PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Gemälde weiblicher Erziehung.
Zweiter Theil.
Mit einem Kupfer.
Heidelbergbei Mohr und Zimmer. 1807.
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Gemälde weiblicher Erziehung. Zweiter Theil.

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Sechs und dreißigſter Brief.

Mehrere Wochen ſchon ſind wir in unſerm klei - nen Arkadien. Jch habe unterdeſſen alle Deine Nachrichten erhalten, womit Du unſere Herzen königlich erfreut haſt. Von Platov und Wolde - mar iſt das erſte Paquet eingelaufen. Der Frühling iſt in aller ſeiner Herrlichkeit erſchienen. Millionen und abermals Millionen Blüthen be - decken alle Obſtbäume und alle Weinberge weit umher.

Die blühenden Pfirſich - und Mandelbäume glänzen wie Roſenknospen in dem großen Blü - thenkranze der Natur. Die Fruchtfelder gleichen einem ausgebreiteten Sammtteppich. Schaaren von Lerchen ſchweben und wirbeln und frohlocken drüber hin, und verlieren ſich ins unendliche Blau des überhangenden Himmels. Der Strom win -4 det ſich ſilbern durch die unabſehlichen Fruchtfelder hin. Jn ſeliger, heiterer Ruhe haben ſich die Ortſchaften an ſeinen Ufern und an den ſonnigen Bergen gelagert. Luſtige Finken rufen von allen Zweigen uns ihren Triumpf entgegen, daß der Winter dahin und vergangen iſt. Selig iſt alle Kreatur im Gefühl ihres Daſeyns. Sichtbar, ſichtbar iſt der Hauch des Ewigen! So mußt es ſeyn, als die Erde neu geſchaffen war, und der Ewige noch unter den kindlichen Menſchen in der Abendkühle wandelte. Vergehen möchte man vor Freude und vor Sehnſucht nach dem tiefen uner - ſchöpflichen Born aller Wonne und alles Lebens! Ganze Tage ziehe ich mit den Kindern umher. Bücher und alles Menſchenwerk wird dahinten ge - laſſen. Wir ſchwärmen in ſeligem Genuſſe umher. Die Kinder haſchen Schmetterlinge, ſammeln Blumen in Körben, winden Kränze und ſchmü - cken ſich unter einander. Mich haben ſie ganz ins Blumengewinde verſtrickt, und ſo bin ich verſtrickt in Freud und ſeligen Gefühlen. Emma! Emma! Wie ſelig lebt man mit Kindern ſelber ein Kind im Angeſichte der großen und herrlichen Mutter! 5Unſer Pfarrer fürchtet, die Freude werde mich auflöſen möchte ſie es! Könnte man ſeliger ſter - ben und menſchlicher, als vor Freude? Und ſind nicht dieſe Tage dem Menſchen zum Vollgenuß ſeines Daſeyns gegeben, zum Vorgefühl deſſen, was irgendwo ſeyn muß und irgend einmal heran - nahen wird des unbekannten, von jeder Men - ſchenbruſt geahnten Ziels der Sehnſucht! Wenn Du bey dieſem Briefe lächelſt, indem Du ihn vielleicht an einem grauen naßkalten Regen - tage lieſeſt, wenn Du leiſe oder gar laut im einſa - men Kabinett ſagſt: wie die liebe Tante ſchwärmt! ſo haſt Du Recht aber auch die ſchwärmende Tante hat Recht. Wenn Du aber fürchten ſollteſt, daß die Kinder ſich dabei aus Nachahmungstrieb beſtreben ſollten, mehr zu empfinden, als ſie wirk - lich empfinden, dann hätteſt Du Unrecht; doch Du weißt es auch ſchon, daß meine Gefühle ſich vor Kindern ſehr mäßig in Worten ergießen, und was unwillkürlich ausbricht, das kann nicht zur Will - kür in der Nachahmung verleiten. Fürchte nichts, meine Gute. Die Kinder ſehen mich bloß glücklich, und dieß hebt das kindliche Gemüth6 unvermerkt zu gleicher Stimmung. Sie ſind ſo ſeelenfroh mit mir, und ſchwärmen wie die Bienen unter Blumen, und ſaugen Honig aus der herr - lichen Natur. Keine hält dies Frohſeyn für etwas anders, als Naturnothwendigkeit. Und wenn jemand ihnen Schönes dafür ſagte, daß ſie einen Sinn fürs Schöne haben, das würde ihnen ſo vorkommen, als wenn man ſie wegen des Athem - holens lobte. Ueberhaupt ſind ſie der Schmeiche - lei unzugänglich, und eben deshalb der Affektation unfähig. Der Schönheitsſinn hat ſich in ihnen ſo natürlich und ohne alles Räſonnement entwi - ckelt, daß ſie ſich ſeines Werdens gar nicht bewußt worden, und er als etwas Angebornes erſcheint. Sie freuen ſich am Schönen, weil es ſchön iſt. Auch wiſſen ſie, daß dieſe Freude den Menſchen vom Thier unterſcheide, wie der Sinn fürs Gute und Große; aber ſie glauben, daß auch dieſer dem Menſchen natürlich, und nur in dieſem und dem durch Krankheit oder unglückliche Verhältniſſe ab - geſtumpft ſey.

Als ich in den erſten Morgen hier erwachte,7 ward ich auf eine gar liebe Art überraſcht. Der Pfarrer hatte nämlich in dem Fenſter meines Schreibekabinettchens, das dicht an mein Schlaf - zimmer ſtoßt, eine Aeolsharfe eingeſpannt, wo - mit er mir ein Geſchenk machte.

Jch hatte ihn gebeten, mich mit Sonnenauf - gang wecken zu laſſen. Die Fenſter gehen nach der Morgenſeite heraus. Kurz vor Sonnenauf - gang erhob ſich ein ſtarker Luftzug, der die Harfe in verſchiedenen auf einander folgenden Bewegun - gen berührte, und es entſtand dieſes Eingreifen einer Tonfolge in die andere, die von einer drit - ten und vierten eingeholt, begleitet und aufgelöſ’t ward, und mit einander in ſanftem Vergehen ver - ſchmolz ich erwachte aber die Vorempfin - dung der Töne vor dem völligen Erwachen, ver - miſcht mit den wirklich gehörten, die in manich - faltigen Modulationen immer noch fort und im - mer wieder von neuem ertönten, gaben meinem Morgentraum von einer andern Welt im ewigen Frühlingsglanze eine Dauer von mehreren Mi - nuten über den Schlaf hinaus, bis die Sonne8 ſich über dem Horizont erhoben, und ihr zerſchnit - tenes Bild durch die Sommerläden von Latten zu meinem Fenſter hinein ſchickte. Die Harfe tönte fort, die Kinder erwachten eins nach dem andern. Der Pfarrer hatte ein kleines Chor ſeiner beſten Stimmen im Orte unter unſern Fenſtern in der Laube verſammelt, er ſelber ſpielte das poſitiv im untern Zimmer, und die Knaben ſangen das Chor aus Schulz’ens Athalia: Laut durch die Welten tönt Jehova’s großer Name, ꝛc. Die Kin - der waren außer ſich, und Deine Freundin mußte ſich durch ſtilles Weinen entladen.

Wir kleideten uns ſchnell an, und flogen hinun - ter in den Saal, wo das Poſitiv ſteht. Der Pfarrer, Deborah und Betty erwarteten uns zu einem ſchönen Frübſtück, das Mutter und Tochter bereitet hatten. Der Saal war mit friſchen Krän - zen geziert. Die Sänger draußen wurden gleich - falls bewirthet, und unſere Kinder liefen hinaus, den Singvögeln Krumen unter die Bäume und auf den Raſen zu ſtreuen; dann wurden unter dem andern Fenſter, das auf den Hof ſieht, die9 Hühner verſammelt, und empfingen ihr Frühſtück zum erſten Male aus unſerer Hand. Darauf kam ein zahmes Reh, womit der Pfarrer Jda beſchenk - te, auf einen Ton, dem es immer folgt, herbei, beroch und leckte der neuen Gebieterin die Hand. Sie reichte ihm Brot, und es that ſo vertraut mit ihr, als ob es ſie ſchon lange gekannt. Auch Mathilde ſollte nicht leer ausgehen; der Pfarrer ſchenkte ihr einen ſchneeweißen Pfau, an deſſen ſtolzer Geberdung ſie große Freude hatte.

Jda und ihr Reh, das ſie Lüftchen nennt, ſind ſeitdem faſt unzertrennlich. Abends ſchließt ſie das Lüftchen in ſeine Höhle, wie ſie ſagt. Morgens läßt ſie es wieder heraus.

So wurden wir auf unſerm Sommerſitz empfan - gen. Der ganze erſte Tag war ein Feſttag. De - borah iſt ganz Liebe, ganz Ergebenheit für mich. Jhr Clärchen findet ſie ſo an Geiſt und Herzen verklärt, wie ſie ſagt, daß ſie mich dringend gebe - ten, es ferner mit uns ſeyn zu laſſen. Und wirklich entfaltet das Kind ſich herrlich, und(2)10ſeine Kernnatur gibt einen herzerfreuenden An - blick.

Das Wiederſehen am erſten Abend zwiſchen El - tern und Tochter, Schweſter und Schweſter war herzinnig. Sie konnten ſich gar nicht erſt ſatt an einander freuen. O biſt du denn wirklich meine Tochter, mein Herzblättchen? Wie du ſo groß geworden, und ſo gar hold! Und o! meine himmliſche Mutter, mein goldener Vater, laß dich nur noch einmal küſſen, und noch einmal, und noch einmal! O ich werde noch närriſch vor Freude! So ging das in einem fort. Und wie die Schweſtern ſich dann in die Arme ſanken, und Clärchen laut ſchluchzte: Nein, es iſt ja nicht auszuhalten, wie lieb ich euch alle habe, und dich, du ſtille ſüße Betty, am meiſten, nur den Vater doch noch mehr, und die Mutter wie - der noch mehr o ich weiß gar nicht was ich ſchwatze wenn ich mich nur recht ausfreuen könnte! Jda weinte vor froher Theilnahme, auch dachte ſie wohl an Dich, meine Emma, und an den Vater, an Woldemar und die kleinen un -11 bekannten Geſchwiſter: ich mochte ſie nicht fragen. Auch Mathilde nahm innigeren Antheil, als je - mals. Alle drey Kinder hatten für Betty und für Deborah allerlei gearbeitet. Von ihrem Ta - ſchengelde hatte Jda eine Parthie neuer Schul - bücher für die armen Kinder des Ortes gekauft, die ſie dem Herrn Pfarrer überlieferte. Clärchen hatte nemlich hierzu gerathen, als Jda von ihr ausforſchen wollen, welches kleine Geſchenk ihm wohl lieb ſeyn könnte.

Seit Paul todt iſt, wußte Jda noch nichts wie - der an ſeine Stelle zu ſetzen. Der gute Pfarrer nahm das ganz ſo auf, wie ich wünſchte, dankte Jda mit wenigen väterlichen Worten, und ſagte: wenn die Kinder jeßt fleißiger lernten, als ſonſt, und wohlgezogener würden, ſo wäre das zum Theil ihr Werk; denn er wolle die Bücher zu Preiſen machen, womit er Fleiß und ordentliches Betragen belohnen würde. Wie des Kindes Wangen glüheten, und wie ſie die lieben Augen ſo verſchämt niederſchlug! Von dieſem Kinde kann man ſagen: das Himmelreich iſt ſein. Jda12 trägt es in ihrem Herzen, und in dieſem Moment erſchien es ſichtbar auf ihrem Angeſicht.

Jetzt werden die Mädchen alle drey wieder einen Curſus in der Naturgeſchichte bei dem Pfarrer anfangen. Der Muſikmeiſter kömmt wöchentlich einmal aus der Stadt. Botaniſirt wird auf allen Spaziergängen. Unſere poetiſche Stunde wird meiſtens im Garten oder auch im nahen Wäldchen gehalten werden. Auch hat jedes Kind ſein eige - nes Gärtchen zum Bearbeiten.

Jetzt kannſt Du Dir unſere Lebensweiſe denken. Auch korrespondiren die Kinder alle drey mit Woldemar, und ſo üben ſie ſich im Briefſchreiben auf die natürlichſte Weiſe. Jch ſehe ihre Brief - lein durch, mache ſie auf die kleinen Fehler in Sprache und Ausdruck aufmerkſam, und lerne ſo ihre Vorſteliungsarten ſammt ihrem Ausdruck genau kennen. Sehr intereſſant iſt es mir oft, die Bemerkungen dieſer drei Kinder über einen und denſelben Gegenſtand zu leſen. Wie ſo an - ders oft eine jede dieſelbe Sache, den nemlichen Vorgang auffaßt, und wiedergibt.

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Du wirſt eine wahre Freude haben, wenn Du der Kinder Briefe an den Woldemar einſt ſiehſt. Jda’s erſter Brief von hier aus lautet ſo:

Woldemar, Du beſter Woldemar, wir ſind wieder hier bei unſern herrlichen Willichs. Und der Pfarrer hat Jda wieder lieb, und Frau Pfar - rerin Deborah hat Jda auch wieder lieb. Wenn wir hier ſind, ſo kann ich es nicht begreifen, wie man es in der Stadt nur aushalten mag. Oft denke ich, wir ſind hier allzuglücklich. Und Clärchen nun vollends, die meynt, es müſſe irgend ein Un - glück drein kommen, weil man es ſo doch nicht lange aushalten könne. Und Betty iſt recht ſchön geworden, oft ſieht ſie aus, wie ein gemalter En - gel. Jch habe einmal einen geſehen, der ſo glück - lich ausſah, und ſo fromm, er hält einen Palm - zweig in der Hand, und ſagt einer ſchönen Jung - frau, daß Gott ſie ſehr beſonders lieb habe. Ge - rade ſo kann Betty bisweilen ausſehen. Aber hier ſehen die Menſchen alle ſchöner aus als in der Stadt. Und Du, lieber Woldemar, biſt Du denn auch recht vergnügt? Wenn Du wieder14 kommſt, wirſt Du uns ſo viel erzählen können. Und Herr von Platov noch mehr. Aber ich möch - te doch nicht mit euch reiſen. Es iſt hier gar zu ſchön. Jch habe auch ein liebes Reh, das ſo flink iſt, und Lüftchen heißt. Und Mathilde hat einen Pfau, der iſt ganz weiß, und hat einen langen langen Schweif, und wenn ſie Alba ruft, ſo kommt er geflogen. Mathilde und Clärchen haben Dich ſehr lieb; oft zanken ſie, wer von ihnen Dich am liebſten hat, und dann muß ich lachen; denn kei - ner kann es ja wiſſen, wie der andere lieb hat, nur das weiß ich, daß kein Menſch Woldemar ſo lieb haben kann, wie Jda. Was wir hier alles lernen, das will Clärchen Dir ſchreiben: ich habe es ihr verſprechen müſſen, daß ich es nicht thun will. Mathilde ſchreibt Dir einen langen Brief: ſie will mir nicht ſagen, wovon ſie Dir ſchreibt. Bringe mir ja auch ſchöne Bilder mit, wenn Du wieder kommſt, den Joſeph, den die böſen Brüder verkauften, und der ſo kläglich bittet. Nicht wahr, Woldemar, Du würdeſt Dein Schweſterchen nicht verkaufen?

