundinn ausſuchte, oder mitbringen konnte, und ihnen alles das Geld, was fuͤr dieſe und fuͤr die Unkoſten des Tiſches nicht darauf gieng, beim loͤblichen Spiel abnahm. Dies alles hielt den Kopf und das Herz von denje - nigen Thorheiten frei, die durch Buͤcher, durch Studieren und den Umgang mit den ordentlich lebenden und denkenden Leuten, die ein Menſch,der202der das Leben zu genießen verſteht, nur auslacht, eingepflanzt werden. Der Baron war nicht ruhm - ſuͤchtig, ſonſt haͤtte er damit prahlen koͤnnen, daß er in wenig Jahren ein Dutzend junge Edelleute, ſechs reiche Kaufmannsſoͤhne, verſchiedene einzige Soͤhne anderer angeſehener Leute und etliche Ehe - maͤnner in eine Laſt von Schulden geſtuͤrzt haͤtte. Aber dergleichen ſchoͤne Handlungen bleiben doch nicht verborgen, wenn auch der, welcher ſie veran - laßt, es nicht geſagt wiſſen will; die Vaͤter, Muͤt - ter und Weiber der Verſchuldeten wußten immer, wenn die gluͤckliche Lage der ihrigen offenbar ward, bei wem ſie ſich dafuͤr zu bedanken haͤtten.

Madam Schnitzer befand ſich bei dieſem glaͤn - zenden Zuſtand ihres Freundes vortreflich, er haͤtte ihre Freundſchaft itzt zwar nicht mehr ſo ganz noͤ - thig gehabt, da er Geld genug beſaß, uͤberall zu be - zahlen, und ein andres Logis zu beziehn als in ei - nem Gaſthof, aber einmal war alles ſo gut dort eingerichtet, er hatte ſich der beſten Zimmer be - maͤchtiget, befahl nach Herzensluſt im Hauſe und hat tezugleich die Bequemlichkeit, alle ankommenden Fremde beiderlei Geſchlechts ſogleich kennen zu ler - nen. Dieſe Vortheile goͤnnte ihm Frau Suschen recht gerne, da ſie ſelbſt dabei immer mehr gewann und in ſteten Freuden lebte. Sie war meiſt ſehreinig203einig mit dem Baron, nur zuweilen ſchmollte ſie ein wenig und dies geſchah, wenn irgend ein frem - des Daͤmchen ankam, dem Treff die Cour machte; bei ſolchen Gelegenheiten zeigte ſie doch, daß ſie dergleichen Jntriguen abhold war, denn ſo lange eine ſo galante Dame zugegen war, ſtand ſehr ſtuͤrmi - ſches Wetter in dem Calender ihres Kopfs, und die Domeſtiquen, welche, weil ſie ihrer Seits auch Einnahme hatten, itzt ganz gut mit ihr zufrieden waren, ſtanden dieſe ganze Zeit durch nicht wenig aus. Mit dem Baron ſelbſt haderte ſie nicht ſon - derlich, denn er hatte ſich in Anſehn bei ihr ge - ſetzt, auch konnte er die treue Seele mit dem klein - ſten guten Woͤrtchen, das er ihr gab, wieder aus - ſoͤhnen, und fuhr er ſie gar in ſeiner neuen ele - ganten Chaiſe ſpatzieren, welches geſchah, wenn keine ſeiner vornehmern Schoͤnen zugegen war, dann vergab ſie ihm eine Freundſchaftserkaltung, die zwei Monate angehalten hatte.

Jch haͤtte den frommen Johann Jacob, deſ - ſen Namen zu fuͤhren ich doch die Ehre habe, und von dem ich, ſo lange er lebte, Sohn genannt worden bin, uͤber die großen Gegenſtaͤnde, bei de - nen ich mich bisher aufgehalten, beinahe vergeſſen. Es iſt dieſes um ſo mehr ein Fehler, da er dochnoch204noch im Gaſthof vegetirte, ja als der Wirth deſ - ſelben bekannt war.

Aber irren iſt menſchlich und hier war es leicht, in dieſen Jrrthum zu verfallen, weil er da, wo ich mit der Geſchichte bin, wenig anders aus ſeinem Stuͤbchen kam, als wenn es in die Tabagie gieng, oder nachher wenn er jemand im Hauſe beſuchte, (welchen meine Leſer, nach dem was ich noch vor - her zu ſagen habe, kennen lernen werden). Schni - tzer liebte, wie wir wiſſen, Ruh und Frieden; dieſen zu erhalten, ließ er alles gehn, wie es woll - te, und verſtopfte die Ohren ſeines moraliſchen Gefuͤhls vor dem, was ihm in ſeinem Hauſe dem - ſelben zuwider ſchien, ja er that und bewilligte alles, was ſein Suschen wollte, und weil er ſich ſo vernuͤnftig und folgſam verhielt, that ihm dieſe nicht ſonderlich viel zu Leide. Wenn ſie ihm auch einmal vrrwarf, daß er die ganze Zeit muͤßig gieng, ſo war das nur ſo eine Anmerkung im Vorbeigehn, die ſie auch immer bald wieder bereute, denn wenn er ſich beſchaͤmt fuͤhlte und ſich, um nicht muͤßig zu gehn, um etwas bekuͤmmern wollte, ſo ſagte Sus - chen: Bleib immer ruhig, guter Jacob, Du haſt bei Deiner erſten Frau gefaulenzt, wo Du noch jung warſt und ſie alt war, ſo wirſt Du wohl jetzt da Du alt wirſt und eine junge Frau haſt, nicht anfangenwollen205wollen, dich mit ber Wirthſchaft abzugeben; ma foi, mon pauvre Nigaud, das waͤr die ver - kehrte Welt!

Johann Jacob wußte nicht recht, war dies Stichelei oder Wohlmeinung, die erſte mußte er doch einſtecken, damit es wenigſtens hierbei bleiben moͤchte; die letzte legte ihm Erkenntlichkeit gegen eine huͤbſche artige, witzige und zugleich wirthliche Frau auf, die, wenn ers recht uͤberlegte, an ihrem Mann, der ein gutes Theil geringer als ſie waͤre, keine ſonderliche Partie gethan haͤtte. Dieſe Meinung entſtand damahls in ihm, als Suschen ihn bere - dete, daß ihr Vater Lieutenant geweſen waͤre; er ließ ſie auch nicht mehr fahren, weßhalb er ſich auch nicht verwunderte, daß ſie zu mehr Staat als ſeine verſtorbene Frau inelinirte und uͤberhaupt was vornehmes an ſich haͤtte.

Jndem er auf dieſe Art durch vielerlei Umſtaͤn - de zur Achtung fuͤr ſein Suschen bewogen ward, und ſich voͤllig verhielt, als waͤre ſie die Beſitze - rinn des Vermoͤgens und haͤtte ihn gluͤcklich gemacht, kam es ihm auch nicht ſchicklich vor, ihr, die doch wiſſen wuͤrde, was ſich gehoͤrte, weiter in was zu reden, oder ihr viel in den Weg zu kom - men. Das letzte unterließ er immer mehr, je oͤf - ter ſie ihn, wenn er unnoͤthiger Weiſe zum Vor -ſchein206ſchein kam, finſtre Geſichter machte, oder ihn gar fragte, was er wollte? Sie bekuͤmmerte ſich bald gar nicht weiter um ihn, und hielts nicht mehr der Muͤhe werth, zu ihm zu gehn, wenn er aus der Tabagie heim kam, hingegen hofmeiſterte ſie ihn immer oͤfter.

Es war nur ein einziges Zimmer im Hauſe, welches er einige Zeit beſuchen durfte, ohne daß ſie etwas dagegen hatte, es lag im dritten Stock und ward von einem Mann bewohnt, der ſich ſeit zwei Jahren da ſtill verhielt und ſparſam behalf. Als er ankam und man nach ſeinem Namen fragte, nannte er ſich Felß.

Da er keinen Bedienten hatte, und uͤber ein feines aber ſchlichtes Kleid einen grauen Oberrock trug, der zwar gut und neu, aber gar nicht nach dem Modeſchnitt war, meinte Suschen, welche, da er anlangte, noch im Dienſt ihrer Vorfahrinn war, fuͤr einen ſolchen Paſſagier waͤr ein Hinter - ſtuͤbchen gut genug. Schnitzer hingegen ſchloß ſchon da er ihn empfieng, eben aus ſeinem derben Anzug, daß es ein geſetzter Mann ſein muͤßte, fuͤhr - te ihn in den zweiten Stock und wollte ihm ein ſehr ſchoͤnes Zimmer eingeben. Allein Felß bat um ein geringeres, welches doch wohlfeilern Prei - ßes ſein wuͤrde, und moͤchte er ihn, ſagte er laͤ -chelnd,207chelnd, immer eine Treppe hoͤher hinauf bringen, indem er noch gut ſteigen koͤnnte. Dies gefiel Schnitzern noch beſſer, da beſonders ein großer ſchwerer Coffre hinaufgetragen ward, welcher zeigte, daß der Mann mit Effecten und vermuthlich auch mit Geld verſehn war.

Er bewieß dieſes, ſo wie ſeine Ordnungsliebe und Sparſamkeit noch mehr, als er ſagte: Jch bleibe vielleicht eine geraume Zeit bei Jhnen, wenn Sie mir das Zimmer als einen Miethsmann laſ - ſen koͤnnen. Jn dieſem Fall bemuͤh ich mich nicht um ein Privatquartier, weil ich doch bei Jhnen alles, was ich ſonſt brauche, finde, ohne aus dem Hauſe zu ſchicken, ſo daß ich alſo den Be - dienten entbehren kann. Jch eſſe gern ordentlich, aber nicht koſtbar und ſo will ich in allen Stuͤcken zwar nicht darben, aber auch nichts uͤberfluͤſſiges haben. Wollen Sie mir nun wiſſen laſſen, wie viel ich monatlich fuͤr Zimmer, Tiſch ꝛc. zahlen muͤßte, ſo kann ich gleich ſehn, ob wir zuſammen bleiben koͤnnen. Schnitzer uͤberlegte am Bette ſei - ner Frau, der er den Mann ausnehmend lobte, auf wie viel ſie den Fremden ſetzen ſollten, und ſie beſchloſſen es billig zu machen. Felß war alſo mit dem, was gefordert ward, zufrieden und zahlte ei - nen Monat voraus, welches er lange ſo hielt.

Nur208

Nur wenig Tage war Herr Felß im Hauſe, als einer der angeſehenſten und geehrteſten Maͤnner aus der Stadt, zu welchem er ein Billet geſchickt hatte, zu ihm kam. Dieſer und mehrere Leute von Wichtigkeit beſuchten ihn hernach noch verſchiedene - mal, und bezeugten ihm viel Achtung. Es ward, obgleich auch ſeine Bekannten uͤber dieſen Mann ein unverruͤcktes Stillſchweigen beobachteten, doch bald vermuthet, daß er einen geborgten Namen fuͤhrte und vielleicht ein großer Mann waͤr. Um dieſer Vermuthung willen, war er Schnitzern noch lieber, denn hier gab es etwas zu errathen, wel - ches er nicht aufzuloͤſen verſtand. Seit Felß in ſeinem Hauſe war, kamen ihm die vornehmſten Leute, von denen man es wußte, wer ſie waren, als ſehr unbetraͤchtliche Leute vor, hingegen fuͤr ſei - nen geheimnißvollen Gaſt hatte er die groͤßte Hoch - achtung.

Nicht eben ſo dachte Suschen; ſobald ſie Wir - thinn war, fieng ſie an auf Felßen loszuziehn, er verzehrte nicht nur wenig, ſondern war auch ſo ſtill und ernſthaft, ſie ſah gartnicht, warum man ihm das huͤbſche Zimmer nebſt Kammer und dem guten Tiſch fuͤr einen ſo wohlfeilen Preiß ließ, denn ver - ſchiedenemal haͤtte es ſchon, wenn viel Fremde da geweſen waͤren, an Platz gefehlt. Ueberhauptwuͤßte209wuͤßte der Himmel, wer der Mann waͤr, wenn gleich die vornehmen Herren zuweilen zu ihm ge - kommen waͤren, ſo bewieß das nichts, er koͤnnte ihnen auch wohl was weiß gemacht haben, jetzt kaͤmen ſie doch nicht mehr, ſondern er uͤberlief ſie. Und was ſaͤß er denn ewig da?

Schnitzer widerlegte dieſe Reden ſo gut er konnte, er bemuͤhte ſich ſeiner Frau die hohe Mei - nung, die er von ſeinem Gaſt hatte, ſelbſt beizu - bringen und ihr ſo glaublich zu machen, wie es ihm ſelbſt war, daß hinter dem geheimnißvollen Stillſchweigen uͤber Felßens eigentlichen Stand ge - wiß ein großer Herr verborgen waͤre, daß ein ſo vernuͤnftiger, tugendhafter und gelehrter Mann durchaus etwas Wichtiges im Schilde fuͤhren muͤßte. Aber alles das ſchlug bei Frau Suschen nicht an; Felß ließ nichts drauf gehn, ſpielte nicht, nahm nicht Theil am Soupé spirituel, und hatte es ſogar ausgeſchlagen, als man ihn dazu Gaſtweiſe eingeladen. Er hatte mit keinem im Gaſthofe, auch nicht mit dem Baron Treff, der doch faſt immer da war, Umgang und ſprach mit ihm und der Frau Wirthin nie mehr, als er der Hoͤflichkeit gemaͤß ſprechen mußte. Dennoch hat - te die letzte vollkommen recht, einen Mann, der zu gar nichts gut war und durch ſein ſtilles Be -Otra -210tragen wohl noch dazu anzeigen wollte, daß er der galanten Art, die jetzt im Gaſthof herrſchte, keinen Beifall geben koͤnnte, uͤberlaͤſtig zu finden!

Was Felßens verſagten Beifall des Jubels im Gaſthof betraf, ſo hatte Madam Schnitzer voll - kommen recht, er wuͤrde, ſo wie dieſer ſich anhob, ausgezogen ſein, wenn er nicht immer gehoft haͤt - te, bald abreiſen zu koͤnnen, und ſich alſo auf die kurze Zeit, die er vielleicht noch da waͤr, in keine neue Einrichtung einlaſſen wollte. Da er auch nun indeſſen wirklich nicht wohlfeiler logiren konnte, da es in ſeiner Caſſe anfieng hell zu werden, da er uͤberhaupt als Philoſoph und Mann glaubte, ſelbſt im Zirkel des wildeſten Jubels, wenn die Um - ſtaͤnde ihn darinnen zu leben zwaͤngen, nichts an ſei - ner Wuͤrde zu verlieren; war ihm ſo, was unten vor - gieng, gleichguͤltig.

Das ſind nun ſo die ſtolzen Einbildungen der Leute, welche ſich weiſer duͤnken, als wir luſtigen Geſchoͤpfe, die wir alles fuͤr ſchicklich halten, was Vergnuͤgen giebt und nicht Nachfrage bei den zwei veralterten Damen Tugend und ihrer Tochter Mo - ral halten, ob dies und jenes wohl gegen ihren Catechismus laͤuft.

Der ernſthafte Herr Felß mochte, wie es ſehr wahrſcheinlich war, mit ſamt ſeinem Schritthaltenin211in dem Gebiete dieſer Matronen, einen derben Stoß des Schickſals erlitten haben, auch hoͤrte es jetzt noch nicht auf, ihn zu puffen, denn anſtatt guter Nachrichten, die ſeine Abreiſe mit ſich ge - bracht haͤtten, liefen, wie ſich’s an Fingern abzaͤh - len ließ, anhaltend ſchlimme ein, und anſtatt daß Baron Treff beſtaͤndig volle Geldſaͤcke um ſich her ſtehen hatte, wurden ſie bei ihm leer, ohne daß ſich Erſatz einfand. Treff ward uͤberall geehrt und promt bedient, Felß ward vernachlaͤßigt, und weil Fortunens Auswurf nicht bei ihm klang und klap - perte, warf jeder Domeſtique des Gaſthofs das Maul auf, wenn er ihm irgend einen Dienſt lei - ſten ſollte, ſo ſehr er ſich auch in Acht nahm, ſie nicht zu ſehr zu beſchweren. Und doch wollte ein jeder darauf ſchwoͤren, daß Felß ein tugendhafter, und Treff ein ſchlechthandelnder Mann ſei. Jſt’s nun nicht bloßer Eigenſinn, ſich mit der Tugend durch die Welt zu martern, wenn man beim Schlechthandeln auf Roſen geht? Doch das ſehn ehrbare Leute, die, indem ſie es leſen, die Achſeln zucken werden, nicht ſo ein, wie wir Spieler, (ich melde zum voraus, daß ich dieſe edle und ſchwere Kunſt in der Folge meiner Geſchichte auch treiben werde) und Mutterſoͤhuchen.

O 2Herrn212

Herrn Felß haͤtte vielleicht die Karte zugeſagt, und es waͤre ihm bei der Geſellſchaft im Gaſthofe der Madame Schnitzerinn, (denn eigentlich war’s doch nun ihr Gaſthof) wohl gegangen, da er hin - gegen bei ſeinem eingezogenen Leben und Harren gaͤnzlich in die Enge kam. Schon einen Monat hatte er nicht nur das Voraus, ſondern auch das Hernachzahlen vergeſſen. Schnitzer aͤngſtigte ſich daruͤber, denn Suschen hatte ſich aller Einnah - men des Gaſthofs bemaͤchtigt, alſo mußte auch Felß ihr jedesmal das Geld ſchicken, Johann Ja - cob konnte es alſo nicht, wie er gern gethan haͤtte, verheimlichen, daß die Zahlung ausblieb; er ſagte ihr, als ſie ſich daruͤber aufhielt, daß Herr Felß ihn deshalb um Vergebung gebeten und verſpro - chen haͤtte, kuͤnftigen Monat das doppelte abzu - tragen, weil er ſtuͤndlich Geld erwartete.

Aber wie erſchrack nicht der arme Schnitzer, als ihm der vornehme Mann, welcher bald nach Felßens Ankunft bei demſelben eingeſprochen war, zu ſich beſcheiden ließ, und ihm erklaͤrte, daß Herr Felß, wie die Umſtaͤnde waͤren, vielleicht in einem Jahre nicht Richtigkeit fuͤr Wohnung und Koſt machen koͤnnte, daß aber Herr Schnitzer nicht ver - lieren wuͤrde, weil der Mann große Erwartungenhaͤtte,213haͤtte, und mit der Zeit im Stande waͤr zu bezah - len; alſo moͤchte er doch Geduld mit ihm haben.

Man wird ſich wundern, daß Felß, dem Schnitzer immer ſo viel Achtung und Gewogenheit gezeigt hatte, nicht ſelbſt fuͤr ſich ſprach, beſonders wenn ich ſage, daß er auf einen gewiſſen Ton des ge - genſeitigen Zutrauens mit ihm war, und ihm ſo viel geſtanden hatte, als noͤthig war, um Schnitzern ein - ſehn zu laſſen, er ſei nicht Herr Felß ſchlechtweg. Solch Gewundere kommt aber immer von dem voreiligen Urtheilen her. Die mehreſten Leſer, und am meiſten die kritiſirenden haben bei jedem Perio - den eine Anmerkung bei der Hand und kraͤhen gleich vom Widerſpruch, Ungereimtheit u. d. gl. wenn ſie denn ihre Weisheit ausgeſchuͤttet haben und weiter leſen, ſehen ſie, daß ſie ihre Sprach - organe oder ihre federfuͤhrenden Finger unnoͤthig in Bewegung geſetzt haben. Dies laͤßt man noch al - lenfalls hingehn, wenns nur geſagt oder an den Rand des Buchs, das den vermeinten Widerſpruch enthaͤlt, geſchrieben wird; wenn aber der tadeln wollende Recenſent ſolch ein voreiliges Urtheil in die gelehrten Zeitungen oder Journale einruͤcken laͤßt wer kanns da dem Verfaſſer des recenſirten Werks verdenken, wenn er gern den Mann kennen moͤchte, um ihm in aller HoͤflichkeitO 3zu214zu ſagen: mein Herr, ein andermal laſſen Sie die Leute ausreden, ehe ſie ihre Berichte kritiſiren, wenn ſie das nicht koͤnnen, ſo ſchweigen ſie, d. h. in ihrem Fall leſen ſie die Werke recht durch, be - vor ſie ein Urtheil uͤber ihren Jnhalt faͤllen, wenn ſie dazu nicht Zeit haben, ſo ſparen ſie ihre Beſ - ſerwiſſerei zu einer andern Gelegenheit, wo ſie vollkommen uͤberzeugt ſind, daß ſie tadeln koͤn - nen!

Da ſpricht mein Nachbar, der Schulmeiſter, welcher es nicht erwarten kann, daß ich mein Buch drucken laſſe, ſondern immer hinter mir ſteht und von der Feder weg lieſt: ei Herr Nickel! das ſtreichen ſie ja weg, man muß, wie ich von dem Herrn Paſtor, der auch Buͤcher ſchreibt, und ſich manchen Hieb in den gelehrten Zeitungen ge - fallen laͤßt, hoͤrte, es nicht mit den Recenſenten aufnehmen, ſonſt ſticht man in ein Weſpenneſt! Jch antworte, Herr Nachbar, was mich betrifft, ſo mach ich mir nichts daraus, wenn dieſe Her - ren auf mich ſchimpfen, vielmehr wird es mir zur Ehre gereichen, denn da iſt ein gewiſſer ſehr ge - lehrter Mann, der, wie ich, Nickel heißt, dieſer zankt ſich ſchon ſeit vielen Jahren mit allen andern Gelehrten, weil ſie ihn nicht das große Wort fuͤh - ren laſſen. Er ſchimpft ſich tuͤchtig mit ihnen her -um,215um, und eben jetzt haben ſie ihn aufs neue in der Kluppe, aber er wird ihnen gewiß nichts ſchul - dig bleiben, ſondern ſich bis auf den letzten Oden wehren, denn er iſt ambitioͤs, wie ein Pfau und dreuſt wie ein Spaz, und iſt weit und breit be - ruͤhmt. Nun ſehn ſie, Herr Schulmeiſter, wenn ich nun etwa auch in Zank mit den Recenſenten geriethe, ſo waͤre ich der Ehre, der Namensvetter dieſes großen Mannes zu ſein, ganz werth und die Welt wuͤrde denken, daß die Nickels uͤberhaupt alle große Leute waͤren.

Der Schulmeiſter iſt uͤberzeugt.

Jch blieb bei Herr Felßen ſtehen, fuͤr welchen ſich ein gewiſſer vornehmer Mann in unſrer Stadt bei Schnitzern verwendete. Hierzu hatte ihn Felß keinesweges den Auftrag gegeben, ſondern die Sa - che verhielt ſich folgendermaßen. Felß hatte ſeinen angeſehenen vermoͤgenden Freund um einen Vor - ſchuß gebeten, er glaubte, da er in Verlegenheit war, ſich an keinen andern als an ihn verwenden zu duͤrfen, weil er da, wie er meinte, aller Um - ſtaͤnde nach, keine abſchlaͤgliche Antwort zu be - fuͤrchten hatte. Aber er verlangte den Vorſchuß keineswegs auf die kuͤnftige Verbeſſerung ſeiner Umſtaͤnde, ſondern auf ein gelehrtes und nuͤtzliches Werk, das er unter der Feder hatte, und wozu esO 4ihm216ihm nicht an einem Verleger fehlen konnte. Der Herr, der in einem großen Poſten ſtand und zehn - mal ſo viel, als Felß verlangte, nicht ſonderlich vermißt haͤtte, fand es aber doch, als ein kluger Mann bedenklich, nur eine kleine Summe hinzu - geben, wenn die Gewisheit, ſie wieder zu bekom - men, ihm nicht durch Grundſtuͤcke oder Bankono - ten und d. g. in die Augen ſprang. Er hatte recht viel Achtung fuͤr Felßen, allein, wie er durch ihn ſelbſt und andere Nachrichten wußte, konnte es nicht nur noch ſehr lange dauern, ehe er wieder das ſein durfte, was er eigentlich war, ſondern es war moͤglich, daß es nie dahin kam. Auch konnte der Mann ſterben, ehe er nur ſein angefangenes Werk halb vollendete, da er eigenſinniger Weiſe, was er geſchrieben hatte, immer zehnmal pruͤfte; es war nach dem allen nicht rathſam, ſich auf das verlangte Darlehn einzulaſſen. So that es nun dem vornehmen und reichen Mann unendlich leid, daß er nicht ſogleich zu dem Verlangen des wuͤrdi - gen Herrn Felß ja ſagen konnte, er wuͤnſchte recht ſehr, es zu koͤnnen, allein der Aufgang in ſei - nem Hauſe ausgebliebene Gelder ein ſchwerer Bau auf den Guͤtern u. ſ. w. Kurz, der arme reiche Herr war ſchwerlich im Stande, mit dem Gelde zu dienen, doch wollte er gern Herrn Felßhel -217helfen, daruͤber nachdenken und ihm Antwort ſa - gen laſſen, denn ſeit ſich’s auswieß, daß Fel - ßens Horizont immer finſterer wurde, war keiner der Freunde, die ihn anfangs beſucht hatten, mehr hingekommen und hattens keine ſonderliche Freude, wenn er ſich die Muͤhe nahm ſie zu be - ſuchen; dies verlangte aber die Politik. Alſo auch hier wollte der große Mann Felßen nicht bemuͤhn, ſondern ihm Beſcheid ſagen laſſen.

Das Nachdenken des erſten uͤber das Anliegen des letzten hatte den Entſchluß, Schnitzern zur Geduld zu bewegen, zum Reſultat, denn ein Gaſt - wirth kann eher warten, als ein Beſitzer von 100000 Thalern und kann auch eher um etliche 100 Thaler kommen, als jener; wer heißt es ihm, daß er ſich mit einer ſolchen Nahrung einlaͤßt, wenn er dabei gewinnen will, muß er ſich auch das Verlieren gefallen laſſen, aber ein reicher Mann, der keinen ſolchen Erwerb haben darf, muß jeden Pfennig zu rathe halten und braucht ſich keinem Verluſt auszuſetzen. Es iſt auch nichts daran ge - legen, ob ein Mann, der buͤrgerliche Nahrung treibt, am Ende etwas uͤbrig hat, oder gar ver - armt, kann er doch, wenn er nicht bezahlt wird, andern auͤch ſchuldig bleiben, ſeine Wirthſchaft auf -geben218geben und mit Frau und Kind dienen, das Mit - leiden andrer anflehn, im Lazareth oder Spital ſterben, das alles iſt nichts gegen das Ungluͤck, wenn große Kapitaliſten einige hundert Thaler verlieren.

So vernuͤnftig haͤtte der Herr, welcher fuͤr Felßen um Nachſicht bei Schnitzern bat, vermuth - lich raͤſonnirt, wenn ihm dieſer auch nicht als ein wohlhabender Mann, ſondern als einer von den Gaſtwirthen, die in die groͤßte Sorge gerathen, wenn ſie nicht von Paſſagiers und Gaͤſten richtig bezahlt werden, bekannt geweſen waͤr.

Schnitzer war nun aber, wie wir wiſſen, wohl im Stande, ſo viel als Felß bei ihm verzehr - te, nebſt der Stubenmiethe auch allenfalls einbuͤ - ßen zu koͤnnen, auch war es das nicht, woruͤber er ſich graͤmte, ſondern, wie wir wiſſen, die Auf - nahme der Sache bei ſeinem artigen Weibchen. Doch er fand ein Mittel: ſo viel Gewalt dies leb - hafte Geſchoͤpf uͤber ihn auch erhalten hatte, ſo hatte er doch die Einkuͤnfte ſeines zweiten Hauſes noch fuͤr ſich zu behalten gewußt. Suschen ließ ihm dieſe, damit er ja keinen Heller von ihrem Einkommen im Gaſthofe fodern moͤchte, auch et - was haͤtte, wovon er ihr Geſchenke machen und die Abgaben nebſt andern vorkommenden Auslagen,wie219wie ſie den Namen haben moͤchten, tragen koͤnnte, da kam es denn wohl auch vor, daß er eine Baͤcker - Fleiſcher - und Kaufmannsrechnung einſtweilen abthun mußte, weil ſie eben nicht Zeit haͤtte. Solchergeſtalt hatte der gute Johann Jacob frei - lich wenig uͤbrig, aber er beſchloß dennoch Felßens gewoͤhnliche Zahlung jeden Monat aus ſei - nem Beutel zu entrichten und vorzugeben, als haͤtte es Felß abgetragen, wenigſtens wollte er dies vor der Hand ſo halten und es Felßen hoͤflich zu verſtehen geben, daß er ſich, ſo leid es ihm thaͤt, um eine andere Wohnung umthun moͤchte, wenn er ſeine liebe Frau nicht anweiſen koͤnnte, da ſie zu wirthlich waͤr, um etwas zu verlieren. Doch wollte er hinzuſetzen, daß Herr Felß ſich hierzu ei - nige Monate Zeit nehmen koͤnnte, waͤhrend derſel - ben er ſeine Frau immer bezahlen wollte, ohne daß ſie es wuͤßte, daß es nicht von Felßen kaͤme.

Es war eben der Tag der Verſammlung in der Tabagie, als Schnitzer bei dem vornehmen Herrn geweſen war, er ſchlich von ihm zu ſeiner Geſellſchaft und konnte dieſen Abend nicht mit Herr Felßen ſprechen.

Der vornehme Herr hatte unterdeſſen um ſein Wort zu halten, dem letzten in einem Billet ge - meldet, daß er mit dem Gaſtwirth geſprochen unddieſem220dieſem durch Winke, welche er ihm von bevorſte - henden großen Einnahmen, die Felßen nicht ent - gehen koͤnnten, gegeben, bewogen haͤtte, Geduld mit ihm zu haben, wenn er auch in langer Zeit nicht bezahlte. Er glaubte gewiß, daß Schnitzer, der ſich geneigt dazu gefunden haͤtte, nicht nach - fragen wuͤrde, wenn er auch ein Jahr und laͤnger mit der Bezahlung zoͤgerte. Er haͤtte den Wirth mit Fleiß nichts von dem Werke geſagt, was Felß unter der Feder haͤtte, damit er, wenn auf dieſe Art etwas einkaͤme, das Geld zum Nothfall aufhe - ben koͤnnte

Der undankbare Felß war, anſtatt ſich uͤber die - ſe wohlgemeinten Anſtalten und die Sorgfalt ſei - nes Freundes zu freuen, aͤußerſt aufgebracht dar - uͤber; er konnte es nicht mit Stillſchweigen uͤber - gehn, weil er aber unter andern Eigenheiten auch dieſe an ſich hatte, allezeit und am allermeiſten, wenn etwas ihm Verdruß machte, lakoniſch zu ſprechen und zu ſchreiben, ſo enthielt das Billet, welches er des vornehmen Mannes Bedienten, als Antwort an ſeinen Herrn mitgab, nur dieſe weni - gen Zeilen.

Jch wuͤrde Jhnen gedankt haben, wenn Sie mir dieſen Morgen meine Bitte ganz abgeſchlagen und mir dann zugetraut haͤtten, daß ich ſelbſt mitmei -221meinem Wirth ſprechen koͤnnte, weil ich auch die Art, in welcher ich ſeine Nachſicht ſuchen konnte, beſſer kennen mußte als Sie. Jch geſtehe, daß die Jhrige eben ſo wenig wie die Sorgfalt, Schni - tzern die mir bevorſtehende Einnahme zu verber - gen, nach meinem Geſchmack iſt.

Felß.

Schnitzer begab ſich des folgenden Morgens zu dieſem beſondern Mann und theilte ihm, nach ei - nem ſehr freundlichen guten Morgen, die Unter - haltung mit, welche er geſtern mit dem gr. Herrn ** ſeinetwegen gehabt haͤtte, oder vielmehr er fieng davon an, denn Felß unterbrach ihn bei den erſten Worten, indem er ſagte: ich weiß alles Herr, Schni - tzer, aber der Herr ** hat ſich unnoͤthige Muͤhe gegeben, ich habe ihn nicht darum gebeten, weil ich ja ſelbſt mit Jhnen ſprechen kann. Eben iſt meine Verfaſſung etwas dunkel und verworren, ſie klaͤrt ſich vielleicht nie auf. Jndeſſen werde ich weder Mangel leiden duͤrfen, noch Jhnen, was ich brauche, ſo lange als jener Herr gemeint hat, ſchul - dig bleiben. Jch kann Jhnen hier Arbeit zeigen, die ich vorhabe, ſie wird mir das verſchaffen, was ich, um Sie ferner ehrlich zu bezahlen, brauche, wenn Sie mir nur eine kurze Zeit Credit geben wollen.

Schni -222

Schnitzer war entzuͤckt, einen Schriftſteller im Hauſe zu haben und zwar einen, der ganz andere Sachen ſchreiben wuͤrde als Confuſelius. Er glaub - te dieſer einzige Mann entſchaͤdigte ihn gegen alle das lockre Volk unten und zugleich koͤnnte er doch auch noch was lernen, koͤnnte von nun an taͤglich, oder doch ſo zuweilen ſein Stuͤndchen mit Felßen von gelehrten Dingen ſchwatzen. Dies alles ſagte er ihm mit der groͤßten Treuherzigkeit und ver - traute ihm bei dieſer Gelegenheit den geheimen Kummer, welchen ihn mit unter ſein liebes Weib - chen und vielerlei in ſeinem Hauſe machte.

Felß erzaͤhlte ihm vom Sokrates, rieth ihm, es wie dieſer zu machen, und zu dem, was er nicht aͤndern koͤnnte oder wollte, zu lachen. Auch dies diente in Schnitzers Kram, es war ihm ſehr erwuͤnſcht, daß ein ſo kluger Mann ihn ſelbſt zur Gelaſſenheit und zum ruhigen Zuſehn rieth, und ihn auf das Veiſpiel eines Weiſen und gelehrten Mannes hinwieß; er gewann Felßen noch zehnmal lieber als vorhin, und noch nie hatte er ſich ſo offenherzig mit ihm unterhalten. Daß er ſeiner Frau nichts von dem leeren Raum im Zahlungs - Syſtem ſagen, ſondern unterdeſſen fuͤr ihn bezahlen wollte, war zwar nicht ſo ganz nach dem Geſchmack des delikat fuͤhlenden Mannes, er fand ſich nurin223in ſofern drein, weil Schnitzer dadurch Ruhe be - kam, weil er die Wohnung nicht fuͤglich ſogleich ver - aͤndern, und er nun doch einmal nichts beſſers thun konnte, als unter den herben Fruͤchten, die ihm jetzt das Schickſal zu genießen gab, die minder bit - tern auszuwaͤhlen, welches denn doch auch Er - leichterung waͤr.

Dergleichen altkluge Entſchluͤſſe faßt nur ein ſo hartkoͤpſiger Mann wie Felß, ich meines Theils war bei den Veraͤnderungen meines Schickſals viel nachgebender, und wog nicht alles nach den Re - geln der Ehrlichkeit und der furchtſamen Moral ab, wenn ich in bedraͤngter Lage war, ſondern raffinirte, wie es zu machen ſei, daß ich lauter ſuͤße Fruͤchte ſchmaußen moͤchte. Es iſt wahr, daß wenn ich auch meinen Endzweck erlangt hatte, Neid und Verraͤtherei doch verurſachten, daß ich deſto bittere zu genießen bekam, aber ich hatte durch die guͤtliche Behandlung meiner Mutter und ihrer ein - gepflanzten Grundſaͤtze eine ſo hohe Meinung von mir ſelbſt erhalten, daß ich mich, aller Ahndungen der Juſtiz ohnerachtet, fuͤr einen Mann hielt, der eben den, wo nicht mehr Werth haͤtte, als ein Felß; auch ließ ſich meine Gabe, auf neue Helden - thaten und neue Freuden zu ſtudiren, durch nichts verringern. Was die Ehrliebe betraf, davon hattemir224mir meine Mutter einen ganz andern Begrif bei - gebracht als manche Menſchen haben; ſolche wuͤr - den ſagen, es ſei Hoffarth, die ſie mir eingepflanzt haͤtte, und wo dieſe obwaltete, faͤnde nie Ehrliebe ſtatt, weil ein hoffaͤrthiger Menſch eine ſolche Ein - bildung von ſich hegte, daß er nicht noͤthig zu ha - ben glaubte nach Beifall oder Verdienſt zu ſtreben, indem er außer ſich ſelbſt alles gering ſchaͤtzte und ſich, wie er auch waͤre, fuͤr gut genug hielt, da - her er ſich auch alles erlaubte. Doch das ſind Kluͤgeleien, womit ſich die judizioͤſe Menſchenart ſehr breit weiß. Genug meine Mutter wußte auch auf Ehre zu halten, und lernte mirs nach ihrer Weiſe; denn es giebt ja wohl auch uͤber die Ehr - begierde verſchiedene Begriffe. Ein Felß z. B. glaubt auch im duͤrftigſten Zuſtande nicht kriechen, in der groͤßten Verlegenheit nicht ſchwindeln zu duͤrfen, glaubt ſich lieber alles moͤgliche abbrechen zu muͤſſen als dieſe Verlegenheit zu vermehren und ſich dadurch immer abhaͤngiger zu machen, er glaubt im Bewußtſein ſeiner Unbeſcholtenheit und im Ge - fuͤhl eines edeln Geiſtes, durch unverſchuldnes Un - gluͤck, welches Entbehrung jenes blendenden Glan - zes mitbringt, in welchen die Welt allein einen Werth ſetzt, nicht Verachtung zu verdienen und haͤlt wenn er in der groͤßten Verlegenheit bei einerSchuͤſſel225Schuͤſſel Gemuͤße ſitzt, dieſes Entbehren keines Au - genblicks Kummer werth, hingegen vermeidet er alles, was nach ſeinem leiſen Gefuͤhl dem ehrlieben - den Menſchen nicht anſteht.

Jch hingegen habe, ſo wie meine Mutter, da - fuͤr gehalten, die Ehre erfordere, vornehm zu thun, ſich Titel zu geben, wenn man auch keine hat, Staat zu fuͤhren, herrlich zu leben, zu prahlen, vorlaut zu ſein, nach Zeit und Gelegenheit immer was dem allen foͤrderlich ſein kann, zu thun und zu ergrei - fen, ſich uͤberall durchzubeißen, nichts auf ſich ſitzen zu laſſen und ſich uͤberhaupt um das, was die mo - raliſche Welt Grundſaͤtze und Menſchenwuͤrde nennt, nicht zu bekuͤmmern, ſondern ſein werthes Jch und ſeine Behaglichkeit zu dem Zweck alles Dichtens und Trachtens zu machen, und wo es was zu genießen oder zu gewinnen giebt, nicht delikat uͤber das Wie zu thun. Jch wuͤnſchte, daß meine Leſer ſo hoͤf - lich waͤren, dieſe Sorte von Ehr - und Wohlle - bensbegierde ſchoͤn zu finden.

Wie wenig nach dieſer Verſchiedenheit der Denkungsart meine liebe Mutter und Felß harmo - niren konnten, iſt leicht zu erachten. Es war hoͤchſt noͤthig, daß Johann Jacob fuͤr ihn zahlte, welches er ſogleich nach der Unterredung mit ſeinem Gaſt that und zwar war er ſo fein, ihr das Geld fuͤrPden226den ruͤckſtaͤndigen Monat und fuͤr den laufenden mit verſtelltem Unwillen, daß er ihn damit belaͤſti - get haͤtte, da ers doch, wie ſonſt, durch einen der Leute an ſie haͤtte ſchicken koͤnnen, zu geben, und nahm gern den alten Faullenzer, den alles beſchwer - te, nicht uͤbel.

So froh als haͤtt er ein großes Gluͤck gemacht und ſtolz auf ſeine That, gieng er nun in ſein Stuͤbchen und las den Heft, den er ſich von dem Manuſeript des Herrn Felß ausgebeten hatte. Es enthielt eine Wiſſenſchaft, von der er nicht den geringſten Begriff hatte, alſo gefiel es ihm aus - nehmend, er bezeugte, als ers wieder abgab, Fel - ßen ſeinen Beifall und ſein Verlangen, das Werk, wenns heraus ſein wuͤrde, ganz zu leſen.

