Das Recht der Ueberſetzung dieſes Werks ins Engliſche, Franzöſiſche und andere fremde Sprachen behält ſich die Verlagshandlung vor.
Als der Verfaſſer gegen Ende des Jahres 1858 die beiden erſten Theile vom „ Deutſchen Gaunerthum “herausgab, war es ſeine Abſicht, den dritten (linguiſtiſchen) Theil unmittelbar darauf erſcheinen zu laſſen. Lag es dabei in ſeinem Plane, eine aus - führlichere Unterſuchung erſt in ſpäterer Zeit folgen zu laſſen, ſo gab doch der Ernſt, mit welchem ſeine Arbeit aufgenommen wurde, ihm dringend zu bedenken, daß die in den beiden erſten Theilen gegebene Darſtellung immer nur für eine bröckelige und unfruchtbare Skizze gelten müſſe, wenn nicht eben der in der Sprache verkörperte Geiſt der vom Verfaſſer vorgeführten Erſchei - nung gerade auch im vollſten Ausdruck ſeiner rieſigen Größe und Gewalt, in der Sprache, erfaßt und dargeſtellt würde. Für jenen Ernſt und für die von ihm geſtellte Aufgabe reichte die damalige Arbeit des Verfaſſers nicht aus. Er mußte ſich zu einer durchaus neuen Arbeit entſchließen, um die ganze Breite und Tiefe des deutſchen Volksbodens bis in die fernſten und geheimſten Enden und Winkel hinein vor Augen zu legen und wenigſtens hinzuweiſen und hinzudeuten, wo überall im Volke und Volks - leben das Gaunerthum ſeinen Verſteck geſucht und gefunden hatte.
Konnte der Polizeimann hier nur der Führer in die dunkel - ſten Tiefen ſein, über welche der gewaltige Strom des buntenVI ſocialpolitiſchen Lebens hinrauſcht, ſo nahm die Ergründung und Ausforſchung dieſer unheimlichen Tiefen ebenſo ſehr den Linguiſten wie den Culturhiſtoriker, den Socialpolitiker und den Ethiker in Anſpruch. Wol erkannte der Verfaſſer die große, kaum überwind - lich ſcheinende Schwierigkeit der Aufgabe. Aber unabläſſig lockte und mahnte das breit und gewaltig dahinſtrömende Leben, zu unaufhaltſam trieben und drängten ihn die tagtäglichen Erfah - rungen des amtlichen Berufs: er tauchte in den tiefen Strom, und in ehrlicher, fleißiger Arbeit hat er aus der geheimnißvollen Tiefe das heraufgebracht, was er jetzt vor Augen legt.
Wie er nun dieſen großen wunderlichen, bunten Stoff be - wältigt und geordnet hat, darüber iſt der Verfaſſer eine kurze Rechenſchaft zu geben ſchuldig. Sobald er die eigenthümlich ver - ſetzte und verſchränkte Sprache des Verbrechens ſowol ihrem Stoff als auch ihrer Form nach weſentlich als deutſche Volks - ſprache erkannt hatte, glaubte er vor allem den Auslauf der deutſchen Sprache aus der Urſprache überhaupt und neben den verwandten. Sprachſtämmen ins Auge faſſen und die deutſche Sprache in ihrer volksthümlichen dialektiſchen Verbreiterung an - deutungsweiſe darſtellen zu müſſen, ehe ſelbſt nur eine Definition der Gaunerſprache gegeben und eine Unterſuchung der verſchiede - nen einſchlagenden und ähnlichen Benennungen angeſtellt wurde, nach deren Aufklärung erſt ein deutlicher Einblick in Weſen und Stoff der Gaunerſprache erreicht werden konnte. Nur erſt auf dieſer ſo geebneten Grundlage war es möglich, den durch viele Jahrhunderte hindurch in rieſigen Maſſen und in der bunteſten Durchmiſchung und Entſtellung aufeinander gehäuften und in ſteter Gährung bewegten, noch niemals bearbeiteten Stoff aus - einander zu breiten und nun erſt wieder ſeine vorläufige Son - derung in Hauptmaſſen zu unternehmen, um dann weiter in die Unterſuchung des Einzelnen vordringen zu können. Je ſchärfer das vorgefundene Exotiſche ſich in ſeiner Eigenthümlichkeit erhaltenVII hatte: deſto leichter gelang die Sonderung, ungeachtet die überaus laxe Hospitalität der deutſchen Gaunerſprache die Kritik ſehr er - ſchwerte. So konnte das Zigeuneriſche am behendeſten geſondert und lediglich auf die geläufigſte Vocabulatur beſchränkt werden. Ein Gleiches war der Fall bei den Wortzuthaten aus dem roma - niſchen und ſlawiſchen Sprachgebiet.
Schwieriger ſchon war es, durch die höchſt wunderlichen deutſchdialektiſchen Formen der Gaunerſprache ſich durchzufinden, nicht etwa, weil die außerordentlich verſchiedenen bunten deutſchen Volksdialekte ſchon an ſich nicht immer leicht zu erkennen und zu unterſcheiden ſind: ſondern weil die Gaunerſprache gefliſſentlich das entlegenſte und verſchiedenſte Dialektiſche im Einzelnen auſ - geleſen und zu ſeinen ſpecifiſchen Typen ſtatuirt hat. Jn dieſer Statuirung der einzelnen dialektiſchen Typen, welche, wenn auch allen deutſchen Provinzialismen entlehnt, doch gerade in der ſtrengen Auswahl und Beliebung beſchränkt erſcheinen könnte, liegt aber dennoch die größte Mannichfaltigkeit und der größte Reiz zur Unterſuchung. Der beſtändige, ungemein lebendige Wech - ſel lockt den kritiſchen Blick überall hin und winkt ihm aus allen, auch den entlegenſten Ecken und Enden des deutſchen Sprach - gebiets entgegen. Dabei tritt nun auch wieder die ſeltſame Eigenthümlichkeit hervor, daß das durch Convention aus den bun - teſten Stoffen zur Einheit zuſammen gezwungene Ganze im ein - zelnen Dialektiſchen bei ſeiner Verwendung am entlegenen Orte häufig einer topiſch-dialektiſchen Modulation unterworfen wird und dann ſogar auch beim weitern Umzuge andern neuen Mo - dulationen mehr oder minder verfällt. Dieſe Eigenthümlichkeit macht die Analyſe ungemein intereſſant, wenn auch oft ſehr ſchwierig. Schon Chriſtenſen’s natürliche und ungeſuchte Synony - mik (IV, 199 — 221) gibt ein intereſſantes Bild davon. So haben ſich in überraſchender Fülle, bald in reiner urſprünglicher Form, bald in mehr oder minder ſtarker Verfärbung und ModulationVIII eine Menge althochdeutſcher, altniederdeutſcher und mittelhochdeut - ſcher Wörter mit zum Theil nur wenig verſchobener Bedeutung in der deutſchen Gaunerſprache erhalten, und in dieſer oft über - raſchend treuen Bewahrung alter Formen blicken ſogar auch ein - zelne reine gothiſche Formen heraus, wie ſich z. B. der gothiſche „ Hauhns “bis zur Stunde im vollen geläufigen Gaunergebrauch erhalten hat. Meiſtens nur in neuhochdeutſchen Wörtern tritt die Aehnlichkeit der deutſchen Gaunerſprache mit den romaniſchen Gaunerſprachen am ſchärfſten hervor, deren weſentlichſter Grund - zug nicht etwa die Modulation der Wurzelformen und Flexionen iſt, ſondern vorzugsweiſe die Verſchiebung der logiſchen Bedeutung zu frivolen Metaphern.
Einen ungemein reichen und durchaus eigenthümlichen Bei - ſatz hat aber die deutſche Gaunerſprache durch die jüdiſchdeutſche Sprache gewonnen, jene gewaltſame unnatürliche Zuſammen - ſchiebung indogermaniſcher und ſemitiſcher Sprachtypen, welche für alle Zeit als trübes Denkmal unmenſchlicher Verfolgung und Er - niedrigung des alten Gottesvolkes bleiben wird und welche ſo tief eingeätzt ſteht auf dem deutſchen Cultur - und Sprachboden, wie Blutſpuren auf einer Folterbank. Das in ſeiner Ausbildung fort - ſchreitende Gaunerthum fand bei ſeiner Verfolgung und bei ſeiner Flucht in die niedrigſten Volksſchichten das von der rohen allge - meinen Verachtung in ebendieſelbe niedrige Sphäre hinabgedrückte Volk der Juden und mit ihm das wunderliche Sprachgeſchiebe vor, deſſen exotiſche Stoffe und Formen es mit Begierde für ſeine geheime Kunſtſprache ausbeutete. Dieſes Judendeutſch mit ſeinen fremdartig erſcheinenden bunten Typen gewährte der deutſchen Gaunerſprache eine durchaus eigenthümliche Bereicherung, wie in keiner andern Volksſprache eine auch nur ähnliche Zuſammen - ſchiebung möglich werden konnte, ungeachtet ſeit dem 16. Jahr - hundert die eine entfernte Analogie darbietende maccaroniſche Poeſie von Jtalien her einen kurzen Umzug durch das romaniſcheIX Sprachgebiet hielt, auch einen kurzen Uebertritt nach Deutſchland unternahm, um bald ganz wieder zu verſchwinden.
Gerade aber auch die jüdiſchdeutſche Sprache war es, welche aus der jüdiſchen Kabbala eine nicht geringe Menge kabbaliſtiſcher Formen auf den deutſchen Sprachboden überführte, von denen die Gaunerſprache gleichfalls eine wenn auch weniger bedeutende, doch immer beachtenswerthe Zahl aufnahm. Wie die vielen eigen - thümlichen, ſehr oft phonetiſch belebten Abbreviaturen, verdienen dieſe wunderlichen Formen genaue Beachtung, da (und das iſt ganz beſonders bei den Abbreviaturen der Fall) eine nicht geringe Anzahl auf dem deutſchen Volksſprachboden ſich heimiſch gemacht hat, ſodaß ſie häufig ſogar aus deutſchen Wurzeln entſproſſen zu ſein ſcheinen. Jhre Kenntniß iſt um ſo wichtiger, als man nur mit ihr gerüſtet hier und da einen vereinzelten Schritt auf das unheimliche Gebiet der chriſtlichen Zaubermyſtik mit ihren unge - heuerlichen Formeln wagen darf, obgleich man auch gerade durch ſie ſelbſt die Ueberzeugung gewinnt, daß dieſe Myſtik und ihr Formelweſen für alle Zeiten ein wirres, düſteres Geheimniß bleiben wird und immer nur in einzelnen Bruchſtücken begriffen werden kann, welche überall aus dem ſocialpolitiſchen Leben herausragen, wie die noch rauchenden Trümmer einer weiten Brandſtätte, und welche das Gaunerthum zu ſeinen Zinken und betrügeriſchen Zauberformeln, die Politik aber zu ihrer geheimen Cabinets - und Polizeiſprache doch noch nutzbar zu machen verſtand.
Dieſer in nur dürrer Skizze angedeutete ungeheuere wirre, wüſte, ſeit vielen Jahrhunderten zuſammengehäufte, mitten in das Volksleben und tief unter deſſen Boden verſenkte, in fortwähren - der ungeregelter Bewegung durcheinander geſchobene und verſchüt - tete Stoff lag vor, noch niemals unterſucht, noch niemals be - arbeitet, nur von Pott in einzelnen hellen Hindeutungen hier und da beleuchtet, von jedem andern ſogenannten Bearbeiter aber blos noch mehr verwirrt und verdunkelt. Es war nicht möglichX dieſen Stoff in dem zuerſt beabſichtigten geringen Umfange eines einzigen Bandes zu bewältigen. Rieſengroß wuchs der Stoff unter den ordnenden Händen hervor: der Raum mußte vergrößert und das Ganze in mindeſtens zwei Bände vertheilt werden. Und doch iſt der Verfaſſer durch und durch unzufrieden, daß er überall ja nur Andeutungen geben und unzählig Vieles nicht ſo, wie er es wünſchte, ausarbeiten konnte. So muß er am Abſchluß ſeiner angeſtrengten Forſchungen die ganze Arbeit doch nur für den bloßen Ausdruck des dringenden Wunſches erkennen, daß das neugeöffnete Feld recht viele gründliche berufene Forſcher und Be - arbeiter finden möge!
Wie tief nun auch der Verfaſſer die Schwierigkeit der Aufgabe empfunden hatte, wie ſehr er auch von dem Gefühl gedrückt war, daß eines einzelnen Menſchen Kraft nicht ausreiche zu ihrer Löſung, ſo fühlte er doch mit dem bitterſten Ernſt den verwegenen Hohn und Uebermuth des alten Gaunerworts: „ daß die Welt untergehen werde, wenn die Laien die Gaunerſprache redeten “. Der Polizeimann mußte tagaus tagein ſehen, wie das Gauner - thum das ganze Leben durchdrungen hatte und mit ſeinen Po - lypenarmen umklammert hielt; er mußte ſehen, wie es keinen Kreis, keine Gruppe im ſocialpolitiſchen Leben gab, wohin nicht das Gaunerthum gedrungen, hineingewirkt, wo es nicht ſeine Beute ſo ſicher gefaßt hätte wie ein Raubthier, das erſt mit ſeinem Opfer ſpielt, ehe es daſſelbe zerreißt und verſchlingt: er wagte es mit ſeiner vereinzelten ſchwachen Kraft, aber auch mit allen Opfern, die der Gelehrte nur bringen konnte in lang - jähriger treuer Arbeit! Mitten in den ernſten Sprachſtudien, die er, wenn auch einſtiger Schüler eines der beſten deutſchen Gym - naſien, des lübecker Katharineum, doch immer nur als Laie und ganz auf eigene Hand, machen und mit welchen er ſich vor die Kritik der größten Linguiſten der Welt, der deutſchen, wagen mußte, hat er beſtändig auf das Volk geſehen, auf den Volks -XI mund gelauſcht, aus dieſem ſeine ganze Grammatik ertönen hören und iſt ſo muthig weiter gedrungen, raſtlos forſchend, den Blick auf das ſchwere weite Ziel gerichtet.
Schon bei der erſten Vertheilung und Sichtung des Stoffs ſtellte ſich dem Verfaſſer ein ernſtes Bedenken entgegen, das aber auch ſehr raſch beſeitigt wurde: das Bedenken nämlich, ob die Behandlung der jüdiſchdeutſchen Sprache mitten in der Unterſuchung der Gaunerſprache zuläſſig ſei. Unbedingt mußte der Verfaſſer die Frage bejahen, ſobald er ſich ſelbſt über ſeine Aufgabe wie über das Judenthum klar geworden war, in welchem er den vieltauſendjährigen Grund erkannt hatte, auf welchem das Chriſtenthum aufgerichtet ſteht. Wenn nach andert - halbtauſendjähriger Hetzjagd des Judenvolks noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Begriffe Jude und Gauner als identiſch, ja ſogar der Jude als Gauner in höherer Potenz ſtatuirt, wenn daher ein eigenes „ jüdiſches Gaunerthum “, eine eigene „ jüdiſche Gaunerſprache “proclamirt werden konnte: dann half nichts ande - res, als die ganze wirre Maſſe zuſammen zu faſſen und zuſammen auszuglühen, um die verſchiedenen Stoffe wie in einem ſcharfen chemiſchen Proceß zu ſcheiden und zu ſondern. Dieſer ernſte Proceß war dem Verfaſſer nicht leicht gemacht. Nur erſt ein Jahr vor ſeinem Abgange zur Univerſität hatte er, ohne beſtimmten Zweck, bei einem alten wackern jüdiſchen Gelehrten Unterricht in der hebräiſchen Sprache genoſſen und nur den Bereschit mit ihm geleſen. Dies Wenige ward nebſt dem Studium aller bis dahin mit Luſt getriebenen alten und neuen Sprachen vernachläſſigt und das Hebräiſche am gründlichſten vergeſſen, ſobald der Verfaſſer auf der Univerſität lebhaft vom Studium der Rechtswiſſenſchaft ergriffen worden war. Dieſe Vernachläſſigung rächte ſich aber beſonders ſchwer, als er vor elf Jahren zum praktiſchen Polizei - mann berufen wurde und nun beim tiefern Studium der Gauner - ſprache die fremdartige Erſcheinung der jüdiſchdeutſchen Sprache ihmXII beſonders auffällig entgegentrat. Er mußte zwiefachen Fleiß auf die Wiedererlernung alles Vergeſſenen verwenden, und wenn die amtliche Tagesarbeit ſeine Kräfte vollauf in Anſpruch genommen hatte, in vielen langen Nächten Studien machen, von deren Ernſt und Umfang der Jnhalt dieſes Werks Zeugniß ablegen mag. Einen hohen Lohn fand er aber in den Reſultaten ſeiner Arbeit ſelbſt. Ueberall in den geheimnißvollſten Tiefen des deutſchen Volksbodens, ſelbſt im trübſten Pfuhl der Sünde und Schande, wohin ſich das Verbrechen verkrochen und er demſelben nachge - forſcht hatte, fand er doch tönendes Leben und in dieſem Leben das Volk, wenn auch vom ekeln Schlamm der Sünde beſchmuzt und vom entſetzlichen ſittlichen Elend inficirt, aber doch immer noch mit lebensfähiger und heilbarer Conſtitution, nur verlockt und verführt und vom Verführer umſtrickt gehalten!
Auch hier war der hiſtoriſche Faden das Knäuel, welches den Verfaſſer durch das unheimliche, wüſte, unbetretene Labyrinth der Sprache leitete. War der Faden in grauer Vergangenheit erſt feſtgeſchürzt, ſo ließ ſich an ihn alles anknüpfen, was in der wüſten Maſſe wirr durcheinander gezerrt und verſchlungen dalag. So konnte er an dieſen Faden alle die ſeltenen Schätze anreihen, die er ſeit Jahren mit unſaglicher Mühe und Geduld geſammelt hatte. So konnte er aus dem Geiſt und Leben des Volks die Klänge frei tönen laſſen, welche neben allen ſchrillen Tönen des Verbrechens doch auch wie die ganze mächtige geheimnißvolle Tonfülle auf alten Ruinen erklingen und die Erinnerung an die Vergangenheit wie die Ahnung der Zukunft in gleich geheimniß - voller Mächtigkeit wecken. So konnte die ganze hiſtoriſche Gram - matik ein lebendiger ganzer Klang und wieder auch ein Zeugniß von der ſchlichten ehrlichen Treue werden, mit welchem bis in dieſes Jahrhundert hinein hellblickende Regierungen und einzelne Gelehrte mindeſtens auf den tönenden Volksmund gelauſcht und die Töne fixirt hatten. So konnte eine Encyklopädie der mannich -XIII faltigſten Offenbarungen der verſchiedenen Jahrhunderte zuſammen - geſtellt werden, welche nur in ihrer Geſammtheit die Sprache und den Geiſt der gewaltigen Erſcheinung deutlich machen können.
Eine freudige Genugthuung hatte der Verfaſſer in der bei ſeinen Studien fortſchreitend ſich befeſtigenden Ueberzeugung, daß er mit vollem Fug die jüdiſchdeutſche Sprache als deutſches Eigenthum vindiciren und in der überaus reichen jüdiſchdeutſchen Literatur unſerer deutſchen Nationalliteratur einen integrirenden großen Theil zuweiſen konnte. Noch niemals war dies merkwür - dige zuſammengeſchobene Sprachgefüge unterſucht worden. Die Orientaliſten des 16. bis 18. Jahrhunderts in Deutſchland kann - ten trotz ihrer erſtaunlichen orientaliſchen Gelehrſamkeit ihre eigene deutſche Grammatik und Literatur nicht ausgiebig genug. Das von Juden auf deutſchem Boden geſchaffene merkwürdige Sprach - gefüge war aber durch das ganze deutſche Volk und deſſen Leben hindurchgerankt, hatte ſich dieſem Leben und ſeiner Sprache aufs innigſte angeſchloſſen und ſelbſt die deutſchen Sagenkreiſe durch - drungen, ſodaß die deutſchen Volksbücher in der That auch zu Volksbüchern der Juden wurden und daß z. B. der Wigalois im „ König Artis und ſein Hof “und manche andere deutſche Sage den poetiſchen Bearbeiter im deutſchen Judenvolke finden konnte. Je mehr der Verfaſſer in die jüdiſchdeutſche Literatur hineindrang, deſto mehr wurde er vom Erſtaunen darüber ergriffen, daß dieſes in der jüdiſchdeutſchen Literatur klar und bündig vor Augen lie - gende Zeugniß vom deutſchen Leben der Juden auf deutſchem Boden den Orientaliſten früherer Jahrhunderte ſo ganz entgangen ſein konnte, daß ſie ſogar mit ihrer ungelenken Miſſionsliteratur den ſtolpernden Schritt auf das jüdiſchdeutſche Gebiet wie auf einen ganz exotiſchen Boden unternahmen, als ob der deutſche Boden dem Volke der Juden ein ganz und gar fremder, unbe - kannter ſei. Aber gerade in dieſer jüdiſchdeutſchen Literatur lag das weitgreifende hiſtoriſche Zeugniß vom deutſchen Leben des jüdiſchenXIV Volkes, welches trotz der abſoluteſten Verleugnung, trotz der un - menſchlichſten Verfolgung mit wunderbarer innerer Kraft feſthielt an dieſem Leben. Mit welchen Mühen und Opfern dieſe Literatur von den Juden gefördert wurde, das zeigt neben den vielen, mit wahrer Pracht gedruckten Werken auch wieder manches andere auf dem elendeſten grauen Papier, mit abgenutzten, oft aus weiter Ferne entliehenen Lettern, deren Druck nur mit Mühe geleſen werden kann. So wurden in dieſe wunderliche lebendige Volks - ſprachform auch die Bücher der Heiligen Schrift und der bedeu - tendſten Lehrer und Weiſen übertragen und mit jeder Uebertragung die Anerkennung und das tiefgewurzelte Bedürfniß deutſchen Lebens der Juden auf deutſchem Boden ausgeſprochen. Und dies wun - derbar reiche geiſtige Streben, Ringen, Wirken und Schaffen blieb Jahrhunderte lang unerkannt, unbeachtet! Kein deutſcher Culturhiſtoriker, kein Linguiſt, kein Socialpolitiker nahm irgend - welche Notiz davon!
Sobald der Verfaſſer in der deutſchen Volksſprache die Grund - lage für ſeine Forſchungen erkannt hatte, mußte er auch das bis dahin grammatiſch völlig unbearbeitete Judendeutſch näher durch - forſchen, ſoweit ſeine Kräfte dazu ausreichten. Seine Unter - ſuchungen mußten ganz aus ſeiner ſubjectiven Auffaſſung hervor - gehen. Er ſcheut es nicht, damit hervorzutreten. Ein neues unbebautes Feld öffnet ſich und bietet der weitern Forſchung viel Jntereſſantes und Wichtiges. Aus der grammatiſchen Dar - ſtellung ſelbſt wird man die Nothwendigkeit begreifen, daß zur vollſtändigen Erläuterung des Ganzen alle die mehr oder minder ähnlichen Zuſammenſchiebungen, Transpoſitionen und Spielereien vieler Sprachen, beſonders der deutſchen, ſogar bis in die kab - baliſtiſchen und chriſtlich-zaubermyſtiſchen Formeln hinein, andeu - tungsweiſe berührt und über die treubewahrten jüdiſchen Eigen - thümlichkeiten in Diction, Schrift, Zeitrechnung, Poeſie und Proſa u. ſ. w. Nachweiſe und Auskunft gegeben werden mußten. BeiXV Anlage der Grammatik ging der Verfaſſer von der Anſicht aus, daß die bloße Kenntniß der Quadratſchrift, der deutſchrabbiniſchen Schrift und der Currentſchrift (wie dieſe Th. III, S. 260 fg., er - läutert ſind) ſelbſt für den mit der hebräiſchen Sprache unbekann - ten Laien genüge, um das Judendeutſch fertig leſen und ſchreiben zu lernen, während die hebräiſchen Typen als bloße Vocabulatur aufgefaßt werden ſollten. Zur richtigen Erkennung der namentlich durch Präfixe und Suffixe veränderten Stammformen und ihrer dadurch veränderten logiſchen Bedeutung hat er nach dem Vor - gange Gottfried Selig’s, der freilich nur höchſt Kümmerliches und Verworrenes gibt, hier und da die nöthigen rudimentären Er - klärungen und Hinweiſe auf die hebräiſche Grammatik gegeben, mit denen er auch den Laien hinlänglich zurecht gewieſen zu haben hofft. An eine zuſammenhängende fortlaufende Vergleichung mit der hebräiſchen Grammatik konnte ſelbſtverſtändlich nicht gedacht werden.
Von demſelben Standpunkt ausgehend hat der Verfaſſer eine Chreſtomathie aus der jüdiſchdeutſchen Literatur ange - hängt, in welcher bei einzelnen Abſchnitten eine Jnterlinearüberſetzung beigefügt iſt, da er an ſich ſelbſt erfahren hat, wie raſch er nach der Jnterlinearüberſetzung der einzigen Seite 648 in J. Buxtorf’s „ Thesaurus “(1663) das Leſen des Deutſchrabbiniſchen lernen konnte, Er glaubt dabei in den Augen des Kenners den richtigen Weg gewählt zu haben, wenn er mit der leichtern Quadratſchrift in neuhochdeutſcher Schreibung (Th. III, S. 435) den Anfang machte, dann ebenfalls in neuhochdeutſcher Schreibung das Deutſch - rabbiniſche gab, hierauf ſich zur alten deutſchrabbiniſchen Schreibung (S. 448) wandte und daran die currentſchriftlichen Proben an - ſchloß. Für die hier, ſoweit dem Verfaſſer bekannt, zum erſten male in größerm Zuſammenhange als Druckſchrift erſcheinende Currentſchrift war nirgends Literatur vorhanden. Der Verfaſſer hat daher aus den Maaſebüchern, dem Brantſpiegel u. ſ. w. dieXVI Uebertragung in die Currentſchrift, und zwar buchſtäblich genau nach der Schreibung des Originals, ſelbſt unternommen und für die neuere Schreibung mit Vocalzeichen oder mit Ligaturen (S. 532, 534) zwei Stücke aus Deecke’s meiſterhaft geſchriebenen „ Lübiſchen Geſchichten und Sagen “in die Currentſchrift übertra - gen. Der beabſichtigte Abdruck jüdiſcher Volksgeſpräche aus dem „ Jüdiſchen Sprachmeiſter “von 1742 (auf welche Th. III, S. 236 und 369 Bezug genommen) mußte ſchließlich unterbleiben, um den Umfang des ganzen Werks nicht allzu ſehr auszudehnen. Bei der hier nur beſchränkten Auswahl aus der reichen Literatur war nicht allein die grammatiſche und ſprachhiſtoriſche Rückſicht leitend, ſondern vor allem die Abſicht, neben den claſſiſchen Ueber - tragungen aus dem Jonah, der Mischnah und den trefflichen Pirke Abos auch die in den Maaſebüchern, Sitten - und Sage - büchern deponirte, treubewahrte volle Eigenthümlichkeit und den unwandelbar feſten Glauben an die alten Verheißungen des jüdi - ſchen Volks in ſeinem Leben auf deutſchem Volksboden darzu - ſtellen. Die nöthigen Erläuterungen ſchwieriger Ausdrücke ſind unter dem Texte in Noten beigegeben. Der Verfaſſer muß aus - drücklich betonen, daß überall in den Literaturproben die vollkom - mene Eigenthümlichkeit des Originals in Ausdruck und Schreibung ſtreng beibehalten iſt, ſelbſt wo ſie ungrammatiſch und fehlerhaft war, wie z. B. Th. III, S. 487 in der Ueberſchrift „ Bekehilla kodesch “nach Schudt in deſſen „ Jüdiſchen Merkwürdigkeiten “, Th. III, S. 63, Nr. 3. Nur ganz grobe, offenbar ſinnentſtellende Druck - fehler ſind berichtigt worden.
Ein drückender Mangel ſtellte ſich dem Verfaſſer dar im Ab - gange eines brauchbaren jüdiſchdeutſchen Wörterbuchs. Lange und ernſt hat er mit ſich gekämpft, ob er mit ſeinen geringen Sprach - kenntniſſen, die ja immer nur die eines Laien und Autodidakten bleiben, an eine ſo höchſt mühſame, ſchwierige und verantwortliche Arbeit ſich wagen dürfe, welche ſeine Kräfte, Zeit und GeduldXVII zu erſchöpfen drohte. Wenn er aber auf die alten, elend kümmer - lichen, perfiden und verlogenen Wörterbücher der getauften Jüden ſah, wenn er Callenberg’s dürftiges, bröckeliges Wörterbuch mit den vielen Druckfehlern, kümmerlichen Erläuterungen und großen Defecten für unzureichend erkennen mußte, wenn er die klägliche Kümmerlichkeit und heilloſe Verworrenheit und Jncorrectheit des mit Druckfehlern und Mängeln aller Art behafteten Selig’ſchen Wörterbuchs ſah und ſelbſt in dem beſten vorhandenen Wörter - buche, dem Prager Handbuch, große Mängel entdeckte und des - halb auch dies Buch nicht für ausreichend erachten konnte, ſo mußte er die Arbeit wagen, um für ſein Werk und für die wei - tere Forſchung einen feſtern Boden zu gewinnen. Die Arbeit war äußerſt ſchwierig. Wenn er auch Selig’s Wörterbuch und das Prager Handbuch dabei zu Grunde legte und namentlich auch wie jene bemüht war, die Wortfamilien unter dem Wurzel - oder Stammwort zu vereinigen, ſo galt es doch unendlich viel Falſches zu berichtigen, zu ergänzen und zu ordnen, wobei ſehr oft mit unglaublicher Geduld und Mühe nach einzelnen Wörtern im kleinen Literaturſchatze geſucht und viel verglichen werden mußte, um das richtige Verſtändniß zu finden. Manche treffliche Beihülfe ge - währten ihm Tendlau’s „ Jüdiſchdeutſche Sprüchwörter und Redens - arten “, III, 90, welche aber erſt dann erſchienen waren, als der Verfaſſer ſein mühſeliges Werk vollendet hatte, ihm aber doch auch ſpät noch höchſt willkommen waren, um manche Lücke aus - zufüllen und manches zu ergänzen, wie die jedesmaligen Citate nachweiſen. Doch mag aber noch mancher Fehler, mancher Mangel zum Vorſchein kommen, welchen der Verfaſſer bei der faſt betäu - benden Reviſion des auch in typographiſcher Hinſicht von großen Schwierigkeiten begleitet geweſenen umfangreichen Werkes ſehr leicht überſehen haben mag. Unerlaßlich war es nun aber, auch beim Wörterbuch die geläufigſten Abbreviaturen zu erklären, ohne welche ein vollkommenes Verſtändniß der jüdiſchdeutſchen Literatur**XVIIInicht erreicht werden kann und welche obendrein in ihrer wunder - lichen volksthümlichen phonetiſchen Belebung ſehr merkwürdige und tief in die deutſche Volksſprache überhaupt eingedrungene Erſcheinungen darbieten. Auch hier war Selig zu Grunde gelegt, aber auch hier galt es, ſehr viele Fehler und Unrichtigkeiten zu verbeſſern und viele von Selig überſehene Abbreviaturen einzu - ſchalten, wie denn Selig unter anderm S. 112 und 113 ſeines Handbuchs die ganze Reihe von〈…〉〈…〉 bis〈…〉〈…〉 durchaus vergeſſen hat. Gleich hier bemerkt der Verfaſſer, daß er bei erläuternden Allegaten aus den heiligen Schriften ſoviel wie möglich die por - tugieſiſche Ausſprache feſtzuhalten ſuchte. Die ſehr verſchiedenartige Ausſprache der jüdiſchdeutſchen Vocale bot aber große Schwierig - keiten, weil unter den in alle Theile Deutſchlands zerſtreuten Juden kein eigentlicher jüdiſchdeutſcher Dialekt exiſtirt, mithin von der Führerſchaft eines beſtimmten Dialekts in der Schriftſprache nicht die Rede ſein kann. Die phonetiſche Modulation iſt daher ſehr bunt. So z. B. leſen manche das Pathach mit nachfolgendem Chatuph Pathach wie ai (etwas durch die Naſe), andere wieder wie āă, den Vocal mit Metheg, das Chatuph als Schwa mobile mit a-Laut, alſo mit ganz kurzem a. Der Verfaſſer konnte ſich daher weder ganz genau an die Ausſprache des Prager noch an die des Selig’ſchen Wörterbuchs binden, obſchon er die letztere im erſten und zweiten Theile dieſes Werks vorzugsweiſe berückſichtigt hatte. Jhm blieb nichts anderes als der Volksmund, wie dieſer im Handel und Wandel ſich ihm offenbart hatte. Daher im Wörterbuche gewöhnlich nur die einfache Lesart im phonetiſchen Ausdruck.
Nur dann erſt, als der maſſenhafte wüſte Stoff in größere Abtheilungen gebracht, dann weiter geſondert, geſichtet, im einzel - nen zergliedert und culturhiſtoriſch und grammatiſch verglichen und erläutert war, konnte der Paraſitenwuchs der Gaunerſprache klar vor Augen gelegt und ihr behendes geheimnißvolles Hinein -XIX ſchlüpfen in alle Ecken und Winkel, wo der wunderbare Proceß der Gedankenverkörperung zu ſprachlichen Ausdrucksformen nur irgend möglich war, verdeutlicht werden, von den dämoniſchen Typen der Zaubermyſtik an bis zur offenen frechen Metapher der alltäglichen Redensart. So konnte denn auch in der hiſtoriſchen Folge der gaunerſprachlichen Documente und in der ſtets fluctui - renden Beimiſchung dieſer oder jener fremdartigen Stoffe die Zu - ſammenſetzung des Gaunerthums ſelbſt und der merkwürdig be - lebte Zug und Wechſel ſeiner Jüngerſchaft erkannt, ſo konnten durchgreifende Compoſitionen und Flexionen für die grammatiſche Betrachtung gefunden, hervorgehoben und für die Kritik der ver - ſchiedenen Formen beſtimmtere Grundzüge nachgewieſen werden, welche überallhin greifen, hiſtoriſche, topiſche, ſocialpolitiſche und perſönliche Bezüge haben und ſelbſt auf bibliſchhiſtoriſche That - ſachen und Perſonen zurückzuführen ſind, wie im Wörterbuche mehrfach nachgewieſen iſt. Auf dieſen Grundlagen ward endlich die kritiſche Unterſuchung der einzelnen Wörter und Redensarten in der Gaunerſprache, ſowie die Abweiſung alles deſſen möglich, was in der Literatur des Gaunerthums auf die unverantwort - lichſte Weiſe in die Gaunerſprache eingeſchwärzt worden iſt. Welcher Unfug dabei getrieben worden iſt, welche bodenloſe Eitelkeit, Leicht - fertigkeit und verwegene Unwiſſenheit dabei ſich breit gemacht hat, wird man aus der Vergleichung der alten Urkunden, ſowie aus der kritiſchen Unterſuchung einzelner Erſcheinungen derart erkennen, eine Kritik, die dem Verfaſſer ebenſo nothwendig erſchien, wie ihr Gegenſtand von Herzensgrund ihn anwiderte.
Zu ſeinem eigenen Verſuche eines kritiſchen Wörterbuchs der Gaunerſprache bemerkt der Verfaſſer endlich noch, daß es keineswegs in ſeinem Plane lag, ein erſchöpfendes Wörterbuch zu ſchreiben, das von ſehr großem Umfang hätte ſein müſſen und zu welchem er beſſere Muße und vollſtändigere Hülfsmittel ab - warten muß. Vor der Hand war ihm darum zu thun, eine kri -** 2XXtiſche Analyſe der geläufigſten Ausdrücke zu geben und überhaupt den Weg zur kritiſchen Unterſuchung anzubahnen, damit nur zu - erſt die heilloſe Gaunerlinguiſtik abgethan werde, mit welcher auf dem Gebiete der Polizeiwiſſenſchaft manche Literatoren ſich ſelbſt und andere ſo arg getäuſcht haben, wie das die Zaubermyſtiker des Mittelalters mit den zum Theil von ihnen ſelbſt conſtruirten zaubermyſtiſchen Charakteren unternahmen. Die Abſtammung der einzelnen Wörter iſt, wo ſie nicht von ſelbſt ſich ergibt, jedesmal angegeben. Die ohne weitern Zuſatz mit lateiniſchen Lettern in Parentheſen beigefügten Stämme zeigen auf das Regiſter des jüdiſchdeutſchen Wörterbuchs. Beim Nachweis deutſcher Stämme hat der Verfaſſer vorzugsweiſe das Althochdeutſche und Mittel - hochdeutſche angeführt, um auch für ältere Gaunerwörter die Auf - ſuchung der Stämme zu erleichtern. Die zigeuneriſchen, ſlawiſchen und romaniſchen Stämme ſind ebenfalls jedesmal angegeben, und auch hier hat der Verfaſſer, ſofern nicht die ſpecifiſch romaniſche Tochter ein erwieſenes Vorrecht hatte, gern der lateiniſchen Mut - terſprache den Vorrang eingeräumt. Nach der Anordnung des jüdiſchdeutſchen Wörterbuchs iſt auch hier der Verſuch gemacht worden, mindeſtens bei den bedeutſamſten Gaunerausdrücken die ganze Familie unter das Stammwort zuſammenzuziehen und in der alphabetiſchen Folge auf das Stammwort hinzuweiſen.
Außer ſeinen Collectaneen hat der Verfaſſer das tüchtige Wörterbuch von Zimmermann in Berlin und das von Grolman’ - ſche Wörterbuch benutzt. Dahingegen erforderte Thiele ſchon große Vorſicht. Mit dem lebhafteſten Danke muß der Verfaſſer zweier handſchriftlicher Mittheilungen gedenken, welche ihm gerade auch von zwei der anerkannt tüchtigſten deutſchen Polizeiſtellen her zu - gekommen waren. Zunächſt war es das im März 1858 ihm zu - geſandte Manuſcript der königlichen Polizeidirection zu Hannover, welche das überall ſeit langer Zeit ganz vernachläſſigte hochwich - tige Unternehmen wieder aufgenommen hatte: aus dem MundeXXI der Strafgefangenen in den ſämmtlichen Anſtalten des Landes eine Sammlung anzuſtellen. Eine ähnliche, noch viel reich - haltigere, äußerſt werthvolle Sammlung aus Wien erhielt der Verfaſſer durch ſeinen hochgeehrten Freund, Herrn Fidelis Chevalier, zugeſtellt. Ganz abgeſehen von ihrem Urſprung aus verbürgt echter Quelle, ſind beide Sammlungen in ihrer ganzen Auffaſſung vor der Kritik und Analyſe ſo durchaus probehaltig, daß ſie die vollſte Beachtung bei der Bearbeitung des vorliegenden Wörterbuchs in Anſpruch genommen haben. Durchaus wünſchenswerth und wich - tig für die Kenntniß der Gaunerſprache iſt es, daß das ausge - zeichnete Beiſpiel der Polizeidirection zu Hannover überall Nach - ahmung finde, wie ſchon im vorigen Jahrhundert, vorzüglich in Kurſachſen, ähnliche höchſt ſchätzbare Sammlungen veranſtaltet worden ſind. Mit einem vollſtändigen Gaunerwörterbuch würde man auch das bedeutendſte Material zu einem dringend nöthigen Volksſprachwörterbuch gewinnen.
Recht empfindlich machte ſich dem Verfaſſer bei ſeiner Arbeit der Mangel eines praktiſchen Handbuchs der Zigeunerſprache fühlbar. Eigene genauere Beobachtungen und Erforſchungen aus dem Leben und der Sprache der Zigeuner zu machen, war dem Ver - faſſer bei dem nur ſehr dürftigen Zuge der Zigeuner an der nörd - lichſten Marke Deutſchlands verſagt. Pott’s Meiſterwerk iſt für den praktiſchen Gebrauch nicht handlich genug, und Biſchoff iſt in ſeinem Zigeunerwörterbuch ebenſo leichtfertig und unzuverläſſig wie in ſeiner ganzen Gaunerlinguiſtik. Mit lebhafter Freude wurde daher der Verfaſſer erfüllt, als ihm gerade am Schluß ſeiner Arbeit Einſicht in das Manuſcript ſeines Freundes und einſtigen jenenſer Studiengenoſſen, des Criminalgerichtsdirectors Dr. Richard Liebich zu Lobenſtein, verſtattet ward, in welchem recht mitten aus dem Leben und Verkehr der vielen Zigeuner, mit denen der ausgezeichnete Gelehrte und Beamte in Berührung gekommen war, nicht nur durchaus treffende und geiſtvolle Be -XXII obachtungen niedergelegt ſind, ſondern auch ein ſehr tüchtiges und ausführliches Zigeunerwörterbuch mit trefflichen grammatiſchen und kritiſchen Bemerkungen hinzugefügt iſt, ſodaß dem ſchwer empfun - denen Mangel in überraſchend glücklicher Weiſe abgeholfen iſt und der Herausgabe des verdienſtvollen Werks mit Begierde entgegen - geſehen werden muß.
Weitere Bemerkungen ſcheinen dem Verfaſſer nicht erforderlich zu ſein. Er hat auch jetzt nur um wohlwollende Aufnahme ſeines Werks zu bitten, welchem er die treue, unausgeſetzte Arbeit von ſieben Jahren des kräftigſten Mannesalters gewidmet hat, unge - heißen, in vollſter ſubjectiver Freiheit, nur im Dienſt der Wiſſen - ſchaft und mit dem dringenden Wunſche, daß er ein Scherflein beigetragen haben möge zur Herſtellung eines edeln freien Bodens für die Wiſſenſchaft der Polizei, als Grundlage für das innigſte Verſtändniß zwiſchen Regierung und Volk, zum Heil und Segen des deutſchen Vaterlandes!
Lübeck, 10. Juni 1862. Benedict Avé-Lallemant, Doctor beider Rechte.
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Bezeichnet man in ſchlagender Weiſe die Sprache überhaupt als die leiblich gewordene Erſcheinung der Gedanken1)Treffend und ſchön umſchreibt in dieſem Sinne der Targum die Worte im 1. Buch Moſ., Kap. 2, V. 7:〈…〉〈…〉 (und alſo ward der Menſch eine lebendige Seele), mit den Worten:〈…〉〈…〉 (und es ward [die Seele] im Menſchen zum redenden Geiſte)., ſo iſt damit auch ausgeſprochen, daß die Sprache eine organiſche Verrichtung des Menſchen und daß, wie Wilhelm von Humboldt trefflich ſagt, ihre Hervorbringung ein inneres Bedürfniß der Menſch - heit, nicht blos ein äußerliches, zur Unterhaltung gemeinſchaftlichen Verkehrs, ſondern ein in ihrer Natur liegendes, zur Entwickelung ihrer geiſtigen Kräfte und zur Gewinnung einer Weltanſchauung unentbehrliches iſt. Jndem die Erſcheinungen der Sinnenwelt von den äußern Sinnen der Menſchen aufgenommen werden, wird die Sinnenwelt zu Begriffen und Gedanken vergeiſtigt, und dies Vergeiſtigte wird wieder in der Verleiblichung in Wort undAvé-Lallemant, Gaunerthum. III. 12Sprache zur äußerlichen Erſcheinung. Dadurch iſt im Menſchen eine ſtete Wechſelwirkung zwiſchen Geiſtigem und Leiblichem als Nothwendigkeit gegeben.
Jſt der Gedanke in Wort und Sprache äußere Erſcheinung geworden, ſo iſt Wort und Sprache zum dauernden Ausdruck deſ - ſelben Gedankens und Begriffs feſtgeſtellt. So bildet ſich die Ge - ſammtheit der überhaupt oder bei einem beſondern Volke vorhan - denen Wörter und Sprachformen, in denen die Geſammtheit der überhaupt oder bei einem beſondern Volke vorhandenen Begriffe und Begriffsverhältniſſe ausgeprägt und niedergelegt iſt, als ge - ſprochene Sprache, d. h. als ein Organ, durch welches die Gedanken und Begriffe des einen leicht auch andern verſtändlich und ſomit ein Gemeingut aller werden und wodurch in jedem ſprach - vernehmenden Geiſte wieder Geiſtiges erzeugt werden kann. 1)K. F. Becker, „ Ausführliche deutſche Grammatik “(Frankfurt a. M. 1836), Einl., S. 1 fg. ; H. Dittmar, „ Die Geſchichte der Welt vor und nach Chriſtus “(Heidelberg 1853), I, 13 fg.
Hat ſich die Sprache auf organiſche Weiſe und mit innerer Nothwendigkeit gebildet und entwickelt, indem das urſprünglich geſprochene Wort in organiſcher Entwickelung des Einfachen zum Mannichfachen allmählich zur zuſammenhängenden Sprache als Ausdruck von Gedanken, Begriffen und Begriffsbeziehungen ſich entfaltete: ſo wird auch das klar, was ohnehin unſere wahr - haft claſſiſche Zeit glänzender Sprachvergleichung auf das über - zeugendſte dargethan hat, daß es eine aus der Uranſchauung verleiblichte Urſprache gegeben hat, deren Einheit durch Trübung und Verſetzung der Uranſchauungen ſich gelockert und im Verlauf der Zeit durch die Wirkungen neuer Umgebungen und Einflüſſe3 beim Auseinandergehen der Menſchen ſich immer weiter zerbröckelt hat. Mit dem Weiterfortwandern der ſich zu einzelnen Gruppen oder Stämmen zuſammenthuenden Menſchen geſtaltete ſich dann das aus der Urſprache Gerettete zu einem verkleinerten organiſchen Ganzen, in welchem man den mehr oder minder größern Grad der ſittlichen und geiſtigen Entartung jedes Stammes ausgedrückt findet.
So iſt die große Menge von Sprachen entſtanden, deren nachgewieſene innere Verwandtſchaft auf die frühere Spracheinheit wie überhaupt auf eine einheitliche Abſtammung des Menſchen - geſchlechts zurückdeutet. Die vielen Sprachen laſſen ſich auf wenige Sprachſtämme zurückführen. Man unterſcheidet den indoeuropäi - ſchen oder indogermaniſchen, den ſemitiſchen, den nordafrikaniſchen, den finniſch-tatariſchen, den malaiiſch-polyneſiſchen, den chineſiſch - hinterindiſchen, den japaniſch-kuriliſchen, den amerikaniſchen u. ſ. w. Von allen dieſen kommt in vorliegender Unterſuchung nur der indo - germaniſche Sprachſtamm in Betracht, welcher ſich von der Süd - ſpitze Vorderaſiens in nordweſtlicher Richtung über Südweſtaſien und Europa bis Jsland hinzieht und die vorderindiſchen Sprachen, die perſiſche und alle europäiſchen (mit Ausnahme der türkiſchen, ungariſchen oder magyariſchen, lappiſchen, finniſchen und baskiſchen) umfaßt und der größtentheils auf zweiſilbigen Wurzeln beruht. Dann ferner der ſemitiſche Sprachſtamm, der im Weſten des großen indoeuropäiſchen Sprachſtammes ſich in Aſien vom Mittel - meere bis an den Euphrat und bis zum ſüdlichen Arabien, in Afrika öſtlich vom Nilquelland bis zum Mittelmeer und von da weſtlich bis zum Atlantiſchen Ocean hinzieht. Er begreift in ſich das Hebräi - ſche (mit welchem das Phöniziſche und Puniſche verwandt war), das Aramäiſche, welches in das Syriſche und Chaldäiſche zerfällt, das Arabiſche mit vielen Mundarten und das Abyſſiniſche (die Giß - ſprache); dieſer Stamm geht auf dreiſilbige Wurzeln zurück. 1)Dittmar, a. a. O., I, 49 fg.
Fremde Schriftſteller ſind es, welche die erſte Urkunde gaben von dem Daſein der germaniſchen Völker. Jhre Nachrichten ſind nur einſeitig und dürftig. Aber das Wenige, was Julius Cäſar und Tacitus mit ſicherm Griffel über unſere Vorfahren aufgezeich - net haben, iſt ein vollgültiges Zeugniß körperlicher, geiſtiger und ſittlicher Tüchtigkeit, hochherziger Geſinnung, feſter Treue, uner - ſchrockenen Muthes, glühender Freiheitsliebe und kräftigen Volks - ehrgefühls, tiefer Verehrung des Weibes und erhabener, würdiger Begriffe von der Gottheit. So wird uns in den vielen germani - ſchen Stämmen ein einiges Volk dargeſtellt auf jener feſten Grund - lage, welche die Baſis zur Vollkommenheit iſt und das Streben und Ringen nach Vollkommenheit zu einem ſo natürlichen und nothwendigen Lebensproceß macht, wie das ununterbrochene Her - vordringen immer zahlreicherer Triebe, Blätter und Blüten eines gewaltigen Stammes, deſſen mächtiger Wurzeltrieb tief und weit in den dunkeln, mit geheimnißvollen Schätzen der Mythe und Sage reich durchzogenen Erdboden faßt und dem Stamme unver - gängliche Nahrung ſchafft. Bei keines Volkes Geſchichte begreift man vollkommener, daß das Volk vor ſeiner Volksgeſchichte eine tiefe, reiche Sprachgeſchichte hatte; bei keiner Volksgeſchichte ſtrebt man eifriger, auf ſeine Sprachgeſchichte zu dringen und ſeine Sprache zu begreifen, als bei dem deutſchen Volke, ſobald nur die Geſchichte beginnt. Denn ſchon ſeine erſte Erſcheinung als hiſtoriſches Volk iſt ſo vollmächtig, daß man ſogleich bei ſeinem erſten Begreifen nicht anders als auf eine gleich vollmächtige Sprache ſchließen kann, und vor allem ſieht man in der deutſchen Mythe und Sage in prägnanteſter Weiſe die Sprachgeſchichte des deutſchen Volkes angedeutet. So muß die Sprachforſchung beim Weiterſtreben in Geſchichte und Sprache immer und immer wieder in die alte Offenbarung der Mythe und Sage zurückblicken, um nicht nur an den vollendet mächtigen Geſang des Volkes, als an5 ſein Geſammteigenthum, und an die gewaltigen Lieder zu glauben, mit welchen es ſeine Götter und Helden1)Tac. Germ., cap. 2: Celebrant carminibus antiquis, quod unum apud illos memoriae et annalium genus est, Tuisconem deum terra edi - tum, et filium Mannum, originem gentis conditoresque. vor der Schlacht oder beim Mahle feierte, ſondern auch den Blick noch viel weiter tief in den Orient hineinſchweifen laſſen, von welchem der Glanz unſerer Sprache unverkennbar deutlich herleuchtet. So gewaltig war dieſe germaniſche Sprache, daß die alten Götterſagen nicht untergingen, ſondern daß ſie ſich in den ſpätern Heldenſagen ver - dichteten und zu jenen größern Sagenkreiſen ſich zuſammenfügten. So erſcheint die ſpätere Siegfriedſage urſprünglich als ein ur - alter Göttermythus, und die ſo feſtgehaltene Thierſage weiſt un - verkennbar auf die früheſte Zeit hin, in welcher der Menſch mit der Thierwelt in vertraulicherer Beziehung lebte und in den thie - riſchen Jnſtincten eine Begabung höherer Art erkannte und ver - ehrte. 2)J. W. Schäffer, „ Grundriß der Geſchichte der deutſchen Literatur “(achte Auflage, Bremen 1858), S. 5.
Sobald nun aber auch das geiſtige Leben der germaniſchen Völker über die beſchränkte älteſte Kundgebung der Runen hinaus ſeine Entwickelung in ſprachmonumentalen Erſcheinungen offenbart, ſo erkennt man ſofort in Sprache und Schrift einen Zweig jenes von der Südſpitze Vorderaſiens in nordweſtlicher Richtung über Südweſtaſien und Europa bis Jsland ſich hinaufziehenden indo - germaniſchen Sprachſtamms, welcher ſich wieder in den ſlawiſchen, griechiſch-lateiniſchen und germaniſchen Stamm vertheilt. Der germaniſche Sprachſtamm begreift außer der deutſchen Sprache die gothiſche, altnordiſche, welche die Mutter der ſchwediſchen, däniſchen und isländiſchen Sprache iſt, und die angelſächſiſche, welche durch Vermiſchung der däniſchen und franzöſiſchen Sprache in die engliſche übergegangen iſt. Die aus der Vermiſchung der ger - maniſchen und lateiniſchen Sprache hervorgegangenen Sprachen, die engliſche, franzöſiſche, italieniſche, ſpaniſche und portugieſiſche, ge - hören ebenfalls zum indogermaniſchen Sprachſtamm. Charakteriſtiſch6 unterſcheidet ſich von dieſen Mengſprachen die deutſche Sprache da - durch, daß ſie, wenn ſie auch im Verlauf der Zeit durch die Be - rührung mit andern germaniſchen Sprachen und durch die wech - ſelſeitige Einwirkung der verſchiedenen deutſchen Mundarten auf - einander mancherlei Veränderung der Formen erlitten hat, dennoch von der Vermiſchung mit fremden Sprachen frei und dadurch dem deutſchen Volke, welches ſie ſpricht, verſtändlich geblieben iſt. Die Wurzelwörter ſind größtentheils noch in der Sprache ſelbſt vor - handen, und die grammatiſchen Formen haben ſich aus der Sprache ſelbſt entwickelt. Auf dieſer vollkommenen Verſtändlichkeit der Wör - ter wie der mannichfaltigen Flexions - und Ableitungsformen grün - det ſich zugleich die große Fülle, Bedeutſamkeit und Bildſamkeit des Ausdrucks, welche die deutſche Sprache vor den meiſten neuern Sprachen auszeichnen. 1)Becker, a. a. O., S. 54.
Die deutſche Sprache ſtellt ſich in einer Menge von Mund - arten dar. Keineswegs aber haben dieſe Mundarten eine Ver - ſchiedenartigkeit in den Sprachformen ſelbſt. Jm Gegentheil be - weiſen ſie erſt recht beſtimmt die Einheit der deutſchen Sprache gerade durch die Einheit ihres Wortvorraths und ihrer gramma - tiſchen Formen. Alle deutſchen Mundarten haben denſelben Wort - vorrath und dieſelben grammatiſchen Formen. Jhre Abweichung voneinander beſteht nur in der Verſchiedenheit der Lautverhältniſſe der Wörter. Viel weniger unterſcheiden ſie ſich durch Verſchieden - heit in den Formen der Ableitung und Flexion und am wenigſten durch Verſchiedenheit im Gebrauche der grammatiſchen Formen. Die Unterſchiede in den Lautverhältniſſen der Wörter gründen ſich auf natürliche Uebergänge unter verwandten Sprachlauten. 2)Becker, a. a. O., S. 54.Die7 Grammatiker faſſen die mannichfaltigen deutſchen Mundarten unter zwei Hauptmundarten zuſammen, die oberdeutſche und die niederdeutſche, und unterſcheiden beide gewiſſermaßen als Ge - genſätze, indem ſie dieſe Hauptmundarten ſo charakteriſiren: daß die oberdeutſche Mundart mehr lange Vocale und Doppellaute, die niederdeutſche hingegen mehr kurze und einfache Vocale liebt; daß die oberdeutſche Mundart entſchiedene Vorliebe für die aſpi - rirten Conſonanten (f, pf, ch, th) und für das ſch, ß und z hat; daß das dem Oberdeutſchen vorzüglich eigene Augment dem Nie - derdeutſchen faſt gänzlich fehlt; daß die oberdeutſche Mundart die tonloſe Endung e abwirft, die ſich in der niederdeutſchen erhalten hat; daß die oberdeutſche Mundart die tonloſen Endungen mit dem Stamm gern in eine Silbe zuſammenzieht und eine beſon - dere Vorliebe für die vollen halbtonigen Endungen (ſam, bar, haft, heit, keit, ung, niß, ſal) hat, welche für ſich und be - ſonders in der Flexion dem Worte einen weniger guten Rhythmus geben als die tonloſen Endungen, wie denn überhaupt die Wort - formen der oberdeutſchen Mundart weniger rhythmiſch ſind als die niederdeutſchen. 1)Becker, a. a. O., S. 55.
Dieſe allgemeinen grammatiſch ſtatuirten Unterſcheidungen muß man gelten laſſen, obwol der Polizeimann — wenn auch Laie in der grammatiſchen Forſchung — ſich ſehr nach genauerer Unterſcheidung und Beſtimmtheit ſehnt, wenn er, immitten des über 3000 Quadratmeilen großen Sprachgebiets der von nahezu 16 Millionen Bewohnern2)Vgl. A. Marahrens, „ Grammatik der plattdeutſchen Sprache. Zur Würdigung, zur Kunde des Charakters und zum richtigen Verſtändniß derſel - ben “(Altona 1858), S. 9; ſowie die ſehr bedeutende Schrift von J. Wiggers, „ Grammatik der plattdeutſchen Sprache. Jn Grundlage der mecklenburgiſch - vorpommerſchen Mundart “(zweite Auflage, Hamburg 1858). Zu bedauern iſt, daß der gewandte, ſcharfſinnige Verfaſſer auf dem einſeitigen Boden der mecklen - burgiſch-vorpommerſchen Mundart ſtehen geblieben und daher weder allverſtänd - lich noch erſchöpfend iſt. Die trefflichſten, wenn auch nur aphoriſtiſchen Be - merkungen über das Niederdeutſche hat noch immer der wackere Michael Richey in ſeinem „ Idioticon Hamburgense “(Hamburg 1754), S. 375 — 404 unter geſprochenen niederdeutſchen Mundart,8 jahraus jahrein die eine Hälfte ſeiner zahlreichen Verhöre in nie - derdeutſcher und die andere Hälfte in hochdeutſcher Mundart ab - halten muß, wobei er in den beiden „ Hauptmundarten “von den verſchiedenſten Jndividuen recht mitten aus dem Volke die bunte - ſten Variationen ſowol der hochdeutſchen als auch der niederdeut - ſchen Hauptmundart faſt in erſchöpfender Weiſe kennen lernt. Bei aller Tiefe, bei allem bewundernswürdigen Fleiße leidet doch wol die herrliche deutſche Gelehrſamkeit überhaupt an dem Fehler, daß ſie bei weitem mehr lieſt und ſchreibt als hört und ſpricht. Die Wahrheit, daß alle Grammatik aus dem Volksmunde tönt, würde ſonſt zu lebendigerm, fruchtbarerm Bewußtſein gediehen und von größerm Einfluß auf die grammatiſche Forſchung geworden ſein. Wie die ſtille, lauſchende Beobachtung des Volksgeiſtes und der Stamm -, Geſchlechts -, Familien -, ja ſogar der Jndividualitäts - verſchiedenheit die magiſche Situation iſt, in welcher der mit dem Volksgeiſte innig verbrüderte Geiſt der Geſchichte in ſeinen tiefſten Offenbarungen dem Forſcher erſcheint: ſo iſt das ſtille Lauſchen auf den tönenden Volksmund eine wundervolle Offenbarung des Sprachgeiſtes, welcher als die leibliche Erſcheinung des Volks - geiſtes hervortritt und im wunderbar verſchiedenen Lautreichthum die ganze Fülle dieſes Geiſtes als eines Volksgeiſtes darlegt. Wie das concrete Jndividuum durch ſeine Exiſtenz das Recht auf die Jntegrität ſeiner Jndividualität hat, ſo erkennt es auch das gleiche Recht der mit und neben ihm geſchaffenen Jndividualitäten an, um mit ihnen und ihrer Gleichberechtigung fort zu exiſtiren, ohne die eigene concrete Jndividualität ſelbſt aufzugeben oder jenen zu nehmen. So hat in gleicher Progreſſion Familie, Geſchlecht und Stamm die gleiche Eigenthümlichkeit und Berechtigung dazu, als mehr oder minder zahlreiche berechtigte Gruppe des einen Volkes zu exiſtiren und ſich wiederum als größeres Einzelnes zum2)der Rubrik: Verſuch einer Dialectologia Hamburgensis, gegeben. Sie ver - dient unbedingt die vollſte Beachtung und iſt ein Zeugniß der genaueſten Kenntniß, welche der unvergeßliche Richey von der niederdeutſchen Sprache ge - habt hat.9 Ganzen auszugleichen. Zu dieſer Ausgleichung des ſittlichen Lebens können die Stämme eines Volkes nicht gelangen, wenn ſie nicht auch das erſte und lebendigſte Mittel des Verkehrs, ihre Stam - mesſprache, gegeneinander ausgleichen und ſich zu einer allen andern Stämmen verſtändlichen Sprache vereinigen, in welcher das Mundartige jedes Stammes theilweiſe zurücktritt, zur ſoge - nannten Schriftſprache, oder, wie die Grammatiker ſagen, zur Sprache der Bildung, welche die anerkannte Wahrheit der Sprache und das Organ des ganzen concentrirten Volksgeiſtes iſt.
Die Sprache der Bildung iſt eine gewordene, nicht eine natürliche Spracheinheit. Sie übt die Herrſchaft über alle Stämme, ſo jedoch, daß jeder Stamm mit voller Freiheit ſeine beſondere Mundart verlaſſen und der Sprache der Bildung ſich bedienen kann, ohne darum die Eigenthümlichkeit ſeiner Mundart aufgeben zu müſſen. Wie in der Geſchichte jedes welthiſtoriſchen Volkes, ſo hat ſich auch im deutſchen beſtändig ein Dialekt als Führer der Sprache des Volkes geltend gemacht und weſentlich in ſeinen Lautverhältniſſen den Volksgeiſt repräſentirt. Bei den Grie - chen ſieht man den attiſchen, bei den Römern den urbaniſchen, bei den Jtalienern den florentiniſchen, bei den Spaniern den ca - ſtiliſchen Dialekt die Hegemonie in der Sprache erringen und fortführen. Dieſe Hegemonie hatte ſtets ihre Zeit und ihren Wechſel, weil ſie bedingt war durch den höhern Grad der Bildung und geiſtigen Gewalt des Stammes, dem der vortretende Dialekt eigenthümlich war, und nicht ohne bedeutenden Einfluß auf dieſe Hegemonie war erſichtlich die Bildung und Sprache der fürſtlichen Höfe, an denen der Fürſt die Jntelligenz glücklich um ſich zu ver - ſammeln und zu fördern wußte. So hat denn auch die Hegemo - nie der Dialekte außer der Geſchichte der innern Herausbildung10 immer auch ihre eigene politiſche und culturhiſtoriſche Geſchichte, welche zur Beurtheilung der ſprachlichen Erſcheinungen von Jn - tereſſe und Wichtigkeit iſt, und ſo hat die allmählich nacheinander ſich geltend machende Hegemonie des fränkiſchen, ſchwäbiſchen und ſächſiſchen (meißniſchen) Dialekts eine allſeitig tiefe Bedeutſamkeit, während die Eintheilung der Sprache in das Althochdeutſche, Mittelhochdeutſche und Neuhochdeutſche wol nur in der chronologi - ſchen Abtheilung, ohne weitere tiefe Begründung, ihre charakteri - ſtiſche Bedeutſamkeit hat.
Sieht man die deutſchen Mundarten als Nebenflüſſe mit na - türlichem Gefälle in den einen großen Sprachſtrom ſich ergießen, welchem ſie durch ihren reichen Zufluß eine immer mächtigere Be - wegung verleihen: ſo findet auch der Forſcher, welcher in die un - terſte Tiefe des Stroms zu tauchen unternimmt, auf tiefem Grunde die Bewegung eines von der Strömung getragenen bröckeligen, ſcharfen Gerölls und ſchlammiger Sprachſtoffe, deren nähere Un - terſuchung ſo intereſſant wie ergiebig iſt. Die Gaunerſprache hat ihren Zufluß ebenfalls aus allen deutſchen Mundarten. Jn - dem ſie als Sprache des Verbrechens, gleich der Sprache der Bildung, in Stoff und Form weſentlich als allgemeine deutſche Volksſprache gelten muß und im gemiſchten Zuſam - menfluß derſelben einzigen großen Strömung folgt, gehen in der Gaunerſprache doch die Mundarten in dieſe große Strömung nicht völlig auf. Vielmehr bewahrt jede Mundart in dieſer Strö - mung mit Hartnäckigkeit eine Menge ihres eigenthümlichen mund - artigen Stoffs, welcher freilich, im langen, mächtig bewegten Zuge von einer Stelle zur andern geführt, an ſcharfen Widerſtand getrieben und wieder im trübſten Schlamme fortgezogen, oft bis zur Unkenntlichkeit verunſtaltet wird, aber doch immer auf ſeine11 mundartige Entſtehung zurückzuführen iſt. Jn dieſem eigenthüm - lichen Zuſammenfluß der entlegenſten mundartigen Stoffe, welche einander die Spitze bieten, um ſich aneinander zu einem bröckeli - gen, lockern Gefüge abzuſtumpfen und zuſammenzufallen, beſteht das Charakteriſtiſche der Gaunerſprache. Von der gewöhnlichen Verkehrsſprache abgeſchloſſen, iſt ſie in dieſer geheimnißvollen Ab - geſchloſſenheit zur eigenthümlichen geheimen Sprache des verkappten Verbrechens geworden und hat zur Verſtärkung des Geheimniſſes auch mehr und minder willkommene exotiſche Sprachtypen in ſich aufgenommen, je nach dem größern oder geringern Grad der Berührung und des Verkehrs mit den Trägern jener exotiſchen Sprachſtoffe. Trotz der bunteſten mundartigen Durchmiſchung mit exotiſchen Sprachſtoffen hat doch niemals die deutſche Gaunerſprache aufgehört, durchaus deutſche Volks - ſprache zu ſein. Sie iſt zwar ein tiefes deutſches Sprachgeheim - niß, aber immer nur ein in die deutſche Volksſprache verſenktes Geheimniß, und daher immer ein auf einfache, natürliche Weiſe zu entzifferndes Räthſel, bei deſſen Löſung ebenſo häufig der Scharfſinn und die Frivolität wie die Natürlichkeit und Einfachheit der Zuſammenſetzung zu bewundern iſt und welche daher immer das lebendigſte Jntereſſe gewährt.
Die Gaunerſprache iſt allgemein die ſpecifiſche Kunſtſprache der Gauner zur Unterhaltung und Förderung des gegenſeitigen Ver - ſtändniſſes und Verkehrs. Die Bezeichnung Gaunerſprache1)Vgl. die Etymologie des Wortes „ Gauner “, Th. I, Kap. 2, S. 5 fg. iſt dem Gauner ebenſo fremd und widerwärtig wie das Wort Gauner ſelbſt und wie die hinlänglich deutliche Bezeichnung Spitzbubenſprache und Diebsſprache. Auch der lahme12 und ohnehin falſche Ausdruck Zigeunerſprache1)Vgl. die Etymologie Th. I, Kap. 2, S. 12 — 13, und über die Ver - wechſelung des eigentlichen Zigeunervolks mit dem Gaunerthum ebend. S. 34. Vgl. auch K. Gesner, „ Mithridates “, Fol. 81 fg. wird nie - mals von den Gaunern gebraucht, obſchon die hibridiſche Compo - ſition Schurerſprache2)Vom zig. Schorr, Tſchorr, Dieb, Spitzbube. der theilweiſen Fremdartigkeit und Verſtecktheit wegen mehr im Schwange unter den Gaunern iſt. Jm Dreißigjährigen Kriege kam vermöge der beinahe vollſtändigen Jdentität des Räuberthums mit dem Soldatenthum der einzige rein deutſche Ausdruck Feldſprach3)d. h. die in Freiheit geſprochene Sprache; Feld, vom althochdeutſchen felt, velt; vielleicht urſprünglich Wildſprache, vom ahd. wilt, fremd, oder Wald ſprache vom ahd. walt (sylva), welches mit wilt verwandt iſt. Konrad Schwenck, „ Wörterbuch der deutſchen Sprache “(vierte Auflage, Frankfurt a. M. 1855), S. 721 und 743. unter den Räubern auf, wie denn auch Moſcheroſch4)„ Wunderliche und ſeltſame Geſichte “(Strasburg 1665), II, 633 fg. (Philander von Sittewald) das von ihm als Doppellexikon redigirte Vocabular der Rotwelſchen Gram - matik Feldſprach überſchreibt und den Ausdruck überhaupt für die Sprache der in Feld und Wald umherſtreifenden Partirer mehrfach gebraucht, ohne im Vocabular eben etwas mehr zu geben als die Rotwelſche Grammatik. Die lateiniſchen Ausdrücke: lingua conventionalis, lingua fictitia, ruber barbarismus, bei Konrad Gesner im „ Mithridates “, Fol. 61 fg. u. a., und lingua occulta bei Heumann5)„ Exercitationes juris universi, praecipue Germanici, ex genuinis fontibus restituti “(Altorf 1749), Nr. 13, S. 163. in ſeiner ſehr trockenen „ Observatio de lingua occulta “, ſind ſelbſtverſtändlich für den Gauner entlegene Bezeich - nungen und überhaupt zur Erklärung der Gaunerſprache völlig unzureichend. Deſto genauere Aufmerkſamkeit verdienen aber andere Benennungen der Gaunerſprache.
Auch die älteſte, zuerſt im baſeler Rathsmandat (I, 122) vorkommende reindeutſche Bezeichnung der Gaunerſprache Rot - wälſch iſt, als Compoſitum, der Gaunerſprache ſelbſt immer fremd geblieben, obſchon das Vocabular des Liber Vagatorum das Compoſitum Rotboß, betler herberig, der Bedeler orden rot - boß, bedlerherberg, rottun, bedeler, und rotten, bedelen, und die Rotwelſche Grammatik des Rodolph Dekk wie der Bedeler orden rotboß, betler herberg, hat.
Die Etymologie des rôt, rot, root, roth, roht, rott, in der Compoſition Rotwälſch kann kaum noch zweifelhaft ſein, wenn man auf die älteſte Urkunde ſieht, in welcher es mit Be - ziehung auf verbrecheriſche Genoſſenſchaft gebraucht wird. Es iſt dies die Urkunde über das Bündniß1)Vgl. Th. I, S. 50, und Daniel Brückner, „ Verſuch hiſtoriſcher und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landſchaft Baſel “(Baſel 1752), woſelbſt S. 849 die ganze, ſehr intereſſante Urkunde abgedruckt iſt., welches die Stadt Baſel am Montag nach Mariä Himmelfahrt 1391 mit dem Biſchof Friedrich von Strasburg, dem Abt Rudolf zu Murbach und andern weltlichen und geiſtlichen Herren abſchloß gegen die „ böſe Geſell - ſchaft, den man ſpricht Rot und Schwartz, darum groß ſchade und Breſte uferſtanden iſt und noch fürbaß üferſtanden möchte ſin “u. ſ. w.
Aus der Zuſammenſtellung des Rot mit Schwartz erhellt, daß hier nur von der Farbe die Rede ſein kann, nicht aber von dem (nach Schwenck, a. a. O., S. 532) aus dem mittellateiniſchen rupta gebildeten Rotte, Bruchtheil, Schar, Rotte, welches letztere, obwol es erſt durch Frönſperger2)„ Fünf Bücher vom Kriegsregiment und Ordnung “(1558), Fol. 52. Vgl. J. L. Friſch, „ Teutſch-lateiniſches Wörterbuch “(Berlin 1741), S. 129. zum ſtehenden militäriſchen14 Kunſtausdruck gemacht wurde, doch ſchon nach viel ältern ſprach - lichen Urkunden in dieſer Bedeutung mit faſt überall durchgreifen - der Verdoppelung des t gebraucht wurde, z. B. in „ Halbſuter’s Lied von dem Strit zu Sempach “(14. Jahrhundert): Rutschman von Rinach nam ein rott Reit ze Sempach an den graben: Nun gend harusz ein morgen brott1)Wackernagel, „ Althochdeutſches Leſebuch “, S. 922, 22. u. ſ. w. wo ſogar des Reims wegen das ahd. brôt in brott verwandelt iſt. Ferner in der „ Mörin “Hermann’s von Sachſenheim (15. Jahrhundert): Sunst muosz ich leyder schweigen hie Inn dem eyn kleyne rott her gieng2)Wackernagel, a. a. O., S. 999, 28. u. ſ. w.
Doch darf auf die Schreibung ſelbſt eben nicht viel Gewicht gelegt werden, da ſie nicht immer gleichmäßig unterſchieden wor - den iſt. 3)J. A. Schmeller, „ Bayeriſches Wörterbuch “(4 Thle., Stuttgart und Tübingen 1827 — 37), III, 168, 24, führt die Rott, Reiſe, Tour, an, wobei er die Schreibung Rod als die vielleicht richtigere empfiehlt, wozu er aus der Tiroler Landordnung von 1603 die Stelle hervorhebt: „ Das Salz wird von Station zu Station durch Roden, Rodfarten, Rodfueren ſpedirt. “ Doch führt er aus einer Urkunde von 1450 das Beiſpiel an: „ So haben die von Mitter - wald ein Rott gemacht, daß keiner nicht fahr, dann es ſey an ihm; daß er nicht fahr, dann es ſey die Rott an ihm. “ Vgl. dazu: J. Chr. von Schmid, „ Schwäbiſches Wörterbuch “(Stuttgart 1831), S. 436: Rodweſen, Pack - und Fuhrweſen.Am Schluß des baſeler Mandats, vor dem kurzen Vocabular, hat ſowol Brückner wie Ebener, welche doch wol aus einem und demſelben Manuſcript geſchöpft haben4)Vgl. Th. I, S. 123., Rottwelſch, während Johannes Knebel ebendaſelbſt Rotwelſch ſchreibt. Das Manuſcriptvocabular des züricher Rathsherrn Gerold Edlibach von 1488 iſt überſchrieben: Hie stat fokabel des rotwelsch. Ebenſo hat der Liber Vagatorum wie die Dekk’ſche und Humm’ſche Aus - gabe der Rotwelſchen Grammatik die Schreibung Rotwelſch; der Bedeler orden hat auf dem Titel und in der Ueberſchrift des Vocabulars die Schreibung rotwelſch, während das Vocabular15 ſelbſt hinter rotboß, bedeler herberg, noch rottun, bedeler, und rotten, bedelen, hat. Der Expertus in truphis (1668) hat auf dem Titel rotwelſch, in der Ueberſchrift des Vocabulars rott - welſch und im Vocabular ſelbſt wieder Rotbeth, Bettlerherberg. Die Rotwelſche Grammatik von 1755 hat auf dem Titel Rot - wellſch, auf S. 1 Rothwelſch, auf S. 29 und 51 Rot - welſch und im „ Beytrag zur Rottwelſchen Grammatik “wieder Rotwelliſch.
Vergleicht man das Wort rot (die Farbe) mit den verwand - ten Ausdrücken: goth. rauds; ahd. rôt; agſ. read, reôd; engl. read, rod; ſchwed. röd; anrd. raudr (rod, rodi, rydi, Röthe, Roſt); waliſ. rhwdd; lat. rutilus, röthlich, russus, ruber, rufus, roth; griech. ἐ-ρυϑρός; agſ. rudu, Röthe, und vergleicht dazu die verwandten Sprachen in Bezug auf das rott (die Rotte), ndſ. rot, rott; ndl. rot, rotte, root; engl. rout; ſchwed. rote; mgr. ῥοῦτα, ῥοῦττα; prov. rota; afrz. rote; mittellat. rupta1)Schwenck, a. a. O., S. 532., ſo muß man es aufgeben, in dieſer Schreibarts-Verwirrung irgend - eine ſichere Unterſcheidung zu finden.
Wichtig erſcheint nun aber, weiter nachzuforſchen, was denn das mit dem Schwartz in der baſeler Bündnißacte von 1391 zuſammengeſtellte Rot im Grunde bedeuten ſoll. Schwenck, a. a. O., S. 532, wirft die Bemerkung hin, es ſei möglich, daß roth urſprünglich im allgemeinen gefärbt bedeutet habe. Er leitet roth vom altnordiſchen rioda her, welches blutig machen, beſchmieren bedeutet, und bezieht ſich auf die analoge Etymologie des hebräiſchen chamar, gemiſcht, trübe, ſchlammig geworden. Allerdings bedeutet〈…〉〈…〉, chamar, zunächſt nur das Aufgähren, Brauſen, Schäumen vom Sauerteig, Meer, Wein, Moraſt, wovon ſodann die Bedeutung roth, entzündet ſein, vom verwein - ten, entzündeten, gerötheten, rothgefärbten Angeſicht; Derivata ſind〈…〉〈…〉, chamor, der Eſel, und〈…〉〈…〉, chomer, der Thon, Lehm, beides „ von der röthlichen Farbe “, wonach es mit dem ſtricten Roth wol nicht ſo genau zu nehmen iſt. Doch erſcheint16 immer die von Schwenck angeführte Analogie zutreffend und die nächſte Bedeutung die des anrd. rioda zu ſein. 1)Vgl. Schmeller, III, 166, der ſogar als zweite figürliche Bedeutung des rot „ finnig im Geſichte “aufführt.
Nun hat die älteſte Urkunde über das Treiben der deutſchen Bettler, das baſeler Rathsmandat, ſowie der Liber Vagatorum, der Bedeler orden und die Rotwelſche Grammatik keine andere Erklärung für das Rot, Rotten, Rottun als Bettler, welche aber überall in dieſen älteſten Urkunden mit entſtelltem, bemaltem und beſchmiertem Angeſicht und Körpertheilen erſcheinen. Der Belege ſind ſehr viele, z. B. im baſeler Rathsmandat die Grautener, „ die nemment ein blutig Tuch und bindent das umbe die Stirnen, als ob ſie gevallen wären, darnach walgerent ſie ſich in dem Bache, glich als werent ſie von den Siechtagen wegen alſo gevallen. So nemment ein teil Salb, die machent ſy uß meigewunne und beſtrichent ſich neder dem Antlitz damitte, ſo werden ſie geſchaffen, als werent ſie in ein Fure gefallen und daz heiſſet under inen ein ſchaffin Anlitz. Jtem — die Schweiger die nemment Pferd Miſt und mengent den mit Waſſer und be - ſtrichent Bein, Arm und Hande damit, ſo werden ſie geſchaffen als ob ſie die Gilwe oder ander groſſe Siechtagen hettent. “ So machen es weiter die Valkentreiger, Braſſeln, Jungfrown, Span - felder, Krachere, Seffer u. ſ. w.
Auch in noch viel ältern Sprachurkunden erſcheint das Rot in ſolcher Bedeutung. Das Vocabular St. -Galli (7. Jahrhundert) überſetzt das lateiniſche rufus mit rooter. Rufus iſt aber keines - wegs ſtreng beſchränkt auf das ruber. Gellius (Noct. Att., II, 26) ſagt ausdrücklich: Non enim haec sunt sola vocabula rufum colorem demonstrantia, quae tu modo dixisti, rufus et ruber, sed alia quoque habemus plura: fulvus enim et flavus et rubidus et phoeniceus et rutilus et luteus et spadix adpella - tiones sunt rufi coloris, aut acuentes cum — aut virenti sen - sim albo illuminantes etc.
Unzähligemal wird auch in den Quellen des Femrechts2)Vgl. in Wächter’s vortrefflichen „ Beiträgen zur deutſchen Geſchichte,17 der Freiſtühle auf rother Erde erwähnt, und da erwieſen die Freiſtühle ſich nur in Weſtfalen1)Wächter, a. a. O., S. 8, 175. auf rother Erde befanden, ſo haben alle Schriftſteller2)Vgl. die verſchiedenen Anſichten von Klüber, Möſer, von Lang, Wigand und Berck bei Wächter, a. a. O., S. 178 und 179. über Femgerichte es ſich recht ſauer angelegen ſein laſſen, herauszufinden, womit der gute weſtfäliſche Boden denn ſo roth geſchaffen worden ſei. Nach der von Gellius gegebenen Erklärung des rufus und der Grundbedeutung des rioda ergibt ſich, daß Paul Wigand in ſeinem ausgezeichneten Werke3)„ Das Femgericht Weſtfalens. Aus den Quellen dargeſtellt “(Hamm 1825), S. 276. auch hier wieder ſeinen richtigen Blick bewährt hat, wenn er die rothe Erde überhaupt nur ganz einfach als die Erde, den freien Erdboden, freies Feld bezeichnet, auf welcher, im Gegen - ſatz zu den in Städten und Häuſern gehegten Gerichten, an alter freier Malſtätte, unter offenem, freiem Himmel, Gericht gehalten wurde. 4)Wächter, a. a. O., S. 179, ſtößt ſich freilich daran und iſt der An - ſicht, daß bei dieſer Erklärung der Ausdruck dann ja beinahe von allen Ge - richten Deutſchlands überhaupt bis tief in das 15. Jahrhundert hätte gebraucht werden müſſen, was ja doch in der That nicht der Fall geweſen ſei. Doch ſpricht Wächter, a. a. O., S. 8 (vgl. S. 175), auch mit vollem Recht und entſchiedener Sicherheit aus, daß die Femgerichte nie einen Sitz in Süd - deutſchland hatten, ſondern daß Freiſtühle ſich blos in Weſtfalen auf rother Erde befanden, aber freilich Freiſchöffen im ganzen Deut - ſchen Reiche.