Ach ich möchte Dir noch ſo viel ſchreiben: aber15 ich will lieber aufhören; wenn ich auch noch ſo viel ſchreibe, ſo iſt es doch immer, als hätte ich Dir noch nichts geſagt, und aufhören muß man doch einmal. Adieu, lieber Woldemar! Jch laſſe den Herrn von Platov 50 Mal grüßen.

So ſchreibt die kleine Schwärmerin, und mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Clärchen ſtudiert lang auf ihre Briefe: der Vater ſagte neulich, ſie zimmerte ſie; das ganze Weſen iſt noch immer etwas unbeholfen, dennoch ſind auch die ihrigen ſehr kindlich. Mathildens Briefe klingen ſchon hochtrabender. Jhr langer Brief an Woldemar, den ſie Jda und Clärchen nicht zeigen wollte, ent - hält eine Beſchreibung des Konzertes, und un - ſers Abſchieds aus der Stadt, und der kleinen Herreiſe und des Empfanges, alles in eine ge - wiße ſtudierte Ordnung gebracht. Auch trägt ſie ihm auf, was er dem Bruder Kornet alles ſagen ſoll, wenn er ihn beſucht, und das iſt vermuthlich der Grund, warum ſie den Brief nicht wollte ge - ſehen haben. Jch kann dies Gefühl nicht tadeln, und nahm hievon Veranlaſſung, Clärchen und Jda16 zu ſagen, wie man durch Neugierde ſich nie müſſe verleiten laſſen, ſolche Mittheilungen zu fodern, ſelbſt von Menſchen nicht, denen man gut ſey, weil es Dinge geben könne, über welche ſie nicht gern ſprechen möchten, weil ſie andere Menſchen beträfen, denen man Verſch wiegenheit ſchuldig ſey, wie Mathilde ihrem Bruder. Beide Kinder begreifen das beſſer, als ich vermuthet. Beide ſagten: nun wollen wir auch die arme Mathilde gewiß nie wieder plagen, uns ihre Briefe mitzu - theilen. Für heute laß mich enden; denn Jda ſagt: aufhören muß man doch einmal. Erfreue uns bald mit Nachrichten aus dem jetzt ſo wer - then Norden. O wie haben die Kinder den Brief - boten ſo lieb!

Sieben und dreißigſter Brief.

Zu dem ſchönſten Gewinn, den unſere Kinder vom Landleben haben, rechne ich beſonders die Entwickelung des religiöſen Sinnes in ihnen. Nicht bloß die reine Stille unſeres Lebens im An - geſicht der ſchönſten Natur, iſt ihnen auch in17 dieſer Rückſicht ſo ſehr gedeihlich; auch das Leben mit unſern frommen Pfarrersleuten, und die Art der Sonntagsfeier helfen mir bewirken, oder be - wirken vielmehr faſt ohne mein Zuthun, was ohnedies nicht methodiſch in den Kinderſeelen her - vor zu bringen ſteht. Jn Jda iſt der Keim hier - zu von der Natur ſo ſchön und ſo entſchieden angelegt, daß er nur wenig Pflege bedarf, um ſich auf das ſchönſte zu entfalten. Man könnte ſagen, die ganze Liebenswürdigkeit dieſes glück - lich organiſirten Kindes ſey nichts weiter als Re - ligioſität. Was iſt denn dieſer zarte Schönheits - ſinn anders als Grundlage der Liebe zum herr - lichſten der Weſen? Und was iſt ihre dankbare heiße Liebe für mich anders? Und das ganze ſich vergeſſende Hingeben ihrer Selbſt, an Menſchen, die ihr groß und gut erſcheinen? und ihre hol - de Demuth, die da macht, daß ſie mit ihren Ar - beiten zurück tritt, und ſich davon ſchleicht, wenn ſie merkt, daß ſie viel beſſer gerathen ſind, als Clärchens und Mathildens? Tante Selma, ich habe dir eine wunderliche Frage zu thun ſag - te ſie neulich, als ich mit ihr ganz allein ſpazie -(3)18ren gegangen, während Clärchen und Mathilde Deborah und Betty im Hausgeſchäft halfen ich ſchäme mich faſt vor der Frage Sage ſie den - noch, liebes Kind, wenn du kannſt (Wir waren im Kornfelde:) O ich denke oft, wenn wir ſo auf dem Felde ſpazieren, oder am Ufer des Fluſſes, oder auf einem Berge, an den, der auch oft auf Bergen, in Kornfeldern und an den Ufern her umwandelte, der die Kinder ſo lieb hatte, und der ſo himmliſch gütig gegen ſie war: und da fällt mir oft die Frage aufs Herz, ob er mich auch wohl lieb haben könnte, wenn er jetzt auf Erden lebte? und ob er mich auch geſegnet haben würde, als ich noch klein war? Gewiß hätte er dich an ſein Herz gedrückt und geſegnet, als du noch klein wareſt, und gewiß würde er dich jetzt lieben, und dir ein Plätzchen in ſeinem Himmelreiche zu - ſichern, in ſeines Vaters Hauſe, wo ſo viele Woh - nungen ſind. So lange dein Herz rein bleibt, kannſt du deſſen gewiß ſeyn.

Jda. Und dann zürne nicht, liebſte Tante möcht ich auch wohl wiſſen, ob ich ſeine Maria oder ſeine Martha geweſen wäre, wenn mein Bruder19 Lazarus, und ſein Freund geweſen wäre? Jch weiß nicht, warum ich viel lieber Maria ſeyn möchte, als Martha. Martha war doch ſo brav, und hatte ihn gewiß auch recht lieb. Wa - rum muß ich denn die Maria ſo viel lieber haben?

Jch. Die beſten Frauen vereinen Maria und Martha in ſich. Der Menſch iſt nicht ganz Geiſt und Seele, er iſt auch Körper, und ſoll für beide ſorgen. Aber die geſchäftige Martha ſoll die ſtille horchende Maria in uns mit ihrer Geſchäftigkeit nicht übertäuben, noch weniger den frommen Sinn ſtrafen, wie das auch ihr Herr und Mei - ſter jener Martha ſagt. Jetzt waren wir Marien, nun gehen wir nach Haus zur Frau Deborah und ſehen, ob wir auch helfen können; auch du, mein beſtes Kind, mußt häuslich werden, wie es die gute Clara und Betty ſind.

Jda. O du liebe Tante, biſt ſo gütig: ich darf doch recht oft fragen, wenn mir ſo etwas in den Sinn kommt, das ich niemand ſagen mag, außer dir? Jch möchte dich ſo manches fragen; aber mir fehlen oft die Worte dazu.

Jch. Gewiß, du darfſt. Jch will dir alles be -20 antworten, was ich kann. Theile mir immer alle Regungen deines Herzens mit.

Jda. Jch werde dich noch ſehr vieles fragen müſſen. Je öfter du mit mir ſprichſt, je mehr Fra - gen habe ich, je mehr wünſche ich zu wiſſen, und doch verſtehe ich dich faſt immer, wenn auch nicht im erſten Augenblick. Oft wenn ich ganz allein im Garten bin, verſtehe ich auf einmal alles, was du mir zuvor geſagt, wenn ich dann wieder nachdenke, was ich Anfangs nicht begriff.

Jch. Komm du zu mir, ſo oft du mich allein ſiehſt, auch wann ich ſchreibe oder leſe, ich will jedesmal abbrechen, wenn ich kann, und kann ich das nicht, dann ſpart mein gutes Kind die Frage auf. Auch würdeſt du wohl thun, deine Fragen bisweilen aufzuſchreiben, beſonders wenn ſie Dinge betreffen, die mehr den Verſtand an - gehen.

Jda. O Tante, ich möchte ſo gern recht viel wiſſen, und recht klug ſeyn, dann, däucht mir, müßte ich auch recht gut werden: iſt es nicht ſo, Tante? Muß man nicht immer beſſer werden, ſo wie man verſtändiger wird?

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Jch. So ſollte es ſeyn, liebſte Jda. Jn der Welt iſt es nicht mehr ſo.

Jda. Lehre mich nur recht viel, gute Tante, deine Jda wird gewiß brav, wenn ſie verſtändig iſt. Als der Herr Pfarrer letzten Sonntag über die Worte predigte, daß, Chriſtum lieb haben, beſſer ſey, als alles wiſſen: da habe ich ihn ſehr gut verſtanden, und mir das recht gemerkt, daß nicht Wiſſen an ſich unnütz ſey, ſondern nur die unrechte Anwendung das Wiſſen unnütz und oft ſchädlich mache; und da ſagte er, ein frommes kindliches einfältiges Herz voll Liebe ſey viel beſ - ſer, als alles Wiſſen eines harten liebloſen Men - ſchen. Wer aber ſeinen Geiſt mit ſchönen und heilſamen Kenntniſſen ausſchmücke, und dabei ein Herz voll warmer Liebe habe, der ſey der würdigſte o Tante, da mußt ich immer fort an dich denken. Du weißt ſo viel, und biſt ſo hold und ſo lieb könnt ich doch werden, wie du biſt!

Jch drückte die kleine Schwätzerin an mein Herz, und es rollte eine Thräne über des Kindes Stirne herab. Sanft lenkt ich ſie nun ab von22 dem allzuerweichenden Geſpräch. Auch wird dies wenige hinlänglich ſeyn, dich tief in deines Kin - des Herz blicken zu laſſen.

Auch Mathilde iſt, ſeit wir hier ſind, ſehr viel anders. Mit großer Freude folgt ſie mir, wenn ich ſie Sonntags mit zur Kirche nehme; und der gute Pfarrer nimmt nicht ſelten Rückſicht auf un - ſere Kinder.

Alle drei freuen ſich, wenn ſie Sonntag Mor - gen läuten hören. Gewöhnlich gehen wir zuvor in den großen Tempel, den der Spätſommer oft ſo hell und herrlich über uns wölbt. Wer Kin - derſeelen bilden will, wer ihnen die ſchönſte Ent - wickelung geben will: o der verſäume nicht, ſo oft es ihm geſtattet wird, die ſchöne Jahreszeit wenigſtens mit ihnen im Angeſicht der großen freien Natur zu verleben.

Freilich iſt die ſchöne Entwickelung daran nicht gebunden: aber wem dieſes Mittel vergönnt wird, der verſchmähe es nicht.

Laßt eure Kinder, wenn ſie euch werth ſind,23 nicht ſchon früh von den Erbärmlichkeiten der Konvenienz in den reinſten Genüſſen beſchränkt werden: laßt, o laßt ſie Kinder ſeyn, damit ſie Menſchen werden mögen, und laßt ſie der Mor - genröthe des Lebens ſich ungeſtört freuen, damit ſie dieſen einen Theil ihres Lebens wenigſtens ge - noſſen haben, wenn das Schickſal ihnen auch den Reſt mit bitteren Erfahrungen miſchen ſollte!

Meine Jugend war nicht froh: o könnte ich wie - der Kind ſeyn wie Jda, und glücklich ſeyn, wie ſie! Darbend an aller Nahrung, die mein raſcher Geiſt und mein glühendes Herz begehrten, ſchmach - tete ich meine Kindheit in einem engen Bezirke dahin. Tauſend Fragen arbeiteten in meiner Seele, für die ich keine Worte hatte, ſie darein zu kleiden, und hätte ich ſie ausſprechen können: ſo war kein Ohr dafür in meiner Nähe! Da wollt ich zu den Büchern und ſie fragen: aber ſie gaben dem noch unmündigen Geiſte keine Antwort. Da wollt ich zur herrlichen Mutter, daß ſie mich auf - nähme an ihr Herz: aber den Himmel voll Ster - ne begränzten hohe Mauern, und Mauern ſchie -24 den das Auge von der Erde und ihrem Grün. O ich habe eine traurige Kindheit verſeufzt, bis in mein zwölftes Jahr, wo ich zum erſten Male auf’s Land kam. Und da erſt ging mir ein ande - res Leben auf. Aber dieſer eigenen verlornen Ju - gend verdanke ich das innige Erbarmen, das mich aus allen Kindern anſpricht, und daß mir keines Weſens Anſprüche heiliger vorkommen, als die eines Kindes.

Wir werden diesmal ſehr ſpät in die Stadt zu - rückkehren, und das um ſo mehr, da auch unſere beiden Verreiſ’ten vor November nicht zu uns kommen werden. Von beiden lauten die Nach - richten fortwährend ſehr vergnügt, wie Du aus den Beilagen ſehen wirſt. Was machen Virgi - nia und Kathinka? Wie lebt unſere treue Ger - trud? Jch grüße die Gute gar herzlich. Jch küſſe die beiden Engel, die ſie Dir pflegen hilft.

Lebe wohl, Emma!

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Acht und dreißigſter Brief.

Emma, geliebte Emma! welch ein neues Op - fer fodern das Schickſal und Dein Gatte von Dir! Alſo Petersburg verlaſſen, und nach Kon - ſtantinopel mit ihm gehen ſollſt Du, ohne Deine Kinder in Deutſchland wieder zu ſehen? Das iſt ſehr hart! Sage Deinem Gemahl, daß ich be - reit ſey, Dir Jda und Mathilde bis D… ent - gegen zu bringen, wenn er ſich dort auch nur ei - nige Tage aufhalten dürfe, damit das Mutter - herz ſich an dem Anblick des liebenswürdigſten Kindes erquicke. Auch Herr von Platov richtet ſich gewiß ſo ein, daß er und Woldemar mit euch und uns zugleich in D… eintreffen.

Und wären es nur drei Tage. Auch triumphire ich zum voraus in der Freude, daß die Kinder ein - ander ſehen. Noch weiß hier niemand etwas von meiner Jdee, als der Herr Pfarrer. Antworte mir bald. Jch richte unterdeſſen alles zur Reiſe ein, ſo daß wir jeden Augenblick einſteigen kön - nen, wenn Dein Brief es gewiß macht, daß wir(4)26euch in D… treffen ſollen. Dieſe Reiſe kann für unſere Kinder ſchon inſtruktiv werden. Auch iſt es mir lieb, daß der Weg uns wieder eine gute Strecke durch Deutſchland führen wird, und eine, die wir noch nicht bereiſ’ten. Wir richten uns ſo ein, daß wir acht Tage früher in D… ſind, als Du, damit ich Muße gewinne, den Kindern das zu zeigen, was jetzt von jenen Kunſtſchätzen Ein - druck auf ſie machen kann. Biſt Du ſelbſt erſt da, und Dein Gemahl, und die kleinen Schwe - ſtern: dann gute Nacht Merkwürdigkeiten von D…! für uns ſeyd ihr dann nicht mehr da, wir nicht für euch. Dann leben wir die wenigen Tage nur durch einander. Laß den ſchönen Traum wirklich werden!