Felß fand, da er ſein Werk vollendet hatte, einen Verleger dazu, mußte aber maͤßige Bedingun - gen eingehen, weil er Geld brauchte, welches dem Herrn Verleger nicht unbekannt war (das ſteigende und fallende im Preiß der Verſtandes - und Talentswerke, ſo wie der Werth der Menſchen haͤngt mit dem ſteigenden und fallenden in ihren Gluͤcksumſtaͤnden allemal zuſammen). Er konnte nun Schnitzern den fuͤr ihn geleiſteten Vorſchuß, der ihn wie eine Laſt auf dem Herzen gedruͤckt hat - te, erſtatten, und dieſer legte ihn bei Seite, um auf den Fall, daß Felßens Geldbruͤnnlein wieder227 vertrocknen ſollte, ſein Suschen noch einmal da - mit zu blenden.

Felß hatte aber uͤberlegt, daß er wohl thun wuͤrde, jetzt da er es konnte, auszuziehn und eine noch genauere Einrichtung zu machen, waͤr auch ohnerachtet ſeiner philoſophiſchen Hinſicht auf die luſtige Wirthſchaft im Gaſthof, nicht ungern weit davon geweſen. Als er aber Schnitzern die Ab - ſicht, ſich nach einer andern Wohnung umzuſehn, merken ließ, aͤußerte dieſer die groͤßte Betruͤbniß daruͤber und verbarg es ihm nicht, daß er ſeinen letzten Troſt verlieren wuͤrde, wenn Herr Felß ſein Haus verließ Aber, ſagte dieſer, wozu kann ich Jhnen nuͤtzlich ſein?

Schnitzer.

Wir haben offenherzig geſprochen, Herr Felß, daher wiſſen Sie, daß die jetzige Ein - richtung hier im Hauſe nicht nach meinem Sinn iſt; die Perſonen, welche meine Frau hier einge - fuͤhrt hat, ſind nicht meine Leute, ihr Beginnen vertraͤgt ſich gar nicht mit meiner Art zu denken.

Felß.

Ein Beweiß, daß Jhre Art zu den - ken gut iſt, allein wiefern meinen Sie, daß mein Hierſein Sie troͤſten koͤnnte?

Schnitzer.

Wenn ich zuweilen denke, wie hat ſichs bei Dir geaͤndert, armer Johann Jacob! Anſtatt daß ſonſt alles rechtlich zugehn mußte, iſtP 2jetzt228jetzt dein Gaſthof ein Sammelplatz leichtſinniger Menſchen und die beſſern haben ſich weggewant, ſehn Sie Herr Felß, wenn ich das denke und nun faͤllt mir ein, daß Sie in meinen vier Pfaͤhlen hauſen, dann halt ich mich fuͤr hinlaͤnglich ent - ſchaͤdigt.

Felß.

Dies Zutrauen und die gute Meinung, die Sie von mir haben, verdient Erwiederung von meiner Seite, aber wenn ich auch uͤber eben dieſe bunte Wirthſchaft, die Jhnen ſo misfaͤllt, weg ſaͤhe, weil ich nicht Theilnehmer bin und blos als Zu - ſchauer nichts davon mich entehrt, ſo will es doch nothwendig werden, daß ich auf noch mehr Ein - ſchraͤnkung denke, um die Ausgaben leichter be - ſtreiten zu koͤnnen.

Schnitzer.

Herr Felß, Sie ſollen von jetzt an nur die Haͤlfte deſſen geben, was Sie bisher zahlten.

Felß.

Das wuͤrde die Frau Wirthinn nicht zufrieden ſein.

Schnitzer.

Die ſoll nichts erfahren, ich le - ge zu.

Felß.

Das geht nicht Herr Schnitzer! Jch erkenne zwar ihren guten Willen, aber es wuͤrde mich erniedrigen, ich nehme, ſo lange mich das Schickſal nicht bis dahin verlaͤßt, daß ich unfaͤhigbin229bin, mir durch Fleiß das zu verſchaffen, was ich brauche, von keinem Menſchen Wohlthaten an, und ſo muͤßte ich die Guͤte, die Sie haben wol - len, ſich ſelbſt zu bezahlen, anſehn. Jch bin eine Mannsperſon, als ſolche kann es meinem Ruf nicht ſchaden, wenn ich laͤnger in Jhrem Hauſe bliebe, und ich wuͤrde es thun, da es zu Jhrer Beruhigung gereichen kann, aber ihre Frau muß voͤllig mit Jhnen einig ſein, den bisherigen Accord herunter zu ſetzen. Jch will hieruͤber ſelbſt mit ihr ſprechen, allenfalls kann ich eine kleinere Stube beziehn. Wenn ich auch an dem, was ich bisher verzehrte, mir abbrechen will, ſollte ich glauben, daß ſie es leicht zufrieden ſein und dann auch keinen Schaden haben koͤnnte, wenn ich etwas weniger als bisher zahlte.

Schnitzer wußte, daß ſeine Frau Felßen uͤber - haupt nicht leiden konnte, daß ſie ſagen wuͤrde, da er noch weniger verzehren wollte, ſei ein ſolcher Gaſt der Bemuͤhung nicht werth, welche man ſich doch mit ſeiner Bedienung geben muͤßte, da die Leute ohnehin genug zu thun haͤtten. Jn ſeinem Herzen nahm die Hochachtung fuͤr Felßen bei deſſen bezeugtem edeln Stolz (wie es die, welche vom leiſen Gefuͤhl, von Delikateſſe und Wuͤrde phantaſiren, nennen werden) ſo zu,P 3daß230daß er kein Opfer zu groß fand, um einen ſolchen Miethmann zu erhalten und vor dem Gedanken, daß eben dieſer, der ſo viel verdiente, am ſchlechteſten unter allen, die bei ihm waren, logirt und bedient ſein ſollte, erroͤthete, auch fuͤhlte er die Aufopfe - rung, zu der ſich Felß ſeinetwegen entſchließen wollte.

Johann Jacob gehoͤrte eigentlich zu den hoͤ - hern Seelen, aus welchen die Eigenſinnigen, die unter Menſchen und Menſchen waͤhlen, viel We - ſens machen. Er kannte den Werth dieſer Seele ſelbſt nicht, hatte ihre Anlagen nie ausgebildet, ſondern in ſeiner Einfalt und Traͤgheit ſo hinge - lebt, nur dunkel fuͤhlend, daß er vorzuͤglich denke und ein gewiſſes durch keine fremde Mitwirkung erwecktes Verlangen nach Unterricht in ihm liege, welches er ſonſt in Ermangelung beßrer Gelegen - heit bei Confuſeliuſſen zu befriedigen ſuchte. Er war zwar nicht geizig und theilte gern Armen mit; allein von Kind auf an Sparſamkeit gewoͤhnt, hielt er betraͤchtliche Ausgaben fuͤr andere und groß - muͤthige Aufopferungen eines Theils des Seinigen immer fuͤr einen Fehler gegen die Sparſamkeit. Seine Neigung zu Felßen nur konnte ihn vermoͤ - gen, jene Auslage fuͤr ihn zu machen und jetzt fuͤr immer die Haͤlfte der monatlichen Zahlung tragenzu231zu wollen. Aber noch hatte er doch mehr aus Egoismus gehandelt, er wollte einen Gaſt von Fel - ßens Wuͤrde behalten, damit man nicht ſagen moͤch - te, es ſei lauter leichtes Volk bei Schnitzern. Doch da Felß ihm jetzt eine deutliche Darſtellung von Edelmuth machte, wovon er bisher nur geheime Mahnungen geſpuͤrt hatte, entzuͤndete ſich die brennbare Geiſtesmaterie in Schnitzers Herzen.

Jch wuͤrde kalt dabei geblieben ſein und Felßen als einen Thoren verlacht haben, denn in mir lag eine andere Art Zunder, welchen zu entzuͤnden Feuerſteine in Menge ſind, die ſo wie mein Zun - der aus roher Materie beſtehen, da hingegen die ſubtilern, die von Geiſt auf Geiſt zuͤnden, ſelten ſind. Bei dem weichlichen Johann Jacob aber ſetzte es Feuer, da Felß ſo vernehmlich anſchlug, er beſchloß ſo edel und delikat zu handeln als die - ſer. Dies ſagte er ſich nicht ausdruͤcklich, den Begriff des Worts Delikateſſe kannte er nicht ein - mal. (Jch hoͤrte einſt, ſo was fuͤhle ſich ungeſagt und oft wuͤrde es nicht gefuͤhlt, wenns noch ſo ſchoͤn geſagt wuͤrde).

Verſtellung war nicht Schnitzers Sache, aber hier nahm ſie das Weſen der Schonung an. Er ſtellte ſich, als fiel ihm mit einemmal ein, daß Suschen dieſer Tage geſagt haͤtte, ſie habe etwasP 4wegen232wegen Herrn Felßen mit ihm zu ſprechen, nun wollte er alſo doch hoͤren, was es waͤre, und den Beſcheid bringen, wie die neue Einrichtung zu machen, oder ob ſie nicht nach Herrn Felßens Meinung zu machen ſei.

Er uͤberlegte nun, wie es zu verfuͤgen ſei, daß er Felßen behalten koͤnnte, damit er in der bisheri - gen Ordnung bliebe, aber weniger zahlte? Das Reſultat war, einmal Herz zu faſſen und ernſthaft mit ſeiner Frau zu ſprechen.

Dies verſchob er nicht laͤnger als bis zur Stunde des Schlafengehens, und es konnte da abgehan - delt werden, weil eben kein Abend des Soupé ſpirituel war, und alſo die Dame ſich zeitig zur Ruhe begab. Nun begann er:

Suschen, ich muß wegen Herr Felßen mit Dir ſprechen, er will uns verlaſſen.

Suschen.

Ei das wird ein maͤchtiges Un - gluͤck ſein mon Dieu quel malheur!

Schnitzer.

Spotte nicht, Suschen, es wird allerdings nicht gut ſein; Felß iſt ein ehrenwer - ther Mann, wir muͤſſen doch jemand haben, der gegen die anderen abſticht.

Suschen.

Alter Narr, der nimmermehr ge - ſcheid wird! Ja freilich ſticht er gegen die anderen ab, denn er verzehrt mehr als er bezahlt, die an -de -233deren bezahlen zweimal ſo viel als ſie verzehren; aber was geht das Dich an, Du haſt mir den Plack aufgeſielt, behaͤlſt deine Einkuͤnfte fuͤr Dich und ich muß hier fuͤr alles ſorgen, mag ich doch alſo ſehn, wo ichs hernehme und wie ich auskomme, wenn, Du nur Deinen Duckmaͤuſer behaͤltſt, daß Du Ge - ſellſchaft haſt.

Schnitzer.

Jch muß auch was fuͤr mich haben, die unten ſind Deine Leute, und Felß iſt mein Mann. Der Gaſthof iſt mein, und ich will ihn nun hier haben, will ihn gut verpflegt wiſſen, bis ſeine Umſtaͤnde ſich aͤndern; ich will mirs nicht nachſagen laſſen, daß ein Herr, wie der, bei mir ausgezogen waͤr, wenns einmal an Tag kommt, wer er iſt.

Suschen.

Ach tauſend! was Du da fuͤr ei - nen gebietenden Ton annimmſt! Und Dieu me pardonne uͤber den vornehmen Herrn! pauvre Nigaud! als wenn er ſo heimlich thun, ſo aͤrm - lich leben wuͤrde, wenn was dahinter waͤr. Als wenn ſichs nicht auswieße, daß ſie ihn itzt nicht mehr anſehn, die ihn anfanas ein paarmal beſuch - ten, weil ſie vermuthlich hinter ſeine Schwindeleien gekommen ſind.

Schnitzer.

Suschen, ſprich nicht ſo deſpectir - lich von dem wuͤrdigen Mann. Behalte deinenBaron234Baron Treff und ſei froh, daß ichs zufrieden bin und laß mir Felßen in Ruh.

Suschen.

Meinen Baron Treff? Du biſts zufrieden? was biſt Du zufrieden? Alſo denkſt Du wohl gar, ich halt’s mit ihm und biſt ſo nieder - traͤchtig, die Hoͤrner geduldig zu tragen, die ich Dir in Deinen Gedanken aufſetze? Pfui ſchaͤm Dich, Du Gimpel! Es iſt Schade, daß Du eine ehrliche Frau haſt, Du ſollteſt ein Weib haben, die wirklich ſchlecht waͤre. Hm, wenn ich das Treffen ſagen wollte, daß Du Dir ſo was einbil - deſt und es zufrieden biſt, wie er Dich auslachen wuͤrde!

Schnitzer fuͤhlte ſich beſchaͤmt, er hielt in die - ſem Augenblick ſeine Frau fuͤr ſehr ehrlich und ſich beinah ihrer unwuͤrdig. Jch nenne ihn, erwiederte er, ja nur in der Meinung Deinen Baron, weil Du ſo große Stuͤcke auf ihn haͤltſt, indem er viel darauf gehen laͤßt.

Suschen.

Nu! und weiter! Was thu ich denn Felßen, daß Du ſprichſt, ich ſoll ihn zufrie - den laſſen? Alſo hab ich ihn wohl beleidigt, weil er ausziehn will? Ha ha! nun merk ich’s, der Monſieur hetzt Dich auf, drum erhobſt Du vorhin die Stimme ſo.

Schni -
235
Schnitzer.

Er hat noch kein unrechtes Wort von Dir geſagt, vielmehr mir gerathen, Ge - duld zu haben.

Suschen.

Geduld zu haben? Wie hat er denn darauf kommen koͤnnen? Alſo haſt Du wohl uͤber mich geklagt? Nun komm ich hinter die Sache, Herr Schnitzer will jemanden haben, mit dem er uͤber mich hergehen kann, ſo! ſo! Und mit einem ſolchen Menſchen ſoll ich mich halb umſonſt plagen, ſoll ihn wohl gar unterthaͤnigſt erſuchen zu bleiben und um Vergebung bitten, wenn ihm was hier nicht anſteht, ſolls aͤndern, nicht wahr? Nein, guter Jacob, da haſt Du Dich garſtig ver - ſchnappt! Nein, der kann in Gottes Namen ziehn und das Morgen, denn keinen Eheteufel will ich nicht im Hauſe haben; ich beſtehe darauf, daß er auszieht!

So klug nun benahm ſich Schnitzer in ſeinem Vortrag, daß er Uebel aͤrger machte. Wo bleibt nun, dachte er, deine Herzhaftigkeit, Johann Jacob? Biſt Du nicht ein Schoͤps!

Hier that ſich Schnitzer zu viel, Weiber wie Suschen, treiben die kluͤgſten Maͤnner ein, dieſe Heldinnen machen, daß ihre Gatten die Geiſtesge - genwart verlieren. Nur ein zorniger Mann, der noch aͤrger iſt, als das aͤrgſte Weib, treibt ſie zupaa -236paaren; iſt aber der Ehemann friedliebend, ſo darf er eben kein feiger Schnitzer, er kann entſchloſſen ſein, kann es im Fall der Noth mit jedem ſeines Geſchlechts aufnehmen, ſich gegen Tieger wehren, bei einer Amazone, wie Frau Suschen, verliert er Entſchloſſenheit und Muth; die Herzhaftigkeit, (Leute, die zu allem andre Namen haben, als ich, nennen es Unverſchaͤmtheit) womit ſie dreuſt weg behauptet, gebietet und ſchmaͤht, macht ihn ſtau - nen, er ſieht, es iſt kein Mittel, ſie zur Vernunft, Beſcheidenheit oder nur zur Maͤßigung zu bringen, alſo ſchweigt er, und giebt, um nicht immer auf’s neue zu erſtaunen, nach. Seid ſtolz, ihr Da - men dieſer Art, nie ſaß ein Deſpot feſter auf ſei - nem Throne als ihr!

Schnitzer hatte nun genug gehoͤrt, um es Fel - ßen nicht zuzumuthen, daß er laͤnger im Gaſthof bleiben ſollte, denn wenn er auch auf einmal ein Loͤwenherz bekommen und mit demſelben in feſtem Ton geſagt haͤtte: Felß kann nicht mehr das be - zahlen, was er bisher gab, und ich will, daß ihm erlaſſen werde, damit er bleibe! Wenn Sus - chen auch dieſen ungewohnten Ton reſpectirt haͤtte, ſo hoͤrte doch zugleich ſein letztes Reſtchen von Ge - muͤthsruhe auf, denn die Einbildung, daß Felß ihn gegen ſie einnaͤhme, war, wie er wußte, kein Engelihr237ihr auszureden faͤhig, ſie wuͤrde ihn beſtaͤndig da - mit gequaͤlt haben, ſie wuͤrde Felßen beleidigend be - gegnet ſein. Das vertrug dieſer nicht und Schni - tzer muthete es ihm auch nicht zu.

Er faßte auf der Stelle einen Entſchluß, legte ſich aufs Ohr und zog das Kiſſen uͤber den Kopf, um von dem, was ſeine Frau uͤber das abgehan - delte Kapitel weiter ſagte, nichts mehr zu hoͤren. Am Morgen begab er ſich in Felßens Zimmer und hinterbrachte dieſem, er habe, ohne mit ſeiner Frau zu ſprechen, uͤberlegt, es ſei am beſten, daß Herr Felß eine Wohnung in ſeinem andern Hauſe bezoͤge, dort haͤtte er zwei Zimmer leer ſtehen und wollte ihm dieſe zwar nicht umſonſt eingeben, be - ſtuͤnde aber darauf, daß er die Miethe, um welche ſie einig wuͤrden, nicht eher berichtigte, bis er einmal abreiſte, weil er dann doch ein Capitaͤl - chen zuſammen bekaͤm. Auch wollte er ihm ei - nen Speiſewirth zuweißen, bei dem er gut und wohlfeil eſſen wuͤrde, und der Hausknecht in ſei - nem Hauſe ſollte ihn fuͤr ein geringes, was er ihm monatlich gaͤbe, mit bedienen.

Felß errieth, daß, was Schnitzer ſagte, Finte waͤre, und daß er wohl mit der Madame geſprochen, dieſe aber ihm nicht guͤnſtig geantwor - tet haͤtte. Er ſahe Schnitzern ein Paar Augenbli -cke238cke ſchweigend an, ſein durchdringender Blick fragte: wo haſt du dieſes brave Herz mit dem feinen Gefuͤhle her, einfaͤltiger Mann, den kei - ne Geiſteskultur veredelte? Ha, ein ſchelmiſcher Tauſch der Natur gab dir die Seele, welche je - ner Mann von Rang und Wuͤrde eigentlich be - kommen ſollte!

Nun was halten Sie von meinem Vor - ſchlag? ſagte Schnitzer, da Felß nicht gleich ant - wortete. Jch habe, verſetzte er auf Schnitzers Frage, ebenfalls nachgeſonnen, will alſo auch Jhnen einen Vorſchlag thun. Der Auf - enthalt in einem Gaſthofe iſt, wenn es auch je - der andre waͤr, nicht ſo recht fuͤr einen Schrift - ſteller, der durch nichts geſtoͤrt werden darf, wenn er die Aufmerkſamkeit auf ſein Blatt al - lein richten will. Nur ein ſo braver Wirth, wie Sie ſind, konnte mich bisher vermoͤgen, dieſe Regel zu vernachlaͤſſigen. Aber wir koͤnnen Freunde bleiben, wenn ich auch eine andere Wohnung nehme, Sie beſuchen mich, wenn Sie wollen, taͤglich und wir philoſophiren mit ein - ander.

Ein gewiſſer Herr Celeſtin, welcher, wenn ich meine Laufbahn angetreten habe, den Leſern in dem Fortgange derſelben bekannter werdenwird,239wird, weil er mir als Juͤngling durchaus andre Grundſaͤtze beibringen wollte, behauptete, es gaͤbe zweierlei Gattungen unter uns zweibeinigen Ge - ſchoͤpfen, Thiermenſchen und Geiſtmen - ſchen; aber ich befand mich, da ich nach ſei - ner Meinung zu der erſten Gattung gehoͤrte, ſo - wohl, daß ich mich ſeiner Metamorphoſe nicht un - terwarf. Dieſer Mann ſagte, denn ich er - zaͤhlte ihm zum Zeitvertreib, und um mich uͤber ſeine Einwendungen, Ausrufungen und Erklaͤrun - gen luſtig zu machen, nach und nach alles, was ich hier dem Leſer mittheile, daß Vortraͤge, wie ſie Felß und Schnitzer bei dieſer Gelegenheit einander machten in einer gewiſſen Werkſtatt der Seele des Geiſtmenſchen fabrieirt wuͤrden, welche, ſo wie die Vortraͤge ſelbſt, aus ſubtilen Jdeen beſtaͤnde, die ſich dem Thiermenſchen nicht fuͤhlbar machen koͤnnten, wenn ſie ihm der Geiſtmenſch auch mit - theilen wollte. Er ſetzte hinzu, daß alle Jdeen dieſer Art der zaͤrtlichen Dame Delikateſſe gehoͤr - ten, welche eine ſo feine Empfindung haͤtte, daß ſie uͤber das geringſte, was ſie nur beruͤhrte, Herz - weh bekaͤme und etwas, das nur einigermaßen ein Stoß genannt werden koͤnnte, zoͤge ihr Kraͤmpfe zu. Jch lachte den Mann uͤber ſeinen mir unver - aͤndlichen Galimathias und uͤber ſeine zierende Naͤr -rinn240rinn Delikateſſe weidlich aus, und gieng meinen derben Schritt fort durch die Welt.

Schnitzer fuͤhlte, daß er hier nicht noͤthigen koͤnnte, er verſprach und nahm ſich vor, Herrn Felß wenigſtens um den andern Tag zu beſuchen. Es wurmte ihn indeſſen, da die Veraͤnderung ge - ſchehn war, nicht wenig, daß nun der letzte und noch dazu ein ſo auserwaͤhlter Ehrenmann aus ſeinem Hauſe gewichen war, er ſagte ſeiner Frau nichts daruͤber, aber er konnte ſich nicht uͤberwinden, ihr wie ſonſt freundlich zuzuſprechen; um ihr nicht Bitterkei - ten zu ſagen, ſchwieg er ganz ſtill und vermied ſie.

Eine ganze Woche, nachdem Felß ausgezogen war, ließ Madam Schnitzer hingehn, ohne daß ſie ihres Mannes veraͤndertes Betragen zu bemer - ken ſchien, ſie freute ſich vielmehr uͤber die Gewalt, die ſie uͤber ihn erhalten hatte, da er doch auch hier ſogleich gehorcht und Felßen weggeſchafft haͤt - te. Dagegen nun war ſie ſo gnaͤdig, ihm einige Trauertage um ſeinen Freund zu uͤberſehn. Sogar hielt ſie den neuen auf Felßen gefaßten Groll zuruͤck, obwohl ſie wirklich Urſache gehabt haͤtte, tuͤchtig auf ihn zu ſchimpfen, da er ſo unartig ge - weſen war, indem er fortgieng, nur im Vor - beigehn zu ihr zu ſagen: Wuͤnſche wohl zu leben, Frau Wirthinn! Da fand ſie nun, daß der Mannſo241ſo inſolent war, nicht einmal ſeine Pflicht gegen ſie zu kennen, die ihm eigentlich befohlen haͤtte, ſich bei ihr melden zu laſſen, ſich auf eine galante Art zu guͤtigem Wohlwollen zu empfehlen, und fuͤr die ihm erzeigte Guͤtigkeit ergebenſt zu danken. Und dann! Frau Wirthinn! Sie die es nun einmal lange durch das Air, welches ſie ſich gab, dahingebracht hatte, daß man ſie Madam nannte! Es verdroß ſie, ſo oft ſie daran dachte, daß ſie Fel - ßen bei ſeinem Weggehn gerade begegnen mußte, waͤre dies nicht geſchehn, ſo haͤtte der Toͤlpel ſie doch wenigſtens aufſuchen muͤſſen, oder ſie haͤtte ihn gar nicht geſehn und ſich uͤber den poͤbelhaften Ab - ſchied nicht aͤrgern duͤrfen. Dieſer Abſchied gab ihr noch mehr Ueberzeugung, daß Felß ſie mit ver - aͤchtlichen Augen anſaͤhe und ihren Mann aufge - bracht haͤtte. Allein ſie wollte es vorbei ſein laſ - ſen, ohne ſich daruͤber mit dem letzten zu zanken, weil ſie’s doch dahin gebracht hatte, daß der Lum - penkerl, (wie ſie in ihrer Altagsſprache ihn nann - te, bis die Fanchon bei Gelegenheit, wo von ihm die Rede war, ihr ſagen lernte, ce fichu gueux) aus dem Hauſe war. Allein mit der Fanchon und ihres Gleichen, ſo wie mit dem Baron Treff laͤſter - te ſie, um ihrem Herzen Luft zu machen, deſtomehr auf ihn und ſagte ihnen, um ſie noch mehr in ih -Qre242re Partie zu ziehn, daß er uͤber ſie alle tuͤchtig los - gezogen waͤre, welches ſie von ihrem Manne ſelbſt wuͤßte.

Wenn irgend jemand unter den Leſern der Ma - dam Schnitzer verargt, daß ſie ſich dergleichen Unwahrheiten ſchuldig machte, ſo ſei er hiermit er - innert, daß es zur Politik gehoͤrt. So oft man ſich Alliirte verſchaffen will, ſucht man jedes Wort, was der Gegner uͤber die, deren Beitritt man verlangt, geſagt hat, oder haͤtte ſagen koͤnnen, recht kraͤftig vor ihre Ohren zu bringen.

Bei einer ſolchen Rache an Felßen haͤtte es Suschen vielleicht gelaſſen und ſich begnuͤgt, mehrere fuͤr die auf ihn ſchimpfende Partie gewon - nen zu haben, ohne in eine lebhafte Coalition zu treten wenn ſie nicht durch ihre Poſttraͤgerinn an eben dem Abend, da ſie des Morgens einen Vorſchuß von ihrem Manne verlangte, der ihr abgeſchlagen ward, erfahren haͤtte, daß Schnitzer in der kurzen Zeit, da Felß ſein neues Logis bezogen, ſchon etlichemal bei ihm geweſen ſei, welches Madam Schnitzer gewiß glauben koͤnnten, da ſie, die Poſttraͤgerinn, ihn jedesmahl haͤtte in jenes Haus gehen ſehn, in - dem ſich’s getroffen, daß ſie eben immer vorbei gekommen waͤr.

Nun243

Nun konnte Suschen nicht laͤnger ſchweigen, es lag ja am Tage, daß es dieſer fichu Gueux war, der ihren Mann noch immer anfhetzte, nun wußte ſie, warum er ihr das Geld verweigert hat - te. Sie ſetzte ſich in fuͤrchterliche Wuth, ließ al - les ſtehn und liegen und rannte zu Schnitzern, der in ſeinem Stuͤbchen ſaß und in dem erſten Theil von Felßens Werk ſtudierte. Sie riß ihm das Buch, welches er ihr, als Felß noch im Hauſe war, als ein Geſchenk von ihm gezeigt hatte, aus der Hand, warf’s auf die Erde, trat darauf und ſagte nein, ſie ſchrie: es ſteht wohl auch drin - nen, wie man die Weiber cujoniren ſoll? alſo ſo ſchlecht handelſt Du an mir, daß Du hinter mei - nem Ruͤcken mit dem Landſtreicher Freundſchaft haͤltſt und mit ihm Anſchlaͤge machſt, wie Du mich kraͤnken ſollſt. Nun weiß ich alſo die Urſach, war - um Du mir heute die etlichen Thaler nicht geben konnteſt ach Du verthuſt ſie wohl mit dem Kerl, brauchſt’s wohl fuͤr ihn!

Schnitzer war aufgeſtanden, hatte das Buch aufgehoben und wollte ſprechen, aber er konnte nur einzelne Worte einſtreun. Biſt Du ja Du biſt ein tuͤckiſcher ſchleichender Mann, deſſen raben - ſchwarzes Herz ich jetzt erſt kennen lerne.

Was ſicht Dich

Q 2Ja,244

Ja, was ficht mich an, wenn mir’s recht - ſchaffene leute ſagen, wie Du mit dem Schmaro - zer, dem Felß, uͤber mich hergehſt, und ich das nicht ſo gleichguͤltig mit anſeh, he! was ficht mich da an?

Wer kann ſolche Luͤ

Du luͤgſt! Du truͤgſt! machſt hinter meinem Ruͤcken Cabalen mit dem Kerl, der ſich unterſteht, dafuͤr, daß er hier halb umſonſt logirt, gefreſſen und geſoffen hat, mich veraͤchtlich zu tractiren. So en paſſant nimmt der impertinente Schlin - gel von mir Abſchied (veraͤchtlich) Wohl - zuleben, Frau Wirthinn! Der Schuft, von dem man nicht weiß, hinter welchem Zaun er jung worden iſt, unterſteht ſich ſo familiaͤr mit mir zu thun, da Barons und Grafen mich Madam nennen! Daruͤber lach ich aber, ob ſo ein Kerl mir Ehre giebt oder nicht, aber Eheteufel ſoll er nicht ſein und hiermit ſag ich Dir, hoͤr ich noch einmal, daß Du zu ihm gehſt, ſo bekommt der Lumpenhund einmal fuͤr allemal einen Beſuch von mir, dann will ich ihn aber auch ſo aufbieten, daß er an mich denken ſoll.

Schnitzer war, ſeit er mit Felßen umgieng be - reits etwas kluͤger worden, er hatte ſchon Anlage zum kaltbluͤtigen Philoſophen, weil ſein Tempera -ment245ment ihn dazu ſtimmte, und ſo hatte er jetzt ſo - gar angefangen, anſtatt wie ein armer Suͤnder blos aus Furcht zu Creuze zu kriegen, auf Huͤlfs - mittel zu ſinnen, um ſich Ruhe zu verſchaffen und hierzu bekannte Wege einzuſchlagen. Demnach beſchloß er zufoͤrderſt den Sturm vorbei zu laſ - ſen, ehe er wieder ein Wort wegwuͤrfe. Da er ſich nun ſo weit gelegt hatte, daß Suschen Odem ſchoͤpfte, oder vielmehr, da ſie wie ermat - tet auf einen Stuhl ſank und ſich anſchickte, ohnmaͤchtig zu werden, um ihrem Mann die ſchrecklichen Fruͤchte ſeines Verbrechens noch nach - druͤcklicher zu zeigen und ihn dadurch zu zerſchmet - tern, war dieſer ſchon kuͤhn genug, dies nicht zu achten, ſondern als bemerkte er ihre Entkraͤf - tung gar nicht, ganz gelaſſen zu ſagen: ich wundere mich nur, daß eine ſo galante feine Frau ſich ſo weit vergeſſen kann, die gemeinſten Schimpfwoͤrter auszuſtoßen und wie ein Hoͤker - weib zu ſchrein! Ei, ei, Suschen, das thut mir leid, ich habe mich manchmal gefreut, eine ſo artige Frau zu haben und habe gedacht, das kaͤme daher, weil Dir’s als einer Offizierstochter ſchon in der Art ſteckte, aber ich ſehe, daß Du Dich gar nicht nach Deinem Stande ver - haͤltſt.

Q 3Sus -246

Suschen war kuͤhl worden und da ſie ſahe, daß ih das ohnmaͤchtig werden, nichts half, da Schnitzer ihr durch das Lob ihrer Artigkeit ſchmeichelte, indem er ihr zugleich zeigte, daß er die erſonnene Geſchichte ihres Herkommens glaub - te, ſo ließ ſie ſich wirklich beſaͤnftigen und ſogar fuͤhlte ſie ſich einen Augenblick beſchaͤmt; doch die - ſe Schwachheit verließ ſie ſogleich wieder, dage - gen hielt ſie Entſchuldigung fuͤr noͤthig und ſo ſag - te ſie: Vor fremden Leuden werd ich ſolche Re - den nicht hoͤren laſſen, willſt Du ſie auch nicht mehr hoͤren, ſo hebe den Umgang mit Felßen auf, und wenn ich nicht glauben ſoll, daß Du Dich von ihm aufbringen laͤßt, ſo gieb mir das Geld, um welches ich dieſen Morgen bat.

Das erſte kann ich Dir nicht verſprechen, ver - ſetzte Johann Jacob, hingegen kann ich Dich ver - ſichern, daß Felß nicht an Dich denkt, daß er wichtigere Dinge im Kopf hat, und viel zu groß denkt, um ſich mit ſo was, wie Du ihm Schuld giebſt, abzugeben. Madam Schnitzer fuͤhlte, daß ihr Blut ſchon wieder im Steigen war, Schnitzer wollte das verlangte Verſprechen nicht reichen und gab ihr, da er ſagte, Felß habe wichtigere Dinge im Kopfe, nicht uneben zu verſtehn, daß ſie ihm zu unwichtig waͤre; da er aber waͤhrend dem Sprechennach247nach ſeinem Geldſchrank gieng und einen Beutel zur Hand nahm, unterdruͤckte ſie die Aufwallung und ließ indem ſie noch matt thuend ſitzen blieb, ihren Mann weiter ſprechen. Das Geld, fuhr dieſer fort, verweigerte ich Dir darum, weil ich am andern Hauſe zu bauen bekomme, und ich wohl weiß, daß Dir’s nicht fehlen kann; damit Du aber von dem unwuͤrdigen Verdacht abgehſt, als ob Felß mir rieth, Dich ungefaͤllig zu behandeln, oder daß er gar etwas von mir annaͤhme, wozu er viel zu ſtolz iſt, ſo will ich Dir diesmal noch den Willen thun.

Er zaͤhlte und der Klang des Geldes war eini - ge Zerſtreuung fuͤr Suschen, zugleich uͤberlegte ſie, daß ſie kuͤnftig auf dieſe Art mehr von ihrem Mann erhalten koͤnnte, indem ſie im Abſchlagsfall nur auf Felßen ſchimpfen und drohn duͤrfte, daß ſie hinlaufen wolle, ihn ſelbſt zur Rede zu ſetzen. Sie hatte zu allem, was Johann Jacob geſagt, ge - ſchwiegen und nur bei der Stelle, daß Felß zu ſtolz ſei, um etwas von ihm anzunehmen, hoͤhniſch gelaͤchelt, jetzt ſtrich ſie das Geld ein und ſagte ziemlich gelaſſen: ich wuͤrde Dir’s nicht abgefor - dert haben, wenn ich’s nicht brauchte, aber wenn Du etwa denkſt, mich dadurch, daß Du’s endlich giebſt, zu verblenden, ſo irrſt Du Dich, ich weißQ 4doch248doch wohl, wie ich mit Dir und Herrn Felßen dran bin, er mag ſich aber nur vor mir in Acht nehmen.

Der Leſer wird bekennen muͤſſen, daß Madam Schnitzer eine Frau war, die es auf alle Weiſe verſtand, ſich in Reſpect zu erhalten und ihr den Ruhm, dieſer ſehr nuͤtzlichen Kunſt, welche die groͤßten Vortheile verſchaft, nicht abſprechen. Mit der einfaͤltigen Beſcheidenheit, mit dem feigen Nach - geben, mit den Ruͤckſichten auf das, was man an - dern ſchuldig iſt, kommt gar nichts heraus. Doch der Egoismus muß auch ſtudiert werden, liebe Le - ſer, wenn er ſeinen Mann naͤhren und ſchuͤtzen ſoll, aber freilich nicht alle haben von der Natur hinlaͤngliches Talent erhalten, um gehoͤrige Fort - ſchritte darinnen zu machen. Meine Mutter be - ſaß es und ich erbte es von ihr. Man kann aber auch nicht immer behaupten, daß unſre Gaben Erbtheil der Eltern ſind, es kann bei mir ein Ohn - gefaͤhr oder ein Segen ſein, der auf dem Namen Nickel ruht, oder auch auf dem Namen Gold - fritzel.

Madam Schnitzer brach ſich, da eben dieſen Abend Soupé spirituel war, etwas von der ga - lanten Converſation ab, um der Fanchon in einem Winkel des Saals ihre neue Aergerniß zu klagen,ſie249ſie wiederholte alles, was ſie ihrem Mann ſtarkes geſagt, und dieſer ihr geantwortet hatte. Die Fanchon fand das erſte billig, das letzte aber Theil fuͤr Theil anzuͤglich und bedenklich. Ma foi, ſag - te ſie, Madam Schnitzer, hier muͤſſen Sie in Zeiten vorbeugen. So lange alſo haͤtten Sie Jh - ren Mann unterm Gehorſam gehabt und nun ver - duͤrbe der Umgang avec ce miſerable gueux, qui affecte le ſavant, alles. Alſo ſolche Re - den hat Jhnen ihr Mann ſchon gegeben? Felß hat wichtigere Dinge im Kopf er denkt viel zu groß um ſich mit ſo was abzugeben. Sehn Sie nur, wie er Sie ſchon gering macht, denn das zielt alles auf Sie, Sie ſind alſo nicht wichtig genug, Sie ſind ſeinem guten Freund zu klein. Und das, wegen der galanten artigen Frau iſt nichts als Hoͤhnerei, ſo weit hat ihn Felß ſchon, daß er ſie perſiflirt. Daß er Jhnen das ver - langte Geld gegebe, mon Dieu, das iſt nichts, damit will er Sie abfertigen, weil er ſich Jhnen doch nicht gewachſen fuͤhlt. Alſo will er ihn nicht meiden, hat es Jhnen rund abgeſchlagen? Voyez un peu, wie er behaupten lernt! Und Felß iſt zu ſtolz, um etwas von ihm anzunehmen ha grand Dieu wer die Welt nicht kennte! Da hab ich wohl Herren gekannt, die ganz andre Leute wa -ren250ren als dieſer avanturier, welche, wenn ſie ſich in einer uͤbeln Situation befanden, gar froh wa - ren, einem Einfaltspinſel, wie Jhr Mann iſt, das Geld abzujagen und ihn hernach auszulachen. Par Dieu Madame Schnitzer, hier muͤſſen Sie nicht bloͤde ſein, das Geld, was der bekommt, koͤnnen Sie anders brauchen, und zudem koͤnnt er Jhnen in kurzem den Mann ſo verderben, daß er immer dreuſter wuͤrde und zur Herrſchaft im Hauſe grif - fe, nun dann koͤnnen Sie, ma pauvre amie, nur im Winkel kriechen und das Spinnrad zur Hand nehmen.

Nie machten die Lectiones eines Lehrers mehr Eindruck auf ein Schuͤlerherz als dieſe, mit maͤch - tiger Suade vorge[tragene]Warnungs - und Ermah - nungspredigt auf Suschen. Dieſe ſchwur die Sa - che zu aͤndern und haͤtte es mit Anfang des folgen - den Tages gethan, wenn Johann Jacob, der in der Tabagie geweſen war, nicht noch, als ſie halb zwei Uhr zu Bette kam, freundlich mit ihr geſprochen hatte, und des folgenden Tages eben ſo liebreich ge - gen ſie geweſen waͤr. Es machte ihm kindiſche Freude, daß er ſeine Frau auf eine ſo pfiffige Art beſaͤnftigt hatte, ſogar hielt er ſie noch der vollkom - menſten Beſſerung faͤhig, da ſie ſich, wie er nun dafuͤr hielt, durch Ambition ziehn ließ. Eben ſojubelte251jubelte er bei ſich ſelbſt uͤber die Standhaftigkeit, womit er ſich geweigert hatte, das Verſprechen, nicht mehr zu Felßen zu gehen, von ſich zu geben; es wird beſſer mit dir werden Johann Jacob, dachte er, du mußt nur ſo fortfahren.

Suschen konnte dieſe Gedanken nicht errathen, ſie glaubte vielmehr, ihr Mann ſei in ſich gegangen, und habe nach ihrer Strafpredigt beſchloſſen, von Felßen zu laſſen, welches ſie ſich auch daher be - wieß, daß er wieder mit ihr ſprach, ſogar ſcherzte, da es vorhin ſeit Felßens Abzug nicht geſchehen war. Sie beſchloß alſo, mit ihrem Nigaud, wie ſie ihn jetzt bei ihren guten Freunden immer nannte, ſo lange Frieden zu halten, als es moͤglich war und bei ihm von Felßen zu ſchweigen.