Endlich — um aus den zahlreichen Belegen noch ein poeti - ſches Specimen anzuführen — ſingt Walther von der Vogelweide (Lieder und Sprüche; bei Wackernagel, „ Althochdeutſches Leſebuch “, S. 390): Dar zuo die bluomen manicvalt diu heide rôt, der grüene walt — wo im zierlichen Bilde die rothe Heide recht beſtimmt als flaches Feld2)insbeſondere zur Geſchichte des deutſchen Strafrechts “(Tübingen 1845) die erſte Abhandlung: Die Femgerichte des Mittelalters, S. 3 — 38, und die Ex - curſe dazu S. 113 — 244, insbeſondere die Quellen S. 113.Avé-Lallemant, Gaunerthum. III. 218im Gegenſatz zu dem bunten Farbenton der Wieſe und des Waldes erſcheint. 1)Zum Ueberfluß ſei hier nur flüchtig darauf hingewieſen, daß in V. 6 und 25 des Liber Vagatorum von Pamphilus Gengenbach: „ durch ihre ſprach die mā nempt Rot “, das Rot nur eine dem nachfolgenden Reim „ ſpodt “zu Gefallen geſchehene Verſtümmelung von „ Rotwelſch “iſt. Das niederdeutſche rötern, räteln, raſſeln, klappern, metaph. viel, raſch und unverſtändlich reden, ſteht mit rot in keiner Verbindung, ſondern iſt von Rad (rota) abzu - leiten; davon Rätel, Röter und Rätelding, die Nachtwächterknarre; Rä - terer, Plappermaul, Schwätzer. Richey, Hamb. Idiot., S. 207.
Gewinnt ſomit ſchon das Rot des baſeler Rathsmandats eine nicht zu verkennende beſtimmte Bedeutung, ſo wird dieſe durch eine andere entſprechende Bezeichnung des Mandats noch mehr befeſtigt. Das Rathsmandat wurde, wie ſchon erwähnt, unmittel - bar nach dem baſeler Bündniß (1391) gegen die Geſellſchaft, „ den man ſpricht Rot und Schwartz “, erlaſſen und erhielt im Ein - gange die Ueberſchrift: Diß iſt die Betrügniſſe damitte die Gilen und Lamen2)Vgl. Th. I, S. 125. u. ſ. w.
Die Bedeutung der Lamen iſt nicht zu verkennen. Es ſind die ſimulanten Krüppel, welche durch Schauſtellung eines körper - lichen Gebrechens, wie z. B. durch Aufſchnallen eines Beins auf Krücken u. ſ. w., tiefern Eindruck auf das Mitleid zu machen ſuchten, um es deſto beſſer auszubeuten. J. Knebel vertauſcht das Lamen eigenmächtig mit Blinden, hat aber, gleich Brück - ner, die Gilen beibehalten, aus welchen Heumann („ Exercita - tiones “, S. 174) die ſo vermeſſene wie wunderliche Transpoſition Lieger gemacht hat3)Jm Althochdeutſchen iſt liegen liogan, lügen. Dagegen iſt ligen, ahd. likkan, jacere. S. Wackernagel u. d. W. Die Schreibung ligen würde allerdings hierher paſſen, da ligen auch noch heute, beſonders im nördlichen, welche doch wol eher dem trockenen19 Heumann zum Fehler anzurechnen iſt als dem Schreiber des Ebener’ſchen Manuſcripts. Der Liber Vagatorum ſcheint das „ Gilen “auch ſchon nicht mehr richtig verſtanden zu haben und führt im Vocabular nur Giel, Mund, auf, welches auch die Dekk’ſche wie die Humm’ſche Rotwelſche Grammatik in der Ueber - ſchrift des erſten Theils („ ja ein dart vff ſein giel “) und im Vo - cabular mit der gleichen Bedeutung munt angibt. Die Schrei - bung Giel kommt jedoch ſo wenig wie die Bedeutung „ Mund “im Rathsmandat vor; der Jnhalt des Mandats muß daher die Ueberſchrift mit den „ Gilen “deutlich machen. Das Gilen iſt aber ſchwerlich etwas anderes als das mhd. gil, gel, gilb (lat. gilvus, auch gilbus, gelblich, fahl, falb, und helvus, röthlich, gelb), gelb, fahl, ſchmuzfarbig, wovon gilbe oder gilwe, welches im Raths - mandat unter der erſten Rubrik Grautener, am Schluß bei den Schweigern vorkommt und welches vom Liber Vagatorum und der Rotwelſchen Grammatik als „ Gelſucht “(I, 178), vom Bedeler orden als „ de gelen ſocht “(I, 199) überſetzt wird. Man vgl. Schwenck, a. a. O., S. 217, 14; Schmeller, a. a. O., II, 31, und das „ Schwäbiſche Wörterbuch “von v. Schmid, S. 230, un - ter Giel, wo die als unverſtändlich angeführte Stelle aus Her - mann von Sachſenheim: Der Knecht der ab dem Kalb da fiel, Der mocht wohl sein ein thöricht Giel — nach vorſtehender Deutung erklärlich werden mag.
Das mhd. gil, gel, ſcheint auch noch mit dem hebräiſchen〈…〉〈…〉, gaal, beflecken, beſudeln, in verwandtſchaftlicher Beziehung zu ſtehen; davon〈…〉〈…〉, goal, Abſcheu, Ekel. Jntereſſant iſt bei Zunz.1)„ Die gottesdienſtlichen Vorträge der Juden “(Berlin 1832). Ueber dies treffliche Werk wird noch mehr geſprochen werden., S. 438, Note 6, das Citat aus Rabbi Meir Rothenburg3)Baiern, für liegen bleiben, in Wochen liegen gebraucht wird. Schmel - ler, II, 456. Doch mag Heumann das wol ſchwerlich im Auge gehabt haben. Mit der letzten Bedeutung des ligen ſtimmt auch überein das noch ſehr ge - bräuchliche nd. leeg, ſchlimm, krank, böſe, falſch, niedrig, flach. Richey, a. a. O., S. 150, leitet dies leeg nach dem Vocabularius Theutoniſta (ſ. daſ. S. 445, Col. 2, 24) von Lack, Gebrechen, Mangel, ab.2 *20R. G. A., Nr. 631, welcher das jüdiſchdeutſche〈…〉〈…〉, gêl, geradezu für gelb gebraucht.
Rot und Gil ſcheinen danach einerlei Bedeutung zu haben und ſehr beſtimmt für die Bezeichnung der widerlichen Färbung gebraucht worden zu ſein, mit welcher ſich die Landſtreicher und Gauner des Mittelalters Geſicht und Gliedmaßen entſtellten, um ſich den Anſchein von Krankheit zu geben oder ſich unkenntlich zu machen, von welcher Operation in den genannten älteſten Gauner - urkunden zahlreiche und verſchiedene Mittel und Methoden ange - geben werden. Dieſe Entſtellungen machen ſich ſeit dem erſten Auftreten und Bemerktwerden der Gauner als eine gebotene und eifrig cultivirte Politik bemerkbar und werden noch zur Stunde mit der raffinirteſten Kunſt, aber mit feinern Mitteln zur Ver - deckung der Perſönlichkeit angewandt als vor Jahrhunderten, wo die Gauner ſich mit „ Pferd Miſt, Meigewunne, Oben und Oben “und andern ekeln Sachen behalfen.
Die Etymologie, Schreibung und Bedeutung von gel, gilen, gilb, gilwe iſt zu beſtimmt, als daß man das ſpätere Giel, Mund, des Liber Vagatorum damit in Verbindung bringen könnte, welches eine ganz andere Wurzel hat. Giel iſt herzuleiten vom ahd. gail oder geil1)Schwenck, a. a. O., S. 215, nimmt den verlorenen Stamm geilan an, welches Ueppigkeit bezeichnet haben müſſe. Schmeller, a. a. O., II, 31, deutet bei geilen auf den Stamm gáln. Zu beachten iſt die Geile, testiculus (Bibergeil, testiculi castoris; castoreum); geilen, emasculare (vgl. Friſch, S. 335, Col. 1); Gaul, Hengſt; Geilſtier, Zuchtſtier. Schmid, „ Schwä - biſches Jdiotikon “, S. 231, erklärt, mit Bezug auf des St. -Gallus elatus, keil, elate, kaillihho, das geil überhaupt mit „ was ſich in die Höhe richtet, ſei es aus Fruchtbarkeit, Stolz oder Vergnügen “. Schwenck, S. 215, weiſt auf die griech. Grundform χλίω, χλίζω hin und führt dazu das lat. heluo als ver - wandt auf. Doch hat Feſtus, worin ihm auch Voſſius, „ Etymologia “, bei - ſtimmt, die Ableitung von eluo. Vgl. Scheller’s Lateiniſches Lexikon, S. 4402., mit welchem das Vocabular St. -Galli das elatus überſetzt, goth. gáiljan, erfreuen, mhd. ergeilen, erquicken, ſich erfreuen; das ahd. geil iſt üppig, fröhlich, fett, fruchtbar; geili, Ueppigkeit, Aufwand; ndl. geil, geyl, dän. geil, nord. galsi, wovon das heutige niederd. galſerig, galſterig, fett, ranzig;21 alſo überall der Begriff von Fruchtbarkeit, Ueberfluß, Ueppig - keit, Aufwand, Uebermuth. Während gail ſchon in den älteſten althochdeutſchen Urkunden vorkommt, findet man giel in der Be - deutung Mund erſt viel ſpäter im Mittelhochdeutſchen. Mindeſtens habe ich keine ältere Stelle finden können als die in Hans von Bühel’s „ Leben Diocletian’s “(15. Jahrhundert):
Aus dieſem ahd. gail iſt ſehr wahrſcheinlich das mhd. gei - len und Geiler entſtanden mit der Bedeutung des unverſchäm - ten Forderns und Bettelns, wovon Friſch, a. a. O., S. 335, noch zahlreichere Beiſpiele und Compoſita anführt. Man vgl. auch bei Schmeller, a. a. O., II, 31, die Reihe gal, wo bei geilen auch noch Bettelgeiler für den frechen Bettler angeführt iſt. Man vgl. auch noch Schmid, a. a. O., S. 225, und Schwenck, a. a. O., S. 215.
Endlich iſt noch zu erwähnen, daß die Ausdrücke Gilen, Geilen, Giler und Geiler ſowol der alten als auch der neuen Gaunerſprache ſelbſt ganz fremd ſind. Auch nicht der Bedeler orden, welcher, wie ſeine bedeutende Vocabelzugabe ausweiſt, eifrig beſtrebt iſt, das Vocabular des Liber Vagatorum zu bereichern und zum Rotboß des letztern das dieſem fehlende rottun, bedeler, und rotten, bedelen, hinzufügt, hat zu Giel, Mund, kein ein - ziges Derivatum oder Compoſitum gefunden.
Somit erſcheint der Rot, gleich dem Gilen, als der Bettler, Vagant, Gauner, welcher, um ſich ein kränkliches und unkennt - liches Anſehen zu geben, das Geſicht oder die entblößten Körper - theile mit Farbe bemalt und entſtellt. Nach dem in der baſeler Bündnißacte von 1391 vorkommenden Beiſatz Schwartz mag22 auch das Rot auf die beſondere Kleidung der Gauner zu be - ziehen ſein, wie das mit ziemlicher Sicherheit bei den franzöſiſchen grisons und rougets zu Anfang des 17. Jahrhunderts und hun - dert Jahre ſpäter bei der ſchwarzen Garde des engliſchen Gauners Hollyday geſchehen darf. 1)Vgl. Th. I, S. 50, Note 1.Doch kann das Schwartz auch ganz zwanglos auf die Entſtellung des Geſichts und einzelner Körper - theile bezogen werden, da ja die althochdeutſche Wurzel suarz dunkel, finſter, trübe, durcheinander gemiſcht, entſtellt bedeutet (vgl. Schwenck, S. 600), was ſich ja auch noch in der Farben - bezeichnung kohlſchwarz, blauſchwarz, ſogar in Schwarzbrot, Schwarz - bier, und metaphoriſch anſchwärzen, verleumden, ſchwärzen, ſchmuggeln, Schwärzer, Contrebandier, und in dem gauneriſchen Ausdruck Schwärze, Nacht, deutlich genug ausgeprägt findet. Vgl. Schmeller, a. a. O., III, 549.
Das wälſch, welſch in Rotwelſch iſt leicht zu erklären. Es ſtammt vom ahd. walh, walch, wal, wall, walah, Adj. wala - hisc2)Vgl. Graff, „ Althochdeutſcher Sprachſchatz “, I, 841 und 842, und Maßmann, Reg. 256; Schmeller, IV, 52 und 69; Schmid, S. 525; Schwenck, S. 721 und 723; Friſch, S. 438; Wackernagel unter walch (DLXXI) und wëlch, wölch (DLXXXI), welhisch (DLXXXII), und die vielen citirten Belege; Adelung, „ Grammatiſch-kritiſches Wörterbuch der hochdeutſchen Mund - art. Mit Soltaus’ Beiträgen und Schönberger’s Berichtigungen “(Wien 1811), IV, 1370 und 1339, unter wälſch und wahle. Vgl. unten das Wörterbuch des Gauners Andreas Hempel von 1687., und bedeutet den nicht deutſch Sprechenden von romani - ſcher, beſonders italieniſcher Geburt und Zunge; daher analog der Bedeutung, in welcher das lat. barbarus zu romanus ſteht, aus - ländiſch, fremdländiſch, in Bezug auf deutſch. Doch iſt die Be - deutung latinus, romanus, italieniſch, vorherrſchend. Davon:23 Walnuß, welſche Nuß, die vom Ausland her bekannt gewordene Nuß; welſche Hühner, von der Fremde eingeführte, indiſche Hüh - ner; wälſchen, ſchweiz. walen, waalen, undeutlich, beſonders in unbekannter Sprache, durcheinander ſprechen. Verwelchen, verwälſchen, vermummen, verkleiden, verſtellen, ſich unkenntlich machen. 1)Schmid, a. a. O., S. 111, hat noch überdies walapauz, welches er aus welſch und butz zuſammengeſetzt ſein läßt und aus den longobardiſchen Geſetzen allgemein anführt ohne Nachweis. Das walapauz habe ich dort nicht finden können; was bedeutet aber das waluurst (Herold: Vultuurfo, Lindenbrog: Wultworf, Vualuuoft) des Kap. V, Tit. VII der Lex Bajuvariorum? (Geor - giſch, „ Corpus juris Germanici “, S. 284.) Das discriminalia deutet auf einen mit Heftnadeln befeſtigten Kopfputz der Jungfrauen. Etwa welſcher Kopf - putz? Ferner ebendaſ. Kap. III, Tit. XVIII (Georgiſch, S. 319) walaraupa (Herold: walaurapa), das jedenfalls ein Todtengewand ſein muß. Schmeller, a. a. O., III, 119, 24, hat in der Reihe rap, rap: der Rupfen (hrop, hropwyrc), Wocken, Werch, Leinwand aus Werch, wobei er alte Belege anführt, welche alle auf groben Leinenſtoff deuten. Sollte demnach walaraupa grobes welſches Leinen ſein?
Der (jedenfalls aber nicht gaunerübliche) Ausdruck „ Rot - welſch “bezeichnet alſo ziemlich glücklich ſowol den Stoff und Bau der Gaunerſprache als auch die Eigenthümlichkeit der Perſonen, welche dieſe Sprache geſchaffen und cultivirt haben. Die ſpäter vorkommende linkiſche, ſteife lateiniſche Ueberſetzung ruber barba - rismus2)Gesner, „ Mithridates “, Fol. 81., welche man vielfach bei Schriftſtellern des 16. und 17. Jahrhunderts findet, gibt gerade ein Zeugniß davon, wie wenig das Weſen des Gaunerthums und ſeiner Sprache der deutſchen Gelehrſamkeit ſich erſchloſſen hatte, welche ſich mit der bloßen Nomenclatur begnügte, im übrigen aber mit hochmüthiger gelehr - ter Verachtung über den quellreichen deutſchen Sprachboden hin - wegging und mit faſt jedem ſchwerfälligen Tritt den Boden zu - ſammenknetete, unter deſſen unſcheinbarem Wuchs ein ſo heimliches wie friſches, reiches Leben hervorrieſelte.
Der in der That ſehr „ ſchlechte Witz “, Rotwelſch von der Stadt Rottweil abzuleiten, woſelbſt das kaiſerliche Hofgericht24 ein ganz beſonders ſchlechtes Deutſch cultivirt haben ſoll1)Die vielen Misbräuche bei dem 1146 von Konrad III. errichteten, 1572 neu organiſirten kaiſerlichen Hofgericht, deſſen Ausſprüche niemals Anſehen ge - wonnen haben, waren es, welche ſchon bei den weſtfäliſchen Friedensverhand - lungen und ſpätern Gelegenheiten ſeine Aufhebung zur Sprache brachten, bis Rottweil 1802 an Würtemberg kam und bald darauf das Hofgericht eingezogen wurde. Aber im „ stilus curiae “, der wahren maccaroniſchen deutſchen Proſa, hatte das Hofgericht vor keinem andern Hof - oder Reichsgericht etwas voraus. Wenn auch die Volkspoeſie des 15. Jahrhunderts und Luther’s Sprachhelden - ſchaft der deutſchen Sprache den vollſtändigſten Sieg über die römiſche Rechts - ſprache erkämpft hatten, ſo blieben doch gerade in der deutſchen Gerichtsſprache unzählige lateiniſche Floskeln zurück, welche, wie unſere modernen Nipp - und Rococofiguren, auf allen Börtern der Archive und Gerichtsſtuben in ſeltſamſter Gruppirung aufgeſtellt ſind und wie neckiſche Kobolde mit lächerlichen Fratzen überall umherſpringen und die herrliche reiche deutſche Sprache verhöhnen. Wie hat ſich der deutſche Juriſt zu hüten, wenn er deutſch ſchreiben will!, wird übrigens mit Unrecht dem Johann Chriſtoph Gottſched aufgebürdet. Er ſtammt vielmehr ſchon von Kaspar Lehmann („ Speierſche Chro - nik “, Buch 7, Kap. 42) her, wie der alte Friſch, S. 438, anführt: „ Da die Juriſten zu Rottweil angefangen, ſo viele fremde Ter - minos einzumengen, daß es kein Menſch mehr verſtunde. “
Eine gleich ungeſchickte Etymologie hat der zuweilen, jedoch niemals von Gaunern, für Rotwelſch oder Gaunerſprache ge - brauchte Ausdruck Kauderwelſch erfahren. Sie iſt bei der ana - logen örtlichen Beziehung ebenſo lächerlich wie die Ableitung des Rotwelſch von Rottweil. Das Kauder in Kauderwelſch ſoll nach Friſch, a. a. O., S. 503, „ gar wahrſcheinlich aus Chur ent - ſtanden ſein, der Hauptſtadt des Biſtums dieſes Namens in Grau - bündten, woſelbſt die Wälſche oder Jtaliäniſche Sprach mit großer Veränderung geredet wird, und da der gemeine Mann für Chur Caur ſagt, iſt es in Kaur-Welſch und Kauderwelſch verändert25 worden “. Abgeſehen davon, daß die Wandlung Chur in Caur gar nicht zu rechtfertigen iſt, ſo iſt doch ohnehin die Verlängerung in Kauder oder Kauter (Friſch, S. 438) gar nicht zu erklären und zu begründen. Viel richtiger erſcheint die weitere Vermuthung bei Friſch, S. 503, daß Kauder, Kuder oder Kauter nichts anderes iſt als stupa, „ ein Bund Werch, ſoviel auf einmal an den Rocken gelegt wird, der grobe Abfall vom Flachs, Abwerch, den man in die Bettdecke ſtopft “, alſo wieder der rohe verwirrte Abfall. Kauter bedeutete früher die Bettdecke und iſt aus Kulter, Kolter, Golter, Gulter, Kolte1)Vgl. Wirnt von Gravenberch, „ Wigalois, der Ritter mit dem Rade “, V. 2762, 3332, 3477. entſtanden, und letztere Ausdrücke ſtammen wieder vom lateiniſchen culcita, Polſter, Ma - tratze. 2)Vgl. Schwenck, S. 307, Kauder; Friſch, a. a. O. und S. 532 unter Kolter; Schmid, a. a. O., S. 307, woſelbſt noch Kauderer, Flachsſchwinger, Flachshändler. Vgl. noch daſelbſt kaudern, verbotenen Handel treiben, und kränklich, verdrießlich, mürriſch ſein. Damit ſcheint das niederd. küten zuſam - menzuhängen, namentlich in der Compoſition kütbüten (büten, tauſchen), vom verſteckten Tauſchhandel, namentlich der Kinder in der Schule mit allerlei Lappalien aus der Taſche.Schwenck, S. 307, ſtellt noch die Ableitung auf von kaudern, unvernehmlich ſprechen, vom veralteten quaden, ndl. kouten (gothiſch quithan, ſprechen), oder auch (S. 332) von kodern, lallen, zu ſprechen verſuchen, von Kindern; ndl. quettern; ſchweiz. köderlen, ködderlen; mhd. kötten, ketten, köthen. Beide Ableitungen von Friſch und von Schwenck haben Sinn, da unter Kauderwelſch ganz allgemein jede in Worten und Ausdrücken gemengte, unreine, unverſtändliche Sprache verſtanden wird, mit dem Nebenbegriff des Rauhen und Unangenehmen. Vgl. Heinſius, „ Wörterbuch “, II, 1066. Die abgeſchmackte Verſtümmelung des Churwelſch zu Kauderwelſch ſcheint erſt der ſpätern Zeit anzuge - hören. Denn noch Kaspar von Stieler, welcher alle Formen, Kauder, Kaut, Kauter, für Werch, Werchbund, in ſeinem „ Teutſchen Sprachſchatz “(1691) anführt, weiß ſo wenig von Kauderwelſch, wie auch Konrad Gesner in ſeinem „ Mithridat “26(1555) und der ſpätere Herausgeber Kaspar Waſer (1610), ob - ſchon in letzterer Ausgabe, Fol. 72b, eine Sprachprobe aus dem „ vernaculus Rhaetorum sermo “gegeben wird, „ quem ipsi vulgo Romanum appellant (ut et suum Sabaudi) nostri Churweltſch “, aus welcher man eine ganz eigenthümlich lotterige Vermengung provenzaliſcher und italieniſcher Wurzeln und Flexionen durchein - ander wahrnimmt. Jm „ Mithridat “, a. a. O., wird die grau - bündtner Sprache ein sermo Italicus omnium corruptissimus genannt und geſagt, daß bis dahin noch keine Literatur in dieſem Jargon exiſtirt habe. Doch wird dabei des Graubündtners Jakob Bifrons erwähnt, „ qui hanc linguam scriptis illustrare et publi - care incoepit et catechismum etiam sacrosanctae religionis nostrae e Germanico in hunc sermonem convertit, excusum Pusclavii anno salutis 1552 “. Das Buch habe ich nirgends auf - treiben können, ſo wenig wie ſonſt irgendein Probeſtück einer ſpä - tern Literatur, welche überhaupt zu fehlen ſcheint, da der ſo un - natürlich zuſammengeſetzte Sprachbeſtand nicht die innere ſprach - geiſtige Kraft hat zur Erzeugung und Fortpflanzung ſeiner Gat - tung, namentlich da, wie Schleicher1)„ Die Sprachen Europas in ſyſtematiſcher Ueberſicht “(Bonn 1850), S. 187. treffend bemerkt, deutſcher Einfluß von ziemlich ſpätem Datum und einheimiſcher Mangel an Cultur mit vereinten Kräften dieſem Dialekt übel mitge - ſpielt haben. Das Churwelſch oder Rhätoromaniſche zerfällt übri - gens in zwei Dialekte, den rumoniſchen im Rheingebiet des Cantons Graubündten und den im Jnngebiete geſprochenen ladi - niſchen. Dem Churwelſch fehlen, nach Schleicher, unter andern zwei weſentliche romaniſche Kennzeichen, die Bildung des Futurum durch habere und das zum hiſtoriſchen Tempus verwandte Per - fectum. Das Futurum wird umſchrieben mit venire (ad amare), wie auch das Paſſivum mit venire gebildet wird: venio amatus, ich werde geliebt. Vergleicht man damit das deutſche „ ich werde lieben, ich werde geliebt “, ſo ergibt ſich leicht die Quelle dieſes Hülfszeitworts venire. Auch die unromaniſche Vermiſchung des27 lateiniſchen Perfects läßt ſich füglich deutſchem Einfluß beimeſſen. Schleicher, a. a. O., S. 187.
Da keine Veranlaſſung vorliegt, ſpeciell auf das Churwelſch zurückzukommen, ſo mag die hier diplomatiſch genau nach Gesner, Fol. 72b, abgedruckte oratio dominica als Probe Platz finden:
Bap noass, tii quell chi ésch in ls tschéls: fatt saingk uénnga ilg teis nuom: ilg teis ragín am uéng naun proa: la tia uoellga dwain taschkoa in tschél, uschè eir in terra. Noass paun d’minchiady da a nuo hoátz: e parduna a nuo ils noas dabitts, schkoa eir, nuo pardunain a ls noass dabit - taduors. E nun ns’manar in prowamaint, moa ans spendra da lg maal. Parchiai chia teis ais ilg raginam é la pussauntza, é lg laud in etern. Amen.
Ebenſo abgeſchmackt wie mit der Benennung Kauderwelſch wird die Gaunerſprache, wiewol ſelten, auch noch mit dem Aus - druck Salbadern bezeichnet, weshalb denn dieſes Wort hier Er - wähnung verdient. Das Wort Salbader leitet Friſch, a. a. O., S. 144, ab „ von einem Bader, der zu Jena an der Saal zu - gleich eine Balbier-Stube gehabt, deſſen Bader-Discours ſich allezeit vom Wetter angefangen, das Jedermann, der zu ihm kam, unter Wegs genugſam empfunden “. Schwenck, S. 543, kommt der Sache ſchon näher, da er den Salbader als den ehemaligen Bader beſchreibt, der in einem Gemeindehauſe (Sal, Saal) das Bad zu halten pflegte. Die beſte Erklärung iſt jedoch wol die bei Schmid, S. 491, von Seelhaus, Armenkrankenhaus, wie ſolche vor der Reformation von Andächtigen zum Heil ihrer Seele geſtiftet und von Beguinen beſorgt wurden. Schmid führt dazu eine öttinger Urkunde von 1265 an. Der Aufſeher hieß Seelvater. Für die an Hautkrankheiten u. dgl. leidenden Kranken waren in28 den Seelenhäuſern Seelbäder eingerichtet, wie z. B. 1503 eins in Ulm. Der Arzt hieß Seelſcherer, Seelbader. Die Wand - lung des Seelbader in Salbader iſt zunächſt niederdeutſchen Urſprungs. Noch heutzutage hört man in Norddeutſchland überall die Ausdrücke: „ Min ſāl Vader, min ſāl Moder “1)Die niederdeutſche Umlautung des „ ſaalig “in „ ſāl “(neben welchem auch „ ſeelig “beſteht), iſt eine Anomalie, welche ſich wol nur aus dem Jüdiſch - deutſchen erklären läßt, in welchem bei Erwähnung verehrter verſtorbener Per - ſonen ſtets die Abbreviatur〈…〉〈…〉, d. h. secher liwrocho, ſein Andenken ſei ge - ſegnet, beſonders in Briefen und bei Unterſchriften mit Namenserwähnung des verſtorbenen Vaters, der Mutter oder eines Verwandten oder geehrten Freundes gebraucht und im Sprechen phonetiſch belebt wird zu sal, säl, z. B.: mein Vater ſāl, mein Bruder ſäl, meine ſäl Mutter, meine ſäl Schweſter. Vgl. Kap. 48 das phonetiſche Element der Abbreviaturen und Kap. 85 in den ſyn - taktiſchen Anmerkungen das über das Vinzlied und über den Briefſtil Geſagte, mein ſeliger Vater, meine ſelige Mutter. So ſehr nun aber auch das lippis et tonsoribus notum des Horaz (Sat. 1, 7, 3) ſchon ein claſſi - ſches Zeugniß für die unvertilgbare Beredſamkeit der Bader iſt, wie denn die Rochlim des Mittelalters als ambulante Neuig - keitsträger (vgl. II, 270) mit den Badern faſt gleichbedeutend ſind: ſo iſt doch das Wort Salbader, ſalbadern niemals in die Gaunerſprache aufgenommen worden und ihre zuweilen gewagte Bezeichnung mit Salbaderei durchaus falſch.
Man bezeichnet zuweilen die Gaunerſprache mit dem ſehr weiten, jedoch dem Gaunerthum ganz fremden Ausdruck Jargon. Schwenck, S. 294, erläutert Jargon kurzweg als „ die unverſtänd - liche Mundart “und fügt vergleichsweiſe das franz. jargon, ital. gergo, ſpan. gerigonza, xerga (guirigay, Kauderwelſch), proven - zal. gergonz, altnord. jargr hinzu. Es iſt auffallend, daß es in keiner Sprache eine deutliche Etymologie dieſes Wortes gibt, mit29 welchem man überall kaum etwas anderes als Kauderwelſch be - zeichnen mag. Jm Deutſchen haben wir das Wort Jargon ledig - lich aus dem Franzöſiſchen herübergenommen. Man darf alſo von den Franzoſen Aufklärung fordern. Wirklich mühen ſich dieſe nun auch, zum Theil auf ſeltſame Weiſe, ab, ihr jargon und argot zu erläutern. Die ganze Introduction bei Francisque-Michel1)„ Études de philologie comparée sur l’argot et sur les idiomes analogues parlés en Europe et en Asie “(Paris 1856). handelt dieſe Etymologie ab. Nach Nodier (Francisque-Michel, S. v) komm targot vom griech. ἀργός, otiosus, und iſt identiſch mit baragouin, „ fait de βάω et d’ ἀργός “(!), oder vom zigeun. zergo, contraction de zingaro (das ſpaniſche xergo iſt gar nicht erwähnt), wovon die Franzoſen gergon und davon wieder jargon und daraus wieder argot gemacht haben. Gegen ἀργός erklärt ſich (S. iv) Le Duchat, welcher ſagt, que ce mot (l’argot) qui signifie le jargon des Bohémiens (?) vient .... très-vraisem - blablement de Ragot, par une légère transposition de lettres, et non pas de la ville d’Argos etc. Ragot était un fameux bélître, contemporain de Louis XII et quelque peu de Fran - çois I, souvent cité par les écrivains de l’époque et que les gueux du temps considéraient comme leur législateur etc. Das erinnert an des alten Lehmann ſchlechten Witz mit Rottweil. Es verlohnt der Mühe, die ganze Introduction des Francisque-Michel zu leſen, wie doch überallhin fehlgegriffen und endlich S. xxiv zu dem Reſultat gelangt wird, que l’argot n’a pas de syntaxe, qui lui soit propre! Aehnliche misglückte Ableitungen hat der von Francisque-Michel ganz überſehene, ſonſt allerdings beachtens - werthe „ Dictionnaire étymologique de la langue française “(Paris 1694), S. 416, und Pierre Richelet, „ Dictionnaire de la langue française ancienne et moderne “(Amſterdam 1732), wel - cher (II, 5) Jargon unter anderm ſogar von Jars, Gänſerich, ablei - tet! Das treffliche „ Vocabulario degli Academici della Crusca “2)d. h. die Akademie der Kleie, der Barbarismen, von welcher ſie das reine Mehl, die reine italieniſche Sprache, abſondern wollte. Vgl. Vilmar, a. a. O., II, 13.30 führt (II, 356) gergone, parlar gergone mit Hinweis auf gergo an und erläutert dieſes ohne Nachweis der Abſtammung mit par - lare oscuro, o sotto metafora, latein. verba arbitraria, furtiva loquendi forma. Eine genauere Etymologie iſt ſomit nicht nach - zuweiſen und man muß ſich daher mit dem Angeführten und mit Francisque-Michel’s Introduction zufrieden geben. Bei dem überall in jargon, gergo, gerigonza, xerga, gergonz durchſchlagenden wurzelhaften ger könnte man in Verſuchung gerathen, auf das in den jüdiſchdeutſchen Gebrauch gekommene hebräiſche〈…〉〈…〉, ger, Fremdling, und〈…〉〈…〉, gar, Fem. 〈…〉〈…〉, gara, Hausgenoſſe (vom Stammworte〈…〉〈…〉, gur, als Fremdling irgendwo leben1)Vgl. 1. Moſe 12, 10 und 19, 9; auch Geſenius’ „ Hebräiſches Wörter - buch “unter〈…〉〈…〉 und〈…〉〈…〉; ſo auch J. Buxtorf, „ Manuale Hebr. et Chald. “ (Baſel 1634), S. 66, unter〈…〉〈…〉. Buxtorf überſetzt〈…〉〈…〉 mit peregrinus, advena. , jeman - des Nachbar ſein, bei oder neben ihm wohnen, in Schutz nehmen) zu blicken, namentlich da im Jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, Pl. 〈…〉〈…〉, gerim, beſonders die Fremden bedeutet, welche ſich zur jüdiſchen Religion hinwenden, Proſelyten. Davon jüdiſchdeutſch ſich megajer ſein, ſich bekehren (zur jüdiſchen Religion), z. B. der Goi hat ſich megajer geweſen, der Chriſt iſt zum Judenthum übergetreten. Doch mag das geſucht erſcheinen und anderswo weiter urgirt wer - den als hier, wo die Etymologie des ohnehin gar nicht gauner - üblichen Worts wenig oder gar kein praktiſches Jntereſſe hat.
Die Bezeichnung Mengiſch iſt keineswegs gaunerſprachüblich, ſondern nur von Pamphilus Gengenbach eingeſchwärzt. Jn ſeiner „ Gouchmat “heißt es V. 128 und 129: Was rotwälſch und auch mängiſch kan, Die will ſie allſandt nemen an.
31Hoffmann von Fallersleben erläutert1)„ Weimariſches Jahrbuch für deutſche Sprache, Literatur und Kunſt “, Bd. 1, Heft 2, S. 336. das Mengiſch als Miſchmaſch von Deutſch und Romaniſch, ſowie auch noch jetzt Meſſingiſch ein Gemiſch von Hoch - und Niederdeutſch genannt werde, was K. Gödeke, „ Pamphilus Gengenbach “, S. 680, mis - billigt unter Hinweis auf den meng (keßler) des Liber Vagato - rum, den man im Vocabular wie auch am Schluß der Notabilien findet, ohne daß jedoch Gödeke eine andere Etymologie ſubſtituirt hat. Mengiſch iſt niemals in die Gaunerſprache aufgenommen worden, obſchon es volksbräuchlich geworden und in Meſſingi - ſches ausgeartet ſein mag. Der meng, keßler des Liber Va - gatorum und ketelbode2)Bezeichnend für das arge vagantiſche Treiben der mengen, ketel - boden iſt, daß der in Norddeutſchland äußerſt häufige und ſchädliche Kohl - weißling oder Buttervogel, Pieris Brassicae, ſowie überhaupt der Schmetter - ling im Niederdeutſchen Ketelbode oder Ketelböter genannt wird. des Bedeler orden iſt mit dem men - ckeln des Liber Vagatorum eines Stammes, vom lateiniſchen mango, Händler, Hauſirer, Olitätenverkäufer, Waarenzurichter, von denen ſchon bei Plautus im verächtlichen Sinne die Rede und deren ſchon I, 43 erwähnt iſt als der erſten deutlichern gau - neriſchen Erſcheinung auf deutſchem Boden, nach Kap. 45 des Capit. Franc. primum incerti anni (Georgiſch, S. 1391). Man - ger, Maniger und Menger hat ſich bis auf den heutigen Tag erhalten in guter und in ſchlimmer Bedeutung: Roßmänger, Pferdehändler; Mußmänger, Gemüſehändler; Fleiſchmänger, Hühnermänger, Eiermänger, Manghaus u. ſ. w. Schmel - ler, II, 599, führt zahlreiche Beiſpiele aus den älteſten Urkunden an und meint ſogar, gewiß nicht mit Unrecht, daß die Eiſenmann - gaſſe in München urſprünglich wol Eiſenmangergaſſe geheißen habe, und hält die Wittwangerwacht in Regensburg für eine Corruption von Wittmanger, Holzhändler (Witt, Wit, Wid, Holz, Brennholz, Schmeller, IV, 200). Aus dem agſ. mangere iſt das engliſche monger entſtanden, z. B. cheesemonger, fishmonger, woodmonger, ironmonger, letzteres beſonders für Eiſenkrämer32 (Eiſenmenger) mit offenem Laden. 1)Vgl. Friſch, S. 639; Schmidt, S. 373 unter Manghaus; Schwenck, S. 390.Der Meng des Liber Va - gatorum erſcheint daher als der herumziehende Metallhändler und Keſſelflicker, wie das am Schluß der Notabilien des Liber Vaga - torum ja durch das mengen oder ſpenglen deutlich genug ge - macht wird und der Bedeler orden durch den erläuternden Zuſatz ketelbode (Bode, Bote, Hauſirer) genugſam ergänzt. Das mencklen, menckeln, eſſen, des Liber Vagatorum und des Bedeler orden hat ſich noch beſonders in der Bedeutung handeln, tauſchen, kleine Geſchäfte machen, mit dem Nebenbegriff des Heim - lichen, Unerlaubten oder Verächtlichen, erhalten. Davon noch ver - mänkeln, heimlich verhandeln, beiſeite ſchaffen, alſo auch heim - lich verzehren, wie im Niederdeutſchen analog das Vermöbeln für das heimliche, leichtſinnige Beiſeitebringen, Verkaufen, Ver - zehren, Vernichten, Beſeitigen gebraucht wird. 2)Vgl. Friſch, S. 639; Schmeller, II, 600.
Das Weitere über Meſſingſprache vergleiche man im Ka - pitel Galimatias, ſowie über die corrumpirten Ausdrücke Fiſ - ſenſprache, Fiſchſprache im Kapitel von der Fieſelſprache.
Die unter den Gaunern ſelbſt ſprachgebräuchlichen Ausdrücke ſind gerade am leichteſten zu erklären. Um mit den Ausdrücken, die am mei - ſten gäng und gäbe ſind, anzufangen, ſo ſind Kochemerloſchen, Ko - chemerloſchaun, verdorben Kaloſchenſprache, Kokumloſchen, Kochemerkohl, Cheſſenloſchen, Cheſſenloſchaun, Cheſ - ſenkohl, die claſſiſchen Ausdrücke für den vollkommenen Begriff der Gaunerſprache. Chochem, Kochom, Kochem, Kochemer, iſt das hebräiſche〈…〉〈…〉, σοφός, kundig, weiſe, liſtig, ſchlau, und iſt ſchon Th. I, S. 12 erläutert als vollkommener Begriff des33 Gauners von Fach. Cheſſ, Cheſſen iſt das in den Anfangs - buchſtaben Cheth, Cheſſ (〈…〉〈…〉) verkürzte Chochem, Kochemer (vgl. ebend.). Loſchon, Loſchen, Loſchaun iſt das hebräiſche〈…〉〈…〉, laschon, die Zunge, Rede, Sprache, γλῶσσα, lingua. Kohl, Stimme, Sprache, wovon kohlen, καλεῖν, ſprechen, iſt das hebr. 〈…〉〈…〉, kol, Plur. 〈…〉〈…〉, kolos, Stimme, Gerücht, im Plural auch das Donnerwetter, wovon〈…〉〈…〉, kauloniss, eine belfernde, kreiſchende Frauensperſon, Xanthippe. Jn Kaloſchenſprache (es gibt ſogar Galochenſprache!) iſt das Kaloſchen eine Zuſammen - ziehung von Kochemerloſchen. Jn Jeniſchſprache, Jeniſchkohl er - klärt ſich das Jeniſch nach I, 12 in gleicher Bedeutung mit Chochem aus〈…〉〈…〉, jada, wiſſen, und〈…〉〈…〉, isch, Mann. Jm Ausdruck Schurerſprache leitet ſich das Schurer ab aus dem zig. Tſchor, Schorr, Dieb. Doch bleibt Schorr, Schurer immer ein Schimpfname unter den Gaunern und kommt im übrigen im - mermehr außer Gebrauch, obſchon recht beſtimmt ſchuren für han - deln, Maſſematten handeln, ſtehlen, als unverfänglicher, rein tech - niſcher Ausdruck gebraucht wird, z. B. Lowenſchuren, Weiß - käuferei treiben, beſonders Schottenfällen. Plattenſprache, Platten - kohl, von platt, platte Leute, Gaunergenoſſen, Hehler, Cheſſen - ſpieße, von〈…〉〈…〉, palat, glatt ſein, fliehen, bergen (vgl. I, 12) war der ſtehende Kunſtausdruck in der Bande des Balthaſar Krummfinger in der Mitte des vorigen Jahrhunderts (vgl. I, 234), iſt jedoch jetzt weniger im Gebrauch als früher. Ueber Fiſel und Fiſelſprache wird weiter unten beſonders geſprochen werden.
Als eine ſprachliche Verirrung muß der von Biſchoff ſeinem zu Neuſtadt 1822 erſchienenen, ſo unkritiſchen wie unzuverläſſigen Wörterbuche vorgeſetzte Titel: „ Kocheme Waldiwerei “erſcheinen. Biſchoff iſt ſo unbewandert und unſicher in der Gaunerſprache, daß er nicht einmal das Titelwort Waldiwerei1)Vgl. oben Kap. 10, Note 1. im Wörterbuch ſelbſt erläutert. Nur für ſprechen (S. 67), ſagen und reden (S. 63) hat er neben ſchmuſen, ſtecken, ſchranzen2)Stecken iſt, wie im Hochdeutſchen, heimlich reden, heimlich zu ver - auch noch denAvé-Lallemant, Gaunerthum. III. 334Ausdruck waldiwern, den er unmöglich von geſchulten Gaunern in der Bedeutung von ſprechen gehört haben kann. Das ganze Buch hat überhaupt nichts recht Kerniges, Verläſſiges. Wenn Biſchoff ſeit Einſetzung des Criminalgerichts zu Weida im Herbſt 1818 ſchon Verdacht über die Exiſtenz von Gaunern in der „ reu - ßiſchen Märtine “ſchöpfte und erſt nach zwei Jahren durch die Geſtändniſſe des Chriſttöffel (S. v), der „ ſehr beſchränkte Begriffe hatte “(S. vi), die „ Nachricht erlangen konnte, daß in den fürſt - lich reußiſchen Herrſchaften eine beträchtliche Anzahl von Gaunern ſich herumtreibe “, und nun gleich im December 1821 die Vorrede zu ſeiner „ Kocheme Waldiwerei “ſchreiben konnte: ſo darf man namentlich bei dem Hinblick auf die Kümmerlichkeit der voran - geſtellten „ Nachrichten über die Gaunerarten “, S. 6 — 18, nur ſehr behutſamen Gebrauch von dem Wörterbuch machen, welchem ohnehin alle Kritik fehlt und welchem obendrein noch alle Pfiſter’ - ſchen Vocabeln ohne Sichtung einverleibt ſind. Wer nicht durch jahrelanges Studium und Jnquiriren nicht nur feſt und ſicher auf den Gauner ſelbſt, ſondern auch neben dieſem vorbei in die weite Perſpective des Volkslebens mit ſeiner Cultur, Sprache und Geſchichte hineinzublicken ſich geübt hat, aus welcher der Gauner vor den Verhörtiſch tritt, vor dem bleibt der Gauner immer ein verſchloſſenes Räthſel. Der Ausdruck Waldiwerei für Sprache muß ſo lange für einen von Biſchoff gemachten Ausdruck gelten, bis erwieſen iſt, daß er, wenn auch nur in einer einzelnen Gruppe, ſprachgebräuchlich geweſen iſt. 〈…〉〈…〉heißt allerdings das Wort, und dibbern, diwern, dabbern, medabbern ſind die geläu - figſten Gaunerausdrücke für ſprechen. Auch iſt ſogar im Jüdiſch - deutſchen〈…〉〈…〉, bal dabran, der Sprachmeiſter, Redner. Aber auf das beſtimmteſte hat〈…〉〈…〉 in der Verbindung mit〈…〉〈…〉 zu〈…〉〈…〉, baldober, die ausſchließliche Bedeutung, welche ſchon2)ſtehen geben; ſchranzen, vom ahd. schranz, Spalt, Bruch, gleich ſchren - zen, durch einen Riß trennen; in der Gannerſprache ſich davonmachen, fort - gehen, aber auch, wie im Oberdeutſchen und Niederdeutſchen, den Mund auf - thun; engl. scranch. 35 die koburger Deſignation gibt: „ Der Mann von der Sache, An - weiſer, Angeber, welcher denen Dieben die Gelegenheit zum Dieb - ſtahl anweiſet, und deswegen wenigſtens einen Diebs-Antheil, öffter auch doppelte Portion bekommt “, und welche Th. II, S. 106 beim Baldowern ausführlich dargelegt iſt. Niemals iſt aber mit Baldowern die Bedeutung des Sprechens verbunden geweſen, und der von Biſchoff ſo falſch gewählte Titel hat vielleicht als eine Copie des berühmten Jüdiſchen Baldobers gelten und gleiches Aufſehen erregen ſollen, wie dieſer erlangt hat. 1)Auch nicht einmal das kann man zur Entſchuldigung Biſchoff’s anfüh - ren, daß Waldiwerei für Baldowerei im richtigen Sinne des Baldowern habe genommen und daß damit das Geſammttreiben der Gauner in Reuß habe dar - geſtellt werden ſollen. Einen ſolchen Namen verdient jedoch die kümmerliche Darſtellung auf den erſten 25 Seiten ſchwerlich. Auch wird S. 31 Baldo - wer, Auskundſchafter, deutlich unterſchieden von dem Waldiwern, ſagen
Außer den ſchon erwähnten Ausdrücken dabbern, dibbern, medabbern, medabber ſein, dawern, diwern, ſind noch die Zeitwörter ſchmuſen, von〈…〉〈…〉, schama, er hat gehört, gehor - ſamt, und kohlen, von〈…〉〈…〉, kol, Stimme, die gebräuchlichſten für ſprechen, ſodaß für das Reden in der Gaunerſprache geſagt wird: kochem ſchmuſen, kochem dibbern u. ſ. w.
Ueber Loſchon hakaudeſch, worüber der ſprachunkundige Thiele I, 206 ſeiner „ Jüdiſchen Gauner “durchaus Verkehrtes vor - bringt, Loſchon iwri, Loſchon aſchkenas, Loſchon tome, Loſchon hanotzrim und Jwriteutſch wird im Abſchnitt von der jüdiſchdeutſchen Sprache und im Wörterbuch weiter die Rede ſein.
Jndem die Gaunerſprache als deutſche Volksſprache mit dem Zuge des Mundartigen in deſſen Zuſammenfluß zur deutſchen Schriftſprache dieſer Hauptſtrömung folgte, hat ſie auch alle Wan -3 *36delungen derſelben mit ihr durchgemacht und iſt als Sprache des Verbrechens den Formen nach gerade auch Sprache der Bildung geworden. Sie unterſcheidet ſich aber in Weſen und Stoff von dieſer dadurch, daß, während die Sprache der Bildung die Ein - zeltheile des mundartigen Zufluſſes in ſich als in dem großen Gan - zen aufgehen ließ, die Gaunerſprache eine Menge Mundartiges als unlösliche Partikel in der alten erſten Form feſthielt und dies im Jntereſſe des Gaunerthums um ſo abſichtlicher bewirkte, je mehr dort das Mundartige in dem großen Ganzen aufgegangen und im Lauf der Zeit für die Sprache der Bildung in der Urſprünglichkeit verloren gegangen oder unkenntlich geworden war. So enthält die Gaunerſprache eine große Menge althochdeutſcher und altnie - derdeutſcher Sprachwurzeln, daß man bei ihrer höchſt intereſſan - ten Analyſe überraſchende Auskunft über manche Abſtammungen erhält, welche ſonſt kaum noch erklärbar ſcheinen. Freilich iſt der in der Gaunerſprache deponirte alte und reiche Sprachſchatz nicht ſo leicht zu heben, da im Verlauf der Zeit ſehr häufig der rohe Mund der verbrecheriſchen Hefe entweder unabſichtlich die reine Form des Mundartigen verunſtaltete oder im Streben nach Ge - heimniß gleich vom Anfang her abſichtlich verdarb, letzteres mei - ſtens auf ſo verwegene, übermüthige, aber auch größtentheils ſo ſcharfſinnige Weiſe, daß man die Etymologie ſehr oft gar nicht ohne genauen und tiefen Seitenblick in das culturhiſtoriſche Leben finden kann und daß in dieſem Streben die Gaunergrammatik recht eigentlich als eine Phyſiologie der verworfenſten Volkselemente er - ſcheint. Noch größer wird aber die ſprachliche Trübung durch die Berührung und Vermiſchung der deutſchgauneriſchen Hefe mit exotiſchen Elementen, welche ebenfalls ihren, wenn auch unterge - ordneten Beitrag zum geheimen Sprachausdruck lieferten, ſodaß in dieſer trüben ſprachlichen Kreuzung die ungeheuerlichſten Sprach - baſtarde entſtanden ſind, wie z. B. das ſchon Th. II, S. 327,1)(S. 63) und ſprechen (S. 67), ſodaß nicht zu verkennen iſt, wie Biſchoff durch Waldiwerei weſentlich die Sprache habe bezeichnen wollen, wobei auch noch der Verdacht entſteht, daß Biſchoff ſogar einen Unterſchied zwiſchen Baldowern und Waldiwern gemacht habe. Oder hat B. an wal (S. 22) gedacht?37 Note 1 erwähnte, aus dem Deutſchen, Zigeuneriſchen, Judendeut - ſchen oder Lateiniſchen zuſammengeſetzte Wort Amtskehrſpeiß.
Wie wild und bunt nun aber auch alle dieſe Wortzuſammen - ſetzungen ſind, ſo hat doch die deutſche Gaunerſprache keine ein - zige fremdſprachliche Flexion aufgenommen, obſchon zuweilen es dem jüdiſchen Gauner gar nicht darauf ankommt, hier und da einem deutſchen Worte die hebräiſche Pluralendung im anzuhän - gen und z. B. für die Mörder, Diebe, Schufte ohne Umſtände die Mörderim, die Diebim, Schuftim1)Davon exiſtirt ſogar ein jüdiſchdeutſches Wortſpiel, das bei Tendlau Nr. 910 aufgeführt iſt: „ Schoftim (schophetim, Richter) is ſchon recht, aber keine Schuftim “, d. h. die Richter ſollen keine Schufte ſein. Ebenſo bei Tend - lau, Nr. 821: Chaſonim (Vorſänger) ſind Narronim (Narren). zu ſagen. Das ſind jedoch immer nur ganz vereinzelte Ausnahmen, welche dazu meiſtens an die concrete Perſönlichkeit und an die gelegentliche übermäßige Prävalenz jüdiſcher Eigenthümlichkeit gebunden ſind. Jmmer bleibt die Flexionsweiſe der deutſchen Gaunerſprache die der Sprache der Bildung, obgleich, recht wie zum Hohne dieſer Bezeichnung, der rohe Geiſt und Mund des Gauners den ausgeſprochenſten For - men der Grammatik die ſchmählichſte Gewalt anthut und z. B. faſt durchgängig das Hülfszeitwort ſein in der Vergangenheit mit dem Hülfszeitwort haben flectirt und es ſogar wie ein Tranſi - tivum behandelt. So iſt z. B. vom jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, romo, er hat geworfen, betrogen, das Zeitwort meramme ſein, betrügen, gebildet. Der Gauner drückt nun die Redensart: du haſt mich betrogen, ſo aus: du haſt mich meramme geweſen, oder: du haſt meramme geweſen auf mich (oder ſogar: auf mir!).
Weil aber alle deutſchen Mundarten eine und dieſelbe Flexions - weiſe haben und alle fremdſprachlichen Zuthaten der Gaunerſprache nur eine bloße Wortbereicherung derſelben ſind, ohne Einfluß auf die deutſche Flexion zu üben, ſo bedarf es immer nur vereinzelter Hinweiſe auf die Grammatik jener fremden Sprachen. Deſto mehr kommt aber die Wort - und Wurzelvergleichung in Frage. Das iſt auch durchaus nur bei der Zigeunerſprache der Fall, welche38 blos in einzelnen Vocabeln ihren immerhin auch nur ſehr gerin - gen Beitrag zur Gaunerſprache liefert, und deren Bedeutſamkeit und Beziehung zu dieſer gewöhnlich viel zu hoch angeſchlagen wird, während das Judendeutſch von der Gaunerſprache in nahezu erſchöpfender Weiſe ausgebeutet und ſogar wieder durch dieſe ſelbſt mannichfach bereichert worden iſt. Es bedarf daher einer kurzen Hindeutung auf das Weſen der Zigeunerſprache und des Juden - deutſch als gaunerſprachlicher Beiſätze, wie auch anderer Sprach - gruppen, welche entſprechende eigenthümliche Zuſammenſetzungen aufzuweiſen haben und in die Gaunerſprache haben hineinfließen laſſen.
Sobald die Zigeuner zu Anfang des 15. Jahrhunderts in Deutſchland auftraten, erſchienen ſie in ihrer vollen fremden Eigenthümlichkeit, ganz ſo wie der Dominicaner Hermann Corne - rus von Lübeck ſagt, als extranea quaedam et praevie non visa vagabundaque multitudo hominum de orientalibus partibus (vgl. I, 25 fg. ), und ſind bis zur Stunde noch in dieſer ihrer vollen Eigenthümlichkeit kennbar, wo und wie man ſie auch aus ihrem nomadiſirenden Treiben herausgeriſſen und in eine beſtimmte Sphäre des bürgerlichen Lebens hineingezwungen findet. Es iſt dabei ſehr merkwürdig, daß die Zigeuner ihre aus der Heimat mitgebrachte eigenthümliche Volksſprache nicht aufgegeben haben, wenn ſie auch bei der urſprünglichen Einfachheit und Armuth ihres Wortvorraths nach und nach eine ſehr große Menge frem - der Wörter aufgenommen und ihrer Sprache dadurch ein ſehr buntes, gemiſchtes Colorit gegeben haben, ſodaß es ſogar wol oft mit dem Rotwelſch verwechſelt werden konnte. Dazu hat wol allerdings auf der einen Seite das unverſtändliche fremdartige Jdiom, das unverkennbar diebiſche und ränkevolle Treiben der Zigeuner und die ſchlaue Verſtecktheit ihrer Künſte und Sprache39 Anlaß gegeben. Auf der andern Seite iſt aber auch das Rot - welſch ſelbſt nur ſehr dürftig gekannt und gar nicht durchforſcht worden. Auch hat ſich die Zigeunerſprache wol zuerſt weſentlich in der Aſſociation der Zigeuner mit dem Gaunerthum offenbart, welches bei der begierig ergriffenen Verbrüderung mit den Zigeu - nern auch hier in ihrer Sprache einen Verſteck ſuchte und fand, wiewol bei der volksthümlichen Fremdartigkeit der Zigeunerſprache und bei der durchaus auf deutſchvolksthümlichem Boden wurzeln - den Eigenthümlichkeit der deutſchen Gaunerſprache die gegenſeitige Sprachhospitalität nur armſelig und froſtig war, ſodaß man durchaus nur einen gegenſeitigen kargen Austauſch einzelner Wör - ter, niemals aber ganzer Redensarten und Wendungen erkennt und ſomit nur von einem gegenſeitigen beſchränkten, flauen und gewiſſermaßen vorſichtigen Sprachſchutzbürgerthum die Rede ſein kann. Das blickt auf das beſtimmteſte in Stoff und Geſchichte der Gaunerſprache durch, und ſomit kann bei der Behandlung der Gaunerſprache kein Anſpruch auf eine grammatiſche Darſtellung der Zigeunerſprache erhoben werden. Die ganze Berückſichtigung der Zigeunerſprache bei Darſtellung der Gaunerſprache hat ſich nur auf diejenigen einzelnen Zigeunerwörter zu beſchränken, welche im allmählichen Verlauf der Zeit jene beſchränkte Aufnahme in die Gaunerſprache gefunden haben. Die Reſultate, welche Pott1)„ Die Zigeuner in Europa und Aſien. Ethnographiſch-linguiſtiſche Un - terſuchung vornehmlich ihrer Herkunft und Sprache, nach gedruckten und unge - druckten Quellen “(2 Thle., Halle 1844 und 1845). mit herrlicher Gründlichkeit aus eigenen Forſchungen wie aus den For - ſchungen anderer gewonnen hat, werden von Schleicher2)„ Die Sprachen Europas in ſyſtematiſcher Ueberſicht “(Bonn 1850)., S. 128, in prägnanter Kürze ſo zuſammengefaßt gegeben:
1) Die Zigeunermundarten ſämmtlicher Länder, von ſo vie - len uns eine Kunde zukam, erweiſen ſich trotz der unendlich bun - ten und mächtigen Einwirkung fremder Jdiome auf ſie in ihrem tiefinnerſten Grunde einig und gleichartig.
2) Man kann unmöglich darin eine beſondere, mit den Gau -40 nerſprachen zwar oft verwechſelte, davon jedoch völlig verſchiedene Volksſprache miskennen.
3) Dieſe Sprache wurzelt unwiderleglich nicht etwa im Aegypti - ſchen noch irgendwo ſonſt als in den Volksidiomen des nördlichen Vorderindien, ſodaß ſie ungeachtet ihrer ungemeinen Verbaſterung und Verworfenheit doch zu der im Bau vollendetſten aller Spra - chen, dem ſtolzen Sanskrit, in blutsverwandtem Verhältniß zu ſtehen, ob auch nur ſchüchtern, ſich rühmen darf.
Nicht nur die Flexionsformen (ſo heißt es S. 129 weiter), ſondern ebenſo auch zahlreiche Wörter beweiſen die Herkunft der Zigeuner von Jndien; von letztern genüge es, hier nur einige anzuführen, z. B. ruk, Baum, Sanskrit vrks’a, aber ſchon Prakrit rukkha (alſo ſteht das Zigeuneriſche mit dem Sanskrit durch neuere Mundarten in Connex, was noch aus vielen andern Bei - ſpielen hervorgeht); bersch, Jahr, brschno, Regen, beide aus Skrt. vars’a, welches beide Bedeutungen hat; manusch, Menſch, Skrt. mânus’a; perjas, Skrt. parihâsa, Scherz; angar, Skrt. angâra, Kohle; aguszto, Finger, Skrt. angus’tha; krmo, Wurm, Skrt. krmi; czorav, Skrt. czôrajâmi, ſtehlen; szing, Skrt. çringa, Horn (r fällt im Zigeuneriſchen häufig aus); széro, Skrt. çiras, Kopf; szoszoj, Skrt. çaça, Haſe; ritsch, Skrt. rks’a, Bär; rat, Skrt. râtri, aber Prakrit ratti, hindoſt. rât, Nacht; rupp, Skrt. rûpja, Silber; dukh, Skrt. du: kha, Schmerz; doosh, Skrt. dôs’a, Schaden, Fehler; mel, Skrt. mala, Schmuz; mûtera, Skrt. mûtra, urina u. ſ. w. Die meiſten dieſer Wörter finden ſich auch im Hindi und Hindoſtaniſchen wieder; zahlreiche Zigeunerworte ſind nur aus dieſem Jdiom erklärlich. Die Abſtammung der Zigeuner ſteht demnach lediglich infolge der Unterſuchung ihrer Sprache auf das beſtimmteſte feſt. Vgl. beſonders hierzu Pott, I, 63 — 80.
Somit darf in Bezug auf das, was von der Zigeunerſprache in die Gaunerſprache übergegangen iſt, mit Fug auf das Wörter - buch verwieſen werden, wo jedesmal die zigeuneriſche Abſtammung beſonders erwähnt iſt.
Bei dem Mangel aller genügenden Beachtung, Erkennung und Bearbeitung der jüdiſchdeutſchen Sprache iſt es nicht leicht, ohne die verſchiedenſten Seitenblicke einen klaren Begriff vom Weſen, Stoff und Bau des Judendeutſch zu gewinnen. Jm Juden - deutſch findet man eine Vereinigung vorzüglich zweier Sprachen, der hebräiſchen und der deutſchen, welche ganz einzig in ihrer Art daſteht. Der eine Factor, die todte hebräiſche Sprache, iſt von dem mit unvertilgbarer Zähigkeit an ſeiner leiblichen und geiſtigen Eigenthümlichkeit feſthaltenden und dennoch wiederum ſo fügſamen und biegſamen Volke der Juden dem deutſchen Volke in ſein Land, Leben und in ſeine Sprache hineingetragen worden, ohne daß der unſtete Ankömmling wie der ſeßhafte Deutſche einen Begriff davon hatte, welche uralte Sprach - und Volksſtammverwandtſchaft nach mehrtauſendjähriger Trennung hier wieder in völlig fremdartiger Aeußerlichkeit zuſammentraf. Während der Jude in allem, in der perſönlichen Erſcheinung, in Religion, Cultur und Sitte, ſich durchaus unterſchied von dem deutſchen Volke, deſſen Gaſtfreund - ſchaft er bei dieſem ebenſo in Anſpruch nahm wie bei allen Be - wohnern des Occidents; während er ſtatt der Gaſtfreundſchaft ein härteres und längeres Exil finden und tragen mußte, als ſeine Väter in der babyloniſchen Gefangenſchaft geduldet hatten; wäh - rend er nur in den unterſten Schichten des Volkes und in der tiefſten Erniedrigung, im ſchrecklichſten Schmuz des Elends einen immer auch nur augenblicklichen Schutz durch behendes Nieder - ducken bei der vielhundertjährigen Hetzjagd chriſtlicher Jntoleranz und Habgier fand: fügte ſich in dieſer unbegreiflichen Vertilgung und Unvertilgbarkeit des als Volk längſt vernichteten und immer nur in der ſpecifiſchen Jndividualität geretteten und erſcheinenden Judenvolkes der Geiſt des vom Judenthum in ſeiner ganzen re - ligiöſen, ſittlichen und bürgerlichen Exiſtenz ſo eigenthümlich ge -42 tragenen hebräiſchen Zweigs des ſemitiſchen Sprachſtammes mit dem ſeit grauer Zeit auf deutſchem Boden in wunderbarer Ur - ſprünglichkeit erſchienenen und eingebürgerten Zweige des indo - germaniſchen Sprachſtammes zuſammen und vereinigte ſich mit ihm zu einem neuen, ganz eigenthümlichen Sprachbau, den er un - bewußt, aber vom Bedürfniß und Zwang getrieben, aus dem wild und unordentlich zuſammengeworfenen Material aneinander fügte und mit dem ſchmuzigen Mörtel des Bodens verband, auf welchem das Judenthum mit der Hefe des Volkes zuſammen umherkriechen mußte. 1)Ueber die politiſche, ſittliche und religiöſe Lage der Juden in Deutſch - land ſagt ſehr Gewichtiges der leider für das Judenthum und die Wiſſenſchaft im November 1860 viel zu früh geſtorbene J. M. Joſt I, 207 fg., vgl. mit III, 195 ſeines höchſt bedeutenden Werkes: „ Geſchichte des Judenthums und ſeiner Sekten “(3 Thle., Leipzig 1856 — 59).
Das Judendeutſch iſt ſomit keine aus natürlichem Grunde und innerm Sprachbedürfniß herangebildete, keine gewordene, ſon - dern nur eine gemachte Sprache, lingua fictitia, eine Sprach - moſaik, aus welcher überall das Bild tiefen ſittlichen und politi - ſchen Elends, geiſtigen, leiblichen und ſprachlichen Zwangs, aber trotz allem Elend, trotz allem Zwang dennoch lebendige, helle, unvergängliche Farbentöne und überall ſcharf charakteriſirte Figu - ren bewußten Elends wie erbitterten Spottes und Hohns hervor - treten. Beide Factoren, das verdorbene Hebräiſche mit ſeinen Chaldäismen und Rabbinismen, das Deutſche mit allen ſeinen verſchiedenen Dialekten, geriethen jedes als ein ſelbſtändig volks - thümlich abgerundetes Sprachganzes zuſammen. Jn Zwang und Elend wurden ſie miteinander verbunden. Sie ſuchten ſich nicht aus verwandtſchaftlicher Sympathie, ſondern fanden ſich, weil ſie gewaltſam zuſammengezwungen wurden, wobei auf jeder Seite das im nationalen Sprachentwickelungsproceß bereits ſpecifiſch Ausgebildete hartnäckig der Vereinigung widerſtrebte und entweder in ſeiner Eigenthümlichkeit ſich behauptete oder im Zwange der gewaltſamen Zuſammenſchiebung verſtümmelt wurde. So iſt das Judendeutſch eine immerwährend gärende Sprachmaſſe, in wel -43 cher die Stoffe ſich weder binden noch auch im ganzen ſich zu ſetzen und abzuklären vermögen.
Die Eigenthümlichkeit des Judendeutſch beſteht, kurz ange - deutet, in der Verbindung hebräiſcher Wörter und Wortwurzeln mit deutſchen Wörtern und Flexionsformen, dergeſtalt, daß das hebräiſche Wort eine deutſche Endung erhält und in dieſer Weiſe deutſch flectirt wird, z. B. 〈…〉〈…〉, halach, gehen, jüdiſchd. halchenen, holchen, alchen, haulchen, haulechen. Die Conjugation iſt durch - weg deutſch: ich halchene, du halcheneſt, er halchenet, ich habe geholcht, ich werde alchen u. ſ. w. Ferner durch Vorſetzung deut - ſcher Silben, beſonders der Präpoſitionen ver, bei, unter, über, aus, in, ein, be u. ſ. w., z. B. 〈…〉〈…〉, massar, er hat verrathen, jüdiſchd. maſſern, vermaſſern;〈…〉〈…〉, keber, Grab, jüdiſchd. bekabern, begraben, verkabern, vergraben, unterkabern, un - tergraben;〈…〉〈…〉, melocho, Arbeit, jüdiſchd. ausmelochnen, ausarbeiten, herausnehmen;〈…〉〈…〉, schabar, er hat zerbrochen, jüdiſchd. einſchabbern, einbrechen;〈…〉〈…〉, bo, er iſt gegangen, gekommen, jüdiſchd. überbaun, überkommen, ankommen, auf - baun, hinaufkommen, ausbaun, herauskommen. Weſentlich und überaus häufig iſt die Verbindung hebräiſcher Participien und Adjectiven mit dem deutſchen Hülfszeitwort ſein, z. B. von〈…〉〈…〉, bo, bau ſein, kommen, überbau ſein, überkommen;〈…〉〈…〉, cherem, Bann, Excommunication, jüdiſchd. einen machrim ſein, jemanden excommuniciren;〈…〉〈…〉, jasaph, hinzugeben, jüdiſchd. moſiph ſein, hinzuthun u. ſ. w. Davon wie von den Flexionen und Endungen überhaupt wird ſpäter geſprochen werden. Zu dieſen wunderlichen Compoſitionen kommen noch eine Menge rein hebräiſcher und rabbiniſcher Ausdrücke für Gegenſtände des reli - giöſen, bürgerlichen und häuslichen Lebens, welche man abſichtlich nicht in das Deutſche übertragen oder mit ihm verbinden und flectiren wollte, und endlich die ganze Flut deutſchdialektiſcher Aus - drücke aus allen Ecken und Provinzen Deutſchlands, wobei die treue Bewahrung alter, ſowol althochdeutſcher als auch altnieder - deutſcher Wurzeln ſo überraſchend wie werthvoll iſt. Endlich44 kommt dazu eine Menge Jdiotismen aus fremden, ſowol alten als auch neuern Sprachen und eine nicht geringe Anzahl Wörter, welche durch Contraction hebräiſcher, deutſcher und fremdſprach - licher Wörter oder auch durch kabbaliſtiſche Poſitionen, Abbrevia - turen und Ligaturen neu gebildet ſind, z. B. 〈…〉〈…〉, Pag, Pach, Polniſcher Groſchen;〈…〉〈…〉, Bag, Bach, Böhmiſcher Groſchen;〈…〉〈…〉, Rat, Reichsthaler;〈…〉〈…〉, Schinndollet, Schandarm, Gens - darm;〈…〉〈…〉, lo, lau, Lamed-aleph, nicht;〈…〉〈…〉 (ſchofel), Schin - pelommed, ſchlecht, niedrig, gemein u. ſ. w. Vgl. Th. II, S. 72, Note 1.
So wildwüchſig und ungeſtaltet auch das Judendeutſch als ſprachliche Erſcheinung in der jüdiſchdeutſchen Literatur hervortritt, ſo hat es doch nicht nur für die Sprache und Sprachvergleichung überhaupt, ſondern auch für die Cultur - und Sittengeſchichte ſo - wol des deutſchen als auch des jüdiſchen Volkes eine nicht geringe Bedeutſamkeit und gewährt ſomit großes Jntereſſe. 1)Vgl. W. Ch. J. Chryſander, „ Unterricht vom Nutzen des Juden-Teut - ſchen, der beſonders studiosos theologiae anreitzen kan ſich daſſelbe bekannt zu machen “(Wolfenbüttel 1750). Jn dieſer intereſſanten Abhandlung hebt Chry - ſander mit Recht unter anderm hervor, wie ſehr aus den von jüdiſchen Rab - binern gelieferten jüdiſchdeutſchen Ueberſetzungen das Verſtändniß dunkler hebräi - ſcher Wörter erleichtert wird. Auch legt er S. 31 dar, wie ſtark das Jüdiſch - deutſche von dem Gaunerthum ausgebeutet und wie viel Jüdiſchdeutſches in die Gaunerſprache übergegangen iſt. Sehr wichtig iſt noch immer die bei Chry - ſander S. 9 — 19 aufgeführte jüdiſchdeutſche Literatur, wie denn die ganze Ab - handlung noch das Beſte genannt werden darf, was über Judendeutſch geſchrie - ben worden iſt.Jahrhun - derte hindurch hatte es ſich in ſeiner bunten Wildwüchſigkeit aus dem tiefſten Grunde des Volkslebens herausgebildet, bis die erſte kümmerliche literariſche Notiz von chriſtlicher Gelehrſamkeit gerade im erſten Gaunerbuche, dem Liber Vagatorum (und noch vor ihm in Gerold Edlibach’s Sammlung), genommen und damit gleich von vornherein die Gaunerſprache für ein künſtliches ſpecifiſches Gebilde des Judenthums erklärt wurde, da Luther in der Vorrede ſeiner „ Falſchen Bettelbüberey “den ſo arg misverſtandenen Aus - ſpruch that: „ Es iſt freilich ſolch rottwelſche ſprache von den45 Juden kommen, dann viel Ebreiſcher wort drynen ſind, wie denn wol mercken werden, die ſich auff Ebreiſch verſtehen. “ Mit die - ſem Ausſpruch war die Aufmerkſamkeit chriſtlicher Gelehrter, na - mentlich Theologen, zwar auf das Judendeutſch gelenkt, zugleich aber auch daſſelbe identiſch erklärt mit der Gaunerſprache, da bei dem erſt durch Reuchlin geförderten friſchen Studium der hebräi - ſchen Sprache in den offen hervortretenden hebräiſchen Wurzeln ſogleich die hebräiſche Abſtammung erkannt, dabei aber die das ſpecifiſche Judendeutſch charakteriſirende deutſche Flexion, welche auf eine ſchon alte deutſche Einbürgerung ſchließen ließ, gar nicht beachtet oder doch nicht gehörig gewürdigt wurde.
Dieſe falſche Auffaſſung hat nicht nur die richtige Erkenntniß des Gaunerthums und ſeiner Sprache verwirrt, ſondern auch überhaupt dem Judenthum und der Kenntniß der jüdiſchdeutſchen Sprache ganz ungemein geſchadet1)Sehr überraſchend iſt es, wenn ein ſo bedeutender Schriftſteller wie Zunz („ Die gottesdienſtlichen Vorträge der Juden hiſtoriſch entwickelt “, S. 438), freilich nur obenhin und gelegentlich, ausſpricht, „ daß ſchon im 16. und noch ſtärker in den beiden folgenden Jahrhunderten ſich der Dialekt der Juden zu einem eigenen ſogenannten Judendeutſch ausgebildet habe, in welchem hebräiſche, eigene jüdiſche und veraltete deutſche Ausdrücke in gleicher Menge vorhan - den waren “. Freilich wurde die jüdiſchdeutſche Literatur erſt nach Erfindung der Buchdruckerkunſt, ihrer Beſtimmung gemäß, zur Volksliteratur ausgebildet und verbreitet. Von der viel frühern Exiſtenz und weitern Ausbildung der jüdiſchdeutſchen Sprache gibt die Gaunerſprache Zeugniß, welche jene als ein ſchon vollſtändiges Sprachganzes ausbeuten und ſich mit zahlreichen jüdiſch - deutſchen Ausdrücken bereichern konnte. Wie viel aber mag noch im Vatican neben den von Zunz, S. 438, Note 6, erwähnten hebräiſch-deutſchen Wörter - büchern und in andern Bibliotheken unbeachtet liegen., ſodaß ſelbſt große Kenner und Lehrer der hebräiſchen Sprache nach Luther, wie der vortreff - liche J. Buxtorf († 1629), welcher mit Recht Rabbinorum magister genannt wurde, und ſeine Nachfolger Pfeiffer, Wagenſeil, Calvör, Callenberg, Chryſander u. ſ. w., als ſie die Bedeutſamkeit des mit immer lebendigerm Streben und immer größerer Behendigkeit tief in das Gebiet der deutſchen Literatur vordringenden und allein vom Judenthum getragenen Jüdiſchdeutſchen begriffen hatten, dennoch nicht im Stande waren, mit ihren kümmerlichen Verſuchen einer46 ſogenannten „ Jüdiſchdeutſchen Grammatik “im Judendeutſch das deutſche Sprachleben zu klarer Anſchauung und Geltung zu brin - gen, und ſomit ſtillſchweigend dem Judenthum ein Jdiom als ſpecifiſch jüdiſches Eigenthum zuwieſen, welches durchaus deutſch - ſprachliches Eigenthum war. So galt das Judendeutſch auf der einen Seite weſentlich für ein hebräiſches Jdiom, an deſſen Stu - dium nur der mit der hebräiſchen Sprache genau Vertraute ſich wagen dürfe; auf der andern Seite bildete ſich die verkehrte An - ſicht immermehr aus, daß das Judendeutſch weſentlich identiſch ſei mit der Gaunerſprache, ſodaß ſogar noch in neueſter Zeit mit dem ſchiefen Glauben an ein ſpecifiſch jüdiſches Gaunerthum auch der Glaube an eine ſpecifiſch jüdiſche Gaunerſprache ſich breit machen und in arger Unkunde ſowol des Gaunerthums als auch des Judenthums und ihrer verſchiedenen Sprachweiſe Thiele in ſeinen „ Jüdiſchen Gaunern “noch mit einem eigenen Wörterbuch der jüdiſchen Gaunerſprache hervorzutreten unternehmen konnte.
Die jüdiſchdeutſche Literatur war die einzige Volksliteratur, deren Beſitz dem von allem deutſchen Cultur - und literariſchen Leben zurückgeſtoßenen Judenthum als Antheil am geiſtigen Volks - leben vergönnt war, weil ſie ihre hebraiſirende geheime, dem deutſchen Volke unverſtändliche Ausdrucks - und Schriftform hatte. Das deutſche Volk ahnte nicht, daß auf der entlegenen öden Klippe dieſer Literatur das Judenthum dennoch mit ſo vieler und mächtiger geiſtiger Eigenthümlichkeit aus ſeinen heiligen Büchern und den Lehren ſeiner Weiſen ſich ſättigen, von dieſer Klippe aus ſo tiefe Streifzüge auf das Gebiet der deutſchen Nationalliteratur machen und ſogar auch aus den alten deutſchen Sagenkreiſen her - aus noch eine eigene romantiſche jüdiſchdeutſche Literatur begrün - den konnte, die trotz der wunderlichen, kümmerlichen Formen doch poetiſchen Geiſt genug hatte, um bei faſt jeder Zeile in dem Ken - ner des Jüdiſchdeutſchen ein ſchmerzliches Weh hervorzurufen, wenn er, ungeachtet alles Drucks, ungeachtet der überall durchſcheinen - den trüben Färbung unſaglichen Elends in Form und Ausdruck, dennoch begeiſtertes Gefühl und Streben nach Schönem und Höherm erkennen muß. Es gibt keinen deutſchen Ernſt, keinen47 deutſchen Scherz, der nicht in der jüdiſchdeutſchen Literatur Wider - klang gefunden hätte. Aber überall iſt die Form trüb und trau - rig; nur zu oft lähmt die Dichtung ihre Schwingen an dieſer Form; auch die Proſa ſtumpft ſich daran ab, und das Erhabene flacht ſich zum Lächerlichen, das Komiſche zur Fratze ab. Jn die - ſem Zuſchnitt der jüdiſchdeutſchen Literatur tritt dem Forſcher der Geiſt des Judenthums wie in einer Tragödie entgegen, wie er ſelbſt in der Ermattung noch immer großartig gegen den Unter - gang ringt, den eine feindliche Gewalt ihm bereitet. Aber end - lich erkennt man in der wahrhaft hiſtoriſchen Erſcheinung des trefflichen Moſes Mendelsſohn den helfenden Genius des Juden - thums, welcher durch ſeine tiefgreifende Reformation des Rabbiner - thums, des Religionsunterrichts und Gottesdienſtes das ermattete, tiefgeſunkene Judenthum aufrichtete und rettete, wo die ſeit hun - dert Jahren begonnene ſteife, ungelenke Proſelytenmacherei und der ſaftloſe chriſtliche Humanismus kein anderes Heil mehr im Judenthum finden konnten als in deſſen gänzlicher Negation. Mit dem Wiederaufleben des Judenthums durch Moſes Mendelsſohn iſt die jüdiſchdeutſche Literatur eigentlich ganz abgeſtorben. Seit Moſes Mendelsſohn gibt es nur noch eine jüdiſche Literatur und eine deutſche Literatur unter den Juden; die heiligen Bücher reden wieder in der klaren Urſprache und werden in der klaren deutſchen Sprache erläutert. Aber dennoch iſt das Jüdiſchdeutſche unverküm - merte Volksſprache geblieben, weil es ſchon lange Volksſprache ge - worden war, und es wird Volksſprache bleiben, ſolange das Juden - thum wie das Chriſtenthum ſich in den unterſten Schichten des Volkslebens abſetzt und Juden in der trüben Sphäre der verwor - fenen chriſtlichen Elemente in ſittlichem und phyſiſchem Elend ver - brüdert mit dieſen fortvegetiren.
Ein Blick auf Entſtehung und Alter der eigenthümlichen Sprachvermiſchung macht die Forſchung intereſſanter, aber auch noch ſchwieriger. Die Sprachmiſchung iſt ſo alt wie der Beginn des Verkehrs und Volkslebens der Juden auf deutſchem Boden. Freilich liegen keine ſchriftlichen Urkunden vor. Woher ſollten dieſe denn auch genommen werden, wenn das Hebräiſche erſt ſeit 30048 Jahren überhaupt in Deutſchland ernſtlich getrieben und ohnehin erſt in neueſter Zeit mit gründlicher kritiſcher Forſchung von chriſt - lichen Gelehrten cultivirt wird? Wie ſollten da für das noch gar nicht einmal beachtete, kaum einmal flüchtig erwähnte, niemals aber gründlich durchforſchte Judendeutſch Sprachdocumente geſucht und unterſucht worden ſein, welche neben den trefflichſten hebräi - ſchen und rabbiniſchen Handſchriften ungekannt oder unbeachtet im Staube der Archive und Bibliotheken umherliegen? Aber doch weiſt gerade die Sprachforſchung und Sprachvergleichung auf das ſehr hohe Alter des Judendeutſch hin. Wie wenig ahnt man, daß das Judendeutſch nicht allein eine Menge Wörter in die deutſche Sprache eingeſchoben hat, deren Wurzeln, obſchon als ur - ſprünglich deutſch erſcheinend und geltend, dennoch jüdiſchdeutſchen oder hebräiſchen Urſprungs ſind, ſondern daß das Judendeutſch auch ein getreuer Depoſitar vieler althochdeutſcher, altniederdeutſcher und mitteldeutſcher Wurzeln iſt, die wir in ihrer Urſprünglichkeit längſt überſehen oder vergeſſen haben? Gerade dies Vergeſſen und Verſchwinden ſo vieler Wörter aus der deutſchen Sprache der Bildung und das treue Bewahren derſelben durch das Juden - deutſch hat ja das nach Verſteck lüſterne Gaunerthum veranlaßt, dieſe dem Leben und der Sprache des gewöhnlichen Verkehrs ent - fremdeten Sprachtypen zur Verdeckung ſeines geheimen Waltens begierig aufzufaſſen und ſeiner geheimen Kunſtſprache einzuverlei - ben. Bedenkt man, wie nicht nur das Hebräiſche in ſeiner uns kund gewordenen urſprünglichen ſprachlichen Vollkommenheit, ſon - dern auch in ſeiner ſtarken Durchmiſchung mit den verwandten ſemitiſchen Dialekten, dem chaldäiſchen, ſyriſchen und arabiſchen, auf deutſchen Sprachboden eingedrungen iſt, wie nun dazu die an Mundarten überaus reiche deutſche Sprache ſelbſt eine ſo ſehr bewegte Geſchichte zu durchlaufen und ſich in Verkehr mit andern lebenden Sprachen, mit ſoviel andern fremdſprachlichen Stoffen zu verſetzen und dann dieſe wieder von ſich auszuſcheiden hatte: ſo bekommt man einigermaßen einen Begriff von der ungemein bunten, reichen, verwirrten Sprachmoſaik, welche im Judendeutſch vor unſern Blicken liegt.