Wie bald und wie ich es den Kindern ſage, welcher Freude wir entgegen reiſen, weiß ich noch nicht. Starke, gewaltige Erſchütterungen halte ich für weibliche Naturen zu bedenklich. Freilich können ſie auch ohne unſere Veranſtaltungen, vom Schickſal ſelbſt veranlaßt, uns treffen: aber dann mag auch das Schickſal ihre Wirkungen ver -27 antworten! Herbeiführen ſoll die Erzieherin keine ſolche Ueberraſchung, wodurch das junge Gemüth zu heftig erſchüttert werden kann. Sahe ich doch einmal ein fünfjähriges Kind zu Grunde gehen, welches man durch die plötzliche Wiederer - ſcheinung ſeiner Wärterin, die lange verreiſ’t ge - weſen war, angenehm überraſchen wollte. Das Kind liebte kräftiger, als man ihm zugetraut hatte; die Freude, und beſonders das überlaute Freudengeſchrei der guten Perſon erſchütterte das Kind ſo gewaltig, daß es die Sprache, wie den Gebrauch aller ſeiner Sinne auf der Stelle verlor, und völlig ſtupide wurde und blieb. Jch ſah es als ſechzehnjähriges Mädchen, wo es bloß noch eine ſtarke Körpermaſſe war, voll blühender Ge - ſundheit, aber ohne alle Seele. Ein anderes junges Mädchen von 15 Jahren hätte bald die frohe Ueberraſchung, die der Onkel ihr zugedacht, eben ſo ſchwer gebüßt. Wie verſteinert, faſt le - benlos ſtand ſie da, als plötzlich ihr jüngerer Bru - der vor ihr ſtand, den ſie 60 Meilen entfernt ver - muthete. Es dauerte ſehr lange, ehe ſie nur wei - nen konnte, und mehrere Wochen hindurch blieb28 ſie todtenblaß. Solche Beiſpiele, deren ich mehrere ſahe, haben mich aller ſtarken Ueberra - ſchung ſehr abgeneigt gemacht. Jch ſelbſt für meine Perſon haſſe ſie ordentlich; ſie berauben uns aller Freiheit des Gemüths, und machen die Freude zu einer rohen krampfhaften Aufwallung, zu einem Rauſch, welcher uns die Beſinnung raubt. Dieſe Freude (wenn ſolches unbehagliche Gefühl noch den Namen verdienen könnte) gränzt ſo nahe an das quälende Peinliche im Schmerz, daß ich ſie vom heftigen Schmerze nicht zu unter - ſcheiden weiß. Jch brauche lange Zeit, ehe ich aus ſo einem tumultuariſchen Zuſtande wieder zu mir komme. Und iſt nicht ein Gemüth voll hoher Ruhe das eigentliche Element der ſchönern Em - pfindungen! Großes plötzlich hereinbrechendes Unglück kann eine geſunde Seele viel leichter tra - gen. Da kommt man ſchneller zum Gefühl ſeiner Kraft. Sollte es alſo auch Deines Mannes freundlich heimliche Abſicht ſey, die Reiſe über L… zu ſtellen, und uns hier zu beſuchen: ſo bitte ich Dich, um meiner und der Kinder willen, uns das ganz beſtimmt zu melden, da -29 mit wir uns deß ſo lange als möglich vorher freuen. Sehen müſſen wir uns aber auf alle Weiſe, ehe Du ſo gar fern von uns ſcheideſt.

Du wirſt alſo dem alten Schauplatze großer Thaten und Menſchen ſehr nahe ſeyn, ihn zum Theil mit eigenen Augen ſehen: ich könnte Dich beneiden! Und doch wünſcht ich, Du bliebſt bei uns im trauten Vaterlande, und wir machten alle nur eine liebende Familie aus auf keinen Fall könnte ich mich nun von dieſen Kindern tren - nen, ehe ihre Bildung vollendet iſt. Jetzt fodert das Schickſal ſelbſt von Dir, daß Du mir dieſe ſchöne Pflicht ganz übertrageſt.

Wie herrlich wär es, wenn wir beiſammen auf dem ſchönſten Fleckchen Deutſchlandes wohnten! Doch, ſollte Dein Mann einſt nach Jtalien beru - fen werden: auch da könnten wir vereint leben.

Schreibe bald, und laß es möglich werden, daß wir in D. zuſammentreffen: ich bitte Dich. Auch kann ich es von Deinem Manne nicht anders30 glauben, als daß er es ſo oder ſo vorhabe. Tren - nen auf mehrere Jahre kann er uns nicht wollen, ehe wir uns alle noch einmal von Angeſicht geſe - hen. Sage ihm das, und daß ich ihn beſſer kennte, um ihm ſo etwas zuzutrauen. Und nun bald, bald Nachricht, Emma!

Neun und dreißigſter Brief.

O welch ein Wiederſehen und welche Trennung war das! Nein, das könnt ich nicht noch einmal haben! Jch habe mir und uns allen mehr zuge - traut, als ich Urſache hatte. Und es war Jrr - thum, daß die Freude den Schmerz überwiegen könne. Zwar ſagteſt Du, Du habeſt die erſtere um keinen Preis zu theuer erkauft aber ach! ich ſahe, wie der wüthende Schmerz Dein Herz zerriß, noch ehe der Trennungstag da war und die Kinder, ſie waren lange nachher ſich ſelbſt nicht mehr ähnlich. Lange konnten wir unſer ruhig ſchönes Lebensgleis nicht wieder finden. Nichts vermochte uns zu tröſten.

31

Auf das Land wollte ich nicht wieder zurückkeh - ren, weil die ſchlimme Jahrszeit ſchon ſo weit vorgerückt war, und um uns nicht wieder eine neue Trennung zu bereiten. Und die Stadt, wie ſchrecklich öde war ſie mir geworden! Nach und nach haben wir uns ſelbſt wieder gefunden, haben unſere Einrichtung für den Winter gemacht, und werden ſo häuslich eingezogen leben, als das in der geſelligen Stadt nur immer möglich iſt. Muſikmeiſter, Tanzmeiſter, Sprachmeiſter ſind von neuem angenommen. Und von ſchönen weib - lichen Arbeiten, Stickerei - und Strickereiarbeit u. ſ. w. ſoll eine ſtattliche kleine Werkſtätte ange - legt werden.

Die Kinder ſind ſehr eifrig auf die Stickerei. Da haben ſie neulich große Tableaux von Stickar - beit geſehen, Blumen und Fruchtſtücke, und nun ſoll daſſelbe auch ausgeführt werden. Da haben ſie vor, mir eine Platte zu einem Arbeitstiſch zu ſticken. Eine große Vaſe mit Blumen wollen ſie ſticken. Wenn ſie Abends zu Bette gehen, freuen ſie ſich ſchon auf den andern Morgen, wo32 ſie ihre luſtige Arbeit wieder anfangen dürfen. Beim Licht erlaube ich ihnen das Sticken nicht; Abends ſind ſie darüber aus, das Spinnen zu lernen. Die Jdee, für Woldemar Leinzeug zu ſpinnen, Oberhemden, Tücher u. ſ. w., macht ſie überfroh. Zwei Stunden Abends wird geſpon - nen, während deſſen leſen ſie abwechſelnd vor. Jetzt ſind es Reiſebeſchreibungen, die vorgeleſen werden. Bald erwarten wir auch unſere beiden Wanderer ins Winterquartier, die ſollen uns dann von ihren Wanderungen mündlich erzählen. Kurz, wir wollen uns den Winter auf alle Art verkürzen, auch auf die eigentlichſte, denn wir wollen im März ſchon wieder hinaus aufs Land.

Clärchen bleibt auch dieſen Winter wieder bey uns. Die Mutter meynt, nun müſſe ich des Kin - des Erziehung vollenden. Mir ſcheint es, als wäre dieſes dringende Verlangen ein Vorgefühl ihres frühen Verſchwindens, und als wiſſe ſie, daß ſie ihrem geliebten Kinde nicht viel mehr wer - de ſeyn können. Wie gern erfülle ich ihren Wunſch! Jſt mir dies gute Kind bey Jda’s Er -33 ziehung doch faſt unentbehrlich. Jda bedarf ei - ner Freundin ihres Alters, bei der ſie ihre ſchön - ſten kindlichen Gefühle niederlegen kann.

Mathilde iſt zu verſchieden von ihr, obgleich ſie ſich lieben. Unter dieſen beiden kann keine rechte Jnnigkeit entſtehen. Zwiſchen beiden aber ſteht Clärchen mitten inne, und nähert ſie beide ein - ander.

Doch laß Dich’s ja nicht reuen, daß wir Ma - thilde aufgenommen. Jda’s weiche Zartheit wird ſie nie ganz verſtehen können: aber ſie wird, was ſie nach ihren Anlagen werden kann gewiß kein gemeines Weſen; wie Du das auch ſelbſt in den wenigen Tagen wahrgenommen. Sie iſt gewiß eine der ſchönern Naturen, die nur früher in ein günſtiges Klima kommen dürfen, um ſehr vortreff - lich zu werden. Das Klima des elterlichen Hau - ſes hat ihr eine zu harte Rinde gemacht. Seit un - ſerer Reiſe nach D. haben alle drey Kinder ſchnelle Schritte aus der Kindheit heraus gethan. Es iſt, als ob beſonders bei Jda dio große Freude(5)34und der gewaltige Schmerz eine Reife bewirkt hätten, die ſonſt vielleicht ein paar Jahre noch zurückgeblieben ſeyn würde. Jch fühle, wenn ich ſie nahe bey mir habe, daß ich über ſo vieles mit ihr reden kann, und von ihr verſtanden werde.

Die Kluft zwiſchen ihr und Mathilde fühlt ſie, kann ſich’s aber nicht erklären, wodurch ſie ent - ſteht. Von Mathilde iſt es ein Zeichen wirkli - cher Gutartigkeit, daß ſie Jda’s große Vorzüge keinesweges beneidet. Wie viel mehr aber Clär - chen thut, als ſie nicht beneiden, haſt Du ſelbſt geſehen. Wenn ich Jda nicht kennte, ſagte ſie neulich zu Mathilde, ſo wüßte ich ja nicht, wie lieb und hold man ſeyn kann, auch wenn man noch ſo jung iſt.

Es iſt mir oft, als müßt ich Jda Blumen ſtreuen, wie einem Heiligenbilde; und wie ich vor zwei Jahren Abends einmal hörte, daß Jda für mich betete, da meynte ich, der ganze Him - mel ſtünde offen, und aller Segen käme auf35 mich herab. Oft muß ich weinen, wenn ich den - ke, wie ſie ſo gut iſt, daß ich es nicht auch bin. O du biſt wohl gut, Cläre, ſagte Mathilde, du biſt frömmer, als ich; aber ich bin froh, daß ich euch nur recht von Herzen gut ſeyn kann. Nicht wahr, Cläre, das iſt auch ſchon etwas von der rauhen Mathilde? ſie wird ſchon noch beſſer werden.

Anch hat Mathilde wirklich ſchon viel über ihre rauhe Natur gewonnen. Sonſt konnte ſie Jda und Clärchen oft ſehr hart anfahren; aber dieſe Härte hat ſich beſonders ſeit der Reiſe um vieles gemildert. Jedermann wendete ſich unterwegs zu Jda und Clärchen. Mathildens ſtolze Miene und ihr harter Ton entfernte die Leute von ihr. Faſt nie ſprach ein Armer ſie an, und wer irgend etwas von uns begehrte, ſelbſt unter unſern Do - meſtiken, wendete ſich immer zunächſt an Jda, die aller Welt Fürſprecherin iſt. Dies hat Mathilde von ſelbſt bemerkt, und ſelbſt den Grund gefun - den: ich brauchte zu ihren Bemerkungen nur we - nig hinzuzuthun. Deine Kälte gegen ſie ſcheint tief und ſchmerzlich auf ſie eingedrungen zu ſeyn.

36

Wann wird nun die Mama mich lieb haben können? ſagte ſie neulich, als ſie ſich eben bei mir allein ſah. Sie iſt ſo hold gegen jeden, und nur gegen mich war ſie kalt. Bin ich denn noch ſo gar ſchlecht? Nein, mein Kind, das biſt du nicht; aber dein Ton iſt noch oft rauh und hart, und da glaubt man, ſo ſey auch dein Gemüth. Oft ſcheint es auch mir (aber nur auf Augenblicke), du lieb - teſt keinen Menſchen. Und das kann mich ſehr betrüben; denn ohne Liebe iſt keine Güte.

Mathilde. Ach! Tante, in ſolchen Augen - blicken liebe ich mich ſelbſt am wenigſten; da könnt ich mich oft ſelbſt ſchlagen, daß ich ſo bin.

Jch. Nun ſah dich die Mama gerade ſo: wie konnte ſie dich denn lieben? Werde Herr über deine rauhe Art zu ſeyn, über deine unempfind - lich ſcheinende Härte, und man wird dich doppelt lieben. Lieben wird man dich um der Milde dei - nes erworbenen Charakters, und lieben wird man dich um der Kraft willen, mit der du ihn errun - gen. Wenn Kraft zur Milde geworden, ſo iſt nichts liebenswürdiger als ſie. Das laß dich trö - ſten, mein liebes Herz.

37

Mathilde. Jch will werden, beſte Tante, was ich ſeyn ſoll. Du ſollſt noch Freude an mir haben, und die Mama auch. Und wenn ſie mich dann auch nicht lieb hätte, ſo weiß ich doch, daß ich es verdiene, und daß ſie mich dann nur nicht kennt.