Damit aber war nicht geſagt, daß dieſer auch bei ihr Friede haben ſollte, ſie hatte nie ſo ſtark gehaßt. Der nachlaͤßige Abſchied, das Aparte thun des Mannes, der zu ſtolz war, oder ſich zu weiſe duͤnkte, um ihr, der ganz andre Leute (ihrer Mei - nung nach) ſchmeichelten, nur zwei artige ver - bindliche Worte zu ſagen, wurmte ſie unaufhoͤrlich. Die Fanchon hatte ihr dies Vergehn vollends in ſeiner ganzen Groͤße dargeſtellt; es war keine Ver - gebung fuͤr Felßen!

Sus -252

Suschen hatte recht, es iſt Leuten von un - ſerm Schlag nichts verdruͤßlicher, als wenn uns Menſchen, die von Weisheit und Tugend Profeſ - ſion machen, durch ihr entferntes und einſilbiges Betragen, durch eine gewiſſe trockne Behandlung, wenn ſie in unſern Weg kommen, zu ſagen ſchei - nen: daß wir ja nicht zu vertraut werden!

Madam Schnitzer nahm ſich vor, ſich dadurch an Felßen zu raͤchen, daß ſie ihn, wo ſie hin - kaͤm und bei jedem, der es hoͤren wollte, verlaͤum - dete und ſeinen Ruf ſo ſchlecht machte, daß nie - mand mehr mit ihm zu thun haben wollte, wel - ches denn ihren Mann, indem es herumkaͤme, auch zuruͤck bringen wuͤrde. Es gelang ihr nicht ſobald, ſogar Baron Treff, ob er wohl einem Mann, der ſo ſehr mit ihm kontraſtirte, nicht gewogen ſein konnte, ließ ſich nicht erweichen, Haͤndel mit ihm anzufangen, da ſie ihm hinterbrachte, wie er nicht nur von ihr, ſondern auch von ihm raͤſonnirte und Schnitzern nicht allein, vielmehr allen Leuten mit denen er ſpraͤch, ſagte, daß er in verbotnem Um - gang mit ihr lebte. Der Baron machte ſich hier - aus nichts, es wuͤrde ihn einigermaßen verdroſſen haben, wenn Suschen alt oder haͤßlich geweſen waͤ - re, da aber ein Verſtaͤndniß mit einer jungen ziem - lich huͤbſchen Wirthinn unter die Dinge gehoͤrte, diein253in ſeinen Augen voͤllig gerechtfertiget waren, da ihm an dem ehrlichen Namen der vornehmſten Da - me nichts gelegen ſchien, geſchweige daß man bei einer Gaſtwirthinn Ruͤckſicht darauf nehmen ſollte, ſo war es ihm ſehr gleichguͤltig, wenn Felß und die ganze Stadt ſagte, ſeine Wirthinn ſei ihm zugleich, wenn er nichts beſſers haben koͤnnte, Buh - lerinn.

Es fuͤgte ſich aber, daß eine von Suschens fliegenden Poſten in der Geſtalt einer Frau, die Zitronen herumtrug, ankam; die brachte mit, daß eine gewiſſe Mutter, deren Sohn bei Schnitzers ſpielte und in ſchreiende Schulden gerathen war, Ach und Weh uͤber den Baron Treff ſchrie und uͤberall behauptete, daß dieſer mit der Kunſt ſpielte, welches ſie erſt kuͤrzlich von einem Mann, der bei Schnitzers logirte, gehoͤrt haͤtte. Aus dem Schreien der Mutter machte ſich Madam Schnitzer nichts, wer konnte helfen, wenn das Gluͤck dem jungen Menſchen nicht guͤnſtig geweſen war, und wer wußte, wie er ſein Gold ſonſt verthan hatte, das dumme Zeug wollte ſie dem Baron nicht einmal vorbrin - gen, es koͤnnte ihn gar bewegen die Stadt zu ver - laſſen, denn ein Svieler iſt uͤberall zu Hauſe. Auch die Nachricht, wie man ihn fuͤr einen Kunſt - ſpieler hielt, haͤtte ſie ihm aus eben dem Grundelieber254lieber verſchwiegen, aber hier mußte jede andre Bedenklichkeit weichen, da ſie den Mann, der im Gaſthof logirt und die Sage ausgebracht hatte, ohne weitere Unterſuchungen, in Felßen gefunden zu haben glaubte, und der Baron dies gewiß raͤchen wuͤrde. Er wird und ſoll ihn brav zerpruͤgeln, ſagte ſie, und hofte, daß Treff ſich dazu nicht wer - de noͤthigen laſſen, da er ſie beredet hatte, er habe Confuſeliuſſen den Ruͤcken tuͤchtig ausgegerbt, wes - halb es ihr auch, indem ſich ihre Rache bei dieſer Nachricht ein wenig abkuͤhlte, leichter ward, Frie - de mit ihm zu machen, als es ihr ohnedies gefal - len waͤr.

Der Baron war eben im Schanſpiel, als ſie die Nachricht von der Zitronenhaͤndlerinn erhielt, ſie konnte ſeine Ruͤckkunft kaum erwarten, und begleitete ihn, als er kam, in ſein Zimmer, wo ſie, ohne Zeit zu verlieren, erzaͤhlte, daß Felß ihn uͤberall fuͤr einen falſchen Spieler ausſchrie, daß er hieran nicht einen Augenblick zweifeln duͤrfte, weil es ihr eine liebe, wuͤrdige und vornehme Frau, die ſie deshalb haͤtte hinrufen laſſen, zur Nach - richt fuͤr ihn geſagt haͤtte. Treff war hierbei nicht ſo gleichguͤltig als bei der Beſchuldigung der Liebe - lei mit ihr, er mußte ein ſolches Geruͤcht daͤmpfen und ſich daruͤber boͤſe ſtellen. Jch werde, ſagteer,255er, morgenden Tages an den Patron ſchreiben und ihm das Maul ſtopfen, Sie aber muͤſſen mir die Dame nennen, welche mich benachrichtigen laͤßt, es iſt noͤthig, daß ich ihr einen Beſuch gebe und mich rechtfertige, damit ſie es andern ſagen kann. Mehr kann ich aber nicht in der Sache thun, denn macht man von ſo was viel Laͤrm, ſo wird noch mehr davon geſprochen. Recht, ſagte Suschen, viel Gerede wollen wir nicht davon machen, aber auf ſich ſitzen koͤnnen Sie es platterdings nicht laſ - ſen. Damit verſchonen Sie mich, daß ich die Dame nennen ſoll, denn ſie hat mich gebeten, Jh - nen ihren Namen zu verſchweigen. Sie ſagte, ich mein’s gut mit dem Baron, aber mit ihm davon ſprechen mag ich nicht, ich hab ſchon ſeine Partei genommen und werd’s noch thun, aber er ſoll Felßen zum ſchweigen bringen. Sie koͤnnen doch wohl glauben, daß ich auf Jhr Beſtes bei der Da - me geſprochen und ſie auch erſucht habe, Sie aus dem uͤbeln Gerede zu bringen. Hier iſt nichts noͤ - thig als mit Felßen kurze Wirthſchaft zu machen, wenn ich wie Sie waͤr, ich wollte mich nicht erſt lange mit Schreiben einlaſſen, ich gieng hin, und wichſte ihn tuͤchtig durch, dann ſagte ichs allen Menſchen, daß ich ihn gepruͤgelt haͤtte.

Waͤre256

Waͤre es auf Treffs Willen angekommen, ſo haͤtte er Suschens Rath gewiß befolgt, ja er wuͤr - de hundert Thaler darum gegeben haben, wenn er einen ſo weiſe thuenden Mann haͤtte beſchimpfen koͤnnen, aber wenn er den Magiſter nicht pruͤ - gelte, weil er ſich vor der Ueberlegenheit eines Stocks und einer Ofengabel gegen ſeinen einzelnen Stock fuͤrchtete, ſo ſcheute er hier Felßens Blick und die Wuͤrde, welche uͤber ſein ganzes Weſen verbreitet war, die er nicht anerkennen wollte, aber ſich ſie anzuerkennen und zu reſpectiren gezwungen fuͤhlte, er hielt es gar nicht fuͤr moͤglich, dieſem Mann ſo niedrig begegnen zu koͤnnen, auch ahndete ihm, daß wenn ers wagen wollte, Felß den Spaß leicht auf eine Art mitmachen koͤnnte, welcher die Lacher nicht auf ſeine Seite zoͤge.

So ſiehn Thiermenſchen vor Geiſtmen - ſchen und zittern vor ihnen, indem ſie dieſelben haſſen, ſagte mein ſein wollender Lehrer Celeſtin, als ich ihn von dieſer Geſchichte unterhielt; ich ſpottete aber ſeiner Sentenz und verſetzte: daß ich blos glaubte, Treff habe ſich mit Felßen nicht ab - geben wollen, nur einige Kluͤgler haͤtten der Sache die Auslegung gegeben, die ich ihm mitgetheilt.

Wirklich ſagte Treff der Madam Schnitzer, da ſie ihn ermunterte Felßen zu pruͤgeln, er wiſſenicht257nicht ob es der Muͤhe lohnte, ſich mit dieſem Menſchen ſo weit abzugeben, da Suschen ihn aber auslachte und zu verſtehen gab, ſie merke daß er ſich vor Felßen fuͤrchte, verſprach er, ihn zu pruͤgeln und nahm ſich vor, heimlich zu ſchreiben, dann aber auszugehn und wenn er heim - kaͤm, Suschen weis zu machen, er habe ihn tuͤch - tig gekeult. Daß er nicht das Herz hatte Felßen nur hart anzulaſſen, geſchweige es noch weiter zu treiben, ſollte ſie nicht wiſſen, ſie konnte dadurch bewogen werden, ſich auch ſeiner Autoritaͤt zu ent - ziehn, ſie wuͤrde es ihm zwar einigermaßen verge - ben haben, da ſie ſich ſelbſt fuͤr Felßen ſcheute, aber doch erwartete ſie von ihm als einer Mannsperſon mehr Herzhaftigkeit.

Sobald der Baron allein war, ſtudirte er ei - nen Brief an Felßen aus, er machte verſchiedene Entwuͤrfe, ehe er mit einem zufrieden war. Da er endlich fertig war, ſtand folgendes auf dem Papier:

Jch halte Sie, Herr Felß, zwar fuͤr einen ehrlichen Mann, muß aber erfahren, daß Sie, oh - ne daß ich Jhnen was zu Leide that, uͤbel von mir ſprechen und mich unter andern gewiſſer Kunſt - griffe im Spiel beſchuldigen. Da Sie niemals beim Spiel, welches wir dann und wann zum Zeitvertreib vornehmen, zugegen waren, ſo mußRJhnen258Jhnen das ein andrer geſagt haben. Jch kann Jhnen nicht verbergen, daß michs wundert, wie ein ſo geſetzter Mann ohne eigne Ueberzeugung ſo was nachſagen kann, will mich aber nicht dabei aufhalten, ſondern Sie nur bitten, mir den Ver - laͤumder zu nennen, der es Jhnen erzaͤhlt hat, da - mit ich ihn zur Rede ſetzen kann.

Jch bin uͤbrigens mit aller Achtung Dero ergebner Diener Carolus Freiherr von Treff, aus dem Hauſe Pikvalet.

Am Morgen gab Treff ſeinem vertrauteſten Bedienten dies Billet, und gebot ihm es der Madam Schnitzer nicht zu ſagen, daß er es zu Felßen truͤge, ihm aber die Antwort auf ein be - ſtimmtes Caffeehaus zu bringen. Er ruͤſtete ſich dann und brachte, ehe er ausgieng Suschen ſeinen Morgengruß, nach welchem er ihr ſagte, daß er jetzt zu Felßen gehen und ihn garſtig zudecken woll - te. Voll Freuden uͤber dieſe Nachricht, ließ ſie, da ſie ſelbſt nicht ausgehn wollte, die Fanchon ru - fen, um ihr zu verkuͤndigen, was ſie angeſtellt haͤtte, indeſſen erzaͤhlte ſie es allen ihren Leuten und etlichen der gewoͤhnlichen Gaͤſte, die zum Fruͤh -ſtuͤck25[259]ſtuͤck hinkamen, daß Baron Treff eben zu Felßen gegangen ſei, um ihn auszupruͤgeln. Die Fanchon kam und erfuhr das nehmliche, ſie und alle ſagten viel witziges uͤber dieſen Spaß und wollten ſich todt lachen, indem ſie im Geiſt ſahen, was der Philoſoph fuͤr Spruͤnge machen wuͤrde.

Einer von den Domeſiiquen hatte es Schni - tzern, welcher halb und halb Luſt hatte, Felßen den Vormittag einen Beſuch zu geben, erzaͤhlt; er erſchrak, daß ihm alle Glieder zitterten und ließ ſeine Frau bitten zu ihm zu kommen. Sie ließ nicht auf ſich warten, weil ihr einfiel, daß ſie was großes verſehn haͤtte, indem ſie ihrem Mann noch nicht mit der Pruͤgelgeſchichte erbauet hatte.

Suschen, ſagte dieſer, iſts wahr, daß der Baron zu Felßen gegangen iſt?

Suschen.

Ja, wohl!

Schnitzer.

Und was will er bei ihm?

Suschen.

Ja was will er? Da hat er ge - ſtern in der Comoͤdie erfahren, daß Felß ausge - ſprengt haͤtte, er ſei ein falſcher Spieler, nun will er ihm dafuͤr etliche Pruͤgel zuzaͤhlen, weil’s doch kein Cavalier iſt, mit dem er ſich ſchlagen kann.

R 2Schni -
260
Schnitzer.
(Die Haͤnde zuſammenſchlagend)

Ach! das Gott erbarm, was iſt das wieder fuͤr ein Verdruß!

Suschen.

Nun was iſts denn? Graͤm Dich doch nicht! Treff wird’s nicht ſo arg machen und von ein paar Hieben mit dem Stock ſtirbt Nie - mand.

Schnitzer.

So, rechneſt Du die Schande fuͤr, nichts daß ein ſolcher honetter Mann gep Doch daß nur nicht etwa der Herr Baron die be - ſten bekommt!

Suschen.

Ach freu Dich doch darauf nicht! Da wird ſich der Baron wohl vorſehn.

Schnitzer.

Dir iſts wohl lieb, daß Felß ſo behandelt wird?

Suschen.

Es iſt mir weiter nicht lieb, aber warum ſpricht er ſolch Zeug? Siehſt Du, ſagte ichs nicht, daß er ein Waſchmaul und ſchlechter Menſch iſt?

Schnitzer.

Jch laſſe mein Leben dafuͤr, daß es nicht wahr iſt.

Suschen.
(ſchreiend)

Ja es iſt wahr! Jch und mehr Leute habens auch gehoͤrt. (etwas leiſer): Alſo nimm Dich in Acht, daß er Dir nicht auch noch ſchaͤndlich Zeug nachſpricht, und laß ihn laufen.

Mit261

Mit dieſen Worten lief ſie ſelbſt fort und Schnitzer uͤberlegte, ob er zu Felßen gehn, oder abwarten ſollte, bis Treff wieder zu Hauſe waͤr, und erfuͤhre, wie es abgelaufen. Sein endlicher Entſchluß ſtimmte auf das letzte, aber alle ſeine Freude war nun wieder dahin. Waͤr’s wirklich wahr, dachte er, daß Felß den Baron ſo blamirt haͤtte, ſo koͤnnt ichs nicht fein nennen, da er ihm doch nie zugeſehn und ihn auch kein Menſch zur Ausſage der Sache aufgefodert hat. Aber ich kann es nicht glauben, es ſieht dem in ſich ge - kehrten Mann, der mit ſo was ſeine Gedanken nicht einmal gern beſchaͤftigt, nicht aͤhnlich. Auch haͤtt er mir gewiß zuerſt was geſagt, da er doch ziemlich offenherzig mit mir ſpricht, und ich ihm oft meinen Verdruß geaͤußert habe, daß in mei - nem Hauſe geſpielt wird, ihm auch ſehn ließ, daß ich nicht des Barons Freund bin. Oder es muͤßte ſein, daß er mich haͤtte ſchonen wollen, weil er weiß, daß michs doch nur geſchmerzt haͤtte, wenn ich erfuͤhre, daß ſogar ein falſcher Spieler Herberge bei mir genommen hat hm! das mag wohl ſein, und wenns Felß geſagt hat, ſo iſts auch wahr. Ja was ich alles erleben muß, ich armer Mann! Und wenn ſie ſich nun gepruͤgelt haben, was wirds da fuͤr einen Laͤrm geben, denn FelßR 3wehrt262wehrt ſich gewiß und iſt groͤßer und ſtaͤrker als Treff.

Bis dahin war Johann Jacob mit ſeinem Gedankengeſpraͤch, als gepocht ward und niemand anders eintrat als Felß. Schnitzer erſchrak, aber einen Augenblick darauf freute er ſich, ſeinen Freund heiter und munter vor ſich zu ſehn, es mochte alſo ſeiner Meinung nach mit den Pruͤgeln nicht arg ge - weſen, oder es wuͤrde gar in der Guͤte abgegan - gen ſein. Felß hatte ein Buch noͤthig, welches ſich von ohngefaͤhr unter Schnitzers Buͤcherſamm - lung eingefunden hatte, dies war dem erſten bekannt und jetzt kam er, ſichs auszubitten. Gern, gern, ſagte Schnitzer und ſchaͤtzte ſich gluͤcklich ein Werk zu beſitzen, in dem ein ſo gelehrter Mann etwas nachſchlagen wollte. Felßens Stunden waren koſt - bar, er machte Miene, ſich nicht lang aufhalten zu wollen; Schnitzer aber wollte ihn doch nicht gern weglaſſen, ohne erfahren zu haben, wie es mit Treffen abgelaufen waͤr. Jſt, ſagte er, der Baron Treff bei Jhnen geweſen? Nein, verſetzte Felß, aber er hat mich in einem Billet beſchuldigt, daß ich ihn falſcher Kunſtgriffe im Spiel geziehn haͤt - te, und wollte daß ich ihm den nennen ſollte der mir ſo was geſagt haͤtte. Wie komm ich doch in ein ſolches Gewaͤſche, da ich mit keinem Menſchender -263dergleichen ſpreche und es auch von keinem hoͤren kann, indem ich wenig Umgang habe. Jch hab ihm kurz geantwortet, hoffentlich wird er mich kuͤnftig verſchonen.

Er nahm Abſchied, bat Schnitzern, ihn bald zu beſuchen und verließ dieſen voͤllig ruhig.

Aber nicht ſo vergnuͤgt war Frau Suschen, ſie hatte Felßen kommen und gehen ſehn, und er kam ihr gar nicht wie ein vor kurzem ausgepruͤ - gelter vor, er hatte ſie ſtumm, aber beſcheiden und mit heitrer Miene begruͤßt und ſie ſah, indem er die Treppe herunterkam, ihn das Buch einſtecken, alſo wußte ſie, weswegen er den kurzen Zuſpruch gemacht hatte. Jhr ganzer Troſt war nun, daß ihn der Baron nicht werde zu Hauſe getroffen haben, aber ohne Zweifel werde er auf ihn warten, und ihn, wenn er nun ankaͤm, nach beſchloſſener Art be - gruͤſſen.

Dieſen Troſt behielt ſie aber nicht lange, denn Treff kam bald nachdem Felß weggegangen war und berichtete ihr, er habe dieſem nichts anhaben koͤn - nen, indem er alles gelaͤugnet und aufs hoͤchſte be - theuert haͤtte, daß er an jene Beſchuldigung nicht gedacht, alſo muͤßte die Dame von der ſie es wiſ - ſen wollte, entweder unrecht berichtet, oder eine Luͤgnerinn ſein. Suschen wollte ſich in HarniſchR 4ſetzen,264ſetzen, allein Treff bediente ſich ſeiner Gewalt uͤber ſie, und rieth ihr zu ſchweigen, und ihm kuͤnftig ſolch Gewaͤſch nicht wieder vor die Ohren zu brin - gen, wenn ſie ihn zum Freund behalten wolle. Er war nicht ohne Urſach verdruͤßlich uͤber die Ge - ſchichte, da ſie ihn verleitet hatte an Felßen zu ſchreiben und ſich eine Antwort zuzuziehn, die nicht nur kurz, umſtaͤndlich und trocken, ſondern auch zweideutig war, ohne doch juſt etwas zu ent - halten, woruͤber er ſich Erklaͤrung ausbitten muß - te. Doch wenn ihn auch das zweideutige beſon - ders verdroß, ſo war es ihm doch eben nicht zu - wider, daß ſichs nicht fuͤglich ganz uͤbel aufnehmen ließ, denn er war ein Mann, der nicht gleich bei jeder Gelegenheit auf Erklaͤrung drang, und ſie uͤberhaupt zuweilen lieber vermied. Das Billet von Felßen wollte er gleich verbrennen, fand es aber nicht, weil ers unterwegens mit dem Schnupf - tuch herausgeriſſen hatte. Daher hat ſichs alſo er - halten, und iſt mir nach der Zeit in die Haͤnde gefallen, ſo daß ichs dem Leſer mittheilen kann.

Man hat Sie, Herr Baron, ganz unrecht berichtet, daß ich von Jhrem Spiel, welches ich, wie Sie ſehr richtig ſagen, nicht mit angeſehn ha - be, alſo nicht beurtheilen kann, ſollte geſprochen haben. Eben ſo wenig ward ich von einem anderndavon265davon unterhalten und ich wuͤnſche, daß ich im - mer mit Diſcurſen und Billets dieſer Art ver - ſchont bleiben moͤge.

Felß.

Jch weiß nicht, ob meine Leſer dieſen ſproͤden Jnhalt ſchoͤn finden werden, mir iſt er immer naſe - weis und ſtolz vorgekommen, mich wunderts gar nicht, daß Baron Treff dem Mann, der ihn und ſeine Kunſt ſo ſichtbar veraͤchtlich tractirte, noch abgeneigter ward als vorhin und auf Suschen boͤſe war, daß ſie ihn mit dieſem uͤberwiegendem Mann in Briefwechſel geſetzt hatte.

Dieſe hingegen war nicht wenig boͤſe auf ihn, den Baron, daß er ſich ſo hatte abfertigen, daß er ſich uͤberhaupt erſt auf Frage und Antwort ein - gelaſſen und nicht gleich beim Eintritt friſch drauf los gekeult hatte. Noch mehr erzuͤrnte ſie ſich uͤber ihn, als Schnitzer ihr erzaͤhlte, daß Treff gar nicht bei Felßen geweſen ſei, ſondern die Sache durch ein Billet abgemacht, welches Felß kurz be - antwortet haͤtte. Sie haͤtte ihn gern daruͤber zur Rede geſetzt, und ihn uͤber die Ehrfurcht, welche er Felßen bezeugte, wenigſtens verhoͤhnt, aber ſie wußte, daß der Herr Baron gegen ſie nicht hold war, denn ſo wie ſie ihren gutmuͤthigen JohannJacob266Jacob in der Zucht hielt, war ſie hingegen unter dem Commando des Barons, welcher wenig Um - ſtaͤnde mit ihr machte, wenn ſie ihm ungelegen kam.

Sie troͤſtete ſich jetzt damit, daß die Dome - ſtiquen, die Fanchon und die beiden Fruͤhſtuͤcker es doch ausſprengen wuͤrden, Treff habe Felßen gepruͤgelt, wodurch dieſer wenigſtens beſchaͤmt muͤr - de. Ueberall hatte ſie bereits jede Nachrede auf ihn gebracht, der ſie nur einige Wahrſcheinlichkeit geben konnte. Er war fuͤr einen leidlichen Preiß logirt und bekoͤſtigt worden, ſie beliebte aber zu ſagen, er haͤtte gar nichts gegeben und waͤre ihr noch impertinent dazu gekommen, ja er hetzte ih - ren Mann auf und bettelte ihm heimlich Geld ab.

Er hatte einmal die Hausmagd, da ſie ſein Zimmer kehrte, gebeten ihm einen Knopf an den Rock anzunaͤhen, und indem ſie es that, im Scherz geſagt, ſie wuͤrde ſo was wohl verſtehn, da ſie ge - wiß einen Liebſten haͤtte, dem ſie auch einmal ei - nen ſolchen Dienſt geleiſtet. Dies hatte die Haus - magd wieder erzaͤhlt, und Frau Suschen machte jetzt mit ihrer Gabe zu verbeſſern aus dem Rock - knopf, den Knopf eines niedern Kleidungsſtuͤcks, den er dem Maͤdchen zugemuthet haͤtte, ihm amLeibe267Leibe anzunaͤhen, indem er ſie zugle ich geplagt haͤt - te, daß ſie ihn einmal die Stelle des Liebſten moͤch - te verſehn laſſen, und waͤre das gute Maͤdchen nicht einen Schritt ſicher vor ihm, ſie wollte auch gar nicht mehr bei ihm aufraͤumen.

Zu dieſen und andern kraftvollen Empfindun - gen kam nun die Pruͤgelgeſchichte, und Madam Schnitzer erlangte durch das alles ihren Zweck, welcher, wie wir wiſſen, Rache an Felßen war, voll - kommen, denn dieſe Nachreden ſtiegen, wie viele der Herbſtnebel, von unten auf in die hoͤhere At - mosphaͤre, vereinigten ſich mit den ſchon dortſei - enden Duͤnſten und fielen als ein immer zunehmen - der Triefregen aus Felßens Ruf.

Hiervon iſt noch im folgenden Abſchnitt ein mehreres zu berichten, nur dieſen muß ich ſchlie - ßen, um meine Leſer nicht laͤnger mit der fal - ſchen Hofnung hinzuhalten, daß ich noch waͤhrend deſſelben zum Vorſchein kommen werde. Jch bitte tauſendmal um Vergebung mein Wort nicht ge - halten zu haben! Man wird ſich aber erinnern, daß ichs nur unter der Bedingung der Moͤglich - keit gab, welche jeden Schuldner vor der gaͤnzli - chen Aufbuͤrdung des Luͤgnertitels ſchuͤtzt. Meine Leſer ſehn ſelbſt, daß ich nichts dafuͤr kann, wenn meine Mutter in der Zeit, wo das, was ich ihnendoch268doch gern erzaͤhlen wollte, vorgieng, noch nicht niederkommt; aber nun naͤhert dieſe große Bege - benheit immer mehr.

Achter Abſchnitt. Jn welchem Madam Schnitzer erklaͤrt, daß ſie guter Hofnung iſt.

Man behauptet, daß die Weiber, wenn ſie die Fruͤchte der Liebe unter dem Herzen tragen, nicht nur beſondere Geluͤſte, Speiſe und Trank betref - fend, haͤtten, ſondern daß auch andre Leidenſchaf - ten, die ihnen anwandelten, viel ſtaͤrker waͤren, als ſonſt, und daß ſich deren ganz ungewoͤhnliche einfaͤnden, auch hienge von ihrer Befriedigung das Gedeihn der Frucht ab, da hingegen zu fuͤrch - ten ſtuͤnde, daß entweder ein Abortus erfolgte, oder das Kind mit einem Merkmahl auf die Welt kaͤm, wenn die Mutter ihren Willen nicht haben koͤnnte.

Wofern ſich das ſo verhaͤlt, ſo wunderts mich, daß nicht mehr Kinder mit Muttermaͤhlern nichtnur269nur aller Erdefruͤchte, jaller delieioͤſen Speiſen und Getraͤnke, welche doch ſchlechterdings nicht immer zu haben ſind, ſondern auch allerlei Werkzeuge und Gegenſtaͤnde der Sehnſucht und Rachbegierde mit auf die Welt bringen. Ja zum Verwundern iſts, daß nicht Jungen und Maͤdchen mit Meſ - ſern, Dolchen, Ofengabeln u. d. gl. auf dem Koͤr - per ankommen, weil ihre Muͤrter, wenn Rache ih - nen geluͤſtete, dem Gegenſtand derſelben herzlich gern damit zu Leibe gegangen waͤren, welches ſich doch nicht immer thun laͤßt daß ſie ferner nicht mit Kleidern und Putz aller Art und Far - ben, mit Wagen durch Schimmel, Rappen, Sche - cken oder Braunen gezogen, verſehn ſind, welches alles die, ſo ihnen in ihren Leibern die Menſchheit anzunehmen vergoͤnnten, an den Mitſchweſtern beneideten und ihnen doch nicht entreißen konn - ten daß andern Kindern nicht die Bildniſſe der Maͤnner, nach denen ihre Muͤtter geluͤſteten, und die ſie nicht haben konnten, eingepraͤgt ſind u. ſ. w. Eben ſo iſt es zu verwundern, daß nicht mehr Fauſ - ſecouchen vorfallen und nicht die Haͤlfte der Men - ſchen als unvollendete Embryonen vernichtet wer - den.

Doch nein, es iſt auch natuͤrlich, daß die Wirkungen, von denen die Rede iſt, nicht ſo haͤu -ſig270ſig ſind, und der ſtarke Eindruck nur ſelten erfolgt, (der, was die feierlichen Darſtellungen auf den Koͤr - per der Kinder betrift, um der Kurioſitaͤten-Lieb - haber, Zeitungs - und Journalenſchreiber willen / doch ſeinen Nutzen haͤtte) da es eine Meng ſchlaͤf - riger und traͤger Weiber giebt, welche die Lebhaf - tigkeit in ihren Wuͤnſchen und Begehren, die mei - ne Mutter weiland zur Heldinn macht, nicht be - ſitzen. Zwar machen die Leute, welche den Werth des weiblichen Geſchlechts, ſo wie das meiſte des Menſchenweſens nach ausſtudierten, zierlichen Re - geln abmeſſen, jenen das Compliment, daß ſie ſanft waͤren, gute Grundſaͤtze, eine edle Geiſtes - bildung beſaͤßen; Damens aber nach Suschens Schnitt bekuͤmmern ſich viel um dergleichen Affec - tations, ſie bleiben ihrer Natur tren.

Bei dieſer Stelle kam mein Weisheitskraͤmer Celeſtin wieder mit ſeinen Geiſt - und Thier - menſchen mag’s doch ſein! Frauen und Maͤd - chen, wie Suschen, deren es in jedem Rang giebt, wollen nun einmal zur letzten Sorte gehoͤren, und ſo wie ihre Bruͤder dieſer Gattung es als die vor - nehmſten unter den Thieren, auch an ungebun - dener Ausuͤbung ihrer Begierden allen uͤbrigen zu - vorthun. Ein ſolcher guter Wille nebſt dem Ver - moͤgen ihn auszuuͤben, erbt denn ganz natuͤrlichvon271von der Mama auf ihre Soͤhne und Toͤchter und ſo wird dies Thiernaturgeſchlecht nimmermehr aus - zutilgen ſein, wenn ſich Prediger und Schriftſtel - ler auch ſaͤmmtlich wunde Haͤlfe ſchrieen und lah - me Finger ſchrieben. Sie werden ſagen, meine Herren, die ich hier genannt habe, daß die Auf - klaͤrung, an der ſie fort und fort arbeiten, und die guten Beiſpiele doch viele von natuͤrlichen Unarten, wie ſie es nennen, heilte, aber was ihre Aufklaͤ - rung betrifft, ſo gleicht ſie dem Gewebe der Pene - lope, Frau Thier-Natur ſtellt ſich, als kaͤme ſie weiter damit und heimlich trennt ſie’s wieder auf, da koͤnnen ſie denn von neuem anfangen. Die Bei - ſpiele anlangend, ſo ſind die meiſten nur Jrrlich - ter, wenn man ſie in der Naͤhe ſieht, iſt’s Sumpf, das verdirbt denn vollends alles fuͤr ihre Plane, erlauchte Herren Erzieher und Lehrer des Men - ſchengeſchlechts. Glauben ſie mir auf’s Wort, alles was ſie ſagen und beabſichtigen iſt bei uns Thiermenſchen verloren! Wir koͤnnten zwar, wenn wir wollten, an den Geiſtmenſchen Beiſpie - le nehmen; da giebt’s, ſagt man, keine leuchten - de Suͤmpfe, ſondern reines Licht, aber es iſt eine zu große Kluft zwiſchen uns und ihnen, und ihrer ſind auch zu wenig, als das wir uns endlich be - quemen muͤßten, nach ihrer Weiſe zu denken. DieMehr -272Mehrheit iſt und wird immer auf unſrer Seite bleiben, da beſonders ſo viele der Lehrer und Erzie - her, da Leute von hoher Geburt und Wuͤrde, ſo wie Schriftſteller aller Art in Menge zu den Un - ſern gehoͤren. Dieſe haben ſich Maſquen machen laſſen, in denen ſie, wo es noͤthig iſt, auch als Geiſtmenſchen erſcheinen, dann richten ſie noch dazu weit mehr aus, als die wirklichen und koͤn - nen wieder in die Thierhaut fahren, ſo bald Vor - theil oder Leidenſchaft es heiſcht. Das iſt doch wohl bequemer, als ſich ganz zu entthieren.

Nach dieſen Reflections kehre ich zu meiner Geſchichte zuruͤck und melde meinen Leſern, was Frau Suschen ihrem Johann meldete, nemlich, daß ſie ſich geſegneten Leibes befaͤnde.

Er hoͤrte dieſe Nachricht mit ungemeiner Freude, und nahm ſich vor, ſeinen kuͤnftigen Er - ben zu einem Geiſtmenſchen zu machen; dies Wort zwar war ihm fremd, aber weil er ſich vornahm, einen ehrlichen, geſitteten, tugendhaften Menſchen aus ihm zu erziehn, und ihm Wiſſenſchaften aller Art beibringen zu laſſen, damit er ſich durch ſyſte - matiſche Grundſaͤtze noch mehr veredeln moͤchte, ſo wollte er doch eben das damit ſagen. Er nahm ſich ferner heimlich vor, ihn ſobald als moͤglich aus den Haͤnden der Mutter zu nehmen, undauf273auf die Liſt, durch die er dieſe Abſicht erreichen koͤnnte, von der erſten Minute ſeines Kindes an zu ſtudieren. Jnbruͤnſtig flehete er um einen Sohn, denn Suschen die Tochter wegzunehmen, ſchien ihm weit ſchwerer, und ſie ihr aͤhnlich zu ſehn wuͤnſchte er nicht.

Es war um die Zeit des zur hellſten Gluth gewordenen Rachtriebs den ſehr verſchuldeter Weiſe Felß erweckt hatte, da Madam Schnitzer gewiß uͤberzeugt ward, ſie werde in vier und ei - nem halben Monat den Mutternamen fuͤhren, und nun wird jedermann einſehn, es ſei kein Wunder geweſen, daß ſie Himmel und Hoͤlle auf - bot, jene Leidenſchaft zu befriedigen. Schnitzer nahm ſich, ſobald ſie ihm ihre Umſtaͤnde entdeek - te, vor, ſie von jetzt an mit der moͤglichſten Schonung zu behandeln, aus lauter Freude uͤber die Ausſicht Vater zu werden, ſagte er ihr dies unter vielen Schmeicheleien zu und gab ihr damit neue Waffen in die Hand. Jetzt vergieng kein Tag, wo ſie nicht einen neuen oft ſchwer zu be - friedigten Einfall hatte, aber was es auch ko - ſten mogte, ſo mußte er befriediget werden. Das ſchwerſte von allem, was Johann Jacob leiſten mußte, war ihm die Entſagung des Um - gangs mit Felßen, wie ſich aber Suschen beieiner274einer Art von Verſuch hier Diſpenſation zu er - langen benahm, ſah Schnitzer wohl, daß er nachgeben muͤßte.

Sie that, ſeit ſie nun ihrer Hoffnung gewiß worden, ungemein zaͤrtlich, indem ſie glaubte, dies gehoͤre zum Vornehmſein, es mußte ſogleich ein Arzt angenommen werden, der bei jedem Einfall der Dame gerufen wurde; fand dieſer den gefaͤhrlichen Zufall nicht, den ſie ſich einbil - dete, oder einzubilden vorgab, ſo ward er ziem - lich trocken behandelt, ward hinter dem Ruͤcken geſchimpft; ſie beſtand auf einem andern Arzt, der denn auch geholt werden mußte, indem der vorige bezahlt, und ihm angekuͤndigt ward, daß man ihn nicht weiter brauchte. Mamſell Fan - chon ward zum Voraus zur Pflegerinn im Wo - chenbette, ſo wie zur Gouvernante des jungen Pflaͤnzchens ernannt und hatte ſchon jetzt alle Haͤnde voll zu thun, um das Kinderzeug, den Wochenſtaat und das Wochenzimmer nach vor - nehmer Art einzurichten. Schnitzer mußte taͤg - lich Geld dazu hergeben. Fiel ihr ein, eine Speiſe oder Frucht, die nicht in der Stadt zu haben war, zu eſſen, ſo mußte Schnitzer Staffetten von zehn, ja weit mehr Meilen darnach ſchicken. Da ſie eigent - lich genaue Wirthinn war, haͤtte ſie ſich das Geld,was275was bei dieſer Gelegenheit darauf gieng, lieber ge - ben laſſen, um es in ihre heimliche Kaſſe zu legen oder es wenigſtens zur Vermehrung ihrer Garderobe anzuwenden, aber die Fanchon hatte ihr Faͤlle ge - ſagt, wo das Staffettenſchicken fuͤr gewiſſe hohe Damen geſchehen war und ſo wollte ſie das nemli - che fuͤr ſich haben. Sie uͤbte, mit einem Wort, al - len Muthwillen aus, und Schnitzer konnte nicht be - beſorgt genug um ſie ſein; die geringſte anſcheinende Vernachlaͤſſigung zog ihm Vorwuͤrfe zu, es gab viel Augenblicke, wo er wuͤnſchte, daß dieſe ihm ſo erfreuliche Begebenhrit nicht eingetreten waͤr. So ſehr ſie aber ſeine Sorgfalt verlangte, ſo wi - derſprach ſie ihm doch da, wo er ſie noͤthig hielt. Er meinte z. B. das lange Aufbleiben und die ſtar - ke Bewegung beim Soupé ſpirituel koͤnnte ihr jetzt ohnmoͤglich zutraͤglich ſein und nahm, um ſie da - von abzubringen, den Arzt zu Huͤlfe, ſie aber be - hauptete, daß es ihr nicht nur nichts ſchade, ſon - dern daß ſie ſich nie beſſer befaͤnde, als wenn ſie die halbe Nacht durch geſchwaͤrmt haͤtte, weswegen ſie auch veranſtaltete, daß oͤfter und laͤnger als ſonſt bei dem geiſtigen Kraͤnzchen getanzt ward.

Schnitzer hatte bei alle dem keinen Troſt, als daß ſein Suschen doch endlich niederkommen muͤß - te, wenn denn nur die 6 Wochen um waͤren, ſoS 2ſollte276ſollte ſeine Gefaͤlligkeit aufhoͤren. Er vergaß ſeine jetzt verdoppelten Leiden immer bei der Hoffnung, daß er den Vaternamen bald fuͤhren wuͤrde, und unterhielt ſich viel davon mit ſeinen Freunden in in der Tabagie. Nichts wuͤnſchte er ſo ſehr als daruͤber mit Felßen zu ſprechen, und ihm zu ver - ſtehn zu geben, daß er, ſollte ihn Gott einen Sohn geben, es fuͤr deſſen groͤßtes Gluͤck halten wuͤrde, wenn er ihn in Erziehung nehmen wollte, woran er gern ſein halbes Vermoͤgen wenden wuͤr - de, weil der Junge dann gewiß eine beſſere Aus - ſteuer erhielte, als zeitliche Guͤter. Ja, dachte er zuweilen, wenn ich dieſe Wohlthat fuͤr meinen Sohn erlangen koͤnnte, ich glaube, lieber ließ ich meine Frau vor Bosheit ſterben, als mich von ihr daran verhindern. Doch wer weiß, wo Felß iſt, ehe der Junge bis dahin kommt, daß man ihn in die Haͤnde des erſten geben koͤnnte, bald ſollte ich wuͤnſchen, daß er immer blos Herr Felß und in ſchlechter Verfaſſung pfui Johann Jacob, da entfuhr dir ein haͤßlicher eigennuͤtziger Wunſch!

