Das Recht der Ueberſetzung dieſes Werks ins Engliſche, Franzöſiſche und andere fremde Sprachen behält ſich die Verlagshandlung vor.
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Aus der bisherigen Darſtellung des gaunerſprachlichen Stoffes erkennt man, wie die deutſche Gaunerſprache den Hauptgrundzug mit andern Gaunerſprachen gemein hat, daß ſie durchaus auf dem Boden der Volksſprache wurzelt und daß ſie dieſen Boden auch niemals verläßt. Sie hat auch, jedoch nur zum Theil, das mit fremden Gaunerſprachen, namentlich im Bereich der romani - ſchen Sprachen, gemein, daß ſie aus gaunerpolitiſchen Rückſichten von der volksthümlichen Bedeutung vieler Wörter abweicht und dieſen eine bildliche oder durchaus eingeſchränkte, meiſtens auf be - ſtimmte Perſonen und Verhältniſſe bezügliche Bedeutung verleiht, bei welcher faſt immer Scharfſinn, Witz und Spott in ebenſo glänzender wie frivoler Weiſe hervortritt. Sie hat endlich noch mit fremden Gaunerſprachen das gemein, daß ſie aus Nützlichkeits - rückſichten mit überraſchender Zähigkeit an alten Ausdrücken der Volksſprache feſtgehalten hat, welche in dieſer ſchon längſt nicht mehr üblich und ihr dadurch fremd geworden ſind. Dieſe letztere Rückſicht iſt ſehr bedeutſam. Sie hat zwar bei den Bearbeitern der Gaunerſprachen auf romaniſchem Gebiete allerdings Beachtung gefunden, ſie hat aber auch wieder dazu verleitet, daß bei derAvé-Lallemant, Gaunerthum. IV. 12mangelnden Kenntniß des innern Weſens und Lebens des Gau - nerthums und ſeiner Sprache, wie das entſchieden bei Francisque - Michel der Fall iſt, von den Gaunerlinguiſten ein Uebermaß des Volksſprachvorraths in die Gaunerſprache hineingetragen und ſomit derſelben aus dieſem Vorrath eine Bereicherung aufgedrun - gen wurde, welche ihrem Weſen und Zweck durchaus fremd und entlegen iſt und ihre klare Auffaſſung trübt. Treffend bezeichnet Pott („ Zigeuner “, II, 2), welcher überhaupt hell und friſch in die Gaunerſprache hineingeblickt hat, dieſelbe als eine „ erfundene, gemachte “Sprache. Die Gaunerſprache iſt durchaus eklektiſch und conventionell. Jhr Umfang iſt von Geiſt und Kunſt des Gauner - thums begrenzt, ihre Typen nach dem Bedürfniß gewählt. Jhr Kriterium iſt die Abgeſchloſſenheit ihres Verſtändniſſes und ihre Lebensfähigkeit iſt vom Geheimniß abhängig. So greift das Gaunerthum keck und verwegen in den Volksſprachſchatz hinein und ſchafft mit Scharfſinn, Spott, Jronie, Laune, Witz, Humor und Satire in abſoluteſter, frivolſter und tollſter Weiſe Wörter und Bilder, von denen kein einziges ohne ſprudelndes Leben iſt und von denen viele einen wunderbar tiefen Blick nicht nur in den ganzen Geiſt des Gaunerthums, ſondern auch, trotz der ge - waltſamen Entſtellung, in das innerſte Volksleben eröffnen.
Die deutſche Gaunerſprache hat auch das mit andern Gau - nerſprachen gemein, daß ſie, freilich aber auch wieder in nur ge - ringem Maße, zu ihrem Wortvorrath aus fremden Sprachen, beſonders aus der Zigeunerſprache, einen Vorrath hinzugeſchlagen hat, ſo viel die Zigeuner bei ihrem unſtäten Umherſchweifen hier und da auf den Volksſprachboden haben fallen laſſen. Sie hat aber doch vor allen andern Gaunerſprachen eine ganz beſondere Eigenthümlichkeit voraus: die überaus reiche Verſetzung mit jüdiſch - deutſchen Wörtern und ſogar ganzen Redensarten. Trotz aller ſchmählichen Bedrückung hat das jüdiſche Element überall, wo es ſich in ſeinen Jndividualitäten repräſentirte, tief und nachhaltig in das Volksleben hineingewirkt. Dieſe Wirkung war ſo groß, daß die jüdiſchen Sprachtypen, wenn auch vereinzelt, doch in ſolche Sprachen eindringen konnten, deren Bau und Flexionsweiſe3 ihrer Aufnahme den entſchiedenſten Widerſtand leiſteten. Dies ſieht man beſonders in der franzöſiſchen Gaunerſprache, bei deren Be - arbeitung Francisque-Michel die eingedrungenen jüdiſchen Typen oft ganz verkennt und ihre Abſtammung auf eine an das Komiſche ſtreifende flache Weiſe erläutert. Zwei Factoren aber waren es, welche dem jüdiſchen Element ſo tiefen Eingang in das deutſche Volksleben und in die deutſche Sprache verſchafften, ſodaß über - haupt eine ſo wunderliche Sprachzuſammenſchiebung wie das Judendeutſch möglich war: die Fügigkeit der wenn auch an Fle - xionen armen deutſchen Sprache ſelbſt und — der eigenthümliche deutſche Aberglaube, deſſen Zaubermyſticismus ſogar eine Ueber - fülle jüdiſch-kabbaliſtiſcher Formen aufnahm, unbekümmert, ob dieſe in ihrer fremden geheimnißvollen Erſcheinung überhaupt für die deutſche Sprachform möglich waren oder dem Volke auch nur ſonſt einigermaßen klar und begreiflich werden konnten.
Das Weſen, die gegenſeitige Beziehung und Zuſammenſchie - bung der deutſchen und jüdiſchdeutſchen Sprache iſt bereits erläu - tert worden. Die Gewalt der kabbaliſtiſchen Sprache und Formen aber, wie dieſe in ganz beſonderer Eigenthümlichkeit dem deutſchen Volke dargeboten und populär gemacht wurden, ohne daß doch das Volk eine beſtimmtere Ahnung von ihrem Urſprung gewann oder gewinnen konnte, hat eine zu entſchiedene culturhiſtoriſche und auch gaunerſprachliche Bedeutſamkeit, als daß ſie hier ganz übergangen werden dürfte. Dieſe Formen haften überall im ſocial - politiſchen Leben, in Glauben, Brauch und Sitte des Volks, ſie haften an Schrift und Wort, an Stein und Mund, öffentlich und geheim, bewußt und unbewußt, mit verſtändlichem und unverſtänd - lichem Ausdruck. Darin aber beſteht ihre dämoniſche Gewalt, daß ſie beſtändiger Ausdruck eines wenn auch weit verirrten, doch in - nerlichen geiſtigen Lebens waren: ja daß ſie, wenn gleich kaum geahnt und immer rudimentär und aphoriſtiſch, doch beharrlich und unvertilgbar ihr unheimliches Leben bewahrt haben, und auch jetzt noch immer zu verworfenen Zwecken lebendig gemacht und heraufbeſchworen werden können.
Bei den Kabbaliſten findet man unter der Menge verſchiede - ner Alphabete auch eins, welches von ihnen für das älteſte aus - gegeben wird, deſſen Moſes und die Propheten lange vor der an - geblich erſt von Esdra eingeführten Quadratſchrift ſich bedient haben ſollen und deſſen Charaktere und Gebrauch ſehr geheim gehalten wurden. Es wurde Scriptura coelestis, Himmelsſchrift, genannt. Ein anderes ihm ähnliches iſt die Scriptura malachim, Scriptura angelorum, Engelsſchrift, oder Scriptura melachim, auch Scriptura regalis, Königsſchrift, genannt. Ein drittes, bei - den genannten Alphabeten weit weniger ähnliches iſt die Scriptura transitus fluvii. Auf den erſten Blick erkennt man in allen drei Alphabeten den ſo geheimnißvoll gehaltenen Schlüſſel zu den myſteriöſen Charakteren der chriſtlichen Zauberdogmatik, welche ſelbſt den volksbetrügeriſchen Zaubermyſtikern in ihrer urſprüng - lichen Bedeutſamkeit zum größten Theil unbekannt waren und nach und nach ſowol in der figürlichen Darſtellung wie im ur - ſprünglichen logiſchen Verſtändniß ganz und gar abflachten. Man findet ſie namentlich in allen Zauberkreiſen, Nativitätstafeln u. dgl., bald vereinzelt, bald in mehr oder minder gedrängter Gruppirung, meiſtens ohne logiſchen Zuſammenhang und ohne inneres Verſtänd - niß, und man kann darum nicht zweifelhaft ſein, daß ſie ſämmt - lich eine Erfindung der Kabbaliſten ſelbſt ſind, namentlich wenn man im Vergleich mit den alten ſemitiſchen Schriftarten1)wozu ſchon die der achtzehnten Auflage der „ Hebräiſchen Grammatik “von Rödiger beigefügte vergleichende Tabelle vollkommen ausreicht. nur entfernte Aehnlichkeiten oder mindeſtens arge Verſtümmelungen jener alten urſprünglichen Alphabete findet. Charakteriſtiſch bei allen drei Alphabeten iſt, daß ſie, zur abſichtlichen Verſtärkung ihrer5 myſtiſchen Bedeutſamkeit, neben und mit ihrer logiſchen Bedeutung Sternbilder darſtellen ſollen, weshalb denn auch ihre Charaktere in Sterne auslaufen. 1)Caelestem vocant (scripturam), quia inter sidera collocatam et figuratam ostendunt, non secus atque caeteri Astrologi signorum imagi -Die in mehr als einer Hinſicht intereſſan - ten Alphabete folgen hier nach der alten, ſehr ſeltenen (in meinem Beſitz befindlichen), unten allegirten lyoner Ausgabe der Werke des Agrippa von Nettesheym vom Jahre 1531, woſelbſt ſie auf S. 317 und 318 zu finden ſind.
Zunächſt die Himmelsſchrift:
Theth Cheth Zain Vau He Daleth Gimel Beth Aleph〈…〉〈…〉 Zade Pe Ain Samech Nun Mem Lamed Caph Jod〈…〉〈…〉 Tau Schin Resch Kuff〈…〉〈…〉
Das Aleph findet ſich ähnlich in palmyreniſchen Jnſchriften, ſo auch das Gimel, obſchon dort der vertikale Zug an letzterm von der Mitte an ſchräg nach rechts abfällt. Das Daleth iſt dem pal - myreniſchen gleich; das He und Vau ſind demſelben ähnlich; Sajin und Cheth ſind ganz abweichend; Theth und Samech ſind ſich gleich und weichen ganz vom palmyreniſchen ab; ebenſo die übri - gen Buchſtaben, obſchon hier und da eine entfernte Aehnlichkeit ſich zeigt.
Die Engelsſchrift iſt noch abweichender, obſchon hier phö - niziſche Charakterähnlichkeiten zu finden ſind.
Theth Cheth Zain Vau He Daleth Gimel Beth Aleph〈…〉〈…〉 Pe Ain Samech Samech Nun Mem Lamed Caph Jod〈…〉〈…〉 Tau Schin Resch Kuff Zade〈…〉〈…〉
6Hier iſt mit abſoluter Willkür in die ſemitiſchen Schrift - formen und in ihre Bedeutung hineingegriffen worden. So iſt die in allen ſemitiſchen Alphabeten gleiche Grundform des Schin hier ſowol dem Kuph wie dem Beth und Zain beigelegt worden. Das in zwiefacher Form vorhandene Samech, das Aleph, Theth und Tau ſind ganz fremdartige Schnörkel, welche ſchon durchaus in das willkürliche Decorative und Ornamentale übergehen. Hin - gegen hat das Cheth einige Aehnlichkeit mit dem phöniziſchen Cheth und iſt von dem althebräiſchen Münzen - und Gemmen - Cheth nur dadurch unterſchieden, daß es auf der langen Seite liegt. Das Jod iſt durchaus palmyreniſch; das Ain hat Aehnlich - keit mit dem althebräiſchen Münzen - und Gemmen-Ain, und das Tau erſcheint als eine Verdoppelung des Tau in derſelben Gem - menſchrift oder in der althebräiſchen Schrift.
Eine weit ſtärkere kabbaliſtiſche Färbung hat die Scriptura transitus fluvii. Sie hat kein Sain, mithin nur 21 Buchſtaben:
Cheth Vau He Daleth Gimel Beth Aleph〈…〉〈…〉 Samech Nun Mem Lamed Caph Jod Theth〈…〉〈…〉 Tau Schin Resch Kuff Zade Pe Ain〈…〉〈…〉
Hier iſt mit höchſter Willkür in alle möglichen kabbaliſtiſchen Buchſtabenformen hineingegriffen worden und man wagt kaum darauf zu deuten, daß das Aleph mit dem aramäiſch-ägyptiſchen, das Beth mit dem palmyreniſchen und das He mit dem phöni - ziſchen (in umgekehrter Stellung) einige Aehnlichkeit hat, wenn man dazu deutlich erkennt, daß das Beth, Daleth, He, Cheth, Jod, Caph, Zade, Tau u. ſ. w. offenbar mit der Kammerſchrift übereinſtimmt.
1)nes e stellarum lineamentis educunt, p. 316, in „ Henrici Cornelii Agrip - pae ab Nettesheym, armatae militiae equitis aurati, et jur. utr. ac med. Dris Opera “(Lyon 1531).
7Jn allen drei Alphabeten kann man die Grundlage der mei - ſten zaubermyſtiſchen Charaktere ſo wenig verkennen wie die Grund - lage der geheimen Gaunerzinken, ſo entſtellt und verwiſcht auch hier wie dort, zu verſchiedenen Orten und Zeiten, die Form des urſprünglichen Charakters erſcheint. Der Vergleich mit den Zauber - zeichen in den zahlloſen Zauberbüchern und ſelbſt ſchon mit den wenigen, Th. II, S. 59 fg. dargeſtellten Gaunerzinken neuerer Zeit, älterer nicht zu gedenken, gibt Belege genug an die Hand. Noch deutlicher wird aber der Einfluß dieſer Charaktere auf die wäh - rend des Mittelalters mit großer geheimnißvoller Wichtigkeit in den Wappen - und Heroldsſchulen betriebenen Wiſſenſchaft der Heraldik und auf die ſeit dem Mittelalter in oft unerklärlicher Weiſe zum Vorſchein kommenden Bauornamente, wenn man ein eigenthümliches kabbaliſtiſches Alphabet damit in Verbindung bringt, welches man ebenfalls bei Agrippa von Nettesheym, a. a. O., S. 319, findet. Das Alphabet, welches keinen beſon - dern Namen hat, wurde bei den Kabbaliſten in hohen Ehren und ſehr geheim gehalten, jedoch auch wieder ſehr raſch bekannt, ſodaß es ſogar ſchon im 15. Jahrhundert für profan und abge - droſchen galt. Es hat unter allen kabbaliſtiſchen Alphabeten die tiefſte Begründung und das bündigſte Syſtem, und ſcheint auch für die Geſchichte und Sprache der alten Bauhütten mit den ſehr oft völlig räthſelhaften Zeichen der Steinmetzen und Maurer von Jntereſſe zu ſein. Zu ſeinem Verſtändniß muß zunächſt auf die Zahlengeltung der hebräiſchen Buchſtaben verwieſen werden, welche Th. III, Kap. 81, erklärt worden iſt.
Mit Herbeiziehung der fünf Finalbuchſtaben ſtellen die Kab - baliſten die hebräiſchen Zahlbuchſtaben mit beſtimmten, hier jedoch nicht näher zu erörternden Beziehungen1)Von der Bedeutung der drei Zahlenreihen ſagt Agrippa von Nettes - heym, a. a. O., S. 318: „ Dividantur viginti septem Hebraeorum cha - racteres in tres classes, quarum quaelibet novem contineat literas: Prima scil. 〈…〉〈…〉quae sunt signacula numerorum simplicium, rerumque intellectualium, in novem angelorum ordines distributorum, secunda tenet〈…〉〈…〉 signacula denariorum, rerumque coelestium, in novem orbi - in folgenden neun8 Kammern (camerae) auf und zwar in der Ordnung, daß die einander entſprechenden Einer, Zehner und Hunderte in je eine Kammer zuſammengeſetzt werden, wie die zur Erläuterung unter - geſetzten Zahlen ausweiſen. 1)Will man die hebräiſche Alphabetfolge richtig herausfinden, ſo lieſt man zuerſt die erſten Buchſtaben aller neun Kammern, dann die zweiten und endlich die dritten aller Kammern durch.
| III | II | I | ||
| 〈…〉〈…〉300. 30. 3. | 〈…〉〈…〉200. 20. 2. | 〈…〉〈…〉100. 10. 1. | ||
| VI | 〈…〉〈…〉600. 60. 6. | 〈…〉〈…〉500. 50. 5. | 〈…〉〈…〉400. 40. 4. | IV |
| 〈…〉〈…〉900. 90. 9. | 〈…〉〈…〉800. 80. 8. | 〈…〉〈…〉700. 70. 7. | ||
| IX | VIII | VII |
Jn dieſer Darſtellung erkennt man ſchon die Grundzüge der noch heute in den Glücksbuden vielgebrauchten Zahlenlottokarten mit den dabei üblichen (Th. III, Kap. 35 bei der Fallmacherſprache angedeuteten) Claſſificationen und Kunſtbezeichnungen. Jntereſſan - ter iſt aber noch die weitere Ausbeutung dieſes Kammerſyſtems. Nach ihren äußern viereckigen Umriſſen wurden nämlich die oben dargeſtellten neun Kammern als Fragmente eines Vierecks ſyſte - matiſch von den Kabbaliſten zu Buchſtaben verwandt und in eine (oben mit römiſchen Ziffern bezeichnete) beſtimmte Reihenfolge ge - bracht, ſodaß jede Kammer durch eine beſtimmte Figur nach fol - gendem Syſtem dargeſtellt wurde:
〈…〉〈…〉IX VIII VII VI V IV III II I
1)bus coelorum: tertia vero tenet quatuor reliquas literas, cum quinque finalibus per ordinem, scilic. 〈…〉〈…〉signacula centenariorum rerum - que inferiorum, videlicet quatuor elementorum simplicium et quinque generum compositorum perfectorum.
9Jede Kammer faßte nun drei Buchſtaben in ſich. Je nach - dem nun der erſte, zweite oder dritte Buchſtabe der einzelnen Kammer bezeichnet werden ſollte, wurde das Kammerzeichen oben mit einem einfachen, doppelten oder dreifachen eckigen Strich oder Punkt verſehen. Agrippa von Nettesheym1)Agrippa von Nettesheym begeht, mindeſtens nach der erwähnten alten lyoner Ausgabe, mancherlei Jrrthümer und läßt arge Druckfehler unverbeſſert. So hat er, ſehr verwirrend und falſch, S. 319 das oben richtig von rechts zu links geordnete Syſtem der Kammerfiguren von links zu rechts aufgeführt und wird dadurch völlig unverſtändlich, wie er denn dabei auch mit ſeinen erläu - nimmt als Beiſpiel den Namen Michael,〈…〉〈…〉, welcher mit Kammerzeichen von rechts zu links ſo geſchrieben wird:〈…〉〈…〉〈…〉〈…〉 iſt nämlich der zweite Buchſtabe des vierten Kammerzeichens,〈…〉〈…〉 der zweite Buchſtabe des erſten,〈…〉〈…〉 der zweite Buchſtabe des zwei - ten,〈…〉〈…〉 der erſte Buchſtabe des erſten, und〈…〉〈…〉 der zweite Buchſtabe des dritten Kammerzeichens.
So wird ferner geſchrieben (von rechts zu links)
Die Kammerzeichen wurden auch contrahirt geſchrieben, wie z. B. das obige Wort Michael:〈…〉〈…〉 und häufig in einen einzigen Charakter zuſammengezogen, wie daſſelbe Wort Michael:〈…〉〈…〉
10Aus dieſen Zuſammenziehungen beſtanden jene vielen geheim - nißvollen zaubermyſtiſchen Geiſter - und Beſchwörungszeichen, deren ſich die betrügeriſchen Aſtrologen und Nekromanten im Mittelalter bedienten und welche ſie für unglaubliche Summen — es kommen Kaufpreiſe von 9000 Dukaten vor für ein einziges Zeichen — verkauften.
Es darf nicht auffallen, daß ſchon Agrippa von Nettesheym, welcher von 1486 — 1535 lebte, dieſes kabbaliſtiſche Alphabet als bekannt und profan erklärte. 1)a. a. O., S. 318: „ Hic modus apud Cabalistas olim magna ve - neratione habitus, sed hodie tam communis effectus, ut fere inter pro - phana locum sortitus sit “.Tabourot führt (liv. I, chap. XXI, fol. 159b und beſonders fol. 161 und 162), freilich ſchon ſehr un - klar und verwildert und mit zu großer franzöſiſcher Färbung die - ſelbe Kammerſchrift als volksthümliche Spielerei auf und gibt dazu Beiſpiele in franzöſiſcher Sprache. Es iſt charakteriſtiſch, daß Tabourot die ſeltſame graphiſche Erſcheinung ſchon durchaus als volksthümliche Erſcheinung auffaßt, deren kabbaliſtiſcher Urſprung ihm ſelbſt ſo unklar iſt, daß er entfernte Aehnlichkeit mit den hebräiſchen Schriftzeichen darin findet (qui ressembleront quelque chose à la lettre hebraïque, si on veut un peu entourner les traicts des lettres) und bei ihrer Uebertragung in das Franzö - ſiſche die Kammern theils mit hebräiſchen, theils mit verkehrt ge - ſtellten großen griechiſchen und lateiniſchen Buchſtaben, ungeſchickt und willkürlich genug, abtheilt. Geſchickter und klarer hat ſein Zeitgenoſſe, Blaiſe de Vigenère, in ſeinem ſehr ſelten gewordenen „ Traité des chiffres “(Paris 1587, fol. 276b) die Kammerſchrift aufgefaßt, ſodaß er in der Diplomatie, welche ſich aber gerade auch nicht bedeutend um den kabbaliſtiſchen Urſprung gekümmert zu haben ſcheint, ſondern nur ihre verſteckten Zwecke verfolgte, für den Erfinder der aus der Kammerſchrift entſprungenen und bis zur Stunde in der diplomatiſchen wie in der Gaunerpraxis ſtark1)ternden Beiſpielen nicht beſonders glücklich iſt und überhaupt nicht recht klar und unbefangen in die Kabbala hineingeblickt hat.11 gebrauchten Winkel - und Quadratſchrift gilt. Auch Klüber1)„ Kryptographik. Lehrbuch der Geheimſchreibekunſt (Chiffrir - und De - chiffrirkunſt) in Staats - und Privatgeſchäften “(Tübingen 1809), S. 260., erwähnt ihrer nach Vigenère und nach dieſem mag das bei Ta - bourot unklar und typographiſch ſchlecht und incorrect dargeſtellte Syſtem zur Vergleichung mit der urſprünglichen kabbaliſtiſchen Kammerſchrift hier eine Stelle finden.
Man ziehe vier Linien, je zwei parallel, ſodaß ſie ſich wech - ſelſeitig rechtwinkelig durchſchneiden und in der Mitte ein Quadrat bilden. Jn jede Section ſetze man zwei oder drei Buchſtaben, ſo - daß alle Buchſtaben des Alphabets in die neun Sectionen vertheilt ſind. Den erſten Buchſtaben jeder Section laſſe man einfach ſtehen, dem zweiten gebe man einen Punkt, dem dritten zwei Punkte. 2)Es verſteht ſich, daß man die Buchſtaben auch anders vertheilen und nach einer durchaus willkürlichen Ordnung in die Sectionen ſetzen kann. Das Alphabet im obigen Schlüſſel iſt franzöſiſch, daher fehlt das k und w und das v wird durch u ergänzt.So wäre der Schlüſſel z. B. folgender:
| a b. c: | d e. | f g. h: |
| i l. m: | n o. | p q. r: |
| s t. | u x. | y z. |
Hier bildet jede Buchſtabenſection das beſtimmte und beſon - dere Fragment eines Vierecks. Steht die Figur ohne Punkt innen, ſo iſt der erſte Buchſtabe angezeigt; der einfache Punkt bedeutet den zweiten, der doppelte Punkt (Kolon) den dritten Buchſtaben der Figur. Danach werden die oben erwähnten Beiſpiele hier von links zu rechts ſo geſchrieben:
Soweit erſcheint die Winkel - und Quadratſchrift durchaus als klare und verſtändliche Analogie der Kammerſchrift: das Raffi - nement der Diplomatie hat nun aber ein Uebriges gethan. Viel - fach nämlich werden die doppelten Punkte weggelaſſen und beſon - ders durch ſpitze Winkel erſetzt, wie z. B. nach folgendem Schlüſſel:〈…〉〈…〉 nach welchem die Vocale ſo geſchrieben werden:〈…〉〈…〉 a e i o u oder nach einem andern Schlüſſel:〈…〉〈…〉 nach welchem die Vocale wieder ſo geſchrieben werden:〈…〉〈…〉 a e i o u oder nach einem Schlüſſel, bei welchem ſogar das hebräiſche Ka - mez〈…〉〈…〉 die Stelle des Punktes zur Bezeichnung des zweiten Buch - ſtabens vertritt:〈…〉〈…〉 Danach werden die obigen Beiſpiele (von links zu rechts) ſo aus - gedrückt:
13Alle dieſe Zeichen ſind unzweifelhaft kabbaliſtiſchen Urſprungs und liegen ſchon den älteſten Zauberzeichen und Gaunerzinken zu Grunde. Jhre ſchon ſehr frühe Popularität iſt durch Agrippa von Nettesheym, Tabourot und Vigenère verbürgt. Man darf aber auch ohne Vermeſſenheit es wagen, den Blick noch auf die Orna - mente und Frieſe fallen zu laſſen, welche man an den beſonders im nördlichen Deutſchland, Holland und Frankreich allmählich ſeit Einführung des Chriſtenthums nach dem urſprünglich römiſchen Bauſtil ausgeführten eigenthümlichen Stein - und beſonders Ziegel - bauten findet. Die Linien und Zeichnungen dieſer Ornamente und Frieſe erſcheinen vielfach ſehr eigenthümlich und dunkel. Sie mögen vielleicht als urſprünglich graphiſche Charaktere oder Jn - ſchriften zu betrachten ſein, welche freilich nach und nach zur bloßen decorativen Malerei abgeflacht ſind. An mehr als einer Stelle ſeiner trefflichen „ Fabliaux “macht der bereits Th. III, S. 68, Note 2, erwähnte geiſtvolle Le Grand d’Auſſy, beſonders in ſeinen „ Notes historiques et critiques “und namentlich zur fünften Erzählung des zweiten Theils: Huéline et Eglantine, auf die Berührung der chriſtlichen Ritterſchaft mit den Mauren in Spanien aufmerkſam, ſowie ſpeciell auf den Einfluß, welchen der aus dem Verbote bildlicher Darſtellung hervorgegangene Hang der Araber zur Anbringung zahlreicher Sinnſprüche an Bauwerken, Waffen und Gegenſtänden des täglichen Gebrauchs auf die einfachen Bilder, Wappen und Embleme der chriſtlichen Ritterſchaft hatte. Dieſe chriſtlichen Decorationen waren urſprünglich bloße dürre Bil - der, ohne Jnſchrift und Deviſe, und erſt ſeit der Bekanntſchaft mit dem mauriſchen Gebrauche ſind Jnſchrift und Deviſe als Theil der chriſtlichen Wappenornamentik nachzuweiſen. Es iſt auch be - merkenswerth, daß Agrippa von Nettesheym S. 320 die außer - ordentliche Befähigung und vielgeübte Kunſt der arabiſchen Schrift -14 contraction hervorhebt, indem er ſagt: „ Hic modus (nämlich die Zuſammenziehung eines Worts in einen einzigen Schriftcharakter) apud Arabes receptissimus est, nec est scriptura aliqua, quae tam prompte atque eleganter sibi connectatur sicut Arabica “. Dieſe Befähigung iſt allerdings ſehr eigenthümlich und beſonders ſichtbar in einem alten arabiſchen aſtrologiſchen Pergamentmanu - ſcript, welches ich beſitze und in welchem auf verſchiedenen Blät - tern als beſtimmte Beſchwörungsformel derſelbe contrahirte Cha - rakter ſo oft und ununterbrochen wiederholt iſt, daß er ganze Seiten füllt und daß, von der Gleichmäßigkeit des beſtändig wie - derholten Charakters veranlaßt, das logiſche Verſtändniß end - lich im fortgeſetzten Einerlei ermüdet und dafür das Auge unwill - kürlich nur das Graphiſche in ſeinen vielen gleichen Einzeltheilen als harmoniſches decoratives Ganzes ohne logiſche Bedeutung auffaßt.
Wie die Aufnahme geheimnißvoller exotiſcher Charaktere in die chriſtliche geheime zaubermyſtiſche Wiſſenſchaft nachgewieſen, wie ihre Verkennung und daraus entſpringende Verfärbung ſie profa - nirt und zeitig zu einer decorativen Spielerei des Volks und wie - derum aus der breiten Popularität zu einer neuen eklektiſchen Schrift der Diplomatie umgeſchaffen hat: ſo entſchieden iſt es, daß die Erfinder der originellen Charaktere überhaupt nicht, oder doch mindeſtens nicht allein die leere monotone Ornamentik, ſon - dern vorzugsweiſe ein wenn auch durch verworrene myſtiſche Sym - bolik verdunkeltes logiſches Verſtändniß in jenen Charakteren geben wollten und wirklich auch gegeben haben. Die Verdunkelung dieſes Verſtändniſſes zeigte ſich jedoch ſo früh, daß ſchon im 16. Jahrhundert der in den vollen Wirrwarr der Abflachung und Ver - bleichung jener alten graphiſchen Typen zur bloßen Ornamentik und phantaſtiſcher ſubjectiver Spielerei hineingreifende Tabourot nur noch gelegentlich und in einzelnen Fragmenten die alte logi - ſche Originalität zu retten und nachzuweiſen im Stande iſt. So interpretirt er a. a. O., I, fol. 5a, die ornamentale Zeichnung〈…〉〈…〉15 als une S fermée avec un traict pour dire fermesse au lieu de fermeté. So ferner I, fol. 162b das Ornament〈…〉〈…〉 als ein griechiſches Φ und verdoppeltes M, „ composé par un brave amoureux nommé François sur sa maistresse Marthe “. So endlich das Ornament〈…〉〈…〉 als verdoppeltes und verſchlungenes C, welche Ornamentik Ta - bourot gleich der Verſchlingung des C mit H an unendlich vielen von Heinrich II. von Frankreich mit der Katharina von Medicis aufgeführten Bauten ſelbſt geſehen haben will. Fol. 163a führt er jedoch ein ihm ſelbſt ſchon unklar gebliebenes1)Tabourot ſagt dabei: „ J’ay veu aussi practiquer des chiffres, en forme de lettres Moresques, pour servir de pendans, de fort bonne grace: et croy que si l’invention estoit cognue, qu’elle ne seroit pas mal plai - sante, L’on fait ainsi des lettres TVENBOSRAY, que j’ay tiré d’un nom et surnom “. hübſches Orna - ment auf „ en forme de lettres Moresques “:〈…〉〈…〉
Es ließen ſich noch viele andere Beiſpiele anführen, nament - lich von Bauten in den alten Reichsſtädten und wieder beſonders in Norddeutſchland, wo unter anderm in Lübeck eine Fülle von Beobachtung an alten Bauornamenten ſich darbietet. Entſprechen - des und mannichfach hierher Bezügliches wird noch in Kap. 6 berührt werden.
Während das von den Kabbaliſten erdachte und von den chriſtlichen Zaubermyſtikern zum eigenen Selbſtbetrug nachgeahmte und zum Betrug anderer ausgebeutete künſtliche Syſtem einerſeits bei ſeiner Kundgebung in das Volk raſch verblich oder zerſplitterte und theilweiſe zu einer argloſen Spielerei des letztern wurde, er - hielt ſich andererſeits das von den Zaubermyſtikern in ihren Schriften mit dem ganzen Apparat und Ernſt der Gelehrſamkeit Verarbeitete als rationelle Wiſſenſchaft, welche ſtets als Quelle neuer abergläubiſcher Verirrungen dienen, aber auch in anderer Richtung tief eingreifende Wirkungen ausüben, namentlich dem verſchlagenen ſtaatsklugen Cardinal Richelieu zum Pfunde werden ſollte, mit welchem er einen entſetzlichen Wucher trieb, als er die Kryptographie zur höchſten und feinſten Ausbildung brachte. Er bildete ſie mit der raffinirteſten diplomatiſchen Kunſt und Ver - ſchlagenheit aus, wie er ſie in ſtaunenerregender perfider Weiſe zu ſeinen politiſchen Zwecken ausbeutete, ganz dem kühnen Pro - gramm entſprechend, welches Trittheim in ſeinem berühmten Briefe an den Karmelitermönch Arnold Boſt von ſeiner Wiſſenſchaft1)„ Polygraphiae libri sex Joannis Trithemii, abbatis Peapolitani, quondam Spanheimensis, ad Maximilianum I Caesarem “(Köln 1571). Dieſe kölner Ausgabe iſt einer der ſchönſten Drucke des 16. Jahrhunderts, welche ſich in meiner Sammlung finden. aufgeſtellt hatte. Bei der ſeit Jahrhunderten eingeriſſenen gänz - lichen Desorganiſation zwiſchen Volk und König war es Riche - lieu, welcher für den ſiechenden Körper ein heimliches wirkſames Gegengift in der franzöſiſchen Polizei erfand, von welchem Lud - wig XIV. in dem Edict von 1667 eine unumwundene offene Ana - lyſe gab und deſſen Wirkungen jene Raſerei des nervenzerrütteten Körpers beförderten, welche man mit dem Namen der franzöſiſchen Revolution bezeichnet.
Nichts iſt für dieſes Siechthum des franzöſiſchen Körpers und für ſeine Vergiftung bezeichnender als die in Frankreich er -17 fundene geheime Polizeiſchrift. Hat man dieſe kennen ge - lernt, ſo muß man an alle jene ungeheure breite politiſche Schande glauben, welche der erbitterte Pierre Manuel in ſeiner „ Police de Paris dévoilée “1)„ La Police de Paris dévoilée. Par Pierre Manuel. L’un des Ad - ministrateurs de 1789. Avec Gravure et Tableaux. Deux tomes. A Paris, L’an second de la Liberté “. Das Buch iſt ſehr ſelten und wahrſcheinlich wol recht bald von der „ Police dévoilée “, auch der ſpätern, unterdrückt wor - den. Nur mit ſehr großer Mühe habe ich ein Exemplar auftreiben können. ohne Schonung und Erbarmen aufdeckt. Er ſelbſt nennt ſein Buch (II, 87): „ un moyen que n’a jamais eu un peuple de connoître jusqu’à quel point peut se dépra - ver une ville, qui, avec des lumières, n’a point de vertus “. Es gibt doch etwas, was noch unter dem Laſter ſteht und was, wie die Hölle unter der Erde, noch tief unter dem verſchlemmten Pfuhl des Laſters gedacht werden kann: jener ſataniſche Geiſt der abſoluten Luſt am Böſen, der in dem furchtbaren Fäulungsproceß wie ein tödtliches Miasma ſtill, heimlich und in tiefem Dunkel von dem verſumpften Boden nach der Oberfläche aufbrodelt, den Einzelnen wie die ganze Gruppe vergiftet und wie ein tödtliches Contagium Land und Leute überzieht und hinwegrafft. Die ge - heime Polizeiſchrift läßt ſich nicht anders definiren, als die Schrift des Geiſtes, der ſtets verneint; man kann ſie, wie man nach den Sternbildern eine Himmels - und Engelsſchrift bezeichnet, nach ihrer Weiſe und Wirkung eine Höllenſchrift nennen.
Der Graf von Vergennes, franzöſiſcher Miniſter der auswär - tigen Angelegenheiten, hatte dieſe Schrift für die diplomatiſchen Agenten Frankreichs eingeführt, damit dieſe ſich derſelben auf Em - pfehlungskarten für Fremde bedienten, welche nach Paris reiſen wollten. 2)Ein höchſt merkwürdiges und ſeltenes Buch: „ Geheime Polizei-Schrift des Grafen von Vergennes, als Beweis der feinen Politik des ehemaligen Ca - binets in Verſailles unter der Regierung des unglücklichen Königs Ludwig XVI. “(ohne Druckort, vermuthlich Eiſenach 1793), gibt vollſtändigen Aufſchluß über dieſe ſcheußliche Uriasliteratur. Klüber, „ Kryptographik “, S. 291 — 317, hat dies Buch benutzt. Zur Schmach deutſcher Nation hatte ein Mann mit deut - ſchem Namen, der k. k. Bankalgefällinſpector J. F. Opitz zu Czaslau, ſich als den wahren Erfinder dieſer Schrift genannt, ohne jedoch dieſe brandmarkendeDie Polizeiſchrift ſoll von Vergennes nur vervoll -Avé-Lallemant, Gaunerthum. IV. 218kommnet, aber ſchon unter Ludwig XV. vom verſailler Cabinet eingeführt ſein. Doch erſcheint ſie ihrem ganzen Weſen nach älter und iſt mit gutem Recht bis zu Richelieu zurückzudatiren. Die urſprüngliche Polizeiſchrift legte auf die eigentliche Schrift gar kei - nen, auf die Leſezeichen1)Die Leſezeichen und die Jnterpunktion, namentlich das Kolon und Semi - kolon, Frage - und Ausrufungszeichen, welche nachweislich erſt ſeit dem 17. und 18. Jahrhundert zu allgemeiner Anwendung gekommen ſind, geben in ihrer An - wendung für die geheime Polizeiſchrift kein geſchichtliches Kriterium ab, da in der erſt ſeit 1783 bekannt gewordenen geheimen Polizeiſchrift die Leſezeichen und Jnterpunktionen in ganz eigenthümlicher beſchränkter Weiſe und mit ab - weichender, wenn auch ſehr beſtimmter Bedeutung angewandt werden. nur untergeordneten Werth, faßte aber ihren ganzen hölliſchen Verrath in den decorativen Theilen der Empfehlungskarten zuſammen und gab allen Linien, Zeichnungen und Ornamenten, mit welchen das Volk gerade am argloſeſten und unverfänglichſten ſpielte, eine eigene furchtbare Bedeutung. Das aber war ein Hauptzug im Charakter des ſo ſtolzen wie verſchlagenen Cardinals, daß er bei ſeiner tiefen Verachtung des Volks daſſelbe immer gerade da zu faſſen wußte, wo es am arg - loſeſten ſpielte. Jn dieſen ſcheinbar bedeutungsloſen Decoratio - nen war aber kein Zug, kein Strich, kein Punkt, keine Linie, Figur, Ziffer und Farbe ohne Bedeutung. Heimat, Geſtalt, Züge, Alter, Stand, Religion, Temperament, Charakter, Vorzüge, Feh - ler, Talente, Wiſſenſchaft, Kenntniſſe, bürgerliche, häusliche und Familienverhältniſſe, Vermögen, politiſche Stellung und Verdäch - tigkeit, Grund und Zweck der Reiſe, ja ſogar verſteckte körperliche Fehler: alles war in dieſen Karten aufs genaueſte angegeben, ohne daß der Jnhaber auch nur eine Ahnung davon hatte, daß ein königlicher oder ſpäter kaiſerlicher Geſandter ſich und ſeinen Hof damit herabwürdigte, daß er in gemeiner Gaunerart durch Gauner - zinken den argloſen Fremden wie einen „ Freier “für ſeine diplo - matiſche Chawruſſe im Cabinet eines Königs und Kaiſers „ zinkte “und „ verſlichnete “. Die decorative Polizeiſchrift iſt eine vollſtän - dige Gaunerſchrift, welche erſt dann aufgegeben und in die eigent -2)Autorſchaft erwieſen zu haben. Vgl. Klüber, a. a. O., und „ Reichsanzeiger “, 1796, Nr. 80, 87 und 253.19 liche chiffrirte Polizeiſchrift übergeführt wurde, als die Kunſt und Umſtändlichkeit ihrer Darſtellung, welche ſtets einen Handzeichner, alſo die Mitwiſſenſchaft eines Dritten, erforderte, durch die Ver - ſchiedenartigkeit ihrer Staffage für die Einzelnen auffällig und ver - dächtig geworden oder auch direct verrathen ſein mochte. Beide Schriftarten müſſen hier dargeſtellt werden1)Dieſe Darſtellung erfolgt nach dem auch von Klüber, a. a. O., S. 297 fg., benutzten Buche, deſſen in Note 1, S. 17, Erwähnung gethan iſt., nicht allein weil ſie gleichen Urſprungs und gleicher Geltung mit den Gaunerzinken, ſondern auch überhaupt, weil ſie hiſtoriſch geworden ſind und ihre fortlaufende Praxis außer Zweifel ſteht, namentlich wenn man die auffälligen Erfolge der unter der modernen Fratze der „ Civili - ſation “noch immer in alter Weiſe herrſchenden franzöſiſchen Po - lizei in ihrer ſchlecht verſteckten politiſchen und moraliſchen Entſitt - lichung ins Auge faßt und auch in die deutſchen Polizeibureaux den Blick fallen läßt, ſei es auch nur, um in dem Wanderbuche eines Handwerksgeſellen unter der Viſirnummer oder ſonſtwo einen geraden oder krummen Strich oder ähnliche Schnörkel und Zeichnungen zu entdecken als feigen, hinterliſtigen Zinken der Polizei - zunft, daß der arme Teufel ausgewieſen iſt, vielleicht weil er den Groſchen für die Nacht auf der Herberge nicht hatte!
Zunächſt war bei der decorativen Polizeiſchrift die Farbe des Papiers maßgebend. Die Karten waren dabei einfarbig oder zweifarbig. Die Farben gingen auf die Landsmannſchaft und hat - ten folgende Bedeutungen:
Die Einfaſſung des Billets war nun in hohem Grade wichtig. Zunächſt deutete ſie auf äußere Merkmale und Verhält - niſſe des Jnhabers.
Das Alter des Jnhabers wurde ſo angedeutet: bis zu 25 Jahren war die Einfaſſung zirkelförmig; bis zu 30 Jahren oval; bis zu 45 Jahren achteckig; bis zu 55 Jahren ſechseckig; bis zu 60 Jahren viereckig; über 60 Jahre ein längliches Viereck.
Der Wuchs des Jnhabers wurde durch gerade oder wellen - förmige Linien angedeutet, wobei die Nähe und Entfernung der Linien voneinander von beſonderer Bedeutung waren. Die große und ſchöne Perſon wurde durch weit voneinander ſtehende und wellenförmige Linien bezeichnet; groß allein durch ebenſolche, jedoch gerade Linien; die Mittelſtatur und ſchöner Wuchs ward durch eng aneinander geſetzte wellenförmige Linien, die Mit - telſtatur mit ſchlechtem Wuchs durch enge gerade Linien, die kleine und wohlgewachſene Statur durch ganz eng anein - ander geſetzte wellenförmige Linien, klein mit ſchlechtem Wuchs durch ganz enge gerade Linien. Buckelig wurde durch einen willkürlichen Zug an den Seiten; krumm oder ſchief aber unten an der Einfaſſung, und endlich lahm durch ein beliebiges Zeichen oberhalb in der Mitte der Einfaſſung bezeichnet.
Die Geſichtszüge wurden jedesmal mitten im Obertheil der Einfaſſung ausgedrückt. Eine Roſe bedeutete ſchön und freund - lich; eine Tulpe ſchön und ernſthaft; eine Sonnenblume leidlich ſchön, aber freundlich; eine Narciſſe mittelmäßig ſchön und ernſt - haft; ein Satirkopf garſtig, aber freundlich; ein gehörnter Widder -22 kopf häßlich und ernſthaft. Ein Augenfehler wurde angezeigt durch einen einfachen oder zwiefachen Punkt über dem Geſichtszeichen.
Verheirathet wurde durch ein von oben bis unten um die Einfaſſung gewundenes, unten frei herabhängendes Band bezeich - net. Bei Ledigen fehlte das Band ganz. Reich wurde durch zwölf um die Einfaſſung vertheilte Knöpfe, nicht arm durch vier, arm aber durch Weglaſſung aller Knöpfe ausgedrückt. Eine Perrüke wurde durch eine das Geſichtszeichen überragende Muſchel bezeichnet. Fehlte die Muſchel, ſo trug der Jnhaber eige - nes Haar.
Endlich wurde noch mit der Einfaſſung die Abſicht der Reiſe ausgedrückt. Bei einer Heirath ward das Band um die Einfaſſung nur bis zur Hälfte umgewunden. Bewerbung um ein geiſtliches Amt war ein kleiner Kreis oder eine Null an der untern Einfaſſung in der Mitte zwiſchen den Linien. Civil - dienſte waren zwei kleine Kreiſe zwiſchen den Einfaſſungslinien, oben zu beiden Seiten des Geſichtszeichens. Kriegsdienſte waren vier kleine Kreiſe ſymmetriſch zwiſchen den Einfaſſungslinien an - gebracht. Ebenſo wurden Wechſelgeſchäfte durch ſechs, Ver - gnügungen durch acht Kreiſe ausgedrückt. Kaufmänniſche Speculation war wie bei der Bewerbung um ein geiſtliches Amt, nur ſtand hier ein Oval anſtatt des Kreiſes. Gelehrſam - keit, Wiſſenſchaft und Kunſt ward mit zwei Ovalen zu bei - den Seiten des Geſichtszeichens oben zwiſchen den Einfaſſungs - linien ausgedrückt. Jn gleicher Weiſe wurden vier Ovale zur Bezeichnung von Erbſchaft, ſechs Ovale für Beſuch bei Ver - wandten oder Freunden, und acht Ovale für Staatsge - ſchäfte gebraucht. Die unbekannte Abſicht wurde durch Weg - laſſung aller Zeichen bemerklich gemacht.
Die Religion wurde durch das Leſezeichen unmittelbar hin - ter dem Namen des Jnhabers ausgedrückt. Danach war:
Der beſondere Zug unter dem Namen des Jnhabers wurde zum Ausdruck des innern Charakters gebraucht. So wurde Einſicht mit dem Zeichen ︸ ausgedrückt. Ein gerader Strich unter dem Namen ― bedeutete Einfalt, Dumm - heit. Narrheit wurde mit dem Schnörkel〈…〉〈…〉 Leichtſinn aber mit der geſchlängelten Linie〈…〉〈…〉 bezeichnet.
Zwei Striche („) über dem Schlußzeichen, welches unter dem Namen ſteht, bedeuteten Ehrlichkeit, Ehrliebe und Redlich - keit. Verſchwiegenheit wurde durch zweifache Doppelſtriche („ „) an den Seiten des Schlußzeichens ausgedrückt; Hang zu Betrügerei aber unter dem Schlußzeichen mit dem Zuge〈…〉〈…〉
Ein Punkt über dem Schlußzeichen (〈…〉〈…〉) bedeutete den Spieler; ein Punkt unter demſelben (〈…〉〈…〉) Verliebtheit; ein kleiner Strich unter dem Schlußzeichen (〈…〉〈…〉) kennzeich - nete den Trinker.
Endlich wurden Kenntniſſe mit Zahlen ausgedrückt, welche leichthin für die Nummer und Regiſtratur des Billets gelten konnten.
Kenntniſſe in mehrern Fächern wurde durch mehrere nebeneinander geſetzte Zahlen ausgedrückt, wobei die links ſtehende Zahl die Vorzüglichkeit der durch ſie repräſentirten Wiſſenſchaft vor der rechts folgenden bezeichnete, z. B.: 726 bedeutet mehr Kenntniß in Sprachen als in der Jurisprudenz und mehr Kennt - niß in letzterer als in der Mathematik. Jſt die Zahl mit dem Zeichen〈…〉〈…〉 unterzogen, ſo kennt der Jnhaber das Weſen und Weſentliche der angezeigten Wiſſenſchaft.
Zur nähern beiſpielsweiſen Verdeutlichung des ganzen Verfah - rens mögen hier zwei der bei Klüber, Taf. V und VI, angehäng - ten Empfehlungskarten folgen.
Die Karte iſt ſo zu interpretiren: Alphons d’Angeha iſt ein Portugieſe (das Papier iſt weiß), unter 45 Jahre alt (die Karte iſt achteckig), groß von Perſon (die Einfaſſung iſt breit), aber ſchlecht gewachſen (die Einfaſſung hat gerade Linien); von Geſicht leidlich ſchön, doch freundlich (in der Einfaſſung oben iſt eine Sonnenblume), verheirathet (die Einfaſſung iſt mit einem Bande umwunden), nicht arm (um die Einfaſſung befinden ſich vier Knöpfe), hat eigenes Haar (es iſt keine Muſchel hinter der Son - nenblume), ſucht Kriegsdienſte (zwiſchen den Einfaſſungslinien ſind25 vier kleine Kreiſe), iſt katholiſcher Confeſſion (hinter dem Namen d’Angeha ſteht ein Kolon), leichtſinnig (unter dem Namen ſteht eine geſchlängelte Linie), einſichtsvoll (unter dem Zeichen des Leicht - ſinns ſteht das der Einſicht), ehrliebend (über dem Zeichen des Leichtſinns ſtehen zwei Striche „), verliebt (unter dem Zeichen der Einſicht ſteht ein Punkt), kennt Mathematik, Staatskunde und Sprachen, beſonders Mathematik (denn in der Zahl 657 ſteht die 6 voran) und hat gründliche Bildung (unter der Zahl 657 ſteht das Zeichen der Einſicht).
Ein zweites Beiſpiel iſt folgendes:
Die Farbe des Papiers iſt hier gelb. Esquire de Gray iſt danach ein Engländer, 35 Jahr alt (die Einfaſſung iſt oval), groß von Statur (die Einfaſſungslinien ſtehen weit auseinander), ſchön gewachſen (die Einfaſſungslinien ſind wellenförmig), ſchön von Geſicht, aber ernſthaft (oben in der Einfaſſung iſt eine Tulpe), verheirathet (die Einfaſſung iſt mit einem Bande umwunden), ſehr26 reich (um das Oval ſtehen zwölf Knöpfe), trägt eine Perrüke (hinter der Tulpe iſt eine Muſchel), reiſt als Gelehrter, um ſeine Kenntniſſe zu erweitern (oben ſeitlich von der Tulpe, dem Geſichts - zeichen, ſind zwei Ovale), iſt evangeliſcher Confeſſion (hinter dem Namen ſteht ein Semikolon), beſitzt viele Kenntniſſe (unter dem Namen ſteht das Zeichen der Einſicht), iſt redlich (über dem Zei - chen der Einſicht ſtehen zwei Striche „), verſchwiegen (das Zeichen der Einſicht iſt zu beiden Seiten mit zwei Strichen verſehen), liebt das Spiel (über dem Zeichen der Einſicht ſteht neben den Strichen noch ein Punkt), verſteht ſich auf Jurisprudenz und Staatswiſſen - ſchaft (die Karte hat oben links die Zahl 25, und zwar ſind die Kenntniſſe in der Rechtswiſſenſchaft größer als in der Staats - kunde, weil die 2 voranſteht), und hat gründliche Bildung (das Zeichen der Einſicht iſt unter die Zahl 25 geſetzt).
Noch beſtimmter als die auf ſo ſchmähliche Weiſe verrathenen Perſonen charakteriſirte aber die franzöſiſche Polizei ſich ſelbſt mit dieſer raffinirten Gaunerſchrift, indem ſie ſich damit als Typus hinterliſtigen Verraths hinſtellte. Jn jener Zeit der franzöſiſchen Revolution, wo in brutaler Gottesvergeſſenheit alles geheiligte Recht, aller Glaube, alle Sitte mit Füßen getreten ward, kann es nicht befremden, daß ſelbſt den bekannteſten und unverdächtigſten Perſonen ſolche Karten als ſogenannte „ Sicherheitskarten “auf gedrungen wurden, damit die geheime Aechtung zu jeder Zeit an dem bereits ſchon verrathenen Opfer unter der Guillotine vollzogen werden konnte.
Wenn aber auf demſelben ſittenverwüſteten Boden, an deſſen Horizontlinie jetzt die „ Civiliſation “und „ Nationalität “wie eine Fata-Morgana in trügeriſcher verkehrter Spiegelung am Wüſtenrande erſcheint, das neue Kaiſerreich den alten Verrath auch für ſeine Polizei nützlich und gut fand, ſo werden die ebenſo ungeheuern wie räthſelhaften Erfolge der kaiſerlich franzöſiſchen Polizei auf deutſchem Boden einigermaßen erklärlich und in der deutſchen Bruſt das Bewußtſein alles deſſen lebendig angefacht, was deutſcher Ernſt, deutſche Ehre, deutſche Zucht und Sitte heißt. Von der Propaganda des ſcheußlichen geheimen Verraths mögen27 Klüber’s Worte, a. a. O., S. 293, Zeugniß geben. „ Noch jetzt “, ſagt Klüber, „ pflegt zu Paris der Miniſter der auswärtigen An - gelegenheiten manchem Fremden eine Art von Sicherheits - und Empfehlungskarten zu geben. Jch will eine derſelben von dem Jahre 1806 hier beſchreiben, ohne daß ich jedoch die darin muth - maßlich enthaltene Geheimſchrift zu erklären vermag. Es iſt ein Achteck von ſtarker, aber dünner Pappe, überall mit feinem, gut aufgeleimtem Papier überzogen, ungefähr in der Größe einer gro - ßen Taſchenuhr. Auf beiden Seiten läuft auf dem äußerſten Rande zuerſt eine ſchwarze Linie herum, an dem einen Orte ſtärker, an dem andern ſchwächer; auf dieſe Linie folgt eine rothgelbe Ein - faſſung, einen ſtarken Meſſerrücken breit; dieſe wird ſodann aber - mals begrenzt durch ſchwarze Linien, die bald einfach, bald dop - pelt, bald dicker, bald dünner ſind. Auf der Hauptſeite ſteht auf weißem Papier in Kupfer geſtochen, der franzöſiſche Reichsadler, auf einem gewundenen Stabe, unter der ſchwebenden Reichskrone, zwiſchen zwei Lorberzweigen, die unten ſich kreuzen, und mit einem Bande zuſammengebunden ſind. Zu beiden Seiten der Krone ſteht cirkelförmig: « Empire français ». Die Kehrſeite iſt in der Mitte, von oben herab, durch zwei Farben getheilt; die linke (heraldiſch die rechte) Hälfte iſt weiß, die rechte hellgrün. Oben ſteht, in Kupfer geſtochen, in einem Halbzirkel: « Respect au droit des gens ». Jn dieſem Halbzirkel ſteht, in drei geraden Linien, geſchrie - ben (als wäre es in Kupfer geſtochen) der Name und Charakter des Eigenthümers der Karte. Dann ein Querſtrich, und unter dieſem, in Kupfer geſtochen, die Worte: « Le Ministre des Re - lations Extérres ». Unter dieſen, eigenhändig, die Signatur: « Ch. Man. Talleyrand ». Hierunter, in Kupfer geſtochen, in zwei Zei - len: « Par le Ministre. Le Chef de la div. on des Rel. ons Comm. les ». Und darunter eigenhändig die Signatur: « D’Harmond ». “
Welch’ eine Beglaubigung in dem Namen Talleyrand!
Die Verſchiedenartigkeit der zu bezeichnenden Perſonen und Verhältniſſe machte die Anwendung gedruckter oder in Kupfer ge - ſtochener Kartenblankets umſtändlich und ſchwierig, wenn auch ſolche in allgemeinen Umriſſen möglich waren. Der ſchwierigſte Uebelſtand war, daß für jeden Agenten ein eigener Zeichner noth - wendig und ſomit die Wiſſenſchaft Dritter unvermeidlich wurde. Vergennes nahm daher ſeine Zuflucht zu einer andern unverdäch - tigern Methode, bei welcher alles Decorative beſeitigt und das Nöthige blos durch Chiffern ausgedrückt wurde, wodurch die Schrift viel unverfänglicher erſchien, ohne auch nur ein Minimum von dem dadurch bezweckten Verrathe einzubüßen. Die Methode war einfach folgende:
Die Statur wird durch ein N ausgedrückt, welches wie die Abbreviatur von Numero oben in die linke Ecke des Billets ge - ſetzt wird. Ein großes N bedeutet groß, ein kleineres n mittel - groß, n klein, und n drückt die Unbekanntſchaft mit der Größe der Perſon aus.