Jch. So iſt es recht, Mathilde. Aber Mama wird die erſte ſeyn, die dir ihre zärtliche Liebe beweiſ’t. Nun bitte ich Dich, Emma, ſende dem armen Kinde bald einen recht freundlichen Brief. Sie muß nicht ſich ohne die Liebe ihrer Wohlthäterin behelfen lernen. Deine beiden Engel haben mich im Wachen wie in Träumen bisher oft beſchäftigt. Auch an dieſen Kindern hat ſich unſere Weiſe ſchön bewährt. Sind nicht beide das Bild der Geſundheit, und beide voll aufſtrebenden Lebens? Aber an der Gertrud haſt Du auch einen unbezahlbaren Schatz. Jn ihrer Aufſicht kann nichts verſäumt, nichts verwahrloſ’t werden, da muß alles alles gedeihen. Und wie ſie Dich verſtehen gelernt hat, und doch nicht ſelbſt herrſchen und nur immer Deine folgſame andere Hand ſeyn will! Jch habe ihres Gleichen noch38 nicht geſehen. Und ſollte es denn ſo ſchwer ſeyn, ihr ähnliche Subjekte zu finden, woraus eine ſorg - ſame Mutter ſich eine helfende Pflegerin ihrer Kinder bilden könnte, die ihre Stelle vertreten, ſo oft ſie abweſend ſeyn muß, oder andere Ge - ſchäfte und andere Pflichten im Hauſe ihrer war - ten? oder während ſie krank iſt? Jch begreife nicht, wie ſo wenige unſerer jungen Mutter dar - auf fallen. Es iſt ja doch in unſern Verhältniſſen (und ich ſetze voraus in jedem) keiner Mutter, ſo lange ſie noch Gattin iſt, möglich, bloß Mutter zu ſeyn, und einzig für die Erziehung ihres Kin - des zu leben. Was aber die nachmalige Erziehung ſo ſchwer macht, und oft für Mütter allzuläſtig das iſt die frühe Verwöhnung der Kinder zu Un - arten, die ihnen hernach wieder aberzogen werden ſollen. Und wo nehmen ſie die an? meiſtens in fremder Aufſicht, die keine Autorität über ſie hat, während die Mutter ſie nicht um ſich haben kann, oder entfernt ſeyn muß. Aber in der beſtändigen Umgebung einer gutartigen, ruhig verſtändigen Perſon, die ſie achten müſſen, weil ſie eigentlich der Mutter ſchwächeres Abbild iſt, wie können ſie39 da ſchlimme Gewöhnungen annehmen? Was waren die Ammen der Alten anders, welche le - benslängliche Mitglieder des Hauſes bleiben, und eines ſo großen Anſehens darin genoßen, als ſolche Gertruden? Freilich wenn man eine ſolche Perſon ohne Autorität über die Kinder ſetzt, und ſie ſich ſelbſt keine zu geben vermag, dann iſt ihre Aufſicht eher ſchädlich als heilſam. So bald ſie in der Mutter Abweſenheit Stellvertreterin ſeyn ſoll, muß auch kein Schatten von der Dienſtmagd mehr auf ſie fallen, ſie muß von Stund an mit Achtung behandelt werden. Dies ſetzt nothwen - dig voraus, daß ſie ſie wirklich verdiene. Die Aus - führbarkeit dieſer Jdee war mir nie zweifelhaft. Noch gewißer iſt ſie mir geworden, ſeit ich Deine Gertrud wieder geſehen. Aber ſie hat auch eine ordentliche Schule bei uns gemacht. An Jda hat ſie geſehen, daß unſere Weiſe die rechte ſey. De - ſto ſicherer folgt ſie ihr nun bei den beiden Klei - nen. Und daß ſich auch dieſen Menſchen Rein - lichkeit anerziehen läßt ein Punkt den ich am meiſten bezweifelte hat ſie uns gleichfalls be - wieſen. Jhr ganzes äußeres Anſehen war jetzt40 höchſt ſauber. Und ſie erröthete ſanft, als ſie ſah, mit welchem Wohlgefallen mein Blick auf ihrer ganzen Perſon verweilte. Und wie ſich ihre Sprache ſeitdem noch ausgebildet hat! Gewiß, Du biſt recht glücklich in ihr. Aber ſo eine Per - ſon in den niedern Ständen gleich vollendet auf - ſuchen zu wollen, das wäre Thorheit. Erziehen muß man ſie ſich, oder vielmehr man muß ihr geſtatten, daß ſie ſich in unſerm Umgange aus - bilde, und muß ſie alſo nicht fern von ſich halten. Mit Freuden hörte ich von Deinem Gemal, daß er auf jeden Fall Gertrudens Zukunft durch etwas Gewißes geſichert; dadurch, (und daß kein Schat - ten einer Sorge ſich ihrer bemächtigen kann) muß - te ihr ſchon uneigennütziges Gemüth die völlige Freiheit und Heiterkeit bekommen, die ich in Dresden an ihr ſo gern bemerkte. Jch ſprach mit ihr hierüber, und ſie ſagte: ich hoffe, daß ich keins von ihnen ſterben ſehe, und daß ich das Ver - mächtniß nie brauche; aber die Sicherheit, daß ich niemals Mangel leiden kann, macht mich nun auch ſo ſorglos wie ein Kind. Sehr brav aber finde ich ihr Enthalten von allem, was ſie in41 dieſem Falle, den ſie nicht zu erleben wünſcht, doch würde entbehren müſſen, wie überhaupt das Vermeiden alles Vornehmſcheinens. Es zeigt von einer ſehr geſunden Seele. Jch kann Dir nicht ſagen, wie achtenswerth ſie mir in ihrer faſt unveränderten bürgerlichen Tracht vorkam. Jhr ſimples Häubchen und ihr Jäckchen ſtehen ihr ſo gut. Lebe wohl! Wann werden uns end - lich die erſten Nachrichten von euch erfreuen?

Vierzigſter Brief.

Unſere Reiſenden ſind ſeit einigen Wochen zu - rück aber wie werde ich Dir’s ſagen, was ich zu berichten habe? Liebe Emma, ihre Zu - rückkunft hat uns ſtatt der gehofften Freude viel Schmerz und Sorge gemacht.

Doch ſey Du ohne Sorge, alles geht gut. Krank, von einem Arzte begleitet, kamen beide ei - nes Abends ſpät hier an. Die Kinder ſchliefen(6)42ſchon; ich allein war noch auf, als ein langſam - fahrender Wagen vor unſerer Thüre ſtill hielt. Jch ſchickte hinaus. Ein fremder Mann trat vor mich. Sehr behutſam bereitete er mich vor, auf das, was er zu ſagen hatte. Erſt bat er, ob ich für dieſe Nacht ein Paar verunglückte Reiſende ins Haus nehmen könnte. Als er meine Ver - wunderung über dieſen Antrag ſah, ſagte er: die beiden Reiſenden ſind Jhnen keines Weges fremd. Nun ſchoß mirs auf’s Herz. O es iſt der Herr von Platov mit ſeinem Zögling! rief ich. Ja die ſind es. Aber was iſt es? welch ein Unglück iſt ihnen widerfahren?

Herr von Platov hat das Bein gebrochen, und ſein Zögling, der allein bei ihm war, und ihm Hülfe leiſten wollte, hat ſeinen rechten Arm aus der Schulter gerenkt, und aus Mangel ſchneller Hülfe Geſchwulſt und heftiges Fieber bekommen.

Jch flog hinaus an den Wagen, und fand Platov ſehr matt und Woldemar im ſtärkſten Fieber, das durch die kleine Fahrt ſehr heftig43 geworden war. Sie wurden beide in unſere un - tern Zimmer gebracht. Jch ließ hier Lager für ſie bereiten, und beſorgte mit meinen Leuten, was ſonſt zu ihrer Pflege nöthig war. Der Arzt verſprach auf mein Verlangen, ein paar Tage bei uns zu bleiben.

Als der herbeigeholte Wundarzt das Seinige gethan, welches bis tief in die Nacht dauerte, nahm der Arzt ſeinen Platz im Zimmer, wo bei - de Kranken lagen, und beſtand darauf, die Nacht hindurch ſelbſt bei ihnen aufzubleiben. Auch für mich war an keinen Schlaf zu denken.

Als die Kranken gegen Morgen eingeſchlum - mert waren, erzählte mir der Arzt den unglück - lichen Vorfall mit folgenden Worten.

Jch kam von einer kurzen Fahrt zu einem Verwandten zurück, und wollte eilig zu Hauſe nach O , als ich an der Poſtſtraße einen um - gefallenen Reiſewagen und zwei Reiſende gewahr ward, wovon der Jüngere ſich mit der äußerſten Anſtrengung bemühete, dem Aeltern aufzuhelfen,44 deſſen eines Bein unter den Wagen gekommen war. Der Poſtknecht war abgeſtiegen, die Pfer - de waren unterdeß wild geworden. Herr von Platov hatte die Zügel einen Augenblick zu ſpät ergriffen, die Pferde gingen durch, der Wagen ſchlug um; Herr von Platov im Hinausſpringen begriffen, blieb mit dem einen Fuß im Tritt und kam damit unter den Wagen. Sein junger Ge - fährte war eben im Begriff, den Wagen in die Höhe zu heben, und hatte ſich dabei die Schul - ter ausgerenkt, als ich zu ihnen ſtieß. Der Poſtillion war ſeinen Pferden nachgerannt, und die Verunglückten waren ohne alle Hülfe. Mit dem Beiſtand meiner Leute brachte ich ſie in mei - nen Wagen. Da in der Nähe kein Ort war, wo ich ſie hätte hinbringen können, ließ ich ſehr langſam auf L. zu fahren, und ſo kamen wir end - lich bei Jhnen an. Der junge D. bekam von der Angſt und Anſtrengung ein Fieber, das durch den Schmerz an der Schulter, und nach der Bewegung des Fahrens ſehr heftig wurde. Doch beſorgen Sie nichts; ich bitte Sie. Der Beinbruch des Herrn von Platov iſt keiner der ſchlimmſten, und die45 Verrenkung wird, wie ich hoffe, auch ohne ſchlimme Folgen bleiben.

Jetzt war meine Sorge, wie ich den Kindern, und beſonders Jda, den Vorfall am Morgen be - kannt machen wollte, ohne daß es ſie zu ſchmerzlich angriffe. Jch ging um ſechs Uhr, wie gewöhn - lich, ſie zu wecken; aber ſie merkten bald, daß mir die gewohnte Heiterkeit gänzlich fehle. Tan - te, liebe Tante, biſt du krank, fragte Jda? Nicht ich bin krank, gutes Kind, aber zwei an - dere Perſonen, die wir ſehr lieb haben, ſind krank. Ach! das iſt gewiß Woldemar und Herr von Platov, die hat gewiß ein Unglück un - terwegs befallen: liebe Tante, wir müſſen hin - reiſen, wo ſie ſind, und ſie beſuchen und pflegen, daß ſie bald wieder geſund werden; die beiden andern ſtimmten bittend ein. Das brauchen wir nicht, lieben Kinder; ſie ſind im Hauſe, ſind in der Nacht in Begleitung eines Arztes zu uns ge - kommen, und hier wollen wir ihnen mit der treue - ſten Pflege beiſtehen, damit ſie ihres Unfalls bald vergeſſen. Dieſe Jdee, die die Kinder eifrig er -46 griffen, nahm dem Schmerze ſeinen ſchärfſten Stachel. Sanftweinend kleidete Jda und ſehr ſtill und ſchnell die beiden andern ſich an, um bald hinunter zu kommen.

Der Arzt wollte es erſt den Kindern gar nicht geſtatten, ins Krankenzimmer zu kommen, weil Woldemar in der Nacht im Fieber unaufhörlich mit Jda beſchäftigt war, und in ſeinen Phanta - ſieen ſie beſtändig rief. Er fürchtete zu gewaltſa - me Bewegung. Doch Woldemar ließ, als er wieder zu ſich gekommen, mit Bitten nicht nach, bis Jda und die andern ins Zimmer gelaſſen wur - den. Jch hatte Jda vorher bedeutet, wie viel von ihrer Mäßigung abhinge und dieſe Vor - ſtellung vermochte mehr über ſie, als ich ſelbſt ge - hofft hatte.

Du biſt nicht ſo wiedergekommen, mein Wol - demar, als ich mir gedacht hatte; aber wir wollen dich und den Herrn von Platov ſchon bald wieder geſund pflegen. Jetzt wandte ſie ſich an den Arzt, und bat ihn höchſt naiv und zuverſicht -47 lich, ihr und den Schweſtern (ſo nennt ſie die andern beiden) zu ſagen, was ſie zu thun haben, und was ſie bei der Wartung der Kranken vermeiden müßten.

Bewegt von des Kindes unſchuldiger freimüthi - ger Bitte, ſagte er ihr alles, und inſtruirte ſie wie eine erwachſene Perſon. Sie horchte ſcharf auf, und verlor keines ſeiner Worre. Dem Wol - demar ward es ſehr ſchwer, ſich in den Schran - ken zu halten, die der Arzt ihm vorgeſchrieben. und dieſe Anſtrengung ſelbſt mochte wohl zu der Heftigkeit des zweiten Fieberparoxismus mitge - wirkt haben. Er war wirklich ſehr arg. Der arme Junge declamirte fürchterlich; ſeine Phan - taſie malte ihm immer Jda und die andern kleinen Schweſtern vor, die er aus dem Waſſer retten wollte, und die immer wieder verſanken, wenn er ſie halb empor gezogen hatte. Jda weinte ſchmerzlich, und wandte alles erdenkliche an, ihn zu überzeugen, daß ſie wirklich vor ihm ſtän - de, dann lächelte er ihr zu, und ſagte: ja, ja, ich will es glauben, wenn ich dich erſt gerettet48 haben werde; aber ſieh, wenn du halb herauf biſt, dann ſinken Kathinka und Virginia wieder unter: o ich Unglücklicher, ſo muß ich euch doch umkommen ſehen! So kaſteiete ſich der Arme viele Stunden lang, und Jda litt Todesangſt.

Jch nöthigte ſie, hinaus zu gehen, und ließ Clärchen und Mathilde ihre Stelle einnehmen. Endlich übernahm ihn ein freundlicher Schlaf. Da ließ ich Jda wiederkommen und ſeiner wahr - nehmen. Die folgenden Paroxismen waren ſchwächer und immer ſchwächer. Auch Platov erholte ſich, nur darf er ſich eben ſo wenig regen als Woldemar. Die äußerſte Ruhe iſt beiden ſtreng geboten. Nun wechſeln und wetteifern die drei Mädchen im Vorleſen mit mir: auch laſſen ſich beide Kranke ſo gern von ihnen unſere Ge - ſchichte während ihrer Abweſenheit mit allen ih - ren kleinſten Begebenheiten erzählen. Viel wird auch muſizirt. Platov iſt entzückt über die Fort - ſchritte der Kinder. Beſondere Freude hat er an Jda’s ſüßer Stimme.

Dieſer Unfall unſerer beiden Reiſenden nöthigt49 und berechtigt uns dieſen Winter einſamer und häuslicher zu leben, als wir es ſonſt gekonnt hät - ten; und der Gewinn von dieſem Unglück ſcheint für uns alle überwiegend zu ſeyn. Jch dächte, wir hätten noch nie einen ſo frohen Winter ver - lebt, als dieſen. Es werden alle Künſte eifriger getrieben, und was ſich in Gegenwart der beiden Geneſenden thun läßt, geſchieht in ihren Zim - mern, z. B. das Zeichnen, Sticken, wobei immer abwechſelnd vorgeleſen wird. So gar die Tanzſtunden will Herr von Platov oft gern in ſeinem Zimmer haben: und Jda, welche ſah, daß Clärchens und Mathildens artige Gewandt - heit und wirklich ſchöner Anſtand im Tanzen ihm Freude machten, hat ohne alles Zureden wieder Theil genommen, und gibt ſich alle Mühe, den andern wieder nachzukommen, die ihr weit vor - geeilt waren. Auch Woldemar, der wieder auf ſeyn kann, hat geſtern mit ſeiner Armbinde eine artige Menuette mitgetanzt. Auch gibt ihm ſeit acht Tagen Platov jeden Morgen ein paar Lehr - ſtunden, während deren unſere lieben Mädchen Haushaltungsgeſchäfte beſorgen. Dann beſucht(7)50uns auch nicht ſelten unſers Clärchens Vater, welchen Platov noch nicht kannte, an dem er aber großes Wohlgefallen hat. Cläre kann dann ganz entzückt werden, wenn ſie ihren Vater von dem Manne ſo gefeiert ſieht, den ſie mit den andern Kindern vergöttert. Tante, ſagte ſie geſtern, ich möchte närriſch werden vor Freuden, wenn ich den prächtigen Herrn von Platov mei - nen herrlichen Vater ſo zärtlich umarmen ſehe! Es iſt mir dann, als ob ich zwei Sonnen am Him - mel auf einander zukommen ſähe.

Könnt es Dir noch wohl begegnen, daß du dem einen oder dem andern in irgend einer Sache zuwider wäreſt?