49Schon aus dieſem kurzen Ueberblick erſieht man, wie charak - teriſtiſch eigenthümlich das Judendeutſch und wie wenig man be - rechtigt iſt, es mit Jargon, Patois, Jdiom, Dialekt oder Mund - art zu bezeichnen, obſchon das Judendeutſch eine durchaus deutſch - ſprachliche Erſcheinung iſt, welche man auf keinem andern Sprachboden findet. Jn dieſer Beziehung macht ſchon Chry - ſander1)a. a. O., S. 5. eine intereſſante Bemerkung. „ Es kann “, ſagt er, „ die Frage aufgeworfen werden, ob es auch Jüdiſch-Portugiſiſch, Jüdiſch-Spaniſch, Jüdiſch-Franzöſiſch, Jüdiſch-Jtaliäniſch u. ſ. w. gebe, und ob es überall von den Juden in allen Ländern wahr ſey, was R. Leo Mutinenſis in ſeinem Jtaliäniſchen Buch von denen Ceremonien der heutigen Juden P. II, B. 1, §. 2, p. 55 (nach der lateiniſchen Ueberſetzung J. V. Großgebauer’s, Frankfurt 1692) ſchreibt: Plebs satis habet, linguae vernaculae, cui assueta est, non nulla vocabula Hebraica injicere, daß ſie die Landes - Sprachen mit dem Hebräiſchen vermengen? Wenn z. E. ein Teutſcher Jude ſpricht: Mit ahn Amhorez hob ich kähn koved mefalpl zu ſeih, ob an deſſen Statt ein Engliſcher Jude ſagt: With a Amhorez i have not koved to bee mefalpl, und ein Franzöſiſcher: Avec un Amhorez je n’ai point de koved d’être mefalpl. So iſt hier auch die Frage zu beantworten, ob die Juden in allen Landen ebenfalls die Anhängſel, womit die hebräiſchen Wörter im Juden-Teutſchen geendigt werden, aus der - jenigen Sprache hernehmen, die da, wo die Juden wohnen, im Schwange iſt? Ob z. E. anſtatt daß der Teutſche Jude ſagt, ſich ſchmadden laſſen, der London’ſche ſpreche: far (?) schmaddarsi (?); der Franzoſe: Se faire schmadder, der Jtaliäniſche: farsi schmaddiare? Jch kann ſolches nicht behaupten. Sondern, laut denen Nachrichten derer, die weit gereiſet ſind, wird von ihnen mit der Teutſchen Sprache nur eine ſolche Vermiſchung gemacht. “
Charakteriſtiſch dazu für die auch in der ſeltſamen jüdiſch - deutſchen Sprachmiſchung gleichmäßig hervortretende jüdiſche wieAvé-Lallemant, Gaunerthum. III. 450deutſche Eigenthümlichkeit iſt ſowol in ethnographiſcher wie in culturhiſtoriſcher, pſychologiſcher und ſprachlicher Hinſicht die ſchon ſofort bei der erſten Beachtung des Judendeutſch von chriſtlichen Schriftſtellern gemachte und auch heute noch in ausgedehnter Weiſe zu machende Wahrnehmung, daß das jüdiſchdeutſche Sprach - gefüge in ſeiner vollen Eigenthümlichkeit ſowol durch die jüdiſche als auch deutſche Weltzügigkeit in die weiteſte Ferne getragen iſt und als lebendige Verkehrsſprache, wie in Deutſchland, ſo in Böh - men, Mähren, Ungarn, Polen, Rußland, in der großen und klei - nen Ukraine, Frankreich, Holland, Spanien, ja in Amerika, Aſien, Afrika, Auſtralien u. ſ. w. erhalten und von den Judengruppen deutſchen Stammes geſprochen wird1)Chryſander, a. a. O., S. 27: „ Die Juden behaupten deswegen: mit dem Juden-Teutſchen könne man durch die ganze Welt kommen. “, ohne daß irgendeine weſent - liche Zuthat aus der von den begabten Juden leicht aufgefaßten und angeeigneten Landesſprache zum Judendeutſch hinzugethan iſt. 2)Von Unklarheit und grammatiſcher Unwiſſenheit zeugt es daher, wenn Stern, a. a. O., S. 186 ſagt: „ Die Wurzelwörter der hebräiſchen Sprache, die dabei angewendet werden, bleiben ſich in allen lebenden Sprachen Europas gleich, nur mit dem Unterſchied, daß ſie nach den Regeln der verſchie - denen Sprachen gebeugt werden, in Frankreich franzöſiſch, in Rußland ruſſiſch, in Deutſchland deutſch! “Bei weitem eher findet ſich, daß in fremden Ländern ein - zelne jüdiſchdeutſche Ausdrücke vom Gaunerthum aufgefaßt und jener Sprache einverleibt ſind, wie z. B. im Franzöſiſchen (argot) das Wort entiffle, welches Francisque-Michel, a. a. O., S. 144, zwar richtig mit église überſetzt, aber mit in der That komiſcher Unwiſſenheit, Gewalt und Breite (vgl. ebend., S. 12, unter An - tiffle) von antif, anti und viés, lat. via (!!) ableitet, während man ganz einfach in entiffle den jüdiſchdeutſchen Ueberläufer〈…〉〈…〉, tiffle, mit dem deutſchen unbeſtimmten Artikel〈…〉〈…〉, eine Tiffle, en’ Tiffle, ān’ Tiffle, eine chriſtliche Kirche (im ſpöttiſchen Sinne) erkennt, von〈…〉〈…〉, tofel3)Sogar der deutſche Töffel, als Typus der Beſchränktheit, Tölpelhaf - tigkeit, ſcheint eher von tofel abgeleitet, als für eine Abkürzung von Chri - ſtophel genommen werden zu dürfen., abgeſchmackt, albern,51 wo denn nun Francisque-Michel aus en’ Tiffle entiffle, l’église, gemacht hat. Seltſam macht ſich nach der Bemerkung Francisque - Michel’s S. xxxi der Introduction: Quant aux autres langues orientales (vom Hebräiſchen oder Judendeutſch iſt nirgends die Rede) je ne connais jusqu’à présent qu’un seul mot qui puisse en dériver: c’est baite, auquel j’ai consacré un article. Der article consacré, äußerſt mager, findet ſich S. 28. Dort heißt es: Baite s. f. maison. Welcher Kenner der Gaunerſprache erblickt hier nicht ſogleich die alte judendeutſche Bekanntſchaft〈…〉〈…〉, bait, bajiss, bess, Plur. 〈…〉〈…〉, bottim, hebr. 〈…〉〈…〉, stat. constr. 〈…〉〈…〉? Francisque-Michel ſagt aber ohne Umſchweife: Ce mot n’est autre chose que le mot arabe〈…〉〈…〉 (beit) qui avait course avec le même sens parmi les bohémiens de l’Italie. (!) Zum Belege deſſen führt Francisque-Michel eine Stelle an aus dem Luſtſpiel des Claudio Daleſſo (1610): „ La Cingana “, woſelbſt Act 2, Sc. 12 die Heldin des Stücks, eine Zigeunerin, ſagt: Mo se mi trobar el beith, el casa, unde rubatacia u. ſ. w. Aehnliche Unkenntniß manifeſtirt ſich bei Fran - cisque-Michel an vielen Stellen, wie z. B. S. 291 bei der Ety - mologie von nep, worüber man vgl. Th. II, S. 207. Auch iſt die ganze Abfertigung des Argot allemand ou rothwelsch, S. 442 — 453, ſo kümmerlich wie leichtfertig und gehaltlos, ungeachtet die Introduction S. xxx die Erwartungen ſpannt, wenn es dort heißt: Ce contact de la France et de l’Allemagne dota l’argot de quelques mots d’origine et même de physiognomie germaniques; mais on les compte, et il ne faut pas beaucoup de temps pour cette opération. Doch liegt eine weitere Kritik außerhalb der Grenzen dieſes Werks.
Aus dem oben über das Weſen und die Stoffmiſchung der jüdiſchdeutſchen Sprache Geſagten ergibt ſich, wie wenig erſchöpfend die an ſich ſprachlich klar erſcheinenden Ausdrücke: jüdiſchdeutſche Sprache, judendeutſche Sprache, Judendeutſch, Jüdiſch - deutſch, Jbriteutſch, Jwriteutſch oder blos Teutſch das eigenthümliche Sprachgefüge charakteriſiren, welches ſich in dieſer ſprachlichen Erſcheinung darſtellt. Noch weniger erſchöpfend iſt die neben Jbriteutſch bei den Juden noch heute gewöhnliche Benennung Aſchkenas. Eine kurze Unterſuchung der verſchiedenen Ausdrücke erſcheint daher nicht ohne Jntereſſe.
〈…〉〈…〉, Aschkenas, Deutſchland, der Deutſche, deutſch, Plu - ral〈…〉〈…〉, Aschkenosim, die Deutſchen (wovon〈…〉〈…〉, loschon aschkenas, deutſche Sprache,〈…〉〈…〉, minhag aschkenas, deutſcher Brauch, deutſche Sitte), ſtammt aus dem hebräiſchen〈…〉〈…〉, Aschkenas, mit welchem Namen Geneſ. 10, 3, der älteſte unter den Söhnen Gomer’s (〈…〉〈…〉, Cimmerier?) und Jerem. 51, 27, neben Ararat und Meni, als Königreich, Aſchkenas genannt wird. Was nun Aſchkenas weiter bedeutet hat und wie die ſpecifiſche Bezeichnung „ deutſch, Deutſchland “gekom - men iſt, darüber iſt keine ſichere Auskunft zu erhalten. 1)Schottelius, „ Teutſche Haubt-Sprache “, S. 34, behandelt das Thema ziemlich ausführlich und macht den Aſkenas zum „ Altvater der Teutſchen, der die alte Celtiſche oder Teutſche Sprache von Babel gebracht hat “!Genug, daß der Ausdruck Aſchkenas in der obigen Bedeutung der üblichſte iſt und man auf den Titel faſt jedes jüdiſchdeutſchen Buchs hin - ter dem hebräiſchen Titel das unvermeidliche〈…〉〈…〉, be - loschon aschkenas, findet. 2)Ueber Aſchkenaſim vergleiche man das ſchon angeführte vortreffliche Werk von J. M. Joſt, „ Geſchichte des Judenthums “, Abth. 3, S. 199 und 207 ff.Damit iſt denn nichts anderes ge - meint als die jüdiſchdeutſche Sprache, in deren wunderlichem Zu - ſchnitt das niedere Judenvolk die deutſche Sprache begriff, wie53 denn auch loschon aschkenas durchaus auch für die reine deutſche Nationalſprache gilt. Daraus erklärt ſich auch die Ueberſetzung〈…〉〈…〉, teutſch, deutſch, womit ebenſo gut wie das Judendeutſch auch die reine deutſche Nationalſprache bezeichnet wird.
Seltſamerweiſe wird nun aber auch die deutſche Nationalſprache an und für ſich die unreine Sprache,〈…〉〈…〉 loschon tome1)Das〈…〉〈…〉 dient überhaupt zur Bezeichnung der levitiſchen und ſittlichen Unreinigkeit und wird daher auch im verächtlichen Sinne gebraucht für alles nicht jüdiſch Heilige. Vgl. weiter unten Tammer und Tmea im Kapitel von der Tammerſprache, ſowie Th. II, S. 331. genannt, obſchon das ſo wunderlich verſetzte und gemiſchte Judendeutſch gewiß ſelbſt den gerechteſten Anſpruch auf dieſe Bezeichnung hat. Doch wird hier wol nicht, gleich dem viel weiter zielenden Ausdruck〈…〉〈…〉, loschon hanotzrim, Sprache der Nazaräer, Chriſten, der reinſprachliche Gegenſatz, ſon - dern nur die Bedeutſamkeit und Geltung fremder Sprachen im Gegenſatz von der heiligen Sprache des jüdiſchen Geſetzes, des althebräiſchen〈…〉〈…〉, leschon hakodesch (〈…〉〈…〉, loschon hakaudesch, ſehr oft verdorben lussnekudisch, lussne - kaudesch genannt), hervorgehoben ſein ſollen. Endlich iſt noch der ſehr ſonderbare, aber doch ſehr gebräuchliche, ſogar durch die ſpecielle Abbreviatur〈…〉〈…〉 bezeichnete Ausdruck〈…〉〈…〉, gallchus, von〈…〉〈…〉, gallach, Geſchorener, Pfaffe, zunächſt katholiſcher Geiſt - licher, dann allgemein jeder chriſtliche Geiſtliche, zu bemerken (Stamm - wort〈…〉〈…〉 nur im Piel gebräuchlich,〈…〉〈…〉, ſcheren). Mit Gall - chus wird nun die deutſche Schrift bezeichnet, ohne daß im He - bräiſchen ein auch nur entfernt verwandtes Nomen ſich nachweiſen ließe. Vielmehr iſt Gallchus überhaupt eine jener verwegenen Etymologien, von welchen die jüdiſchdeutſche Sprache wimmelt und deren Entzifferung auch dem eifrigſten Forſcher ſauere Mühe macht. Vielleicht hat Gallchus zunächſt gerade für Mönchs - ſchrift gelten ſollen. Gewöhnlich wird aber unter Gallchus, Galla - chus die chriſtliche Geiſtlichkeit verſtanden.
Gegen Aſchkenas und Teutſch tritt nun aber das Jbriteutſch,54 Jwriteutſch, bei weitem prägnanter mit der Bezeichnung der vor - wiegenden hebräiſchen oder jüdiſchen Eigenthümlichkeit, mindeſtens im Gebrauch der Juden, hervor. Jn〈…〉〈…〉, Jbriteitſch, ſtammt das Jbri vom hebr. 〈…〉〈…〉, abar, ziehen, einherziehen, durchgehen, übergehen, weitergehen, wovon〈…〉〈…〉, ibri1)Vgl. z. B. Geneſ. 14, 13, wo es heißt:〈…〉〈…〉 (und es kam der Flüchtling und ſprach zu Abram dem Uebergänger [über den Euphrat]). Luther überſetzt: dem Ausländer., der Uebergänger, Plur. 〈…〉〈…〉, Fem. 〈…〉〈…〉, allgemeiner Name für die Nachkommen des Uebergängers Abram. Davon iſt im Juden - deutſch die ganze Wortfamilie, welche ſich im Wörterbuch findet unter〈…〉〈…〉, abar, awar, wie〈…〉〈…〉, iwri, der Ebräer, Plur. 〈…〉〈…〉, iwrim; Femin. 〈…〉〈…〉, iwrija, Plur. 〈…〉〈…〉, iwrijoss;〈…〉〈…〉, iwriss, ebräiſch,〈…〉〈…〉, iwriteitsch, ibriteutsch, Juden - deutſch.
Das Wort „ jüdiſch “und „ Jude “,〈…〉〈…〉, wird von den Juden ſelbſt verſchieden abgeleitet, entweder von〈…〉〈…〉, Bekenner, alſo Be - kenner Gottes, oder am liebſten, wenn auch geſuchteſten, von〈…〉〈…〉, hod, Glanz, Würde, Pracht, und〈…〉〈…〉 für〈…〉〈…〉, Gott, alſo〈…〉〈…〉, Jehuda, Glanz Gottes, wobei mit Wegfall des〈…〉〈…〉 ſogar der Name〈…〉〈…〉, Jehovah, hervortritt. Das Nähere darüber behandelt S. E. Blogg S. 6 ſeines〈…〉〈…〉 (Hannover 1831).
Bei der Etymologie von〈…〉〈…〉 läßt ſich die Unterſuchung nicht zurückweiſen, ob nicht etwa das lateiniſche Hibrida, Ibrida oder Hybrida, ae, m. und f., welches Voſſius wie Scheller (Lateini - ſches Wörterbuch, S. 4443) von iber oder imber, i. e. spurius, ableitet, mit〈…〉〈…〉 in Verbindung ſtehen mag. Vox hibrida be - deutet ja ein auf ſprachwidrige Weiſe aus zwei Sprachen zuſam - mengeſetztes Wort, der unnatürlichen, gezwungenen jüdiſchdeutſchen Compoſition entſprechend. Iber, Hiber (eris, m.) findet ſich bei den lateiniſchen Claſſikern nur als nomen proprium für Spanier oder Jberier (Mittelkaukaſus), aber auch als eigentlicher Perſonen - oder Beiname. Jn den beiden Bezeichnungen Spanier und Jberier55 ließe ſich die Möglichkeit eines wirklichen Uebergangs von Hebräern mit und nach den ſprachverwandten Phöniziern, welche die nord - afrikaniſche Küſte durchzogen und nach Spanien überſetzten, ſehr füglich denken. Noch näher dem gelobten Lande lag das nördlich vom Kaukaſus begrenzte Jberien. Jn appellativer Hinſicht hat Iber nach allen von Scheller angeführten Stellen, von denen die bei Plinius (Historia natur., VIII, 53, 79) beſonders wichtig iſt, bei der Kreuzung der verſchiedenen Thiergattungen immer die Bedeutung des Heraustretens, des Uebergangs der einen Gattung in die andere und die volle Bedeutung des〈…〉〈…〉. Auch hat〈…〉〈…〉 gerade im Piel die Bedeutung des concipere, d. h. transire fecit s. recepit semen virile, z. B. Hiob 21, 10〈…〉〈…〉, ſein Rind wird trächtig. Ebenſo iſt im Judendeutſch ſtehende Bezeichnung〈…〉〈…〉, ische me-uberet, eine ſchwangere Frau. Dazu findet ſich die Zuſammenſetzung vox hibrida, „ ein aus zwei Spra - chen zuſammengeſetztes Wort “, bei den Claſſikern und ſelbſt in der ſpätern Latinität nicht und ſcheint erſt den viel ſpätern und beſonders grammatiſchen Schriftſtellern anzugehören. Dennoch mag hibridus in keinerlei Zuſammenhang mit〈…〉〈…〉 ſtehen. Näher liegt allerdings die Ableitung von ὕβρις, Uebermuth, übergroßes Gefühl der Kraft. Vgl. ὑβρίζω, ὑβρίσω und ὑβριοῦμαι, Adject. ὑβριστής, ὑβριστικός, ὕβριστις u. ſ. w.
Man ſieht ſchon aus dem bisher Dargeſtellten, welchen großen Wortvorrath das Judendeutſch beſitzt. Nicht nur alle deutſchen Mund - arten, ſondern auch fremde Sprachen, je nach dem größern oder ge - ringern Grade der Berührung des beweglichen Judenthums mit nicht - deutſchen Nationen, haben ihren Beitrag zum Judendeutſch geliefert. Aber auch ſchon die ſpecifiſch jüdiſche Sprachzuthat an und für56 ſich ſelbſt hat einen großen innern Wortreichthum. Der Wort - vorrath der hebräiſchen Sprache iſt überhaupt ſchon früh durch Chaldäismen, Syriasmen u. ſ. w. verſetzt und verſtärkt und dazu durch die talmudiſchen und rabbiniſchen Schriftſteller von den ur - ſprünglichen einfachen und natürlichen Bedeutungen zu gramma - tiſchen, philoſophiſchen, culturhiſtoriſchen, bürgerlichen und häus - lichen Begriffen erweitert worden, welche dem hebräiſchen Alter - thum ganz unbekannt waren und in ihren ausgearteten Formen ſogar oft die urſprüngliche Bedeutung des Stammworts verdun - keln. Dadurch hat aber das Judendeutſch eine Fülle treffender Begriffe gewonnen, welche gerade in der Vereinigung mit der deutſchen Sprache ſich noch eigenthümlicher zu Begriffswörtern gebildet und abgerundet haben und in welchen Phantaſie wie Scharfſinn, Witz und Laune bis zum Uebermuth neben und mit - einander hervortreten, ſodaß gerade dieſe Fülle neben der geheim - nißvollen Eigenthümlichkeit der Sprachen das Gaunerthum ver - mochte, auf das begierigſte dieſe Sprache des ohnehin zur Hefe des Volkes hinabgeſtoßenen Judenthums aufzufaſſen und mit allem, was Witz, Spott, Hohn, Jronie, Frivolität und frecher Ueber - muth auf dem unreinen Sprachboden nur erſinnen und ſchaffen konnten, für ſich auszubeuten und zu cultiviren.
Um die judendeutſche Sprache und die ſo ſtark aus ihr ge - ſättigte Gaunerſprache in ihrer ganzen Eigenthümlichkeit und Zu - ſammenſetzung klar zu erkennen, bedarf es eines wenn auch nur flüchtigen Blicks auf andere ſprachliche Erſcheinungen, welche aus den Vermiſchungen zweier an ſich verſchiedener Sprachen hervor - gegangen ſind. Zugleich mag dadurch der Vorwurf von der deut - ſchen Sprache zurückgewieſen werden, „ daß [wie Bouterwek, „ Ge - ſchichte der Litteratur “, IX, 82, andeutet und F. W. Genthe1)„ Geſchichte der maccaroniſchen Poeſie und Sammlung ihrer vorzüglichſten Denkmale “(Halle und Leipzig 1829), S. 13. aufnimmt] die im 15. Jahrhundert hervortretende Miſchung der deutſchen Sprache mit fremdſprachlichen Subſtanzen eine ſo lange Vorgeſchichte gehabt habe, daß ſie ſich ſchon in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts angekündigt hätte “.
57Vor allem muß man die Berechtigung eines jeden Volkes an - erkennen, im Verkehr mit fremden Völkern und deren Sprache nach den verſchiedenen Bewegungen des Zeitgeiſtes in religiöſer, ſittlicher und wiſſenſchaftlicher Hinſicht ſeinen Wortvorrath durch Einbürgerung von Fremdwörtern zu bereichern. Wenn auch dieſer zunächſt nur durch den Verkehr veranlaßten Bereicherung häufig kein wirkliches Bedürfniß zu Grunde lag, ſo ſtrebt doch jede ge - bildete Sprache danach, ſelbſt einen Ueberfluß von Wortformen ſich zu eigen zu machen, um damit den wichtigen Zweck der Be - zeichnung von Unterſchieden der Bedeutung zu erreichen. So gibt es denn bei dieſem Ueberfluß in der Sprache der Bildung eine Menge fremder Wörter, welche der eigentlichen Volksſprache fremd geblieben ſind, aber durch das höhere Bedürfniß der Sprache der Bildung, namentlich zum Ausdruck abſtracter Begriffe und zur Bezeichnung wiſſenſchaftlicher und künſtleriſcher Gegenſtände und Begriffe, Aufnahme gefunden haben. 1)Vgl. das Weitere bei Becker, I, 57.Unleugbar iſt, daß trotz dieſer Bereicherung die Sprache an ſich zurückgegangen iſt, wie man denn kaum eine treffendere Wahrheit finden kann als die, welche Schleicher („ Sprachen Europas “, S. 12) ausſpricht, daß Geſchichte und Sprachbildung ſich ablöſende Thätigkeiten des menſch - lichen Geiſtes ſind. 2)Vortrefflich iſt dazu die aus Schleicher’s früherm Werke „ Zur verglei - chenden Sprachengeſchichte “(Bonn 1848), S. 17 herbeigezogene Bemerkung: „ Jn der Sprache erſcheint der Geiſt ſowol der Menſchheit im allgemeinen als der eines jeden Völkerſtammes im beſondern in ſeinem Andersſein, daher das Wechſel - verhältniß von Nationalität und Sprache; derſelbe Geiſt, der ſpäter in ſeiner geſchichtlichen Freiheit die Nationalität erzeugte, brachte früher in ſeinem Hin - gegebenſein an den Laut die Sprache hervor. Ebenſo erſcheint der Weltgeiſt in der Natur in ſeinem Andersſein, es iſt dies der erſte Schritt nach dem rei - nen Anſich; in dem Maße aber, als der Geiſt zu ſich ſelbſt kommt, für ſich wird, ſchwindet jenes Andersſein, zieht er ſich aus ihm zurück, wendet ihm ſeine Thätigkeit nicht mehr zu. Was die vormenſchliche Periode in der Geſchichte unſers Erdballs, das iſt die vorhiſtoriſche in der Geſchichte des Menſchen. Jn erſterer fehlte das Selbſtbewußtſein, in der letztern die Freiheit deſſelben; in erſterer war der Geiſt gebunden in der Natur, in letzterer im Laute, daher dort die Schöpfung des Reichs der Natur, hier die des Reichs der Laute. Anders
58Jſt die durch hiſtoriſche Proceſſe bewirkte Entſtehung von Sprachen, z. B. die der ganzen romaniſchen Sprachfamilie, noch bei weitem mehr ein Beweis vom Untergang einer Sprache, in - dem die eine Sprache nur durch die unmittelbare Abhängigkeit eines Volkes von einem herrſchenden Volke und deſſen Sprache zer - ſetzt und in ihrer urſprünglichen Reinheit verdunkelt und unter - drückt werden konnte: ſo zeigt ſich doch auch, daß da, wo der Sprachgeiſt ſich noch frei bewegen konnte, die fremdartigen Zuſätze, welche die Formen ſtarr und für das Volk unverſtändlich mach - ten, von dieſem Sprachgeiſt zurückgewieſen und ſomit die origina - len Sprachſubſtanzen vor der Zerſetzung bewahrt wurden, wie ja die deutſche Sprache trotz der vielfachſten Angriffe und Ge - fahren ſich dennoch am freieſten von der Vermiſchung mit frem - den Sprachen gehalten hat. Ein nicht geringes Verdienſt hat dabei ſtets die ohnehin immer von einem hohen Grade nationalen Frei - heitsgefühls zeugende Volksliteratur und beſonders die Satire ge - habt, indem ſie in übermüthigem Spotte die erkannte nahende Gefahr dadurch bloßlegte, daß ſie die Unmöglichkeit fremdartiger Formen offen darlegte und dem Spotte preisgab. Jn dieſer Weiſe machte ſchon Ariſtophanes mit lachendem Munde auf die in den fremdartigen Formen herannahende Gefahr der Entartung aufmerkſam, z. B. in den „ Acharnern “, in welchen der Megareus und Boiotes ſchon als höchſt komiſche, ſcharfgezeichnete Dialekt - typen1)Wem fällt hierbei nicht die moderne, immer komiſche Stereotype des „ Zwickauer “in dem von Muthwillen, Laune und Satire überſprudelnden ber - liner „ Kladderadatſch “ein? hervortreten und wo im hundertſten Verſe:
2)in unſerer Weltperiode, in welcher ſich im Menſchen der Geiſt concentrirt und der Menſchengeiſt ſich aus den Lauten herausgezogen, freigemacht hat. Die mächtige, gewaltſam thätige, von ſchöpferiſcher Potenz ſtrotzende Natur frü - herer Weltperioden iſt in unſerer jetzigen zur Reproduction herabgekommen, ſie erzeugt nichts Neues mehr, nachdem der Weltgeiſt im Menſchen aus dem Andersſein zu ſich gekommen; ſeitdem der Menſchengeiſt — und der Menſch iſt und bleibt doch der Mikrokosmus — zu ſich kam in der Geſchichte, iſt es aus mit ſeiner Fruchtbarkeit im bewußtloſen Erzeugen ſeines concreten Bildes, der Sprache. Seitdem wird auch ſie nur reproducirt, aber in den Sprachgenera - tionen zeigt ſich eine immermehr um ſich greifende Entartung. “
59ἰαρταμὰν ἐξαρξ᾽ ἀναπισσόναι σάτρα, ſowie V. 104: σὐ λ〈…〉〈…〉 ψι χρῦσο, χαυνόπρωκτ᾽ Ἰαοναῦ, ein gräuliches perſicirendes Griechiſch herausklingt. 1)Vgl. die Gloſſe von S Bergler in ſeiner Ausgabe des Ariſtophanes (Leiden 1760), S. 474: Jocatur quasi Persice loquens, und zu V. 104: Clarius hoc dicit, sed barbarizans: οὐ λήψει χρύσον, χαυνόπρωκτε Ἴον, ὄυ. Non accipies aurum, o effoeminate Ion, non. Iones proprie Athe - nienses dicuntur et Ἰάονες per dialectum quamdam. Mit dieſem Miſchmaſch wollte der ſchelmiſche Ariſtophanes offenbar die Perſon eines bei den Athenern zur Zeit beglaubigten fremden (perſiſchen) Geſandten perſifliren, indem er raſch und kurz mit dieſen zwei Verſen eine Figur über die Bühne ſchreiten ließ, von welcher die lachenden Athener recht wohl wußten, wer damit gemeint ſei. Der Hieb auf dieſe Perſon fällt ja um ſo ſchwerer, als unmittel - bar darauf (V. 115 — 122) vom Dikaiopolis die Entdeckung ge - macht wird, daß unter der Begleitung dieſer Caricatur (Pſeudar - tabas) die beiden verkleideten Athener Kleiſthenes und Straton, übel berufene Subjecte, ſich befinden.
Jn ähnlicher Weiſe führt Plautus im fünften Act ſeines „ Poenulus “das Puniſche ein, von welchem übrigens F. Hitzig in Zürich eine ganz herrliche, tüchtige Erklärung2)F. G. Welcker und F. Ritſchl, „ Rheiniſches Muſeum für Philologie “, Jahrg. 10, S. 77 — 109. Vgl. noch daſelbſt Wex im Jahrg. 9, S. 312 fg. und Jahrg. 12, S. 627 fg. über denſelben Gegenſtand. gegeben hat. So klar und verſtändlich nach Hitzig’s Kritik und Erläuterung in der erſten Scene das Puniſche in Hanno’s Munde iſt, ſo über - aus komiſch iſt das von Plautus dem unkundigen Sklaven Milphir in den Mund gegebene falſche Verſtändniß puniſcher Brocken und deren Wiedergabe nach lateiniſcher Aſſonanz. Dieſe carikirten Vorführungen exotiſcher Sprachformen, welche an ſich für die heimiſche Sprache gar nicht möglich waren und ſelbſt vom populärſten Dichter nicht gewagt werden durften, wenn ſie nicht ſchon dem Volke durch längern Verkehr kenntlich und verſtändlich geworden waren, zeigen gerade durch den Ort, durch den Zweck60 und durch die Weiſe, wo und wie ſie unternommen wurden, recht deutlich, wie ſehr Dichter und Volk einig waren in bewußter Em - pfindung des römiſchen Sprachgeiſtes, welcher hier in der lachen - den Satire einen recht ernſten Sieg feierte.
Während Cicero in ſeinen philoſophiſchen Schriften, weniger in ſeinen Briefen, ſich griechiſcher Wörter bediente, erkannte er mit ſeiner gerade durch ihn zu ganzer claſſiſcher Höhe geförderten Sprache deren volle Berechtigung an, zu ihrem Wortvorrath grie - chiſche Wörter aufzunehmen. Er war um ſo mehr befugt zu dieſer Aufnahme, als er die griechiſche Philoſophie auf römiſchen Boden überführte. Die neuaufgenommenen griechiſchen Wörter wurden eben durch die aufgenommenen philoſophiſchen Begriffe ſelbſt er - läutert, ſie wurden damit ſowol geiſtiges wie ſprachliches Eigen - thum der Römer und durften daher auch die lateiniſchen Flexio - nen annehmen. Ueberall aber wies der Geiſt der römiſchen Sprache jede Einmiſchung ſolcher fremdſprachlicher Wörter zurück, für welche in der heimiſchen Sprache ſchon ausreichende Begriffe vorhanden waren. Gerade dadurch, daß da, wo Unwiſſenheit oder Eitelkeit die vom Sprachgeiſt bewachte Grenze überſchritt, ſogleich der Spott und die Satire bei der Hand waren, um den fremden Eindringling unbarmherzig zu züchtigen und zurückzuweiſen, hat der römiſche Sprachgeiſt in der Satire eine mächtige Handhabe gefunden, um, wie die Sitte durch Sittencenſur, ſo auch die Sprache durch Rüge vor dem Untergange zu retten und ſie zu befähigen, daß ſie kaum je eine todte Sprache, vielmehr die immer lebenskräftige Mutter der reichen romaniſchen Sprachfamilie wurde, von der jedes Mit - glied die charakteriſtiſchen Züge der Mutter an ſich trägt. Es gibt kaum etwas Schneidenderes, ja man kann ſagen Boshafteres als die Weiſe der römiſchen Satiriker, mit welcher ſie auf dem reichen Boden der Volksſprache die exotiſchen Wörter recht unter die Füße des Volkes warfen. Sie vernichteten damit geradezu nicht nur die gegeiſelte Perſon, ſondern vernichten auch für immer allen Muth zu ſolchen Sprachmengungsverſuchen, wie z. B. in der von Genthe S. 11 angeführten Stelle des Lucretius:
61Nigra μελιχροος est, immunda et foetida ἀκοσμος Caesia παλλαδιον; nervosa et lignea δορκας; Parvola numilio χαριτω᾽νια, tota merum sal, Magna atque immanis καταπληξις, plenaque honoris. Balba loqui non quit, τραυλιζει, muta pudens est; At flagrans, odiosa, loquacula λαμπαδιον fit, Ἰχνον ἐρωμενιον tum fit, cum vivere non quit Prae macie, ῥαδινη vero est jam mortua tussi; At genuina et onammosa Ceres est ipsa ab Iaccho, Simula σιληνη ac Satyra ’st, labiosa φιλημα.
So auch mußte ſchon hundert Jahre vor Lucretius der alte Sa - tiriker Lucilius und noch vor letzterm der Rhodier Pitholeon die Geiſel geſchwungen haben, von dem Horaz, Sat., I, 10, 20, ſagt:
wobei denn auch Horaz ſelbſt mit ſeinem o seri studiorum darüber ſpottet, daß man die Bedeutſamkeit der Pitholeoniſchen Sprachweiſe nicht ſchon gleich richtig aufgefaßt hatte.
Ganz andere Gründe aber lagen der Verſetzung der alten heiligen hebräiſchen Sprache mit andern Sprachſtoffen zu Grunde. Mit dem gefangenen Judenvolk ward auch der hebräiſche Sprach - geiſt in der freien ſelbſtändigen Bewegung gebunden. Seine ſicht - bar werdende Gefangenſchaft und Lähmung iſt ein trübes Symptom des beginnenden völligen nationalen Untergangs des Gottesvolkes, deſſen Ende mit dem Abſterben der hebräiſchen Sprache angefan - gen hatte. Das zu Jeſaias’ Zeit den Bewohnern Judäas noch unverſtändliche Aramäiſche machte ſich ſpäter ſehr raſch in Palä - ſtina als Volksſprache geltend, ſodaß alle Acte des bürgerlichen Lebens, Sprichwörter, beſtimmte Formeln für das ungelehrte Volk, Weiber und Kinder, populäre Bücher u. ſ. w. in aramäiſcher Sprache abgefaßt wurden und in Umlauf kamen. Die von Ne -62 bukadnezar nach Babylon verpflanzten Juden kehrten fortwährend einzeln nach Paläſtina zurück, oft in größern Gruppen, und brach - ten das Aramäiſche ſchon als ihre Mutterſprache aus dem langen Exil mit. Dazu machte das Samaritaniſche1)Zunz, a. a. O. Sehr merkwürdig iſt die Bezeichnung〈…〉〈…〉, ἰδιῶται, im Sanhedrin für die aramäiſch redenden Samaritaner, und〈…〉〈…〉, die aramäiſche Volksſprache, ſowie〈…〉〈…〉, das aramäiſche Sprichwort, Gleichniß. als urſprünglich aramäiſcher Dialekt mit dem Syriſchen (da die Juden ja auch durch Syrien weit verbreitet waren) ſich geltend, und ſomit ver - floß das Hebräiſche allmählich zum hebräiſch gefärbten aramäiſchen Dialekt bis zum gänzlichen Ausſterben der heiligen Sprache als Volksſprache im 4. Jahrhundert n. Chr., ſodaß fortan den Gemein - den der vorgeleſene Urtext der heiligen Bücher von einem eigenen Ueberſetzer versweiſe aramäiſch überſetzt werden mußte.
Noch früher war der heiligen Sprache im Occident der Un - tergang durch die Herrſchaft der griechiſchen Sprache bereitet wor - den, welche, von den jüdiſchen Gelehrten in Paläſtina hochgeachtet, ſelbſt in das Hebräiſche eingedrungen und ſogar Mutterſprache der (helleniſtiſchen) Juden in den griechiſchen Städten Paläſtinas, in Aegypten, Cyrene, im aſiatiſchen und europäiſchen Griechenland geworden war. 2)Zunz, S. 10.Sehr merkwürdig iſt die Novelle 146 Juſti - nian’s3)Nov. 146, cap. 1: Sancimus igitur licentiam esse volentibus He - braeis per synagogas suas, in quocunque Hebraei omnino loco sunt, per graecam vocem sacros libros legere convenientibus, vel etiam patria forte (Italica hac dicimus lingua) vel etiam aliorum simpliciter, una scilicet cum locis etiam lingua commutata, et per ipsorum lectionem per quam clara sunt quae dicuntur convenientibus omnibus deinceps, et secundum haec vivere et conversari. Am Schluß des Kapitels wird für die griechiſche Leſung die LXX empfohlen, „ quae omnibus certior est et prae aliis me - lior judicata “etc. vom Jahre 541: ut liceat Hebraeis secundum traditam legem sacras scripturas Latine vel Graece vel alia lingua le - gere u. ſ. w., weil ſie ein lebendiges Zeugniß davon iſt, wie weit ſich die Juden auch ſchon im Occident verbreitet und wie tief ſie ſich überall eingebürgert hatten, ſodaß die Sprache ihres63 neuerworbenen Vaterlandes ihnen bei ihren gottesdienſtlichen Ver - ſammlungen zur Erklärung ihrer alten heiligen Bücher dienen mußte. Ueber die Einbürgerung der hebräiſchen Sprache mit dem Judenthum in den europäiſchen Ländern und beſonders in Deutſch - land findet man viel Ausgezeichnetes in den ſchon mehrfach er - wähnten Werken von Zunz und J. M. Joſt.
Bei der Begegnung der in eben dargeſtellter Weiſe verfärb - ten hebräiſchen Sprache mit der deutſchen Sprache im Jüdiſch - deutſchen iſt hier nur kurz zu bemerken, daß, ſo unleugbar die Hin - und Herwirkungen und gegenſeitigen Abfärbungen der in ſo nahe Berührung miteinander gebrachten Sprachen ſind, man den - noch ſich ſehr zu hüten hat, aus den gleich oder ähnlich lautenden Wurzeln deutſcher oder hebräiſcher Wörter ſogleich auf eine Ver - wandtſchaft und gleichmäßige Abſtammung beider getrennter Sprach - ſtämme zurückzugehen. Die Zeit, in welcher man, auf ſchiefe und gezwungene Anſchauungen geſtützt, überall den Zuſammenhang abendländiſcher Sprachen mit der hebräiſchen nachzuweiſen ſich eifrig beſtrebte, liegt uns noch viel zu nahe, als daß nicht die Verſuchung, namentlich für den Laien, noch immer groß ſein ſollte, auf dieſem frühern, erſt von der herrlichen neuern Sprachverglei - chung mindeſtens als gefährlich bezeichneten Wege weiter zu gehen, wenn man ſoviel gleich oder ähnlich Lautendes oder verwandt Scheinendes neben - und durcheinander erblickt. Doch iſt min - deſtens vor der Hand wohl zu beherzigen, was Geſenius, „ Ge - ſchichte der hebräiſchen Sprache und Schrift “(Leipzig 1815), S. 651 über dieſen Gegenſtand ſagt, bis es der mit bewundernswürdigem Geiſt und Fleiß arbeitenden neuern Sprachvergleichung gelungen iſt, den richtigen Weg nachzuweiſen, der unzweifelhaft vorhanden, aber ſeit Jahrtauſenden undurchdringlich verwachſen iſt.
Mit gutem Recht bemerkt Genthe S. 12, ehe er den großen Sprung von Cicero auf Williram macht, daß im mittelalterlichen Deutſchland das Lateiniſche als Sprache der Geiſtlichkeit ſeine Herrſchaft ebenſo weit verbreitet hatte wie ehedem das römiſche Volk ſeine politiſche Herrſchaft, und daß die Landesſprache gleich - ſam in einem Kampfe ſich hervorringen mußte. Wenn Genthe nun auch das Ringen der deutſchen Sprache nach freier Selbſtän - digkeit anerkennt und die Spuren des Lateiniſchen in ganzen Wör - tern und Phraſen bei Williram (älterer, bei Genthe ganz über - gangener Urkunden nicht zu gedenken) findet, ſo durfte er nicht unmittelbar darauf die Anſicht Bouterwek’s, welche ſchon oben an - geführt iſt, adoptiren, daß ſchon in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts dieſe Sprachmengerei ſich angekündigt habe. Die deutſche Sprache ſuchte gerade in jener Zeit mit dem eifrigſten Streben ſich vor der lateiniſchen geltend zu machen und aus dem Volke in die Schriftſprache hinaufzudringen. Sie hatte aber noch nicht die Gewalt und Gewandtheit zur raſchen und vollſtändigen Emancipation. Sie wurde eben noch durch die herrſchende Gewalt des römiſchen Cultus und ſeiner Sprache zurückgehalten. Hatte ſie aber noch an den Spuren dieſer Sprache zu tragen, ſo ſchleppte ſie die lateiniſche Sprache inſoweit kaum noch als Sprache, ſon - dern ſchon als zerbröckelte, von ihrem Sprachgeiſte ſchon längſt verſchmähte fremde Sprachmaſſe nur in den Rudimenten einzelner Wörter und Sätze mit ſich hindurch, ohne ſich ſelbſt jemals mit der lateiniſchen Sprache zu verſetzen, bis ſie endlich die ganze Laſt abwerfen konnte. Von einer wirklichen Sprachvermiſchung iſt nicht die Rede, wenn es z. B. in Williram’s Erklärung des Hohen Liedes 3, 11, heißt:
Ir gûoten ſêla, ir der hîe birt positae in specula fidei, unte ir gedinge hât daz ir cúmet in atria coelestis Hierusa - lem, tûot iu sélbon êinan rûm, daz iuvich nechêin uuérlich65 strepitus geírre, ir negehúget alliz ána der mysteriorum iu - veres redemptoris unte der dúrnînon corônon, die imo judaica gens ûf sázta, díu sîn mûoter uuás secundum carnem etc.
Man ſieht hier, wie an allen gleichzeitigen, ja noch frühern Stellen, in dem Wechſel des vorherrſchenden Deutſchen mit ein - zelnen lateiniſchen und lateiniſch flectirten Wörtern durchaus keine Vermiſchung der Sprachen, ſondern beide Sprachen mit un - verletzten Flexionen in ihren Gegenſätzen getrennt nebeneinander ſtehen und man erkennt den aufgeklärten deutſchen Abt des 11. Jahr - hunderts, der, obwol ſeine ganze Bildung von römiſchem Cultus und römiſcher Sprache getragen war, das Möglichſte that, um ſich der lateiniſchen Sprache zu entringen, und welcher nur noch die latei - niſchen Bezeichnungen beibehielt, weil ſie kirchentechniſche Termini waren und populäres Verſtändniß erlangt hatten, oder weil er ſelbſt nicht das richtige deutſche Wort ſogleich finden konnte. Man darf nie vergeſſen, daß jene alten Sprachdenkmäler zumeiſt reli - giöſe Gegenſtände behandelten und faſt ausſchließlich von Geiſt - lichen, den einzigen Trägern der Wiſſenſchaft überhaupt, herrühren, und daß gleichzeitige, ja noch viel ältere, nicht aus dem Cultus entſprungene Sprachdocumente, wie z. B. der Schwur der Könige und der Völker zu Strasburg (842): In godes minna ind in thes christiânes folches ind unser bêdhêro gehaltnissi u. ſ. w.1)Vgl. Wackernagel, „ Althochdeutſches Leſebuch “, S. 76, 23., das Lied auf den Sieg König Ludwig’s III. bei Saucourt (881) aus dem 9. Jahrhundert2)Ebend., S. 106., eine von allen lateiniſchen Einſchal - tungen freie deutſche Sprache enthalten.
Jn gleicher Weiſe verhält es ſich mit den freilich viel ſpä - tern, von Genthe, wie es ſcheint, mit ungenauer Kenntniß der Richtung und Bedeutſamkeit des wackern Peter von Dresden († 1440) nur ſehr oberflächlich und auch mit Unrecht hierher ge - zogenen kirchlichen Geſängen dieſes merkwürdigen Zeitgenoſſen des Johannes Huß. Wenn je ein Kirchenlieddichter des MittelaltersAvé-Lallemant, Gaunerthum. III. 566dahin ſtrebte, den Gottesdienſt von dem ſchon längſt dem Volke unverſtändlich gewordenen Latein loszureißen, ſo war es Peter von Dresden; er hatte rein deutſche Lieder für die Kirche gedichtet und, da ihm dieſe Abweichung vom römiſchen Klerus gewehrt wurde, ſich ſelbſt an den Papſt gewandt, welcher mindeſtens die - jenigen Lieder zuließ, welche Peter von Dresden abwechſelnd Vers um Vers mit Latein durchzogen hatte, um dem römiſchen Cultus und dem deutſchen Drange gleiche Genüge zu leiſten. Dieſe herr - lichen Lieder, unter denen die bekannten: In dulci jubilo; Puer natus in Bethlehem; Quem pastores laudavere; In natali Do - mini; Nobis natus hodie u. ſ. w., welche man auch noch in den meiſten proteſtantiſchen Geſangbüchern des vorigen Jahrhunderts, unter andern auch im lübeckiſchen vom Jahre 1723 findet, hat auch Luther, der Schöpfer des deutſchen Kirchengeſangs, lobend anerkannt und beibehalten („ auff daß man ja ſehen möge, wie dennoch allezeit Leute geweſen ſind, die Chriſtum recht erkandt haben “). Das Nähere über dieſe Lieder findet man §. 104 fg. der Abhandlung von Jakob Thomaſius1)Jch beſitze dieſe ſehr werthvolle Monographie nur in der Ueberſetzung bei J. C. Mieth: „ Deliciarum manipulus “(Dresden und Leipzig 1703). Nr. 1 unter dem Titel: „ M. Jac. Thomasii Curiöſe Gedancken Vom Dreßdniſchen Peter. Aus dem Lat. ins Deutſche überſetzt von M. M. 1702. “: „ De Petro Dresdensi. “ Die nun aber zugleich dabei von Genthe S. 14 erwähnten ſatiri - ſchen Gedichte ſind wieder gerade der Gegenbeweis ſeiner Behaup - tung, da man ſie, wie die Satiren der Alten, als ſcharfe Geiſeln erkennen muß, welche von Spott und bitterer, ja gehäſſiger Sa - tire gegen die entartete, verſunkene Geiſtlichkeit geſchwungen wur - den. Dieſe perſiflirenden Knittelverſe ſind ſo feindſelig, ſchmuzig und herabwürdigend, daß man ſich ſcheuen muß, von der Flut derſelben auch nur eine Probe zu geben. 2)Mehrere ſolche Gedichte ſind enthälten in den ſehr ſelten gewordenen „ Nugae venales, sive Thesaurus ridendi et jocandi ad Gravissimos Seve - rissimosque Viros, Patres melancholicorum conscriptus “(Ausgaben von 1691, 1694, 1720). Nur letztere iſt in meinem Beſitze. Obige Probe ſteht S. 280.Doch ſieht man auch67 ſchon aus dem Anfang ſolcher „ Cantiuncula “, daß von einer Sprachvermiſchung nicht die Rede iſt, z. B.:
Pertransibat clericus, Durch einen grünen Waldt, Videbat ibi stantem, stantem, stantem Ein Mägdelein wohlgeſtalt. Salva sis puellula, Godt grüß dich Mägdelein fein, Dico: ibi vere, vere, vere, Du ſolſt mein Beiſchlaf ſein. Non sic, non sic, mi Domine, Jhr treibet mit mir ſpott, Si vultis me supponere, supponere, supponere, So macht nicht viel der Wordt. Ceciderunt ambo Wol in das grüne gras u. ſ. w.
Dabei drängt ſich überall die Wahrnehmung auf, wie in den Land - und Stadtrechten, z. B. in dem zuerſt lateiniſch, dann nie - derdeutſch und endlich hochdeutſch bearbeiteten Sachſenſpiegel, im Schwabenſpiegel und in Rechtsurkunden, z. B. der augsburger Schenkungsurkunde von 1070, ſich die deutſche Sprache geltend macht, während das von dem Klerus und Lehnrecht getragene Latein, dem claſſiſch-römiſchen Sprachgeiſt zum Hohn, ſeinen ur - ſprünglichen Charakter verliert und mit ſtarker deutſcher Verfärbung in das barbariſche Mittel - und Mönchslatein übergeht, von wel - chem unzählige Proben vorliegen und welches namentlich von dem ſprudelnden Humor und der ſchneidenden Satire der „ Epistolae obscurorum virorum “(1516) bis zur Vernichtung gegeiſelt und für alle Zeit zur Poſſe der lateiniſchen Sprache geſtempelt wurde. Aber ſchon gegen das Ende des 12. Jahrhunderts findet man, daß die Poeſie aus den Händen der Geiſtlichkeit in die der Laien überging, und daß in der erzählenden Dichtung, welche ſowol ein - heimiſche wie fremde Sagenſtoffe behandelte, wie in dem ſpäter ſich bildenden Meiſtergeſang, wenn auch romaniſche Einflüſſe ſicht - bar ſind, doch auch die nationale Eigenthümlichkeit ſich entwickelte5 *68und die deutſche Sprache, namentlich in der Volkspoeſie, einen feſtern ſprachlichen Rechtsboden gewann. 1)Vgl. J. W. Schäfer, „ Grundriß der Geſchichte der deutſchen Literatur “(Bremen 1858), S. 15, und Vilmar, „ Geſchichte der deutſchen Nationallitera - tur “(Marburg 1860), S. 144 fg.
Erſt mit dem Anſchluß des Meiſtergeſangs an die Bildung der Ritter und Fürſten zeigt ſich deutlich die Verunſtaltung der deutſchen Sprache durch Einmiſchung fremder Wörter, welche Jahrhunderte hindurch die deutſche Sprache verunzieren ſollten. Das Ritterthum, welches ſich ſeit dem Schluſſe des 11. Jahrhun - derts kräftig entwickelt hatte, gewann im Waffendienſte, im Auf - ſuchen von Abenteuern und Gefahren ſeinen höchſten Glanz und in den Kreuzzügen ſeine höchſte Poeſie. Das Ritterthum war ein einziger großer europäiſcher Staat, welcher in ritterlich-religiö - ſer Begeiſterung die europäiſchen Länder wie ſeine Provinzen in ſich vereinigte. Seine Poeſie bildete ſich, wie im Gegenſatz zur alten Volkspoeſie, zur Kunſtpoeſie aus, welche in Geiſt und Form nach einer höhern, dem Glanze des Ritterthums und Fürſtenthums ſcheinbar mehr entſprechenden Stufe ſtrebte. 2)Von großer Wichtigkeit für die Kenntniß und Geſchichte der alten fran - zöſiſchen Poeſie iſt das von Le Grand d’Auſſy herausgegebene Werk: „ Fabliaux ou Contes du XII et XIII siècle, traduits et extraits d’après divers ma - nuscrits du temps; avec des notes historiques et critiques, et les imita - tions qui ont été faites de ces contes depuis leur origine jusqu’à nos jours “(3 Thle., Paris 1779), welches, wenn es auch ſchon unter dem Titel: „ Erzählungen aus dem 12. und 13. Jahrhundert mit hiſtoriſchen und kritiſchen Anmerkungen “(5 Bde., Halle und Leipzig 1795 — 98), in das Deutſche über - ſetzt und von dem (unbekannten) tüchtigen Ueberſetzer mit ſehr bedeutenden gründlichen Anmerkungen bereichert wurde, dennoch weniger Beachtung gefunden hat, als doch das ſehr tüchtige und anziehende Werk in hohem Grade, auch in Bezug auf unſere deutſche Nationalliteratur, verdient.Die erzählende69 Dichtung entwickelte ſich vorzüglich im nördlichen Frankreich, wo britiſche, normanniſche und fränkiſche Sagen zuſammenfloſſen, und verbreitete ſich von da nach England. Die lyriſche Kunſtpoeſie hatte ihren Sitz in der Provence und ward an den Höfen der Fürſten und auf den Burgen der Ritter gepflegt, welche Sammel - plätze der kunſtreichen Sänger (troubadours) waren. Von hier verbreitete ſich provenzaliſche Poeſie über das nördliche Spanien und Jtalien und wirkte auch auf das nördliche Frankreich (die trouvères) und auf das benachbarte Deutſchland ein.
Jn dieſer Poeſie des Ritterthums bildete ſich eine Sprache aus, welche, wie die heutige deutſche Sprache der Bildung alle Dialekte in ſich vereinigt, ſo aus allen Ländern des Rit - terthums Wörter und Redeweiſen wie analoge Dialekte des Ritterthums in ſich aufnahm, ohne jedoch die ſpecifiſche Eigen - thümlichkeit der Sprachbeiträge in ein fließendes nationales Gan - zes vereinigen zu können. Mit den franzöſiſchen Sagenſtoffen, wie z. B. dem Rolandslied des Pfaffen Konrad (1173 — 77), dem Alexander des Pfaffen Lamprecht (1175), welche nach fran - zöſiſchen Originalen gedichtet ſind1)Schäfer, S. 21 und 22. Vilmar, I, 151., konnte ſich um ſo leichter auch die Sprache der ritterlichen Minne und höfiſchen Sitte mit denjeni - gen Sprachen verſetzen, welche den Stoff zur Dichtung ſelbſt lie - ferten. So miſcht denn nun auch der Tanhuſer, wie Genthe S. 15 richtig bemerkt, „ in ſeinem Streben nach zu großer Ga - lanterie in der Sprache, in der Schaulegung ſeiner Studien und Beleſenheit, aus affectirter Urbanität und Courtoiſie “in ſeine deutſchen Verſe franzöſiſche Wörter und Redensarten ein und ſpricht unter andern von dem Riviere, der Planure und dem Dulzamys, daß er habe parliren müſſen, als die Nachtigall angefangen habe zu toubiren; ſeine Dame ſei geſeſſen bei der Fontane; ihre Perſon ſei ſchmal und ein lützel grande; da habe er erhoben ſein Parolle u. ſ. w. Dieſe widerlich ſüße unreine Sprache eines der friſcheſten Dichter des 13. Jahrhunderts, welche ſogar auch den Stoff verunreinigte, wurde aber durchaus Ton, obſchon ſich70 im 14. und 15. Jahrhundert auch das Niederdeutſche vordrängte, und ungeachtet ſchon zu Ende des 15. Jahrhunderts die aus hoch - und niederdeutſchen Formen gemiſchte oberſächſiſche Mund - art in der Kanzleiſprache der Höfe und Reichsſtädte ſowie in der proſaiſchen Literatur ſich geltend macht und neben der ſpätern Luther’ - ſchen Bibelſprache zur Grundlage der neuhochdeutſchen Sprache ward. Gerade dieſe Sprache ſchien die Folie ſein zu ſollen, auf welcher mit dem Verfall des kräftigen Ritterthums, einfacher Sitte an den Höfen der Fürſten und Edeln, ſowie im Bereich der von ihnen geförderten oder mit ihnen in Berührung ſtehenden Jn - telligenz, trotz der Tabulaturen der Meiſterſänger, eine Sprache als Sprache der höhern Bildung, Galanterie, höfiſchen Geiſtes und diplomatiſchen Verkehrs ſich zu jenem albernen, widerlichen, unnatürlichen Sprachgeckenthum ausbilden konnte, welches durch das Vordringen des Calvinismus und durch die Aufnahme der großen Menge flüchtiger Hugenotten in Deutſchland beſonders mit franzöſiſchen Brocken ſich überſättigte1)Schon lange hatte im franzöſiſchen Ritterthume und deſſen Sprache, zum großen Nachtheile beider, eins der ſeltſamſten Jnſtitute, worauf je der menſchliche Geiſt verfallen iſt, beſtanden, die Cours d’amour, welche auch weit und tief in Deutſchland hineinwirkten. Man vgl. im zweiten Theil der ſchon angeführten „ Fabliaux “von Le Grand d’Auſſy die Erzählung Huéline et Eglantine mit den Bemerkungen dazu. Die Nutzloſigkeit der Cours d’amour an ſich und die große Wichtigkeit, die man ihnen beilegte, machen ſie zwie - fach lächerlich. Und dennoch finden ſich wenig Stiftungen, welche mit ſo viel Ehrfurcht aufgenommen, mit geringern Mitteln unterhalten und von ſo ent - ſchiedener Einwirkung auf die Sitten geweſen ſind. Da die Streitigkeiten in Veranlaſſung von Fragen aus der Caſuiſtik der Liebe, die von den alten Lieder - dichtern in ihren Jeux-parties aufgeworfen wurden, kein Ende nahmen, ſo kam man, um ſie in einer letzten Jnſtanz zu entſcheiden, auf den Gedanken, eine eigene Art von ſouveränem Tribunal oder Gerichtshof zu errichten, wel - chen man aus dieſem Grunde Cour d’amour nannte. Die Glieder deſſelben wurden aus Edelleuten, Frauen von Stande und Dichtern gewählt, welche ſich durch Weltkenntniß und lange Erfahrung für Dinge der Art die nöthige Geſchicklichkeit erworben hatten. Die Frauen unterließen nicht, für das An - ſehen von Tribunalen, wo alle Ehre auf ſie bezogen ward, eifrigſt beſorgt zu ſein; die Zahl derſelben wuchs auch erſtaunlich, beſonders in den ſüdlichen Provinzen, wo man faſt keine andere Poeſie kannte als Chanſons, und wo und im Dreißigjährigen71 Kriege vorzüglich durch die unmittelbare Berührung Deutſcher, Fran - zoſen, Jtaliener, Spanier, Niederländer, Ungarn, Böhmen u. ſ. w.1)folglich dieſe wichtigen Streitigkeiten ſehr getrieben wurden. Jn den nörd - lichen Provinzen, wo man ſie gleichfalls einführte, nahmen die Sitzungen im Mai ihren Anfang und zwar auf freiem Felde unter einer Ulme, weshalb ſie auch Gieux (jeux) sous l’ormel genannt wurden. Die Gerichtsbarkeit der Liebeshöfe erweiterte ſich ſehr ſchnell. Sie erkannten über alle Zänkereien der Liebenden, über alles was die Galanterie betraf. Sie beraumten dem Angeklagten den Tag ſeiner Erſcheinung vor Gericht, und dieſe wilden Krieger, welche faſt alle ihre Streitigkeiten nur im Felde mit dem Degen in der Fauſt auszumachen gewohnt waren, fanden ſich daſelbſt ein und unterwarfen ſich ohne Murren dem Urtheil der Richter, von denen ſie nichts zu fürchten hatten. Dieſe erwogen das Vergehen, erkannten eine angemeſſene Strafe, entſchieden den Bruch oder ſchrieben die Form der Vergleichung vor; und ihre Ausſprüche, Arrêts d’amour, welche geraume Zeit in Frankreich ein Geſetzbuch ausmachten, wurden ſo hoch gehalten, daß niemand gewagt hätte, davon zu appelliren. Man erhält endlich ein vollſtändiges Bild von der Ehrfurcht, welche die Hoch - achtung für Frauen gegen dieſe lächerlichen Tribunale einflößte, wenn man ſieht, daß Prinzen und Souveräne, z. B. Alfons, König von Aragonien, Richard Löwenherz, ſich es zur Ehre anrechneten, den Vorſitz dabei zu führen, und daß ſelbſt Kaiſer Friedrich Barbaroſſa einen Liebeshof nach dem franzö - ſiſchen Muſter in deutſchen Landen anordnete. Unter der Regierung des un - glücklichen Königs Karl VI. von Frankreich ward ein Cour d’amour bei Hofe angeſtellt, dem man alle Officien beilegte, welche bei ſouveränen Gerichtshöfen ſtattfanden, als Präſidenten, Räthe, Supplikenmeiſter, Beiſitzer, Ehrenritter, Geheimſchreiber, Generaladvocaten u. ſ. w. Dieſe Officien wurden mit Prin - zen von Geblüt, mit den vornehmſten Reichsherren, den höchſten Magiſtrats - perſonen, ſelbſt mit Domherren und den reſpectabelſten Kirchendienern beſetzt, eins von den Erzeugniſſen des durch die ärgerliche Königin Jſabella verbreiteten Geiſtes der Frivolität. Eine andere, am wenigſten zu vermuthende Urſache, der Aufenthalt der Päpſte in Avignon, brachte die Liebeshöfe beſonders in dem mittäglichen Frankreich in Flor, durch den ſchnellen Glanz, welchen dieſe Provinzen dadurch erhielten, daß ſie der Vereinigungspunkt aller Annehmlich - keiten des Lebens und die Schatzkammer der Steuern der Chriſtenheit wurden. Die Nachfolger St. -Peter’s waren ſelbſt Beſchützer der Liebeshöfe. Jnnocenz VI. ſoll den Grafen von Ventimille und von Tende bei ihrem Beſuche eine dieſer Sitzungen zum beſten gegeben haben, worüber ſie, heißt es, höchlich verwun - dert waren („ Discours sur les ares triomphaux dressés en la ville d’Aix “, S. 26). Aber bald verſchwand das glänzende Meteor. Die Rückkehr der Päpſte nach Rom und das endloſe Ungemach des Staates brachten die Cours d’amour erſt in Verfall und endlich für immer vom Schauplatze. Da indeſſen die Franzoſen einmal dieſen ſubtilen Unterſuchungen der galanten Jurisprudenz72 miteinander in den ekelhafteſten Miſchmaſch ausſchlug. So kam es, daß die alſo überſüßte deutſche Sprache der Bildung aufs übelſte verſetzt und getrübt wurde, ja ſelbſt in die Volksſprache nachtheilig hineinwirkte, und daß ſogar das Gaunerthum aus dieſer Sprach - hefe eine ziemliche Ausbeute machte und daß im Dreißigjährigen Kriege das goldene Zeitalter der Gaunerſprache begann. 1)Recht intereſſante Bemerkungen über die Verwilderung der deutſchen Sprache zu dieſer Zeit gibt nach Dionys Klein („ Kriegsinſtitution “, 1598, S. 288) der geiſtvolle G. Freitag, „ Bilder aus der deutſchen Vergangenheit “(Leipzig 1859), II, 78, obwol die parentheſirten Ueberſetzungen der Gauner - wörter zum Theil nicht richtig ſind, z. B. anſtoßen iſt nicht ſchätzen, ſondern zum beſten haben, hinters Licht führen, vom jüdiſchdeutſchen Schtus, Unſinn, Narrheit, oder Schaute, Narr, wovon auch anſtuſſen, anſchtuſſen. Vgl. Thl. II, S. 192, vgl. mit S. 316.Das von dem Gauner Andreas Hempel 1687 gegebene Verzeichniß von Wörtern aus der „ Spitzbubenſprache oder Wahlerei und Rothwelſch “, ſowie das Waldheimer „ Rothwelſche Lexikon “von 1726 ſind die erſten merkwürdigen lexikographiſchen Proben der Gaunerlinguiſtik des Dreißigjährigen Kriegs und emancipiren ſich durchaus von dem bis dahin als einzig daſtehenden Vocabular des Liber vagatorum.
Jm Dreißigjährigen Kriege befand ſich bei dem unermeßlichen ſittlichen und materiellen Elend, welches derſelbe über Deutſch - land brachte, auch die von exotiſchen Stoffen inficirte, dem Siech - thum faſt erliegende deutſche Sprache in einer langen Kriſis, welche durch die neubegründeten Sprachkliniken des „ Teutſchen Palm - baum “2)Vgl. „ Der Teutſche Palmbaum | das iſt | Lobſchrift | Von der Hoch - und der nachfolgenden Sprachgeſellſchaften und Dichter -1)Geſchmack abgewonnen hatten, ſo behielten ſie ihn auch noch lange Zeit nachher. Die von Martial d’Auvergne bekannt gemachten Arrêts d’amour, eine Nach - ahmung der alten, machten unglaubliches Glück, und es fand ſich ſogar ein berühmter Rechtsgelehrter, welcher ſich die Mühe gab, ſie durch das Anſehen der römiſchen Geſetze, durch die Entſcheidungen der Kirchenväter und durch Citate aus griechiſchen und lateiniſchen Dichtern zu bekräftigen. Die franzö - fiſchen Schriftſteller übten ſich noch während des 16. und zum Theil des 17. Jahrhunderts über ähnliche Vorwürfe um die Wette, und die bekannte Theſis des Cardinals Richelieu über die Liebe war nichts als ein Reſt von jenem Geiſte erotiſcher Spitzfindigkeiten.73 ſchulen bei weitem nicht kräftig und raſch genug abgekürzt werden konnte, obſchon man dem Martin Opitz von Boberfeld, dem „ Ge - krönten “(1597 — 1639), das Zeugniß nicht verſagen kann, daß er, wenn ihm auch Tiefe, Phantaſie und Gemüth fehlten, der deut - ſchen Sprache wieder den Weg zur Correctheit und zum Wohlklang anbahnte. Von den acuten Fieberparoxismen der deutſchen Sprache jener Zeit1)Vgl. im „ Teutſchen Palmbaum “die Briefe S. 125 und 131, auch das entſetzliche Liebesgedicht: „ Reverirte Dame “u. ſ. w. S. 129. bedarf es keiner der tauſendfach vorhandenen Proben. Man hat ſchon genug an den geiſtloſen Spielereien und Phraſen, wenn man z. B. nur den Anfang des ſelbſt vom wackern Schot - telius S. 1174 als Muſter eines „ Klingreims “geprieſenen Ge - dichts von Diedrich von dem Werder auf Opitz lieſt:
Dich hat mit einer Kron, Gekrönter, wol bekrönet Der Fürſten werthe Kron! Dich hat der künſte Thron Durch das Gerücht gekrönt mit einer Ehrenkron, Die vieler Kronen wehrt. Gekrönt haſtu gefrönet Um ſolche Lorberkron. Nun Gott, der Kronen krönet, Gibt dir der kronen Kron u. ſ. w.
Jn der That fällt einem da das prächtige βρεκεκεκέξ κοάξ κοάξ der Fröſche im Ariſtophanes ein, und der alte Charon mit ſeinem echt bootsmänniſchen ὠόπ ὄπ ὠόπ ὄπ, ſowie die gemüth - lichen ſchnarrenden niederdeutſchen Froſchconverſationen, welche allabendlich die norddeutſche Dorfjugend den quakenden Fröſchen nacherzählt. 2)Z. B.: „ Marten! Marten! — Wat wuttu! Wat wuttu! — Morgen back ick! — Jck ick ok! Jck ick ok! “
Doch gilt es hier nicht eine Literatur - oder Sprachgeſchichte anzudeuten, ſondern nur das Unrecht der Behauptung nachzu - weiſen, daß die im 17. Jahrhundert auf den höchſten Gipfel ge - triebene deutſche Sprachmiſchung eine ſo lange vorbildende Ge - ſchichte gehabt habe, wie Genthe nach Bouterwek a. a. O. an -2)löblichen | fruchtbringenden Geſellſchaft | Anfang, Satzungen, Vorhaben, Na - men, Sprüchen u. ſ. w. vom Verdroſſenen “(Nürnberg 1647). Vilmar, a. a. O., II, 12 fg.74 gedeutet hat. Treffend ſagt Schäfer, a. a. O., S. 56, daß der Verfall der Sprache der Abnahme der geiſtigen Bildung entſprochen, daß an den Höfen die Vorliebe für das Franzöſiſche um ſich ge - griffen habe und die Gelehrten deſto ſtolzer auf ihr ſcholaſtiſches Latein geweſen ſeien, je mehr die claſſiſchen Studien durch die theologiſchen Streitigkeiten verdrängt wurden, daß die deutſche Mutterſprache von ihnen vernachläſſigt worden ſei und ſelbſt die Predigten die Kraft des volksmäßigen Ausdrucks verloren hätten. Gewiß iſt, daß im 17. Jahrhundert die Gaunerſprache aus der tiefſten Erniedrigung der Sprache der Bildung die größte Aus - beute machte und wie mitten im tiefſten materiellen Elende des Volkes, ſo auch im tiefſten Elende der Sprache ſich verſtärkte und belebte und das ſprachlich Erworbene um ſo gefliſſentlicher bei - behielt, je mehr die Sprache der Bildung wieder nach Reinheit zu ſtreben und alles in der frühern Erniedrigung aufgedrungene Fremd - artige und Unlautere von ſich abzuwerfen anfing. Daher beſon - ders kommen in der Gaunerſprache die mancherlei italieniſchen, franzöſiſchen, ſchwediſchen und andere fremdſprachliche Ausdrücke, welche keineswegs moderne Zuſätze ſind.
Unter allen Sprachmiſchungen erſcheint die maccaroniſche Miſchung, obwol ſie der jüdiſch-deutſchen Miſchung am nächſten kommt, ſowol in Rückſicht auf ihre Form als auch auf ihren Um - fang und Zweck am beſchränkteſten. Sie hatte in keiner Weiſe irgendeine Vorbildung, ſondern entſprang im 15. Jahrhundert plötzlich aus dem Kopfe eines aus dem Kloſter flüchtig gewor - denen und in das Vagantenleben hineingerathenen witzigen italieniſchen Dichters und hielt in dem Bereiche der romaniſchen Sprachfamilie wie ein luſtiger Faſching ihre vereinzelten Umzüge, ohne doch irgendwie volksthümlich und am allerwenigſten auf75 deutſchem Boden populär und heimiſch werden zu können. Schon dadurch, daß ſie den Wortwurzeln irgendeiner der romaniſchen Sprachen, über deren Kreis ſie niemals anders als vereinzelt in das Deutſche hinausging, lateiniſche Flexionen anhängte und ſomit der romaniſchen Sprache in ihren einzelnen lateiniſch flectirten Stamm - wörtern das Scheingepräge der lateiniſchen Sprache verlieh, wurde ſie zu einem nur den Gelehrten verſtändlichen traveſtirten burlesken La - tein, welches vor allem der Satire, für welche doch weſentlich die maccaroniſche Poeſie geſchaffen war, namentlich zur Geiſelung des affectirten Einmiſchens fremder Wörter in die Mutterſprache, einen weſentlichen Theil ihres natürlichen Rechts, das der ungebundenen öffentlichen volksmäßigen Bewegung, verkümmerte und ſich nur auf eine heimliche Stubenzüchtigung der pedantiſchen Gelehrſamkeit beſchränken mußte, bei welcher kein recht öffentliches Exempel ſta - tuirt werden konnte. Die maccaroniſche Poeſie iſt daher niemals in das Volk gedrungen. Sie erbitterte ebenſo ſcharf, als ſie rügte. Daher auch ihre ſehr ſtrenge Beurtheilung, ihre Unſtetigkeit und ihr raſches Verſchwinden. Ohnehin beleidigte ſie den Geiſt beider zuſammengezwungenen Sprachen und hätte ſich in ihrer burlesken Mummerei niemals halten können, wenn ſie ſich nicht auf den Schwingen der poetiſchen Form zu jener Sphäre erhoben hätte, in welcher man den loſen Schalk nur deſto deutlicher ſehen und belachen konnte.
Obſchon dieſe Sprachfaſtnachtspoſſe, wie ſchon erwähnt, ſich nicht aus den Kreiſen der romaniſchen Sprachfamilie entfernte und nur vereinzelt auf den deutſchen Sprachboden übertrat, ſo verdient ſie doch beſonders wegen ihrer Entſtehung und ihres Uebertritts auf deutſchen Boden einige Aufmerkſamkeit. Die maccaroniſche Poeſie iſt in Jtalien entſprungen. Obwol Typhis Odaxius (Tifi degli Odasj) aus Padua († 1488) der erſte maccaroniſche Dichter iſt, ſo hat er doch nur das eine ſehr kurze Carmen maccaronicum de Patavinis quibusdam arte magica delusis gemacht, welches bei Genthe S. 207 abgedruckt iſt, und deſſen Verbrennung Odaxius obendrein, wiewol vergeblich, da es ſchon zehnmal gedruckt war,76 auf dem Sterbebette angeordnet hatte. Erſt mit Don Teofilo Folengo oder de Folenghi, welcher überhaupt mit dem vollſten Rechte der Erfinder der Maccaronea genannt zu werden verdient und genannt wird, beginnt die maccaroniſche Poeſie. Folengo’s Leben iſt ſo merkwürdig wie ſeine Erfindung. Er wurde am 8. Nov. 1491 zu Cipada, unweit Mantua, aus anſehnlicher Fa - milie geboren, zeigte ſchon früh bedeutende poetiſche Gaben und ging bereits 1507 in ein Benedictinerkloſter, woſelbſt er am 24. Juni 1509 Profeß ablegte. Nach etwa ſieben Jahren ent - ſprang er aus dem Kloſter mit einer ſchönen Perſon, Girolama Dedia, welche er leidenſchaftlich liebte, trieb ein liederliches Va - gantenleben, machte alles denkbare Elend durch, wurde Soldat und trat 1527 wieder in das Kloſter zurück. Gleich im Anfang ſeines zehnjährigen Vagabundenlebens wandte er ſich zur macca - roniſchen Poeſie, deren Namen und Weſen er ſelbſt erläutert: Ars ista poëtica nuncupatur ars maccaronica a maccaronibus derivata, qui maccarones sunt quoddam pulmentum, farina, caseo, butyro compaginatum, grossum, rude et rusticanum. Ideo Maccaronica nil nisi grossedinem, ruditatem et vocabu - lazzos debet in se continere. Sed quoniam aliud servandum est in eclogis, aliud in elegiis, aliud in heroum gestis di - versimodo necessarium est canere. Fuit repertum Maccaroni - con causa utique ridendi — und blieb derſelben auch nach der Rückkehr in das Kloſter getreu, indem er ſeine Poeſien von den ſittenverderbenden Anſtößigkeiten läuterte und noch ſpäter neue Dichtungen hinzufügte. Man findet ſeine Gedichte bei Genthe theils nach den verſchiedenen Ausgaben angeführt, theils aber auch, wie z. B. die „ Phantasiae maccaronicae “, S. 208 — 250, und die „ Moschea “, S. 250 — 284, vollſtändig abgedruckt. Eben - daſelbſt findet man auch Proben von ſeinen Nachfolgern Capello, Arione Bolla und dem geiſtvollſten, Ceſare Orſini.
Jn Frankreich fand die maccaroniſche Poeſie raſche Aufnahme und glückliche Nachahmer in dem berühmten Juriſten Antonius de Arena († 1544), Jean Germain, Remy Belleau, Etienne77 Tabourot1)Das von Genthe S. 155 angeführte Werk: „ Cacasagno Reystro - Suysso-lansquenetorum〈…〉〈…〉 per Magistrum Joannem Bapistam (?) Lichardum Recatholicatum spaliposcinum Poetam. Cum Responso, per Ioan. Crans - feltum, Germanum “(Paris 1588) iſt mir völlig unbekannt geblieben. Viel - leicht hat Genthe es ebenfalls nicht ſelbſt geſehen. Die Autorſchaft des Ta - bourot (Genthe ſchreibt den Namen Taburot), des „ Seigneur des Accords “, ſcheint zweifelhaft, da es in der vollſtändigen Ausgabe der Tabourot’ſchen Werke (Paris 1614), welche ich neben der höchſt ſeltenen älteſten Ausgabe von 1585 beſitze, nicht enthalten iſt. Ob das Werk in der pariſer Ausgabe von 1603 oder einer der beiden rouener Ausgaben (1628; 1671) enthalten iſt, weiß ich auch nicht, da ich dieſe Ausgaben nicht kenne. Gänzlich un - bekannt iſt mir endlich auch noch die von Genthe S. 155 angeführte pariſer Ausgabe von 1662: Le quatriesme des bigarrures du Seigneur des Ac - cords, welche Genthe überhaupt wol auch nicht geſehen hat, da das Qua - triesme kein Specialtitel iſt, ſondern nichts anderes bedeutet, als was ſchon in der pariſer Ausgabe von 1585 ſteht: quatriesme livre des bigarrures, auch von nichts weniger als von maccaroniſcher Poeſie handelt. Jm Jahre 1859 ſoll eine neue Ausgabe der Werke Tabourot’s in Paris erſchienen oder doch vorbereitet worden ſein., du Monin, Janus Cäcilius Frey, Theodor Beza, Hugbald; in England in dem Schotten William Dunbar, John Skelton, William Drummond, Alex. Geddes. Bei den ernſten Spaniern wurde ſogar erſt 1794 vom pſeudonymen D. Mattias de Retiro ein maccaroniſcher Verſuch gemacht.
Nimmt man wahr, wie die ohnehin nur im 15. und 16. Jahrhundert und nur zur vereinzelten Blüte getriebene maccaroni - ſche Poeſie ſelbſt auf dem Gebiete der aus germaniſchen und lateiniſchen Sprachſtoffen zuſammengemiſchten romaniſchen Spra - chen keineswegs populär und heimiſch wurde, obſchon die mit ihren Flexionen zu Grunde gelegte lateiniſche Sprache ein Haupt - factor aller romaniſchen Sprachen iſt, mithin der ganzen romaniſchen Sprachfamilie ſehr verſtändlich und faßlich ſein mußte: ſo bleibt der Grund zu dieſer geringen Aufnahme weſentlich in der über - mäßigen Verſtärkung des den romaniſchen Sprachen zu Grunde liegenden lateiniſchen Sprachfactors zu ſuchen, welche an der ſchon längſt entſchieden und nachdrücklich abgerundeten Nationalität jedes der romaniſchen Sprachfamilie als Sprachglied angehörigen Volkes78 und von ſeiner ſchon ſpecifiſch national ausgebildeten Sprache entſchiedenen Widerſtand erfuhr.
So erſcheint die ganze maccaroniſche Poeſie als eine eigen - thümliche Folie der romaniſchen Sprachen, auf welcher der be - ſondere Gehalt jeder einzelnen recht deutlich erkannt werden kann. Eine ſehr merkwürdige und noch von keinem Darſteller der mac - caroniſchen Literatur ſpeciell hervorgehobene Probe gibt Mo - lière, welcher in der Promotionsſcene am Schluß ſeines köſtlichen „ Le malade imaginaire “die Maccaronea in der witzigſten und ergötzlichſten Weiſe ſogar auf das Theater brachte. Und doch konnte nicht einmal ein Molière die maccaroniſche Dichtung vom Theater aus in das Volk gelangen laſſen, welches ja überhaupt nur über den Galimatias zu lachen verſtand, während die Höhergebildeten allein das Meiſterſtück ſcharfer Perſiflage ganz zu begreifen im Stande waren. Proben der maccaroniſchen Poeſie findet man in den „ Facetiae Facetiarum “, den „ Nugae ve - nales “und bei Genthe S. 179 — 342 in reicher Auswahl.
Hat der national gewordene Sprachgeiſt jedes Gliedes der romaniſchen Sprachgenoſſenſchaft das Uebermaß des lateiniſchen Antheils in der maccaroniſchen Poeſie zurückgewieſen und nur dem heitern Scherze und der rügenden Satire die poetiſche Geiſel ge - ſtattet, um ſeinem eigenen Ernſte in der Abweiſung jedes ſprach - lichen Unfugs behülflich zu ſein: ſo war der Sprung, welchen, freilich erſt beinahe hundert Jahre nach Folengo, die maccaroniſche Poeſie auf das deutſche Sprachgebiet machte, ein toller Sprung des luſtigen Harlekin von der Bühne in das Parterre, bei wel - chem alle Jlluſion abſichtlich zerſtört und die buntſcheckige Er - ſcheinung recht deutlich betrachtet und erkannt werden ſollte. Wie man einen verwegenen und guten Witz einen „ ſchlechten Witz “zu nennen pflegt, ſo kann man die treffliche „ Floia “den erſten und beſten ſchlechten Witz1)Die herrlichen „ Epistolae obscurorum virorum “gehören wol ſchwer - lich zur maccaroniſchen Literatur. Sie enthalten mit ſehr geringen Ausnahmen nur Küchenlatein, freilich der köſtlichſten und ergötzlichſten Art. Die 1858 nennen, den die maccaroniſche Poeſie79 zu Ende des 16. Jahrhunderts in Deutſchland wagte, ein Verſuch, welcher nur einmal gelang, welchen aber ſchon der wackere Fiſchart Kap. 22 ſeiner „ Geſchichtsklitterung “mit ſeinen „ Nuttelverſen “bei Erwähnung des Merlinus Cocaius (Folengo) mehr anzudeuten als nachzuahmen wagte und welcher ſchon in der Nachahmung der „ Lustitudo studentica “1)Sie findet ſich zuerſt unter Nr. 1 der „ Facetiae Facetiarum, hoc est Joco-Seriorum fasciculus novus “etc. (Pathopoli 1647), S. 3 — 15. Genthe allegirt S. 164 eine Ausgabe von 1657 (wo die Lust. stud. S. 7 — 18 ſtehen ſoll), welche mir ganz unbekannt iſt. Das Titelkupfer (Landsknechte beim Spiel und Zechen, unten eine nächtliche Ranferei) der in meinem Be - ſitze befindlichen Ausgabe hat die Jahrzahl 1645, das Titelblatt ſelbſt die Jahrzahl 1647. Der vollſtändige Titel der Lust. stud. iſt: Delineatio Summorum Capitum Lustitudinis Studenticae In Nonnullis Academiis usitatae. Sie hat trotz ihres oft tobenden Tons durchaus nicht den Witz und Humor der „ Floia “, welche in der That einzig in ihrer Art daſteht und dem Kenner des Niederdeutſchen eine Fülle der drolligſten Compoſitionen dar - bietet. matt wird und endlich ganz ver - ſchwindet.