Jſt der Jnhaber der Karte verheirathet, ſo werden durch das N zwei horizontale Striche gezogen. Bei Unverheiratheten bleiben die Striche weg.
Weiß man nicht, ob der Jnhaber verheirathet iſt, ſo wird hinter das N ein o geſetzt, alſo No. Die Vermuthung der Ver - heirathung wird gleichfalls durch No. ausgedrückt, bei welchem jedoch das N mit zwei horizontalen Strichen durchzogen iſt.
Das Tragen einer Perrüke wird durch das Zeichen〈…〉〈…〉 unter dem N angezeigt. Das eigene Haar wird durch das Zei - chen〈…〉〈…〉 unter dem N angedeutet. Steht das N ohne eins dieſer beiden Zeichen, ſo weiß der Ausſteller nichts Beſtimmtes über das Haar zu ſagen.
Die Landsmannſchaft wird durch Zahlen 1 bis 40 nach der im vorigen Kapitel aufgeführten Ordnung bezeichnet. Von 1029 an werden die Zahlen dicht aneinander geſetzt, ſodaß kein Zweifel über ihre Zuſammengehörigkeit entſtehen darf.
Das Alter wird durch die nachfolgenden Zahlen ausgedrückt:
1 bedeutet bis 25 Jahre; 2 bis 30 Jahre; 3 bis 35 Jahre; 4 bis 40 Jahre; 5 bis 45 Jahre; 6 bis 50 Jahre; 7 bis 55 Jahre; 8 bis 60 Jahre; 9 bis über 60 Jahre.
Die innern und äußern Eigenſchaften werden durch einen Rechnungsbruch ausgedrückt. Der Bruch ſowol im Zähler wie im Nenner hat ſtets vier Zahlenſtellen.
Durch den Zähler werden die innern, durch den Nenner die äußern Eigenſchaften ausgedrückt.
Die erſte Zahl (auf der Stelle der Tauſende) bezeichnet die Geiſteskraft, und zwar:
Die zweite Zahl (auf der Stelle der Hunderte) bezeichnet die Sinnesart:
Die dritte Zahl (auf der Stelle der Zehner) bezeichnet die Hauptleidenſchaft, und zwar:
Die vierte Zahl (auf der Stelle der Einer) bezeichnet die Vermögensverhältniſſe, und zwar:
Die erſte Zahl (auf der Stelle der Tauſende) bezeichnet den Leibeswuchs, und zwar:
Die zweite Zahl (auf der Stelle der Hunderte) zeigt die Ge - ſichtsbildung an, und zwar:
Die dritte Zahl (auf der Stelle der Zehner) bezeichnet die Mienen und Geberden, und zwar:
Die vierte Zahl (auf der Stelle der Einer) bezeichnet die Ab - ſicht der Reiſe, und zwar:
Zu bemerken iſt, daß aus jedem Fache in der Regel nur eine einzige Zahl genommen wird, welche jedoch, wie oben angedeutet, gewechſelt werden kann. Sollen aber Zahlen aus mehrern Fächern derſelben Abtheilung genommen werden, ſo müſſen dieſe Zahlen ganz dicht aneinander geſetzt werden.
Der Stand der Perſon wird ebenfalls durch Zahlen bezeich - net, und zwar bedeutet:
Die Kenntniſſe der Perſon werden durch dieſelben Zahlen ausgedrückt, welche bei der chiffrirten Polizeiſchrift gebräuchlich und im vorigen Kapitel erläutert worden ſind.
Die Verſchwiegenheit wird dadurch angedeutet, daß man die Zahlen, welche die Landsmannſchaft, das Alter, den Stand und die Kenntniſſe anzeigen, zwiſchen zwei Doppelſtriche einſchließt: „ 274 „.
Die Ehrlichkeit und Redlichkeit wird durch das Zeichen〈…〉〈…〉 angedeutet, welches unter den Namen der Perſon kommt. Jſt die Ehrlichkeit zweifelhaft, ſo wird ein langer Strich unter den Namen geſetzt.
Der Betrüger wird durch die wellenförmige Linie〈…〉〈…〉 unter dem Namen bezeichnet.
Die Religion wird durch dieſelben Leſezeichen angedeutet,32 welche bei der decorativen Polizeiſchrift üblich und im vorigen Kapitel erläutert ſind.
Die Kenntniß der Wahrheit wird unter den Zahlen der Kenntniſſe und des Standes mit dem Zeichen〈…〉〈…〉 angedeutet.
Was unbekannt iſt, wird durch einen Horizontalſtrich〈…〉〈…〉 oder durch eine Null (0) oder durch einige Punkte (.....) an - gedeutet.
Die Anordnung der Zahlen und Zeichen iſt endlich folgende:
Links (heraldiſch rechts) oben ſtehen die Zahlen der Leibes - größe, des Eheſtandes und des Haares. Gleich daneben ſtehen die Zeichen der Heimat und des Alters. Dann kommen die als Rechnungsbruch aufgeſtellten acht Zahlen (vier Zähler, vier Nenner), welche Geiſteskraft, Sinnesart, Hauptleiden - ſchaft, Vermögen, Leibeswuchs, Geſichtsbildung, Miene, Geberden und Abſicht der Reiſe ausdrücken. Rechts (heraldiſch links) oben ſtehen die Zahlen der Kenntniſſe und des Standes.
Jn der Mitte der Karte ſteht der Name des Jnhabers der - ſelben; gleich hinter dem Namen ſteht das Religionszeichen. Unter dem Namen ſteht das Zeichen der Ehrlichkeit.
Zur Erläuterung mögen ferner zwei der bei Klüber, S. 313, angeführten Beiſpiele1)Die Randlinien ſind bei der chiffrirten Polizeiſchrift gewöhnlich ohne beſondere Bedeutung. dienen:
Die Erklärung iſt: Herr von Sprinthal iſt groß von Perſon (das N iſt groß); ob verheirathet, iſt unbeſtimmt (denn nach N ſteht eine Null); doch iſt er wahrſcheinlich ledig (die Querſtriche durch das N fehlen); trägt eine Perrüke (unter dem N ſteht eine wellenförmige Linie); iſt aus Pfalzbaiern (bei der Zahl 20 7 ſtehen die beiden erſten Zahlen 20 hart aneinander); iſt zwiſchen 50 — 55 Jahre alt (die 7 in der Zahl 20 7); iſt verſchwiegen (die Zah - len ſind durch „ „ eingeſchloſſen); beſitzt viel Einſicht (die Zahl 5 im Zähler); iſt geſetzt (die Zahl 4 im Zähler); iſt ein Spieler (die Zahl 6 im Zähler); iſt nicht arm (die Zahl 7 im Zähler); iſt ſchön gewachſen (die Zahl 5 im Nenner); mittelmäßig ſchön von Geſicht (die Zahl 6 im Nenner); von ernſthafter Miene (die Zahl 7 im Nenner); ſucht Kriegsdienſte (die Zahl 1 im Nenner); verſteht Staatskunde (die Zahl 5 rechts), Mathematik (die Zahl 6 rechts), Sprachen (die Zahl 7 rechts), iſt Soldat (die Zahl 2 rechts), kennt die Wahrheit (die Zahlen der Kenntniſſe und des Standes haben das Zeichen〈…〉〈…〉), iſt katholiſcher Confeſſion (hinter dem Namen ſteht ein Kolon) und ein Betrüger (ſein Name iſt mit dem wellenförmigen Striche〈…〉〈…〉 unterzeichnet.
Zweites Beiſpiel (Klüber, S. 315):
Herr P. H. de Vlyten iſt klein von Statur (der kleine Buch - ſtabe n); verheirathet (zwei Striche durch das n); trägt eigenesAvé-Lallemant, Gaunerthum. IV. 334Haar (unter n ſteht das Zeichen〈…〉〈…〉); iſt Holländer (die 5 nach dem n in der Zahl 55); der Grad ſeiner Einſicht iſt unbe - kannt (die 1 im Zähler); iſt leichtſinnig (die 3 im Zähler); ver - liebt (die 4 im Zähler); reich (die 6 im Zähler); ſchief gewachſen (die 6 im Nenner); ſchön von Geſicht (die 9 im Nenner); von freundlicher Miene (die 3 im Nenner); hat Wechſelgeſchäfte (die 7 im Nenner); verſteht die Rechtsgelehrſamkeit (die 2 rechts oben); macht aber den Kaufmann (die 4 rechts oben); unbekannt iſt, ob er die Wahrheit kennt (das Zeichen〈…〉〈…〉 fehlt unter den Zah - len der Kenntniſſe und des Standes); unbekannt, ob er verſchwie - gen iſt (die Zahlen ſind nicht mit „ „ eingeſchloſſen); er iſt re - formirt (das Komma hinter dem Namen), und iſt ehrlich (das〈…〉〈…〉 unter dem Namen).
So viel möge genügen zur Kenntniß der polizeilichen Gau - nerei, welche ſchon zweihundert Jahre lang in Frankreich ihr Weſen getrieben hat, zur Warnung für den deutſchen Polizeimann, auf daß er nicht in Verſuchung falle, zur Witzigung für Hoch und Niedrig und vor allem zur Würdigung der jetzt ganz beſonders den modernen Erſcheinungen gegenüber mächtiger als je ſich gel - tend machenden tiefen Wahrheit und Warnung des Apoſtels: Μήτις ὑμᾶς ἐξαπατήσῃ κατὰ μηδένα τρόπον ὅτι ἐὰν μὴ ἐλϑῃ ἡ ἀποστασία πρῶτον, καὶ ἀποκαλυφϑῇ ὁ ἄνϑρωπος τῆς ἁμαρ - τίας, ὁ υἱὸς τῆς ἀπωλείας.
Während man in der geheimen Polizeiſchrift die ſtreng abſo - lute Redaction der ſtark verfärbt in das Volk gedrungenen kabba - liſtiſchen Typen zu einem geheimnißvollen Syſtem erblickt, deſſen Abſolutismus um ſo perfider erſcheint, je populärer der Grundſtoff an ſich in den allgemeinen Typen geworden war: ſo erkennt man in den vom Gaunerthum zu ſeinen Typen gewählten Gaunerzinken35 zwar denſelben populären Stoff als Grundlage. Weit entfernt aber, ein abgerundetes ſtrenges Syſtem zu ſchaffen, um das exclu - ſive geheime Verſtändniß anzubahnen und zu bewahren, blieb das Gaunerthum auch hier ſeinem Grundſatz getreu, in das Volk hin - einzudringen und ganz im Volk zu leben, aus deſſen Sprache und Typen das ihm dienlich Scheinende mit ſchlauer Wahl zuſammen zu leſen und für ſein geheimes logiſches Verſtändniß umzumodeln. Das macht gerade das Verſtändniß der Gaunerzinken ſo überaus ſchwer. Dieſe leiden nicht allein an der populären Verfärbung der originellen Typen, ſondern dazu auch noch an der autokraten Auswahl und frivolen Umwandelung des verſchlagenen Gauner - thums. Und doch ſind noch bis zur Stunde in ſehr vielen Gau - nerzinken die alten Originaltypen deutlich zu erkennen. Nimmt man z. B. den rohen verwilderten Zinken der Kirſchner in Th. II, S. 59:
ſo erkennt man in dem Charakter, welcher von dem im 18. Jahr - hundert als Diebszeichen allgemein gebräuchlichen Pfeil durchzogen iſt, ganz entſchiedene Spuren der oben dargeſtellten Himmels - und Engelsſchrift. So iſt a. a. O. in dem am 28. Juli 1856 am Diete’ſchen Hauſe zu Gerſtberg in Niederöſterreich vom Schränker gezeichneten Zinken
ſehr beſtimmt eine Spur von der Kammer - und Winkelſchrift zu erkennen, ſo wenig bewußt auch dem Jnhaber und Zeichner des Zinkens die Urſprünglichkeit deſſelben mit der erſten wahren Be - deutſamkeit geweſen ſein mag. Solche Hindeutungen finden ſich in faſt allen Gaunerzinken. Es darf nicht überraſchen, daß häufig in frappanter Weiſe die Zinken mit den ſtreng geheim gehaltenen3*36ſyſtematiſchen polizeiſchriftlichen Characteren übereinſtimmen. Es iſt möglich, daß der Geiſt gleicher Hinterliſt und Verſchlagenheit auf gleiche oder doch ähnliche Formen der Ausdrucksweiſe verfallen kann: man mag dieſe Aehnlichkeiten immerhin nur als bloße Zu - fälligkeiten nehmen. Niemals darf man aber vergeſſen, daß die Polizeiſchrift, wenn auch ſtreng ſyſtematiſch redigirt und geheim gehalten, doch auf den ſchon volksthümlich gewordenen Typen alter kabbaliſtiſcher Formen beruht und daß dem Gaunerthum mit ſeinem ſcharf - und weitſehenden, höchſt objectiven Blick kaum irgend - eine Spielerei und Schwäche des Volks entging, welche es nicht zur Erhaltung ſeiner Exiſtenz und Eigenthümlichkeit auszubeuten verſtanden hätte. So läßt ſich denn — und das iſt charakteriſtiſch für alle Gaunerſprachen — ein allgemeines Gaunerzinkenſyſtem nicht entdecken. Kaum kann von einem allgemeinen Diebszeichen, dem Pfeil, als Zeichen der behenden Schnelligkeit, oder von einem allgemeinen Zinken der Beſorgniß vor Gefangenſchaft, Th. II, S. 61
oder der gelungenen That
die Rede ſein. Wenn ja eine umfaſſendere Zinkenverſtändigung ſtattfindet, die man jedoch niemals mit Grund ſyſtematiſch nennen darf, ſo iſt und bleibt ſie doch immer auf eine beſtimmte einzelne Gaunergruppe und höchſtens auf eine größere Stadt als verab - redete Verſtändigung beſchränkt. Von ſolchen Verſtändigungen findet man allerdings viele Spuren, ohne jedoch über das Ganze jemals klar geworden zu ſein, da ohnehin aus gaunerpolitiſchen Rückſich - ten die Zinken häufig wechſeln. Aber immer, ſelbſt in der größten Willkür und Verwilderung, findet man dieſelben alten, wenn auch ganz verwehten und verſchollenen Anklänge. Frappant iſt der ſpöttiſche Humor des wackern London Antiquary1)„ A dictionary of modern slang, cant and vulgar words used at the present day in the streets of London “u. ſ. w. (London 1859)., wenn er37 S. xlv bei Erläuterung der Gaunerzinken auf der Marſchroute eines bettleriſchen Strolches, welche dem Buche vorgeheftet iſt, in die Worte ausbricht: „ And strange it would be if some modern Belzoni, or Champollion, discovered in these beggars’ marks fragments of ancient Egyptian or Hindoo hieroglyphical writ - ing! “ Allerdings kann man das, ohne Belzoni oder Champollion zu ſein, wenn man nur etwas in die jüdiſche Kabbala und ihre Geneſis eingedrungen iſt und ein wenig von der Kunſt und Sprache des Gaunerthums verſteht!
Gerade aber die Cadgers map of a begging district, welche der Antiquary gibt, vereinigt eine Anzahl charakteriſtiſcher Gauner - zinken, welche ſämmtlich auch in Deutſchland unter den Gaunern gebräuchlich ſind, wenn auch, wie leicht erklärlich, in mannichfach abweichender Bedeutung. Es wird daher nicht unintereſſant ſein, dieſe Stapplermarſchroute hier wiederzugeben, zumal man feſt überzeugt ſein kann, daß in jeder größern deutſchen Stadt ähn - liche graphiſche Topographien exiſtiren ſo gut wie in England und daß die neuerlich mehr und mehr in Aufnahme gekommenen und beſonders von Wirthen ſolcher Städte für den Nachweis ihrer Hotels ſtark geförderten und ihren Gäſten gern zur weitern Em - pfehlung überreichten kleinen „ Fremdenführer “mit kleinen behen - den lithographirten Grundriſſen des Orts, oder auch beſondere Empfehlungskarten mit dem Grundriß der Stadt auf der Rückſeite der Karte, welche kaum größer iſt als eine Viſitenkarte, in gründ - lichſter Weiſe von Gaunern ausgebeutet werden.
38Der „ Antiquary “ſelbſt gibt zu den Hieroglyphen auf der Karte einen Commentar, nämlich:
Welches weite und reiche Feld überhaupt von jeher dem Gau - nerthum zur Auswahl für ſeine Zinken zu Gebote ſtand, das be - weiſt die ſchon im Mittelalter ſichtbare, ungemein ſtarke Ausbeu - tung der eigentlich erſt im Laufe des 19. Jahrhunderts durch die Tagesblätter wieder in Aufnahme gebrachten und ganz volksthüm - lich gewordenen Rebus. Tabourot, a. a. O., Buch I, Kap. 2 und 3, gibt eine ſehr große Auswahl mit zum Theil höchſt ſchmu - zigen Holzſchnitten, ſodaß leider keiner davon hier wiedergegeben werden kann. Es iſt aber ſehr merkwürdig und für die Breite und Popularität dieſer Spielerei in hohem Grade bezeichnend, daß ſchon vor Tabourot’s Zeit ein ganz ſpecieller perſönlicher Gebrauch davon gemacht wurde, ſodaß z. B. im 16. Jahrhundert der alte Buchhändler Pierre Grangier zu Dijon über ſeinen Buchladen ohne weiteres die Figur ſetzen ließ:
40welche Tabourot einfach ſo erläutert: Qui à chacun doigt, est en main, sous si. C’est à dire: qui à chacun doit, est en maint soucy. Oder jener boshafte Notenrebus über den ſtarken Einfluß, welchen Philipp II. von Spanien 1590 bei der Wahl des Cardinals Hippolyt Aldobrandini zum Papſt (Clemens VIII. ) übte; nämlich unter dem Bilde des Papſtes die Notenzeile:
Ebenfalls zeigt ſich bei dieſem Rebus des Mittelalters die Ausbildung der Th. II, S. 61, dargeſtellten Freiſchupperzinken zu einem Syſtem, welches man bei Tabourot, a. a. O., Fol. 23 b, freilich aber auch ſchon in einſeitig beſchränkter und dürftiger Weiſe angedeutet findet, nämlich die Würfelpaſche:
[⚂]CO[⚄ ⚄]malades sont allées de nuict avec lan[⚂ ⚂]devers les[⚃ ⚃]demander leurs[⚄ ⚄]mettre pour[⚀ ⚀]esperans par ce moyen devenir[⚅ ⚅]mais pour ce faire il en faudroit à chacune[⚁ ⚁]
Den Schlüſſel gibt Tabourot: Deux cinq signifient quines, deux trois ternes, deux quatre carmes, deux as ambesas quasi embesace, deux six seines.
Recht überraſchend iſt endlich noch, daß ſich neuerlich auch die Blumenſprache als Gaunerzinken bemerklich macht. Aller - dings findet man in ältern und neuern Gaunerzinken (vgl. Th. II, S. 64) nicht ſelten die rohe Geſtalt einer Blume als Wappen - zeichen dargeſtellt; doch ſcheint die Bedeutung nicht über die wap - penartige Kennzeichnung der ſpecifiſchen Perſönlichkeit hinauszu - gehen. Erſt vor fünf Jahren wurde ich auf die Blumenſprache aufmerkſam gemacht, indem ich in der Brieftaſche eines aus Mit - teldeutſchland ſtammenden hochſtappleriſchen Strolchs eine wahr -41 ſcheinlich auf dem Wege hierher nach Lübeck in Hamburg oder Oldesloe nach einem hieſigen Adreßbuche1)Es mußte ein älteres, einige Jahre früher erſchienenes geweſen ſein. Jnzwiſchen hatten ein paar Wohnungsveränderungen ſtattgefunden. redigirte Namensliſte angeſehener Lübecker fand, in welcher einzelne Perſonen mit ſeit - wärts angebrachten, zum Theil verſchiedenen Blumen beſonders hervorgehoben waren, wo alſo doch wol die Blume eine appella - tive Bedeutung haben ſollte. Das Syſtem dieſer vom Stappler als bloße Zufälligkeit hartnäckig bezeichneten Blumen konnte ich nicht ermitteln. Doch mögen etwa noch weitere Spuren einer ſolchen eigenen Gaunerflora gefunden werden können, die vielleicht aus irgendeinem der vielen, von buchhändleriſcher Speculation ge - förderten Büchern „ von der Blumenſprache “geſchöpft, vielleicht aber auch eine nahe Analogie des noch immer in Flor ſtehenden und möglicherweiſe durch Zigeuner verſchleppten orientaliſchen „ Selam “ſein mag, deſſen Kunſt auch der wackere Klüber, a. a. O., S. 281, nach dem „ Myſterienbuch alter und neuer Zeit “, S. 101 fg. ſeine Forſchungen gewidmet hat. 2)Der ehrenfeſte, ſtreng diplomatiſche Klüber macht zum Schluß (S. 283), völlig unerwartet, ſogar ſelbſt eine botaniſche Excurſion auf das Gebiet zart - ſinniger erotiſcher Symbolik des Morgenlandes, indem er ein ganz correctes Bouquet bindet: „ Jch beſuche dich, liebe Freundin, morgen früh im Garten, mit meinem Bruder, einem rechtſchaffenen Manne, der dich, ſchönes Mädchen, liebt und dich zu heurathen wünſcht! “Nach dem „ Myſterienbuch “, welches übrigens auch von der Diplomatie in dieſer eigenthüm - lichen Gaunerbotanik ausgebeutet iſt, wie die oben dargeſtellten Empfehlungskarten zeigen, bedeutet die Roſe überhaupt ein Mäd - chen, die Nelke eine Mannsperſon, die Aſter Vater oder Mutter, die Hyacinthe Freund oder Freundin, die Aurikel Bruder oder Schweſter, das Stiefmütterchen Witwer oder Witwe, Crocus ein Kind (mit Thymian einen Knaben, mit Reſeda ein Mädchen), Kornblume Landmann, Ranunkel Soldat, Akelei Juriſt, Kamille Arzt, Goldlack Kaufmann, Vanillenblume Fremder, Tuberoſe Vornehmer, Spike Geringer, Orangenblüte Reich - thum, Feldkümmel Armuth, Tulpe Stadt, Veilchen Land, Tauſendſchön Tag, Mohnblume Nacht, Primel Morgen,42 Nachtviole Abend, Kreſſe Spaziergang, Spaniſchgeniſte Beſuch, Balſamine Geſellſchaft, Ritterſporn Reiſe, Jris - tuberoſe Ball, Jasmin Garten, Kleeblume Concert, Gänſe - blümchen Frage, Jelängerjelieber lieben, Myrthe heirathen, Diptam haſſen, Krauſeminze fürchten, Vergißmeinnicht wünſchen, Rosmarin trauern, Pudennienroſe entfernen, Ane - mone freuen, Baſilikum ſprechen, Maiblume gut, unſchuldig, Kornrade böſe, ſchuldig, Wicke verſchwiegen, heimlich, Hol - lunder plauderhaft, Winde aufrichtig, Neſſel treu, Muskat - kraut angenehm, reizend, Epheu ewig, rothe Sommerlevkoi heute, weiße Sommerlevkoi morgen, künftig, violette Som - merlevkoi geſtern, ehedem, Majoran mein, Meliſſe dein, Salbei ſein, Narciſſe ich, mir, mich, brennende Liebe du, dich, dir, Storchſchnabel Schiff oder Reiſe zu Waſſer, Kaiſer - krone Feldzug, Patientia Krankheit, Himmelſchlüſſel Tod.
Doch genug dieſer Spielereien, wenngleich ihr Urſprung, ihre Bedeutung und Wirkungen viel merkwürdiger und erheblicher ſind, als auf den erſten Anblick und bei dem bloßen gewohnten ver - gnüglichen Zeitvertreib erſcheint.
Es überraſcht bei der Forſchung nach der graphiſchen Aus - drucksform, daß man im Gaunerthum nur die einzige deutſche Currentſchrift findet, welche höchſtens, aber auch nur ſehr ſelten, mit der lateiniſchen Currentſchrift wechſelt. Alle zahlreiche künſt - liche graphiſche Ausdrucksformen, in welche ſich der Zaubermyſti - cismus mit allem Sinn und Verſtand verlor und begrub, alle mit rationeller Wiſſenſchaft ſyſtematiſch bearbeitete bunte Kunſt der Geheimſchreiberei konnten keinen nachhaltigen Einfluß auf das Gaunerthum üben, ſo willkommen dieſem auch aller und jeder Verſteck war. Tief war allerdings das in die unterſten Schichten43 des Volks gewieſene Gaunerthum vom Aberglauben befangen: aber es hatte doch vollauf Objectivität, den platten Unſinn, Lug und Trug des Zaubermyſticismus vollkommen zu erkennen und gerade in dieſer Erkenntniß zum vollſten Spott und Hohn über Form und Volk verwegen in dieſe Formen hineinzugreifen, ledig - lich um ſie bei Gelegenheit zu ſeinen rationellen Zwecken auszu - beuten. Niemals anders machte es die zaubermyſtiſchen Typen zu ſeinem Eigenthum und niemals können dieſe Typen als Ausdruck ſeiner beſondern Eigenthümlichkeit gelten. So findet man die Sefelgräber, Rochlim, Zachkener u. ſ. w. im Beſitze eines bedeu - tenden zaubermyſtiſchen Formelapparats und ſieht ſie denſelben mit einer ſo gläubigen Hingabe und Fertigkeit handhaben, daß ſogar das Mitleid über die tiefe Verblendung des Gauklers oft rege werden und man nahezu es natürlich finden möchte, wie in voll - kommener Erfaſſung der Unwiſſenheit und Schwäche des Volks der Betrüger die blinde Menge mit ſich fortreißt. Auch in der Zaubermyſtik blieb das Gaunerthum objectiv und in der Benutzung ihrer Typen durchaus beſonnen und eklektiſch.
Wollte man in Zweifel ziehen, daß dem Gaunerthum die Geheimſchreiberei wirklich ein verſchloſſenes Geheimniß geblieben ſei, ſo muß man auf den vorſichtigen, bunten und häufigen Wech - ſel der kryptographiſchen Methoden und Typen ſelbſt verweiſen, welcher alſo doch Verdacht hatte und die Gefahr des Verraths vorausſetzte, und darf namentlich als ſchlagenden thatſächlichen Beweis anführen, daß gerade am Central - und Glanzpunkte der Kryptographie, am franzöſiſchen Hofe, im erſten Viertel des vori - gen Jahrhunderts, wo die von Richelieu und Ludwig XIV. mäch - tig geförderte feine intriguante diplomatiſche und polizeiliche Kunſt zur höchſten Blüte gebracht war, ein Gauner mit ſeinen zahlreichen Spießgeſellen, Cartouche, es war, welcher, noch ſchlauer als die ſchlaueſte Diplomatie und Polizei, überall hindrang, wohin er hindringen wollte, den Hof und alle ſeine Jntriguanten beherrſchte und von bedeutendem politiſchen Einfluß geweſen wäre, wenn er es auf etwas anderes als auf den kahlen egoiſtiſchen Diebſtahl abgeſehen hätte. Es fehlte dem Gaunerthum, welches ſeine Jünger -44 ſchaft aus den höchſten und unterſten Ständen in ſich vereinigte, weder an Geſchick noch an Gelegenheit, Geheimniſſe zu erforſchen, wo es darauf ankam. Auch ſind genug Cabinets - und Depefchen - diebſtähle bekannt geworden, zum Zeichen, daß die raffinirte Kunſt jederzeit das zu verlangen verſtand, deſſen Beſitz ſie für nützlich hielt und erlangen wollte.
Die Abweiſung einer ſpecifiſchen Gaunerſchrift liegt tief im Weſen des Gaunerthums begründet. Verſteck und Beweglichkeit ſind die Hauptfactoren, welche ſich gegen jede ſyſtematiſche Sta - tuirung auflehnen, weil mit der Ergründung des Syſtems die ganze Ausdrucksform und ihr belebender Geiſt bloßgelegt und ver - rathen ſind. Die vom Gaunerthum mit kühnem Griff in die ab - ſtracteſten entlegenſten Formen menſchlichen Verkehrs und Wiſſens herbeigeholten und nutzbar gemachten Typen waren immer nur Fragmente und ebenſo raſch mit dem Stempel des geheimen Ver - ſtändniſſes zu verſehen, wie überhaupt auch ebenſo leicht wieder zu verwerfen, ſobald ſie nicht mehr verborgen und im Verſteck beweg - lich blieben. Daher findet ſich denn in der vielhundertjährigen Geſchichte des Gaunerthums keine Spur einer beſondern ſyſtema - tiſchen Gaunerſchrift. Denn das Judendeutſch mit ſeiner deutſch - rabbiniſchen und Currentſchrift war und blieb nationales Eigen - thum des in Deutſchland zerſtreuten jüdiſchen Volkes und merk - würdig iſt, daß, obſchon die jüdiſchdeutſchen Typen das deutſche Gaunerthum in Sitte und Sprache bis zur ſtärkſten Verfärbung durchzogen haben, doch actenmäßig von wenigen oder gar keinen chriſtlichen Gaunern bekannt oder nachgewieſen iſt, daß ſie die jüdiſchdeutſche Currentſchrift hätten leſen oder ſchreiben können, wiewol es durchaus unzweifelhaft iſt, daß es viele Ausnahmen der Art gegeben hat und beſonders jetzt gibt. Durch jene beſon - dere graphiſche Ausdrucksweiſe hatte der aus Juden beſtehende Theil des deutſchen Gaunerthums manches im voraus und nur die unklare Auffaſſung dieſes Vorzugs hat dieſe Typen als Grund - lage eines beſondern und beſonders befähigten jüdiſchen Gauner - thums bezeichnen können.
Jn der ganzen Geſchichte des Gaunerthums finden ſich nur45 zwei Stellen und zwar beide aus der zweiten Hälfte des 17. Jahr - hunderts, wo auf eine beſondere Gaunerſchrift oder Schriftſyſtema - tik von fern hingedeutet wird: die eine ältere bei Philander von Sittewald („ Wunderliche und wahrhaffte Geſichte “, II, 587, ſechs - tes Geſicht: Soldatenleben; ſtrasburger Ausgabe von 1665), wo ſich „ ein klein Briefflein befindet, welches von einem Bawrs - Mann zwiſchen zweyen Fingern “in das Räuberlager gebracht wird und in franzöſiſcher Sprache mit griechiſchen Lettern geſchrie - ben iſt. Der ſehr leicht zu verſtehende Brief lautet mit voller Schreibung der Druckligaturen des Originals:
Μέσσιερς, σὴ βοῦς ἔστες ἐνκόρες ὰ Δομβάστελ, ῥετήρεζ βοῦς δελὰ ᾽ῶ πλοῦτος. γάρ ὔν παίσαν, κὴ σά σῶβέ δὲ βοῦς ἄ δῶννέ ἄδρεστε ὰ νόστρε γουβερνεῦρ δὲ βοῦς ἢ ἔνλεβερ. Αδίευ.
Das heißt in buchſtäblicher Uebertragung:
Messieurs, si vous estes encores à Dombastel, retirez vous delà au plutôs. Car, un paysan, qui s’a sauvé de vous a donné adreste à notre gouverneur de vous y enlever. Adieu.
Die ganze wunderliche Schreiberei iſt doch wol nichts ande - res als höchſtens das von Philander irgendwo aufgefundene und wiedergegebene Machwerk irgendeines verdorbenen Studenten oder gelehrten Strolches, und iſt das einzige bekannte Beiſpiel einer beſondern, aber auch nicht einmal ſpecifiſch gauneriſchen Schreibung in der langen Geſchichte der Gaunerliteratur. Ohnehin wird die fremdartige Schreibung von den Räubern ſelbſt zurückgewieſen, da Philander unmittelbar darauf erzählt: „ Sie wurden zornig, daß er ihnen nicht auff ihre Sprache zugeſchrieben habe. “
So erſcheint denn auch dieſe Schreibung wie überhaupt das ganze viſionäre, wenn gleich auf ſehr glaubwürdige Erfahrungen überhaupt gegründete Geſicht als eine Erfindung und Spielerei des Philander von Sittewald ſelbſt.
Das andere Beiſpiel geheimer Schreibweiſe iſt in Weſen und Conſtruction noch untergeordneter und geiſtloſer. Es findet ſich S. 356 im „ Schauplatz der Betrieger “(vgl. Th. I, S. 217) in der 160. Erzählung: „ Das liſtige Kennzeichen “. Die Buchſtaben46 der Worte werden regelmäßig einer um den andern in zwei unter - einander ſtehende Reihen vertheilt: D s ſ d s e h e e c e a i t a r c t z i h n (das iſt das rechte Zeichen).
Die Spielerei iſt hier zu leicht zu erkennen, als daß ſie je - mals gaunerpraktiſch hätte werden können; ohnehin ſteht ſie völlig vereinzelt da und iſt wol kaum der weitern Rede werth. Für die linguiſtiſche Spielerei der Stubengelehrten bot ſich zur Blütezeit des Galimatias im 16. und 17. Jahrhundert der reichſte und tollſte Stoff dar. Wer davon zahlreiche und verwegene Proben ſehen will, der findet bei Tabourot a. a. O., beſonders im ganzen erſten Buche, genug davon und zwar meiſtens von der ſchmuzig - ſten Sorte in Wort und Bild.
Mit der deutſchen Orthographie und Kalligraphie ſieht es in der Gaunerſprache meiſtens traurig aus, obwol je nach dem ſocialen Bildungsgrade der gauneriſchen Jndividualität nicht ſelten ſehr gut ſtiliſirte und zuweilen auch wirklich ſchön geſchriebene Briefe zum Vorſchein kommen. Ueberraſchend bleibt es immer, wenn man bei dem gewandten, ja oft feinen Benehmen einer gau - neriſchen Jndividualität nicht ſelten eine Menge der ärgſten Schreib - fehler findet, während doch der Ausdruck ſelbſt correct und ge - wandt iſt. Namentlich treffen hier bei weiblichen Gaunern die grellſten Contraſte zuſammen. Die großartige Anna Marie Bom - mert aus Graudenz, welche hier in Lübeck unter dem Namen Clara Ottilie Leiſtemann auftrat, ſchrieb eine ebenſo unſaubere Handſchrift, wie ſie die ärgſten grammatiſchen Schnitzer machte. Eine als Gräfin C. M. reiſende Gaunerin vom feinſten Beneh - men, welche fließend franzöſiſch und engliſch ſprach, machte in einem an mich gerichteten deutſchen Briefe mehrere orthographiſche Fehler. Ueberhaupt aber erklärt ſich die große Schwankung der Orthographie in der Gaunerſprache aus der ſich überall geltend machenden Prävalenz des Dialektiſchen, welche nicht ſelten die einzelnen Ausdrücke bis zur Unkenntlichkeit entſtellt, weshalb denn47 auch deutſche Gaunerbriefe in dieſer Hinſicht große Aufmerkſamkeit bei ihrer Entzifferung erfordern.
Ueberall aber gibt es keine ſpecifiſche Gaunerſchrift, ſo wenig wie es ſpecielle gaunerdeutſche graphiſche Ligaturen gibt, obſchon auch in deutſchen Briefen ganz wie im Jüdiſchdeutſchen die krumme Zeile gebraucht wird, von welcher bereits Th. III, Kap. 71 aus - führlich gehandelt worden iſt.
Wiederholt iſt darauf hingewieſen worden, daß die „ Sprache der Bildung “in hiſtoriſchem Proceß als ein Transact der in der Hegemonie miteinander wechſelnden deutſchen Dialekte entſtanden iſt, zu welchem dieſe ſich als zur correcten, würdigen, allgemeinen Ausdrucksform der deutſchen Sprache geeinigt haben, ohne daß darum irgendein Dialekt ſeine Eigenthümlichkeit und die Berech - tigung zu ſeiner weitern innern Ausbildung aufgegeben hätte. Jn ähnlicher Weiſe erſcheint die deutſche Gaunerſprache als ein Trans - act aller Dialekte zu einer einzigen, der deutſchen Geſammtgauner - gruppe allgemein verſtändlichen Ausdrucksform. Doch iſt keines - wegs die Veredelung und Correctheit des ſprachlichen Ausdrucks der Zweck dieſes Transacts, ſondern das abſolute Geheimniß zur Ermöglichung und Erhaltung des abgeſchloſſenen Verſtändniſſes. Aus gleichem Grunde findet das Dialektiſche ſeine volle Geltung in der Gaunerſprache, ſobald es Geheimniß ſein kann, und bleibt das Veraltete in voller Geltung beſtehen, ſobald es für das all - gemeine Volksverſtändniß obſolet oder unverſtändlich geworden iſt und wird ſogar, wenn es als Gaunertype bekannt und vom Gaunerthum deswegen außer Brauch geſetzt worden war, in48 der älteſten urſprünglichen Form mit mehr oder minder veränder - ter logiſcher Bedeutung wieder auf - und angenommen. Darum tritt aber auch ganz beſonders das hiſtoriſch Gegebene und in den verſchiedenen Phaſen hiſtoriſch Gebildete in Sprache und Gram - matik des Gaunerthums ſehr farbig hervor, ohne daß die Gauner - ſprache ſonſt weſentlich von der Grammatik der „ Sprache der Bil - dung “abwiche, deren geſchichtliche Ausbildung ſie im genaueſten Anſchluß durch alle Stadien mit durchlebt hat. Die ſpecifiſche Gaunerſprachgrammatik beſchränkt ſich daher auch nur auf die Darſtellung und Erläuterung des vom Gaunerthum ſtatuirten und aus dem ihm zu Gebote ſtehenden großen bunten Sprachſtoff mit geiſtvoller und ſchlauer Wahl zuſammengeleſenen Wortvorraths und auf die Erklärung der den einzelnen Wörtern in dieſem Vor - rath willkürlich beigelegten logiſchen Bedeutung. Bei dem tiefen Geheimniß des mit der größten Eigenthümlichkeit, Kunſt und Berechnung vom Gaunerthum zuſammengetragenen Sprachſtoffs und bei dem hiſtoriſch nachgewieſenen argen Mangel an juriſtiſcher und polizeilicher Aufmerkſamkeit auf das Gaunerthum darf es nicht befremden, daß die Gaunerſprache niemals gründlich bearbeitet wurde, obſchon hier und da fleißige Theologen bei ihrer Seelſorge in den untern Schichten des Volks gelegentliche Notiz nahmen von den vereinzelt hervortretenden Typen der Gaunerſprache. Selbſt als im Dreißigjährigen Kriege der gewaltige Andrang des in koloſſalen Räubergruppen repräſentirten Gaunerthums das ſocial - politiſche Leben mit ſeiner rechtlichen und ſittlichen Sicherheit auf das äußerſte gefährdete, vermochte die gewaltſam gegen das Gau - nerthum aufgerufene, unfertig und ungerüſtet dem Feinde gegen - über tretende Landespolizei ſo wenig die Sprache wie das Weſen des Gaunerthums aufzufaſſen, daß eine wenn auch nur leidliche Erkennung und grammatiſche Bearbeitung der Gaunerſprache mög - lich geweſen wäre. Dennoch läßt ſich die fortlaufende Spur einer Gaunerſprachgeſchichte verfolgen. Freilich muß man bei der Be - achtung der immer nur gelegentlich und vereinzelt zum Vorſchein gekommenen gaunerſprachlichen Erſcheinungen wie von einer Klippe zur andern ſpringen, deren Fuß ſtets von der Brandung des raſt -49 los bewegten Volkslebens und von dem dichten Nebel der Un - wiſſenheit und des Aberglaubens verdeckt und ſchwer zu unterſuchen iſt. Jntereſſant bleiben aber die wilden, wunderlichen Formen ſelbſt in der Vereinzelung und niemals verleugnet es ſich ganz, daß der zerriſſene und zerklüftete Boden, über welchem jene Er - ſcheinungen hervorragen, ein durchaus deutſcher Boden iſt.
Je leichter es iſt, bei dem Charakter der deutſchen Gauner - ſprache, als deutſcher Volksſprache, auf die Grammatik der letztern zu verweiſen, deſto gebotener iſt es, die einzelnen gaunerſprachlichen Documente ſelbſt in ihrer hiſtoriſchen Erſcheinung ins Auge zu faſſen, ſie in ihrer vollen Zeit und Eigenthümlichkeit darzuſtellen und zu charakteriſiren, und ſomit im einzelnen das hiſtoriſche Ge - ſammtbild einer Gaunergrammatik zu geben.
Bei der Kritik dieſer hiſtoriſchen Spracherſcheinungen ſind mehrere beſondere Rückſichten zu nehmen. Vor allem muß man feſthalten, daß, mit alleiniger Ausnahme der höchſt merkwürdig daſtehenden „ Wahrhaften Entdeckung der Jaunerſprache “des „ Con - ſtanzer Hans “1791, kein einziges Werk und ſei es das dürrſte Wörterverzeichniß, bekannt iſt, welches unmittelbar aus gauneri - ſcher Feder gefloſſen iſt. Das iſt beſonders deshalb in Betracht zu ziehen, weil die Redaction ſelbſt der verbürgtermaßen direct aus Gaunermunde geſchöpften und ſomit als glaubhaft originell er - ſcheinenden Ausdrücke und Sammlungen bei der myſteriöſen Ab - geſchloſſenheit und gänzlichen Fremdartigkeit der gaunerſprachlichen Ausdrücke von jeher unkritiſch und unſicher war, wovon bis zur Stunde die ſchlagendſten Beiſpiele vorliegen. Beſonders iſt dabei die Redaction der meiſtens ganz unbegriffenen jüdiſchdeutſchen und zigeuneriſchen Wortzuthaten ſehr ungelenk und unklar, wenn auch in den von lebenden fremden Sprachen hergeleiteten Gaunerwör - tern die fremde Abſtammung meiſtens deutlich zu erkennen iſt. Sehr wichtig für das Kriterium der Redaction iſt ſchon von vorn - herein der Vergleich des baſeler Rathsmandats mit ſeiner ſpätern Bearbeitung im Liber Vagatorum, welcher letztere nicht nur durch viele Schreib - und Druckfehler, ſondern auch durch ſehr bedeutendeAvé-Lallemant, Gaunerthum. IV. 450Misverſtändniſſe1)Beſonders überzeugen davon die vielen Varianten, worauf Hoffmann von Fallersleben im „ Weimariſchen Jahrbuch “, IV, 65 fg., aufmerkſam macht. den klaren und bewußten Ausdruck des baſeler Rathsmandats oft ſtark verdunkelt und durch dieſen Mangel an Correctheit weſentlich dazu beigetragen hat, daß die Sprache und mit ihr auch das ganze Weſen des Gaunerthums durch Jahr - hunderte hindurch ein unerklärtes, undurchdringliches Geheimniß geblieben iſt, trotzdem daß der Liber Vagatorum vermöge ſeiner vielen Auflagen und Luther’s Protection doch populär genug ge - worden ſein mußte, während das baſeler Rathsmandat ſelbſt durch - aus unbekannt blieb und erſt nach Jahrhunderten und zwar zum erſten male im Jahre 1749 gedruckt wurde: noch dazu in den la - teiniſchen „ Exercitationes juris universi praecipue Germanici u. ſ. w. “des pedantiſchen J. Heumann und in der zum Vertrock - nen dürren Abhandlung „ De lingua occulta “, aus deren ſteifer ſcholaſtiſcher Latinität das prächtige Rathsmandat mit ſeiner friſch - farbigen Skizzirung des Volkslebens überraſchend, wie eine Oaſe aus der Wüſte, heraustritt.
Wichtig für die Kritik der gaunerſprachlichen Documente iſt auch die Zeit, in welcher ſie geſammelt und zum Vorſchein ge - bracht ſind. Nicht allein, daß man in den Wurzeln und Flexionen der älteſten deutſchen Gaunerwörter nicht ſelten auch den Ueber - gang des Alt - und Mittelhochdeutſchen in das Neuhochdeutſche wahrnehmen kann: man ſieht auch von der andern Seite wieder in ebendieſer Gaunerſprache jenen trüben und wunderlichen Rück - ſchritt der vorgedrungenen reinen neuhochdeutſchen Sprache, welche vermöge der pedantiſchen Eitelkeit der Gelehrten wiederum von der ſcholaſtiſchen Latinität getrübt und verdunkelt wurde und ſogar erleiden mußte, daß echt deutſchen Wörtern, welche Eingang in die Gaunerſprache gefunden hatten, eine lateiniſche Wurzel unter - geſchoben wurde. So z. B. iſt das durchaus deutſche Vermerin durch die ſpätere falſche Redaction des Liber Vagatorum in Ve - ranerin umgewandelt worden u. ſ. w. Aehnliche Verfälſchungen ſind Grantener für Grautener, Jnnen für Junen. Beſon -51 ders iſt der Hinblick auf die Zeit der Aufnahme eines Wortes für die richtige Erkennung der Wortwurzel deshalb wichtig, weil das fremdwurzelhafte Stammwort in älterer Zeit noch wenig durch die dialektiſche Verfärbung gelitten hat. So iſt man leicht verſucht, nach der neuern Schreibung Gehege, Spital, vom deutſchen hegen, mit Beziehung auf die Abgeſchloſſenheit der Spitäler, ab - zuleiten, während die wenn auch immer ſchon dialektiſch entſtellte Schreibung des Liber Vagatorum Hegiß iſt, welches leicht auf die richtige Stammwurzel〈…〉〈…〉, kus,〈…〉〈…〉, hekis, er hat zur Ader gelaſſen, führt.
Aber auch Land und Ort, wo die Sammlung entſtanden iſt, muß berückſichtigt werden. Aus den Sammlungen erkennt man nicht nur die Zuſammenſetzung und den Geiſt der ſpecifiſchen Gruppe, aus deren Munde und geoffenbartem Leben der Wort - vorrath geſammelt war: man ſieht auch bei dem freien Rechte alles Dialektiſchen in der Gaunerſprache das als gauneriſches Ge - ſammtgut längſt ſtatuirte ſpecifiſch Dialektiſche des entlegenen Orts der Sammlung häufig einer neuen dialektiſch veränderten Redaction unterworfen, ſodaß man oft nicht einmal die urſprüngliche Wurzel zu erkennen vermag und daß der ungeübte Blick leider nur zu oft auf ganz wunderliche Etymologien geräth, wovon namentlich Fran - cisque-Michel in ſeinem „ Argot “und Thiele in ſeinen „ Jüdi - ſchen Gaunern “die frappanteſten Proben geben. Auf der andern Seite darf man aber auch wieder auf das oft willkürlich zur vor - herrſchenden Geltung gebrachte Dialektiſche des Redactionsorts kein zu großes Gewicht legen, ſondern muß — und das iſt ſehr zu beachten bei Sammlungen, welche bei größern und wichtigern Unterſuchungen aus den Acten und dem Munde der Jnquiſiten zuſammengetragen ſind — immer auch auf die Herkunft und auf den hauptſächlichſten frühern Verkehr und Aufenthalt der Jnqui - ſiten oder Sträflinge ſehen. Die Polizeidirection zu Hannover hat hier ein ſehr zur Nachahmung zu empfehlendes Beiſpiel gegeben, indem ſie vor wenigen Jahren in ſämmtlichen Strafanſtalten aus dem Munde der Sträflinge eine Sammlung von Gaunerwörtern zuſammentragen ließ, welche, wenn auch nur klein an Umfang,4*52doch im hohen Grade bemerkenswerth iſt und ganz beſonders dia - lektiſch Verſchiedenartiges und Entlegenes aufweiſt. Von ſehr großer Wichtigkeit ſind aber die freilich nur noch ſehr ſparſam von Fachmännern aus dem täglichen dichten Verkehr und Kampfe mit dem Gaunerthum in großen Städten veranſtalteten Samm - lungen, wie z. B. die wenn im ganzen unvollſtändige und zuwei - len ſogar nicht correcte, doch tüchtige und brauchbare von C. W. Zimmermann (Berlin 1847). Die großen Städte ſind für die im - mer bewegliche Gaunerſtrömung die großen Baſſins, in denen die ganze Sprachmaſſe beſtändig ab - und zufließt und zugleich ſich ab - lagert. Sie ſind bei dem dichten Zuſammenſtrömen der zahlreichen Re - präſentanten des Gaunerthums die wahren Gaunerſprachakademien, in denen die Sprache Form und Sanction erhält und mit einer Gewalt in das Volksleben zurückſtrömt, vor welcher man wahr - lich erſchrecken muß, wie man das recht deutlich bei der Fiefelſprache erkennt, welche weſentlich nur aus einer einzigen Vorſtadt Wiens über ganz Deutſchland ſtrömt.
Weſentlich für die Kritik der Gaunerſprache iſt endlich noch der Hinblick auf beſondere hiſtoriſche und politiſche Ereig - niſſe, welche immer auch eine ſtarke und kühne Bewegung des Gaunerthums zur Folge hatten und bei deſſen frechem Hervor - treten eine mehr oder minder größere Offenbarung des Weſens und der Sprache ermöglichten, je nachdem es der Behörde gelang, der verbrecheriſchen Gewalt energiſch entgegenzutreten und ihren Sieg nicht allein mit Galgen und Rad zu feiern, ſondern auch mit pſychologiſcher und ſprachlicher Forſchung auszubeuten. Jn der wilden und koloſſalen Bewegung des Dreißigjährigen Krieges trat das Gaunerthum in ungeheurer Fülle und Offenheit hervor. Es wurde nahezu volksthümlich und germaniſirte ſeine bis dahin über - haupt und beſonders hinter jüdiſchdeutſchen Typen verſteckte Sprache ſo überaus ſtark, daß in der Menge und Fülle der deutſchen Aus - drücke die jüdiſchen Typen auffällig zurücktraten und daß die jetzt in ihrer vollen Eigenthümlichkeit als deutſche Volksſprache hervor - tretende Gaunerſprache in und nach dem Dreißigjährigen Kriege in vollſte Blüte ausbrach und ihre claſſiſche Periode zu feiern53 begann, welche erſt nach dem faſt zweihundertjährigen Kampfe der Polizei mit dem Gaunerthum, im 19. Jahrhundert, mit des treff - lichen von Grolman Wörterbuch abgeſchloſſen, ſeitdem aber ver - möge der gehaltloſen Nachſchreiberei unwiſſender und unberufener Vocabulariſten in argen Verfall gerathen iſt, ſowie jeglicher gründ - lichen Bearbeitung entbehrt, obſchon 1845 Pott, „ Zigeuner “, I, 1 — 43, dazu die trefflichſte Anregung und Anleitung gegeben hat.
Auch bei politiſchen oder ſonſtigen auffälligen Ereigniſſen hat das alle Begebenheiten, Ereigniſſe und Perſonen ſchnell und ſcharf ins Auge faſſende Gaunerthum ſeine Rechnung gemacht und viel - fach ſolche Beziehungen mit einem beſondern Gaunerausdruck auf - gefaßt, wie z. B. in der älteſten Aufzeichnung des Kanzlers Dith - mar von Meckebach die Tumeherren (Falſchmünzer) gar nicht zu verſtehen ſind, wenn man nicht den Blick auf den Proceß wider die Domherren des 14. Jahrhunderts wirft, in welchem dieſe als Falſchmünzer figuriren. Solche Ausdrücke kann man nicht ſelten auf ganz beſtimmte Perſonen und Begebniſſe zurückführen. So findet ſich das Wort Fleiſchmann, mit der zuerſt von der Rot - welſchen Grammatik von 1755 gegebenen jüdiſchdeutſchen Ueber - ſetzung: „ Boſer-Jſch, Fleiſchmann, der die Diebe auf obrigkeit - lichen Befehl verfolget und auszukundſchaften ſuchet. “ Nach der logiſchen Bedeutung des correct aus〈…〉〈…〉, bosor, Fleiſch, und〈…〉〈…〉, isch, Mann, conſtruirten Boſer-Jſch kann man leicht ſich veran - laßt fühlen, an die ſpecifiſchen Wortbeſtandtheile der Compoſition mit ihrer allgemeinen logiſchen Bedeutung ſich zu halten, um das auch noch in der heutigen Gaunerſprache (Boſſertiſch, Poſſer - tiſch, Boſeriſch, Poſeriſch u. ſ. w. als Bezeichnung für Auf - fänger, Hatſchier, Polizei - oder Gerichtsdiener) übliche Wort zu erklären. Doch belehrt uns das Wörterverzeichniß von St. -Geor - gen am See (vgl. Kap. 24), daß Fleiſchmann der Eigenname eines Offiziers war, welcher die Gegend von Frankfurt und Darm - ſtadt fleißig nach Räubergeſindel durchſuchte und zuletzt von Räu - bern überfallen und grauſam ums Leben gebracht wurde. Da das an ſubſtantiviſchen Perſonenbezeichnungen ſehr reiche „ Wald - heimer Lexikon “weder im deutſchen noch im jüdiſchdeutſchen Aus -54 druck dieſes Wort enthält, ſo läßt ſich annehmen, daß die tragi - ſche Begebenheit etwa gegen das Ende der erſten Hälfte des vori - gen Jahrhunderts ſich ereignet hat.
Dieſe geſchichtliche Kritik hat daher ſtets den Vorzug vor der grammatiſchen Wortunterſuchung. Für das Judendeutſch führt Tendlau, a. a. O., eine Menge ſolcher allgemein gewordener Redensarten an, die auf beſondere Perſonen und Ereigniſſe zurück - zubeziehen ſind, wie überhaupt das Volk es liebt, bekannte und populäre Perſönlichkeiten, vom Miniſter bis zum Schauſpieler, als Typus eines beſtimmten Begriffs nach irgendeiner Gewohnheit, Eigenthümlichkeit oder Aehnlichkeit oder auch dem bloßen Namen nach aufzufaſſen und als appellativen Begriff aufzuſtellen, worin die engliſche Gaunerſprache gewiß am meiſten ſich auszeichnet.
Wie groß auch immer bei der Durchforſchung der deutſchen Geſchichte, beſonders bei der Betrachtung alter Sprach - und Bau - denkmäler, die Sehnſucht des Culturhiſtorikers nach der eigenſten Volksſprache der Deutſchen ſein mag, deren Geſchichte in ſo gewaltigen Zügen hervortritt, ſo vergebens bleibt die Forſchung nach den feinern Zügen in Leben und Sprache. Ueberall, wo vom Volk und ſeinem tiefinnerſten Leben die Rede iſt, findet man über den deutſchen Zügen die römiſche Sprache wie eine trübe, dichte Glaſur haften, mit welcher die Gewalt des Klerus alle feinern Lineamente und Ornamente überzog und verdunkelte. Erſt nach - dem Jahrhunderte lang die lebendige deutſche Sprache in über - mäßiger Stagnation von der unnatürlichen Gewalt der fremden klerikalen Sprache zurückgehalten war, durchbrach die Volksſprache in wunderbarer Mächtigkeit die unnatürlichen Dämme und brauſte mit unwiderſtehlicher Gewalt hinaus in Weite und Breite, überall befruchtend, erquickend, belebend und das Volk zum hellen Be -55 wußtſein ſeines Weſens und ſeiner köſtlichen reichen Sprache fördernd.