Welche Schwachheit, daß Schnitzer ſich uͤber ſo was ein Gewiſſen machen konnte! Er hatte aber einmal den Grundſatz, man muß nichts verlangen, worunter ein anderer zu ſehr leiden wuͤrde. Dank ſei es meiner Mutter, daß ich mich von ſolchenaber -277aberglaͤubiſchen Meinungen nicht haͤtte anſtecken laſſen, wenn er mich auch voͤllig erzogen und mir eine ſolche Art zu denken noch ſo ernſthaft und be - fliſſen haͤtte einpredigen wollen.

So zweifelhaft es alſo war, daß Schnitzers Wunſch, den zu hoffenden Sohn durch ſeinen Ab - gott Felß erzogen zu ſehn, in Erfuͤllung gehen wuͤrde, ſo ein ſehnliches Verlangen trug er doch, ihm denſelben zu geſtehn, waͤrs auch nur um dem Mann, den er ſo hochſchaͤtzte, zu zeigen, wie ſehr er ſeine Denkungsart verehrte; uͤberhaupt war er beſorgt, Felß moͤchte ungleich von ihm denken, weil er mit einemmal ſeine Beſuche abbraͤche.

Johann Jacob war, wie meine Leſer ſchon werden bemerkt haben, ſeit Suschens Regierung liſtig worden. Er konnte dem Verlangen, ſeinen Freund zu ſehn, nicht mehr widerſtehn, und wollte doch nicht oͤffentlich hingehen, weil Suschen ihm ſelbſt geſagt hatte, daß ſie es, es moͤchte auch im Dunkeln geſchehen, doch durch ihre Canaͤle wieder erfuͤhre. Da dies immer wahrſcheinlich war, wollte er den Laͤrm, welcher entſtehen wuͤrde, wenn er ſeiner Befehlshaberinn Gebot uͤbertraͤte, nicht ris - quiren; er ſuchte alſo ſeinen Wunſch auf eine an - dre Art zu befriedigen. Es war ihm bekannt, daß Felß faſt taͤglich in den Buchladen gieng, alſo batS 3er278er den Buchhaͤndler, ihn, wenn jener ankaͤme, ſo - gleich, doch unter einem andern Vorwand, hinbe - ſcheiden zu laſſen, nur daß es ja an keinen andern als ihn ſelbſt ausgerichtet, und nichts von Felßen erwaͤhnt wuͤrde, wofern ihn der Bote nicht allein faͤnde. Dieſe Vertraulichkeit konnte er wagen, weil der Buchhaͤndler ein alter Bekannter von ihm und kein andrer als Albrecht Buſch war.

Dieſer hatte, weil ſein Vetter in Amſterdam geſtorben, und die Handlung an deſſen Erben ge - fallen war, nicht Luſt bei dieſem zu bleiben, woll - te ſich uͤberhaupt ſelbſt etabliren und das am lieb - ſten in ſeiner Vaterſtadt. Da es ſich nun fuͤgte, daß der Buchhaͤndler, der Felßens Werk angenom - men hatte, auch abgieng, ſo trat Albrecht dieſe Handlung an, ward alſo Felßens Verleger, und zu - gleich ſein Freund und Bewunderer.

Albrechts Neigung zu muthwilligen Streichen haben meine Leſer bei den Geſchichten des Magi - ſter Confuſelius geſehen, allein er war ſo einfaͤltig, ſich nichts von der Art zu erlauben, wenn wirk - liches Leiden eines fuͤhlenden Herzens daraus er - wachſen waͤre; welchen Zwang ich mir niemals anthat. Er wußte bereits ſo wie mehrere, daß Schnitzer ein großer Dulder war, und bekam jetzt durch ihn ſelbſt einen Beweis der Wahrheit. DerVorſatz279Vorſatz, ſich in ſeinem Hauſe bekannt zu machen, um dem Manne Dienſte zu leiſten, die Frau hin - gegen ein wenig zum Beſten zu haben, warb feſt bei ihm; er meldete Schnitzern ſogleich, daß er zu ihm kommen und kuͤnftig recht oft bei ihm ein - ſprechen wollte.

Schon des folgenden Tages hatte Johann Ja - cob das Vergnuͤgen, Felßen in Buſchens Buchla - den zu ſprechen, und ihm alles, was er auf dem Herzen hatte, zu ſagen: Jch wuͤrde, erwiederte dieſer, auf den Punkt der Erziehung eines kleinen Schnitzers, wie es auch kommen und in welcher Lage ich ſein moͤchte, wieferne Sie dieſes Zutraun beibehielten, ihr Verlangen, nach Maßgabe der Umſtaͤnde, erfuͤllen, denn das Geſchaͤfft, ein menſchliches Geſchoͤpf zur Tugend zu bilden, (wenn es auch nur durch die Veranſtaltung, dazu geſchehen kann) ehrt und belohnt den, der es uͤbernimmt in jedem Rang. Aber daß Jhr Sohn bei meinen Grundſaͤtzen gluͤcklich werden wuͤrde, wie man ge - meiniglich die Bedeutung des Worts nimmt, koͤnnte ich ihm und Jhnen nicht gewiß verſprechen. Wenn ich nach eigner Erfahrung ſchließen wollte, muͤßte ich vielmehr daran zweifeln; doch wenn er denken lernte, wie ich eigenſinniger Menſch, wuͤr - de er wenigſtens in jedem Fall mit ſich ſelbſt zufrie -S 4den280den ſein, und das iſt ein Gluͤck, welches uns kein Zufall raubt!

Hier rief Celeſtin aus: welcher unvergleich - liche Mann mußte dieſer Felß nicht ſein! Jch kann kaum erwarten, bis ich in der Folge ihrer Erzaͤh - lungen erfahre, wer dieſer geheimnißvolle Menſch war; wie ſchade, daß Sie nicht als ein Kind in ſeine Haͤnde kamen, er haͤtte Sie gewiß ent - thiert!

Jch konnte unter einer Viertelſtunde vor La - chen nicht weiter ſprechen, welcher Gedanke! mir zu wuͤnſchen, daß Felß mich entthiert haben moͤchte, da ich mich in dieſem Zuſtande ſo wohl be - fand, und von keiner Bedenklichkeit wußte, die ich mir bei dem oder jenem Genuß, bei Errei - chung meiner Wuͤnſche und Abſichten truͤbſinni - ger Weiſe gemacht haͤtte, wenn ich Felßens Lehr - ling ward und mich nach ſeiner Art bildete! Was haͤtte ich nun jetzt in den Abendſtunden dem Schul - meiſter zu erzaͤhlen, (ich nehme an, daß ich, wie ich auch handeln moͤchte, beſtimmt geweſen waͤre, mein Leben auf dem Guͤtchen des Onkels zu be - ſchließen) wenn ich ihm nicht meine witzigen und liſtigen Streiche, meine Wendungen, Unterneh - mungen ꝛc. mittheilen koͤnnte, wobei ich mich alle - mal aufs neue ergoͤtze und den Schulmeiſter aus -lache,281lache, wenn er uͤber manches die Haͤnde zuſammen - ſchlaͤgt und ſo herzbrechend ſeufzt, daß ich’s erra - then kann, er bitte den lieben Gott um Vergebung fuͤr mich? Aus dieſer Freude, die mir das Anden - ken meiner Jugendluſtbarkeiten macht, laͤßt ſich er - ſehn, daß ich eben ſo zufrieden mit mir ſelbſt bin, als Herr Felß es auf ſich und ſeine ſtrotzende Tu - gend war, folglich beſitz ich das Gluͤck ebenfalls, welches kein Zufall rauben kann. Ja ich war al - lezeit ſo feſt in ſeinem Beſitz, daß keine Zuͤchti - gung, kein Vermeiden meiner Geſellſchaft von or - dentlich denkenden, oder vielmehr eigenſinnigen Leuten, mich darinnen, das heißt in der Selbſtzu - friedenheit ſtoͤren konnte.

Nichts lag jetzt Albrechten ſo ſehr am Her - zen, als Frau Suschen naͤher kennen zu lernen und zu ſehn, was zu Schnitzers Beſten und zu ihrer Bekehrung vorzunehmen ſei. Er unter - ſieng ſich, Madam Schnitzer fuͤr eine herrſchſuͤchtige und unbeſcheidene Creatur zu halten, die in Selbſt - ſucht ſchwaͤmme, durch ſie athmete, daͤchte und handelte; alſo fuͤr alles, was ſonſt dem Menſchen Pflicht waͤre, verſtopfte Ohren und Augen haͤtte. Nachdem aber, was er nebenbei von ihr gehoͤrt, urtheilte er auch, daß dieſe Selbſtſucht ſie zu einer Thoͤrinn vom erſten Range erhoben habe und machteſich282ſich Hoffnung, ſie fuͤr ihren Mann wenigſtens bieg - ſam zu machen, wenn man ihrer Thorheit eine Richtung gaͤbe, bei der ſie ein beſcheidenes Betra - gen gegen den Ehemann als Vermehrung ihres Werths anſehn lernte.

Auch von Jhrem Buſch bekomm ich immer ei - nen beſſern Begriff, je weiter Sie von ihm ſpre - chen, ſagte Celeſtin. Dieſer Zug beweißt, daß er eingeſehn hat, es ſei Pflicht, ein jedes Mittel, welches zur Beßrung eines Menſchen beitragen und etwas Gutes hervorbringen kann, anzuwenden, wenn es auch nicht zu den geraden, ſondern zu den Sei - tenmitteln gehoͤrt. So iſt es z. B. freilich nicht ganz recht, jemanden aus einer Thorheit in die andere zu leiten, in dem Fall aber, wenn eine Perſon nicht klug zu machen und durch vernuͤnf - tige Vorſtellungen zu gewinnen iſt, mache man ſich immer zu Erlangung eines guten Zwecks ihre Schwachheiten zu Nutze.

Das vornehmſte, verſetzte ich, von dem was Sie da ſagen, Herr Celeſtin, habe ich immer auch eingeſehn, d. h. ich halte viel von Seitenmitteln, denn die geraden, welche ich meines Orts zuweilen anwende, fuͤhren mich ſelten zu meinem Zweck; die Menſchen ſind gar zu veraͤnderlich, ſie kehrenſich283ſich weder an Lehre noch Vorſtellung und nehmen jede Kleinigkeit uͤbel.

Mein Gott, Monſieur Nickel oder Goldfritzel, wenn Sie lieber ſo genannt ſein wollen, Jhre ge - raden und Seitenmittel ſind von denen, die ich meine, ſehr verſchieden.

Dafuͤr kann ich nichts, Herr Celeſtin, daß wir nicht einerlei Meinung ſind, laſſen Sie mich, ohne uns zu ſtreiten, in meiner Geſchichte, oder viel - mehr in der Geſchichte meiner Mutter fortfahren, Sie werden dann erfahren, daß Buſch auch mit ſeinen Seitenmitteln, wenn ſie gleich anfangs Wir - kung zu thun ſchienen, nicht weiter kam als Va - ter Zevs, da er die Katze in eine ehrbare Jungfran verwandelte, indem die liebe Natur ſeiner Ver - wandlung ſpottete, ſo bald eine Maus uͤbers Zim - mer lief, wo ſie alſobald die Katze wiederherſtellte.

Albrecht hatte zu wenig Erfahrung und zu viel Vertraun in ſeine vorhabende Cur, als daß er ſo was haͤtte befuͤrchten ſollen, er wollte nun einmal hier Arzt ſein, deswegen verzog er nicht ſich bei Schnitzers einzufinden und ließ ſich von Johann Jacobs Stuͤbchen aus, foͤrmlich bei der Madam melden, welche ihn denn in ihrem Staats - und beſtimmten Wohnzimmer mit einer kraͤnkeln - den Miene ſehr artig, aber zugleich ſehr vornehm,auf -284aufnahm. Buſch ſagte ihr uͤber ihre Schoͤnheit, ihre Artigkeit und ihren Verſtand ſo uͤbertriebene Schmeicheleien, daß ſie entzuͤckt war, ſie verſicher - te der Fanchon, ja Schnitzern ſelbſt, daß ſie in ihrem Leben keinen galantern Chapeau geſehen haͤt - te und bildete ſich voͤllig ein, einen Liebhaber an ihm gewonnen zu haben.

Bisher hatte ſie noch nicht daran gedacht, daß Lectuͤre zu den Beſchaͤftigungen einer feinen Dame gehoͤrte, Buſch hatte ſie erſt durch die Frage, ob ſie Liebhaberinn von Buͤchern waͤre? daran erin - nert. Sie verſicherte ihn, daß ſie nichts ſo ſehr liebte, ob ſie gleich außer den Liederbuͤchern, Mord - und Wundergeſchichten, von denen ſie als Maͤdchen eine huͤbſche Sammlung, immer das Exemplar fuͤr zwei Groſchen, zuſammengekauft hatte, noch nie etwas geleſen hatte, und ſeit ſie die hoͤhern Freuden des Soupé spirituel kannte, jene Sammlung nicht mehr anſah, indem ſie ganz andre Anekdo - ten und kleine Geſchichtgen erzaͤhlen hoͤrte und geiſt - reichere Lieder lernte, worunter auch franzoͤſiſche waren. Jetzt ſang ſie, wenn ſie bei guter Laune war, nicht mehr Jm Schatten gruͤner Baͤume trug ꝛc. oder Eleonore die Betruͤbte ꝛc. ſondern ein ſaftiges Liedchen, welches in ihrem Zirkel inSchwan -285Schwange gieng oder ma comene quand je danse va t’il bien mon cotillon etc.

Die Fanchon hatte ihr mehr dergleichen witzi - ge Geſaͤnge gelehrt, und verſchiedene von der Art, wie ſie ſich auf die Spaßgeſchichten, welche ſich ereigneten, ſchickten.

Schnitzer war unter andern ein einzigesmal etwas ſpaͤt und zwar mit einem kleinen Raͤuſchchen aus der Tabagie heimgekommen. Dies machte die Fanchon, nicht zu einem Verbrechen, aber zu einer neuen Berechtigung fuͤr Suschen, ſich an ihrem Theile guͤtlich zu thun. Mamſel Fanchon hatte mehr als einen Genuß in Schnitzers Gaſthof; nicht nur lebte ſie herrlich und hatte zu Erreichung ihrer Abſichten, welche die immer mehrere Aus - bildung ihrer Eleven betraf, ſo guͤnſtige und oft abwechſelnde Gelegenheit, ſondern ſie konnte auch ihr Talent zur Perſiflage bei der Geſellſchaft bril - liren laſſen, indem ſie Madam Schnitzern, welche ſie hinter dem Ruͤcken la marmotte galante nannte, unbarmherzig zum Spott machte. Sie hatte ihr auf Schnitzers kleine Ausſchweifung ein franzoͤſiſches Liedchen gelernt, deſſen gaͤnzlichen Jnhalt Suschen, die ohnehin das wenigſte von dem, was ſie in dieſer Sprache nachſagen konnte, zu verteutſchen wußte, nicht verſtand, und dieFan -286Fanchon ihr nicht gaͤnzlich zu uͤberſetzen Luſt hatte, weil Suschen zwar an dem loͤblichen ungezwunge - nen Weſen der galanten Welt nun ſchon einen großen Geſchmack fand, doch aber noch immer ne - ben bei ein wenig die zuruͤckhaltende machen wollte, wozu ſie doch auch mancherlei Gruͤnde hatte.

Demnach ſang die unſchuldige Seele nicht nur ſo zuweilen unter ihren Geſchaͤften, ſondern auch im Zirkel:

Mon Mari va à la taberne
Et moi je garde la maiſon
Il ne retourne qu à la lanterne
Et toujours soû comme un cochon
Eh puis allons, il peut me dire
Tralalala! Tralalala!
Attend coquin si tu retourne
Par ma foi je ferai fracas,
Ie te ferai porter des Cornes
Tout auſſi longues que ton bras
Eh puis allons, tu pourras dire
Tralalala! Tralalala.
Schon287

Schon verſchiedene mal hatte Madam Schni - tzerinn Lobeserhebungen und ein beifallvolles Haͤnde - klatſchen fuͤr dieſen Geſang, welchen ſie mit leicht - fertigen Mienen ſang, und ſich dabei uͤber ihren Nigaud allein aufzuhalten glaubte, eingeaͤrndtet, ſie lachte dann, wenn die Andern uͤber ihre un - richtige Ausſprache der meiſten Woͤrter und uͤber den Jnhalt des Liedchens ein Hohngelaͤchter begon - nen, beifaͤllig mit, ohne daran zu denken, daß es ihr galt; ja ſie ſah ſich auch mit unter aufgefordert, die im Liede gedachte Rache an Schnitzern zu neh - men, welches ſie verſprach, ohne eigentlich zu wiſ - ſen, was ſie verſprochen hatte, und ſah ſie ſich, wie die Medicenee ſagen wollte, in die Nothwen - digkeit verſetzt, dieſes Verſprechen zu erfuͤllen, welches aber weder Johann Jacob noch Baron Treff wiſſen mußte. Denn gewiſſe Handlungen der Liebe uͤbte ſie gern im Stillen aus.

Buſch waͤre mit ſeinen Buͤchern beinahe den guten Lehren der Fanchon und andrer liebenswuͤr - diger Weltleute in die Quere gekommen. Er er - bot ſich, Suschen mit Buͤchern zu verſehn und uͤber - brachte ihr einen Roman, deſſen Heldinn die Sitt - ſamkeit und Sanftmuth ſelbſt war. Er ſagte ihr, daß er dieſes Buch darum zuerſt gewaͤhlt haͤtte, weil die Schilderung der Perſon dieſer Heldinn ihnan288an ſie erinnert habe, indem ſie gleiche Annehmlich - keiten haͤtte. Suschen nahm dies als vollen Ernſt an, ſie fand es im Leſen ſelbſt, verſaͤumte vor lau - ter Eifer, ſich die Geſchichte der geſchilderten Schoͤ - nen bekannt zu machen, einmahl das Soupé spi - rituel, und ließ ſich durch eine Unpaͤßlichkeit ent - ſchuldigen, um nur waͤhrend der Zeit leſen zu koͤn - nen. Jede Romanheldinn hat einen Liebhaber, dem ſie wohl will, alſo auch dieſe, ſie glaubte Buſch habe die Abſicht, bei ihr die Stelle einzunehmen, und da er das Gluͤck hatte, ihr zu gefallen, ſo beſchloß ſie, ihn, da beſonders Baron Treff naͤch - ſtens ins Bad gehen wuͤrde, zu erhoͤren. Auch der Sanftmuth und Zuruͤckhaltung der Heldinn des Romans beſchloß ſie nachzuahmen, welches ihr in dieſem Augenblick eben ſo leicht vorkam als ein Kleid nach neuer Mode anzulegen, weil man das ja auch nicht an den Leib feſt naͤhen laͤßt, und alſo es wieder ablegen kann. Die empfindſamen Schriften, wie ſie einige Zeit nachher entſtanden, waren da noch nicht erſchienen, ſonſt wuͤrde Buſch nicht ermangelt haben, Suschen auch Buͤcher dieſer Art mitzutheilen, und ſie haͤtte denn gewiß nie mehr, ohne ohnmaͤchtig zu werden, ein Huhn in ihrer Kuͤche koͤnnen ſchlachten ſehn oder waͤre gar einer Raupe im zaͤrtlichen Gefuͤhl der natuͤr -lichen289lichen Rechte ausgewichen, um ſie nicht todt zu treten. Dabei haͤtte Buſch nun freilich fuͤr ſeine Abſicht immer wenig gewonnen, denn dieſe leiſe Empfindung durfte ſich darum nicht auf die Men - ſchen, welche mit ihr leben mußten, erſtrecken, ſie konnte dieſen das Leben ſo ſchwer machen, als es ihr gut duͤnkte, ſie quaͤlen, ſie nicht der gering - ſten Schonung werth halten, und doch bei der zaͤrtlichen Theilnahme beim Leben des Wurms ein frommes empfindſames Geſchoͤpf ſcheinen.

Jn Ermangelung ſolcher Schriften nun that dieſer und andre Romane das nemliche. Madam Schnitzer war, beſonders weil die Sache den Reiz der Neuheit hatte, uͤberaus ſanftmuͤthig, ſprach in einem ganz leiſen Ton, uͤbte ſich vor dem Spie - gel in ſanften Mienen, war beſonders gegen ihren Mann ſehr liebreich und ſetzte das, was ſie wollte, jetzt mit Bitten durch, welches den weichherzigen Johann Jacob, da er eine ſolche Sprache nicht gewohnt war, ſo ſehr ruͤhrte, daß er den Mond fuͤr ſie wuͤrde herunter zu holen verſucht haben, wenn ſie es verlangt haͤtte. Die Romanheldinn ſtand unter einem harten Vormund, der ſie zu einer Heirath mit einem verhaßten Gegenſtand zwingen wollte und ihr unfreundlich begegnete, woge - gen ſie ſehr gelaſſen war und alles mit LangmuthTlitt.290litt. Sie wandte, ſo weit ſie konnte, dies auf ſich an; Schnitzer war ihr auf gewiſſe Art der harte Vormund und Felß der verhaßte Mann, um deſ - ſentwillen ſie doch auch ihrer Meinung nach lei - den mußte; alſo beſchloß ſie, gleich jener Dulderinn, es ſtillſchweigend zu ertragen, wenn ſie hoͤren wuͤr - de, daß Johann Jacob ihres Verbots ohnerachtet ihn beſucht haͤtte, ja ſie wuͤnſchte nichts ſo ſehr als eine ſolche Nachricht, um ihrer Geduld eine Uebung zu geben.

Was die Sittſamkeit betraf, ſo begann ſie dieſe auch nachzuaͤffen, ſie war nicht nur beim Soupé spirituel weit ernſthafter als ſonſt, ſon - dern entzog ihm ihre Gegenwart immer mehr und haͤtte es gaͤnzlich aufgehoben, wenn es nicht ſo viel eingetragen haͤtte. Dies alles war, wie ge - ſagt, nur ein neues Gewand, welches ihr eigent - lich ſehr unbequem war, aber ſie wollte es doch ſo lange tragen, bis Buſch ſie fuͤr den Zwang hinlaͤnglich belohnt haͤtte. Sie glaubte, er wuͤn - ſche es, um den Roman gehoͤrig mit ihr zu ſpie - len, und werde ihr entweder, wenn alles einge - richtet waͤre, erlauben, die angenommene Rolle abzulegen, oder ſie koͤnnte, wenn ſie die angenehme Veraͤnderung, die ihr eine Liebſchaft mit Buſchen verurſachte, genoſſen, doch wohl zu ihren vorherge -291gehabten Abſichten zuruͤckkehren, wo ſie denn in Gottes Namen ihr altes Betragen wieder anneh - men koͤnnte, und haͤtte denn doch ſo viel gelernt, daß ſie, wo es noͤthig war, die feine und ſanfte vollkommen darſtellen koͤnnte.

Buſch beſuchte ſie oft, fand ſie immer leut - ſeliger und gefaͤlliger gegen ihren Mann und freute ſich ſchon des guten Fortgangs ſeines Unterneh - mens. Er ahndete aus dem ſchmelzenden Ton, den ſie bei ihren gebeſſerten Betragen, ausſchlie - ßend mit ihm annahm, daß er ihre Eroberung ge - macht haͤtte, auch ſchien es ihm wahrſcheinlich, ſie koͤnne ihn fuͤr verliebt in ſich halten; doch dies benahm ihm die Luſt nicht, ſein Bekehrungswerk fortzuſetzen, er hofte dabei wahren Spaß zu haben und glaubte, wenn er ihn uͤberdruͤßig waͤre, ſelbi - gen leicht abbrechen zu koͤnnen. Jndeſſen fuhr er fort, Madam mit Buͤchern zu verſehn, ſie in der großen Meinung, die ſie von ſich hatte, zu beſtaͤr - ken, und lobte ſie beſonders uͤber die gute lieb - reiche Ehe, die ſie mit ihrem Manne fuͤhrte, wo - durch denn dieſer auf einige Zeit zum Genuß ei - nes wahren Himmellebens gelangte, ſich jetzt erſt Gluͤck wuͤnſchte, ſein engliſches Suschen geheira - thet zu haben und Buſchen ſeine Erkenntlichkeit nicht genug beweiſen konnte, daß er ihr GeſchmackT 2am292am Leſen beigebracht hatte. Er ſah mit nicht mindrer Freude, daß ſie ſich von dem Zirkel, wenn er ſich verſammelte, zuruͤckhielt, und hofte Buſch werde ſie nach und nach bereden, dieſe Geſellſchaft ganz abzuſchaffen, wo es denn auch eben ſo leicht dahin zu bringen ſein werde, daß nicht mehr Bank in ſeinem Hauſe gehalten wuͤrde. Alſo ſah er ſei - nem ehemaligen, ruhigen und ehrſamen Zuſtand mit voller Hofnung entgegen, entſchuldigte ſchon alles, was bisher vorgefallen war, mit ſeines Sus - chens lebhafter und unuͤberlegter Jugend, und konn - te ſich, wie er meinte, doppelt Gluͤck wuͤnſchen, wenn er an Suschen eine ſanfte und geſetzte, zu - gleich auch eine junge und huͤbſche Frau haͤtte. Buſch verſprach ihm mehr als einmal, dieſe Hof - nungen ſolten nicht truͤgen, und machte den Plan, mit Abſchaffung der ihm mißfaͤlligen Geſellſchaften zu beginnen, wenn die Spieler abgereiſt ſein wuͤr - den. Unterdeſſen nahte ſich Suschens Nieder - kunft, nach der man ſie auch von der Fanchon, die ſie jetzt nicht entbehren zu koͤnnen glaubte, zu - ruͤckbringen koͤnnte.

Mamſel Fanchon wußte nicht recht eigentlich, was ſie aus Buſchen machen ſollte, war er wuͤrk - licher und aufrichtiger Liebhaber der Schnitzerinn, ſo zeigte es freilich nicht von den beſten Geſchmackeines293eines Mannes, der doch weder zu ſpielen noch beim Soupé spirituel mit zu jubeln geſonnen war. Das letzte hatte er, wie ihr Suschen erzaͤhlte, auf ihre Frage, ob er nicht einmal von der Geſellſchaft ſein wollte, ausgeſchlagen. Mit ihr, der Fanchon, benahm er ſich, wenn ſie ihm in den Weg kam, meiſt ernſthaft, Suschen hingegen begegnete er wirklich artig und freundſchaftlich. Dieſe betrug ſich ſo verſchieden gegen vorhin, ſie kam nur wenig in den Zirkel, und hatte ſogar gemeint, die Sache begoͤnne ihr zuwider zu werden, wenigſtens werde ſie nicht mehr oft gegenwaͤrtig ſein, welches der Fanchon gleichguͤltig geweſen waͤr, wenn nicht nach dieſem Anfang eine gaͤnzliche Reform zu befuͤrchten geweſen waͤre. Dies aber konnte ſie wenigſtens nicht ſo gelaſſen mit anſehn, ſie beſchloß entweder Buſchen mit in ihren Bund zu ziehn, oder ihn aus dem Hauſe zu verbannen, ſo bald ſich nur ein Zwieſpalt zuwege bringen ließ. Lange fand ſie hierzu keinen Weg, denn wollte ſie Schnitzern ei - ferſuͤchtig auf Buſchen machen, ſo fiel ihr ein, daß ſich ſeine Frau daran nicht kehren und Johann Ja - cob nicht das Herz haben wuͤrde, ihn mit Ernſt zur Rede zu ſetzen; dachte ſie daran den Baron Treff aufzubringen, ſo uͤberlegte ſie wieder, daß es dieſem gleichguͤltig waͤr, ob die Schnitzern einenT 3an -294andern Liebhaber Gehoͤr gaͤbe, oder nicht, weil ſei - ne Treu und Zaͤrtlichkeit nicht ſo groß waͤre, daß er Gegentreue verlangte. Das einzige was ihr bei der Sache wirkſam ſchien, war, Suschen auf ihren Liebhaber ſelbſt aufzubringen, und dieſes Werk be - ſchloß ſie unverzuͤglich anzufangen, nur daß es ihr, da Madam Schnitzer taͤglich verliebter ward, we - nig half, da ſich die letzte auch ſo feurig geliebt glaubte, daß ſie die Fanchon nur auslachte, wenn dieſe ihr ſagte, er habe andere Liebſchaften. Sie warf es zwar Albrechten auf eine ſanfte Art vor, wenn aber dieſer verſicherte, daß er keine Geliebte haͤtte, welches da, als er es ſagte, noch der Fall war, wenn er, um ihr Vertrauen immer mehr zu gewinnen, verſicherte, er wuͤrde mehr als ihr Freund ſein, wenn er nicht zu ſehr Schnitzers Freund waͤre und ihre eheliche Treue nicht ehren muͤßte; ſo hielt ſie alles fuͤr Verleumdung, wozu der Neid die Fanchon verleitete, und glaubte, ſeine Liebe zu ihr werde der Freundſchaft zu Schnitzern wohl noch weichen, ſo wie er ihre eheliche Treue auch beſtuͤr - men wuͤrde, nur wollte er in ihren jetzigen Umſtaͤn - den noch nicht Ernſt machen.

Albrecht glaubte, da er ſchon ſo viel Gutes fuͤr Schnitzern bewirkt hatte, ſich nun auch eini - gen Spaß mit Frau Suschen erlauben zu duͤrfen;der295der Treuloſe war ganz undankbar gegen ihre Liebe, er wollte Schnitzern dienen und ſie, wie er ſich ausdruͤckte, zahm machen. Jmmer und lange war es ihm nicht moͤglich, die uͤbernommene Rolle fortzuſetzen, aber Suschen hatte recht gerathen, daß ſie glaubte, er wolle nur warten, bis ſie voͤllig wieder geſund waͤre, ehe er ſeine Abſichten mit ihr ganz zeigte, er wollte ſie wirklich in dieſer Ver - faſſung ſchonen, dann aber zu allerlei Demuͤthi - gungen fuͤr ſie ernſtliche Anſtalten machen, wozu er ſchon ſo manch huͤbſches Plaͤnchen ausſtudiert hatte.

Es trat aber ein Umſtand ein, welcher es ihm ohnmoͤglich machte, noch lange Zeit mit der Frau Gaſt wirthinn zu verlieren, er uͤberlegte in der Ge - ſchwindigkeit, daß es ihr oder Schnitzers zukuͤnfti - gen Erben nicht ſchaden koͤnnte, wenn die Dame hin und wieder ein wenig geſchraubt, gedemuͤthigt und geaͤrgert wuͤrde und wollte ſchon zu Ausfuͤhrung eines ſeiner Entwuͤrfe, welcher die Lieutenants Tochter, wie ohne ſein Zuthun, als ein gemeines Soldatenmaͤdchen, darſtellen ſollte, ſchreiten, als ſich ihm etwas noͤthigeres anbot. Die Entdeckung von Suschens Herkommen, welche ſie zu unter - druͤcken gewußt hatte, blieb alſo verſchoben, und wird, weil greuliche Ungewitter von einer, undT 4ander -296anderweite Beſchaͤftigungen von der andern Seite drein kamen, erſt im zweiten Theil vorkommen.

Meine Leſer werden ſich erinnern, daß ich geſagt habe, wie die preißlichen Reden, welche Suschen von Felßen umherſtreute, in Umlauf kamen; und daß ſie in kurzer Zeit an Menge und Gehalt an - ſehnlich gewonnen hatten, werden ſie leicht glau - ben. Felß begegnete verſchiedenemal, wenn er, um ſich Bewegung zu machen, in’s Freie gieng, den Bekannten, mit welchen er, da er in der Stadt ankam, in einigem Umgang war und glaub - te, ſie als Bekannte gruͤſſen zu muͤſſen, ob er gleich ein ſo trotziger Mann war, daß er bei ih - rem jetzigen Betragen nicht einmal ihre Einladun - gen angenommen haͤtte. Sie erwiederten ſeine Begruͤſſungen nicht allein kalt, ſondern mit einer Art Geringſchaͤtzung, und ohne ihn anzuſehn. Felß meinte dieſes Betragen blos der Behand - lungsart zurechnen zu muͤſſen, die man nun ein fuͤr allemal einem vom Gluͤck verlaſſenen Menſchen zuerkannt hat, und erroͤthete nicht fuͤr ſich, ſon - dern fuͤr dieſe ſeine Bekannten.

Schoͤn! wie ſo ſchoͤn, Herr Celeſtin! Jſt es nicht entſetzlicher Grad von Einfalt, wenn man ſich im Namen andrer ſchaͤmt, daß ſie ihre Pflichtgegen297gegen uns nicht erkennen? Jch wuͤrde an Felßens Statt weidlich losgezogen ſein und uͤberall auf die - ſe Leute geſchimpft haben, denn das hatten ſie ver - dient; er aber erroͤthete fuͤr ſie, vergaß es den Augenblick und ſchwieg. Und nun hoͤren Sie weiter.

Er vermied jetzt die Geſellſchaften, beſuchte aber zuweilen Schauſpiele und Concerte, wo er ſich weder verſteckte, noch vordraͤngte. Nachdem nun die Erfindungen der Madam Schnitzerinn in die Luft geſtiegen waren, ſtarrte ihn jedes weiblich Auge an und jeder maͤnnliche Fuß bewegte ſich, um, wenn Felß ſich nahete, ein Paar Schritte weiter abzutreten; nebſt dem war des Gefluͤſters kein En - de. Etliche Mannsperſonen, welchen wirklich in der Stille anſehnliche Trachten waren aufgezaͤhlt worden, andere, welche ihren Hauswirth ſeit fuͤnf Jahren nicht bezahlt hatten, und noch andere, die erſt ſeit einiger Zeit in der Stadt waren, weil ſie einer ungeheuern Schuldenlaſt, die ſie nicht tilgen konnten, noch wollten, entfliehen mußten, moch - ten jetzt um alles in der Welt nicht neben dem Mann ſtehn oder ſitzen, von dem erzaͤhlt wurde, Baron Treff habe ihn gepruͤgelt, und er waͤre bei Schnitzers ausgezogen, ohne zu bezahlen.

Den298

Den Damen war es noch am meiſten zu ver - geben, daß ſie Felßen verachteten, er war noch in ſeinen beſten Jahren und allerdings ein huͤbſcher Mann, es war alſo eine Niedertraͤchtigkeit, ſich mit einer Hausmagd abzugeben und ſich nicht, wenn man dem Gott der Liebe opfern wollte, an vornehmere Frauenzimmer zu wenden. Hieraus ſah man klar, daß Felß ein ſchlechter Mann war. Ein ganz anderes waͤre es, meinten ſie, mit Leu - ten beiderlei Geſchlechts, von denen jeder wuͤßte, wer ſie waͤren; wenn ſolche einmal zur Veraͤnde - rung einen huͤbſchen Gegenſtand aus der untern Klaſſe beguͤnſtigten, ſo benaͤhme dies ihrem ſchon bekannten Anſehn nichts; ein Menſch aber der fremd an einem Ort waͤr, muͤßte ſich, um ein Anſehn zu gewinnen, an eine Dame von Ge - ſchmack wenden. Eben ſo wenig konnten ſie Fel - ßen verzeihn, daß er Schnitzern auf ſeine Frau auf - gebracht und ihm heimlich Geld abgenommen hat - te, ſie haͤtten’s ihm allenfalls eher verziehn, wenn es der umgekehrte Fall geweſen waͤre, denn eine Frau auf ſeine Seite zu ziehn und ihren Mann mit ihr zu hintergehen, je nun ſo eine Schwachheit lief, wie viele von ihnen aus eigner Erfahrung wußten, bei manchem artigen Herrn mit un - ter.

Mit299

Mit einem Worte, die Mannsperſonen ver - mieden Felßen, weil ſie zeigen wollten, daß ſie keine Leute ſeiner Art waͤren und die Damen, weil er nicht auf eine ſchicklichere Art laſterhaft (dieſes Ausdrucks bediente ich mich, um Celeſtin einmal nach dem Munde zu ſprechen) war, auch waren ſie ihm wegen des vermeinten entehrenden Auf - tritts mit B. Treff abgeneigt, denn faſt jedes weibliche Geſchoͤpf verachtet den Mann, der eine freche Beleidigung von einem andern Manne ru - hig einſteckt, um welche brave Geſinnung mancher unter uns Maͤnnern dieſes Geſchlecht beneiden ſollte. Es war alſo nirgend Gnade fuͤr ihn.

Er bemerkte dieſe außerordentlich geringſchaͤ - tzende Begegnung nicht, ohne ſich gekraͤnkt zu fuͤh - len; Suschen haͤtte ſich kindiſch gefreuet, wenn ſie gewußt haͤtte, was dabei in ſeinem Jnnern vorgieng! So wenig ſich der Stolze (wie er oft ge - ſagt haben ſoll) um die zuvorkommende Freund - ſchaft und Achtung derer bekuͤmmerte, die, nur den Wohlſtand an Menſchen ſchaͤtzen, ſo war ihm doch das auffallende, herabwuͤrdigende Betragen einer ganzen Geſellſchaft aͤußerſt kraͤnkend, er wuß - te nicht, wohin er es rechnen ſollte und war ziemlich geneigt, es fuͤr Wuͤrkung ſeiner Fein - de, die ſeinen Aufenthalt entdeckt haͤttenund300und ihn mit ihren Verleumdungen auch an dieſen Ort folgten, zu halten. Jn dieſem Wahn verzieh er dem ſeines Erachtens getaͤuſchten Publikum und ſtudierte auf neue Standhaftigkeit, auch dieſes Uebel zu ertragen Gut, Herr Celeſtin, bewun - dern Sie Felßens wahre und nicht Scheinphiloſo - phie ein andermal, und hoͤren Sie was weiter paſ - ſirte.

Felß konnte es, ſo ſehr er ſich zu uͤberwin - den bemuͤht war, doch nicht uͤber ſich gewinnen, uͤber einen ſehr moͤglichen Nachtheil, den dieſer neue Unſtern mitbringen werde, ruhig wegzuſehn. Er glaubte nemlich, daß, wenn ſein Verleger, der auf Ehre hielt und ſehr behutſam war, eben ſo gegen ihn eingenommen wuͤrde, er wohl gar nichts mehr mit ſeinen Schriften zu thun haben wollte, in - dem er ihn fuͤr einen verdaͤchtigen Menſchen halten koͤnnte, der ihm naͤchſtens irgend einen Streich ſpielen moͤchte; aber (freue ſich jeder meiner Leſer, der Felßens Freund iſt) eben dieſer ſein Verleger, Albrecht Buſch, rettete ſeinen Ruf!

Buſch befand ſich eben in einem Concert, wo auch Felß zugegen war, und bemerkte das Betra - gen der Geſellſchaft gegen den letzten mit dem groͤßten Mißfallen. Sein Herz war ſo voll davon, daß er mit einem Bekannten von der Sache ſprach,dieſer301dieſer ſagte ihm, daß er ja wuͤßte, wie man es machte, wenn Menſchen in uͤbeln Ruf waͤren. Albrecht wollte weiter wiſſen und erfuhr jetzt das ganze Gewaͤſch. Es traten mehrere dazu, nichts blieb ihm jetzt mehr verborgen und er verwunderte ſich nicht wenig, von dem allen noch nichts gehoͤrt zu haben. Doch indem er uͤberlegte, daß er mit ſeiner Einrichtung und mit ſeinen launigten Strei - chen zu viel beſchaͤftigt geweſen, daß man ver - muthlich auch Bedenken getragen haͤtte, ihm als Felßens erklaͤrten Freund Boͤſes von ihm zu ſagen, fand er ſeine Unwiſſenheit in der Sache natuͤr - lich.

Keinem war beſſer als ihm bekannt, daß an allem, was man ſagte, kein Jota Wahrheit ſein konnte. Er wußte, wie ſehr Schnitzer Felßen liebte und verehrte, er wußte, daß er nicht einen Gro - ſchen im Gaſthofe ſchuldig geblieben war, Schni - tzer hatte ihn vielmehr von den Bedenklichkeiten, wovon ich ſchon geſprochen, unterhalten. Auch wußte er durch dieſen den ganzen Zuſammenhang des Strelts mit dem Baron Treff. Zwar hatten einige von denen, die zugegen waren, Felßens Bil - let an dieſen, welches auf der Straße verlohren gegangen war, geleſen, allein dies hinderte nicht, daß man die Pruͤgelgeſchichte dennoch glaubte, manließ302ließ ſie nach dem Briefwechſel vorgefallen ſein, und Treff haͤtte, als man ihn an verſchiedenen Orten um die Sache gefragt, laͤchelnd und in einem zwei - deutigen Tone geantwortet, welches man fuͤr die vollkommenſte Beſtaͤtigung hielt.