Jn der deutſchen maccaroniſchen Sprache, in welcher die deut - ſchen Wortwurzeln lateiniſche Endungen erhalten und die lateini - ſche Sprache Wortführerin iſt, zeigt ſich noch viel mehr als in der maccaroniſchen Poeſie der romaniſchen Sprachen das Wider - ſtreben des beiderſeitigen Sprachſtoffs, des germaniſchen und latei - niſchen. Beide Stoffe ſtehen in ihrer Eigenthümlichkeit gerade durch die äußere Zwangsverbindung als recht innerlich geſchieden und nur neben einander, und mögen dem Sprachforſcher von die - ſem wol kaum noch beachteten Standpunkte aus nicht unintereſſan - ten Stoff bieten zur Betrachtung der vielfachen äußerlichen poli - tiſchen Anläſſe und innern geiſtigen Bewegungen, welche die Geſammtgruppe der romaniſchen Sprachfamilie ſchufen und wie - derum in nationale Gliederungen abtheilten. Jm Zwange der Vereinigung des Germaniſchen mit dem Lateiniſchen in der deut - ſchen maccaroniſchen Poeſie erſcheinen beide Factoren gegenein -1)in Leipzig erſchienene Ausgabe empfiehlt ſich durch îhre Correctheit und Sauberkeit.80 ander unverträglich. Aber gerade dieſe Unverträglichkeit im Zwange und Zuſammenhange macht die beſondere, dazu durch die poeti - ſche Form und durch das heroiſche Versmaß nur deſto glücklicher gehobene draſtiſch-komiſche Wirkſamkeit aus. Dieſe wird aber gerade in der „ Floia “noch außerordentlich dadurch gehoben, daß der deutſche Sprachantheil nicht allein in der gewählten Sprache der Bildung ſich bewegt, ſondern überhaupt wie ein harmloſes Naturkind erſcheint, dadurch daß er in der feſteckigen, untadelig correcten lateiniſchen Flexion mit aller möglichen Natürlichkeit, Nai - vetät und Fügigkeit bald zur hochdeutſchen, bald zur niederdeutſchen Mundart übergeht und doch gerade in dieſer Willigkeit, bei wel - cher durch die nur zufällig erſcheinende, jedoch geſuchte Laut - ähnlichkeit mancher eine ganz andere Bedeutung habender Wörter die komiſche Wirkſamkeit in drolliger Jlluſion noch mehr gehoben wird, den Contraſt beider Sprachfactoren nur noch ſchärfer hervor - treten läßt. Und doch iſt bei alledem, ſelbſt wenn auch nicht am Schluß des echt komiſchen Gedichts geſagt wäre, daß der Dichter aus Hamburg den Freunden ſein Werk zuſende, der hamburger Dialekt ſo unverkennbar, daß man die Mundart nur ſpecifiſch hamburgiſch, nicht einmal holſteiniſch, wie Genthe S. 166 meint, nennen darf und daß der unbekannte Dichter durchaus ein Hamburger geweſen ſein muß. 1)Die „ Floia “erſchien zuerſt auf einem halben Quartbogen ohne An - gabe des Druckorts und Verfaſſers 1593 und hatte nach Genthe, a. a. O., S. 165, den (auch in den „ Nugae venales “von 1720, S. 111, gegebenen) ausführlichen Titel: Floia. Cortum Versicale De Flois Swartibus Illis Deiriculis, quae omnes fere Minschos, Mannos, Weibras, Jungfras etc. behüppere et spiezibus Schnaflis steckere et bitere solent. Autore Gri - pholdo Knickknakio ex Floilandia. Dagegen haben die „ Facetiae Face - tiarum “von 1647, S. 531, nur den einfachen Titel Floia. Cortum Ver - sicale.
Dagegen ſticht die 1647 zuerſt erſchienene „ Lustitudo stu - dentica “, welcher alle genannten Vortheile abgehen und welche erſichtlich nur eine Nachbildung der „ Floia “, ſowie auch bei wei - tem mehr lateiniſch als deutſch-maccaroniſch iſt, ungeachtet der bis zum Uebermaß fröhlichen, wild tobenden ſtudentiſchen Laune,81 bedeutend ab und kann, wenn ſie, wie Genthe S. 164 ſagt, „ Schonung verdient “, doch wirklich „ nur in frohen Augenblicken geleſen werden, um mit heitern Augen beurtheilt zu werden “. Dagegen muß aber auch ſelbſt der Verdrießliche lachen, wenn er die „ Floia “zur Hand nimmt, deren Schluß aus den „ Facetiae Facetiarum “hier Platz finden mag. Die hochdeutſchen und niederdeutſchen1)Zum Verſtändniß der niederdeutſchen Wurzeln: 195 Deir, Thier. 197 Holnad, Hohlnaht; ſcarp, ſcharp, ſcharf; uth - neihen, ausnähen. 198 ſitten, ſitzen; Fred, Friede; ſit von ſitten, ſitzen; ſwart, ſchwarz; Hut, Haut. 199 Meken, Mädchen. 200 huppen, hüpfen. 202 uprapen, aufraffen; bekicken, begucken. 203 ſküren, ſchü - ren, ſcheuern, kratzen; Wehdag, Wehtage, Schmerzen, Krankheit. 204 up - maken, aufmachen; Titt (Zitze), Buſen. 205 Snafel, Schnabel. 206 Blaut, Blot, Blut; uthſugen, ausſaugen; embehren, entbehren. 209 legen, lögen lügen. 210 Herd, Heerde; nahdriben (nahdrift), nachtreiben. 211 Himbd, Wortwurzeln ſind zum leichtern Verſtändniß für Ungeübte mit Curſivlettern gedruckt:
Quid memorem Jungfras megdasque, schonuntne nigellis 195 Deiriculis? schenckunt vitam? non schenckere fas est, Ajunt. Nam quando debent hae spinnere Wockum Vel quando Holnadium scarpis uthnehere nadlis Sittunt, nulla iis Freda est, sit swartus in huto, Huto molliculo flous et se sanguine mekae 200 Füllit, repletus per Kleidros springit et huppit, Vexeritque adeo, ut Junfrae saepe absque pudore Uprapant sese et Beinos Bauchumque bekickant. Et scürant, donec paulum Wehtagia cedant. Saepe etiam Cragium upmakunt, et Titia runda 205 Defendunt, arcentque floos, ne snaflide laedant Et blautum uthsugant. Namque hic embehrere multum Non possunt. Eadem Megdae faciunt, et ad unum Si fieri posset, vermes ad tartara nigros Projicerent. Vidi quasdam, non lego Gesellas, 210 Si quando vaccas herdo nahdrifere vellent, Solo himbdo indutae poterant non heffere fredam, Nunc hando in ruckum fülebant, nunc sua neglisAvé-Lallemant, Gaunerthum. III. 682Tittia cratzebant, nunc lendos, nunc knigiosque, Nec scio quid reliquum schürebant torve tuentes. 215 Haec ideo vobis ô frater schicko fideles, Saepe ut denckatis, gutumque lefhatis amicum. Et quoties bitunt vos nigri schnaflide deiri, Et quoties handis vestris ingripitis hosos, Fengere nempe floos, tales effundite Wortos! 220 Jam Flous Hamburga quem schickuit urbe politus Oldus Bekandus, blodum me steckit in hudum, Scilicet ut denckamque sui, denckamque jocorum Pussorumque simul. Denckamque ergo, cedito rursus Parve floe et nostrum misere quoque plage Bekantum 225 Frundum, ut sit memor et nullis vergettat in annis Nostri, sic durat Frundschoppia. Nun is et uthe.
Unzweifelhaft iſt es, daß die maccaroniſche Poeſie überhaupt in Jtalien und aus Folengo’s Kopfe entſprang und daß Folengo nicht eher in dieſer Weiſe dichtete, als bis er in das Landſtreicher - leben hineingerathen war. Wenn auch ſchon vor ihm die Canti Carnascialeschi durch Lorenzo den Prächtigen von Medici (1448 — 92 begünſtigt und geregelt worden, wenn auch die Poesia contadinesca (villanesca), boschereccia und pedantesca (fiden - ziana) nach faſt allen Richtungen der Laune und Satire hin in Aufnahme gebracht war, ſo hatte doch keine dieſer burlesken Dich - tungen eine ſolche originelle Wortmiſchung aufzuweiſen, wenn auch jede von ihnen mehr oder minder fremde Wörter und Redens - arten abſichtlich für den Spott und die Satire vorbrachte. Folengo ſchrieb nicht wie jene ein unreines oder gemiſchtes Jtalieniſch, ſondern ſchrieb lateiniſch und latiniſirte dabei italieniſche Wörter. Jnſofern war Folengo volle Originalität, und ſchwerlich mag man1)Hemd; hebben (heft), haben. 213 Knig’, Knie. 216 lēf hebben, lieb haben. 217 biten, beißen; Schnafl, Snafl, Schnabel. 218 Jngripen, hineingreifen. 219 fengen, fangen. 220 politſch, p’litſch, gewandt, liſtig. 221 old, alt. 223 Puſſen, Poſſen. 225 Frund, Fründ, Freund; vergēten, vergeſſen. 226 Frundſchopp, Freundſchaft; is, iſt; et, es; uth, aus.83 der ohnehin gar nicht näher begründeten Behauptung Genthe’s (S. 61) beipflichten, daß die Maccaronea eine Tochter der Fiden - ziana (pedantesca) geweſen ſei. Auch läßt Folengo recht lebendig ſeine Laune nach allen Seiten hin überſprudeln und hält ſich nicht verbunden, mit der Geiſel ſeiner Satire ſtets auf einen und den - ſelben Gegenſtand loszuſchlagen, ſondern ſchwingt die Geiſel luſtig um ſich und trifft rückſichtlos jeden, welcher ihm zu nahe kommt. Hält man aber ſeine Sprache zuſammen mit ſeinem Landſtreicher - leben, aus welchem heraus er dichtete, wie ja ſchon der Stoff genugſam zeigt, ſo wird man ſtark verſucht, auch hinſichtlich ſei - ner maccaroniſchen Sprache ſeinem Landſtreicherleben einen be - deutenden Einfluß zuzuſchreiben, welche Sprache denn auch in der That der jüdiſchdeutſchen Sprache ganz analog iſt. Folengo wagte vielleicht aus Mangel an hinreichender Kenntniß und Uebung im Hebräiſchen keinen directen jüdiſchitalieniſchen Verſuch, welchen ſein Zeitgenoſſe Ercole Bottrigari, freilich ſehr ungeſchickt und unglücklich, unternahm1)Vgl. S. 22 bei Genthe, dem die Genauigkeit abgeht und der den Ercole Bottrigari (1531 — 1609) Ercobe Bottrigara nennt. Es kann eben nur der Bologneſer Ercole Bottrigari gemeint ſein, welcher vorzüglich durch ſeine mathematiſchen Kenntniſſe und Schriften ſowie durch ſeine bedeutende Biblio - thek ſich einen berühmten Namen machte., z. B.:
wobei nur von einer Einſtreuung vereinzelter hebräiſcher Wörter, nicht aber von einer Wortverbindung mit dem Jtalieniſchen die Rede ſein kann. Folengo aber muß das Judendeutſch gekannt und die Eigenthümlichkeit ſeiner Miſchung begriffen haben, wenn er auch das Hebräiſche und Deutſche ſelbſt darin nicht genauer verſtand. Jedenfalls muß er in ſeinem Landſtreicherleben dem ſtets bis zur Unausweichbarkeit ergreifenden lebendigen Juden - zuge zwiſchen Deutſchland und Jtalien begegnet und ſogar ihm auch verfallen geweſen ſein und darum von der bis dahin un -6 *84erhört eigenthümlichen Miſchung des Judendeutſch Kenntniß ge - habt haben. So konnte er leicht dazu gelangen, aus den beiden Sprachen, deren er Meiſter war, jene dem Judendeutſchen analoge Wortmiſchung zu verſuchen, in welcher er die damals vollgewaltig herrſchende Gelehrten - und Weltſprache, das Lateiniſche, zur Füh - rerin machte und mit ſeiner italieniſchen Mutterſprache zur neuen maccaroniſchen Compoſition verband.
Trotz der ſprudelnden Laune der maccaroniſchen Dichtung, welche in der verwegenen Zuſammenzwingung ſo verſchieden - artiger Sprachſtoffe ſich ſelbſt verunſtaltet und den vollen Spott ſarkaſtiſcher Jronie über ſich ſelbſt ergießt, um zur Geiſel der an - dern Erſcheinung zu werden, und trotz des rückſichtsloſen Un - geſtüms, in welchem ſie ſelbſt den grämlichen Leſer zum Lachen zwingt und mit allen unbarmherzig über einen Boden dahinfährt, welcher ebenſo holperig iſt wie ihre Hexameterſchemata: findet man doch auch Stellen auf dem rauhen Wege, wo eigentlich alles, auch die Poeſie, aufhört, wo man plötzlich an dem Scharfſinn des Dichters zur nüchternen Reflexion abkältet und in Erſtaunen geräth, wie doch die Poeſie ſo abſichtlich ſcharfſinnig ſein und der Scharf - ſinn wieder ſo poetiſch werden konnte. Es ſind ſolche Wörter, ja ſogar ganze Sätze, Verſe oder Strophen, deren Wortwurzeln in beiden gemiſchten Sprachen gleichen oder doch ſehr ähnlichen Laut bei ganz verſchiedener logiſcher Bedeutung haben, wobei aber dem nach der eigenthümlichen Form der einen Sprache flectirten Worte die logiſche Bedeutung der andern Sprache gegeben, ihm ſelbſt aber ſeine primitive logiſche Bedeutung genommen wird. Jn den romaniſch-maccaroniſchen Dichtungen, in welchen, wie überhaupt in den romaniſchen Sprachen, die urſprünglich latei - niſche Wurzelhaftigkeit der meiſten romaniſchen Wörter nicht zu85 verkennen iſt, macht ſich dieſe Vertauſchung viel leichter, und der oft noch durch veränderte Wort - und Silbenabtheilung verſtärkte Contraſt beſteht meiſtens nur in der Abweichung des logiſchen Elements einer ſpeciellen romaniſchen Sprache von dem logiſchen Elemente der lateiniſchen Sprache. Jn der deutſchen maccaroni - ſchen Poeſie iſt bei der größern Entfremdung des germaniſchen von dem lateiniſchen Sprachſtoffe der Contraſt deſto greller und die Vertauſchung deſto verwegener und komiſcher, wie man das namentlich in der „ Floia “ſieht, in welcher obendrein das Hoch - deutſche und Niederdeutſche überaus bunt und luſtig neben - und durcheinander wuchern. So hat die „ Floia “das Wort sternas nicht etwa vom lateiniſchen sternere, ſondern vom deutſchen Stern, stridunt nicht vom lateiniſchen stridere, ſondern vom niederdeutſchen ſtriden, ſtreiten, und am Schluſſe: Nun is et uthe, nun is ’t ut, nun iſt es aus. Das merkwürdigſte Beiſpiel hat aber wol der berühmte Rabbi Jehuda (Arje di Modena, Leo Mutinensis, der Löwe von Modena) als achtzehnjähriger Jüngling gegeben. J. C. Wagenſeil theilt es S. 50 ſeiner „ Sota “1)Sota lib. Mischnicus de uxore adulterii suspecta, cum excerptis Gemarae (Altdorf 1674). mit, und neuerdings hat von der Hagen in ſeiner am 18. Auguſt 1853 in der berliner Akademie der Wiſſenſchaften „ über die romantiſche und Volksliteratur der Juden in jüdiſchdeutſcher Sprache “gehaltenen Vorleſung wieder darauf aufmerkſam gemacht, wobei er es mit Recht bezeichnet als „ ein poetiſches Kunſtſtück, wie es wol nur in dem Gehirne eines durch den Talmud geſchulten Juden entſpringen konnte, aber auch den Witz und Scharfſinn eines ſolchen ſattſam bekundet “. Rabbi Je - huda machte auf den Tod ſeines Lehrers Rabbi Moſes Baſula ein Trauergedicht in hebräiſcher und in italieniſcher Sprache, deſſen Wortlaut in beiden Sprachen vollkommen gleich iſt und doch in jeder der beiden Sprachen ein correctes beſonderes Verſtändniß darbietet und in durchaus bündigem Zuſammenhange geleſen und verſtanden werden kann. Freilich iſt dabei der Silbenabtheilung86 Gewalt angethan, wie man aus folgender Zuſammenſtellung erkennt:
〈…〉〈…〉Chi nasce muor, Oime, che pass’ acerbo. 〈…〉〈…〉Colto vien l’huom, così ordin’ il Cielo〈…〉〈…〉 Mose mori Mose gia car de verbo. 〈…〉〈…〉Santo sia ogn’ huom, con puro zelo. 〈…〉〈…〉Ch’ alla metà, gia mai senza riserbo. 〈…〉〈…〉Arriu’ huom, ma vedran, in cangiar pelo,〈…〉〈…〉 Se fin habiam, ch’ al Cielo vero ameno,〈…〉〈…〉 Val’ huomo và se viva assai, se meno.
Man kann hier nur die faſt unheimlich ſcharfſinnige Kunſt bewundern, welche es verſtand, ein ſolches homöophonetiſches Ge - dicht in zwei voneinander ganz verſchiedenen Sprachen zu er - ſinnen. An der Kunſt ſolcher Beiſpiele gerade ſieht man recht ſchlagend, wieviel eigenthümliches geiſtiges Fluidum eine jede Sprache hat, welches nicht im bloßen todten Wortbilde allein, ſondern weſentlich im phonetiſchen Elemente des Wortes erfaßt und verſtanden werden kann, und welch eine ſorgſame Behand - lung die todten Sprachen erfordern, wenn ſie nicht von den Schwin - gungen des phonetiſchen Elements lebender Sprachen erſchüttert und verſtimmt werden ſollen, wie ja das barbariſche mittel - alterliche Latein der Geiſtlichen und Mönche überall eine Reſo - nanz der lebendigen deutſchen Sprache, zum Nachtheil der alten claſſiſchen Sprache, aufweiſt, welche in ihrer Verunſtaltung endlich87 auch den ganzen Sprachgeiſt ſowie die ganze Wiſſenſchaft, Kunſt, Cultur und Sitte alteriren mußte. Solche Beiſpiele ſind zugleich ein Kriterium für die autodidakte Erlernung lebender Sprachen und von der eindringlich wirkenden Gewalt derſelben, wenn man mitten in dem Volke, welches die Sprache redet, der Strömung des phonetiſchen Sprachelements ausgeſetzt iſt. Sehr wichtig iſt das auch für den ſchwierigen Unterricht der Taubſtummen, denen die Sprache ja nur wie ein Bild auf dem Papier oder auf den Lippen der mit ihnen durch Mundgeſten oder auch mittels Finger - und Naturbilder redenden Perſonen erſcheint; daher kommen denn auch bei Taubſtummen die eigenthümlichſten Schreibfehler und Ver - ſtöße gegen das phonetiſche Sprachelement vor, wie ſie ſelbſt bei ungebildeten nicht taubſtummen Perſonen kaum möglich ſind.
Von ſolchen Wortlautgleichungen wird man bei lebenden Sprachen häufig überraſcht. Man bemerkt ſie jedoch bei der Ver - tiefung in die logiſche Wortbedeutung der Sprache, welche man redet, nicht ſo leicht, und ſie werden meiſtens nur auffällig, wenn ſie geſucht und dadurch erſt beſonders hervorgehoben werden. Daß ſie aber bei dieſer Hervorhebung erſt recht als bloße Zufälligkeit und ihre Bedeutſamkeit dann auch deſto gemachter und ſie darum auch wieder deſto platter erſcheinen, verſteht ſich von ſelbſt, wie das ja recht ſichtbar iſt in der bekannten, wenn auch zuſammen - hangsloſen, doch nicht ganz witzloſen Gloſſe über einen mildthätigen Damenverein in einer kleinen deutſchen Stadt:
Servile tamen legendarum indicasse da mites dicant se statuisse,
bei welcher man ſchwerlich ohne Jnſpiration den Schlüſſel in der verwegenen ſchlechten deutſchen Lautgleichung finden dürfte:
Sehr viele Damen legen darum in die Kaſſe, damit es die ganze Stadt wiſſe!
Aehnliche Spielereien ſind: Distinguendum, d. h. dies Ding wend’ um, Bezeichnung für ein Doppelkelchglas. Oder: Custos dicat se tot, d. h. Kuh ſtoß die Katze todt. Oder: Odi lineam hausisti merum sex urbe idem manum in succus en! d. h. O88 die Line (Karoline) am Haus iſt immer um ſechs Uhr bei dem Mann, um ihn zu küſſen. 1)Dieſe mirabilia dictu aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ſind mir von lieber befreundeter und — kaum iſt es ja wol nöthig hinzuzufügen — theologiſcher Hand mit vielen andern zugeſtellt worden, zum Zeugniß, daß die behagliche philologiſche Luſt des 17. Jahrhunderts auch im 19. auf den Land - pfarren noch nicht ganz ausgeſtorben iſt.
Bei der faſt durchgehends gleichen Wurzelhaftigkeit der roma - niſchen Sprachen mit der lateiniſchen finden ſich dieſe Wortlaut - gleichungen in den romaniſchen Sprachen weit häufiger und be - hender. Namentlich ſind ſie im Franzöſiſchen mit ebenſo viel Leichtigkeit wie auch ſchmuziger Leichtfertigkeit und Frivolität ſeit Jahrhunderten ausgebeutet worden, wie denn Tabourot in ſeinen „ Bigarrures “2)Der vollſtändige Titel iſt: „ Bigarrures et touches du Seigneur des Accords avec les apophthegmes du Sieur Gaulard et les escraignes Di - jonnaises, dernière édition Paris 1614. “ Der verſchiedenen Ausgaben, auch der älteſten von 1585, iſt ſchon im vorigen Kapitel gedacht worden., I, F. 35b fg., wie überhaupt an allen Ecken und Enden ſeines ſo merkwürdigen wie frivolen Werkes, eine Unzahl ſchon damals (1584) zum Theil ſehr alter Equivoques français und latin-français anführt, z. B.:
Oder:
Oder:
Oder:
Wenn zwar die Beziehung, in welche hier zwei verſchiedene Sprachen zueinander gebracht ſind, als eine ziemlich gewaltſame erſcheint, ſo darf man weder dem ſichtlich hervortretenden Scharf - ſinn des Erfinders Anerkennung verſagen, noch die ganze Bezie -89 hung als eine flache und abgeſchmackte Spielerei von der ernſtern Betrachtung abweiſen, weil ihr Grund tiefer liegt und (zum Be - weiſe des Strebens nach harmoniſchem Wohlklang, welches in der Sprache jedes gebildeten Volkes ſichtbar hervortritt) in der ſich faſt natürlich geltend machenden Gewalt des phonetiſchen Elements jeder, auch der älteſten und namentlich aller orientaliſchen Spra - chen und innerhalb der Grenzen jeder einzelnen Sprache an und für ſich zu ſuchen iſt und in dieſer Hinſicht um ſo offener daliegt, als ſogar die Proſa der Volksſprache ſolche Beziehungen geſucht1)Geſenius („ Lehrgebäude “, S. 856) will die Paronomaſie als ein Spiel volksthümlichen Witzes, aus der Sprache des gemeinen Lebens hergenommen, be - trachtet wiſſen. Doch iſt dies wol nur in höherer Beziehung auf den vom Volke empfundenen Sprachgeiſt zu verſtehen, welcher ſich im phonetiſchen Sprach - element am nächſten und deutlichſten dem Volke offenbart. hat und dieſe ſomit nicht etwa als bloße dichteriſche Freiheit und Spielerei mit rhythmiſchen Formen erſcheinen. Die Paronomaſie oder Aſſonanz bildet z. B. im Hebräiſchen einen beliebten Schmuck der proſaiſchen Rede und iſt, wenn die ähnlich klingenden Wörter auch nicht am Ende eines Verſes oder Satzes ſtehen, doch auch als Anfang des in ſpätern Sprachen mit künſtlichem Streben aus - gebildeten Endreims zu betrachten. Ja einzelne ſolcher hebräiſcher paronomatiſcher Ausdrücke ſind ſogar deutſchvolksthümlich gewor - den, wie z. B. 2. Samuel. 8, 18:〈…〉〈…〉, Crethi und Plethi, Scharfrichter und Läufer, zur Bezeichnung der gemiſchten niedern Menge; ferner Geneſis 1, 2:〈…〉〈…〉, Tohu wabohu, wüſte und leer. Andere zahlreiche Stellen ſind bei Geſenius, „ Lehrgebäude “, S. 857, angeführt, wo überhaupt das Weitere über die hebräiſche Paronomaſie zu finden iſt. Aehnliche Paronomaſien finden ſich viel im deutſchen Volksmunde, z. B.: auf Wegen und Stegen, mit Lug und Trug, ſchlecht und recht, leben und weben u. ſ. w., ſowie ſolche auch in allen neuern Sprachen vielfach theils unabſichtlich im Volke ſich gebildet haben, theils aber auch nicht ſelten in geſuchter und gezwungener Form zum Vorſchein gebracht wer - den. Beſonders hat auch hier die franzöſiſche Sprache ſehr ſtarken Wucher getrieben, und Tabourot gibt im erſten Theil ſeiner „ Bi -90 garrures “genug Beiſpiele davon, welche jedoch ihrer Schmuzig - keit wegen hier nicht füglich angeführt werden können, ſo ſcharf - ſinnig auch die meiſten von ihnen ſind.
Wenn bei der gleichen Befähigung der hebräiſchen und der deutſchen Sprache zur Paronomaſie es ſchon wie von ſelbſt ſich verſteht, daß die jüdiſchdeutſche ſowie die Gaunerſprache dieſe Be - fähigung eifrig ausgebeutet haben: ſo iſt dies aber auch noch mehr der Fall mit dem der Paronomaſie verwandten Wortſpiel, bei welchem entweder mit der verſchiedenen Bedeutung ähnlich lautender Wörter und Wurzeln oder mit der verſchiedenen Bedeutung deſſelben Worts geſpielt, oder auf die Etymologie oder auf den Klang und auf die Bedeutung der Wörter angeſpielt wird. Für das Hebräiſche führt Geſenius, a. a. O., S. 858 — 860, die frappanteſten Stellen aus den heiligen Schriften an. 1)Mit großem Fleiß ſind die Bedeutungen aller bibliſchen Namen geſam - melt und erläutert in dem ſchon recht ſelten gewordenen Werke von A. E. Mirus: „ Onomasticum Biblicum. Oder Lexicon aller Nominum proprio - rum derer Menſchen, Länder, Städte, Flecken, Dörfer, Flüſſe, Seen, Meere, Berge, Thäler und andern Sachen, welche in der Heiligen Schrift, ſowohl Alten als Neuen Teſtamentes vorkommen u. ſ. w. “ (Leipzig 1721). Allerdings ſind einige Etymologien gezwungen, mitunter auch geradezu falſch; doch iſt das Werk noch immer recht brauchbar. Die ziemlich zahlreichen Druckfehler fallen leicht ins Auge.Jm Deutſchen gibt es ebenfalls viele ſolcher Wortſpiele, und auf das in Wortſpielen ſich überbietende Jüdiſch - deutſch wird gelegentlich Rückſicht genommen werden. Vor der Hand nur ein paar Beiſpiele, bei denen dem logiſchen wie pho - netiſchen Element in der That ſtarke Gewalt angethan iſt: mah - pach paschto, im hebräiſchen oder vielmehr jüdiſchdeutſch-provin - ciellen Accent: Ma Pauch faſcht du (mein Bauch faſteſt du?), eine ſehr gewöhnliche ſpöttiſche Redensart über jemand, welcher andere faſten läßt und ſich ſelbſt damit verſchont. Ebenſo: Er hält taanis - Esst-er (taanith Esther), von jemand, der am Purimfeſte (ſ. u.) nicht faſtet, ſondern ißt (eßt-er). Vgl. das ſehr zu empfehlende Werk von Abraham Tendlau: „ Sprichwörter und Redensarten deutſchjüdiſcher Vorzeit. Als Beitrag zur Volks -, Sprach - und91 Sprichwörterkunde. Aufgezeichnet aus dem Munde des Volkes und nach Wort und Sinn erläutert “(Frankf. a. M. 1860), Nr. 661, 662.
Läßt man den Blick mit genauer Forſchung durch das wilde Geſtrüpp der Gaunerſprache auf den Boden hinabgleiten, aus welchem jenes hervorgewuchert iſt, und verfolgt man das dichte weitreichende Wurzelgeflecht unter dieſem Boden in ſeinen langen Erſtreckungen, ſo muß man über die Polypenwüchſigkeit dieſes Wurzelwerks erſtaunen, welches unter den Boden aller, ſelbſt der entlegenſten, ſocialpolitiſchen Kreiſe hineinzudringen und überaus reichliche Nahrung von dieſen zu gewinnen gewußt hat. Wenn man in dieſe Kreiſe hineinblickt, unter deren Boden ein ſo giftiges Gewächs Wurzel gefaßt hat und häufig mit üppigem Wucher zu Tage hervorbricht, ſo ahnt man oft kaum, daß mitten unter den Sproſſen friſcher fröhlicher Kraft des gemeinſamen ſocialen oder gewerblichen Lebens ſo unheilvolle Triebe hervordringen und zur giftigen Frucht gezeitigt werden konnten. Erkennt man nun in der Standesgruppirung nicht eine Jſolirung des beſtimmten Krei - ſes, ſondern eine von demſelben Geiſt und Bewußtſein der ſocial - politiſchen oder gewerblichen Aufgaben beſeelte, gemeinſam ſtrebende Vereinigung als integrirenden Theil der ganzen Volksmaſſe, welche durch die Centraliſirung der verſchiedenen Standesgruppirungen ihr organiſches Geſammtleben darſtellt und fördert: ſo iſt es bei dem Auslaufen aller Gruppirungen in die große Geſammtheit erklärlich, wie ſchon die Jnfection einer einzelnen Gruppe verderblich auf die Geſammtheit wirken mußte. Es läßt ſich auf culturhiſtoriſchem Wege nachweiſen, daß das Gaunerthum nicht nur die freieſten und friſcheſten ſocialpolitiſchen Kreiſe inficirt und in ihnen ein be - denkliches ſittliches Siechthum zu erzeugen vermocht hat; ſondern daß es auch ganze einzelne Gruppen, wie z. B. die der „ Töchter92 in den Frauenhäuſern “, das Gewerbe der Nachrichter und Ab - decker, ſo durchaus durchdrang und occupirte, daß es dieſe Grup - pen als ſein integrirendes Eigenthum vindiciren konnte. Auf dieſe trübe Wahrnehmung führt beſonders die genauere Kenntniß der Gaunerſprache. Wenn theils aus gewerblichem Bedürfniß, theils in friſcher, fröhlicher Unbefangenheit die Genoſſen eines ſocial - politiſchen Kreiſes zur Bezeichnung beſtimmter Begriffe und Gegen - ſtände fremde Wörter adoptirten, oder deutſchen Wörtern eine vom gewöhnlichen Volksgebrauch abweichende Bedeutung beilegten und ſomit ein nach außen mehr oder minder abgeſchloſſenes Sprach - geheimniß ſchufen, deſſen genauere Kenntniß nur den Standes - genoſſen vorbehalten war: ſo konnte man den Genoſſen gern den eigenthümlichen Sprachſchatz gönnen, aus welchem doch immer der deutſchen Sprache eine Bereicherung zufloß und welcher ſeiner innern Bedeutſamkeit nach doch immer arglos und unverfänglich war. Sehr ernſt berührt es aber den Kenner der Gaunerſprache, wenn er wahrnimmt, daß dieſelbe aus allen jenen Volksgruppen eine nicht geringe Anzahl Wörter aufgenommen hat, und wenn er, dadurch zu tieferer Forſchung aufgefordert, findet, daß dieſe Wörter und Ausdrucksformen nur zu dem trüben Beweiſe dienen, daß das Gaunerthum bei ſeinem mehr oder minder tiefen Ein - dringen in alle dieſe Kreiſe dieſe ſelbſt mehr oder minder tributär und abhängig von ſich gemacht hat. Wie innig und gewaltig dieſe durch die Sprache angezeigte Verbindung und gegenſeitige Einwirkung iſt, das beweiſt in einer Eigenthümlichkeit, wie ſie anderweitig wol kaum ähnlich vorkommen mag, der Umſtand, daß z. B. in der Schinder - und Dappelſchickſenſprache allgemein ge - bräuchliche Gaunerausdrücke noch zu einer von der gewöhnlichen gauneriſchen Sprachbedeutung abweichenden beſondern Bedeutung gezwungen wurden, wie dies weiterhin mit Beiſpielen belegt wer - den wird. Die Etymologie dieſes Sprachvorraths iſt an ſich überall ohne Schwierigkeit nachzuweiſen und leicht zu erklären, da keine Gruppe eine beſondere Sprachweiſe, vielmehr nur einen freilich immerhin mit großer Willkür geſammelten und gedeutelten Wort - vorrath aus der deutſchen Volksſprache ſich angeeignet hat. Sie93 iſt aber in ihrer ganzen Bedeutſamkeit nicht vollkommen zu erläu - tern ohne hiſtoriſche Nachweiſe und Beziehungen, welche in der That tief in die ganze Bewegung des ſocialpolitiſchen Lebens hin - einführen. Um daher die Gaunerſprache in ihrer ganzen Umfäng - lichkeit und Gewalt kennen zu lernen, bedarf es einer kurzen cultur - geſchichtlichen Hindeutung auf jene Volksgruppen, in welche das Gaunerthum heimlich hineinzuſchleichen verſtand, um die gefährliche Jnfection zu bewirken und aus den ſonſt ſo geſunden, friſchen Säf - ten eine überaus reiche Nahrung für ſich zu gewinnen.
Jn der auf den deutſchen Univerſitäten mit weiſer Erkennt - niß und Würdigung des deutſchen Weſens gewährten Freiheit der Wiſſenſchaft ſelbſt und der nach der Wiſſenſchaft ſtrebenden aka - demiſchen Jugend blühte auf der Grundlage chriſtlich-ſittlicher und claſſiſcher Vorbildung der deutſche Gelehrtenſtand in der herrlich - ſten Entwickelung auf, um nicht nur dem deutſchen Vaterlande, ſondern auch der ganzen Welt die reichſten und edelſten Früchte zu tragen. Bei dem von allen Seiten durch friſche Luft - und Lichtſtrömung geförderten Aufblühen der akademiſchen Jugend quoll der volle Lebensſaft des üppigen jungen Wuchſes überall wie ein echter humor von innen nach außen heraus und verdichtete ſich nach außen am kühn aufſtrebenden Stamme zu einem deutlich wahrnehmbaren Merkmal, welches Art, Kraft und Fülle des gan - zen herrlichen Aufwuchſes charakteriſtiſch kennzeichnet. Mögen auch dieſe Kennzeichen mannichfach misfarbig erſcheinen und oft aus leicht entſtellenden Narben hervorquellen, immer iſt doch die innere friſche Lebensfülle zu erkennen, und niemals findet man das Edle verleugnet oder gar verneint. Auch die von der deutſchen akademi - ſchen Jugend vollſtändig beherrſchte deutſche Sprache der Bildung mußte in Geiſt und Mund der Jugend zu wuchern anfangen und94 brach denn auch mit ſprudelnder Fülle in deutſchoriginellen oder auch ſprachgemiſchten Bezeichnungen und Redensarten aus, in denen Laune bis zum Uebermuth, Witz, Jronie und Satire wie Staubfäden in einem Blütenkelche dicht zuſammenſtehen und aus dem Blütenkelche in reicher Geiſtigkeit und liebenswürdiger Ge - müthlichkeit hervorſchauen. Die Fülle dieſer Ausdrücke gab ſchon früh zu eigenen Wörterbüchern der Studentenſprache Anlaß, in denen jedoch meiſtens eine ſehr ungeſchickte Einmiſchung von Wör - tern und Redensarten hervortritt, welche keineswegs ſpecifiſch aka - demiſch ſind. Die Gemüthlichkeit und Wahrheit der Studenten - ausdrücke beruht darin, daß ſie nie geſucht, ſondern immer gefun - den ſind und daß jedes Wort ſeinen hiſtoriſchen Anlaß hat. 1)Wenn auch alle deutſchen Univerſitäten ihr Contingent zur Studenten - ſprache geliefert haben, ſo darf doch vor allen das jedem Studenten unvergeß - liche Jena mit ſeiner alten Freiheit und immer jugendlichen Friſche als Parnaß der Studentenſprache gelten. Statt vieler hier nur ein Beiſpiel aus des alten „ Kriſtian Frantz Paullini Zeit-kürzende Erbauliche Luſt “(Frankfurt a. M. 1693), S. 179, Nr. 67: „ Die Hoheſchul Jena hat manches Sprichwort in die Welt gepflantzt, davon ich vor dißmal nur drey (damit alle gute Dinge gut ſind) anführen will, und zwar erſtlich von den Schul-Füchſen. Es war ein frommgelehrter Mann, der mehr im Gehirn hatte, als ihm eben vorn an der Pfann herausguckte, dabey aber ein blödes Thier, ſo immer ſorgte, der Him - mel möchte berſten und ihm auf die Platte fallen. Dieſer ſtieg aus dem Schul - ſtaube zur Würde eines Jeniſchen Profeſſors. Nun trug dieſer ſchlecht und recht einen Mantel mit Fuchsbälgen gefuttert, damit wanderte er nach dem Ka - theder. Die Studenten, ſo dergleichen Habits nicht gewohnt waren, ſonſt auch des guten Mannes Witz und Verſtand nur nach dem äuſſerlichen Schein ab - maſſen, und ihn alſo nicht für voll achteten, gaben ihm den Namen eines Schul - ſuchſes. Welches Wort durch gantz Teutſchland ausgeſtreuet, wiewohl der zehende kaum den eigentlichen Urſprung weiß. Ferner von den Zweibeinichten Haaſen. Als im Anfang vorbelobter Hohenſchul D. Erhard Schimpff, ein wolberedter Mann, auf der Cantzel die Hiſtori von Elisaeo und ſeinem Diener Gehaſi (vgl. 2. Kön. 4, 12), deren jener den Naemann vom Außſatz errettet, dieſer aber, hinter des Propheten wiſſen und befehl, Geld von ihm genom - men hatte, dem Volck erklärte, und unter anderm fragte: Solten auch wohl unter uns noch ſolche Gehaſi ſeyn, die nemlich einen ſchnöden Provit mehr achten als Gott und ihr Gewiſſen? Ach ja, ſprach er, gar viele! Jch bin ein Gehaſi! Du, Er, Wir ſind alle ſchier Gehaſi. Welche er etlichmal (ſich etwas lang in dieſer Materi verweilende) wiederholte. Da waren flugs etliche Bürſch -Das95 würde recht allgemein begreiflich werden, wenn man Zeit und Mühe daran ſetzte, aus den vielen Schriften der Gelehrten, beſon - ders Theologen des 16. bis 18. Jahrhunderts (welche in ihrer behaglichen Muße und Schreibſeligkeit niemals verſäumten, die bei ihnen vorkommenden, keineswegs vermiedenen, ſondern mit ſichtbarem Durchbruch der alten Studentennatur geſuchten Aus - drücke gelegentlich in ihrer hiſtoriſchen Entſtehung nachzuweiſen und zu erläutern), eine Lexikographie der Studentenſprache zu ſam - meln und damit den Beweis zu führen, daß die Studentenſprache kaum eine Spur von künſtlicher Linguiſtik enthält, ſondern eine offene, klare, hiſtoriſche Gedächtnißtafel iſt, zwiſchen deren Zeilen man ein bei weitem tieferes Leben leſen kann, als oft der Studirende ſelbſt ahnt, während er dieſen ſprachlichen Comfort mit Behagen benutzt und als Type ſeines prächtigen Studententhums an und mit ſich trägt.
Dies reiche Studentenleben mit ſeiner faſt hypertrophiſchen geiſtigen Conſtitution hat mit voller Gewalt klarer Geiſtigkeit tief in das ganze ſocialpolitiſche Leben hineingegriffen und eine Litera - tur geſchaffen, welche in der bisherigen, nüchtern zuſammengetra -1)lein, die bey allen Sauff-gelacken und Spiel-tafeln von dieſem Gehaſi ſchwatz - ten. Wenn nun einer was ungereimtes oder unbeſonnenes thäte, flugs hieſſen ſie ihn Gehaſi. Das Gepläuder zog auf die benachbarte Univerſitäten, endlich kams gar unter den Alleman, ſo daß der Arme Gehaſi den Kopf verlor, und wo einer nur was lächerliches begunte, gleich warffen ſie ihm den Rumpf an Hals, und hieſſen ihn Haſi. Zuletzt iſt biß auf dieſe Stund in Teutſchland ein Haas draus worden. Drittens von den Schaaf-Käſen. Es wird erzählet, eines Schäfers Sohn, ein feiner Menſch, habe unter andern mit verlangt Baccalaureus zu werden. Nun ſey der ehrliche Mann, ſo dieſe Creaturen dazumal machen muſte, ein ſonderbarer Liebhaber guter Schaaf-Käſe geweſen. Wie das der Candidat merckte, ſchrieb er ſeinem Vatter, er möchte ihm doch ein Dutzt guter fetter Schaaf-Käſe ſenden, die wolle er ſeinem Schöpfer prä - ſentiren. Der Vatter gehorchte dem Sohn, und der gute Profeſſor aß die Käſe mit gutem appetit. Als das die Burſchen höreten, hoben ſie aus Rallerey an, die Baccalaureos Schaaf-Käſe zu heiſſen, und von der Zeit an ſoll dieſer Grad allemälich daſelbſt verwelckt ſein. “ Vgl. weiter darüber die witzige Dis - putation: „ Theses de Hasione et Hasibili qualitate “, S. 511 der „ Facetiae Facetiarum “(1647), ferner S. 93 der „ Nugae venales “(1720) und daſelbſt S. 120 die Disputatio Physiologistica de jure et natura Pennalium. 96 genen Lexikographie der Studentenſprache eher eine abſchwächende Verſetzung als eine wahre Repräſentation und Förderung erhalten hat, am deutlichſten und prägnanteſten aber in der reichen Literatur der Facetien repräſentirt iſt. Faſt jede Nummer der „ Facetiae Facetiarum “, der „ Nugae venales “u. ſ. w. athmet ſtudentiſchen Geiſt und bewegt ſich in ſtudentiſchen Sprachformen. Man ſieht es, daß nur von dieſem Geiſt herbeibeſchworen die maccaroniſche Literatur von Jtalien her den vermeſſenen Sprung auf deutſches Gebiet wagen konnte, um dem fröhlichen Studententhum in die Arme zu fallen und ſein spiritus familiaris zu werden. Die „ Lustitudo studentica “und vor allem die treffliche „ Floia “ſind prächtige, üppige Genrebilder des deutſchen Studententhums, wel - ches alle effectvollen Tonmiſchungen dazu geliefert hat.
Nachdem einmal das deutſche Studententhum ſeit der Face - tienliteratur in voller Blüte aufgebrochen war, wurde es auch noch dadurch als hiſtoriſche Erſcheinung merkwürdig, daß es in ſeinem ſo üppigen wie ſoliden Aufſtreben dem lotterigen fahrenden Scholaſtenthum des Mittelalters ein Ende machte, ohne daß es doch jemals mit dieſem etwas gemein gehabt hätte, ſo wenig wie der friſche Geiſt mit todten, vermoderten Formen ſich befaſſen mag. Der Scholaſticismus des Mittelalters mit ſeinen bettleriſchen und landſtreicheriſchen Jüngern hatte als ſeinen Gegenſatz auch eine ſo ſcheue Jſolirung und arge Verknöcherung des Gelehrtenſtandes gefördert, daß, wie Thomas Platter’s Beiſpiel1)Vgl. G. Freitag, „ Bilder aus der deutſchen Vergangenheit “, I, 69 fg. : Selbſtbiographie des Thomas Platter. recht anſchaulich zeigt, die leere äußere Form leicht copirt und vom Betrug ausge - beutet werden konnte, welcher in den vagabundirenden Scholaſten nicht einmal ein Gelehrtenproletariat, ſondern nur eine betrügeri - ſche äußere Maske deſſelben aufſtellte. Das deutſche Studenten - thum dagegen war eine reine, aus dem tiefſten Grunde des deut - ſchen Weſens hervorgebrochene friſche Blüte auf dem fruchtbaren Boden des Proteſtantismus, welcher der deutſchen Wiſſenſchaft erſt die vollſte geiſtige Freiheit gab und aus den Univerſitäten Tempel97 der freien chriſtlichen Wiſſenſchaft für die deutſche Jugend ſchuf. Mit wunderbarer Gewalt faßte noch an der Grenze des Mittel - alters und des fahrenden Scholaſtenthums der Liber Vagatorum dies Scholaſtenthum, indem er das Weſen deſſelben noch einmal kurz und kräftig ſkizzirte, eine Menge Typen ſeiner elenden Kunſtſprache in das Vocabular zuſammentrug und damit die ganze morſche Er - ſcheinung gegen den Boden zerſchellte. Damit räumte er der nach - folgenden Reformation mit den proteſtantiſchen Univerſitäten und deren friſchem akademiſchen Leben den Boden auf. Darum ſchlug der Liber Vagatorum ſo gewaltig bei Luther und den proteſtan - tiſchen Theologen durch, und bei keinem Buche vergißt man leich - ter, daß es aus katholiſcher Feder gefloſſen iſt, als bei dem Liber Vagatorum.
Bezeichnend endlich für das fahrende Scholaſtenthum, für das deutſche Studententhum und für das Gaunerthum iſt es, daß, ſo eifrig auch das letztere die ſcholaſtiſchen Formen copirte und eine Menge ſcholaſtiſcher Ausdrücke dazu ſchuf, doch niemals die Gau - nerſprache einen wirklichen echten Ausdruck des deutſchen Studen - tenthums zu adoptiren wagte. Das deutſche Studententhum hatte ein zu helles Weſen, als daß eins ſeiner wenn auch oft unkla - ren, eigenthümlichen Wörter in die verſteckte Gaunerſprache hätte aufgenommen werden können ohne Gefahr, auch im Dunkel wie ein heller Funke zu leuchten. Wenn auch von dem in tauſend - fachem Blütenſchmuck daſtehenden Baume des deutſchen Studenten - thums manche taube Blüten in den dunkeln Schos des Gauner - thums fielen, ſo waren es doch bereits abgeſtorbene einzelne Blüten, welche ſchon lange weder Duft noch Lebenskraft hatten und raſch auf dem trüben Boden verfaulten, auf den ſie gefallen waren. Trifft man daher in den Studentenwörterbüchern, wie z. B. in dem von Kindleben1)„ Studentenlerikon. Aus den Papieren eines unglücklichen Philoſophen, Florido genannt, ans Tageslicht geſtellt “(Halle 1781). Viel beſſer und durch - aus im Studententon gehalten iſt das kleine Werk von A. H.: „ Allgemeine deutſche Studentenſprache oder ſtudentikoſes Jdiotikon “(zweite vermehrte Auf - lage, Jena 1860)., Ausdrücke, welche man in der Gauner -Avé-Lallemant, Gaunerthum. III. 798ſprache findet, ſo überzeugt man ſich bei genauerer Prüfung ſehr bald, daß dieſe Ausdrücke keine wahren Studentenausdrücke, ſon - dern geradezu eine von leichtfertiger Ungerechtigkeit und Unkennt - niß geſchaffene müßige Bereicherung ſind, welche man durchaus ab - weiſen muß. Jedenfalls verdient aber die Studentenſprache in linguiſtiſcher Hinſicht Aufmerkſamkeit. Denn auch da, wo die Ausdrücke hiſtoriſch ſich nachweiſen laſſen, kommen intereſſante Sprachmiſchungen vor, welche namentlich in den Univerſitätsſtädten und deren Nähe auch in den Volksmund übergegangen ſind. Selbſt das verſchüchterte Judenthum wagte, wenn auch mit min - derer Deutlichkeit, doch mit vielem Witz und Humor, außer den mannichfachen, dem fahrenden Scholaſtenthum abgewonnenen Aus - drücken, eine analoge jüdiſchdeutſche Studentenſprache nachzuahmen, von deren treffenden Bezeichnungen man oft genug lebhaft über - raſcht wird. Die geläufigſten haben Aufnahme im Wörterbuch gefunden.
Sobald infolge des gegen Ende des Mittelalters neuerwach - ten Studiums der alten claſſiſchen Literatur in Deutſchland die Volkspoeſie als heller, ermunternder Ruf zu einem freiern, lebens - bewußten Streben ſelbſt in die gedrückten unterſten ſocialpolitiſchen Schichten mit überraſchend mächtiger Wirkung hineinklang, wagte auch der ermuthigte gemeine und Bauersmann den Blick von ſei - ner bisherigen Welt, der Erdſcholle, zu erheben und außer ſeinem Herrn und Gebieter auch dem Treiben der Welt, wenngleich nicht über ſeine beſchränkte Horizontlinie hinaus, ins Angeſicht zu ſchauen und für ſinnliche Genüſſe empfänglicher und muthiger zu werden. Von oben herab ſuchte auch wieder die in künſtlichem Treiben der Höfe, Burgen, Klöſter und Städte ermattete Sinn - lichkeit ſich in der freien Natur zu erholen und entweihte ſchon99 durch ihre bloße Erſcheinung die geheiligte Natur und natürliche Sitte, noch ehe ſie im Schein ehrbarer Verleugnung es unter - nahm, in dem ſo ruchlos wie ſchlecht copirten arkadiſchen Schäfer - leben die Natur zu einem Bordell unter freiem Himmel umzuwan - deln, in welchem die Liederlichkeit höchſtens nur Schatten, aber kein verborgenes Verſteck fand, um ſich nun auch phyſiſch zu ver - nichten und bei dem Ruin aller chriſtlichen Sitte dazu auch die göttliche Offenbarung der Natur zu verhöhnen. Sie dramatiſirte das entſetzliche Stück Culturgeſchichte, welches mit dem himmel - ſchreienden jus primae noctis wie eine fauſt - und fehderechtliche Abſage aller chriſtlichen Zucht und Sitte und ſpäter mit den ſchmählichen Schäferorgien des „ prächti〈…〉〈…〉 “Lorenzo von Medici begann, zu einer furchtbaren Tragödie, deren Kataſtrophe in Frank - reich in den taumelnden Figuren des wiehernden Herzogs von Orleans, den roués, in der von der königlichen Hand Ludwig’s XV. ſchmachvoll geſchaffenen Scenerie des Hirſchparks angezeigt und zu welcher die Revolution der letzte Act wurde. Dieſe vornehme Liederlichkeit wurde ihrer Herrſchaft ſo ſicher, daß ſie es unter - nahm, die Laute der Natur und die Sprache der verführten Natur - kinder zu einem eigenen Jdiotikon der Liederlichkeit zu traveſtiren, in der Dörperſprache, Tölpelſprache, Bauernſprache1)Unſer heutiges Tölpel iſt nur eine Umgeſtaltung von dem alten Dör - per, Dörfer, Dorfbewohner. Vilmar, „ Geſchichte der deutſchen Nationallitera - tur, I, 287. die von ihr geſchändete natürliche Sitte und ahnungsloſe Unwiſſenheit lächerlich zu machen und dem Spotte preiszugeben.
Der Ton der Tölpelſprache wurde zuerſt in den zahlreichen Gedichten des Ritters Nithart (deſſen Grab noch jetzt in der Ste - phanskirche zu Wien zu ſehen iſt, † vor 1246) angeſchlagen. Nithart gefiel ſich vorzüglich in ſeinen übrigens oft ſehr treffend und lebendig geſchilderten Darſtellungen, das Bauernleben und die vermeinte Bauernhoffart lächerlich zu machen. Bauernſtreiche, Bauernhändel, Bauernprügel ſind ein Hauptthema ſeiner Poeſien. Wennſchon dabei die Darſtellung oft an den Volkston ſtreift, ſo7 *100hat doch Nithart nicht für das Volk zu dichten beabſichtigt. Seine Gedichte waren nur Spottgedichte, mit welchen er den Bauern - ſtand dem Ritterthum gegenüber lächerlich zu machen ſuchte. Er erhielt daher auch den Namen „ Bauernfeind “. Seine Gedichte wurden im 15. und noch weit in das 16. Jahrhundert hinein öfters gedruckt und vielfach mit andern Schwänken verſetzt; ſie machten ihn zur mythiſchen Perſon und zu einem andern Eulen - ſpiegel. Trotzdem fand ſeine Poeſie keine weitere Nachahmung. Die Volkspoeſie überflutete und abſorbirte auch dieſe platte und geiſtloſe Farce. Aber gegen das Ende des Mittelalters ſieht man plötzlich in Jtalien die kleinliche, ſelbſtgefällige Verhöhnung des tief daniedergedrückten Bauernſtandes als vollendete Poeſie und poetiſche Gewöhnung d〈…〉〈…〉 Fürſten und Edeln auftauchen. Die Poesia villanesca oder contadinesca wurde von Lorenzo von Medici dem Prächtigen ſelbſt cultivirt. Sein Gedicht „ Lode della Nancia “iſt das älteſte bekannte dieſer Sorte. Nach ihm zeichneten ſich Luigi Pulci, Becca, Timeoni in dieſer Dichtungsart aus, deren Richtung Liebesgedichte und Liebeserklärungen in bäueriſchem Tone und bäueriſchen Redensarten waren. Sie wurden meiſtens in mehrern Ottaven abgefaßt und hatten, wenn ſie nur eine Ottave lang waren, den Namen Rispetti.
Jn Frankreich und Deutſchland kam die Poesia villanesca eigentlich in der Weiſe wie in Jtalien gar nicht auf, wenn auch in Frankreich Antonius de Avena und vorzüglich der ſehr intereſſante Eſtienne Tabourot, deſſen ſchon erwähnt iſt und noch weiter Er - wähnung gethan werden wird, dieſe Dichtung auszubeuten began - nen. Man betrachtete in Frankreich und Deutſchland den Bauern - ſtand als integrirenden Theil des lebendigen Landwirthſchafts - inventars, ohne je Gedanken, Geiſt oder Poeſie im Bauer oder Bauernleben zu ſuchen und zu finden. 1)Doch kommt allerdings auch ſchon ſehr früh eine Poeſie vor, die man eine villanesca nennen könnte, wenn man überhaupt um ihrer Entſtehung willen ſo entſetzliche Verſe Poeſie zu nennen wagen dürfte. Es ſind dies jene zahlreichen, kurzen, verſificirten Parömien und Rechtsparaphraſen, welche wie ein Hundehalsband den Bauer wie ſeinen Gebieter kennzeichnen. Dahin gehörtDer ungeheuere Druck101 des immer niedergehaltenen und dadurch zur Auflehnung gereizten Bauernſtandes in Frankreich hatte denſelben dort noch früher her - abgewürdigt als in Deutſchland, wo er erſt durch die Bauern - kriege aus der ſocialpolitiſchen Verſumpfung aufſtieg und flügge wurde, um dann wieder als rohe Maſſe verachtet und gefürchtet zu werden. Seit dieſer Zeit und in dieſem Sinne begann die müßige Schriftſtellerei in abſichtlicher Verkennung des Bauern - ſtandes und ſeiner einfachen natürlichen Weiſe und Sprache eine rohe und entſtellte Sitte und Sprache darzuſtellen, welche ſie Bauernmoral und Bauernſprache, Tölpel -, Grobian - und Flegelſprache nannte und in welche ſie auch alle geiſtige und ſprachliche Unſitte des höhern ſocialpoli〈…〉〈…〉 en Lebens hineinwarf. Dieſe ſittliche und ſprachliche Verlogenheit wucherte ſo lange fort, bis ſogar erſt durch das Uebermaß die Reue geweckt wurde und die lang verleumdete Volksnatur trotz der harten Angriffe und Schäden doch immer noch kräftig und friſch hindurchſchlug und in den endlich hervortretenden, immer zahlreicher anwachſenden Jdio - tiken eine würdige und wahre Apologie erhielt und in neueſter Zeit in manchen vortrefflichen mundartigen Dichtungen, ſowie in den leider aber auch ſchon wieder durch zu übermäßiges Copiren des originellen geiſtvollen B. Auerbach mannichfach manierirten Dorfgeſchichten eine eigenthümliche Literatur in Deutſchland ge - funden hat. Es iſt kaum etwas Unwahreres, Unwürdigeres und1)beſonders das im 14. und 15. Jahrhundert im nördlichen Frankreich, vorzüg - lich in Lothringen übliche und ſogar bis ins Trierſche und in die Wetterau hineingedrungene Silence des grenouilles, das Fröſcheſtillen, wonach die Bauern, um das nächtliche Quaken der Fröſche zu ſtillen, des Nachts mit Ruthen in die Teiche, Sümpfe und Gräben ſchlagen mußten, wenn der Gebieter im Schloſſe ſchlief oder ſeine Hochzeitsnacht feierte, vielleicht auch das jus primae noctis exercirte, wobei die Bauern ſingen mußten: Pâ, pâ renotte, pâ (paix grenouille), Veci nostre seigneur (mr. l’abbé) que dieu gâ (garde). Das ließ ſich auch der Abt von Luxeuil vorſingen, und erſt Anfang des 16. Jahrhunderts erließ der Herzog von Lothringen bei ſeiner Hochzeit mit Renata von Bourbon in Gnaden den Bauern dieſes empörende Epithalamium, welches fürchterlicher in die Brautkammer und gen Himmel ſchrie als das Gequake der Fröſche. Vgl. Grimm, „ Deutſche Rechtsalterthümer “, S. 355 und 356.102 Seichteres zu leſen als jene Tölpel - oder Bauernliteratur, in wel - cher aller Witz ſchwindet, weil die Misform geſucht iſt und nir - gends etwas Natürliches heraustritt. Somit verlor denn auch die Satire den geiſtigen Halt und Griff, um die hier und dort ſich wirklich einmal hervordrängende bäueriſche Unwiſſenheit und Un - geſchicklichkeit bei Zeiten und mit Behendigkeit zurückzuweiſen, bis denn jetzt der moderne nivellirende Materialismus auch in dem beſitzenden Bauernſtande ſeine Jüngerſchaft gewonnen hat, welche ganz anders als in der alten kräftigen Natürlichkeit auftritt, deren Unwiſſenheit nicht mehr arglos und blöde, ſondern ſchon über - müthig iſt und nun eine Stellung beanſprucht, welche ihr von der Staatspolitik nicht oh〈…〉〈…〉 ſehr ernſtes Bedenken einzuräumen iſt. 1)Welch eine merkwürdige culturhiſtoriſche Erſcheinung iſt das vortreff - liche, jetzt ganz vergeſſene und vornehm belächelte „ Mildheimiſche Noth - und Hülfsbüchlein “mit ſeinen vielen Auflagen, daß es doch in dieſer geſunden Ein - falt ſo gegeben und ſo hingenommen werden konnte! Es war wirklich die Grund - lage zu einem tief chriſtlich-ſittlichen Dorfgemeindeleben, um in dieſem den Bauernſtand zur vollen Bedeutſamkeit eines eigenen ſocialpolitiſchen Factors zu erheben. Wie wenig ſind aber die Urſachen zu verkennen, welche die Dorf - gemeinde aufgelöſt und nur Dorfbauern, iſolirte Bauerhofsbeſitzer und Dorf - barone gemacht haben, deren ſchwache Verbindung durch das Ausbauen noch immermehr auch äußerlich zerriſſen wird.
So iſt denn bei d〈…〉〈…〉 em krankhaften innern Widerſpruch des modernen Bauernthums eine ſolche Bauernſprache erſt jetzt in der Bildung begriffen, wie ſie ſchon vor Jahrhunderten von müßiger und ungerechter Schriftſtellerei ſo verlogen und mit ſo plattem und mattem Geſchick dem Bauernſtande aufgebürdet wurde. Das Hin - eintragen ausländiſcher Wörter in die deutſche Sprache und ihre abſichtliche Verſtümmelung iſt eine völlige Unnatur und eine ge - machte Operation derjenigen, welche ſich der Sprachmängel und Gebrechen in ihrem eigenen Kreiſe bewußt wurden und danach ſtrebten, durch Abſchieben der hervorſtechenden ſprachlichen Unwiſſen - heit und Mängel in die bäueriſche Sphäre den eigenen Vorwurf abzuweiſen. Unſere prächtige niederdeutſche Mundart vor allem verſteht ohnehin gar nicht ſolche exotiſche Ausdrücke aufzufaſſen. Davon zeugt unter anderm das hiſtoriſch verbürgte „ Fif Lampen -103 röhr! “des hamburger Volkes, als es unter der Schreckensherr - ſchaft des Marſchalls Davouſt am Geburtstage Napoleon’s ge - zwungen wurde, das zehnmal vorcommandirte Vive l’empereur! nachzurufen, ſowie das ungemein bezeichnende, überall geltende und durchſchlagende Sprichwort: „ Wat de Buhr nich kennt, dat fritt he nich. “
Aber das Gaunerthum, neben deſſen Naturgeſchichte der Liber Vagatorum noch eine Naturgeſchichte des Bauernthums deut - lich genug ſkizzirte, ließ auch jene gemachte Bauernſprache in ihren damals nur noch kümmerlichen Typen nicht außer Acht. Denn der vom Gutsherrn bis aufs Blut gepreßte, arme, verſchüchterte Hutz1)Hutz, Hautz, Bauer, doch wol von Haut, Hut abzuleiten, da Huzzel zunächſt eine zuſammengedörrte Birne, ein altes runzeliges Weib, und dann überhaupt einen guten, aber ſchwachen Menſchen, „ eine gute Haut “bedeutet. Das Weitere ſ. bei Schmeller, II, 260; Schmid, S. 292. Vgl. auch daſelbſt hutzen, hetzen, ſowie bei Schwenck, S. 286. Das niederdeutſche hiſſen, hetzen, ſteht damit im Zuſammenhang. Jm ſüdweſtlichen Deutſchland iſt huß, huſ - ſel, huzel das Schwein (gr. ὕς?), wahrſcheinlich doch aus der alten Jagd - ſprache vom Anlaufen des wilden Schweins (bei der „ Sauhatz “) auf den Jagd - ſpieß, wobei dem Thiere, um es noch mehr zu hetzen und zu reizen, das Huß - ſau, Hußſaw (wovon das heutige Huſſa) zugerufen wurde. Wenn übrigens Schmid S. 266 Hautzinger als „ eine Art Kriegsleute “und, durch Friſch ver - leitet, Hautz und Hautzin für böhmiſch erklärt, in welcher Sprache es Fremdling bedeute, ſo iſt das wol ein Jrrthum. Der Fremdling, Ausländer iſt im Böhm. cyzý, cyzokragný. Hus, husa iſt aber Gans, im Diminutiv husy〈…〉〈…〉 ka und hause. Jn der von Schmid angeführten Urkunde der ſchwäbiſchen Bundesſtädte von 1450 ſind doch wol die Ufſitzer und Hautzinger als Rebellen und Bauern, nicht aber als „ Reiter und Fußvolk “anzuſehen. Daſſelbe gilt wol auch von den 1462 durch Herzog Ludwig von Baiern in Langenau bedrohten Dienſtmannen dieſes Städtchens, welche gleichfalls Hautzinger genannt wurden. war ja auch noch dem Gaunerthum mit dem letzten Bluts - tropfen verfallen. Nichts ſchildert das Elend der Bauern und die ſcheußliche Gaunergewaltherrſchaft treffender als Philander’s von Sittewald Darſtellung aus dem Dreißigjährigen Kriege:
Jſt das nicht wunderbarlich Gſind Daß der Hautz ſein Schuch mit Weiden bind Vnd doch die Zech muß zahlen u. ſ. w.
deren bereits Th. I, S. 212 Erwähnung gethan iſt. Jn dieſer104 Beherrſchung und Ausbeutung des Bauernſtandes griff das Gau - nerthum um ſo lieber nach jener ſogenannten Bauernſprache, je mehr die verſchränkte, abgeſchmackte Wortbildung dem wirklichen bürgerlichen Verkehr und ſeiner Sprache fremd blieb und je mehr fremdartige und entſtellte Wörter jene nur in Büchern lebende Bauernſprache aufzuweiſen hatte. So hat die Gaunerſprache zum Hohn und Spott auch aus der Bauernſprache eine Menge Aus - drücke aufgenommen und dieſe ſelbſt weiter cultivirt. Ja ſogar die jüdiſchdeutſche Sprache hat manche bauernſprachliche Ausdrücke förmlich recipirt, ſo ſehr ſie ſelbſt durchaus Volksſprache war und ſo wenig die Bauernſprache je in das Volk dringen konnte.
Von dieſer in ſprachlicher Hinſicht wenig oder gar nicht er - heblichen, aber reichhaltigen Literatur iſt eigentlich nichts Wichtiges mehr zu ſagen, als daß ſie die ſpätere, noch geiſtloſere fade Com - plimentirbücherliteratur provocirt hat, mit welcher müßige Schrift - ſtellerei und eifrige buchhändleriſche Speculation blöden Comtoiri - ſten und höher ſtrebenden Handwerksgeſellen vollauf Worte an die Hand gibt, wo Haus und Erziehung und das Bewußtſein der eigenen innern Geltung defectiv geblieben iſt, um aller Welt zu gefallen. Eins der beſten Bücher aus der Bauernſprachliteratur iſt der ſeltene, wol auch ſpäter als 1553 gedruckte „ Grobianus, von groben Sitten und unhöflichen Geberden. Erſtmals in Latein beſchrieben durch den wohlgelehrten M. F. Dedekindium und jetzund verdeutſcht durch E. Scheidt von Worms. “ Die Wohlan - ſtändigen Sittenregeln, S. 6 — 98, ſind voll treffender Jronie und Satire. Deſto platter und witzloſer iſt aber das Kritiſche Bauern - wörterbuch, S. 99 — 272. Ein Plagiat davon iſt das „ Curiöſe Bauernlexikon “von Belemnon (Freyſtatt 1728). Bedeutender iſt „ L. Tölpels ganz funkel-nagelneue Bauernmoral “(Kamtſchatka 1752).
Das „ edle Weidwerk “war von jeher ein ausnehmendes Recht der Fürſten und Edeln, deſſen Beſitz ſie gegen jeden, wel - cher das Wild von ſeinem zerſtampften und zerwühlten Acker auch nur zu verſcheuchen unternahm, mittels einer drakoniſchen Jagd - geſetzgebung behaupteten und ſchützten. Das Jagdrecht mit der Geſchichte ſeiner Geſetzgebung iſt eine bedeutſame culturhiſtoriſche Merkwürdigkeit. Es blieb, allen Landfrieden zum Hohne, bis auf die neuere Zeit ein ſanctionirtes großes Stück Fauſt - und Fehde - recht gegen die Wehrloſigkeit, mittels deſſen dem Wilde ein Nieß - brauch an dem geſammten Grund und Boden des wehrloſen Land - manns eingeräumt wurde, bis, ungeachtet bei jeder Auflehnung des Bauernſtandes ſeit den Bauernkriegen das leidige Jagdrecht rügend zur Sprache gebracht wurde, es erſt der neueſten Zeit vorbehalten blieb, das Jagdrecht zu einer vernünftigen milden Geſetzgebung überzuführen.
Mit dem Jagdrecht hatte auch die eigenthümliche Jagdſprache eine culturhiſtoriſche Bedeutſamkeit gewonnen. Solange die Sprache des Ritterthums frei von fremdartigen Ausdrücken blieb, war auch die deutſche Jagdſprache einfach und natürlich. Sowie aber das Ritterthum aus den verſchiedenen europäiſchen Ländern die ver - ſchiedenſprachlichen Ausdrücke in ſeine Sprache vereinigte, ſo griff auch das romantiſch-poetiſche Jägerleben mit beſonderer Vorliebe nach ſolchen Ausdrücken, um der Sprache des edeln Weidwerks Poeſie und Adel zu verleihen. So wunderlich die Jagdſprache des Mittelalters und der unmittelbar folgenden Zeit ſich geſtaltete, ſo hat ſie doch immer etwas zierlich Edles, wenn auch dabei meiſtens ſogar bis zur Komik und Caricatur Steifes. Sie wurde aber unerträglich, ſeitdem das Ritterthum zu erblei - chen und das eigentliche Jägerhandwerk aufzukommen anfing. So ſehr auch die Herren und Edeln ſtrebten, ihren eigenen Jag - den den alten Glanz und Adel zu bewahren, ſo ſehr wucherte in dem Jägerhandwerk die platte, geſchmackloſe und niedrige106 Sprache auf1)Am platteſten und lächerlichſten läuft die Jägerſprache aus, wenn ſie es unternimmt, die Laute der Thiere, beſonders der Vögel, in ſprachliche Aus - drücke zu kleiden, was denn auch in den ſchalen, ekelhaften Dichtungen Hoff - mannswaldau’s unausſtehlich widerlich hervorklingt, wenn er z. B. ſagt: „ Es tiritirilirt die Lerche “u. ſ. w. (vgl. Vilmar, II, 41). Komiſch machen ſich die beſonders von Bechſtein verſuchten Ausdrücke, z. B. das Gelocke der Heidelerche „ Dadigoi “, oder der Wieſenlerche „ Js gis “(vgl. den in der folgenden Note citir - ten G. F. D. aus dem Winckell, II, 491 und 500). Welche ungeahnte gefähr - liche Sprache der Natur, wenn ein durch Flur und Wald ſtreifender Gauner in Dadi goi (〈…〉〈…〉) „ mein Heidenvetter “und in Js gis (〈…〉〈…〉) „ Mann. Schwager “deutlich rufen hört, wovon der alte vogelſprachlehrende Eremit in C. Brentano’s herrlichem Märchen „ Schulmeiſter Klopfſtock und ſeine Söhne “wol kaum eine Ahnung gehabt haben mag, wenn er nicht etwa ſelbſt ein Pö - nitenz übender Gauner war., deren weſentliches Streben darauf hinausgeht, eine rohe, ſinnloſe Metapherſprache im Schwange zu halten, wel - cher Wahrheit, Poeſie und Geſchmack, ja ſogar ſehr oft aller Sinn abgeht, und deren Kriterium man am beſten in der rauhen Ge - walt finden kann, mit welcher das Jägerthum den in das Jagd - leben hineintretenden Laien zum Gebrauch ſeiner Vocabulatur zwingt und ſeine Verſtöße dagegen in roher Weiſe zu rügen weiß. 2)Einen klaren Ueberblick über die Jägerſprache gewährt, obſchon ein eige - nes Jagdwörterbuch nicht beigegeben iſt, G. F. D. aus dem Winckell’s vortreff - liches „ Handbuch für Jäger, Jagdberechtigte und Jagdliebhaber “(3 Thle., Leipzig 1805 — 6; dritte Auflage, 1858), welches die beſten Handbücher und Quellen benutzt hat. Es iſt merkwürdig, wie auch in der deutſchen Jagd - ſprache die Sucht, das Fremde nachzuahmen, ſich nicht verleugnen konnte, wäh - rend die franzöſiſche Jagdſprache, wenn auch immer zierlich und paraphraſtiſch, doch einfacher und verſtändlicher iſt. Die deutſche Jagdſprache hat gleich der gewöhnlichen Umgangsſprache ſogar einzelne franzöſelnde Ausdrücke aufzuwei - ſen, welche keineswegs franzöſiſch ſprachrichtig ſind. So z. B. kennt der Fran - zoſe den Ausdruck par force im deutſchen Jagdausdruck „ Parforcejagd “gar nicht, wie denn überhaupt par force unfranzöſiſch iſt. Für Parforcejagd hat die franzöſiſche Jagdſprache chasse à cor et à cri, oder chasse à courre, oder chasse aux chiens courrants, oder auch mit beſtimmter Bezeichnung des Wildes chasse du cerf, du renard u. ſ. w. Dagegen haben die alten ſchönen, meiſtens aus Frankreich ſtammenden Jagdſignale und Jagdmelodien ſich auch in Deutſchland noch rein erhalten und ſowol durch ihre Einfachheit, indem ſie meiſtens nur für zwei Hörner geſchrieben ſind, als durch ihren Periodenbau im Sechsachtel - oder Zwölfachteltakt, ſowie durch ihre meiſtens ungeſuchte Be -
107Schon im Dreißigjährigen Kriege findet man die edle Jäger - ſprache zu der Plattheit herabgekommen, in welcher ſie ſeitdem nur noch immer weiter herabgeſunken iſt. Jn dieſer Form hat ſie dem ganzen Jägerthum auch ihrerſeits eine Zuthat zu jener Eigenthüm - lichkeit gegeben, in welcher die aus der vollen Friſche des freien Lebens und Streifens in der Natur gekräftigte offene Männlich - keit mit dem traditionellen und durch Belauſchung eigenthümlicher Naturereigniſſe genährten und verſtärkten Aberglauben in einem ganz ſeltſamen Gemiſch, faſt wie in einem dualiſtiſchen Kampfe hervortritt. Dieſe Erſcheinung iſt charakteriſtiſch jägeriſch und prägt ſich in der friſchen Kühnheit des ſogenannten Jägerlatein aus, in welchem namentlich von alten Forſtexemplaren Ungeheuerliches geleiſtet wird und völlig unglaubliche und unmögliche Dinge mit der vollkommenen Sicherheit abgeſchloſſener innerer Ueberzeugung und mit dem empfindlichſten Anſpruch auf Glaubwürdigkeit darge - ſtellt werden.
Erſt der bedeutſame wiſſenſchaftliche Aufſchwung, den das Jagd - und Forſtweſen der neuern Zeit genommen, hat auch dem Jägerthum und ſeiner ſich mehr und mehr wieder veredelnden Sprache eine würdige Stellung angewieſen. Seit dem Dreißigjährigen Kriege gibt es jedoch nächſt dem Soldatenſtand wol kaum irgendeinen, der zum Räuber - und Gaunerthum ein größeres Contingent geliefert hätte als der Jägerſtand. Das Reiſen als Jäger gab dem Räuber auch den Sicherheitsbehörden gegenüber eine unver - dächtige Gelegenheit, in voller Bewaffnung einherzutreten. Die meiſten und ſchlimmſten Räuber ſeit dem Dreißigjährigen Kriege fingen mit Wilddieberei an, und dieſe Wilddiebe waren, wenn nicht förmlich gelernte, doch trefflich geübte Jäger, welche der in Deutſch - land ungeheuer angeſchwollenen Geſetzgebung gegen Wilddieberei2)tonung der ſchlechten Takttheile etwas ungemein Anſprechendes und Romantiſches, das ſogar dem Elegiſchen ſich nähert. Man vgl. z. B. bei aus dem Winckell, I, 286, die Waſſerfanfare Nr. 7 und das Hallali Nr. 8. Ein älteres, wenn auch lange nicht vollſtändiges, doch aber noch immer brauchbares Jagdſprach - wörterbuch findet man im vierten Anhange zu J. Chr. Nehring’s „ Hiſtoriſch - politiſch-juriſtiſchem Lexikon “(Gotha 1717).108 offen Hohn ſprachen. 1)Vgl. V. Franck von Steigerwald, „ Res furciferorum. Diebshändel “, wo Th. I („ Von den Creyßtägen und Schlüßen “), Kap. 12, S. 72 — 164 aus - führlich von „ Wildbret-Schützen oder Dieben “abgehandelt wird. Vgl. die Literatur Th. I, S. 231, wie auch das Leben des ſehr merkwürdigen Bayeri - ſchen Hieſel (Matthias Kloſtermayer), deſſen Th. I, S. 243 gedacht iſt.So kam es denn, daß eine nicht geringe Menge Jagdausdrücke in die Gaunerſprache aufgenommen wurden und daß durch die Berührung mit dem Gaunerthum ſogar die ſcheue jüdiſchdeutſche Sprache Jägerausdrücke enthielt, welche man für kahle Einſchwärzungen halten möchte, wenn nicht auch bei der ſprachlichen Forſchung beſtändig der Blick auf die hiſtoriſche Ent - wickelung des ganzen Gaunerthums gehalten werden müßte, da - mit man ſich überall klar orientiren kann.
Die Jagdſprache iſt zu bekannt und beliebt, als daß es hier der Anführung einzelner Beiſpiele bedürfte. Die vom Gaunerthum recipirten Ausdrücke finden ſich im Wörterbuch.
Will man die alte deutſche Urkräftigkeit und Urfriſche in ihrer ganzen wunderbaren Fülle und Freiheit kennen lernen, ſo muß man das Matroſenleben, vorzüglich des deutſchen Nordens, be - obachten und ſtudiren. Es iſt ſchwer, die prächtige Matroſennatur zu ſchildern, an welcher die Cultur des 19. Jahrhunderts nur fleckweiſe, wie ein entſtellender Anflug an glänzendem Stahl, haf - tet, und welche je mehr und mehr ihren Glanz verliert, je ſchärfer ſie von der Cultur beleckt und mit Roſt überſetzt wird. Nirgends drückt ſich das deutſche Kraftweſen voller und üppiger aus, nir - gends erſcheint auf irgendeiner Folie die moderne Cultur mehr als Uncultur, nirgends wird dieſe Cultur in ſo natürlicher Weiſe und mit ſo ungeſuchter Jronie mehr verhöhnt und rückſichtsloſer bloßgeſtellt als im Matroſenleben. Das Matroſenleben iſt unſere109 moderne vollſte Volkspoeſie, in welcher der Matroſe ohne objectives poetiſches Bewußtſein in vollkommener natürlicher Fülle und Frei - heit lebt. Kein Stand lebt mehr und eigenſter als der Matroſen - ſtand. Die harte Arbeit, das beſtändige Ringen mit der ſtets ſpie - lend beſeitigten Gefahr, die friſche Seeluft ſtählen Körper und Sinn. Der Matroſe iſt voller Sinnesmenſch und daher tief religiös, ge - müthlich und abergläubiſch, voll Sinnesluſt und Genußſucht, aber enthaltſam, nüchtern und ekel, ſobald er zur Ruhe kommt. Der freie, unbefangene Eintritt in das volle Leben der entfernteſten, verſchiedenſten Zonen weckt ſeine Beobachtung und nährt ſeinen Scharfſinn, und wiederum führt ihn die lange ſtarre Bannung an das einſam auf langer Fahrt dahinſtreichende Schiff zu ſub - jectiven Betrachtungen, in denen er ſich leicht mit allen Scrupeln abfindet und mit der hellſten Unbefangenheit die wunderlichſten Philoſopheme conſtruirt. Kein Menſch lügt mehr, aber auch arg - loſer als der Matroſe, weil er alle ſeine, ſelbſt die ungeheuerlichſten Lügen durchaus ſelbſt glaubt; und doch iſt er redlich bis zum voll - ſten Verlaß. Alle Matroſen ſind ſich gleich, und doch iſt jeder ein Original, aber kein einziger eine Caricatur.
Bei dieſer vollkommenen Originalität des Weſens und der Erſcheinung bildete ſich in entſprechender Eigenthümlichkeit die norddeutſche Schifferſprache aus, deren unvertilgbare Baſis, zum Hohn aller Verſuche, die hochdeutſche Mundart einzuführen, das köſtliche, kräftige Niederdeutſche1)Eine der ergötzlichſten Obliegenheiten, welche ich amtlich zu erfüllen habe, iſt die mir anvertraute Leitung der Revierſchifferprüfungen. Die dabei vorkommenden Fragen und Antworten weiß ich reichlich auswendig, ſodaß ich beinahe ſelbſt ein theoretiſches Examen zu beſtehen mich unterfangen könnte. Doch ſind die Fragen und Antworten immer verſchieden und originell. Der amt - liche Anſtand verlangt die dem Examinanden ungeläufige, läſtige hochdeutſche Sprache, in welcher ich die Fragen nach Perſonalien, Unterricht, Fahrzeit u. ſ. w. beginne. Dann folgen die eigentlichen Fachfragen der Examinatoren, erfahrener Schiffer. Es iſt ebenſo wunderlich wie unabweislich, daß, ſobald die leich - tern Fragen in hochdeutſcher Sprache beſeitigt ſind und die ſchwierigern begin - nen, jedesmal der geplagte Candidat unwillkürlich in das Niederdeutſche ſich flüchtet und die Examinatoren mit in dies ſalzige Fahrwaſſer zieht, welches be - iſt und welche höchſtens nur110 durch den affectirten Zuſchlag einzelner geſuchter Ausdrücke aus dem verwandten Engliſchen verſetzt, jedoch niemals in ihrem ori - ginellen Weſen verändert und umgeſtaltet werden konnte.