Unmöglich Tante! Als ich noch ein rohes wil - des Kalb war, da macht ich dem Vater oft Ver - druß, und ich konnt es gar nicht einmal fühlen, daß es Unrecht ſey, wenn ich ihm in meiner Un - bändigkeit die ſchönſten Blumen im Garten zer - trat, um nach dem Kirſchbaum mit den ſchönen Glaskirſchen ſchneller hinzukommen, oder wenn51 er ſtudieren wollte, oder Betty unterrichten, und ich unaufhörlich tobte mit den Kindern des Nach - barn, die ich immer mit nach Haus brachte, weil Betty mir zu verſtändig und zu fromm war. O wenn jetzt der Vater mir ein ſo ernſthaftes Ge - ſicht machte, wie damals ich könnt es nicht aushalten! Seit ich bei dir war, beſte Tante, ſeit ich dich lieb habe, liebe ich Vater und Mutter und Schweſter noch einmal ſo ſehr, und ſo ganz anders wie ſonſt. Eben ſo wenig könnt ich es ertragen, daß Herr von Platov mit mir zürnte.

Der gute Pfarrer harrt ſchon mit Ungeduld des Frühlings, der uns (wenigſtens auf kurze Zeit) alle wieder auf unſerm Landſitz verſammelt; denn ehe Platov und Woldemar die neue Som - merreiſe antreten, machen ſie mit uns einen Früh - lingsaufenthalt von einigen Wochen in Nauen - burg. Aber bis dahin wird der Pfarrer noch oft zu uns kommen. Die beiden Männer ſchließen ſich mit jedem Sehen feſter an einander. Jedes tiefere Eindringen in die Eigenthümlichkeit des andern erhöhet die Achtung. Für Woldemar52 wird ihr Umgang ſehr belehrend, und wie viel Jahre kann es noch dauern, ſo wird Woldemar der Dritte unter ihnen; denn er reift ſichtbarlich. Der letzte Sommer iſt ihm eine große Stufe ge - weſen zur Entwickelung, der phyſiſchen wie der geiſtigen. Lebe wohl, Emma!

Mit Sehnſucht werden die nächſten Briefe von K… erwartet, deß bitte ich eingedenk zu ſeyn.

Noch einmal, laß Dein Herz ohne Sorge ſeyn. Wir waren vielleicht nie froher beiſammen, als eben jetzt. Jeder Unfall, auch ein Beinbruch kann liebende Menſchen enger an einander knüpfen.

Lebe wohl!

Ein und vierzigſter Brief.

Erwünſchter hätten eure Briefe, ihr lieben Tür - ken, nicht kommen können. Und wie ſo gar lieb - lich ſind Deine Berichte von den beiden Kleinen!

Beide halten ſo viel von einander? Mich freut53 es nur, daß ſie ſchon da, und getauft waren, ehe ihr nach K… kamt, denn ſonſt hätte D ihnen wohl türkiſche Namen gegeben. O macht nur, daß ihr bald wieder nach Deutſchland kommt, da - mit Kathinka nicht gar zu ausländiſch werde.

Dieſe ſtarke Natur wird nicht gar leicht zu lenken ſeyn, beſonders wenn D fortfährt, an ihrer Originalität ſo großes Behagen zu äu - ßern. Auch ſoll der böſe Menſch nicht meynen, daß die Erzpädagogin nur einmal Willens iſt, alles was er muthwillig verdirbt, wieder in Ord - nung zu bringen ; an ihm ſelbſt aber wird ſie meiſtern, ſo lange bis ſie ihn zum beſſern Erzieher erzogen hat. Lies ihm ja dieſe Stelle oder lieber den ganzen Brief vor; ich bitte Dich.

Hätte er ſich durch ſeine grenzenloſe Freude an Jda und Woldemar in Dresden nicht ſelbſt ver - rathen, was er von der guten Erziehung halte, ſo könnten einen ſeine komiſchen Ausfälle gegen den pädagogiſchen Ernſt wohl oft irre machen. Aber vergebens hatte er geſtrebt, ſich zu verbergen,54 als er Woldemar’s glühendes Herz und die hohe Reinheit des köſtlichen Jungen ſah. Sein eignes großes Gemüth erſchien ohne alle Hülle in der heiligen Vaterfreude. Und wie ihn Jda’s Fröm - migkeit rührte und wie ihn Mathildens ſchein - bare ſtolze Kälte zurückſtieß! O ſag ihm, daß ich ihn beſchwöre, die Naturanlagen zu einem ähnlichen Charakter in Kathinka nicht ſelbſt ſo zu erhöhen. Gerade weil ſie ſo viel Entſchiedenes hat, laſſe ich ihn bitten, ſie durch ſeine Art ſie zu nehmen, nicht gar eigenwillig, ſelbſtſüchtig und ſcharf zu machen. Gerade ſie muß gehorchen lernen; ihr muß ein kindlicher Sinn gegeben werden: und wär es auch durch Strenge. Laß ſie lieber fürchtend lieben, als eigenwil - lig widerſtreben. O wie würde es mich be - trüben, wenn ich bei unſerer endlichen Vereini - gung eins Deiner Kinder ſehen müßte, das kalt, ſtolz, ſelbſtſüchtig, hochfahrend, allem Zarten und aller Jnnigkeit widerſtrebend wäre, das, jene fromme Hingabe des Herzens an Vater und Mut - ter nicht kennend, nur im Genuß wirklicher oder erträumter Verſtandesüberlegenheit froh ſeyn55 könnte und wenn dies nun gar ein Mädchen wäre! So gewiß es iſt, daß unſer überfeines Zeitalter ſo ſcharfer ſtolzer überlegener Weiber nicht wenige hervorgebracht hat, ſo gewiß iſt es auch, daß die Natur ſie ſo nicht haben wollte, daß ſie es ihr zum Trotz wurden. Was ich von allge - meinen praktiſchen Erziehungsregeln halte, weißt Du, liebſte Emma. Noch ſind keine aufgeſtellt worden, welche auf jedes Kind anwendbar wären, die nicht nach der beſondern Natur des Kindes mo - difizirt werden müßten. Und das Allge - meine aufs Jndividuum anwendbar zu machen, iſt die Aufgabe des Erziehers.

Eben ſo wenig läßt ſich auch irgend ein Jndivi - duum als Erziehungsprodukt, als Modell aufſtel - len; denn wer wagt es, zu beſtimmen, was an einem vollendeten, in ſo fern es ein ſolches ge - ben kann, der eigentlichen Erziehung gehöre? Und was der Natur? und wie viel der zufälligen Umgebung?

Demnach gibt es ein Etwas, das aller Erzie -56 hung zur Grundlage dienen muß, das zuerſt ge - rade darauf abzwecken muß, dem jungen Men - fchenweſen in der Entwickelung ſeiner Menſchen - natur kräftig zu Hülfe zu kommen, das ferner dahin zielen muß, den weiblichen Sinn im Mäd - chen, die männliche Kraft im Knaben in ihrer Fülle hervorgehen zu laſſen. Jhre Hauptſorge muß ſodann ſeyn, daß ſich des Kindes individuelle Natur nach allen ihren Eigenthümlichkeiten frei, leicht und kräftig entfalte. Es darf im Mädchen der herriſche Mannsſinn nicht aufkommen, wenn es auch Anlage dazu hätte. Sein Weſen ſoll ſich zu weiſer Biegſamkeit formen. Das iſt bei ſtark aus - geprägten Naturen eine ſchwere Aufgabe der Erzie - hung, und gelingt nur, wenn man früh genug daran arbeitet. Nicht minder ſchwer iſt die, die Kraft einer allzuweichen überzarten Natur zu erhö - hen. Da gibt es der Mißgriffe ohne Zahl. Nicht ſelten wird durch Mißverſtand des Erziehers der Eigenſinn auf die Schwäche gepfropft, wo man Selbſtſtändigkeit zu impfen gedachte; oder es wird auch aus übergroßer Freude an der Zartheit eine völlig willenloſe Schwäche in der zarteren57 Natur erzielet. Vor beiden laß Deine liebliche Virginia bewahrt bleiben. Wäre Jda, die mit der Virginia die höchſte Aehnlichkeit zu haben ſcheint, in ihrer weichen Zartheit zu ſehr begün - ſtigt, hätte man das an ihr gelobt und mit be - ſonderer Aufmerkſamkeit gehegt, gepflegt, her - vorgezogen, was ihre Naturanlage nun ſo mit ſich brachte: ſo müßte ſie jetzt eines der weichlich - ſten, ſchwächlichſten, reitzbarſten, überſpannte - ſten Weſen ſeyn. Aber welch eine ſchöne Gewalt hat ſie über ſich und ihre Schwäche, und welch holde Fröhlichkeit herrſcht durch ihr ganzes Seyn! Wäre Mathilde von frühem an den Weg geführt worden, den man ſeitdem mit ihr nahm, hätte man früh ihrer Kraft die rechte Richtung an - gewieſen : wie ſchön harmoniſch müßte ſie ſich entfaltet haben! Jetzt muß ſie durch ſauern Kampf das Verſäumte erringen und die Falten des Cha - rakters wieder ausarbeiten, worüber ſie ihres ſchönen Lebensmorgens nicht recht froh werden kann. O laß es mit Kathinka nicht eben dahin kommen, ich bitte Dich herzlich. Jhr Ka - thinka will, und Kathinka will nicht darf(8)58ja nicht entſcheiden, ſo drolligt ſie das auch ausſprechen, ſo ſchön es ſie auch kleiden mag. Jn unſerer Welt, in unſern (weiblichen) Verhält - niſſen, wo, ohne den ernſten Richter in uns, noch ſo viele Dinge außer uns über unſer Thun und Laſſen gebieten, da muß dies ich will, und ich will nicht überall hart anſtoßen, und eben ſo hart zurückprallen. O welche Kämpfe, welche Bitterkeiten werden den armen ſo verwöhnten Geſchöpfen bereitet! Und ſelbſt die Männer, die das im Kinde dulden, ja wegen des komiſchen Kontraſtes mit der Schwäche, die ſie beluſtigt, oft begünſtigen, gehen am härteſten dagegen an, wenn ſie es im erwachſenen Weibe begegnen, und ſtrafen den weiblichen Eigenwillen und die harte Entſchiedenheit ihres Weſens mit Spott, Ver - achtung, oder, wo das bei dem übrigen Werth der Perſon nicht möglich iſt, mit Haß, wodurch unſer Daſeyn bis zur Vernichtung elend wird, da es nur in Liebe und Achtung des erſten Geſchlechts ſchön entblühen kann.

Wenn alſo Kathinka z. B. des Morgens er -59 klärte: Kathinka will heute nicht gewaſchen ſeyn, wie ſie es ſchon anfängt, was iſt da zu thun? Vielleicht nichts weiter, als daß ſie die Mutter zum Gutenmorgen nicht küſſen darf. Reichte das nicht hin, ſo darf ſie nicht fühſtücken; wollte ſie auch das verſchmerzen, ſo bleibt ſie auf der Schlaf - kammer, und darf nicht mit Dir hinunter gehen. Gertrude wird ſchon auf ſie acht haben, ohne ſie angenehm zu beſchäftigen; das darf freilich nicht geſchehen, ſonſt würde ſie auch dieſe Strafe weg - trotzen. Kommt ſie dann eine Stunde oder noch ſpäter nachher, und will gewaſchen ſeyn, ſo thut es Gertrude, ohne ihr Vorwürfe zu machen, ſagt ihr aber: wenn du morgen wieder ſo lange war - teſt, ſo waſche ich dich nicht, und dann kannſt du gar nicht zu Vater und Mutter heruntergehen. Dies wird ſicher helfen. Vor allen Dingen aber laß Gertrud ſich wohl vorſehen, daß ſie die ſanf - tere Virginia ihr nicht lobend zum Muſter ſtelle. Daß ſie letzterer in ihrem Herzen den Vorzug gibt, kann ſie nicht hehlen, äußern darf ſie das aber nicht, dies müßte für beide verderblich werden. Am nachtheiligſten würde es auf Kathinka wirken. 60Entweder ſie gewöhnte ſich früh, mit kalter Gleichgültigkeit das Wohlwollen der Perſon zu entbehren, mit der ſie doch ſo viel lebt, oder ſie würde heimlich bitter gegen das Unrecht, welches ſie ſich angethan glaubt. Jn dieſer Rückſicht al - ſo die vollkommenſte Gleichheit und Unparthei - lichkeit beobachtet, das bitte ich.

Laß beſonders Kathinka nie vergebens nach et - was verlangen, das ihr gewährt werden kann; bewillige ihr alles, was irgend zugeſtanden wer - den darf; aber laß ihren Trotz doch nie wankend machen in dem, was Du einmal beſchloſſen.

Kathinka iſt ein herrliches Geſchöpf. O laß ja nicht die Anlagen zu einer großen Seele in Selbſtſucht und Uebermuth verwildernd ausarten. Sie liebt Dich jetzt ſchon ſo feurig; an dieſem Bande leite ſie, doch hüte Dich vor der Weiſe der Mütter, die den Eigenwillen einer ſtarken Kin - desſeele, und die Kraft eines großen Gemüths durch die Gewalt der Rührung brechen wollen. Ein lebhaftes ſchlaues Kind kommt der pädagogi -61 ſchen Kunſt hier bald auf die Spur, und achtet bald nicht mehr, wenn die Mutter es oft mit den Worten zu zügeln meynt: du betrübſt deine Mutter, mein Kind, wenn du das thuſt. Sehr ſchnell haben ſie es weg, daß dies eine bloße Re - densart ſey, und nicht viel bedeute. Nichts iſt hier wirkſam, als die Stimme des ruhigen Ern - ſtes, der kann kein Kind widerſtreben, das nicht ſchon ſehr verderbt iſt. Mir hat dieſes Mittel noch nie verſagt. Lebe wohl, beſte Emma!

Zwei und vierzigſter Brief.

Unſere beiden Kranken ſind völlig hergeſtellt, und wollen auch bald wieder hinaus in die Welt, und wollen die zweite Reiſe auf die nämliche Art machen, wie die erſte, d. h. großen Theils zu Fuß. Zur Abwechſelung nehmen ſie bald den gewöhnlichen Poſtwagen, bald Extrapoſt, auch werden ſie eine Rheinfarth und eine Farth auf der Donau machen. Die Rheinreiſe könnt ich ihnen beneiden.