Albrecht erſtaunte und ergrimmte, er begriff zugleich, daß Frau Suschen die Geſchichte auf ſeinen Freund erſonnen und ausgeſprengt hatte. Zwar war ſie ſeit ihrem Anfall von Sanftmuth Felßens Feindinn nicht mehr ſo ſehr, wenigſtens nicht oͤffentlich, ſie hatte ſobald ſie bei naͤherer Be - kanntſchaft mit Albrechten erfuhr, daß auch er große Stuͤcke auf ihn hielt, ihrem Mann nicht uneben zu verſtehen gegeben, er koͤnnte Felßen wie - der beſuchen, (welches dieſer auch gethan;) ſon - dern ſo gar ſprach ſie mit Albrechten einigemal Gutes von Felßen. Allein Albrecht wußte durch Schnitzers ehemahlige Bekenntniſſe, wie ſehr ſie des erſten Feindinn geweſen war, er kannte ſie aus vielen von ihr vorgefallenen Beſchreibungen und glaubte nicht zu irren, wenn er alles, was man nachtheiliges von ſeinem Freund Felß erzaͤhlte, fuͤr ihr Machwerk hielt. Daß man Felßen ganz Unrecht thaͤte, erfuhren ſogleich alle, die jetzt mit ihm von dieſen Geſchichten ſprachen und nur ſprechen woll - ten, er verneinte die uͤbeln Sagen mit dem groͤß -ten303ten Eifer, indem er von allen das wahre und ei - gentliche erzaͤhlte; es fanden ſich immer mehr Zu - hoͤrer, einige der letzten wußten ihm uͤber ſeine Ahndung Gewißheit zu geben, indem ſie ſo gar die Haͤuſer nannten, wohin Suschen ihre Nachrichten getragen hatte.

Es war Albrechten nicht ſo gleich moͤglich, in der Sache zu handeln, er mußte erſt kuͤhl werden, weshalb er das ſehnlich harrende Suschen dieſen Abend eben ſo wenig beſuchen konnte, als einen andern Gegenſtand, der ſeit kurzen ſeine Gedan - ken auf eine angenehmere Art beſchaͤftigte. Er ſtu - dierte einen Theil des Abends auf die Art, mit Ma - dam Schnitzer zu Werke zu gehen, um ſie zu be - ſtrafen und Felßens Ehre wegen der Finten, das ſchuldig bleiben, das heimlich Geld nehmen von Schnitzern ꝛc. betreffend, zugleich zu retten. Be - vor dies geſchehn war, wollte er dieſen von nichts unterrichten, dann aber hielt er es fuͤr noͤthig, daß der Beleidigte mit dem Baron Treff ſelbſt ein paar ernſthafte Worte ſprechen moͤchte.

Nachdem er alles uͤberlegt hatte, eilte er noch ſpaͤt zu ſeinem Freund, dem Poſtſecretair, welcher um eine andere Bedienung anzutreten in zwei Ta - gen abreiſen ſolte. Dieſen hatte er zu ſeinem Vor - haben noͤthig und nun nahm er die gehoͤrige Abre -de304de mit ihm, nach welcher der Poſtſecretair (den die gute Schnitzerinn nicht kannte, weshalb ſie wohl ſo boshafter Weiſe angefuͤhrt werden konnte) am andern Morgen geſtiefelt und geſpornt bei ihm ein - traf. Albrecht wollte anfangs mit ihm in den Gaſt - hof gehn, weil er aber doch das Aufſehn vermei - den und den ehrlichen Johann Jacob nicht mit er - ſchrecken wollte, aͤnderte er ſeinen Entſchluß und hatte ſchon vor ſeines Freundes Ankunft ein Billet an Frau Suschen abgeſchickt, mit dem Beſcheide es in ihre eignen Haͤnde zu geben. Jn dieſem Billet ſchrieb er ihr daß ein Freund vom Hofe angekommen ſei, und ſie in wichtigen und zwar verdruͤßlichen Angelegenheiten ſprechen muͤßte: Zum groͤßten Gluͤck ſei er, als ein Bekannter und Freund bei ihm zuerſt angeſprochen und habe ihm die Sache eroͤffnet, worauf er ihn um Verguͤnſtigung gebeten, ſie zu benachrichtigen, damit ſie zu ihm (Albrech - ten) kommen moͤchte, und das Aufſehn ſo wohl bei ihrem Mann, als den Leuten im Gaſthof vermie - den wuͤrde; auch haͤtteier ſeinen Freund um Scho - nung und Hoͤflichkeit fuͤr ſie gebeten, welches er ihm, in Anſehung ihrer ihm bekannt gemachten Umſtaͤnde, verſprochen haͤtte. Alſo baͤte er ſie, ja unverzuͤglich zu kommen, aber ohne dort zu ſagen, wo ſie hingaͤnge, damit dadurch die Sache augen -blick -305blicklich zu beendigen waͤre, und ſtehe er ihr bei ſeiner Freundſchaft fuͤr jede Unannehmlichkeit, die er aber nicht verhuͤten koͤnnte, wenn ſie ſich nicht einſtellte.

Madam Schnitzer erſchrak zwar, bei Durchle - ſung dieſes Billets, ein wenig, doch Albrecht hat - te die Ausdruͤcke gemaͤßigt und ſie verließ ſich auf ſeine aufs neue verſicherte Freundſchaft. Sie konn - te gar nicht begreifen, was ein Abgeſchickter bei Hofe gefaͤhrliches fuͤr ſie bringen koͤnnte und bil - dete ſich endlich gar ein, daß alles eine Erfindung ſei, womit ſie Buſch, der nicht laͤnger, ohne ihr ſeine heiße Liebe zu bekennen, leben koͤnnte, in ſein Logis locken wollte, weil er ſich da ungehin - derter erklaͤren koͤnnte. Da ſie dies recht gefaßt hatte, verzieh ſie der Liebe dieſe Finte und hielt es um ſo nothwendiger ſtillſchweigend auszugehn.

Der Poſtſecretair nahm, als ſie ins Zimmer trat, eine ſtrenge Miene an, und jetzt erſt ſchien ihr die Sache wahr und wichtig, ſie wuͤrde einmal im Ernſt ohnmaͤchtig geworden ſein, wenn ſie ſich auf eine begangene Miſſethat beſonnen und ſich uͤbrigens nicht, wegen dem, was der Fremde vor - zutragen haben koͤnnte, auf Buſchens Beiſtand verlaſſen haͤtte; in dieſer Hofnung aber blieb ſie ziemlich ſtandhaft.

UJſt306

Jſt das die Frau? ſagte der Poſtſecretair.

Ja, verſetzte Albrecht, das iſt Madam Schni - tzerinn.

Der Poſtſecretair
(mit rauher Stimme.)

Sie iſt alſo die Gaſtwirthinn, welche ſich unter - fangen hat, einen vornehmen Herrn, der ſich un - ter dem Namen Felß auf gewiſſe Zeit hier aufzu - halten fuͤr gut findet, ſo grob zu behandeln und ihn allenthalben faͤlſchlich zu verleumden.

Suschen
(mit bebender Stimme.)

Verzeihn Sie guͤtigſt, mein Herr, ich bin dem Herrn Felß nicht mit einem Worte zu nahe gekommen.

Der Poſtſecretair.

Aber belogen hat Sie ihn. Sie hat geſagt nun las er ihr ihre Er - findungen Punkt fuͤr Punkt vor, und ſagte dann: Warum hat Sie ſich zu ſolcher Bosheit vermeſ - ſen?

Suschen wollte das alles nicht geſagt haben. Der Poſtſeeretair drohte Zeugen gegen ſie aufzu - ſtellen, da er von Hofe, wohin das alles berichtet worden waͤr, Ordre haͤtte, ſie arretiren und gericht - lich verhoͤren zu laſſen. Suschen ſchwankte, Al - brecht bat den Poſtſecretair mit verſtelltem Mitlei - den, ſich ſeines ihm gethanen Verſprechens zu er - innern, und auf die Umſtaͤnde der Madam Schni - tzerinn Ruͤckſicht zu nehmen. Jch kann Jhnenver -307verſichern, Herr Geheimderath, ſagte er, daß Madam Schnitzerinn ſonſt eine artige brave Frau iſt und ſollte ſie auch zum Scherz, denn ſie iſt manchmal leichtfertig, alles was ihre Feinde an Jhro Kaiſerliche Majeſtaͤt zu bringen gewußt, et - lichen Leuten aufgeheftet haben, ſo iſt es doch kei - nesweges aus Bosheit geſchehn, auch wuͤrde ſie ſich ſolches nicht unterſtanden haben, wenn ſie von dem verborgenen hohen Range des Herrn Felß nur das geringſte geahndet haͤtte. Alſo bitt ich Sie nochmals, die Sache niederzuſchlagen und Jh - rer Majeſtaͤt zu berichten, daß es falſche Anklage auf die gute Frau ſei.

Suschen wollte dieſe Bitte unterſtuͤtzen, ſie gieng (ſo hatte man die liebe Seele in Angſt ge - ſetzt) ſo weit, dem vermeinten Geheimderath die Hand zu kuͤſſen, welches er großmuͤthig geſchehen ließ, ſich aber mit ſtrenger Miene an Buſchen wandte und ihm ſeine Verwunderung bezeugte, daß er ihm zumuthen koͤnnte, gegen ſeine Pflicht zu handeln und der hoͤchſten Perſon des Kaiſers, wel - cher durchaus von allem weitern ſelbſt Nachricht verlangte, einen falſchen Bericht zu machen? Auch gienge das gar nicht an, denn der Kaiſer ſei zu ge - nau unterrichtet. Jndeſſen fuhr er fort, will ich um Jhrer Fuͤrbitte willen die Sache moderiren U 2Setze308Setze ſie ſich Frau! ſchreibe Sie was ich Jhr ſagen werde! Suschen beſann ſich ja, ſagte der Poſt - ſecretair, wenn ſie ſich befinnt, dann muß ich nach den Gerichten ſchicken. Albrecht redete ihr zu, indem er gewiß wiſſe, daß der Herr Geheimderath auf die ſchonendſte Weiſe mit ihr verfahren wuͤr - den, ſie entſchloß ſich alſo zu ſchreiben, welches ſie von da an, wo ſie ſich vornahm, Frau Schni - tzerinn zu werden, ziemlich fertig gelernt hatte.

Der Poſtſecretair verlangte nun erſt eine foͤrmliche Quittung, daß Felß von der Zeit ſeiner Ankunft im Gaſthofe, bis er die Wohnung aͤnder - te, alles richtig bezahlt haͤtte, zweitens ſchrieb er ihr folgendes Bekenntniß vor, welches ſie ihrer Vorſtellungen ohngeachtet nachſchreiben mußte, weil der verſtellte Geheimderath ihr verſicherte, daß dies der einzige Ausweg ſei, wobei er dennoch alle moͤg - liche Vorſtellungen und Vorbitten wuͤrde anwen - den muͤſſen, damit es dabei bliebe.

Jch Endes unterſchriebene bekenne hiermit, daß ich denjenigen Herrn, welcher ſich, wie ich vernommen, wichtiger Urſachen wegen unter dem Namen Felß hier aufhaͤlt, die mir von Seiner Hoch - wohlgebohrnen, dem Herrn Geheimderath von Har - tenholz vorgeleſene Punkte zwar nachgeſagt, aber die - ſes blos aus Scherz gethan habe, indem kein Wortwahr309wahr iſt, Herr Felß ſich vielmehr, ſo lange er in unſerm Gaſthof logierte, als ein edler und ſtreng eingezogener Mann verhalten hat ꝛc.

Der Geheimderath von Hartenholz wollte ſich jetzt nicht von Albrechten erbitten laſſen, eine Mi - nute laͤnger zu verziehn, indem er nur anſpannen und heute noch einige Stationes zuruͤcklegen wollte, um aus Gefaͤlligkeit fuͤr ihn, den Kaiſer ſogleich zu beſaͤnftigen, damit er nicht etwa neuen Klagen gegen die Frau Wirthinn Gehoͤr geben moͤchte.

Suschen begann, da er weg war, bitterlich zu weinen, Buſch troͤſtete ſie aber, ſo gut er konn - te und beruhigte ſie nicht wenig durch ſeine Auf - merkſamkeit, da er ihr eine ſchon vorher beſorgte Medizin reichte und ihr das verlangte Verſprechen, den Vorfall fuͤr jeden, auch fuͤr Schnitzern geheim zu halten, gern leiſtete, hingegen rieth er ihr bei denen, wo ſie aus Scherz oder Uebereilung das Ueb - le von Felßen geſprochen, die Sprache zu aͤndern, indem ſie ja nur ſagen duͤrfte ſie ſei im Jrrthum geweſen, jetzt aber anders unterrichtet. Nach die - ſem treulichen und theilnehmenden Betragen trieb er die Gefaͤlligkeit ſo weit, daß er eine Portchaiſe holen und ſie nach Hauſe tragen ließ.

Sie wog unterwegens Albrechts Freundſchafts - und Achtungs - Proben, wovon dies die ſtaͤrkſte war,U 3daß310daß er ſie von oͤffentlicher Beſchaͤmung errettet hat - te, gegen die ſtrenge und veraͤchtliche Behandlung des Geheimderaths ab, und wenn die letzte ihren Stolz demuͤthigte, ſo ſchien ihr die erſte in An - ſehung der erhaltenen Beweiſe von Albrechts Treue und Ergebenheit, voͤlliger Erſatz. Demohnerachtet fuͤhlte ſie ſich ſehr gekraͤnkt und beſchaͤmt, ſo ver - aͤchtlich in den Augen ihres eingebildeten Liebha - bers behandelt, und fuͤr ihn, der ſie fuͤr eine ſen - timentaliſche Dame halten ſollte als Verleumderinn aufgeſtellt worden zu ſein; doch ſie wußte ſich zu faſſen. Was das letzte betraf, ſo hatte Buſch ſelbſt alles fuͤr bloſen Scherz erklaͤrt und wegen des un - anſtaͤndigen Betragens des Fremden, ſo konnte ein Kaiſerlicher Geheimderath, der noch dazu als Richter erſchien, freilich nicht Complimente ma - chen, und man wuͤrde aus den uͤbeln Nachreden von Felßen nicht das Aufſehn, ja vermuthlich gar nichts machen, wenn er nicht ein großer Herr (oh - ne Zweifel ein Fuͤrſt) waͤr. Jn dieſer letzten Ein - bildung begann ſie ſtolz darauf zu werden, daß ihr Mann Umgang mit ihm hielt, verzieh ihm alles, und nahm ſich, um auch ja nicht wieder in An - ſpruch genommen zu werden, vor, nach Albrechts Rath zu handeln, alſo die Sprache zu aͤndern und nicht nur mit großer Ehrfurcht von Felßen zu ſpre -chen311chen, ſondern es allen Leuten im Vertraun zu ſte - cken, der ſogenannte Herr Felß ſei ein großer Fuͤrſt, welcher ſich in verborgenen Abſichten hier aufhielte, die er nebſt ſeinem Stand nur ihrem Mann geoffen - bart und woruͤber dieſer auch Briefe von wichti - gen Perſonen haͤtte.

Dieſem Vorhaben gemaͤß begann ſie noch den - ſelben Tag, allein es reuete ſie, wie weiter hin fol - gen wird, ſehr bald, indem ſie der Sache ruhiger nachdachte, und nach wenig Zeit erfuhr, wie grauſam Buſch mit ihr geſpielt hatte. Da hier - zu die Entdeckung eines noch groͤßern Verbrechens, welches er an ihr veruͤbte, kam, ſo ward ihr Haß auf Albrecht Buſch groͤßer als vorhin die Liebe ge - weſen war, ihre Rache ermattete nie. Auch ich mußte noch beitragen ſie befriedigen zu helfen, wel - ches ich nicht aus Theilnahme an dem, was ſie von Albrechten erlitten hatte, that, (denn mich bekuͤmmerte das wenig, vielmehr betrachtete ich dieſe Schelmereien als etwas exzellentes und uͤbte ſelbſt weit aͤrgere an meiner lieben Mutter Suschen aus), ſondern weil es meine groͤßte Freude war, ehrlichen Leuten einen Poſſen zu ſpielen.

Herr Celeſtin zuckte bei dieſer Stelle die Ach - ſeln, ich commentirte ſie aber ſogleich auf folgen - de Art.

U 4Es312

Es iſt uns Thiermenſchen hauptſaͤchlich ange - legen, den Geiſtmenſchen, die ſich einbilden, beſ - ſer als wir zu ſein, Verdruß anzurichten, damit ſie immer neuen Anlaß bekommen moͤgen, einzu - ſehn, daß ſie beſſer thaͤten, es mit uns zu halten. Sie muͤſſen das fuͤr Gutmuͤthigkeit erkennen, Herr Celeſtin, wir koͤnnen das Abſondern unſers Ne - benmenſchen gar nicht leiden und ſind bereit, wenn ſich einer von dieſen beſſer ſein wollenden zu uns geſellt, ihn in die Lehre zu nehmen und alle unſre Vortheile mitgenießen zu laſſen. Jſt denn mit unter ein kleines Ungemach zu ertragen, ſo muͤſ - ſen ſie es freilich mit ausbaden, es heißt dann gleiche Bruͤder gleiche Kappen, wir finden aber doch, wenn die Dornenſtiche uͤberſtanden ſind, wie - der Blumen, die wenigſtens fuͤr uns angenehm duften. Wenn aber die Geiſtmenſchen in ihrer Halsſtarrigkeit verharren und uns uͤber die Achſel anſehn, nun ſo muͤſſen ſie ſichs auch gefallen laſ - ſen, daß wir auf Gelegenheit bedacht ſind, ſie zu aͤrgern, und ihnen unter andern alles uͤble und ſchlechte nachreden, was wir erdenken koͤnnen. Sein Sie verſichert, daß alle Verleumdungen, jedes uͤble Geruͤcht uͤber ſolche exemplariſche Menſchen von uns ansgeht, wir lauren mit der groͤßten Auf - merkſamkeit auf ihre Schachheiten und Thor -heiten,313heiten, (denn ſie muͤſſen ſelbſt bekennen, daß auch Geiſtmenſchen mit dergleichen behaftet ſind,) um ſie wie einen Anſchrot zu gebrauchen, wovon wir ein grotesques Gewebe von allen Farben wuͤr - ken, welches wir umſonſt vertheilen.

Das glaub ich, das weiß ich leider, ſagte Celeſtin ſeufzend, und nahm ſich aufs neue vor, uͤber ſich zu wachen, damit er uns furchtbaren Leu - ten keinen Anlaß geben moͤchte.

Sobald Buſch die von Suschen ausgeſtellte Quittung, nebſt ihrem ſchriftlichen Bekenntniß von ſeinem Freund zuruͤckerhalten hatte, lief er zu allen guten Freunden, ihnen die Papiere zu zei - gen und machte einigen die Art, wie er dazu ge - kommen, bekannt. Er erreichte den Zweck, daß es auf dieſe Art herumkommen moͤchte, vollkom - men. Zwar glaubte er, um Suschens willen nicht beſondere Behutſamkeit noͤthig zu haben, weil er ſich nichts aus ihr zu machen hatte, und ſich einbildete, nach der Pflicht gegen Felßen zu han - deln, doch theils um Schnitzers willen, und theils weil er doch auch mit der Madam noch nicht bre - chen wollte, theilte er ſeine Geſchichte nebſt den Papieren immer nur einem Vertrauten mit und bat ihn, es in der Verſammlung auszubreiten, ohne ihn zu nennen.

Felß314

Felß ward von alle dem zuletzt unterrichtet. Albrecht fand ſogar fuͤr noͤthig ihm den Theil der Verhandlung mit Suschen zu verſchweigen, der das Vorgeben, als ſei die Unterſuchung vom Kai - ſer befohlen, und die Winke ſeiner verborgenen Wuͤrde enthielt, denn Felß konnte zwar auch in ſeiner jetzigen Verfaſſung zuweilen von guter Laune ſein, und haßte dann auch ſcherzhafte Einfaͤlle nicht; allein meiſt war er doch ernſthaft, am wenigſten lieb - te er das, was auf Prahlerei hinauslief, wenn be - ſonders dabei von ihm die Rede war. Da aber Al - brecht ihm die Sache nebſt dem Anlaß dazu nur obenhin mittheilte, ſo fand er ſie gut ausgedacht und dankte ſeinem Freund fuͤr die Sorge um ſei - nen Ruf, und die gute Art ihn bei dem Publi - kum wieder zu erheben, ohne ihm ſelbſt dabei eine Rolle gegeben zu haben. Jch hielt dies der Scho - nung, die Sie verdienen, gemaͤß, verſetzte Buſch, aber ganz ſind Sie doch nicht befreit, es iſt noch ein Umſtand abzumachen, wozu Sie durchaus ſelbſt hervortreten muͤſſen, ich denke aber, die Sache wird ſehr geſchwind berichtigt ſein.

Nun hinterbrachte er Felßen das Geruͤcht der empfangenen Stockſchlaͤge, und Felßen ſtieg bei dieſer Nachricht eine ſchnelle Roͤthe ins Geſicht. Er that einige Schritte, als ob er den BaronTreff315Treff ſogleich aufſuchen wollte, aber ſeine Feſtig - keit kam ſogleich zuruͤck und mit der gewoͤhnlichen Kaltbluͤtigkeit ſagte er: Daruͤber muß ich nun freilich nachdruͤcklich bei dem Herrn Baron anfra - gen, und wo halten Sie dafuͤr, daß es geſchehen koͤnne, damit es die ſchnellſte Wirkung in Anſe - hung anderer thue? Albrecht ſchlug ein haͤufig be - ſuchtes Caffeehaus vor, wo Treff taͤglich einmal und zwar immer um die Stunde, wo die Ver - ſammlung am zahlreichſten waͤre, hinzukommen pflegte.

Um 6 Uhr des nemlichen Nachmittags ſiellte ſich Buſch, um von dem bevorſtehenden Auftritte nichts zu verlieren, dort ein und bald nach ihm erſchien Felß, gruͤßte mit ſeiner unnachahmlichen Wuͤrde die Geſellſchaft, und gieng maͤßig geſchwind an den Baron Treff heran. Er war weder mit einem Degen, noch mit einem Stock, aber mit einem Blick bewaffnet, der den Baron mitten ins Herz traf, indem der Teufelsmann ſagte: Man will wiſſen, daß Sie das hieſige Publikum wollten glauben laſſen, Sie haͤtten mich wie einen Buben behandelt wennſollte dies geſchehen ſein, und bei welchem Anlaß? Jch muß auf kurze Beant - wortung dieſer Fragen dringen.

Der316

Der ſchon geruͤhmte Blick und der feſte Ton, in dem Felß ſprach, ſetzte den Freiherrn ſo außer al - ler Faſſung, daß ihm eine zuſammenhaͤngende Antwort unmoͤglich war. Jch wuͤßte nicht in der That ich weis nicht wer kann Frei - lich, fiel ihm Felß in die Rede, wer kann es denken, daß zwiſchen Jhnen und mir ſo was vorgefallen ſein koͤnnte, ich hoffe, Sie wollten das ſagen, und finde daß Sie recht haben; demnach will ich mich fuͤr falſch berichtet halten und Jhnen Zeit laſſen, ſich zu faſſen. Die letzten Worte waren von ſaty - riſchem Laͤcheln begleitet, er ließ den betroffenen Baron ſtehen und warf, indem er Taback nahm, ſeine Augen, nicht ſtolz, nicht frohlockend umher, aber ihr Ausdruck und die Miene, die ihn beglei - tete, forderte Ehrfurcht, oder richtiger geſagt, be - wirkte ſie in jedem Herzen ſo ſchnell, wie der Fun - ke der Electricitaͤt durch eine Reihe von Perſonen wirkt, indem nur einer den Hauptſtoß bekommt.

Alles war nun fuͤr Felßen gewonnen, der lan - ge nicht ſo munter geweſen war; man draͤngte ſich zu dem Billard, und jeder bemuͤhte ſich, indem er mit Albrechten ſpielte, ihm beſondre Achtung und Aufmerkſamkeit zu zeigen. Treff hielt ſich nach der kurzen Unterredung mit ihm nicht lange mehr auf, und war froh, daß ſie eben den letzten Tag vorſeiner317ſeiner Abreiſe ins Bad vorgefallen war. Er be - ſchloß uͤberhaupt auch den kuͤnftigen Winter in ei - ner andern Stadt zuzubringen und alſo Felßen lange genug Zeit zur Abreiſe zu laſſen. Unterdeſ - ſen glaubte er, werde ſich alles vergeſſen, und hoff - te zugleich, daß ſich dennoch Leute finden wuͤrden, die an dem ausgeuͤbten Heldenmuth an Felßen noch einigen Glauben behielten.

Aber dieſe Partei war ungemein klein, Sus - chens ausgeſtellte Papiere hatten die uͤble Sage ſchon voͤllig widerlegt, indem ſie zugleich das Stadtgeſpraͤch ward; Felßens Unterhaltung mit dem Baron Treff, die in weniger als vier und zwanzig Stunden in der Stadt herumkam, wirk - te noch ſtaͤrker fuͤr ihn, man ſprach jetzt mehr Gutes von dem Mann als man behaupten konn - te. Jetzt erſt ſuchte man wegen ſeines eigentli - chen Namens die wahrſcheinliche Meinung auf und theilte ſie einander als Gewisheit mit. So manche Dame ſuchte ihn bei Gelegenheit durch Blicke oder hingeworfne Sentenzen, an ſich zu ziehn, und alle, welche fuͤr Leute gelten woll - ten, die vorzuͤgliche Menſchen zu ſchaͤtzen wuͤßten, oder auch die Abſicht hatten, fuͤr Theilnehmer an Felßens Geheimniſſen angeſehn zu ſein, ſuch - ten, wenn er ſich an oͤffentlichen Orten zeigte,eine318eine gewiſſe trauliche Unterhaltung mit ihm an - zuknuͤpfen. Man wuͤrde ſeinen Aufenthalt ſo an - genehm und lachend, als er es ſelbſt nicht ein - mal wuͤnſchte, gemacht haben, wenn er nur nicht ſo ganz ohne alle Baarſchaft und zu einer ſo eingeſchraͤnkten Haushaltung gezwungen gewe - ſen waͤre. Dieſer Umſtand ſicherte aber Felßen vor Ueberlauf und Einladungen, einige begnuͤgten ſich, ihn, wenn ſie von ohngefaͤhr in ſeinen Weg kamen, freundſchaftlich zu behandeln, andre ihn, nicht mehr aus kraͤnkenden Urſachen, aber doch eben ſo erſtaunt und als eine Art Wunderthier, anzuſtarren.

Madame Schnitzer hatte es zwei ganze Tage durch nach dem gemeldeten Vorfall mit dem Ge - heimderath von Hartenholz an Nichts fehlen laſ - ſen, was Felßen ebenfalls eine guͤnſtige Beur - theilung haͤtte zu Wege bringen koͤnnen, wenn ihre Gruͤnde zu ſeinem Lobe nicht zu ſehr be - kannt geworden waͤren. Sie erzaͤhlte allen, die ſie waͤhrend der zwei Tage ſprechen konnte, wer Herr Felß eigentlich ſei, was er kuͤnftig wieder ſein werde und wie ſie ihn jetzt ganz anders haͤt - te kennen lernen, denn ſie ſei dahinter gekom - men, daß die Hausmagd ſich blos geruͤhmt habe und an den vorgegebenen Verfolgungen keinwahr319wahr Wort waͤre. Auch haͤtte ſie ſich gaͤnzlich geirrt, da ſie geglaubt, er ſtifte Unfrieden zwi - ſchen ihr und ihrem Mann, oder naͤhme Geld von ihm, wenn das auch geſchehn waͤre, ſo haͤtte doch jetzt ein großer Monarch fuͤr ihn be - zahlt.

Auf dieſe Art glaubte ſie aller weitern Ver - antwortung zuvorzukommen, ohne ſich ſelbſt zu widerſprechen, aber die wahre Beſchaffenheit der Sache war ſchon zu ſehr herum, alſo vermehrte ſie nur das Gelaͤchter auf ihre Koſten. Sie hat - te am nemlichen Tage, an dem ſie des Morgens in Albrechts Wohnung vor Gericht ſtund, auch den Baron Treff in einem vertraulichen Tone von Felßens Wichtigkeit, die ein Schreiben an ihren Mann ihnen bekannt gemacht haͤtte, unterhalten und ihn ermahnt, ja nicht mehr von der Zuͤch - tigung, die er ihm haͤtte ertheilen wollen, zu ſprechen, vielmehr es bei Felßen wieder gut zu machen, der vermuthlich ſeine Urſachen muͤßte gehabt haben, um hieruͤber zu ſchweigen, es aber wohl zu einer andern Zeit raͤchen koͤnnte. Treff war ſich, wie wir gehoͤrt haben, bewußt, hin und wieder die Plauderei von der Mißhandlung, die er Felßen ſollte haben wiederfahren laſſen, be - ſtaͤrkt zu haben, alſo erſchrak er bei den Nach -richten320richten der Schnitzerinn nicht wenig, daher auch ſein Erbeben auf dem Caffeehauſe noch groͤßer war, als es außerdem geweſen ſein wuͤrde. Er hatte einige kleine Reiſen aufs Land gemacht und war uͤberhaupt mit ſeiner bevorſtehenden weiten Reiſe beſchaͤftigt, daher war von den Begebenheiten bei Albrechten nichts vor ſeine Ohren gekommen, vielleicht haͤtte ers dieſes letztemal, da er vor ſeinem Abgange auf dem Caffeehauſe war, um von einigen Bekannten Abſchied zu nehmen, noch erfahren, wenn Felß nicht drein kam durch die kurze Scene mit ihm, und nach derſelben alle Auf - merkſamkeit auf ſich allein zog und ihn ſelbſt eher wegſcheuchte, als er es Willens geweſen war.

Demnach erfahr er nichts von dem, was ſeiner lieben Frau Wirthinn begegnet war, hatte aber noch den letzten Abend einen nicht eben zaͤrtlichen Auftritt mit ihr, denn ihm war eingefallen, daß blos ihre Rachſucht an dem Gerede, daß er Felßen ſchlecht behandelt, Schuld waͤr.

Wir Thiermenſchen ſetzen uns bei ſolchen Ge - legenheiten nicht in Winkel, und uͤberlegen, daß wir uns eigentlich die Unannehmlichkeit ſelbſt zuge - zogen haben, ſo wuͤrde z. B. Treff, wenn er was mit Beobachtung ſeiner ſelbſt und mit der Bemuͤ - hung, ſeine gemachten Fehler zu unterſuchen, haͤt -te321te zu thun haben wollen, gedacht haben, ich durfte nur den Leidenſchaften einer Frau von dieſem Schlage nicht gefaͤllig geweſen, nicht den Bra - marbas gemacht haben, ich brauchte es auch nicht, da ſie dieſe Felßen entehrende Geſchichte ausge - ſprengt hatte, zu beſtaͤrken, uͤberhaupt ich koͤnnte der Lebensart, in der ich mich ſo tief unter einem Felß fuͤhle, entſagen, und mir beſſere Grundſaͤtze anſchaffen, ſo kaͤm ich nie wieder in Gefahr, in die Klaͤtſchereien und Raͤnke einer Frau Schnitze - rinn, der man ſie noch dazu eher als mir verzeiht, verwickelt zu werden. Aber der Baron war viel zu geſetzten Gemuͤths um ſich ſo weinerliche Bekennt - niſſe zu thun, er war mit ſich und den Vortheilen, die ihm ſein Denken und Thun, Handeln und Wandeln einbrachte, zufrieden, alſo fiel es ihm gar nicht ein, mit ſich ſelbſt zu rechten. Er er - boſte ſich alſo auf Suschen und hatte Recht, denn wenn einem von uns dergleichen Zufaͤlle begegnen, finden wir nichts natuͤrlicher, als uns an denen zunaͤchſt zu raͤchen, die etwas dazu beigetragen und uns verleitet haben, wenn es auch ganz nach un - ſerm Sinne waͤr.

Demnach nahm Treff ſeine Wirthinn noch Abends ſpaͤt uͤber das, was ihm auf dem Caffee - hauſe begegnet war, in Anſpruch. Ohne ihr ebenXden322den Vorgang nach der Wahrheit zu erzaͤhlen, be - richtete er ihr, daß er Verdruß mit Felßen gehabt haͤtte, woran ſie mit ihrem furioͤſen Betragen und ungewaſchnem Maule allein Schuld waͤre. Er ſparte bei den Vorwuͤrfen, die er ihr machte, die Ausdruͤcke nicht, und drohte in ſeinem Leben kei - nen Fuß mehr in das Haus einer Frau zu ſetzen, die einen Cavalier nicht zu ſchonen wuͤßte.

Suschen war ſeit dem Vorgange bei Albrech - ten verzagt und demuͤthig worden, ſie ließ ſich noch geduldiger als ſonſt von dem Baron Treff aus - ſchelten, doch ſeine Drohung, nicht wieder zu kommen, erſchreckte ſie nicht ſonderlich. Sie liebte jetzt Buſchen leidenſchaftlich, wußte bereits, daß er die Lebensart misbilligte und hatte nicht uͤbel willens nach und nach alles abzuſchaffen, alsdann die ſanfte und ſentimentaliſche ſo lange zu machen, bis Albrecht ganz ihr erklaͤrter Liebhaber waͤre, wo ſie denn ihm geſtehn wollte, daß ſie geſonnen ſei, ſich von Schnitzern ſcheiden zu laſſen, und ihn mit ihrer Hand zu begluͤcken.

Seitdem ſie dieſen Plan gemacht hatte, ward ihr die Rolle einer Gaſtwirthinn taͤglich unertraͤg - licher, ſchon ſah ſie ſich in einem ganz andern Anſehn, als die Frau eines Buchhaͤndlers, der eben auch ein ſchoͤnes Vermoͤgen von ſeinemVater323Vater zu hoffen und indeſſen durch die Handlung Mittel haͤtte, ſie ſtandesmaͤſig zu halten, zu wel - chem Zweck ſie doch auch ein huͤbſches Capitaͤlchen, wolches ſie ſchon bei Seite gelegt, mitbraͤchte.

Von Anfang ihrer Heirath hatte ſie hoͤhere Gedanken, da befand ſich Treff noch nicht in ſol - chen brillanten Umſtaͤnden, und koͤnnte es vielleicht fuͤr ein Gluͤck gehalten haben, Madam Schnitzern mit dem ſchoͤnen Vermoͤgen ihres Mannes, den man ja wohl auf eine heimliche Art aus der Welt ſchaffen koͤnnte, zur Frau Baroninn zu machen. Aber der Herr Baron war ſeit er Geld hatte im - mer unartiger gegen ſie geworden, uͤberhaupt hat - te er ſie nie ſo zaͤrtlich und hoͤflich behandelt als Buſch, es ſchien ihr auch, daß von ihrer Seite die Liebe zum Baron nie ſo groß geweſen waͤre, als ſie dieſelbe jetzt gegen Albrechten empfaͤnde, alſo mochte er immer reiſen, ſo koͤnnte ſie ihren ge - liebten Albrecht, ohne juſt den guten Johann Ja - cob den letzten Fang zu geben, heirathen und doch eine angeſehene Frau werden.

Meines Erachtens hatte Suschen hier uͤber - triebene rechtſchaffene Abſichten und ward durch das Leſen, wozu Albrecht ſie verleitete, beinahe zu unnoͤthigen Ueberlegungen hingeriſſen, indem ſie, die ſonſt eine Frau von freier ungezwungener Den -X 2kungsart324kungsart war, da ſie den Gegenſtand, dem ſie ihre ſchoͤne Hand zugedacht, verlaſſen, und dieſe einem moraliſchen Menſchen zugedacht hatte, zugleich den Vorſatz aͤnderte, Schnitzern auf die Seite zu bringen, und ſich lieber den Weitlaͤuftigkeiten der Scheidung und dem Verluſt des Schnitzeriſchen Vermoͤgens ausſetzen wollte. Doch es iſt ein Be - weis, daß es ein Frauenzimmer vom gemeinen Stand, wenn ſie zumal geſittet und unterrichtet ſein will, ſelten zu einem ſo hohen Grad von Hero - ismus bringt, als die erhabenen Damen aus hoͤ - hern Sphaͤren zuweilen ausuͤben, wenn die letz - ten die politiſche Befoͤrderung und Erhoͤhung ihres Wohlſtandes einmal ernſtlich zu Sinne faſſen.

Gottlob, daß Beiſpiele dieſer Art in unſern Zeiten ſehr ſelten ſind! ſagte hier Celeſtin

Nur wenig Tage hatte Baron Treff die Stadt verlaſſen, als Suschen Urſach fand, ſeinen Verluſt zu beklagen; als ſie nemlich in ihren verliebt und treu geglaubten Albrecht den faͤlſcheſten Boͤſewicht entdeckte und uͤber dieſe Entdeckung unbeſchreibli - chen Verluſt und Verdruß hatte, auch erſtreckte ſich beides auf Schnitzern.

Nachdem ſich die Unruhe uͤber das, was ihr mit dem Geheimderath von Hartenholz wiederfah - ren war, und der Kummer wegen der erfahrnenBe -325Beſchaͤmung etwas gelegt hatte, nachdem ſie mit den Anſtalten, allem kuͤnftigen Verdruß dieſer Art vorzubeugen, fertig war, ſogar Schnitzern ſelbſt erzaͤhlt hatte, daß Felß, wie er immer geglaubt und ſie jetzt fuͤr gewiß erfahren haͤtte, ein Ehren - mann und vornehmer Herr ſei, den er ja recht oft beſuchen ſollte; nachdem ſie auch den Verdruß mit dem Baron uͤberwunden hatte, uͤberließ ſie ſich ei - niger Ruhe und wendete dieſe zum Nachdenken an. Dieſes Nachdenken ſtellte ihr ſo manchen Umſtand bei jener Unterſuchung verdaͤchtig vor. Warum war der Geheimderath eben zuerſt bei Albrechten eingekehrt, da doch ſolche Herren erſt in einem Gaſt - hof abzutreten pflegten? Und haͤtte er ihrer jetzi - gen Einſicht nach wohl Buſchen eher zu ſich koͤn - nen rufen laſſen. Eben ſo beſonders ſchien es ihr jetzt, daß er ſogleich, und ohne im mindeſten aus - zuruhn wieder abreiſte, um dem Kaiſer Bericht zu bringen und ſie zu entſchuldigen, ehe ihn ihre Fein - de noch aͤrger aufbraͤchten. Eine ſolche Gefaͤlligkeit konnte nicht ſie, ja nicht einmal Albrecht, wenn er auch deſſen Fuͤrbitte anſaͤhe, von einem ſo vor - nehmen Mann verlangen. Und wenn ſich der Kaiſer ſo ſehr fuͤr Felßen intereſſirte, warum gab er ihm in ſeinem Jncognito nicht vollauf, oder wenigſtens ſo viel Geld, daß er beſſer leben koͤnnte? X 3 je -326 jemehr ſie dem allen nachdachte, jemehr Bedenk - lichkeit fand ſie in dieſer Begebenheit, welche ihr jetzt einer Schwindelei ſo aͤhnlich ſchien als ein Ei dem andern. Es beunruhigte ſie, aber ſie ſuchte ſich in der Meinung zu beſtaͤrken, daß der geliebte Albrecht ſie wieder liebe und bei dieſer ſeiner zaͤrt - lichen Geſinnung ſie nicht ſo kraͤnken und einem andern ausſetzen wuͤrde.