Für die frühe und vollkommene Ausbildung einer lebendigen deutſchen Volksſprache gibt aber doch auch ſchon die älteſte, wenn gleich nur ſehr geringfügig erſcheinende Gaunerſprachurkunde ein frappantes Zeugniß. Man findet nämlich in dem zu Breslau im königlichen Provinzialarchiv aufbewahrten Notatenbuch des Dith - mar von Meckebach, Kanonikus und Kanzler des Herzogthums Breslau unter Kaiſer Karl IV. (1347 — 78) ein Verzeichniß von elf, ohnehin nur auf die Bezeichnung beſtimmter Gaunergewerbs - zweige beſchränkte Vocabeln, welche aber in ihrer ganzen Con - ſtruction ihren Urſprung und ihre Wahl aus dem Stoff und Boden einer vollkommen ausgebildeten Volksſprache verrathen, wie auch ſchon ihre Zuſammenſetzung aus deutſchſprachlichen und fremd - ſprachlichen Stämmen vollkommen der Weiſe gleichkommt, in wel - cher auch das ſpätere Gaunerthum bis zur Stunde ſeine Kunſt - ausdrücke zuſammenträgt. Beſonders lebhaft tritt ſogleich das Judendeutſch hervor. Bemerkenswerth iſt noch, daß dieſe deutſchen Gaunerausdrücke vorherrſchend in lateiniſcher Sprache, und zwar in recht ſchlechtem Mittellatein, erklärt ſind. So iſt das „ Maleficus terrarum “der Ueberſchrift als Landſtreicher, umher - ziehender, gewerbsmäßiger Verbrecher oder Gauner aufzufaſſen. Das Verzeichniß folgt hier nach Hoffmann von Fallersleben im „ Weimariſchen Jahrbuch für deutſche Sprache, Literatur und Kunſt “, Bd. I, Heft 2, S. 328:
Die Erklärungen, welche Hoffmann dazu gibt, ſind größten - theils verfehlt; Stromer und Kawalſprenger werden rich - tig erklärt; dahingegen iſt Stoßer durchaus der auf Meſſen und Märkten ſtehlende Schottenfäller, von〈…〉〈…〉, schoto, und〈…〉〈…〉, schtus (vgl. Th. II, S. 192). Nuſſer, Taſchendieb, iſt nicht vom ahd. nuscari (?) fibularius, Spangenmacher, wie Hoff - mann anführt, abzuleiten, ſondern doch wol von〈…〉〈…〉 (wie bereits Th. III, S. 205 und 206 angegeben), oder von〈…〉〈…〉, nossar, welches letztere ſpringen, hüpfen bedeutet und auch (z. B. Pſalm 105, V. 20) vom Losmachen der Gefangenen gebraucht wird. So hat ſich Nuſſer noch in dem ſehr gebräuchlichen Volksaus - druck nüſchen (die Taſchen viſitiren) erhalten. Vazenheuer iſt nicht, wie Hoffmann will, von vaze, fascia, Band (?), abzuleiten, ſondern vom ahd. vaz, Gefäß, das doch wol mit dem hebr. 〈…〉〈…〉und〈…〉〈…〉 und dem Fudt des Liber Vagatorum in Verbindung ſteht, da〈…〉〈…〉 in der erſten Bedeutung Zwiſchenraum, quod patet, und genitalia muliebria bezeichnet, woran ſich wieder der volks - gebräuchliche Ausdruck Fotze (auch für ein liederliches Weibsbild) anſchließt. Dagegen iſt die von Hoffmann angeführte Ableitung der Tumeherren, Falſchmünzer, nach dem am Schluß des vori - gen Kapitels bei der hiſtoriſchen Kritik Geſagten als richtig an - zuerkennen. Swimmer, Schwimmer, iſt deutſchen Urſprungs und dem heutigen unterkabbern entſprechend, unter einer Mauer oder Schwelle eingraben, um durchzukriechen, gleichſam untertau - chend zu ſchwimmen. Die Ableitung des Schenenwerfer und Ebener iſt bereits Th. III, S. 206 erörtert und berichtigt worden. Die Ableitung des Spanvelder von ſpannen und Feld erſcheint bei Hoffmann richtig. Verſucher (bei Ottfried firsuachen) ſcheint in der veralteten, jedoch noch im Niederdeutſchen erhaltenen Be - deutung beſuchen gebraucht zu ſein und dem modernen Strade - halter, Stradehändler, Buſchklepper mit gewaffneter Hand, zu entſprechen.
Nicht lange Zeit, gewiß kaum ſpäter als ein halbes Jahr - hundert, nachdem Dithmar von Meckebach vermöge ſeiner wenigen Vocabeln einen tiefen Blick in das Volks - und Gaunerleben ſei - ner Zeit beurkundet hatte, erließ der baſeler Rath das Mandat wider die Gilen und Lamen, deſſen bereits Th. I, S. 49 fg., Er - wähnung gethan und deſſen genauer Abdruck nach Daniel Brück - ner’s correcter Quelle Th. I, S. 125 fg., gegeben iſt.
Abgeſehen von dem hohen Werthe des Rathsmandats als älteſten Muſters einer in echt freiſtädtiſchem Tone gehaltenen Po - lizeibekanntmachung und einer durchweg volksthümlichen Anſprache enthält es eine wichtige Anzahl damaliger Gaunerausdrücke, welche vom Rathe ſelbſt erläutert werden. Das Mandat blieb, wie ſchon erwähnt, bis 1749 ungedruckt und vergeſſen, und würde trotz der von Johannes Knebel 1475 genommenen Abſchrift, welche eben - falls ungedruckt blieb bis 1839, ohne alle nachhaltige Wirkung außerhalb Baſels geblieben ſein: wenn nicht das Mandat um das Ende des 15. Jahrhunderts von unbekannter Hand bearbeitet und unter dem Titel des „ Liber Vagatorum der Betlerorden “im Druck herausgegeben worden wäre. Jn ſprachlicher Hinſicht be - ſteht nun aber ein ſehr merklicher Unterſchied zwiſchen dem Ori - ginal und der Bearbeitung. Der Verfaſſer des Liber Vagatorum hat die correcten Gaunerausdrücke des Mandats vielfach entſtellt, mag dies durch bloße Leſe -, Schreib - oder Druckfehler veranlaßt ſein, oder aus wirklichem Mangel des Redacteurs an eigener Kenntniß der allerdings ungewöhnlichen techniſchen Vocabulatur, von welchem letztern Mangel übrigens der ſehr eigenmächtige und unkundige Johannes Knebel die ärgſten Proben gibt. So findet man im Liber Vagatorum durchgehends Grantener für Grau - tener, Veranerin für Vermerin, Schwanfelder für Span - felder, Jnnen1)Brückner hat allerdings auch die incorrecte Schreibung Jnnen, welche Th. I, S. 131, Z. 20, beibehalten worden iſt. für Junen u. ſ. w. Bei dieſen erwieſenen58 Unrichtigkeiten des Liber Vagatorum, welche die ohnehin ſchwie - rige etymologiſche Erläuterung arg verdunkeln, iſt zur Commen - tirung der Gaunerausdrücke im Liber Vagatorum die ſtete Ver - gleichung mit dem Mandat durchaus nothwendig und die Schrei - bung des letztern im ganzen als die kritiſch richtigere anzuſehen, obſchon das Mandat ebenſo gut Schreibfehler enthält, wie der Liber Vagatorum, und z. B. die Schreibung Dutzbetterin des letztern, vom ahd. duz, dem Gutzbetterin des Mandats als die correctere vorzuziehen iſt. Hinſichtlich der am Schluſſe gedrängt zuſammengezogenen Vocabeln des Mandats, welche ohnehin dort ſelbſt erläutert ſind, gewährt das bisher über den deutſchen und jüdiſchdeutſchen Sprachſtoff in grammatiſcher und lexikaliſcher Hin - ſicht Geſagte wol ſchon ausreichenden Nachweis zur Analyſe und Beurtheilung der Vocabeln, bei deren Vergleichung mit dem Vo - cabular des Liber Vagatorum man immer im Auge behalten muß, daß letzterer unabhängig vom Liber Vagatorum ſelbſt ent - ſtanden und an einem ganz andern Orte, zu Pforzheim, redigirt worden iſt.
Ein in hohem Grade intereſſantes, bislang gänzlich unbe - kannt gebliebenes Wörterverzeichniß befindet ſich auf der fürſtlichen Bibliothek zu Donaueſchingen1)Jch verdanke die Mittheilung dieſes höchſt werthvollen Verzeichniſſes der unermüdlichen Güte meines um die deutſche Polizei hochverdienten Freun - des von Preen, Oberamtmanns in Lörrach, welchem der als geiſtvoller Schrift - ſteller weithin bekannte Dr. Scheffel, Bibliothekar zu Donaueſchingen (jetzt auf der Wartburg), eine eigenhändige ſorgfältige Abſchrift für mich zuſandte. in der Originalhandſchrift des Gerold Edlibach, Rathsherrn zu Zürich, vom Jahre 1488, welche den Titel hat: „ Gerold Edlibach ist dis buoch “, und des Kon - rad von Ammenhauſen Gedicht vom Schachzabelſpiel und den Melibeus enthält. Leider iſt von dieſem ohne alphabetiſche Ord -59 nung durcheinander geſchriebenen Verzeichniß die Hälfte verloren gegangen, da das letzte Blatt vor langer Zeit in Streifen zer - ſchnitten und vernichtet worden iſt. Der im ganzen 59 Vocabeln enthaltende Reſt iſt indeſſen wichtig und hinreichend genug, um ein überraſchend treffendes Bild von der Gaunerſprache des 15. Jahrhunderts zu geben. Die Gaunerausdrücke ſind, wie die deut - ſche Ueberſetzung, mit lateiniſchen Buchſtaben geſchrieben. Es mag zunächſt in genauem buchſtäblichen Abdruck folgen:
Hie stat fokabel des rotwelsch.
Zunächſt ſieht man hier, daß der wackere Rathsherr Edlibach, ohne gerade ſprachliche Kenntniß und Kritik zu verrathen, doch angelegentlich auch ſchon aus ſchriftlichen Quellen wie aus münd - licher Mittheilung ſein Vocabular zuſammengetragen hat. So kann z. B. das jüdiſchdeutſche kramerin, efrow, nur aus einem Leſe - oder Schreibfehler für das richtigere kroenerin (〈…〉〈…〉), alſo nur aus ſchriftlicher Quelle entſtanden ſein. Ebenſo ſind jaenner für juner, joner, wie glathn für glatha, glathart, und alcha für alchn als Leſe - oder Schreibfehler anzuſehen. Dagegen findet ſich für das im Liber Vagatorum entſtellte rubolt hier die gewiß correctere Schreibung půbel, Freiheit, deren Ableitung vom ahd. pube, buobe, zuchtloſer Menſch (davon buobelieren, wie ein buobe leben), einen verſtändlichen Sinn gibt. Taffret und dievret (beide von〈…〉〈…〉, jüdiſchd. dabbern, gedabbert, diwern, gediwert) ſcheinen entſchieden mündlich überlieferte dialektiſche Modulationen zu ſein. Jn gfralcht, hinweg, erkennt man den jüdiſchdeutſchen Stamm alchen, gealcht (〈…〉〈…〉). Das proſthetiſche gfr ſcheint nichts anderes zu ſein als das jüdiſchdeutſche〈…〉〈…〉, kephar, gfar, Dorf, mithin wäre die Bedeutung: ins Dorf gegangen, fortgegangen. Die übrigen Ausdrücke, von denen viele eine überraſchende Aehn - lichkeit mit dem Vocabular des Liber Vagatorum haben, ſind leicht in ihren deutſchen, lateiniſchen und jüdiſchdeutſchen Wurzeln zu erkennen.
Die Bedeutſamkeit des Narrenſchiffs, beſonders des dreiund - ſechzigſten Kapitels, für das Gaunerthum überhaupt iſt bei dem Abdruck dieſes Kapitels in Th. I, S. 132, hervorgehoben worden. 61Die darin vorkommenden wenigen Gaunervocabeln hat Sebaſtian Brant dem baſeler Mandat entnommen und zwar, wie es ſcheint, nach dem fehlerhaften Manuſcript ſeines Zeitgenoſſen Johannes Knebel von 1475, mit welchem Brant zuſammen in Baſel lebte. Auch im Narrenſchiff findet man z. B. den falſchen Ausdruck Jnen für Junen. Bemerkenswerth iſt noch, daß im Narrenſchiff das Stammverbum vom Worte Vopper des Mandats zuerſt vor - kommt mit der Schreibung foppen (angelſächſ., holländ. u. engl. fob, fop, Narr, Geck, Laffe, wovon im heutigen engliſchen Ge - brauch: fop doodle, Narr, Lump, und fop gallant, Stutzer, Zier - affe), welches noch jetzt im Niederdeutſchen in der Bedeutung: jemandes Schwäche benutzen, hintergehen, aufziehen, gebräuchlich iſt. Ferben, täuſchen, betrügen, iſt eine analoge Ueberſetzung des jüdiſchdeutſchen zebuim (ſ. im jüdiſchdeutſchen Wörterbuch〈…〉〈…〉), Gefärbte, Uebertünchte, womit der Talmud den Gleisner und frommen Betrüger bezeichnet (vgl. Tendlau, a. a. O., Nr. 330 und 983). Von zebuim (zewa) iſt wieder der Seffer des Liber Vagatorum in Kap. 25 abzuleiten. Ditzen, betrügen, ſtammt vom ahd. diezen, tönen, toſen, durch Geräuſch betäuben, berau - ſchen, einnehmen; davon doz und duz, Geräuſch, Lärmen. Da - von iſt das noch heute vielgebrauchte niederdeutſche Döz, einge - nommener Menſch, Dummkopf; dözig, döſig, düſig, benom - men, betäubt, verdummt. Jn Johan grimm, Branntwein, er - ſcheint hier zum erſten mal jajin (Johann, Jochen, Jochem), compo - nirt mit grimm, welches doch wol nichts anderes iſt, als das ahd. grimme, zornig, heftig, zur Bezeichnung der Schärfe des Brannt - weins. Schwentzen, gehen, ſtreichen, ſtreifen, vom ahd. swan - zen, swantzen, einherſtolziren, auch übermüthig reden. Schechel, Branntweinkneipe, verdorben aus schochar (〈…〉〈…〉), er hat ſich be - trunken. Ueber die Etymologie von Ribling vgl. das Wörterbuch. Beſevlen, betrügen, ſ. das jüdiſchdeutſche Wörterbuch〈…〉〈…〉. Breit - har, Breithart, das weite, breite Feld. Lüßling, Ohr, vom ahd. lise, leiſe, davon lauſchen. Breitfuß, Gans; Flughart, Huhn, werden Kap. 43 als Compoſita erläutert werden. Flö - ßeln, vom ahd. fluz, vluz, Strom, Fluß, in den Fluß werfen. 62Grantener für Grautener, der in grauer Kutte geht. Fetzer, vom lat. facere. Klant wird bei Richey, „ Hamburger Jdiotikon “, S. 445, in der Schreibung Clant als Geſelle, socius, erläutert. Vgl. Adelung, III, S. 1465, unter Kaland.
Schon Th. I, S. 141, iſt ausgeſprochen worden, daß das Vocabular des Liber Vagatorum unabhängig gearbeitet und zur Erläuterung der damals überhaupt gängigen Gaunerausdrücke dem Liber Vagatorum angehängt worden iſt. Dieſe Anſicht wird ſchon dadurch verſtärkt, wenn man Schreibung und Wortform des Vocabulars mit dem eigentlichen Liber Vagatorum vergleicht. Ueberdies drängt derſelbe am Schluß der Notabilien, ganz wie das baſeler Rathsmandat, die Gaunerausdrücke mit ihren eigen - thümlichen Erläuterungen wie ein lexikales Specimen zuſammen, was ſchwerlich der Fall hätte ſein können, wenn der Verfaſſer ſelbſt ein beſonderes Vocabular zu ſchreiben beabſichtigt hätte. Auch enthält der Liber Vagatorum in ſeinen 28 Kapiteln und in den Notabilien Ausdrücke, welche zum Theil gar nicht im Vocabular vorkommen, während letzteres wiederum nur wenig Wörter hat, welche im erſtern vorkommen. Während nun mit Beſtimmtheit behauptet werden kann, daß der erſichtlich vollſtändig nach dem handſchriftlichen baſeler Mandat gearbeitete Liber Vagatorum auch in Baſel ſelbſt entſtanden iſt, gibt der Bedeler orden das glaub - würdige Zeugniß, daß das Vocabular „ von dem Spitelmeiſter vp dem Ryn “herſtammt und zum erſten mal mit dem Liber Vaga - torum in Pforzheim gedruckt worden iſt.
Die einzelnen Vocabeln des Liber Vagatorum und ſeines Wörterbuchs ſind theils in ihrer hebräiſchen Abſtammung (vgl. Th. III, S. 402) von Wagenſeil und anderweitig nachgewieſen, auch im erſten bis dritten Theile dieſes Werks hier und da zer -63 ſtreut erläutert worden. Eine nochmalige zuſammengedrängte Er - läuterung unterbleibt deshalb hier, zumal da eine beſondere und ausführliche Bearbeitung des älteſten Rotwelſch bis zum Ende des 17. Jahrhunderts1)Joſeph Maria Wagner in Wien hat eine ſolche ſchon im Auguſt 1859 im „ Neuen Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekwiſſenſchaft “, Jahrgang 1859, Heft 5, und im Aufſeß’ſchen „ Anzeiger für Kunde der deutſchen Vor - zeit “, neue Folge, Nr. 3, Sp. 120, verheißen. Wie die Erwartung nach dieſer noch immer nicht erſchienenen Bearbeitung groß iſt, ſo ſehr iſt zu beklagen, daß die Arbeit gerade da abbrechen ſoll, wo die claſſiſche Periode der Gauner - ſprache angefangen hat. Gerade in Wien mit ſeiner bunten Volksmiſchung, ſeiner großartigen Verkehrsbewegung und der erfahrenſten und geſchulteſten Po - lizei Deutſchlands iſt die Hochſchule für gaunerlinguiſtiſche Studien und eine unermeßliche Sprachausbeute zu finden, wie denn auch die Fieſelſprache jetzt die immer neue Erſcheinungen fördernde gewaltige Hauptſtrömung der deutſchen Gaunerſprache iſt. ſchon ſeit 1859 in Ausſicht geſtellt iſt und mit Ungeduld erwartet wird.
Obwol, wie ſchon Th. I, S. 158, dargethan, die Rotwelſche Grammatik nichts weiter iſt als ein dreiſtes Plagiat des Liber Vagatorum, in welchem das Vocabular des letztern in der Rot - welſchen Grammatik vorangeſtellt, dann der zweite Theil (die No - tabilien) angefügt und zuletzt der ganze Complex der 28 Kapitel abgedruckt iſt, mithin nichts weſentlich Neues gegeben wird, ſtrebt doch die Rotwelſche Grammatik, wenn auch in ſehr beſchränkter und wenig gelungener Weiſe, nach größerer Vollſtändigkeit und hat die im erſten Theil des Liber Vagatorum meiſtens als Ueber - ſchriften und als techniſche Jnduſtriebezeichnungen gewählten Gau - nerausdrücke ſowol in das Vocabular aufgenommen, als auch im zweiten Theile (dem erſten des Liber Vagatorum) in einem be - ſondern Jndex aufgeführt. Dies iſt die eigenthümliche, wenn auch immerhin beſchränkte Originalität der Rotwelſchen Grammatik. 64Doch verdient ſie in linguiſtiſcher Hinſicht einer Erwähnung. Der Jnder (in der älteſten Ausgabe von Rodolph Dekk) hat Fol. 4a die Ueberſchrift:
Ander theil diſes Buchs, Von vilerlei Orden vnd Geſchlechten der Wanderſchafft vnd Landbeſcheiſſer, zu Latin genannt, Weliche hernach erklärt vnnd außgelegt werden.
Andere Eigenthümlichkeiten hat die Rotwelſche Grammatik65 nicht und ihre Bedeutſamkeit hört mit dieſem Jndex und ſeiner Worterklärung auf. Zu erinnern iſt, daß die von Konrad Gesner im „ Mithridates “, Fol. 81 b fg., mit völliger Unkenntniß der Gau - nerſprache angeführten Vocabula linguae fictitiae Zigarorum nichts anderes ſind als das buchſtäblich genau nachgeſchriebene Vocabu - lar der Rotwelſchen Grammatik vom Drucker Rodolph Dekk zu Baſel, wie das ſchon Th. I, S. 159, nachgewieſen iſt.
Eine ganz andere Originalität hat dagegen der Bedeler orden aufzuweiſen. Jſt ſchon ſeine kernige, echt volksthümliche nieder - deutſche Sprache an ſich als ſprachliches Document aus dem An - fange des 16. Jahrhunderts bemerkenswerth, ſo iſt gerade die un - gemein treffende, durchaus gelungene Uebertragung aus dem Hoch - deutſchen in das Niederdeutſche ein wichtiger Commentar zum Verſtändniß vieler hochdeutſcher Wörter, welche im Liber Vaga - torum nicht gleich oder nicht leicht kenntlich ſind. Ganz ausge - zeichnet ſteht aber — abgeſehen von dem wichtigen Aufſchluß, den er über die Entſtehung und den erſten Druck des Liber Vagato - rum zu Anfang des Vocabulars gibt — der Bedeler orden da in der originellen Bereicherung des Vocabulars mit einer Anzahl von mehr als ſechzig Vocabeln, von denen mindeſtens die wichti - gern hier beſondere Erwähnung verdienen, zumal zu ihrem Ver - ſtändniß eine genauere Kenntniß der niederdeutſchen Sprache ge - hört, welche von J. M. Wagner in Wien oder andern Commenta - toren der Gaunerſprache in Süddeutſchland nicht leicht zu erwarten ſein dürfte.
Eine originelle Bezeichnung iſt gleich die erſte Zugabe Ach - terkatz, dar achter, d. h. da hinten, wörtlich: hinter der Katze, wie denn bis zur Stunde die Redensart: achter de Katt, im Volksmunde ſehr geläufig iſt als ſcherzhafte oder ſpöttiſche Bezeich -Avé-Lallemant, Gaunerthum. IV. 566nung, daß etwas ganz fern, hinten im Winkel (noch hinter der im Winkel ſitzenden Katze) verſteckt oder auch ganz verloren, ver - geblich iſt. Bolt, ein Dreck, von Bolzen (engl. und dän. bolt), frivole Bezeichnung nach der Form der meiſten animaliſchen Ex - cremente; noch heute wird, mindeſtens in Lübeck und Hamburg, ein verzuckertes Kindernaſchwerk von länglicher, runder, bolzen - artiger Form Boltje genannt. Gleicher Abſtammung iſt bolten, ſchieten, cacare, und boltkas, ſchiethuß, Abtritt, vom lat. casa oder auch vielleicht vom jüdiſchd. kisse, Stuhl, da im Jüdiſch - deutſchen bes hakisse ebenfalls Abtritt, Stuhlhaus, iſt. Bonus dies, ein bonet (bonnet), lat. vom Grüßen durch Abnehmen der Kopfbedeckung, Mütze. Bult, Bett, eigentlich nd. Höcker, Buckel; noch jetzt als Bülten gebräuchlich, ein Raſenſtück, ein mit der Erde aufgenommener Kraut - oder Blumenbüſchel, deſſen Wurzeln die Erde zuſammenhalten. Davon Bült, Bett, bültig, klumpig von Wolle - oder Federklumpen in ausgeſtopften Kiſſen und Betten. Benen, ſpreken, ſprechen, vom hochdeutſchen bainen, jemand zuſetzen mit Schelten, Corrigiren, mahnen, verbieten (Schmeller, a. a. O., I, 178). Böefen, drinken, trinken, vom franz. boire, buvant, lat. bibere. Botten, ethen, eſſen, wahrſcheinlich provin - ziell für biten (ahd. bizan), beißen. Beſtöpen, bedregen, be - trügen, beſtäuben, Staub vormachen, Sand in die Augen ſtreuen. Beff, fudt (genitalia muliebria), eigentlich der Nonnenſchleier, Domherrnkappe, auch im Niederdeutſchen kleiner Kragen, Ueber - ſchlag; Beffel, Biffel, im Niederdeutſchen Baff, Baffkeek, zu - ſammengedrückte, vorſtehende Lippen, Schnabel der Clarinette, ver - ächtlich Mund (Schmeller, a. a. O., I, S. 156); davon die ob - ſcöne Bedeutung. Caß, huus, ſ. oben, von casa oder kisse. Clötmoß, ein hor, meretrix, von Clöt, Kloß, Teſtikel, und Moſche, Kuh, überhaupt zur Bezeichnung des weiblichen Ge - ſchlechts, im Niederdeutſchen auch noch Mudde, Mudje, Mutte, beſonders die Sau, Diminutiv Muddel; davon ſick inmud - deln, ſich beſchmuzen, „ ſich einſchweinen, einferkeln “; Muddel - farken, Scheltwort für ſchmuzige Kinder. Vgl. Adelung, III, 292. Clötkas, ein horhuß, lupanar, ſ. oben. Clems, geuencknus,67 Gefängniß, vom hochd. Klemm, Klemme, abzuleiten. Crew, Fleiſch, iſt nicht niederdeutſch, ſondern ſlawiſch; böhm. krew, ruſſ. kpobb, Blut. Clötzen, ſlan, ſchlagen, aus der Bergmannsſprache, in welcher Klotz einen ſtarken Handhammer, Fäuſtel, bedeutet; im Niederdeutſchen iſt klotzen ſtark und angeſtrengt arbeiten. Doß, rock, wahrſcheinlich aus dem hochd. doſchen, duſchen, was ſich buſchig ausbreitet, obenauf ſitzt; davon doſchet, angekleidet, mit vielen Kleidern angethan ſein, die übereinander liegen (Schmeller, I, 402). Duel, geld, iſt nicht aus dem Niederdeutſchen zu er - klären; vielleicht iſt es aber verdruckt ſtatt duet, düt, diminut. düttjen (nd. Haufen, vielleicht vom ahd. duz), womit beſon - ders in der lübecker Volksmundart noch heute collective Geld, ſpe - ciell aber auch drei Schillinge bezeichnet werden, z. B.: he hett Dütten, er hat Geld, iſt reich; dat koſt een Dütten, das koſtet drei Schillinge. Diſſen, ſchlan (noch jetzt im Niederdeut - ſchen als dieſen, verdieſen, ſchlagen, gebräuchlich, z. B.: he het em een örnlichen verdieſt, er hat ihm einen ordentlichen [tüchtigen Schlag] verſetzt), vom ahd. dizen, daz und duz, ſ. oben. Focken, lopen, noch jetzt im Niederdeutſchen gebräuchlich für gehen, ſich davon machen; davon das neckiſche Wort: Vad - der Fock für jemand; der gern und geſchäftig hin - und hergeht und ſich zu thun macht, um andern Dienſte und Gefälligkeiten zu erweiſen. Focken hängt doch wol mit dem hochdeutſchen pfuh, pfuch, pfuzen, pfuchezen, pfuckezen zuſammen, ſ. Schmeller, I, 307, unter pfuz, und das „ Pfullendorfer Wörterbuch “, Kap. 33, unter gehen. Fleb, ein karten, iſt Th. II, S. 121 und 296, erläutert worden. Faſelen, maken, altfranz. fasse, vom lat. facere. Ueber das auch im Liber Vagatorum vorkommende Glis, Milch, Melck, was im Liber Vagatorum offenbar verdruckt iſt, vgl. Hartlieb, „ Vocabeln “, unter glis, S. 74 unten. Grams, kind, eigentlich niederdeutſch Kram, das Wochenbett; Krammudder, Wöchnerin; Kramvadder, Mann der Wöchnerin. (Adelung, II, S. 1745.) Geſantemoſch, efrow, von Moſche und wahrſcheinlich dem la - teiniſchen sanctus, das durch die kirchliche Weihe dem Mann ver - bundene Weib (zum Unterſchied von Kebe oder Friudel, der5*68Concubine). Hoeff, brot, verkürzt aus dem niederdeutſchen Höfd, Höved, goth. haubith, angelſ. heafod, isländ. hoffod, ſchwed. hufwud, Haupt, Hauptſache, hier in der Bedeutung Brod, als Hauptnahrungsmittel, gebraucht. Höfd iſt im Niederdeutſchen all - gemein Haupt, Kopf, hat aber in einzelnen Beziehungen eine ganz ſpecifiſche Bedeutung. So iſt z. B. een half Höfd der geräu - cherte halbe Kopf eines Schweins. Knaß bart, knecht, Knaſter - bart, noch heute im Niederdeutſchen gängige launige Bezeichnung des mürriſchen, verdrießlichen Untergebenen, von knaſtern, gna - ſtern, raſſeln, mürriſch, verdrießlich reden, ſchelten, oder von gnaſpern (knaspern), nagen, etwas Hartes, Knirſchendes an - nagen. Klötenplyſien, vogeln, vom niederdeutſchen Klöt, testiculus, und plyſien, wahrſcheinlich verdorben aus dem franz. plaisir, Vergnügen. Seltſam iſt klöthöbel mit der Erklärung „ getzy ein Hund “, von klöt, Teſtikel, und wahrſcheinlich höbel, niederdeutſchem Ausdruck für Hobel; möglicherweiſe iſt höbel aber auch von dem niederdeutſchen höweln, heweln, abzuleiten (nach dem jüdiſchdeutſchen hebel, hewel,〈…〉〈…〉), welches ſcherzen, aufziehen, necken bedeutet. Noch ſeltſamer iſt das getzy in der Erklärung; gadzi bedeutet im Zigeuneriſchen das Weib, Weibchen; alſo wäre klöthöbel für Hündin zu nehmen; möglich iſt aber auch bei dem ſehr ſchlechten Druck des einzig vorhandenen kopenhagener Exem - plars etwa der Druckfehler getzy für gezyg, getüg, Gezeug, Geſchirr (alſo hier genitalia canis), wie im Niederdeutſchen noch heutzutage die Genitalien ohne Rückſicht auf das Geſchlecht vom gemeinen Mann Geſchirr, beſonders Sylvergeſchirr (Silberge - ſchirr) genannt werden. Kybich, gued, noch jetzt im Niederdeut - ſchen gebräuchlich, feſt von Körper und Fleiſch, moraliſch feſt, ſicher, ſelbſtändig, hochd. keif, keib; vgl. Schmeller, II, 275. Kibige diel, ſchon magt, von Dille, Tülle, Rinne. Köt, ein wit penning, Weispfennig, doch wol nur alter provinzieller Aus - druck für eine kleine Münze, vielleicht von Kaut, Tauſch. Schmel - ler, II, 342, nd. köten, küten. Mens, hundt, doch wol von menen, treiben, führen, leiten; men, mene, das zu einem Fuhrwerk nöthige Zugvieh; Mend, Menet, Menat, das Zugvieh. Schmeller, II, 589. 69Morf, mundt; Pott, „ Zigeuner “, II, 18, nimmt den offenbaren Druckfehler der Rotwelſchen Grammatik von 1755 auf: Wurf, erläutert Wurf als Contraction von Maulwurf und führt Murf, Morf bei Grolman als „ durch ausdrückliche Veränderung des w in m, wegen der Jnitiale von Maul, Mund “entſtanden an; im Niederdeutſchen heißt aber der Maulwurf nicht etwa Muulwerp, ſondern ſpeciell Winwörp; im Holländiſchen iſt er einfach mol; die Ableitung bei Pott iſt nicht richtig, denn Morf hängt mit murfeln, morfeln zuſammen, welches kauen mit geſchloſſenem Munde bedeutet, wie alte Leute zu thun pflegen. Auch bedeutet murfeln durch die wenig geöffneten Lippen reden (Schmeller, II, 615). Jm Niederdeutſchen iſt murfeln in der Ausſprache muffeln noch immer gebräuchlich. Meps, klein, iſt vielleicht mit dem eng - liſchen moppet, mopsey, Puppe, Püppchen, als Koſewort in Verbindung zu ſetzen. Michels, ick, iſt aus dem Accuſativ von ich mit der Diminutivendung zu erklären, wie man ja auch jetzt noch im Niederdeutſchen häufig ſcherzweiſe Jcke, Jckels für Jck, ſprechen hört. Moel, dor, Thor, eigentlich Mühle, ebenſo wie die ſpätere Gaunerſprache Winde für Thür hat, vom Wenden und Drehen der Thür. Minots verfokt, ik ga wech; verfoken, weg - gehen; minots ſcheint eine ähnliche gewaltſame Verkehrung des min (mein) für ick zu ſein, wie Jckels. Primersmoß, moß von Moſche (ſ. oben) und vielleicht vom lat. primus in Bezug auf den obenan in der Gemeinde ſtehenden Prieſter. Pig güt, deff, Dieb, der fremdes Gut pickt, aufpickt; aber vielleicht auch verdruckt für pigg üt, picke aus, leſe auf, in der Bedeu - tung aufnehmen, genießen, eſſen, wie das ſpätere bicken, picken. Pleuir, ſtuver, vielleicht provinziell für plapphart, oder ſonſtiger provinzieller Ausdruck für Stüber. Quinckhart, öge, Auge, von quinkern, quinkeln, mit den Augen zwinkern, den Blick leicht und verſtohlen auf etwas werfen, auch von der leiſen, ſchwankenden Jntonation der Stimme gebräuchlich. Die Ableitung bei Richey und Adelung von Quinte erſcheint geſucht, da quinck doch wol mit quick, lebendig, raſch, munter, unſtet, zuſammenhängt. Da - hin iſt auch quinkeleren (quinkeliren) zu beziehen, mit unſicherer70 Jntonation ſprechen oder ſingen. Quant, vel eft grot, viel oder groß, vom lat. quantus. Quabore, vere, vier, Verſtümmelung (oder Druckfehler) vom lat. quatuor. Roy, bier, iſt aus dem Riederdeutſchen nicht erklärlich; wahrſcheinlich iſt es verdruckt für Roeſ, Roes, welches im Holländiſchen Rauſch bedeutet; bei Vul - canius findet man Roeſch, cerevisia. Resbert, ſtroe, vom Raſſeln des Strohes, ähnlich dem Geräuſch des Raspelns, ur - ſprünglich Raſpern, engl. rasp, frz. rasper, ital. raspare, ſchwed. raspa, im Niederdeutſchen noch jetzt als raſpern, raspeln, rau - ſchen, beſonders vom Stroh gebräuchlich. Rottun, bedeler; rot - ten, bedelen, beides von Rot, ſ. Th. III, Kap. 8. Vantis, kind, verdorben aus dem lat. infans.
Schon dieſe wenigen Vocabeln geben ein lebhaftes Bild von der ſtarken dialektiſchen Durchmiſchung der Gaunerſprache und der großen Freizügigkeit des Gaunerthums jener Zeit. Auch das fah - rende Scholaſtenthum mit ſeiner lotterigen Latinität blickt dabei heraus. Ueberall aber tritt der prägnante niederdeutſche Typus hervor, beſonders in den mit derbem natürlichen Ausdruck rück - haltlos gegebenen volksthümlichen Bezeichnungen des geſchlechtlichen Zuſammenlebens, in welchem der Norden überhaupt draſtiſcher, aber dennoch auch unverdorbener erſcheint als der Süden mit ſei - nen allerdings verfeinerten und raffinirtern frivolen Ausdrücken.
Schließlich mag hier noch darauf hingewieſen werden, daß die Th. I, S. 207, angeführten Verſe aus der „ Gouchmat “des Pamphilus Gengenbach keine Gaunerausdrücke enthalten, welche nicht aus dem Liber Vagatorum zu erklären oder nach der dabei unten in den Noten gegebenen Ueberſetzung nicht zu verſtehen wären.
Eine ſowol in linguiſtiſcher als auch ganz beſonders in cul - turhiſtoriſcher Hinſicht höchſt merkwürdige Erſcheinung ſind die71 Vocabeln des Jakob Hartlieb, welche ſchon ihres hohen Alters wegen zwiefaches Jntereſſe erregen. Sie ſind ganz ausſchließlich aus dem tiefen Schmuz der mittelalterlichen Proſtitution geſchöpft und dienen zugleich zum Beleg für die in der Geſchichte der Bor - dellſprache (Th. III, Kap. 39, S. 167) aufgeſtellte Behauptung, daß die vielen ſchmuzigen Ausdrücke der liederlichen Weibsbilder, von denen ſchon die älteſten Vocabulare wimmeln, um ſo mehr ins Auge fallen müſſen, als ſie durch ihre meiſtens fremdartige, gelehrte klerikale Form die Vaterſchaft und Gönnerſchaft derſelben Proſtitution ſcharf kennzeichnen, welche wieder in denſelben Voca - bularen Väter und Gönner mit einer Flut gemeiner Bezeichnun - gen herabwürdigt. Ganz beſonders bemerkenswerth iſt endlich noch bei Hartlieb’s Vocabular, daß, obſchon es mit dem Narrenſchiff und dem Liber Vagatorum zu faſt gleicher Zeit (1501) erſchien1)Das Vocabular hätte ſomit nach ſtrenger chronologiſcher Ordnung hier unmittelbar nach dem Liber Vagatorum aufgeführt werden müſſen. Doch durfte der genaue Zuſammenhang, in welchem der Liber Vagatorum mit der Rot - welſchen Grammatik und dem Bedeler orden ſteht, bei Erläuterung der Voca - beln nicht zerriſſen werden., es doch durchaus unabhängig von beiden in voller Originalität daſteht. Die Vocabeln finden ſich in der Abhandlung: De fide me | retricum, in suos ama | tores quaestio minus princi | palis, urbanitatis & facetiae causa, in fine | Quodlibeti Heydelbergen: determi | nata a magistro Jacobo Hartlieb | Landonensi: novis qui | busdam additioni | bus nuper illu | strata. | Ach liebe Elſe, biß mir holt. | M.D.LVII. Sie ward eingeleitet durch zwei ernſte, ſcharfe Hexaſticha des Johannes Gallinarius und Johannes Spey - ser Forchemensis, ſowie durch eine Vorrede des Crato Uden - hemius, scholis Sletstatinis praefectus, an ſeine Zuhörer, welche vom 29. Aug. 1501 datirt iſt. Die Quäſtio iſt in ſcholaſtiſchem Latein geſchrieben, in der damals gängigen eigenthümlichen Form einer akademiſchen Disputation gehalten, mit vielen Stellen aus römiſchen Dichtern, beſonders Ovid und Virgil, ſowie mit Citaten aus dem römiſchen und kanoniſchen Rechte belegt und mit aller - hand deutſchen Redensarten und Ueberſetzungen durchzogen. Ob -72 gleich das liederliche Leben der Geiſtlichen und der Metzen mit - einander im allgemeinen mit ſittlicher Strenge und Satire gerügt wird, ſo gibt doch die ganze Weiſe, in welcher die ſchmuzigſten Verhältniſſe und niedrigſten Farcen dargeſtellt werden, nicht allein Zeugniß von der offen daliegenden tiefen ſittlichen Verſunkenheit der Geiſtlichkeit des Mittelalters, ſondern auch von dem unwür - digen, widerlichen, des wahren tiefen ſittlichen Ernſtes baren Be - hagen, welches der Verfaſſer ſelbſt an dem niedrigen Stoffe und an der Menge ſchmuziger Redensarten und Ausdrücke findet, wenn er auch — ſichtlich bedenklich, dieſe Dinge aus ſich ſelbſt hervor - zubringen — mit befangenem Ungeſchick alle dieſe Zoten einem freilich im gelungenſten Küchenlatein docirenden, nichtswürdigen Pfaffen - und Weiberknecht in den Mund legt. Wie nun aber auch Form und Einkleidung der ganzen Darſtellung ſein mag: ſo findet man doch überall Geiſtlichkeit und Proſtitution in einer wahrlich grauenhaft innigen Bezüglichkeit und Sättigung zueinan - der ſtehen und muß ſelbſt den Haupttypus edler gelehrter Bildung, die lateiniſche Sprache, von den auch in die Küche ihren Haus - buhlerinnen lüſtern nachſchleichenden Geiſtlichen in dieſe Küchen hinein - und verkohlt und mit Ruß beſchmuzt als wahres Küchen - latein aus der Küche der niedrigen Magd wieder zurückgetragen ſehen. Wie nun Hartlieb einerſeits mit ſeinen unter dem Titel: „ De vocalibus et vocabulis vernacula lingua fantastice expo - nendis “zuſammengeſtellten Vocabeln ein Zeugniß von der em - pörenden brockenweiſen Latinität gibt, welche die Geiſtlichen mit geilem Behagen ihren gemeinen Metzen beigebracht hatten, ſo gibt er andererſeits auch in dem deutſchen Wörterverzeichniß, welches unter dem Titel: „ Attributa quae meretrices dant suis amato - ribus “jenen verdorbenen lateiniſchen Vocabeln folgt, wieder ein Zeugniß von der tiefen Verachtung, mit welcher im übermüthigen Bewußtſein ihrer abſoluten Gewalt die Metzen ihre prieſterlichen Buhlen behandelten. Jn beiden Verzeichniſſen findet man aber auch wieder die ſchon Th. III, S. 167, ausgeſprochene Beobach - tung beſtätigt, daß die Sprache der Metzen zuſammenhanglos wie ein Hagelſchlag in die Gaunerſprache hineinbrockelt und ſo in dieſe73 hineingeſchmolzen iſt, daß die Bordellſprache ihre eigenthümliche hiſtoriſche Färbung faſt ganz verloren und den Anſchein gewonnen hat, als ob ſie in jedem Jahrzehnd mit immer neuen Vocabeln wie mit einer neuen Erfindung hervortritt. Wer die Hartlieb’ſchen Vocabeln genau durchmuſtert, wird ebenſo viel Anklänge an die ſpecifiſche Bordellſprache als an die Gaunerſprache und auch wie - der an die mancherlei Sprachſpielereien finden, an denen der höl - zerne Witz der Stubengelehrſamkeit ſich beluſtigte und mit denen das Volk ſich unverfänglich vergnügte. Die ungeordneten Vocabeln folgen hier in der Reihe, in welcher ſie bei Hartlieb ſtehen:
Zunächſt müſſen die entweder aus wirklicher roher Unwiſſen - heit oder aus Uebermuth aufgeführten Accuſative panem, caseum für panis, caseus u. ſ. w. als angelernte, ſtatuirte, feſte Con -74 verſationstypen im Munde der Kleriker und Metzen angenommen werden. Das Latein iſt überhaupt bodenlos roh und zum Theil auch nicht einmal etymologiſch zu erklären. Es kommen auch manche platte deutſche homöophonetiſche Ausdrücke vor, z. B.: pyra, Bier, lobium, Laib, obsonogarius (Linſenmeichel, Linſen - michel, Topfgucker), zwar latiniſirend im Stammwort obsono (z. B. bei Plautus, „ Aulularia “, II, 4. 1), für die Küche ein - kaufen, hier aber als zuſammengezogen aus ob-ſchon-gar? zu nehmen. Ebenſo Vilhelmus, Strohſack, von viel und Halme; Vilrincus, Panzer, von viel und Ring; Vualtmurrus, Bär, von Wald und murren; Biszincus, Ofengabel, vom kat, bis, zwei, und Zinken. Das ganz aphoriſtiſch für ſich hergeſtellte Et pluraliter iſt nicht etwa als lateiniſcher erläuternder Hinweis auf den Plural des vorhergehenden lobium, ſondern als durchaus ſelb - ſtändige Vocabel zu nehmen und wie Bracus, Bruch, vom nie - derdeutſchen Brook, Hoſe (lat. bracca) abzuleiten iſt, ſo auch vom niederdeutſchen eten, eſſen, und Plurr, Brei (plurrig, breiicht, beſonders dünnbreiicht) herzuleiten. Andere Ausdrücke ſind ironiſche, ſchmuzige Metaphern, z. B.: anus, ein Lecker, für der Hintere; stercus, Kiſſen, für Miſt; fornicator, Offenmacher, iſt in voller obſcöner Bedeutung vom adverbialen offen und machen (nicht aber mit Bezug auf das vorgängige fornax, Offen, als figulus, Töpfer) zu nehmen. Das doppelte f iſt abſichtlich gewählt, da gleich darauf die correcte Schreibung Ofengabel mit einfachem f folgt.
Weitere ſubſtantiviſche Begriffe gibt Hartlieb unmittelbar dar - auf mit lateiniſcher Paraphraſe:
Ad patrem, Der Nontag. Apud villam, ein Bavur an der Sonnen. Ante aedes, ein Betler. Prope fenestram, ein Schnei - derknecht. Sine labore, ein Pfaffenknecht. Imperterritus, ein Landtssknecht. Inexpugnabilis, ein alt Vueib. Ex quam plu - ribus, ein Betlermantel. Nugigerulus, ein Kuppler. Circa sepem est aequivocum: uno modo est mendicus quaerens pe - diculos: alio modo, iss Khudreck. Glis similiter est aequi - vocum, juxta illud Alexãdri: Glis animal, glis terra tenax;75 glis lappa vocatur. Glis animal significat, ein Spinferkel in eim sack. Glis terra tenax, das iss ein dreck. Glis lappa, ein Schuchpletz.
Man ſieht, daß dieſen Paraphraſen der Witz keineswegs fehlt. Ad patres, der Nontag, erinnert ſowol an die im Mittellatein mit Nonnones oder Nonnanes bezeichneten alten Armen, welche bei den Kirchen verpflegt wurden, als auch an die bejahrten Mönche, welche man aus Achtung Patres nannte. Vgl. Adelung, III, S. 518, unter Nonne. Jm Jtalieniſchen iſt noch jetzt ge - bräuchlich Nonno, Großvater, und Nonna, Großmutter. Entſpre - chend dem Nontag nennt man im Deutſchen die beſtimmten Tage in der Woche, an welchen die Familie bei ihrem älteſten Mitglied feſtlich ſich verſammelt, den Großvater - oder Großmuttertag. Der Nontag iſt daher der Tag, an welchem es eine beſondere Ver - pflegung oder gute Speiſe gibt. Bezeichnend iſt ferner apud vil - lam, der Bauer, welcher im Freien, in der Sonne, bei ſeinem Hauſe oder Dorfe weilt. Ante aedes, der Bettler, welcher vor den Häuſern bettelt. Prope fenestram, der Schneidergeſelle, wel - cher, um für ſeine Nähterei gehöriges Licht zu haben, nahe am Fenſter hockt. Sine labore, der faullenzeriſche Pfaffenknecht. Im - perterritus, der rohe Landsknecht. Inexpugnabilis, das keinem Angriff auf ihre Tugend mehr ausgeſetzte, alte häßliche Weib. Ex quam pluribus, der aus allen möglichen Flicken zuſammenge - ſetzte Bettlermantel. Nugigerulus (bei Plautus, „ Aulularia “, Act 3, Sc. 5, V. 51, Scherze, Poſſen, Bagatellen bringend), Kupp - ler. Circa sepem iſt zweideutig, einmal bedeutet es den mit Un - geziefer bedeckten Bettler, welcher ſich gern gegen die ſchützende Verzäunung lagert, namentlich bei ſeinen entomologiſchen For - ſchungen auf Rock und Körper, und ferner zur Bezeichnung des häufigen Aufenthalts der Kühe an den Zäunen, Kuhdreck. Bei der dreifachen Erläuterung des Glis als Spanferkel, Dreck und Klette, muß man auf die urſprüngliche Bedeutung des Glis zu - rückſehen: Ratte, beſonders die ihres langen Winterſchlafs und ihrer Eßbarkeit wegen bekannte Haſelmaus, Zieſelmaus, Bilch - maus, Billich, Bilch (ahd. pilih, böhmiſch Plch). Der Liber Va -76 gatorum hat das etymologiſch nicht zu rechtfertigende Glis, Milch, woraus das ſpätere Gleis und Klais, Milch (vgl. Grolman, „ Wörterbuch “) gemacht iſt. Der Bedeler orden hat das Glis als Melk in das Niederdeutſche übertragen. Es iſt nicht zu bezweifeln, daß die Erklärung des Milch für Bilch ſchon in der älteſten pforzheimer Ausgabe, welche dem Bedeler orden als Original für die niederdeutſche Ueberſetzung diente, ein Druck - fehler iſt.
Höchſt draſtiſch ſind die darauf von Hartlieb unter dem Titel: Attributa quae meretrices dant suis amatoribus, angeführten Schimpfwörter, mit welchen die Metzen ihre Buhlen bezeichnen. Die losbändige Objectivität und Emancipation von aller Furcht, Zucht und Sitte, welche ebenſo ſcharf wie die ruchloſe Uebergewalt der Metzen über ihre Buhlen und wie die Erniedrigung und Nichtswürdigkeit der letztern zu Tage tritt, wird ſcharf und treffend in der kauſtiſchen Commentirung Hartlieb’s bezeichnet: Haec sunt praedicata, haec attributa, haec sunt merita laudis et honoris, quibus amasiae suos amatores, vel absentes vel cominus, hoc est, de propinquo tempore incongruo ad se adventantes ex - ornant atque decorant. Die Vocabeln, von welchen, bezeichnend genug für Geiſt, Gewalt und Perennität der Proſtitution, nur ſehr wenig obſolet geworden ſind, ſtehen bei Hartlieb in folgender Ordnung:
Ungemein ſcheu und ſchüchtern, dieſer unverhüllten deutſchen Derbheit gegenüber, flüchten ſich nun aber die von Hartlieb gegen den Schluß der Quäſtion unter der Ueberſchrift Conditiones me - retricum mit correctem lateiniſchen Ausdruck gegebenen Vocabeln in die lateiniſche Sprache hinein, als ob es der liederlichen Ge - lehrſamkeit an Muth gefehlt hätte, die Frechheit mit gleicher der - ber deutſcher Courantmünze zurückzuzahlen. Sie bieten jedoch kein linguiſtiſches Jntereſſe und können daher recht füglich hier weg - bleiben.
Genau zuſammenhängend mit der Hartlieb’ſchen Quäſtion und von demſelben Jahre iſt endlich noch eine ähnliche: „ De fide con | cubinarum in sacer | dotes. Quaestio acces | soria, causa joci et vrbanita | tis, in quodlibeto Heydel | bergensi, deter - minata | a magistro Paulo O | leario Heydelber | gensi. M.D.LVII. “ Sie wimmelt von ſchmuzigen Farcen und Anekdoten und enthält einige Gedichte, in denen deutſche Verſe mit lateini - ſchen abwechſeln, voran das bekannte Pertransivit clericus u. ſ. w. (vgl. Th. III, S. 67) mit der Ueberſchrift: „ Jn dem thon, Es wolt ein Meidlein ſpatzieren gehn, ſpatzieren vber den Brunnen “. Ganz78 am Ende finden ſich deutſche und lateiniſche Akroſticha auf Elſa und Eliſabet. Doch bietet dieſe Quäſtion ebenfalls kein linguiſti - ſches Jntereſſe und mag daher auch nicht weiter hier ausgebeutet werden.
Ungeachtet der mehrfachen Ausgaben des Liber Vagatorum, an welchen Luther und Spangenberg mit lebhaftem Jntereſſe ſich betheiligten, während Johann Ballhorn noch eine neue nieder - deutſche Ueberſetzung hinzufügte, blieb der Liber Vagatorum ſo - wol für die linguiſtiſche Forſchung als auch für die gerichtliche oder polizeiliche Beachtung gänzlich verloren und blieb auch bis zu ſeiner letzten Ausgabe 1668 in unveränderter Faſſung ſtehen. Jn den Gelehrtenſtuben mag vielleicht manche wenn auch unfrucht - bar gebliebene Forſchung angeſtellt ſein; manches Manuſcript oder gar vergeſſenes Druckexemplar mag hier und da verborgen1)Darin beſtärkt ſchon das kleine Vocabular von J. Hartlieb und außer - dem eine auf S. 107 meines Exemplars des Vulcanius befindliche, dem Auſchein nach kaum wenig jünger als das Druckeremplar ſelbſt ſcheinende handſchriftliche Randbemerkung, welche geradezu auf den Titel eines durchaus unbekannten Wort - verzeichniſſes hinweiſt mit den Worten: Vid. der fidler rabant vnd schalcken vocabula. lie - gen: gewiß iſt, daß ſeit dem Liber Vagatorum bis zum Ausgang des 16. Jahrhunderts keine einzige Forſchung oder auch nur Er - wähnung auf dem gaunerlinguiſtiſchen Gebiete bekannt geworden iſt.
Deſto überraſchender iſt aber das, was Bonaventura Vulca - nius in ſeinem ſchon oft erwähnten Werke: „ De literis et lingua Getarum “u. ſ. w., S. 105 — 109, mittheilt, wenn man auch bei Prüfung des Einzelnen findet, daß Vulcanius durchaus keine eige - nen und tiefern Forſchungen auf dem zu ſeiner Zeit gewiß noch viel unbeachtetern und ſchwierigern Gebiete der Gaunerlinguiſtik gemacht hat. Die bezügliche Stelle ſteht völlig aphoriſtiſch und79 unter einer beſondern Ueberſchrift da. Sie muß hier im Zuſam - menhang mit dem von Vulcanius aufgeführten kleinen Vocabular gegeben werden:
De idiotismo aliorum quorundam erronum, a Nubianis non admodum absimilium.
Specimen hoc linguae Nubianorum occasionem mihi dedit cogitandi de idiotismo (neque enim linguam appellare libet) Erronum quorundam, qui avorum imo patrum nostrorum me - moria oppida omnia et pagos pervagari, et templorum fores catervatim obsidere solent, et inauditis technis atque impostu - ris vulgo fucum faciebant; Nubianis illis non absimiles; eo tamen ab iis diversi, quod cum Nubiani Chiromantices et praeterita futuraque divinandi praetextu fallerent, hi sancti - moniae alicujus simulatione et peregrinationis ab ipsis insti - tutae ad loca variis divis dicata, quos diversorum atrocissimo - rum morborum quibus sese obsessos fingebant ἀποτροπαίους sive averruncatores praedicabant, miseram plebem densissimis ignorantiae tenebris immersam atque obcaecatam et pia qua - dam credulitate ad commiserationem ipsorum adductam pe - cunia emungebant. Nubianos illos, quos Itali, ut diximus, Cingaros vocant; Hispani Gitanos, hoc est Aegyptios; Belgae Heidenen, hoc est Gentiles propriam sibi ac peculiarem pro - vinciae e qua orti fuerunt linguam habuisse Jos. Scaliger cen - set, cujus judicio authoritatique libens acquiesco. Horum vero de quibus nunc agimus idiotismum, ut linguam nativam ap - pellare non ausim, ita non omnia eorum vocabula commenti - tia esse crediderim, sed e vetere aliqua lingua petita, aut si omnia in universum sunt fictitia, mirari libet eorum non mi - norem in effingendis novis vocabulis industriam, quam in consuendis technis vafriciem. De quibus cum exstet libellus Teutonica lingua ante annos quinquaginta conscriptus, qui er - rones hosce in XXVIII classes sive sectas distribuit, et sin - gulis propriam appellationem qua tum temporis noti fuerunt inditam scribit, unum vero omnibus communem idiotismum sive linguam fuisse; Indicemque vocabulorum quibus illi ute -80 bantur, adscribit; e quibus paucula quaedam annotabo, libe - rum de iis judicium lectori relinquens.