62

Wie die erſte Reiſe den Woldemar gebildet, habe ich Dir ſchon einmal geſagt: oft kömmt er mir jetzt vor, wie ein jüngerer Freund des Herrn von Platov. Jda ſagte neulich: Tante, wie iſt es, daß ich den Bruder jetzt ſo anders liebe, als ehe - mals? beſonders ſeit er krank war? Er kommt mir jetzt noch viel verſtändiger vor, als ſonſt; und ich denke, er allein müßte mich beſchützen können, wenn ich in Gefahr wäre. Das würde er auch können, Jda; er hat viel Muth, viel Entſchloſ - ſenheit, und das iſt es, was du in ihm ſo ſehr achteſt. Und dies Zutrauen hat deiner Liebe zu ihm eine ſo andere Geſtalt gegeben. Dies Zu - trauen und dieſe Achtung müſſen noch immer wach - ſen, ſo wie Woldemar an Kraft und Muth zu - nimmt. Jn dem Bruder hat die Natur uns Frauen den Stellvertreter des Vaters angewieſen. Und wenn der Bruder ganz das iſt, was dein Woldemar täglich mehr und mehr wird: ſo ent - ſteht in dem Schweſterherzen ganz von ſelbſt ein Grad des hingebenden Vertrauens, ja der kindli - chen Folgſamkeit, die ein großherziger Mann nicht als einen ſchuldigen Tribut fodert, ſondern als63 ein freiwilliges Geſchenk ehrt, und die geliebte Schweſter darum nur deſto zarter behandelt. O wie oft habe ich Dich, beſte Emma, hier ge - wünſcht, damit Du Zeugin ſeyn möchteſt, wie Jda und die beiden andern abwechſelnd die Kran - ken pflegten. Eine zartere ſchönere Aufmerkſam - keit gibt es nicht, als Jda’s; und doch wetteifer - ten die beiden Schweſtern täglich mit ihr: nur ſtand es keiner ſo natürlich ſchön an, als Jda. Sich ſelbſt vergeſſend lebte ſie nur in den Kranken. Wo könnte ſich auch der weibliche Charakter ſchö - ner zeigen, als am Krankenbette? Hier wird ein ächtweiblich Gemüth erkannt. Und wenn je ein weiblicher Orden ehrwürdig war, ſo iſt es der, deſſen eigentlicher Beruf Krankenpflege war.

Sie ſollte eins der Hauptaugenmerke bei der Bildung des weiblichen Charakters ſeyn, das nie aus der acht gelaſſen werden dürfte. Es ſollte dazu nicht bloß die weiche Gemüthsſtimmung ge - geben, es muß auch die Kraft des Gemüths dazu geſtärkt werden, damit es den Anblick der Leiden ertragen könne, ohne ſelbſt zu Grunde zu gehen. 64Freue Dich Deiner Tochter, Emma, bei ihr ſind weiche Milde und Kraft zum Dulden, wie zum Duldenſehen, glücklich vereinigt. Sie erinnerte mich oft an ein liebes ſechzehnjähriges Mädchen, für deſſen Bildung ich einſt ſorgte. Oft mußt ich den Kindern von ihr erzählen, wie ſie ſieben Wo - chen hindurch nicht von dem Bette der geliebten Geſpielin wegzubringen war, die an den heftig - ſten Krämpfen litt. Alle andern jungen Geſpie - linnen wurden aus Vorſicht von dieſem Kranken - bett entfernt, weil auf ſchwache Naturen nichts verderblicher wirkt, als der Anblick von heftigen Krämpfen.

Magdalis allein war aus dem Krankenzimmer durch keine Vorſtellung und durch keine Bitte, ihrer ſelbſt zu ſchonen, zu entfernen. Jch gab endlich dem heißen Verlangen nach, hoffend, ein ſolches Gemüth, das den ſchwerſten Dienſt ſo kräftig fodere, werde auch mit Kraft darin beſte - hen. Während dieſer ſieben Wochen kamen die ſchrecklichſten Anfälle Nacht und Tag ſo oft, daß ſelten zwei Stunden frei hingingen. Und Mag -65 dalis war faſt meine einzige Gehülfin in der Pfle - ge dieſer unglücklichen Geſpielin. Alles opferte ſie dieſer Pflege freudig auf, die liebſten Lehrſtunden, die ſie ſonſt um keinen Preis hingegeben hätte, die angenehmſten Beſuche, die ſchönſten Spazier - gänge, kurz alles, alles, was ſie ſonſt liebte, gab ſie willig hin, bis die kranke Freundin völlig ge - neſen war. Oft fürchtete ich, die vielen Nacht - wachen, und der ſtete Anblick dieſer ſchrecklichen Leiden würden zerſtörend auf ihre Geſundheit wir - ken: aber Magdalis blühete während dieſer An - ſtrengungen und nachher, wie zuvor. Die Liebe hatte ſie über ſich ſelbſt erhoben, und ihr eine Kraft gegeben, die ich zuvor in ihr nicht geahnet. Aber wie wirkte auch dieſe Liebe auf die junge Freundin, welche von dieſer Krankheit völlig ge - nas! Es entſtand daraus eine Freundſchaft, die nur der Tod unterbrechen konnte.

Wenn ich ehedem unſern lieben Mädchens hie - von erzählte, fragte mich Jda oft: ſollte ich das auch wohl einmal können? Und ſie hat bewieſen, daß ſie viel kann. Auch Mathilde und Clärchen(9)66thaten bei Woldemar’s und Platov’s Pflege, was ihnen Jda geſtattete, recht brav. Der Arzt iſt ent - zückt von Jda, und nennt ſie oft ſcherzend die barmherzige Schweſter, oft auch ſeine kleine Heilige.

Jn wenigen Tagen geht es hinaus nach Neuen - dorf. Der Winter mit ſeinen kleinen Mühſalen und ſeiner ſtillen Traulichkeit iſt dahin; in der Stadt kann uns nun nichts mehr halten.

Lebe wohl, Emma! Den nächſten Brief ſchrei - be ich Dir aus unſerm Sommerſitz.

Drei und vierzigſter Brief.

Die beiden Reiſenden ſind fort. Das kleine Ungemach der erſten Reiſe (wie ſie ihren Unfall nannten) war völlig vergeſſen. Jn Geſundheit und ſtrömender Fülle der friſchen Kraft, die hier auf dem Lande im Genuſſe des heiterſten Früh -67 lings täglich ſtieg, hielten ſie bei uns aus, und ließen ſich von uns und der Willigſchen Familie liebend hegen, ſo lange ſie konnten bald aber drängte die friſche Kraft zu ſehr, ſie mußten wie - der hinaus mit den Zugvögeln ins Weite. Alle liebende Bitten der Schweſter Jda, nur noch eine einzige Woche zu bleiben, vermochten über den unruhigen, vom Reiſeweh geplagten Woldemar nichts mehr.

Laß mich, laß mich fort, du engliſche Schweſter, war alles, was er ihren Bitten entgegen ſetzte. Platov hatte die Zeit der Abreiſe von ihm ab - hängen laſſen, um zu ſehen, wie er in dem Kampf beſtehen würde, vielleicht auch, um ſich den eignen gegen Willich zu erleichtern. Bis der Tag feſtgeſetzt war, überließ ich auch Jda ſich ſelbſt, und ließ ſie verſuchen, wie weit die Gewalt ihrer Bitten reichte. Jetzt, da es entſchieden war, foderte ich ſie auf, ſtark zu ſeyn, und dem Bruder keine ſaure Minute mehr zu machen. Jch bedeutete ihr, wie wichtig das Reiſen jungen Männern ſey, und wie nothwendig für ſie ein68 feſtes Beharren beim einmal gefaßten Ent - ſchluß iſt. Sie begriff das, und ſo bald ſie ei - ne Sache eingeſehen hat, bin ich von ihrem Muth und von ihrer Kraft, ſich zuſammen zu faſ - ſen, gewiß. Auch entſprach ſie meiner Erwar - tung vollkommen. Als der angeſetzte Tag der Abreiſe gekommen war, ſchien gerade ſie die ſtärk - ſte von uns allen. Clärchen zerfloß in Thränen, und ließ ihren Schmerz unverholen ausbrechen. Schon früher hatte ſie ſehr naiv oft laut gewünſcht, daß doch Woldemar auch ihr Bruder ſeyn möchte, damit ſie auch künftig, wenn er ein Mann ſey, ihn ſo lieben dürfe, wie Jda. Mathildens ſtol - zes Gemüth fühlte ſich gekränkt, zu ſehen, wie er nicht nur Jda, ſondern auch Clärchen vorzog, obgleich er in dem letzten Winter gegen ſie immer freundlich war: aber ſie unterſchied ſehr fein, daß ſeine Freundſchaft gegen ſie mehr Güte als Liebe war. Dennoch mußte auch ſie ſich weinend abkeh - ren, als er ihr die Hand zum Abſchiede bot, und ſie bat, ihn nicht zu vergeſſen, und Jda ſchwe - ſterlich lieb zu haben. Clärchen fiel ihr weinend um den Hals, und Mathilde wendete ſich mit69 wechſelnder Röthe hinweg und verbarg ihr Geſicht, damit niemand ihre Thränen ſähe. Auch Betty, die ihn nur erſt ſeit drey Wochen kannte, hieß ihn Bruder Woldemar, und ſagte: wenn Woldemar wieder kommt, ſoll er mich auch Schweſter heißen müſſen. Und biſt du denn nicht ſchon meine ſanfte Schweſter Betty? Lebt wohl, ihr himmli - ſchen Mädchen, und liebt euren Woldemar! Und ich meyne, gute Emma, daß ſie ſeine Bitte erfüllen. Der Pfarrer und ſeine Deborah konn - ten gar nicht von den Reiſenden laſſen.

Deborah flüſterte mir leiſe ins Ohr: ich habe ihnen auf immer Lebewohl geſagt; ich ſehe die beiden nicht wieder. O wie hat mich das Todes - urtheil betrübt, das ſie über ſich ſelbſt ausſprach! Und doch habe ich es nicht gewagt, ihr zu wider - ſprechen, und habe dieſe Saite ſeitdem gar nicht berührt. Jhr Vorgefühl der Vollendung iſt mir zu heilig, um darüber mit ihr ſtreiten zu wollen. Nur ihren Mann werde ich aufmerkſam machen müſſen; denn ihm zeigt ſie eine immer gleiche Heiterkeit. Jhn könnte der Schlag zu plötzlich treffen.

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Lebe wohl für heute; bald hörſt Du mehr von uns.

Vier und vierzigſter Brief.

Durch ein Ungefähr kam es neulich einmal am Tiſch zur Sprache, daß Woldemar nicht Dein Sohn ſey, und alſo nicht Jda’s rechter Bruder, wovon bis jetzt in dieſer Familie und von den Kindern niemand etwas geahnet, auch Platov wußte es nicht, daß Dein D. ſchon zuvor einmal vermählt war, und ſeine Gattin gleich nach Wol - demar’s Geburt verloren. Jda weinte ſchmerz - lich; ſie konnte den Gedanken gar nicht ertragen, daß Woldemar nicht Dein Sohn ſey. Jch ſuchte ſie von dieſem widerwärtigen Gedanken ab auf eine freundliche Anſicht der Sache zu leiten, und ſagte ihr halb ſcherzend, wie Du den großen Feh - ler, nicht Deines Mannes erſte Gattin, und nicht Mutter ſeines Sohnes zu ſeyn, durch ein ſolches Maaß von zarter Sorge und weiſer Liebe für71 Woldemar vergütet, daß niemand, der es nicht wiſſe, es wahrnehmen könne, und jeder, der es wiſſe, Dich und Woldemar nur deſto lieber haben müſſe, wenn er die tiefe Verehrung ſehe, die Woldemar für Dich habe, und Deine Zärtlichkeit für ihn durchaus nicht von der Liebe zu Jda zu unterſcheiden vermöge.

Gern hätte ich dieſe Entdeckung noch eine Zeit - lang verhütet; aber ſie war nun geſchehen, und Jda’s Herz kann es noch immer nicht verſchmerzen, daß der herrliche Bruder nicht ihrer Mutter Sohn iſt. Ob ſie Dir darüber ſchreiben wird, ſoll mich verlangen. Faſt muß ich zweifeln, daß ſie es werde; denn ſie kann nicht anders denken, als daß ſie durch dieſes unwillkommene Gefühl auch Dich vergeblich betrüben müſſe, wenn ſie es von neuem in Dir aufregt.

Was mich freut, iſt, daß die Entdeckung nicht bei Woldemar’s Hierſeyn gemacht ward. Es kam durch einen Fremden heraus, der den Mit - tag mit uns ſpeiſ’te. Dieſer Zufall hat mich über72 die Frage zweifelnd nachſinnen gemacht, ob man die Kinder nicht lieber ſo früh als möglich über ihre wahren Familienverhältniſſe belehren ſolle, als ſie in ſüßer Täuſchung aufwachſen laſſen, die dann in einem Augenblicke geſtört werden kann; und wer ſteht uns dafür, daß dieſer Augenblick des Zufalls nicht der ungünſtigſte ſey! Und das Reſultat meines Nachſinnens, wie mein entſchie - denes Gefühl iſt für die früheſte Enthüllung der Wahrheit, ſo bald ſie dem moraliſchen Charak - ter der Eltern oder des einen von ihnen nicht nach - theilig iſt, ſo lange keines der Kinder ſein Da - ſeyn einem Vergehen, einer Schuld verdankt. Wo das iſt, da kann weder einem ſolchen Kinde, das in die Familie aufgenommen, noch den übri - gen ächten Kindern der Familie, die Entdeckung je zu ſpät kommen, und darf vor den Jahren der Reife nicht gemacht werden, denn Gott will den Vater und die Mutter von den Kindern geehrt haben. Dieſes Allerheiligſte in der Kindesſeele darf und muß nie auf das Spiel geſetzt werden. Nichts muß ihnen über die ehrfurchtsvolle Liebe zu den Eltern gehen, und wer, (ſey es auch nur73 durch unvorſichtigen Scherz) dieſe reine göttliche Flamme im Kinde trübt, der verſündigt ſich an der heiligen Unſchuld: wer ſie aber verlöſchen macht, wer eines von ihnen ärgert, über den er - ging aus dem liebevollſten Munde der härteſte Fluch. Wie ich zu dieſer Abſchweifung komme? das wirſt Du nicht fragen, denn Du erinnerſt Dich ohne Zweifel noch deſſen, was vor einigen Jahren in einer uns wohl bekannten Familie vorfiel. So oft ich deſſen gedenken muß, ſchau - dert mirs vor dem Schickſal eines ſo unglücklichen Kindes.

Wer mir jetzt vor Jda’s Ohren das Wort Stief - mutter oder Stiefbruder ausſpräche, könnte mich ſchon beleidigen, ſelbſt ohne irgend einen Akzent auf die häßliche Vorſylbe. Was unſere Nach - barn über dem Rheine auch immer mit der Sylbe beau vor dem frere und pere wollten; es muß wenigſtens etwas Freundliches gemeynt ſeyn, das dem Unterſchied unter Bruder und Bruder, Vater und Vater, wo er nun einmal ausgeſprochen werden mußte, ſeine Härte nehmen ſollte, oder ſie wenigſtens mildern. Und wir,(10)74die wir ihnen ſo manchen Tand blindlings nach - geahmt, haben auf dieſe Milde der Sitte nicht gemerkt, und ſprechen das harte Stief - und das nicht viel mildere Halb bruder Halb ſchweſter ſo geläufig aus. Auch das liebende Wort bonne - maman der gebildetern Stände für Großmut - ter iſt ſo ſchön, wenn gleich in dem Worte Groß - mutter wenigſtens keine gehäſſige Nebenidee liegt. Werde nicht ungeduldig, liebe Emma, über die Allgemeinheit in dieſem Briefe. Jch komme ſo gleich wieder zu Dir und den Deinen, und bitte Dich herzlich, laß Virginia und Kathinka etwas früher als Jda erfahren, daß der Bruder Wol - demar, von dem ſie ſo oft reden hören, eine an - dere Mutter hatte, die er früh verloren, ehe Du ſeine zweite Mutter geworden, damit ſie es nicht auch zur ungelegenen Zeit einmal hören, und es ſie dann eben ſo betrübe, wie Jda. Kannſt Du doch Deinen ganzen Schatz von Liebe für Woldemar in dieſe Erklärung hineinlegen. Ver - hüte aber, daß nie die verhaßten Töne Stief - oder Halb ihre Ohren mit dem ſüßen Worte Schweſter oder Bruder zugleich berühren.