Ein wunderlicher, origineller und charakteriſtiſcher Zug des Matroſenweſens iſt es, daß der Matroſe ſein Schiff wie ein leben - diges Weſen betrachtet, deſſen Oſteologie und Anatomie er genau kennt und ſtudirt und häufig in meiſtens ſehr ſchön gearbeiteten Modellen darſtellt. Jeder Theil des Schiffs, jedes Kabel, jedes Segel iſt ein integrirender Theil des ganzen Körpers, und alles wird correct, ſauber und gefällig unterhalten und gepflegt, damit das Schiff bei guter Geſundheit und Laune bleibe. 1)Auf Schiffen hat manches eine tiefere Bedeutung, als der erſte Anblick zeigt. Der Matroſe, deſſen Kleidung und Hände von Theer und Pech ſtarren, erhält ſein Schiff auch ungeheißen pedantiſch ſauber und denkt bei dieſer ſani - tätspolizeilichen Sonderbarkeit ernſtlicher an die Geſundheit des Schiffs als an ſeine eigene. Der Vorwurf der Unreinlichkeit iſt auf Schiffen die unerhörteſte Beleidigung und das Werfen mit einem Kehrbeſen eine tödliche Beſchimpfung. Vor einigen Jahren mußte ich eine Unterſuchung gegen einen Schiffskapitän führen, welcher im heftigſten Zorn mit der Flinte nach einem Matroſen eines ihm auf dem Revier begegnenden Schiffs ſcharf geſchoſſen hatte, weil dieſer ihm von ſeinem Backbord einen Beſen zum Zeichen der Verhöhnung gegen das Steuerbord geworfen hatte. Niemals fährt ein Fregattſchiff, Barke, Brigg, Schooner oder Galleas ohne Schiffszimmermann, der als eigenſter Leibarzt eine wichtige Rolle am Bord ſpielt und zunftzwangsmäßig gehalten iſt, eine Zeit lang zur See zu fahren, um ſeiner praktiſchen Arbeit auf der Werfte auch noch die Erfahrung der eigenſten Seefahrt, wie die einer ambulanten Klinik, hinzuzufügen. Dieſe Schiffsgelehrſamkeit macht gerade aus den Schiffszimmer - leuten die wunderlichſten Exemplare, welche man am Bord ſchon aus den ſteten Zänkereien mit den ganz anders gebildeten Steuerleuten herauserkennt. Exem - plare, wie Marryat ſie in dem Schiffszimmermann Muddle in „ Peter Simpel “darſtellt, ſind keineswegs gemachte Erſcheinungen Es gibt viele ſolcher Schiffs - philoſophen, welche man auf der Kauffahrermarine freilich nur durch ſpecielle Bekanntſchaften entdecken kann.Ja ſelbſt die Bewegung des Schiffs hält der Matroſe für eine ſelbſtändig1)kanntlich ſchwere Laſten viel leichter trägt und durch ſeinen kräftigen Wellen - ſchlag alle eitle Convenienz wegſpült. Am Hafenkai bekommt der hochdeutſch Fragende gewiß keine andere Antwort als ein verächtliches Stillſchweigen und Abwenden, während das Niederdeutſche unausbleiblich eine gefällige Antwort erhält.111 belebte. Er betrachtet die Segel wie Lungen, durch welche das Schiff athmet, um mit rüſtiger Kraft durch das Waſſer zu ſtreichen. Nichts iſt dem Matroſen verhaßter als Windſtille, die ihm als ein höchſt bedenklicher Zuſtand des Schiffs, als ein Marasmus deſſelben erſcheint und ihn ſelbſt in tiefe, trübe Mitleidenſchaft ver - ſetzt, während er im Sturm mit Lebensgefahr die Segel refft oder einzieht, um das in Leidenſchaft geſetzte Schiff ſich nicht übermäßig anſtrengen und Schaden leiden zu laſſen.
Jn dieſer eigenthümlichen Anſchauung und Weiſe hat ſich denn auch die Schiffer - und Matroſenſprache in höchſt origineller Weiſe ausgebildet. Wenn ſie auch eine nicht geringe Menge zum Theil fremder ſpecifiſcher Kunſtausdrücke ſich angeeignet hat, ſo verläßt ſie doch durchaus nicht den Boden des Niederdeutſchen. Sie überträgt aus dieſer Mundart eine Menge Begriffsausdrücke auf das ſpecielle Weſen, Leben und Treiben des Schiffs, deren metaphoriſche Transpofition erſt dann recht farbig hervortritt, wenn ſie in dieſer ſprachlichen Weiſe und Bedeutung durch den Mund des Matroſen wieder in das bürgerliche Verkehrsleben zu - rückgeführt und auf die verſchiedenſten Gegenſtände und Begriffe dieſes Lebens angewandt wird. 1)So nennt der Matroſe alles, was tüchtig, gut oder ſtark iſt, ſteif, von gut geſtrafftem Tauwerk; ſtif Eten, ſteifes, d. h. gutes Eſſen; ſtifen Brannwin, ſtarker Branntwein; ſtifen Kērl, kräftiger Menſch. Koi (Koje) iſt Quartier, Stube, Haus; ſtoppen, anhalten, warten; ſweideln (ſchwe - ben), taumeln; een an Backbord, eine Ohrfeige (Backbord iſt die linke Seite des Schiffs), weil gewöhnlich mit der rechten Hand nach der linken Wange des Gegners geſchlagen wird; Bōkſpreet, Naſe; Batterie, Mund; Vörſteven, Bruſt; Spieren, Floſſen, Arme und Beine; Stērn, Achterſteven, Gatt, Achtergatt, Sitztheil; die ſchlanke Taille ſeines Mädchens iſt ſcharpe Snitt, ſchlank ſcharp ſneeden, Kuß Prüntje (ein Stück Kautaback), küſſen prüntjen; kalfatern coire, auch prügeln, beſonders mit der Fauſt u. ſ. w. Ueber die techniſche Terminologie der Seemannsſprache gibt ſehr um - fängliche Nachweiſe J. H. Röding, „ Allgemeines Wörterbuch der Marine in allen europäiſchen Seeſprachen, nebſt vollſtändiger Erklärung (4 Bde., Ham - burg und Hull, o. J.).Die Sprache erhält ſomit eine zwiefache Bedeutſamkeit und ein erhöhtes Leben. Sie verdient112 deshalb volle Aufmerkſamkeit, und ihre beſondere Aufzählung und kritiſche Analyſe würde lohnend genug ſein.
Das offene, argloſe Weſen des Matroſenthums bot dem Gau - nerthum ſchon ſehr früh Gelegenheit, alle ſeine Künſte gegen daſſelbe ſpielen zu laſſen. Deshalb iſt denn auch die Geſetzgebung in Hafen - und Seeſtädten ſchon ſehr zeitig bemüht geweſen, das argloſe, nur zu leicht zu betrügende Seevolk durch eigene, ſehr ſtrenge Geſetze zu ſchützen. Nicht nur werden Diebſtähle auf und in Schiffen als qualificirte Diebſtähle ſehr ſcharf beſtraft, ſondern auch jeder Hauſirhandel an, auf und in Schiffen iſt ſtreng unter - ſagt. Dennoch hat ſich das Gaunerthum in die offene Weiſe und Sprache des Matroſenthums tief hineinſtudirt und weiß ſein er - korenes Opfer auf alle erdenkliche Art zu überliſten, wenn auch jeder Gauner das ſchwere Riſico ſehr wohl kennt, daß der ent - rüſtete Betrogene unverdroſſen manche Meile zu Fuße von einer Hafenſtadt zur andern zurücklegt, blos um mit kaltem Blute dem Betrüger „ ein blaues Auge zu geben “, was ihm, zum Nachtheil der polizeilichen Thätigkeit, bei weitem mehr Satisfaction iſt als die Beſtrafung des Betrügers und voller Schadenerſatz durch Ver - mittelung der Behörde. So hat denn bei dem Eingange des Gauner - thums auch in dieſe Sphäre die Gaunerſprache beſonders an der norddeutſchen Küſte eine nicht geringe Anzahl Wörter und Redens - arten aus der Schifferſprache in ſich aufgenommen, welche dann bei der Beweglichkeit des Gaunerthums auch tief landeinwärts ge - tragen ſind und bei ihrem Vorkommen in den entfernteſten Thei - len Deutſchlands zwiefach überraſchen.
Dazu findet nun aber leider das Gaunerthum, welches ſich früher kaum an Bord der Schiffe wagte, jetzt auch auf dem offe - nen Meere das Feld ſeiner Thätigkeit. Wie der Materialismus ſeit der Auflöſung des ehrbaren Zunftweſens im ſittlichen und materiellen Elend der breiten Gewerbefreiheit ſeine Triumphe feiert, ſo fängt denn auch das herrliche friſche Matroſenleben nur allzu entſchieden und raſch an abzubrechen und droht ganz zu Grunde zu gehen, je mehr die eigentliche wahre Schiffahrt, die Segel - ſchiffahrt, von der Dampfſchiffahrt verdrängt wird. Die alte Ein -113 fachheit und Ehrlichkeit, die alte Sitte, der ehrerbietige Gehorſam, die harte geſunde Arbeit und Koſt verſchwinden vor dem raſfinir - ten Wirthshausleben der Dampfſchiffe. Jedes Dampfſchiff trägt ein ganzes Stück bunten Weltlebens mit ſeinem Glanz und Elend hin und her, um es auch über das Meer hinweg immer raſcher und bunter allenthalbenhin zu vertheilen. Das Dampfſchiff braucht keine freien, friſchen, frommen Matroſen mehr, es braucht nur Feuerleute, von welchen der Matroſe ſich ſtolz abwendet, weil zu jenen ſchon genug geringe Tagelöhner und auch flüchtige und ver - kappte Verbrecher zu haben ſind. Bedeutungsvoll läuft auf tie - fem Meeresgrund der verrätheriſche Draht unter dem flüchti - gen ſichern Verbrecher hinweg, um ihm doch noch zuvorzukommen und ſtatt des rührenden alten, ſchlichten Lebewohls und Willkom - mens den Abſchied und Willkommen auf die Minute der Polizei zuzuweiſen, ohne welche Abfahrt und Ankunft des Schiffs ſchon gar nicht mehr denkbar iſt. Noch iſt es viel Gutes und Schönes, was zu Grunde zu gehen und dem Gaunerthum zuzufallen hat, um dem rieſigen Dämdn und Herrn der Zeit, dem Materialis - mus, volle Genüge zu leiſten. Das echte Matroſenthum iſt bis - jetzt noch eine köſtliche Perle an der Krone des deutſchen Weſens, deren hohen Werth der Polizeimann am beſten zu ſchätzen weiß.
Das Bergmannsleben weiſt in der ſocialpolitiſchen Lebens - abſchichtung eine ganz beſondere Eigenthümlichkeit auf. Dieſe Eigenthümlichkeit beruht nicht ſo ſehr auf der Abſchichtung der Bergleute zur beſondern geſchiedenen Gruppe, welche, von der Oberfläche der Erde weggewieſen, in deren dunkelm, geheimniß - vollem Schoſe ihre monotone emſige Thätigkeit entwickelt, als in der Geſchiedenheit des einzelnen in der Gruppe ſelbſt zu einer ge - bannten concreten Jndividualität. Während in jeder noch ſo ſtrengAvé-Lallemant, Gaunerthum. III. 8114geſchiedenen ſocialpolitiſchen Gruppe ihr charakteriſtiſch Geiſtiges in der Zuſammenſtellung und Zuſammenwirkung der einzelnen zum Ganzen als bezüglicher belebender Theile des lebendigen Gan - zen zu erkennen iſt und in dieſer Weiſe als Geiſt der ganzen Gruppe auch wieder im einzelnen ſich darſtellt, welcher Geiſt eben durch ſein collectives Leben eine Strömung nach außen gewinnt und die ganze Gruppe mit der Außenwelt ſowol in der eigenthüm - lichen ſubjectiven Thätigkeit als in der äußern objectiven An - ſchauung innig auch durch den einzelnen verbindet: ſteht der Berg - mann unten im Dunkel der Erde mitten unter der Schar ſeiner Berufsgenoſſen durchgehends als iſolirte Jndividualität da; er trägt auch das Leben und Verſtändniß der Außenwelt nicht in ſeiner Bruſt. Er hat nur einen Freund um ſich, das Grubenlicht, das ihm ſeine Arbeit und die Möglichkeit ihrer Bewältigung an - weiſt und durch die tägliche monotone Wiederholung ſeine innere und äußere Welt kaum weiter conſtruirt, als ſeine Flamme leuch - tet. Wie das Leben auf der Oberfläche der Erde ihm eine fremd - artige Abſtraction iſt, in welche er ſich wol hineinwagen, welche er aber niemals voll begreifen und beherrſchen kann, wenn er auch die gelegentlich gebotene Lebensfreude gern und oft mit Begierde und wilder Luſt genießt: ſo iſt auch ſein inneres Leben ein dun - keles, abgeſchloſſenes Geheimniß, in welches ſelbſt die ausgelaſſenſte Heiterkeit ſich immer wieder zurückflüchtet, welches höchſtens in Ahnungen zu lebendiger Regſamkeit ſich erhebt, in trüben Aber - glauben ausläuft und gegen dieſen mit verzagter Frömmigkeit ſich waffnet. Daraus erklärt ſich die auffallende Thatſache, daß, ſo trübe bergmänniſche Erſcheinungen auch hier und da aufgetaucht ſind, das Gaunerthum in ſeiner ganzen langen Geſchichte keinen einzigen Bergmann in ſeiner ungeheuern Jüngerſchaft aufzuweiſen hat, mindeſtens keinen, der ein Koryphäe war, und daß nur wenige bergmänniſche Ausdrücke ſich ſchüchtern in die Gaunerſprache hin - eingewagt haben, wogegen einzelne, ſcheinbar ſpecifiſche Gauner - ausdrücke in der Bergmannsſprache lediglich zufällige Aehnlichkei - ten und faſt durchgehends aus einer und derſelben Stammwurzel mit verſchiedener Bedeutung herzuleiten ſind, wie z. B. Kau,115 Zagel, Keffer (Geffer), auskärnen, anlegen, anſitzen, abſtechen u. ſ. w.
Die Bergmannsſprache, ſo eigenthümlich ſie auch dem Laien erſcheint, hat unter allen Gewerbegruppen, welche zur Bezeichnung ihrer gewerblichen Gegenſtände und Thätigkeit eine beſondere Ter - minologie ſich angeeignet haben, ſich am reinſten und am meiſten unverſetzt mit fremden Ausdrücken als deutſche Sprache erhalten. Sie hat die älteſten Wortwurzeln in ſteter Verjüngung, wenn auch in kunſtgemäßer Abgeſchloſſenheit von der Laienwelt in ſich bewahrt und erhalten, obgleich die urſprüngliche Bedeutung oft genug der neuern techniſchen Begriffsbezeichnung hat weichen müſſen. Jmmerhin iſt es intereſſant, namentlich ältere Wörterbücher der Bergmannsſprache durchzuſehen, wie z. B. das recht reichhaltige, obgleich auch nicht vollſtändige „ der vornehmſten Bergwercks - Terminorum “, S. 12 — 80 des zweiten Anhangs in dem bereits citirten „ Hiſtoriſch-Politiſch-Juriſtiſchen Lexicon “von Nehring, wenn auch, wie erwähnt, die Ausbeute für das Studium der Gaunerſprache nur gering iſt.
Zwar findet man überall, daß die große Bedeutſamkeit der Zünfte für die Entwickelung des deutſchen Bürgerthums von den Hiſtorikern erkannt worden iſt; die Geſchichte der Zünfte iſt be - ſonders in neuerer Zeit Gegenſtand hiſtoriſcher Forſchung geweſen. Aber gerade in der Allgemeinheit der hiſtoriſchen Darſtellung hat man nur die einzelnen Züge der gewaltigen Erſcheinung auf - gefaßt und damit nur eine fragmentariſche Phyſiognomik derſelben geſchaffen, mit welcher man den gewaltigen Geiſt weder ergrün - den noch ganz erfaſſen kann. Das Zunftweſen iſt nicht das bloße Formular des Bürgerthums, in welchem dieſes ſich ſelbſt ordnete und bändigte, ſobald es ſich hinter den Mauern der Städte zu -8*116ſammengefunden hatte: es iſt die Offenbarung des wunderbar kräftigen Bürgerthums ſelbſt, aus welcher allein man die Pſy - chologie dieſes Bürgerthums ergründen und conſtruiren kann, um die ganze gewaltige Geltung und die ſo ſeltſame und wunder - bar wechſelnde Protection, Befehdung, Aufhebung und Wieder - einſetzung der Zünfte durch Magiſtrat, Landesherrn und Kaiſer begreifen zu lernen. Das Zunftweſen hielt das ganze mittelalter - liche ſocialpolitiſche Leben aufrecht; das Zunftweſen ſchuf vor den Augen der Magiſtrate und der Landesherren die deutſche Polizei mit ſolcher innern Natürlichkeit, daß Magiſtrat und Landesherren ſelbſt gern in dem Glauben ſich ergingen, die aus tief chriſtlich - ſittlichem, deutſch-geiſtigem Leben hervorſprießende Ordnung ſei das gelungene Meiſterſtück ihrer künſtlichen grübelnden Staatsweisheit, deſſen Erhaltung ihre ordnende Hand nothwendig mache und recht - fertige, weshalb denn die merkwürdigen Kämpfe der Zünfte gegen die Zumuthungen der Obern, welche nur dann einen ſchwachen Sieg gegen die Zünfte zu erringen vermochten, wenn dieſe in der Ueberfülle ihrer natürlichen geſunden Lebenskraft die Symptome eines hypertrophiſchen Körpers zeigten und in dieſem Befunde über ſich ergehen ließen, daß die Magiſtrate in der matten Ban - nungsformel der ſogenannten „ Morgenſprache “ſich die kahle formelle Macht beilegten, „ die Zünfte zu mehren, zu mindern oder gänzlich aufzuheben “, ohne daß Magiſtrat und Zünfte jemals ernſtlich daran denken konnten, daß dieſe leere, äußerlich wie ein Lebensabſpruch lautende Drohung jemals That und Wahrheit wer - den und in der ſogenannten Gewerbefreiheit das Bürgerthum zur bloßen Staatshörigkeit, ohne Sonderung und Sicherung gegen das Proletariat, überführen würde.
Der tief in alle ſocialpolitiſchen Verhältniſſe hineinwirkende Einfluß dieſer beklagenswerthen Aufhebung der Zünfte hat den ernſten Blick der Staatsmänner auf die Geſchichte der Zünfte zurückgelenkt, um möglichſt wieder zu gewinnen, was verloren gegangen iſt, und durch verſtändige Reform noch zu retten, was auch hier dem Materialismus gänzlich zum Opfer zu fallen droht. Man iſt gerechter damit gegen Volk und Geſchichte als jene Zeit,117 in welcher man ſo hochmüthig auf die Zunftrollen herabſchaute. Was vom eigentlichen Handwerk in den Zunftrollen ſteht, iſt quantitativ nur wenig, aber dies Wenige war ein mahnender Hinweis auf Reellität der Arbeit. Alles Uebrige iſt ein ſo ſtarker Zwang zu chriſtlicher Zucht und Sitte wie die eiſerne Nothwendig - keit ſelbſt. Die Zunftrollen ſind die Geburtszeugniſſe des deut - ſchen Bürgerthums und die Beglaubigung ſeiner chriſtlichen Weihe, in welcher der Kern und die volle ſittliche Kraft des deutſchen Volkes ſich entwickelte. Die Zünfte ſchufen den deutſchen Handel und machten ihn ſtark und mächtig. Sie hegten und pflegten die Wiſſenſchaft und Kunſt und dachten und ſchufen zuerſt die fromme chriſtliche Malerei und Muſik. Schon lange, ehe Fürſten und Ritter die Meiſterſänger begünſtigt und dann überdrüſſig von ihnen ſich abgewandt hatten, waren es die Zünfte geweſen, welche den Geſang zum Volkslied umgeſchaffen hatten, und als die Meiſterſänger mit ihrer entarteten Kunſt von den Höfen ſich fort - wenden mußten und zu einem hänkelſängeriſchen Vagabunden - leben übergingen: da hatten Geſang und Lied ihre feſte heimiſche Stätte in den Handwerkerſingſchulen gefunden, welche ſich zum Theil noch bis in dies Jahrhundert hinein erhalten konnten, weil ſie, wenn auch in zunftmäßiger Abgeſchloſſenheit gehalten, doch in friſcher Naturpoeſie und in einfacher Weiſe von Freud und Leid des Lebens ſangen. Die Poeſie mußte erſt in den Städten Volkspoeſie werden, um Begeiſterung und zum Ausdruck der Begeiſterung die reine edle deutſche Sprache zu gewinnen. Was an den Höfen der Großen verdorben war, wurde in den Städten geläutert und zur wahren geſunden Bildung übergeführt. Wenn man die Sprache in ihrer würdigſten Geſtalt bezeichnen will, ſo ſollte man ſie nicht „ Sprache der Bildung “, ſondern geradezu die „ Sprache der Zünfte “nennen, weil dieſe die deutſche Sprache gerettet, erhalten, gepflegt und veredelt haben. Dieſer Geiſt, dieſe Sprache der Zünfte gab den ſprachrettenden Vereinigungen jene feſtgeſchloſſene, geiſtesgewaltige Form, in welcher ja der gerechte Forſcher den ganzen bewußten, klaren und mächtigen Volksgeiſt erkennen muß, welcher gerade in den von ihm geſchaffenen Formen118 ſeine Kraft abklären wollte, um dieſe ſeine Kraft zu beherrſchen und zu erhalten. Nur die kurzſichtigſte Einſeitigkeit beſchränkt den Begriff der Zunftſprache auf die dürre Bezeichnung techniſcher Begriffe und Thätigkeiten; nur dieſe Einſeitigkeit findet ſolche Be - zeichnung roh und abgeſchmackt, da ſie nicht bedenkt, daß Begriff und Wort eine erſte kindliche Entſtehung hatten, und daß die Bei - behaltung der unveränderten, unbefangenen alten Form gerade ein friſches Zeichen von der Gewalt des Geiſtes iſt, welcher dieſe Formen ſchuf und erhielt, bis die zur Wahrung des Kunſt - und Zunftgeheimniſſes geheim gehaltenen Begriffe, Zeichen und Loſungsworte zuerſt von der ängſtlichen Reichsgeſetzgebung in politiſcher Hinſicht verdächtigt, in neuerer Zeit durch Heraus - treten der mechaniſchen, phyſikaliſchen und chemiſchen Wiſſenſchaften auf der Folie gelehrter Kunſtausdrücke lächerlich gemacht und durch das von der Gewerbefreiheit mächtig geförderte Emporwuchern eines proletariſchen vagabundirenden Handwerksburſchenthums mit aller polizeilichen Strenge überwacht und gemaßregelt wurden. Gerade aber dieſe ſpecifiſche Zunft - oder Handwerkerſprache, als bedeutſames Zeugniß für die innere Kräftigkeit und Sittlichkeit der Zünfte, ſollte nicht ſo obenhin angeſehen werden. Der als Mitglied der Familie ſeines Lehrmeiſters aufgenommene Lehrling wurde, nachdem er die großen Cardinaltugenden des ſocialpoliti - ſchen Lebens, Zucht, Ordnung und Gehorſam, gelernt und geübt hatte, zum Geſellen geſprochen und der Geſelle angewieſen, durch Wandern ſeine Kenntniſſe und Geſchicklichkeit zu erweitern. Mit jener ſittlichen Ausrüſtung ging er in die Fremde und kehrte als geſchickter, kenntnißreicher Arbeiter zurück. Er brachte das Beſte mit, und das Schlechte, wenn er es nicht ſchon auswärts als ſolches erkannt und gemieden hatte, konnte er nicht in das reine Sittenleben der zünftigen Familie zurücktragen. Der in der Fremde verdorbene Ankömmling wurde gemieden und ausgeſtoßen. Wenn es ja einen Abſolutismus in den Zünften gab, ſo war es der Abſolutismus der ſtrengen Sittlichkeit. Der Luxus mit ſeinen entſittlichenden Conſequenzen iſt Folge des Handels und ging, wenn überall in alle ſocialpolitiſchen Schichten, doch am ſpäteſten119 in den Handwerkerſtand über. Mit der Sitte blieb auch die Sprache rein und deutſch, und das von der Fremde hereingetragene Gute wurde nur zur glücklichen deutſchen Analogie und fand ſtets ſeine treffende deutſche Bezeichnung, die mit ehrlicher Treue durch Jahr - hunderte beibehalten und nur dann für lächerlich und abgeſchmackt erklärt wurde, als man das Alte nicht mehr verſtehen konnte und deshalb geringſchätzig behandelte. Darum hat erſt die neuere Zeit mit dem Wandel und der Zerſetzung zünftiger Sitte auch fremde Ausdrücke in die Handwerkerſprache gebracht, und bedenklich, nicht mehr komiſch erſcheint es, wenn, während früher der Hand - werker mit dem Hauptbindeſtoff ſeiner zünftigen Arbeit, der Tiſch - ler mit „ Leim “, der Schuhmacher mit „ Draht “, der Schneider mit „ Zwirn “oder „ Knöpfen “u. ſ. w. den nervus rerum bezeichnete, jetzt alle Handwerksburſchen verſtehen, daß der Gaunerausdruck „ Moos “Geld bedeutet. Wie die flutende Beweglichkeit des Gaunerthums die ehrbare Wanderſchaft der Zunftgeſellen mit ſich fortgeriſſen hat, daß es ſchwer hält, in der trüben Strömung die lautern Zu - thaten von den unlautern zu unterſcheiden, ſo iſt auch die Zunft - ſprache in ihren alten Farbigkeit verblichen und mit Gauneraus - drücken durchmiſcht, ſodaß die alte Erkenntniß des Zunftgenoſſen verloren gegangen, die Controle des Ab - und Zuwanderns in dem Paßbureau die widerlichſte, trübſte und vergeblichſte Arbeit des Polizeimanns geworden iſt und zum ſchweren Nachtheil und Miscredit der Polizei die ſchlimmſten Fehlgriffe auf den Bureaux und den Vigilanzſtationen kaum noch zu vermeiden ſind.
Datirt man den Anfang des heutigen ſtabilen Soldatenthums von dem Auftreten der erſten größern Söldnermaſſen und nicht erſt von den durch Anlehnung an die fürſtlichen Leibgarden des 17. Jahrhunderts eingerichteten ſtehenden Heeren des Dreißig -120 jährigen Kriegs, ſo muß man bekennen, daß nach einem mehr als dreihundertjährigen furchtbaren Treiben des deutſchen Kriegs - volks die neueſte Zeit allerdings ſehr Großes am Soldatenthum gefördert hat. Die erſten Exemplare jenes Soldatenthums über - haupt, welche Deutſchland zu ſehen bekam, waren die Bruchſtücke des aus Räuberbanden vom Connétable Bernhard von Armagnac im Anfang des 15. Jahrhunderts geſammelten, ſpäter mit dem Dauphin für Oeſterreich gegen die Eidgenoſſen geſchickten Armagnaken - heeres, welches nach ſeiner Zerſprengung in der Schlacht bei St. - Jakob auf die empörendſte Weiſe im Elſaß hauſte. Jm ſelben Jahrhundert findet man unter Maximilian I. die gleich verworfe - nen und verrufenen Landsknechte, über deren Auftreten ſchon Th. I, S. 48 geſprochen iſt, und welche nicht allein in ſittlicher, ſondern auch in medicinalpolizeilicher Hinſicht hiſtoriſch geworden ſind, da ſie, die von dem Volke wegen ihrer brutalen Liederlich - keit mit dem Namen buc gebrandmarkten Wüſtlinge, es waren, welche die Syphilis und Blattern nach Deutſchland einſchleppten. Wennſchon ihr Weſen und Treiben von Pontus Heuterus von Telfft („ Belgiſche Geſchichte “, VII, 341), von Sebaſtian Franck („ Weltchronik “, f. 230) ſehr dramatiſch und von Hans Sachs (I, 995) poetiſch geſchildert wird:
ſo erkennt man dieſe würzige Hauptingredienz des Soldatenthums vom 15. — 17. Jahrhundert ſehr deutlich aus der Unzahl der Kriegsordnungen, Artikelbriefe, Reglements u. ſ. w., aus Maxi - milian’s „ Reuterbeſtallung “und „ Der Teutſchen Knechte Articula “u. ſ. w., welche wie eine pſychologiſche Paraphraſe dieſer un - geheuerlichen Geſtalten erſcheinen. Jn den „ Fünf Büchern vom Kriegsregiment und Ordnung “von Leonhard Frönſperger figu - riren für jedes Fußknechtregiment neben dem Oberſt und ſeinem Lieutenant, den Hauptleuten, dem Wacht -, Proviant - und Quartier - meiſter noch der Schultheiß, Gerichtsſchreiber, Gerichtswaibel,121 Gerichtsleute, Profoß, Stockmeiſter, Steckenknecht, Nachrichter und Hurenwaibel. Letzterer hatte die im Troß befindlichen Weibs - perſonen und Buben in Ordnung zu halten und beſonders dafür zu ſorgen, daß ſie nicht in die Reihen liefen oder gar vor dem Soldatenhaufen in die Lager und Ortſchaften voranliefen und die Nahrungsmittel vorwegnahmen. Bei dem fortdauernden Werbe - ſyſtem konnte ſpäter ſelbſt die tüchtige Kriegskunſt Wallenſtein’s, Tilly’s, Guſtav Adolf’s und Bernhard’s von Weimar den ſitt - lichen Gehalt der wilden Soldatenhorden nicht heben, ſo tüchtig dieſe auch in der Schlacht ſich zeigten. Vielmehr verſchlimmerte ſich ſogar die ganze ſittliche Haltung der Soldaten mehr und mehr, welche freilich aus faſt allen Theilen Europas zuſammen - geworben waren. Da kamen Holländer, Engländer, Franzoſen, Jtaliener, Ungarn, Siebenbürgen, Türken, Tataren, Zigeuner, Haiducken, Koſacken, Kroaten, Spanier, Wallonen und Deutſche aus allen Ecken Deutſchlands zuſammen. Die ruchloſeſte Auf - führung neben der ſtrengen Kriegszucht dieſer zuſammengerafften Horden gab dem Stockmeiſter, Nachrichter und Conſorten alle Hände voll zu thun, ſodaß die criminaliſtiſche Behendigkeit der Gerichte des 17. Jahrhunderts im Prügeln, Foltern und Hin - richten ganz beſonders auch im Soldatenthum geläufig wurde. Es iſt bezeichnend, daß das Exemplar des „ Beutelſchneider “(vgl. die Literatur Th. I, S. 216), welches ich beſitze, nach dem Auto - graph auf dem Schmuzblatte vor dem Titel dem Sproß einer noch jetzt in Deutſchland auf diplomatiſchem und ſoldatiſchem Ge - biete ausgezeichneten adelichen Familie gehört hat, welcher wäh - rend des Dreißigjährigen Kriegs „ Haubtmann über ein Com - paney von Zweyhundert man in Deß Wol Edlen und Geſtrengen Herrn Herrn Oberſt B. Regiment “geweſen iſt und den Beutelſchneider mit ſeinem ſpecifiſch criminalpolizeilichen Jnhalte wol oft genug als Noth - und Hülfsbüchlein zur Aufrechthaltung der Ordnung in ſeiner „ Companey “zu Rathe gezogen haben mag. 1)Am Schluſſe des Autographs ſteht dazu noch die herametriſche Reflexion: Quid sis, quid fueris, quid eris, semper mediteris.
122Das deutſche Soldatenthum erhielt durch Kurfürſt Fried - rich III. ſchon größere Conſolidirung, Stabilität und mehr innern Gehalt. Die Reglements Friedrich’s des Großen von 1750 ent - hielten feſte Werbebeſtimmungen, welche jedoch ſehr parteiiſche Exemtionen hatten und Anlaß gaben, daß die Gemeinden der Werbediſtricte gerade die liederlichſten Subjecte, deren ſie ſich zu entledigen wünſchten, zur Fahne ſtellten. Auch war es ſchlimm, daß in jedem Reiterregiment nur ein Drittel Landeskinder und zwei Drittel Ausländer ſein mußten. Dadurch und durch die noch immer harte und rückſichtsloſe Behandlung der ſelbſt den härteſten körperlichen Mishandlungen ausgeſetzten Soldaten ent - ſtand ein entſchiedener ſittlicher Rückſchritt. Der Beſchluß der franzöſiſchen Nationalverſammlung vom 12. Juni 1790 rief jeden waffenfähigen Mann zu den Waffen. Damit war der nächſte Jmpuls zur allgemeinen Wehrpflicht auch für ganz Deutſchland gegeben, und dieſe bahnte wie mit einem Zauberſchlage dem Sol - datenſtande den Weg zu der hohen, ehrenvollen und ausgezeichne - ten Stellung, welche er heute einnimmt. Niemals mag Stand und Pflicht des Soldaten ſchöner und edler gezeichnet worden ſein, als das von einem der herrlichſten Kriegshelden der Neuzeit, Erz - herzog Karl, im Jahre 1806 in der Einleitung zum „ Abrichtungs - reglement für kaiſerliche und kaiſerlich königliche Jnfanterie “geſchehen iſt, und niemals hat die Weltgeſchichte ein ähnliches Beiſpiel ſo großartiger, edler, ſchwunghafter Kriegsbegeiſterung geſehen, als ſeit dem Augenblicke, in welchem der König von Preußen ſich „ an ſein Volk “wandte und dem deutſchen Weſen den bewußten Ausdruck verlieh, dadurch, daß er Volk und Sol - datenthum ineinander aufgehen ließ.
Der wundervolle Aufſchwung dieſer letztern Zeit iſt nicht allein in dem gegen den ſchmählichſten fremden Despotendruck ſich auf - lehnenden deutſchen Freiheitsgefühle zu finden, ein noch immer nicht ſtark genug betonter Grund dazu war die Veredelung des Soldatenthums durch das Volk mit ſeinem begeiſterten freiheit - lichen Nationalgefühl an Stelle eines durch drei Jahrhunderte aus der Hefe aller Nationen ohne Ziel und Ausſicht auf ein123 einheitliches Freiheitsgefühl zuſammengeworbenen und ebenſo wol nur durch eine eiſerne Zwangsgewalt zuſammengehaltenen als vom Volke gefürchteten und misachteten Soldatenthums. Erſt mit dieſem culturhiſtoriſchen Proceß iſt eigentlich das im vorigen Jahrhundert noch immer vorhandene, nur verfärbte und im Weſen weniger als durch eiſerne Zucht äußerlich modificirte Landsknecht - thum vollſtändig beſeitigt worden.
Die Geſchichte des Räuberthums, welches im Dreißigjährigen Kriege ſeine höchſte Blüte erreichte und erſt Ende des erſten Viertels dieſes Jahrhunderts in dem anderthalbhundertjährigen Kampfe mit der Polizei unterlag, läßt in ihrer Beziehung zur Geſchichte des Söldnerthums ein helles Licht auf jenen culturhiſtoriſchen Proceß fallen. Die neuwieder Bande, die in Rudimenten immer weiter nach Norden gedrängt und zerſtückelt wurde, konnte ihre Ahnen im Dreißigjährigen Kriege aufweiſen. Jhre nächſte Stammutter, die merſener Bande, läßt ſich am beſtimmteſten mit ihrem Stamm - baum zu dieſem Kriege zurückführen, wo es nur Räuber und Soldaten und nur Soldaten und Räuber gab. Die Gauner - linguiſtik erreichte in dieſem Kriege ihre claſſiſche Blüte, und das Wörterbuch des Gauners Andreas Hempel (1687) iſt mit dem Waldheimer Lexikon (1722) ſeit dem Liber vagatorum das erſte ſelbſtändige Gaunerwörterbuch, in welchem höchſt bezeichnend die ſpecifiſch deutſche „ Spitzbubenſprache “in ſtarker Läuterung vor das Judendeutſch vortritt. Der Einfluß des Soldatenthums auf dies überwiegende Hervortreten des deutſchen Sprachelements in der Gaunerſprache aus der frühern ſchon vor und nach dem Liber vaga - torum ſtark mit Judendeutſch verſetzten Gaunerſprache iſt unver - kennbar. Die räuberiſchen Söldner des Dreißigjährigen Kriegs ſtießen nicht nur die Juden von ſich, ſondern verfolgten ſie auf das erbittertſte, wie denn Spanier und Wallonen des kaiſer - lichen Heeres 1620 bei Regensburg alle Reiſende auf Wegen und Stegen anhielten und an den nächſten beſten Baum jeden henkten, welcher kein Crucifix bei ſich trug. Jn ihrem Uebermuthe ſchäm - ten ſich die Soldaten ſogar, Verbrecher gemeinſam mit Juden zu ſein. Das hatte auf die Gaunerſprache ſehr bedeutenden Ein -124 fluß. Die vier claſſiſchen Gaunerwörterbücher des 17. und 18. Jahrhunderts geben ein intereſſantes Bild von jenem unmittel - barſten Einfluß des Soldatenthums auf das Gaunerthum und deſſen Sprache. Die Gaunerſprache iſt im Vocabular des An - dreas Hempel und im Waldheimer Wörterbuch ſchon ſehr ſtark emancipirt von der ſeit Gerold Edlibach und dem Liber vagatorum ſichtlich bemerkbaren jüdiſchdeutſchen Jmprägnation und erſcheint gewiſſermaßen germaniſirter. Sie enthält vor - herrſchend rohe deutſche Volksausdrücke mit meiſtens verſcho - bener Bedeutung und auch einzelne Ausdrücke lebender europäi - ſcher Sprachen, beſonders aber auch rohe verdorbene Zigeuner - ausdrücke, welche durch die Gemeinſchaft der Soldaten mit den gleichfalls im Dreißigjährigen Kriege als Söldner und Kund - ſchafter verwendeten Zigeunern (vgl. Th. I, S. 31 und 72) in die Gaunerſprache Aufnahme gefunden hatten. Das Hildburg - hauſener Wörterbuch (1753) tritt dagegen ſchon wieder etwas mehr in die judendeutſche Färbung zurück, und das Wörterbuch des Konſtanzer Hans (1791) hat ſchon wieder ganz die alte Miſchung mit dem Judendeutſch, welche zum Theil ſogar noch ſtärker iſt als die des Liber vagatorum. Dieſe Reſtitution der gaunerſprachlichen Miſchung iſt lediglich die Folge des allmählichen Rücktritts des Soldatenthums vom Gaunerthum, zu welchem erſteres durch die glücklicher gelingende Kriegszucht gezwungen wurde. Dabei wird man aber durch die mit dem Waldheimer Wörterbuch gleichzeitig erſchienene Koburger Deſignation des jüdiſchen Baldobers mit ihren durchgehends jüdiſchdeutſchen Vo - cabeln belehrt, daß das jüdiſche Gaunerthum zu jener Zeit wahr - lich nicht die Hände in den Schos gelegt, ſondern den lebendigſten Antheil an der fortſchreitenden Bildung des Gaunerthums über - haupt gehabt hatte.
Wenn man nun den ſtarken Einfluß des Soldatenthums in und nach dem Dreißigjährigen Kriege in der Gaunerſprache unverkennbar deutlich ſieht, ſo kann man auch wieder aus dem ſtärkern Zuſchlag des Judendeutſch ſeit der Mitte des vorigen Jahrhunderts die allmähliche Abkehr des Soldatenthums vom125 Gaunerthum überhaupt an der Gaunerſprache erkennen, ſodaß die von Moſcheroſch mit vollem Rechte „ Feldſprach “genannte Gauner - ſprache allmählich ganz aufhörte, ſpecifiſche Soldatenſprache zu ſein, und das heutige Soldatenthum von der Gaunerſprache überhaupt nicht mehr und nicht weniger kennt, als die Volksgruppen kennen, aus welchen das Soldatenthum ergänzt wird.
Aber dennoch hat unſer modernes veredeltes Soldatenthum ſeine beſondere Sprache; es iſt die Sprache des Geiſtes, welcher das heutige Soldatenthum beſeelt, die unvertilgbare, in immer friſche Blüten und Früchte ausſchlagende Sprache des Volksgeiſtes mit jenem unverwüſtlichen Volkshumor und Witz, der die ge - zwungenen Formen der ſoldatiſchen Zucht um ſo unerlaßlicher be - ſpöttelt und geiſelt, je mehr er dieſe Formen eckig und unnatür - lich findet. Die ſoldatiſche Gliederung, namentlich die ſcharfe Grenze zwiſchen Offizier und Soldat, den gleichen Söhnen des einen Volkes vom Gelehrten bis zum Handarbeiter hinab, bringt in ihrem ſcharfen Ausdrucke vielfach eine Sonderung, wo ſie als eine Verbindung eingeſetzt und gemeint war. Gegen dieſe Scheidungsgrenze richtet ſich mit beſonderer Vorliebe der volks - witzige Soldatenhumor und hält oft auf dem jenſeitigen Gebiete eine ſehr ergötzliche Muſterung. Jn dieſem Humor beſpöttelt der Soldat ſelbſt die ſubjective Unbehaglichkeit ſeiner eigenthümlichen Lage mit objectiver Behaglichkeit und geiſelt in dieſer Weiſe auch die oft ſtark ſichtbar werdenden Blößen ſeiner Vorgeſetzten, von denen zuverläſſig ein jeder ſeinen Spitznamen bekommt, ohne daß er wol kaum eine Ahnung davon hat. Einen ungemein hellen, friſchen Blick in dieſe Situation des Soldaten hat der geiſtreiche und liebenswürdige Hackländer geöffnet mit ſeinem „ Soldatenleben im Frieden “und ſeinen „ Wachtſtubenabenteuern “, in welchen alle vorgeführten Figuren mit ebenſo viel Wahrheit als köſtlichem Humor gezeichnet ſind. Jn ſolcher Situation hat ſich denn eine eigenthümliche Soldatenſprache gebildet, welche, wenn ſie auch nur wie die Studentenſprache auf einzelne mit kecker Linguiſtik conſtruirte Kunſtvocabeln ſich beſchränkt, doch auch voll Friſche, Laune, Spott und Satire iſt, was aber den ſocialen Anſtand in126 der Form betrifft, bis zur Bedenklichkeit ungebunden und volks - mäßig derb iſt. So iſt anbeulen, den Kameraden oder Vor - geſetzten zum beſten haben, heimlich chicaniren; Schindler, der Angeber; ſchuften gehen, verrathen, angeben, anſetzen; Blech - ſeppel (der gauneriſche Hautz, Hauhns), Einfaltspinſel; Spinn - haſe, Feigling; Fleiſchhacker oder Trampelthier, der Ca - valeriſt; Lakenpatſcher oder Sandhaſe, der Jnfanteriſt; Spinatwächter, Polizeiſoldat, Landjäger; Grünſpecht, Laub - froſch, Heckenſch — r, Jäger. Die Geliebte des Soldaten (aller Waffengattungen) iſt Haut, Fell, Schwarte neben unzähligen andern nicht füglich aufzuführenden Varianten über den Begriff des Aufgehens und Umſtricktſeins in Liebe. Gleich wichtig wie die „ Haut “iſt der Selcher, die Tabackspfeife, davon ſelchen, Taback rauchen. Der Regiments - oder Bataillonscommandeur iſt, „ ſo weit die deutſche Zunge klingt “, der Alte, Olle, Ohl, Vadder. Je mehr ſich der Offiziersgrad dem Soldaten nähert, je derber ſind die Spitznamen. Meiſtens waltet der traveſtirte Vorname des Offiziers vor, wie Hinnik, Jochen u. ſ. w., und beſonders irgendein auffällig vorgebrachtes Commandowort, z. B. Haupt - mann „ Rrrrührt-euch “; Lieutenant „ Hutt “(Halt); Wacht - meiſter „ Zuppenich “(zupfe nicht, beim Zügelführen). Aehn - liche Benennungen finden ſich auch im Franzöſiſchen; ſo nennt der Franzoſe clarinette ſeine Flinte, aber auch den Offizier, der ihn heißt, ſeine Waffe „ claire et nette “zu halten. Auch Körper - lichkeiten bleiben nicht unbeachtet, und der norddeutſche Soldat be - zeichnet mit beſonderer Vorliebe jede ariſtokratiſch geröthete Naſe und ihren Träger mit Köhmſnut; daneben kommt Weep - ſteert1)d. h. Wippſchwanz, niederd. Bezeichnung für die Bachſtelze, Motacilla alba. , Scheefbehn, Krallog, Kniepog, Piepklas u. ſ. w. vor. Der verhaßte Arreſtverwalter iſt der Rattenkönig, Rotten - vadder, Wanzencaptein, der Lazarethverwalter Matratzen - könig, Klyſtircaptein u. ſ. w. So entſchieden perſönlich die letzterwähnten Ausdrücke ſind, ſo werden doch auch ſie mit den allgemeinen Ausdrücken der Soldatenſprache bei dem Rücktritt aus dem Soldatendienſt in das Volk zurückgetragen, in welchem127 ſie mit Abſtraction von der concreten Perſönlichkeit ſehr oft zu all - gemeinen Begriffen nivellirt werden, und in welchem ſie auch dem Gaunerthum zur beliebigen Auswahl zu Gebote ſtehen und wirk - lich oft gewählt werden, ſodaß man bei Analyſe eines Gauner - worts oft genug auf eine beſtimmte Perſönlichkeit geführt wird, welche mit nichts weniger als mit dem Gaunerthum zu ſchaffen gehabt hat, wie das beſonders auch bei der Sprache der lieder - lichen Dirnen in den Bordells und beſonders in der engliſchen Gaunerſprache bei dem rhyming slang der Fall iſt, z. B.: Sir Walter Scott iſt a pot, a pot of beer; Tommy O’Rann iſt scran, Volksausdruck für foot. Beiſpiele aus der deutſchen Sol - datenſprache oder Bordellſprache ſind nicht füglich aufzuführen, da ſie ſtets auf concrete und zumeiſt auf öffentliche Charaktere Bezug haben. Die allgemeinſten, üblichſten und vom Gaunerthum re - cipirten Ausdrücke findet man im Wörterbuche.
Seitdem der Materialismus angefangen hat, die Erzeugniſſe der Gewerbs - und Handelsarbeit mittels der rieſigſten Erfindun - gen des menſchlichen Geiſtes in ungeheuern Maſſen zuſammen - zuhäufen, hat auch die Verkehrsbewegung einen koloſſalen Maß - ſtab angenommen und ſchreitet mit Rieſenſchritten, welche des Raums und der Zeit ſpotten, durch die bei der krampfhaften Bewegung doch auch immer wieder verödende Welt, um End - punkte zu finden, an welchen ſie erſchöpft ausruht, und wo Menſchen und Maſſen ſich künſtlich zuſammenhäufen und gerade in der ge - drängten Menge am fremdeſten durch - und gegeneinander ſich bewegen. Als trübes Surrogat für ſein daheim gelaſſenes häus - liches und Familienleben öffnen ſich an dieſen Stapelplätzen des Materialismus dem Ankömmling die weiten rieſigen Hotels mit dem längſt ſpurlos verwiſchten Charakter alter Hospitalität, an deren Schwelle nicht einmal mehr der Eigenthümer durch ſeine bloße perſönliche Erſcheinung ſtillſchweigend Schutz und Anhalt128 verheißt, ſondern eine Schar ſtutzerhaft coſtümirter und parfümirter Miethlinge mit verlebten Geſichtern und kecken Blicken den Fremd - ling muſtert, ob er in der Beletage oder wie viel Treppen höher ſein Zimmer zu beziehen hat. Jn der koloſſalen Bewegung der Maſſen ſind die alten bedachten Ordnungen vor dem Wetten und Wagen und vor der Gelegenheit zur Ausbeutung zurückgewichen und analoge Erſcheinungen hervorgetreten, welche, wie die wege - lagernden Raubritter des Mittelalters vom Stegreif und Sattel lebten, ſo von dem gewaltigen Zuge der materiellen Hin - und Her - bewegung ihre gelegentliche Beute machen. Wie bei ſcharfer unbe - irrter Beobachtung des bewegten koloſſalen Körpers eine Menge verderblicher Polypengewächſe an ihm entdeckt werden, welche der bis zur Krampfhaftigkeit getriebenen Bewegung einen plötzlichen Zuſammenbruch in furchtbarer Kriſis drohen: ſo findet man vor - züglich an den Endpunkten und Stapelplätzen des Materialismus eine Schar vagirender Müßiggänger, Comptoirdiener, Fabrikarbeiter, Kellner u. dgl., welche die eigentlichen fahrenden Schüler des modernen Materialismus ſind und unter denen die Kellner, Tief - linge (Tiefe, Keller), ſich beſonders auszeichnen. Seit der wei - tern Ausbreitung der Eiſenbahnnetze und Dampfſchiffahrtslinien bilden die Kellner eine entſchiedene Gruppe im ſocialpolitiſchen Leben, welche nicht nur das reiſende Publikum, ſondern auch die Wirthe ſelbſt beherrſcht, da die Kellner nicht mehr pflichtige Diener des Hauſes, ſondern ſelbſtändige Bevollmächtigte der Wirthe ſind, welche ſich gegen dieſe ihre Mandatare nur durch kurze Engage - ments auf Monats - oder ſogar Wochenzeit zu ſichern wiſſen und ſie neben der knappen Gage weſentlich auf die denn auch mit raffinirter Kunſt provocirten Trinkgelder und Nebenverdienſte ver - weiſen. Je länger man Polizeimann iſt, deſto mehr überzeugt man ſich von der Nothwendigkeit einer allgemein durchgreifenden polizeilichen Wirthshausordnung, welche, über die kahle Fremden - meldung hinaus, das ganze Weſen und Treiben in den Gaſthöfen regelt und dem Reiſenden als billiges Aequivalent für die vielen Legitimationsplackereien, denen er beſtändig ausgeſetzt iſt, min - deſtens hinſichtlich ſeines Eigenthums eine Gewähr leiſtet, von129 welcher der Wirth ſich durch ſeine an alle Zimmerthüren geheftete Erklärung ſchon von vornherein ausdrücklich losſagt. Es darf keine ſogenannten Hotelbeſitzer, ſondern nur wirkliche Wirthe geben, welche unter voller eigener perſönlicher Haftung ihre Wirth - ſchaft ſelbſt leiten und für das Eigenthum ihrer Gäſte verant - wortlich gemacht werden. Von den mit großem Raffinement oft genug durch das Hausperſonal ſelbſt in den Hotels verübten Gaunereien wird ſelten etwas im Publikum bekannt, da die Hotelbeſitzer den Ruf ihres Hauſes mit den größten Opfern auf - recht zu halten ſuchen müſſen und deshalb dem Beſtohlenen gern vollen Erſatz leiſten, damit er nur ſchweigt.
Das Kellnerweſen iſt ſeit der Einführung der Eiſenbahnen ein Uebel geworden, das, wenn es auch zur Zeit nur wie ein heimlich zwiſchen Reiſenden und Wirth glimmendes Feuer er - ſcheint, doch ſehr bald zum verheerenden Brande zu werden droht, wenn nicht auch hier Abhülfe geſchieht. Die Menge Reiſemittel und Reiſepunkte hat die Zahl der Kellner in das Maſſenhafte und zum Uebermaß geſteigert. Die alten ſoliden Kellnerſchulen, welche manchen Städten, z. B. Frankfurt, Wien, Dresden u. ſ. w., einen günſtigen Ruf erworben haben, treten bei der wüſten Con - currenz immermehr zurück und drohen ganz obſolet zu werden. Nicht mit bedachter und vorbereiteter Berufsbeſtimmung, ſondern weil wegen Untüchtigkeit, Leichtſinn oder Vrrgehen der Weg zu einer andern Carrière verſperrt iſt, ziehen Scharen verdorbener Subjecte von einem Ort, von einem Hotel zum andern, um als Kellner kurze Zeit zu figuriren und dann fortgejagt zu werden. Das „ Glück “, welches einmal ein mit glimmender Cigarre und mit fein geſchnittenem Rock in ſein erſtauntes Dorf zurückkehrender Bauerburſche gemacht hat, bewegt die Mehrzahl ſeiner Dorf - kameraden, überdies zum ſchweren Nachtheil für die landwirth - ſchaftliche Arbeit, in die Stadt zu gehen, um mit dem Haus - knecht und Kellner den Anfang zum großen Herrn zu machen, ſodaß die Erſcheinung ſchlichter ehrlicher Hausknechte ebenſo raſch aus dem Leben ſchwindet, wie ſie ſchon lange vom Theater ver - ſchwunden und zur einfältigen Mythe geworden iſt. Die moderneAvé-Lallemant, Gaunerthum. III. 9130Tieflingſchule hat aber ihren geregelten Gang. Hat der dörfliche Novize das Flaſchenſpülen gelernt, ſo beginnt der Unterricht im Keller vor dem Weinoxhoft, wobei er begreifen lernt, daß aus einem und demſelben Gefäße vier und mehr Sorten Wein von funfzehn Groſchen bis zu zwei Thalern die Flaſche abgezogen wer - den können, je nachdem man den Flaſchenkopf in den rothen, gelben, grünen oder ſchwarzen Lacktopf taucht. Dann folgt die höhere Schule des Behandelns („ Schnitts “) des Weins und der Biere im Keller, geheim und wunderbar wie die Myſterien der Ceres. Die Küche mit den Stoffen, welche ſie ſchafft und genießbar macht, iſt ein bewundernswürdiges zoologiſches Cabinet und Adeptenlaboratorium. Dann lernt der Aſpirant das Geld - wechſelgeſchäft, den Curs, die Agioberechnung fremden Metall - und Papiergeldes, den Verkauf ſchlechter Cigarren für gutes Geld, den Uhren - und Pretioſenhandel, die Beſorgung von Commiſſionen aller Art, auch der kuppleriſchen, das Leihen auf Pfand, nament - lich an unberathene junge Leute, und als Zeichen höchſten Ver - trauens und hingebenden Wohlwollens den Verkauf obſcöner colorirter franzöſiſcher Bilder und Spielkarten mit den gemeinſten transparenten Zoten.
Wenn der Fremde im Gaſthofe ſich gänzlich in der Hand des Gaſthofperſonals befindet, welches mit ſeinem Erwerb faſt ausſchließlich auf ihn angewieſen iſt und die eigne Kenntniß der Verhältniſſe und Lebensweiſe des Orts, der Unkenntniß des Frem - den gegenüber, bedeutend zu ſeinem Vortheile ausbeuten kann: ſo iſt die Gefahr für den Fremden nur deſto größer und ernſt - licher, wenn er in die Hände von Perſonen gegeben iſt, welche nicht nur die ſcholaſtiſche Tieflingscarrière durchgemacht und alle gewöhnlichen Kellnerkniffe kennen gelernt, ſondern ſogar auch ſchon wegen Betrug und Diebſtahl Strafen erlitten haben. Es iſt eine ſehr ſchlechte Ueberraſchung, wenn der Polizeimann in fremden Gaſthöfen unter dem Dienſtperſonale alte Bekanntſchaften vom Verhörtiſch her erneuern muß. 1)Das mag wol manchem Polizeimann ſo gehen. Jch ſelbſt habe ein - mal einen puer mollis als Stubenkellner und ein andermal eine infa nticida als
131Bei dem Mangel einer bündigen Garantie durch eine tüch - tige polizeiliche Gaſthofsordnung und bei der dadurch gegebenen leichten Möglichkeit zum Verſteck der gauneriſchen Jndividualität und zur weitern Ausübung durchdachter Gaunereien unter der Maske des Kellners drängt das Gaunerthum mit intenſiver Ge - walt auf den Stand der Kellner, welchen es denn auch in der That ſchon ſehr ſtark mit den unlauterſten Elementen verſetzt hat. Freilich iſt das bisjetzt, wo man noch manche tüchtige Gaſthöfe mit trefflichen Wirthen und zuverläſſigem Perſonal findet, nur erſt der Anfang, aber darum doch ſchon eine ſehr bedenkliche Er - ſcheinung, welche bei der lockern Beaufſichtigung des ganzen Wirths - und Kellnerweſens die ernſtlichſten Gefahren befürchten läßt.
Aus dieſem Befunde läßt ſich ſchon folgern, daß die Ver - bindung, in welcher die Tieflinge namentlich in großen Städten miteinander ſtehen1)So iſt die Schilderung, welche S. Wagner S. 175 des beachtens - werthen Werks: „ Wien und die Wiener in Bildern aus dem Leben “(Peſth 1844), von der Verbindung der wiener Kellner entwirft, ebenſo zutreffend für Wien, als auch dem Treiben der Kellner in andern Städten entſprechend. Die Kellner, unter ſich und in der echten Lerchenfelder - und Wieſenerſprache Tieflinge genannt, bilden bei der großen Menge Gaſthäuſer in und um Wien eine ſehr zahlreiche Corporation, die wie die Wirthe unter zwei Mittel, das Wein - und Biermittel vertheilt ſind, die aber das Nämliche, was bei den Handwerkern die Jungen, vorſtellen. Bei einem dieſer Mittel müſſen ſie ein - geſchrieben ſein und erhalten auch da die nöthige Aufenthaltskarte; ebenſo müſſen ihre Dienſtzeugniſſe nebſt der Unterſchrift des Dienſtherrn auch noch mit der des Mittels verſehen ſein. Jn der Regel und der Vorſchrift nach werden ihnen ebenfalls die Dienſte vom Mittel aus, jedoch ohne Zwang, angewieſen. Jndeß gibt es auch einzelne Jndividuen, die ſich gegen ein nach den verſchiedenen Erträgniſſen des verſchafften Platzes oft nicht geringes Ho - norar widerrechtlich damit beſchäftigen; ſie werden Zubringer oder Kellner - kuppler genannt und ſind größtentheils alte verdorbene Wirthe. Jſt ein Kellner ohne Platz oder, wie die Wiener ſagen, vazirend, ſo ſoll er täglich bei ſeinem Mittel, das ſie vornehmer „ Börſe “neunen, erſcheinen und ſich beim Anſager, dem eigentlichen Senſal und Pedell ihrer Börſe, ſehen laſſen,, eine tiefere Bedeutſamkeit hat als die Ver -1)Stubenmädchen wieder getroffen. Die Wirthe kannten freilich die Antecedentien nicht. Ohne Anſtand bekommt ja jeder einen Paß „ zum auswärts Conditio - niren “und auf den Paß eine Condition als Kellner, da der Wirth nicht beſonders nach den Antecedentien forſcht, wenn er nur ſich ſelbſt geſichert hat.9 *132einigung zur bloßen geſelligen Erheiterung. Die Gebundenheit der Kellner an ihre offene geſchäftliche wie geheime unlautere1)der ihm dann einen ſeinem Grade und ſeiner Befähigung, die er übrigens nicht ſelten nach der Splendidität beurtheilt, entſprechenden Dienſt anweiſt. Unter ſich (S. 183) kennen ſich die Kellner größtentheils nur unter Spitz - namen, deren Urſprung entweder aus drolligen Scenen ihrer Unterhaltungen oder aus phyſiſchen oder geiſtigen Eigenſchaften herzuleiten ſind, z. B. Pick - achter, Cachuca Pepi, Bierſchädel, ſteifer Michel, großer Schwab, Propheten - jack u. ſ. w. Alle in Dienſt ſtehenden Kellner ſind wenigſtens von 9 oder 10 Uhr morgens an bis 12 Uhr und noch länger abends beſchäftigt, daher ſie, außer an ihrem alle 2 — 3 Wochen fallenden freien Nachmittage, nur frühmorgens und ſpätabends nach dem Feierabend ausgehen können. Morgens kommen ſie, beſonders an Sonn - und Feſttagen, in ſchon beſtimmten Kaffee - häuſern zum Frühſtück zuſammen und halten da ihre nach den Rangſtufen verſchiedenen Converſationen. Die Eleganten ſind modiſch zuſammengeſtutzt, entweder einen ſtinkenden Mackintoſh, einen engen Tüffel oder aber einen wei - ten Plunzendarmrock mit hölzernen Suppentellerknöpfen über dem zierlichen Frack à la Richelieu, Ringe, ſoviel nur immer Platz haben an den Fingern, ſchwere goldene Uhrketten um den Hals, dampfend aus einer mächtigen Meer - ſchaumpfeife, oder einen noch noblern quaſi-amerikaniſchen Glimmſtengel rau - chend, die mit Poudre du serail oder Eau de Bretfeld ganz durchräucherte, mit dem wiener aromatiſchen Schönheitswaſſer gewaſchene und mit der ganz neu erfundenen privilegirten aromatiſch-vegetabiliſchen Handpommade geſchmierte Dulcinea an der Seite. Jhrer ganzen Unterhaltung nach würde man ſie für Elegants aus den höhern Klaſſen halten, wenn ſie ihr Amt vergeſſen könnten und nicht häufig inſtinctmäßig nach dem Fidibus langten, wenn zufällig ihr nächſter Nachbar ſich eine Pfeife ladet. Die Mindern ſprechen meiſtentheils nur von Geſchäftsſachen, und einer, der Gelegenheit hat, eine ſolche Morgen - converſation anzuhören, kann Wunder vernehmen; man tiſcht hier auf, wie der Herr von S. und der Herr von M. und dann der galante P. ſchon lange bei ihm anſchreiben laſſen und bereits ihre Uhren und Ringe bei ihm ver - pfändet haben; wie einer oder der andere gerade von einem kreidigen Dandy kommt, den er mit einem infamen Morgenbeſuch vergebens beehrt hat u. ſ. w.; wie der und der Wirth die Bierzurichtung und die Weinmiſchung betreibt, und was dergleichen Geſchäftsgeheimniſſe mehr ſind. Verſchwenderiſch, ja ſogar muthwillig praſſend ſind ſie — beſonders die gute Plätze haben, d. h. wo ihnen viel geſchenkt wird und wo ſie viel betrügen können — in ihren Abend - unterhaltungen, bei denen in jeder Hinſicht tüchtig geſchwelgt wird und die ohne ganz gemeinen Zank wol ſelten endigen. Es iſt gar nichts Beſonderes, daß ſo ein nobler Bierhauskellner mit einem oder zwei Collegen 100 und noch mehr Gulden auf Champagner verſchwendet, der dann, wenn er etliche Wochen ohne Dienſt iſt, erbärmlich herumgeht.133 Thätigkeit, an Ort und Haus ſcheint kaum den Schluß auf eine durch beſtimmten Ton und Geiſt zuſammengehaltene innige Ver - bindung zuzulaſſen. Und doch iſt ſchon das Ganze durch den Geiſt des Gaunerthums in die weiteſte allgemeine Verbindung und zu einer ſocialpolitiſchen Bedeutſamkeit gebracht, ſo ver - ſchiedenartig auch in einzelnen Ländern und Orten je nach der vortretenden Färbung des Fremdenzugs im Aeußern die fremde Eigenthümlichkeit copirt werden mag, was außer Kleidung und Manieren beſonders in der ſchlecht copirten Sprache der Frem - den hervortritt. Die Nothwendigkeit der Verſtändigung mit fremd - ländiſchen Reiſenden hat auch die Kellner auf das linguiſtiſche Gebiet geführt und Anlaß zur Erlernung fremder Sprachen ge - geben, welche aus dem Munde eines aller beſſern Schul - und geiſtigen Bildung baren, meiſtens aus den Wohnungen und Schu - len der ſtädtiſchen oder ländlichen Armuth in das Gaſthofsleben der Stadt gezogenen und höchſtens nach der „ Kunſt, in vierund - zwanzig Stunden ein kleiner Däne, Schwede, Ruſſe, Franzoſe, Engländer u. ſ. w. zu werden “ſprachmäßig (oft ſogar autodidak - tiſch) unterrichteten Menſchen, bei aller Beſchränkung auf die kümmerlichſte converſationelle Phraſeologie, wie eine ungeheure Jronie klingen und die Kellnerſprache zu einem modernen idio - ten Rotwelſch gemacht haben, in welchem jeder Tiefling origi - nell iſt. Während man in den Gaſthöfen der Oſtſeehandelsplätze ein vermöge der Sprachverwandtſchaft mit den kühnſten nieder - deutſchen Wörtern und Redensarten durchſponnenes fürchterliches Schwediſch und Däniſch, auch ſogar Ruſſiſch hört, bildet gegen das mit dieſer Art Rotwelſch ſchwer heimgeſuchte Lübeck das be - nachbarte Hamburg die ſcharfe Grenze, wo der anglodeutſche Kellnerſprachgürtel beginnt und von da ab die Küſten der Nordſee entlang, den Rhein hinauf in die Schweiz und von da wieder nach Wien, Dresden u. ſ. w. hin ſich verliert. Ein ebenſo wunderlicher frankodeutſcher Kellnerſprachgürtel zieht ſich von den Hauptpaſſagen über den Rhein beſonders mitten durch Deutſchland nach Böhmen hinein.
Wenn nun dieſe tolle und rohe Sprachmengerei lediglich aus134 Unwiſſenheit entſtanden iſt, ſo hat doch eben die bis zur Ver - wegenheit geſteigerte Sicherheit ihres Gebrauchs dem auch im Kellnerleben wuchernden Gaunerthum Gelegenheit und Luſt ge - boten, ſolche ungeheuerliche Worte in die Gaunerſprache aufzu - nehmen und ihnen eine beſtimmte Bedeutung zu verleihen, vor - züglich aber ſie zu Spitznamen für die Kellner ſelbſt zu verwenden. Die Wortmengung iſt ſo roh und albern, daß Beiſpiele faſt Ekel erregen: faſhionmodern, comfortablebequem, Smör - butter, Oſtkäs, Waſchſlugadiener, Paraſolſchirm u. ſ. w. und die Spitznamen: Monſieur Parlewu, Sir Spiekju, Duju, Waſchſluga, Gawaritje u. ſ. w. Haben dieſe auf angegebenem Wege entſtandenen baren Albernheiten jedenfalls ihre beſondere Geltung, ſo hat dazu die geheime Tieflingſprache ſich auch aus der Gaunerſprache nicht unbedeutend verſtärkt und um - gekehrt auch dieſer wieder manchen ſprachlichen Zuwachs zugewen - det, z. B.: abſchäften, mit der Zeche durchgehen; Aufdieſſer, Lohndiener, Kellner, Wirth; biſſig, theuer; jungmäßig, ohne Geld; Lichtenſtein oder Naſſauer ſein, kein Geld haben; Nägel machen, groß thun; Rauner, Auge, Geſicht; halt’s in Rauner, halt’s im Auge; Tiefling, Kellner, Aufwärter; Wurf, Speiſe, Eſſen; Wurfplan, Speiſekarte u. ſ. w. Nament - lich ſind auch alle bereits Th. II, S. 153 fg., S. 165 fg. und S. 182 fg. erklärten Kunſtregeln und Kunſtausdrücke der Mak - kener und Kittenſchieber unter dem verdorbenſten Theil der Tief - linge bekannt. So haben wir am lübecker Polizeiamte den Th. II, S. 166 u. abgebildeten Echeder nebſt einem ähnlichen größern gerade dem Hausknecht eines großen Hotels abgenommen, wo derſelbe ſeine Klamoniß auf dem Futterboden kawure gelegt hatte.
Wie das ganze Treiben und die ganze zunächſt für Wirth und Gaſt gleich gefährliche Stellung der Kellner in Deutſchland ein ſcharfes Augenmerk verdient, ſo wenig dürfen auch beim Stu - dium der Gaunerſprache jene eigenthümlichen Ausdrücke unbeachtet bleiben, welche mit den Tieflingen in die Hotels hinein und wie - der aus dieſen herausziehen. Wer ſich von dem Glanz und Com -135 fort großer Hotels mit unverſchämtem Perſonal ſo wenig blenden läßt, wie von der Unſcheinbarkeit ärmlicher Herbergen und Gauner - kneipen, der muß unbefangen geſtehen, daß, wenn die früher in der Praxis nicht ſelten und in Räuberromanen ſehr häufig vorkom - menden Mordkneipen und Höhlen ſo ziemlich vor der Aufſicht der Sicherheitsbehörden geſchwunden ſind, der reiſende Fremde doch hier wie dort ſchon als Aequivalent für ſeine ſchmerzhafte Fremden - controle das zu fordern berechtigt iſt, was ſeine vaterländiſche Behörde auf dem ertheilten Paſſe für ihn ausdrücklich fordert: Freiheit und Schutz der Perſon und des Eigenthums.
Jn größern Städten und namentlich an den Endpunkten der Eiſenbahnen und der Dampfſchiffahrt hat der Materialismus, wo er die Maſſen nicht mehr im großen compacten Ganzen weiter bewegen kann, die Zahl der Mittel zur verkleinerten Maſſen - bewegung in übergroßer Anzahl vermehrt. Dieſe Mittel erſcheinen vorzüglich geboten und förderlich, weil auch ſie Raum und Zeit bewältigen und ſomit durch ihre Menge der großen Geſammt - bewegung entſprechen. Auf den Hafenplätzen, Eiſenbahnhöfen, Marktplätzen, Thorzingeln und Hauptſtraßen ſteht und bewegt ſich durcheinander mit den verſchiedenſten Namen: Chaiſe, Fiaker, Kutſche, Droſchke, Omnibus u. ſ. w., zur Beförderung von Per - ſonen und Sachen eine Unzahl von Fahrzeugen, deren jedes einen beſondern Führer haben muß. Bei der großen Menge dieſer Fuhrwerke iſt der Fahrbock das Aſyl geworden, auf welches ſich das durch denſelben Materialismus ins Ungeheuere vermehrte Pro - letariat geflüchtet hat, um neben der Aufgabe, ohne beſondere Kenntniß der Pferdebehandlung abgetriebene Gäule auf dem har - ten Gaſſenpflaſter in einen ſchwerfälligen Trab zu bringen, in der bunten Hin - und Herbewegung theils ſelbſt die durchdachteſten136 Gaunereien zu begehen, theils ſolche mindeſtens zu Gunſten ver - trauter Genoſſen zu befördern und vom gemachten Gewinn ſeinen Vortheil zu ziehen. Schon längſt hat die Polizei durch ſcharfe Fahrordnungen die frechen Zollſchmuggeleien, die vielfachen Be - trügereien, mit welchen die Agler1)〈…〉〈…〉, aglon, oder〈…〉〈…〉, agler, Kutſcher, Fuhrmann;〈…〉〈…〉, agole, Wagen. Vgl. Th. II, S. 37, 90, 237 und das Wörterbuch. ihre Dienſtherren wie die Paſſagiere durch Unterſchlagung und Taxenüberſetzung zu hinter - gehen wiſſen, zu beſeitigen geſucht. Doch iſt das verkappte Gauner - thum, welches durch die Agler auf den Kutſchböcken repräſentirt wird, noch lange nicht genug beachtet und durch genügende Maß - regeln gebändigt worden. Der Agler, welcher von früh morgens bis ſpät abends in Schnee, Sturm, Regen und Sonnenhitze auf den Straßen und öffentlichen Plätzen zubringt, hat eher den Schein gutmüthiger Harmloſigkeit für ſich, als jedes andere verdächtige Anſehen. Doch iſt die Verbindung der Agler unter ſich ſo wenig zu leugnen wie die mit den ärgſten Gaunern. Das Unweſen findet ſich beſonders in großen Städten. Die Agler beſchränken ſich nicht allein auf die Beförderung ihrer diebiſchen Genoſſen, Kuppler und Gelegenheitsmacher von einer Stelle zur andern, ſie geben ihren gauneriſchen Verbündeten von ihrem Sitze, von dem aus ſie das dichte Gedränge öffentlicher Plätze und belebter Straßen am beſten überſehen können, geheime Zinken mit Blicken, Zuruf, Handbewegungen und vor allem mit der Peitſche, welche eins der merkwürdigſten und behendeſten Mittel zum Zinkenen iſt. So iſt z. B. das ſpielende Knippen mit der Peitſche, während das Pferd ſteht, ein Warnungszinken zur Vorſicht. Starkes Klat - ſchen gegen eine Seite des Pferdes, wobei dieſes eine raſche Be - wegung macht, bedeutet eine von dieſer Seite drohende nahe Gefahr. Vor allem ſind die Agler die geſuchteſten Vertuſſer, in - dem ſie nach Verabredung ihr Pferd ſcharf ſtrafen und wild machen, um die Aufmerkſamkeit der Menge von den handelnden Torf - drückern oder Schottenfellern abzulenken. Sie ſind mit ihren Fahrzeugen die beſten Wandmacher (Th. II, S. 230) und137 geben ihre Wagen zur Kawure her, wobei ſie häufig davon - jagen, als ob das Pferd durchginge, bis ſie in gewiſſer Entfernung halten, da ihre Droſchkennummer ſie doch jedenfalls kennzeichnet, und im Tumulte die Kawure, den verſarkenten Torf, von einem nacheilenden oder nahe poſtirten Chawer aus der Agole heben laſſen. Ueber die Bedeutung der ſchändlichen Porzellanfuhren, bei denen ſogar einzelne Subjecte mit beſonderer Routine und Einrichtung einen Ruf unter Kupplerinnen und Wollüſtlingen beſitzen, ſehe man das Kapitel von der Sprache der Freuden - mädchen. Unzählige Ränke und Gaunereien wiſſen die Agler zu befördern; ſie ſpotten aller Controle, trotz Nummern, Marken, Stationswechſel und ſcharfer Beſtrafung. Der täglich von den Aglern gegen ihren Brotherrn gemachte Unterſchleif geht ins Un - glaubliche und iſt faſt immer der Löwenantheil am Tages - ertrage des Fahrzeugs. Dieſer Unterſchleif iſt aber, weil er ja nur den einzelnen trifft, kaum ſo hoch anzuſchlagen wie der materielle und ſittliche Schaden, welchen die Agler durch ihre ſtete Bereitſchaft zur Beihülfe und Unterſtützung von Diebſtahl, Raub und Liederlichkeit anrichten. Von dem Aufſitzen vertrauter Genoſſen auf den Fahrbock, der Mitnahme derſelben als blinder Paſſagiere zum Vertuſſen oder Handeln iſt ſchon Th. II, S. 37 und 234 fg. ausführlich die Rede geweſen.
Ebenſo wenig wie durch die oberflächliche Betrachtung des ſcheinbar harten Loſes, welchem die den ganzen Tag jedem Wit - terungswechſel ausgeſetzten Agler unterworfen ſind, darf man ſich hinreißen laſſen, eine Argloſigkeit in den Neckereien zu finden, welche die Agler auf ihren Stationen ſowol unter ſich als auch gegen Vorübergehende ſich herausnehmen. Gerade die Agler wer - den von Kupplern und Wollüſtlingen am meiſten benutzt, um Rendezvous mit den vorübergehenden Dienſtmädchen und Gri - ſetten zu veranſtalten, und die Stationsplätze ſind gerade der Ort, von welchem aus der dem Agler befreundete Gauner ſich als unbekannter Fremder zur Fahrt einladen und an den zur Ausführung einer Gaunerei beſtimmten Ort fahren läßt. Alle Agler haben, wie die Gauner überhaupt, einen Spitznamen, z. B.138 Reform, Feuerſpritze, Volksbote, Eiſenbahn, Kladderadatſch, von den Blättern, welche ſie auf dem Kutſchbock leſen, oder auch an - dere triviale Namen nach der Perſönlichkeit oder von beſtimmten Erlebniſſen her, z. B. Klopphingſt, Peerappel, Sweep, Töten - trecker, Kömſnut, Pardauz, oder, wie in Berlin, Naſenkönig, bunter Karl, delicater Eduard, Plattbein, Feſtungsnaſe, glib - beriger Julius, finniger Wilhelm, oder, wie in Wien, Walter-Scott - Seppel, Knackerl, Großkopf, Sterzmichel, Batteriedeckel u. ſ. w. Alle aber ſind in der Gaunerſprache bewandert, deren Ausdrücken ſie theils eine andere Bedeutung, theils auch neuen eigenthüm - lichen Zuwachs geben, z. B.: auf die Spitze fahren (Spitze für Spieße), zu einem Wirthshauſe fahren, einkehren; Spazier - tour, die abſichtliche Umfahrt eines Fremden, um die Zeit der Fahrt zu verlängern und die Taxe zu erhöhen; jökeln, coire, auf der Porzellanfahrt; Pferdeſchwanz (Peerſteert), ein Stutzer, Elegant; ſtriegeln, mit der Taxe betrügen; Krippe (Krüw), der Mund; Haber, Eſſen; Reingottswort, Kornbranntwein; auf den Trab bringen, ausſchelten, fliehen machen; hüppiſch, verrückt; kollerig, zornig, böſe; zurückhoppen, von etwas ab - gehen; das Geſchirr putzen, ſich rechtfertigen; das Geſchirr lackiren, beſchönigen; vorbei, hinterbei (vöxbi, achterbi), nebenher, unbedeutend u. ſ. w. Die wichtigſten Wörter und Redensarten findet man im Wörterbuche.
Schon im Abſchnitt vom Jedionen, Th. II, S. 245 — 296, iſt der verſchiedenen Betrügereien gedacht worden, mit welchen der Aberglaube und die Unwiſſenheit des Volkes durch Wahr - ſager, Schatzgräber und Spieler aller Art ausgebeutet wird. Bei den verſchiedenen Betrugsarten ſind auch bereits die hauptſäch - lichſten Kunſtausdrücke angeführt und erläutert worden; andere werden im Wörterbuche Platz finden. Doch ſind die meiſten dieſer139 Ausdrücke gauneriſche Ausdrücke, welche der Volksſprache zum Theil gänzlich oder doch nicht in der gauneriſchen Bedeutung bekannt ſind. Die Gaunerſprache macht aber gerade beim Spiele, namentlich in den Glücksbuden, von ihrem geheimen Abſolutis - mus eine ganz eigenthümliche Digreſſion zu einer beſondern Po - pularität hin. Sie macht ſich mit ihren Opfern ſo populär wie die ſpielende Katze mit der Maus, und ihre Art und Weiſe erſcheint nur dem Kenner nicht arg - und gefahrlos. Bei allem bittern Hohn, allem frechen Spott, aller frivolen Frechheit der Gaunerſprache, welche ihr charakteriſtiſches Kriterium. iſt, findet ſich wie eine Jncarnation in der Sprache der Glücksbüdner ein ganz merkwürdiges Eingehen auf die eigenthümliche abergläubiſche Spieldogmatik des Volkes, welche vor Jahrhunderten vom Gauner - thum ſelbſt künſtlich geſchaffen und immer weiter gefördert worden iſt, bis denn dieſe Dogmatik ſo feſt im Volke zu haften an - gefangen hat, daß die ſtets unverkümmert fortwuchernde und neuer - dings weſentlich durch ſchlimme buchhändleriſche Speculation ge - tragene Traumdeute - und Wahrſagekunſt-Literatur ſeit Jahrhun - derten her ſo reich und eigenthümlich im Volke ſelbſt daſteht, als ob ſie wie eine echte Volksliteratur naturwüchſig mitten aus dem Volke und ſeinem geiſtigen Bedürfniß herausgedrungen wäre. Für dieſes Spiel mit dem Volke in jeder Bedeutung des Worts hat das Gaunerthum nicht nur eine ſprachliche, ſondern auch eine perſönliche Jncarnation in der Erſcheinung und Sprache der Fallmacher, von deren Treiben ſchon beſonders Th. II, S. 283 fg. und 292 fg. die Rede geweſen iſt. Jn genauer Kenntniß der ſeit Jahrhunderten von ihnen geſchaffenen und ge - förderten Schwäche des Volkes erſcheinen die Fallmacher bei ihrer künſtlichen Verführung deſſelben gerade am argloſeſten und natür - lichſten, wenn ſie in ihrer Berührung mit dem Volke dieſes eine Sprache ſprechen laſſen, welche ſie ſelbſt doch erfunden und heim - lich in daſſelbe hineingeſtreut haben, während ſie ſelbſt ihre ge - heimen techniſchen Wörter, Zeichen und Manipulationen im tief - ſten Geheimniß vor dem Volke bewahren. So erſcheint die Fall - macherſprache theils als eine abſolut geheime, vollkommen gau -140 neriſche, theils als eine geoffenbarte, populäre Sprache, welcher letztern die Fallmacher ſtets Form und Schein der Volkseigen - thümlichkeit zu erhalten ſuchen, und in welcher populären Sprache ſie mit dem Volke in einer Weiſe verkehren, als ob ſie ſelbſt dem Volke in dieſem ihnen ſcheinbar fremden, nicht eigenthümlichen Elemente ein Genüge leiſten wollten. Vorzüglich hat die Fall - macherſprache beſondere ſpecifiſche Bezeichnungen für das Volk bei ſolchen Gegenſtänden gewählt, welche im gewöhnlichen Leben ohnehin ſchon allgemeine feſte Typen haben, vorzüglich alſo bei Zahlenreihen, weshalb denn auch beſonders das in den Glücks - buden ſtark betriebene Lottoſpiel, welches ohnehin in neuerer Zeit ſtatt der frühern bloßen Würfelentſcheidung in den Glücksbuden, mehr oder minder modificirt, ſehr auffallend ſich hervordrängt, von ſolchen Fallmacherausdrücken wimmelt. So heißen z. B. Klaſſe alle Zahlen innerhalb einer Zehnerreihe, alſo 1, 2, 3, 4, 9, oder 20, 21, 22, 25, 29, oder 30, 31, 39, oder 40, 41, 49 u. ſ. w., wobei die Klaſſen mit Zehnerklaſſe, Zwanzigerklaſſe, Dreißiger - klaſſe u. ſ. w. bezeichnet werden. Zwillinge ſind die in Klaſſe und Einer gleichen Zahlen, z. B. 11, 22, 33, 44 u. ſ. w. Rücken iſt die Gleichheit der Einer in verſchiedenen Klaſſen, z. B. 13, 23, 43, 53, oder 17, 27, 37, 97 u. ſ. w. Zur ſpeciellen Be - zeichnung der Rücken dienen noch die Einer; ſo ſind die hier an - geführten Rücken Dreierrücken und Siebenerrücken. Eine Num - mer wird zeitig oder kommt vors Bret, wenn ſie gezogen wird; feſt ſitzt ſie, wenn ſie nicht gezogen wird. Eine gedeckte Nummer iſt eine, deren Gewinn geſichert ſein ſoll u. ſ. w. Vgl. das ſehr intereſſante und belehrende Geſpräch bei S. Wagner, a. a. O., S. 44 fg.