Jntereſſant iſt zunächſt der Hinblick auf die dialektiſche Ver - ſchiedenheit der bisher aufgeführten gaunerſprachlichen Documente überhaupt. Während in allen das Jüdiſchdeutſche hell durchſchlägt, findet man im Notatenbuch des breslauer Kanonikus Dithmar81 von Meckebach kaum eine beſondere dialektiſche Färbung. Aber im baſeler Rathsmandat, in der Sammlung des züricher Rathsherrn Gerold Edlibach, im Liber Vagatorum hört man deutlich das Hochdeutſche mit fränkiſch-dialektiſchen Anklängen durchtönen. Jn den originellen Vocabeln des Bedeler orden drängt ſich die mar - kige niederdeutſche Färbung vor und jetzt bei Vulcanius zeigt ſich das Niederdeutſche in ſeiner vollen prägnanten niederländiſchen Form. Das Vocabular des Vulcanius verdient größere Aufmerk - ſamkeit als der geringe Umfang auf den erſten Blick in Anſpruch nehmen zu dürfen ſcheint. Hat man die oben angeführte Einlei - tung des Vulcanius mit Aufmerkſamkeit geleſen, ſo muß man durchaus dem ſcharfblickenden Pott („ Zigeuner “, I, 4, 5) darin beitreten, daß er den Vulcanius gegen Grellmann und den ältern Adelung vertheidigt, welche völlig grundlos dem Vulcanius unter anderm auch ſogar die Unterſcheidung zwiſchen rotwelſcher und Zigeunerſprache abſprechen. Auffallend bleibt aber bei Vulcanius die Beziehung auf den Libellus Teutonica lingua ante annos quinquaginta (alſo etwa 1547) conscriptus, qui errones hosce in XXVIII classes sive sectas distribuit. Damit iſt offenbar der Liber Vagatorum gemeint. Man erwartet daher in den mit - getheilten 58 Vocabeln durchaus nur Gaunerausdrücke aus. dem Liber Vagatorum oder aus dem näherliegenden Bedeler orden, wird aber überraſcht, daß man nicht nur verhältnißmäßig viele Wörter in durchaus eigenthümlicher niederländiſcher Form, ſondern auch einzelne neue Wörter findet, welche weder im Liber Vaga - torum noch in den originellen Beiſätzen des Bedeler orden vor - kommen. Bei der ſonſtigen Genauigkeit des Vulcanius, deſſen Wörterverzeichniß voll arger Druckſehler iſt und nur einfach die Vocabeln ohne Kritik gibt, muß man annehmen, daß derſelbe den Liber Teutonica lingua conscriptus ſelbſt gar nicht geſehen, ſon - dern die Vocabeln nur aus dritter Hand empfangen hat, welche aber ebenfalls es nicht allzu genau mit der Wiedergabe der Vo - cabeln genommen und, aus Mangel an eigenem Verſtändniß oder durch ſonſtige ungenaue Angaben verleitet, einzelne Wörter gänz - lich entſtellt hatte. So iſt das Baey, vinum, gar nicht zu ver -Avé-Lallemant, Gaunerthum. IV. 682ſtehen und in keiner Weiſe als Druckfehler zu berichtigen. Busen, bibere, iſt ebenfalls Druckfehler für Bufen und gleicher Ableitung wie das böfen des Bedeler orden (welcher den ähnlichen Druck - fehler bösen, drinken, hat). Cuysen, verberare, originell, iſt wol vom nd. kuyschen, reinigen, ſäubern, abzuleiten, wie man auch analog im Niederdeutſchen ſtöben (ſtäuben, ſtäupen, Staupe) für ſchlagen, prügeln, ausklopfen gebraucht. Crommer, judex, originell, vielleicht vom nd. krom, krumm, ſchlimm, der das Recht krümmt, ein Mann, der krummſchließen läßt, vor dem man ſich krümmt. Jn creu, caro, findet man wie im crew des Bedeler orden das ſlawiſche crew (ruſſ. кровь), Blut, wieder. Coxe, gallina, alte Form, vom engl. cock, noch in der Compoſition coxcomb, Hahnenkamm, vorhanden. Dosch, vestimentum, iſt das Doss des Bedeler orden. Dille, vgl. Bedeler orden. Dey - ster, alea, vom engl. dice, dis (Plur. von die), Würfel, to dice, würfeln. Distel, templum, verdruckt für Diftel, vom jüdiſchd. 〈…〉〈…〉und〈…〉〈…〉. Floy, aqua, vom nd. vloed, vloet, Flut. Gripelick, digitus, iſt der Griffling des Liber Vagatorum. Horsselen, rixari, vom nd. horssel, Pferdefliege, Pferdebremſe. Houele, canis, iſt das hoeff des Bedeler orden, nur iſt canis verdruckt für panis. Laus, ovum, iſt etymologiſch nicht zu er - klären und muß ein willkürlich ſtatuirtes holländiſches Gaunerwort geweſen ſein. Ebenſo Laurette, glis, Ratze, Maus; im Mittel - latein iſt Laura das Kloſter; in der franzöſiſchen Gaunerſprache iſt laure das Bordell. Leems, lectus, vielleicht vom nd. leemte, Lähme, Lähmung, Müdigkeit, Mattigkeit. Prepesen, libri, iſt ebenfalls etymologiſch nicht zu erklären. Primer, sacerdos, von der Prima, der erſten Betſtunde, morgens 6 Uhr. Quien, canis, κύων, chien. Davon das franz. coïon (coyon), Hundsfott, Schuft, coïonner, wie einen Hundsfott behandeln, Subſt. coionnade, und das nd. Kujon, kujoniren. (Das lat. coleus und ital. coglione bei Schwenck, a. a. O., S. 114, gehört gar nicht hierher.) Qui - sten, loqui, nd. eigentlich durchbringen, verſchwenden. Rosch, cerevisia, das nd. roes, Rauſch. Rystert, stramen, vom nd. rastern, rüstern, raſſeln, rauſchen. Ree, gravis morbus, das83 jüdiſchd. 〈…〉〈…〉? wie in Chole-ra, ſchwere tödtliche Krankheit, von〈…〉〈…〉 und〈…〉〈…〉. Sancke, templum, verdorben von sanctus. Smixe, butyrum, wahrſcheinlich verdruckt für Smir (wie im Bedeler orden Smix für Smir), Schmeer, Fett, Butter, dän. Smor. Screns, hypocaustum, iſt das Schrentz des Liber Vagatorum und das heutige Schrende, Stube, Zimmer. Snye, crumena, Geldbörſe, vom nd. snoeien, ſchneiden, abſchneiden, beſchneiden. Trewael, calceus, Schuh, verdorben aus dem engl. travel, Reiſe, Gang. Jm Däniſchen iſt travel adj. eilig, geſchäftig, mit Geſchäften überhäuft, Travelhed, Eile, Geſchäftigkeit. Voppen, mentiri, ganz das Voppen des Liber Vagatorum. Zickus, caecus, der zicküt des Bedeler orden. Zoevele, caput, für Hoevele, vom nd. Hoefd, Haupt.
Wenn ſchon im Bedeler orden mit ſeiner originellen Wort - zuthat zum Liber Vagatorum die dialektiſche Durchmiſchung und die nicht geringe Beigabe fremdartiger Sprachſtoffe, namentlich des jüdiſchdeutſchen und des lateiniſchen, beſtimmt hervortritt, ſo zeigt ſich im vorliegenden, kaum die Zahl der Originalwörter des Bedeler orden erreichenden Vocabular des Vulcanius dieſe Durch - miſchung noch farbiger und lebhafter, namentlich in dem hier neu und ſcharf hervortretenden Beiſatz engliſcher, franzöſiſcher und vor allen holländiſcher Wörter, ſodaß ſchon hier das Gaunerthum in ſeiner ganzen Vollendung und Weltzügigkeit ſo verläſſig ſich documentirt, wie in einer mit den verſchiedenſten Unterſchriften ver - ſehenen Urkunde. Bei der prägnant hervortretenden holländiſchen Färbung und bei der überraſchenden Hindeutung des Vulcanius auf den Liber Vagatorum und auf die Zeit ſeiner Erſcheinung, welche er auf 1547 feſtſetzt und zu welcher der Bedeler orden ſchon längſt gedruckt war, läßt ſich nicht ohne Grund vermuthen, daß die Vocabeln des Vulcanius aus einer um jene Zeit erſchienenen holländiſchen Ueberſetzung des ſchon im Bedeler orden weit nach Norddeutſchland hinaufgedrungenen Liber Vagatorum herſtammen, wobei der Ueberſetzer mit analoger Originalität wie der Bedeler orden ſpecifiſche Ausdrücke aus dem holländiſchen Gaunerwortvor - rath beimiſchte. Vielleicht wird bei dem jetzt rege gewordenen Jn -6 *84tereſſe für Gaunerſprachen und für den ganz in Vergeſſenheit ge - rathenen Liber Vagatorum die weitere Forſchung in Bibliotheken und Archiven eine entſprechende Entdeckung herbeiführen.
Wenn man den Vulcanius als erſten Linguiſten bezeichnen darf, welcher, wenn er auch nicht ſelbſt wirkliche Forſchungen an - ſtellte, doch der Gaunerſprache mindeſtens Aufmerkſamkeit ſchenkte, ſo kann man bei ſorgfältiger Beobachtung des fernern geſchicht - lichen Fortlaufs der Gaunerſprache nicht geradezu behaupten, daß es ſeit Vulcanius an dieſer Aufmerkſamkeit ganz und gar gefehlt habe, obſchon die eigentliche linguiſtiſche Forſchung noch immer völlig brach darniederliegen blieb. Seit Luther’s Ausgabe erſcheint der Liber Vagatorum wie ein ausſchließliches theologiſches Erb - ſtück in der Literatur überhaupt. Den nächſten Beweis davon lie - fert die erſte Ausgabe deſſelben im 17. Jahrhundert, der (Th. I, S. 155, Nr. 13 erwähnte und beurtheilte) „ Bericht von der fal - ſchen Bettelbüberey “vom Jahre 1616. Auf den erſten Blick er - kennt man als Herausgeber des anonym und ohne Angabe des Druckorts neu edirten Buches den proteſtantiſchen Theologen, der wol ſelbſt manche üble praktiſche Erfahrung an Gaunern und Landſtreichern gemacht haben mochte, aber darum doch mit weit weniger Groll als mit einer gewiſſen, aus Ahnung oder Kenntniß der im Buche dargeſtellten Ränke entſprungenen behaglichen und ſelbſtvertrauenden Kritik hier und da bei pikanten oder ihm vielleicht für andere unverſtändlich ſcheinenden Stellen als Exeget oder Gloſſator in discreten Parentheſen auftritt, aus denen ſeine Per - ſon wie durch ein freundliches Guckfenſter gemüthlich herausſchaut, ſodaß er mit ſeiner Gloſſe und bruchſtückweiſe angebrachten Ge - lehrſamkeit recht als Prototyp der in gewiſſer Art liebenswürdig ſteif mit dem Pfunde claſſiſcher Gelehrſamkeit überall hingreifenden85 proteſtantiſchen Geiſtlichkeit des 17. Jahrhunderts gelten kann. Offenbar wußte der wackere geiſtliche Herr von der Gaunerei und ihrer Linguiſtik mehr, als er vielleicht ſeines Summars oder Superintendenten wegen zu ſagen wagte. Er beſchränkte ſich auf ſeine kurzen kauſtiſchen Parentheſen und überſetzte als neue Zuthat mit großer Behaglichkeit und Derbheit des Ausdrucks die Ptocho - logie des Erasmus von Rotterdam, um zwei lateiniſch redende Spitzbuben deutſch populär zu machen, deckte ſich den Rücken durch den ſonderbaren auffälligen bibelfeſten Auslauf des Gauner - geſprächs und ſalvirte ſeine theologiſche Würde vollſtändig durch den Wiederabdruck der Luther’ſchen Vorrede zum Liber Vagato - rum, ſodaß ſelbſt der ſchlechte Witz auf dem Titelblatt ihm hin - gehen kann: „ Mit Begnadigung des Betler-Königs auff zwölff Jahr nicht nachzudrucken “.
Aehnlich machte es der allerdings ernſtere Herausgeber des Expertus in Truphis1)Der mir bei Herausgabe des erſten Theils noch unbekannte und nur nach Hoffmann von Fallersleben erwähnte Expertus in Truphis (Th. I, S. 157, Nr. 14) iſt mir inzwiſchen durch die Güte des Hrn. Dr. R. Köhler, Biblio - (1668). Er bezieht ſich S. 8 auf den leipziger Superintendenten Nik. Selneccer, welcher in ſeiner Aus - gabe des Liber Vagatorum (1580) „ jezuweilen auch darzu ge - than hat “, und gibt nun auch kleine parentheſirte Erläuterungen und Zuſätze und ſogar im Vocabular (S. 66 — 78) hier und da zu den einzelnen Vocabeln die lateiniſche Ueberſetzung oder hebräi - ſche Wortwurzel mit lateiniſchen Lettern. Jhm genügen aber dieſe kurzen Zuthaten nicht; er gibt noch in funfzehn verſchiedenen „ Hi - ſtorien “die allerdings unbedeutende Erzählung einzelner Betrü - gereien aus alten und neuen Schriftſtellern hinzu, ſchließt mit der Anführung der in den „ Augsburger Reichsabſchieden von 1500, 1530 und 1548 wider Bettler und Müſſigganger “erlaſſenen Ver - ordnungen und endigt S. 160 mit der Summa: Ein ieder lern ſein Lection, So wird es wohl im Hauſe ſtohn. Omnia ad aedificationem.
86Sind die Nachweiſe der Stammwurzeln im Vocabular des Expertus auch nur trocken und unfruchtbar und ſind die hebräi - ſchen Wurzeln des Liber Vagatorum ſchon dreißig Jahre ſpäter von Wagenſeil viel ausführlicher und gründlicher gegeben wor - den1)Vgl. Th. III, S. 402., ſo iſt der Herausgeber des Expertus in Truphis, trotz - dem er nichts anderes gibt als was der Liber Vagatorum dar - bietet, und trotzdem die Nachweiſe äußerſt dürr und ſogar auch vielfach fehlerhaft ſind, doch der erſte Schriftſteller, welcher min - deſtens nach einer Analyſe und Exegeſe der Gaunerſprache ſtrebte. Jnſofern erſcheint der Expertus in Truphis viel merkwürdiger als dadurch, daß er bis auf die neueſte Zeit die letzte vollſtändige Aus - gabe des Liber Vagatorum geblieben iſt.
Wie ein tobender Wirbelwind hatte der Dreißigjährige Krieg das ganze ſocialpolitiſche Leben gefaßt, jegliches Band der geſell - ſchaftlichen Ordnung zerriſſen, die ſittlichen Grundlagen des Staats erſchüttert und ſelbſt das ſchützende Soldatenthum zum brand - ſchatzenden mörderiſchen Räuberthum umgeſchaffen, ſodaß dieſes mit ſeiner vollſten ſittlichen Entartung zur herrſchenden Gewalt geworden war. Jm verzweifelten Kampfe der nach Luft und Leben ringenden, mechaniſch und aufs Gerathewohl mit ihrer ſchlecht organiſirten Polizei um ſich greifenden Staatsgewalt mit dem wie niemals und nirgendwo anders ſo populär gewordenen Räuber - thum gelang es ihr, einzelne glückliche Siege zu erkämpfen, von denen jeder auf dem Schaffot mit Rad, Schwert oder Strick ge - feiert wurde, ohne daß bei dem maſſenhaften phyſiſchen Abthun ein geiſtiger Sieg mit ſeinen tief durchgreifenden ſittlichen Conſe -1)thekar zu Weimar, bekannt geworden, welchem ich noch manche ſchätzbare lin - guiſtiſche Mittheilungen verdanke.87 quenzen errungen worden wäre. Dieſer ungeheure Defect bewirkte, daß das triumphirende Gaunerthum ſeit dem Dreißigjährigen Kriege jene dämoniſche Gewalt zu einem nahezu zweihundertjäh - rigen Widerſtand gewinnen und daß der Staat immer nur in ver - einzelten glücklichen Zügen einen ſauern und blutigen Sieg da - gegen erkämpfen konnte, ohne daß bis zur heutigen Stunde die Möglichkeit eines ähnlichen furchtbaren Aufbruches der alten perennirenden Elemente als völlig beſeitigt angeſehen werden dürfte.
Man weiß in der That nicht, was man ſagen ſoll, wenn man bei dieſer wie durch eine Volksbeliebung geſchaffenen, zur offenſten Popularität gediehenen Gewalt des Gaunerthums ſehen muß, daß Männer von ſo viel Kenntniß, Geiſt und Scharfſinn, wie Schottelius und Moſcheroſch, bei ihrem Aufblick auf die Gau - nerſprache nichts anderes ſchaffen konnten als einen bloßen, na - mentlich bei Schottelius ſehr ſchlechten und incorrecten Abdruck des rotwelſchen Vocabulars, über welchen keiner von beiden hin - ausging, wenn auch Moſcheroſch das Vocabular mit leichter Mühe zum erſten mal als Doppellexikon bearbeitete und in ſeinem (Th. I, S. 212 abgedruckten) Gedichte „ Vff die Löbliche Geſellſchaft Moſel - ſar “mit poetiſcher Leichtigkeit zuerſt vereinzelte Gaunerſprachtypen in gebundener Weiſe vorführte. Was beide ſonſt an eigener lin - guiſtiſcher Beobachtung und Forſchung geben, iſt weiter nichts als der inveterirte breite Galimatias, welcher ſchon oben Th. III, Kap. 40, gewürdigt worden iſt. Und doch haben beide den gan - zen Dreißigjährigen Krieg durchlebt, und doch findet man in den zahlreichen Anekdotenſammlungen, jenen Fortſetzungen der Facetien früherer, in den vielen Schelmenromanen und in andern populären Schriften damaliger Zeit, welche nur Unterhaltung und Kurzweil gewähren, aber keineswegs linguiſtiſche Forſchungen anſtellen woll - ten, häufige, wenn auch nur vereinzelte und zerſtreute Gauner - wörter und Redensarten ſo offen wie auf der Gaſſe liegen, wie man ja denn in dem Th. III, S. 182, Note 1, angeführten „ ſeltzamen Traumgeſicht “hinter des Aepinus hiſtoriſchen Sinn - bildern eine Metze gegen den Vater ihres unehelichen Kindes im88 allergeläufigſten Judendeutſch Schimpfreden ausſtoßen hört. 1)So z. B. S. 47: „ Du verzweiffelter Raudeſaunes (roe sonus), du biſt Eiſchesiſch (Esches isch) an mir geworden, du haſt mir mein Bethu - lim genommen!So konnte denn auch der alte brieger Organiſt Wenzel Scherffer mit der vollſten Unbefangenheit und Leichtigkeit in ſeinen „ Geiſt - und weltlichen Gedichten “(zum Briege 1652), I, 421 — 423, ohne alle weitere Commentirung, im bloßen Verlaß auf die Populari - tät der Gaunerſprache, eine Menge Gaunerwörter in der „ Deut - ſchen Ordonanz Martis “anbringen, welche in der That auch gar keiner Erklärung bedürfen. Das Gedicht hat und thut nichts in der Gaunerſprache, als daß es mit abſichtlichem Streben nach einer bloßen Nomenclatur der Gaunerſprache ein kleines buntes Gaunerſprachlexikon mit einigen ſchleſiſchen Provinzialismen in gebundener Sprache und ohne alle Originalität gibt. Aber gerade dadurch hat es in der Geſchichte der Gaunerſprache mindeſtens eine hiſtoriſche Bedeutſamkeit und muß deshalb nach Hoffmann von Fallersleben, welcher auf den in hohem Alter als Organiſt zu Brieg geſtorbenen und daſelbſt am 2. Sept. 1674 begrabenen Wenzel Scherffer im „ Weimar’ſchen Jahrbuch für deutſche Sprache “u. ſ. w., I, 338, zuerſt wieder aufmerkſam gemacht hat, ohne alle in der That auch nicht nöthige Commentirung, da die Vocabeln meiſtens ſchon im Liber Vagatorum vorkommen oder doch nach den bisher gegebenen Erläuterungen verſtändlich ſind, hier Auf - nahme finden:
Martis deutſche Ordonanz vermiſcht mit gewöhnlicher Feld - oder Rot - welſchen Sprache. An ſeine treue Burſche. Die Verſe ſein dactyliſch und in jedem zum wenigſten ein rot - welſch Wort.
Kaum hatte die in angſtvoller Nothwehr gegen das über - mächtig gewordene Gaunerthum ſich aufraffende Juſtiz die haſtige Beförderung des Verbrechers von der Ertappung bis auf das Schaffot mit hellerm Blicke und tieferer geiſtiger Erforſchung des verbrecheriſchen Thatbeſtandes und der Jndividualität des Ver - brechers zu einer dem Weſen wahrer chriſtlicher Gerechtigkeit ſchon mehr entſprechenden wirklichen Unterſuchung umgeſchaffen: ſo ergaben ſich auch ſofort Reſultate, welche bei weitem wichtiger und einflußreicher waren als die herzloſe, handwerksmäßige Abfer - tigung ganzer Räuberbanden mit Galgen und Schwert, indem in der Zuſammenhäufung des geiſtigen Materials bei der Unter - ſuchung die Erkenntniß des Gaunerthums nach ſeinem innerſten Weſen angebahnt wurde. Zur Erkenntniß dieſes Weſens trug aber der Umſtand ſehr erheblich bei, daß bei der vermöge der Unter - ſuchungen allmählich aufdämmernden Offenbarung des Gauner - thums auch ſein wichtiges Lebenszeugniß, die Gaunerſprache, ſich überall mit hervordrängte, wenn auch der getrübte Blick der vom Volksleben und ſeiner hellen Erkenntniß noch ganz geſchiedenen Juſtiz ſo wenig an eine ſpecifiſche Gaunerſprache als ausſchließ -92 liches Eigenthum einer geſonderten Gruppe im Volke glauben mochte, wie er im Gaunerthum eine ganze Erſcheinung zu erken - nen verſtand, wenn auch das Volk ſchon längſt mit unbefangenem Blicke das Gaunerthum und ſeine Sprache, ohne es vollſtändig zu erkennen, geahnt und ſogar arglos mit den einzelnen Typen geſpielt hatte. Es war ſchon ein großer Gewinn, daß die Juſtiz fortan die Gaunerſprache nicht mehr verleugnen konnte, wenn ſie auch weit entfernt war, ſie in ihrem Weſen und in ihrer Bedeut - ſamkeit von Grund aus zu erkennen.
Die erſte Entdeckung dieſer Art nach und aus dem Dreißig - jährigen Kriege wurde im Jahre 1687 in Kurſachſen bei der wider den Gauner Andreas Hempel und ſeine Bande geführten Unter - ſuchung1)Niemals habe ich von dieſer Unterſuchung irgendeine Spur gefunden, bis erſt am Ende des Jahres 1859 ein glücklicher Zufall die ſehr merkwürdige Specificatio in meine Hände brachte. Der Titel iſt: „ Specificatio | Derer, von denen allhier gefänglich ſitzenden Inqvisiten, | Andreas Hempeln und Au - guſtin Nollen, angegebenen | Diebes-Wirthe “. Sie iſt auf funfzehn Großfolio - blättern mit ſchönen großen Lettern gedruckt und zerfällt eigentlich in zwei Spe - cificationen, von denen die erſte Fol. 1 — 6 die von Hempel und Nolle ange - gebenen Diebswirthe und Schärfenſpieler aufführt, während die zweite Fol. 7 — 11 eine ausführliche Gaunerliſte nach Hempel’s Angaben enthält. Die vier letzten Blätter 12 — 15 enthalten die „ Spitzbuben-Sprache, oder Wahlerey und Roth-Welſch, Wie ſolche von dem inhafftirten Andreas Hempeln angegeben worden “. Ein beſonderes Titelblatt fehlt. Ungeachtet der Genauigkeit der Re - giſtraturen, von denen die letzte auf Fol. 11 b vom 23. Mai 1687 datirt iſt, findet man weder den Ort, wo, noch die Behörde, von welcher die Unterſuchung geführt iſt, ſodaß man völlig zweifelhaft darüber bleibt, obſchon eine Menge Ortſchaften um Leipzig, beſonders nach Dresden hinüber, genannt werden, wo die Bande ganz beſonders gehauſt hat. gemacht. Die unter der Bezeichnung „ Specificatio “gedruckten Nachweiſe einer Menge von „ Diebsherbergen, Schär - fenſpieler, Schwartz-Bauern, Weißkäufern und Freyers-Schuppern “ſind ſehr werthvoll und ſchließen mit einem ſehr wichtigen und intereſſanten Gaunerwörterbuch von 199 Vocabeln, hinter welchen wieder eine Anzahl geläufiger Redensarten mit der Ueberſetzung und Erläuterung angefügt iſt. Das Wörterbuch iſt durchaus ori - ginell und, wenn auch in willkürlicher Folge durcheinander ohne93 alphabetiſche Ordnung, doch mit überraſchendem Verſtändniß cor - rect redigirt. Die Gaunerſprache tritt darin mit ganzer Eigen - thümlichkeit und Vollſtändigkeit als durchaus deutſche Volksſprache hervor mit jüdiſchdeutſchen und andern Zuthaten aus todten und lebenden Sprachen. Den deutſchen Wörtern iſt eine metaphoriſche Bedeutung beigelegt, welche ſtets treffend, ſcharfſinnig und voll Laune, Spott und Satire iſt. Das Judendeutſch tritt bei weitem nicht ſo farbig hervor wie in den ältern Vocabularen, weil es ſchon im deutſchen Volksmunde verbraucht und verſtümmelt iſt. Zieht man in Betracht, daß in der Hempel’ſchen Bande ſich wenig oder gar keine Juden befanden, ſo überraſcht es um ſo mehr, daß der jüdiſchdeutſche Beiſatz zu den Vocabeln nahezu den fünften Theil ausmacht. Das Wörterbuch folgt hier in vollſtändigem und genauem Abdrucke, wie es im Original auf Fol. 12 — 15 enthalten iſt.
Spitzbuben-Sprache oder Wahlerey und Roth-Welſch, Wie ſolche von dem inhafftirten Andreas Hempeln angegeben worden.
Wenn einer will in eine Bude gehen, ſo ſpricht er zum an - dern, du komm, da wollen wir hinkrauten, und uns ein Stück Schuricht ſchniffeln, i. e. etwas Wahren mauſen. Wenn nun was gemauſet worden, ſagen ſie weiter: Wo krauten wir nun hin, daß wir es verpaſſen, weiſſeſtu nicht etwa einen Geſcheide Kober, (wo gehen wir nun hin, oder weiſſeſtu nicht etwa ein Wirths-Hauß, da wir die geſtohlenen Sachen verkauffen können?) ſo ſpricht der andere: Mein Kober iſt geſcheidt, wollet ihr mit hinkrauten und es da verpaſſen.
Wenn ein Roller oder Roller-Moſche ein Dorf ſiehet (i. e. wenn ein Dieb einen Beutel mit Geld ſiehet), ſo ſagen ſie zum andern, gehe du mit mir, und mache mir Verduſt, (einen Ge - drang) den Pincken will ich rollen (dieſen Beutel will ich aus der Ficke ziehen) wenn ich das Dorff rollen ſoll, ſo muſt du mir gran - digen Verduſt machen, oder, wenn ich dieſen Geld-Beutel mauſen ſoll, ſo muſtu mir einen grosſen Gedrang machen.
Wenn ein Weißkäuffer einen ſiehet eine Geldbüchße haben, ſo ihm anſtändig iſt, ſpricht er zum andern: Du komm, der hatt eine ſchöne Thoſe, mache mir Verduſt, ich will ſie rollen.
Wenn die Weißkäuffere wollen ein angebundenes ſtück Zeug oder Leinwand angeln, ſo ſprechen ſie zu dem andern: Kraute7 *100du hin, und fäbers ab, (ſchneide es ab) darnach wollen wir es ſchniffen.
Wenn die Weißkäuffer uff den Märkten geſtohlen, ſo gehen ſie zu einen geſcheiden Kober (in ein Wirths Hauß) und ſprechen unter einander: Du biſt hie geknillt, ſchlag du an, und verpaſſe es ihm, ſo und ſo viel laß dir davor ſtöhren, i. e. du biſt hier bekannt, biethe es ihm an, verkaufe es ihm, ſo und ſo viel laß dir davor geben.
Wenn ſie aber nicht können mit einander eines werden, ſo fänget der geſcheide Kober (der Wirth) an, je laſſet es immer ſeyn, bleibet heunte hier, ihr ſollet kein Schlumperpicht ſtöhren, oder Schlaff-Geld geben, wenn euch der Weg vorüberträgt, ſprecht mir zu, ob ihr ſchon kein Hellig (Geld) habt, ich will euch pompen (oder borgen).
Wenn 2. Weißkäuffer zuſammen kommen, und einer zu dem andern ſpricht: Jch weiß ein küſtig Geſchäffte (einen guten Jahr - marckt), ſo ſpricht der ander, wie viel Ellen (Meilen) ſind es da - hin? ſo antwortet der andere: Es ſind irgend ohngefehr 6. 7. 8. biß 10. Ellen, wohin kraut man aber zu, daß man auff die rechte Strehle kömmt? (Es ſind irgend 6. 7. 8. biß 10. Meilen, wo gehet man aber zu, daß man auff die rechte Straſſe kömmt?) darnach geben ſie einander Geſcheide und lernen ſich dardurch kennen.
Wenn ein paar Trappert-Schniffer (Pferde-Diebe) zuſammen kommen, und etwa einen Anſchlag uff ein paar Pferde haben, ſo ſagen ſie: Da hegen ein paar Trapperte, wir wollen auff die Schwärtze hin und ſie zopffen, ich weiß auch ſchon einen guten Paßmann, der hat mit mir gewahlet, daß er uns gut Hellig da - vor ſtöhren wolle. i. e. Da ſtehen ein paar Pferde, wir wollen dahin reiten, und ſie ſtehlen, ich weiß auch ſchon einen guten Käuffer, der hat mit mir geredet, daß er uns gut Geld dafür geben wolte.
Wenn einer Ehebruchs oder Huhrerey halber geköpft wird, ſagen ſie: Er iſt wegen der Poltzerey oder Glonten gekobſt.
Wenn ſie wegen der Schniffer - oder Mauſerey nicht können101 an den Kobß kommen, ſo bringet man ſie an die Schniegeyley, oder Bau.
Wenn ein Weißkäuffer auf dem Marckte was mauſen will, und ſiehets einer, ſo ſpricht der andere: Schuff dich, laß hocken, der ſpents. (Gehe fort, laß es ſtehen, der ſiehets.) Wenn ſie nun von dem Stande weggehen, und der ſo ſie geſehen hat, ihnen nach ſiehet, und mit dem Cramer redet, ſo ſprechen ſie: Sehet doch, wie der Schnauffer kappt, i. e. verräth.
Wenn die Weißkäuffere auf der Straſſen zuſammen kommen, fragen ſie einander: Haſt du auch ein gut Geſchäffte gehabt? Da antwortet denn der andere: Ach nein! ich habe ein linck Geſchäffte gehabt, es iſt nicht küſtig geweſen, es waren gar zu viel Kapp - Mäuſe da (ich habe keinen guten Marckt gehabt, es waren zu viel Verräther da.) Wenn einer etwas aus einer Bude ſtehlen will, rufft er den andern zu: Kraute doch herbey, hier wollen wir was aufthun oder zopffen.
Wenn die Freyer-Schupper oder Kartten-Spiehlere einen Bauer oder Handwercks-Burſchē ſehen, und mercken, daß er viel Geld bey ſich habe, instruiren ſie einen von denen Freyer-Schup - pern, daß er den Bauer oder Handwercks-Bürſchgen anreden und fragen muß, wo er hin wolle? bittet ihn, er möchte doch mit da und da hin gehen, er wolle eine Kanne Bier vor ihm bezahlen, und ob er ihm nicht ein Briefflein an ſeinen Bruder oder Schwe - ſter nehmen? Wenn nun der Bauer nebſt dem Freyerſchupper in ein Bier-Hauß kommen, ſo ſitzen derer letztern ſchon ein Stück 3. oder 4. übern Tiſche, und reden den Bauer oder reiſenden Handwercks-Purſch an: Freund, wo kommt ihr her, und wo wollet ihr hin? Wenn nun der Frembde zur Antwort giebet, da hat mich der ehrliche Freund gebethen, ich möchte ihm doch ein Briefflein mit zu ſeiner Schweſter nehmen, alsdenn ſpricht derjenige, ſo den Frembden ins Wirths-Hauß geführet hat: Freund, wollet ihr hier nicht ein wenig warten, ich will hingehen, und mir ein Briefflein machen lasſen? Unterdeß aber bringen jene die Karte übern Tiſch, und bereden den Frembden daß er mit ſpiehlen muß, wenn nun ſolches geſchiehet, legen ſie die Karte darnach, daß der Fremde102 nichts darvon bekommen kan, unter deß aber hilfft ihm einer derer Freyerſchuppere ein, und animiret ihn, daß er immer mehr dran ſetzen ſolle, er müßte gewiß und unfehlbar gewinnen. Wenn nun der Frembde das Geld verſpiehlet, fänget einer derer Freyerſchup - pere an: Gib mir dein Bündel, Degen, oder was du haſt, ich will dir 3. oder 4. Thl. drauff leihen; Wenn nun dies geliehene Geld auch weg iſt, weiſen die Spitzbuben die Karte auff, damit der Frembde ſehen kann, daß ſie 2. oder 3. Augen mehr als er gehabt, und ſo nun der Frembde wegen des verſpieltē Geldes oder Bündels kläglich thut, ſo fänget der Freyerſchupper, welcher dem Frembden Vorſchub gethan, auch an zu lamentiren, ſagende: Ach daß Gott erbarme! wo kriege ich nun mein geliehenes Geld wieder? Jhr müſſet mir das Geld ſchaffen, oder alles miteinander geben, was ihr am Leibe habt, das könnet ihr euch leichtlich ein - bilden, daß ich mein Geld haben muß, und es euch nicht ſchencken werde! Will nun der Handwercks-Purſche bezahlen, ſo muß er alles hingeben, was er an hat. Nach dieſem kömmt jener mit dem Brieffgen gegangen, und wenn er ſiehet oder höret, daß der Frembde wegen des verſpiehlten Geldes, kläglich thut, beklagt er ſelbigen und ſpricht: Freund, ach, daß Gott erbarme! Wie gehet es euch denn ſo übel, ihr armes Menſch, ach hätte ich euch doch immer lasſen hingehen! Weil ihr aber durch mein Brieffgen in ſo groſſen Schaden kommen ſeyd, da habt ihr 8. Gr., nehmet mir doch dieſes Brieffgen mit. Lebet wohl, und ſeyd Gott befohlen. “
Die Etymologie iſt faſt durchgehends klar. Es bedarf daher nur weniger Bemerkungen zur Aufklärung einiger ſchwierigerer Ausdrücke.
Gemſel, verdorben aus Camiſol, franz. camisole, ital. ca - miciuola, poln. kamyzola, aus dem Mittellat. camisiale, cami - sile, camisia, Hemd. Pätz, Mütze, eigentlich rauhe Mütze von Bären - oder Schaffell, vom oberdeutſchen Bätz, Bär, oder vom aleman. Bätz, Schaf; isländ. besse, Bär. Föhme, Hand, vom ſchwed. und dän. Cardinalzahlwort fem, fünf, mit Bezug auf die fünf Finger der Hand. Dorff, Geldbeutel, vom jüdiſchd. toraph. Kobiß, Kobß, ſpan. cabeza, Kopf. Mudel, Muddel, Mutte,103 Weib, ſ. oben. Pincke, Mannsperſon, beſonders Handwerks - burſche, von Pünkel, vorragender, bauſchiger Theil, Bund, Bündel, fig. Perſon, beſonders Burſche oder Mädchen von gedrungenem kurzen und dicken Körperbau. (Schmeller, a. a. O., I, 287.) Land - Puller, Landknecht im Amte, vom ahd. villen, an der Haut ſtra - fen mit Schinden und Schlagen, niederwerfen. Jm Niederdeutſchen iſt Pinke oder Fink membrum genitale masculi. Löben, Brod, verdorben vom jüdiſchd. Lechem. Quaders Kot, vier Groſchen, von quatuor, quatre, und jüdiſchd. koton, klein, kleines Geld, vgl. S. 68 unten. Lowen, Thaler, zig. lowe, Geld, Münze. Gefahr, Dorff, jüdiſchd. kephar. Schuricht, allerlei Waaren, jüdiſchd. sechore, Waare. Verduſt, Gedränge, Vertuß, von täuſchen, ver - tuſchen, nd. tüſſen, beſchwichtigen. Paßmann, einer, ſo den Die - ben abkauft, jüdiſchd. pschar, pschores, Gewinn, Verdienſt aus dem Handel. Pun, pecun, vom lat. pecunia, Geld. Potzgen, Ei, jüdiſchd. bezo. Handwaſſer, Handwerksburſche, nicht etwa von Waſſer oder nd. waſſen, ſondern aus der ganz eigenthüm - lichen niederdeutſchen Ausſprache des Wortes „ Handwerksburſche “zu erklären, welches im raſchen Gebrauch ſtets „ Handwaßburs “oder ſogar „ Handwaßbuß “ausgeſprochen wird. Eine analoge ausſprachliche Corruption findet ſich auch in dem zigeuneriſchen Hanberburschus für Handwerksburſche. Vgl. das „ Waldheimer Lexikon “, wo aber Handraſſer doch wol nur verdruckt iſt für Hand - waſſer. Storcher, Störger, Arzt, Quackſalber, Marktſchreier, Pfuſcher, von ſtörgen, ſtören, im Lande umherſtreichen; Adelung, IV, 408. Klufftpflantzer, Schneider, von Klufft für Klaf - fot, Rock, Kleid, und dies vom jüdiſchd. keleph, Rinde, Schale, Hülſe; Pflantzer, allgemein der Herſteller, Anfertiger. Finckel - Jochen, Branntwein, von fünkeln, brennen, und jüdiſchd. jajin, Wein. Kapp-Mauß, Verräther, von kappen, fangen (capere) und jüdiſchd. mossar, überantworten, verrathen. Thürmen, ſchla - fen, auch dormen, von Turmel, Schwindel, ſ. das Wörterbuch. Schabelle, Scheune, vom jüdiſchd. schobal (hebr. 〈…〉〈…〉, scha - bal, gehen, aufſteigen, Zweige, Aehren bekommen). Wildner, ein Krämer, vgl. Th. II, S. 207, Note 1.
Bei der blutigen Verfolgung des Räuberthums, welche die Juſtiz zu Anfang des 18. Jahrhunderts unternommen hatte, war auch in Duisburg 1723 die Unterſuchung gegen eine Räuber - und Diebsbande geführt worden, deren drei Hauptmitglieder am 11. März 1724 hingerichtet wurden. Die drei Jnquiſiten hatten in der Unterſuchung eine große Anzahl ihrer Genoſſen namhaft ge - macht und über deren Perſon und Unthaten Auskunft gegeben. Auf dieſe Entdeckungen hin wurde eine Liſte entworfen und ge - druckt, welche nicht weniger als 61 Bandenmitglieder nachweiſt. Die Liſte an ſich zeichnet ſich mehr durch ihr Alter als durch in - nere Vorzüge vor andern Liſten aus. Einen ſehr großen Werth hat ſie aber durch das angehängte Vocabular von 62 Gauner - wörtern, welche in der Bande „ üblich waren und deren Auflöſung hier annectirt “wird. Der Titel der auf acht Folioſeiten mit ſehr ſchönen und großen Buchſtaben gedruckten Liſte1)Der Erwerb dieſes ſehr werthvollen und höchſt ſeltenen Gaunerſprach - documents iſt recht eigenthümlich. Jch erhielt es Anfangs Auguſt 1861 durch Buchhändlergelegenheit von unbekannter Hand zugeſendet, ohne daß es mir hat gelingen wollen, den freundlichen Geber zu ermitteln, dem ich nun hier meinen lebhaften Dank ausſprechen muß. Bei der Liſte befinden ſich nachfol - gende bisher unbekannt gebliebene, für die Geſchichte des Gaunerthums wichtige gedruckte Documente: „ Specification und Ausführliche Beſchreibung einiger Ertz-Diebe, Räuber und Spitzbuben, ſo hin und wieder herum vagiren, und Diebſtähle begehen ſollen, auf welche die den 27. Augusti 1723 zu Gieſſen justificirte Diebs-Bande bekennet, ſolche namhafft gemacht und beſchrieben haben. “ (Die Specification enthält 45 Gaunernamen mit Signalements.) Ferner: „ Liste der Diebe von den Chriſten, welche ſich zu denen Juden halten, und hin und wieder herum vagiren “(mit 23 Signalements), und endlich „ Liste der Welt - beruffenen Diebe von Juden, welche ſowol in hannöveriſchen, als auch in an - dern Ländern herum vagiren “(mit 31 Signalements gauneriſcher Juden). Sehr überraſchend für den hanſeſtädtiſchen Polizeimann iſt es, wenn er aus dieſen Liſten wahrnehmen muß, daß gerade die verwegenſten Koryphäen dieſer Banden in Hamburg und Lübeck und in dem zu letzterm gehörigen Dorfe Moisling an - ſäſſig geweſen ſind, wie z. B. in M. Jonobacher, Kaim Holländer („ iſt ein iſt:
105LISTE Einiger annoch herumb vagirenden Mö | rder, Räuber und Diebe, welche von denen zwiſchen der | Stadt Duisburg und Dinslacken auf der Hombernſchen Heyde | in Anno 1724 den 11. Martii hin - gerichteten Peter Blanck, Hen | rich Quinckert und Jan Janſen entdecket worden, ſammt anne | ctirter Aufflöſung der zwiſchen ſol - cher verruchten | Bande üblichen frembder Redens - | Arten.
Die Signalements der Räuber und Diebe füllen die fünf erſten Seiten aus. Die folgenden Seiten enthalten die Vocabeln mit der beſondern Ueberſchrift:
„ Einige zwiſchen der Räuber - und Diebs - | Bande unter ſich fingirten Sprachbräuch | liche Wörter. “ Vorzüglich dieſe Vocabeln ſind ausgezeichnet ſchön und groß mit lateiniſchen Lettern gedruckt, während die Erläuterung mit deutſchen Lettern gegeben iſt. Die Vocabeln folgen hier nach der alphabetiſchen Ordnung des Ori - ginals:
1)gewaltiger Dieb, wird weit und breit zu Diebſtählen verſchrieben “), Hans Jür - gen Cöler („ iſt ein gewaltiger Dieb, kann auff 1000 Meilen nicht ſchlimmer gefunden werden “).
106Durchgehends macht ſich hier der niederdeutſche Dialekt ſo ſtark geltend, daß er die aus der franzöſiſchen, engliſchen und an - dern Sprachen zuſammengetragenen Wörter ſtark verfärbt. Sogar das ſonſt ſo widerſtandsfähige Judendeutſch iſt dieſem Zwange unterlegen. Erſichtlich iſt aber auch die Redaction von unkundiger Hand geführt. Mehrere Wörter ſind ſogar ganz falſch aufgefaßt und wiedergegeben, wie aus der Analyſe hervorgeht.
Acheln, eſſen, vom jüdiſchd. 〈…〉〈…〉, bedarf keiner Erläuterung. Jn Bafferen findet man einen originellen Ausdruck für eſſen, von Beff, vorſtehender Mund; vgl. oben das Beff, fudt, des Bedeler orden. Boxer, Dieb, von Büx, Büxe, Büxen, holländ. Bokzen in gleicher Bedeutung mit Broek, wovon der holländi - ſche Gaunerausdruck Boxer, Dieb, eigentlich allgemein die männ - liche Perſon, die Hoſen trägt, wie Broeker (von Broek), Manns - perſon; von Boxer iſt das noch jetzt ſehr ſtark gebrauchte nieder - deutſche buxen, wegbuxen, geſchickt, heimlich und namentlich aus der Taſche ſtehlen; in der Studentenſprache iſt Büxier Spottname der Mitglieder einer beſtimmten Studentenverbindung. 107Bonnacker, Mütze, nach dem franz. bonnet. Boxmânnen, gefangen nehmen, von Bokzen und mânnen, letzteres in veralteter Bedeutung: vor Gericht laden, wovon das mittellat. mannire in gleicher Bedeutung, und das heutige däniſche Manen, Bannung, Beſchwörung. Bomsken, Apfel, vom frz. pomme, mit niederdeut - ſcher Deminutivendung. Cout, Meſſer, vom engl. cut, ſchneiden, Schnitt, Hieb, Stich, oder〈…〉〈…〉, ſ. das Wörterbuch. Hartling, Meſſer, iſt ein deutſches Wort, mit welchem allgemein harte Körper bezeichnet werden. Adelung, a. a. O., II, 985. Sackem, Meſſer, jüdiſchd. 〈…〉〈…〉. Kaffer, Bauer, jüdiſchd. 〈…〉〈…〉. Clammer, Hand, von Klammer, Haken, Griff zum Feſthalten, klammern, ſich mit den Händen oder Krallen feſthalten. Nibbel, die Hände, eigentlich die mit den Fingerſpitzen zuſammengelegte Hand, von nippen (nepfen, nipfen, nipfeln), altnord. nypa, ſchwed. njupa, engl. nip, niederl. nypen. Schwenck, a. a. O., S. 437. Capo - res, morden (eigentlich capores machen), vom jüdiſchd. 〈…〉〈…〉, kap - poro, Verſöhnung, Sühnopfer, Schlachtopfer. Clasſey, Sack - piſtol, vom jüdiſchd. 〈…〉〈…〉, keli, Geräth, und〈…〉〈…〉, emo, eimo, Furcht, Schreck, alſo eigentlich Schreckgeräth. Chaperick, Hut, vom franz. chapeau. Cooch halden, auf Räuberei ausgehen, vom jüdiſchd. 〈…〉〈…〉, koach, kauach, Kraft, Stärke, Gewalt, Ein - bruch; halden, von halten, abhalten, wahrnehmen, dem Strade - halten entſprechend, vgl. Th. II, S. 235. Du manſer, halt’s Maul oder ſchweig ſtill, falſche Auffaſſung, da〈…〉〈…〉, mamser, ſubſtantiviſch und der niedrigſte Schimpfname für Baſtard und für den nichtswürdigen Menſchen iſt; vgl. Th. II, S. 331. Flackert, Kerze, von flackern, hin - und herlaufen, auch von der unſteten Flamme (lat. flagrare, gr. φλέγω). Flens, Milch, iſt etymolo - giſch nicht zu erklären, ſcheint aber doch mit dem mittelhochdeut - ſchen vlans, geöffneter Mund, und flenzeln, flenſeln, ſüßlich, zärt - lich, affectirt ſprechen, im Zuſammenhang zu ſtehen. Schwenck, S. 185; Schmeller, I, 590 (welcher aus Parcival anführt: „ Die Mutter ſchob dem Kinde ihr tutten-grenſel in ſin flenſel “); Adelung, II, 203. Ges, Magdt, Mädchen, durchaus originell, aber nicht leicht zu erklären. Es ſcheint mit dem gothiſchen gis,108 kis, gîsal und kisal als Beſtandtheil eines weiblichen Perſonen - namens zuſammenzuhängen, z. B.: Andagis, Gunthigis (vielleicht unſer niederdeutſches Geſche als Frauenname?); vgl. Schmeller, II, 75. Jſch, Magdt, iſt das jüdiſchd. 〈…〉〈…〉, ischa, Weib, Frau. Granninger, Herr, vom veralteten gran, Knebelbart, mittellat. granus, greno, grenno, crino, ſchwed. gran; vgl. Granne bei Adelung, II, 776. Glyde, Hure, entſtanden aus dem Präfixum ge vor dem ahd. lîden, lidhan, gehen, den Weg nehmen, leiten, begleiten, nd. lyden; vgl. Schwenck, S. 368; Adelung, II, 2023 unter leiten; Wackernagel, „ Althochdeutſches Leſebuch “, unter lîden; auch die Etymologie in Th. II, S. 330 dieſes Werks, vom nd. glyden, gleiten, fahren, vagari. Huts, Mann, das ſchon mehrfach erläuterte Hutz, Huzzel, Hauz, Bauer, Mann. Her - kem duf, ſchlag todt den Teufel, vom jüdiſchd. hargenen (〈…〉〈…〉, horag) und duf, vom nd. duivel, düwel, dübel, Teufel; vgl. bei Pott, „ Zigeuner “, II, 313, das deuw, Götze; ebenfalls hindoſta - niſch nach Grellmann, „ Zigeuner “, S. 221, womit auch wol das perſiſche Dev, Dämon, zuſammenhängen mag. Huſt, Brod, iſt wol nach dem däniſchen Hoſt, Ernte, gebildet. Hornickel, Kuh, vom niederdeutſchen Hôrn und Nickel, eigentlich junges Füllen, Ferkel, und allgemein Jungvieh, auch Metze; vgl. Th. II, S. 330. Kilef, Hund, das jüdiſchd. 〈…〉〈…〉, kelew. Krummerick, Rock, iſt nicht erklärlich, ſcheint jedoch mit dem niederdeutſchen krom, krom - men, zuſammenzuhängen. Krackerick, Flinte, vom niederdeutſchen kraaken, krachen. Knôll, Knecht, von Knollen, zur Bezeich - nung der Unförmlichkeit, Plumpheit, Ungeſchliffenheit; Plur. grobe Einfälle. Knolle iſt noch jetzt gebräuchlich für einen unförmlich dicken, fleiſchigen Menſchen; Knollfink, grober, ungeſitteter Menſch. Jm Niederdeutſchen iſt knollig, grob, ſtark, ungeſchliffen, und knull, knüll, ſtark betrunken. Vgl. Schmid, a. a. O., unter Knoll und Nollen; Adelung, unter Knollen. Kreef, Speck, iſt das crew des Bedeler orden und das creu bei Vulcanius. Kutſe, Huhn, verdorben von Coxe; vgl. Vulcanius. Lormen, richtiger lorren, nd. lurren, lügen, betrügen, täuſchen; davon das nd. Lorrendraien, betrügen, pfuſchen, und Lorrendreyer, Betrüger,109 Unterſchleiftreibender, namentlich im Seehandel, der Waaren un - terſchlägt, ſchmuggelt, falſche Flaggen und Connoiſſements führt; lahme Lurren, elende Lügen. Richey, „ Hamburger Jdiotikon “, S. 157. Lausken (das Laus bei Vulcanius), Ei, doch wol von Loſe, Laſe, Laſſe, rundes, bauchiges Gefäß für Flüſſigkeiten, mittellat. lassa - num; im Schwäbiſchen iſt Loos, Laus das Mutterſchwein, träch - tiges Thier, beſonders Hündin, die liederliche Weibsperſon. Luer - bink, Keeß (Käſe), vom zigeun. Beng, Bynk, Teufel, Popanz, Richter, Bauer (vgl. Bedeler orden und Pott, „ Zigeuner “, II, 407), und wahrſcheinlich vom niederd. Luier, Luur, Luieren, Luuren (hamb. Löhren), Windeln, Tücher, Lappen, um etwas ein - zuwickeln; ſcherzhafter Ausdruck mit Bezug auf das Einwickeln und Preſſen des Käſes in Leinen bei der Zubereitung, vgl. S. 103 oben. Lengelink, Wurſt, von der länglichen Geſtalt, wie das entſpre - chende Regenwurm. May, Piſtole, iſt nicht wohl zu erklären. Schmid, a. a. O., S. 381, führt aus der „ Mörin “Hermann’s von Sachſenheim (14. b. b.) die Redensart an: „ Das wer der Mey “, das wär’ der Teufel! Morf, Mund, und Moſſe, Frau, ſ. Bedeler orden. Offeren, Fleiſch, iſt doch wol nur vom nd. Offer, offeren, Opfer, opfern, abzuleiten, wo ja auch die Ausdrücke Spysoffer, Speiſeopfer, Drankoffer, Trankopfer, als allge - meine Benennung für den Stoff des Opfers im Gebrauch ſind, vgl. Sewachen im Wörterbuch. Pleyen, peinigen, iſt das nd. plooien, falten, falzen, kneifen. Porcus, Schweinfleiſch, lat.; vgl. engl. pork und franz. porc. Plomp, Waſſer, von Plumpe, Pumpe, vgl. Adelung, III, 794. Platvoet, Gans, iſt niederdeutſch für das hochdeutſche Plattfuß (Blattfuß). Roys, Bier, vgl. Roſch bei Vulcanius. Smix, Butter, vgl. smixe ebenda. Stroffling, Strumpf, vom niederdeutſchen ſtreepen, ſtröpen, ſtreifen. Swenſen, über Land laufen, eigentlich mit dem Schwanze wedeln, nachläſſig einhergehen, hintergehen, vom ahd. swanz, Schwanz. Smerren, Taback, eigentlich rauchen, vom niederdeutſchen ſmoren, verſmo - ren, auch ſmurten, erſticken, dämpfen, die Luft benehmen, ſchmo - ren, im bedeckten Tiegel braten. Saccumher, einen berauben; iſt gänzlich misverſtandener Ausdruck für Sakkum her! Meſſer110 her! ein allerdings beim Rauben leicht vorkommender drohender Ausruf; vgl. das jüdiſchdeutſche〈…〉〈…〉, sackin, Meſſer, im Wörter - buch. Stubbeler, Soldat, gleicher Abſtammung mit dem Sta - buler (Stappler) des Liber Vagatorum, ahd. stap, niederd. Stubbe, Stock oder Stammende eines gefällten Baums; davon auch das niederdeutſche ſtuf, ſtumpf, kurz, geſtümmelt, ſtuf af, ſtumpf weg; lütje Stuf-End’ken, Koſewort für kleine fleiſchige, wohlgenährte Kinder, und Stuf-Ôrs, eine gewiſſe Sorte Hüh - ner ohne Schwanzfedern (Bollôrs). Scabinus, Fuſel, ſehr be - zeichnender Ausdruck für ſchlechten Branntwein, von ſchaben (scaban), in Bezug auf den krätzerigen Geſchmack deſſelben. Schicksgen, vom jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, Schickſel,〈…〉〈…〉, Schickſe, Gräuel, nichtjüdiſches Mädchen. Trappelmann, Pferd, von trappeln, trappen, traben. Teet, das Haupt, franz. tête. Tre - yers, Schuhe, doch wol für nd. treeders, Treter, vom nieder - deutſchen Treede, Tred, Tritt, Schritt; vgl. das engl. tride, raſch, flink, hurtig, kurz und geſchwind. Endlich Treu, eine Buchſe, wahrſcheinlich vom althd. triu, troe, altnd. thro, Baum, Stamm, Holz, Trog, agſ. trog, troh, Behältniß, Trog, Truhe, vgl. engl. tree, böhm. truky; Schwenck, a. a. O., S. 691, und Adelung, IV, 690, beide unter Trog.
Unmittelbar nach dem duisburger Vocabular kam (1726) wiederum in Kurſachſen ein neues, ſchon im Jahre 1722 geſam - meltes Wörterbuch der Gaunerſprache zum Vorſchein, welches durchaus für originell gelten muß, wenn es auch erſichtlich die Wahlerei des Andreas Hempel vor Augen gehabt und verglichen hat. Es iſt viel reichhaltiger als die Wahlerei, da es über 300 Vocabeln aufführt. Aber es iſt bei weitem nicht ſo ſorgfältig re - digirt und gedruckt wie die Wahlerei. Namentlich ſind die Zigeuner -111 vocabeln ſehr nachläſſig und verdorben hingeſtellt. Das Lexikon gibt am Schluß ebenfalls einige ſehr wenig zuſammenhängende Redensarten, welche aber lange nicht ſo unbefangen wie in der Wahlerei aufgefaßt und durchaus nicht mit gleicher natürlicher Behendigkeit wiedergegeben ſind. Zu beachten iſt wieder der prägnantere jüdiſchdeutſche Zuſatz, was ſich daraus erklärt, daß die Landesregierung ſofort nach der Entlarvung einer waldheimer Gaunerin umfaſſende Unterſuchungen an verſchiedenen Orten an - ſtellen ließ, ſodaß das Wörterbuch nicht einſeitig von der wald - heimer Gaunerin und ihren beiden Söhnen oder von einer ein - zelnen Gaunergruppe herſtammt, ſondern weithin aus verſchiedenen Beamtenkreiſen geſammelt iſt und in den „ Waldheimer Nachrichten von 1722 “(ſiebente Nachricht, S. 145 fg. ) nur geſammelt und alphabetiſch geordnet zu ſein ſcheint. Jnſofern iſt es eine ſehr in - tereſſante Urkunde über die deutſche Gaunerſprache mindeſtens eines ganzen Landes, wenn es auch andererſeits große Unkenntniß und Vernachläſſigung der Gaunerſprache ſelbſt ſattſam darlegt.
Auch das waldheimer Lexikon iſt zu ſelten und zu wichtig, als daß es hier nicht zum Abdruck gelangen ſollte. Es leitet ſich am beſten ein, wenn der §. 12 der „ Siebenten Nachricht1)Der lange Titel iſt: „ Beſchreibung des Chur-Sachſiſchen allgemeinen Zucht - Wayſen - und Armen-Hauſes, Welches Se. Königl. Maj. in Pohlen und Churfl. Durchl. zu Sachſen, Dero Churfürſtenthum und incorporirten Landen zum beſten, in dem zwiſchen Dreßden und Leipzig gelegenen und unter das Amt Rochlitz gehörigen Städtgen Waldheim Anno 1716 allergnädigſt aufrichten laſſen. Auf Befehl einer hohen Commission zum Druck übergeben, auch bey dieſer neuen Auflage mit einem Rothwelſchen und Zigeuneriſchen LEXICO, einem ſaubern Kupfferſtiche und andern Merckwürdigkeiten vermehret. Erſte und zweite u. ſ. w. Nachricht. Dreßden und Leipzig 1726. “ Auf der Rückſeite des Titelblattes deutet ein ſalbungsvolles deutſches Akroſtichon auf den Namen Lowendal, und auf S. 3 — 8 iſt mit unausſtehlich abgeſchmackter Latinität und faſt burlesker Druckweiſe eine mit C. G. W. unterzeichnete apoſtrophirende Dar - legung der Zwecke, für welche das Jnſtitut beſtimmt und nicht beſtimmt iſt, enthalten, in welcher faſt alle gräciſirenden Bezeichnungen für fromme Stiftun - gen aus dem Juſtinianeiſchen Coder in Contribution geſetzt ſind. von dem (1716 gegründeten) Armenhauſe zu Waldheim “, welcher das Lexikon enthält, hier ganz mitgetheilt wird.