Dieſer wollte nicht eben jetzt den Umgang mit Schnitzers abbrechen und ihn uͤberhaupt zu Johann Jacobs Beſten nicht gar aufgeben, alſo ſprach er eben, zu der Zeit, wo Suschen uͤber die aͤrgerli - chen Vorgaͤnge mit ſich raͤſonnirte, bei ihr ein. Sie ließ ihn etwas von ihrem Argwohn merken, er redete ihr ihn aber leicht aus, und ſie war voͤl - lig ruhig. Doch ſie ſollte uͤberzeugt werden, daß ihre Vermuthungen nur zu gegruͤndet geweſen waͤ - ren, das Schickſal hatte ihr Pruͤfungen zubereitet, die ſich von einem ſo lebhaften Gemuͤth nicht leicht uͤberwinden laſſen.

Die erſte Perſon, welcher ſie die vorgegebenen vortheilhaften Entdeckungen wegen Felßen mittheil - te, war Mamſell Fanchon, aber ſeitdem hatte Suschen zu viel zu thun, weil ſie es auch andern be - kannt machen wollte, und hatte uͤberhaupt den Kopf zu voll, um ſich mit ihr zu unterhalten. Un -ter -327terdeſſen hatte die Fanchon erfahren, welche Comoͤ - die Albrecht Buſch mit ihrer guten Freundinn ge - ſpielt, ſie ergoͤtzte ſich nicht ſchlecht daruͤber und haͤtte es der Schnitzerin ohne Zweifel verſchwie - gen, wenn ein anderer den Streich gemacht, da aber Buſch der Thaͤter war, ſo wuͤrde ſie ſichs ſelbſt nicht vergeben haben, wenn ſie jener nicht einen ſo ſtarken Beweis, ſie habe ſie nicht umſonſt vor dieſem Menſchen gewarnt, haͤtte geben wollen. Sie haßte Albrechten zu ſehr und ich muß geſtehn, daß ſie Urſach dazu hatte, denn er war ihren An - lockungen nicht nur ausgewichen, ſondern hatte ſie kaum eines Wortes gewuͤrdiget. Jetzt hatte ſie, außer der Aufſtellung des falſchen Geheimde - raths, noch einen ſtaͤrkern Grund, ihm zur Beſtra - fung dieſer Unart Suschen auf den Hals zu hetzen, und beſchloß dies ſo kraͤftig zu thun, daß auf Al - brechten eine Suͤndfluth von Schmaͤhworten und Schimpfreden losbrechen ſollte.

Albrecht Buſch hatte noch kein Maͤdchen ge - habt, die ihm mehr als andre galt, da er ſich in Schnitzers Gaſthof einfand und Suschens Freund - ſchaft erwarb, aber er ſahe bei einem Mittags - mahl Sophie Roſenberg und ward ihr Verehrer. Er ſuchte ſie naͤher kennen zu lernen, liebte ſie im - mer mehr und es fiel ihm ein, um ihre Hand zuX 4wer -328werben. Sophie empfand ebenfalls Neigung fuͤr Albrechten, die Heirath war von beiden Seiten an - nehmlich; es kam alſo nicht nur unter ihnen, ſon - dern auch bei den beiderſeitigen Verwandten ſehr bald zur Sprache und Gewisheit. Noch war die Sache zwar nicht oͤffentlich bekannt, aber die mei - ſten von Buſchens und Sophiens Bekanntſchaft wußten es, und durch ſie kam es auch an fremde - re Perſonen. Jch kann nicht ſagen, wie es kam, daß Madam Schnitzer hiervon nichts gehoͤrt hatte, genug ſie hatte nichts davon vernommen und ahn - dete nichts weniger, als daß Albrecht in Begriff ſei, eine Braut heimzufuͤhren.

Die Fanchon war beſtimmt, ihr dieſe verzwei - felte Nachricht zuerſt mitzutheilen, und dieſe und jene mehr erwaͤhnte Treuloſigkeit auf einmal zu offenbaren. Zweimahl war ſie im Gaſthof ge - weſen ohne Suschen zu Hauſe zu finden, zum drit - tenmal endlich konnte ſie ihr Herz entledigen. Ma - dam Schnitzer traute kaum ihren Ohren, ſie woll - te zweifeln, doch die Fanchon uͤberzeugte ſie durch Auseinanderſetzung des kleinſten Umſtandes uͤber beide Punkte.

Jch weiß nicht, ob meine Leſer je einem Erdbe - ben, einem Orkan, einem ununterbrochenen Bli - tzen von den ſtaͤrkſten Donnerſchlaͤgen begleitet undeinem329einem Wolkenbruch beigewohnt haben, ſollten ſie aber auch zuweilen von einer dieſer Naturerſchei - nungen Zeugen geweſen ſein, ſo wird ſich doch keiner unter ihnen, ſo wie Johann Jarob Schni - tzer, Albrecht Buſch und alles was eben im Gaſt - hof war und kam, ruͤhmen koͤnnen, dies alles auf einmal mit angeſehn zu haben. Weg war Sanft - muth und Leutſeligkeit und an derſelben Statt fuh - ren mehr Furien in Suschen, als die heidniſchen Goͤtterlehrer und unſre Dichter jemals gekannt haben.

Sie riß ſich einen guten Theil Haare aus, rannte mit dem Kopfe an die Wand, lief wuͤthend auf und ab, ſah ein Buch von Albrechten, warfs auf die Erde, rannte wieder, kam zuruͤck, hob das Buch auf, zerriß es und fuhr in dieſer ſtillen Wuth ſo lange fort, bis ſie wuͤrklich zum Hinſcheiden war und umſank. Die Fanchon rief um Huͤlfe, legte dann ſelbſt Hand an, ſie aufs Bette zu brin - gen und ſchlich ſich davon, indem Schnitzer mit Albrechten in die Stube trat. Schnitzer erſchrak, eilte ſeinem lieben Suschen zu Huͤlfe und ſchickte nach dem Arzt. Mehr als der vorgehaltene Spi - ritus erweckte ein heftiger Schmerz die Kranke, ſie oͤffnete die Augen, ſah Albrechten, und ohne auf ihren Schmerz zu achten, riß ſie ſich auf, ſprangwie330wie raſend auf ihn zu, ergriff ihn bei den Haaren, packte ihn an der Gurgel, indem ſie ſchrie Verraͤ - ther, Moͤrder, Teufel! Albrecht entgieng kaum mit dem Leben, andre mußten ihn befreien helfen; ſobald es geſchehen war, eilte er fort, ahndend was vorgefallen ſein konnte. Johann Jacob war zu Stein worden, er glaubte ſeine Frau waͤre fuͤr nun und immer raſend worden, ſich zu nahen hatte er das Herz nicht, er wand die Haͤnde und fragte von weiten was ſeinem allerliebſten Weibchen wieder - fahren waͤre?

Der heftiger gewordene Schmerz erlaubte ihr nicht zu antworten, ſie ſchrie im ſelbigen laut; ſobald ſie aber einige Linderung hatte, rief ſie ih - rem Manne zu: fort! und dem Spitzbuben, dem Schwindler, dem Ehrenraͤuber nach, und komm mir nicht anders vor die Augen als mit ſeinem Blut an deinen Haͤnden! Es fand ſich ein neuer Schmerz, und zugleich trat der Arzt ein, welcher ſahe, daß man die Hebamme nicht ſchnell genug rufen koͤnnte. Johann Jacob rang mit dem Todte, er konnte durchaus nichts errathen, folglich auch nichts beſchließen, doch Suschen ſchrie noch einmal: fort! thu was ich dir ſage! und er zitter - te in ſein Stuͤbchen, um dort zu erwarten, was dieſes angegangenen Trauerſpiels letzter Act ſeinwuͤrde,331wuͤrde, worauf ſich doch auch die Entwickelung finden muͤßte.

Nach ohngefehr einer halben Stunde hinter - brachte man ihm, daß Suschen von einem unrei - tigen todten Sohne entbunden

Erſchrecken Sie nicht, meine Leſer, ich war es nicht, der unzeitig und todt auf die Welt kam. Jch weiß, Sie haben alle erwartet, der Madam Schnitzer angekuͤndigte Schwangerſchaft werde mich bedeuten und daß Sie ſich hierinnen geirrt haben, daran iſt nichts anders Schuld als der Zufall, der nicht wollte, daß ich der erſtgebohrne ſein ſollte. Doch ich rathe dem werthen Leſer, es wie ich ſelbſt zu halten und froh zu ſein, daß dieſer erſte Junge todt auf die Welt kam; bei mir war die Ueberle - gung, daß ich meiner Eltern Liebe ſo wie ihr Ver - moͤgen mit jenem haͤtte theilen muͤſſen, der Grund zu dieſer Freude, und bei Jhnen mag ſie die Vor - ſtellung verurſachen, daß ich alsdann vielleicht nicht ſo ein liebenswuͤrdiges Mutterſoͤhnchen ge - worden waͤre, und nicht ſo viel unterhaltendes von meinen Thaten zu erzaͤhlen gehabt haͤtte als ſie kuͤnf - tig erfahren werden.

Alſo bekam Schnitzer die betruͤbte Nachricht, daß ein todtes Kind und noch dazu ein Sohn ge - bohren ſei, ferner hinterbrachte man ihm, daß dieMut -332Mutter ſelbſt aͤußerſt ſchwach waͤre. Nie hatte der gute Mann ein ſolches Ungluͤck nur geahndet, als ihm jetzt wiederfuhr, er vergoß die bitterſten Thraͤ - nen und ohne zu wiſſen, was Buſch verbrochen hat - te, rief er das Wehe uͤber ihn. Gern waͤre er ſo - gleich zu der Woͤchnerinn geeilt, aber er furchte ſich vor ihr, auch rieth ihm der Arzt, nicht eher zu ihr zu gehen, bis ſie ihn rufen ließ, weil er ſie erſt beſaͤnftigen wollte, indem ſie noch immer ſehr auf - gebracht waͤre und bald uͤber Buſchen, bald uͤber Fel - ßen, bald uͤber Sophie Roſenberg und ihn ſelbſt Ra - che rufte. Schnitzer blieb alſo zuruͤck und der Arzt begab ſich wieder zu der Kranken.

Es dauerte lange, ehe er ihr begreiflich ma - chen konnte, daß ſie ihren Tod befoͤrderte, wenn ſie ſich nicht beruhigte, der kluge Einfall, ihr vor - zuſiellen, daß ſie ſuchen ſollte, ihre Geſundheit wieder zu erlangen, um ſich an denen raͤchen zu koͤnnen, die ſie beleidigt haͤtten, gab endlich ſeinen Vorſtellungen das Gewicht. Sie ſchwieg, lag ru - hig und nahm die verordnete Mediein. Demohn - erachtet lag ſie zwei Wochen gefaͤhrlich krank. Schni - tzer beſuchte ſie, ſobald er hoͤrte, daß ſie ihn zu ſpre - chen verlangt haͤtte, und gelobte ihr, alle Rache, die ſie verlangte, an Albrechten zu nehmen, wenn ſie ihm wuͤrde erzaͤhlt haben, was er an ihr ge -ſuͤn -333ſuͤndigt haͤtte, wozu ſie nur erſt Kraͤfte ſammeln moͤchte.

Albrecht huͤtete ſich ins Haus zu kommen, ſein Gewiſſen ſagte ihm, er ſei durch die der Schnitzerinn angethane Taͤuſchung, welche ſie vermuthlich ent - deckt, Schuld an ihrem Unfall, es reuete ihn, den Streich gemacht, wenigſtens wuͤnſchte er ihn nicht ſo vielen bekannt gemacht zu haben. Er ſah jetzt ein, daß er Felßens Ehre ohne dieſen ſo weit ge - triebenen Muthwillen haͤtte retten koͤnnen, daß die Schnitzerinn, ſo ſehr ſie auch eine Demuͤthigung verdient haͤtte, doch darum nicht haͤtte ſollen um ihr Kind und vielleicht um ihr eignes Leben ge - bracht werden. Das letzte waͤre auch gewiß erfolgt, wenn das Schickſal nicht an mich gedacht und ei - ne Perſon, die mich der Welt ſchenken ſollte, ge - gen alle Wahrſcheinlichkeit erhalten haͤtte.

Am meiſten reuete es Albrechten, daß er durch ſeine Suschen angethane Kraͤnkungen dem ehrli - chen Johann Jacob um die Vaterfreude gebracht hatte, er wuͤrde viel darum gegeben haben, wenn er dem Knaben das Leben haͤtte wieder geben koͤn - nen, und wuͤrde ſich, waͤre das moͤglich geweſen, bei dem Tode der Mutter beruhiget, ja wohl gar geglaubt haben, es ſei dadurch ein gutes Werk ge - ſchehen, weil Schnitzer einen Erben gehabt, undvon334von ſeiner groͤßten Lebensplage befreit geweſen waͤre.

So bald Suschen außer Gefahr war, erzaͤhlte ſie ihrem Johann Jacob die von Buſchen empfan - gene Beleidigung in der Art, die ſie indeſſen bei leidlichen Minuten einſtudirt hatte, er nahm es im Ernſt ſehr uͤbel, und gieng ſo weit, daß er ſich ſelbſt zu Albrechten begab, um ihn zur Rede zu ſe - tzen. Dieſer geſtand die angeſchuldigte Sache, ſo weit ſie gegruͤndet war, berichtigte Suschens Er - zaͤhlungen, und verhehlte nichts von alle dem, was ſie ſchimpfliches von ihrem beiderſeitigen Freund Felß geſagt hatte, welches dieſen in die ſchlechteſte Nachrede gebracht haͤtte. Jch wußte alſo kein anderes Mittel, ſagte er, der Welt eine guͤltige Widerlegung vor Augen zu legen, Jhrer Frau eine gute Lehre zu geben, damit ſie ſich kuͤnftig maͤßi - gen lernte, und Sie ſelbſt dabei zu ſchonen. Es wuͤrde auch alles gut abgegangen ſein, wenn nur das eigentlich Verhaͤltniß der Sache nicht fuͤr Jhre Frau gekommen waͤre. Es iſt geſchehn, vergeben Sie mir, und ſorgen Sie fuͤr einen andern Sohn. Wenn ich Jhnen rathen ſoll, ſo ſagen Sie Jhrer Frau, Sie haͤtten mich tuͤchtig herunter gemacht und hielten dafuͤr, es ſei beſſer, nun die Sache fallen zu laſſen, damit ſie nicht neues Aufſehnmachte.335machte. Wenn ſie aber voͤllig geneſen ſein wird, dann ſtellen Sie ihr vernuͤnftig und maͤnnlich vor, daß ihre Schmaͤhſucht und ihre uͤbermuͤthige Auffuͤhrung mehr dergleichen Beſchaͤmung und Verdruß uͤber ſie bringen koͤnnte, wenn ſie ſich nicht aͤnderte. Auf ſolche Art kann dieſe Bege - benheit vom Nutzen ſein, und Sie koͤnnen auch immer mich fuͤr den halten, der zur Beſſerung Jh - rer Frau beigetragen hat, welches meine Abſicht war, da ich naͤhere Bekanntſchaft in Jhrem Hauſe ſuchte.

Schnitzer fand Buſchen voͤllig gerechtfertigt, bis jetzt war es ihm unbewußt geweſen, daß ſeine Frau Felßen in ſo ſchlimme Nachrede gebracht, denn er hatte wenig Umgang, und war ſeit Sus - chens Schwangerſchaft und ihrem gemaͤßigtern Be - tragen, ſo gar nicht oft in die Tabagie gegangen, hatte aber Felßen ſo oft beſucht, als es ihm ſchick - lich duͤnkte, und liebte ihn mehr als jemals. Er aͤrgerte ſich uͤber ſeine Frau, und billigte ſogar, was Albrecht gethan hatte, auch nahm er ſich vor, ihr die von dieſem vorgeſchlagene Nutzanwendung vorzupredigen, wenn ſie ihre Geſundheit wieder wuͤrde erlangt haben. Bis dahin mußte er ſie ſchonen, und ſo ſtellte er ſich, als haͤtte er ſich bis zum Raufen mit Albrechten gezankt, alser336er von ihm zu Hauſe kam; that auch, als waͤr er bereit, es noch weiter zu ſuchen, wenn ſie nicht et - wa faͤnde, daß es nur neues Aufſehn machte. Sie hatte dieſe Ueberlegungen ſelbſt gemacht und bei ſich beſchloſſen, an Buſchen und ſeiner Braut im Stillen Rache zu nehmen. Demnach war ſie ganz der Meinung ihres Mannes, mit dem ſie noch eine Weile ziemlich leidlich verfuhr. Auch Felßen ſchien ſie zu vergeſſen, ſo ſehr Haß und Verach - tung dieſes Mannes wieder in ihrem Herzen Platz genommen hatte. Sie vergaß mit einem Wort alles andere bei der Wuth, welche ſie auf Sophie Roſenberg hatte. Allen, die ſie in ihren Wochen beſuchten, erzaͤhlte ſie Schand - und Schmaͤhge - ſchichten von ihr, einige wußten Anekdoten von Sophien, dieſe drehte und kehrte ſie denn ſo lange, bis es ehrloſe Begebenheiten waren, und ſo theil - te ſie es wieder andern mit. Die Fanchon, wel - che, nachdem ſie den ungluͤcklichen Zufall verur - ſacht hatte, ihre befliſſendſte Waͤrterinn war, half ihr zur Entſchaͤdigung treulich in den Erfindungen, Sophien, ſo wie auch Buſchen betreffend, und ſo trat dieſes Paar mit einer Laſt von Verleumdun - gen beladen in den Eheſtand. Daß Sophie zwei Kinder gehabt, und es mit einem verehligten Manne gehalten, daß ſie ſo wohl wie Albrechteine337eine gewiſſe galante Krankheit haͤtte, dies waren noch nicht die uͤbelſten Dinge, die Madam Schni - tzer von ihr ausbrachte und ſie hatte beſchloſſen, daß es dabei nicht bleiben ſollte.

Neunter Abſchnitt. Enthaͤlt Suschens voͤllige Herſtellung und eine neue Schwangerſchaft.

Der Fleiß, mit welchem Madam Schnitzer dar - an war, alle Rache an Albrecht Buſchen, und ſei - ner Sophie zu nehmen, die vor der Hand moͤg - lich war, und die Freude, bereits einen ſo guten Anfang gemacht zu haben, trug viel zu ihrer Ge - neſung bei. So bald dieſe voͤllig erlangt war, wollte Schnitzer ſeine moraliſchen Vorleſungen be - ginnen, er ſah aber bald, daß es, um Frieden zu behalten, beſſer ſei, ſie einzuſtellen. Suschen war ganz wieder die vorige geworden, der gute Johann Jacob mußte aufs neue unter ihren eiſernen Zepter, er bekam auch neuen Befehl, den Umgang mit ih - rem Feind Felß zu meiden, der, wie ſie ſich nichtYaus -338ausreden ließ mit unter dem Betrug bei Albrech - ten geſteckt hatte. Er war nun wieder ein Bettler, ein Herumtreiber, ein ſchlechter Kerl, doch traute ſie ſich nicht mehr oͤffentlich zu ſchimpfen, ſie haͤt - te ſich zu oft widerſprechen muͤſſen und fuͤrchtete ſich auch vor einem neuen Verdruß, wobei ihr der unangenehme Auftritt einfiel, welchen Treff auf dem Caffechauſe gehabt hatte.

Jetzt wuͤnſchte ſie dieſen ſehnlich zuruͤck und aufs heftigſte erwachte ihr Grimm auf Buſchen und Sophien, wenn ſie bedachte, daß die vorgefal - lenen Haͤndel mit an ſeinem Entſchluß, nicht wie - der in dieſe Stadt zu kommen, Schuld waͤren. So - phie war freilich an allem, was vorgefallen, voll - kommen unſchuldig, aber ſie war es ja, die ihr Buſchens Liebe entzogen hatte, (von der ihr zu - weilen traͤumte, er wuͤrde ſie, ohne die Dazwi - ſchenkunft dieſer Perſon ihr nicht entzogen, folglich ſich auch jenen Streich nicht haben zu Schulden kommen laſſen;) alſo mußte Sophie fuͤr alles buͤßen.

Sie hatte nicht uͤbel Luſt, obwohl es ſchon tief im Sommer war als ſie den Einfall bekam, noch ins Bad gehn, wozu ihr ihre ſchwaͤchliche Geſund - heit ziemlichen Vorwand gegeben haͤtte; da ſie aber nicht wußte, in welchem Bad Treff eben waͤre (denn er hatte beſchloſſen, mehrere zu beſuchen);ſo339ſo mußte es bis zu eingelaufener Nachricht blei - ben und ehe ſie dieſe bekam, war die Zeit, in Baͤ - der zu gehn, vorbei.

Auf dieſe Art hatte das liebe Suschen einen traurigen Sommer zugebracht, denn auch die Sou - pés spirituels waren ins Stocken gerathen; da nun ſonſt wenig Fremde einkehrten, ſo war die Einnahme ſchlecht, welches ihr ebenfalls vielen Kummer verurſachte. Sie nahm auch an Neid, Schmaͤh - und Zankſucht ſo zu, daß keine Frau, kein Maͤdchen, von welchem Stand ſie ſein mochte, von ihr verſchont blieb, und daß ſie in Zeit von drei Monaten zwoͤlf mahl das Geſinde wechſelte. Auch mit der Fanchon hatte ſie ſich mehrmal uͤberwor - fen, aber ſie verſoͤhnten ſich immer wieder, da eine der andern bei den Laͤſtergeſchichten auf alle Be - kannte, beſonders auf Buſchen, und am beſonder - ſten auf ſeine Frau unentbehrlich war.

Obgleich Johann Jacobs Liebe zu Suschen bei ſolchen Umſtaͤnden nicht ſonderlich ſein konnte und ſie ihm ſelten zwei Stunden Frieden ließ, ſo hat - ten ſie doch die Pflichten der Eheleute nicht ganz vergeſſen; die junge Frau erklaͤrte im Winter eine neue Schwangerſchaft, bei der ſie ihr Zaͤrtlichthun und ihre Capricen, ſo wie Johann Jacob ſein Sy - ſtem der Schonung wieder zur Hand nahm.

Y 2Jn340

Jn dieſer Verfaſſung ward die Neigung, ſich an Sophien und Albrechten zu raͤchen ſo groß, daß ſie Tag und Nacht auf ein Mittel dazu ſtudierte, und der Zufall war ſo ſehr auf ihrer Seite, ihr dazu zu verhelfen.

Albrecht hatte eine Geſchaͤftsreiſe zu thun und mußte ſeine junge Frau ſechs Wochen allein laſſen; waͤhrend dieſer Zeit kam ein Verwandter Sophiens, mit dem ſie erzogen war, und den ſie ſchweſterlich liebte, nach einer Abweſenheit von zehn Jahren zu - ruͤck. Es iſt nichts natuͤrlicher, als daß Perſonen, welche ſich noch meiſt als Kinder verließen, und in den Juͤnglingsjahren verſchoͤnert wiederfinden, eine Regung in ſich verſpuͤren, die der Liebe ganz aͤhnlich iſt. Sophie ſoll, wie ihre Freunde mein - ten, viel zu tugendhaft geweſen ſein, um eine ſolche Neigung nicht zu unterdruͤcken, wenn ſie gefuͤhlt haͤtte, daß ſie zur ſtrafbaren Leidenſchaft werden koͤnnte.

Was mich betrift, ſo wuͤrde ich ſie wegen dieſes angethanen Zwanges eine Thoͤrinn geſcholten haben, denn meines Dafuͤrhaltens, welches auch die Meinung mehrerer Leute meines Schlags iſt, kann man wohl allenfalls, wenns ſein muß, von Kampf mit den Leidenſchaften und von dem gewiſ - ſen Sieg der Tugend ſprechen helfen, aber in derThat341That braucht man ſich mit Kampf, Sieg, Tu - gend und all dem Klingklang nicht abzugeben. Wir ſind nicht ſo unvertraͤglich, daß wir uns mit unſern Wuͤnſchen und Begierden beſtaͤndig herum zanken ſollten, es nimmt auch zuviel Zeit weg und mag muͤhſam ſein, beſſer alſo wir thun, was ſie verlangen, damit wir Ruhe haben und an was anders denken koͤnnen. Wenn nun auch Sophie der Liebe zu ih - rem Vetter Robert widerſtand, ſich marterte und beſiegte, indem ſie ihn von ſich verbannte, um Albrechten treu zu bleiben und nicht in uͤbeln Ruf zu kommen, was half es ihr? Nichts, da Sus - chen eine Cabale ſpielte, durch welche ſie eben in dieſen Ruf kam, und eben den Verdruß davon hatte, als wenn ſie wirklich geſuͤndigt haͤtte; im letztern Fall konnte ſie ja auch leugnen und mit Albrechten wieder ausgeſoͤhnt werden.

So hatte Sophie doch das Bewußtſein ihrer Unſchuld, verſetzte Celeſtin. Hm! antwortete ich, das Bewußtſein! Gehn Sie mir doch mit ſolchen Chimaͤren, ich meines Orts will lieber, wenn ich leiden muß das Bewußtſein haben, daß ich bei dem, was an mir beſtraft wird oder wofuͤr ich leiden muß, doch an vorhergegangenen Genuß denken kann.

Y 3O,342

O, wenn Sie den ſuͤßen, den immerdauernden Genuß eines guten Gewiſſens kennten!

Es iſt unbarmherzig von Jhnen, Herr Cele - ſtin, daß Sie mich nach etwas luͤſtern machen, was ich nicht haben kann. So was iſt Pein fuͤr einen Thiermenſchen, der gern alles genießen moͤch - te; alſo ſagen Sie mir nichts mehr davon.

Sophie und Wilhelm Robert hatten eins am andern unſaͤgliche Freude, ſie ſprachen wenig ernſt - haft, lachten, ſcherzten und taͤndelten wie die Kin - der, hatten eins das andre an hundert kleine Strei - che und Poſſen zu erinnern, die ſie in der Kind - heit zuſammen ausgefuͤhrt, und ſchmeichelten ein - ander wie liebende Geſchwiſter. Wilhelm hatte die erſten Tage beſonders, alle Morgen was zu fragen oder zu erzaͤhlen, was er am vorigen Tage vergeſſen hatte und lief ohne Umſtaͤnde zu ſeiner lieben Couſine. Sophie hatte ein andermal eben ſo dringende Angelegenheiten, konnte es nicht er - warten, bis er kam, ſondern ſchickte wohl gar nach ihm. Sie vergaß, daß ſich der allgemeine Hof-Cabinets - und Hausmahler Argus Lauer - hardt Verdacht beſtaͤndig bereit haͤlt, aus dem geringſten Anlaß ein hiſtoriſches Gemaͤhlde zu ver - fertigen, daß er beſonders die Gewohnheit hat, von der Wahrheit nur das Skelet zu nehmen,und343und es nach willkuͤhrlichen kuͤhnen Jdeen auszu - mahlen. Daran dachte Sophie mit keinem Wor - te, unbekuͤmmert um Ausdeutungen befriedigte ſie das Verlangen nach ihrem Vetter, welches bei jungen und lebhaften weiblichen Geſchoͤpfen, beſon - ders dann ſo heftig wirkt, wenn der Gegenſtand des Vergnuͤgens noch neu iſt. Jede Veraͤnderung, jeder Zeitvertreib mußte in Wilhelms Geſellſchaft genoſſen werden, ſie hatten ſo viel Gaͤrten und andre Plaͤtze zu beſuchen, wo ſie als Kinder Kraͤn - ze gewunden, einen kleinen Muthwillen ausgeuͤbt, ſich veruneinigt hatten, gefallen oder von den El - tern uͤber einem Spiele ertappt worden waren, wobei ſie die Kleider beſchmutzt oder ſonſt einen Schaden angerichtet hatten, und dann tuͤchtig aus - geſcholten oder gar verurtheilt wurden, nicht mehr mitgenommen zu werden ꝛc. Wilhelm hatte neue Lieder mitgebracht, die er Sophien mußte ſingen oder auf dem Clavier ſpielen lehren, ſie theilte ihm ihren Vorrath dagegen mit, ſie laſen die Stammbuͤcher eins des andern durch und lieferten einander die Schilderungen der indeſſen gemach - ten Bekanntſchaften, welche ſich eingeſchrieben hat - ten, aus. Sophie hatte die Geſchichte der Bekannt - ſchaft mit ihrem Albrecht zu erzaͤhlen, wie ſie ſich dann einander genaͤhert und bald einig gewordenY 4waͤren,344waͤren, ſie freute ſich ſchon im Voraus drauf, wie Albrecht und Wilhelm Freunde werden, wie der erſte, der auch Scherz und Vergnuͤgen liebte, ſo oft mit ihnen luſtig ſein und lachen werde. Wil - helm gab ihr von den kleinen Liebſchaften Rechen - ſchaft, die er gehabt hatte, und prieß ihr die Maͤdchen, welche ſeinen Beifall gehabt, ſo an, daß ſie immer mehr von ihnen hoͤren wollte. Mit einem Worte, die beiden Leute waren unerſchoͤpflich, einander zu unterhalten, neues zu erzaͤhlen, Freude zu geben, ſich zu necken, anzufuͤhren, daruͤber zu lachen oder zu ſchmollen. Dies alles gehoͤrte frei - lich wohl in das Elementarwerk der Liebe, aber Wilhelm und Sophie wußten es nicht, dachten nicht daran, ſie ſahn ſich als Schweſtern - Kinder, ja als Geſchwiſter, als Jugendgeſpielen an und uͤberließen ſich ohne Arg dem Vergnuͤgen, einan - der wieder zu haben. Sophie hatte bereits Al - brechten von Wilhelms Ankunft geſchrieben und ihn auf einen neuen Freund vorbereitet, den er ganz nach ſeinem Geſchmack finden wuͤrde.

Man hatte uͤber das große und unaufhoͤrliche Feſt, was Sie und ihr Vetter mit einander hat - ten, Winke gegeben, Anmerkungen gemacht, es zuweit getrieben geſunden, doch wenn ſich auch nach Buſchens Zuruͤckkunft das Andenken daraner -345erhalten, und niemand leicht die Meinung haͤtte fahren laſſen, daß mehr als Freundſchaft unter die - ſen Leuten herrſche, ſo wuͤrde doch, indem jener auf den vertraulichſten Fuß mit Wilhelm gekom - men, und dieſer Hausfreund geworden waͤre, die Sage verſtummt ſein.

Aber Madam Schnitzerinn ſorgte dafuͤr, daß die Geſchichte intereſſant wurde, und nicht ſo leicht ein Zweifel entſtehn konnte, ob Wilhelm Al - brechts Abweſenheit bei Sophien voͤllig erſetzte.

Nicht genug, daß ihre Patſchhaͤndchensda - men viel zu erzaͤhlen wußten, daß die Fanchon taͤg - lich Nachrichten aus Sophiens Wohnung brachte, hatte das Schickſal fuͤr eine noch naͤhere Quelle, woraus Suschen dieſelben ſchoͤpfen konnte, geſorgt. Die Schweſter ihrer Koͤchinn diente bei Sophien, wußte alſo alles, was bei ihr vorgieng. Die Schnitzeriſche Koͤchinn hoͤrte ihre Frau nicht ſo bald auf Madam Buſch laͤſtern und ſich uͤber ihren freien Umgang mit Roberten aufhalten, als ſie durch ihre Schweſter noch mehr von der Sache wiſſen wollte, und von dieſem Augenblick war ſie Suschens Liebling, dem vieles uͤberſehn ward. Sie mußte ihre Schweſter hinbitten, welche denn ſo herrlich tractirt ward, daß ſie es wohl der Muͤhe werth hielt, taͤglich die neuen Nachrichten vondem346dem zaͤrtlichen Paare zu bringen, es kam ihr nicht auf haͤufige Zuſaͤtze an, oder vielmehr, ſie gab das, was ihrer Einbildung nach gewiß geſchahe, wenn Wilhelm allein bei Sophien war, oder wenn ſie zuſammen ausgiengen, fuͤr vollkommen erwieſen aus und uͤberlieferte es der Schnitzerinn, um es noch beſſer auszuſtaffiren.

Es koſtete der letzten nicht viel Kopfbrechen, auf welche Art es an Buſchen zu bringen ſei, da - mit es zur gaͤnzlichen Entzweiung gedeihn moͤgte. Sie wußte, daß ſeine Mutter, unter allen Ver - wandten des jungen Ehepaars allein, nicht ganz mit der Heirath zufrieden geweſen war, weil ſie ihrem Sohn eine Perſon mit mehr Vermoͤgen zu - gedacht hatte. Mutter Buſch konnte nichts gegen Sophie Roſenberg einwenden, wollte ihr aber doch nicht ſo recht gewogen werden. An dieſe alſo ward die Citronenhaͤndlerinn abgeſchickt und dies war eine Frau, mit welcher ſich was von der Art an - fangen ließ. Sie hinterbraͤchte der Mutter Buſch, wie ſie ſagte, aus der beſten Meinung von der Welt, in welch uͤbles Gerede ſich ihre Schwieger - tochter ſetzte, und zwar nicht ohne Grund, indem es wirklich zu weit gienge, und den groͤßten Skan - dal gaͤbe, wie ſie mit ihrem Vetter lebte. Sie wußte ihr hiervon nach Suschens UeberlieferungThat -347Thatſachen zu erzaͤhlen, welche das eigne Geſinde der jungen Madam Buſch uͤberall herumtruͤge, und brachte alle Morgen die Nachrichten, womit ſie den Abend vorher von der Schnitzern war verſehn worden. Vater und Mutter Buſch hielten Rath, wie ſie ſich bei dieſer aͤrgerlichen Geſchichte beneh - men wollten, der Vater wollte nicht ſogleich daran glauben, hielt es aber fuͤr billig, ſeine Schwieger - tochter zu erinnern, daß ſie ihren Umgang mit Wilhelm Robert doch, wenigſtens bis zur Zuruͤck - kunft ihres Mannes, einſchraͤnken moͤchte, weil, wenn dieſer zugegen waͤre, niemand was dagegen haben koͤnnte, wenn Wilhelm den ganzen Tag bei ihnen waͤr, und ſie alle Freuden gemeinſchaftlich genoͤſſen.

Um Sophien dieſe Vorſtellung zu thun, gieng er eines Vormittags hin, und fand ſie, da er die Thuͤr oͤfnete, mit Roberten am Clavier; ſie ſaßen beide auf einem und demſelben Stuhle, er hatte den einen Arm um ſie geſchlungen, um ſie zu hal - ten und half ihr bei dem Vortrage einer Stelle des Stuͤcks, das ſie vor ſich hatte, zurechte, wobei Sophie aus Muthwillen unter lautem Gelaͤchter die Stelle immer anders ſpielte, als Wilhelm ihr zeigte. Eben beſtrafte er ſie mit einem Kuſſe, als der Schwiegervater eintrat, ſie ſprangen beideziem -348ziemlich betroffen auf, aber Vater Buſch glaubte genug geſehen zu haben. Er erboßte ſich im Na - men ſeines Sohns nicht ſchlecht uͤber dieſe Treulo - ſigkeit Sophiens, hielt aber an ſich, und nahm bald ziemlich kurzen Abſchied, um nach Hauſe zu eilen, ſeiner Frau zu ſagen, daß der Verdacht gegruͤndet waͤre, und ſeinem Sohn in der vollen Ueberzeugung zu ſchreiben, daß Sophie zu Hauſe mit ihrem Vetter Wilhelm Robert die unverſchaͤm - teſte Buhlerei triebe.

Sophie und Wilhelm hatten ſehr deutlich be - merkt, daß Vater Buſch uͤber die Verfaſſung, in der er ſie fand, verdruͤßlich war, die erſte beſon - ders ſchien aus dem Jrrthum zu erwachen, daß ſie bei einem ſo nahen Vetter und Kindheitsgeſpie - len keine Zuruͤckhaltung noͤthig haͤtte, da ſie beſon - ders nichts dabei im Sinne hatte, was einer Un - treue gegen Albrechten aͤhnlich war. Lieber Wil - helm, ſagte ſie, jetzt erſt ſeh ich, daß wie unſern Umgang aͤndern und einſchraͤnken muͤſſen. Wir ſind nahe Verwandte und zuſammen erzogen, da - her ſah ich Dich wie einen Bruder an, aber man moͤchte doch wohl der Sache eine Auslegung geben, die meinen guten Albrecht kraͤnken koͤnnte. Mein Schwiegervater ſchnitt gar arge Geſichter, es muß ihm alſo misfallen haben, daß wir zuſammen einenStuhl349Stuhl eingenommen hatten und Du mich kuͤßteſt Weißt Du was, bleib lieber weg, mein Mann kommt ja nun bald, dann biſt Du deſto oͤfter bei uns, er wird nichts gegen unſre Vertraulichkeit haben und die dritte Perſon in derſelben ſein. Du haſt recht, gute Sophie, verſetzte Albrecht, ich bleibe weg, es waͤre ſchoͤn, wenn ich anſtatt Freude bei Euch zu finden, und die Eurige ver - mehren zu helfen, Zwietracht anrichten, Euch und mich ungluͤcklich machen ſollte; denn ich waͤr’s gewiß mit!

Robert war alſo zum letztenmale bei Sophien geweſen, aber dieſe Menſchen mit dem erwachten Gefuͤhl, daß ihre unſchuldige Freundſchaft boͤſen Schein geben und uͤble Folgen haben koͤnnte, wa - ren doch (das muͤſſen meine Leſer geſtehen, und Herr Celeſtin geſtand es auch) viel unbehutſamer, als Leute meiner Art, die bei wirklicher Ausuͤbung einer verbotenen Sache, wenns zu deſto ſicherern Genuß gehoͤrt, lange heimlich thun koͤnnen, da hingegen dieſe, die nichts thaten, ſich vielmehr die groͤßte Muͤhe gaͤben, gaͤnzlich ſtrafbar zu er - ſcheinen. Doch ſo was ſtiftet Meiſter Urian, un - ſer guͤtiger Patron, ganz eigentlich an, um uns eine Freude zu machen, denn nichts kann uns mehr er - goͤtzen, als wenn die feinen Geiſtmenſchen in dergroͤß -350groͤßten Unbefangenheit, und ohne verbotne Fruͤch - te wirklich genoſſen zu haben, in uͤble Sage hin - ein rennen, indem wir plumpen Thiermenſchen, es, wenn wirs noͤthig finden, recht gut verſtehn, heimlich zu genießen und uns oͤffentlich zu ſtellen, als wenn wir nicht daran daͤchten.

Sophie gerieth, da ſie allein war, in immer groͤßere Angſt, ſie hatte noch nie uͤble Ahndung em - pfunden, jetzt aber ward ſie mit dieſer Quaal be - kannt. Um ſie abzukuͤrzen, und alles wieder gut zu machen, nahm ſie Arbeit und gieng zu ihren Schwiegereltern, wo ſie bis ſpaͤt auf den Abend blei - ben wollte. Allein dieſer Beſuch diente zur Ver - mehrung ihrer Unruh; Vater Buſch war bei ſeinen Geſchaͤften und die Mutter gab vor, daß ſie aus - gehn muͤßte, alſo war Frau Sophie im Wege und konnte ſich wieder trollen.

Wilhelm hielt Wort und beſuchte ſie nicht mehr, ſie ſah ihn eben ſo wenig auswaͤrts und beſchloß alle Bekannte zu beſuchen, die ſie ſeit ei - niger Zeit nicht geſehn hatte, damit man ſie allenthalben ohne Wilhelms Geſellſchaft ſehen moͤchte.

Doch dies half nichts, die Zitronenhaͤndlerinn hatte es von der Mutter Buſch ſelbſt erfahren, daß alle Nachrichten, die ſie ihr von der Schwie -ger -351gertochter gebracht, durch ihres Mannes eigne Au - gen bekraͤftigt worden waͤren; die letzte erzaͤhlte es eben ſo allen ihren Bekannten und guten Freun - dinnen, die erſte hinterbrachte der Madam Schni - tzer dieſe froͤhliche Poſt, und Madame Schnitzer poſaunte ſie augenblicklich aus. Den Stuhl, den Sophie und Wilhelm getheilt hatten, ſchuf ſie zum Bett um ꝛc. Sie, alle, denen ſie, Mutter Buſch, die Fanchon, die Zitronenhaͤndlerinn und die Koͤchinnen es mit Zuſaͤtzen erzaͤhlt hatten, brachten es nun weit und breit herum; das Ge - maͤhlde, welches Argus Lauerhardt Ver - dacht nun hergeſtellt hatte, zeigte Sophien in Wilhelms Armen, der Schauplatz war das Bett der erſtern, worinnen ſie im Nachthabit lag, Wilhelm war in eben dieſem Zuſtande, ſeine Klei - der lagen vor dem Bette auf einem Stuhl und die Zeit war des Morgens um 7 Uhr, wo Vater Buſch, der es bei der Koͤchinn beſtellt, daß ſie ihn, wenn ſie auf dieſe Art wuͤrden zuſammen ſein, rufen ſollte, ſie uͤberraſchte.