Noch bunter erſcheint die Fallmacher-Sprachterminologie im Jüdiſchdeutſchen, in welchem alle Zahlen nach dem Buchſtaben genannt werden. Die Klaſſen ſind danach die Juſſer (Zehner), Kaffer (Zwanziger) u. ſ. w. Kaf Bes, Lamed Gimmel u. ſ. w. ſind Zwillinge. Die oben angeführten Beiſpiele vom Rücken ſind: Jud Gimmel 13, Kaf Gimmel 23, Memm Gimmel 43, Nun Gimmel 53, und heißen Juſſerrücken, Kafferrücken,141 Memmerrücken, Nunnerrücken u. ſ. w. Doch findet man ſich leicht durch dieſe bunten Terminologien durch, wenn man die Zahlentabelle etwas genau anſieht.
Blickt man durch dieſe bunten Typen der Fallmacherſprache hindurch auf den culturhiſtoriſchen Proceß, in welchem eben dieſe Typen ſich bilden und feſtſetzen konnten, ſo tritt auch hier eine ſtarke Trübung des Volkslebens hervor und macht die Betrachtung ſehr ernſt. Die Geltung jeder Zahl iſt aus dem tiefſten Aber - glauben und Betruge, beſonders aus der Kartenlegerei und Traum - deuterei entſtanden, welche beide ſich hier in eine düſtere Verbin - dung geſetzt haben. Wie bis zur Verwirrung gemiſcht auch die Theorie und Exegetik der Kartenlegerei und Traumdeuterei ge - worden iſt, ſo abweichend jedes neue Karten - und Traumdeute - buch von jedem andern und namentlich von ältern iſt: unver - jährt blickt doch derſelbe alte Dämon des Mittelalters mit der alten unheimlichen Form und Farbe hindurch. Wenn die heutige wiener Köchin mit Zuverſicht ihre Kreuzer auf 47 ſetzt, ſobald ſie von todten oder lebenden Bekannten, auf 1, wenn ſie von einem jungen Kinde oder dem Kaiſer, auf 11, wenn ſie von Feuer und Soldaten, auf 90, wenn ſie von Unrath oder Bauch - kneipen träumt1)Wagner, a. a. O., S. 277., ſo iſt das die wiener Modernität; anderer Orten, in Berlin, Dresden, Hamburg, Lübeck, Kiel, Schleswig u. ſ. w., blickt überall die alte Kartendeutung mit der Beziehung auf Träume hervor, ſodaß der Gegenſtand des Traums auf ſeine beſtimmte Bedeutung in der Karte zurückgeführt wird und dann die Zahlen - geltung der ſomit indicirten Karte die ſicher gewinnende Lotto - nummer ergibt, wobei die Anzahl der Perſonen und anderer Er - ſcheinungen, welche im Traume vorkommen, die Klaſſe anzeigt u. ſ. w. Doch iſt dieſe alte Theorie durch den Abſolutismus neuerer, unter dem ſchlimmen Scheine der Aufklärung doch noch immer auf den alten unvertilgbaren Dämon ſpeculirender Theo - rien ſehr verwiſcht und mit modernen fratzenhaften Tönen bis zur Unkenntlichkeit und völligen Entartung aufgefriſcht worden.
Zur vollſtändigen Aufklärung der Fieſelſprache1)Davon der verſtümmelte Ausdruck Fiſſenſprache, Fiſchſprache. Vgl. oben Mengiſch, Meſſingſprache und weiter unten Galimatias. oder Wieſenerſprache bedarf es zunächſt einer etymologiſchen Erklä - rung des Wortes Fieſel oder richtiger Fiſel. Kaum mag je ein Wort zugleich im Volksgebrauch wie auch im Gaunermunde bekannter und üblicher geweſen und doch der Forſchung der Lin - guiſten, Polizeimänner und — Gauner ſo beinahe gänzlich ent - gangen ſein, als das Wort Fiſel. Es ſcheint ſchon im Althoch - deutſchen mit der Schreibung visel gebräuchlich geweſen und auch da ſchon zur Bezeichnung des Männlichen überhaupt gebraucht worden zu ſein, wie z. B. in der Handſchrift des 14. Jahrhun - derts auf der baſeler Bibliothek, Marter der heiligen Martina vom Bruder Hugo von Langenſtein, wo jedoch Wackernagel, „ Alt - hochdeutſches Leſebuch “, DLXXXI, dem visel daſelbſt, S. 757, Z. 28, die gezwungene Bedeutung des Augenzeugen beilegt. Auch iſt die Vergleichung daſelbſt mit waltwiser, mittellat. visor, nicht verſtändlich. Die citirte Stelle lautet:
Jm Volksbrauch allerorten geht Fiſel aber immer zurück auf die Bedeutung von Faſer, Ruthe und membrum genitale masculi, vorzüglich tauri. Bei dieſer Bedeutung läßt ſich eine ſehr nahe Beziehung zu dem jüdiſchdeutſchen pessil,〈…〉〈…〉, pl. 〈…〉〈…〉(vom he - bräiſchen〈…〉〈…〉, Faden, Schnur, Feſſel, vgl. 4. Moſe 19, 15 und beſonders Richter 16, 9, von den zerriſſenen Stricken oder Feſſeln des Simſon, vom Stammworte〈…〉〈…〉), ſo wenig leugnen, wie die Beziehung zu dem niederdeutſchen Peſel, welches Richey, „ Idioticon Hamburgense “, S. 184, allſeitig treffend mit genitale143 masculorum cum nervo definirt. Charakteriſtiſch tritt daſelbſt die Bedeutung Peſel-Borg, verſchnittener Eber, gegen Suw - Borg, verſchnittene Sau, ſowie das dem hochdeutſchen Ochſen - fiſel entſprechende Bullenpeſel, daſelbſt S. 27 (proprie geni - talia tauri, quae, perinde ac balaenarum — der männliche Walfiſch wird bekanntlich von den Walfiſchjägern ebenfalls Bulle genannt — verberibus infligendis valde sunt idonea. Gallice: nerf de boeuf) hervor. Fiſeln und nd. peſeln, eng. to feaze, to feazle, iſt mit der Ruthe ſchlagen. Als Jntenſivform dafür iſt fizen (beſonders in der Schweiz neben fiſeln, fieſeln, füſeln) gebräuchlich. Fiſel und Peſel wird im Femininum ausſchließlich nur als Schimpfwort für ein ſchmuziges Frauenzimmer, beſonders für ein altes ſchmuziges Weib gebraucht. Volksthümlich ſind die Bezeichnungen Pechfiſel, Schuſter; Flachsfiſel, flachshaariger, flachsbärtiger junger Menſch, filziger Menſch, Pinſel; Herr - gottsfiſel, ein Andächtler; Mädchenfiſel, ein Menſch, der gern hinter Mädchen herläuft; Knackfiſel, ein Menſch, der eine laute, knackende Stimme hat; Nötfiſel, ein geiziger, filziger Menſch. Vgl. Schmeller, I, 571; Schmid, S. 143. Das Niederdeutſche hat Fiſel in Fiſter umgewandelt und hat noch fiſeln, fiſſeln in ſtarkem Gebrauch für das dünne feine Fallen von Schnee und Eisregen. Die übrigen Spielarten ſehe man bei Schwenck, S. 180. Adelung und Heinſius haben Fiſel nicht aufgeführt.
Jn prägnanter Weiſe und mit voller Rückſicht auf die ur - ſprüngliche Bedeutung gebraucht die Gaunerſprache das Wort Fiſel oder Fieſel für das gauneriſche Jndividuum ſelbſt. Jn der Beſchränkung dieſer Bedeutung auf das männliche Geſchlecht hat es die volle Bedeutung der Chochem oder Cheſſen. Bei dem mit vielen andern Gaunerausdrücken getheilten Schickſal, der Aufmerkſamkeit der Linguiſten und Behörden faſt vollſtändig entgangen zu ſein1)Nur Thiele, a. a. O., erwähnt in ſeinem Wörterbuche, S. 250, ſehr entfernt und einſeitig Fieſel als Aufſeher, Schließer, Polizei - diener, ohne Kenntniß der wahren Bedeutung dieſes determinirten Gauner - ausdrucks zu verrathen., ſcheint es ſogar topiſch gebunden und we -144 ſentlich auf das Gaunerthum in Wien beſchränkt worden zu ſein, woſelbſt es als Collectivausdruck für den Abſchaum des Pöbels gebraucht und als gleichbedeutend mit Wieſener verwechſelt wor - den iſt. Doch läßt ſchon das Alter und die ausgedehnte Volks - bräuchlichkeit des Wortes auf ſeinen weiten Gebrauch in der Gaunerſprache ſchließen und Fiſelſprache ſich wol am tref - fendſten mit „ Sprache der Kerle “überſetzen.
Wie in London mit rowdy, in Paris mit coupeur, goue - peur (gouâpeur), in Berlin mit Junge, Bummler, in Ham - burg mit Buttje (vom holl. bot, ſtumpf, plump, roh), in Lübeck mit Bruder, Brenner, Klingberger1)Der Klingberg in Lübeck iſt ein Marktplatz auf dem ſüdlichen Theile der Stadt, wo beſonders Obſt, Gemüſe und Brennmaterial von den Land - leuten feilgeboten werden, und eine Anzahl träger und verkommener Subjecte zu finden iſt, welche feſte Arbeit ſcheuen und hier die Gelegenheit zu einzelnen Dienſtleiſtungen ſuchen, um das verdiente Geld ſogleich in den umliegenden Schenkhäuſern zu verthun. Deshalb iſt die Bezeichnung Klingberger eine verrufene und ſchimpfliche. Die übrigen Marktplätze ſind durchaus nicht in ähnlicher Weiſe. verrufen. u. ſ. w., ſo bezeichnet man in Wien allgemein mit Fieſel den Strichbuben, Straßter, Freier (vgl. Sprache der Freudenmädchen), Dieb, Stromer, Kappelbuben, Kappler, Kurzkrämpler, Strizi, Strichler, Straves, Straveszünder, Radibuben, Beißer, Hacker, Strotter, Lerchenfelder Buben, Wie - ſener u. ſ. w., um den niedrigſten Pöbel damit zu bezeichnen. Die wiener Fieſel zeichnen ſich durch auffallend kecke Kleidertracht aus, beſonders durch ihre Hüte mit einer nur daumenbreiten Krämpe, daher Kurzkrämpler, oder durch ihre verwegen auf den Kopf geſetzten Kappen, daher Kappelbuben, ſowie durch ihre eigen - thümliche Sprache (in Wien vorzugsweiſe vor der Fieſel - ſprache Wieſenerſprache genannt, von der „ Wieſe “, einer übelberüchtigten Gegend der wiener Vorſtädte), welche mit auto - krater Gewalt in die ganze Gaunerſprache eingreift, ſehr vielen allgemein geläufigen Gaunerausdrücken noch eine ſpecielle Be - deutung aufdringt und deshalb in hohem Grade bemerkenswerth iſt. Wegen der Kühnheit, mit welcher jene ihre Diebſtähle aus - führen, ſind ſie allgemein gefürchtet. Auch Beiſpiele von Raub -145 anfällen kommen bei ihnen vor. Als Scheingeſchäft gehen viele von ihnen auf den Profit, d. h. ſie ſammeln Lumpen und Kno - chen, und treten auch hier ganz eigenthümlich in der äußern Er - ſcheinung auf als „ Haderlumpſammler “, unter denen vorzüglich die Haderlumpweiber mit der „ Gugl “, jenem weit um Kopf und Hals geſchlungenen großen Tuche, wie ſie ſonſt nur vom niedrig - ſten Landvolk getragen zu werden pflegt, höchſt charakteriſtiſch ſich kennzeichnen und welche Banlſtierer (von Banl, Beinl, Bein - lein, Knochen, und ſtieren, ſtüren, ſcharren, hervorſcharren; vgl. Schmeller, III, 656), Knochenſcharrer genannt werden.
Schon aus den geiſtvollen Skizzen des wiener Volkslebens von Sylveſter Wagner1)S. a. a. O. vorzüglich S. 63 fg., S. 219 fg., S. 309 fg. Die vielen gut gezeichneten und colorirten Bilderbeilagen machen die Anſchauung ſo lebendig, daß man das Buch zu den beſten ſeiner Art zählen darf. ſieht man, wie das Gaunerthum aus den unterſten Schichten des bunten Volkshaufens hervordringt, immer zu ihnen zurückkehrt und in ihnen lebt und webt. Das Volksleben einer großen belebten Stadt läßt auf dem Grunde ſeiner bunten Totalität die verbrecheriſchen Figuren im grellen Lichte auch für den hervortreten, welcher in der Unterſcheidung der dem Verbrechen eigenthümlichen Farbentöne nur noch geringere Uebung hat. Eine ſehr zu wünſchende tiefer eingreifende Dar - ſtellung, welche beſonders in Wien ſowol des ſtark gemiſchten Volkslebens als auch der dortigen geiſtigen Befähigung der Po - lizei wegen leicht erreicht werden kann, müßte ein Panorama des Gaunerthums geben, welches die ganze rieſige Erſcheinung deſſelben in ungeheuern Zügen und mit treffender Analogie fixiren würde. Schon die wiener Fiſel - oder Wieſenerſprache an und für ſich als Verdichtung des Geiſtes der verbrecheriſchen Ele - mente in Wien iſt ein ſo abſolut gauneriſches Ganzes, daß ſie nicht nur als Typus der geſammten deutſchen Gaunerſprache gel - ten kann, ſondern auch als die am mächtigſten fließende Quelle anzuſehen iſt, aus welcher immer neue Sprachzuflüſſe in die deut - ſche Gaunerſprache hineinſtrömen und welche durch ihre ſtarkeAvé-Lallemant, Gaunerthum. III. 10146Strömung die übermäßige Verfärbung derſelben durch die jüdiſch - deutſchen Beſtandtheile weſentlich verhütet. Jn dieſer ihrer abſo - luten Eigenthümlichkeit modulirt ſie ſogar ebenſo eigenmächtig und faſt noch häufiger und rückſichtsloſer als die Schinderſprache und die Bordellſprache die geltende Bedeutung deutſcher Gaunerwörter zu einer andern, oft ſogar ſehr entlegenen Bedeutung. Das macht ſowol die Sprache als auch die Gruppe, welche dieſe Sprache ſpricht, ſehr charakteriſtiſch und intereſſant. Es iſt die ganze Menge der Fiſelſprachvocabeln, welche mir bekannt geworden iſt, in das Wörterbuch aufgenommen worden. Hier nur wenige Beiſpiele zum Belege: Olmiſch, Gaunerſpr. alt, Fiſelſpr. Rock; alt1)Alt, nd. old, oll, drückt im Niederdeutſchen als Zuſatz zu einem Ad - jectiv die Verſtärkung aus, z. B. een ollen goden Keerl, ein ſehr guter Kerl; een olles leges Wiv, ein ſehr garſtiges Weib; olles ſötes Göhr, liebes, ſüßes Kind., Fiſelſpr. ſchön, gut, hübſch; es alt haben mit jemand, auf vertrautem Fuße ſtehen; es alt machen mit jemand, übel verfahren, kur - zen Proceß machen; anpumpen, Gaunerſpr. (aus der Studen - tenſprache) borgen, Fiſelſpr. ſchwängern; deiſſen (nd. Gaunerſpr. dieſen), ſchlagen, ſchubben, Fiſelſpr. aufwarten, bedienen, daher Aufdeiſſer, Kellner, Wirth; Flößling, Gaunerſpr. Waſſer, Fiſch, Fiſelſpr. Papier; Kinnebruder, Gaunerſpr. (Schimpfwort) Lauſejunge, Fiſelſpr. Dutzbruder, Schnapscumpan; Kracher, Gau - nerſpr. Beil zum Aufbrechen, Fiſelſpr. Piſtole, Krug mit Bier; Kuberer, Gaunerwirth, Hehler, Fiſelſpr. Polizeicommiſſar; Rau - ſchert, Gaunerſpr. Stroh, Fiſelſpr. Papier; ſcheften, Gaunerſpr. machen, Fiſelſpr. gehen, laufen (niederd. ſchechen, ſchechten); wamſen, Gaunerſpr. ſchlagen, prügeln, Fiſelſpr. lügen, leugnen; Waſſer - ratte, Gaunerſpr. Seemann, Matroſe, Fiſelſpr. Schiffsdieb; Maſ - ſel, Gaunerſpr. jüdiſchd. Stern, Schickſal, Fiſelſpr. Geld, u. ſ. w.
Wer die vielen verſchiedenen Gruppen kennen lernen will, aus denen mit intenſiver Gewalt die Fiſelſprache zu einem Gan - zen hervorſtrömt und wiederum alle Gruppen durchdringt und das Ganze wie ein einziger großer Sumpf umfließt, der mag die man - nichfachen, meiſtentheils recht gelungenen Darſtellungen in dem147 mehrfach angeführten Wagner’ſchen Werke leſen, in welchem wie in einem Rahmen das Volk und ſeine lebendige Sprache ſowol in der einzelnen wie in der geſammten großen Gruppirung zu erkennen und das Gaunerthum mit ſeiner Bewegung und Sprache im Volk recht deutlich zu begreifen iſt. Die Haderlumpweiber und Banl - ſtierer haben daher auch ſelbſt in ihren fremdartigſten Ausdrücken keine andere Sprache als die Wieſenerſprache, und Ausdrücke wie hopadatſchi, unwirſch, verdrießlich; Hausmeiſter, Semmel; Kreuzerpille, Roggenbrotlaib; Unterkanonier, Roggenbrot - wecken; verkeulen, verzehren; Brennabi, Schnaps, und das ſogar aus dem Judendeutſch genommene Serafbeis (für seraph - jajinbais), Branntweinhaus, u. a., welche Wagner S. 67, 219 und 221 anführt, ſind keineswegs den Haderlumpweibern und Banlſtierern ſpecifiſch eigenthümlich.
Unter denjenigen unehrlichen Gewerben, welche im Mittel - alter von der Meinung des Volkes als beſonders ehrlos bezeichnet wurden, ſind es zwei Gewerbe, welche mit dem Brandmal abſo - luter Jnfamie ſo ſtark hervortreten, daß ſelbſt das verachtete Volk der Juden beide Gewerbe gemeinſam mit der ſchärfſten Bezeich - nung des Abſcheues, der Unreinheit, der〈…〉〈…〉, tumoh, be - legte, das Gewerbe der Schinder und das der liederlichen Dirnen. Beide Gewerbe ſind aber auch noch ausgezeichnet durch die ihnen zu Theil gewordene Behandlung von ſeiten der Staatspolizei, welche beide Gewerbe aus der Mitte des bürgerlichen Verkehrs in die entlegenſte Einöde oder an die Stadtmauer verwies, aber ge - rade durch dieſe Verweiſung beide ſtatuirte und dabei überſah, daß beide verbannte Gewerbe auf der Grenze einen deſto ſicherern Verſteck und im Verſteck einen deſto größern Schutz und Muth gewannen, um mit ihren ſchädlichen Wirkungen von der Grenze10*148her unbewacht wieder mitten in das Herz des bürgerlichen Lebens zurückzudringen. Unſere Culturhiſtoriker ſind uns noch immer eine Geſchichte beider Gewerbe ſchuldig, um mit ſolcher Darſtellung eine politiſche Schuld zu beweiſen, welche Urſache von ungeheuern, grauenhaften Wirkungen geworden iſt. Ein Kriterium dieſer Wir - kungen iſt die Thatſache einer abgeſchloſſenen Gruppenſprache, in deren Beſitz jedes der beiden Gewerbe ſich befindet und welche in engſter Verbindung mit Weſen und Sprache des Gaunerthums wie ein Jdiotismus der Gaunerſprache erſcheint. Beide Gewerbe verdienen daher bei der Behandlung der Gaunerſprache eine etwas genauere Berückſichtigung.
Der allgemeine und gemeinſame Name für die Schinder - ſprache und für die Sprache der liederlichen Dirnen oder Dappel - ſchickſen iſt die Tammerſprache, auch Temmer -, Dammer - oder Demmerſprache, vom hebräiſchen〈…〉〈…〉, tame, unrein ſein, ſowol im levitiſchen als auch im moraliſchen und körperlichen Sinne. Davon jüdiſchdeutſch〈…〉〈…〉, tome, Pl. 〈…〉〈…〉, der Unreine, übel berufen, von Menſchen, Thieren und Sachen, und〈…〉〈…〉, tmea, Pl. 〈…〉〈…〉, tmeos, die Unreine, Metze, und〈…〉〈…〉, metamme sein, ſich verunreinigen. Jn der deutſchen Gaunerſprache hat das Wörterbuch des Gauners A. Hempel (1687) zuerſt das Wort Tammer, und dann die Rotwelſche Grammatik von 1753 Dem - mer, Schinder. Eine andere, weniger natürliche Ableitung iſt die vom hebräiſchen〈…〉〈…〉, taman, verbergen, verſtecken, verſcharren (z. B. 2. Moſ. 2, 12, wo Moſes den erſchlagenen Aegypter heim - lich verſcharrt). Dies〈…〉〈…〉 iſt nicht in das Jüdiſchdeutſche über - gegangen und hat auch keine Derivata, wie ſolche〈…〉〈…〉 zahlreich beſitzt. Bemerkenswerth iſt noch, daß der Ausdruck Tammer, Temmer, Dammer, Demmer mit ſeinen Compoſitionen in der Sprache der Freudenmädchen ſelbſt nicht gebräuchlich iſt, während in der Schinderſprache der Ausdruck fortwuchert und die Schinder allerorten ſich untereinander ohne den geringſten Anſtoß Tammer nennen.
Ein treffendes Kriterium für die unheimliche Gewalt, welche das Schinderweſen ſeit dem Mittelalter ſich im ſocialpolitiſchen Leben erworben hatte, iſt der Umſtand, daß, obſchon das Schin - derweſen von jeher vollkommen identiſch mit dem Gaunerthum war und viele Jahrhunderte hindurch bis in das gegenwärtige die größten und frechſten Gaunerkoryphäen geliefert hat, dennoch die Tammer, wenngleich im vollkommenſten Verſtändniß und Gebrauch der Gaunerſprache, eine Menge laufender Gauneraus - drücke zu einer eigenen Terminologie umgewandelt haben, indem ſie, um ſelbſt auch noch vor den Gaunern ein beſonderes geheimes Verſtändniß unter ſich voraus zu haben, ſpecifiſchen Gauner - ausdrücken die allgemeine Bedeutung nahmen und ihnen eine eigene Bedeutung beilegten, mithin eine eigene Gaunerſprache in der Gaunerſprache bildeten. So heißt z. B. Maſchur oder Meſcho - res in der Gaunerſprache der Diener, Dienſtgehülfe, in der Tam - merſprache ausſchließlich der Schinder, der in Arbeit ſteht, im Gegenſatz zu dem feiernden; kaſpern (vgl. Th. II, S. 85 und 287) heißt ſchlagen, auch mit Sympathie curiren; fetzen wie fabern iſt ſpeciell auf abſchinden beſchränkt; Fetzer der abdeckende Schinder; Vetter, Kavaller, Kaviller iſt der Schinder überhaupt; Freimann der Schinder, welcher ſein eigener Herr iſt; Knu - ſpert der Schinderknecht überhaupt; von der Fahrt ſein, von unſere Leut’ ſein, zum Schinderhandwerk gehören, im Gegen - ſatz von Pincke, Pink oder Wittiſch, jeder, welcher nicht Schin - der iſt; Wittſtock jeder, welcher die Tammerſprache nicht kennt; Stümper, Stümpſch ſein, die Schinderei verächtlich anſehen, im Gegenſatz von Temmerſch ſein, Schinder oder Freund der Tammer ſein u. ſ. w.
Dieſer der Gaunerſprache von der Schinderſprache angethane Zwang ſteht in der Geſchichte der Gaunerſprache neben der Sprache150 der Dappelſchickſen völlig einzig da und deutet auf einen ſehr ſtar - ken Einfluß des Schinderweſens auf das Gaunerthum, welcher allerdings hiſtoriſch nachweisbar iſt. Die urtheilfällende deutſche Gemeinde mußte urſprünglich ſelbſt das Urtheil vollziehen, wenn nicht dem Kläger die Hinrichtung übertragen wurde. Die von den dithmarſcher Bauern an dem verurtheilten Heinrich von Zut - phen 1524 vollzogene Hinrichtung iſt noch eine ſehr merkwürdige ſpäte Reliquie davon. Doch mögen auch ſchon in den früheſten Zeiten die Schergen und Fronboten (scarjo, wîzinari, wiziscalh) als angeſehene Beamte des Gerichts die Executionen vollzogen haben, bis denn ſogar, wie in Reutlingen, der jüngſte Schöffe und, wie im Fränkiſchen, der jüngſte Ehemann die Executionen zu vollziehen hatte. 1)Wol ſtark zu bezweifeln iſt, was Krantz (Vandal., L. 5, c. 32 und L. 9, c. 8) erzählt, daß Herzog Heinrich von Mecklenburg in ſeinem Eifer bei Verfolgung der Freibeuter einen Vorrath von Stricken an ſeinem Sattel ge - führt und dem ertappten Räuber ſelbſt den Strick um den Hals geworfen habe mit den Worten: „ Du moiſt my dorch den Ring kieken! “ Vgl. in Quiſtorp’s „ Beiträgen zur Erläuterung verſchiedener Rechtsmaterien “(1787) Abhandl. 50, S. 767 fg.Das chriſtliche Gefühl hat wol am ent - ſchiedenſten gegen ſolche rohe directe praktiſche Betheiligung des Gerichts an den Hinrichtungen gewirkt und die Uebergabe derſel - ben in die Hände unfreier Knechte veranlaßt, wodurch denn das blutige Geſchäft mit ſeinen voraufgehenden Qualen um ſo mehr der allgemeinen Verachtung verfiel, je ſchärfer das excluſiv Gewerbliche der furchtbaren Thätigkeit hervortrat und ein förmlich geſchloſſener Stand der Scharfrichter ſich bildete. Es iſt eine, frei - lich hier nicht zu löſende, höchſt intereſſante Aufgabe für den Cul - tur - und Rechtshiſtoriker, die Hin - und Herwirkungen des alten Rechtsherkommens und der chriſtlichen Auflehnung dagegen in den vielen nach Ort und Zeit ſehr verſchiedenen Begrenzungen, Claſ - ſificationen und Bezeichnungen des Scharfrichterweſens zu erken - nen und darzuſtellen. Doch muß hier die Andeutung genügen, daß der Scharfrichterſtand gerade zu der Zeit am meiſten verachtet und gehaßt wurde, in welcher die Criminalgeſetzgebung im Men -151 ſchenblute am entſetzlichſten zu waten begann und den Scharfrich - tern eine ungeheuere handwerksmäßige Praxis zuwies, aus wel - cher dann Erſcheinungen wie Meiſter Franz Schmidt von Nürn - berg hervortraten, welcher nur durch ſein merkwürdiges Tagebuch ausgezeichnet, gewiß aber nicht der einzige ſo furchtbar thätige Praktiker ſeines blutigen Handwerks iſt. Jn der That gehörte ein vollkommen verhärteter Sinn dazu, 87 Jahre alte Matronen oder Mädchen von 8 — 12 Jahren, wie dies die Acten erweiſen, die ganze Scala der Qualen auf der Folter durchmachen zu laſſen, um das unſinnige Geſtändniß mehrmaliger Geburten aus der Buhlſchaft mit dem Teufel zu erpreſſen. 1)Soviel alte Acten einer auch geleſen hat, ſo ſchrickt er doch immer wieder zuſammen, wenn er ein neues Torturalprotokoll vor die Augen nimmt und von den künſtlich bereiteten Qualen lieſt, welche unauslöſchliche Schande auf die Chriſtenmenſchheit werfen. Wie war doch in den Hexenproceſſen die peinliche Frage nach dem Teufel das wahrhaft einzige, aber auch ganz Teufli - ſche im ganzen Proceß, in welchem mit ſataniſcher Luſt der unmenſchliche Rich - ter die unſchuldigſten Opfer von ſeinen viehiſch rohen Helfershelfern auf him - melſchreiende Weiſe martern ließ. Jm Bisthum Würzburg wurden von 1627 — 29 mehr als 200 Perſonen jedes Alters, Standes und Geſchlechts, ja Kinder von 8 — 12 Jahren hingerichtet; im Bisthum Bamberg von 1627 — 30 bei einer Bevölkerung von 100,000 Seelen 285 Perſonen; in Offenburg im Breis - gau in derſelben Zeit 60 Perſonen, und — alle vorher gefoltert! Allerorten hauſte der Wahnſinn und die kalte, hölliſche Folterhandwerksluſt. Die Juſtiz ſtützte ihren ganzen Schwerpunkt auf die Folterbank, und der Scharfrichter trug dieſelbe wie ein Atlas auf ſeinen Schultern. So ein Menſch vermochte über eine 64 Jahre alte Frau, welche alle Torturgrade ausgehalten hatte, ſein Kunſt - urtheil abzugeben, „ daß es ſoviel geweſen ſei, als hätte man in einen alten Pelz hineingehauen! “oder: „ der Böſe müſſe ſein Spiel mit der alten Vettel gehabt haben, obwol er (der Scharfrichter) das Luder hin - und hergezerrt habe! “ Wer dies furchtbar wahre Bild weiter ſehen will, der leſe Wächter’s „ Beiträge zur deutſchen Geſchichte “, Abhandl. IV mit den Excurſen.Die Verachtung und Furcht, mit welcher das Volk auf die Scharfrichter blickte, die kalte, verhärtete Grauſamkeit, mit welcher dieſe täglich vor den Augen der Richter die furchtbarſten Martern vollzogen, mochten vielleicht am eheſten den verfinſterten Blick der Richter auf die Seele ihrer Helfershelferſchaft gelenkt und zur Abſchiebung der eigenen innern ſittlichen Makel die Scharfrichter zur Ehrloſig -152 keit und Verbannung aus dem bürgerlichen Verkehr geführt haben, ohne daß jedoch der richterliche Blick die Natur und das ganze Treiben des Scharfrichterweſens genauer gewürdigt hätte, da doch die Scharfrichter gerade mit der Zauberei, um derentwillen ſie täglich unſchuldige Opfer zu martern hatten, am meiſten und ungeſtraft das Volk betrogen und deſſen Aberglauben ausbeuteten. Die ver - wirrte unſtete Claſſification und Stellung der Scharfrichter, welche je nach ihrer einzelnen Thätigkeit unterſchieden und benannt wur - den1)Allerdings ſcheinen die Unterſchiede ſchärfer gezogen und die Benennun - gen nach den einzelnen Thätigkeiten beſtimmter gegeben worden zu ſein, als Grimm, „ Deutſche Rechtsalterthümer “, S. 882, 883, anführt, wie das ſchon die Etymologie von scarjo, wizinari, wiziscalh, schärphere, hâher, und ſpäter Henker, Stöcker, meister Hemmerlin, Peinlein, Angstmann u. ſ. w. andeutet. Grimm ſcheint ſogar in der Etymologie nicht ganz ſicher geweſen zu ſein, indem er schärphäre von ſchürfen, cudere, ignem excudere (den Holzhaufen beim Verbrennen anſtecken), ableitet. Freilich kommt bei Notker, Pſalm 28 a. E., vor: „ Ignem excudit Achates “, „ daz fiur ſchurfte ſteinunch “(Wackernagel, a. a. O., S. 127, und Wörterbuch, CCCCLXVIII). Doch ſcheint deshalb die Ableitung von scarp oder scarph oder scharpf, was auch ſchon im Liede von Hildebrand und Hadebrand mit scurim, Donnerwetter, verbun - den wird (scarpen scurim, Wackernagel, S. 67, 3), näher zu liegen und ſogar mit dem hebräiſchen〈…〉〈…〉, saraph, in Verbindung zu ſtehen, welches nicht allein vom Verbrennen der Städte, Häuſer, Altäre, ſondern auch, wie Jerem. 34, 5 zeigt, der Leichname gebraucht wird. Jn der braunſchweiger Fem-Ordnung 1314 (Rethmaier, „ Chron. Brunsv. Luneb. “, S. 627) kommt übrigens ſchon vor: „ Dat Ordell ſchölen ſproeken de Büdel offte de Scarprichter. “ Eine eigen - thümliche Benennung der Scharfrichterknechte oder Schinder findet man in Lü - beck, nämlich Schoband, für welche die „ Schobandsordnung “von 1509 nach und neben andern „ Ordonantien der Bödel-Meiſter und Knechte “u. ſ. w. exi - ſtirt. Eine in Dreyer’s „ Einleitung in die allgem. Lüb. Verordnungen “1769 wiedergegebene abgeſchmackte Ableitung (S. 438) beruht auf der Erzählung, daß zur Zeit des Schwarzen Todes zu Lübeck (1350) ein reicher Mann, Bandſcho, einen großen Wagen zum Transport der vielen Leichen durch die Schinder - knechte, Racker, habe machen laſſen, und daß dem Bandſcho zu Ehren die Schin - derknechte ſeitdem Schoband genannt worden ſeien. Doch iſt das Wort Scho - band wahrſcheinlich mit Bezug auf die ſpecielle Thätigkeit des Büttels vom ahd. schoup, Strohkranz, Strohwiſch, aufgeſtellter Beſen (vgl. Wackernagel, a. a. O., CCCCLXV und die Nachweiſe daſelbſt), abzuleiten und schoup wol verwandt mit dem lateiniſchen scopa (vgl. scabo und σκάπτω), Beſen, welches bei, iſt ein Zeichen der richterlichen Kurzſichtigkeit und Schwäche,153 welche bei der ſtatuirten Verbannung und Jſolirung den Scharf - richtern volle Gelegenheit bot, ohne Aufſicht und ungeſtraft mit dem Gaunerthum ſich zu verbünden und mit deſſen Künſten auf das verderblichſte in das Volk hineinzuwirken. Jm Dreißigjähri - gen Kriege ſollte die durch die Scharfrichter vielfach vermittelte Verbindung des Gaunerthums mit dem räuberiſchen Soldaten - thum einen entſcheidenden Sieg feiern mittels eines ſchmählichen Betrugs, wie wol ſchwerlich jemals ein Betrug ſo ungeheuere weitgreifende Folgen gehabt hat, durch die ſogenannte Paſſauer Kunſt. Als nämlich Kaiſer Matthias 1611 in der Gegend von Paſſau ein Heer ſammelte, um ſeinem Bruder Rudolf II. Böhmen abzugewinnen, fiel der Henker zu Paſſau, Kaspar Neithardt von Hersbruck, auf den Gedanken, Vortheil davon zu ziehen. Er1)Cicero, Horaz und Plautus im ſchimpflichen Sinn für einen verworfenen Men - ſchen gebraucht wird. Gleicher Abſtammung iſt Schuppel, Schübel, Schimpf - wort für Perſonen, Grindſchüppel, Lügenſchüppel; die Schüppel, leichtſinnige, liederliche Dirne (Schmeller, III, 377; Schmid, S. 481); Schubb - jack, ſchweiz. Schobiack, niederd. Schobbejack, Schufjack und Schob, Grind, Schabe (Schwenck, S. 594), ſowie Schuft. Vgl. Schwenck; Heinſius, IV, 374; Adelung, III, 1632 das angelſ. sceof, scypen; engl. shop; franz. échope; poln. szopa. (Adelung zieht nicht mit Unrecht die Bedeutung bedecken, beſchützen vom veralteten ahd. hierher und führt das wendiſche schowam, gr. σκέπειν, dazu auf, wie das mittellat. eschopa, Haus, Schuppen.) Wichtig für die Beurtheilung der Stellung, welche die Schinderknechte im Mittelalter einnahmen, iſt der Umſtand, daß in der lübecker „ Kleider -, Hochzeit -, Kindtauf - und Begräbniß-Ordnung vom heil. Thomas-Tage 1492 “den Schinderknechten die ercluſive Befugniß zugeſichert wird, „ die Gräber auf den Kirchhöfen und in den Klöſtern zu machen und mit Steinen zuzudämmen “, weshalb ſie denn auch Kulengräber (Kule, Kuhle, Grube, Grab) genannt wurden. Erſt ſpä - ter ſcheinen die Schobande ehrlos geworden zu ſein. Denn erſt 1534 bat die Bürgerſchaft und 1578 die Geiſtlichkeit bei dem Senat, den Schobanden dieſe Begräbnißbefugniß zu nehmen, wogegen die letztern am 17. Januar 1579 und 9. Februar 1580 demüthige Bitten um Schutz im Beſitz einlegten. Doch noch 1586 eiferte der verdiente Superintendent Pouchenius von der Kanzel herab: „ Wenn ſich einer die Zeit ſeines Lebens wohl gehalten hat, ſo muß ihm noch von dem Schoband Dienſt geleiſtet werden; der muß ihn verſcharren. “ Dagegen aber findet ſich, daß der Magiſtrat zu Worms ſchon 1517 beim Papſt einen Jndult für den Henker auswirkte, daß derſelbe einmal des Jahres zum Abendmahl zugelaſſen wurde. Vgl. Piſtorius, „ Amoenitates jurid. “, VIII, 2268.154 druckte mit einem eigens geſchnittenen Stempel allerlei kabbaliſtiſche Figuren auf Stückchen Papier ab und verkaufte dieſe Zettelchen gegen gute Zahlung an Soldaten, denen der rechte Kriegsmuth fehlte, indem er behauptete, daß ein ſolcher verſchluckter Zettel1)B. Bekker, „ Bezauberte Welt “, Buch 4, Hauptſt. 18, §. 13, führt über die Zubereitung der Zettel an, daß ſolche zur Weihnachtszeit um Mitternacht, in einem Klumpen Weizenteig eingeſchloſſen, heimlich unter den Altar geſteckt, dann zu verſchiedenen Zeiten drei Meſſen darüber geleſen wurden und daß darauf dieſe Klumpen frühmorgens mit gewiſſen Gebeten verſchluckt werden mußten. Einen Jrrthum begeht G. Freitag in ſeinen ganz vortrefflichen, dem Polizeimann zum ernſtlichen Studium nicht genug zu empfehlenden „ Bildern aus der deutſchen Vergangenheit “, wenn er II, 67, ſagt: „ Ja ſogar der Name Paſſauer Kunſt, welcher ſeit jener Zeit gewöhnlich wird, mag auf einem Misverſtändniß des Volkes beruhen, denn im 16. Jahrhundert hießen alle, welche einen Zauberſegen bei ſich trugen, um unverwundbar zu ſein, bei den gelehrten (?) Soldaten Paſſulanten oder Charakteriſtiker, und wer die Kunſt verſtand, ſolchen Zauber zu löſen, ein Solvant. Es iſt möglich, daß die erſte Bezeichnung vom Volk in « Paſſauer » verwandelt worden iſt. “ Vielleicht mag das bei Freitag ange - führte gothaiſche Manuſcript von Zimmermann irregeführt haben. Paſſauer Kunſt und Paſſulanten (der viel frühere Ausdruck des 16. Jahrhunderts) haben in ſprachlicher Hinſicht nichts miteinander gemein, und am wenigſten kann wegen der vermeinten Verſtümmelung eines Wortes eine hiſtoriſche Thatſache negirt werden. Paſſulant kommt aus dem Judendeutſchen. Pessel,〈…〉〈…〉, Pl. 〈…〉〈…〉, psillim, vom hebr. 〈…〉〈…〉, passal, ſchnitzen, in Stein hauen, bedeutet ein Götzen - bild, heidniſches, chriſtliches, überhaupt nichtjüdiſches Amulet. Davon iſt die weitere Bedeutung〈…〉〈…〉, possul, unheilig, gemein, unerlaubt, zu gebrauchen; paſſlen und mephaſſel ſein, erklären, daß etwas unerlaubt iſt. Ohne Zweifel iſt Paſſulant von Peſſel abzuleiten, wie überhaupt eine Unzahl Wör - ter im deutſchen Volksmunde exiſtirt, von deren jüdiſchdeutſcher Abſtammung das Volk kaum eine Ahnung hat. gegen Schuß, Hieb und Stich feſtmache. Rudolf’s demoraliſirte Soldaten leiſteten wenig Widerſtand, und ſo kam es, daß die Soldaten des Kaiſers Matthias mit ihren paſſauer Zetteln im Magen ohne Verwundungen davonkamen. Dieſer Erfolg machte die Paſſauer Kunſt berühmt und brachte dem paſſauer Henker großen Reichthum ein. Jm folgenden Dreißigjährigen Kriege mach - ten ſich die meiſten Soldaten feſt mit der Paſſauer Kunſt. 2)Amulete auf Pergament oder Papier geſchrieben und am bloßen Kör - per getragen mit der Jnſchrift: + Bans + transiens + permedium + itarumi -So -155 gar die Geiſtlichen zweifelten nicht an der Wirkſamkeit der Paſſauer Kunſt, ſchrieben dieſelbe aber dem Teufel zu und predigten und ſchrieben auf das eifrigſte gegen die Teufelskunſt. Gerade aber dadurch wurde die Wirkſamkeit der Paſſauer Kunſt in den Augen des Volkes noch mehr gehoben, wenn auch ihr Weſen von der Geiſtlichkeit auf das heftigſte verdammt wurde. Von dieſer Zeit an tritt die offene Verbrüderung der Schinder mit den Soldaten und ihr gemeinſames freches, räuberiſches Treiben hell hervor. Die furchtbarſten Räuber, Mörder und Ungeheuer noch des vori - gen Jahrhunderts, ja ſogar viele Mitglieder der niederländiſchen und neuwieder Bande waren Schinder, nicht des Johannes Bückler zu gedenken, welchem ſein Schindergewerbe den Namen Schinder - hannes erwarb. Sogar bis in die neueſte Zeit hinein findet ſich, daß die verhärteſten Räuber und Mörder gerade Schinderknechte geweſen waren oder doch mit ſolchen in genauer Verbindung ge - ſtanden hatten. Nur dem Zwange der vorhandenen, jedoch immer noch lange nicht ausreichenden1)Wie ernſt ſind die Aufgaben der Sanitätspolizei! Wie weit iſt dieſe noch von ihrem Ziele entfernt, wenn ſie nicht mit verdoppelter Schärfe auf den Betrug achtet, durch welchen die Bevölkerung großer Städte vergiftet wird. Man braucht nicht erſt nach Paris zu gehen, um den ungeheuern Vorrath von Wildpret aller Art zu unterſuchen, welches den Reſtaurants aus den — Scharf - richtereien geliefert wird; auch außerhalb Paris und Frankreich kommen ſolche Aſſociationen zwiſchen Wirth und Schinder vor. Die letztern halten große Schweinemäſtereien, in denen die Schweine mit dem Fleiſch gefallener Thiere gemäſtet, an die Schlächter geliefert und von dieſen in die Haushaltungen ver - kauft werden. Auch die übeln Hundefuhrwerker ſind Hauptkunden für die Schin - der und werden allein ſchon durch den Handel mit Futterfleiſch für die Hunde in eine ohnehin ſehr bedenkliche Verbindung mit den Schindern gebracht. Seit einer Reihe von Jahren klagen die Polizeibehörden über das beſtändige Vor - kommen von Hundekrankheiten, welche einen epizootiſchen Charakter annehmen. Verordnungen und ſcharfer Con -2)bit +, oder: + est + est + adey + elion + to tiagam nuton (ſoll wahrſcheinlich heißen tetragrammaton) + plenum — haben ſich noch bis in die neueſte Zeit als Mittel zum Feſtmachen erhalten. Vgl. das ſehr flache und unbedeutende Buch vom Thierarzt Lux: „ Der Scharfrichter nach allen ſeinen Beziehungen “(Leipzig 1814). Aehnliche Amulete habe ich auch bei Selbſtmörderinnen, ein - mal ſogar bei einem ſehr jungen Mädchen auf die Bruſt gelegt gefunden, jedoch niemals bei männlichen Selbſtmördern.156 trole iſt es zu danken, daß die verderbliche Propaganda des alten Uebels mindeſtens nicht äußerlich weiter um ſich gefreſſen hat, wie es noch zu Anfang dieſes Jahrhunderts möglich war und wovon man noch heutzutage im Nachlaß verſtorbener alter Scharfrichter ganz ſtaunenswerthe Belege finden kann.
So tritt denn das Schinderweſen als eine je geheimer, deſto unverſehener und üppiger heraufgewucherte Macht im Gaunerthum hervor, und dieſe Gewalt und innige Verbindung mit letzterm macht ſowol die eigenthümlichen Erſcheinungen in der Jndividua - lität wie in der Geſammtheit erklärlich, in welcher die Jndividua - litäten nicht etwa als zufällige Aphorismen hervortreten, ſondern als hiſtoriſch herangebildete und ſtets unter ſich eng verbundene Gruppe im ſocialpolitiſchen Leben exiſtirt, und wenn auch mit har - ter Verachtung angeſehen, doch der nothwendigen Beachtung dieſer kurzſichtigen Jſolirung entbehrt und dafür eine ſchwere Rache gegen das ſocialpolitiſche Leben heraufbeſchworen haben.
Wie die Proſtitution in ihrem ganzen Weſen und Treiben mit dem Gaunerthum ſo feſt verwebt iſt, daß eins ohne das an - dere gar nicht gedacht werden kann, ſo iſt auch die Sprache der Dappelſchickſen ein durchaus integrirender Theil der Gaunerſprache ſelbſt, welcher in ſeinen Einzelheiten durch Uebermuth und Frech - heit liederlicher Dirnen und ihrer laſterhaften Genoſſen geſchaffen und mit gemeinem Behagen in die Gaunerſprache aufgenommen1)Das Fleiſch gefallener Thiere iſt auch Hunden nicht zuträglich. Die unter un - mittelbarer Aufſicht von Polizeibeamten vorgenommene Verſcharrung der er - krankten gefallenen Thiere hilft nicht, wenn nicht auch die heimliche Ausgrabung verhindert wird durch ſofortige Zuthat chemiſcher Subſtanzen, welche den Ge - nuß des Fleiſches unmöglich machen und überhaupt die ſchädlichen Ausdünſtun - gen des faulenden Fleiſches paralyſiren.157 wurde. Dieſe Verſetzung der Gaunerſprache mit den von lieder - lichen Dirnen unabläſſig erfundenen und gepflegten Ausdrücken, wovon ſchon das Vocabular des züricher Rathsherrn Gerold Edli - bach und der Liber Vagatorum einen ergiebigen Beweis liefern, iſt ſo ſtark und die gauneriſche Jncarnation ſo vollkommen, daß dabei die concrete Eigenthümlichkeit der Dappelſchickſenſprache faſt ganz verſchwindet und die Farbigkeit ihrer beſondern Originalität nur in den mit ſteter Unerſchöpflichkeit neugeſchaffenen Kunſtaus - drücken bemerklich hervortritt. So lebendig und ſo gewaltig war die Strömung der Dappelſchickſenſprache, daß ſie nicht nur in die Gaunerſprache, ſondern auch in die deutſche Volksſprache mit ihrer ſcheußlichen Terminologie hineindrang und den Volksmund mit einer nicht geringen Zahl von Ausdrücken ſättigte, denen das arg - los hinnehmende Volk meiſtens eine unverfängliche Bedeutung bei - maß, während dieſe aus dem unreinen Sinn und Mund lieder - licher Metzen entſprungenen Wörter die ſchmuzigſte Bedeutung hatten. Mit widerſtrebendem Gefühl nimmt man aber auch wahr, wie die der verworfenſten Liederlichkeit fröhnende Geiſtlichkeit des Mittelalters an dieſer Vergiftung der Volksſprache den größten Antheil hatte und namentlich durch Einführung fremdſprachlicher ſchmuziger Bezeichnungen die Sprache mit Ausdrücken bereicherte, welche nur aus dem eigenthümlichen Geiſte der Dappelſchickſen - und Gaunerſprache erklärt werden können. Vorzüglich war es die franzöſiſche Geiſtlichkeit, welche die nahe Verwandtſchaft ihrer ro - maniſchen Landesſprache mit der lateiniſchen Sprache in der ſcham - loſeſten Weiſe auszubeuten wußte und dadurch dem Begriff der équivoque oder Zweideutigkeit das Brandmal der Zote aufprägte, von welchem die „ Zweideutigkeit “bis zur Stunde noch nicht ge - reinigt iſt.
Dieſe hier nur flüchtig ſkizzirte Eigenthümlichkeit der Dappel - ſchickſenſprache deutet auf eine ungeheuere Gewalt der Proſtitution, welche man denn auch in der That wie eine furchtbare dämoni - ſche Erſcheinung durch das ganze Mittelalter ſchreiten und die chriſtliche Sitte und Zucht in den Staub treten ſieht. Sie ſteht urplötzlich ſo fertig und ſo vollkommen da, daß man, ſobald man158 ihre rieſige Geſtalt betrachtet, tief erſchüttert auf den erſten Blick ſie für eine unvorbereitete, unbegreifliche, plötzliche Miſſion halten und ihr die allmähliche geſchichtliche Entwickelung abſprechen möchte. Und doch kann die Culturgeſchichte das Räthſel löſen. Und doch wird ſie ſich, je ſpäter, deſto ſchwieriger, aber auch nothge - drungener an dieſe Aufgabe machen müſſen, um aller tiefen ſitt - lichen Noth willen, der wir uns auch heute noch immer nicht zu entſchlagen wiſſen. Sie iſt aber auch befähigt, durch eine klare Auffaſſung der Erſcheinung die noch immer ungelöſte Aufgabe be - greiflich zu machen, ſobald ſie mit gerechter Würdigung die von der göttlichen Weisheit geſchaffenen unverleugbaren Bedingungen des Fortbeſtandes der Menſchheit mit der vom geoffenbarten Chri - ſtenthum gebotenen ſittlichen Beherrſchung der ſinnlichen Menſchen - natur gegen die von der Hierarchie unnatürlich gebotene kahle Negation der Sinnlichkeit abwägt, welcher der Klerus ſogleich ſelbſt durch ſeine verworfene Liederlichkeit den ärgſten Hohn ſprach und womit er das eigene Anſehen wie das Anſehen der Kirche mit der chriſtlichen Zucht und Sitte tief herabwürdigte. Ohne dieſe Rückſicht kann die Erſcheinung der Proſtitution und ihr durch die Sprache verkörperter Geiſt ſowie ihre Sprache nicht begriffen werden.
Das ſchon von Tacitus (Germ., c. 20) mit kurzen, ſchönen Zügen gezeichnete Bild: Sera juvenum venus; eoque inexhausta pubertas, nec virgines festinantur; eadem juventa, similis pro - ceritas, pares validaeque miscentur: ac robora parentum liberi referunt — erhält ſchon eine ſtarke Trübung durch das bei ungleicher Standesgeburt zugelaſſene Concubinat1)Vgl. Grimm, „ Deutſche Rechtsalterthümer “, S. 438, Note 2, wo (nach Bouquet, „ Ann. bert. “, 7, 107) von Karl dem Kahlen angeführt wird: So - rorem Bosonis nomine Richildem mox sibi adduci fecit et in concu - binam accepit; und bald darauf heißt es: Praedictam concubinam suam Richildem desponsatam atque dotatam sibi in conjugium sumpsit; alſo der ſcharfe Unterſchied zwiſchen Concubinat und ſpäter folgender Ehe. Grimm ſcheint dieſen Concubinat für eine deutſche Eigenthümlichkeit zu nehmen. Doch, welchem die Kirche die prieſterliche Einſegnung verſagte. Die Kirche konnte jedoch durch159 dieſe Verſagung um ſo weniger den Conflict der vom Menſchenwitz geſchaffenen Zwangsformen mit der ſittlichen Forderung der Men - ſchennatur ausgleichen, je mehr ihre Träger ſelbſt und namentlich das ſchon im 4. Jahrhundert ausgebildete Mönchsthum, welches durch das Gelübde ewiger Keuſchheit eine verdienſtvollere Auf - opferung darzulegen und eine höhere Tugend zu erlangen ſtrebte, im Stande war, dieſe eitle Glorie durch gänzliche Negirung jener der Menſchennatur als Bedingung des Fortbeſtandes der Menſch -1)iſt hier der vollſtändige Einfluß des Römiſchen Rechts nicht zu verkennen, wel - ches den Concubinat ausdrücklich durch die Lex Julia und Papia Poppaea erlaubt (Wächter, „ Abhandlungen aus dem Strafrecht “, I, 164). Keineswegs iſt, wie Grimm, a. a. O., S. 457, ſagt, der deutſche Concubinat in der Form der morganatiſchen Ehe ausnahmsweiſe bis auf die neueſte Zeit für Fürſten zugelaſſen. Auch Feuerbach, „ Lehrbuch “, §. 457, faßt die morganatiſche Ehe nicht richtig auf, indem er ſie für einen Concubinat erklärt, wogegen Wächter, a. a. O., S. 181, Note 44, vortrefflich bemerkt, daß bei ſolcher Ehe der con - sensus maritalis ja vorhanden, die Ehe durchaus förmlich abgeſchloſſen und nur in bürgerlichen Wirkungen auf Rang, Stand u. ſ. w. beſchränkt iſt. Die Concubine war ahd. ella, gella, auch chepisa, mhd. kebse, wovon nhd. Kebs - weib. (Die nach von Stiler angeführte Etymologie Th. II, S. 330, vorliegenden Werkes von cava iſt falſch und nach vorſtehender Etymologie zu berichtigen.) Ferner iſt im Althochd. für die Liebſte, Geliebte, Friudila (nach Grimm) und Friudelin, Friudelinne (nach Wackernagel) als Femininum zu Frie - del, Geliebter, zu bemerken. Danach ſcheint der Ausdruck Freuden mädchen doch kein abſolut moderner und beſchönigender Ausdruck zu ſein, vielmehr mit Friudelin zuſammenzuhängen. Entſprechend iſt der noch heute in der Schweiz gebräuchliche Ausdruck: Hübſchweib, Hübſcherin. Der Liber Vagatorum hat Wunnenberg, hüpſch Jungfraw. Auch dies gauneriſche Wunneberg hat die Bedeutung des Unehrbaren, blos zur Sinnlichkeit Dienenden. Jm Mit - telhochd. und Judend. iſt Gewinnerin eine Wöchnerin, und gewinnen (Part. gewunnen) heißt gebären. Noch iſt bemerkenswerth das altnord. sloeki, an - cilla pigra, bei Grimm a. a. O. (ſchwed. und dän. slökefrid, slägfrid, sleg - frid), welches ſich im Niederdeutſchen erhalten hat als Slöks, Sluks, Slökje, Slökendriver, träger, dummer Menſch, unnützer Schlingel, der weder Luſt noch Geſchick zu etwas hat (Richey, a. a. O., S. 264). Auch in der Ober - pfalz iſt Schleck träge Perſon (Schmeller, III, 432), und in Schwaben iſt daraus ſchlatt, ſchlattig in derſelben Bedeutung geworden (Schmid, S. 463). An das oberpfälz. Schlack ſchließt ſich noch das nd. Slakkerdarm mit der - ſelben Bedeutung und dem Nebenſinn des körperlich lang und dürr aufgeſchoſſe - nen und ſchlaffen Weſens.160 heit von der göttlichen Weisheit mit der Geburt gegebenen ſitt - lichen Forderung zu behaupten. Das Mönchsthum ſelbſt ſprach dieſem unnatürlichen Dogma den bitterſten Hohn. Während die weltliche Geſetzgebung mit ſorgfältiger Strenge das Weib vor der rohen Sinnlichkeit des Mannes beſchützte und Raub und Gewalt gegen das Weib mit den ſchwerſten Strafen ahndete, findet man gerade in der Geſetzgebung für die durch Reichthum, Müßiggang und Völlerei verdorbene Geiſtlichkeit Beſtimmungen, welche auf die tiefſte ſittliche Verſunkenheit des Klerus deuten, wie z. B. Kap. 25 des „ Poenitentiale “von Hrabanus Magnentius Maurus († 856) de his, qui inter se fornicantur, et de his, qui semen virorum suorum pro libidine cibo vel potui miscent! Mag man die ſcheußlichen Unnatürlichkeiten, welche Boccaccio im „ De - camerone “, I, 2, erwähnt, für Dichtung einer wollüſtig erhitzten Phantaſie halten, ſo haben doch die ſchweren Klagen und furcht - baren Schilderungen würdiger geiſtlicher Schriftſteller damaliger Zeit nur zu großen Anſpruch auf volle Glaubwürdigkeit. Wieweit aber bei dieſem Treiben der Geiſtlichkeit die Entartung weiblicher Geſchöpfe ging, erzählt am unverfänglichſten der 1244 zu Rom als Cardinal geſtorbene Jacobus de Vitriaco (Vitrejo)1)„ Historiae occidentalis libri duo, quorum prior orientalis, alter occidentalis inscribitur “(Douai 1597), L. II, c. 7., daß näm - lich die ſcheußlichen Verbrechen der Päderaſtie und Sodomie zu ſeiner Zeit ſo arg und öffentlich vom Klerus in Paris getrieben worden ſeien, daß die frei und öffentlich in den Straßen auf den Strich gehenden Dirnen die von ihnen angefallenen Geiſtlichen „ Sodomit “ſchimpften, ſobald dieſe es verſchmähten, mit ihnen in ihre Wohnungen zu gehen, und daß diejenigen Geiſtlichen, welche dieſen Dirnen gefolgt ſeien oder ſich Concubinen gehalten hätten, für tugendhaft galten. Solche Züge der unerhörteſten Brutalität werden überall von Schriftſtellern des Mittelalters mit grauſiger Uebereinſtimmung erzählt. 2)Vgl. die vielen Quellen bei Hüllmann, „ Städteweſen “, IV, 259 — 272; G. Klemm, „ Allgemeine Culturgeſchichte der Menſchheit “, IX, 171 fg. ; Wäch - ter, „ Abhandlungen aus dem Strafrecht “, I, 162. Auch die trefflichen Schil -Sie documentiren alle eine in der161 That beiſpielloſe Entartung und Verworfenheit des Klerus. An - dere einzelne Züge ſind bereits Th. II, S. 46 angeführt worden. Mehr ſoll noch zu anderer Zeit und Gelegenheit geſagt werden, wenn es möglich ſein wird, ein ausführliches Werk über dieſe vielhundertjährige Kriſis der chriſtlichen Sitte zu ſchreiben, in wel - cher unſere bis zur Todmüdigkeit erſchöpfte Zeit noch immer liegt. Nur von der abſoluten Gewalt der Proſtitution und dem Beginn dieſer Gewalt kann hier noch die Rede ſein, um den Geiſt der Proſtitution und ihrer Sprache zu würdigen.
Wenn man vorzüglich im Cölibat den Vater und Förderer der Proſtitution zu erkennen hat, ſo muß man doch auch erſtaunen, wie tief dieſelbe mit dem Gaunerthum zu einer furchtbaren Lebens - gemeinſchaft ſich verband und mit welcher dämoniſchen Gewalt ſie ihre Herrſchaft gerade über den Klerus zu üben vermochte. Nicht etwa die vom Geſetz ausnahmsweiſe begünſtigten coquae oder Concubinen oder die im geheimen Verſteck der Klöſter und Städte verborgenen Buhlerinnen hatten die Oberherrſchaft der Proſtitution: es waren vorzüglich die fahrenden Töchter oder fahrenden Frauen, dieſe weiblichen Landsknechte der Proſtitution, deren ver - worfenes, ränkevolles Treiben der Liber Vagatorum offen darlegt, welche, überall willkommen, von Kloſter zu Kloſter, von Stadt zu Stadt, von Markt zu Markt, auf Hochſchulen und Kirchenver - ſammlungen zogen, wie denn zu Koſtnitz anderthalb tauſend zur Luſt der verſammelten Kirchenfürſten herangezogen kamen und un - geheuere Summen verdienten. 1)Vgl. Th. I, S. 46, Note 3, und S. 51.Aber wenn dieſe gemeinen Töch - ter eben Töchter des Volkes waren, ſo war darum doch nicht das ganze Volk ſelbſt verführt und verdorben, ſondern nur der aus dem Volke durch die Verführung geſchiedene und vom Volke ſelbſt neben dem Verführer verachtete Theil. Denn wenn auch das in dumpfer Unwiſſenheit und tiefem Aberglauben befangene Volk un - abläſſig, wie zum Hohne, von der Geiſtlichkeit zur Unterdrückung2)derungen von G. Freitag ſtellen die Contraſte zwiſchen der Verſunkenheit und der glücklich bewahrten chriſtlichen Zucht und Sitte in treffenden Zügen dar.Avé-Lallemant, Gaunerthum. III. 11162der Sinnlichkeit als Hauptaufgabe des Chriſtenthums angehalten wurde, ſo konnte doch der nach dem Erwachen der humaniſtiſchen Literatur lebendig gewordene friſche Geiſt der Freiheit ſo raſch und tief auf das Volk wirken, daß es urplötzlich wie aus düſterm Traume zur hellen Luſt und Freudigkeit des Lebens erwachte und nicht nur Geiſt und Sinn für die zauberhaft ſchnell und üppig aufgeſchoſſene Volkspoeſie, ſondern auch Leben, Laune und Friſche genug hatte, um mit ſcharfem Spott und ſprudelndem Humor den bisherigen Unterdrücker ſchonungslos zu züchtigen und ſeine Sünde und Schande unverhohlen bloßzulegen. Deſſen war kein verführtes und durch Verführung verdorbenes Volk fähig.
Gerade aber auch der äußerſte Culminationspunkt der Pro - ſtitution war es, welcher zugleich einen Abſchluß der Proſtitution gegen das Volk bildete: das höchſte Maß der Frechheit, daß die liederlichen Dirnen ihr Gewerbe als ein auf Recht baſirtes an - ſahen und corporative Rechte und Privilegien in Anſpruch nahmen, welche ſie zum Theil auch erlangten. Sauval („ Histoire de Paris “, II, 617) berichtet, daß die pariſer Dirnen ſich durch Statute und Satzungen verbunden und die heilige Magdalena zur Schutzheili - gen gewählt hätten. Daſſelbe war auch in Nürnberg der Fall1)Hüllmann, „ Städteweſen “, IV, 271. Klemm, „ Allgemeine Culturge - ſchichte “, IX, 174., und in einer Urkunde Karl’s VI. von 1389 hatten die filles de joye du bordel dit la grande abbaye zu Toulouſe einen Frei - brief erhalten. Jn Leipzig traten bei feſtlichen Aufzügen liederliche Dirnen in corpore öffentlich auf. Empörend iſt die Bittſchrift der nürnberger privilegirten liederlichen Dirnen von 1492 an den Rath, aus deren demüthigem Tone gerade die größte Frechheit herausklingt, weil darin gegen die Winkeldirnen Schutz im her - gebrachten Rechte gefordert wird. Eine ähnliche Beſchwerde führten die Dirnen zu Frankfurt mit der frechen Bemerkung, daß ſie ja doch die Abgaben bezahlten, während die Winkeldirnen nichts bezahlten. Kaum kann man ſich mehr über die wiederholt von den privilegirten Dirnen verübte gewaltſame Erſtürmung ſtiller163 Wirthſchaften in Nürnberg entrüſten, als über die nürnberger Bittſchrift, welche culturhiſtoriſch zu merkwürdig iſt, als daß ſie hier nicht (nach Malblank, „ Geſchichte der peinlichen Halsgerichts - ordnung Karl’s V. “, S. 50) Platz finden dürfte:
„ Fürſichtige, Erbare, und weiſen, günſtigen, lieben Herren.
Wür bringen Ew. Weißheit in Klagsweiß für, und bitten Eür Fürſichtige Weißheit mit unterthänigem Fleiß die von Uns armen Töchtern zu vernehmen, und iſt das die: Nachdem und uns armen erlaubet und von E. W. zugeben iſt, daß wir uns wohl in dem gemeinen tochterhauſſ enthalten ſollen oder mögen, und doch verbotten und eingebunden iſt, daß wir bey Nacht nicht auf der Gaſſen als die andern, die bey den Würthen zehren, um - gehen ſollen, wo wir daß überfahren und ergriffen werden, Uns ins Gefängniß zu legen. So aber der Wirth und andere mehr E. W. Bürgern ſo viel, die andere Frauen und Männer halten, und zuſammenlegen, daß Wir arme Töchter Uns nicht länger in dem gemeinen Hauß enthalten können oder mögen ſeyn, und wir ſolches unſers Schadens halb E. W. nicht länger verhalten, und dieſelben, die dann ſolches mannigfaltiger weiße mit dem ſo gröb - lich halten, und die Frauen, die bey Nacht auf der Gaſſen gehen, und Ehe - und andre Männer beherbergen, und zuſammenlegen, zu benennen, ſo ſind daß die, wie hernach folget (hierauf werden alle ſolche Winkelhäuſer namentlich aufgeführt), daran kein Zweifel ſtehet, die alle obbeſtimmte Perſonen ſolches inmaſſen und viel gröber, dann wirs halten in dem gemeinen Tochterhauſſ, daß ſolches zu erbarmen iſt, daß ſolches in dieſer löblichen Stadt alſo gehalten ſoll werden, dem allem nach Wir arme töchter E. F. W. unter - thäniglich mit demüthigem fleiſſ bitten, uns armen töchtern ſo gütig und geneigt zu ſein, und ſolches um Gottes und der Ge - rechtigkeit willen ſtraffen, und Uns arme dermaſſen und von alter Herkommen Recht und Sitt iſt halten, und ſolches hinführo nicht länger geſtatten, denn wo ſolches hinführo, als es bißhero gehal - ten werden ſollte, müſten wir Hunger und Kummer leiden, doch ungezweifelts Vertrauens E. F. W. werde ſolches nicht länger11*164gedulten, und es halten, wie es vor Alter herkommen iſt, damit wir arme Töchter deſto beſſer auskommen und uns enthalten mögen, der Zuverſicht E. F. W. werden ſolches zu Herzen nehmen und uns fürterlichen und geneigt darinnen ſeynd, die etlich Wirth ſelbſt behalten und Jhnen Männer zugelegt haben, damit begeh - ren wir arme Töchter um E. F. W. mit unterthänigen und höch - ſten fleiſſ, und ſo viel wir vermögen, gegen Gott und ſonſt zu verdienen A. 1492
gehorſam und willige Unterthaninnen die gemeine Frauen im Tochterhauſſ allhier. “
Das freche Rechtsbewußtſein der Proſtitution hatte aber in dem frommen Misgriff der Frauenhäuſer eine ſehr große und ſchlimme Nahrung gefunden. Ebenſo muthig wie roh hatte hier und da die Obrigkeit einzuſchreiten verſucht. So hatte der baſeler Rath im 13. Jahrhundert einen geiſtlichen Wollüſtling entmannen und den ſündigen Körpertheil öffentlich zur Schau ſtellen laſſen. 1)Hüllmann, a. a. O., IV, 262.Vier ebenſo liederliche Geiſtliche wurden 1499 vom Rath zu Augs - burg an Händen und Füßen gebunden und, in hölzernen Käfigen am Perlachthurm aufgehängt, einem ſchmählichen Hungertode preis - gegeben. 2)Ebend.Jn Hamburg wie auch in Lübeck trug 1292 die über - führte Metze „ an ehrem Halſe twee Steene, de dartho deenen, und ſchall van den Frohnen apenbar dorch de Stadt geleidet war - den, unde de Frohnen ſchollen mede ehrne Hornen vor und achter blaſen, ehr to Hohne und tho Smaheit “. 3)Jus Hamb. in Netteblad, „ Thesaur. jur. statut. illustr. “, I, 694. Jn Roſtock erkannte ſogar noch 1604 die Juriſtenfacultät, daß eine Metze „ die Schandſteine drei oder mehrmahlen um den Pranger tragen “ſollte. Dreyer, „ Einleitung “, S. 402.Ja im alten Lübecki - ſchen Rechte kommt vom ehebrecheriſchen Buhlen daſſelbe vor, was das Jus Ripense 1263 Art. 43 verfügt: ut ipse ab ea per vicos civitatis sursum et deorsum per veretrum suum trahatur — mit dem kauſtiſchen Zuſatz: et sic de illa causa liber erit. 4)Ebend. S. 408.165Durch dieſe Roheit der öffentlichen Beſtrafung wurde das ſittliche Gefühl überall noch tiefer verletzt als durch die im geheimen von zwei Perſonen begangene und dann ſo unklug beſtrafte Unzucht. Die Obrigkeit taſtete mit rauher Hand in die tiefe Wunde und machte ſie noch ſchmerzlicher und reizbarer als vorher, ohne doch irgendetwas zur Heilung beizutragen. Da verfiel der reine, fromme Sinn edler Bürger und Magiſtrate darauf, mit chriſtlicher Zucht gegen die herrſchende Unzucht aufzutreten, und ſchuf in den Frauen - häuſern zunächſt Aſyle für die vom Volk verachteten und von jedem andern Erwerb ausgeſchloſſenen gemeinen Töchter. Schon im 13. Jahrhundert finden ſich Frauenhäuſer und Frauenwirthe in Baſel, Wien, Regensburg, Nürnberg, Lübeck, Hamburg, Mainz u. ſ. w.1)Der erſte namentlich bekannte Frauenwirth (Burchard von Eſch) kommt 1293 in Baſel vor., unter obrigkeitlicher Aufſicht, ja ſogar theilweiſe, wie in Bologna und Strasburg, für eigene Rechnung des Raths ver - waltet. Jn Toulouſe erhielt, wie ſchon erwähnt, die „ grande ab - baye “von Karl VI. im Jahre 1389 einen Freibrief. Jn Avignon befanden ſich die Frauenhäuſer dicht bei dem päpſtlichen Schloſſe, und neben dem Auguſtinerkloſter ſtand ebenfalls ein Frauenhaus unter einer Aebtiſſin, welche nach der Verordnung der Königin Johanna von 1347 die unter ihrer Aufſicht ſich preisgebenden Dirnen alle Sonnabende mit Beiziehung eines Wundarztes zu unterſuchen hatte, ob ſie mit anſteckenden Krankheiten behaftet ſeien. Doch wurde ſchon in der erſten Einrichtung der Frauen - häuſer die fromme Abſicht, das Laſter unter Aufſicht zu faſſen, um es allmählich bändigen zu können, ſogleich durch die fromme Taktloſigkeit eludirt, daß man das Laſter in den Frauenhäuſern walten ließ, anſtatt darin den Drachen niederzuwerfen und ſeine jedesmalige Erhebung wenn auch im mühſamen, doch muthi - gen und hoffnungsvollen Kampfe mit den von chriſtlicher Zucht und Sitte gebotenen Mitteln zu Boden zu halten. Mit der Dul - dung der Preisgebung in den Frauenhäuſern unter obrigkeitlicher Aufſicht war aber der Proſtitution ein Recht auf Exiſtenz einge -166 räumt. Jn den Frauenhäuſern hatte die Proſtitution eine recht - liche Servitut am bürgerlichen Verkehrsleben gewonnen, auf deren Rechtsboden das Laſter nicht allein die liederlichen Metzen, ſondern auch die, ſeit dem gebotenen Rücktritt der Magiſtrate von der directen Verwaltung der Frauenhäuſer, mit der Ausübung jener ſchmählichen Servitut beliehenen ſeelenkäuferiſchen Frauenwirthe, verworfene Lüſtlinge und vor allem das Gaunerthum zum Kampf gegen Zucht und Sitte vereinigte und der chriſtlichen Ehe nicht nur an ihrer äußern Würde und bürgerlichen Verbreitung, ſon - dern auch an ihrer innern Geltung unermeßlichen Schaden zufügte und das keuſche Geſchlechtsgeheimniß zu einer zoologiſchen Zote und zur flachen Zielſcheibe ruchloſen Witzes und Spottes machte.
Auf dieſem Boden triumphirt noch heute die Proſtitution. Sie ſteht auf einem hiſtoriſchen Rechtsboden, und weil man ſich der Beleihung mit dieſem Rechte ſchämt, hüllt man ſie in Flitter ein, um ſie für das ehrbare bürgerliche Leben nicht mehr auffällig und anſtößig zu machen, ohne zu bedenken, daß man dabei nicht etwa die Proſtitution, ſondern das ganze bürgerliche Leben mit ſeiner chriſtlichen Zucht und Sitte nivellirt. Kein Menſch wagt mehr, das Recht der Proſtitution zu bekämpfen, weil bei der einſeitig verſuchten Negation der Bordelle nicht die ganze Proſtitution ſelbſt negirt werden konnte. Und wenn Parent-Duchatelet und ähnliche Schriftſteller als Helden der Menſchlichkeit, Tugend und Staats - klugheit hoch geprieſen werden, daß ſie die moderne Proſtitution ſo überaus genau zu erforſchen, zu zergliedern und in zierlichen Präparaten ad oculos zu demonſtriren wußten, ſo ſind ſie doch die Therapeutik der Proſtitution ſchuldig geblieben und mußten ſie ſchuldig bleiben, weil ſie die Seele der Proſtitution nicht aus ihrem hiſtoriſchen Lebensproceß begriffen hatten. Und ſo muß denn ein ſolches mit menſchlichem Witz und Muth geſchriebenes Werk als eitel und in vielem Betracht als eine zur Genugthuung ge - heimer lüſterner Neugierde geſchriebene Apokalypſe der modernen Liederlichkeit gelten!
Aber auch nur auf dieſem Boden kann die ruchloſe Sprache der Proſtitution und durch dieſe Sprache die Copulation des Gau -167 nerthums mit ſeiner geſchworenen Lebensgefährtin, der Proſtitution, ganz begriffen werden. Die erſten Wörterſammlungen der Gauner - ſprache, das Vocabular des Gerold Edlibach, der Liber Vagato - rum, wimmeln von ſchmuzigen Ausdrücken der fahrenden Weiber, und dieſe Zoten ſtechen um ſo mehr ins Auge, als ſie durch ihre meiſtens fremdartige, gelehrte, klerikale Form die Vaterſchaft und Gönnerſchaft derſelben Proſtitution ſcharf kennzeichnen, welche wie - derum in denſelben Vocabularien die Väter und Gönner mit einer Flut gemeiner Bezeichnungen herabwürdigt. Selbſt die Zoten des 15. Jahrhunderts, mit welchen das auch für Laune und Spott friſch erwachte Volk meiſtens auf das verſunkene Mönchsthum zielte, erſcheinen nur noch wie einzelne ausgeſtoßene Schimpfwör - ter aus zornigem Munde, während die Schmuzigkeiten der Face - tiae des 16. Jahrhunderts, trotz ihrer Schamloſigkeit, nicht mehr die nackte, kahle, widerliche Zote ſind, indem ſie über die kauſtiſche Kürze des bloßen Schimpfworts hinaus zur Schimpfrede und ge - dehntern Spottanekdote übergingen und damit auch den Grund des Spottes und Grolls motivirten. Aber doch noch viel ſpäter, namentlich erſt mit dem Eingang des franzöſiſchen Weſens und ſeines verderblichen Gefolges, kommt die Sprache der Proſtitution zu längern Redensarten, weil doch wol ihre kurzen Aphorismen zu raſch vom Gaunerthum abſorbirt wurden und die geile Luſt der ſcharf beobachtenden Metzen zu neuen Schmuzwörtern größer war als ihre Muße zum Ausdenken und Ausſpinnen längerer Redensarten. So bröckelte die Sprache der Dappelſchickſen zuſam - menhangslos wie ein Hagelſchlag in die Gaunerſprache hinein. Sie zerſchmolz in dieſe und verlor dadurch die eigenthümliche hiſto - riſche Färbung, und es hat den Anſchein, als ob ſie in jedem Jahrzehnd mit immer neuen Vocabeln wie mit einer neuen Er - findung auftritt. Die linguiſtiſche Fertigkeit und Fruchtbarkeit der Proſtitution iſt unglaublich groß. Man lernt ſie vorzüglich dann begreifen, wenn der amtliche Beruf dazu zwingt, ekle Unter - ſuchungen zu führen wegen Streitigkeiten, Schlägereien, Betrug und Jntriguen aller Art zwiſchen den Metzen unter ſich oder den Wirthen, dem „ Herrn “oder der „ Madame “, oder mit den168 Gäſten, von denen auch der ſchmuzigſte Burſche „ Herr “oder „ Freund “genannt wird, trotz der Prügel, die er etwa von den Dirnen em - pfing oder ihnen wiedergab. Dabei bieten dieſe Unterſuchungen, beſonders aus den Matroſenbordells, neben andern erſtaunlichen Ergebniſſen auch einen pandemo-linguiſtiſchen Reichthum dar, wo - von man ſich im Binnenlande keinen Begriff machen kann. Zunächſt werden dieſelben Dirnen, welche man mit phantaſtiſchen Namen bei den Gäſten einführt, von dem Bordellwirth nach beſtimmten Körpertheilen, welche er mit kaltem, viehhändleriſchem Kennerblick diagnoſirt, in ſo haarſträubend roher Weiſe bezeichnet und gerufen, daß man nicht wagen darf, ein einziges Beiſpiel anzudeuten. Die Dirnen benutzen die vertraute Heimlichkeit mit dem argloſen Gaſte, um ihn in gleicher ſchamloſer Weiſe an ihre Genoſſinnen zu ver - rathen und zu brandmarken. Sie verſchonen ſelbſt ihre gauneri - ſchen Genoſſen nicht mit dem Verrath, und ſo ſind lediglich aus dem Verrath der Proſtitution die ſcheußlichen Gaunerſpitznamen entſprungen, von welchen die Gaunerliſten ſchon ſeit Jahrhunder - ten wimmeln. Daher kommen in der Bordellſprache Eigennamen mit Bezug auf beſtimmte Perſönlichkeiten vor, denen eine appella - tive Bedeutung beigelegt wird. So wird der jedesmalige Name des Beamten, welcher die nächſte Aufſicht über die Bordelle führt, ſicherlich zu irgendeiner ſchmuzigen Bezeichnung verwandt; ſelbſt höhere Perſonen müſſen dazu herhalten, wie ähnlich im slang, der engliſchen Gaunerſprache, z. B. der Ausdruck Lord John Ruſſell a bustle, Hüftpolſter (le cul de Paris), Lord Lovel a shovel, Schaufel, und ſogar Jenny Linder a window (in der vulgären Sprache winder), Fenſter bedeutet. Nicht immer ſind aber dieſe Namen topiſch oder perſönlich gebunden. So geht z. B. der Louis1)Louis ſoll ein Sohn Berlins geweſen ſein, welcher einer mit Auswei - ſung bedrohten fremden liederlichen Perſon Heimatsrechte in Berlin dadurch verſchaffte, daß er ſich mit ihr copuliren ließ. Louis iſt daher jeder (gewöhn - lich alte, ſtumpfe oder doch erwerbsunfähige) Mann, welcher eine Perſon geheirathet hat, die von der Liederlichkeit lebt und ihren Mann auch davon leben läßt, gewöhnlich ſich getrennt von ihm hält und ihm ein beſtimmtes Mo - durch ganz Deutſchland, und überall werden jetzt Hei -169 rathen mit Louis, Louisheirathen geſchloſſen, ohne daß da - bei die Polizei etwas anderes thun kann, als das ſo ſchmählich vereinigte Ehepaar ſcharf zu überwachen. Ebenſo iſt der in dem Buche „ Die Proſtitution in Berlin und ihre Opfer “(Berlin 1846), S. 171 erwähnte, von der frivolen berliner Proſtitution geſchaffene Ausdruck Porzellanfuhre1)Die Porzellanfuhre iſt die Fahrt zweier liederlicher Perſonen in ver - ſchloſſenem, mit Gardinen verhängtem Wagen, wobei der (häufig beſonders mit ſeinem Wagen dazu eingerichtete) Kutſcher (Porzellankutſcher, Porzellanfuhr - mann) ſo langſam fahren muß, als ob er zerbrechliches Porzellan führe. Deut - ſche Kunſthändler ſchämen ſich nicht, neben andern liederlichen franzöſiſchen Bil - dern auch colorirte pariſer Bogen zu verkaufen, auf denen eine an dem untern Fenſterrande der mit Gardinen dicht verhüllten Kutſche ſich haltende Weiber - hand eine nichtswürdige Andeutung gibt. Und wie wimmeln die Umgebungen großer Städte, auch in Deutſchland, von langſam fahrenden Fuhrwerken! — Eine neuere entſprechende Bezeichnung für Porzellanfuhre iſt: erſte Klaſſe fah - ren, erſte Fahrt machen, d. i. auf der Eiſenbahn in einem Coupé erſter Klaſſe fahren, deren höherer Preis einem liederlichen Paare die erſtrebte Ein - ſamkeit im Coupé ſichert., wenn auch in Berlin aufgekom - men, doch in ganz Deutſchland bekannt, wo es verſchloſſene und mit Gardinen verhängte Droſchken oder Fiaker gibt.