112„ Noch etwas ſonderbares trug ſich dieſes Jahr (1722) zu, wodurch man in dem bekannten ſonderlichen Betruge mit denen Brand-Bettlern ein groſſes Licht bekam. Es fande ſich eine fremde Weibes-Perſon nebſt einem bey ſich habenden Knaben in dem Armen-Hauſe ein, ihren daſelbſt befindlichen Sohn zu beſuchen. Da nun eine unter denen Züchtlingen vorhandene Weibes-Perſon angezeiget, daß dieſe Leute nicht richtig wären, ſich auch gemeldtes Weib und der Knabe durch Hinwegwerffung einiger Brieffe und ſonſt mit Reden ſehr verdächtig gemacht, ſo ward zuförderſt dem verſtockten Knaben theils mit gütlicher, theils ſcharffer Vorſtellung auch endlich gar gebrauchter Züchtigung nachdrücklich zugeſetzet, wodurch die Art, der Ort und Beſchaffenheit derer falſchen ge - druckten Brand-Brieffe, des Siegelſtechens und Aufdrückung deſſel - ben, welche in allen denen richtigen Brieffen ſo nahe kommen, daß faſt kein Unterſchied zu ſpüren iſt, entdecket worden; Noch über dieſes erfuhr man die Herbergen und Zuſammenkünfte, die Nahmen vieler Complicen von ihrer Bande, mancherley Arten der Spitzbübereyen und beſondern Boßheiten. Nicht weniger be - kam man Nachricht von der ietzo unter dieſen böſen Leuten ge - bräuchlichen ſo genannten theils Rothwelſchen, theils zigeuneriſchen Sprache. Solches alles iſt umſtändlich registriret und auf erſtat - teten Bericht zur hochlöbl. Landes-Regierung an verſchiedene Orte zur Verführung der Inquisition gemeſſenſter Befehl ertheilet wor - den, und hat man übrigens den gegenwärtigen Verſtand und Be - deutung nur erwehnter Sprachen, um theils die Differenz des - jenigen, was davon ſchon vor langen Jahren ein ins Land er - gangenes Generale bekannt gemachet hat, anzuzeigen, theils denen Obrigkeiten nützliche Anleitung zur Examination dergleichen ein - gebrachten loſen Geſindels zu geben, theils es deſto eher zu er - kennen und zu vertreiben, theils auch vieler vermuthliche Curiosität zu vergnügen, folgender geſtalt benachrichtigen wollen:
113Nur wenige Vocabeln bedürfen einer kurzen Erläuterung: Targen (törgen, tarchenen, dargen, dorgen, törkeln; vgl. Turg und Störger bei Adelung, IV, 408 und 456, ſowie das hebr. quadril. 〈…〉〈…〉, tirgel, von〈…〉〈…〉, regel, Fuß, er hat den Fuß geleitet, hat gehen gelehrt), betteln gehen. Plempel oder Brand - Scheger, Bier; Plempel von Plumpen, Pumpen, niederdeutſch plümpeln, pümpeln, mit Waſſer gießen und damit Geräuſch machen; Scheger iſt das jüdiſchdeutſche〈…〉〈…〉, schechor, ſtarkes Getränk, beſonders Bier. Schoter, Schuſter, Büttel, vom jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, schot, Geiſel, oder〈…〉〈…〉, schot, Plur. 〈…〉〈…〉, schutim, Ruderknecht, Bootsknecht. Talm, Dolmer, Dalme, ſ. Th. II, S. 156. Muldel, Frau, vom niederdeutſchen Mutte, Mudde, Mudje, vgl. Adelung, III, 292, unter Moſche. Eſche, Frau, iſt das jüdiſchdeutſche〈…〉〈…〉, ischa; Krone, Frau, vom jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, keren, Horn, Haupt, Gebieter. Thal - mann, Tolm, Galgen, vom jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, tolo, taljenen, hängen, henken,〈…〉〈…〉, tlija, Galgen,〈…〉〈…〉, taljon, Henker. Kot, Groſchen, von〈…〉〈…〉, koton, klein; Bachen, Groſchen, von der Abbreviatur〈…〉〈…〉, Bag, böhmiſcher Groſchen (zig. Böhme). Aeſche, Hexe, jüdiſchd. 〈…〉〈…〉, ischa. Pötzgen, Ei, jüdiſchd. 〈…〉〈…〉, beza. Kautz, Meſſer, ſ. Cout im vorigen Kapitel. Taub Näbgen, Pfennig, vom jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, tob, tow, gut, Näbgen, von123 Neppen, vgl. das Wörterbuch: Neppes. Gehege, Spital, vom jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, kus,〈…〉〈…〉, hekis, er hat zur Ader gelaſſen. Külm, Kilm, Kille, Stadt, vom jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, kohol,〈…〉〈…〉, kehillo, Verſammlung, Gemeinde, Stadt. Macken, Stadt, vom jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, mokom, Ort, Ortſchaft. Loben, Maß, Rat, Thaler; Loben, vom zig. lowe, Geld; Rat, von der Ab - breviatur〈…〉〈…〉, rat, Reichsthaler; Maß, vom jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, mas, Tribut, Contribution.
Einer weitern Commentirung des ſehr merkwürdigen, in der Geſchichte der Gaunerlinguiſtik eine wichtige Stelle einnehmenden Wörterbuchs bedarf es ſchwerlich, da die Vocabeln, wenn auch vielfach entſtellt, doch nach ihrer Abſtammung immer leicht zu er - kennen ſind. Ebenſo viel Eigenthümlichkeit als Verdienſt hat das waldheimer Lexikon noch darin, daß es für einen einzelnen Begriff oft mehrere Ausdrücke anführt, obſchon dabei die genauere Unter - ſcheidung fehlt, wie denn überhaupt von einer eingehenden lingui - ſtiſchen Forſchung nicht die Rede ſein kann.
Um dieſelbe Zeit des waldheimer Lexikons erſchien noch eine Sammlung: „ Außführliche Beſchreibung etlicher böſen Rauber, Brand-Bettler und Erzdieben .... nebſt einer Nachricht von ihren Pratiquen und Anzeigung ihrer heimlichen Rede und Sprach “(Regensburg 1724). Das Wörterverzeichniß ſteht S. 37 — 42. 1)Jch verdanke dieſe Mittheilung ebenfalls der Güte des Herrn Fidelis Chevalier in Wien, welcher das Buch bei einem befreundeten Linguiſten eben - daſelbſt geſehen hat. Dieſer hat das Buch bei einem Antiquar ausgetauſcht, bei welchem es zum allſeitigen Bedauern ſpurlos verſchwunden iſt.Leider iſt das Buch bei keinem mir bekannten Antiquar und in keiner Bibliothek aufzutreiben geweſen.
Das durch das waldheimer Lexikon einmal angeregte Jntereſſe für die Gaunerſprache gab ſich nach wenigen Jahren auf eine recht originelle und überraſchende Weiſe kund in der coburger Deſignation, welche der Vorläufer des 1737 erſchienenen, be - reits in der Literatur Th. I, S. 232 angeführten „ Jüdiſchen Bal - dobers “, in dritter Auflage vom 12. Dec. 1735 datirt und mit einem „ Actenmäßigen Supplementum “verſehen iſt. Auf dem dritt - letzten und folgenden Blatte findet ſich eine auserleſene Sammlung Gaunerwörter, welche mit ſehr geringer Ausnahme jüdiſchdeutſch und daher leicht aus dem Wörterbuche zu erkennen ſind. Alle Vocabeln ſind noch bis zur Stunde im Brauch und Mund des Gaunerthums. Der durchaus vorherrſchende jüdiſchdeutſche Typus befremdet nicht, wenn man bedenkt, daß die ganze Unterſuchung eine durchweg aus Juden beſtehende Gaunerbande betraf, in wel - cher Hoyum Moſes, Joſeph Samuel und Emanuel Heinemann (Mendel Carbe) die Koryphäen waren. Das ſtarke jüdiſche Co - lorit, welches dieſe ganze Unterſuchung durch die, ohnehin zum erſten male mit beſonderer Aufmerkſamkeit hervorgehobenen, jüdiſchen ſprachlichen und andern ſpecifiſchen Typen erhielt, hat weit mehr als die innere Tüchtigkeit der in vieler Hinſicht nachläſſig und flach geführten Unterſuchung ſelbſt dem „ Jüdiſchen Baldober “, der dazu noch an Eiſenmenger’s „ Entdecktem Judenthum “eine grelle Unterlage fand, ein überaus großes Anſehen verſchafft und auch neuerlich wieder dem verſeſſenen Glauben an ein ſpecifiſch jüdi - ſches Gaunerthum als Grundlage gedient. Dennoch hat von Anbeginn an das kleine treffliche correcte Wörterbuch am Schluß der Deſignation bei weitem nicht die Aufmerkſamkeit gefunden, welche es verdient und welche ſchon damals zu einer tiefern Er - forſchung und Kenntniß des Gaunerthums hätte führen müſſen. Die Flut jener elend ſchlechten Wörterbücher der Meſchummodim (vgl. Th. III, S. 230 fg. ), welche ſchon um jene Zeit erſchienen125 waren und das Judenthum in ſchmählichſter Weiſe herabwürdig - ten, riß in ihrer ſchmuzigen Strömung auch dies kleine trefſliche Wörterbuch mit hinweg und die unkundige Polizei und Juſtiz ver - mochte und verſtand nicht, den kleinen Schatz zu retten, mit wel - chem doch großer Wucher hätte getrieben werden können.
Die nicht alphabetiſch geordneten Vocabeln befinden ſich in der Deſignation am Schluſſe, gleich nach dem ſupplementariſchen Verzeichniß der Bandenmitglieder und werden mit der kurzen Ein - leitung eingeführt:
„ Hierauf folgen zu beſſerer Verſtändniß des Jüdiſchen Diebs - Commercii einige unter der Diebs-Bande, gebräuchliche Wörter und beſondere Termini technici, deren ſich die Diebe untereinan - der zu bedienen pflegen:
Baldober, der Mann von der Sache, Anweiſer, Angeber, welcher denen Dieben die Gelegenheit zum Diebſtahl anweiſet, und deßwegen wenigſtens einen Diebs Antheil, öffters auch doppelte Portion bekommt.
Ganff, ein Dieb, Gnofen, die Diebe, beganffen, beſtehlen. Gnäfe, ein Diebſtahl.
Achproſch, compositum, ex Achper, eine Mauß, & Roſch, der Kopff, proprie ein Mauſe-Kopff, metaphorice aber bedeutet dieſes Wort einen Ertz-Dieb, der ſich auf lauter gewaltſame groſſe Einbrüche befleißiget.
Chochum, ein geſcheider, kluger, welchen Namen die Ertz - Diebe ſich zueignen, wie ſie auch überhaupt, unter der gantzen Jüdiſchen Nation nicht vor Diebe geſcholten, ſondern mit dem Titul, Cochumen, das iſt, kluge und geſcheide Leuthe, beehret werden.
Kißler, ein Marck-Dieb.
Reibertfetzer, ein Beutelſchneider.
Skoker, ein Dieb, der in die Häuſer lauft, und was er ohngefähr findet, mitgehen heiſt.
Schottenfeller, oder Aufthuer, der die Kram-Laden beſtieh - let, ein Packt Waare aufſchneidet, und was er findet, mit fort träget.
Jom lakieche, ein Diebſtahl bei Tag.
126Eine lakieche beleyla, ein Nacht-Diebſtahl.
Eine zierliche Maſſematte, ein gewaltſamer Einbruch, wo die Leuthe ſchlaffen.
Eine Maſſematte bekooch, ein gewaltſamer Einbruch, wo man die Leuthe bindet und raitelt.
Krembene, iſt dergleichen, und alſo, eine Krembene machen, die Leuthe binden und raiteln.
Chabruſſe, die Diebs-Bande, und ſind deren vornemlich folgende bekannt: Die Holländiſche Chabruſſe, die Heßiſche Cha - bruſſe, die Frankfurther, Hamburger, Deſſauiſche und Schleſiſche Chabruſſe.
Schaber, Jordan, Sadek, oder Schwartz-Moſer, ein Brech-Eiſen.
Schaber-kocher, ein Schmidt, der Brech-Eiſen macht.
Daltahlim, ein Diebs-Schlüſſel.
Brunjer, ein Bohrer.
Chebohlim, oder Längling, ein Strick.
Nathe, oder Trapin, eine Leiter.
Drohn, ein groſſes Stück Zimmer-Holtz, womit die eiſerne Gitter von denen Fenſtern abgebrochen werden.
Aiſchſchebel, brennende Lunte.
Koberkieth, ein Wirthshauß.
Blathekieth, ein Diebs-Auffenthalt oder Herberge.
verhammet liegen, heiſt verborgen liegen, wann nemlich die Diebe auf einen Diebſtahl ausgehen wollen, oder davon zu - rück kommen.
Chochumen-Wirth, ein Wirth, der Diebe beherberget.
unterſtrohmen, auf einen Diebſtahl ausgehen.
Einen Blinden machen, oder ausblinden, die Gelegen - heit zum Diebſtahl in der Nacht auskundſchaften.
Eine Chefure machen, einen Diebſtahl eingraben, wann die Diebe das geſtohlene Guth nicht ſicher fortbringen können, und ſolches in Wald, oder in Felß-Löcher, verbergen.
Chelik, ein Diebs-Antheil.
Cheluke halten, den Diebſtahl theilen.
127Schliach, ein Bothe.
Saſſern, ein Unterhändler, der denen Dieben einen Ab - kauffer ſchaffet.
Kone, ein Abkauffer.
Tiffle, oder Jaske, eine Kirche.
Eine Tiffle oder Jaske beganffen, eine Kirche beſtehlen.
Soff, oder Fuchs, Gold.
Käſoff, oder Kleyes, Silber.
Sora, Kauffmanns-Waare.
Amhoretz, ein unverſtändiger Streich, mißlungener Diebs - Anſchlag, wo die Diebe verjaget, oder ſonſten verhindert werden.
Moſer, ein Verräther, der die Diebe entdecket.
Vermaſſern, verrathen.
Kernerfetzer, oder Boſer-Jſch, ein ſo genannter Fleiſch - mann, der die Diebe aufſuchet und arretiret.
Blede machen, durchgehen, echappiren.
Toffis werden, gefangen werden.
Tfuſe, oder Lekement, die Gefangenſchaft, das Gefängniß.
Srora, die Obrigkeit.
Bochet, ein Amtmann.
Takoff, ein Jude, welcher bey der Obrigkeit wohl ange - ſchrieben iſt, und durch ſein Vor-Wort denen Dieben durchhelffen kan.
Schochet, Geſchencke.
Melitz, ein Advocat.
Bſchora machen, einen Vergleich machen.
Boder machen, loß bringen.
Mißboth, der Process, oder das Urthel.
Schoder, ein Gerichts-Knecht.
Tallien, der Scharffrichter.
Jmme, oder Manne, die Tortur.
Mode ſeyn, bekennen. Er iſt Mode geweſen, hat bekennt.
Emmes ſchmuſſen, die Wahrheit ſagen.
Ausmacheyen, auspeitſchen, Roſch abmacheyen, den Kopff abſchlagen.
Talgen, hengen.
128Zerſchabern, Radbrechen.
Verſorffen, verbrennen.
Böckern, oder nifftern, ſterben.
Das Chayes lakechen, das Leben nehmen, umbringen.
Einer Erläuterung der Etymologien bedarf es nicht, da die Vocabeln nach ihrer Abſtammung leicht zu erkennen und im jüdiſch - deutſchen oder im Gaunerwörterbuch mit leichter Mühe zu finden ſind, wenn ſie auch, zum Zeichen ihrer weithin reichenden prakti - ſchen Verwendung, mannichfache deutſchdialektiſche Verfärbung an ſich tragen.
Jm Jahre 1750 erſchien zu Baireuth ein Buch unter dem Titel: „ Adam Chriſtoph Riedel, Predigers zu ſankt Georgen am See, Beſchreibung des im Fürſtenthum Bayreuth zu ſankt Geor - gen am See errichteten Zucht - und Arbeits-Hauſes “u. ſ. w. Von S. 146 — 166 findet ſich ein rotwelſches Wörterbuch, welches ſich ſelbſt als ein Supplement zum waldheimer Lexikon ankündigt mit den Worten: „ Statt eines Anhangs liefern wir theils zum Behuf der Justiz theils zur Vergnügung der vermuthlichen Curiosität des Leſers ein alphabetiſches Verzeichniß einiger im Zuchthaus bekannt gewordenen unter den Spitzbuben neuerlich üblichen und meiſtens von den Juden entlehnten Rothwelſchen Wörter und Redensarten, ſo als ein Beytrag zu dem in der Waldheimiſchen Zuchthausbeſchreibung pag. 147 befindlichen Rothwelſchen Lexico kann angeſehen werden, weil wir das in dieſem ſchon Befindliche gänzlich übergangen haben. Dabei wir aber von der Rechtſchrei - bung darum keine Rechenſchaft allerdings geben können, weil die ganze Sammlung einen Miſchmaſch von allerhand zerſtümmelten deutſchen, von den Juden erborgten, und andern neugemachten und fremden, auch theils metaphoriſchen Wörtern und Redensarten vorſtellet. “
129Während man im Hinblick auf die Entſtehung des waldhei - mer Lexikons wahrnimmt, daß in Waldheim die Stimme des Ver - brechens in einzelnen Klängen ſich bemerkbar macht und die ſtutzig gewordene Regierung zur Ausſchreibung von Collectaneen durchs ganze Land veranlaßt, ſodaß eine weither zuſammengetragene offi - cielle Sammlung entſtand: ſpricht ſich hier das wie in einen Brennpunkt concentrirte Verbrechen in ganzer und einheitlicher Fülle aus und tritt mit der Repräſentation faſt aller deutſchen Dialekte und beſonders auch mit dem Judendeutſch überraſchend correct in Form und logiſchem Verſtändniß hervor, wenn auch, namentlich im Jüdiſchdeutſchen, manche Schreib - und Druckfehler vorhanden ſind. Wie es aber kommt, daß das verhältnißmäßig nur kleine Wörterbuch als ein ſo echter und vollkommener Typus des geſammten Gaunerthums und dadurch ganz eigenthümlich daſteht, das lehrt ſchon ein flüchtiger Blick auf die damalige heillos ver - fahrene Einrichtung der Anſtalt, die freilich kaum ſchlechter war als alle übrigen jener Zeit und von welcher die unbefangene Statiſtik des wackern Wagnitz1)„ Hiſtoriſche Nachrichten und Bemerkungen über die merkwürdigſten Zucht - häuſer in Deutſchland “u. ſ. w. (2 Bände, Halle 1791 — 94). Jn Bd. II, Abth. 2, S. 9, rechnet Wagnitz die Verbrechen nach ihrer procentweiſen Ver - tretung ſo auf: Mord ½, Mordbrand ½, Todtſchlag 2, Diebe und Vagan - ten 63, Sodomiterei ½, Blutſchande 1½, Unzucht 30 und Verſchwendung 2 Procent. nach mehrjährigen Zuſammen - ſtellungen ein wahrhaft grauenerregendes Bild gibt. Jn faſt aus - ſchließlicher Zahl findet man in St. -Georgen das Gaunerthum vertreten, und in welcher Weiſe gehalten! Bei dem gänzlichen Mangel an Jrrenanſtalten waren die Zellen in St. -Georgen mit — Wahnſinnigen überfüllt. Das Zuchthaus übte das ihm 1736 verliehene Privilegium, in Marmor zu arbeiten, aus und bekam ſpäter (1738) das fernere Privilegium, „ Geſellen und Lehrlinge auf jeder Aeltern Verlangen aufzunehmen und aufzudingen “! Alſo eine freie Hochſchule des Gaunerthums im Zuchthauſe, mit voller Freizügigkeit vom Volke her und ins Volk hinein, eine Hochſchule grauenhafter Verbrechen innerhalb und außerhalb ſeiner Mauern,Avé-Lallemant, Gaunerthum. IV. 9130bei aller unmenſchlichen Behandlung der Züchtlinge, von welcher himmelſchreiende Beiſpiele vorliegen. 1)Nur eine dürre Skizze hier von dem grauenhaften Beiſpiele, welches Wagnitz a. a. O., S. 4 fg., aus dem nahen ansbacher Zuchthauſe ausführlich mittheilt. Eva Margaretha K —, 23 Jahre alt, wurde im Sept. 1755 wegen verſchiedener Vergehen ins Zuchthaus gebracht. „ Wie gewöhnlich “bekam ſie als neuer Ankömmling nach den Statuten des Zuchthauſes den „ Willkomm “, d. h. ſie wurde mit entblößtem Oberkörper, aufwärts geſtreckten und geſchloſſe - nen Händen hingeſtellt und „ bekam 20 Streiche mit einer langen neuen Peitſche, welche vom Handgriff bis Oben ganz biegſam war “. Ein Schlag traf die rechte Bruſt, welche eine furchtbare Contuſion erlitt und „ blau, ſchwarz, gelb und roth aufſchwoll, wie die Brüſte dann zu werden pflegen, wenn ein Kind davon entwöhnt wird “. Vergeblich bat ſie um ärztlichen Beiſtand, „ ſie wurde zur Geduld verwieſen “. „ Nach vierzehntägigen erſchrecklichen Schmerzen brach die linke Bruſt auf “u. ſ. w. „ Aus Furcht vor den Qualen und ſcharfen Schlägen — ſo lauten die Worte der Elenden im ſpätern Verhör —, die ſie noch wer weiß wie lange hätte ausſtehen müſſen, ſei ſie auf den Gedanken ge - kommen: Nehme ich mir mein Leben ſelbſt, ſo iſt meine Seele ewig verloren; wenn ich aber einen andern umbringe, und dann hingerichtet werde, ſo kann ich meine Sünde bereuen und Gott wird meine Seele zu Gnaden annehmen “. Wirklich überredete ſie eine blödſinnige Perſon, die Mederin, ſich von ihr er - morden zu laſſen. Die Blödſinnige ſtreckte ſich freiwillig auf eine Bank und die K. ſchnitt ihr „ den vordern Hals mittelſt eines ulmer Kreuzmeſſers ab “. Die Mederin „ empfing die tödtlichen Meſſerſtreiche mit aller Gelaſſenheit, und ſtarb nach einer Stunde an den empfangenen Wunden “. — Welche Aufgaben hat die ſtrafende chriſtliche Gerechtigkeit zu erfüllen!
Auf dieſer claſſiſchen Stätte des Gaunerthums ſchrieb der wackere Riedel ſein Wörterbuch wie ein akademiſches Programm zum Gaunerthum, in deſſen ſpecifiſchen Mikrokosmus er mit ſeiner Seelſorge gebannt war, deſſen Größe und Weite er aber doch ahnte und für welches er auch ſchon im waldheimer Lexikon ein Zeugniß gefunden hatte. Sein Wörterbuch iſt durch und durch charakteriſtiſch: es iſt ein abſoluter Abſchluß für ſich und doch ein vollkommener Ausdruck des geſammten Gaunerthums. 2)Völlig unbegreiflich iſt es, wie auch dies gewaltige ſcharfe Bild vor den blöden Augen der Juſtiz und der Polizei ſo ganz unbeachtet vorübergehen, verſchwinden und ganz vergeſſen werden konnte, gerade in jener Zeit, wo das Criminalrecht in ſeiner theoretiſchen Bearbeitung doch ſchon ſo weit vorgeſchrit - ten und die von ihm im Stich gelaſſene Polizei ſo dringend angewieſen war, einen eigenen Boden zu gewinnen, auf welchem ſie ſelbſtändig ſtehen könne.Die ein -131 zelnen Wörter ſind in correcter Form, mit ungeſtörter Vertretung des Mundartigen und mit durchaus richtigem Verſtändniß ge - geben, ſodaß auch das ohnehin nur wenig verfärbte Judendeutſch ſehr leicht etymologiſch zu erklären iſt. Eine nicht geringe Menge recht mitten aus dem Volksleben gegriffener Ausdrücke mit ver - ſchobener Bedeutung macht das Verzeichniß nur um ſo origineller und intereſſanter. Leider kommen manche Schreib - und Druckfehler vor, von denen die ſchlimmſten in nachſtehendem Abdruck ſogleich verbeſſert ſind.
2)Das Wörterbuch iſt äußerſt ſelten. Jch habe es, ungeachtet langjährigen Suchens, nirgends auftreiben können, bis es erſt im October 1861 der uner - müdlichen Gefälligkeit meines Freundes und Landsmannes, Hrn. Aug. Lamprecht zu Bamberg, gelang, mir aus St. -Georgen ſelbſt eine von der königlichen Strafhausinſpection beglaubigte genaue Abſchrift zu verſchaffen. Nach brief - licher Mittheilung des Hrn. Lamprecht ſoll auch noch im königlich bairiſchen Landgericht Lichtenfels ein ähnliches Verzeichniß ſich befinden, deſſen Publication denn doch ſehr zu wünſchen wäre.
9 *132Zu Hildburghauſen wurde am 21. April 1745 dem mit ſei - nem Complicen Friedrich Werner zur Unterſuchung gezogenen Gauner Hans Georg Schwartzmüller das Todesurtheil eröffnet, welches auch ſpäter durch den Strang an ihm vollzogen wurde. Gleich nach der Publication des Todesurtheils machte der groß - artige Verbrecher, in der gewiſſen Ausſicht auf den nahen unver - meidlichen Tod, ſein gaunerpolitiſches Teſtament. Niemals iſt von einem Gauner, ſo nahe vor der fataliſtiſchen Marke ſeines ver - fehlten irdiſchen Lebens, mit ſo einfachen markigen Zügen ohne Oſtentation die ganze Gewalt und feſte Gliederung des Gauner - thums offenbart worden, als von Schwartzmüller. Jn der Unter - ſuchung hatte er auch ſchon Auskunft über eine große Menge von Gaunerwörtern gegeben, welche fleißig geſammelt und mit den empfangenen reichen Aufſchlüſſen — zu den Acten gelegt wurden, bis ein vierzehnjähriger Burſche acht Jahre ſpäter den ſchon voll - ſtändig offenbarten, in die Acten gebannten Geiſt des Gauner - thums aus dem ſtaubigen Archive wieder heraufbeſchwören und in ſeiner vollen rieſigen Geſtalt abermals den blöden Augen der in - dolenten Juſtiz darſtellen mußte. Der Burſche, Johann Andreas Mahr, welcher am 23. Jan. 1753 ſich verwegen in das Vor - zimmer der Fürſtin ſchleicht, wird angehalten, zur Unterſuchung gezogen und gibt während derſelben die ſtaunenswertheſten Auf - ſchlüſſe über die alte, damals noch immer hauſende furchtbare thü - ringiſche und heſſiſche Bande, macht 137 Mitglieder namhaft undAvé-Lallemant, Gaunerthum. IV. 10146iſt ſelbſt ſo tief eingeweiht in das Leben und Treiben der Banden, daß er eine zum Theil grauenhaft und unheimlich genaue Aus - kunft darüber ertheilen kann. Erſt bei dieſer Unterſuchung kamen die Schwartzmüller’ſchen Acten wieder in Erinnerung und wurden nun anhangsweiſe nebſt dem alphabetiſch geordneten „ Verzeichniß vorgekommener Wörter von der Spitzbuben-Sprache “mit den „ Actenmäßigen Nachrichten “über die von Mahr gegebenen Ent - hüllungen „ auf Befehl der Hochfürſtlich Sächſiſchen Regierung actenmäßig extrahirt und vom Amtmann und fürſtlich Sächſiſchen Rath des Hildburgh. Civil - und Cent-Amtes, Friedrich Chriſtian Nonne am 14. May 1753 beglaubigt “.
Beide ſo zuſammengezogene Unterſuchungen verdienten eine gründliche actenmäßige Bearbeitung, um eine ungemein treffende Zeichnung des Gaunerthums ſeit Anfang des vorigen Jahrhun - derts zu geben; mindeſtens würde ſchon der vollſtändige Wieder - abdruck der „ Actenmäßigen Nachricht “1)Der ausführliche Titel iſt bereits in der Literatur Th. I, S. 234, ab - gedruckt. Ein Exemplar befindet ſich auf der Stadtbibliothek zu Hamburg. ein dankenswerthes Un - ternehmen ſein. Was aber Schwartzmüller über die Ausdehnung, Zuſammenſetzung, Weiſe und Disciplin ſeiner Bande enthüllt, commentirt auch am beſten die von ihm gemachten linguiſtiſchen Offenbarungen. Es beſteht eine ſo tiefe und innige Beziehung von einem zum andern, daß wiederum auch das Wörterbuch ſelbſt wie ein Commentar der geſammten Bande ſowol in ihrer perſön - lichen als auch geiſtigen Conſtruction erſcheint, und daß mit Grund anzunehmen iſt, wie Schwartzmüller aus dem von ihm geſchrie - benen „ fünf Finger dicken geſchriebenen Buche “von der in der Bande eifrig cultivirten „ Platten - oder Spitzbubenſprache “ſelbſt mit großer Gedächtnißtreue und Gewiſſenhaftigkeit ſeine Angaben gemacht hat. Jene zuerſt erwähnten Mittheilungen in ihrer klaren und kräftigen Kürze dürfen daher zum Wörterbuch nicht fehlen.
Unmittelbar nach Publication des Todesurtheils am Vormit - tag des 21. April 1745 ſcheint Schwartzmüller zu ſeinen Entdeckun - gen noch nicht ganz entſchloſſen geweſen zu ſein. Seine Mitthei -147 lung am Nachmittag deſſelben Tages beſchränkt ſich nur auf die Erklärung, „ daß die Bande, wozu er gehöre, länger als funfzig Jahre ſtünde und wohl 150 Mann ſtark ſein möchte. Sie zer - ſtreuete ſich bis an den Rhein, in Schwaben, Bayern, Sachſen bis Dreßden, ins Hannöveriſche und in Heſſen, und glaube er nicht, daß ſie auszurotten ſey, weilen ſie an vielen Orten eine ſtarcke Retirade habe. Sein Schwiegervater, der alte Bamberger - Jörg, wäre öffters zu Hirſchbach, ohnweit Schleuſingen. “
Am 26. April 1745 ging der ſeinem ſchmählichen Ende näher rückende Verbrecher ganz offen aus ſich heraus: „ Krummfingers - Balthaſar ſey der Vornehmſte unter der Bande, oder das Haupt und König derſelben. Die Diebe wären mehrentheils Befreundete, Pathen und Gevattern von ihm. Seine eigne Familie beſtünde aus 50 Perſonen, welche ſowohl als die andern Diebe insgeſammt ihm gehorchen und zu Befehl ſtehen müßten. Die Bande führe auch ein Siegel, welches der Krummfingers-Balthaſar hätte. Dieſes Siegel ſei groß wie ein Kayſer-Gulden. Es ſtünden dar - auf, — ſtatt der Armaturen, — Piſtolen, Pulver-Horn, Funck - ſchure, Schoberbartel und dergleichen, in der Mitte aber ein Mann mit einem Diebsſack. Die Umſchrift wäre: « Bin ein tuaf Cafer, der dem Cafer ſein Schura beſtieben kan ». Welches heiſſe: « Bin ich nicht ein braver Mann der dem Bauer ſeine Sach wegtragen kan ». Denen Vornehmſten unter der Bande gäbe Krummfingers - Balthaſar Titul, und adelte ſie, mit Beydruckung des Siegels unter dem Briefe, den er darüber gäbe. Alſo wäre der zu The - mar juſtificirte Nicol Beck, Hofrath geweſen, und hätte Herr von Roſenberg geheiſſen: Der Buchbinders-Chriſtel wäre Herr von Ubenthal genennet worden und Oberamtmann geweſen: Der Bam - berger-Jörg der Herr von Klugheit, Regierungsrath: Er, Schwartz - müller, Herr von Marloffſtein: Sein Schwager, Georg Caſpar, ſo jetzo zu Beyersdorf ſitze, Cantzley-Bote: Der Kramers-Peterle oder Peter Döll, der eben daſelbſt ſitze, Secretarius: Der Kötzen - Hanns, Schoder oder Knecht, et cet. Die Aelteſten, und wer ſich unter der Bande am meiſten hervorthue, hätten mit zu befehlen. Dieſe erlangeten den Adel, und der Krummfingers-Balthaſar er -10 *148theilete ihnen Befehl, wenn Gericht unter ihnen gehalten würde. Denn ſie hielten Gericht, wenn einer etwas verbräche, z. E. wenn er kappte oder verriethe. Sie hätten unter ſich ein Recht, welches das Platten-Recht genennet würde. Dieſes hätten ſie ordentlich in einem Buche beſchrieben. Der König beſäſſe das Original. Wenn nun einer von der Bande etwas verbrochen hätte, z. E. etwas verrathen, welches ſie bald erführen, ſo kämen ihrer 15 bis 20 zuſammen, derjenige, ſo etwas verrathen, würde ordentlich verhöret, und ſodann nach Platten-Recht ein Urtel gefället. Hätte einer von der Bande oder von einem Cameraden ein Verbrechen, z. E. einen Kirchen-Raub, verrathen, darauf das Leben ſtünde, ſo würde ihm, ohne alle Gnade, das Leben aberkannt und ge - nommen, wie ſolches etlichemal, und zwar einmal an einem Zigeuner geſchehen, wobey er ſelbſt geweſen wäre. Und dadurch brächten ſie es dahin, daß nicht leicht einer bekenne oder verrathen würde. Die geringſte Straffe wäre, daß einer, der zu denen vor - nehmſten gehöre, wieder zu denen ſchlechteſten verſtoſſen würde, und dieſes wäre doch ſchon etwas groſſes unter ihnen. Verriethe einer nur, daß andere von der Bande Kleider-Waare und der - gleichen geſtohlen hätte, und käme wieder aus dem Arreſt, ſo würde er bey einem Platten oder Diebshäler in einem Keller ge - ſperrt, und acht Tage darin gelaſſen, da er dann nicht mehr als vor einen halben Batzen Brod und ein Māß Waſſer bekäme, ſtürbe er, nun ſo ſtürbe er, denn ſie könnten keine andere Art er - zwingen, daß nichts verrathen würde. Ehe ſie jedoch einem das Leben ab erkennten, ſo ſähen ſie nach dem Platten-Recht darauf, ob er in den Gerichten ſcharf angegriffen worden, ob und wie viele Grade der Tortur derſelbe bekommen, ob er ſehr lange ge - ſeſſen? et cet. Denn wenn dieſes wäre, ſo würde das Urtel ge - linder gefällt, und eine andere Strafe dictiret. Sie hielten ſich oft zu 15 bis 20 Mann ſtarck bey ihren Platten 14 Tage, 3 Wochen auf, und ſchöſſen im Anfange Geld zuſammen, wie denn auch ſolches damals geſchehen wäre, da der Creutzmüller bei Heldburg beſtohlen worden, inmaſſen er ſelbſt 18 Kfl. dazu von dem Creutz - müllers-Diebſtahl hergeſchoſſen hätte. Sie lernten, veränderten149 und verbeſſerten bei ſolchen Zuſammenkünften ihre Platten - oder Spitzbuben-Sprache. Sie hätten es dahin zu bringen ge - trachtet, daß kein teutſch-lautendes Wort mehr unter ihrer Sprache ſein mögte; ſie hätten es aber dahin nicht bringen können. Er ſelbſt hätte ein Wörterbuch davon geſchrie - ben, welches fünf Finger dick ſei. Wenn ſie nun ſo eine Zeit bey - ſammen geweſen, zerſtreueten ſie ſich, einer nach Sachſen, die an - dern nach Schwaben, Böhmen, Bayern und am Rhein und ſo weiter; hielten da wieder ihre Zuſammenkünfte, und lehreten die andern die Sprache. Die Bande wäre ſchon ſehr lange, und wären derſelben zwey, die Francken und die Thüringer. Letztere wären zwar der Anzahl nach ſtärcker, aber die Francken wären viel herzhaffter, und die Thüringer hätten deshalb vor die Francken vielen Reſpect, wie denn auch viele Thüringer, die er und der Crönner-Peterle in der obern Schencke zu Brengemünde, unweit Arnſtadt, angetroffen, als er und Peter einen Cramer zu Jchters - hauſen beſtehlen wollen, ſogleich vor ihnen aufgeſtanden und ihnen Platz gemacht, als ſie in die obere Stube gekommen; denn ſie hätten einander gekennt.
Wenn geſtreift würde, ſäſſen die Diebe bei ihren Platten oder Herbergsleuten ſicher und verſteckt, oder ſetzten ſich auf Berge, wo man die Landſchafft überſehen, und ſich gleich in ein ander Territorium wenden könnte, wie ſie denn die Streiffung allzeit, auch offt von denen Gerichtsknechten erführen: dahingegen die Streiffer offt im übelſten Wetter auf dem Felde umher irren müß - ten. Ob gleich manchen Tages zwey, drey von der Bande gerich - tet würden, hätten ſie wieder fünf bis ſechs andere, die ſich zu ihnen ſchlügen, oder von ihnen angeworben würden. Und wenn ein Dieb unter dem Galgen ſtünde, und Gnade kriegte, könnte er doch das Stehlen nicht laſſen, ſondern ſtöhle an dem erſten Orte, wo er hinkäme, wieder. Er ſelbſt habe ſich noch etliche hundert Oerter aufgezeichnet gehabt, wo er und ſeine Cameraden noch ſtehlen wollen. Unter den herumſtreuenden Bettelleuten ſei faſt keiner, der es nicht mit der Bande halte. Sein Schwiegervater, der alte Bamberger Georg, wäre immer durchgekommen, weil er150 in Geſtalt eines Bettlers, mit ſehr zerriſſenen Kleidern, umherge - gangen, da er doch ſehr viel Geld gehabt. Dahero auch ſeine Schwiegermutter offt zu ihm geſagt: « er ſolle es eben ſo machen, und äuſſerlich nicht ſo ſtaatiſch ſich aufführen ». Endlich wäre faſt kein Krämer oder kurzer Waaren-Händler, welcher auf dem Lande ginge, der nicht ein Dieb wäre, oder doch mit denen Dieben ein - hielte, Diebſtähle ausſähe, angäbe, und von denen Dieben geſtoh - lene Waaren annähme. “
Kaum iſt es nöthig, auf die Verſicherung Schwartzmüller’s hinzuweiſen, „ daß er die volle Wahrheit offenbart habe und darauf ſterben wolle “. Man muß beim genauern Ueberblick des merk - würdigen Ganzen erkennen, daß hier das Gaunerthum in ſeiner umfaſſenden innern, äußern, ſittlichen und ſprachlichen Mächtigkeit als durchaus fertiges, vollendetes Ganzes daſteht. Hier kann nicht mehr der bloße ängſtliche, unſichere Glaube an das Gaunerthum ſein, der bis dahin nur gar zu oft und gern Unglaube ſein mochte und darum ſich hinter den Aberglauben verſteckte: hier iſt die volle unverhüllte Wahrheit des Gaunerthums ſelbſt offenbart, welche aber doch erſt um ein ganzes Menſchenalter ſpäter der wackere unvergeßliche Georg Jakob Schäffer mit ſeiner wunderbaren gei - ſtigen Gewalt in ganzer Vollkommenheit begreifen und aus dem tiefſten Grunde vor Augen zu legen verſtand. Jmmer aber bleibt die ſo geräuſchlos wie kernig geführte und leider ſo ſehr vergeſſene hildburghauſener Unterſuchung mit ihrer „ Actenmäßigen Nachricht “ſowol in ſtrafrechtlicher als in culturhiſtoriſcher und linguiſtiſcher Hinſicht eine höchſt bedeutende Erſcheinung.
Jn linguiſtiſcher Hinſicht bietet das 422 Vocabeln enthaltende Wörterbuch eine reiche und intereſſante Leſe dar. Das Deutſch - dialektiſche macht ſich überall geltend und verfärbt auch beſonders die fremdſprachlichen Wortzuthaten oft bis zur Unkenntlichkeit. Jn den Metaphern tritt die volle volks - und gaunerthümliche Laune und Jronie ſehr bemerkbar hervor. Manche Wörter haben eine ganz beſondere topiſche und perſonelle Beziehung, weshalb denn auch einzelne nicht einmal zu erklären ſind. Auch manche ſchon allzu bekannt gewordene, früher übliche Vocabeln fehlen hier und151 ſind vor der Hand außer Cours geſetzt. Das ſehr ſeltene Wörter - buch folgt hier in genauem Abdruck.
Einzelne dunklere Etymologien ſind: Ausgehemd, ausge - peitſcht, vom Ausziehen des Hemds beim Stäupen. Ausge - kohnt, gebrandmarkt, von Kone (kono, vgl. Th. II, S. 213), einem falſchen Geldſtück, womit das Brandmark ſarkaſtiſch verglichen wird. Ausgepreuſcht werden, ausgeliefert werden, mit ſpecieller topiſcher Beziehung, nach oder von Preußen ausgeliefert werden, wie Wiener machen, von Wien weggewieſen werden; und160 Drehwiener, Leiermann, wiener Leiermann mit der Leier (Drehe, nd. Dreih, Dreihkaſten, Dudelkaſten). Wirwiner, ein Balſamträger, von Wirz, Würz, Wurzel, Kraut, vgl. Schmeller, a. a. O., IV, 167. Clera, Pantoffel, doch wol im Zuſam - menhang mit dem niederdeutſchen Slarren, alte weite Schuhe oder Pantoffeln, hochd. Schlarfe, vgl. Adelung, III, 1507. Da - von das niederdeutſche ſlarren, mit den Füßen alte weite Pan - toffeln ſchleppen, liederlich mit einer Sache umgehen, verſchleißen. Richey, a. a. O., S. 260, und Adelung, a. a. O., unter Schlar - affe; vgl. auch klirren (bei Adelung und Schwenck), vom hellen zitternden, klappernden Tone; in der franzöſiſchen Gaunerſprache iſt clarinage überhaupt Geräuſch, von clarin (clarine), den Glocken, welche man dem Weidevieh um den Hals hängt. Fran - cisque-Michel, a. a. O., S. 112. Duppern, gehen, vom jüdiſch - deutſchen tippern, tippen, tippo,〈…〉〈…〉, tapaph, ſchnell beweglich ſein, kleine ſchnelle Schritte machen, trippeln. Dobrich (Taback), in der Studentenſprache Tobich (Dobich), verſtümmelt vom hochd. Taback, von tabaco, vgl. Schwenck, S. 666. Dina, Dgina, Folter, wie Gine, Ginne, Giene, für das gewöhnliche Jnne, Folter, Tortur, vom jüdiſchdeutſchen inuth, innes, chald. 〈…〉〈…〉anah, leiden,〈…〉〈…〉, inuth, Leiden, Qual. Ellenmänner, die Schuhe, ſcherzhafte Bezeichnung der beiden Schuhe, deren Länge zuſammen eine Elle ausmacht, vielleicht aber eine kabbaliſtiſche Verſetzung nach der Themura vom jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, meno - lemer, Schuſter, von〈…〉〈…〉, naal, beſchuhen, der Schuh; vgl. Con - ſtanzer Hans: Elemer. Eva, Schüſſel, von〈…〉〈…〉, chava, ſam - meln, verſammeln, ſich zuſammen ziehen, rund ſein. Flette, ein falſcher Brief, verdruckt für Flebbe, von Flep, Fleb, vgl. Th. II, S. 296. Flormees, ein Gulden, wol von florin und jüdiſchd. moos, Geld. Glitſch, Riegel oder Anlegeſchloß, vom zig. glí - tschin, Schlüſſel, Riegel. Hais, Kopf, vom jüdiſchd. 〈…〉〈…〉, cha - jim, Leben. Nergeſcherr, guten Abend, vom jüdiſchd. 〈…〉〈…〉, ner, Licht, Leuchte, Lampe, und〈…〉〈…〉, koscher, es iſt recht, rein. Reich - weger, ein Pachter, verdorben vom jüdiſchd. 〈…〉〈…〉, rewach, Pl. 〈…〉〈…〉, rewochim, Erweiterung, Vortheil, Gewinn, Zins, Jntereſſe, Pacht. 161Schappoll, ein Diebsantheil, vom jüdiſchd. 〈…〉〈…〉, schibboles, schibbaules, (〈…〉〈…〉, schibboleth, Kornähre), Antheil an der Diebsbeute; vgl. Th. II, S. 83. Schlasneidemetten, ein Kiſſen, vom jüdiſchd. 〈…〉〈…〉, mitto, Bett, und wahrſcheinlich, in verdorbener Geſtalt, von〈…〉〈…〉, cholasch, unpäßlich, ohnmächtig ſein, abzuleiten. Trittſchen, Schuhe, von Tritt, treten; noch jetzt iſt im Nieder - deutſchen Strîtſchen, Strittſchen, in der ſpeciellen Bedeutung von Schlittſchuhen ſtark gebräuchlich. Staubert und Taubert, Mehl, von Staub, ſtäuben, ahd. stuppi, stubbi, stoup, mhd. stoub, dän. stöf, nd. Stoff, vgl. Schwenck, S. 641. Teben, Teibe, Lade, vom jüdiſchd. 〈…〉〈…〉, teba, tewa, Kiſte, Kaſten. Witze, Wärme, Hitze, wahrſcheinlich kein Druckfehler, ſondern abſichtliche Vertauſchung des H mit W. Wurff, Maul, für Murf, von murfeln, morfeln, mit geſchloſſenen Lippen kauen, wie alte zahn - loſe Leute; vgl. Murfel, Murfelthier bei Schmeller, a. a. O., II, 615.
Das hildburghauſener Wörterbuch gab ſchon zwei Jahre nach ſeiner Erſcheinung Anlaß zu einer rationellen Bearbeitung, bei welcher die Feder des Juriſten nicht zu verkennen iſt. Es erſchien im Jahre 1755 die Rotwelſche Grammatik, welche bereits Th. I, S. 162, angeführt und beurtheilt iſt. Hier handelt es ſich nur um die linguiſtiſche Bedeutſamkeit derſelben. Der Verfaſſer gibt zunächſt ein als Doppellexikon bearbeitetes Gaunerwörterbuch. Jn der dritten Abhandlung dazu ſind „ hiſtoriſche Nachahmungen “enthalten, „ durch welche ein Anfänger deſto eher zur Vollkommen - heit gelangen kann “. Dieſe „ Nachahmungen “beſtehen in Erzäh - lungen und Geſprächen, welche „ der junge reiſende Kaufmann Philander “in einer Gaunerherberge zu hören bekommt, in die ihn ſein perſönliches und gaunerlinguiſtiſches Misgeſchick geführt hat. Schon aus dieſem völlig ungeſchickten, ſtümperigen undAvé-Lallemant, Gaunerthum. IV. 11162holperigen Sprachgefüge erkennt man, daß der Verfaſſer die Gau - nerſprache, wenn auch in der bloßen Vocabulatur, nur ſehr küm - merlich gekannt, von ihrem Geiſt und Weſen aber keinen Begriff gehabt, ſondern vielleicht blos aus ſchriftſtelleriſcher Eitelkeit, ohne wahren Beruf und ernſtes Studium ſein unerquickliches Werk ge - ſchrieben hat. Von den mislungenen „ Nachahmungen “kann daher hier nicht weiter die Rede ſein.
Das Wörterbuch ſelbſt iſt nun nichts weiter als eine plan - und geiſtloſe, dürre Zuſammenſtellung der obendrein oft noch mis - verſtandenen Vocabeln aus dem Liber Vagatorum (der Rotwel - ſchen Grammatik) und aus den waldheimer, coburger und hild - burghauſener Wörterbüchern, welche jedoch vom Verfaſſer nirgends als ſeine einzigen Quellen genannt werden. Den ſpecifiſch jüdiſch - deutſchen Vocabeln aus der coburger Deſignation widerfährt die Auszeichnung, daß ſie, „ als unter den Juden-Spitzbuben gewöhn - lich, mit einem Sterngen verſehen “ſind, wobei denn der unkundige Verfaſſer die große Zahl der übrigen jüdiſchdeutſchen Wörter, welche nicht den coburger Stern haben, ihrem Unſtern überläßt. Dabei thut er nun aber auch dem coburger Wörterbuch die Gewalt an, daß er deſſen jüdiſchdeutſche Ausdrücke ohne Umſchweife auf völlig gaunerſprachwidrige Weiſe mit deutſchen Wörtern verbindet, für welche durchaus jüdiſchdeutſche Formen üblich ſind, und kommt dadurch zu einer Neubildung von Wörtern, die niemals gauner - bräuchlich geweſen ſind. So hat die coburger Deſignation das Wort Achproſch, Mauſekopf, Erzdieb. Der Verfaſſer bildet nun gegen allen Gaunerſprachgebrauch, der überhaupt gern jede längere Compoſition zurückweiſt, das durchaus ſprachwidrige Achproſchen - Jnnung, welches er obendrein ganz widerſinnig mit Diebs - Juden-Ordnung überſetzt. Für „ Jnnung “würde Chawruſſe, und für „ Ordnung “Seder am Platze ſein, wenn eine ſolche Compoſition überhaupt zuläſſig wäre. Ferner Chochumenwirth für Chochemerſpieß u. ſ. w. Bei der dürftigen Auffaſſung des logiſchen Verſtändniſſes entſtehen, namentlich in Bezug auf das Jüdiſchdeutſche, arge Fehler und Verdunkelungen, welche durch viele üble Druckfehler noch mehr verſchlimmert werden. So iſt hier aus163 dem verdruckten Honech für Horeg der famoſe Grolman’ſche Honech entſprungen, den Thiele, trotzdem er Grolman ſo unver - ſtändig tadelt, doch ebenſo gut nachgeſchrieben hat. Andere Fehler ſind geradezu unverzeihlich und documentiren die gröbſte Unwiſſen - heit des Verfaſſers. So z. B. gibt er Butt mit Hafer. Butt ſtammt jedoch vom niederdeutſchen byten, beißen, womit bott, butt, ſtumpf, ohne Spitze und Schneide, plump, grob, zuſammen - hängt. Der Verfaſſer, der ſpäter ſelbſt Hafer richtig mit Spitz - ling gibt, hat dieſen Schreibfehler des hildburghauſener Wörter - buchs, S. 152, gedankenlos nachgedruckt. Das τϱυφή des Ex - pertus in truphis (Th. I, S. 157) macht er ohne weiteres als Thruffe zum Gaunerwort mit der verwegenen Ueberſetzung Liſt, Betrug. Arge, überall nicht einmal als Druckfehler bezeich - nete Verſtöße ſind: Amhovetz für Amhoretz; ausgekohet für ausgekohnet; Bahert für Ballert; Bariſerrl für Bar Jſrael; Bashakkiße für Bes hakiße; Chekel für Schecher; Chilele - ſchem für Chelilo Schem; Fuchspleckigt für Fuchs lekichen, gleich - falls dem hildburghauſener Wörterbuch nachgedruckt, vgl. S. 153; Glittſchuff für Glittſchuff machen oder melochen; Hanfſtand für Hanfſtaud; Hakotzen für Kozin; Hochſtahler für Hoch - ſtabler; Honech für Horech; Kimmern für Kinnim; Lahova für Ahuwi; Lakinche belägla für Lekiche belaila; Lor ötlin für Loe ötlin; Lohm für Lowe; Males Cheregte iſt gar nicht zu verſtehen; nach der Ueberſetzung „ mein hochgeehrter Herr “kann man vermuthen, daß hier eine Zuſammenſtellung von Mailo, Hoheit, Würde, und chariph, ſcharfſinnig, als Ehrentitel des Rabbiners, hat ſtattfinden ſollen; vgl. Th. III, S. 525, Note 17. Ferner Maſchve geweſen für Maſchve ſein. Maſematte bekorg für Maſſemat - ten bekoach; Modr ſein für Mode ſein; Pernos für Parnes; Rehrweh für Rewacher; Tſchura für Teſchuwa; Verhaßmenet für Verchaßmenet u. ſ. w. Berückſichtigt man dazu, daß der Ver - faſſer eine Menge ganz veralteter Ausdrücke von neuem als gängige Vocabeln wieder vorführt und jedes Wort, ſobald es dialektiſch irgendeine vocaliſche oder conſonantiſche Veränderung erlitten hat, als neue Vocabel wiedergibt, ſo ſchmilzt die Menge der Wörter (797) 11 *164ſehr bedeutend zuſammen. Dazu iſt bei der dürren Erläuterung dieſes Reſtes noch obendrein das logiſche Verſtändniß des Ver - faſſers ſehr oft ganz falſch, während dieſes bei den von ihm be - nutzten Quellen ſogar viel correcter iſt. Die Rotwelſche Gram - matik hat daher keinen linguiſtiſchen, ſondern nur einen ſehr un - tergeordneten literar-hiſtoriſchen Werth und iſt immer nur mit ſehr großer Vorſicht zu gebrauchen. Deſſenungeachtet iſt ſie das Orakel geworden für alle, welche ſich ſpäter berufen fühlten, ein Gauner - wörterbuch zu ſchreiben. Ein leider hier nicht möglicher Wieder - abdruck der Rotwelſchen Grammatik würde ein ſchweres Kriterium für alle rotwelſche Epigonen ſein, welche den wüſten Schwall von Wörterbüchern unter die Preſſe gebracht haben, bei denen man in der That nicht weiß, ob man mehr über die linguiſtiſche Sünde an ſich oder über die Verwegenheit der Autoren, ſolche Dinge als eigene Erforſchungen zu veröffentlichen, erſtaunen ſoll.
Es iſt begreiflich, daß bei der Armſeligkeit und Dürre der Rotwelſchen Grammatik von 1755 der Trieb zur linguiſtiſchen Forſchung auf dem Gebiete des Gaunerthums nicht geweckt und gefördert wurde, obwol man nach dem Erſcheinen des hildburg - hauſener Wörterbuchs doch noch ein weiteres Vorgehen billig hätte erwarten können, zumal gerade um dieſe Zeit zahlreiche deutſche Jdiotiken zum Vorſchein kamen1)So enthält das „ Journal von und für Deutſchland “von Siegmund von Bibra, Jahrg. 1787, S. 48, ein Jdiotikon von Ulm; S. 249 von Göttingen und Grubenhagen; S. 363 ein ſauſenburger und rötteler Jdiotikon; in der zweiten Abtheilung S. 133 ein ſchleſiſches Jdiotikon; S. 211 Jdiotismen aus der Un - terpfalz; S. 338 henneberger Jdiotismen; S. 413 coblenzer Jdiotismen; im Jahrg. 1790, S. 331, niederſächſiſche Jdiotismen, und Abth. II, S. 34, Pro - vinzialismen des flachen Landes neben der Südſeite des Harzes u. ſ. w. Alle und mit prägnanter Gewalt auf165 die große Bedeutſamkeit und Geltung der Volksſprache hinwieſen, deren Studium auch nothwendig zu einer Offenbarung der Gau - nerſprache hätte führen müſſen. Da tauchte unmittelbar nachdem Schäffer ſeine „ Schwäbiſche Jauners-Geſchichte vom Conſtanzer Hans “herausgegeben hatte, eine literariſche Erſcheinung auf, welche man gewiß als die originellſte auf dem Gebiete der Lin - guiſtik überhaupt bezeichnen darf und welche ihrer verbürgten Ori - ginalität und Echtheit wegen von hohem Werthe iſt: das vom größten Gauner ſeiner Zeit, dem conſtanzer Hans (Johann Bap - tiſta Herrenberger) verfaßte Wörterbuch, welches den Titel führt: „ Wahrhafte Entdeckung der Jauner - oder Jeniſchen-Sprache, von dem ehemals berüchtigten Jauner Koſtanzer Hanß. Auf Begeh - ren von Jhme ſelbſt aufgeſetzt und zum Druck befördert. Sulz am Neccar 1791 “. 1)Das Buch iſt äußerſt ſelten und ſo gut wie verſchollen. Nicht einmal der genaue Titel iſt mir vorgekommen, bis ich ihn zuerſt vollſtändig bei Fran - cisque-Michel, a. a. O., S. 447, fand. Nach langjährigem Suchen gelang es endlich 1858, das Buch antiquariſch zu erwerben. Schäffer erwähnt es in der Note S. 294 ſeines „ Abriſſes “nur ganz obenhin mit der nicht motivirten Be - merkung, „ daß es hin und wieder an Richtigkeit und Genauigkeit fehle “.Das kleine Buch iſt in Octav ſehr ſauber mit ſchönen großen Lettern gedruckt, enthält S. 3 — 6 die Vorrede des Autors, S. 7 — 16 159 Gaunervocabeln, S. 16 — 30 „ Schmu - ſereien oder Geſpräche “, und S. 31 zwei Fragmente aus Gauner - liedern, von denen das letzte, obgleich echt gauneriſcher Form, in Gedanken und Diction von gefälliger Leichtigkeit und Naivetät iſt. So unbefangen der Verfaſſer in der Vorrede über ſein früheres verbrecheriſches Leben und über die Motive zur Herausgabe ſeines merkwürdigen Buchs ſich ausſpricht, ſo einfach und anſpruchslos gibt er auch die Vocabeln und Geſpräche. Der ſchwäbiſche und ſchweizeriſche Dialekt tritt überall ſtark hervor, ohne jedoch die bunte Geſammtfärbung der Gaunerſprache zu verwiſchen. Alle1)dieſe zum Theil recht werthvollen Jdiotiken zeugen von dem lebhaften Jntereſſe, mit welchem man in das Volk und auf ſeine Sprache blickte. Und doch feierte Polizei und Juſtiz, die billig am erſten und genaueſten darauf hätten blicken ſollen! Wie begreiflich iſt der ungeheuere Aufſtand des Räuberthums, als Picard 1790 an der Spitze der brabantiſchen Bande hervorbrach!166 Ausdrücke ſind klar und verſtändlich und ihre Etymologie daher leicht zu finden, namentlich wenn man ſüddeutſche Jdiotiken, wie z. B. das ſchwäbiſche von v. Schmid, zur Hülfe nimmt. Das höchſt ſeltene, originelle und merkwürdige, aus dem tiefſten Volks - leben geſchöpfte kleine Werk, deſſen Titel bereits angeführt iſt, folgt hier in genauem Abdruck mit der kurzen Vorrede:
Vorrede.