Den meiſten Stoff zu dieſer wichtigen Scene hatte Suschen dem erwaͤhnten Hiſtorienmahler ge - geben, auch wuͤnſchte ſie ſich zu dieſer Thaͤtigkeit von Herzen Gluͤck. Sie war uͤber dies vollſtaͤndig ausgearbeitete Kunſtwerk ſo vergnuͤgt, daß ſie al -le352le weiteren Grillen vergaß und nach nichts neuen mehr geluͤſtete; auch war ſie lange von der beſten Laune und genoß, da nichts als angenehme Jdeen in ihr herrſchten, der feſteſten Geſundheit bei ih - rer Schwangerſchaft, woruͤber ſich Johann Jacob nicht genug freuen konnte, welcher nunmehr ſicher hofte einen lebendigen und muntern Leibeserben zu umarmen.

Jhre Zufriedenheit dauerte wirklich bis zur Niederkunft ununterbrochen fort, denn Sophiens Sache ward ſchlimm und verwickelt; ihr Mann be - handelte ſie nur zu ernſthaft.

Nicht nur hatte ihm ſein Vater geſchrieben, wie ehrlos ſich ſeine Frau auffuͤhrte, ſondern auch einer von Albrechts Freunden, der Sophien, nach dem was man jetzt oͤffentlich erzaͤhlte, fuͤr ein leicht - ſinniges Weib und ſeines Freundes unwerth hielt, glaubte, ihn benachrichtigen zu muͤſſen. Albrecht unterdruͤckte den Schmerz uͤber Sophies verlohrne Liebe und ſeine getaͤuſchten Hofnungen und kehrte, als er von der Reiſe zuruͤckkam, bei ſeinen Eltern ein, von wo er Sophien in wenig Zeilen bat, ſei - ne Wohnung zu raͤumen, weil er nicht eine Nacht in derſelben zubringen wollte, bis das treuloſe Ge - ſchoͤpf es verlaſſen, dem es ſo leicht geduͤnkt haͤt - te, ſich und den Mann, dem ſie vor nicht garlanger353langer Zeit Treue geſchworen, vor den Augen al - ler Welt zu beſchimpfen.

Wenn ich Sophiens Geſchichte liefern wollte, ſo wuͤrde ich die Ohnmacht beſchreiben, in welche ſie bei Durchleſung dieſes Billets fiel, wuͤrde nicht vergeſſen hurtig jemand nach dem Arzt, dem Wund - arzt, nach ihren Eltern, nach Albrechten ſelbſt zu ſchicken, und ſie dann, wenn der Letzte nicht kaͤ - me, in einer Senfte zu den Schwiegereltern tra - gen laſſen; um ſich mit ihrem Mann zu verſtaͤn - digen und zu verſoͤhnen. Wenn ſie denn dieſen Zweck nicht erlangte, ließ ich ſie wieder weg und zu ihren Eltern bringen, dort krank werden, dem Tode nahe kommen, ihren Mann vors Sterbe - bette fodern, ſie ihn da als in ihrer letzten Stun - de von ihrer Unſchuld uͤberzeugen und ſo die Leut - chen wieder zuſammenbringen, wobei ich die Zwi - ſchenſcenen mit Wilhelm Robert und Albrecht Buſch bald tragiſch, bald heroiſch ſchilderte. Da ich aber von allen dieſen Perſonen blos um mei - ner Mutter willen ſpreche, die ich den Leſern doch gern nach allen ihren Eigenſchaften und Faͤhigkei - ten, welche ſie an jenen ſo vorzuͤglich bewieß, be - kannt machen will, ſo muß ich alle uͤbrigen Be - gebenheiten kurz faſſen.

ZSophie354

Sophie war erſtaunt, beſtuͤrzt, erſchrocken, zit - terte und wankte, hatte aber nicht Zeit ohnmaͤch - tig zu werden, ſondern lief wie ſie war zu ihren Schwiegereltern, ihre Unſchuld unterſtuͤtzte ſie, wie ſie nachher geſagt haben ſoll, auf dieſem Gange und ſtaͤrkte ihren Muth; ſie glaubte Albrechten leicht uͤberzeugen zu koͤnnen, daß ſie nicht ſtrafbar an ihm gehandelt haͤtte. Doch hier betrog ſie der Glaube an ihre gerechte Sache. Buſch ſprach ſie nicht, und ſeine Eltern riethen ihr, zu thun wie er von ihr verlangt haͤtte, alles was ſie denn zu ſagen haͤtte, wuͤrde ſie anzubringen ſchon Gelegen - heit bekommen. Bei einer ſolchen Behandlung wollte ſich Sophie nicht zu dringenden Bitten er - niedrigen, indem ſie ſich geſtand, daß ihre Auf - fuͤhrung mit Wilhelm Robert unbehutſam geweſen war, fuͤhlte ſich auch, daß ſie uͤbrigens ſchuldlos ſei und eine Begegnung, wie ihr jetzt wiederfuhr, nicht verdiente. Sie gieng zuruͤck, ließ ihre Sa - chen zu ihren Eltern bringen und begab ſich ſogleich ſelbſt zu ihnen.

Auch ihre Eltern waren von der uͤbeln Sage, die bisher uͤber Sophien ergangen war, einiger - maßen unterrichtet, ſie hatten daruͤber mit ihr ge - ſprochen, glaubten aber, da Sophie ſelbſt nachge - dacht und ihren Umgang mit Roberten einge -ſchraͤnkt355ſchraͤnkt haͤtte, ſo ſei alles gehoben und der uͤble Ruf werde aufhoͤren.

Jetzt ſahen ſie, daß aus demſelben eine Be - ſchaͤmung fuͤr ihre Tochter gefloſſen war, als ſie kaum vermuthen konnten, wenn ſie auch wirklich ſtrafbar geweſen waͤr. Der Willkommen, den die arme Sophie empfieng, die mit wenig Worten er - klaͤrte, was ſich zutruͤge, war nicht eben zaͤrtlich, ſie glaubten, es ſei zwiſchen ihr und dem Vetter wirklich etwas vorgefallen, was ein Ehemann nicht leiden koͤnnte, und Buſch ſei unleugbar davon uͤberfuͤhrt. Als aber die Tochter im Ton der un - geſchmuͤnkten Wahrheit ſich vertheidigte und ſich bereit erklaͤrte, ihre Unſchuld auf jede beliebige Art zu bekraͤftigen, fanden ſie ſich und ſie beleidigt und wollten, daß die Sache, da ſie doch nun ſchon ſtadtkundig ſein wuͤrde, zur Rechtfertigung ihrer Tochter gerichtlich eroͤrtert wuͤrde.

Sophie liebte Albrechten zu ſehr, als den Ge - danken, daß ſie mit ihm als einem Gegner vor Ge - richten erſcheinen ſollte, ertragen zu koͤnnen. Er iſt getaͤuſcht, ſagte ſie, hier iſt nur Erklaͤrung noͤ - thig, und da er mich nicht hoͤren will, ſo erzei - gen ſie, lieber Vater, ihrer Tochter die Liebe, ſich zu ihm zu begeben, Sie darf er nicht ab - weiſen, Sie veranſtalten dann eine UnterredungZ 2am356am dritten Ort zwiſchen uns und ich wette; mein Albrecht holt mich ſelbſt wieder heim.

Vater Roſenberg ließ ſich erbitten und gieng am folgenden Nachmittag zu Albrechten, doch bis dahin hatten ſich ſo viel gute Freunde bei dem letzten eingefunden, die ihn wegen der Auffuͤhrung ſeiner Frau beklagt, ſie als ganz zuͤgellos beſtaͤtigt hatten, daß er ſeinen Schwiegervater ſehr ungern kommen ſah, auf alles, was dieſer ſagen wollte, nicht achtete, ſondern bei dem Bedauern blieb, daß er und ſo wuͤrdige Eltern einer leichtſinnigen Toch - ter, durch ſie ſchmerzlich gekraͤnkt und daß die ſchoͤnſte Harmonie auf eine ſo unvermuthete Weiſe unterbrochen waͤre.

Roſenberg kehrte, das Herz voll Jammer und Kummer, heim, er war auf Sophien, auf Wilhelm und Albrechten gleich aufgebracht, und da er ſahe, daß es ohne gerichtliche Auseinanderſetzung eines Handels, bei dem jeder Theil Recht haben wollte und der Schimpf auf ſeine Tochter allein fiel, nicht abgehn wuͤrde, kuͤndigte er, ſo bald er nach Hauſe kam, der erſten an, daß ſie auch bei ihm nicht wohnen, er ſie auch nicht eher wieder Tochter nen - nen koͤnnte, bis ſie ihre Unſchuld hinlaͤnglich dar - gethan haͤtte, es ſei uͤberdas noͤthig, vor der Hand, die Stadt zu verlaſſen, damit ſie waͤhrend desPro -357Prozeſſes nicht mit Wilhelm Robert zuſammen - treffen und den Argwohn vermehren moͤchte.

Wilhelm war untroͤſtlich, die Entzweiung die - ſer liebenden Eheleute veranlaßt und Sophien in den Ruf einer treuloſen Creatur gebracht zu haben, und doch konnte eben er mit allem Bewußtſein des Jrrthums, in welchem Albrecht war, nichts zu ſei - ner beſſeru Ueberzeugung, zu Minderung des Lei - dens dieſer Eheleute, welche durch die guten An - ſtalten meiner Mutter getrennt waren, beitragen. Dennoch ſchrieb er an Albrechteu und ſuchte ihn durch die aufrichtige Wiederholung der unſchuldi - gen Freuden, welche er waͤhrend ſeiner Zuruͤckkunft mit ihr genoſſen, nur wenigſtens zu der Ueberle - gung zu bringen, daß man wohl auch zu viel geſagt haben koͤnnte, weil er denn mit ſich raͤſonniren und von ſeinem gefaßten Argwohn zuruͤckkommen wuͤrde. Allein Albrecht ſchickte den Brief unentſiegelt zu - ruͤck, und ſchrieb ihm, daß er ſich uͤber die Dreu - ſtigkeit wunderte, mit der es Wilhelm zu unter - nehmen wagte, einen Ehemann, deſſen Ehre er ohne Ruͤckſicht auf die Rache, welche dieſer nehmen koͤnnte, beleidigt haͤtte, noch durch einen Brief von ſeiner Hand entweder reizen oder aͤffen zu wol - len! Sophiens Unverſchaͤmtheit waͤre nur mit der ſeinigen zu vergleichen, beide verdienten aber Ver -Z 3ach -358achtung, und ſo haͤtte er beſchloſſen, ſich mit kei - nem von ihnen auf weiteres einzulaſſen, haͤtte ihm alſo mehr nicht zu ſagen, als daß er alles, was von ihm und ſeiner Couſine kaͤme, ferner verbitten muͤßte.

Dies war zu ſtark! Wilhelm konnte es nicht vertragen, gern haͤtte er ſeine und Sophiens Ehre mit dem Degen vertheidigt, aber nicht er, nicht Albrecht gehoͤrten unter die, denen es zukommt ſich entweder todt oder zu Kruͤpeln zu hauen oder zu ſchießen wenns gerathen will: ſie waren we - der Offiziers, noch Studenten, noch Adliche, muß - ten alſo ihre Ehre den Federn der Advokaten in die Cur geben.

Daher beſchloß Robert Albrechten vor Gerichte laden zu laſſen, Roſenberg wollte ihn ebenfalls ver - klagen, indem er zugleich auf genaue Unterſuchung antragen wollte, ob ſeine Tochter wirklich ſtrafbar ſei. Dieſe ſaß in einer kleinen Stadt, bei einer einſam lebenden Tante und weinte Madam Schnitzer haͤtte ſich nicht meiſterhafter raͤchen koͤn - nen. Sie hoͤrte auch vor Freuden auf, alle andre zu verfolgen, die ſie nicht leiden konnte, ſchimpfte nicht mehr wie ſonſt, wenn ſie mit der Fanchon allein war, oder ihren Mann aͤrgern wollte, auf Felßen, und fragte ſogar nicht, ob ihr Mann ihnbe -359beſuchte oder nicht. Felß haͤtte alſo das Gluͤck ha - ben koͤnnen, daß ſie ihn wenigſtens unangefochten laufen ließ, wenn er ihr nicht ungluͤcklicher Weiſe nachher noch Urſach zum Zorn gegeben haͤtte. Mei - ne Leſer werden es im folgenden Abſchnitt erfah - ren, wie groͤblich er ſich an ihr verſuͤndigte.

Dem ehrlichen Johann Jacob, welcher nichts davon ahndete, daß ſeine theure Haͤlfte die Stif - terinn der Zerruͤttung unter den Buſchiſchen und Roſenbergiſchen Familien war, ward ſeine haͤusli - che mehrere Ruhe und die Hofnung eines Sohns durch dieſe Geſchichten nicht wenig verbittert, er ſprach oft mit Suschen davon, welche, da ſie ih - ren Zweck erlangt hatte, Gelaſſenheit genug gefaßt hatte, um an ſich halten zu koͤnnen, und wo nicht auch Misfallen daran zu bezeugen, doch ohne Scha - denfreude zu verrathen, daruͤber zu ſprechen, das ſchlimmſte, was ſie dann zuweilen anhaͤngte, war, daß Albrecht dieſe Verdruͤßlichkeiten an ihr verdient haͤtte, welches Schnitzer mit Stillſchweigen uͤber - gieng.

Sie erfreute ihn beim Ausgang des Fruͤhjahrs mit einer geſunden und wohlgeſtalten Tochter; und ich bin herzlich froh, daß die Dirne endlich da iſt, weil ich nun ſo gluͤcklich bin, meinen Le - ſern zu melden, daß ich, der nur ein Jahr ſpaͤ -Z 4ter360ter auf die Welt kam, im naͤchſten Abſchnitt die Ehre haben werde, Jhnen aufzuwarten. Jch kann den Zeitpunkt meiner Erſcheinung gar nicht erwar - ten, und habe deshalb dieſen neunten Abſchnitt abgekuͤrzt, um nur das Maͤdchen ans Licht zu brin - gen. Auch im folgenden will ich alles, was von der Geburt meiner Schweſter bis zu der meini - gen vorgieng, ſo kurz als moͤglich vortragen, da - mit ich, ſo nahe am Anfang meines theuern Le - bens daſſelbe doch endlich empfangen moͤge.

Zehenter Abſchnitt. An deſſen Ende mich die Leſer werden ſchreien hoͤren.

Es will ſich (wie mir der Nachbar Schulmeiſter ſagt, der von keiner Niederkunft hoͤren kann, oh - ne an den darauffolgenden Kindtaufsſchmaus zu denken) nicht anders ſchicken als daß ich von dem Taufen meiner Schweſter einige Nachricht gebe. Mithin melde ich, daß Madam Schnitzer, als ſie ſich geſund und friſch und eben ſo ihr Toͤchterchenbei361bei vollkommnen Wohlbefinden ſah, ſehr froh war, ihre ſchoͤnen Anſtalten zum Aufputz des Kin - des, der Wochenſtube und ihrer eignen woͤchner - lichen Perſon endlich zeigen zu koͤnnen und demnach auf eine brillante Kindtaufe und vornehme Gevat - tern antrug. Johann Jacob war bei dem Anblick einer Tochter nicht ganz ſo froh, als wenn es ein Sohn geweſen waͤr, aber er war immer ein gu - ter Chriſt und es ſeit der Bekanntſchaft mit Fel - ßen noch mehr geworden, da dieſer als ein gelehr - ter Mann und Philoſoph Verehrer des Chriſten - thums war. Demnach fand er ſich in alles was ſeiner Meinung nach, Gottes Wille ſei, worun - ter er denn auch die zufaͤllige Begebenheit zaͤhlte, daß ſein Kind nicht maͤnnlichen, ſondern weibli - chen Geſchlechts war. Er that ſeiner Frau den Willen, die vornehmſten Leute von ihrer Bekannt - ſchaft in der Stadt zu Gevattern zu bitten und ließ es auch geſchehn, oder mußte es geſchehen laſſen, daß ſie dem Maͤdchen die Nahmen Jeanotte Fran - caiſe Madelon geben wollte, dieſe Namen wurden alſo franzoͤſiſch aufgeſchrieben und mit in die Kir - che geſchickt. Da ſie erfuhr, daß der Prieſter ſie ſo nicht ausgeſprochen, ſondern meine Schweſter Johanne Franziſka Magdelena getauft hatte, ward ſie vor Aergerniß ſo krank, daß ſie den Herrn, dieFrau362Frau und Mamſell Gevattern nicht mit der ein - ſtudierten Artigkeit und den franzoͤſiſchen langui - ſanten Facons charmiren konnte, die ſie ſich von der Fanchon als zur Sache gehoͤrig hatte aufheften laſſen. Sie mußte im Ernſt die Krankenrolle ſpielen, wobei ſie in ein ziemlich unſanftes Be - tragen fiel, ihren Mann, da er ſich dem Bette nahte, erbittert von ſich ſtieß, indem ſie ihn einen Michel allemand nannte; ſie glaubte nemlich, daß er den Prediger hinterliſtiger Weiſe gebeten haͤtte, die Namen des Kindes deutſch auszuſpre - chen. Der letzte, welcher auch zum Kindtaufen gebeten war, erhielt nur ſehr unfreundliche Geſich - ter und ſie ſchwur in ihrem Herzen, bei ihm nicht mehr zur Beichte zu gehn, auch kein Kind mehr taufen zu laſſen, es moͤchte auch kommen, wie es wolle.

Bei dieſer heftigen Alternation war es ein Gluͤck fuͤr meine Schweſter, daß Suschens Hoch - muth ihr nicht erlaubt hatte, ſie ſelbſt zu ſtillen, welches ihr uͤberhaupt beſtaͤndig zu ſtatten kam, denn nun mochten die Leidenſchaften in der Frau Mutter abwechſeln und wuͤthen wie ſie wollten, ſo bekam doch die Kleine nichts davon zu genießen, welche mit ihrer Amme in ein Dachſtuͤbchen ver - bannt ward, ſo bald die Wochenviſiten vorbei wa -ren,363ren, wo das Kind den niedlichen Muͤtzchens und den garnirten Kiſſen zu gefallen, die fuͤr daſſelbe beſorgt waren, ſchon in der Wochenſtube bleiben mußte.

Sie konnte dies arme Maͤdchen von dem Au - genblick an nicht leiden, wo ſie hoͤrte, daß ihm der Prediger die Namen deutſch beigelegt hatte; um den kleinen Palg, wie ſie daſſelbe nannte, nur einigermaßen ertraͤglich zu finden, beſchloß ſie, es Madelon zu rufen, weil ſie die Ausſprache dieſes Namens am meiſten franzoͤſiſch und am ungewoͤhn - lichſten fand.

Nachdem die von der gehabten Aergerniß ver - urſachte Unpaͤßlichkeit vorbei war, ſtellte ſich wie - der ein recht feſtes Wohlſein bei Frau Suschen ein, demohngeachtet hatte ſie beſchloſſen, ihre Wochen voͤllig auszuhalten, um deſto bluͤhender hervorzu - treten. Allein unſre Entſchluͤſſe aͤndern ſich oft, wenn die Umſtaͤnde es erfordern und ſo hatte ſich auch hier eine Nachricht eingefunden, welche Ma - dam Schnitzer ſogleich auszugehn vermochte. Sie erhielt, als das angenehmſte Geſchenk ins Wochen - bett einen Brief vom Baron Treff; die Sache, um die er ſchrieb, betraf zwar nur eine Kommiſſion, allein ſie hielt den Auftrag fuͤr ein ſichres Zeichen, daß er zu ihr zuruͤckkommen wuͤrde und ſchaͤtzteſich364ſich bei dieſer Ausſicht unendlich gluͤcklich. Zehnmal druͤckte ſie den lieben Brief an ihr Herz, zwanzigmal kuͤßte ſie ihn und gab dem Verfaſſer die zaͤrtlichſten Namen, auch die Fanchon mußte ihn kuͤſſen, und erhielt auf die gute Hoffnung, daß der Herr Ba - ron wieder kommen, Freude und Gewinn zuruͤck - bringen werde, ein Geſchenk. Das zaͤrtliche Sus - chen richtete ſeinen Auftrag ſehr puͤnktlich aus, und war ſchon im Begriff, ihm darauf ſchriftlichen Bericht abzuſtatten, als ſie den gluͤcklichen Einfall bekam, lieber ſelbſt in das Bad, woher Treff ge - ſchrieben hatte, zu reiſen.

Schnitzer wunderte ſich nicht wenig uͤber die - ſen Einfall, als ſie ihm denſelben mittheilte, aber da er nur den Mund oͤffnete, um ſich woͤrtlich zu wundern, bezeigte ſie mit lauter Stimme ihr Mis - fallen an der Hartherzigkeit eines Mannes, der ſeiner Frau nach ſo viel ausgeſtandner Plage und ſchweren Krankheiten nicht einmal dieſe Recrea - tionsreiſe goͤnnen wollte. Schnitzer uͤberlegte, in - deſſen, ſie ſchrie, daß er ein Thor waͤre, dieſem Ruhepunkt in ſeinem jetzigen Lebenslauf entgegen zu arbeiten und ſagte ganz gelaſſen: Du haſt recht, mein liebes Suschen, reiſe reiſe in Got - tes Namen!

Sus -365

Suschen unterſuchte den Sinn nicht, aus welchem dieſe Worte floſſen, ſie machte ihre An - ſtalten, uͤbergab Mamſell Fanchon die Wirthſchaft, und zog des Wegs nach P. Schnitzer aber blieb mit der kleinen Madelon, oder Lehnchen, wie er ſie heimlich nannte, in Frieden zu Hanſe.

Madame Schnitzer packte allen ihren Staat zuſammen, um in P. recht galant zu ſein und dem Baron Ehre zu machen, der ihr dort wieder Ehre erzeugen und Vergnuͤgen machen ſollte. Sie wuͤnſchte nichts mehr, als daß außer ihm keines ihrer Bekannten in P. ſein moͤchte, damit ſie ſich wenigſtens fuͤr eine Kaufmannsfrau, vielleicht fuͤr noch etwas mehr ausgeben koͤnnte; Treff ſollte ihr denn wohl den Gefallen thun, das zu beſtaͤtigen, wofuͤr ſie ihn doch auch nach Erforderniß wieder dienen koͤnnte.

Jhre Ankunft war dem Herrn Baron Anfangs nicht ſo recht gelegen, er hatte eine Bekanntſchaft gemacht, wobei ihm, meinte er, Madam Schnitzer mit dem Ton der Vertraulichkeit nicht kommen durfte, wenn jene Dame in der guten Meinung von ihm fortfahren ſollte. Zwar fand er nichts leichter als Suschen wieder unter den Gehorſam zu bringen, aber er fuͤrchtete, daß ſie, wenn ſie recht eiferſuͤchtig wuͤrde, heimliche Raͤnke machenund366und der Dame ſeines Herzens allerhand ſtecken moͤchte, was ihm bei ihr nachtheilig ſein koͤnnte. Jndeſſen Frau Suſe war einmal da und es ſtand nicht in Treffs Macht ſie wieder fortzuſchicken. Das Beſte war alſo eine trauliche Miene anzuneh - men, ſich uͤber ihre Ankunft vergnuͤgt zu ſtellen und eine vorlaͤufige ausfuͤhrliche Unterredung mit ihr zu haben. Die Schnitzerinn war erfreut, ihren Baron ſo liebreich und freundſchaftlich zu finden, ſie ruͤckte, da ſie ihn ſo geſtimmt ſah und ſchon aus - geforſcht hatte, daß niemand, der ſie kannte, zu - gegen ſei, ohne Verzug mit der Abſicht, ſich fuͤr etwas vornehmers, als ſie war, auszugeben, her - aus und bat, ſie nicht zu verrathen. Recht gern, Suschen, ſagte Treff, Du kannſt, wenn Du willſt, eine Frau Kriegsraͤthinn ſein, ich will Dir luͤgen helfen, daß Du Deine Freude haben ſollſt, da - fuͤr aber hab ich auch eine Bedingung. Es iſt ein Fraͤulein von N. hier, auf die ich Abſichten habe, erſchrick nicht, Kind, wir koͤnnen deswegen doch gute Freunde bleiben aber hier mußt Du mir nicht in die Quer kommen, denn ſieh, Fraͤulein N. hat Geld, wenn ich das mit ihr heirathe, ſoll Dirs auch zu Gute kommen, ich bringe ſie denn mit zu Euch und da leben wir flott; wenn ſie es denn auch erfaͤhrt, daß Du nicht Frau Kriegs -raͤthinn,367raͤthinn, ſonder Frau Wirthinn biſt, was ſchadets, wenn ſie es nur hier nicht weiß. Alſo Frau Kriegsraͤthinn Schnitzerinn, Sie werden ſo gut ſein, vor den Leuten ganz fremd mit mir zu thun, und auch nicht etwa zu mir zu kommen, oder zu ſchicken, denn wir koͤnnen uns doch ſo ſprechen, wo - zu ich ſchon Gelegenheit finden werde. Jch will ſchon morgen allenfalls, wenn Sie auf der Prome - nade erſcheinen wollen, an Sie herangehn, Sie als eine Dame, mit der ich einigemal in Geſell - ſchaft war, gruͤßen, und ſo andern vorſtellen. Daß Sie ſich aber nur auch ſo verhaͤlt, junge Frau, wie ich geſagt, ſonſt wird gleich erzaͤhlt, wer Sie eigentlich iſt, und Sie wird zum Gelaͤchter.

Die Schnitzerinn hatte bei dem erſten Theil von Treffs Rede, Herzbluten bekommen, aber ſie hatte denn auch uͤberlegt, daß ſie ſich ja den Fall einer Heirath des Barons lange haͤtte denken muͤſſen. Das Verſprechen fortdauernder Freundſchaft und mitzutheilenden Geldes ſeiner kuͤnftigen Frau, war ſehr beſaͤnftigend, beſonders wuͤrkten die ſchoͤnen Worte: dann leben wir flott kraͤftig in Sus - chens Vorſtellungskraft, und endlich vollendete das Vergnuͤgen und die Ehre, welche ſie als Frau Kriegsraͤthinn in P. genießen wuͤrde, ihren Sieg uͤber Eiferſucht und Schmerz der getaͤuſchten Hoff -nun -368nungen auf Treffs erneuerte Liebe. Sie verſprach ihm, ſich ſo behutſam als moͤglich aufzufuͤhren, und wuͤnſchte ſogar guten Erfolg ſeines Vorha - bens.

Nun war alles im Gange, Suschen ward richtig den folgenden Tag als Frau Kriegsraͤthinn Schnitzerinn vorgeſtellt und als ſolche geſchaͤtzt. Sie war bei den meiſten guten Geſellſchaften und nahm an allen Vergnuͤgnugen Theil. Da ſie ſahe, daß einige Damen ſpielten, und ſie ſchon zu Hauſe oft bei dem Baron auf eine Charte geſetzt hatte, ſtellte ſie ſich ebenfalls am Pharotiſch ein, ſie war das erſte und anderemal gluͤcklich, dies reitzte ſie zu weitern Verſuchen, und endlich war ſie die eifrigſte und unablaͤſſigſte Spielerinn. Demohnerachtet blieb ihr Zeit uͤbrig, die Geſchichten aller, die in P. waren und ankammen, auszuforſchen, wozu ſie eine beſondere Gabe beſaß. Sie war bald im Beſitz aller Begebenheiten der hohen und niedern Badegaͤſte, aller der Vorfaͤlle in ihren Leben, womit keiner gern die Geſellſchaft unterhaͤlt; die geheime Geſchichte ſaͤmtlicher Herrſchaften, ihre eigentliche Vermoͤgensumſtaͤnde u. d. gl. wußte ſie an den Fingern her zu erzaͤhlen. Eben ſo waren ihr die fuͤr den Aufenthalt im Bade ge - machten Verbindungen bekannt, wovon die Vaͤ -ter369ter und Muͤtter, Ehemaͤnner und Weiber nichts wiſſen duͤrfen. Da ſie nichts darunter litt und mit der Hoͤflichkeit, die man ihr allgemein er - wieß, zufrieden war, brachte der Gefallen, wel - chen ſie ſelbſt an heimlichen Ergoͤtzungen fand, den großmuͤthigen Entſchluß bei ihr zu Wege, von allem, was ſie wußte, nichts zu verrathen.

Sie hatte ſich, um dem Baron Treff zu beweiſen, daß es eben nicht auf ihn allein an - kaͤme, gleichfalls mit einem Verehrer vorſorgt, welcher noch darzu ſo gut als er ein Edelmann war, dieſer glaubte einer huͤbſchen Frau Kriegs - raͤthinn, die auch immer ſehr elegant auftrat, wohl oͤffentlich den Hof machen zu koͤnnen, wor - auf ſich dieſe nicht wenig zu Gute that, und ihm die heimlichen Beſuche, die er ihr zu geben wuͤnſchte, gern geſtattete.

Doch ihr treues Herz hieng, ohne daß ſie dieſe neue Liebe vernachlaͤſſigte, noch zu ſehr an dem Baron Treff, als daß ſie ihm, wenn er und wenn ſie abkommen konnte, kleine Verguͤn - ſtigungen haͤtte verſagen ſollen. Jn ſolchen Stunden ſtattete ſie ihm Bericht von allem ab, was ſie die in P. befindlichen Perſonen betreffend, erfahren hatte, und da ſie vorzuͤglich befliſſen geweſen war, ſich uͤber Leben, Thaten undA aGeld -370Geldbeſtaͤnde des Fraͤuleins von N. die mit ei - ner Verwandten in P. war, und ziemlich un - genirt lebte, zu unterrichten, ſo konnte ſie dem Baron alles bekannt machen, was dieſe neue Geliebte betraf und ihm zu wiſſen heilſam war.

Es kam ſo manches vor, welches auch ein etwas weniger zartfuͤhlender Mann als Felß ge - nau unterſucht, und wenn ers wahr befunden, fuͤr einen hinreichenden Grund, dem Fraͤulein zu entſagen, gehalten haͤtte, aber Baron Treff war nicht ſo wunderlich, es war ihm vielmehr lieb zu erfahren, daß die N. hinlaͤngliche Suͤn - den begangen haͤtte, um ſie mit den ſeinen in gleiche Rechnung zu bringen, und, ſie moͤchte er - fahren, was ſie wollte, ihm keine Vorwuͤrfe machen koͤnnte. Madam Schnitzer haͤtte ihn ohne Zweifel von einer Verbindung mit ihr ab - zuhalten geſucht, weil ſie doch dem Gedanken, daß eine andere in naͤhere Rechte bei dem Baron treten ſollte, nicht ſo recht guͤnſtig werden konn - te, aber ſie hatte erfahren, daß ſie nicht nur ſchon ein huͤbſches Kapital beſaͤß, ſondern auch, wenn ſich ein Heirather faͤnde, von einem gewiſſen Fuͤrſten ein noch anſehnlicheres zu erheben haͤtte. Alſo konnte Treff Suschens alter Freundſchaft ſo manches Opfer von dem Vermoͤgen der neuenFreun -371Freundinn bringen; daß er dieſes thun ſollte, be - ſchloß ſie durch jede Gefaͤlligkeit, die er von ihr verlangen wuͤrde, zu bewuͤrken, ſollte es auch ihre Vermittelung bei einer neuen Liebes-Jntrigue ſein.

Eben ſo beſchloß ſie, die kuͤnftige Frau Ba - roninn ſelbſt in Contribution zu ſetzen, indem ſie ihr nicht nur im Verweigerungsfalle ſo manches erbauliche was ſie von ihr erfahren, (worunter die Urſach, warum der Fuͤrſt die anſehnliche Summe zahlte, das ehrſaniſte war) in einem nicht rauhen, aber ſchalkhaften Tone vorwerfen wollte, damit die Dame noͤthig finden moͤchte, ihr Schweigegeld zu geben, ſondern es war auch hoͤchſt wahrſchein - lich, daß die gnaͤdige Frau ſelbſt eine Vertraute brauchte, welche, wenn ſie mit einem andern als ihrem Mann was geheimes abzumachen haͤtte, als dienſtfertige Vermittlerinn zu brauchen waͤre. Mit einem Wort, Madam Schnitzer hatte be - ſchloſſen, die Heirath zuzulaſſen, damit ſie dieſe zukuͤnftigen Gatten jedes in ſeiner Art benutzen koͤnnte, alſo redete ſie dem Baron nicht nur be - ſtaͤndig zu, ſondern ſchmeichelte auch niemand mehr als Fraͤulein N. wobei ſie ihr den Baron ungemein anprieß.

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Die Urſache, welche Suschen bewog, dem Jntereſſe der Liebe das Jntereſſe der Kaſſe ſo ent - ſchloſſen vorzuziehn, lag in dem Vergnuͤgen, das ſie fand, als eine Frau von ſolchem Stande ange - ſehn zu ſein, die in den beſten Geſellſchaften und unter dem Adel auftreten konnte. Sie nahm ſich vor, wie es auch werden ſollte, nicht immer Gaſt - wirthinn zu bleiben, Schnitzer moͤchte leben oder ſterben. Wenn das letzte nicht bald geſchaͤhe, ſo wollte ſie, um doch in der Ehe mit einem vorneh - mern Mann wenigſtens ruhigen Gewiſſens zu ſein, und ſich nicht vor Schnitzers Geiſt fuͤrchten zu duͤrfen, wenn ſie ihn heim befoͤrderte, durch Gelegenheit geben und Gelegenheit machen, wie auch durch das Spiel ein heimliches Kapital zuſammen zu bringen ſuchen. Jn dieſem letzten Theil ihrer Jnduſtrie hoffte ſie mit Grunde etwas vor ſich zu bringen, denn ſie war nicht ungluͤcklich, und hatte die Sache recht gut begriffen. So gar war ſie vollkommen ge - ſchickt, den Banquier zu machen, wenn Baron Treff etwa eine Verhinderung hatte, oder mitten im Spiel weggieng, um ſich bei einer beſtellten partie fine einzufinden. Er hatte ihr einſt in einer vertrauten Stunde gewiſſe Entdeckungen ge - macht, ſeitdem ſchonte ſie ihre Haͤnde und Finger beſtaͤndig um ſie weich und zart zu machen.

Die373

Die Freuden der Baͤder erreichten endlich, ſo wie alles in der Welt, fuͤr dies Jahr auch ihr Ende und die Frau Kriegsraͤthinn, welche das Gluͤck ge - habt hatte, nicht nach ihrem eigentlichen Stande entdeckt zu werden, mußte die Heimreiſe antreten, um wieder Frau Wirthinu zu ſein. Sie verließ P. mit Verdruß, doch da ſie uͤberlegte, daß ſie doch den Vorſchmack eines kuͤnftigen hoͤhern Standes ge - noſſen, daß ſie von ihrer Badereiſe keinen Schaden gehabt hatte, vielmehr mit einer beſſern Boͤrſe verſehn nach Hauſe kaͤm, als ſie mitgebracht hatte, da ſie auch die gewiſſe Verſicherung hatte, daß Treff, welcher die Begebenheit mit Felßen nicht mehr achtete, ſondern ſie fuͤr veraltert hielt, we - nigſtens in zwei Monaten wieder in ihrem Hauſe Wohnung aufſchlagen wuͤrde, ſo verſchmerzte ſie die vergangene Gluͤckſeligkeit noch ſo ziemlich.

Jndeſſen ward ihr doch bei ihrer Ankunft wunderlich zu Muthe, indem ſie nun wieder Gaſt - wirthinn ſein mußte; ſie wuͤrde Schnitzern nicht eher Ruhe gelaſſen haben, bis er den Gaſthof ver - kauft oder verpachtet und im zweiten Hauſe priva - tiſirt haͤtte, wenn ſie den erneuten Gewinn, wel - cher nach Treffs Ankunft auf den ehemaligen Fuß eintreten ſollte, nicht fuͤr unentbehrlich zu ihren kuͤnftigen Abſichten gehalten haͤtte.

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Dieſe Nothwendigkeit machte ſie aber meiſt uͤbellaunig, ſie hatte uͤberdem an Stolz und Ei - genſinn nicht wenig zugenommen, ſogar ihrem Mann begegnete ſie viel geringſchaͤtzender als ſonſt. Die Domeſtiquen ſtießen zehnmal mehr als ſonſt bei ihr an, wenn ſie ſich irgend in Reſpect vergiengen, und vor den Gaͤſten ließ ſie ſich wenig mehr ſehn, um nicht genoͤthigt zu ſein, die Wirthinn zu ma - chen. Alles war ihr im Hauſe zuwider, bis auf die kleine Madelon, welche ſie als eine wirkliche Gaſtwirthstochter, die dem Johann Jacob auch vollkommen aͤhnlich war, kaum vor Augen ſehn konnte. Dieſe ſehr billige Abneigung wuchs auch ſo ſehr, daß, als ich, der, wie meine Mutter gewiß zu wiſſen meinte, eines beſſern Herkommens war, neben ihr erwuchs, ſie alles billigte, was ich dem Maͤdchen anthat, die wie ihr Vater ſtillen Ge - muͤths war und gar nicht meine und der Mutter Neigungen hatte, ja daß ich ſie, wie der Leſer in der Folge erfahren wird, ganz zu meinem Opfer machte.

Die widerwaͤrtige und kleine Lage, in welche ſich Suschen aufs neue fuͤgen mußte, war es nicht allein, welche ſie uͤbel aufgeraͤumt macht, es hat - ten ſich noch waͤhrend ihrer Abweſenheit Dinge zu - getragen, welche ihr bewieſen, daß man nicht et -liche375liche Monate von Hauſe weg ſein kann, ohne daß gleich alles drunter und druͤher geht und die beſten vorhin gemachten Anſtalten verdorben werden. Um den Verdruß der Madam Schnitzerinn in ſeiner ganzen Groͤße zu zeigen, iſt es erforderlich die Be - gebenheiten, welche, indeſſen ſie im Bade jubelte, vorgefallen waren, umſtaͤndlich zu erzaͤhlen, vor - her aber will es noͤthig ſein, im Vorbeigehen ein Wort von Johann Jacobs Strohwittwerſchaft zu ſagen.

Jch habe dem Leſer berichtet, daß Suschen die Fanchon uͤber ihre Wirthſchaft geſetzt hatte, dies war freilich nicht ſo ganz nach Schnitzers Ge - ſchmack, aber in der Hofnung, ſie werde ſich vor der Ahndung ſeiner Frau fuͤrchten, und alſo gut wirthſchaften und richtige Rechnung fuͤhren, beruhigte er ſich. Allein kaum konnte er ſchweigen, da Mamſell Fanchon ihr Quartier nicht nur am Tage, ſondern auch als Nachtherberge und nicht nur fuͤr ſich, ſondern fuͤr etliche ihrer Koſtgaͤnge - rinnen, bei ihm aufſchlug, und ſich Mannsperſo - nen aller Art bei ihm einniſtelten, welche oft ſehr ſpaͤt in der Nacht heim giengen. Er nahm ſich einigemal das Herz, der Fanchon Vorſtellungen da - gegen zu thun; die Jnterims-Regentinn berufte ſich aber auf ihren Auftrag von ſeiner Frau, ihr ſoA a 4viel376viel als moͤglich zum Nutzen zu wirthſchaften, wo - zu denn auch gehoͤrte, daß ſie die Gaͤſte nicht weg - wies, die was verzehren wollten, daß alſo Herr Schnitzer wegen dieſer ihrer guten Meinung, wo - bei ſie ſich keine Muͤhe verdruͤßen ließ, nicht noch ungehalten ſein duͤrfte. Johann Jacob konnte hier nicht ganz widerſprechen, oder vielmehr er hatte das Herz nicht, indem er fuͤrchtete, die Fanchon werde ihm Verdruß bei ſeiner Gebieterinn anrichten, indem ſie ihr ſagen wuͤrde, er haͤtte aus Eigenſinn die Gaͤſte weggeſcheucht. Weil er ſich nun nicht anders zu helfen wußte und lieber das Anſehn ha - ben wollte, als wuͤßte er nicht, was zu Hauſe vorgieng, miethete er ſich ein Gartenlogis und zog mit ſeinem armen Lehnchen, die jetzt ſein ganzes Gluͤck ausmachte, und ihrer Amme dahin.