Wie das Schinderweſen, ſo zeigt auch die Proſtitution eine gleich große Gewalt über das Gaunerthum darin, daß auch ſie im Stande war, entſchieden gaunerſprach-originalen Ausdrücken ihre urſprüngliche Bedeutung zu nehmen und andere Bedeutungen zu verleihen. So heißt z. B. Freier in der Gaunerſprache jeder, welcher beſtohlen werden ſoll; die Proſtitution bezeichnet damit aber den Kunden, der ſie aufſucht, und toffer Freier iſt der Kunde, wenn er gut bezahlt. Koberer, Gaunerſpr. Wirth, Heh - ler, iſt in der Sprache der Proſtitution der Zuhälter („ Bräuti - gam “, „ Freund “) der Dirne, welcher ihr Geſchäft (Ueberſetzung des Maſſematten), das Schandgewerbe (auch den einzelnen Coitus ſelbſt), leitet und überwacht, die Dirne beſchützt, begleitet und auf -1)natsgehalt oder Jahresalimente auszahlt. Eine ſolche Partie heißt eine Louis - heirath, Louishochzeit. Vgl. noch die intereſſante kleine Broſchüre von Th. Bade, „ Ueber Gelegenheitsmacherei und öffentliches Tanzvergnügen “(Berlin 1858), S. 65 fg.170 paßt, wenn ſie verdient, d. h. den Coitus vollzieht, oder auf den Strich oder Schnepfenſtrich oder Zapfenſtreich oder auf das Schnallenrennen geht. Dagegen bedeutet Koberin, Chawrin und Vertuſchmacherin, Decke die Gelegenheits - macherin, Kupplerin. Jn Wien iſt Kuberer1)Doch hier wol zunächſt vom altnd. Kif, Kuff, Haus, Herberge, Hütte, während Koberer vom jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, keber und kwure abzuleiten iſt. Vgl. Th. II, S. 112, 145, 231. der Polizeicom - miſſar; kobern dagegen iſt wieder concumbere, coire. Schmier iſt der Polizeidiener; die Schmier kommt ausheben! Schre - ckensruf der Winkeldirnen, wenn Polizeidiener zur „ Reviſion “kom - men. Strichbube, Strichler (Strabanzer) iſt vorzüglich in Wien der Beſchützer und Zuhälter der Dirnen, wie Koberer. Türkiſche Muſik oder Pauken und Trompeten, lues vene - rea. Einzelne wenige Ausdrücke ſcheinen ſich endlich auch aus dem Mittelhochdeutſchen erhalten zu haben, wie z. B. Loth oder Lod, in Wien das für den Act gezahlte Geld, wahrſcheinlich vom Stammwort Lôt, wovon Lotter, lottern, Lotterbube, Lot - tergaſſe (in Baſel), Luder, ludern, lüderlich und das ober - ländiſche lodehaft, liederlich, und lödern von Mädchen, die den Mannsperſonen allzu geneigt ſind. Jm Pinzgau iſt Loder der Heerdeſtier und Loderin ein Mädchen2)Die ſtämmige Bauerdirne weiſt den ihr nicht genehmen Gunſtbewerber ab mit den Worten: „ Du Lödel biſt auf’n Henn’ zu ſchwar, auf ’n Menſch z’ g’ring “. Schmeller, a. a. O. (Schmeller, II, 525). Auch iſt das wieneriſche Schab bemerkenswerth als Antheil der Kupplerin am Loth, welches die Dirne empfangen hat. Schab kommt wol vom ahd. scaban, ſchaben (σκάπτειν, graben), her, hier vielleicht in Verbindung zu ſetzen mit dem allgemein in Süd - deutſchland üblichen und bekannten gellenden Feierabendruf der Maurerjungen „ Schab’ ab “, wenn die Abendglocke ertönt und die Maurerkellen abgeſchabt werden müſſen. Vgl. Schmeller, III, 304 und 305; Schwenck, S. 549. Doch erklärt ſich das Schab viel - leicht am nächſten aus dem (ebenfalls von scaban herzuleitenden) Schabe, d. h. die kleinen, holzigen Theile oder Faſern von den171 Flachsſtengeln, welche durch Brechen, Schwingen und Hecheln davon abgeſondert werden; nd. Schäw, Adj. ſchäw’ſch; ſchäw - ſchen Keerl, ein gemeiner, ſchmuziger Menſch. Vgl. Heinſius, „ Wörterbuch “, IV, 68, 2; Adelung, III, 1313.
Doch genug der Beiſpiele, welche hinreichen mögen, einen Begriff vom Geiſt und Weſen der Proſtitution und ihrer frechen Sprache zu geben, von welcher noch weitere und namentlich auch jüdiſchdeutſche Ausdrücke im Wörterbuch vorkommen werden. Das Geſagte muß aber auch genügen, um den verderbenbringenden Dämon ſelbſt, vor allem aber das zu erkennen, was um aller Ge - fahr und Noth willen geſagt werden muß: daß bei dieſem von der Polizei gekannten und beſchönigten, ſittevernichtenden, Staat und Kirche bedrohenden, noch immer ungeſtört waltenden Weſen der Proſtitution dieſe ſelbſt weit weniger das ſtrafbare Laſter des Volkes als das Verbrechen der Polizei iſt, deſſen objectiver That - beſtand offen in den Bordellen daliegt und deſſen ſubjectiven That - beſtand der ſchuldige Theil nicht mehr von ſich abweiſen darf, und um welcher ſchweren Schuld willen doch endlich — endlich dem ungeheuern Elend mit Ernſt und Strenge ein Ende geſchafft wer - den muß!
Schon aus der bisherigen Darſtellung kann man ſehen, daß jeder ſocialpolitiſche Kreis wie ein fruchtbares Quelland aus der Tiefe ſeines Bodens dem Hauptſtamm der deutſchen Sprache einen reichen, lebendigen Zuwachs zuführt, in deſſen lebhafte Bewegung die Kunſt des Gaunerthums tief hineingetaucht hat, um von der Strömung getragen zu werden und ſich zu jenem lebendigen, wenn auch bröckeligen und verſchieblichen Ganzen zuſammenzuthun, wel - ches die Kunſtſprache des Gaunerthums darſtellt. So buntfarbig und bis zur Unnatürlichkeit verſchiedenartig die gauneriſchen Sprach - ſtoffe auch zuſammengeſetzt ſind, ſo haben ſie doch, ganz abgeſehen172 von dem eigenen innern ſprachlichen Leben der Urſtoffe, ſchon durch die ganze Strömung ſelbſt eine lebendige Bewegung, ſodaß die Gaunerſprache ſchon dadurch mindeſtens den Schein einer lebenden Volksſprache gewinnt. Dieſer Schein wird noch verſtärkt durch Wahrnehmung der wunderlichen, jedoch unbeſtreitbaren Thatſache, daß die ſonſt gewiß nicht ungaſtfreundliche und nicht heikle Gau - nerſprache mit ſtrenger Kritik eine Menge Wortformen und Con - ſtructionen von ſich weiſt, welche zwar in der äußern coagulirten Form ganz den Anſchein der frivolen, conventionellen, gauneriſchen Zuſammenſchiebung an ſich tragen, in der That aber eine ge - ſchmack - und ſinnloſe Verdrehung deutſcher Wörter ſind und ihren Urſprung wiederum aus der ſinnverwirrenden chriſtlichen Zauber - myſtik mit bornirter Nachahmung der höchſtens nur geahnten, ſtets aber völlig unbegriffenen jüdiſchen Kabbala genommen haben. Erſt als die unſinnige Wortconſtruction zur unſinnigen Redeweiſe gediehen war und ſich ſogar verwegen zur rationellen Methode conſtruirt hatte, brandmarkte man die heilloſe Spracherſcheinung mit dem Kunſtnamen Galimatias und wandte ſich, als ob alles damit abgethan ſei, verächtlich davon ab, ohne, zur Warnung für alle Zeiten, einen Rückblick auf Entſtehung und Ausbildung dieſer ſo ungeheuerlichen Erſcheinung zu thun, welche in ſprach - und culturhiſtoriſcher Hinſicht allerdings von Bedeutſamkeit iſt. Schon deshalb verdient ſie eine beſondere Berückſichtigung. Sie iſt aber auch ein Beweis, wie ihre hirnloſe und paralytiſche Weiſe dem Gaunerthum, welches für ſeine Zwecke ſtets nach einem wenn auch verſteckten, doch ihm ſelbſt immer klaren Verſtändniß in ſeiner Sprache ſtrebte, ſeinem ganzen Weſen und Streben nach dem Wortunſinn und vorzüglich der Zaubermyſtik mit ihrer Sprache abhold ſein mußte und als culturhiſtoriſche Merkwürdigkeit den tollen Aberglauben der Zaubermyſtiker nur zur frivolen Luſt in der übermüthigſten, verwegenſten Weiſe ausbeutete. Ganz vorzüglich verdient die Erſcheinung aber auch noch darum eine eingehendere Beſprechung, weil neuerlich Thiele1)„ Die jüdiſchen Gauner “, I, 196 — 198. und von173 Train1)„ Chochemer Loſchen. Wörterbuch der Gauner - und Diebs -, vulgo Jeni - ſchen Sprache “(Meißen 1833). nicht etwa als kritiſche Hiſtoriker, ſondern alles Ernſtes als wirkliche Apologeten und Reſtauratoren des Galimatias auf - erſtanden ſind und beide die Gaunerſprache in ſchlimmſter Unkennt - niß ihres Weſens und ihrer hiſtoriſchen Entwickelung mit dieſem Galimatias verſetzt haben.
Um die ganze in der That merkwürdige Erſcheinung recht deutlich begreifen zu können, muß man einen Blick auf das Ende des Mittelalters zurückthun. Es iſt bereits Th. I, S. 117 fg. dar - auf hingewieſen worden, daß das ſchon im 14. Jahrhundert mit Begeiſterung getriebene Studium der altclaſſiſchen Literatur im 15. Jahrhundert in Deutſchland und den Niederlanden Eingang ge - funden und erweckend und erfriſchend auf das deutſche Volksleben und auf die Volkspoeſie gewirkt hatte. Die altclaſſiſche Bildung faßte beſonders durch Rudolf Agricola († 1485), Rudolf Lange († 1519), Konrad Celtes († 1508), Johann Reuchlin († 1522), Deſiderius Erasmus von Rotterdam († 1536) und Philipp Me - lanchthon († 1560) feſten Boden in Deutſchland, während die deutſche Sprache durch Sebaſtian Brant († 1522), Thomas Mur - ner († 1537), Johann Geiler von Kaiſersberg († 1510), Johann Turnmayr von Abensberg (Aventinus, † 1534) und beſonders Sebaſtian Franck († 1545) größere Cultur, durch Luther aber mit ſeiner wunderbar einfachen Kraft, Fülle, Gewandtheit und tiefen Gemüthlichkeit des Ausdrucks neue Geſtaltung und Norm erhielt und dadurch erſt zum eigenſten Neuhochdeutſch übergeführt wurde. Die deutſche Predigt und der deutſche Kirchengeſang wurden Hauptbeſtandtheile des öffentlichen Gottesdienſtes und brachen der deutſchen Sprache unter dem Volke vollkommene Bahn, auf wel - cher noch die Streit - und Schmähſchriften Luther’s und ſeiner Anhänger tief vom Gelehrtenſtande in das Volk hineindrangen und die Satire wie den derben Volkswitz zu einer ſehr zu berück - ſichtigenden Verbindung zwiſchen Gelehrten und Volk machten. Trotzdem verfiel nach Luther’s Tode mit dem Rückſchritt der gei -174 ſtigen Bildung überhaupt auch die deutſche Sprache. Die Zwie - tracht der proteſtantiſchen Parteien. verſchaffte der katholiſchen Par - tei immer größern Boden und namentlich wußten die Jeſuiten des geſammten Jugendunterrichts ſich zu bemächtigen. Die im Pro - teſtantismus herrſchenden abergläubiſchen Vorſtellungen des Volkes erhielten durch Myſtiker und Schwärmer Nahrung und Anhang und ließen die Hexenproceſſe in einer fürchterlichen Weiſe fort - wuchern. An den Höfen und in den höhern Ständen faßte die franzöſiſche Sprache Wurzel und war ein Hauptfactor der ſich immer breiter machenden Sprachmengerei. Das kernige Nieder - deutſch wurde aus der Kirche und von der Kanzel verdrängt und allmählich aus der Literatur verbannt. Die Gelehrten vernach - läſſigten die deutſche Mutterſprache, je mehr die zu Luther’s Lebens - zeit zu herrlicher Blüte gebrachten Studien der claſſiſchen Literatur durch die theologiſchen Streitigkeiten verdrängt wurden. Die auf ihr ſcholaſtiſches Latein ſtolzen Gelehrten ſchrieben und dichteten in lateiniſcher Sprache und waren Stümper in ihrer deutſchen Mut - terſprache. Der Abſtand zwiſchen Gelehrten und Volk wurde im - mer breiter und das Gelehrtenthum ſtand wie eine gebannte Cor - poration da, völlig getrennt vom Volksleben.
Aus dieſer Jſolirung des Gelehrtenſtandes erklärt ſich die Er - ſcheinung, daß, während das Leben trotz der argen Vernachläſſi - gung und Verkümmerung hell in das Volk durchſchlug, doch der Blick der Gelehrten in das Volk immer blöde und matt niederfiel und daß die Gelehrten das anachoretiſche Wiſſenſchaftsleben der Geiſtlichen und Mönche des Mittelalters in der wenig verbeſſerten Auflage der Stubengelehrſamkeit wiedergaben. Der Blick in die Gelehrtenſtuben des 16. und 17. Jahrhunderts iſt ein ſehr ſchmerz - licher. Da ſieht man, wie der deutſche Geiſt zwar nimmer ruhen und raſten kann, wie er aber, um Tiefen zu ergründen, ebenſo oft auf Untiefen wie auf das bodenloſe Element geräth. Ueberall ſieht man dieſen Geiſt ringen und ſtreben, und am meiſten gerade dann, wenn er gefangen iſt. Aber deutlich ſieht man auch, wie dieſer Geiſt verkennt, daß er ſelbſt ſein eigener Gefangener iſt, daß er das ſtoffreiche, nährende, erfriſchende Leben der Außenwelt175 ſich ſelbſt verſagt und in der freiwilligen Verbannung ſeiner Ge - lehrtenſtube eine eigene Welt conſtruirt hat, in welcher er nur mit dem Pfunde abſtracter Wiſſenſchaft ſpeculirt, in welcher der Jüng - ling mit dem Wiſſen auch das graue Haupt und das Siechthum des Greiſes erwarb und dabei ein rathloſes Kindesherz behielt. Die Stubengelehrſamkeit des 16. und 17. Jahrhunderts war eine ſchleichende Krankheit des deutſchen Gelehrtenthums mit contagiö - ſer Wirkung, mit den verſchiedenſten Symptomen und mit einer eigenen trüben Krankengeſchichte. Das erkennt man recht anſchau - lich aus dem ſeltſamen und ſeltenen Werke des Magiſters J. Chr. Tſchanter1)„ Hiſtoriſche Nachricht von Gelehrten Leuten, die ſich zu Tode studiret, beſtehende in 3 unterſchiedlichen Theilen, davon der I. aus der Hiſtorie aller - hand Exempel unſerer und anderer Religionen vorſtellet; der II. die Causas Physicas oder natürlichen Urſachen des frühzeitigen Todes oberwähnter Gelehr - ten unterſuchet; und der III. die Quaestionem Moralem oder hierbey vor - kommende Sitten-Frage: Ob, und in wie ferne mit dergleichen unmäßigem Studiren geſündiget worden? beſcheidentlich erörtert “(Budiſſin 1722)., welches in der That die traurigſten Nekrologe lang - ſam dahingeſiechter Stubengelehrten enthält und die Züge ſtarrer Todtenmasken gibt, bei deren Betrachtung man feſt an den Tod, aber kaum an ein voraufgegangenes friſches, blühendes Leben glauben mag. Nur ein ſo koloſſales politiſches Ereigniß wie der Dreißigjährige Krieg konnte das in ſich verſunkene Gelehrtenthum aus ſeiner Eigenwelt herausrütteln und am entſetzlichen Elend des Volkes belehren, daß es eine Außenwelt gab, deren Zerrüt - tung und Elend mit dem friſchen, geraden, tiefen Blicke der Wiſſen - ſchaft in das Volk ergründet und geheilt zu werden verlangte. Unter allen Gewaltthaten des Dreißigjährigen Kriegs iſt diejenige die am wenigſten zu beklagende, daß er auch die Thüren der Ge - lehrtenſtuben ſprengte und die Gelehrten in das freie, offene Leben hineinriß. Gerade an dieſen politiſchen Ereigniſſen erwachte der deutſche Nationalgeiſt, und die Gelehrſamkeit, durch die herrlichen Namen S. von Pufendorf († 1694), J. Schilter († 1705), J. G. von Eckhard († 1730), J. B. Mencke († 1732) u. a. getra - gen, fing gerade in den Staats - und hiſtoriſchen Wiſſenſchaften176 ein neues, kräftig erblühendes Leben an, in welchem ſpäter durch J. Maſcow († 1761) und Graf H. von Bünau († 1762) der ſchöne deutſche hiſtoriſche Stil ſich heranbildete.
Man muß den Blick feſt auf dieſe letztere tröſtliche Wieder - belebung des deutſchen Gelehrtenſtandes heften, wenn man den Faden aus der wüſten, dichten und trüben Wirrniß des deutſchen Gelehrtenthums im 16. und 17. Jahrhundert verfolgen, heraus - löſen und die Verzerrung der deutſchen Sprache zu der unheim - lichen Erſcheinung begreifen will, wie ſie beſonders im 17. Jahr - hundert ſo ſinnverwirrend dem Blicke des Forſchers entgegentritt. Trotzdem daß die claſſiſche Literatur ein ganz neues Leben in das Volk gebracht hatte, trotzdem daß das Volksleben in der Volkspoeſie zur ſchönſten Blüte ausgeſchlagen war, trotzdem daß Luther mit ſeiner klaren, ſchlichten, populären deutſchen Sprache der deutſchen Wiſſen - ſchaft alle Wege und Stege angebahnt hatte, mit voller Frucht - barkeit den ſchönſten Segen in das Volk hineinzubringen: trotz dieſer herrlichen Schöpfungen und Verheißungen deutſchen Geiſtes und deutſcher Sprache überſahen die Gelehrten des 16. und 17. Jahrhunderts die Sprache des Volkes und konnten damit auch die Seele und das Herz des Volkes nicht wiederfinden. Jn den Gelehrtenſtuben, in welchen die Gelehrten des 16. und 17. Jahr - hunderts zu einem freiwilligen oder unfreiwilligen Exil ſich ver - ſchloſſen hielten, wurde mit unſaglichem Fleiß alles Mögliche, nur nicht Deutſches und deutſches Leben ſtudirt und gefördert. Das claſſiſche Alterthum mit ſeiner heidniſchen Moral und Philoſophie brachte auf der einen Seite ebenſo viel Frivolität in den Gelehr - tenſtuben zu Wege, wie auf der andern Seite der chriſtliche Aber - glaube Scholien zum „ Hexenhammer “ſchrieb und die fürchterliche zaubermyſtiſche Literatur mächtig förderte, welche aller Wiſſenſchaft und chriſtlichen Zucht, Sitte und Liebe Hohn ſprach. Wird man vom ſittlichen Standpunkte aus, welchen der Gelehrte überall ein - halten ſoll, von Erſtaunen und bis zum Zorn geſteigertem Un - willen ergriffen, wenn man ſchon 1585 in den „ Bigarrures et touches “des dijoner Parlamentsadvocaten Tabourot eine ganze Chreſtomathie ebenſo ſchmuziger wie ſcharfſinniger Wortmiſchungen,177 Wortvergleichungen und Zweideutigkeiten findet, bei denen er mit Behagen beſonders den jüngern Scaliger als Autorität anführt, oder wenn man die Maſſe ſchmuziger Anekdoten in den „ Face - tiae “oder den „ Nugae venales “oder in der Unzahl lateiniſcher Diſſertationen durchmuſtert, bei denen gelehrte Form und ge - lehrter Scharſſinn an den platteſten und elendeſten Stoffen ſich ergehen: ſo iſt man doch noch mehr entrüſtet darüber, daß die bei - den eigenſten Volkszuchtwiſſenſchaften, die Jurisprudenz und die Theologie, in ſchauerlichem Verſtändniß ſo blind und herzlos mit der Tortur überführen und auf den Schaffoten der volks - und ſeelenmörderiſchen Juſtizprocedur ſolche Lobreden halten konnten. Zahlloſe derartige Beiſpiele werden noch nach fernen Jahrhunderten Sinn und Muth des Forſchers niederbeugen. Die laute Forderung des Volkes nach Oeffentlichkeit der Rechtspflege iſt eine hiſtoriſche Rache an der finſtern Abgeſchloſſenheit der Juſtizpflege der frühern Jahrhunderte, und ihre Gewährung ſpottet des Gedankens einer politiſchen Conceſſion, wo ſie im culturhiſtoriſchen Proceß aus dem Seelengrund und Streben des ſeines Weſens und ſeiner Würde ſich immermehr bewußt gewordenen Volkes mit tiefinnerer Noth - wendigkeit hervorgetreten iſt.
Die übermäßige Verſchwendung des deutſchen Fleißes an die Form auf Koſten des dadurch immer flüchtiger werdenden Weſens war eine Folge der iſolirten, müßigen, unpraktiſchen Gelehrſamkeit und zeigt ſich vorzüglich bei den Spielereien in den alten claſſi - ſchen Sprachen, beſonders der lateiniſchen, in welcher alle auf claſſiſche Bildung Anſpruch machende Gelehrte mindeſtens Hexa - meter und Diſtichen zu improviſiren wiſſen mußten, in welcher aus den alten Claſſikern ſeltſame Zufälligkeiten als abſichtliche Kün - ſteleien aufgeleſen, zuſammengeſtellt und mit dem tollſten Zwange transponirt und gedeutelt wurden, wobei die müßige, ſchmuzige franzöſiſche Leichtfertigkeit das verwandte Latein mit eitlem, lüſter - nem Behagen auszubeuten wußte, um in der platteſten Weiſe geiſtreich zu ſein. So entſtand die Flut der ſchmuzigſten und un - flätigſten équivoques, rebus, entends-trois, contrepeteries, ana - grammes, vers retrogrades, allusions u. ſ. w., welche man, zumAvé-Lallemant, Gaunerthum. III. 12178Theil mit ſchamloſen Holzſchnitten illuſtrirt, in großer Fülle bei Tabourot findet. Der deutſche Sinn und der Geiſt der deutſchen Sprache widerſtand eine Zeit lang dieſem ſchlecht candirten Zoten - weſen, bis man gegen Ende des 16. Jahrhunderts die franzöſiſche Sprache in Deutſchland zu begünſtigen anfing und damit auch alle Leichtfertigkeit und die équivoques kennen lernte und reci - pirte. Dazu verirrte ſich der deutſche Fleiß der iſolirten Gelehrten tief in die zaubermyſtiſchen Studien, die nicht einmal den Namen der kabbaliſtiſchen Forſchung verdienen. Die Kenntniß der hebräi - ſchen Sprache war mit wenig Ausnahmen ſo dürftig, wie der Haß gegen das Judenthum zu groß war, als daß ſich das Ge - lehrtenthum mit gründlichen Studien der ſchwierigen, ſpecifiſch jüdiſchen Kabbala hätte befaſſen ſollen. Die Zaubermyſtiker ſtie - ßen nur gelegentlich auf rohe Aphorismen der Kabbala, welche ſie nicht begriffen, an deren geheime Wirkung ſie aber glaubten und welche ſie zu den größten Sprachtollheiten verſetzten und ver - größerten. Die Sprache der Zauberbücher des 16. und 17. Jahr - hunderts iſt nur in dieſer Weiſe möglich geworden, obſchon ſie in keiner ſyſtematiſchen Weiſe zu erklären, ſondern immer nur als kahle Maſſe verſeſſener, wüſter und idioter Willkür der ſpecifiſchen Subjectivität aufzufaſſen iſt. Die Zeit der Zauberbücher war ſchon das goldene Zeitalter des Galimatias1)Adelung, II, 392, hat: „ Das Galimatias (ſpr. Galimatià) plur. ut nom. sing. aus dem franzöſiſchen galimatias, in den ſchönen Wiſſenſchaften eine ungeſchickte Verbindung widereinander laufender Begriffe und Bilder, welche keinen vernünftigen Verſtand gewähren, Unſinn; bei den Engländern Nonsense. “ Noch kürzer fertigt Heinſius, II, 268, das Wort ab: „ Galimathias, Wortge - wirre. Unſinn. “ Schwenck hat S. 204: „ Das, der Galimatias, Unſinn, unſin - niges Geſchwätz, frz. galimatias (engl. galimaufrey, gallimafry, Miſchmaſch, gallimatia, galimatias). “ Das Wort Galimatias ſcheint wirklich erſt zu Ende des 17. Jahrhunderts gebildet zu ſein, da von Stieker, „ Sprachſchatz “, das Wort gar nicht kennt. Es fehlt überall die Etymologie. Shakſpeare gebraucht gallimaufrey für woman. Jn der engliſchen Volksſprache iſt gallimaufrey für hodge-podge Gemenge von zuſammengekochten Jngredienzen (remnants and scraps of the larder), und ganz in das Franzöſiſche übergegangen, wo gali - matrée ein Gericht von übriggebliebenen Stückchen Fleiſch, Fricaſſée, bedeutet. Eine Beziehung des Gali auf walisc, welſch, ſcheint kaum angenommen wer -, obſchon dieſer brandmar -179 kende Name erſt viel ſpäter, zu Ende des 17. Jahrhunderts und erſt dann aufgekommen zu ſein ſcheint, als man den vollen Un - ſinn erkannte und beſpöttelte, aber doch immer noch in plumper Weiſe darin grimaſſirte, wie bei der traurigen plattſpaßigen Nach - ahmung der Geberden eines Trunkenbolds.
Der Galimatias iſt eine taubſtumme Misgeburt der Stegano - graphie, welcher Aberglaube und Unwiſſenheit vergeblich eine arti - kulirte Sprache durch bloße Buchſtabenſtellung zu verleihen ſtreb - ten, welche aber niemals über die tolle Conſtruction einzelner, völlig unverſtändlicher Wörter hinauskam und deren verkümmer - tem Organismus mit dem logiſchen Verſtändniß auch die natür - liche Lautſprache verſagt blieb. Als mit dem Schluß des 15. Jahrhunderts J. Tritheim (1462 — 1516) die Grundſätze ſeiner Steganographie darlegte, hatte er das Nüchternſte und Verſtänd - lichſte von allen mit ihm auf gleichem Gebiete arbeitenden Zeit - genoſſen geleiſtet. Als ob aber ſchon von Anfang her der chriſt - liche Zaubermyſticismus zur abſoluten Unklarheit für alle Zeiten hätte verdammt ſein ſollen, entſchlüpfte das einzige klare Stück ihrer Forſchung, der behende Geiſt der Steganographie, aus den Gelehrtenſtuben, wo er den Buchſtabenmechanismus wie eine todte Hülſe hinter ſich ließ, und machte ſich der neu erſtehenden Krypto - graphie dienſtbar, welche aus dem grauen Alterthum her durch Richelieu’s ſchlaue Politik zur neuen geheimen Wiſſenſchaft umge - ſchaffen und mächtig gefördert, in der Staatspolitik wie in der Literatur bis auf den heutigen Tag eine ſo geheime wie gewaltige Rolle ſpielen ſollte, während es jener todten Hülſe vorbehalten blieb, aus den Gelehrtenſtuben heraus in dogmatiſcher, ethiſcher,1)den zu können, ſo wenig wie auf Gal, Hall, Schall, Schrei, bei Schmid, „ Schwäbiſches Jdiotikon “, S. 216, welcher dabei〈…〉〈…〉, Stimme,〈…〉〈…〉, jauchzen, ſowie καλεῖν, rufen, anführt. Letzternfalls würde dann eine Ableitung von καλεῖν und ματία (vergebliches, fruchtloſes Unternehmen, Leichtſinn, Thorheit, Verſehen, Fehler), wenn auch ſehr geſucht, denkbar ſein. Doch iſt der Aus - druck wol immer nur ein, vielleicht mit Spott, flüchtig hingeworfener Gelehr - tenausdruck für die unſinnige Zuſammenſetzung nicht nur der Rede, ſondern auch des einzelnen Wortes ſelbſt.12*180culturhiſtoriſcher, juriſtiſcher und ſprachlicher Hinſicht eine ſo ſchmäh - liche, verderbliche Bedeutſamkeit zu gewinnen.
Es gilt hier zunächſt nur, den Wortbau und die Wortfügung der zaubermyſtiſchen Sprache einigermaßen aufzuklären, um be - greiflich zu machen, wohin auf ſolcher Baſis die Sprach - und Verſtandesverirrung gerathen konnte und gerathen mußte. Die Steganographie enthält ſeit Tritheim, welcher ſchon ſelbſt eine Menge Methoden gibt, eine Unzahl Methoden zum geheimen, ver - kappten Sprachausdruck. Die nächſte beſte Methode mag hier zur Erläuterung dienen.
Nach dieſer Methode ſchrieb der Steganograph in irgendeiner Sprache, welche er ſeiner Geheimſchrift zu Grunde legte, zu den einzelnen Wörtern nach einer beſtimmten Verabredung falſche ganze Wörter oder auch Buchſtaben hinzu, ſodaß durch dieſe Zuthat von Wörtern und Buchſtaben ſeltſam klingende Wörter herauskamen, die auf den erſten Anblick ganz ſinnlos erſchienen. Dabei wurden mehrſilbige Wörter getheilt und unter Beifügung falſcher Buch - ſtaben aus einem Worte mehrere Wörter gemacht. Wer nun die Schrift leſen wollte, ſtrich nach der Verabredung die falſchen Wör - ter und Buchſtaben hinweg. Das bei J. L. Klüber1)„ Kryptographik Lehrbuch der Geheimſchreibekunſt (Chiffrir - und De - chiffrirkunſt) in Staats - und Privatgeſchäften “(Tübingen 1809), S. 117. angeführte Beiſpiel wird die Sache klar machen.
Zunächſt ſei der Schlüſſel gegeben.
1) Jn der erſten Zeile gelten die drei erſten Wörter ſowie das letzte nicht.
2) Jn jeder folgenden Zeile gilt das erſte und letzte Wort nicht.
3) Bei jedem der übrigen Wörter gilt der erſte und letzte Buch - ſtabe nicht.
Danach erweiſen ſich die an ſich völlig ſinnloſen Worte:
als die Stelle bei Tacitus (Germania, cap. 1, princip. ): Reges ex nobilitate, duces ex virtute sumunt; nec regibus infinita aut libera potestas; et duces exemplo potius quam imperio; si prompti, si conspicui, si ante aciem agant, admiratione praesunt.
Solche Beiſpiele kann man unter Berückſichtigung des ge - gebenen Schlüſſels in jeder Sprache in beliebiger Weiſe ſelbſt con - ſtruiren. Man ſieht aber ſchon aus dieſer einen, mitten aus der großen Maſſe vieler anderer herausgeriſſenen Methode, welchen Charakter die ganze Sprache der Zaubermyſtik an ſich trug und auf wie willkürlichen Conſtructionen der ganze Wortwuſt beruhte. Den vollendetſten Triumph aber feierten der Aberglaube und die Unwiſſenheit darin, daß nun dieſe misförmigen Worterſcheinungen ohne inneres Verſtändniß, ohne Berückſichtigung oder Kenntniß des Schlüſſels für den originellen Ausdruck geheimnißvoller Offen - barung oder myſtiſcher Tradition, ja ſogar für die Offenbarung der jüdiſchen Kabbala ſelbſt gehalten und Grundlage zu jenen un - geheuern Verirrungen wurden, welche den deutſchen Gelehrtenſtand und die deutſche Tiefe und Wahrheit gebrandmarkt haben und ſelbſt wieder ſo erbittert, ſo entſetzlich hart geſtraft wurden von einem Widerſtande, deſſen Einſicht nicht einmal beſſer war, ſondern in der That auf demſelben Boden ſtand. Dieſer Widerſtand be - lauſchte alle ſtillen friedlichen und geheiligten Stätten des häus - lichen und öffentlichen Lebens, taſtete überall mit blödem Blick und roher Hand umher, griff mit einem Schuldigen hundert Unſchul - dige und offenbarte an allen ſeine fluchwürdige blinde Thätigkeit, welche kein anderes Ziel hatte als Schaffot und Scheiterhaufen. Und dennoch blieb die Wirkung dieſer Zaubermyſtik für Haus und Familie, für das ganze ſocialpolitiſche Leben ſchauerlich groß. Selbſt dann, als der Dreißigjährige Krieg ausgetobt, alles durch -182 einander geworfen, dem ſittlichen und materiellen Elend den lau - teſten Nothſchrei ausgepreßt und der Staatspolitik eine ſchrecklich leuchtende Fackel zu ganz neuen Heilswegen für das zerrüttete, nach Luft und Licht ſich ſehnende ſocialpolitiſche Leben angezündet hatte: ſelbſt dann noch ſpielten Haus und Familie, Zucht und Be - lehrung mit den zuckenden Gliedmaßen des zwar ſchwer verwun - deten, jedoch noch lange nicht überwundenen Drachen. Die Kunſt, Methode und Sprache des Jugendunterrichts behielt noch immer Anklänge der alten ſinnloſen Formeln, wenn dieſe auch ſchon in rationellerer Geſtalt erſchienen. Die greuliche Methode ver - langte von der biegſamen Geiſteskraft und von der wunderbar friſchen Elaſticität des jugendlichen Gedächtniſſes Opfer, welche wie eine feindliche Brandſchatzung der Seele erſcheinen. Jn den methodiſchen Lehr - und Jugendbüchern jener Zeit ſuchte ſich die krankhafteſte Eitelkeit vor der Jugend breit zu machen, welche ſchwer dabei leiden mußte. Man nehme das nächſte beſte derartige Un - terrichtsbuch damaliger Zeit zur Hand, z. B. die „ Hiſtoriſchen Sinnbilder “des S. Aepinus († 1660). 1)„ Hiſtoriſche Sinnbilder: | Oder kurtze | Beſchreibung | darinnen die vor - nehmſte Ge | ſchichte vom Kayſer Augusto biß Au | gustulum, Jhre geführte Regierung, | denckwürdige Reden vnd Thaten, alſo | abgefaſſet, daß ſie mit Luſt erlernet, | leichtlich behalten, vnd in wenig | Stunden widerholet werden | kön - nen. | Geſtellet durch | Sebastianum Aepinum, | Leiningen-Weſterburgiſchen | Hoff-Predigern zu Rixingen. | Straßburg, | bey J. Chr. Nagel. Anno MDC. LX “(2 Thle., 12.). Genau in gleichem Format und mit völlig gleichem Druck iſt in meinem Exemplare angefügt ein ganz unverſtändliches „ Seltzames Traumge - ſicht “, 83 S., mit einem „ Traums-verantwortlichen Anhang “von 103 S. und 71 S., unter dem (mit alter, vergilbter Handſchrift vorangeſetzten) Titel: „ Kurtze und kurtzweilige Beſchreibung der zuvor unerhörten Reiſe, welche H. Bilgram von Hohenwandern ohnlängſten in die Newe Oberwelt des Mondes gethan. Traumgeſchicht von Dir und Mir. Epimenides. Morpheus. Endymiõ. Porta Cornea. Porta Eburnea. “ Es iſt kaum zweifelhaft, daß Aepinus ſelbſt der Verfaſſer dieſer wüſten und wirren Darſtellung iſt, welche ein recht treffendes Bild von der damaligen breiten, ſchwülſtigen und ſelbſtgefälligen witzloſen Schreib - weiſe gibt. Merkwürdig ſind im zweiten Anhange S. 47 — 49 einige jüdiſch - deutſche Vocabeln, z. B. Dmeye (Tmea), Metze, Bethulim, Jungfrawſchafft, Besel (Possul), Bild, Ponim, Geſicht u. ſ. w.Man findet den toll - ſten Galimatias darin. Aepinus hatte das Buch zunächſt für den183 jungen Grafen Philipp Ludwig zu Leiningen zum Geſchichtsunter - richt geſchrieben und behandelt im erſten Theile die römiſche Kai - ſergeſchichte. Er führt nach der Folge der Jahrhunderte die „ no - mina Caesarum secundum artem Mnemonicam Aphorismis bre - vibus comprehensa “, obſchon er in der Vorrede ſich gegen „ das Künſtlichſte “verwahrt und nur „ das Nützlichſte erwehlet “hat, in der Staunen und Unwillen erregenden Weiſe auf, daß er die römiſchen Kaiſernamen jedes Jahrhunderts chronologiſch hinter - einander ſtellt, dabei aber die Namen ſelbſt in tollſter Weiſe ver - dreht und bis zur völligen Unkenntlichkeit entſtellt, in einen völlig ſinnloſen „ Aphorismus “zuſammendrängt und dann unmittelbar den „ Sensus “des Aphorismus und darauf die „ Explicatio “des Sensus und Aphorismus gibt. Ein Beiſpiel möge die Tollheit anſchaulich machen. Das Buch beginnt gleich auf S. 1 ſo:
Nomina Caesarum secundum artem Mnemonicam Aphorismis brevibus comprehensa.
Seculum I.
Aphorismus.
Mense Julio augusto, prope Tiberim habitans, calceo ligulam addebat et tradebat claudo merobibo, à flavà vespà, Titus Domitor nervum percussus.
Sensus est: Titus Domitor prope Tiberim habitans per - cussus nervum, à flavà vespà, addebat mense Julio Augusto calceo ligulam et tradebat cum claudo merobibo.
Explicatio.
Mense Julio Julius Caesar augusto Augustus prope Ti - berim habitans est Tiberius calceum ligulà ornabat, qui inde dictus Caligula, et tradebat claudo scilicet Claudio cui Regnum qui calceo comparari potest. Ψ. 60. 10. reliquit antecessor.
Nero Insignis merobibus.
184Flavius Vespasianus à flavà vespà secundum Joh. Paëpp. in Artif. Memor. denominari potest.
Titus quod unicum N. Propr. facile memoriae imprimitur. Domitianus Domitor indomitus fuit.
Nerva debilis et senex quasi sine nervis.
Jm zweiten Bande1)„ Hiſtoriſche Sinnbilder | darinnen die | Antemonarchica | Denckwür - digſte Gedicht | vnd Geſchicht, von anfang biß | auff die Babyloniſche Monar - chey, alſo | abgefaſſet “u. ſ. w., welcher im folgenden Jahre (1661) erſchien, tritt Aepinus, wie ſchon der veränderte Titel zeigt, mit ſeiner Methode noch ſelbſtgefälliger und noch verwegener auf, ſo - daß er hier ſogar den Sensus wegläßt. Dadurch wird der Gali - matias noch ärger, wie das nachfolgende Beiſpiel, S. 10 und 11, zeigt:
Seculum VII.
Aphorismus.
Asiam occupat Perseus et non mediocritate usa Amazonũ cohors; non hae mulieres, cordatos viros, etiam minas spar - gentes superarunt, pectora natarum exusserunt atque inter - fectionis (quod dicitur) dederunt alas seu sagittas alatas cha - rissimis.
Explicatio.
Perseus Persianis nomen suum dedit. Medusa qs. dica - tur mediocriter usa, nam quomodo haec bestia suà pulchri - tudine abusa sit, canunt Poetae. Amazones dictae sunt ab α priv. et μαός, mamma. Gordius i. in a. assumta litera. t. est cordatus. Midas d. in n. mutato (cum divites sint mina - ces) spargat minas. Daedalus u. in a. mutato, dedit alas filio Icaro, qui abjecta litera i. est charus.
Man ſieht aus dieſen ekeln Beiſpielen ſchon vollauf, wie der185 Galimatias ſogar zur pädagogiſchen Methode ſich conſtruirt hatte, und wie weit und tief die unſelige Erſcheinung in das ſocialpoli - tiſche Leben eingedrungen war.
Der aus den Zauberbüchern geflohene Geiſt der Stegano - graphie wurde jedoch vorzüglich durch die feine Kunſt des Cardi - nals Richelieu, welcher ſich der Geheimſchrift zu ſeinen verſteckten Jntriguen beſonders bediente, der Staatspolitik dienſtbar gemacht und auch in den deutſchen Cabineten bis zur höchſten Blüte cul - tivirt. Dem Volke blieb dieſe Kunſt verborgen. Aber wiederum glückte es der ſo neugierigen wie arbeitsluſtigen Stubengelehrſam - keit, einige Brocken davon aufzufangen, welche ſie nun nach ihrer Weiſe ſyſtematiſch zu bearbeiten begann. Sie wußte aber nicht wohin mit ihren müßigen Producten und ſchob, da das niedrigſte Volksleben und in und mit ihm das Gaunerthum mit ſeiner Kunſt und Sprache ſo frech und ſichtbar ſich hervordrängte, ihre Stubenſprachſpielereien geradezu der geheimnißvollen Gaunerſprache unter, ohne von Geiſt und Weſen derſelben einen richtigen Be - griff zu haben. So wurde denn dem Gaunerthum jenes wunder - liche Rotwelſch aufgebürdet, welches der wackere Schottelius in ſeiner „ Ausführlichen Arbeit der Teutſchen Haubt-Sprache “, S. 1265 fg., und in modificirter Weiſe Moſcheroſch, II, 601, ſechstes Geſicht, dargeſtellt hat. Alle dieſe Darſtellungen ſind Ba - ſtarde der Steganographie, aber trotz des äußern rationellen Scheins ſo entſchiedener Galimatias, daß es ſchon aus dem oberflächlich - ſten Vergleich der Wortfügung mit dem beſondern Geiſt und Bau der Gaunerſprache, ja nur der behenden Bewegung des Gauner - thums überhaupt ſich ergibt, wie daſſelbe ſich niemals mit dieſer plumpen Ausdrucksweiſe behelfen konnte, und daß es nicht einmal der Anführung der erwieſenen Thatſache bedarf, wie das Gauner - thum wirklich niemals dieſe Ausdrucksweiſe trotz ihrer übermüthi - gen Sprachgewaltthätigkeit auf - und angenommen hat. Doch iſt ein näheres Eingehen auf dieſe Darſtellungen um ſo unabweis - licher, als Thiele, ungeachtet er den allerdings ganz unberufenen von Train über alles Maß geziemender Kritik hinaus ſchwer ge - tadelt hat, doch ebenſo übel wie von Train und mit gleicher Un -186 kenntniß der Gaunerſprache dieſen Galimatias ganz neuerlich der - ſelben wieder zugewieſen hat. Zu beklagen iſt beſonders, daß Thiele bei ſeiner directen Betheiligung an der Löwenthal’ſchen Unter - ſuchung nicht auf eine beſſere Geſchichte und Kritik der Gauner - ſprache geführt wurde, und daß er dem Sch〈…〉〈…〉 ttelius, welcher, ob - ſchon „ Juriſt und Hofrath “, durchaus keine Kenntniß von der Gaunerſprache hatte, wie das ſchon der höchſt fehlerhafte und über - haupt ſchlechteſte Abdruck des „ Elemental der Rotwelſchen Gram - matik “, S. 1262, ausweiſt, ſo blind folgte, obgleich er es unter - ließ, dieſen ſeinen Gewährsmann zu nennen, als er S. 196 der „ Jüdiſchen Gauner “den durchaus falſchen Unterſchied zwiſchen „ Rotwelſch “und der „ eigentlichen Gaunerſprache “machte.
Während daher Thiele doppelten Tadel verdient, iſt Schot - telius ſelbſt nur zur Berichtigung anzuführen, um dem Wirrwarr zu begegnen. Nach dem Abdruck des Rotwelſchen Vocabulars ſagt Schottelius (S. 1265) weiter: „ Die andere Art des Rotwelſchen iſt dieſe, wan alle Silben gedoppelt oder zweimahl mit zwiſchen - mengung des Buchſtaben p ausgeſprochen werden, beſtehet in ſol - genden Regulen:
1) Eine Silb ſo von einem Mitlauter ſich anfähet, und auf einen Selblauter ſich endigt, wird zweimahl alſo ausgeſprochen, daß die wiederhohlte Silb jhren vorſtehenden Mitlauter verliere, und an deſſen ſtat allezeit geſetzt werde ein p1)Die Recapitulation der Regeln in lateiniſcher Sprache, welche Schot - telius durchgehends aufführt, bleibt der Raumerſparung wegen ganz weg., als wan ich ſagen wollte: Du, geh, wie, da, wo, ſpricht man auf Roht - welſch dupu, gehpeh, wiepie, dapa, wopo.
2) Eine Silb, ſo von einem Mitlauter ſich anfengt, und auch auf einen Mitlauter ſich endigt, wird zweymahl oder gedoppelt alſo ausgeſprochen, daß der letzte Mitlauter in dem ausſpruche der erſten Silben ausgelaſſen, und in der wiederhohlten Silb zu - letzt ſtehe, der p aber bleibet allezeit an ſtat des erſten Mitlauters vorn in der wiederhohlten Silbe. Als: Wir, wipir; gib, gipib; dir, dipir; diſch, dipiſch; ſtuel, ſtuepuel; kom, kopom; mur, mupur.
1873) Eine Silb, ſo von einem ſelblauter anfähet und ein oder mehr Mitlauter bei ſich hat, die wird alſo zweymahl ausgeſpro - chen, daß im erſten Ausſpruch nur der Selblauter, und dann der p vor die volle Silbe geſetzet werde. Als: ich, ipich; all, apall; aſt, apaſt; ohn, opohn; ein, epein; uhr, upuhr.
4) Eine Silb ſo in einem oder zweyen ſelblauteren beſtehet, wird gantz ausgeſprochen, und dan zum anderen mahl das p da - vorgeſetzet. Als: ei, eipei; eh, ehpeh; au, aupau.
Wan man nun ſaget: Ein guht Wort find eine gute Stelle, heiſſet es nach dieſem Rohtwelſchen: Eipein gupuht Woport fipindepet eipenepe guputepe ſtepellepe. Dieſe gantze Sprache beſtehet nur in vorgeſetzten vier Regulen, iſt leicht zu faſſen, und ſcheint eines albernen klangs. Jch habe es aber ſelbſt einmahl erfahren bei vornehmer Geſellſchaft, woſelbſt Leute vorhanden ſo Frantzöſiſch, Jtalieniſch, Spaniſch, Lateiniſch und ſonſt andere Sprache, der eine mehr oder weniger als der ander verſtanden, und alſo nicht ſicher war, etwas vertrauliches, ſo niemand als zu dem geredt wurde, verſtehen ſolte, anzubringen, und gleichwol etwas ſonderliches, daran nicht wenig gelegen war, einem guten Freunde gegenüber zu eröfnen vorfiel, derſelbe dieſes Rohtwelſche fertig reden und auch einen fertigen Ausreder verſtehen kunte, da habe ich ihm mit dieſem Rohtwelſchen alles entdekken auch die Antwort vernehmen können. Die nebenſitzende hörten zu, wuſten aus dieſer ſprache nichts zu machen, und kunten kein Wort daraus verſtehen. Solches beſtehet guten theils aber darin, daß man fer - tig könne die Wörter anf einander her ſagen, als wen man ge - ſchwinde ſagte: Deipein wipideperwepertipigeper laupau - repet aupauf nipichtepes guputepes, mapachepe dipich aupaus depem Staupaubepe. Solches wird niemand der dieſes dinges unberichtet iſt, leichtlich vernehmen, aber der dieſer vermengten Ausrede erfahren, kan wol vernehmen den Jnhalt: Dein widerwertiger lauret auf nichts gutes, mache dich aus dem Staube. Jch weiß auch ein Exempel, daß einer vom Adel, ſo ein wenig hiervon wuſte, einen andern in ſolcher Sprache anreden und ſchertzen wolte, der es aber anderſt verſtund, weil er nicht wuſte,188 was die ſeltzam klingende Ausrede bedeutete, und es auf einen Duel faſt auslief.
Die dritte Art des Rohtwelſchen beſtehet in zween Regulen.
1) Eine jede Silb ſo von einem Mitlauter anfängt, wirft ſolchen Mitlauter hinten an die Silbe und ſetzet dabey den Buch - ſtab e. Als: gib, ibge; dar, arde; wor, orwe; dicht, ichtde; haus, aushe.
2) Wenn eine Silbe nicht von einem Mitlauter, ſondern von einem Selblauter ſich anhebet, und alſo kein consonans zuhinten ſtehen und das e zu ſich nehmen kan, alsdan ſpricht man dieſelbe Silbe, wie ſie lautet nur aus, und hanget das e nebſt dem Buch - ſtabe w hinten an. Dan der Buchſtab w allezeit des ſonſt er - mangelnden Mitlauters ſtelle vertritt, und das e zu ſich nimt, weil alle Silben in dieſer Rohtwelſchen Art müſſen auf e aus - gehen. Als: ich, ichwe; als, alswe; um, umwe; iſt, iſtwe. Wan viele Worte zuſammen kommen und geſchwinde dieſes Roht - welſche geredet wird, kan es nicht leichtlich jemand verſtehen, und weiß nicht ob er verrahten oder verkauffet ſey. Wan man gerades lautes ſagete: ieſe iedſchmeenwe einwe unweukgle iweerde ichde, ich glaube nicht, daß es einer, der nicht Rohtwelſch fertig kan, ſolte begreiffen, und was alſo geredt wird, verſtehen können: Da doch ein ander, der dieſer Rotwelſcherey kundig und darin ge - übt ſo fort vernimt, daß durch das angeführte Exempel dieſes geſagt worden: Sie ſchmieden ein Unglük wieder dich. Es ſind dieſer Rotwelſch Redarten noch mehr und wunderlich verdrehet, worzu unſere Teutſche Wörter artlich und geſchickt, halte es un - nötig, ſolche alle zu erzehlen. “
Sowie man hier in allen Regeln des Schottelius auf den erſten Blick die ſteganographiſche Methode des Tritheim durch - blicken ſieht, welche beſonders nur für die geheime Schreibweiſe beſtimmt war und in ihrer würgenden, ungeheuerlichen Lautcon - ſtruction allen Sprach - und Gehörorganen Trotz und Hohn bietet, ſo begreift man wol ſehr leicht, daß eine ſo ſinnloſe, ſchwerfällige Weiſe am allerwenigſten der behenden, ſchlüpfenden Gaunerſprache zuſagen konnte. Thiele ſcheint auch S. 198, wo er ſagt: „ Dieſe189 Art Rothwelſch war auch, vor mehreren Jahren unter der berliner Jugend ſehr an der Tagesordnung “, den Gedanken gehabt zu haben, daß Schottelius als einer der Erzväter der deutſchen Schul - grammatik dieſen für die lernbegierige Jugend auf den harten Schulbänken zwiefach intereſſanten, kurzweiligen Theil deutſcher Grammatik auch auf die ſpäteſte deutſche Jugend, obſchon nur in mündlicher Tradition, vererben würde, wie ſich denn nun wirklich nicht allein die Jugend in Berlin, ſondern auch die in Lübeck und allerorten, wo es Jugend, Schule, Grammatik und Streben nach Beſeitigung der Langeweile gibt, mit dieſer ſehr beliebten Fiſch - ſprache1)Auch Fiſſenſprache genannt, verdorben für Fiſelſprache; vgl. Kap. 35. oder Erbſenſprache eifrig beſchäftigt, ohne dadurch ſo jung in die gauneriſche Sprachſphäre zu gerathen. Auch die franzöſiſche Jugend kennt dieſe grammatiſche Etude, wie Barbieux2)„ Antibarbarus der franzöſiſchen Sprache “(Frankfurt a. M. 1853), S. 343. anführt: J’aipai épétépé chépé luipi für: j’ai été chez lui.
Eine andere ſteganographiſche Methode hat Moſcheroſch („ Wun - derliche Warhafftige Geſichte, Th. II, ſechstes Geſicht, Soldaten - leben, S. 601) durchgeführt. Danach werden nur einzelne Vocale und Conſonanten miteinander verwechſelt. Der Schlüſſel iſt:
Danach lieſt ſich der S. 601 angeführte Gaunerbrief:
„ Riobo hollom: oß wild abol nelgom flaoha oim Schiff nit aiorom wuhlom, gleſſol buhlſchufft amd raottom aem himmon much Tliel gohom, duß keommont ſio urros hubom; zal ſicholhoit hub ich jhmom noimom ſehm zan pfumdt goſchickt “— mit Behendigkeit ſo:
190„ Liebe Herren, es wird übermorgen frühe ein Schiff mit vie - len Wahren, großer Bahrſchafft und Leutten von hinnen nach Trier gehen, daß können ſie alles haben; zur Sicherheit hab ich ihnen meinen Sohn zum Pfand geſchickt. “
Moſcheroſch iſt überhaupt der erſte Schriftſteller des 17. Jahr - hunderts, welcher ſich über die eitle Satisfaction erhebt, bloße pikante Anekdoten von Gaunern zu geben, und welcher in der Schilderung des ſittlichen Elends ſeiner Zeit ernſt bleibt. Er zeigt überhaupt eine tiefere Kenntniß des Gaunerthums und ſeiner Sprache, wie er denn das Vocabular der Rotwelſchen Grammatik durchweg cor - rect wiedergibt und ſogar als Doppellexikon bearbeitet hat. Seine ſehr discrete Benutzung der ſteganographiſchen Methode zeigt ge - rade auch, wie ſehr er erkannt hat, daß die Gaunerſprache jede ſchwerfällige Methode von ſich weiſt und, getreu der mündlichen Tradition des regſamen Volkslebens folgend, ſich nur an den behenden Wortlaut hält und damit flüchtig in alle Verſtecke des Verkehrslebens ſchlüpft. Jedenfalls iſt aber der in dieſer Weiſe nur dies eine mal in der Gaunerliteratur vorkommende Gauner - brief von Moſcheroſch ſelbſt componirt1)Jm Originalabdruck verſtößt Moſcheroſch ſelbſt mehrfach gegen ſeine Regel; ſo ſchreibt er Trier, welches nach der gewählten Methode, wie auch oben verbeſſert iſt, Tliel geſchrieben werden muß; ſo auch and ſtatt amd für und u. ſ. w., zum Beweiſe, daß er in dieſer Methode ſelbſt nicht geübt war und überhaupt wol nicht viel Briefe derart ihm vorgekommen ſein konnten., wenn es auch nicht un - möglich iſt, daß eine ähnliche leichte Methode unter irgendeiner Gaunergruppe verabredet und im Schwange geweſen ſein mag.
Der ärgſte Galimatias und das entſchiedenſte Hohnſprechen aller Gaunerlinguiſtik iſt aber die in von Train’s „ Chochemer Loſchen “, S. 256, ſo unbegreiflich eigenmächtig wie unwiſſend als „ unter den Gaunern faſt allgemein herrſchende Schrift “bezeich - nete, höchſtens nur als ſpecifiſch ſteganographiſch denkbare Me - thode nach dem Schlüſſel ma, le, fi, ſo, hu, wonach alſo ge - ſetzt wird:
Danach löſt ſich nun der Anfang des S. 258 überſetzten Briefes eines Baldowers an eine Diebsbande:
„ Unſer Vorhaben gegen die rüdlanger Juden kann dießmal nicht ausgeführt werden. Es kommen 6 oder 8 Gendarmen auf den Jahrmarkt “u. ſ. w.
in das (S. 256 abgedruckte) ungeheuerlich wüſte Buchſtabenge - ſchiebe auf:
„ Hnolr vſrumbln glgln dfl rhldemnglr fhdln kmnn dflooame nfcut mhog lihlurt wlrdln. lo kſaaln weh ſdlr klein glndmraln mhi dln fmuramrkt “u. ſ. w.
Von einer Lautſprache kann hier natürlich nicht die Rede ſein. So ſchreibt aber auch kein Gauner. Trotz ſeiner Verſicherung in der Vorrede (S. xiv) hat von Train dieſen Brief in der angegebenen Form keineswegs aus Criminalacten als authentiſches Gaunerſtück ſchöpfen können. Er hat den Brief ſelbſt componirt, wenn er nicht ſelbſt auf das ärgſte myſtificirt worden iſt. Wie könnte auch der Gauner, welcher nach von Train’s Methode ſchriebe, ſo arg aus der Rolle fallen, daß er weh anſtatt wlu und klein anſtatt kefn in voller Klarſchrift ſchriebe, um die Ziffer 6 oder 8 nach von Train’s völlig unerhörter Zahlenmethode zu bezeichnen, die man bei ihm S. 257 findet und welche wirklich ins Fabelhafte geht. Die Zah - len ſollen nach von Train nicht mit Ziffern, ſondern mit einſilbi - gen Wörtern bezeichnet werden. Nämlich:
Dagegen werden die Zahlen nach zwanzig noch farbiger:
Verliert man ſich dabei in Beiſpiele, wie zur Bezeichnung des Lebensalters, ſo wird ein Grüner plötzlich weiß, dann erſt grau, dann braun, und wenn es ſehr hoch kommt, g’färbt. Das ſchlichte, correcte Einmaleins bringt eine furchtbare Revolu - tion in die Theorie der Farben, und die chriſtliche Jahreszahl 1861 iſt: Hanſel klein Hans weiß ja!
Wenn man bei von Train nur mit immer ſteigender eigen - thümlicher Verlegenheit auf jeder Seite die Ueberzeugung gewinnt, daß er ſich auf ein Feld gewagt hat, auf welchem er bei jedem Schritte ſtrauchelt, ſo kann man doch nicht anders, als dieſen octroyirten Beitrag zur Gaunerlinguiſtik reinweg für den barſten Galimatias erklären, zu welchem die Gaunerſprache ſich noch niemals herbeigelaſſen hat und welcher allem möglichen Unſinn Thor und Thür in die Gaunerſprache öffnen muß, um alles ſprachliche Verſtändniß aufzuheben und dafür in der That völlig unartikulirte Laute zu ſubſtituiren.
Wirft man den Blick zurück auf die ganze unheimliche Er - ſcheinung, welche nur aus platter Unwiſſenheit und bodenloſem Aberglauben entſprungen war und länger als zwei Jahrhunderte in den Köpfen vieler Gelehrten ſpukte: ſo muß man über den in - nern Wucher und die dämoniſche Gewalt der Erſcheinung ſtaunen, daß bei der offenliegenden Sinnloſigkeit der Erſcheinung doch eine ſolche Methode des baren Unſinns aufkommen konnte, wie ſie bei Aepinus ſo erſchreckend frei und unbefangen ſogar dem methodi - ſchen Unterricht der Jugend ſich aufdrängte. Der Triumph des193 Dämons über das Volk war um ſo furchtbarer, je ausſchließlicher das glatte Verſtändniß der Steganographie zum ſpecifiſchen Geheim - niß der intriguanten Politik ward, welche mit verſteckter und ab - ſoluter Gewalt das Volk beherrſchte. So konnte denn die ſprach - liche Aufklärung durch Moſcheroſch und Schottelius keine Reſtitu - tion des Volkes werden, ſelbſt auch wenn dieſe Aufklärungen min - der einſeitig geweſen wären, bis dann die ungeſchickte Zuweiſung des Sprachunſinns in das Gaunerthum endlich auf dieſes ſelbſt aufmerkſam machte und zum erſten male ſeit dem Liber Vagato - rum der Blick tiefer auf daſſelbe und ſeine Sprache fiel und ſelb - ſtändige Wörterbücher der Gaunerſprache geſammelt wurden, wie das Verzeichniß des Andreas Hempel, das waldheimer Verzeichniß und die koburger Deſignation. Sind auch die Darſtellungen von Moſcheroſch und Schottelius in ſprachlicher Hinſicht nicht erheblich, ſo liegt doch in culturhiſtoriſcher Hinſicht ein tiefer Ernſt in ihnen, und deshalb hätten Thiele und von Train nicht ſo blind nach der Erſcheinung greifen und noch einmal den unglückſeligen Verſuch machen ſollen, für das Gaunerthum eine Sprachmethode heraufzu - beſchwören, für deren innere Unwahrheit und äußere Schwerfällig - keit daſſelbe viel zu verſchlagen und behend iſt.
Erſt dann, wenn man das große Quellengebiet der deutſchen Sprache und die Bewegung derſelben von dem leichten, natürlichen Rieſeln der zahlloſen kleinen Quellen bis zum mächtigen Zuſammen - fluß in den großen Sprachſtrom überblickt und dabei inne wird, wie das Gaunerthum von dieſem Strome ſich tragen läßt, um darin Leben und Bewegung zu behaupten, gewinnt man den richtigen Be - griff vom Gaunerthum und ſeiner Sprache. Dieſe Gaunerſprache würde die umfaſſendſte deutſche Sprachencyklopädie ſein, wenn ſie alle Sprachgebietstheile, welche ſie berührt, vollkommen erſchöpfendAvé-Lallemant, Gaunerthum. III. 13194ausgebeutet hätte. Sie iſt tief in dies geſammte Sprachgebiet ein - gedrungen und beherrſcht es vollſtändig, wählt aber mit der Po - litik der Nützlichkeit und mit abſoluter Willkür gelegentlich ſeine einzelnen dienlichen Typen aus dem reichen Vorrath und ver - ſieht ſie conventionsmäßig mit der Färbung und Deutung der geheimen Kunſt. Wie überhaupt die Sprache die leiblich gewor - dene Erſcheinung des Geiſtes iſt, ſo iſt auch die Gaunerſprache vollkommen die leibliche Erſcheinung des Gaunerthums, welches das ganze ſocialpolitiſche Leben mit ſeinen Polypenarmen umklam - mert hält. Erſt durch die Gaunerſprache lernt man das Gauner - thum begreifen. Mit ihrer Erkenntniß erſcheint erſt die Geſchichte und Kunſt des Gaunerthums in ihrer vollſtändigen ſittlichen und culturhiſtoriſchen Bedeutſamkeit und hört auf, wie ein ungeord - neter Haufen pikanter Aphorismen und Anekdoten zu erſcheinen. Dieſe Bedeutſamkeit zeigt ſich bei der Gaunerſprache darin, daß ſie durchaus in keine beſondere grammatiſche Stabilität gebannt iſt, ſondern von jeher nur von der deutſchen Volksſprache ſich tra - gen ließ und tief in dieſe Sprache ſich verſenkt erhielt, um ſich in ihr zu verſtecken. Die Grammatik der Gaunerſprache iſt daher nur eine Geſchichte derſelben und der untern Volkselemente, in wel - chen das Gaunerthum lebte, webte und ſich verſteckte, ſo oft es ſich verſtecken wollte. So klärt ſich in der Gaunerſprache das ganze geheimnißvolle Verſteck des geſammten Gaunerthums auf. Jn der ſchrankenlos eigenmächtigen Wahl und Bildung der Wörter und Redensarten, in dem übermüthigen Zwange ihrer Bedeutung wetteifern Geiſt, Witz, Laune, Uebermuth, Hohn, Spott und Frivolität miteinander bis zur misförmigſten Verunſtaltung und Mishandlung des ſprachlichen Lautes: und doch ſind dieſe misge - ſtalteten Wortformen ſtets behend, dem geſammten Gaunerthum begreiflich und geläufig, nicht nur aus grammatiſcher Beliebung und Convention, ſondern auch aus der ganzen Einheitlichkeit des Gaunerthums, welchem das bloße Wort hundertfach zu plump er - ſcheint und welches nicht mit dem Munde allein, ſondern dazu noch mit Miene, Auge, Athem, Stellung, Haltung, Bewegung, Hand und Fuß ſpricht. Schon in den unzähligen Zinken drückt195 ſich dieſe bis zur Verachtung des bloßen Wortes despotiſche Sprachwillkür des Gaunerthums aus, und gerade der Jnquirent mag ſich am wenigſten des Verſtändniſſes des Gaunerthums und ſeiner Sprache rühmen, welcher, wenn ihm auch raffinirte Gauner mit dem Schein der Offenherzigkeit eine Menge Gaunerwörter offenbart haben, doch nicht das faſt großartig zu Nennende vom Gauner und ſeiner Sprache begriffen hat: das, was er redend verſchweigt, den Geiſt des Gaunerthums in, bei und neben der Sprache. Wie lebendig, behend, reich und doch unerforſchlich verſteckt dieſer Geiſt waltet, wie er auch in der Abſtraction von der verbrecheriſchen Genoſſenſchaft mit ſeiner vollen, unheimlichen, verworfenen Gewalt wirken und ſchaffen kann, um Recht und Sitte zu vernichten, davon ſoll ſpäter in der Darſtellung der geheimen Polizeiſchrift Zeugniß gegeben werden.
So ſcheidet ſich denn die Gaunerſprache an und für ſich nicht von dem Boden der deutſchen Volksſprache. Aber ſie hält ſich auf dieſem Boden gebunden an die ganze Eigenthümlichkeit des Gau - nerthums, und dieſes fordert als ſein erſtes Lebenselement das ge - heime Verſteck. Das Gaunerthum ſtirbt ab, ſowie es aus dem Verſteck an das Tageslicht kommt. Daher weſentlich der Wechſel, der Abgang des veralteten und der Zuwachs des neuen Wortvor - raths, wie andererſeits die Beibehaltung des alten, ſolange es Geheimniß bleiben kann. Aber in dieſem ganzen Wortvorrath liegt ein wunderbares hiſtoriſches Geheimniß verborgen, bei deſſen Enträthſelung deutliche Typen nicht nur des Gaunerthums, ſon - dern auch der geſammten Volkselemente, ja manche politiſche Er - ſcheinungen und Ereigniſſe in Erinnerung kommen, wie z. B. während des Dreißigjährigen Krieges die gemiſchten Volkserſchei - nungen deutlich kennbar in der Gaunerſprache ſich bemerkbar machen und mit deren Typen treffend gezeichnet worden ſind. Das macht eben die Analyſe vieler Gaunerwörter höchſt intereſſant und werthvoll neben der häufigen willkürlichen Künſtlichkeit der Wortbildung, bei deren Unterſuchung man den Begriff des ein - zelnen Wortes ſehr oft wie die Auflöſung eines Räthſels ſuchen muß, und wobei es vielfach mehr der logiſchen Operation als der13*196etymologiſchen Analyſe bedarf, ſodaß man in der Gaunerſprache immer den Geiſt über den Wortlaut triumphiren ſieht.
Hat man nun von der geheimen Macht des Gaunerthums einen Begriff bekommen, ſo wird man auch erklärlich finden kön - nen, wie das von der rohen allgemeinen Verachtung in die nie - drigſten Volksſchichten hinabgedrückte Judenthum ſo leicht vom Gaunerthum gefunden und wie bei dem gemeinſamen Bewußtſein der Verfolgung und der Nothwendigkeit des Verſtecks eine Aſſo - ciation zwiſchen beiden herbeigeführt werden mußte, welche an der gegenſeitigen geiſtigen Behendigkeit und an der beiderſeitigen Künſt - lichkeit und Heimlichkeit des geſammten Thuns und Treibens eine vollſtändige Befriedigung, Sättigung und Belehrung fand. Der exotiſche Stoff in der Judenſprache wurde dem Gaunerthum leicht begreiflich, weil auch in der ſprachlichen Coloniſation des Hebräiſchen auf deutſchem Sprachboden das niedere Judenthum dem Gauner - thum auf offenem Wege entgegenkam. Die Aneignung der jüdiſch - deutſchen Volksſprache ſparte dem deutſchen Gaunerthum die große Mühe, welcher alle andern fremden, nicht mit dem Jüdiſchdeut - ſchen geſättigten Gaunerſprachen ſich unterziehen mußten: conven - tionsmäßig allen zur Gaunerſprache herbeigezogenen Wörtern der heimiſchen Volksſprache eine andere beſondere, ſei es bildliche oder ironiſche, Bedeutung zu verleihen, um ſie für die ſpecifiſche Gau - nerſprache zu qualificiren und abzuſchließen. Daher iſt das raſche Eindringen und Auftreten der jüdiſchdeutſchen Volksſprache in der Gaunerſprache erklärlich, welche letztere an und für ſich bei der grellen Farbigkeit der exotiſchen Beimiſchung ſogar einförmiger und dürftiger erſcheint, als ſie in Wirklichkeit mit ihrem großen Reich - thum und ihrer Beweglichkeit iſt.
Auf das beſtimmteſte läßt ſich behaupten, daß die Gauner -197 ſprache das Judendeutſche als ſchon geläufige deutſche Judenvolks - ſprache gefunden und für ſich ausgebeutet hat. Denn es gibt in der That keine deutſche Gaunerſprache ohne jüdiſchdeutſche Wörter, mögen letztere auch durch die ärgſten, bis zur Unkenntlichkeit getriebenen Verunſtaltungen den Schein einer gauneriſchen Ger - maniſirung gewonnen haben. Wol aber ſteht — und das weiſt die ganze reiche jüdiſchdeutſche Literatur nach — die jüdiſchdeutſche Sprache unabhängig von der deutſchen Gaunerſprache da. Die jüdiſchdeutſche Sprache mit ihren wunderlichen Zuſammenſetzungen und Verſchiebungen iſt in ſich reich, geheim und äußerlich un - kenntlich genug, um ſich zu einer abſoluten, vollkommen ausrei - chenden, ſpecifiſch jüdiſchen Gaunerſprache geſtalten zu laſſen, und iſt auch wirklich dazu von ſpecifiſch jüdiſchen Gaunergruppen ge - braucht worden. Nur beſteht neben dieſem zur Gaunerſprache be - nutzten Judendeutſch durchaus kein ſpecifiſch jüdiſches Gaunerthum. Das Gaunerthum hat ſeine beſtimmte gemeinſame Kunſt und durch die jüdiſchdeutſche Sprache nur einen bloßen ſprachlichen Zuſatz, ſo reich und behend dieſer Zuſatz auch iſt und ſo großen Einfluß das zähe Feſthalten der jüdiſchen Eigenthümlichkeit von alters her auf Sitte und Haltung des Gaunerthums geübt hat. Das früh - zeitige Zuſammenfinden der ſchmuzigen chriſtlichen und jüdiſchen Volkselemente hat jedoch in dem gemeinſamen Zuſammenleben und im gemeinſamen Betriebe der Gaunerkunſt den geſammten Wortvorrath beider ſpecifiſchen Sprachweiſen bunt durcheinander geworfen, wobei noch, je nach der überwiegenden Vertretung der Perſonen in einer Gaunergruppe, bald das jüdiſchdeutſche, bald das deutſche Sprachelement und in letzterm wiederum das provin - zielle oder dialektiſche mit ſtärkerer Färbung hervortritt, und wobei überall das Zigeuneriſche, wenn es nicht in einer Zigeunergruppe ganz als zigeuneriſche Volksſprache geredet wird, ſehr ſtark zurück - tritt und in ſeiner leicht kenntlichen Form immer als ein zwar ſehr auffälliger, doch durchgehends vereinzelter Aphorismus ſich darſtellt.
Erſcheint nun die jüdiſchdeutſche Sprache als eine in ſich ab - geſchloſſene eigenthümliche Sprachweiſe der Juden auf deutſchem198 Sprachboden, und hat das deutſche Gaunerthum das Judendeutſch ſehr ſtark zu ſeiner geheimen Kunſtſprache ausgebeutet, ſo iſt das volle Verſtändniß des deutſchen Gaunerthums und ſeiner Sprache ohne Kenntniß des Judendeutſchen durchaus nicht zu erreichen. Das Judendeutſch als ein Hauptſurrogat der deutſchen Gaunerſprache bedarf daher einer nähern Beachtung. Schwerlich mag die Dar - ſtellung der ſeltſamen Wortbildungen und Sprachformungen, denen jede innere ſprachgeiſtige Nothwendigkeit durchaus fehlt und welche im weſentlichen nur eine verkümmerte, dürre, zuſammengezwungene Agglutination der einzelnen ſemitiſchen und indogermaniſchen Sprach - beſtandtheile iſt, den Namen einer Grammatik verdienen. Doch hat dieſe Agglutination jedenfalls ihre ganz beſondere Eigenthüm - lichkeit, und von jeher iſt ſelbſt die kläglichſte Erläuterung der jüdiſch - deutſchen Sprache als Grammatik bezeichnet worden, wenn auch alle dieſe ſehr kümmerlichen, flachen und geiſtloſen „ Grammatiken “ohne Ausnahme bislang nicht einmal eine vollſtändige und klare Darſtellung der nothwendigſten Leſeregeln gaben. Jm Nachſtehen - den ſoll zum erſten male der Verſuch einer jüdiſchdeutſchen Gram - matik gemacht werden. Es iſt dabei zunächſt nur auf die Dar - ſtellung des ſpecifiſchen Judendeutſch, ohne beſondern Bezug auf die Gaunerſprache, abgeſehen, um vor allem die Eigenthümlichkeit ſeines Weſens und ſeiner Zuſammenſetzung wie ſeinen außerordent - lich großen Reichthum an Literatur einigermaßen aufzuklären und in dieſer Spracherſcheinung den ergiebigen Boden erkennen zu laſſen, auf welchem das Gaunerthum eine ſo reiche Ausbeute für ſeine Sprache gemacht hat.
Nach der bereits gegebenen Erläuterung und Etymologie des Judendeutſch oder Jwriteutſch iſt daſſelbe als die von den deutſchen199 Juden geſprochene, mit hebräiſchen, chaldäiſchen und rabbiniſchen Wörtern und Redensarten durchmiſchte deutſche Volksſprache zu bezeichnen, deren hebräiſche, chaldäiſche und rabbiniſche Wörter entweder in reiner Urſprünglichkeit und Flexion als ſtehende Typen eingeſchoben oder auch mit deutſchen Wörtern verbunden und in der Weiſe germaniſirt ſind, daß der mit deutſchen Endungen ver - ſehene hebräiſche, chaldäiſche und rabbiniſche Stamm durchaus deutſch flectirt wird. Die übrigen fremdſprachlichen Zuthaten im Judendeutſch ſind mit geringen Ausnahmen nicht ſpecifiſch jüdiſche, ſondern aus und mit der deutſchen Volksſprache hinzugekommene Beiträge.
Die jüdiſchdeutſchen Grammatiker geben überall keine deut - liche und unbefangene Erklärung des Judendeutſch, was wol dem Mangel an klarer Anſchauung vorzüglich der deutſchen Volks - ſprache zuzuſchreiben iſt. Nur Chryſander gibt S. 4 ſeines bereits angeführten „ Unterrichts vom Nutzen der jüdiſchdeutſchen Sprache “eine kurze und verſtändliche Definition:
„ Juden-Teutſch oder Jbri-Teutſch beſtehet gröſtenteils aus Teutſchen (wiewol in der Ausſprache oft veränderten) Wörtern und Redensarten; Unter welche teils reine Hebräiſche auch Chal - däiſche Ausdrücke, teils Hebräiſche Wörter, die eine Teutſche En - dung und Anfang bekommen, teils einige blos von den Juden willkührlich angenommene Worte gemenget werden. Es wird mit etwas verzogenen Hebräiſchen Buchſtaben von der Rechten zur Linken geſchrieben. Die Juden bedienen ſich deſſelben im Schrei - ben und Reden unter einander in ganz Teutſchland, in Böhmen, in Mähren, in Ungarn, in Pohlen, zu Petersburg, in der groſſen und kleinen Ukraine, zu Avignon in Frankreich, in Lothringen und im Elſas, auch gröſtenteils in Holland, ob ſie gleich die Lan - desſprachen auch können. “
Ungenügend iſt dagegen wieder G. Selig, „ Lehrbuch zur gründ - lichen Erlernung der jüdiſchdeutſchen Sprache “(Leipzig 1792), wo es S. 27 heißt:
„ Die jüdiſchdeutſche Sprache verdient nicht eine eigene und beſondere Sprache genannt zu werden. Sie beſtehet größtentheils200 aus deutſchen Worten, die aber ſchlecht und verdorben pronunciret oder ausgeſprochen werden, und nach eines jeden Juden Lebensart und Fähigkeit mit ebräiſchen, rabbiniſchen, lateiniſchen, franzöſi - ſchen und pohlniſchen Wörtern vermengt iſt. “
Jn dem überaus ſchwülſtigen „ Fürtrag “(den Chryſander, a. a. O., S. 3, gewiß nicht ohne Jronie den „ Vortrab “nennt) zu Wagenſeil’s „ Belehrung der Jüdiſchdeutſchen Red - und Schreib - art “(Königsberg 1699) kann man trotz der erſtaunlichen Breite durchaus keinen klaren Begriff von der jüdiſchdeutſchen Sprache gewinnen.
Viel deutlicher iſt J. H. Callenberg in ſeiner „ Kurtzen An - leitung zur Jüdiſchteutſchen Sprache “(Halle 1733), §. I-III:
„ I. Die Jüdiſchteutſche Sprache iſt eine vermiſchte Sprache, die zwar gröſtentheils aus teutſchen, doch aber auch ziemlichen theils aus hebräiſchen Wörtern beſtehet.
II. Es iſt hier die Rede von einer mercklichen Vermiſchung. Eine geringe Vermiſchung macht keine eigene Sprache.
III. Die teutſchen Wörter, deren ſich die Juden bedienen, ſind aus unterſchiedlichen Dialecten der teutſchen Sprache genommen: z. E. aus dem hochteutſchen, platteutſchen, holländiſchen. Einige Wörter ſind veraltet und auſſer Gebrauch. “
Buxtorf, Pfeiffer und Calvör laſſen ſich auf keine Definition des Judendeutſch ein. Die Meſchummodim nennen es gewöhnlich „ Hebräiſch “oder auch „ Judenſprache “ſchlechthin.
Eine recht klare Anſchauung vom Weſen des Judendeutſch gewinnt man aus der conciſen und prägnanten Zuſammenſtellung des wackern Zunz. 1)„ Die gottesdienſtlichen Vorträge der Juden “(Berlin 1832), S. 439.Sie muß nothwendig hier vollſtändig Platz finden:
„ Jn den frühern Jahrhunderten “, ſo leitet Zunz S. 438 ein, „ hatten die Juden in Deutſchland keine andere Sprache als die ihrer chriſtlichen Landsleute geredet, welche durch die zahlreichen Auswanderungen nach Polen, vornehmlich ſeit dem 14. Säculum, auch in dieſem Lande unter den Juden heimiſch wurde, die daſelbſt201 noch vor 300 Jahren ziemlich richtiges Deutſch ſprachen. 1)Vgl. Actenſtücke aus Wilna vom Jahre 1556 bei R. Salomo Luria, Rechtsgutachten, Nr. 4 und 20; ſogar die Dativendung en bei Eigennamen wurde beobachtet.Allen bis gegen den Schluß des Mittelalters verfaßten Documenten zu - folge ſtanden die deutſchen Juden in der Sprache — bis auf ein - zelne Redeweiſen und hier und da die Ausſprache — den deut - ſchen Chriſten gleich. 2)Vgl. die deutſchen Worte bei Raſchi, R. Elieſer Ben Nathan, dem Com - mentar der Chronik, dem Commentator des Alfaſi (z. B. Erubin c. 10, ed. Sklow, f. 125 a:〈…〉〈…〉, Mörſer), R. Meir Rothenburg, dem ältern〈…〉〈…〉 (S. 41, 53, 74, 82 u. ſ. w.), dem Buche〈…〉〈…〉, den Rechtsgutachten von R. Jakob Levi, R. Jakob Weil, R. Moſes Minz, R. Jſaak Stein (zu〈…〉〈…〉, f. 292 c: „ unter den Achſeln “). Schon im 14. Jahrhundert wurden hebräiſch-deutſche Wörterbücher angelegt (vgl. Cod. Vatic., 417, und〈…〉〈…〉 in Oppenheim’s „ Katalog “, S. 688). Bemerkenswerth ſind:〈…〉〈…〉 (Erdbeeren, ſ. Piske Tosafoth Bera - choth, Nr. 136),〈…〉〈…〉 (gelb, R. Meir Rothenburg, Rechtsgutachten, Nr. 631).Aber ſchon im 16. und noch ſtärker in den beiden folgenden Jahrhunderten bildete ſich der Dialekt der Juden zu einem eigenen ſogenannten Jüdiſch-Deutſchen aus, in welchem hebräiſche, eigene jüdiſche und veraltete deutſche Ausdrücke in gleicher Menge vorhanden waren. Da alle Gemeinſchaft im Leben und in der Wiſſenſchaft abgebrochen und aus der frühern Zeit keine Cultur vererbt war: ſo artete die Sprache der deutſchen und mehr noch der polniſchen Juden zu einem das Fehlende theils aus dem Hebräiſchen, theils aus nach eigener — bald hebräiſcher, bald nur verdekbter und veralteter — Flexionsweiſe gebildeten Worten ergänzenden Dialekte aus, der durch Bücher und ſchlecht redende Ael - tern und Lehrer verewigt und durch die allmähliche Vermiſchung mit fremdartigen, z. B. polniſchen, franzöſiſchen und holländiſchen Worten nicht ſelten ein unkenntliches Deutſch wurde. So wurden vier Elemente Beſtandtheile der bei den Juden üblichen deutſchen Sprache:
1) Das Hebräiſche, und zwar für Gegenſtände aus dem Kreiſe des Judenthums3)(a. S. 439) 〈…〉〈…〉u. dgl. m. und des jüdiſchen Lebens4)(b.) 〈…〉〈…〉u. a. m., bei Begriffsformen,202 mit denen die jüdiſchen Studien vertraut machten1)(c.) z. B. 〈…〉〈…〉., verſchiedenen Ausdrücken aus der Sprache des täglichen Lebens2)(d.) Als:〈…〉〈…〉. und einigen andern Gegenſtänden, die man abſichtlich nicht mit dem deutſchen Worte benannte. 3)(e.) 〈…〉〈…〉u. ſ. w.
2) Compoſitionen des Hebräiſchen und der Landesſprache in vierfacher Weiſe. 4)(f.) Nämlich 1. das deutſche Hülfsverbum ſein zu dem hebräiſchen Par - ticipium, z. B. 〈…〉〈…〉; 2. deutſche Flexionen hebräiſcher Wörter, z. B. Verba durch die Endſilben en oder n (〈…〉〈…〉) und die Vorſilbe ver (〈…〉〈…〉); Adjectiva (〈…〉〈…〉aus〈…〉〈…〉 und ich) u. ſ. w.; 3. Zuſammenſetzungen, als〈…〉〈…〉 (ein Armer „ von “, d. i. ein Unbemittelter von Stande),〈…〉〈…〉 (verderbt〈…〉〈…〉), d. i. die Feierlichkeit, wenn dem Kinde der deutſche (profane〈…〉〈…〉) Name gegeben (ausgerufen,〈…〉〈…〉) wird, ſ. R. Moſes Minz, Rechtsgutachten, Nr. 19; 4. zu Wörtern erhobene Abbreviaturen, z. B. 〈…〉〈…〉(Reichs-Thaler).