Von zerſchiedenen vornehmen und gemeinen Leuten iſt die Forderung an mich gemacht worden:
Die Jauner - oder Jeniſche-Sprache bekannt zu machen, ſo wohl in der Schweiz bey meinem letzten Aufenthalt daſelbſt, als auch in unſerm Würtemberg.
Jch nehme daher keinen Anſtand dieſelbe aufzuſetzen und dem Druck zu übergeben. Vielleicht daß hie und da bei Inquisitionen, bey verdächtigen Geſprächen in Wirths-Häuſern oder auf der Straſſe, oder ſonſt bey Gelegenheiten ein Nuzen daraus entſtehen oder Böſes verhütet werden könnte.
Zu einer wahren Reue und Leid, über meine in vorigen Jahren leider begangene ſchwere Verbrechen, gehöret vornemlich ein ernſtliches Beſtreben guter rechtſchaffener Handlungen ſo viel möglich ſtatt der vorigen ſchlechten mich zu befleiſſigen. Dieſe groſſe Pflicht ſuche ich nun auch hierdurch zu erfüllen, um wo möglich auch dadurch etwas weniges wieder gut zu machen.
Jch werde der Beſcheidenheit nicht zu nahe tretten, wenn ich behaupte; daß durch die von mir mit möglichſter Genauigkeit und Wahrheit angegebene, von dem Herrn Oberamtmann Schäffer in Sulz am Neckar, aufgenommene Jauner-Liſte, auch durch An - gebung des entſetzlichen Vorhabens einiger meiner eh’maligen Kam - meraden, das Kloſter Einſiedeln in der Schweiz anzuzünden und zu berauben, welches dann gedachter Herr Oberamtmann noch zu rechter Zeit eilig dahin geſchrieben, und alſo grosſes Unglück ver - hütet worden iſt.
Auch daß Mancher unſchuldig im Verdacht geweſener, durch meine Entdeckung gewiſer Diebſtähle, Ehre und guten Namen, (ein ſo ſchäzbares Kleinod) zu ihrer und der Jhrigen Freude wie -167 der erlanget haben. Und überhaupt durch Beyfahung und Ge - ſtändnißbringung manches hartnäckigen Lügners, ſchon manches Gute geſtiftet worden ſeye.
Sollte nun durch dieſe Jauner Sprach-Entdeckung ebenfalls Nuzen geſchaffet werden, würde mich dieß herzlich freuen, und ich würde mich für die damit gehabte Mühe reichlich belohnt halten.
Diß wünſchet von Herzen der Verfaſſer.
Schmuſereyen oder Geſpräche.
Zum Beſchluß folgen noch ein paar Strophen aus Jauner - Lieder, die ein Jeder, der ſich mit der Jauner-Sprache nur179 ein wenig bekannt machen will, leicht ins Deutſche überſezen kann.
Von einem Manne, wie Georg Jakob Schäffer, welcher mit ſo bewundernswürdiger geiſtiger Gewalt das Gaunerthum erfaßte und das ſcharenweis ihn umgebende Verbrechergeſindel zu bändigen wußte, hätte man erwarten ſollen, daß er auch tiefe Blicke in das wunderliche Sprachgefüge der Verbrecherwelt um ihn her hätte thun und die bedeutendſten Reſultate hätte er - bringen müſſen. Man findet ſich aber in dieſer Erwartung ge - täuſcht. Allerdings hat Schäffer in ſeinem 1793 erſchienenen „ Abriß des Jauner - und Bettelweſens in Schwaben “der Gau - nerſprache ein eigenes Kapitel (XV) gewidmet. Doch gibt er darin nur ſehr allgemeine flache Züge und begeht ſo manche etymologi - ſche Jrrthümer, daß man ihm die linguiſtiſche Befähigung abſpre - chen muß. Man wird dazu berechtigt aus der Probe von Gau - nerwörtern S. 289, mit welchen er erſichtlich nicht recht berathen iſt und welche er zum Theil auch nicht einmal richtig zu claſſifi - ciren weiß. Deshalb mag ihn wol das prägnant Dialektiſche im Vocabular des conſtanzer Hans ſtutzig gemacht und zu der S. 165,12*180Note 1 erwähnten unrichtigen Bemerkung verleitet haben. Zur Charakteriſtik ſeiner gaunerlinguiſtiſchen Kenntniß ſoll hier die von ihm gegebene Probe mit der zum Theil verfehlten Claſſification folgen. Dahingegen eignet ſich der angehängte kleine „ Aufſatz “in der Gaunerſprache ganz und gar nicht zum Wiederabdruck, da er entſchieden nicht aus Gaunermunde ſtammt und in ſeiner ſteifen und holperigen Diction offenbar von Schäffer ſelbſt com - ponirt iſt. Die nachſtehenden Vocabeln finden ſich im „ Abriß “, S. 289 — 292.
Die linguiſtiſchen Jrrthümer liegen auf der Hand. Die Ver - theilung in Nr. 2, 3 und 4 iſt ſehr unſicher. Bei dem Mangel der beſtimmten ſpecifiſchen Form der von Schäffer angeführten ein - zelnen romaniſchen Sprachen wäre die Ableitung von der Stamm - ſprache, der lateiniſchen, viel eher gerechtfertigt. Jn Nr. 5 iſt Schickſe nicht zigeuneriſch, ſondern jüdiſchdeutſch. Jn Nr. 8 ſind viele Ausdrücke nicht „ willkührlich erſonnen “, ſondern haben eine beſtimmte Ableitung, z. B. iſt jüdiſchdeutſch: Märtine (medina), Brißge (beris), Glaſſe (keli und emo), Beger (peger), Schönagelen (Schin und agolo), Kaſpern (kosaw), Konigen183 (kono), Schmuſen (schoma) u. ſ. w. Jm übrigen iſt das logi - ſche Verſtändniß correct und zutreffend. Doch iſt Schäffer keines - wegs als linguiſtiſche Autorität anzuſehen, ſo hochbedeutend er ſonſt in der Gaunerliteratur daſteht.
Einen ſehr beachtenswerthen Beweis von der geheimen un - geſtörten Ausbildung der Kunſt und Sprache des Gaunerthums, welches vermöge der ſoporöſen Wirkungen der geiſtloſen, fehl - greifenden und verdunkelnden Rotwelſchen Grammatik von 1755 mit ihrer breiten Geltung ein halbes Jahrhundert lang jegliche linguiſtiſche Forſchung paralyſirte, gibt das vom Amtsſchreiber Mejer zu Hannover in der Brade’ſchen Unterſuchung zuſammen - getragene Wörterverzeichniß, welches durchaus als eins der zu - verläſſigſten, correcteſten und beſten Vocabulare bezeichnet zu wer - den verdient.
Schon ſeit Landgraf Philipp’s des Großmüthigen Zeiten hatte das Räubergeſindel in Heſſen ſo arg gehauſt, daß gerade dort (vgl. „ Sammlung heſſiſcher Landes-Ordnungen “, I, 217 fg. ) be - ſonders ſtrenge Verordnungen gegen dies Geſindel erlaſſen werden mußten. Wie wenig gründliche Abhülfe jedoch durch dieſe geſchaffen wurde, zeigt die ganze ſpätere Geſchichte des Gaunerthums. Kaum ein Land iſt ſo unausgeſetzt, bis tief in das gegenwärtige Jahr - hundert hinein und ſo arg von Räuberbanden bedrängt, ja man kann ſagen beherrſcht worden, wie Heſſen. Es nahm die ſtets lebendige ſtarke Strömung des Gaunerthums von Süden und Weſten her fortdauernd auf ſeinen empfänglichen Boden auf und ließ ſie dann wieder in gefährlich verbreiterter Weiſe nach Norden und Nordoſten abfließen. Beſonders arg hauſte aber in den acht - ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die verwegene Bande des Philipp Schlemming in Heſſen ſelbſt, während nördlich in Han -184 nover die Bande des Maſemann und die des Brade ihr Unweſen trieben. Die Brade’ſche Bande wurde zum Theil von dem han - növeriſchen Gerichtsſchulzenamt, bei welchem Mejer als Amts - ſchreiber fungirte, zur Unterſuchung gezogen und bei dieſer Unter - ſuchung ſammelte Mejer das von ihm auch im „ Neuen Hanno - veriſchen Magazin “, 1807, Stück 32 — 35, veröffentlichte Verzeich - niß, welches ungeachtet ſeiner verhältnißmäßig nur geringen Um - fänglichkeit unbeſtritten zu den werthvollſten Erſcheinungen in der Gaunerſprachlexikographie gehört. Es iſt mit überall klarem Ver - ſtändniß und muſterhafter Correctheit geſammelt und redigirt. Jn ſeiner Totalität gibt es vollen Grund zu der Annahme, daß die Brade’ſche Bande, von deren gewiß intereſſanten und tüchtig ge - führten Unterſuchung leider ſonſt nichts veröffentlicht iſt, meiſtens aus Juden beſtanden haben muß. Denn mit alleiniger Ausnahme der coburger Deſignation findet man nirgends in den Sprachtypen einer Gaunergruppe das reich vertretene Judendeutſch in ſo ge - ringer deutſchdialektiſcher Verfärbung, wie dies in der Mejer’ſchen Sammlung der Fall iſt. Dabei iſt das logiſche Verſtändniß voll - kommen treffend, ſodaß man mit Mejer’s Jnterpretation und ſo - gar ſtellenweiſer Analyſe ſchon recht zufrieden ſein kann. Mejer leitet a. a. O., S. 513 fg., das Verzeichniß ſelbſt mit kurzen Worten ein:
Von der Sprache der Diebe.
Die Sprache der Diebe, die Kokumlohſchen, d. h. die kluge Sprache, beſteht aus ganz hebräiſchen Wörtern, aus urſprünglichen Diebeswörtern und aus einer Compoſition von beiden.
Alle Diebe von Profeſſion (Keſſediebe), alle Scharfenſpieler und Keſſewirthe verſtehen dieſe Kokumlohſchen, ſie mögen Juden oder Chriſten ſein.
Die Wörter und Redensarten, die ich davon habe erkundigen können, ſind folgende:
Ballmaſſematten — Anführer bei einem Diebſtahle, der - jenige, der das eigentliche Stehlen verrichtet; dies Wort kommt her von Baal, oder Bal — der Mann, und Maſſematten — der Handel — nicht Diebſtahl. Die Diebe nennen aber
185Handeln — ſtehlen, und mithin gilt bei ihnen das hebr. Wort Maſſematten für Diebſtahl. Sie drücken es aber beſtimm - ter aus durch
Maſſematten handeln, einen Diebſtahl verüben.
Geneiwe heißt eigentlich der Diebſtahl.
Chawwer — ein Diebs-Camerad.
Chawruſe — eine Diebsbande.
Balltower — kommt her von Ball — der Mann, und
Doffer oder Tower — einer der etwas wiederſagt.
Balltower — derjenige, der die Thunlichkeit eines Dieb - ſtahls erforſcht und den Befund der Umſtände den Dieben ſagt, damit ſie den Diebſtahl verüben mögen.
Schärfen — geſtohlene Sachen den Dieben verkaufen.
Schärfenſpieler — derjenige, der den Dieben geſtohlene Sachen abkauft.
Klamones — Diebs-Jnſtrumente.
Klein-Klamones — alle andern Diebes-Jnſtrumente, ex - clusive des
Rebbemooſche, Krummkopf, oder Groß-Klamones — ein etwa ¾ Ellen langes Eiſen, von der Dicke eines Daumen, das unten ganz ſpitz zuläuft und oben mit einem 1½ — 2 Zoll breiten Haken verſehen iſt, das Brecheiſen, deſſen ſich die Schrän - ker zu ihren Diebſtählen bedienen, muß von ſehr gutem Eiſen ge - macht ſein, weil ſie damit oft eine ſehr große Gewalt ausüben. Sie verwahren es in einem von Tucheggen verfertigten Futteral, damit es nicht roſte.
Taltels — Dietriche, Diebesſchlüſſel.
Jattſchabber — ein Meiſſel.
Kiß — ein Diebsſack zur Transportirung der Klamones und der geſtohlenen Sachen. Sie ſind gewöhnlich von ſchwärzlichen oder dunkelblauen Linnen, 1½ — 2 Ellen lang und 1½ Ellen breit. Es ſind Bänder, gemeiniglich Tucheggen, ſo daran befeſtigt, daß der gefüllte Kiß auf dem Rücken ſo getragen werden kann, wie die Bauerweiber hier zu Lande die großen Körbe oder Kiepen tragen. Unten befindet ſich daran eine Schnirre, damit die Diebe,186 wenn ſie verfolgt werden, im Laufen, ohne den Kiß wegzuwerfen, die Schnirre nur zu öffnen brauchen, und die geſtohlenen Sachen aus dem Kiß herausfallen laſſen können. Kiß heißt eigentlich ein lediger Sack.
Klumneck — ein voller gefüllter Sack.
Barſel — Eiſen.
Gebarſelt — geſchloſſen, mit Ketten.
Mokkum — die Stadt.
Mokkum Hey — die Stadt Hannover (Hey iſt der Buch - ſtabe H.).
Godel Mokkum Hey — die Stadt Hamburg (Godel heißt groß).
Mokkum Zaddik — die Stadt Cölln.
Knak — die Stadt Braunſchweig.
Knochen — die Stadt Peine.
Hering Mokkum — die Stadt Hildesheim.
Mokkum Lammet — die Stadt Leipzig.
Mokkum Kuf — die Stadt Caſſel.
Mokkum Pey — die Stadt Frankfurt.
Kracher — ein Reiſekoffer.
Teiwe — eine Bauern Lade.
Banterich — Kattun und Chitz.
Darm — Bänder.
Schneicher — ſeidene Tücher.
Margoleaus — Perlen.
Awone Tauwes — ächte Steine, Juwelen.
Schurch — Kleidungsſtücke.
Flocken — Leinewand.
Lowene Schurch — Leinen und Drellenzeug.
Mittes und Sprathling — Betten ſammt Bettlaken.
Fuchs gehandelt — Goldmünzen geſtohlen.
Picht gehandelt — Silbermünzen geſtohlen.
Loſchkes — ſilberne Löffel.
Die Kluke mit den Küken — der Vorlegelöffel mit den dazu gehörigen kleineren Eßlöffeln.
187Knorden — ſilberne Schnallen.
Chembene — eine Bude, Kaufmannsladen.
Chembene handeln — aus einer Bude oder einem Kauf - mannsladen ſtehlen.
Spieſe — ein Wirthshaus.
Keß oder Cheß — klug, in specie in Diebsſachen.
Keſſer Wirth — ein in Diebsſachen wohl erfahrener Wirth, vor dem die Diebe ohne Scheu ihr Diebsweſen treiben können, der von allem Beſcheid weiß, ihnen zu ihren Diebereien allen möglichen Vorſchub leiſtet, ſie ſelbſt und die geſtohlenen Sachen, auch die Diebes-Jnſtrumente verbirgt.
Keſſe Spieſe — ein Wirthshaus, in welchem die Wirths - leute Keß ſind.
Kokum oder Kochum — klug. Jſt ſynonym mit Keß.
Kokum Lohſchen — die kluge Sprache, die Diebsſprache.
Witſch — dumm, im Gegenſatz von Kokum und Keß.
Pichtgeuder — ein Geld-Comtoir.
Eitzebajes — ein Rathhaus oder Amthaus.
Klaismelokener — ein Goldſchmidt.
Schuk — der Markt.
Geritt — die Meſſe.
Schnellen — ſchieſſen.
Pfeffern — laden.
Glaſeims — Schieß-Piſtolen.
Eſchkoche — ſich in Acht nehmen.
Piskenpeh — eine Ausrede, Ausflüchte.
Schofel Piskenpeh — ſchlechte Ausrede, eitler Vorwand.
Schäker — Lügen.
Baläze — Richter.
Marachum — gnädig.
Emmes — die Wahrheit.
Schemis — die Sonne.
Lattgener — ein Dieb in sensu lato.
Strohmer — ein Vagabonde.
Bajis — ein Haus.
188Cheuder — eine Stube, ein Zimmer.
Neir — das Licht.
Chalm oder Kalonis — das Fenſter.
Blinde — der Fenſterladen.
Barſeilum — das Vorlege-Eiſen vor dem Laden.
Tohle — ein Vorlegeſchloß.
Pferdetohle — das größte von allen Vorlegeſchlöſſern.
Schneidetohle — ein langes ſchmales Vorlegeſchloß.
Blatte beſieg — ein Stubenthür-Schloß.
Bohnherr — derjenige, welcher einer Diebsbande, wenn ſie wo hin gehen will, um einen Diebſtahl zu verüben, den Weg zeigt.
Zacken — das Meſſer.
Finkel〈…〉〈…〉 die Küche.
Kitt〈…〉〈…〉
Lawone — der Mond, mondhell.
Kohſchohg — dunkel, wenn es nicht mondhell iſt.
Leile — die Nacht.
Geglitſch — geſchloſſen, mit Ketten belaſtet.
Bosgenen — Schlöſſer öffnen.
Berkohg oder berkaug — gewaltſamer Weiſe.
Berkohg handeln — gewaltſamer Weiſe ſtehlen, durch nächtlichen Ueberfall, mit Binden und Mishandeln der Beſtohlenen.
Stratefegen — auf öffentlicher Landſtraße rauben.
Sulm — eine Leiter.
Tulm — der Galgen.
Jna oder Jnne — die Folterbank.
Hoige — Schläge, Prügel.
Leff — das Herz.
Jom — der Tag.
Lex〈…〉〈…〉 ein Hund.
Beller###
Kälef###
Oſſene### eine Uhr.
Lupper###
Krumkläpchen — ein Schreibpult oder Büreau.
189Tchilles — Abends im Dunkeln, vor Aufgang des Mondes.
Dofes — feſt ſein, in Arreſt ſein.
Verſchüttet — in Arreſt befindlich, gefangen genommen.
Treiffe — verdächtige Sachen bei ſich haben.
Treiffe verſchüttet — bei dem, wie er gefangen genom - men worden, ſich verdächtige Sachen gefunden haben.
Treiffe Sohre — geſtohlene Sachen.
Poter — frei ſein, ſeine Freiheit wieder haben.
Schliechnen — bekennen, verrathen, Geheimniſſe ausſagen.
Schliechner — ein Verräther, der bekannt hat. Jſt das größte Schimpfwort bei den Dieben.
Pfeiffen — bekennen.
Gohle — der Strafkarren, Karrenſchieber-Strafe.
Palm### ein Soldat.
Jſchmechone###
Palpohf — ein Herr.
Meſchores — ein Knecht.
Beſug — die Oeffnung, in specie die Oeffnung, welche die Diebe in das Behältniß, welches beſtohlen werden ſoll, gemacht haben, wenn ſie Thüren oder Fenſterladen beim Stehlen ſchon er - brochen haben.
Zink — ein Diebszeichen, durch Pfeiffen u. ſ. w.
Zinken ſtechen — ein Diebszeichen von ſich geben.
Schemire — Schildwacht, Poſten.
Schule — die ganze Sammlung von Dietrichen und Diebs - ſchlüſſeln, vom kleinſten bis zum größten.
Münge### Geld.
Meſſumme###
Horn###
Gefleim — mehrere Louisd’or zuſammen.
Käſef — Silber.
Johſchen — ſchlafen.
Roinen — ſehen.
Linſen — horchen.
Jſch oder Jſcho — eine Frau.
190Tikmelokener — ein Uhrmacher.
Schoh — die Stunde.
Schauter — der Schließer, Pförtner.
Lieche — ein heimlicher Weg.
Einem die Lichte bringen — Jemand beſtehlen.
Schild einlegen — durch eine Wand einbrechen.
Abſtecher — ein Eiſen von der Feder eines Einſchlagemeſſers, welches die Diebe als Tabackspurrer an ihren Tabacksbeuteln haben und womit ſie zugleich die Vorhängeſchlöſſer eröffnen.
Päger oder Payger — ein mit Krähenaugen vergifteter Pfannkuchen, desgleichen die Diebe bei ſich führen, um vorher da, wo ſie ſtehlen wollen, die Hunde zu vergiften.
Bequure legen — verbergen, vergraben.
Bekibbiſchen — viſitiren, betaſten.
Untermakken — unterſchlagen, wenn z. B. der Ballmaſſe - matten von den geſtohlenen Sachen etwas vor den andern Die - ben verheimlicht, es nicht zur Theilung kommen läßt.
Kehſcher — ein Diebsknoten, der ſo künſtlich iſt, daß nur ein Dieb ihn aufzulöſen im Stande iſt.
Tohfle mone tiffle — die katholiſche Kirche.
Mare Mokkum — die Stadt beweiſen, d. h. bezeugen, daß die Angabe eines in Arreſt befindlichen Diebes (er ſei in der Nacht des verübten Diebſtahls anderwärts — bei dieſem oder jenem Wirth — geweſen) wahr ſei. Dies Marmokkum (Beweis der exceptionis alibi) verlangen die Diebe von ihren Keſſen-Wirthen. Brade hat einſt zu einem Keſſenwirthe, der ihn gefragt hat: wie es denn nun aber würde, wenn er dieſerwegen ſeine Ausſage vor Ge - richt beeidigen müſſe? — geſagt: „ Ey, ſo müßte er ſeine Seele zum Teufel ſchwören “.
Erläuterungen ſind kaum hier und da nöthig. Kohkum - lohſchon iſt niederdeutſche Verfärbung von Chochom loſchon. Ebenſo Kohſchohg für Choſchech, und Hoige für Heiche von Hikko, Nacho. Originell und treffend iſt der Ausdruck Eſchkoche, ſich in Acht nehmen, von chochom, klug, gewitzigt, und esch (〈…〉〈…〉), Feuer, wol mit Bezug auf die deutſche Parömie: Gebrannte191 Kinder ſcheuen das Feuer. Bequure iſt, wie manche andere Ausdrücke, phonetiſch richtig aufgefaßt, wenn auch unorthographiſch, für Bekwure, von〈…〉〈…〉, keber, Grab. Vortrefflich iſt der Unter - ſchied zwiſchen Kiß und Klumnick dargeſtellt. Merkwürdig iſt hier noch das erſte Vorkommen der ſeltſamen Ueberſetzung des Lupper, Luppe (vom lateiniſchen lupa, Hure) und des Oſſene, Oſſne (vom jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, osen, ausen, Pl. 〈…〉〈…〉, Ohr) mit Uhr, welche beide Ausdrücke mit der Bedeutung Uhr vom Gaunerthum durchaus recipirt ſind. Wenn beide Ausdrücke ein - zeln auch als Druckfehler erſcheinen, ſo können ſie hier bei ihrem Zuſammentreffen und erſtem Erſcheinen ſehr füglich als abſichtliche themuratiſche Transpoſitionen gelten.
Zum Schluß der trefflichen, wohlgelungenen Arbeit gibt Mejer („ Neues Hannoveriſches Magazin “, Stück 34 und 35) noch ſehr intereſſante Mittheilungen über die in der Brade’ſchen Bande üb - lich geweſene Vertheilung der Beute und über die Paralyſe des Gaunerthums überhaupt. Die ganze Arbeit wurde noch einmal im „ Reichsanzeiger “, 1807, Nr. 114, 118, 119, 120, 124 und 163 abgedruckt und fand neben dem verdienten Beifall hier und da eine Beſprechung. Damit war aber auch alles abgethan, und wiederum blieb die linguiſtiſche Forſchung ganz danieder liegen.
Mejer hatte den erfreulichen Beweis geliefert, wie das be - rufene Talent bei einer gründlich und tüchtig geführten Unter - ſuchung reichliche Gelegenheit finden kann, gerade auch in der Sprache das Weſen des Gaunerthums in ſeinem tiefſten Jnnern zu entdecken. Mit Recht durfte man erwarten, daß bei ſpätern linguiſtiſchen Arbeiten dies tüchtige Muſter berückſichtigt und auf dieſer trefflichen Grundlage weiter gebaut würde. Da trat denn nun auch fünf Jahre ſpäter Pfiſter in ſeiner „ Actenmäßigen Ge -192 ſchichte der Räuberbanden an den beiden Ufern des Mains “u. ſ. w.1)Vgl. die Literatur Th. I, S. 250 fg. und zwar I, 213 fg., und II (Nachtrag), 346 fg., als Gauner - linguiſt auf, um die durch Mejer endlich ſo höchſt erfreulich be - lebte Gaunerlinguiſtik leider recht wieder in die alte dürre Ver - knöcherung der Rotwelſchen Grammatik zurückfallen zu laſſen. Pfiſter manifeſtirt ſich auch hier in der vollen Eigenthümlichkeit ſeiner Erſcheinung. Wie er überhaupt mehr Fleiß und guten Wil - len als Geiſt und Scharfblick zeigt, wie die klare Objectivität ſehr häufig ſeiner ſanguiniſchen Subjectivität weicht und ſeine kritiſche Betrachtung in Sentimentalität überſchlägt, ſodaß er ſogar die furchtbar ernſte Hinrichtung ſeiner Hauptinquiſiten zu einer mit den Couliſſen der Eitelkeit decorirten dramatiſchen Darſtellung machen konnte: ſo vergnügte er ſich wie an allen Momenten ſei - ner Unterſuchung ſo auch an der ihm hier entgegenklingenden Gaunerſprache, und ließ in der Freudigkeit über ſeine gaunerlin - guiſtiſche Errungenſchaft ſich ſogar hinreißen, gleich ſelbſt mit Gaunerzungen zu reden und eine „ Gauneridylle “zu componiren, über welche jeder Gaunerſprachkundige wie über den verſeſſenſten Galimatias lächeln muß. Sein ganz kümmerliches Sprachmaterial hat Pfiſter in voller Hingebung an ſeine gauneriſche Clientel und in vollem Vertrauen auf ihre unfehlbare Autorität mit vielem Fleiß, aber ohne alle eigene Kenntniß und ohne alle kritiſche Son - derung niedergeſchrieben, ſo ganz kurz und kauſtiſch, wie ihn ſeine Gauner, wenn auch leidlich ehrlich, aber doch keineswegs mit voll - kommener Offenheit abgefunden hatten. Darin liegt offenbar der Grund der überaus dürren Form und des magern logiſchen Ver - ſtändniſſes in der ganzen Vocabulatur Pfiſter’s, und darum konnte auch nach dem Erſcheinen des erſten linguiſtiſchen Theils der Re - cenſent Br. in Nr. 174 und 175 des „ Reichsanzeigers “vom Jahre 1812 mit ſcharfem und gründlichem Tadel rügen, daß Pfiſter bei der ihm gebotenen ſehr günſtigen Gelegenheit nicht beſſere und gründlichere Ausbeute gemacht hatte. Es iſt bezeichnend, daß und wie Pfiſter, welcher ſchon im Auguſt 1812 im Nachtrage, S. 346 fg.193 mit Empfindlichkeit in einer flachen Apologie ſich gegen die Kritik ausſpricht, mit einer neuen, ſehr ſtarken Vocabelzuthat hervortritt, „ welche zum Theil aus weiterer Aushebung ſeiner früheren Col - lectaneen, theils aus Benutzung einiger zerſtreuter Bekanntmachun - gen (?), zum größten Theile aber aus neueren Aufnahmen (?) und Vergleichungen, welche er machte, beſtanden, wobei er ge - fliſſentlich auch auf Anführung der beſonderen Ausſprache Rückſicht genommen hatte. “ Allerdings ſind die Vocabeln bei Pfiſter dia - lektiſch ſtark verfärbt, namentlich tritt das ſchwäbiſche Jdiom ſcharf hervor. Dieſe Verfärbung erſtreckt ſich, recht im Gegenſatz zu den ſchlichten Mejer’ſchen Vocabeln, auch auf das hier ebenfalls ſtark vertretene Judendeutſch und auf das hier häufiger als ſonſt vor - her ſich hervordrängende Zigeuneriſche. Doch bedarf es ſchon kei - ner beſonders ſcharfen kritiſchen Lupe, um unter den von Pfiſter nirgends genannten Quellen für ſeine Vocabeln beſonders den con - ſtanzer Hans als spiritus familiaris zu erkennen. Keineswegs aber trifft Pfiſter das hohle und abſprechende Urtheil Thiele’s, „ Jüdiſche Gauner “, I, 204, daß nämlich „ das ziemlich fehler - hafte (?) Lexikon ausſchließlich den Jargon betreffe, welcher faſt ausſchließlich von Spitzbuben chriſtlicher Abkunft geſprochen ſei, welchen Pfiſter ſich gegenüber befunden habe “!!
Aus der Prüfung der ganzen Wörtermaſſe, welche Pfiſter in beiden Abtheilungen zuſammengetragen hat, ergibt ſich, daß er durchaus keine eigene linguiſtiſche kritiſche Forſchung unternommen, ſondern nur mit leider allzu großer dogmatiſcher Treue die kahle Vocabulatur mit der trockenen, dürftigen und oft ſogar incorrecten logiſchen Erklärung niedergeſchrieben hat, wie ſie oft erſichtlich aus recht verdroſſenem, mürriſchem Gaunermunde gegeben ſein mochte, wobei denn auch in der großen Maſſe die beſſere Zuthat aus conſtanzer Hans und aus anderweiten Quellen nicht recht hervortreten und das Ganze heben konnte. Einen frappanten Be - weis von Pfiſter’s mangelhafter Linguiſtik liefert aber ſeine in der That recht ſeltſame Begegnung mit dem in ſeiner ganzen perſön - lichen und amtlichen Weiſe den ſchärfſten Gegenſatz zu ihm bilden - den Polizeimeiſter C. D. Chriſtenſen in Kiel, von welchem imAvé-Lallemant, Gaunerthum. IV. 13194nächſten Kapitel die Rede ſein wird. Hier iſt noch zu bemerken, daß wie die Rotwelſche Grammatik ſo auch Pfiſter ſeine zahlreichen Epigonen gehabt hat1)Um nur ein Beiſpiel anzuführen, mit welcher bodenloſen Unwiſſenheit und Keckheit dieſe Epigonen blindlings alles nachgeſchrieben haben, was ſie vor - fanden, ſei hier nur die ſchon von Falckenberg, II, 376, erwähnte Probe aus dem „ Wörterbuch der Gaunerſprache, zum Gebrauche für Polizeibeamte und Gensdarmen von F. W. Schulz, ehemaligem Weſtphäliſchen General-Polizei - Commiſſär “(Magdeburg 1813) angeführt, daß nämlich Schulz das bei Pfiſter für Viehmarkt mit Viehmaſt, als Ueberſetzung von Behemes-Schock, gegebene, offenbar nur verdruckte Wort wirklich als Viehmaſt nachgedruckt und in dieſer Bedeutung auch in das Franzöſiſche, Holländiſche und Jtalieniſche überſetzt hat., welchen daran lag, in eine recht volle Wort - maſſe zu greifen, ohne die von ihnen wiedergegebenen Einzelheiten kritiſch ſichten und ſondern zu können. Weſentlich aus der blin - den Ausbeutung der Rotwelſchen Grammatik und des Wörterbuchs von Pfiſter iſt jene Flut der neuern Gaunerwörterbücher entſtan - den, welche von verdruckten, misverſtandenen und erdichteten Vo - cabeln wimmeln und trotz der prunkenden Titel „ aus Criminal - acten “oder „ aus eigenen praktiſchen Erfahrungen “den tollſten und verlogenſten Galimatias enthalten, über welchen das Gauner - thum mit wiehernder Luſt ſpottet, durch welchen es aber auch in ſeiner Propaganda an Muth und Sicherheit und, dem Jnquiren - ten gegenüber, an der bodenloſeſten Frechheit ſo unſaglich gewon - nen hat, daß die einſchlagenden zahlreichen, ihres Gleichen nicht findenden Myſtificationen aus gewiſſen Rückſichten hier nicht einmal in einem einzigen Beiſpiele enthüllt werden dürfen.
Bald nach dem Erſcheinen des Pfiſter’ſchen Wörterbuchs und mitten in dem regen Eifer, mit welchem die noch immer im Kampfe mit dem Gaunerthum liegenden Behörden nach dieſem195 neuen Orakel griffen, ſollte Pfiſter’s Linguiſtik eine Probe beſtehen, welche in der eigenthümlichen Weiſe und Gelegenheit, wie ſie ſtatt - fand, ſogar ihre humoriſtiſche Seite hat. Den Anlaß dazu gab der wackere Polizeimeiſter C. D. Chriſtenſen in Kiel. Wie ſchon Th. I, S. 209, Note 3, angedeutet iſt, hauſte zur Zeit der fran - zöſiſchen Occupation Lübecks, 1811 — 13, ein Theil der gefährlich - ſten Räuber, welche Mitglieder der verſprengten holländiſchen Banden geweſen waren, gerade in Lübeck. Von dieſer unglück - lichen Stadt aus wurden die frechſten Raubzüge in die Nachbar - ſchaft unternommen und unter anderm in der Nacht vom 25. zum 26. Febr. 1811 in dem eine Stunde von Lübeck gelegenen holſtei - niſchen Dorfe Stockelsdorf ein frecher Raub ausgeführt, infolge deſſen von der flüchtig gewordenen lübecker Bande ſieben Mitglie - der noch in Lübeck ſelbſt zur Haft gebracht und nach Holſtein aus - geliefert wurden, woſelbſt Chriſtenſen, als Mitglied der von der Regierung eingeſetzten Unterſuchungscommiſſion wider die Räuber - bande, wichtigen Antheil an der ſehr tüchtig geführten Unterſuchung hatte und über letztere das in der Literatur Th. I, S. 253, be - urtheilte treffliche kleine Werk herausgab. Jn dieſem iſt nun S. 34 — 54 von Chriſtenſen auch ein aus dem Munde ſeiner Jn - quiſiten geſammeltes Verzeichniß Jeniſcher Wörter gegeben, wel - ches in hohem Grade werthvoll iſt, da die Jnquiſiten alte ver - ſuchte Mitglieder der holländiſchen Banden waren und in ihren Vocabeln Ausdrücke gaben, welche in dieſen Banden gebräuchlich und niemals vorher geſammelt worden waren. Noch mehr ſteigert ſich aber das Jntereſſe durch den Umſtand, daß Chriſtenſen ſeine Vocabeln mit den Vocabeln Pfiſter’s zuſammenſtellte und damit ganz abſichtslos den erſten Verſuch einer Gaunerſprachſynonymik machte, welche bisjetzt noch immer einzig in ihrer Art geblieben iſt. Bei dieſer zufälligen Synonymik ſpielt die Perſönlichkeit1)Die Perſönlichkeit dieſes Mannes von ſeltener Herzensgüte war durch - aus imponirend und von draſtiſcher Wirkung, wenn er ſie mit ſeiner eigenthüm - lichen Kraft geltend machte. Aeltere Leute, welche ihn und ſeine ausgezeichnete, raſtloſe Thätigkeit im benachbarten Kiel gekannt haben, wiſſen von ihm pikante des13*196wackern, ſchon längſt verſtorbenen, aber unvergeßlichen Chriſtenſen eine bemerkenswerthe Rolle. Obwol er eher alles andere in der Welt war als Linguiſt, und obwol er von Weſen, Stoff und Bau der Gaunerſprache ſo gut wie gar keine Kenntniſſe hatte, konnte doch ſeinem großen Scharfſinn die wichtige Geltung der Gauner - ſprache überhaupt nicht entgehen, welche ihm überall entgegentrat. Er fing an, Vocabeln aus dem Munde ſeiner Gauner zu ſam - meln. Bei ſeinem ſtrengen Ernſt und ſeltenen Scharfblick hätten ſeine Jnquiſiten nicht wagen dürfen, ihn zu täuſchen oder auch nur ſo kurz abzufertigen, wie Pfiſter’s Gauner das erſichtlich ge - than hatten. Dieſe vollkommene perſönliche Gewährleiſtung Chri - ſtenſen’s macht ſich denn auch in der ganzen echt gauneriſchen, wenngleich dialektiſch ſtark verfärbten Vocabulatur durchaus gel - tend. Man findet in dem ganzen Wortvorrath, wie das die Ver - gleichung ergibt, die unverkennbare Erbſchaft des Dreißigjährigen Krieges wieder, wie ſie zuerſt bei Andreas Hempel deponirt und im weitern Erbſchaftszuge fortgegangen iſt. Doch findet man die Maſſe bei Chriſtenſen begreiflicherweiſe mannichfach verändert und namentlich mit jüdiſchdeutſcher und beſonders dialektiſch niederdeut - ſcher Beimiſchung bis zur Entſtellung verſetzt. Man kann mit Sicherheit ſagen, daß Chriſtenſen’s Gauner bei weitem offener und beſtimmter mit ihrem linguiſtiſchen Teſtamente waren als Pfiſter’s Gauner. Chriſtenſen hatte nur die eine einzige Quelle: den Gau - nermund. Pfiſter hatte aber, im Gefühl der Unſicherheit ſeinen Jnquiſiten gegenüber, noch nebenher nach andern Quellen ge - griffen, die er aber verſchweigt, weil er ſie nicht als ſeine eigene directe Ausbeute geben konnte und die er doch als ſolche mit1)Polizeianekdoten genug zu erzählen. Bei aller ſeiner hohen geiſtigen Befähi - gung, ſeinem größen Fleiß und Scharfſinn zog er es doch oft vor, den gordi - ſchen Knoten einer verwickelten Unterſuchung mit reckenhaftem und jedesmal glücklichem Streiche durchzuhauen. Einem alten, geſchulten Spitzbuben, wel - cher eines Silberdiebſtahls verdächtig war, rief er beim Eintritt ins Verhör - zimmer ſo imponirend mit ſeiner kräftigen Stimme entgegen: „ Na, hett he de Lepels mitbröcht, de he ſtahlen hett?! “daß der entſetzte Gauner auf der Stelle den Silberdiebſtahl eingeſtand.197 durchlaufen ließ. Wie nun Chriſtenſen mit ehrlicher Treue S. 33 erzählt, ging er mit ſeinen Gaunern das ſoeben in friſcher Neu - heit und Berühmtheit aufgetauchte Pfiſter’ſche Wörterbuch durch und — ſeine Gauner „ erklärten einſtimmig, daß dieſe Sprache wol einige Wörter enthalte, die mit denen der Jeniſchen gleich - lautend, die mehrſten Wörter aber ihnen völlig unbekannt ſeien “. Dieſer Verſicherung Chriſtenſen’s darf man vollen Glauben ſchen - ken. Er ſelbſt war gänzlich unerfahren in der Gaunerſprache, namentlich in ihrer dialektiſchen Dehnbarkeit und Mannichfaltigkeit, und konnte die flüchtige magere Redaction und die dialektiſchen Entſtellungen in Pfiſter’s Vocabeln ſeinen Gaunern nicht durch helfenden Nachweis aufklären. Seine Gauner hatten, wie aus ihrem Vocabelvorrath hervorgeht, beſonders in Norddeutſchland von Holland herüber ihr Weſen getrieben und in ihrem Vocabel - vorrath ganz die dialektiſche Abfärbung ihres Tummelplatzes an - genommen. Pfiſter’s Vocabeln, mit zum Theil unverſtändlicher, einſeitiger und ſogar nicht ſelten falſcher Jnterpretation, hatten vorherrſchend ſchwäbiſche und ſchweizeriſche Abfärbung, welche im Vocabular namentlich durch die Benutzung der Vocabeln des con - ſtanzer Hans noch verſtärkt wurde. Wenn z. B. Pfiſter’s Gauner das „ Baldobern “mit verrathen, entdecken, überſetzten (anſtatt treffender mit auskundſchaften), ſo konnten ſchon Chriſtenſen’s Gauner dies bekannteſte aller Gaunerwörter in der gegebenen Be - deutung „ verrathen, entdecken “leicht als falſch verwerfen, da ſie ſelbſt für dieſen Begriff das treffende „ verſchlichnen “(verſlichnen) oder „ verrettern “hatten. Ebenſo hatten Pfiſter’s Gauner das ganz böhmiſche „ Balifker-Gordel “(poljwka, Suppe, kotel, Keſſel) als Kochkeſſel gegeben, wofür Chriſtenſen’s Gauner das nieder - deutſch gemiſchte „ Finkel-Kordel “hatten. Aus Pfiſter’s Per - maſſenmatter (Balmaſſematten) konnten Chriſtenſen’s Gauner ihren Bollmaſamolten nicht herausfinden u. ſ. w.
Dieſe philologiſche Hartnäckigkeit ſeiner Gauner machte den ſoeben erſt mit Mühe zum Gaunerſprach-Empiriker an ihnen ge - wordenen wackern Chriſtenſen ſtutzig. Er ſagt darüber S. 34: „ Die genaue Kenntniß, welche dem Herrn Stadtdirector Pfiſter198 die ſo weitläuftige1)Das iſt offenbare Jronie. Denn am 1. Mai 1811 fiel der Raubmord bei Laudenbach vor, welcher Anlaß zu der von Pfiſter dargeſtellten Unterſuchung gab, und ſchon fünf Monate ſpäter, im October 1811, ſchrieb Pfiſter die Vor - rede ſeines Buchs, welches auch das erſte Gaunerwörterverzeichniß enthielt. Unterſuchung gegen die dort inhaftirten Räu - ber und Vagabonden verſchafft haben muß, brachte mich anfangs auf die Jdee, ob die Sprache der hier (in Kiel) einſitzenden Räu - ber vielleicht nur das gewöhnliche Judendeutſch ſei. Jch legte da - her andern unverdächtigen Juden mehrere dieſer Ausdrücke vor. Dieſe haben indeß erklärt, daß dieſe Sprache nicht das ſogenannte Judendeutſch, vielmehr ihnen völlig unbekannt wäre. Wenn ich nun in Erwägung ziehe, daß andere hier verhaftete ſehr berüchtigte Räuber Chriſtlicher Religion, wie z. B. der im Gefängniß erhenkte Schmidt oder Hamburger Fuchs, und der von hier entflohene Köſter dieſe Sprache ganz geläufig ſprachen und daß nach Ver - ſicherung der übrigen Gefangenen nur dieſe unter den Räubern geſprochen wird, ſo halte ich es der Mühe werth zur beſſern Ver - gleichung beider Sprachen einige der darin vorkommenden Aus - drücke neben einander zu ſetzen, und ſo zur Kunde des Publicums zu bringen. “
Das iſt die Geſchichte dieſer ſehr intereſſanten Synonymik, welche ein frappanter Beleg zu der ſchon aufgeſtellten Behauptung iſt, wie viel bei der Kritik von Gaunerſprachvocabeln auf die Per - ſon des Sammlers ankommt. Sie charakteriſirt aber auch zugleich einen Mann, der grundehrlich gegen ſich und gegen andere war und gerade dadurch ſeinem Wörterbuch den Charakter vollkomme - ner Echtheit und Zuverläſſigkeit verlieh. Jedenfalls hat Chriſten - ſen’s Wörterbuch claſſiſchen Werth, wenn auch in Hinſicht auf Verſtändniß und Redaction mitunter Verſtöße vorkommen. Bei dem wüſten Schwall der rotwelſchen und Pfiſter’ſchen Epigonen - literatur iſt es kaum über Norddeutſchland hinaus bekannt, nie - mals aber nach ſeinem bedeutenden Werthe gewürdigt worden. Es verdient jedoch ſeinen Platz in erſter Reihe der Gaunerwörter - bücher. Es folgt hier ganz in ſeiner originellen Faſſung mit den199 Pfiſter’ſchen Vocabeln. Nur die gröbſten Fehler ſind verbeſſert und einige Anmerkungen unten in den Noten hinzugefügt.
Jeniſch, nach dem Herrn Stadtdirector Pfiſter.
Jeniſch, wie die Gefangenen Räuber in Kiel es ſprechen.
Unmittelbar nach Chriſtenſen behandelte Falkenberg im zwei - ten Theile ſeines bereits in der Literatur Th. I, S. 256 beurtheil - ten „ Verſuchs einer Darſtellung der verſchiedenen Klaſſen von Räubern “u. ſ. w. das ſchwierige Thema von der Diebsſprache (S. 364 fg. ) und gab dazu noch ein „ Wörterbuch der Diebsſprache, genannt Zigeuner -, Jeniſch -, Gauner -, Schurer -, Rothwälſche und Kochumer-Sprache “(S. 381 — 432).
Falkenberg verdient inſofern Anerkennung, als er ein fleißiger Compilator geweſen iſt, wie keiner vor ihm. Auch gibt er mit Umſicht und Gewiſſenhaftigkeit die Quellen an, aus welchen er geſchöpft hat. Somit macht er, obgleich in nur dürftiger, doch immerhin erfreulicher Weiſe, den Anfang zu einer hiſtoriſchen Grammatik, wenn er auch in der geſchichtlichen Darſtellung der Gaunerſprache ſelbſt nur oberflächlich und unſicher iſt und im ent - ſchiedenſten Jrrthum ſich befindet, wenn er (S. 369) in ſchlimmer Verkennung der Hauptgrundlage, welche die deutſche Sprache in der Gaunerſprache bildet, den Eingang deutſcher Terminologien erſt aus dem allmählichen Abgang fremdſprachlicher Typen herlei - tet. Auch mußte er nicht behaupten (S. 370), „ daß man bei jeder doppelten Bezeichnung von Spitzbubenausdrücken die eine aus - ſchließlich jüdiſchen Dieben, die andere ſolchen Spitzbuben zuſchrei - ben dürfe, welche der hebräiſchen Sprache nicht mächtig ſind “, eine Behauptung, welche ſofort ſchon durch das dem Verfaſſer zur Hand gegebene Wörterverzeichniß Chriſtenſen’s reichlich widerlegt wird. Falkenberg’s ſchwache Seite iſt, daß er an den aus defecten und unvollkommenen Quellen ihm zugegangenen maſſenhaften Stoff keine eigene gründliche Kritik gelegt hat, ſondern daß er, wenn auch mit treuem Fleiß, alles bunt durcheinander geſammelt hat, was er erreichen konnte. Daher hat er denn auch die alten Druck - fehler ſeiner Quellen ohne weiteres mit aufgenommen und ſtabil gemacht. So hat er Amhooetz für das verdruckte rotwelſche223 Amhovetz (Amhorez), welches er nach der Rotwelſchen Gramma - tik ganz falſch mit „ mislungener Diebſtahl “überſetzt; Bato bei Chriſtenſen verdruckt für zig. Balo, Schwein u. ſ. w. Aber auch ſehr ſchlimme Verſehen kommen vor; z. B. für Oſſne, Uhr, hat Falkenberg Offene, das nicht verdruckt ſein kann, da es in alpha - betiſcher Ordnung zwiſchen Oeh und Oger ſteht; ſo Waare Mocum für Mare Mocum, falſches Zeugniß; Tſchurn, Ant - wort, für Teſchuva. Aus dem Boſſer-Jſch (vgl. Fleiſchmann, S. 142) der Rotwelſchen Grammatik, nach welcher bei Chriſten - ſen der üble Druckfehler Boſer, Tiſch entſtanden iſt, hat Falken - berg mit ſehr unglücklicher Kritik Boſer, Fiſch, Polizeibeamte, Gerichtsdiener, gemacht u. ſ. w. Falkenberg iſt daher nicht durch - aus zuverläſſig, ſondern ſtets nur mit vorſichtiger Kritik zu ge - brauchen, um die mancherlei originellen Ausdrücke herauszufinden, welche er in der großen Unterſuchung wider die Horſt’ſche Mord - brenner - und Räuberbande zu ſammeln Gelegenheit hatte und welche man als tüchtige Bereicherung der Lexikographie gelten laſſen muß.
Wie Falkenberg’s ganzes Werk von Wenmohs eine, bereits Th. I, S. 257 mit Ernſt zurückgewieſene, leichtfertige und unge - rechte Beurtheilung erfahren hat, ſo iſt auch ſeine ganze Linguiſtik in Gemeinſchaft mit Grolman’s Wörterbuch von ſeiten des Poli - zeicommiſſarius L. von Dydczinsky zu Berlin in Merker’s „ Bei - trägen zur Erleichterung des Gelingens der praktiſchen Polizei “, Jahrg. 1824, S. 265 fg., einer Kritik unterzogen worden, welche an Eitelkeit, Seichtigkeit und Unwiſſenheit ſelten ihres Gleichen findet und von welcher hier, um das Andenken zweier ſehr ver - dienſtvoller Männer in Ehren zu halten und um zugleich einen Beweis von dem tiefen Verfall der Gaunerlinguiſtik und der neuern Polizeiliteratur überhaupt zu liefern, einige Auszüge folgen. Es iſt ſchon in der That ein wehmüthiges Gefühl, wenn man die nackte Unwiſſenheit ſich ſo auf das hohe Pferd ſetzen ſieht und gleich von vorn herein den vermeſſenen Kritiker L. von Dydczinsky a. a. O., S. 267, die Verſicherung ausſprechen hört, „ er habe dem « Loſchaun ha kaudiſch » eine vorzügliche Aufmerkſamkeit ge -224 ſchenkt “, und nun die ernſten Arbeiten zweier bedeutender Männer friſchweg ſo abgefertigt werden, daß D. beide linguiſtiſche Werke „ ein Chad gadje1)Chad gadjo, ein Zicklein, Anfang des weit bekannten chaldäiſchen Oſter - liedes, als Bezeichnung des bunten Durcheinander, „ Kraut und Rüben “. Vgl. Tendlau, a. a. O., Nr. 102. Das Lied ſteht bei Wagenſeil, „ Belehrung “, S. 108. von Jeniſch, Rotwelſch, Hebräiſch, Zigeune - riſch, Jüdiſch und der Kochumer-Sprache “nennt, wobei er denn ſchon ſelbſt einen Unterſchied macht zwiſchen den (völlig gleichbedeu - tenden) Bezeichnungen Jeniſch, Rotwelſch und Kochumer-Sprache! Der hochfahrende Kenner des „ Loſchaun ha kaudiſch “ereifert ſich über das bei Grolman, S. 66, Col. 2, vollkommen correct geſchrie - bene und ebenſo correct mit „ Verachtung, Schande “erläuterte Silſul und meint (S. 278), es müſſe durchaus Soſeil, Teufel, heißen. Mit dieſem „ Soſeil “iſt doch wol der berühmte alte Sün - denbock〈…〉〈…〉, asosel, gemeint (vgl. 3. Moſ. 16, 10), mit welchem Dydczinsky ein verwegenes Spiel treibt, indem er die völlig cor - rupte Stelle anführt: „ Gai l’ſchaſch w’la Soſeil! “womit er auf die bekannte Redensart deutet:〈…〉〈…〉, leschasch, abbrevirt aus〈…〉〈…〉, leschem schedim, ins Teufels Namen, zum Teufel, und auf das gleichbedeutende〈…〉〈…〉, lasosel, zum Teufel! Vgl. das jüdiſchdeutſche Wörterbuch und Tendlau, a. a. O., Nr. 441. Ferner tadelt Dydczinsky das bei Grolman correct gegebene Miſſa Meſchunne, verbeſſert es mit „ A mieße maſchunne “(〈…〉〈…〉, jäher Tod), wagt aber auch nicht, die heikle Redensart zu über - ſetzen und verbeſſernd zu erläutern. Bei dieſer rohen Unwiſſenheit hat der Verfaſſer doch noch den Muth auszuſprechen (S. 267), „ daß er in günſtigern Verhältniſſen dem Publikum ein Wörter - buch der Gaunerſprachen zu überreichen geſonnen ſei “. Von der Erfüllung dieſer ſchweren Drohung iſt jedoch zum guten Glücke nichts bekannt geworden. Was aber ſoll man ſagen, wenn der vermeſſene, abſprechende Tadler Falkenberg’s und Grolman’s S. 266 bei Erwähnung der Luther’ſchen Ausgabe des Liber Va - gatorum die Vorrede Luther’s in der Note 5 mit dieſen Worten einleitet: „ Vorrede D. M. Lutheri über das Anno 1528 wieder aufgelegte Büchlein, von der falſchen Bettler-Büberei. Welche225 Vorrede zu finden in ſeinem vierten Jeniſchen Deutſchen Theil am 422 Blatt der Edition Anno 1556 und am 381 der Edition 1560 und alſo lautet “u. ſ. w.
Dydczinsky wollte die bekannte jenenſer oder jenaiſche Aus - gabe der Werke Luther’s citiren, von der er wol einmal etwas gehört haben mochte, und — ließ nun Luther vier Theile Jeniſch Deutſch ſchreiben!! Was dachte Dydczinsky von Luther! Und was muß man von Dydczinsky, was vom Berufe zur Kritik über - haupt und was von ſolcher Jüngerſchaft der deutſchen Polizei und Wiſſenſchaft denken!
Aus derſelben Quelle, aus welcher Falkenberg die originellen Wörter für ſein Wörterbuch genommen hatte, nämlich aus der um - faſſenden Unterſuchung wider die große norddeutſche Mordbrenner - und Räuberbande, welcher auch der mit ſeiner Concubine Luiſe Delitz am 18. Mai 1813 zu Berlin lebendig verbrannte Peter Horſt angehörte, hatte auch der Polizeiaſſeſſor H. L. Hermann zu Berlin ein kleines Wörterverzeichniß zuſammengetragen, welches er ebenſo anſpruchslos wie überhaupt ſeine (bereits Th. I, S. 252, in der Literatur beurtheilte) Geſchichte des Horſt’ſchen Criminal - proceſſes gibt. Die Kleinheit des Verzeichniſſes von nur 97 Vo - beln hindert nicht, es als recht tüchtig und brauchbar zu bezeich - nen. Mit unbeirrter Treue hält Hermann in dieſer Sammlung feſt an der mundartigen Form, wie ſie ihm direct aus dem Munde ſeiner Jnquiſiten entgegengebracht war, und gibt ſie mit voller Wahrheit und correctem, wenn auch oft ſehr eingeſchränktem, logi - ſchem Verſtändniß wieder, ſodaß man im Mundartigen weſentlich den norddeutſchen Ton durchklingen hört, welcher der ganzen Bande vorwiegend eigenthümlich war. Das nur einmal aufgelegte Werkchen iſt ſehr raſch vergriffen und ſelten geworden, aber zuAvé-Lallemant, Gaunerthum. IV. 15226ſelbſtändig und werthvoll, als daß es hier nicht eine Stelle ver - dienen ſollte.
Verzeichniß der in der Unterſuchungs-Sache vorge - kommenen einzelnen Diebeswörter.