75

Lebe wohl, Emma! Jch kann dieſem Briefe nichts mehr hinzu thun, behalte ihn aber viel - leicht noch zurück, auf daß ich ihn durch einen Traulichern zu Dir geleiten laſſe. Unſere Kin - der ſind ſehr wohl und froh.

Fünf und vierzigſter Brief.

Unſere Reiſenden haben geſchrieben. Die Beſchreibung ihrer Rheinfahrt iſt ganz dithi - rambiſch, wie ſie ſich von einem ſo feurigen Jüng - ling erwarten läßt. Sie wird Dich an Deinem Bosphorus gar ſehr erfreuen. Auch Platov’s Brief iſt ganz voller Frühlingsblüten. Und nun reiſen ſie weiter nach Norden immer neuen Früh - lingen entgegen. Nach Hamburg und Koppen - hagen hat ihnen unſer Pfarrer gute Adreſſen gegeben. Auch kennt Platov ſchon an beiden Or - ten einige Gelehrte perſönlich. Jn H. wird es für den wißbegierigen Woldemar viel Sehens - werthes gehen. Auch werden ſie lange genug ver -76 weilen, um wenigſtens das Wichtigſte für einen jungen Weltbürger zu ſehen. Beſonders die mu - ſterhaften Armenverſorgungsanſtalten und die Werkhäuſer. Der Hafen muß einen impoſanten Eindruck auf den jungen Menſchen machen. Die - ſer Wald von Maſtbäumen, und die ganze le - bendige Waſſerwelt im Hafen ſelbſt, bleiben auch für den beſtändigen Einwohner immer ein inte - reſſanter Anblick. Dieſes rege Leben, dieſes Drängen und Treiben, dieſer tumultuariſche Verkehr in allerlei Zungen, wie ergreift dies den Fremdling ſo ſonderbar! Auch Platov ſieht alle dieſe Dinge in dem vollen Reiz der Neuheit. Meine Adreſſen werden ſie mit einigen ſehr ge - bildeten Familien bekannt machen. Von Trave - münde gehen ſie auf der Oſtſee nach Koppenha - gen, wenn nicht etwa ein ſehr dringendes Verlan - gen von Platov’s Freunden, vom günſtigen Oſt - winde beflügelt, ſie von Hamburg aus nach Eng - land führt. Jn dieſem Falle bekommen wir ſie nächſten Winter nicht wieder zu ſehen, denn da müßten ſie über Frankreich zurückkommen: und in beiden Ländern ſo viel Kenntniſſe einzuſamm -77 len, daß es ihnen genüge, dazu brauchen ſie Zeit. Von Hamburg, wo ſie einige Wochen bleiben, erhalten wir beſtimmte Nachricht über ihren fer - neren Reiſeplan. Deine hieſigen Kinder entblü - hen immer ſchöner an Geiſt und Körper. Jetzt wetteifern Jda und Mathilde in der Sorge für Küche und Haushalt, worm Clärchen, die dieſe Geſchäfte früher geübt, ihre Meiſterin iſt. Und während ich die Drei zu dieſen Küchenſtudien von mir entlaſſe, kommt Betty ſchmeichelnd zu mir, und bittet, ihr doch ein Stündchen zu ſchenken. Dann leſen und plaudern wir miteinander, und ſie vergißt der Stunde der Rückkehr faſt immer.

Betty hat einen reinen klaren Verſtand, eine ſtille Seele und ein recht tiefes Gemüth, aber einen überwiegenden Hang zum Ernſte, ja zur Schwermuth. Man hat ihr Schiller’s Gedichte geſchenkt, ſie liebt ſie, aber es quält ſie, daß ſie den Dichter nicht ganz verſtehen kann, deſſen ſchwermüthige Anſicht des Lebens ihr ſo ſehr zu - ſagt. Da kommt ſie denn oft mit ihrem Schiller und fodert Aufſchluß über den verborgenen Sinn78 manches Gedichts. Die Bürgſchaft, und noch mehr die Kraniche des Jbikus führten uns neu - lich recht tief ins graue Alterthum. Der tragi - ſche Geiſt der Griechen hat einen unglaublichen Reiz für ſie. Alles was ſie darüber hört, regt ihre Begierde nur immer lebendiger auf. So bald unſere drei andern reif genug ſind, will un - ſer Freund Willich ihnen und Betty auf meine Bitte eine Vorleſung über die alte Geſchichte halten, woran er jetzt ſchon arbeitet. An einem Buche über alte Geſchichte, das für unſer Ge - ſchlecht tauglich iſt, fehlt es ſo ganz. Aber ich habe ſonſt meine Klage hierüber ſchon vor Dir ausgeſchüttet.

Dieſer Mann, dem der weibliche Sinn ſo hei - lig iſt, wird vielleicht dem Bedürfniß nach Wunſch abhelfen. Unterdeſſen erzähle ich Betty in Bruch - ſtücken, was ihr Freude macht, ſo wie ich es den andern gethan und noch thue, und nehme aus den Büchern, die da ſind, das Brauchbare. Bo - taniſirt wird auch dieſen Sommer wieder. Von dem, was ſie Deutſches für ſich leſen, müſſen ſie mir gute Auszüge liefern. Was ihnen in ihrer79 franzöſiſchen Lectüre beſonders gefällt, das über - ſetzen ſie mir ſtellenweiſe ins Deutſche. Engel’s kleine Schauſpiele, den Edelknaben und den dank - baren Sohn, ſollen ſie ins Franzöſiſche überſetzen. Alle Morgen haben ſie eine Stunde in der deut - ſchen Grammatik beim Pfarrer. An ſchönen feinen Handarbeiten wird in dieſer Jahrszeit nicht viel gemacht; doch das holen wir im Winter nach. Es werden dieſen Sommer viel kleine Fahrten gemacht, auf unſern Abendſpatziergängen begleiten uns jetzt auch die Kinder. Selbſt De - borah läßt ſich ungern bereden, ihrer Geſundheit zu lieb zurück zu bleiben. O laßt mich doch der Erde in ihrer Schönheit noch freuen, weil ich darauf bin, ſagte ſie neulich, als wir ſie ba - ten, ſich der feuchten Abendluft nicht auszuſetzen, und leiſe mir ins Ohr: bald lieg ich darunter. Während des langen Wegs war ſie ſehr heiter, ja oft muthwillig. Und wir vermieden, als ob wir es verabredet, ſorgfältig den feierlichen Ernſt, der uns an dieſen Abenden ſonſt ſo natürlich iſt.

Adio, Emma!

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Sechs und vierzigſter Brief.

Jch fange noch einen Brief an, um ihn den beiden fertig liegenden, nebſt den Briefen von Platov und Woldemar und unſern lieben Mäd - chen, beizupacken. Wenigſtens muß ich Dir ja den Empfang Deiner Briefe melden, und Deinem D. über ſeine Lenkſamkeit meine Freude bezei - gen: ſo komiſch er ſich auch dabei gebehrden mag. Kommt es doch auf die Art nicht an, wie er ſich der Erzpädagogin unterwirft: ſie iſt zufrieden, wenn er nur gehorcht. Laß ihn auch das leſen. Doch er hat ja ſogar verſprochen, alle meine Briefe an Dich Abends bei ſeinem Karavanenthee und der türkiſchen Pfeife mit Dir zu leſen. Laß ihn nur, das kann gar nicht ſchaden. Wenn wir uns dann einmal wiederſehn, werde ich ihn ſcharf examiniren, was er daraus behalten hat. O wann ſehen wir uns einmal wieder! Wann?

Willſt Du auch wiſſen, wo ich dieſen Brief ſchreibe? Auf einem großen Erntefelde, neben einem Haufen gebundener Garben. Da habe ich81 mir ein Tiſchchen und einen Seſſel ſtellen laſſen. Erſt habe ich mit unſern Kindern und den Dorf - leuten unſerm Pfarrer Garben binden helfen. Wir banden die erſten. Die Arbeiter brachten uns Aehrenkränze mit Roſen und Cyanen durchflochten. Wir theilten Brot und Erfriſchungen aus. Die Kinder mit ihren Kränzen auf den Hüten binden fort, ſo lange ſie mögen. Das Landvolk jauch - zet, die Kinder ſingen Erntelieder. Der Pfar - rer arbeitet mit; Deborah bereitet den Mähern und Binderinnen das Abendeſſen, welches wir, wenn es heut Abend nicht zu kühl wird, mit den Andern hier auf dem Felde verzehren. Dieſen Morgen las ich mit den Kindern das Eleuſiſche Feſt von Schiller. Wir hatten unſere poetiſche Stunde hier im Freien unter einer weitſchatten - den Eiche, dicht am Felde wo angemähet werden ſollte. Der Pfarrer ſelbſt nahm heute Theil. Alles ward mit mir begeiſtert, als ich anfing: Windet zum Kranze die goldenen Aehren, flech - tet auch blaue Cyanen hinein; Freude ſoll jedes Auge verklären. u. ſ. w. Wir alle waren vom Stücke ergriffen, als ſähen wir die Ernte - Göt -(11)82tin einziehen, und es verſchmolz die ſchöne Gegen - wart mit der grauen fabelhaften Ferne, mit dem rohen kindlichen Alter der Welt, deſſen man nicht gedenken kann, ohne im Jnnerſten bewegt zu ſeyn, und ohne des eigenen erſten Geiſteserwachens aus der Thierheit zu gedenken. Könnt ich Dich zu uns herzaubern, daß Du Deine Mädchen als Garbenbinderinnen ſäheſt! Aber welche Kluft iſt zwiſchen uns! Die Kinder ſind ungemein reizend unter dem Haufen Landvolk. Mathilde wird ei - nen hohen ſchlanken Wuchs bekommen, ſie ragt ſchon jetzt ſtark hervor. Dieſen Abend wird im Pfarrhofe getanzt. Der Pfarrer hat Prager be - ſtellt, die vor ein Paar Tagen hier durchgezogen. Es verſteht ſich, daß unſere vier Binderinnen auch mittanzen, und Deine Freundin nicht minder. Es kommen auch einige junge Leute aus der Nach - barſchaft dazu.

Lebe wohl für heute. Jch werde morgen viel - leicht noch etwas hinzuſchreiben. Die Poſt geht erſt morgen Abend hier durch.

83

Da bin ich wieder, wie ich geſtern verhieß. Jch ſitze am offenen Fenſter meiner Schlafkammer, von wo man ein großes reiches Garbenfeld über - ſieht. Jch athme die herrlichſte Kühle. Bis Mitternacht tanzte das Völklein, und jetzt mit Sonnenaufgang iſt alles ſchon wieder auf dem Platze, in fröhlich reger Thätigkeit. Unſere lieben Mädchen liegen noch in tiefſter Ruhe. Sie ha - ben viel getanzt, und waren geſtern am Tage un - gewöhnlich geſchäftig. Jch ergötze mich wechſelnd am herrlichen Schauſpiele draußen, und am An - blick der lieblichen Schläferinnen neben mir. Ma - thildens ſtolzen Zügen gibt die tiefe Ermüdung etwas überaus reizendes. Jda iſt das Bild der heitern Ruhe. Clärchens Geſicht iſt gar poſſier - lich verzogen. Wie reizend waren die lieblichen Geſchöpfe geſtern Abend beim Tanze. Der Platz war hübſch erleuchtet. Unſere Gäſte waren: ein Amtmanns Sohn mit ſeiner kleinen Schweſter, und zwei junge Barone von 17 und 18 Jahren mit ihrem Hauslehrer, der ein Freund unſers Pfar - rers iſt, wurden geſtern zuerſt von letzterm bei uns eingeführt.

84

Die beiden Barone ſind wackere junge Leute. Sie werden nächſten Winter mit Herrn Voigt auf die Akademie gehen. Der Jüngere heißt Julius, der Aeltere Theodor. Die beiden Leute haben gar angenehme Sitten. Bei unſern Kin - dern verlor ſich die kleine Schüchternheit bald genug; ſie tanzten völlig unbefangen mit ihnen. Der Amtmanns Sohn mag etwa 20 Jahr alt ſeyn. Er heißt Bruno, und iſt nicht ganz leicht zu kennen, wenigſtens mag ich noch nichts be - ſtimmtes über ihn ſagen. Auch Herr Voigt tanzt recht nett. Zuerſt war der Ball allgemein: un - ſere Kinder tanzten der Reihe nach mit allen Ar - beitern, die ſich ein Herz faſſen konnten, ſie aufzu - fodern. Und ſo thaten die Fremden mit den Bin - derinnen aus dem Dorfe. Hernach als es drauſ - ſen kühl ward, zogen wir hinein nach der Haus - flur, und die Leute blieben auf ihrem Tanzplatz im Freien.

Bei Jda ſchien das Andenken an jenen Hunde - tanz völlig erloſchen: Sie tanzte mit einer Gra - zie, die alles, auch unſern Pfarrer entzückte. 85Mich düukt, ich ſelbſt hätte ſie nie ſo tanzen ſehen. Ob wohl ſchon ein dunkles Gefühl, ein ſtilles Sehnen zu gefallen, erwachen mochte? Und doch, ſie war ſo kindlich unbefangen, ſo ganz heiter und frei. Mathilde war ganz in der Freude des Tanzes verloren. Clärchens Manier hat noch immer einen kleinen Anſtrich des Bäuri - ſchen. Aber die friſche Blüthe ihrer Wangen, und das liebe treuherzige Auge, und ihre ganze faſt ſchweſterliche Art, mit dem Landvolk umzu - gehen, machten ſie äußerſt liebenswürdig. Die guten Leute konnten ſich nicht ſatt an ihr freuen. Betty tanzt nicht. Aber ſie bot mit ſehr hübſcher Art Erfriſchungen umher. Um 1 Uhr gingen die Herren nach Hauſe. O Emma, wie iſt die Welt oft ſo ſchön! Und es gibt Tage, wo dies Ge - fühl durch alle unſere Adern gewaltig ſtrömt. Wie heiter ergoß der Lebensſtrom ſich durch mein ganzes Weſen. Und was war es denn, das mich ſo überfroh machte? Nichts anders als der Ein - klang aller, die rein harmoniſche Stimmung des ganzen Kreiſes, der mich umgab.

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Sieben und vierzigſter Brief.

Hier ſind Briefe aus Hamburg. Als die auf die Poſt gegeben wurden, waren unſere Beiden ſchon auf der Oſtſee. Jetzt ſind ſie vielleicht auch von Koppenhagen ſchon wieder abgereiſ’t, und auf dem Wege nach Norwegen. Sie wollen bis Tor - nen. Jch fürchte nur, daß ſie mit der ſchönen Jahrszeit nicht völlig mehr ausreichen. Jn Tor - nen hätten ſie am Ende des Junius billig eintref - fen ſollen, damit ſie das große Schauſpiel einer nordiſchen Mitternacht, von der Sonne vergol - det, in ſeiner ganzen Pracht geſehen hätten. Auf die Berichte von dorther freue ich mich. Die wer - den wir aber wohl erſt mündlich, oder wenig - ſtens dann erhalten, wenn die beiden uns ſchon wieder näher ſind. Sie machen eine recht nei - denswerthe Reiſe.