Als Suschen ein paar Tage nach ihrer Zuruͤck - kunft Reviſion hielt, ſo fand ſie, daß ihre Stell - vertreterinn ſehr uͤbel gewirthſchaftet und nichts in Kaſſe hatte, am liebſten haͤtte ſie ſich aufs Schla - gen mit ihr gezankt und ihr die anzuͤglichſten Re - den gegeben, aber die Fanchon war zu ſehr in ih - re Geheimniſſe verwickelt, ſie konnte dreuſt ſein und war es auch. Suschen ſchenkte es ihr zwar nicht ganz, aber das aͤrgſte was jener widerfuhr, war, daß ſie ihr die Wirthſchaft abnahm, in einem hoͤniſchenTon377Ton alle fernere Bemuͤhung verbat, ihr zu verſtehn gab, daß ſie nach Hauſe gehn koͤnnte und einige Wochen mit ihr zuͤrnte.

Deſtomehr mußte der arme Schnitzer entgel - ten. Da ſie von der Reiſe zuruͤck kam und erfuhr, daß er in einem Garten wohnte, nahm ſie es nicht ſogleich uͤbel, es ſchiene ihr einigermaſen vornehm, da er doch einmal ihr Mann war, ſahe ſie es nicht ungern, daß er wie Leute vom Stande den Som - mer auſſer der Stadt zugebracht hatte. Er zog mit Lehnchen Madelon heim, ſo bald er hoͤrte, daß ſei - ne Frau zu Hauſe waͤr, denn der gutmuͤthige Jo - hann Jacob hatte ſich ſogar nach ihr geſehnt, oh - ne daran zu denken, daß bei ihrer Ankunft ſeine Ruhe abreiſte. Sie empfieng ihn kalt, ſtolz und verdruͤßlich, hatte wenig zu erzaͤhlen, eben ſo we - nig uͤberhaupt mit ihm zu ſprechen, ſie wollte aus - ruhn und auspacken, ſich wieder einrichten, Schni - tzer ließ ſie alſo ruhn, auspacken, ſich einrichten. Nach der gehaltenen Unterſuchung aber ließ ſie ih - ren Grimm vorzuͤglich an ihm aus. Warum hat - te er nicht ſelbſt nach der Wirthſchaft geſehn, was war es noͤthig, daß er, da ſie nicht zu Hauſe war, in einen Garten zog, um auch dadurch die Aus - gaben zu vermehren und ſeine Faulheit abwarten zu koͤnnen? Des Zankens und der Vorwuͤrfe warkein378kein Ende, beſonders da ſich Frau Suschens Ver - druß durch andre uͤble Nachrichten ſo ſehr ver - mehrte. Dieſe Nachrichten waren auch voͤllig ge - ſchickt, die uͤbelſte Laune bei ihr zu erwecken, wenn auch uͤbrigens nirgend Gelegenheit dazu geweſen waͤr. Sie betrafen die Verſoͤhnung zwiſchen Al - brechten und Sophien, welche ihr die Fanchon und die Koͤchinn, ſo bald ſie ankam, als die wichtigſte Be - gebenheit waͤhrend ihrer Abweſenheit, bekannt machte.

Erſt da ſie ausgeruht und zwei Briefe an den Baron Treff und ihren zweiten Freund im Bade geſchrieben hatte (wozu ſie ungeſtoͤrt ſein und einen ganzen Tag haben mußte, weil ſie eben nicht die fertigſte Briefſtellerinn war) erſt da hatte ſie Zeit, die naͤhern Umſtaͤnde dieſer Verſoͤhnung zu erfragen und da hoͤrte ſie, daß ſie durch Felßens Vermitte - lung zu Stande gekommen war, welches die Sache bei ihr noch aͤrgerlicher machte.

Meine Leſer werden ohne Zweifel zu erfahren wuͤnſchen, welche Wege Felß zu dieſem Zweck ein - geſchlagen habe, ſie ſind, wie ich vermuthe von dem Mann eben ſo eingenommen als Herr Celeſtin, und wollen bei aller Gelegenheit, wo er im Spiel iſt, wiſſen wie er ſich benahm, alſo muß ich wohlge -379gefaͤllig ſein, und ihr Verlangen auch hier befrie - digen.

Sophiens Eltern hatten die Klage gegen ihren Schwiegerſohn nicht gleich nach der Abreiſe ihrer Tochter anhaͤngig gemacht; immer zauderten ſie, es ſchien ihnen moͤglich, daß ſich Sophie dennoch verſchuldet haben koͤnnte, weil ſie bis zu ihrer Ab - reiſe den gerichtlichen Unterſuchungen abgeneigt ſchien und es lieber nach einiger Zeit, die ſie Al - brechten zur Ueberlegung geben wollte, zu verſu - chen wuͤnſchte, ob ſie ihn nicht durch Briefe von ſeinem Jrrthum uͤberzeugen koͤnnte. Sie waren zwar nicht ſonderlich auf Wilhelm Robert zu ſpre - chen, da ſie ihn als die Urſache dieſer Entzweiung anſehn mußten, auch wollten ſie ihn nicht bei ſich ſehn, aber Mutter Buſch ſprach doch ihre Schwe - ſter, erfuhr alſo, daß Wilhelm auf ſeinen, Albrech - ten zugeſchickten Brief hoͤchſtbeleidigende Antwort bekommen hatte und ebenfalls klagen wollte. Da ſie aber Sophiens Bitte, den Proceß noch aufzu - ſchieben, nachgegeben hatten, und den ſchon er - waͤhnten Verdacht auf ſie und Roberten hegten, ſo verlangten Vater und Mutter Buſch, daß Wil - helm mit der Klage auch noch warten ſollte, weil es Zeit genug ſein wuͤrde, wenn ſie dazu ſchritten. Sophie hatte an ihren Mann geſchrieben und Ant -wor380wort erhalten. Sie war beſcheidner wie ſein erſtes Billet und zeigte ſeinen Schmerz, ſie verlohren zu haben, aber Hofnung daß er ſich werde uͤberzeu - gen laſſen, lag nicht in dieſem Brief. Doch So - phie war mit dieſem Anfang zufrieden, ſchrieb ihren Eltern, daß ſie Ausſichten zur Verſoͤhnung haͤtte, und ſetzte ihren Briefwechſel mit Albrech - ten fort, der denn nicht ſogleich antwortete, auch ward wegen Meßreiſen, dieſe ſchriftliche Unterhal - tung auf eine Zeitlang unterbrochen. Felß war der einzige, mit welchem Albrecht von ſeinem Kum - mer ſprach; der erſte ſahe, daß der letzte ſeine Gattinn liebte und ſie wieder aufzunehmen wuͤnſch - te, wenn ſie ſich rechtfertigen koͤnnte, welches ihm aber unglaublich ſchien. Felß hatte Sophien nie genug gekannt, um urtheilen zu koͤnnen, ob ihr Unrecht geſchaͤhe oder nicht, aber durch das, was er ſo wohl von ihrem Mann als einigen Redlichen, ihre ſonſtige Denkungs - und Handlungsart betref - fend, hoͤrte, ſchloß er, daß ſie ſehr lebhaft, zu - weilen unbeſonnen, aber nicht ehr - und treulos ſein koͤnnte. Er rechnete es unter die von der Pflicht befohlnen Handlungen, dieſe ihr nachtheilige Bege - benheit aufzuloͤſen, und die Eheleute wo moͤglich wieder zu verſoͤhnen.

Zu381

Zu dieſem Ende ſuchte er vors erſte mit Wil - helm Robert bekannt zu werden, und glaubte an ihm einen guten Juͤngling zu finden. Er lud ihn zu ſich, brachte ihn auf die verdruͤßliche Geſchich - te und bemerkte in ſeinen Erzaͤhlungen ſo viel Aufrichtigkeit, daß er Albrechten ganz in Jrrthum glaubte. Wilhelms znruͤckempfangener Brief, den dieſer ihm auf ſeine Bitte uͤberbrachte, machte es ihm noch gewiſſer, daß nichts ſtrafbares zwiſchen ihm und Sophien vorgefallen ſei und von dieſer Stunde an beſchloß er, Albrechten Vernunft zu predigen.

Ein wenig war dieſer ſchon mehr geneigt, ſol - chen Vorſtellungen Gehoͤr zu geben, Sophiens Brie - fe hatten nicht ganz den Zweck verfehlt, er begann zu wuͤnſchen, daß er ſie unſchuldig finden moͤchte und ſpuͤrte ein zaͤrtliches Verlangen nach ihr. Nur die vorgefaßte uͤble Meinung des Publikums von ihr, hielt ihn noch zuruͤck, ſich auf Erklaͤrungen, welche denn bei ſeinen Wunſche, ſie unſchuldig zu finden, leicht zur Ausſoͤhnung fuͤhren konnten, ein - zulaſſen.

Felß begab ſich zu ihm, und vergaß nicht Wilhelms Brief mitzunehmen. Sie muͤſſen mir, ſagte er, eine Stunde ſchenken, die wir ungeſtoͤrt in ihrer Stube verplaudern wollen, ich hoffe, daßich382ich Jhnen gewiſſe Nachrichten geben werde, wo - durch Sie zu einem großen Gewinn gelangen koͤn - nen. Albrecht glaubte, es betraͤfe eine Handels - Spekulation und ſaͤumte nicht, Felßen in ſein Zimmer zu fuͤhren. Sie bereiten ſich, ſagte die - ſer laͤchelnd, ohne Zweifel ſchon auf die Ausrech - nung des angekuͤndigten Gewinns, wir muͤſſen aber, ehe ich davon rede, uͤber ihren Begriff von Wortheilen uͤbereinkommen. Wuͤnſchten Sie z. B. lieber von der Ankuͤndigung eines ſehr eintraͤglichen und ſichern Verlagsartikels, oder Nachricht, daß Jhre Frau ſich und Sie nie entehrte, daß ſie Jhre Liebe und Achtung noch immer verdient, Sie alſo ihr haͤusliches Gluͤck aufs neue in ihr finden koͤnnten?

Albrecht.

Es iſt keine Frage, Herr Felß, ob ich nicht das letzte vorzoͤge, ich habe nur eine Sophie, rein und meiner Liebe werth zu finden, es vergaͤllt mir alle Freude, alle Zufriedenheit, daß ſie es nicht iſt, aber Handelsvortheile kann ich im Laufe meines Lebens mehrere haben, die mich aber, ſo wie nichts, was ich genieſen kann, befriedigen werden, da meine Ruhe hin iſt, indem Sophie mich zwang, ſie von mir zu entfernen.

Felß.

Und Sie wollten hier nicht wenigſtens eben die Muͤhe zu unterſuchen und zu uͤberlegen,an -383anwenden, welche Sie ſich in Jhren Geſchaͤften ge - ben, ſondern eigenſinnig darauf beſtehn, daß So - phie eine Verbrecherinn iſt, mit der Sie ſich nicht wieder vertragen koͤnnen?

Albrecht.

O ich habe der Sache oft nach - gedacht, immer faͤllt das Reſultat dahin: Sophie habe ſich verſchuldet oder nicht, ſo hat ſie ihren Ruf und den meinigen befleckt, und kein Menſch wird ſichs jemals ausreden laſſen, es ſei wirklich geſchehn.

Felß.

Denken Sie nach, Herr Buſch, ob es der Menſchenliebe gemaͤß ſei, irgend ein Geſchoͤpf blos darum und ohne weitere Unterſuchung zu ſtra - fen, weil es andre fuͤr ſtrafbar halten?

Albrecht.

Wo die Ehre beleidigt iſt, gelten Ausnahmen, wenn ich Sophien ſo weit unſchul - dig wuͤßte, daß ſie nur durch unuͤberlegtes, zu frei - es Betragen gegen ihren Vetter Anlaß gegeben haͤtte, ſo ſchlimm von ſich urtheilen zu laſſen, ſo wuͤrde ich ihr Freund bleiben, wuͤrde nie an Schei - dung denken, ihr allenfalls die Haͤlfte meines Ein - kommens abtreten, aber ſie wieder als Ehefrau anzunehmen, mein Herr Felß, dies thaͤt ich nie.

Felß.

Nun wohl, Sophie gab der Welt An - laß, ſie in ihren Vetter verliebt zu halten, aber ſie ſuͤndigte nicht wuͤrklich, alſo wirds nach JhrenEr -384Erklaͤrungen billig ſein, daß Sie ihr bekannt ma - chen, was ſie kuͤnftig zu ihrem Unterhalt von Jh - nen zu hoffen hat, und daß Sie Jhr Freund blei - ben wollen.

Albrecht.

Woher wiſſen Sie, daß Sophie nichts that, als daß ſie uͤbeln Schein gab?

Felß.

Aus Wilhelms Briefe an Sie, den Sie nicht des Leſens wuͤrdigten, ihn vielmehr mit einem ſehr beleidigenden Gegenſchreiben zuruͤckſchick - ten. Sie ſollen deswegen verklagt werden, Roſen - bergs ſind bis jetzt nur von ihrer Tochter zuruͤck - gehalten worden, es ihrer Seits zu thun und hiel - ten Roberten wieder zuruͤck. Jch habe mich nach dem ehemaligen Betragen Jhrer Frau erkundigt, habe, was ich erfuhr, gegen das gehalten, was Sie mir ſelbſt von ihr geſagt haben und daraus den Schluß gezogen, daß eine Perſon von ſolchen liebenswuͤrdigen Eigenſchaften nicht auf einmal ſo frech werden konnte. Denn Verſchlimmerung des gutgeweſenen Menſchen iſt moͤglich, aber ſie erfolgt ſtufenweis und geht nicht ſo ſchnell zu dem Grad, wohin Sophie, wenn, was man ſagt, wahr waͤr, gekommen ſein muͤßte. Auch Verſtellung iſt bei ei - ner gutgeglaubten Perſon moͤglich, (obwohl kaum bei einer freimuͤthigen, lebhaften Sophie) aber bei der Verſtellung waͤr ſie auch behutſam zu Werkege -385gegangen; Sie haͤtten ſie denn vielleicht dem Schei - ne nach ganz treu wieder gefunden, wenn ſie ſich mit ihrem Vetter noch ſo ſehr vergangen haͤtte.

Albrecht fiel in tiefes Nachdenken, Felß ſchwieg eine Weile und ließ ihn denken, dann zog er Wil - helms Brief hervor und fuhr fort, jetzt thun Sie mir den Gefallen, dies ohne Vorurtheil zu leſen, und dann ſprechen wir weiter.

Albrecht las, die Wahrheit mußte ihm in den offenherzigen Schilderungen der ſchuldloſen Freu - den, die Sophie und Wilhelm nach der Zuruͤck - kunft des letzten zuſammen genoſſen, einleuchten. Es war eine kurze Wiederholung derſelben von Tag zu Tage. Wilhelm ſprach ſo achtungsvoll von Sophien, zeigte ſeine Abneigung fuͤr verbotne Handlungen ſo ungekuͤnſtelt, daß Albrecht beim Leſen immer ver - gnuͤgter ward. Er las den Brief mehr als einmal, dann gab er ihn Felßen mit einem Seufzer zuruͤck, der von Herzens-Erleichterung zeigte. Dann ſpre - chen wir weiter, wiederholte er, indem er Felßen den Brief reichte, doch dies ein andermal! Wie gern wollte ich Roberten Abbitte thun, wie gern zu Sophiens Fuͤßen ſinken, und um ihre Verge - hung flehn, ja ich wollte vielleicht zur Strafe mei - ner Strenge die ſchiefen Urtheile des Publikums, als faͤnde ich mich in meine Schande, tragen. O,B bdie -386dieſe Urtheile, verſetzte Felß, ſind nicht werth, daß gute Seelen nur den geringſten Anſtand nehmen, einander die verdiente Achtung zu erweiſen? Wol - len Sie mir dieſen Brief erlauben, ſagte Buſch nach noch einigen Augenblicken des Nachdenkens, und mir einige Zeit zu uͤberlegen laſſen?

Felß errieth, daß Albrecht den Brief ſeinen Eltern mittheilen und ſie zur Ausſoͤhnung mit So - phien vorbereiten wollte. Er uͤberließ ihm den - ſelben gern und eilte zu den Eltern Roſenberg um Jhnen alles, was zwiſchen ihm und Albrechten vor - gefallen war, zu erzaͤhlen. Die jungen Eheleute ſagte er, ſind ſo gut, wie verſoͤhnt, laſſen Sie Jh - re Tochter ins geheim holen und bereiten Sie ſich zu einer ruͤhrenden Scene. Sie gaben ihm So - phiens letzten Brief; dieſer, ſagte er, iſt als der letzte Nachdruck anzuſehn, erlauben Sie ihn mir, aber ich mache nicht eher Gebrauch davon, bis Madam Buſch hier iſt. Roſenbergs glaubten zu ſtark an Felßens Weisheit, um ſich zu bedenken; Sie veranſtalteten alles ſo, daß Sophie in einigen Tagen zu Stelle ſein mußte, bis dahin vermied es Felß, Albrechten, der ihn ſuchte, zu ſprechen.

Den Tag nach Sophiens Ankunft begab ſie ſich mit ihren Eltern zu Felßen, welcher Albrech - ten auf eine dringend nothwendige Unterhandlungzu387zu ſich bitten ließ, da er ſelbſt nicht ausgehn koͤnn - te. Albrecht ließ nicht auf ſich warten, Sophie und ihre Eltern verbargen ſich, da ſie ihn kom - men hoͤrten, in der anſtoßenden Kammer, und Felß fragte ihn, nach einem kurzen gleichguͤltigen Geſpraͤch, ob er den Brief von Roberten wieder mit - braͤchte, der ihn zuruͤck verlangte, um ihn den Ge - richten vorzulegen. Hier iſt, verſetzte Wilhelm, die - ſer Brief, welcher mich ganz confuß gemacht hat. Nicht doch, verſetzte Felß, er hat Sie uͤberzeugt, nur daß Vorurtheil und Eigenſinn ihrer Einſicht und ihrem Herzen nicht recht laſſen wollen. Da leſen Sie dieſen Brief Sophiens an ihren Vater, doch ich muß ihn gleich wieder haben und bin ei - gentlich nicht berechtigt Jhnen denſelben zu zeigen.

Albrecht las:

Er kommt zuruͤck, theurer Vater, gewiß mein Albrecht kommt zuruͤck. Er hat mir geant - wortet und ich ſehe, daß er mich noch liebt, daß er jammert mich ſeiner unwerth halten zu muͤſſen.

O, daß ich mich ſo kindiſch auffuͤhrte, mich der Freude, wieder mit meinem Geſpielen zuſammen zu ſein, ſo ſehr uͤberließ und dadurch den beſten zaͤrt - lichſten Gatten den Kraͤnkungen Preiß gab, welche Verlaͤumdung und Misverſtand ihm zubereiteten! B b 2Wie388Wie ſehr bin ich doch fuͤr dieſe ſchuldloſe Taͤndelei geſtraft, da ich entfernt von meinem guten Albrecht leben muß!

Doch noch einmal, er kommt zuruͤck, er iſt verblendet, aber immer wird er den Wahn nicht behalten, daß ſeine Sophie ein freches ehrlo - ſes Geſchoͤpf iſt. Jch will ausharren, allmaͤhlig werden meine Briefe ſein Herz erweichen, er wird mich wiederſehn und hoͤren.

Alſo, theuerſter Vater, verfahren Sie nicht feindſelig gegen meinen Mann, wenn ich wieder in ſeinem Hauſe das Weib ſeines Herzens bin, dann danken wirs Jhnen und Sie freuen ſich ſelbſt, daß ein ſo aͤrgerliches Denkmahl unſrer Mishelligkeit als eine gerichtliche Belangung zuruͤckgeblieben iſt. ꝛc.

Sophie! rief Albrecht, da er dieſen Brief ge - leſen hatte, und Thraͤnen glaͤnzten in ſeinen Augen. Hier iſt ſie, ſagte Felß und oͤfnete die Thuͤr, die Eheleute ſtuͤrzten ſich in die Arme, es war

Doch ich gehoͤre ja nicht zu den Geiſtmen - ſchen, denen dergleichen Seenen Seelengenuß ſind. Bei mir iſt, wenn ich von dieſem Verſoͤhnungsfeſt hoͤrte, allemal Luſt zu lachen entſtanden. Was das fuͤr ein Aufſehn iſt, um ein wenig Taͤndelei mit einem andern, was fuͤr ein Sentimentiren,Deli -389Delicatthun, Ueberlegen, Geruͤhrtſein, und end - lich Ueberwaͤltigtwerden das alles, weil Al - brecht glaubte, ſeine Sophie haͤtte in ſeiner Abwe - ſenheit die Rechte des Ehemannes an ihren Vetter uͤberlaſſen. So was kommt bei Leuten, wie Treff, Suschen und viel, recht ſehr viel andre, gar nicht in Erwaͤgung. Treue, feſte eheliche Treue ver - langen die Vernuͤnftigen unter den Thiermenſchen gar nicht von einander, es giebt zwar manchen nei - diſchen Ehemann und manche Frau unter ihnen, die was ſie ſelbſt thun, nicht von ihren Gatten leiden wollen, die galanten aber ſind billiger, druͤcken die Augen zu, oder ſehn auch mit ofnen Augen zu und ſcherzen daruͤber. Mir gefaͤllt dieſe ungezwungene Art, hingegen wird mir Zeit und Weile lang, wenn ich von ſolchen romanmaͤſigen Vorgaͤngen hoͤre, wie ſie Sophien und Albrechten betrafen. (Herr Celeſtin ſeufzte.)

Seiner dadurch bewieſenen Mißbilligung ohn - erachtet bitte ich meine Leſer, mir die Beſchrei - bung der uͤbrigen ſchoͤnen Sachen, die Herrn Ce - leſtin hingegen viel Freude machten, zu ſchenken und damit vorwillen zu nehmen, wenn ichs kurz faſſe und ihnen berichte, daß Albrecht ſein Weib wieder heimfuͤhrte, daß ſeine Eltern, wie ſie alles erwogen, auch damit zufrieden waren, daß Wil -B b 3helm390helm Robert und Albrecht Buſch Freunde wurden, daß Felß ſichs angelegen ſein ließ, die Erlaͤuterung der Geſchichte unter ſeinen Bekannten zu erzaͤhlen, welche denn es wieder andern beibrachten und ſo die Leute, die lieber Gutes als Schlimmes denken, ſich von Sophiens Reinheit uͤberzeugen ließen, die hingegen, bei denen es der umgekehrte Fall iſt, nie - mals daran glaubten.

Dieſe letzte Meinung nicht ſinken zu laſſen, beſchloß Madam Schnitzer, ſobald ſie hoͤrte, daß Sophie wieder da waͤr, aber was war das gegen den Verdruß, dieſe doch nun wieder mit ihrem Manne verſoͤhnt zu wiſſen? Man erzaͤhlte ihr, die Zaͤrtlichkeit zwiſchen dem jungen Ehepaar ſei ſtaͤrker als vorher, alſo mußte Albrecht ganz uͤberzeugt ſein, und es war, da ſich auch Sophie ohne Zweifel kuͤnftig ſehr weiſe auffuͤhren wuͤrde, nicht zu hoffen, daß ſich ſo leicht was neues ſtiften ließ.

Sie verdoppelte jetzt ihren Haß auf Felßen und ergrimmte ſo ſehr, daß ſie kaum faͤhig war, zu verbergen, wie ſtark es ſie ſchmerzte, ihr ange - ſtiftetes Werk von ihm uͤber den Haufen geworfen zu ſehn, als Schnitzer um ſie doch einmal von Felßens Redlichkeit zu uͤberzeugen, ihr weitlaͤuftig erzaͤhlte, wie er in der Sache gehandelt haͤtte.

End -391

Endlich ſah ſie ſich fuͤr dieſes neue Leiden durch die Ankunft des Baron Treffs entſchaͤdigt, wo dann die lieben Spieler ſich wieder bei ihr verſam - melten und die Soupés ſpirituels eben ſo wie - der den Anfang nahmen. Treff brachte ſeine Braut noch nicht mit, Suschen hatte ihn noch einige Monate allein, dann aber reiſte er, um ſich zu vermaͤhlen und brachte Fraͤule in N. als Frau Baroninn mit; Er hatte ihr ſchon unterwe - gens geſagt, daß ſie die Frau Kriegsraͤthinn, die ſie in P. kennen gelernt, in der Perſon der Gaſtwirthinn finden wuͤrde, daß er dieſer Naͤrrinn wohl den Gefallen haͤtte thun muͤſſen, den Schwindel zu be - ſtaͤtigen, weil ſie eine alte Bekannte von ihm ge - weſen. Die Frau Baroninn fand es amuͤſant, ſie ließ ihrem Herrn Gemahl zwar merken, daß ſie wohl begriffe, die Freundſchaft, welche eine ſolche Gefaͤlligkelt zu wege gebracht haͤtte, werde ziemlich weit gegangen ſein, aber ſie ſprach nur im Scherz davon. Es war ihr eigentlich gar nicht zuwider, daß ihr Gemahl eine alte Liebſchaft faͤnde, die ihn wohl noch zuweilen im Stillen unterhalten koͤnnte, wobei er denn nicht ſo genau Achtung geben wuͤr - de, wenn ſie mit einem Gegenſtande nach ihrem Geſchmack auch zuweilen Unterhandlungen haͤtte, von denen er keine Notiz zu nehmen brauchte.

B b 4Dem -392

Demnach kam Frau von Treff, als Suschens gute Freundinn in Schnitzers Gaſthof an und lach - te jetzt nur heimlich mit ihr uͤber die gemachte Fin - te in P. die ſie ſehr billigte. Nun war den ganzen Winter durch Freude die Fuͤlle im Gaſthof und die Madam Schnitzer hatte Gewinn von allen Seiten, ſie war die Vertraute der gnaͤdigen Frau von Treff und erhielt viel Geſchenke von ihr. Dieſe Dame verſchmaͤhte die Soupés ſpirituels nicht, ja ſie machte ſie brillanter, indem ſie viel junge Her - ren aus der großen Welt und einige Damen, deren Maͤnner auch Spieler waren, dazu zog. Selbſt das Spiel ward dadurch intereſſanter, da jetzt Damens von Bedeutung mit dabei engagirt waren und was ſchadete es, daß die Damen der großen Zirkel, welche an ſo was Abſchen hatten, keine Privatgemeinſchaft mit ihnen hielten, aus den oͤffentlichen Aſſembleen konnten dieſe jene lu - ſtigen Schweſtern doch nicht ſogleich verbannen, denn ſie konnten Aufſehn machen.

Jndeſſen thaten ſie doch etwas fuͤr den An - ſtand, ſie ſuchten nemlich die Fanchon und ihre Eleven von den feinen Abendfeſten zu verdraͤngen. Madam Schnitzer, welche laͤngſt wieder mit die - ſer ausgeſoͤhnt war, ſahe dies nun eben nicht gern, aber ſie mußte ſichs gefallen laſſen und fandſich393ſich endlich darein, da ſie uͤberlegte, daß, wie ſie jetzt geborgen waͤre, das, was die Fanchon ſagen oder beginnen moͤchte, ihr nicht ſonderlich ſchaden koͤnnte. Aber dieſe konnte es ohnmoͤglich gelaſſen ertragen, daß ſie, die Stifterinn dieſer Feſte, jetzt davon hinweggedraͤngt ſein ſollte. Was Madame Schnitzer, ja ſelbſt die Frau Ba - roninn fuͤr Widerwaͤrtigkeiten von ihrer Rache zu uͤberſtehn hatten, wie die beiden letzten ſelbſt uneins wurden und welche erbauliche Geſchichten aus dem allen erfolgten, werde ich meinen Leſern im zweiten Theil darthun.

Fuͤr jetzt bin ich willens, endlich einmal in der ſichtbaren Welt meinen Platz einzunehmen und melde demnach zufoͤrderſt, daß meine Mutter mich unter dem Herzen trug. Sie hatte waͤhrend ihrer Schwangerſchaft, oder doch die meiſte Zeit hin - durch zu viel Beſchaͤftigungen und konnte nicht, wie bei den vorigen Schwangerſchaften beſtaͤndig auf neue Zaͤrteleien raffiniren, daher auch Schni - tzer weniger Plage hatte. Er war aber auch dafuͤr eine geraume Zeit mehr als jemals ein Geſchoͤpf, dem man nur zur Noth erlaubte im Hauſe zu ſpei - ſen und zu ſchlafen. Seine zum drittenmal ge - ſegnete Frau hatte ſelten Zeit einige Worte mit ihm zu ſprechen, er war froh, wenn dieſe noch ſoziem -394ziemlich guͤtig waren, und unterhielt ſie ihn gar mit der Hofnung, daß ſie diesmal wieder einen Sohn haben wuͤrde, ſo war er der vergnuͤgteſte Mann von der Welt, ſagte dann wohl, ob ſie denn gar nichts von ihm zu wuͤnſchen haͤtte? und wunderte ſich uͤber ihre Maͤßigung, wenn ſie es verneinte. Wohl hatte ſie eine geheime und zwar ſehr heftige Sehnſucht, ſie begehrte nemlich Felßen und So - phien Buſch die Naſen wegzubeißen, aber ſie muß - te dies brennende Verlangen unterdruͤcken, weil ſichs nicht ſtillen ließ. Jn der Fortſetzung dieſes Werks wird man ſehn, wie dieſe Wuth zu beißen, da ſie nicht geſtillt werden konnte, auf mich erbte und wie ich ſie noch als Kind befriedigte.

Eines noch andern Wunſches, der in Sus - chen entſtand, muß ich ebenfals hier gedenken, weil er ſie auf einen ſehr klugen Einfall leitete.

Sie fieng auf einmal an zu uͤberlegen, daß ihr jetziger Weg, Reichthuͤmer zu ſammeln, doch immer ſehr langſam ſein wuͤrde, wenn ſie auch gleich nicht ganz geringe Fortſchritte darauf machte. Sie er - wog ferner, daß es eine Hypochonder-Grille von ihr waͤr, Schnitzern alt und grau werden zu laſſen, und an ſeiner Seite mit zu veraltern; der Mann, meinte ſie, wuͤrde ein fuͤr allemal nirgend beſſer als im Grabe aufgehoben ſein, wer ihn dahin befoͤrder -te,395te, haͤtte es nicht Suͤnde, wenn er ihn nur auf ei - ne ſanfte Art aus der Welt ſchafte. Zwar fuͤrchte - te ſie ſich, wie ich ſchon einmal geſagt, vor Geſpen - ſtern und ſchauderte, wenn ſie daran dachte, daß Schnitzer, wenn ſie ihn in die Arme des Todes lie - ferte, ihr drohend erſcheinen koͤnnte; doch ſie dach - te wieder au ſeine Traͤgheit, und hofte, er werde den weiten Weg aus den Gefilden der Ewigkeit, wo es ihm recht wohl gehn wuͤrde, weil er ein guter chriſtlicher Tropf waͤr, nicht zuruͤckmachen wollen.

Als dies alles wohl bedacht und ſo meiſt zum feſten Entſchluß geworden war, uͤberlegte ſie ferner, daß es ihr nichts helfen koͤnnte, wenn ſie Schnitzer nicht vorher zur Univerſalerbinn beſtaͤtigte, welches noch nicht geſchehn war, aber nun durchaus geſchehn mußte. Von der Zeit an nahm ſie das Werk vor und begann es mit Schmeicheln, entzog ſich zuwei - len allen andern Vergnuͤgen und Beſchaͤftigungen und brachte ein Stuͤndchen mit ihrem Mann allein zu. Sie ſagte ihm, daß ſie fuͤrchtete bei dieſer Niederkunft zu ſterben, bezeigte ihre Reue, daß ſie ihn in der Hitze zuweilen beleidigt haͤtte und bat mit verſtellten Thraͤnen um Vergebung. Schni - tzer war ganz Wehmuth, er wollte von keiner em - pfangenen Beleidigung wiſſen und von dem Tode ſeines trauten Suschens nichts hoͤren. Ach, ſagteſie396ſie einſt, es iſt doch moͤglich, und ich will nicht aus der Welt gehn ohne Dir einen Beweis meiner Liebe gegeben zu haben. Jch habe Dir alles zu danken und will Dir jetzt geſtehn, daß ich mir, ſeit ich Deine Frau bin, was geſammelt habe. Du wirſt es nach meinem Tode findeu und Dich uͤber den Segen wundern. Aber es ſoll ihn niemand haben als mein lieber Jacob, der doch wohl ſeinen Kindern einſt alles hinterlaſſen und fuͤr ſie ſorgen wird. Thue mir den Gefallen einen Notarius ru - fen zu laſſen und das Morgen, ich werde dann erſt ruhig ſein. Schnitzer wollte Einwendungen machen, aber ſie bat ihn ſo zaͤrtlich, daß er nachgab. Er waͤre vielleicht von ſelbſt beſchaͤmt geweſen, daß er noch nicht auf den Einfall gekommen war, ſeine Frau im Fall ſeines Todes zu bedenken, aber um mehrerer Gewisheit willen brachte ſie es fein ge - nug ſo herum, daß er noch naͤher daran erinnert wurde. Das Teſtament wurde von beiden Seiten alſo gemacht und eins war des andern Univerſal - erbe, wozu auch der Herr Notarius fuͤr einen Louis - d’or, den ihm Madam Schnitzer apart gab, ſeine Ueberredungskunſt anwandte.

Nun war Suschen wirklich ruhig, nicht nur konnte ſie jetzt, wenn ſie ihr bevorſtehendes Wo - chenbett gluͤcklich uͤberſtanden haͤtte, mit Bequem -lichkeit397lichkeit und Ueberlegung thun, was ihr gutduͤnkte, ſondern ſie glaubte, wegen der Abſicht, die ſie hatte, wenn ja etwas ſuͤndliches dabei ſein ſollte, dadurch abgebuͤßt zu haben, daß ſie ihr ſauer er - worbnes Gut dem Manne, den ſie eigentlich nicht liebte, vermacht und ihn dadurch ihre Zuneigung und ihr Vertraun gezeigt hatte.

Jſt es aber moͤglich, ſagte, als ich bis hieher war, Celeſtin, daß Jhre Mutter ſo boshaft ſein und Mordgedanken hegen konnte? So was iſt ja unerhoͤrt!

Nicht ſo unerhoͤrt als Sie denken, verſetzte ich, glauben Sie mir auf mein Wort, daß man - cher Mann und manche Frau, die man an ihrer Suͤnde geſtorben glaubt, an der Suͤnde ihrer Gat - ten ſterben. Das Morden und jedes Verbrechen iſt den Thiermenſchen, die es nemlich den Herzen nach ſind, nichts mehr als andre Thaten, die Sie, mein Herr, Uebelthaten nennen, wenns nur heim - lich genug geſchehen kann. Freilich ſo lange man ſo ſtarke Stuͤcke nicht noͤthig hat, giebt man ſich die Muͤhe nicht, ſie auszuuͤben. Und dann denken ſie doch an ihre Bibel! Da ſteht ja ausdruͤcklich, daß alles Mord iſt, was den Nebenmenſchen an Koͤrper und Geſundheit beſchaͤdigt, ja blos ein uͤb - ler Wunſch wird dahin gerechnet, nun ſagen Sieſelbſt,398ſelbſt, ob nicht das alles in der Chriſtenheit taͤg - lich ohne ſonderliche Verheimlichung ſogar mit Zweck geſchieht? und das geht ſo hin. Damit Sie ſich aber uͤber meine Mutter nicht zu ſehr aͤrgern, ſei Jhnen geſagt, daß es nur immer beim Vorſatz blieb und mein Vater Schnitzer den Tod wenig - ſtens nicht durch ihre unmittelbare Anſtalt empfieng, ſo iſt ſie alſo eben ſo gerecht als hundert andere.

Sie blieb, das muß ich zu ihrem Ruhme ſagen, nach erlangtem Zweck, bis zu ihrer Entbindung meiſt guͤtig gegen ihren Mann, ſo gar ſprach ſie mit ihm uͤber die Namen des Kindes, wenn es ein Sohn waͤre. Sie wuͤnſchte ihn Friedrich zu nennen, weil das doch einmal der Name vieler Monarchen ge - weſen waͤr und noch immer großen Prinzen gege - ben wuͤrde. Schnitzer hatte nichts einzuwenden, wollte aber Nicolaus angehaͤngt haben, weil ſein lieber Vater ſo geheißen haͤtte. Suschen wußte, daß Baron Treff dieſen Namen auch fuͤhrte, und es ein Familienname der uralten Freiherrn von Treff, die ſich von den alten Aegyptern herſchrie - ben, ſei; ſie war es alſo zufrieden. Kraft dieſes Uebereinkommens ward ich Friedrich Nico - laus getauft, als ich einen Monat darnach zur Freude aller, die Theil an mir hatten, mit einem lebhaften Geſchrei zur Welt kam und vier Tagedar399darauf in die Kirche getragen ward, damit der alte Adam erſaͤuft wuͤrde, welcher ſich aber ſchon in mei - nen Kinderjahren noch voͤllig am Leben zeigte, und da meine Mutter ihn aufs zaͤrtlichſte pflegte, alle nur moͤgliche Kraͤfte und Saͤfte bekam. Sie lieb - te von bemeldetem meinen erſten Geſchrei an nichts ſo ſehr als ihr Goldfritzel, wie ſie mich nannte, wogegen mich Johann Jacob durchaus nicht an - ders als Nickel rufte, welches ſeine Frau Gemah - lin, wenn ſie bei guter Laune war, deswegen dul - duldete, weil Treff ihr erzaͤhlt hatte, daß man ihn in ſeiner Kindheit Baron Nickel genannt, indem ihn ſein Vater im Scherz immer bei dieſem Namen gerufen haͤtte.

Jch bin alſo gebohren und nehme die Gratu - lations dazu an. Das gluͤckliche Wachsthum, welches mir meine Leſer ohne Zweifel nebſt aller hohen Proſperitaͤt wuͤnſchen, wird ſich als erfuͤllt in den folgenden Theilen zeigen, wo ſie die groͤßte Freude an mir haben werden.

About this transcription

TextFritz, der Mann wie er nicht seyn sollte oder die Folgen einer übeln Erziehung
Author Johanna Isabella Eleonore von Wallenrodt
Extent410 images; 74864 tokens; 9955 types; 502475 characters
Responsibility Alexander Geyken, ed.; Susanne Haaf, ed.; Bryan Jurish, ed.; Matthias Boenig, ed.; Christian Thomas, ed.; Frank Wiegand, ed.

CLARIN-DNote: Langfristige Bereitstellung der DTA-Ausgabe

EditionVollständige digitalisierte Ausgabe.

About the source text

Bibliographic informationFritz, der Mann wie er nicht seyn sollte oder die Folgen einer übeln Erziehung Ein unterhaltender Roman von ihm selbst erzählt Erster Theil Johanna Isabella Eleonore von Wallenrodt. . [1] Bl., 399 S. HallerGera1800.

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Universitäts- und Landesbibliothek Halle ULB Halle, Goe 3114 (1)

Physical description

Fraktur

LanguageGerman
ClassificationBelletristik; Roman; Belletristik; Roman; core; ready; china

Editorial statement

Editorial principles

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.

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  • Deutsches Textarchiv
  • Berlin-Brandenburg Academy of Sciences and Humanities (BBAW)
  • Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW)
  • Jägerstr. 22/23, 10117 BerlinGermany
ImprintBerlin 2019-12-09T17:35:33Z
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