Der norddeutſche Dialekt tönt überall durch; ſo iſt Ma - dihne nur das entſtellte Martine (medino), da in der nieder - deutſchen Ausſprache das r nach einem Vocal und vor einem Con - ſonanten gewöhnlich wegfällt, z. B. Matten für Marten, Döſt für Dörſt, Durſt; Boſt für Borſt, Bruſt. Jm logiſchen Ver - ſtändniß ſind die Begriffe zuweilen willkürlich ſehr erweitert oder auch ſehr eingeſchränkt, z. B. Claſſern (im Original ſteht ver - druckt Claffern) von keli und emo, Piſtole, Schießgewehr, Jn - ſtrument zum Schrecken### iſt hier allgemein zum Diebsgeräth oder ſpecifiſch zu Diebsſchlüſſeln, Dietrichen gerechnet. Eſche, Geliebte, überhaupt Weib, Frau, Ehefrau. Kettenſchub, Einbruch zur Nachtzeit, iſt allgemein Stehlen mittels Einſchleichens in Häuſer. Maſematte heben, einen gewaltſamen Diebſtahl begehen, ſehr beſchränkt, da Maſſematten jeder Diebſtahl, jede Diebsbeute iſt, und heben beſonders auch für das Wiederherausholen des Maſſe - matten aus dem Verſteck (Kawure) gebräuchlich iſt. Ferner Ger - lach (für Gallach), Dorfprediger, allgemein jeder Geiſtliche; Gal - lon, Mond (für Challon), Fenſter, der durch das Fenſter drin - gende Schein u. ſ. w. Originelle Ausdrücke ſind Gollo, Bürger - meiſter, hergeleitet von〈…〉〈…〉, rosch hagolo, Haupt der Ver - triebenen, Ehrentitel des oberſten Rabbiners. Hollmuſch, Sturm, verdorben aus〈…〉〈…〉, halmus, Hammer, vom hebr. 〈…〉〈…〉, halam, ſtoßen, ſchlagen, zerſchlagen. Labſtock, richtiger Slabbſtock, Löffel, vom niederdeutſchen Slabbern, wie die Hunde und Katzen mit der Zunge trinken, überhaupt trinken, auch allzu geſchwind reden, plappern. Richey, a. a. O., S. 256. Piſacken, knebeln, im Niederdeutſchen ſehr ſtark gebräuchlich. Richey, a. a. O., S. 186, erklärt es mit plagen, Stöße geben, abdreſchen, vexare, verberare, contundere. Umſonſt bemüht man ſich, für dieſes Wort eine230 deutſche Wurzel zu finden, es iſt durchaus jüdiſchdeutſch und ſtammt vom neuhebr. 〈…〉〈…〉, pasak (doch wol vom chaldäiſchen〈…〉〈…〉, pasag, abtheilen), davon〈…〉〈…〉, posuk, Vers, Abſchnitt, beſon - ders der Heiligen Schrift, Pl. 〈…〉〈…〉, pesukim. Um einen böſen Hund zu bannen, wird von den Kabbaliſten die Herſagung eines gewiſſen Spruches (posuk) empfohlen. Daher iſt pſakken, ver - dorben piſakken (pĕſakken), eigentlich bannen, daher binden, über - wältigen, und ferner die andern entſprechenden Bedeutungen; vgl. Tendlau, Nr. 80: „ E Poſik un e Stecke “, wenn man mehr für eine Sache oder Arbeit aufwendet, als nöthig iſt.
Mitten in der von Pfiſter, Chriſtenſen, Falkenberg, Hermann, Grolman und Biſchoff erfreulich belebten Periode gaunerlinguiſti - ſcher Forſchung kommt im Großherzogthum Baden ein in der Po - lizeiliteratur kaum genanntes und kaum über Baden hinausge - drungenes, nach ſeiner Wichtigkeit jedenfalls nicht gehörig gewür - digtes Wörterbuch zum Vorſchein: das pfullendorfer Jauner-Wör - terbuch. Es erſchien nämlich im Jahre 1820 zu Karlsruhe, wie es ſcheint auf Verfügung der Regierung, unter dem Titel: „ Diebs - und Räuberſignalement und Jauner-Wörterbuch “eine Gaunerliſte mit Signalement und Ausweis über 114 Gaunerindividuen, „ nach Angaben des Räubers und Diebes Kaſpar Ott von Gersau, be - ſtätigt durch deſſen Kebsweib Martina Weißhaar, auch durch die Anna Maria Roſenberger “. Dieſer Liſte iſt das Jauner-Wörter - buch von S. 61 — 86 angehängt und Liſte und Wörterbuch vom großherzoglich badiſchen Bezirksamte (Gißler) zu Pfullendorf unter dem 31. Mai 1820 beglaubigt. Das kleine Werk gibt weder eine Einleitung noch ſonſt eine Aufklärung über die Unterſuchung ſelbſt und gibt auch das Wörterbuch als bloße Vocabulatur ohne wei - tere Erläuterung. Aus der Liſte ſelbſt, welche in den Perſonal -231 beſchreibungen und Nachweiſen eben nicht beſonders eingehend iſt, kann man auch keinerlei linguiſtiſche Nachweiſe erkennen. Doch iſt der Heimathsnachweis der 114 ſignaliſirten Jndividuen inſofern wichtig, als daraus erhellt, wie dieſe faſt ſämmtlich dem ſüdweſt - lichen Theile Deutſchlands bis in die Schweiz hinein angehören und ſomit die ſtarke mundartige Verfärbung in den Vocabeln des Wörterbuchs erklärlich machen. 1)Bedeutender und gehaltvoller iſt die ſieben Jahre ſpäter auf Verfügung des großherzoglich badiſchen Miniſteriums des Jnnern herausgegebene Jauner - liſte nach Angabe der in Mannheim in Unterſuchung ſich befindenden Jauner und Strohmer Sebaſtian Amende, Adam Keller, Peter Talmond, Tobias Lau - terbach und Jakob Stein. Leider iſt dabei kein neues Wörterbuch veranſtaltet worden, das, nach der Tüchtigkeit der Redaction der intereſſanten Liſte, auch gewiß reichhaltiger und werthvoller ausgefallen ſein würde als die frühere Liſte, zumal erſichtlich der ganze Gaunerzug ſich von Schwaben durch Baiern nach Oeſterreich hinein bewegt zu haben ſcheint.Dieſes leidet nun zwar zunächſt an demſelben Fehler, wie das ſpäter zu beſprechende Wörterbuch Biſchoff’s, daß es nämlich in deutſcher alphabetiſcher Folge einge - richtet iſt, mithin weit weniger eine durch treffende Ueberſetzung gegebene deutliche Erklärung als eine immer nur einſeitig bleibende, dürftige Ueberſetzung des vereinzelten deutſchen Begriffs iſt, wel - cher in der Gaunerſprache weit prägnanter durch ſehr vielfache Wendungen, Zuſammenſetzungen und ſelbſt Paraphraſen gegeben und erſt durch die Geſammtheit dieſer Ausdrücke vollſtändig klar wird. Dazu genügen ſelbſt zwei oder drei verſchiedene Ausdrucks - formen nicht. Wenn z. B. im vorliegenden Wörterbuche S. 71 der einfache deutſche Begriff „ machen “erläutert werden ſoll, ſo ge - nügen die an ſich nur in beſchränkter Weiſe richtigen Ausdrücke Malochen, Pflanzen, nicht: der Begriff „ machen “kann auch noch durch Fetzen, Oſenen, Handeln, Scheften, Febern, Boſſeln u. ſ. w. gegeben werden, von welchen jeder Ausdruck ſeine eigenthümliche Beziehung zu dem Begriffe „ machen “hat. Was die Eigenthümlichkeit jeder Sprache verlangt, trifft auch ganz beſonders die verſteckte Gaunerſprache: jeder ſpecifiſche Ausdruck muß in ſeiner vollen logiſchen Bedeutung nach allen Seiten hin erklärt, nicht aber allein mit der einzelnen Wortüberſetzung ab -232 gethan werden, und deshalb läßt ſich vor allem in der Gauner - ſprache mit ihren verfärbten Ausdrücken die ſtrenge kritiſche Ety - mologie nirgends zurückweiſen.
Dieſen großen Mangel hat nun aber das pfullendorfer Wör - terbuch. Es iſt eine bloße Vocabulatur. Aber es iſt nichtsdeſto - weniger ſehr merkwürdig und werthvoll durch die überall ſich gel - tend machende ſüddeutſche mundartige Verfärbung, welche, zum Zeichen tiefer und langer Einbürgerung, auch alle nichtdeutſchen, namentlich die ſlawiſchen, romaniſchen und ganz beſonders die jüdiſchdeutſchen Wörter betroffen hat. Es gibt wol kaum ein Wörterbuch, welches ſo bunt und mit ſo vielen exotiſchen Stoffen verſetzt und bei welchem die ſüddeutſche Mundart ſo entſchieden einflußreich geweſen iſt, als bei dieſem1)Dabei kommen nicht allein kabbaliſtiſche Poſitionen, ſondern auch äußerſt willkürliche Einſchaltungen vor, z. B. Triflet, Geſpinſt, iſt themuratiſch ver - ſetzt aus dem franz. filet mit eingeſchaltetem r., deſſen Vergleich mit dem Wörterbuch des conſtanzer Hans, und ſogar noch Pfiſter’s, zwar viele Aehnlichkeiten, aber dabei auch viele neuere und entſchiedene Abweichungen aufweiſt. Das pfullendorfer Wörterbuch iſt mit er - ſichtlicher Unbefangenheit, Treue und Gewiſſenhaftigkeit ganz ori - ginell und direct aus Gaunermunde geſchöpft, leider aber bis da - hin viel zu wenig bekannt und berückſichtigt worden. Da ſeine Vocabeln aber in vollem Gebrauche des ſüddeutſchen Gaunermun - des ſind, ſo gewinnt es ſchon dadurch an Bedeutſamkeit für die Kenntniß der heutigen Gaunerſprache und bietet für den Vergleich und Nachweis vieler Gaunerausdrücke in andern Theilen Deutſch - lands eine ſehr intereſſante und wichtige Ausbeute. Es folgt hier in genauem Abdruck mit Berichtigung der gröbſten Druckfehler.
Zum Schluß einige kurze Hindeutungen auf die ſtarke mund - artige Verfärbung. Auswechſeln: Schiferen für Chilfenen Bauernleben: Ruechengois aus Ruach und Chai; deuten: Zin - giren für zinkenen; Geld: Labe für zig. Lowe; Geſchütz: Buska für zig. Buſchka; Klaſſa, jüdiſchdeutſch für Klesema; geſtorben: Bägeret für gepegert; Heirath, Hochzeit: Kränerei, Gränerei, vom jüdiſchdeutſchen keren; Straße: Teratt, für das gewöhn - liche Terich, terra; Tuch: Dame, Bokdame, vom zig. pochtam; Uhr: Schi, Stunde: Schöde, beides jüdiſchdeutſch von Schoo. Nachtſchwärmer (Nachtdieb): Beilygänger für jüdiſchdeutſch Be - laile-Gänger; Mondſchein: Lafoneblick für Lewoneblick; Hexe: Fingelſchize für Finkelſchikze; Kaffee: Schuchamajum für Scho - cher-Majim; Kupfer: Bodill, Burtill, für jüdiſchdeutſch Bedil, eigentlich Zinn; auf, offen: Hosper vom latein. apertus; auf - machen: hospern. Auch viele Compoſita, namentlich längere, welche die Gaunerſprache ſonſt gern zurückweiſt, ſind neu, z. B. Diebshandwerk: Kanofferſchinagglerei, von ganaw und schin und agole. Soldat: Susballamachonum, eigentlich berittener Soldat, von sus, Pferd, und bal milchomo, Kriegsmann; Laus: Walder, vereinfacht aus dem alten Hans Walter. Gute Nacht: Doferatte, vom jüdiſchdeutſchen tob, gut, und zig. ratt, Nacht. Stillſtehen: Beduchthauren, vom jüdiſchdeutſchen betuach, mit Bedacht, und hauern, hocken, kauern; Schildwache: Hauriger - launinger, von hauren und Löhniger (Söldner). Schloſſer: Dalmereiflamminger, von Dalme, Schloß, und Flamme. Kaffee: Brauhaus, wahrſcheinlich verdruckt für Braunhans, brauner Hans. Die einfachen volksthümlichen Ausdrücke mit zum Theil verſchobener oder bildlicher Bedeutung ſind leicht zu ver - ſtehen, z. B. gehen: poſten; naſchen (zigeuneriſch nahschaf); ſcheften (im Niederdeutſchen iſt daraus ſchechen gemacht); hol - chen, pfichen, letzteres von pfuzen, pfuchezen, pfugezen, pfuckezen246 u. ſ. w. von dem Keuchen wohlbeleibter Perſonen nach der An - ſtrengung des Gehens oder ſonſtiger Aufregung; ähnlich iſt im Niederdeutſchen wanken (als Folge angeſtrengten Gehens) für gehen, wie der Dörfler ſagt: „ Jck müt hüt na Lübeck wanken “. Schmeller, a. a. O., I, 307, leitet es vom naturnachahmenden Laut pfuh! pfuch! ab. Heulen: Flößeln, von Floß, Waſſer, fließen, und Danauſeren vom jüdiſchdeutſchen Dama (〈…〉〈…〉), weinen, und Dimo, Thräne, und Oſenen, thun, machen u. ſ. w.
Nach Falkenberg, gleichzeitig mit Grolman, gab der großher - zoglich ſächſiſche Criminalgerichtsaſſeſſor Dr. Biſchoff in Weida ein Wörterbuch heraus, welchem er den apokryphen Namen: „ Die Kocheme Waldiwerei in der Reußiſchen Märtine “gab. 1)Der vollſtändige Titel iſt: „ Die Kocheme Waldiwerei in der Reußiſchen Märtine, oder die Gauner und Gaunerarten im Reußiſchen Voigtlande und der Umgegend, ihre Tactik, ihre Aufenthaltsorte und ihre Sprache “u. ſ. w. (Neu - ſtadt 1822).Ueber die befremdliche Etymologie des Titels iſt ſchon Th. III, S. 33, geſprochen worden. Jn der Literatur konnten die erſten Abſchnitte nicht berückſichtigt werden, da Biſchoff darin ſehr flache und falſche Dinge zum Vorſchein bringt und namentlich in der bis zur Leicht - fertigkeit ſeichten und flüchtigen Claſſification der Gauner und der Gaunerkunſt im hohen Grade Tadel verdient. Das Beſte iſt noch der dritte Abſchnitt, S. 19 — 23, der Nachweis einer Anzahl von Cheſſenpennen, welcher jedoch nur ein vorübergehendes und ört - liches Jntereſſe hatte. Die drei erſten Abſchnitte erſcheinen ganz wie eine dürftige prologiſirende Rechtfertigung des nachfolgenden Wörterbuchs, welches jedoch nur als bloße Vocabulatur gelten247 kann und vom Verfaſſer ſelbſt am Schluß der Vorrede mit Recht „ eine flüchtige Arbeit “genannt wird. Wenn nach Biſchoff’s eige - ner Darſtellung das Criminalgericht zu Weida von 1818 bis 1820 das Gaunerthum „ in der Reußiſchen Märtine “nur vermuthen, nicht aber entdecken konnte, ſo erſcheint es kaum begreiflich, wie das Gaunerthum nach zwei Jahren plötzlich im Chriſts-Töffel in - carnirt vor Biſchoff’s Augen trat und ſich in Weſen, Kunſt und Sprache ſo mächtig darſtellte, daß innerhalb zwei Jahren nicht weniger als 76 Actenbände, ohne die Acten auswärtiger Behör - den zu rechnen, vollgeſchrieben und dazu noch von Biſchoff litera - riſche Arbeiten, wie „ die Kocheme Waldiwerei “unternommen wer - den konnten.
Jn der That ſieht aus jedem Theile des Wörterbuchs ſehr große Flüchtigkeit hervor. Die logiſche Erklärung iſt faſt durch - gehends bis zur Jncorrectheit locker, einſeitig und unſicher. Ein hauptſächlicher Grund davon liegt aber in der flachen Anlage des Wörterbuchs, indem Biſchoff eine alphabetiſch geordnete deutſche Vocabulatur in die Gaunerſprache überſetzte. Das iſt allerdings ein leichtes Abkommen. Aber darum ward dem Wörterbuch Klar - heit, Beſtimmtheit und dem einzelnen Gaunerwort die prägnante Fülle der logiſchen Bedeutung entzogen, und ſomit kann auch von einem ausreichenden logiſchen Verſtändniß nicht die Rede ſein. Man nehme nur z. B. eine der einfachſten Gaunervocabeln, Tuft, das jüdiſchdeutſche〈…〉〈…〉, tob, tow. Mit dieſem Worte bezeichnet Biſchoff folgende Begriffe: echt, Chef, ehrbar, ehrlich, einig, Füh - rer, geſchickt, geſund, Glück, klug, wachſam u. ſ. w. Ebenſo ſcho - fel: geizig, übel, liederlich, elend, falſch, mager, einfältig u. ſ. w., wobei noch eine Menge ſteifer gemachter falſcher Compoſitionen vorkommen, mit denen der Gauner ſich auch ſchwerlich befaſſen mag, z. B.: tufte Schickſe, Jungfer; tufter Scheegs, Jung - geſell; tufter Kies, Juwel; tufter Dowrich, Kanaſter; tuf - ter Staubert, Weizenmehl; Tuftmäro, Weißbrod; tufter Kolatſchen, Weizenkuchen; ſchofeler Kapper, Zänker; Scho - fel-paternellen, Eidbruch; ſchofele Stämmerlinge haben, lahm gehen; Schofel-Kiebes, Platte; Schofelvennerich,248 Quark u. ſ. w. Gleich haſtig und einſeitig ſind auch viele ein - zelne Begriffe aufgefaßt, z. B.: Gallach, Beichtvater; heimthun, köpfen; grandiger ſchenegeln, vergrößern; Schem vom Ulm - ſcher, Zuname; Schofelſtenz, Knotenſtock u. ſ. w. Auch ganz falſche Auffaſſungen entſtehen durch ſeine Flüchtigkeit, z. B.: Flößlings-Finchen, Fiſchangel; Kies-Klamine, Gewölbe; More, Zulauf; ich kaſchpere ihn, daß er einmuhrt, ich rede ihm zu, daß er geſteht; wir beſtieben Schimmel, es wintert zu. Sehr befremdend iſt die haltloſe Erklärung von Aufenthalt, Benne, nämlich: „ 1) kocheme Benne, wenn der Hausbeſitzer weiß, daß der, welcher ſich bei ihm aufhält, ein Gauner ſey, und 2) wittiſche Benne, wenn der Hausbeſitzer nicht weiß, wer ſich eigentlich bei ihm aufhält “.
Thiele, „ Jüdiſche Gauner “, S. 205, macht nun freilich dem Criminalaſſeſſor Biſchoff das als billiger Gemeinplatz überall an - zubringende laxe Compliment, „ daß er den Gegenſtand mit Auf - merkſamkeit und Liebe ſtudirt habe “. Aber gerade von Studium iſt bei Biſchoff überall ſo wenig die Rede, wie bei Thiele. Wie dieſer manche Ausdrücke von Gottfried Selig geradezu verpfuſcht, ſo corrumpirt auch Biſchoff manche Ausdrücke, die er von Pfiſter abgeſchrieben hat. So macht Biſchoff den unverzeihlichen Fehler, daß er S. 34 den Schottenfeller, den Pfiſter zutreffender mit Marktdieb gibt, ſynonym mit dem Kiesler, Beutelſchneider, Taſchendieb, zuſammenſtellt. Ueberhaupt läuft die ganze Zuſam - menſtellung mit den Vocabeln von Pfiſter, die auch keineswegs vollſtändig iſt, auf eine kahle Zuſammenſchreiberei hinaus, welche äußerſt haſtig, dürftig und ein offenbarer Nothgriff iſt, um die vorhandenen eigenen Deficite zu decken. Von einer correcten kri - tiſchen Synonymik kann keine Rede ſein. Darin hat Thiele voll - kommen recht, daß er bei der großen und argen Flüchtigkeit Biſchoff’s findet, wie „ ſich oft ſehr weſentliche Abweichungen zwi - ſchen Biſchoff und Pfiſter vor Augen legen “. Vom Geiſt und Weſen der Gaunerſprache hat Biſchoff keine Jdee. Welcher Gau - ner würde es verſtehen, wenn man mit Biſchoff (S. 45) zu ihm ſagte: „ Muhr ächtig, ſonſt ſteck ich dem Schoder ’n Zinken, da -249 mit er den Kawehr, der hier in Dobes ſchemt, zopfe; der wird dir es gleich unter die Scheinlinge waldiwern “! 1)Biſchoff überſetzt dies ſo: „ Geſtehe aufrichtig, ſonſt ſchelle ich dem Die - ner, damit er deinen Kameraden, welcher hier ſitzt, herbeihole; der wird dir es ins Geſicht ſagen “.
Trotz aller gerügten ſchlimmen Fehler Biſchoff’s darf man aber auch nicht überſehen, daß er allerdings eine nicht geringe Zahl origineller und direct aus Gaunermunde geſchöpfter Voca - beln gibt. Jn überaus bunter Fülle und Verſchiedenartigkeit macht ſich dazu die mundartige Modulation und, beſonders vorherrſchend, die niederdeutſche Mundart darin geltend, z. B.: buckeln, tragen; biwers, kalt; Schniedling, Säge, Schere, Senſe, Sichel; müffen, ſtinken; ſmogen, rauchen; weghotteln, weggehen. Dieſe niederdeutſche Färbung verdunkelt ſogar das in dieſer Hin - ſicht wenig fügſame Judendeutſch noch weit mehr, als das bei Falkenberg der Fall iſt, z. B.: beducht holchen (betuach halche - nen), beſchleichen; beekers (peger), krank; blöde ſcheffen (pleite), verſchwinden; Seggel (Sechel), Verſtand; Schieferer (Chilfer), Wechsler u. ſ. w. Wegen dieſer Originalität verdient die „ Kocheme Waldiwerei “Aufmerkſamkeit, obſchon ſie immer nur mit großer Vorſicht und mit beſonnener Kritik zu benutzen iſt. 2)Später hat Biſchoff noch ein Wörterbuch unter dem Titel herausge - geben: „ Ergebniſſe einer von dem Großherzoglich Sächſiſchen Criminalgerichte in Eiſenach geführten Unterſuchung hinſichtlich des Gaunerweſens in den Groß - herzoglichen Amtsbezirken Eiſenach, Kreuzburg, Gerſtungen, Vacha und Tiefen - ort “(Eiſenach 1830). Dies Wörterbuch (S. 41 — 156) ſcheint reichhaltiger zu ſein. Das als Doppellerikon bearbeitete Wörterbuch iſt mir nicht zugänglich
Sechs Jahre ſpäter als Falkenberg und gleichzeitig mit Biſchoff trat Grolman mit ſeinem „ Wörterbuch der in Teutſchland üblichen250 Spitzbubenſprachen “1)„ Wörterbuch der in Teutſchland üblichen Spitzbuben-Sprachen, in zwei Bänden die Gauner - und Zigeuner-Sprache enthaltend. Erſter Band, die Teut - ſche Gauner -, Jeniſche - oder Kochemer-Sprache enthaltend, mit beſonderer Rück - ſicht auf die Ebräiſch-Teutſche Judenſprache “(Gießen 1822). Ein zweiter Band iſt nicht erſchienen. auf. Nach den ausgezeichneten Leiſtungen des unvergeßlichen Grolman auf dem Gebiete der Criminalrechts - pflege und namentlich nach ſeiner meiſterhaften „ Actenmäßigen Geſchichte der Vogelsberger und Wetterauer Räuberbanden “2)Vgl. die Literatur in Th. I, S. 250 fg. durfte man auch von dieſem Wörterbuche nur Ausgezeichnetes er - warten. Doch findet man bei näherer Prüfung dieſe Erwartung nicht ganz erfüllt, obſchon ſich nirgends verkennen läßt, daß Grol - man ſeine ſehr reichhaltige Sammlung theils aus eigener lang - jähriger Erfahrung in der Jnquirentenpraxis, theils aus den bis dahin bekannt gewordenen literariſchen Hülfsquellen mit ſehr gro - ßem Fleiß zuſammengetragen hat.
Um Grolman’s Verdienſt um die Gaunerlinguiſtik gerecht würdigen zu können, muß man zunächſt, außer der ſchon bei dem Wörterbuch Falkenberg’s zurückgewieſenen Kritik Dydczinsky’s, die platte Kritik Thiele’s, „ Jüdiſche Gauner “, S. 205 fg., beſeitigen. Zunächſt ſteht es einem Kritiker, der ſelbſt auf ſo überaus ſchwa - chen Füßen ſteht wie Thiele, ſehr übel an, mit Spott und Verdächtigung in Zweifel zu ziehen, daß Grolman, wie dieſer (Vorrede, S. vi) verſichert, elf Jahre an den Vocabeln ſeines Wörterbuchs geſammelt habe. Thiele ſcheint überhaupt von der großen Bedeutſamkeit Grolman’s ſehr wenig und von deſſen claſ - ſiſcher „ Actenmäßiger Geſchichte “u. ſ. w. nur den bloßen Titel gekannt zu haben. Thiele verbeſſert Fehler mit Fehlern. Mag man auch das Grolman’ſche bekure (für bekwura) nicht für einen bloßen Druckfehler gelten laſſen, ſo iſt die Verbeſſerung Thiele’s: „ Bekure ſtatt Chawure “(S. 206, Note) grundfalſch, da kwuro (〈…〉〈…〉) von keber (〈…〉〈…〉), Grab, herkommt und das präfixe〈…〉〈…〉 als Präpoſition überall richtig, ſowol von Falkenberg als2)geworden. Auch habe ich keine fremde Kritik darüber geſehen, ſondern nur die bloße Anzeige des Titels.251 auch von Grolman, geſetzt und erklärt iſt. Gleich vermeſſen und abgeſchmackt iſt das correcte Grolman’ſche ſchnurren von Thiele (ebendaſ. ) mit ſchnorren verbeſſert, da ſchnurren vom mittelhoch - deutſchen snurren herkommt, ſchuorren und ſchnarren aber nur Nebenform (welche im Schwediſchen snorra lautet), entſchieden aber Schnurrant (mhd. snarrence) der ſpecifiſche Ausdruck für den umherziehenden Bettelmuſikanten iſt; vgl. Schwenck, a. a. O., S. 585, und Adelung, III, S. 1614. Bezeichnend iſt noch das von ſchnurren hergeleitete neuhebräiſche〈…〉〈…〉, schunar, ſchnurren, wovon wieder〈…〉〈…〉, schunra, Katze; vgl. Callenberg, „ Jüdiſch - deutſches Wörterbuch “, S. 71, und Tendlau, a. a. O., Nr. 535. Ebenſo corrigirt Thiele das bei Grolman durchaus richtige be - kawle, gefeſſelt (〈…〉〈…〉, bechawle, von〈…〉〈…〉, chewel, Strick, Bande, mit präfixem〈…〉〈…〉, alſo: in Stricken), mit bechaule, gefan - gen, als ob von〈…〉〈…〉, choli, Krankheit, Gefangenſchaft, mit prä - fixem〈…〉〈…〉, alſo: in Krankheit, in Gefangenſchaft. Bei dieſer Un - wiſſenheit macht es ſich ſehr übel, wenn Thiele, S. 207, mit der hohlen, wegwerfenden Kritik über das ganze tüchtige Werk urtheilt: „ Es is mole ſchibbuſchim1)Siehe G. Selig, „ Handbuch “, S. 301. dieſes Buch und man wird mir erlaſſen, alle die, oft ſinnentſtellenden, Fehler und Unrichtigkeiten, welche ſich darin vorfinden, ſämmtlich hier aufzuführen “u. ſ. w. Man wird in der Beurtheilung des Thiele’ſchen Wörterbuchs ſehen, wo der „ Schibbuſch “bei Thiele ſteckt. Hier muß nur noch der völlig ungerechtfertigte Tadel zurückgewieſen werden, daß Grolman dem Dialektiſchen große Aufmerkſamkeit gewidmet und die Verſchieden - artigkeit des provinziellen Ausdrucks in öfterer Wiederholung vor Augen geführt habe. Würde Thiele wirkliche linguiſtiſche Studien gemacht haben, wie es ſich für jeden Schriftſteller gebührt, der ſich mit der heiklen Linguiſtik des Gaunerthums befaßt, ſo würde er bei eigener Durchforſchung der Quellen, aus denen Grolman ſchöpfte, die Fülle der dialektiſchen Modulation in der Gauner - ſprache begriffen und nicht ſo ſehr auf ſeinen geheimen spiritus familiaris, Gottfried Selig, gepocht und darauf hin den unſeligen252 Glauben an ein ſpecifiſch „ jüdiſches Gaunerthum “mit einer ſpecifiſch „ jüdiſchen Gaunerſprache “gefaßt haben. Wenn man allerdings bei Grolman Druckfehler, ja ſogar oft Verſtändnißfehler findet, ſo ſind das nicht Fehler, welche — wie Thiele S. 206 ſagt — „ Grol - man der verdienſtlichen Falkenberg’ſchen Arbeit, ohne ihrer Erwäh - nung zu thun, nachgeſchrieben hat “, ſondern Fehler. derſelben Quellen, welche Grolman mit Falkenberg gemeinſam benutzt hat. Grolman war gewiſſenhaft genug, manche in dieſen Quellen vorkommende, ihm unverſtändliche Ausdrücke ganz zu umgehen, als wiſſentlich Falſches zu geben, wie er denn z. B. das von Falkenberg, S. 413, ohne weiteres zu Maſchvegeweſch verſtüm - melte Maſchvegeweſen der Rotwelſchen Grammatik von 1755 (ſtatt: maſchve geweſen, richtiger: maſchve ſein, vergleichen von〈…〉〈…〉, schovo), lieber ganz vermieden hat. Grolman hatte ſich aber weder in der jüdiſchdeutſchen Sprache umgeſehen, noch hatte er überhaupt linguiſtiſche Studien gemacht, um den aus eigener Praxis und aus ſeinen literariſchen Quellen dargebotenen Stoff kritiſch zu ſichten und zu ordnen. Er war aber ein ſehr fleißiger, gewiſſenhafter Sammler und brachte daher den reichhaltigſten Wörterſchatz zuſammen, welchen die Gaunerlexikographie bis jetzt aufzuweiſen hat. Aus der Reichhaltigkeit ſeiner Quellen und aus der bunten Zuſammenſetzung ſeiner großen Jnquiſitenmaſſe erklärt ſich die ſtarke und bunte Vertretung des Dialektiſchen in ſeinem Wörterbuche. Anſtatt nun bei dem Worte, welches nach der Aus - ſprache dem Stamm am nächſten ſteht, die dialektiſchen Varianten ſogleich mit anzuführen, hat Grolman jede mundartige Abweichung nach alphabetiſcher Ordnung einzeln aufgeführt und dadurch das Wörterbuch allerdings unnütz erweitert. Auch hat ſein Mangel an kritiſchem Blick ihn zur Aufnahme mancher notoriſcher Druck - fehler, wie z. B. des „ Amhovetz “der Rotwelſchen Grammatik verleitet.
Grolman war der erſte Linguiſt, welcher die in der Gauner - ſprache zahlreich vertretenen jüdiſchdeutſchen Terminologien einer nähern Aufmerkſamkeit würdigte und in den ihm zugänglichen jüdiſchdeutſchen Wörterbüchern nachſuchte. Er ſelbſt nennt (Vor -253 rede, S. vii) Gottfried Selig offen als ſeinen Hauptgewährsmann, hat aber auch noch erſichtlich in die Meſchummodlexikographie hin - eingegriffen, da er durchaus nicht, wie Thiele das thut, ſich ein - ſeitig an die niederſächſiſche Mundart Selig’s bindet. Hier trifft nun aber Grolman der Vorwurf, den ihm erſtaunlicherweiſe Thiele macht, obſchon dieſer ſelbſt noch viel ſchlimmer in denſelben Fehler verfallen iſt, der Vorwurf nämlich, daß er, anſtatt feſt und unbe - irrt den Blick auf den ſpecifiſchen Gaunergebrauch zu richten, ſich von der in den jüdiſchdeutſchen Wörterbüchern angetroffenen Fülle jüdiſchdeutſcher Ausdrücke befangen machen ließ, ſich in der bunten Maſſe verwirrte und aus ihr jüdiſchdeutſche Terminologien in die Gaunerſprache hineintrug, welche zwar jedem Gauner jüdi - ſcher Religion, als Juden und von Jugend auf im Jüdiſchdeut - ſchen geübtem Kenner, vollauf geläufig, jedoch nicht durchaus als techniſche Vocabulatur des geſammten Gaunerthums recipirt und ſtatuirt waren. Es iſt nicht leicht, dieſe Grenze überhaupt zu be - ſtimmen, da der mehr oder minder ſtarke Gebrauch jüdiſchdeutſcher Terminologien ſtets von der Zuſammenſetzung der einzelnen Gau - nergruppen abhängig iſt, wie denn der auf die Eigenthümlichkeit der Vocabulatur gerichtete kritiſche Blick in den vorhandenen Wör - terbüchern aus den verſchiedenſten Zeiten immer auffällige, aber auch ſtets höchſt intereſſante Fluctuationen entdeckt und ſomit dieſe Rückſicht wiederum für die Beurtheilung der perſönlichen Con - ſtruction der Gaunergruppen von erheblicher Wichtigkeit iſt. Darum erfordert die Kritik der Gaunerſprache eine gründliche Kenntniß aller der Sprachen, aus welchen ſie ihre Typen zuſammengeleſen hat, ganz beſonders aber ihrer beiden Hauptfactoren, der deutſchen Sprache mit ihren Dialekten und der jüdiſchdeutſchen Sprache, welche ihr ſehr reichen Zufluß geſpendet hat. Das ſichere Krite - rium für Maſſe und Umfang der jüdiſchdeutſchen Terminologien bleibt ſtets der techniſche Gaunerbedarf, deſſen Vocabulatur nicht weiter gehen darf, als ſie den Genoſſen verſtändlich bleiben und dazu die Möglichkeit des Geheimniſſes vor den Laien aufrecht erhalten kann. Unbeſtreitbar hat Grolman dies Maß überſchritten. Doch hat er die ſpecifiſch deutſchen, zigeuneriſchen und romaniſchen254 Typen keineswegs vernachläſſigt und ſein Wörterbuch durchaus nicht in ſo übler Weiſe mit jüdiſchdeutſchen Ausdrücken überſchüt - tet und verſchüttet, wie ſein unwiſſender und rückſichtsloſer Kriti - ker das ſelbſt gethan hat.
Grolman’s Wörterbuch iſt und bleibt bis dahin eine der tüch - tigſten Arbeiten auf dem Gebiete der Gaunerlinguiſtik und gibt für den praktiſchen Gebrauch noch immer das beſte und reichhal - tigſte Material, weshalb denn auch eine neue kritiſche Ausgabe deſſelben für den praktiſchen Polizeigebrauch von hohem Nutzen ſein und den argen vordringenden Schwall der neuern, durchaus werth - loſen Wörterbücher beſeitigen würde.
Die ſchweren Kämpfe gegen das Gaunerthum im Anfange dieſes Jahrhunderts hatten bei den vielen und großartigen Unter - ſuchungen die Forſchung nach der mit intenſiver Gewalt allent - halben in den Unterſuchungen hervorquellenden Gaunerſprache wie eine Nothwendigkeit hervorgerufen und die linguiſtiſchen Arbeiten von Mejer, Pfiſter, Chriſtenſen, Falkenberg, Biſchoff, Grolman u. ſ. w. veranlaßt. Sobald aber das Gaunerthum in ſeinem offe - nen Widerſtande leidlich bekämpft ſchien und die maſſenhaften Unterſuchungen allmählich nachließen, trat auch die kaum dürftig angebahnte linguiſtiſche Forſchung wieder zurück und machte der breiten, platten und eiteln Epigonenliteratur Platz. Jn dieſer findet man die ganze Jndolenz, Unwiſſenheit und Verfahrenheit der da - maligen deutſchen Polizei ausgeprägt, welche hochmüthig an der Ge - ſchichte ihrer ſeit Anfang dieſes Jahrhunderts erfolgreich geweſenen Thätigkeit zu zehren anfing.
Die mit der Hausſuchung bei dem jüdiſchen Handelsmann Moſes Levin Löwenthal am 22. Jan. 1831 in Berlin beginnende großartige Gaunerunterſuchung, über deren hohe Tüchtigkeit und255 Bedeutſamkeit bereits in der Geſchichte und Literatur des Gauner - thums (Th. I, S. 114 und 264) geſprochen iſt, ließ keine weitere Täuſchung darüber zu, daß es trotz der ſchwer und blutig errunge - nen Siege doch noch keine Sicherheit gab. Dieſe höchſt merkwür - dige, auch in der deutſchen Culturgeſchichte eine ſehr bedeutſame Stellung einnehmende Unterſuchung öffnete den Blick wieder über - allhin und bot dem in derſelben als Criminalactuar fungirenden A. F. Thiele, welcher eine Geſchichte dieſer Unterſuchung zurüſtete, ein Material, wie es ſeit langen Jahren niemand zur Hand ge - geben war. Thiele gab das bereits beurtheilte Werk: „ Die jüdi - ſchen Gauner in Deutſchland “u. ſ. w. heraus und fügte endlich, nach langjährigem Stillſtand der Gaunerlinguiſtik, dem erſten Theile ſeines Werks, S. 193 — 221, eine Abhandlung über „ Die jüdiſche Gauner - oder Kochemer-Sprache “hinzu, welchem von S. 222 — 326 ein „ Wörterbuch der jüdiſchen Gauner-Sprache “angehängt iſt.
Das überaus reiche Material, welches Thiele zu Gebote ſtand, ſeine eigene directe, wenn auch untergeordnete Betheiligung bei der Unterſuchung ſelbſt, der Vorſchub, welcher ihm von den höchſten Juſtizbehörden geleiſtet wurde, ſowie das bereits in der Literatur vorhandene linguiſtiſche Material hätten Thiele in den Stand ſetzen müſſen, das Ausgezeichnetſte und Reichhaltigſte zu liefern, was jemals über die Gaunerſprache entdeckt und geſchrie - ben werden konnte, namentlich wenn auch Thiele, von dem tiefen ernſten Geiſte der vortrefflich geführten Unterſuchung ergriffen, ſich dahin hätte bewegen laſſen, ernſtliche hiſtoriſche und ſprachliche Studien zu machen und mit der ruhigen würdigen Weiſe gründ - licher deutſcher Wiſſenſchaft und kritiſcher Forſchung die ganze reiche Unterſuchung zu durchdringen, wozu die unzähligen intereſſan - ten Züge und Situationen im vollſten Maße Stoff und Anlaß boten. Leider findet man dieſe Erwartungen getäuſcht; ja bei genauer Kritik kommt man auf das Reſultat, daß Thiele, trotz ſeiner bis zur Verwegenheit geſpreizten Kritik, in tiefſter Unwiſſen - heit befangen und es mit ſeiner ganzen Gaunerlinguiſtik ſogar noch viel ſchwächer beſtellt iſt als mit den Werken, welche er mit256 ſo unwürdiger wie flacher Kritik abgefertigt hat. So höchſt un - erquicklich es iſt, Thiele’s Arbeit einer Kritik zu unterziehen, ſo unerlaßlich iſt dieſe Kritik, da Thiele, unter dem Glanz der groß - artigen Unterſuchung hervortretend, nach langjährigem Stillſtand der Gaunerlinguiſtik, die vorher geleiſteten tüchtigen Arbeiten faſt gänzlich negirt, dafür ſein ſpecifiſches „ jüdiſches Gaunerthum “mit ſeiner „ jüdiſchen Gauner - oder Kochemer-Sprache “ſtatuirt und dadurch der klaren und unbefangenen Anſchauung des Gauner - thums mit ſeiner Sprache ungemeinen Nachtheil gebracht hat. Es gilt, die Bodenloſigkeit und Haltloſigkeit der Arbeit nachzuweiſen, damit unbeirrt wieder auf dem bis zu Grolman eingeſchlagenen und neuerlich von Pott, „ Zigeuner “, II, 1 — 43, in ſehr ſchätzbarer Weiſe angedeuteten Wege vorgegangen werde.
Es kommt zunächſt darauf an, den ſprachwiſſenſchaftlichen Boden zu unterſuchen, auf welchen Thiele ſich mit ſo großem Ge - pränge geſtellt hat. Er theilt S. 196 die deutſche Gaunerſprache ein in die „ Rothwälſche und in die eigentliche Jeniſche - oder Ko - chemer-Sprache “. Was Thiele unter „ Rothwälſch “verſteht, zeigt er gleich darauf, indem er die von Schottelius, „ Teutſche Haubt - Sprache “, lib. V, tract. V, S. 1265 — 67, in ganz zufälliger und argloſer Weiſe „ rothwelſche Sprach “benannte, „ unteutſch klingende Nebenſprecherei “, welche bereits Th. III, Kap. 40, als der dem Gaunerthum ſtets fremd gebliebene Galimatias erörtert iſt, ohne Angabe dieſer Quelle wieder abdrucken ließ und als „ in der deut - ſchen Spitzbubenwelt früher wohl ſehr gangbare Sprache “pro - mulgirte. Ueber die Grundloſigkeit und Flachheit dieſer unerhör - ten Behauptung braucht zu den a. a. O. über den Galimatias bereits gemachten Erörterungen hier nichts weiter geſagt zu werden.
Die „ Jeniſche Sprache “bringt Thiele S. 199 „ wieder in zwei Hauptabtheilungen, wie ſie nämlich 1) von den jüdiſchen und 2) von den Gaunern chriſtlicher Abkunft geſprochen wird “. Thiele gibt weder von der einen noch von der andern irgendeine Defini - tion oder Charakteriſtik, ſondern ſagt nur flachweg, daß „ ebenſo, wie durch die Art und Weiſe ihrer Verbrechen, ſo auch durch ihre Diebesterminologien die jüdiſchen Gauner ſich weſentlich von ihren257 chriſtlichen Betriebsgenoſſen unterſchieden! “ Thiele ſtatuirt alſo ein ſpecifiſch jüdiſches Gaunerthum. Wie grundfalſch dieſe unerhörte Aufſtellung iſt, das beweiſt die ganze bisherige Darſtellung der Geſchichte, Literatur, Kunſt und Sprache des Gaunerthums. Aber Thiele ſelbſt konnte nicht ernſtlich an ſein ſpecifiſch jüdiſches Gau - nerthum glauben. Auf den erſten Blick in ſein Wörterbuch erkennt man, was ihn zu ſeiner Aufſtellung brachte. Jhm war Gottfried Selig’s Handbuch der jüdiſchdeutſchen Sprache in die Hände ge - rathen, und dies Handbuch, in welchem charakteriſtiſch auch noch die Ausſprache der mit deutſchrabbiniſchen Lettern gegebenen vielen jüdiſchdeutſchen Vocabeln mit lateiniſchen Lettern in niederſächſi - ſchem Dialekt beigedruckt iſt, ward ſein Orakel. Er war auch hier eitel und literariſch unaufrichtig genug, dieſe ſeine Hauptquelle ganz zu verſchweigen. Das Judendeutſch war noch niemals gram - matiſch bearbeitet und noch niemals den von Thiele „ zunächſt mit ſeinem Buche bewidmeten Criminal - und Polizeibeamten “genauer bekannt geworden; die überwiegend größte Zahl der Löwenthal’ - ſchen Jnquiſiten beſtand aus Juden, welche ſämmtlich das Juden - deutſch gründlich kannten und als gewöhnliche jüdiſche Volks - umgangsſprache kennen mußten: es war leicht zu wagen, unter dem Glanz und Credit der großartigen Löwenthal’ſchen Unter - ſuchung das aus Selig’s jüdiſchem Handbuch, ohne Kenntniß, ohne Wahl und Kritik, mit allen vielen Sprach -, Verſtändniß - und Druckfehlern Zuſammengeleſene den Unkundigen als Gaunerſprache zu geben, der zuſammengeleſenen Maſſe den Schein der Offen - barung aus dem Munde der Jnquiſiten zu verleihen und ſomit auch das eitle Dogma eines ſpecifiſch jüdiſchen Gaunerthums auf - zuſtellen.
So geſpreizt Thiele auch über Grolman und ſeine Vorgän - ger urtheilt, ſo breit er ſich macht, um ſich das Anſehen von Kenntniß und Befähigung zur kritiſchen Beurtheilung der jüdiſch - deutſchen Sprache zu geben: ſo beſtimmt geht aus ſeinem ganzen Werke hervor, daß er nicht einmal die hebräiſchen Buchſtaben (Quadratſchrift), geſchweige denn die deutſchrabbiniſchen der jüdiſch - deutſchen Sprache gekannt hat, obwol er hier und da in NotenAvé-Lallemant, Gaunerthum. IV. 17258quadratſchriftliche Lettern mit großer Oſtentation gebraucht. Völlig unnützerweiſe ſetzt er in der alphabetiſchen Anordnung ſeines Wör - terbuchs neben den deutſchen Buchſtaben der Ueberſchrift auch noch den entſprechenden quadratſchriftlichen, z. B.: A (〈…〉〈…〉), B (〈…〉〈…〉). Bei F fehlt aber ſchon die entſprechende Labialaſpirata〈…〉〈…〉, bei H ſteht〈…〉〈…〉, neben O ſteht〈…〉〈…〉, neben Sſ〈…〉〈…〉 und〈…〉〈…〉, ohne das hier vorzüglich einſchlagende〈…〉〈…〉. U und V ſind ohne den Buchſtaben〈…〉〈…〉, dagegen iſt W mit〈…〉〈…〉 verſehen. Mag man auch einige dieſer übeln Blößen als Druckfehler gelten laſſen, ſo muß man doch dieſe ganze unnütze Herbeiziehung hebräiſcher Buchſtaben bei dem überall bis auf wenige Noten nur mit deutſchen Lettern ge - gebenen und erläuterten Wörterbuche für ein Werk bloßer prunk - ſüchtiger Eitelkeit halten. Viel ſchlimmer ſieht es nun im Wör - terbuch ſelbſt aus, in welchem Thiele hier und da mit dem Scheine hebräiſcher Sprachkenntniß zum Nachweis der Abſtammung hebräi - ſche Wörter aufführt, welche faſt alle lächerlich falſch und ſinnlos ſind. So gibt Thiele S. 223〈…〉〈…〉, Achor, für〈…〉〈…〉; S. 230〈…〉〈…〉, Bal-maſſa-umattan, für〈…〉〈…〉; ebendaſelbſt〈…〉〈…〉, Milchomo, für〈…〉〈…〉; S. 244〈…〉〈…〉, Dei, der Verſtand, das Wiſſen, für〈…〉〈…〉, deoh; S. 267〈…〉〈…〉, Kleiumneſſ, Handwerkszeug, für〈…〉〈…〉, kle umonos; S. 270 den ungeheuern Galimatias〈…〉〈…〉 (soroph jajin schel bum!), Becher voll gebrannten Weins, welches Thiele zur Erläuterung von Koſſ ſchel jajin ſſoref (〈…〉〈…〉) gibt. S. 272 lieſt Thiele, Note **, aus〈…〉〈…〉, lonen, für uns, heraus. Mit Wichtigkeit erklärt er dabei, daß in Lamden (〈…〉〈…〉) „ die Ausſprache des m aber ſo hart ſei, als ob ein b dahinter ſtände “. S. 273 wird Lechet luli mit〈…〉〈…〉 (vgl. 〈…〉〈…〉) erläutert. S. 292 ſteht〈…〉〈…〉 anſtatt〈…〉〈…〉; S. 293〈…〉〈…〉 für〈…〉〈…〉, was wol nur Druckfehler iſt; ebenſo S. 299〈…〉〈…〉 für〈…〉〈…〉, wobei jedoch die ganze Etymologie falſch iſt, da Srikenen von〈…〉〈…〉 herkommt. Aehnliche Druckfehler ſind:〈…〉〈…〉 für〈…〉〈…〉 (S. 307) und〈…〉〈…〉 für〈…〉〈…〉 (S. 312) u. ſ. w.
Obgleich Thiele dem Selig die blindeſte Folge leiſtet, wie man das gleich auf den erſten Blick ſchon an der durchgreifenden nieder -259 ſächſiſchen Diphthongirung der Vocale und an der kümmerlichen logiſchen Erklärung erkennt, ſo kommen dennoch die ärgſten Fehler vor. So hat Selig S. 152 unter dem Stammwort〈…〉〈…〉, balal, er hat untergemengt, die Ableitung〈…〉〈…〉, blil, Futter, Viehfut - ter, Thiele gibt aber S. 235 Blill, mit Futter, Unterfutter! Aus Mauach (Moach,〈…〉〈…〉), Mark, Gehirn, creirt Thiele S. 277 „ Marach, das Mark oder Marks “. Anſtatt unmittelbar von〈…〉〈…〉, patach, possach, wird S. 291 das Wort Peſſiche von〈…〉〈…〉, pessichos, gezogene Schwerter (Pſalm 55, V. 22), ab - geleitet, welches Selig S. 261 mit dem Rococoausdruck „ aus - gezuckte Schwerter “überſetzt; dieſe alte Zuckung erſchien Thiele wol bedenklich, weshalb er denn „ ausgezackte Schwerdter “(Flammberger?) daraus gemacht hat. Obwol Thiele ferner bei Selig S. 173 hargenen und haureg ſein fand, ſo hat er doch nur das einfache hargenen (S. 256) aufgenommen, dagegen aber ohne Umſtände (S. 257) der Rotwelſchen Grammatik oder Grolman den argen Druckfehler Honech, mit der einſeitigen Ueber - ſetzung „ ein von ſeinen Kameraden (?) beſonders wegen Verraths (?) ermordeter Spitzbube “(?) nachgeſchrieben und in alphabetiſcher Folge, die keine Entſchuldigung mit einem Druckfehler zuläßt, zwiſchen Hon und Honzche eingeſchaltet. Das unzählige mal im Judenmunde gebrauchte Jontew (vgl. Tendlau, a. a. O., Nr. 444, 465, 540, 604, 673, 754, 814, 817, 818, 982), von〈…〉〈…〉, jom tob, Feſttag, gibt Thiele mit dem verfärbten Jon - tiff, nimmt es, ſo wichtig wie lächerlich falſch, für den Plural〈…〉〈…〉, jomim towim, und überſetzt dies Jontiff mit: „ die jüdiſchen Feiertage. Gruß: gut Jontiff, gute Feiertage “.
Mag man nun in der Einleitung bei Thiele, S. 199, Z. 14 und 15, die Behauptung, daß „ die hebräiſche und jüdiſchdeutſche Sprache bekanntlich (?) überall dieſelbe ſei “(?), für eine Flüchtig - keit nehmen, obſchon man ſtutzig werden muß, wenn Thiele bei der unerhörten Kritik Grolman’s (S. 206 und S. 219 wiederholt) „ die hebräiſch-deutſche Sprache der Juden “mit dem „ Loſchaun ha kaudiſch “identificirt, ſo ſieht man doch ſchon an den gerüg - ten Fehlern, daß Thiele nicht einmal die hebräiſchen Quadrat -17 *260lettern, geſchweige denn die deutſchrabbiniſchen Buchſtaben kannte und ſomit durchaus nicht zum competenten Kritiker über das Judendeutſch bei Grolman und ſeinen Vorgängern ſich aufwerfen durfte. Die kümmerlichen Aphorismen, welche Thiele aus Selig’s Handbuch über „ Wortton “und Ausſprache gibt, ſind deſto auf - fälliger. Von der Ausſprache der Conſonanten ſagt er gar nichts. Nur über das〈…〉〈…〉, welches gerade gar nicht in jüdiſchdeutſchen, ſondern nur in rein hebräiſchen Wörtern vorkommt (vgl. Th. III, S. 272), läßt er ſich (S. 221) ſo aus: „ Der Jdiotismus der Juden - und jüdiſchen Kochemer-Sprache verlangt, wie in der hebräiſchen, kaldäiſchen und ſelbſt arabiſchen Sprache, eine harte beſondre Aus - ſprache des Ch, wie ſich ſolche faſt nur praktiſch verſinnlichen läßt. Es iſt ein halb Hauch -, halb Gurgelton, ſchwächer als K und ſtärker als G, gleichſam als wenn man im Deutſchen Kch zu - ſammen ausſprechen wollte. Ohne die richtige Accentuation die - ſes Buchſtaben wird man einem Juden meiſtentheils unverſtänd - lich bleiben “!! Richtig iſt übrigens (S. 220), daß im Judendeut - ſchen die Vocale in den Endſilben ohne Unterſchied meiſtens nur leicht und flüchtig wie ein kurzes e ausgeſprochen werden, nament - lich wenn die Penultima betont iſt. Doch werden keineswegs die Vocale, „ wenn ſie in der Mitte des Worts ſtehen, faſt ganz ver - ſchluckt “(S. 220), da ſonſt vom ganzen prägnanten Vocalismus nicht viel übrig bleiben würde. Auch diphthongirt ja Thiele ſelbſt nach Selig geradezu die betonten Vocale, im entſchiedenſten Gegen - ſatze zu dieſer ſeiner Theorie, z. B. (S. 220): Braud, grauß, gait, für Brod, groß, geht u. ſ. w. Eine geographiſche, ethno - graphiſche und linguiſtiſche Merkwürdigkeit bildet aber der Schluß (S. 221), wo man kaum ſeinen Augen trauen mag, wenn man buchſtäblich lieſt: „ Bemerken muß ich ſchließlich noch, daß zwar, im Allgemeinen, die Sprache der Juden faſt in der ganzen Welt dieſelbe iſt, daß jedoch, rückſichtlich der Ausſprache einiger Vocale, auch unter ihnen einige Verſchiedenheit ſtattfindet. Das iſt beſon - ders bezüglich des Woof und Aijin der Fall. Während nämlich die Juden des Occidents (?), und auch vielleicht in einigen Ge - genden Süddeutſchlands, das Woof wie o, das Aijin aber wie e261 prononciren (?), ſprechen die Juden des Continents (?), nament - lich die in Polen, Ungarn und dem größten Theile von Deutſch - land heimiſchen (?), das Woof wie au aus, bedienen ſich ſtatt des Aijin meiſtentheils des Jud und ſagen ſo z. B. Lau, Loſchaun, Keifel, Heichel et cet., während es bei Jenen Lo, Loſchon, Kefel, Hechel heißt. Dieſe Divergenz, die ſich überhaupt auch in Deutſch - land nur wenig vorfindet, da der (sic) polniſche Jdiom hier der vorherrſchende iſt — und er iſt es auch in meinem Wörterbuche —, iſt indeſſen nicht ſo groß, daß in Anſehung der jüdiſchen Kochemer - Sprache die Verſtändigung dadurch gehindert und ſomit der Nutzen meiner Arbeit beeinträchtigt werden könnte. “
Solche Dinge ſubſtituirt Thiele für alles das, was er mit ſo unerhörter Kritik und mit ſeinem eiteln „ Mole ſchibbuſchim “an Grolman und deſſen Vorgängern getadelt und zu Boden ge - riſſen hat! Selbſt bei der Kritik des über alles Maß von ihm getadelten von Train gibt er noch größere Blößen als dieſer ſelbſt. S. 212, Note **, verbeſſert er den bei von Train richtig mit Erz - böſewicht “aufgefaßten Jodel roſche (〈…〉〈…〉) mit „ großer Herr “(〈…〉〈…〉), negirt alſo das ſehr ſtark gebrauchte godel Roſche. Ebenſo einſeitig corrigirt er bei von Train Fieſel, Knabe, mit „ Auf - ſeher, Schließer “, ohne die prägnante Bedeutung des Fieſel zu kennen.