Mein kleines Häuflein hat ſich ſeit meinem letz - ten Briefe wieder um ein Schäfchen vermehrt. Einige Tage nach unſerm Ball ließ ſich Bruno87 bei mir melden. Seine kleine Schweſter Hertha begleitete ihn, und ſeine Bitte, das Kind bei mir zu behalten, war ſo rührend, daß ich nicht zu widerſtehen vermochte. Jch verſprach ihm, es wenigſtens zu verſuchen, ob ſie ſich in unſers Hau - ſes Ordnung leicht finden könne, und der Gang unſers Lebens durch ſie nicht zu ſehr geſtört würde. Die Kleine iſt 11 Jahre alt, und hat ſeit 4 Jah - ren keine Mutter mehr. Da iſt ſie nun im höch - ſten Eigenwillen aufgewachſen, hat den Vater wie das Hausgeſinde beherrſcht und gequält, und gehorcht niemand, als dem Bruder, aber auch dem ungern und mit Murren. Sie ſcheint nie - mand und nichts zu lieben, als ſich ſelbſt, und ob ihre Jndolenz oder ihr Starrſinn größer ſey, iſt für mich noch unentſchieden. Bruno war von unſern Kindern entzückt, und meynt, wenn Her - tha nur um mich und mit dieſen Kindern ſeyn dürfte, müſſe ſie anders werden.

Er hat es vom alten Vater halb ertrotzt, daß er das Mädchen von ſich läßt, welches ſein Aug - apfel iſt, ſo unliebenswürdig ſich das ſonderbare88 Geſchöpf auch darſtellt. Auf ein feſtes Verſprechen konnt ich mich nicht einlaſſen, wenn gleich mich die Bruderliebe innig rührte. Hertha, welche zu Hauſe an tödtender Langeweile leidet, weiß nicht anders, als daß ſie zum Vergnügen und bloß als Beſuch bei uns ſeyn. Eine ſchwere Aufgabe wird ihr Unterricht ſeyn. Sie iſt faſt in allem hinter den andern zurück, und ich müßte dieſe entweder ſehr aufhalten, oder Hertha faſt alle Stufen überſpringen laſſen, wenn ich ſie mit den dreien unterrichten wollte. Jch werde ſie alſo allein zu mir nehmen, während die drei andern in der - che beſchäftigt ſind, denn in den Geſchäften der Haushaltung übertrift ſie die andern weit, ſelbſt Clärchen und das iſt mir höchſt willkommen. Am hinderlichſten iſt ſie uns des Morgens und Abends, und bei jeder Herzensergießung, die ih - rem rohen Gemüth fremd iſt. Da iſt die bloße Gegenwart jedes Uneingeweihten läſtig, ja ſtö - rend. Jch habe ſie deshalb in dem kleinen Ka - binett dicht an unſerm Schlafzimmer hingebettet.

Wenn ſie uns erſt mehr angehört, nehm ich89 ſie näher. Bis jetzt habe ich ſie noch faſt unbe - ſchäftigt gelaſſen, weil ſie einen großen Wider - willen gegen alle weibliche Handarbeiten, wie gegen jede Anſtrengung des Kopfes bezeigt. Das einzige was ſie gern mit uns thut, iſt ſpazieren gehen; und da hält ſie ſich an meiner Seite, und will immer erzählt haben. Da wechſeln dann die Drei mit mir ab. Sie ſehen es alle, wo es Hertha fehlt; doch ſind ſie ſehr liebreich ge - gen ſie. Mathilde kam geſtern Abend beim Schlafengehen zu mir, ergrif meine Hand und küßte ſie mit Heftigkeit. Jetzt, du gute Tante, fühle ich es zum erſtenmale ganz, was ich dir verdanke. Wenn ich Hertha anſehe, iſt es, als ob ich mich ſelbſt im Spiegel ſehe, wie ich vor ein paar Jahren noch war. Aber ich will dir auch helfen, Hertha zu beſſern. Wir alle Drei haben es verabredet, daß wir ſie nie tadeln, ihr niemals widerſprechen, und ihr immer nur ein |ſtilles Beiſpiel ſeyn wollen. Jch mußte ſie herzlich an mich drücken. Und willſt du das, mein theures Kind? Wie könnt ich dir, beſte Tante, ſonſt auch die Engelsgeduld(12)90vergelten, die du mit der ſtörrigen Mathilde ſo oft hatteſt und noch immer haben mußt? Jda und Cläre kamen dazu und beſtätigten, was Ma - thilde für ſich und ſie verſprochen. Und wir leg - ten uns mit dem Himmel im Herzen zur Ruhe. Schlaf auch Du ſanft, liebſte Emma! und ver - gilt meine umſtändlichen Berichte bald mit Aehn - lichen. Dieſe neue Sorge gibt meinem Leben einen neuen Reiz. Bald hörſt Du wieder von uns.

Acht und vierzigſter Brief.

Hertha macht uns viel zu ſchaffen. Das gibt eine ganz neue Schule für meine andern Drei. Da gilt es Geduld und ausharrende Liebe.

Von den lieben Mädchen laſſe ich es abhängen, ob Hertha bei uns bleiben ſoll, oder ob wir ſie wieder zurückſenden. Oft macht ſie es den andern allzuſauer, und achtet auf keine ſchweſterliche Weiſung. Oft ſcheint es mir, als ob die gedul -91 dige Liebe der Andern Hertha zur Verkehrtheit reizte, als ob ſie verſuchen wollte, wie weit ſie es treiben dürfe? Ein ruhiges Machtwort von mir wirkt dann wie ein Zauberſchlag. Aber ich fürch - te, daß dieſe Sprache mit der Neuheit ihre Ge - walt über das ſtörrige Geſchöpf verlieren möchte. Kommt es dahin, daß dieſe Waffe an der Unart ſtumpf wird, gehört ſie zu den Kindern, die durch körperlichen Schmerz orientirt werden müſſen, dann muß ich ſie aufgeben. Dies kann meine Weiſe nicht werden. Meine Natur ſträubt ſich mit Abſcheu gegen dieſe Mittel; obgleich ich ein - ſehe, daß es Fälle geben kann, wo körperliche Züchtigungen die einzigen Beſſerungsmittel ſind. Und wie müßte der Anblick äußerſter Strenge auf ſolche Gemüther wirken, die keine andere Gewalt je an ſich erfuhren, als die der Vernunft und Liebe!

Hier ein kleines Stück vom geſtrigen Tage.

Hertha iſt grenzenlos unordentlich. Jm väter - lichen Hauſe war ſie gewohnt, daß die Mägde92 ihr alles nachräumten. Das ſtille Beiſpiel unſe - rer Kinder wirkt noch gar nicht auf ſie. Sie macht alle Zimmer, wo ſie ein Weilchen hauſet, zu Polterkammer, wo alles durch einander liegt.

Komm, Hertha, ich will dir deine Sachen in Ordnung bringen helfen ſagte Mathilde gar liebreich zu ihr. Jch will nicht war ihre rauhe Antwort. Aber Tante leidet eine ſolche Unord - nung im Hauſe nicht; wie wird das werden, wenn ſie ſieht, wie alles bei uns herumfährt? Jch will nicht, gab ſie noch einmal zurück. Jetzt trat ich aus dem Kabinett, aus welchem ich den Kindern zugehört. Komm jetzt gleich, Hertha, und mache Ordnung, ſagte ich ruhig, aber feſt: Sie ſah mich forſchend an, ob ſich wohl etwas gegen mein Wort thun ließe. Endlich ſagte ſie: Mathilde muß mir aber helfen. Mathilde hat es dir angeboten, du haſt es ausgeſchlagen; diesmal wird ſie dir nicht helfen. Jch gab den dreien ein Geſchäft, welches ſie entfernte. Jch werde hier oben bleiben, ſagt ich, um dir zu Hülfe zu kom - men, wo es nöthig thut. Jch ſetzte mich an den Stickrahmen, und ſahe ihr aus der Ferne zu. 93Es ging recht gut. Sie warf von Zeit zu Zeit einen verſtohlnen Blick auf mich, und forſchte, ob ich noch ſehr ernſt wäre. Als ſie fertig war, trat ich zu ihr, ſahe ſie freundlich an, und woll - te hinunter gehen. Heute haſt du mich wohl nicht gern, Hertha? Sie erröthete ſtark. Wir werden noch gute Freunde werden, Hertha. Jetzt nimm Hut und Handſchuh, wir wollen ſpa - zieren gehen, wenn du mit willſt. Sie folgte, und wir machten einen der fröhlichſten Spazier - gänge; die andern waren liebreich mit ihr, und ſie wurde bald zutraulich. Lebe wohl, ich darf heute nichts mehr hinzuſetzen.

Neun und vierzigſter Brief.

Wären unſere lieben drei nicht ſchon ſo weit, als ſie ſind, ſo wäre es ſehr waglich, ihnen eine ſolche Geſpielin zu geben, wie ſie an Hertha be - kommen. Jetzt kann es ihnen wenig Nachtheil bringen. Ja dieſer tägliche Umgang wird ihnen94 eine Vorbereitung auf das Leben in der Welt, wo ſie demnach lernen müſſen, mit Menſchen auszukommen, die ſehr anders geartet ſind. Hertha macht ihnen aber dieſes Studium recht ſauer. Bei einer völligen Rohheit und Unwiſſenheit hat ſie einen Dünkel, eine Rechthaberei, die oft eben ſo lächerlich als empörend ſind. Und hier das Mit - tel zu treffen zwiſchen allzu willfähriger Nachgie - bigkeit und allzu ſtrengem Widerſtande, wovon die eine ſie immer ſtarrköpfiger und eingebildeter, und die andere vielleicht bitter machen würde, iſt gar nicht leicht. Doch nehmen ſich unſere lieben Mädchen vortrefflich, und Hertha fängt an, ſich ſehr bei uns zu gefallen. Auch hat ſie bei aller Rohheit einen lebhaften Geiſt, der oft gleich Blitz - ſtrahlen hervorbricht, und die andern angenehm überraſcht. Durch dieſe Anlage zum Witz kann ſie einſt recht intereſſant werden. Aber wehe de - nen, die in ihrer Nähe leben müßten, wenn ihr grober Egoismus nicht gebändigt würde! Der Witz an ſich iſt ſchon ein bedenklicher Genoſſe der Weiblichkeit; aber mit Stolz, Egoismus, Dün - kel und Liebloſigkeit vereint wer kann ihn am95 Weibe da noch dulden? Eine Zeitlang will ich es noch verſuchen, was mit dieſem ſonderbaren Geſchöpfe auszurichten ſtehet. An mich wagt ſie ſich mit ihren Einfällen nicht: deſto öfter aber lauert ſie Mathilden auf. Auch an Clärchẽn reibt ſich ihr Muthwille nicht ſelten. Vor Jda hat ſie eine Art frommer Scheu; aber Jda beträgt ſich auch untadelhaft gegen Hertha, und duldet ihre Unarten mit einer höchſt liebenswürdigen Sanftmuth. Mit dem Geſinde hat Hertha täg - lich Händel; denn ſie kann es gar nicht faſſen, daß auch die dienenden Menſchen ein Gefühl ha - ben, welches geſchont ſeyn will, und meynt, daß ſie durchaus geſchaffen ſind, unſern Launen zu willfahren. Der Magd eine Ohrfeige geben, und dieſe mit einem Dukaten wieder gut machen, meynte ſie neulich, das ſey doch wohl nichts ſchlim - mes, und die Magd könne ſich immer freuen, auf eine ſo leichte und geſchwinde Art zu ſo einem Goldſtück gekommen zu ſeyn. Ueber dieſer Be - hauptung kam ich hinzu, als ich nach Tiſch im Garten geweſen war. Lieſel war nämlich beim Ab - räumen des Tiſches unvorſichtig, und ſtieß ein96 Glas um, wodurch Hertha ein wenig naß ge - macht worden. Hertha ſchalt ſie einen Klotz. Lie - ſel ward feuerroth und ſagte nichts. Jda ergrif der Lieſel Hand, drückte ſie liebreich und ſagte: liebe Lieſel, ſo etwas begegnet einem wohl ein - mal, ich habe geſtern auch eins umgeſtoßen. Jch thue es nun ſo bald nicht wieder, denn ich habe jetzt beſſer acht. Lieſel hatte eine Thräne im Auge, und ging hinaus. Hertha ſah die Thräne nicht, und ſagte zu Jda: wer wollte doch mit der Dienſt - magd ſo viel Aufhebens machen! Unſere Mägde mußten ſich ganz andre Dinge gefallen laſſen. Manche Ohrfeige haben ſie umſonſt bekommen, aber manche hat mein Vater ihnen auch hernach bezahlt, und noch neulich hat die Gunda für eine einen Dukaten bekommen. Hier kam ich dazu und ließ mir das andere erzählen. Ja, was iſt denn nun mehr, ſagte Hertha; eine Magd muß ja wiſſen, daß ein Unterſchied iſt unter Menſchen. Jch faß - te Hertha ſcharf ins Auge, und ſchaute ſie bei dieſen Worten lange unverwandt an. Ein Unter - ſchied (ſagte ich) iſt allerdings jetzt zwiſchen Dir und Lieſel, und ein recht großer. Hertha97 fühlte, was ich ſagen wollte, und ſo gern ſie jeden ſonſt fixirt, der ihr etwas Belehrendes ſagen will, um ihn außer Faſſung zu bringen, ſo ſchlug ſie jetzt ſehr betroffen die Augen nieder. Jch entließ ſie damit, und rief die Lieſel, der ich nun ein Geſchäft anwies, welches eine eigene Behendig - keit fodert, indem ich ihr freundlich ſagte: gute Lieſel, mache ſie es auch recht ſacht, ich weiß ja, daß ſie das verſteht; ich verlaſſe mich auf ſie. Jetzt war das Erröthen an Hertha. Sie ward roth bis zu den Ohren, und wußte nicht, wo ſie hinſehen ſollte.

Und daß ich ſie ſo weit habe, iſt ſchon etwas. Jſt nicht dies Erröthen ſchon ein großer Schritt zum beſſer werden? Jetzt kommt es hauptſächlich darauf an, dies Gefühl in dem Kinde zu ſchonen und es nicht gar zu oft in dem Grade zu erregen. Manche unwichtigere Unart werde ich ungeahndet müſſen durchgehen laſſen, damit ſie ſolche Beſchä - mungen nicht gewohnt werde, und ſie allzuleicht ertragen lerne.

Manche ſchnippiſche Antwort wird fürs Erſte noch ganz überhört werden müſſen, und manche(13)98Fratze, die ſie im Unwillen ſchneidet, überſehen, wenn nicht mir das Zurechtweiſen und ihr das ge - tadelt werden zu geläufig werden ſoll. Beim Ge - ſinde ſcheinen unſere Kinder Hertha’s Unarten durch doppelte Freundlichkeit vergüten zu wollen.

Vieles hätte ich Dir heute noch zu ſagen