3) Ungebräuchliches oder fehlerhaftes Deutſch, theils in Anwen - dungen für die jüdiſchen Gebräuche5)(a. S. 440) z. B. aufrufen (zur Thora), lernen (als religiöſes Studium), ſagen (〈…〉〈…〉u. dgl. ), geben (den〈…〉〈…〉). und in Judaismen aller Art6)(b.) Dazu gehören: unrichtige Ausſprache und Schreibung (au für o,〈…〉〈…〉 für achtbaren, gel für gelb, ſ. S. 201, Note 2), eigene Flexionen und Conſtructionen (heit ſtatt keit, mir ſtatt wir, neiert ſtatt nur), beſon - derer Gebrauch der Wörter (z. B. einen Schüler ausſtellen, zwicken, Schule, ſich kriegen ſtatt ſtreiten, gerecht ſein ſtatt recht haben), Redensarten und Sprichwörter (〈…〉〈…〉), will - kürliche Bildungen, z. B. jüdiſchen (beſchneiden), tätſchen (auf dem Schau - fer blaſen, vgl. 〈…〉〈…〉). Manche Wörter weiß ich nicht genügend zu erklären, z. B. bimelch (gelaſſen oder ſanft, ſ. Wagenſeil, „ Belehrung “, S. 308, 309), Gimgold, Grais (Fehler,〈…〉〈…〉), Ketowes (Räthſel), leinen (jüd. Theriak, f. 4 a, 13 b, leſen. Zunz vergißt hier das Rabb. 〈…〉〈…〉, vgl. Targ. Je - rusal. zu Deuteron., 32, 30),〈…〉〈…〉 (Tos. Meila, f. 17 b, eine Art Gnom), patſchen, ohrfeigen.,203 theils in einer beträchtlichen Anzahl von alten, veralteten oder provinzialen Ausdrücken beſtehend. 1)(c.) z. B. as (daß, vgl. Hebel, „ Allem. Lieder “), Beem (Bäume, vgl. Böme, bei Grimm, „ Deutſche Grammatik “, I, 653). Befelch (ſchwei - zeriſch), bitzel (wenig, vgl. Hebel), Breiluft (Hochzeit, ſchon bei Ottfried und im Schwabenſpiegel, vgl. Wachter, „ Spec. gloss. “, S. 163; Grimm, II, 195), bucken (älteres Deutſch), derheim (daheime, Nibel., 2116), enk (ihr, vgl. Grimm, I, 340), eppes (etwas, ſchweiz. öbbes), Ette (Vater, vgl. Hebel, a. a. O.; Wachter, a. a. O.. S. 70), forchten (vgl. Nibel., 9181; Grimm, II, 207), Gegitter (vgl. Luther, „ Prov. “, 7, 6), Gewinnerin (Kindbet - terin), gleich (witzig) reden (vgl. Heynatz, „ Antibarbarus “, II, 64), Gebird (Geflügel, iſt angelſächſiſch, vgl. Grimm, II, 236; engl. bird), greinen (ſchreien, iſt mittelhochdeutſch, vgl. Grimm, a. a. O., S. 13), Grüben (Reſte von ausgeſottenem Fett, vgl. Hebel), geſchach (vgl. Nibel. 3270, die Vorſilbe ge in gefinden u. ſ. w. iſt althochdeutſch), heint (heut, vgl. hinto in der Schweiz), Huzel (getrocknetes Obſt, iſt ſüddeutſch), itzundert oder jetzund, jedweder, Jungling u. dgl. m. (vgl. Nibel., 7362, 6746), kuſſen (bei Nibel. chuſſen), Krein (provinzial für Meerrettich, welches Wort ebenfalls üblich war, vgl. Commentar zu Alfasi Pesachim, c. 2, f. 13 a), königen (altdeutſch), Kuchel (Kuchen) oder Kugel, die Sabbatſpeiſe (vgl. Marga - ritha, „ Der jüdiſche Glaube “, S. 28; Matthäi, „ Sabbath “, S. 84; Anton, „ Gebräuche u. ſ. w. “, II, 29), lugen (ſehen), Labbich (Narr, ehemals Lapp), Legel (Schlauch) und Leilach (ſämmtlich älteres Deutſch), min (mehr, alt - deutſch me), Marmelſtein (Nibel., 1631), mitſammt (ebend., 120), nit oder niſcht (altd. und ſchweiz. ), nu (Nibel., 1912), preichen (keuchen, vgl. prauſchen bei Heynatz, a. a. O.), rudeln (ſ. Adelung unter Rudel), ſtiffen (vgl. althochd. ſtieben), Schlatten (deutſch Schlote), ſchlippern (ſchlüpfen), Spendel (althochd. Spenala), Schwäher (ſwehr bei Nibel., 4305, hat Luther), Sach (ebend., 1620), Sun (Sohn, vgl. ſunu), Söll (iſt ſchwediſch, vgl. Schwelle), Tate (Vater, vgl. Wachter, a. a. O., S. 71), toren (dürfen, vgl. geturren, Nibel., 5868), umholſen (vgl. helsjan, iſt veraltet), vereilen (verſäumen), verzucken (für das hebr. 〈…〉〈…〉, ſoviel als entrücken, iſt veraltet), Wärmbde (ſagte man im 16. Jahrhundert), weder (ſtatt als), wellen (wollen; vgl. Nibel. ), Zimmis (vgl. Hebel), Zwehl (iſt Provinzialismus, vgl. Zwillich), Zagel (Schweif, mittelhochd.).
4) Aus der Fremde ſtammende Ausſprache und Wörter. “2)(a. S. 441) z. B. Almemor (ſchon bei Raſchi zu Succa, f. 51 b; Sota, f. 41 a; vgl. Margaritha, a. a. O., S. 261, der es falſch von memoria ableitet, vgl. Conde, „ Geſchichte der Mauren “, Th. II, Kap. 49), babbeln (babiller), benſchen (benedicere), Breitel (baretta), chodſche (obgleich, polniſch chociaz, choc), entſpauſen (R. Jakob Levi, Rechtsgutachten, Nr. 101; vgl. sposare), Gerimſel (〈…〉〈…〉, Tosafoth Pesachim, f. 37 b,〈…〉〈…〉
204So klar dieſe kurze Darſtellung auch iſt, ſo überraſcht es — ganz abgeſehen davon, daß manche in den Noten angeführte Beiſpiele keineswegs richtig aufgefaßt, abgeleitet und erläutert ſind — doch ſehr, daß Zunz bei ſeiner ſcharfen und glücklichen Bezeichnung der Elemente des Judendeutſch, im Widerſpruch mit dieſer Darſtellung und den von ihm in ſeinen Noten zahlreich an - gegebenen Beiſpielen, welche, bei überall richtiger Ableitung, ſeine hiſtoriſche Anſicht geradezu widerlegen, über das Alter des Juden - deutſch ſo leicht hinweggeht und S. 438 die eigentliche Heranbil - dung deſſelben erſt dem 16. Jahrhundert zuweiſt und es auch nur in dem Abbruch aller Gemeinſchaft der Juden mit dem deutſchen Volke im Leben und in der Wiſſenſchaft begründet findet, während2)Piske Tos., ebend. Kap. 2, Nr. 120,〈…〉〈…〉 in〈…〉〈…〉, ed. Crac. 1579, f. 15 d,〈…〉〈…〉 bei〈…〉〈…〉, §. 340, am richtigſten〈…〉〈…〉 in Mor - dechai, „ Berachoth “, Kap. 6; vermicelle, eine im Topfe gebackene Mehlſpeiſe), Jilgentag (von Gilge, franz. Giles, der Aegidientag oder 1. Sept., vgl. Biblioth. Uffenb., S. 114, 283), Kauleſch (ein Backwerk, vgl. R. Salomo Luria, Rechtsgutachten, Nr. 57, poln. kolacz), Kreppchen (〈…〉〈…〉, f. 109 d, 111 c, Piske Tosaf. zu Pesachim, Nr. 102, Mordechai zu Beza, Kap. 2,〈…〉〈…〉, ed. Cremon., f. 23 b, ital. crespello, franz. crêpe, Gebackenes), Lockſchen (〈…〉〈…〉, a. a. O., „ Gerimſel “), Luzer (lucerna), Milgraum (melagrana), nebbach (leider oder Gott bewahre; ſcheint polniſchen Urſprungs), Nitel (natale, Weihnachten), oren (orare), Pilzel (pulcelle), pregeln (röſten, ital. frigere), planjenen (piagnere, plango) Plett (billet), Plo - ten (Schürze u. dgl., poln. plotno, Leinwand), preien (einladen, prier), Poliſch (vor der Synagoge, etwa Palas, Nibel. 2057?), in die Quiſt (qui - ſten holländ., verſchwenden), Sandek (〈…〉〈…〉, früher〈…〉〈…〉, vgl. Jalkut. Pſ., f. 102 a unten, Syndikus), Sargenes (〈…〉〈…〉, §. 316, f. 52 a, Hagadoth Maimonioth zu Sabb., Kap. 30,〈…〉〈…〉 f. 53; vgl. sargano, sargia,〈…〉〈…〉 bei de Roſſi, „ Var. Lect. “, Th. I, S. clx iſt surcot), Schalet (bei den deutſchen Juden die Sabbatſpeiſe, vgl. Anton, „ Gebräuche “, II, 29; Boden - ſchatz, II, 152. Das hebr. 〈…〉〈…〉kommt in〈…〉〈…〉, Nr. 70, vor:〈…〉〈…〉, vgl. ital. scaldato), Schkedeln („ Hand - lexikon der jüdiſchen Sprache “[Prag 1773], S. 158, vgl. scatola), Spin - holz (bereits〈…〉〈…〉, f. 32, vgl. Schudt, Th. IV, Fortſ. 3, S. 84, eine der Hochzeit vorangehende Luſtbarkeit, ſtammt von dem ital. spinalzare, in der Vulgärſprache ſpielen und ſich beluſtigen), Tenar (die Hand, ϑέναρ), tor - nen (tornare), Trop (Raschi zu Kidduschim, f. 71 a,〈…〉〈…〉, f. 49, ver - muthlich τρόπος), uzen (vgl. uciecha, Beluſtigung), vernannt (holländ. vernaamd).205 er die gerade in der Sprache ſo charakteriſtiſch bezeichnete Zuſam - menſchiebung und Vermiſchung der ganzen Eigenthümlichkeit und hinwiederum die Bewahrung der ſtarren Beſonderheit und Origi - nalität jedes der beiden zuſammengerathenen volksthümlichen Facto - ren nicht gehörig beachtet und hervorhebt. Führt Zunz z. B. aus dem Commentator des Alfaſi (ſ. S. 201, Note 2) das Wort〈…〉〈…〉, Mörſer, und ebend. 〈…〉〈…〉, Erbern1)Vgl. Th. I, S. 46, Note 3, Ulrich von Reichenthal über das Koſtnitzer Concil: „ Das man inn dem Aychorn guten erbern weyn ſchenkt “u. ſ. w. (Erdbeeren), und〈…〉〈…〉, gel (gelb), an, ſo ſind dieſe durchaus althochdeutſchen Wörter keine ſpe - cifiſchen Beweiſe von dem „ richtigen Deutſch der Juden in den frühern Jahrhunderten “, ſondern überhaupt nur einfache Beiſpiele davon, daß die Juden deutſche Wörter gebrauchten und mit hebräi - ſchen oder deutſch-rabbiniſchen Buchſtaben richtig wiedergaben. Da - gegen finden ſich in den allerälteſten, weit vor das 16. Jahrhundert reichenden Urkunden der Gaunerſprache die farbigſten jüdiſchdeut - ſchen Wörter und noch dazu oft ſo durchaus germaniſirt, daß man daraus auf einen ſchon ſehr alten Uebergang in den Volksmund und auf einen ſchon ſehr langen Beſtand darin ſchließen muß, wie z. B. im Vocabular des züricher Bürgermeiſters Gerold Edlibach vom Jahre 1488 divret, geſächen, von〈…〉〈…〉; wittich, tor oder nar, von〈…〉〈…〉, verſchließen, an Hand und Zunge gelähmt, lin - kiſch ſein (vgl. Th. I, S. 12); buß, hus, von〈…〉〈…〉, Haus; alcha, gan, von〈…〉〈…〉, gehen; jochhem, win, von〈…〉〈…〉, Wein, u. ſ. w. Selbſt unter den elf Vocabeln des noch 100 Jahre ältern Nota - tenbuchs von Dithmar von Meckebach2)S. Notwelſch von Hoffmann von Fallersleben, „ Weimariſches Jahr - buch für deutſche Sprache, Literatur und Kunſt “, Bd. I, Heft 2, S. 328 fg. finden ſich entſchieden jüdiſchdeutſche Ausdrücke, wie Ebener, lusores, nicht (wie Hoff - mann von Fallersleben erklärt) von falſchen Würfeln, Paſchwer - fen oder „ eben werfen “, ſondern von〈…〉〈…〉, eben, ewen, Stein, weil alle Wurf - und Würfelſpiele urſprünglich mit Steinen oder ſteinernen Würfeln geſpielt wurden, während die knöchernen Wür - fel ſehr viel ſpäter vorkommen; Schenenwerfer, reseratores206 serarum cum uncis, nicht (wie Hoffmann erläutert) von Schene, Schiene, ſchienenartige Befeſtigung, ſondern von〈…〉〈…〉, schen, Zahn, weil die Schlöſſer mit den uncis (Echeder) wie mit einem Zahn - brecherinſtrument aufgebrochen werden; Nuſſer, fures denario - rum ex peris, nicht (wie Hoffmann ſagt) vom ahd. nuscari, Spangenmacher (?), ſondern wol vom chald. 〈…〉〈…〉, abfallen, von Laub oder Früchten, abſchütteln, abſtreifen, alſo den Ranzen, den Geldgürtel leicht machen, plündern u. ſ. w. Ein ſehr bedeutſames Zeugniß für das hohe Alter des Judendeutſch gibt ſchon J. Bux - torf, welcher zuerſt die Aufmerkſamkeit auf daſſelbe lenkte in ſeinem „ Thesaurus grammaticus linguae sanctae hebraicae “, S. 639, 640 (Lectionis Hebraeo-Germanicae usus et exercitatio): „ Ne - que certe et haec res suo fructu caret. Etenim characteres ejus scripturae (Hebraeo-Germanicae) accurate nosse, non solum ad Germanica legenda prodest, sed et ad Hebraea ipsa manuscripta. Testantur id bibliothecae principum, et vel una maxime Illustrissimi Electoris Palatini, aliarumque Academia - rum inter Christianos, in quibus aliqua manuscriptorum He - braicorum copia est: testari poterunt id singuli, qui manu - scriptos libros Hebraicos habent. Hi non tantum quadrato biblico, sed et Germanico charactere exarati sunt. At quotus - quisque inter nostros reperitur, qui eos vel legat vel intelli - gat? In talibus autem, quin multa arcana contineantur, quae historiam Hebraicam mirifice illustrarent, si a peritis legeren - tur, nihil est dubitandum. Sic Judaei in literis quotidianis familiaribus et quibuslibet scriptis suis communiter hodie eodem charactere utuntur. Ista legere nemo poterit, nisi hujus scribendi rationis peritus. Testis sit pulvis, qui tales libros ubertim operit. At Germanicam linguam characteribus He - braicis describere, hodie est usitatissimum. Sic inter se non tantum vulgaria quaeque Germanice scribunt, sed et plurimos libros in Germanicam linguam conversos habent, et in dies plures convertunt. “
Den entſchiedenſten Beweis für das hohe Alter des Juden - deutſch, welches mit dem Colonenthum der Juden auf deutſchem207 Boden beginnt, gibt aber der ganze Sprachbau des Judendeutſch, beſonders des jüdiſchdeutſchen Vocalismus und Diphthongismus, welcher, wie er auch heute noch in der deutſchen Verkehrsſprache der Juden ausgeprägt iſt, weit entfernt, eine jüdiſche Eigenthüm - lichkeit zu ſein, das volle Gepräge des Althochdeutſchen und Alt - niederdeutſchen an ſich trägt und den beſtimmten Beweis liefert, wie tief das Judenthum ſogleich bei ſeinem erſten Erſcheinen auf deut - ſchem Boden in Weſen und Sprache des deutſchen Volkes einge - drungen iſt und wie die wunderbare innere Zähigkeit und wie - derum die ebenſo wunderbare Fügigkeit des Judenthums das auf deutſchem Boden Erworbene beſtändig treu und zäh feſtgehalten hat, vielfach ſogar treuer und zäher als das deutſche Volk ſelbſt, ſodaß man das in der Verkehrsſprache des deutſchen Volkes längſt aufgegebene und vergeſſene Althochdeutſch und Altniederdeutſch mit überraſchender Kundgebung im Jüdiſchdeutſchen aufbewahrt findet. Auf der andern Seite iſt die jüdiſchdeutſche Sprache wieder mit äußerſter Gefügigkeit der deutſchen hiſtoriſchen Sprachwandelung gefolgt, ſodaß man ebenſo viel Mittelhochdeutſches wie Neuhoch - deutſches im Judendeutſch deponirt findet und ſomit das Juden - deutſch eine große Zuverläſſigkeit in Bewahrung der deutſchen Sprachwandelungen aller Phaſen beſitzt, welche ſehr überraſcht und für die deutſche Sprachforſchung von Wichtigkeit iſt.
Es liegt in der eigenthümlichen Stellung des jüdiſchen Vol - kes in Deutſchland und in der eigenthümlichen Natur der jüdiſch - deutſchen Volksſprache, daß von einer Literatur, d. h. von dem Jnbegriff der in Sprache und Schrift gegebenen Erzeugniſſe des menſchlichen Geiſtes, aus denen man vorzugsweiſe den Gang der geiſtigen Entwickelung erkennt, nicht füglich vor Erfindung der208 Buchdruckerkunſt die Rede ſein kann. 1)Doch mögen Handſchriften genug vorhanden ſein, die weit über die Erfindung der Buchdruckerkunſt hinaufreichen. Machte doch Steinſchneider im „ Serapeum “, Jahrg. 1848, S. 313, Hoffnung auf eine Zuſammenſtellung von Handſchriften außer ſeinem trefflichen Katalog gedruckter Bücher. Ob dieſe Zu - ſammenſtellung ſeitdem geſchehen iſt, habe ich in der That nicht erfahren kön - nen. Vgl. auch, was Zunz, a. a. O., S. 438, Note 6, über die vaticaniſchen Wörterbücher anführt.Die Geſetzbücher und alle wichtigen Schriften und Documente wurden bis dahin überall in hebräiſcher Sprache, in welcher ſich auch ausſchließlich die Poeſie bewegte, geſchrieben, und das Judendeutſch entſtand ja aus dem Bedürfniß und Streben, das im Judenthum ſich in Sitte und Sprache geltend machende deutſche Volkselement mit den heiligen Schriften und deren Sprache möglichſt in Verbindung zu bringen und dabei Weſen, Cultur und Hoffnung des Judenthums in alter Urſprünglichkeit aufrecht zu erhalten. Daraus erklärt ſich die eifrige und einzig in ihrer Art daſtehende, wahrhaft volkseigen - thümliche Opferbereitwilligkeit, mit welcher ſich das Judenthum der kaum erfundenen Buchdruckerkunſt in einer ſo lebendigen Weiſe bemächtigte, daß die Geſchichte derſelben ganz beſonders bei dem Judenthum merkwürdig und intereſſant erſcheint. Schon 34 Jahre nach Erfindung der Buchdruckerkunſt gab Meſchullam Coucy zu Pieve im Paduaniſchen die vier Turim und im folgenden Jahre (1475) Abraham Ben Garton den Raſchi zum Pentateuch zu Reggio in Calabrien heraus. Noch im 15. Jahrhundert wurde die nach - gehends als Stammutter vieler italieniſchen Druckereien berühmt gewordene Druckerei zu Soncino errichtet. Schon 1515 — 17 wurde zu Venedig von Daniel Bomberg aus Antwerpen die erſte große rabbiniſche Bibel und 1520 der ganze babyloniſche Talmud in 12 Foliobänden gedruckt. Jn der zweiten Hälfte des 16. Jahr - hunderts kamen die bedeutenden Druckereien in Prag, Krakau und Lublin, ſpäter die großartigen Druckereien in Amſterdam, Wien und Berlin auf. Von dem regen Eifer des Judenthums gibt die Thatſache einen ſchlagenden Beweis, daß binnen 250 Jah - ren von den etwa drei bis vier Millionen Mitgliedern der zerſplit -209 terten Judengemeinden es möglich gemacht wurde, mehr als 6000 verſchiedene Druckwerke zu verbreiten. 1)Vgl. Joſt, „ Geſchichte des Judenthums “, III, 258.
Bei weitem weniger die Rückſicht auf das weibliche Geſchlecht, auf die „ ungelernte “Jugend und auf das in Deutſchland beſon - ders ſchwer verfolgte, gequälte und in ſchrecklicher Verkümmerung hinvegetirende niedere jüdiſche Volk, welches nicht „ lernen “(oder „ Thora lernen “, d. h. mit dem Studium der heiligen Geſetzbücher aus den Quellen ſich befaſſen) konnte, als die Rückſicht auf das trotz allen Widerſtandes doch allmählich immermehr in das Juden - thum natürlich und unabweisbar vordringende deutſche Element, welches dem jüdiſchen Elemente vielfach Abbruch zu thun drohte, und die Rückſicht auf den ungeheuern Erfolg der deutſchen Volkspoeſie und der Luther’ſchen Bibelüberſetzung ſcheint auf die Nothwendigkeit hingewieſen zu haben, die heiligen jüdiſchen Schriften, Sprüche und Erzählungen weiſer Lehrer, Synagogen - und Hausgebete u. dgl. in einer populären, beiden Elementen Rechnung tragenden Sprache dem verſunkenen jüdiſchen Volke wieder zugänglich und verſtänd - lich zu machen und durch gewählte Erzählungen, Sittenbücher und Volksſchriften auf das Volk zu ſeiner Erbauung, Unterhal - tung und ſittlichen Hebung günſtig einzuwirken. Die ſchon aus - gebildete jüdiſche Sprache mit ihren längſt populär gewordenen hebräiſchen Reminiſcenzen, welche auch den in der deutſchen Sprache ſchlecht bewanderten Ueberſetzern, meiſtens Rabbinern, ſich auf - drängten, wenn dieſe eine reine deutſche Ueberſetzung geben woll - ten, machte ſich bei dem beabſichtigten Zwecke ſehr ſtark geltend. So entſtand in der aus den verſchiedenartigſten Sprachſtoffen com - primirten unnatürlichſten Sprache der Welt, wie keine andere Sprache auch nur ähnlich gefunden wird, eine ſo reiche, in die vollſte Tiefe des religiöſen, wiſſenſchaftlichen, ſittlichen und über - haupt ſocialpolitiſchen Lebens hineingreifende Literatur, daß man von Erſtaunen über dieſe Fülle hingeriſſen und von Wehmuth ergriffen wird, daß ſolche Spenden in ſolchen widerwärtig arm - ſeligen Formen gegeben wurden. 2)Wie armſelig erſcheint die Sprache in dem prächtigen〈…〉〈…〉 desSeitdem unter dem NamenAvé-Lallemant, Gaunerthum. III. 14210des Eliah Levita 1544 zu Koſtnitz die erſte jüdiſchdeutſche Bibel - überſetzung erſchienen war, folgten raſch noch andere, mehr oder minder vollſtändige Ueberſetzungen, unter welchen die ſpätere (1622) für Frauen (〈…〉〈…〉) des Jakob Bar Jſaak zu Prag und die 1676 zu Amſterdam von Joſeph Bar Alexander Witzenhauſen wie auch die minder tüchtige des Jekuthiel B. Jſaak (Blitz) eben - daſelbſt (1679) Beachtung verdienen. Eine ſehr große Menge Sittenbücher, Erzählungen aus dem Talmud, Geſchichtsbücher (Maáſebücher), Chroniken wurden hier und dort gedruckt. Es wur - den bibliſche Geſchichten, wie der Verkauf Joſeph’s (Mechirus Joseph), der Kampf David’s mit Goliath, die Geſchichte Eſther’s (Ahasverusſpiel), dramatiſch bearbeitet, beſonders für die Auffüh - rung am Purimfeſte. Auch in die deutſchen Sagenkreiſe wie in die deutſche Volkspoeſie und Volkserzählung drang die jüdiſch - deutſche Literatur hinein, wie z. B. ausweiſt: „ Ein ſchön Maaſe von König Artus’ Hof (Ritter Wieduwilt) “; „ Beſtändige Lieb - ſchaft von Pleris und Blankeflier “; „ Hiſtorie von Ritter Sig - mund und Magdalena “; „ Die Sieben weiſen Meiſter “; „ Ge - ſchichte des Fortunatus mit ſeinem Seckel und Wünſchhütlein “; „ Kaiſer Octavianus “; „ Seltzame und kurzweilig Geſchichte der Schildbürger “; „ Eulenſpiegel “u. ſ. w. So breitete ſich auch die Literatur auf das Gebiet der Geſchichte, Dogmatik, Polemik, Ethik, Liturgik, Aſcetik, Exegetik, Phyſik und über faſt alle das ſittliche, religiöſe und bürgerliche Leben berührende Gebiete aus, ſodaß hier ein großer und, bei der Unbekanntſchaft mit dem Juden - deutſch, noch ganz verborgener Literaturſchatz vorhanden iſt, über welchen ſchon J. Buxtorf in ſeinem „ Thesaurus grammaticus “,2)Salamo Ben Gabirol (1674), wo es (〈…〉〈…〉) in buchſtäblich genauer Uebertragung heißt: „ Wer kann vollenden dein Achperkeit (Achtbarkeit, Ehre, Herrlichkeit)? Jn dein Thun beſchaffen ſie zu zählen durch ihr die Täg und Jahr und Zeit die angebreiten und zu machen Sprazen (Sproſſen, Zweige) durch ihr Bäume, die da machen Obſt und ſüße Sänftung von der Maſol (Geſtirn) das da heißt〈…〉〈…〉 und Ausziehung das Maſol〈…〉〈…〉 gefeißt und zweighaftig ſechs Chodoſchim (Monate) geht. “— Welche Sprache, wenn auch zur Zeit des tiefſten Verfalls der deutſchen Sprache ſelbſt!211 S. 640 — 643, eine kurze Ueberſicht gibt, Chryſander in ſeiner Ab - handlung „ Vom Nutzen des Judendeutſch “, S. 9 — 19, ſchon einen bedeutenden Nachweis liefert1)Auch Eiſenmenger, „ Entdecktes Judenthum “, führt am Schluß des Re - giſters über die von ihm benutzten Werke vierzehn „ Teutſch-hebräiſche Bücher “an., bis dann M. Steinſchneider in Naumann’s „ Serapeum, Zeitſchrift für Bibliothekwiſſenſchaft, Handſchriftenkunde und ältere Literatur “, Jahrg. 1848, Nr. 20 — 24; Jahrg. 1849, Nr. 1 — 3, 5 — 9, nach einem handſchriftlichen Katalog der Oppenheim’ſchen Bibliothek zu Oxford2)Die von Steinſchneider mit Recht „ eine in ihrer Art einzige Bücher - ſammlung “genannte Bibliothek des ehemaligen Rabbiners David Oppenheim zu Prag mußte leider in das Ausland übergehen, da kein deutſches Land den billigen Kaufpreis bewilligte. So bildet dieſe Bibliothek einen höchſt ſeltenen und merkwürdigen Hauptſchmuck der Bibliothek zu Oxford. ein höchſt werthvolles Verzeichniß gegeben hat, auf welches hier verwieſen werden muß.
Es muß auf den erſten Anblick überraſchen, daß eine ſo große und weitgreifende Literatur, wie die jüdiſchdeutſche Sprache ſolche aufzuweiſen hat, aller und jeder Grammatik entbehrt und daß ge - rade das Judenthum, welches die jüdiſchdeutſche Literatur als ſeine ſpecifiſche Eigenthümlichkeit in Anſpruch nahm, durchaus an keiner Grammatik ſich verſucht hat und daß auch bis zur Stunde alle ſogenannten jüdiſchdeutſchen Grammatiken und Lehrbücher nur auf eine ſehr dürftige Anweiſung zum Leſen und Schreiben beſchränkt geblieben ſind. Man kann dieſen Mangel nicht auf die allgemeine Wahrnehmung ſtützen, daß ein Volksdialekt beſonders darum einer ſpecifiſchen Grammatik entbehrt, weil er in der Fülle ſeines leben - dig hervorſprudelnden Sprachreichthums mit natürlichem Gefälle immer dem Hauptſtrome zuſtrebt, um, von dieſem ergriffen, in die gemeinſame Geſammtſtrömung aufzugehen, welche eben erſt in14*212der Geſammtheit eine einige Regelung zuläßt, ja ſogar fordert: das Judendeutſch iſt kein deutſcher Volksdialekt. Der Grund des Mangels liegt darin, daß die gewaltſame, dichte Compreſſion ſo heterogener Sprachſtoffe das Ganze ſowol in der Totalität ver - dunkelte, als auch das Einzelne in der Totalität für die Analyſe ſchwierig und unlöslich und darum die ganze Grundlage trübe und unkenntlich machte. Vermöge der argen Verkümmerung des Judenthums und ſeines Abſchluſſes von aller deutſchen Bildung verſtanden die Literatoren der jüdiſchdeutſchen Sprache von der deutſchen Sprache nur den wildwüchſigen deutſchen Volksdialekt, in deſſen Bereiche ſie lebten. Die um Verbreitung der Cultur unter ihr Volk bekümmerten, ſelbſt gelehrteſten Rabbinen waren durchgehends in der deutſchen Grammatik ganz unbewandert. Auf der andern Seite waren die chriſtlichen Orientaliſten, deren Auf - merkſamkeit das Judendeutſch nicht entgehen konnte, ſo befangen in dem im Judendeutſch ſich kundgebenden hebräiſchen Elemente, daß ſie nur dieſes aufgriffen und die ohnehin auch von ihnen nicht gründlich erforſchte deutſche Sprache als den Hauptfactor des Judendeutſch überſahen. So blieb auch ihnen das Judendeutſch eine ſpecifiſch jüdiſche Eigenthümlichkeit, und aus dieſer ſtillſchwei - genden Anerkennung ſolcher ſpecifiſch jüdiſchen Eigenthümlichkeit des Judendeutſch erklärt ſich die merkwürdige Erſcheinung, daß ſeit der an Stelle der von Karl V. her beſonders ſchlimm getriebenen Judenverfolgungen allmählich auftauchenden ungelenken Proſelyten - macherei die von den chriſtlichen Orientaliſten aufgenommene jüdiſch - deutſche Grammatik auch ſpäter nicht über die dürrſte Anleitung zum Leſen hinausging und in der von ihnen in die Hand ge - nommenen Miſſionsliteratur das kaum von ihnen tiefer aufgefaßte und berückſichtigte ſpecifiſch jüdiſche Element im Judendeutſch im - mermehr verblich, bis man endlich in dieſer Miſſionsliteratur nichts anderes wiederfindet als die Ueberſetzung deutſcher Schriften in das Deutſche mit jüdiſchdeutſchen Lettern1)Das gerade iſt es, was neben der ungelenken und leider oft ſo ſehr eiteln Scheingelehrſamkeit der chriſtlichen Verfaſſer, welche doch nicht tiefer in, während im Gegen -213 ſatz zu dieſen Beſtrebungen die jüdiſchdeutſche Literatur in der vollen Eigenthümlichkeit der jüdiſchdeutſchen Ausdrucksweiſe im vorigen Jahrhundert von den Juden ſelbſt erſt recht auf die Höhe ihrer Blüte gebracht wurde, bis dann ſeit Moſes Mendelsſohn und ſeiner großartigen Reform des jüdiſchen Religions - und Un - terrichtsweſens von den Juden die deutſche Landesſprache zu grö - ßerer Anerkennung und Cultur gefördert wurde, ſodaß man, un - geachtet das Judendeutſch in voller Ungeſtörtheit im Volksverkehr und Volksmunde fortlebt, in der heutigen jüdiſchdeutſchen Literatur kaum noch etwas anderes findet als die mit jüdiſchdeutſchen oder hebräiſchen Lettern gedruckte reine deutſche Sprache. So kann z. B. die in ſchöner Ausſtattung mit dem hebräiſchen Texte von der berliner Geſellſchaft 1832 herausgegebene, durch J. M. Joſt beſchaffte vortreffliche Ueberſetzung der Miſchnah (〈…〉〈…〉) nur eine rein deutſche Ueberſetzung mit hebräiſchen Lettern genannt werden.
Einen gleich ſchlimmen Einfluß auf die Kenntniß der jüdiſch - deutſchen Literatur und Grammatik, ſowie überhaupt auf die gan - zen Zwecke der Judenmiſſion übten die von getauften, ungebilde - ten und unwiſſenden Juden in feiler Gefälligkeit und ſerviler Lieb - äugelei mit dem Chriſtenthum zuſammengeſchriebenen Grammatiken und Wörterbücher der jüdiſchdeutſchen Sprache, unter denen kaum noch das von Bibliophilus (1742) brauchbar iſt, die übrigen aber, abgeſehen von den unzähligen Sprach - und Druckfehlern, bis zur Wüſtheit unklar und unnütz ſind, auch darin ſich gefallen, nicht nur die kahlen, vielfach verdrehten Wörter ohne alle etymologiſche und1)das wahre Weſen des Judenthums einzudringen verſtanden, die ganze damalige Miſſion und ihre Literatur ſo überaus unfruchtbar machte. So iſt in Kaspar Calvör’s „ Gloria Christi “(〈…〉〈…〉, Leipzig 1710), welcher doch, ganz abgeſehen von der ungeheuern Weitſchweifigkeit, faſt alle Kraft und Fülle des tiefften chriſtlichen Glaubens abgeht, gewiß ebenſo wol ein gutgemeintes, als auch ein mit eitler Selbſtgefälligkeit geſchriebenes Werk zu nennen, das es wol auch auf Prunk mit gelehrtem Wiſſen abſah und, indem es neben dem ſteifen, ungelenken Judendeutſch noch eine höchſt überflüſſige deutſche Ueberſetzung hinzufügte, ſeiner eigenſten Beſtimmung entrückt und dem Schein einer Demon - ſtration eigener Eitelkeit des Verfaſſers nahegebracht wurde.214 kritiſche Zuthat aufzuführen, ſondern auch ihrer Bedeutung nach zu einer elenden Lexikographie des jüdiſchen Schachers zuſammen - zuſtellen und überhaupt das ganze Judenthum mit Hohn und Schmuz zu bewerfen. Erſt das prager Handbuch (1773), offen - bar von einem Convertiten geſchrieben, und G. Selig’s Lehr - buch (1792) machen eine rühmliche Ausnahme, bis es ganz neuerlich wieder dem (pſeudonymen?) Jtzig Feitel Stern gefallen hat, mit ſo ſelbſtgefälligem wie niedrigem Spott und Hohn nicht nur die alte Schacherlexikographie neu aufzulegen, ſondern auch eine jüdiſchdeutſche Grammatik beizufügen, in welcher die deutſche und judendeutſche Sprache gleichmäßig herabgewürdigt, ein Ver - ſtändniß der jüdiſchdeutſchen Grammatik und Sprache aber durch - aus nicht zu erreichen iſt.
Nach dem vorliegenden literariſchen Stoff ſind Grammatik und Lexikographie kaum voneinander zu trennen. Jhr weſentliches Kriterium liegt in dem Geiſte, in welchem ſie geſchrieben ſind, und in dieſer Hinſicht mögen ſie hier in eine kurze Ueberſicht gebracht werden.
Den erſten Grund zu einer jüdiſchdeutſchen Grammatik legte J. Buxtorf in ſeinem „ Thesaurus Grammaticus linguae Sanctae Hebraicae “(Baſel 1609), an deſſen Schluß er den Usus et ex - ercitatio lectionis Hebraeo-Germanicae abhandelt. 1)Die Abhandlung ſteht in der (mir allein bekannten) ſechsten Ausgabe von 1663, S. 639 — 669, und in den von Chryſander, S. 9, angeführten Ausgaben von 1640 und 1651, S. 660 fg. Die erſte Ausgabe iſt vom ältern Buxtorf, dem Rabbinorum magister (1564 — 1629), ſchon im Jahre 1609 mit der jüdiſchdeutſchen Grammatik herausgegeben. Jn der Vorrede dazu ſagt Burtorf ausdrücklich: „ Rationem etiam usumque scripturae Hebraeo-Germanicae, manifeste ostendo, non tantum ob libros Germanica lingua inter Judaeos scriptos, sed vel maxime, quod antiqui manuscripti HebraiciMan wird215 überraſcht, wenn man gleich in dieſem erſten Verſuche einer Gram - matik eine helle und klare Auffaſſung der ganzen Eigenthümlichkeit der jüdiſchdeutſchen Sprache findet, welche von keiner ſpätern Grammatik übertroffen worden iſt. Doch verliert ſich Buxtorf allzu ſehr in das hebräiſche Element der jüdiſchdeutſchen Sprache, ohne die Erſtarrung deſſelben durch den Uebergang in das deutſche Sprachelement zu erkennen und zu verdeutlichen. Er kannte das Judendeutſch viel beſſer, als er es zu erläutern ſich herbeiließ. Einen großen Theil der Schuld von dieſer Unvollkommenheit trägt aber entſchieden die lateiniſche Sprache, in welcher Buxtorf ſeine Grammatik ſchrieb. Je weniger verwandt überhaupt die darſtel - lende Sprache einer Grammatik mit der zu erläuternden Sprache iſt, deſto ſchwieriger und unvollkommener wird die ganze Dar - ſtellung ſelbſt. Das Lateiniſche paßt durchaus nicht für eine jüdiſch - deutſche Grammatik. Die Darſtellung und Erklärung der ſemitiſch - germaniſchen Zuſammenſchiebungen bedingt deutſche Erläuterun - gen und Vergleiche, welche ſich auch bei Buxtorf nothwendig her - vordrängen, aber gerade bei ihrem ſporadiſchen Hervorblicken wie eine trübe Verleugnung des Deutſchen durch das froſtige Latein erſcheinen, um ſogleich wieder zu verſchwinden. So iſt namentlich ſchon der ganze eigenthümliche jüdiſchdeutſche Vocalismus, deſſen Parallele mit dem Althochdeutſchen und Altniederdeutſchen ſehr intereſſant erſcheint, bei Buxtorf ganz verloren gegangen, ob - gleich ſeine freilich durchaus hebraiſirende Behandlung des〈…〉〈…〉, na - mentlich des ſtummen〈…〉〈…〉, davon zeugt, daß die Eigenthümlichkeit des jüdiſchdeutſchen Vocalismus ihm aufgefallen iſt. Das Ein - zelne wird weiter unten beſprochen werden. Jedenfalls iſt Bux - torf der bedeutendſte jüdiſchdeutſche Grammatiker geblieben und hätte bei einer nur etwas beſtimmtern Erkennung und Hervor - hebung des deutſchen Sprachelements den ſpätern Grammatikern die trefflichſte Grundlage zu einer klaren jüdiſchdeutſchen Gram -1)eundem fere characterem habent. “ Das iſt eine ſehr merkwürdige Hin - deutung auf den Syriasmus der jüdiſchdeutſchen Currentſchrift, wovon ſpäter geſprochen werden wird.216 matik werden müſſen, während er ſo von ſeinen Nachtretern nur mechaniſch und geiſtlos ausgebeutet und die ſtereotype Grundlage zur bloßen Anleitung zum Leſen des Judendeutſch geblieben iſt.
Eine ſolche entſprechende Erſcheinung iſt A. Pfeiffer’s (geb. zu Lauenburg 1640, geſt. als Superintendent zu Lübeck 1698) Manuductio facilis ad lectionem talmudico-rabbinicam, Sectio I: De lectione Ebraeo-Germanica, in ſeiner „ Critica sacra “(erſte Ausgabe 1680; zweite Ausgabe, Dresden 1688), S. 377 — 383. Pfeiffer bezieht ſich hier auf Buxtorf’s „ Thesaurus “und ſagt, allerdings ziemlich anmaßend: „ Brevius tamen expediri res omnis posse videtur per duplex alphabetum. “ Dies Doppel - alphabet iſt zwar eine Originalität Pfeiffer’s, jedoch recht unzweck - mäßig und unfruchtbar. Pfeiffer beutet trotz ſeiner anerkannten weitgreifenden orientaliſchen Gelehrſamkeit nur Buxtorf und zwar auf das magerſte und geiſtloſeſte aus. Er hat dabei, namentlich im Vocalismus, offenbare Unrichtigkeiten zu Tage gefördert, ſo - daß es ſcheint, als ob Pfeiffer vom Judendeutſch überhaupt nicht mehr gekannt hätte, als was er bei Buxtorf vorfand. Eigenen Werth hat der ganze Verſuch nicht und verdient daher auch keine weitere Beachtung. Zu widerrathen iſt ſogar der Gebrauch der S. 377 vorgehefteten Kupfertafel, auf welcher die Charaktere der Csiva merubbaas, masket, Ebraeo-Germanicus und der Cha - racter corruptior in manuscriptis (die jüdiſchdeutſche Current - ſchrift) undeutlich und ſchlecht dargeſtellt ſind und welche ſtatt zu einer klaren Anſchauung nur zur Verwirrung führt.
Ein entſchiedener Nachtreter Buxtorf’s iſt J. Chr. Wagenſeil (1633 — 1705) in ſeiner „ Belehrung “1)Der ſehr lange Titel iſt: „ J. Chr. Wagenſeil’s Belehrung der Jüdiſch - Teutſchen Red - und Schreibart, durch welche alle, ſo des wahren Teutſchen Leſens kundig, für ſich ſelbſten, innerhalb wenig Stunden, zu ſothaner Wiſſen - ſchaft gelangen können. Jn einem weitläuftigen Fürtrag wird klärlich erwieſen, daß ſolche Erfahrenheit denen hohen und niedren Obrigkeiten, wie auch deren Rathgebern und anderen Rechtsgelehrten, denen Theologis, Medicis, Handels - Leuten, und insgemein Jedermann, nützlich, auch faſt nothwendig ſey. Unter anderen Jüdiſchen Büchern, wird dargeſtellet:〈…〉〈…〉 oder das Talmudi - ſche Buch von dem Auſſatz: was es nemlich mit dem Auſſatz der Menſchen,, obgleich er ſchon den217 Uebergang zu den Miſſionsliteratoren macht. Vermöge ſeiner theo - logiſchen und juriſtiſchen Bildung, ſeiner ausgedehnten Reiſen und ſeiner Stellung als Bibliothekar in Altdorf konnte Wagenſeil viel Material zu ſeinen Schriften zuſammentragen und hat es auch nicht verſäumt, in ſeiner „ Belehrung “eine Chreſtomathie der in - tereſſanteſten Sachen aus der Literatur zu ſammeln1)z. B. die drei Oſterlieder: „ Allmächtiger Gott nun bau dein Tempel, ſchiera! “ S. 105; „ Eins das weiß ich “, S. 106; „ Ein Zicklein, ein Zicklein, das hat gekauft mein Väterlein “, S. 109; „ Das Vinz Hans Lied “(Aufruhr zu Frankfurt 1614), von Helenius Wertheimer; „ Ein ſchön Maſe von König Artis Hof “(Ritter Wieduwilt mit dem Rade), nach dem „ Wigalois “des Vrynt von Grävenberg († 1212), S. 149; „ Uebungen aus dem teutſch-hebräiſchen Dialekte “, aus Sitten - und Maaſebüchern geſammelt, S. 305, von denen einiges weiterhin abgedruckt iſt., welche man ſonſt nicht leicht findet. Das iſt der größte Vorzug des vorlie - genden Buchs, welches in der Grammatik weit über Pfeiffer hin - ausgeht, aber doch Buxtorf bei weitem nicht erreicht und nur als eine trockene Anleitung zum Leſen des Jüdiſchdeutſchen gelten kann, übrigens durch ganz ungehörige lange Tractate über den Ausſatz, über die Ausſchuhung, über die Heirath zweier Schweſtern hinter - einander, ſowie durch den ſchwülſtigen „ Fürtrag “und die lange „ Fürrede “überladen iſt. Auf das Grammatiſche wird weiterhin Rückſicht genommen werden.
Jm Jahre 1709 erſchien in Frankfurt a. M. von J. M. Koch eine „ Brevis manuductio ad lectionem Scriptorum Judaeorum - Germanicorum “auf einem einzigen Druckbogen. 2)Schudt, „ Jüdiſche Merkwürdigkeiten “, II, 289, führt ſie ebenfalls an und nennt ſie „ leicht deutlich und artlich “. Koch wird von ihm als stud. theol. aus Eiſenach bezeichnet.Sie wird ſchon von Chryſander im Vorbericht zu ſeiner Grammatik als „ ſelten und zu kurz “bezeichnet. Jch habe ſie trotz aller Nachfrage1)der Kleider, und der Häuſer, ehemahlen in dem Jüdiſchen Land, für eine Be - wantnus gehabt. Zur Zugabe wird ein Bedenken beygefüget, wodurch die viel und lang höchſt-ſtrittig geweſene Frage: Ob die Heil. Schrift einem Manne erlaube zwey Schweſtern nach einander zu heyrathen? dermaleins zu beſcheiden, und die Bejahung allerdings feſt zu ſetzen geſucht wird. Königsberg, gedruckt in dem 1699. Heyl-Jahr. Jn Verlegung Paul Friederich Rhode, Buchhänd - lers daſelbſt. “218nicht zu ſehen bekommen können. Sie ſcheint indeſſen unbedeutend zu ſein, da ſie nur bei Schudt und Chryſander, ſonſt aber nir - gends erwähnt wird.
Während man das 17. Jahrhundert von Buxtorf an bis Wagenſeil als die Zeit bezeichnen kann, in welcher es bei Beach - tung des Judendeutſch nur auf eine rein linguiſtiſche Behandlung ohne proſelytiſche Tendenzen abgeſehen war, ſo traten die letztern mit und nach Wagenſeil deſto ſchärfer und einſeitiger hervor. Kaum war Eiſenmenger’s „ Entdecktes Judenthum “, ein ſchmäh - liches, verlogenes Pasquill auf das Judenthum und ein Werk übler, eitler und bornirter Gelehrſamkeit, unterdrückt worden, ſo warf ſich Wagenſeil zum Führer der Judenmiſſion auf, indem er 1703 von Altdorf aus in ſeiner „ Denunciatio Christiana “u. ſ. w.1)„ An alle Hohe Regenten und Obrigkeiten, welche Juden unter ihrer Bottmäſſigkeit haben, J. Chr. Wagenſeil’s Denunciatio Christiana, oder Chriſt - liche Ankündigung, wegen der Läſterung, womit die Juden, unſern Heyland Jesum Christum ſonder Auffhören, freventlich ſchmähen, mit demüthigſter flehent - licher Bitte, ſolchem Himmel-ſchreyenden Uebel dermahleins, weilen es hohe Zeit, und darzu gar leicht ſein kan, umb Gottes willen zu wehren, und den Mäu - lern der Juden Zäume und Gebiſſe anzulegen. “gegen das Judenthum einen Hirtenbrief erließ, in welchem er unter anderm einen jährlichen Schwur von allen geſetzesmündigen Juden verlangte, „ unſern Heiland hinführo ungeſchmäht zu laſſen “, auch eine jährliche Judenſteuer zur Förderung der Judenmiſſion vorſchlug. Die ganze „ Denunciatio “, ein merkwürdiges Zeugniß blinder aſcetiſcher Verirrung, findet man bei Schudt, „ Jüdiſche Merkwürdigkeiten “, III, 339 fg., abgedruckt. Bei dem bisherigen unüberwindlich zähen paſſiven Widerſtand des Judenthums gegen die rohen Verfolgungen des Chriſtenthums griff dieſe vielfach mit219 dem Schein chriſtlicher Humanität gerüſtete Proſelyterei ſehr raſch, weit und nachhaltig um ſich. Ein Zeugniß gibt die am 25. April 1705 begonnene (bei Schudt, III, 1, abgedruckte) Reihenfolge von Schreiben des Königs Friedrich I. von Preußen nach Wien um Aufhebung des vom Kaiſer auf Eiſenmenger’s „ Entdecktes Juden - thum “gelegten Arreſtes und der vom König endlich ſelbſt ange - ordnete neue Abdruck dieſes Werkes im Jahre 1711, welches nun ganz beſonders als Orakel bei Verfolgung jüdiſcher Verbrecher ſich geltend machte (vgl. Th. I, S. 233), aber auch den Ton angab, die jüdiſchen Cultusformen mit haſtiger chriſtlicher Forſchung zu „ ent - decken “und fetzenweiſe in gelehrten Trödelbuden als pikante Curio - ſitäten zu Markte zu bringen.
Eine ſolche gelehrte Trödelbude ſind die „ Jüdiſchen Merck - würdigkeiten “von J. J. Schudt. 1)„ Jüdiſche Merckwürdigkeiten, Vorſtellende was ſich Curieuſes und Denck - würdiges in den neueren Zeiten bey einigen Jahr-hunderten mit denen in alle IV Theile der Welt, ſonderlich durch Teutſchland, zerſtreuten Juden zugetragen. Sammt einer vollſtändigen Franckfurter Juden-Chronik, darinnen der zu Franck - furt am Mayn wohnenden Juden, vor einigen Jahr-hunderten, biß auf unſere Zeiten, merckwürdigſte Begebenheiten enthalten. Benebſt einigen, zur Erläu - terung beygefügten Kupffern und Figuren. Mit hiſtoriſcher Feder in drey Thei - len beſchrieben “u. ſ. w. (4 Thle., 4., Frankfurt und Leipzig, 1714 — 18).Dem Verfaſſer ſtand in der trefflichen frankfurter Stadtbibliothek, ſowie in der dortigen Do - minicaner - und Karmeliterbibliothek und in den Privatbibliotheken von Lersner, Uffenbach, Diffenbach und Geiſſen, welche er auch in der Vorrede erwähnt, ein Quellenſchatz zu Gebote, wie ſol - cher, namentlich zur damaligen Zeit, ſelten geboten wurde. Doch iſt dieſer Schatz nur auf kümmerliche und geiſtloſe Weiſe ausge - beutet und zu einer wirren, wüſten Maſſe zuſammengehäuft wor - den, durch welche man ſich nur mit großer Mühe und Entſchloſſen - heit hindurchfinden kann. Die Geſchichte des Judenthums in den verſchiedenen Ländern iſt auf ſehr platte, geiſtloſe und bröckelige Weiſe dargeſtellt. Ueberall ſieht man die Quellen, aber nirgends ſieht man ſie lebendig fließen und ſprudeln. Allein gerade die zahlreichen Aphorismen und Excerpte und der Abdruck einer nicht220 geringen Menge Documente und bis dahin wenig oder gar nicht gekannter jüdiſchdeutſcher Literatur macht das Werk, namentlich im dritten und vierten Bande, zu einer wichtigen literariſchen Erſchei - nung, obſchon in grammatiſcher Hinſicht Schudt, welcher zu einer Grammatik wirklichen Anlauf nimmt, z. B. Buch 5, Kap. 13, Buch 6, Kap. 16 (vgl. IV, 113), ſo geiſtloſe, ſchiefe und falſche Anſichten zum Vorſchein bringt, daß man namentlich im Hinblick auf ſeinen ausgezeichneten Vorrath von Literatur nicht begreifen kann, wie er in ſolcher grammatiſchen Unwiſſenheit hat befangen ſein können, daß ihm oft das Verſtändniß einzelner Wörter und überhaupt der jüdiſchdeutſchen Sprache ganz abgeht. So z. B. überſetzt er in der Mechirus Joseph, III, 279, das jüdiſchdeutſche〈…〉〈…〉 mit dem ganz ungeheuerlichen Ausdruck „ Coreſie “ſtatt Courage (Kuraſche) u. ſ. w. So verworren nun auch das durch die unordentlichen und kümmerlichen Regiſter nicht einmal alpha - betiſch, der Materie nach, überſichtlich gemachte, dicke und breite Werk iſt, ſo viel Unwahrheiten und entſtellende Druckfehler es auch enthält, ſo iſt es doch als Sammlung der verſchiedenartigſten Hin - weiſe, Documente und literariſchen Curioſitäten beim Studium des Jüdiſchdeutſchen kaum zu entbehren und verdient auf das entſchie - denſte hier eine Berückſichtigung.
Gleich geiſtlos, doch noch bei weitem armſeliger hinſichtlich des ſprachlichen, literariſchen und gelehrten Stoffs iſt K. Calvor in ſeiner „ Gloria Christi “1)„ Gloria Christi Oder Herrligkeit Jeſu Chriſti. Das iſt: Beweißthum der Wahrheit Chriſtlicher Religion wider die Juden: Jn Form eines Dialogi oder Unterredung durch Frage und Antwort aus der H. Schrifft, Talmud, Targumim, Rabbinen und geſunden Vernunfft-Gründen verfaſſet, Und nebſt einem Juden-Catechismus So wol im gewöhnlichen als Jüdiſch-Teutſchen her - ausgegeben “u. ſ. w. (Leipzig 1710). Schon der beigefügte jüdiſchdeutſche lange Titel〈…〉〈…〉 u. ſ. w. iſt ſo breit wie affectirt und in incorrecter Sprache geſchrieben, und es verlohnt nicht der Mühe, ihn ganz hierher zu ſetzen., an deren Schluß noch eine „ Anlei - tung wie das Jüdiſch-Teutſche zu leſen “angehängt iſt. Cal - vör iſt der eigentliche, unverblümte Typus der von Diffenbach, Hosmann und Wagenſeil mit leidenſchaftlichem Eifer begonnenen221 Judenmiſſion. Die ganze „ Gloria Christi “iſt eine matte, breite Polemik, in welcher die Herrlichkeit des Chriſtenglaubens in ſeiner gewaltigen Kraft und ſeiner überzeugenden einfachen Wahrheit durch den geſuchten Prunk eitler, ſteifer Gelehrſamkeit eher ab - geſchwächt als gehoben wird. Dazu ſchreibt Calvör in einem un - beholfenen, ungleichen, affectirten und incorrecten Judendeutſch. Dieſem Judendeutſch gegenüber hat er durch das ganze Werk mit eitler Oſtentation auch eine reindeutſche Ueberſetzung für Nicht - juden gegeben, welche den Umfang des ſchwülſtigen Werkes ab - ſchreckend vergrößert. Mit ſo ſchlimmen innern und äußern Män - geln war es ein eitles Beginnen, dem Jahrhunderte hindurch verfolgten und gemarterten Judenthum auf ſeinem eigenen Gebiete zu begegnen, in der Abſicht, es dort überzeugend zu gewinnen und ſieghaft auf den chriſtlichen Boden überzuführen. Ein ſchlagendes Kriterium, wie ſehr Calvör ſelbſt fühlen mußte, daß er ſich an eine Arbeit gemacht hatte, welcher er auch in ſprachlicher Hinſicht nicht gewachſen war, iſt die am Schluß der deutſchen Vorrede in judendeutſcher Sprache angehängte Entſchuldigung: „ Mein lieber Jehude, laß dich nit wundern, daß ich nit allzeit nach deiner Art das Loſchon aſchkenas geſetzt “u. ſ. w. Die angehängte „ Anleitung wie das Jüdiſch-Teutſche zu leſen “iſt nur ein kümmerlicher Aus - zug aus Wagenſeil’s „ Belehrung “und gibt nirgends etwas Eige - nes und Neues.
Nach Calvör gab J. H. Callenberg, Profeſſor der Philoſo - phie zu Halle, in der eigenen Buchdruckerei des (von ihm 1728 gegründeten) jüdiſchen Jnſtituts 1733 eine „ Kurtze Anleitung zur jüdiſchdeutſchen Sprache “heraus, welche, wenn ſie auch Buxtorf und Wagenſeil in der Ausführlichkeit nicht erreicht und immer nur eine bloße Anleitung zum Leſen bleibt, doch beſſer als die von Pfeiffer und Calvör iſt und von größerer Beleſenheit, Kenntniß und Einſicht Zeugniß gibt. Die Mängel ſeiner Grammatik hat Callenberg ſelbſt gefühlt, indem er in die Vorrede ſeines ſpäter (1736) herausgegebenen „ Jüdiſchteutſchen Wörterbüchleins “1)„ Jüdiſchteutſches Wörterbüchlein welches meiſtens aus den bey dem aus222 Calvör’s Vorrede zu deſſen „ Gloria Christi “die Bemerkungen aufgenommen hat, in welchen dieſer ſich über die Schwierigkeiten der mund - und ſchreibartigen Verſchiedenheit der jüdiſchdeutſchen Sprache ausläßt und dadurch unfreiwillig bezeugt, daß er das vorherrſchende deutſche Sprachelement des Jüdiſchdeutſchen mis - kannt hat und ſich auf dieſem Sprachgebiete wie auf einem fremd - ſprachlichen Gebiete bewegt. Das deutſch-jüdiſchdeutſche Wörter - buch Callenberg’s iſt mit jüdiſchdeutſchen (deutſchrabbiniſchen) Let - tern gedruckt und mit einem ebenſo gedruckten jüdiſchdeutſchen Re - giſter verſehen. Es iſt der erſte Verſuch dieſer Art und namentlich als ſolcher beachtenswerth und nicht ohne Verdienſt, obſchon es nicht über die bloße Vocabulatur hinausgeht und tieferer kritiſcher Be - arbeitung ermangelt, auch ſehr viel Fehlerhaftes enthält.
Die bedeutendſte Erſcheinung unter den chriſtlichen Miſſions - grammatikern iſt wol unzweifelhaft W. J. Chryſander in ſeiner „ Jüdiſch-Teutſchen Grammatik “(Leipzig und Wolfenbüttel 1750), namentlich wenn man die davon in der That nicht zu trennende Abhandlung Chryſander’s vom „ Nutzen des Juden-Teutſchen “1)„ Unterricht vom Nutzen des Juden-Teutſchen, der beſonders Studiosos Theologiae anreitzen kan, ſich daſſelbe bekannt zu machen “(Wolfenbüttel 1750). mit dieſer Grammatik in Verbindung bringt, welche er ſelbſt als Prolegomena zur Grammatik bezeichnet. Außer einer vollſtändigen Anleitung zum Leſen gibt Chryſander noch intereſſante, wenn auch nur aphoriſtiſche, doch treffende etymologiſche und ſyntaktiſche Be - merkungen. Die Grammatik iſt unvollſtändig geblieben. Das Jn - haltsverzeichniß unmittelbar nach dem Vorbericht verhieß noch einen zweiten Theil: Geſpräche, Briefe, Erläuterung der Abbreviaturen, Leſeübungen und ein Wörterbuch. Doch fehlt dies alles und der erſte Theil ſchließt §. 10 (S. 10 — 15) mit einem kleinen Wörter - buche. Sorgfältig angeſtellte Nachforſchungen ergeben, daß Chry -1)Jüdiſchen Jnſtituto edirten Schriften colligirt und dem Gebrauch derer welche ſolche Schriften verſtehen lernen Und die chriſtliche Wahrheit unter den Juden ſowohl mündlich als ſchriftlich bekannt machen helfen wollen Gewidmet wor - den “u. ſ. w. (Halle 1736).223 ſander dieſen verheißenen zweiten Theil gar nicht herausgegeben hat. Auch die ganze Faſſung des §. 10 deutet darauf hin, daß der Verfaſſer während der Arbeit ſeinen Entſchluß geändert und es mit der Arbeit ſoweit hat bewenden laſſen wollen. Sehr wichtig iſt in dem oben erwähnten „ Unterricht “die von S. 9 — 19 auf - geführte Literatur, welche, wie überhaupt die ganze Grammatik und Abhandlung, den Beweis liefert, daß Chryſander ein ſehr tüchtiger Kenner der bis dahin den chriſtlichen Gelehrten ſo wenig zugänglichen judendeutſchen Sprache und Literatur geweſen iſt. Zu bedauern iſt bei dieſem gleich den bisher aufgeführten ſehr ſelten werdenden Werke, daß in dem kleinen Wörterbuche am Schluß nur deutſche und keine deutſchrabbiniſchen Lettern gebraucht ſind. Die in der Grammatik bei Erläuterung der Buchſtaben und bei Anführung von Beiſpielen gebrauchten Lettern ſind allerdings deutſchrabbiniſche, jedoch ſehr klein, ſtark abgenutzt und bis zur Unkenntlichkeit undeutlich.
Als ein ſehr beachtenswerthes Buch erſcheint das „ Hand - lexikon der jüdiſchdeutſchen Sprache, in welchem alle den Jüden entweder eigene, oder aus der hebräiſchen und rabbiniſchen Sprache entlehnte, der deutſchen Mundart gemäß inflectirte Wörter, mit ihrer wahren Bedeutung, wie auch ſonderbaren Redensarten, Sprichwörtern u. dgl., deren ſich die Jüden, um von den Chriſten nicht verſtanden zu werden, unter einander zu gebrauchen pflegen, nebſt einigen beygefügten Erklärungen ihrer verſchiedenen Gebräuche, Faſt - und Feſttage, Monate u. dgl. enthalten ſind. Zum Nutzen und Gebrauch des Publikum, inſonderheit derjenigen, welche Ge - ſchäfts - und Handelswegen, oder aus andern Urſachen mit den Jüden einen Umgang zu pflegen bemüßiget ſind. Cum Approba - tione Caesareo-Regiae Censurae “(Prag, ohne Jahrzahl).
Der Vorbericht dieſes anſcheinend von einem getauften Juden geſchriebenen Buchs verräth eine vollkommene Vertrautheit mit der hebräiſchen und jüdiſchdeutſchen Sprache, gibt aber nur wenig grammatiſch Belehrendes, und dieſes beſchränkt ſich wiederum mei - ſtens auf vereinzelte ſyntaktiſche Fingerzeige. Das Wörterbuch ſelbſt iſt nach hebräiſch-alphabetiſcher Ordnung gedruckt. Den mit deutſch -224 rabbiniſchen Lettern gedruckten Stammwörtern ſind die abgeleiteten und verwandten Ausdrücke und Redensarten angefügt. Die Eigen - thümlichkeiten in Sprache und Cultus ſind im laufenden Text wie in beſondern Noten mit genauer Kenntniß des jüdiſchen Weſens und Rituals erläutert. Zwei recht gute Regiſter, ein jüdiſchdeut - ſches mit lateiniſchen Lettern und ein deutſches, machen ungeachtet der vielen Druckfehler in den nachweiſenden Zahlen den Gebrauch des Werkes bequem und geläufig. Allerdings bleibt dem Buche aber immer eine größere Vollſtändigkeit zu wünſchen. Ein großer Mangel iſt, daß ſtets nur die einzelnen Stammwörter, niemals aber die abgeleiteten Wörter mit deutſchrabbiniſchen Lettern ge - druckt ſind.
Dies Werk hat übrigens zu ſehr argen buchhändleriſchen Täu - ſchungen Anlaß gegeben. Es iſt nur ein einziges mal gedruckt und dennoch unter dem veränderten Titel: „ Kleines jüdiſch-deutſches Wörterbuch, in welchem alle “u. ſ. w. (Prag 1773), und zum dritten mal herausgegeben worden unter dem Titel: „ Handlexikon der jüdiſchdeutſchen Sprache, nebſt beygefügten Erklärungen ihrer Gebräuche, Faſt - und Feſttage, Monate u. dgl. Zum Nutzen und Gebrauch des Publikums, inſonderheit derjenigen, welche Geſchäfte wegen mit den Jüden Umgang zu pflegen bemüſſiget ſind. Zwote Auflage “(Prag 1782). Alle drei Ausgaben ſind nur ein und derſelbe Druck und enthalten daher auch dieſelben Seitenzahlen und Druckfehler. 1)Somit habe ich bei meinem eifrigen Sammeln aus drei verſchiedenen Antiquariaten unter drei verſchiedenen Titeln zu meiner großen Ueberraſchung ein und daſſelbe Buch dreimal erworben!
Gleich hier mag des „ Handwörterbuchs “von J. Chr. Voll - beding2)„ Handwörterbuch der jüdiſchdeutſchen Sprache, nebſt Erläuterungen jüdiſcher Sitten, Gebräuche, Kleidungen, Faſt - und Feſttage, Monate, Zählungs - art u. dgl. “ (Leipzig 1804). gedacht werden. Dies Buch mit ſeinem ganzen Jnhalt, ja ſogar auch die Vorrede bis auf den Schluß, in welchem der Verfaſſer „ Allen ſeine Dankbarkeit bezeugt, welche bei der Aus - arbeitung des Buchs behülflich geweſen ſind “, iſt ein keckes Plagiat225 des von Vollbeding nirgends erwähnten „ Prager Handlexikon “. Nur hat Vollbeding, was ſehr ſchlimm iſt, alle deutſchrabbiniſchen Lettern weggelaſſen und ſich mit dem bloßen Wortausdruck in la - teiniſchen Lettern begnügt, wobei denn von eigenſter jüdiſchdeut - ſcher Orthographie nicht die Rede ſein kann. Das deutſche Re - giſter iſt ganz weggelaſſen; die Notizen des „ Prager Handlexikon “ſind wörtlich nachgeſchrieben: nur einige kleine kahle Notizen, wie S. 97, ſind originelle Zuthat des Verfaſſers, deſſen copirtes Machwerk gegen das Original keinerlei Beachtung verdient.
Ein ſeltſames Buch iſt: „ Unterricht in der Judenſprache und Schrift, zum Gebrauch für Gelehrte und Ungelehrte. Von K. W. Friedrich, öffentlichem Lehrer der franzöſiſchen Sprache beym Prenz - lowſchen Lyceo “(Prenzlau 1784). Man weiß nicht recht, ob man aus Friedrich einen Chriſten oder Juden, Deutſchen oder Fran - zoſen machen ſoll. Aus ſeiner ſchlechten Sprache und Darſtellung kann man auf alles ſchließen. Auch ohne die ſeltſamen Mitthei - lungen des Verfaſſers in der Vorrede über die verfehlten Anläufe zur Herausgabe des trotz der nahe an 400 Seiten reichenden Um - fänglichkeit doch immer nur ſehr dürftigen Buches erkennt man, daß er die ihm entgegengeſtellten Schwierigkeiten in der That nicht überwunden hat, weil ihm ausreichende Sprachkenntniß und die Fähigkeit zu einer klaren Darſtellung durchaus abgehen. Die Anordnung iſt ſehr ſonderbar. Die drei erſten Kapitel behandeln „ die Judenſchrift, Buchſtaben, ſelbſtlautende Buchſtaben und einige Punkte “, geben aber trotz der vielverheißenden Ueberſchriften nicht einmal einen einzigen hebräiſchen, geſchweige denn einen deutſch - rabbiniſchen Buchſtaben, ſondern verweiſen auf einen hinter S. 46 eingehefteten Druckbogen (S. I — XVI), auf welchem höchſt aben - teuerlich hergeſtellte und benutzte Currentſchrift ſich befindet, von welcher unten (Kap. 49) die Rede ſein wird. Jn Kap. 4 ſpricht Friedrich von „ Titulaturen, Beſchluß und Aufſchriften “, Kap. 5 „ von den eigentlichen Namen der Manns - und Frauensperſonen “und gibt in demſelben Kapitel, S. 12 — 45, mit bloßen lateiniſchen Lettern ein äußerſt kümmerliches und meiſtens incorrectes jüdiſch - deutſch-deutſches Wörterbuch. Dann beginnt er S. 48 nochmalsAvé-Lallemant, Gaunerthum. III. 15226im zweiten Theil die „ Judenſprache “, gibt eine Einleitung, in welcher er ſich über jüdiſchdeutſche Dialekte verbreitet (wovon ſpä - ter geſprochen werden ſoll), und geht dann auf Kap. 1 über: „ von den Artikeln, dem Geſchlecht und Beugefällen “; Kap. 2: „ von den Vergleichungsſtaffeln “, und Kap. 3: „ von der Conjugation der Hülfszeitwörter haben, ſein und werden “, ſowie „ von den abweichen - den Zeitwörtern “. Trotz dieſes äußerlich grammatiſch erſcheinenden Zuſchnitts iſt über das ſpecifiſche Judendeutſch gar nichts abge - handelt, ſondern nur die ſpecifiſch deutſche Conjugation in verdor - benem Judendialekt gegeben, ſodaß man auch nicht die geringſte Unterweiſung für die eigenſte judendeutſche Sprache findet. Un - mittelbar daran ſchließt ſich, S. 68 — 354, ein „ Wörterbuch aus dem Deutſchen ins Deutſch-Hebräiſche “, in welchem man zwar manche ſpecifiſch jüdiſchdeutſche Wörter, jedoch ſtets nur in kahler, kümmerlicher und ſehr häufig incorrecter Ueberſetzung, meiſtens aber nur neuhochdeutſche Wörter in bloßer elend judenſchacheriſcher mundartiger Uebertragung antrifft, z. B. Abgabe, Opgob; ab - zahlen, opzeilen; herabwerfen, eropwarfen, und wie die plat - ten, widerlichen Uebertragungen ſonſt ſehr zahlreich vorkommen. Neben den gröbſten Jrrthümern findet man aber auch treffende Vocabeln, freilich aus dem niedrigſten Schacherjuden - oder ſogar Gaunermunde, von welchem der „ franzöſiſche Sprachmeiſter “reich - lich bedient geweſen zu ſein ſcheint. Doch kann man ſich keines - wegs auf das ſtets nur mit Vorſicht zu benutzende, von Fehlern ſtrotzende Buch verlaſſen.
Endlich muß hier noch das „ Lehrbuch zur gründlichen Erler - nung der jüdiſchdeutſchen Sprache “1)„ Lehrbuch zur gründlichen Erlernung der jüdiſchdeutſchen Sprache für Beamte, Gerichtsverwandte, Advocaten und insbeſondere für Kaufleute; mit einem vollſtändigen ebräiſch - und jüdiſchdeutſchen Wörterbuche nebſt einigen in Kupfer geſtochenen und gedruckten Tabellen “(Leipzig 1792). von G. Selig angeführt werden. Es iſt eins der neueſten und ausführlichſten Lehr - und Wörterbücher der jüdiſchdeutſchen Sprache, welche bisjetzt erſchie - nen ſind, und das geheime Orakel, aus welchem alle neuern Gaunerlinguiſten, welche an ein ſpecifiſch jüdiſches Gaunerthum227 glauben, ſich Raths erholt haben, trotzdem das unordentlich und verworren gehaltene und von Druckfehlern wimmelnde Buch im lexikaliſchen Haupttheile mit vorwiegend hebraiſirender Richtung ſich nur zu ſehr auf das ſpecifiſch religiöſe und bürgerliche Leben der deutſchen Juden beſchränkt und keineswegs der ſogenannten „ jüdiſchen Gaunerſprache “Rechnung trägt. Dieſe letztere Rückſicht iſt auch der Anlaß, weshalb der verſtändige Grolman Selig’s Lehrbuch nur ſehr discret benutzt hat, während Thiele, ohne ihn auch nur zu nennen, mit faſt allen Redensarten, Beiſpielen und argen Druckfehlern ihn in das Wörterbuch ſeiner „ Jüdiſchen Gauner “hineingezogen und ſomit, wenn auch aus Unwiſſenheit, die jüdiſch - deutſche Sprache überhaupt zur Gaunerſprache herabgeriſſen hat.
Die grammatiſche Darſtellung im „ Lehrbuch “verräth den gründ - lichen Kenner des Judendeutſch. Jnzwiſchen blickt der Meſchum - mod überall durch. Leider iſt aber Selig in der deutſchen Sprache ſo wenig gewandt, daß er den einzelnen Gegenſtand nie recht deutlich machen, und daß ſomit von einer präciſen, klaren Dar - ſtellung nicht die Rede ſein kann. Auch iſt unverkennbar, daß er die ganze jüdiſchdeutſche Sprache als eine ſpecifiſch jüdiſche Eigenthümlichkeit behandelt, ohne dem deutſch-volksſprachlichen Grundelemente Rechnung zu tragen. Von Leſebeiſpielen, welche doch ſo raſch und weſentlich in das Verſtändniß des Jüdiſchdeut - ſchen einführen, hat Selig nur eine einzige Druckſeite gegeben, die treffliche Parabel des Rabbi Elieſar (aus dem Talmud Sabb., Kap. 24, Fol. 153) über die Teſchuwa (Buße). Von der Current - ſchrift ſind auf der angehängten Kupfertafel nur zwei kleine, ſehr kümmerliche und incorrecte Proben vorhanden. Sehr werthvoll, wenn auch voll Druckfehler, iſt dagegen die Erläuterung der he - bräiſchen Abbreviaturen, S. 65 — 127. Das Wörterbuch, S. 130 — 345, gibt die hebräiſchen Stammwörter und die damit ver - wandten und abgeleiteten jüdiſchdeutſchen Wörter in umfangreicher, oft aber auch incorrecter Weiſe. Häufig finden ſich einzelne abgeleitete Wörter zweimal, ja einigemal ſogar dreimal unter ver - ſchiedenen Stammwörtern. Die Worterklärung iſt überall dürftig und kümmerlich, auch nicht ſelten unverſtändlich und nicht ganz15*228correct. Ebenſo mager ſind die ſachlichen Erläuterungen. Ein An - hang unordentlich durcheinander geworfener, im Wörterbuch ſelbſt vergeſſener Wörter macht das Ganze noch wüſter und unhand - licher. Das deutſche alphabetiſch geordnete Regiſter am Schluß iſt ſehr flüchtig, ärmlich, unordentlich und unzuverläſſig. Eine Menge theils im angehängten Verzeichniß verbeſſerter, meiſtens aber auch da noch überſehener ſchlimmer Druckfehler verkümmern den Ge - brauch des Buches ſehr. Doch bleibt daſſelbe noch immer das umfangreichſte und iſt bei vorſichtigem Gebrauche von weſentlichem Nutzen.
Das „ Lehrbuch “war von Selig bereits 1767 unter dem Titel herausgegeben worden: „ Kurze und gründliche Anleitung zu einer leichten Erlernung der Jüdiſchdeutſchen Sprache, wobey zugleich eine Nachricht von der Abtheilung der Jüdiſchen Jahre und Mo - nate, wie auch von ihren Feſten und Faſttagen gegeben wird. Nebſt einer Kupfer - und andern gedruckten Tabellen “u. ſ. w. (Leipzig). Dieſe alte, faſt verſchollene Ausgabe iſt durchgängig ſehr mager und hat ſchon dieſelbe kümmerliche und dürftige Ein - theilung und Behandlung, welche man im ſpätern „ Lehrbuch “fin - det. Sie hat aber den einen weſentlichen Vorzug, daß ſie auf einer eigenen gedruckten Tabelle das deutſchrabbiniſche Alphabet recht klar und verſtändlich erläutert, während im „ Lehrbuch “un - begreiflicherweiſe das deutſchrabbiniſche Alphabet gänzlich fehlt und daher die Hauptaufgabe des ganzen Buches unerörtert bleibt. Jn der ältern Ausgabe findet man ſchon daſſelbe Currentalphabet, den leipziger Wechſel und berliner Brief auf eine einzige Kupfer - tafel zuſammengedrängt, aus welcher im „ Lehrbuch “zwei Tafeln gemacht ſind. Aber auch ſchon hier hat der Kupferſtecher die be - reits gerügten und noch weiter zu erwähnenden ſchlimmen Fehler gemacht, wodurch die ganze Erläuterung der Currentſchrift ſehr ungenießbar wird. Auf S. 43 findet ſich als Leſeübung die hübſche Parabel des Rabbi Elieſer über die Teſchuwa, welche S. 47 des „ Lehrbuchs “wieder abgedruckt und unter Nr. 17 der unten fol - genden „ Proben aus der jüdiſchdeutſchen Literatur “in Current - ſchrift (nach Buxtorf) überſetzt iſt. Jn Abſchn. 2, S. 21 — 31,229 wird eine ſehr kümmerliche Erläuterung einzelner Abbreviaturen mit lateiniſchen Lettern ohne deutſchrabbiniſche Buchſtaben und Rachweis der vollſtändigen Schreibung gegeben. Ebenſo iſt in Abſchn. 3, S. 51 — 71, ohne deutſchrabbiniſche Lettern, mit bloßen lateiniſchen Buchſtaben, ein nur nach Materien geordnetes, ſonſt bunt durcheinander geworfenes kleines jüdiſchdeutſches Wörterbuch enthalten, welches dazu voller Druckfehler und überhaupt im nie - dern Volkston gehalten iſt, ſodaß es ſich wenig von der ganzen Weiſe der Meſchummodim unterſcheidet, von welchen im folgenden Kapitel die Rede ſein wird. Sehr überraſchend iſt es bei Selig’s ſichtbarer genauer Kenntniß der jüdiſchdeutſchen Sprache, daß das S. 72 fg. zum Beſchluß gegebene „ Geſpräch zweier Juden “durch - aus ungelenk, auch keineswegs in dem ganz eigenthümlich leben - digen und flüſſigen jüdiſchen Volkston gehalten und nichts weni - ger als geeignet iſt, ein treffendes Bild von der jüdiſchdeutſchen Sprechweiſe zu geben.
Noch muß hier erwähnt werden: „ Vollſtändiges jüdiſch-deut - ſches und deutſch-jüdiſches Wörterbuch, enthaltend eine hinreichende Erklärung aller in dieſer Sprache vorkommenden Worte “(Ham - burg, ohne Angabe des Verfaſſers und der Jahrzahl). Es iſt nichts weiter als ein durchaus nach Selig bearbeitetes Doppel - lexikon, ohne irgendeinen deutſchrabbiniſchen Buchſtaben, ohne alle Anweiſung, Anleitung und Vorrede. Es iſt noch dürftiger und dürrer in den Erläuterungen als Selig’s Wörterbuch ſelbſt und dabei voll bedenklicher Druck - und Verſtändnißfehler, ſodaß der ganze Jnhalt den prunkenden Titel Lügen ſtraft und das Buch für die Erlernung und Kenntniß der jüdiſchdeutſchen Sprache und Wörtermenge durchaus nicht als geeignet erſcheint.
Die chriſtliche Miſſion unter den Juden hatte noch einen merkwürdigen Einfluß auf die Grammatik der jüdiſchdeutſchen Sprache, der, wenn die Juſtiz, namentlich des 17. und 18. Jahr - hunderts, nur etwas ſcharfblickender geweſen wäre, ſich auch mit den glücklichſten Folgen für die Criminaljuſtiz und Polizei hätte geltend machen müſſen. Nachdem die heftige Polemik Müller’s, Diffenbach’s, Hosmann’s, Wagenſeil’s und vor allen Eiſenmenger’s, zu welcher viele jüdiſche Apoſtaten, wie V. von Carbe, F. Heſſe, J. A. von Embden, D. Schwabe, F. S. Brentz, J. P. Bleib - treu, A. Margarita1)Vgl. den Schluß des Autorenregiſters vor Eiſenmenger’s „ Entdecktem Judenthum. “u. ſ. w. das willkommenſte Material durch ihre perfiden, judenfeindlichen und mit dem Chriſtenthum lieb - äugelnden Schriften hatten hergeben müſſen, ſich zur beſonnenern Miſſion abgeſetzt hatte, fanden ſich auch noch ferner jüdiſche Apo - ſtaten, Meſchummodim2)〈…〉〈…〉, meschummodim, von〈…〉〈…〉, schomad,〈…〉〈…〉, hischmid, er hat vertilgt, iſt abgefallen, abtrünnig geworden. Vgl. das Wörterbuch., welche theils im Bewußtſein der offen daliegenden ſprachlichen Unkenntniß der chriſtlichen Miſſionsgram - matiker in der jüdiſchen Sprache und Grammatik, theils im über - müthigen Bewußtſein des ihnen durch ihren Uebertritt zum Chri - ſtenthum garantirten Schutzes gegen den Haß und die Verfolgun - gen des über ihren Abfall erbitterten Judenthums mit Anweiſun - gen, Grammatiken, Wörterbüchern u. dgl. hervortraten. So wenig die rohe Bildung dieſer traurigen Literatoren auch nur ent - fernt eine verſtändliche Unterweiſung oder Grammatik ermöglichen konnte, ſo eröffneten dieſe Unternehmungen doch in der Menge von freilich kurz und oft ſchlecht erläuterten und abſichtlich entſtellten Vocabeln einen tiefern Blick in das verborgene, entartete Volks - leben der Juden und in den eigenſten niedern Volkston der jüdiſch - deutſchen Sprache. Dieſer Verrath des innerſten Volkslebens, welches durchgehends ſelbſt in ſeiner beſſern Regung zweideutig, oft231 aber auch mit Hinterliſt und Lüge dargeſtellt wurde, erbitterte das Judenthum noch mehr gegen dieſe Meſchummodim und wendete es immer weiter von der chriſtlichen Miſſion ſelbſt ab, welche ohnehin nicht in das jüdiſche Volksleben mit ſeiner eigenthümlichen Weiſe und Sprache zu