Sieht man nun auf die Maſſe der Vocabeln ſelbſt, deren Thiele nicht weniger als 2718 aufführt, ſo muß man auch hier die Feigen von den Diſteln leſen. Man muß jedenfalls Thiele darin Gerechtigkeit und Anerkennung widerfahren laſſen, daß er aus der Löwenthal’ſchen Unterſuchung ſelbſt eine nicht unbeträcht - liche Menge bis dahin noch nicht geſammelter origineller Vocabeln zuſammenbrachte und ſogar meiſtens mit glücklichem logiſchen Ver - ſtändniß erläuterte. Darin hat Thiele wirkliches Verdienſt. Frei - lich iſt er aber auch bei ſeinem Mangel an linguiſtiſchem Geſchick und Wiſſen, wie ſchon oben gezeigt iſt, oft recht unglücklich, und gerade da am meiſten, wo er ganz unpaſſend mit Ausdrücken her - vortritt, welche das religiöſe, gelehrte und ethiſche Leben des Juden - thums angehen und gar nicht in ein Wörterbuch der Gaunerſprache262 gehören. So z. B. führt Thiele, der doch die bekannte Vocabel Godel Roſche nicht kennt, den Raſche (falſch für Raſchi, Rabbi Salomo Ben Jſaak, vgl. 〈…〉〈…〉, Th. III, S. 331, den berühmten Commentator der Bibel und des Talmud) als „ Ueberſetzung der fünf Bücher Moſes “an, obſchon der Raſchi (wie auch die Miſchna) am allerwenigſten ins Gaunerthum hineingehört und auch nicht einmal bei Selig erwähnt wird. Die Erläuterung vieler jüdiſcher religiöſer Gebräuche und Ausdrucksformen, wie z. B. Chalize, Kidduſch, Mitzwo, Tnai, Tnoimſchreiben, Pidjeni ben u. ſ. w., welche ohnehin nicht einmal erſchöpfend und richtig erklärt ſind, iſt für den Zweck eines Gaunerwörterbuchs überflüſſig. Alle dieſe Ausdrücke, ſowie eine Menge anderer aus dem bürgerlichen und häuslichen Leben der Juden hat Thiele auch nicht aus Gauner - munde geſchöpft, ſondern aus Selig’s trockenen und dürftigen Er - läuterungen abgeſchrieben und ſeinem Gaunerwörterbuche einver - leibt, wohin ſie nur vereinzelt und auch nur inſoweit gehören, als ſie eine beſtimmte Beziehung zur Gaunerkunſt haben, oder, wie z. B. Challe, Challe backen, mit gezwungener bildlicher Bedeutung auf eine ſpecielle gauneriſche Thätigkeit oder Situation übertragen ſind. Weſentlich durch dieſe ungehörige Häufung von jüdiſchdeut - ſchen Bezeichnungen aus dem jüdiſchen Leben und durch ihre ge - waltſame Hinüberziehung in die Gaunerſprache hat Thiele dieſe mit dem Jüdiſchdeutſchen identificirt, den Charakter und Zweck beider Ausdrucksformen verwirrt und leider auch die ſittliche Gel - tung des Judenthums überhaupt ſtark und übel afficirt. Sondert man nun mit ruhigem Maßſtabe der Kritik jene Menge von Aus - drücken aus der Wortmaſſe bei Thiele ab, ſo erhält man als Re - ſiduum ein Gaunerwörterbuch, welches durchaus nicht ſtärker mit Judendeutſch verfärbt iſt, als alle vor Thiele erſchienenen und die deutſche Gaunerſprache abhandelnden Gaunerwörterbücher, bei wel - chen ebenſo wenig die Rede iſt von einer ſpecifiſch jüdiſchen Gau - nerſprache, als von einem ſpecifiſch jüdiſchen Gaunerthum. So kann man denn Thiele immerhin einen wenn auch nicht ausge - zeichneten, doch anerkennenswerthen Vocabelnſammler nennen, deſſen Leſe allerdings Beachtung verdient, aber aus den darge -263 ſtellten Rückſichten doch auch ſtete Vorſicht bei der Benutzung er - fordert.
Jm erſten Bande ſeines im Jahre 1847 in zwei Theilen er - ſchienenen und bereits in der Literatur Th. I, S. 267, beurtheil - ten Werks „ Die Diebe in Berlin “hat der Verfaſſer, Criminal - commiſſarius C. W. Zimmermann in Berlin, ein eigenes Kapitel, das dreizehnte, der „ Diebesſprache in Berlin “gewidmet und dazu ein Gaunerwörterbuch gegeben. Jn der ſehr kurzen Einleitung theilt Zimmermann die deutſche Gaunerſprache in „ drei Haupt - idiome, die ſüddeutſche, die norddeutſche oder eigentlich berliniſche (?) und die jüdiſche Gaunerſprache “, und erklärt „ letztere als Mutter der beiden erſten Dialekte, da der deutſche Spitzbubenjargon faſt nur aus verdorbenen hebräiſchen Wörtern beſteht, welche mit ge - wiſſen provinziellen und localen Ausdrücken des gemeinen Lebens verbunden ſind “.
Bei dieſer im weitern Verlauf ſogar noch ſchärfer ausgeſpro - chenen Anſchauung, nämlich „ daß die jüdiſche Sprache, wie ſolche von den poſenſchen und zum Theil polniſchen Juden im gewöhn - lichen Leben geſprochen werde, allerdings das Fundament des ge - ſammten Diebsjargons ſei “, hat ein glücklicher Stern über dem Verfaſſer gewaltet, daß er die Abſicht nicht ausgeführt hat, „ jedes in Berlin übliche Gaunerwort mit dem correſpondirenden Ausdruck der jüdiſchen Gaunerſprache zu vergleichen und grammatiſch und etymologiſch aus der eigentlichen hebräiſchen Schriftſprache (?) nachzuweiſen “, da er bei dieſem äußerſt gewagten Unternehmen auf durchaus unüberwindliche Schwierigkeiten geſtoßen ſein würde. Offenbar hat Zimmermann zu ſtark auf den, auch von ihm an - geführten Ausſpruch Luther’s in der Vorrede zum Liber Vagato - rum ſich geſtützt, „ daß freilich ſolch rottwelſche ſprache von den264 Juden komme, denn viel Ebreiſcher wort drynnen ſind, wie denn wol mercken werden, die ſich auff Ebreiſch verſtehen “, ein Aus - ſpruch, deſſen Misverſtändniß, wie ſchon gezeigt iſt, auf das ge - ſammte Judenthum, wie ſpeciell auf das Studium und auf die Kritik der Gaunerſprache ſeit Luther ſehr nachtheilige Folgen geübt hat und deſſen ſpäte irrige Auffaſſung noch bei Zimmermann dop - pelt befremdend, zugleich aber auch das Kriterium dafür iſt, daß dieſer weder die Geſchichte des Gaunerthums mit ſeiner Sprache durchforſcht, noch überhaupt linguiſtiſche Studien gemacht hat.
Geht man nun mit einiger Verzagtheit darüber, daß der ſo ſtark hervortretende Mangel einer richtigen Auffaſſung und kritiſchen Sichtung vorherrſchend ſich geltend machen werde, an das Studium des verhältnißmäßig kleinen, auf nur 26 Druck - ſeiten abgethanen Wörterbuchs, ſo wird man in nicht geringem Grade überraſcht, wenn man findet, daß Zimmermann mit Cor - rectheit ſeine Gaunervocabeln aufgefaßt und mit nur geringen Ausnahmen glücklich und treffend erläutert hat. Trotz ſeiner muthi - gen etymologiſchen Vorſätze gibt Zimmermann keine einzige Ety - mologie und keine linguiſtiſche Erörterung. Aber es iſt in dem ganzen Wörterbuche kaum eine Vocabel, deren Etymologie man nicht bald finden könnte. Freilich ſchwindet dabei Zimmermann’s Dogma von der durchgreifenden Fundamentalität der „ hebräiſchen Schriftſprache “, ſowie das Dogma von einer eigentlichen „ berliner “Gaunerſprache, welche die norddeutſche abſorbirt, da man eine große Menge urdeutſcher Gaunerwörter neben den vielen jüdiſch - deutſchen Ausdrücken findet, welche ſämmtlich in ganz Deutſchland, mindeſtens aber in Norddeutſchland durchaus bekannt ſind, wäh - rend nur verhältnißmäßig wenige und meiſtens auch nur die con - creteſte topiſche Beziehung habende „ berliniſche “Gaunerwörter darin angetroffen werden.
Ungenau iſt z. B. die Erläuterung von anbaun1)Zimmermann führt auf: „ Anbaun, mit den Diebsinſtrumenten ver - ſchloſſene Locale zu öffnen ſuchen, beſonders üblich, wenn die Diebe nachher verſcheucht werden und Spuren ihrer Anweſenheit zurückgeblieben ſind. “, von〈…〉〈…〉, bo, bau, welches in der allgemeinen Bedeutung kommen265 gebräuchlich iſt und vielfach zuſammengeſetzt wird;〈…〉〈…〉 bedeutet aber allerdings auch in der urſprünglichen hebräiſchen wie in der Gau - nerſprache das Hineingehen in eine Stätte (wovon ſogar auch〈…〉〈…〉, bo el ischa, inire in feminam, coire). Doch iſt un - geachtet dieſer primitiven Bedeutung des „ Herangehens, um Ein - gang zu gewinnen “keineswegs die auffällige Nebenbedeutung des „ Verſcheuchtwerdens und des Zurücklaſſens von Spuren der An - weſenheit “jemals bekannt und üblich geweſen, es ſei denn, daß Zimmermann ſpeciell für Berlin Belege dafür gehabt hätte. Ebenſo unrichtig iſt das allgemeine Maſematten ſpecifiſch als „ gewalt - ſamer Diebſtahl “bezeichnet, desgleichen Mokum als bloße Stadt - mauer, für Stätte, Ort, Dorf, Stadt; ferner iſt auf Schub gehen mit „ auf gewaltſamen Diebſtahl ausgehen “überſetzt, an - ſtatt im allgemeinen der Hauseinſchleicherei mit Diebſtahl zu er - wähnen; endlich „ Weißkäufer, ein auswärtiger Marktdieb “, anſtatt allgemein Markt - und Meſſendieb. Auch ſind mehrere ſehr wich - tige Ausdrücke, wie z. B.: Handeln, Kober, Kabber, Leine u. ſ. w. nur einſeitig und kümmerlich erläutert. Anerkennenswerth iſt dagegen die häufige Zuſammenſtellung ſynonymer Ausdrücke, z. B.: alle werden, verſchütt gehen, kaule gehen, für ver - haftet werden; Heichus, Mackes, Mackeis für Hiebe; ferner: Kalches und Umſchlag; Schaute und Oochbram; Tafel und Plattmolle u. ſ. w.
Bei der Unbefangenheit, mit welcher Zimmermann ſeine Sammlung unmittelbar aus dem vermöge ſeiner amtlichen Stel - lung offen vor ſeinen Augen liegenden berliner Gaunerleben ge - ſchöpft hat, treten die originellen und topiſchen Bezeichnungen mit beſonders lebhafter und ſehr intereſſanter Farbigkeit hervor, z. B.: Appel, das (an der Ecke der Alexanderſtraße und des Alexander - platzes in Berlin belegene) Arbeitshaus, zunächſt vom franz. ap - pel, das ordnungsmäßige Aufrufen der Namen zur Controle der Anweſenheit aller Jnſaſſen, aber auch in Verbindung mit Eppel, (ſ. das Wörterbuch) Warnungsruf der Gauner unter ſich; der Zoten, ebenfalls Arbeitshaus, von der Beſchäftigung mit Aufkrämpeln und Zupfen der Woll - und Haarzoten. Graues Elend, von der266 grauen, düſtern Farbe des Arbeitshauſes; ebenſo Graudenz mit ſarkaſtiſcher Beziehung auf die Feſtung gleiches Namens, wegen der ſcharfen Bewachung und Eingeſchloſſenheit, möglicherweiſe aber auch mit Bezug auf das niederdeutſche Dönz, Denz (eigentlich Dörnſe, ahd. turniz, durniz, Badſtube, Gemach zum Heizen, ruſſ. ròp###a), Stube, Gemach, wie ja auch Stube wieder das Criminalgefängniß bedeutet; ferner für Arbeitshaus Graupen - palais von dem weſentlichen Nahrungsmittel in demſelben1)Vgl. die recht intereſſant geſchriebenen „ Dunkeln Häuſer Berlins. Von Dr. G. Raſch “(Berlin 1861, Kap. 1.)., wie entſprechend das Arbeitshaus in Wien „ Erbſien “genannt wird. Bekahne ſein, „ im Kahne, im Polizeigefängniß, ſein, im Gegenſatz des Kühlen, d. h. des Criminalarreſtes “, zunächſt aus dem jüdiſchdeutſchen bekân ſein (〈…〉〈…〉, kân,〈…〉〈…〉, bekân, hier), hier ſein, in loco esse, hîc esse, aber in der berliner Gau - nerſprache mit drolliger Homöophonie als deutſches Kahn, Boot, Nachen genommen. Das Kühle, eigentlich verdorben aus dem jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, kehillo, Verſammlung, Gemeinde, der Cri - minalarreſt, homöophonetiſch als Kühle, kühler Ort genommen, entſprechend dem im norddeutſchen Volksmunde gebräuchlichen „ im Schatten ſitzen “, gefangen ſein. Fiſchneß, Weſte, verdorben vom engliſchen fashionist, Modenarr. Pachulken, der Sträf - ling, welcher in den Gefangenanſtalten den andern Gefangenen Eſſen und Trinken zu bringen, ſowie ſonſtige Handdienſte zu leiſten hat, vom böhmiſchen Pacholjk, Junge, Burſche. Putz, Aus - rede, Ausflucht, zunächſt wieder vom jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, putz, zerſtreuen, ausreden, aber auch homöophonetiſch für Putz, Kalk - anwurf, genommen, weshalb auch zur Verſtärkung des logiſchen Begriffs noch Gips als conſiſtenteres Bindemittel des Putzes hin - zugeſetzt wird, ſodaß die Redensart: „ der Putz ſteht, denn es iſt Gips drin! “die ſichere innere Geltung einer Ausflucht bedeutet. Tauben haben, Glück haben, vom jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, toba, towe, taube, tauwe, Güte, Segen, Wohl, Glück, aber auch hier homöophonetiſch und drollig auf die Taube als Symbol der Un -267 ſchuld und auf den Taubenflug als haruspicium bezogen. Einen Unzelmann machen, ſich verſtellen, einem etwas vorlügen, ur - ſprünglich Huzzelmann (von huzzeln, huſſeln, quälen, verſpot - ten, vgl. Hutz Th. III, S. 103, Note 1, ſowie Schmid, a. a. O., S. 293), hier auf eine berühmte Theaterperſönlichkeit bezogen, wie ſolche Bezeichnungen in der engliſchen Gaunerſprache eine beſon - dere Abtheilung, rhyming slang, ausmachen, wovon bereits Th. III, S. 127 die Rede geweſen iſt.
Zimmermann’s Wörterbuch iſt ein ehrenvolles Zeugniß ſeiner hellen Auffaſſung und geiſtvollen Ausbeutung der in ſeiner amt - lichen Praxis gemachten reichen Erfahrungen. Beſcheiden hat er in der Ueberſchrift das Werkchen nur auf die berliner Gauner - ſprache beſchränkt; doch iſt es für jeden deutſchen Polizeimann intereſſant und belehrend, und, obſchon Zimmermann nichts weniger als linguiſtiſches Studium und kritiſches Geſchick zeigt und obfchon das Wörterbuch an Umfang nur gering iſt, unbeſtreitbar das beſte Gaunerwörterbuch, welches bisjetzt in Preußen zum Vorſchein ge - kommen iſt und mit welchem die Wörterbücher von Falkenberg und Thiele, geſchweige denn die ihrer unwiſſenden Epigonen an inne - rer Wahrheit, Unbefangenheit und Abrundung lange nicht den Vergleich aushalten.
So vereinzelt alle bisher angeführten geſchichtlichen Urkunden der Gaunerſprache daſtehen, ſo kann man doch aus ihrer Folge und aus ihrer Geſammtheit ſchon von der erſten Urkunde an die Gaunerſprache als eine eigenthümliche fertige Ausdrucksweiſe der weitverbreiteten verbrecheriſchen Genoſſenſchaft erkennen, welche mit ungemeiner Behendigkeit und Freiheit durch das geſammte Volk zu ſchlüpfen und daſſelbe mit ſeinem Leben und Verkehr, mit ſei - ner Sitte und Sprache erſchöpfend auszubeuten verſtand. Dieſe268 Erkenntniß wird nicht getrübt, wenn man auch die Unvollkommen - heit der Auffaſſung und Redaction aller jener, ohnehin immer nur noch vereinzelt gegebenen und empfangenen Sprachtypen und die mehr oder minder große Gezwungenheit der Offenbarung mit in Anſchlag bringt, welche bei dem Mangel an genügender Sprach - kenntniß der Redactoren durchgehends der vollkommenen richtigen Auffaſſung und kritiſchen Sichtung entbehrte und bei der rückſichts - loſen Gewalt gegen die Sprache überhaupt und bei der geſuchten frivolen Entſtellung der einzelnen Gaunerausdrücke den guten Glauben der Concipienten ſtets auf harte Proben ſtellte. Je mehr ſolche, dem Geiſt und Zweck des Gaunerthums entſprechende My - ſtificationen bis tief in die neueſte Zeit hineinreichen, deſto um - ſichtiger und beſonnener muß die Kritik alle dieſe Momente neben der grammatiſchen Forſchung ins Auge faſſen, weil gerade hinter dem ehrlichen Schein vollkommener Offenbarung das hohnlachende Gaunerthum ſich am liebſten verſteckt.
Seit der Rotwelſchen Grammatik von 1755, beſonders aber ſeit Pfiſter, ſieht man nun eine nicht geringe Anzahl von Gauner - wörterbüchern zum Vorſchein kommen, deren Verfaſſer ihre kahle Vocabulatur zunächſt aus der Rotwelſchen Grammatik und ſpäter aus Pfiſter, Grolman und Biſchoff geſchöpft haben. Jn dieſen Wörterbüchern findet ſich, ohne alle linguiſtiſche Bemerkung, ohne alle kritiſche Sichtung und ohne alle Angabe der Quellen, mit alten bekannten Druckfehlern und mit neuen unbekannten Zuſam - menſetzungen, auf eigene Hand eine Menge wunderbarer Wort - formen conſtruirt, bei deren erſtem Anblick man in ein ſo rathlos verwundertes Erſtaunen geräth wie bei der mikroſkopiſchen Ent - deckung ganz ungeahnter misgeſtalteter Jnfuſorien. Nimmt man aber die trügeriſchen Linſen vor der Wortmaſſe hinweg, wie „ aus eigener praktiſcher Erfahrung “, oder „ nach Criminalacten “, oder „ nach Polizeiacten “, oder „ nach den bewährteſten Quellen “, und ſieht man mit dem geraden, feſten, durch unmittelbare Beobach - tung des Volks und ſeiner Sprache und der Verbrecher und ihrer Sprache geſchärften Blick in dieſe Wortmaſſen hinein, ſo erkennt man auf der einen Seite die kahle unredliche Nachſchreiberei, auf269 der andern eine eigenmächtige ſinnloſe Wortbildnerei, an welcher, bei dem Mangel einer reellen Kenntniß der Gaunerſprache und ihrer Kritik, die übelſte Eitelkeit, Unwiſſenheit und Verwegenheit gleichen Antheil haben und welche meiſtentheils eine ſo kecke Myſtification wie das berüchtigte „ Jägerlatein “, theilweiſe aber auch der noch mehr pſychologiſch als linguiſtiſch merkwürdige Ausdruck einer auf Sprach - forſchung gerichteten Jdioſynkraſie iſt, an welcher z. B. von Train’s wunderbares „ Chochemer Loſchen “unheilbar leidet. Man kann die weitläufige Anführung und Kritik dieſer zahlreichen rotwelſchen Epigonen wol füglich unterlaſſen, da man ſie ſchon auf den erſten Blick an den conſequent wiedergegebenen Druck -, Verſtändniß - und grammatiſchen Fehlern ihrer literariſchen Quellen erkennt, aus denen weit beſtimmter die Sünde des erſten Setzers als das Ge - heimniß des Gaunerthums offenbar wird. Ohnehin hat Thiele nach ſeiner Weiſe einzelne dieſer Epigonen die Muſterung paſſiren laſſen, womit es denn ſein Bewenden haben mag, ohne Thiele’s Kritik ſelbſt gut zu heißen. Denn es wäre ungerecht zu verken - nen, daß unter der vielen Spreu nicht auch manche gute Körner gefunden werden könnten, und jedenfalls ſind die wenn auch im - mer nur mit ſehr großer Vorſicht zu gebrauchenden Wörterbücher von J. C. F. C. Sommer (hinter S. A. Krafft’s „ Juriſtiſch - praktiſchem Wörterbuch “. Erlangen 1821), von J. G. Krünitz („ Encyklopädie “, CXXVIII, 26 fg. ) und von R. Fröhlich („ Die gefährlichen Klaſſen Wiens “. Wien 1851), obſchon nur Compila - tionen, anerkennenswerthe Ausnahmen.
Wenn man auch aus der Geſammtheit der in hiſtoriſcher Reihenfolge bisher aufgeführten gaunerſprachlichen Erſcheinungen allerdings eine ſtets fortſchreitende und zwar immer auch den Wan -270 delungen der deutſchen „ Sprache der Bildung “ſich anſchließende allgemeine Fortbildung der Gaunerſprache wahrnehmen kann: ſo erkennt man doch auch wieder in jeder dieſer einzelnen Erſcheinun - gen nur die vereinzelte Offenbarung, deren Form und Geltung, wenn man das einzige, verbürgt aus unverdächtiger, unmittel - barer gauneriſcher Offenbarung hervorgegangene Wörterbuch des conſtanzer Hans ausnimmt, faſt durchgehends von der individuel - len Auffaſſung und dem Verſtändniß des erſten Empfängers ab - hängig iſt und deren volle Wahrheit nur aus der Vergleichung mit frühern und ſpätern entſprechenden Erſcheinungen, ſowie mit den entſprechenden volksthümlichen Typen kritiſch hergeſtellt und befeſtigt werden kann. Die bei der Vergleichung und Kritik ſtets zu berückſichtigende dialektiſche Modalität iſt allerdings ſehr weit und verſchiedenartig, auch verunſtaltet der rohe Volks - und Ver - brechermund ſehr vieles: doch hat das Dialektiſche, ſelbſt bei der ſtärkſten Verfärbung, immer ein beſtimmtes von dem Sprachgeiſt der ſpecifiſchen dialektiſchen Gruppe gegebenes und innegehaltenes Maß, welches von der Kritik eben aus der genauen Beachtung dieſes Geiſtes erkannt und berückſichtigt werden muß. So laſſen ſich denn auch in der Gaunerlinguiſtik die dialektiſchen Verfär - bungen recht wohl von interpolirten, incorrecten, ſprachwidrigen Formen unterſcheiden, welche von Ungeſchick und Unwiſſenheit, ja ſogar nicht ſelten auch von perfider Frivolität einzelner Redactoren geſchaffen und bei dem vorherrſchenden Mangel einer gründlichen Kritik auf gutes Glück hin als echt mit durchgebracht wurden. Dieſer literariſchen Unehrlichkeit gegenüber haben aber ſogar die frivolen gauneriſchen Wortentſtellungen ein beſtimmtes Maß und Syſtem, damit ſie der gauneriſchen Geſammtheit allgemein ver - ſtändlich bleiben können, weshalb denn auch die nach dem Muſter kabbaliſtiſcher Transpoſitionen gebildeten Buchſtaben - und Silben - Verſetzungen in der Gaunerſprache trotz der gegebenen weiten Möglichkeit immer nur ſehr beſchränkt und beinahe auf beſtimmte Vocabeln begrenzt ſind. Selbſt in der hierin am weiteſten gehen - den engliſchen Gaunerſprache ſind die palindromen Formen des back slang der Costermongers, z. B. dab für bad, dab tros271 für a bad sort, kirb für a brick, yenep für penny u. ſ. w. nur ſtrenge buchſtäbliche Wortumkehrungen, und ſogar in der Al - literation des rhyming slang iſt bei allem Reichthum an Voca - beln doch ein beſtimmtes und auf eine feſtgeſtellte Vocabulatur beſchränktes Maß vorhanden, ſodaß die Vocabeln nach ihrem pho - netiſchen wie logiſchen Elemente im allgemeinen leicht erkannt wer - den und feſt im Gedächtniß haften können, z. B.: Everton toffee für coffee; garden gate für a magistrate; I desire für a fire; macarony für a pony; ship in full sale für a pot of ale u. ſ. w. Da dieſe und andere nothwendige Rückſichten noch immer nicht zum Bewußtſein gekommen waren, blieb auch die Gaunerlinguiſtik ganz brach danieder liegen, obſchon in dem hiſtoriſch gegebenen Material immer Stoff und Anregung genug vorhanden war. Es iſt bezeichnend, daß gerade die tüchtigſten Schriftſteller über das Gaunerthum die große Bedeutſamkeit der Sprache ſtets mit dem vollſten Nachdruck hervorgehoben haben, während die unwiſſendſten und flachſten auch am leichtfertigſten und ſeichteſten über die Gau - nerſprache urtheilten. Auch offenbart ſich die ernſte Berückſichtigung der Sprache in dem ganzen Gange der hiſtoriſchen Grammatik. Sofort in der älteſten Urkunde, im baſeler Rathsmandat, iſt ganz entſchieden die Ueberzeugung vom Vorhandenſein einer vollſtändi - gen, ausgebildeten Gaunerſprache ausgedrückt, indem ſchon zahl - reiche techniſche Bezeichnungen, namentlich der Perſonen und per - ſönlichen Gaunerthätigkeit, ſowie am Schluſſe ſogar zuſammenge - ſetzte Redensarten vorkommen und erläutert werden. Dies findet ſich im Liber Vagatorum mit ſeinem Wörterbuch noch deutlicher ausgeſprochen, und im Anhange des Hempel’ſchen Vocabulars ſind ſolche zuſammengeſetzte und erläuterte Redensarten ſchon viel häufiger und gedrängter vorhanden, was auch im waldheimer Lexikon, wenn auch in geringerm Umfange, ſowie im Rotwelſchen Verzeichniß von St. -Georgen am See ſich wiederholt. Die Mit - theilungen des Gauners Schwartzmüller im hildburghauſener Wör - terbuch gibt die vollkommen glaubhafte Offenbarung einer voll - ſtändigen, abgerundeten und ſogar bis zur förmlichen Lexikographie unter den Gaunern cultivirten Gaunerſprache, und ſelbſt die tech -272 niſche Claſſification bei dem heillos verknöcherten J. J. Bierbrauer in der caſſeler Beſchreibung von 1758 (vgl. Th. I, S. 236) iſt allerdings ſchon in linguiſtiſcher Hinſicht ſehr merkwürdig und bis zur Stunde durchſchlagend. Die trockenen, geiſtloſen und gemach - ten Erzählungen der dürren Rotwelſchen Grammatik von 1755 paralyſirten die unbefangene Erforſchung der naturwüchſig und deutlich aus dem Leben und der Praxis hervorquellenden Gauner - ſprache, ſodaß ſogar auch Schäffer, der ſich von ſeinem Jntereſſe für die Gaunerſprache zu einem ähnlichen Verſuche verleiten ließ, nur Unbehülfliches und Unvollkommenes gab, und ſpäter Pfiſter mit ſeiner unglücklichen „ Gauneridylle “von derber Kritik zurecht - gewieſen werden mußte. Wie groß nun auch Mejer’s Verdienſt war, welcher mit entſchiedener Selbſtändigkeit den durch die Rot - welſche Grammatik geſtörten alten Weg der unbefangenen Be - obachtung und Aufzeichnung aus dem praktiſchen Leben wieder aufnahm, ſo ſchätzbar dazu die Arbeiten von Chriſtenſen, Falken - berg, Grolman u. a. waren, ſo blieben doch alle dieſe Arbeiten immer nur auf das Lexikographiſche beſchränkt: die linguiſtiſche Forſchung aber blieb bis auf wenige hier und da in Zeitſchriften zerſtreute Aufſätze1)Z. B. im „ Allgemeinen Anzeiger der Deutſchen “, 1810, Nr. 102; 1812, Nr. 174, 175, 237; 1815, Nr. 304, 309, 312 u. ſ. w., welche kaum mehr als vereinzelte ſchüchterne Bemerkungen über die Gaunerſprache im allgemeinen enthalten und nichts Ganzes und Gründliches geben, ganz danieder liegen und wurde dazu neuerdings durch die bereits angeführten und gerügten Verſuche der rotwelſchen Epigonen ſo ungemein verwirrt und außer Credit geſetzt, daß keiner irgendeine weitere Forſchung anzuſtellen unternahm, beſonders da dieſe Epigonen auf dem von ihnen verwüſteten Boden das breite, anmaßliche Dogma zur Gel - tung brachten, daß nur Polizeimännern und Criminaliſten auf Grundlage der „ eigenen praktiſchen Erfahrungen “das eminente Recht der gaunerlinguiſtiſchen Erforſchung zuſtehe, und ſomit jedes anderweitige Jntereſſe abwieſen.
Erſt in neueſter Zeit hat Pott, Th. II, S. 1 — 43 ſeines be -273 rühmten, mit echt deutſchem Fleiß und Geiſt geſchriebenen, ſchon oft erwähnten Werks: „ Die Zigeuner in Europa und Aſien “, der Gaunerlinguiſtik die Bahn gebrochen, indem er den Wortvor - rath der von ihm geiſtvoll aufgefaßten und definirten Gauner - ſprache analytiſch behandelte, ſie nach ihrer logiſchen Bedeutung unterſuchte und, durch ſeine glänzende Sprachkenntniß unterſtützt, mit verwandten, ähnlichen und entſprechenden Wortformen ande - rer Sprachen verglich. Begeht er dabei mancherlei Jrrthümer, ſo iſt das der großen Beſchränktheit der ihm zur Hand gegebenen Quellen und ſeinem Mangel an eingehender Kenntniß des Juden - deutſch zuzuſchreiben. Man darf ihm auch den Vorwurf nicht er - ſparen, daß er dem Dialektiſchen, beſonders aber dem merkwürdig ſtark durchſcheinenden niederdeutſchen Dialekt, zu wenig Rechnung getragen hat. Seine Unterſuchungen ſind überhaupt auch nur ver - einzelte Aphorismen. Aber immer ſind ſie doch originell und geiſt - voll, und jedenfalls gebührt Pott das Verdienſt, zuerſt und gründ - lich auf den Bau der Gaunerſprache aufmerkſam gemacht und den Weg zu ihrer etymologiſchen und kritiſchen Bearbeitung angebahnt zu haben. Zu den auffälligen Jrrthümern Pott’s gehört z. B. S. 16 Serfſchnorrer, Brandbettler, vom deutſchen ſchnorren und dem zig. serfo, die Linke, anſtatt vom jüdiſchdeutſchen saraph, brennen; ferner ebendaſelbſt Stühre, Stirigen, Henne, von Stärchen, kleiner Staar, anſtatt von ſtiren, ſtüren, ſcharren, wovon die wieneriſchen Knochenſammler den Namen Banlſtierer haben. Ferner S. 23: Schoter, Schauter, Büttel, vom deut - ſchen Schauder, weil die Schuldigen Schauder vor ihm bekommen, anſtatt vom jüdiſchdeutſchen schot, Geißel; S. 31: Handwaſſer, Schuſter (zu eng nach dem waldheimer Lexikon), weil ſeine Hände allerdings des Waſſers bedürfen, anſtatt aus der ſchon oben (S. 103) erwähnten corrumpirten niederdeutſchen Ausſprache von Handwerker; S. 32 iſt Mitteleile, Mitternacht, und Mittiom, Mittag, kei - neswegs hybrider oder ganz fremder Ausdruck, ſondern Compoſi - tion vom deutſchen Mitte und dem hebräiſchen laila, Nacht, und jom, Tag; ebenſo wenig iſt Lehmſchuppen, Backhaus, hybri - diſch, da es aus dem hebräiſchen lechem, Brod, und dem deut -Avé-Lallemant, Gaunerthum. IV. 18274ſchen Schuppen zuſammengeſetzt iſt; ferner läßt ſich Duftmahl, Abendmahl, ſehr wohl vom jüdiſchdeutſchen tiffle (tephillo), Kirche, oder in mundartiger und ſehr bekannter Entſtellung von tob, tow, gut, ableiten; endlich Schwächer, Trinker, Säufer, nicht von „ ſchwach, indem das übermäßige Trinken ſchwächt “, ſondern vom jüdiſchdeutſchen sowa, ſich ſättigen, oder beſſer von sowach, opfern. Auf andere Analyſen und Erklärungen Pott’s wird in den folgen - den Kapiteln weiter eingegangen werden.
Jedenfalls verdient hier noch Erwähnung Hoffmann von Fal - lersleben, welcher im „ Weimariſchen Jahrbuch für deutſche Sprache, Literatur und Kunſt “, Bd. IV, Heft 1, S. 65, nicht nur von neuem die Aufmerkſamkeit auf das baſeler Rathsmandat und den Liber Vagatorum gelenkt, ſondern auch (a. a. O., Bd. I, Heft 2, S. 328 fg. ) intereſſante Proben des alten Rotwelſch gegeben und auch kritiſche Verſuche gemacht hat, deren Flüchtigkeit jedoch zu beklagen iſt, da gerade Hoffmann tüchtige Arbeiten zu liefern be - fähigt und berufen war, wenn er nur etwas ernſtere und gründ - lichere Studien gemacht hätte.
Wenn man den überaus reichen Stoff ins Auge faßt, wel - cher dem Gaunerthum für ſeine ſpecifiſche Sprache zu Gebote ſteht; wenn man dazu feſt daran hält, daß die deutſche Gaunerſprache durchaus keine von der deutſchen Volksſprache abweichende eigen - thümliche Flexionen hat, ſondern ſich durchweg nur auf deutſchem Sprachboden bewegt; wenn man dazu endlich berückſichtigt, daß, — wie ja erfahrungsmäßig feſtſteht — die Gaunerſprache keine natürlich gewordene, ſondern eine künſtlich gemachte, geheime, ab - geſchloſſene Sprache iſt: ſo wird man nothwendig auf den Schluß geführt, daß die Gaunerſprache nur in der Wortbildung und in der Wortdeutung ihre hauptſächliche Eigenthümlichkeit und Gewalt275 haben kann. Jn dieſer Beſchränkung einer künſtlichen, conventio - nellen, gemachten Sprache bewegt ſich nun aber auch das Gau - nerthum mit der vollſten Freiheit ſeines reichen, unbändig ſpru - delnden Geiſtes, und mit vollkommenem Grunde ſagt Pott, a. a. O., II, 2: „ Es ſind nicht die ſchlechteſten Köpfe, denen ſie ihren Ur - ſprung verdanken, dieſe Denkmale eines, wenn auch zu ſchlechtem Zwecke aufgebotenen, doch glänzenden Scharfſinns und einer ihn befruchtenden Einbildungskraft voll der keckſten Sprünge und leb - hafteſten Bilder, und an dieſer beider Schöpfungen hat ſich über - dem oft ſprudelnder Witz, freilich der übermüthigſten, ja ſchrecklicher Art, betheiligt, der nichtsdeſtoweniger, daß er zu oft nach dem grauenvollen Gewerbe ſeiner Schöpfer und Fortpflanzer duftet, wie faſt immer durch Kühnheit, ſo auch häufig durch die ſchlagende Richtigkeit ſeiner, blitzartig ins Licht geſetzten Beobachtungen über - raſcht und feſſelt. “
Es iſt nun in der That nicht ganz leicht, der verwegenen Gaunerſprache auf dieſen „ keckſten Sprüngen “in ihrer Wortbil - dung und Wortdeutung zu folgen, obſchon Pott den Weg dazu angebahnt hat. Vor allem muß man den in der hiſtoriſchen Grammatik aufgeführten Wortvorrath ſorgfältig ſtudiren und dabei den Blick überall auf das Deutſchdialektiſche, Jüdiſchdeutſche, Zi - geuneriſche und andere Fremdſprachliche gleiten laſſen, um die vielen Neubildungen, Abbreviaturen, hiſtoriſchen, örtlichen und per - ſönlichen Beziehungen, kabbaliſtiſchen Nachahmungen in oft höchſt verwegenen Compoſitionen etymologiſch zerlegen und die oft bei - ſpiellos gewagte, freche und verworfene bildliche Deutung der Wörtermaſſe entziffern zu können. Dazu mag der folgende Ver - ſuch dienen.
Jndem die Gaunerſprache als deutſche Volksſprache durchaus an die Formen und Flexionen der deutſchen Grammatik ſich an -18 *276ſchließt und je nach dem ſocialen Bildungsgrade der Jndividuali - tät dieſe Flexionen mit mehr oder minder deutlicher Correctheit ſichtbar werden läßt, weicht ſie in der Wahl und Bildung des Wortvorraths inſofern erheblich ab von der „ Sprache der Bil - dung “, als ſie nach dem Grundſatze der Nützlichkeit gefliſſentlich das Mundartige da zur Geltung bringt, wo es zum Zweck des geheimen Verſtändniſſes förderlich und zugleich der gewöhnlichen Verkehrsſprache fremd oder entlegen iſt. Keineswegs iſt aber die in der Gaunerſprache ſehr ſcharf hervortretende bunte mundartige Miſchung eine überall künſtlich erſonnene und abſichtlich zuſam - mengeſetzte, ſondern ſie iſt lediglich eine im allmählichen Verlauf der Zeit und des Volksverkehrs aus allen Ecken und Enden des Landes zufällig zuſammengebrachte, aber nach dem Princip der Nützlichkeit mit kluger Auswahl geſichtete und mit zäher Treue bewahrte traditionelle Wortmenge. Daraus erklärt ſich das Vor - kommen mancher althochdeutſcher und mittelhochdeutſcher Wörter, welche in der wechſelnden Hegemonie des fränkiſchen, ſchwäbiſchen und meißniſchen Dialekts vom Gaunerthum mitten aus der Fülle der deutſchen Volksſprache herausgegriffen und mit ſeltener Treue bis zur Stunde feſtgehalten wurden, wenn ſie auch vielfach ver - färbt und oft kaum noch zu erkennen ſind. Nimmt man das erſte beſte Wort, z. B. das althochdeutſche huoh, huah, Schande, huo - hon, honan, ſchänden, ausziſchen, huolich (bei Notker), ſchändlich, und honida1)Jn phonetiſcher Hinſicht iſt das Zuſammentreffen mit dem hebräiſchen〈…〉〈…〉, nida, jüdiſchd. 〈…〉〈…〉, hanida, gewiß nur zufällig. Keineswegs ſcheint aber die Bedeutung des jüdiſchdeutſchen hanida für Metze, Hure gemeinſter Art, und daher arges Schimpfwort, zufällig zu ſein. Denn〈…〉〈…〉 hat im Hebräiſchen nur allgemein die Bedeutung des Greulichen, Unreinen, im phyſiſchen Sinne (beſonders wegen der Menſtruation) wie im moraliſchen. Als Gegenſtand, Per - ſon des Greuels iſt aber die der alten hebräiſchen Sprache fremde Bedeutung der Metze wol erſt ſpäter durch die deutſche Bedeutung der Schande, Erniedrigung, auf das jüdiſchdeutſche〈…〉〈…〉 übertragen worden. Selbſt das deutſche Schande ſcheint, wie Adelung, III, 1260, bemerkt, nur durch vorgeſetzte Sibilation aus dem Ottfried’ſchen honida entſtanden zu ſein. (bei Ottfried), Schande; goth. hauns, niedrig, ſchwach, haunjan, erniedrigen, hauneins, Niedrigkeit (vgl. J. Gau -277 gengigl, „ Wörterbuch zum Ulfilas “[Paſſau 1848], S. xiv); frz. honte, honny; ital. und ſpan. onta; ſchwed. hån; dän. haan; agſ. hona, quälen, kreuzigen; und wieder ahd. hôno; afrz. hâna, der Gehöhnte u. ſ. w.: ſo hat ſich von den alten Formen das gothiſche hauns bis zur Stunde vollkommen rein in der Gauner - ſprache erhalten. Hauns iſt nämlich der ungeübte, unerfahrne, ungeſchickte Gauner, Neuling, Tölpel, Tolpatſch, und Gegenſtand allgemeiner Neckerei. 1)Thiele nimmt S. 256 ſehr einſeitig den Hauhns als chriſtlichen Dieb unter den jüdiſchen und als Bezeichnung des Gauners chriſtlicher Abſtammung.Aehnlich hat ſich Hutz, Hautz, Bauer, Hutzin, Hautzin, Bäuerin, in der Gaunerſprache erhalten, zu - nächſt von Huzel (und dies vom althochdeutſchen hût, Haut), gedörrte Birne, altes runzeliges Weib, guter ſchwacher Menſch, Tropf; vgl. Schmid, S. 293; Schwenck, S. 285; Schmeller, II, 261; Adelung, II, 1343.
Jn dieſer merkwürdigen Beibehaltung alter Formen zeigt die Gaunerſprache allerdings große Gewalt und Conſequenz. Jhres Alters wegen überraſcht ihr häufiges Vorkommen in der Gauner - ſprache, obſchon ſie, Dank der herrlichen geſchichtlichen und kriti - ſchen Bearbeitung unſerer deutſchen Grammatik, doch immer leicht zu erkennen ſind. Doch iſt es dem Scharfblick des Gaunerthums niemals entgangen, daß bei der Hegemonie eines einzelnen, die deutſche Sprache als Ganzes repräſentirenden Dialekts das übrige ſpecifiſch Mundartige ſchon ferner trat und deshalb gelegentlich mehr oder minder zum verſteckten Kunſtausdruck den Stoff liefern konnte. Darum findet man auch das in der Gaunerſprache ver - ###inte verſchiedenſte Mundartige wieder außerordentlich weit aus - einander geſtreut, ſodaß z. B. aus dem ſüddeutſchen Gaunermunde Wörter gehört werden, welche durchaus niederdeutſch ſind, als: Damp (Dampf), Pulver; Schuttel, Schöttel, Schüſſel; be - bern, zittern, frieren; Lülk, Tabackspfeife u. ſ. w.
Wenn man in dieſer bunten Verwendung und Verſtreuung des Mundartigen eine von dem freien und unbefangenen Blick leicht zu ergründende Politik des Gaunerthums erblickt, ſo erſcheint278 die ſtarke dialektiſche Modulation ſelbſt fremdſprachlicher Wörter, welche ſonſt die deutſche Sprache der Bildung nach beſtimmten einfachen Regeln aufnimmt und flectirt, in der Gaunerſprache als eine bei weitem auffallendere geſuchte Operation. Während die eigenthümliche Hoſpitalität der deutſchen Schriftſprache fremden Wörtern, welche ſie aufgenommen hat, gern ihre Eigenthümlichkeit in Laut und Betonung läßt und im allgemeinen nach der Ana - logie urſprünglich deutſcher Wörter flectirt, unterwirft die Gauner - ſprache die Fremdwörter einer ſehr willkürlichen, bunten, deutſch - mundartigen Modulation, ſodaß ſehr häufig die Fremdwörter in ihrer Urſprünglichkeit kaum noch zu erkennen ſind. Wenn auch ſchon das Jüdiſchdeutſche in Norddeutſchland merklich (und zwar je weiter nach Norden herauf, deſto beſtimmter) der Dehnung und Diphthongirung der Vocale ſich hingibt und nach Oſten in der Verdünnung der Vocale und in der Fülle der Conſonanten der ſlawiſchen Nachbarſchaft ſich zuneigt, im Süden und Südweſten aber, gleich der deutſchen Schriftſprache, mit beſtimmterer Selbſt - ſtändigkeit gegen das Franzöſiſche ſich abſchließt, welches letztere faſt nur in der Gegend von Aachen und Trier einen allerdings ſehr widerlichen Einfluß auf die deutſche Sprache ausübt: ſo läßt die Gaunerſprache für ihre Fremdwörter jegliche deutſchdialektiſche Mo - dulation zu, ſodaß ein und daſſelbe Wort in der bunteſten Va - riation vorkommt. Die von Thiele, a. a. O., S. 207, an Grol - man ſo arg gerügten Beiſpiele geben zum Theil die beſten Belege:〈…〉〈…〉, keleb, kelew, Hund, Kelov, Keilov, Kalef, Kolof, Keilef, Kelef, Kohluf, Giluf, Klöbe. 〈…〉〈…〉, chajus, Leben, Lebhaftigkeit, Chajes, Chaijes, Cayes, Hayes, Kais, Gais. 〈…〉〈…〉, chebel, chewel, Pl. 〈…〉〈…〉, chabolim, Chawohl, Gewol, Gawohl, Ge - wel, Kabel (niederdeutſch), Kabohl, Kehbel. 〈…〉〈…〉, challon, Fen - ſter, Chalon, Chalm, Chalom, Galon, Gallon, Kalon, Kallen, Kahlaum. Böhmiſch: poljwka, polewka, Suppe, Bolifke, Belifke, Belifska, Bellifte, Beliffe, Polifte, Wolfke. Zigeuneriſch: tschor, Dieb, tschoraf, ſtehlen, Schur, Schurer, tſchornen, ſchuren, ſcho - ren. Franzöſiſch: fenêtre (φανέστρα, φαίνειν, lat. fenestra, ſpan. finiestra, ſchwed. fenster, niederd. Finſter), Feneter, Fenette, Finet -279 ter, Finette. Schwediſch und däniſch: Fem, fünf, davon Fem und Fehme, die Hand, und fäbern, febern, fibern, febbern, felbern, ſchreiben; Febber, Febberer, Fehmer, Fehmerer, Schreiber. Jtalie - niſch: strada (via strata, von sternere, gepflaſterter Weg, angel - ſächſ. straete, engl. street, ſchwed. strat, ahd. straza, nd. Strat, ſpan. und portug. estrada), Straße, Strade, Strate, Strahle, Strähle, Strehle, Strahl u. ſ. w. Zum Theil ſind dieſe fremd - ſprachlichen Wörter, wie ja auch die Form nachweiſt, ſchon in ſehr alter Zeit vom Gaunerthum aufgenommen und dazu durch die dialektiſche Zuſtutzung dem Volke mundgerecht und ganz in die Volksſprache aufgenommen worden, z. B.: ganfen, ſtehlen; ram - ſchen, beſefeln, betrügen; Moren haben, Furcht haben; men - ckeln, eſſen; kotzen, von ſich geben, erbrechen; begaſſeln, be - rauben; jubiliren, frohlocken; voppen, necken u. ſ. w.
Aus dieſen Beiſpielen erkennt man ſchon die ſtarke Vertre - tung des Dialektiſchen in der Gaunerſprache, welche gefliſſentlich an dieſem feſthält, mit kluger Hoſpitalität allen Dialekten Auf - nahme geſtattet und auch ſelbſt die für die neuhochdeutſche Sprache als „ Schriftſprache “oder „ Sprache der Bildung “verjährten For - men ſorgfältig bewahrt, wenn auch die einzelne ſpecifiſch dialekti - ſche Form ſehr oft der neuen dialektiſchen Modulation der recipi - renden hoſpitalen Gruppe wiederum verfällt. Sehr gewagt iſt daher das namentlich von Thiele oft ohne Grund und Berechti - gung ausgeſprochene Verdict der Verjährung dieſes oder jenes Wortes. Gerade hier tritt die ungemeine Treue und Zähigkeit des Jüdiſchdeutſchen und Niederdeutſchen in Bewahrung alter Sprachformen recht lebendig hervor. Beide haben die alten For - men mitten im bewegten, aber doch treu an alter Sitte und Sprache haltenden Volksleben oft ſogar in wunderbarer Reinheit und Deutlichkeit durch viele Jahrhunderte hindurch erhalten, und beide ſind, wenn auch für unſere gewählte Sprache der Bildung äußerlich allerdings oft recht rauhe, ſtruppige Wegweiſer, doch in ihrer markigen Fülle die zuverläſſigſten und getreueſten Führer durch das wie ein Urwald verwachſene Gebiet der Volks - und Gauner - ſprache.
Ungeachtet der geſuchten, bis zur Verwilderung getriebenen mundartigen Modulation findet man in der Gaunerſprache eine Anzahl beſtimmter durchſchlagender Wortendungen, auf welche Pott, II, 33, aufmerkſam macht, indem er ſie als „ Ableitungen “bezeichnet. Zunächſt führt er nach N. V. Dorph1)„ De jydske Zigeunere, og en rotvelsk Ordbog “(Kopenhagen 1837). Früher (1824) war zu Viborg von Dorph erſchienen: „ Rotvelsk Lexicon eller Ordbog i det saakaldte Kjeltringelatin, d. e. det hemmelige Sprog som tales af de i Jylland omreisende Zigeunere eller Natmandsfolk. “aus dem jüt - ſchen Rotwelſch die Endungen um, rum an, z. B.: Padrum, Vater; Madrum, Mutter; Bratrum, Bruder; Erdrum, Erde; Landrum, Land u. ſ. w. Mit Recht nennt Pott dieſe Endungen ſonderbar. Sie ſind durchaus nicht der deutſchen Gaunerſprache eigenthümlich und kommen nur ſehr ſelten und zufällig vor, haben keine beſtimmte Bedeutung und am wenigſten die eigenthümliche Bedeutung der Präpoſition um, welche die Richtung einer Be - wegung ausdrückt, die der mehr oder minder kreisförmigen Außen - ſeite einer Sache entſpricht. Selbſt das wol nur einzige deutſch - gaunerſprachliche Drehrum für Schlüſſel, Schlüſſeldiebſtahl (auf Drehrum handeln, mit Nachſchlüſſeln ſtehlen), iſt wol nur eine Silbentranspoſition. Andere Endungen auf um ſind meiſtens nur corrumpirte fremdſprachliche Endungen, wie Lechum für Lechem, Brod; Sackum für Sackin, Meſſer (nicht von secare oder gar von Sack, ſondern von〈…〉〈…〉); Majum für Majim, Waſſer. Ob dieſe ſeltſame Endung etwa dem Lateiniſchen nachgebildet oder wie ſie ſonſt entſtanden ſein mag, ſei dahingeſtellt. Gewiß iſt, daß ſie nicht deutſchgauneriſch iſt und nur im däniſchen Rotwelſch vorkommt, von welchem ſie übrigens gern hier und da mit ein - zelnen Ausdrücken in die deutſche Gaunerſprache hinübergeſpielt haben mag.
281Aehnlich verhält es ſich mit der bei Pott aufgeführten En - dung es, welche ſich durchaus von der deutſchen Verſchmelzungs - ſilbe es (s) in Zuſammenſetzungen unterſcheidet. Bei Dorph fin - det ſich eine Menge ſolcher Wörter, z. B.: Feldes, Feld; Van - tes, Wand; Knäppes, Knöpfe; Holtes, Holz; Diskes, Altar, Tiſch u. ſ. w. Schwerlich kann man dieſe Endung wie die zigeu - neriſchen Endungen os, us, es, als accuſativiſche Bezeichnungen von Nominativen auf o und i nehmen. Aber es will auch nicht recht einleuchten, daß dieſe Endungen, wie bei Pott, I, 104, angedeu - tet iſt, „ noch Ueberbleibſel des Sanskrit-s im Nominativ Singu - laris, oder im Gegenſatze zu dem fem. a von den Zigeunern aus der Neugriechiſchen Sprache aufgenommen und ſpäter über Europa verbreitet1)Unmöglich iſt das nicht. Die Endform kann ſanskritaniſch oder auch neugriechiſch und durch Zigeuner (freilich dann mit einem Sprunge über die deutſche Gaunerſprache hinweg) nach Jütland verſchleppt ſein. Die Endform Strades (ital. strada), Straße; Funkes, Funke; Kambes (böhm. Kámen), Stein; Duſtes (engl. dust), Mehl, Staub; Chalones (jüdiſchd. challon), Fenſter; Cultes (lat. culter), Meſſer u. ſ. w. iſt durchaus nicht aus dem Deutſchen zu erklären. ſind “. An eine Eigenthümlichkeit der däniſchen Gau - nerſprache ließe ſich wol am eheſten glauben. Jn den angeführten Wörtern ſind überall ſpecifiſch niederdeutſche Wortſtämme zu fin - den. Aber keins dieſer Wörter iſt in der deutſchen Gaunerſprache gebräuchlich.
Eine entſchiedene deutſch-gaunerſprachliche und beſonders ſeit dem Dreißigjährigen Kriege hervortretende Endung iſt die von Pott, II, 33, aufgeführte Endung rich, welche jedoch wol allge - mein auf die deutſche adjectiviſche Endung icht (ahd. aht, oht) zu beziehen und gleich dieſer als Nebenform auf die Hauptform ig (ahd. ac, ic) zurückzuführen iſt, da ſie gleich der Endung ig von ſubſtantiviſchen Stämmen und zwar nur von concreten Sach - namen gebildet wird. 2)Die Formen ig und icht kommen daher auch nebeneinander ohne be - ſtimmte Unterſcheidung vor. Becker, a. a. O., III, 133.Dieſe adjectiviſche Endung ich, icht oder rich in Gaunerwörtern kann nicht auffallen, wie z. B.: funkerich,282 warm; butterich (von butten, eſſen), hungerig; tipperich (Bor - dellſpr., vgl. das Wörterbuch unter Tippen), lüſtern, geil. Wenn nun aber auch die ſubſtantiviſche Endung ich, icht, ſowol im Althoch - deutſchen wie im Neuhochdeutſchen keinen überall charakteriſtiſch her - vortretenden Einfluß auf die logiſche Bedeutung hat, ſo erſcheint ſie in der Gaunerſprache nicht blos als ein abſichtliches Anhängſel zur Entſtellung und Verhüllung des Subſtantivs mit ſeiner logi - ſchen Bedeutung, ſondern als die wirkliche adjectiviſche Form, welche ebenſowol an ſubſtantiviſche Stämme wie an wirkliche Ad - jective angehängt wird und das Begriffswort als Subſtantiv dar - ſtellt mit der dem adjectiviſchen icht vollkommen entſprechenden logiſchen Bedeutſamkeit des concreten Sachnamens, z. B.: Mat - tich, Wärme, Hitze, Rauſch, deſſen Abſtammung ſowol vom deut - ſchen matt (Pott, II, 33), als auch vom zigeuneriſchen matto, trunken, oder ſogar vom jüdiſchdeutſchen〈…〉〈…〉, matto, unten, ver - ſucht werden kann; Herterich (von hart), Meſſer, Degen, Hirſch - fänger; Bunterich, Kattun (von bunt); ferner als Anhang an einen ſubſtantiviſchen Stamm: Mantelrich, Tragbalken unter dem Dache (von Mantel, Dach); Glenſerich, Glas (von Glanz, glänzen); Butterich (von butten, neben der Bedeutung von hungerig, auch Tiſch); Terrich, lat. terra, Erde, Land, un - beſtimmte Landſtrecke zum Umherſchweifen u. ſ. w. Ueber die ſehr eigenthümliche Endung lich, welche man bei manchen Subſtanti - ven im jüdiſchdeutſchen Gebrauch findet, z. B. Söhnlich, Knäblich, Maidlich, Kinderlich, vgl. Th. III, S. 401.
Die ſchon in der ältern Gaunerſprache hervortretende Endung hart, ert, findet ſich gleichfalls häufig, jedoch nur als ſubſtan - tiviſche Endung, beſonders zur Bezeichnung von Sach - und Thier - namen, weniger von Perſonennamen, wie letztere im Neuhoch - deutſchen durch die männliche Endung er (ahd. ari, griech. της, τηρ, τωρ, lat. or) angezeigt werden; z. B.: Funckhart, Fun - ckert, Feuer, Licht; Fluckhart, Huhn; Floßhart, Waſſer; Breithart, Weide1)Nicht Wirthin („ breit und wohlgenährt “), wie Pott, II, 34, anführt,, Feld; Glatthart, Tiſch; Rauſchhart,283 Stroh; Rauert, Katze; Staupert, Mehl; Glanzhart, Glas, Fenſter u. ſ. w. Faſt durchgehends erſcheint dies hart als inten - ſive Endform zur Bezeichnung der Größe und Stärke des ſubſtan - tiviſchen Begriffs und dürfte daher wol auf das niederdeutſche hard (goth. hardus, ahd. harto, agſ. heard, engl. hard, isländ. hardur, dän haard, ſchwed. hardt, ſpan. harto, franz. hardi und griech. κάρτα, καρτερός, ſehr, ſtark, tapfer) bezogen werden können. Vgl. Adelung, II, 982.
Pott führt S. 36 noch die Endung er beſonders auf. Doch hat dieſe keinerlei eigenthümliche Bedeutung und Bevorzugung vor der gewöhnlichen deutſchen Umgangsſprache, ſondern wird ganz ſo wie in dieſer beſonders von ſubſtantiviſchen Stämmen zur Be - zeichnung männlicher Perſonen gebildet, z. B. Schnurrer, Bett - ler; Stabuler, Stappler, Loßner, Bettler; Zwicker, Henker; Schupper, Betrüger; Kröner, Ehemann u. ſ. w. Aber auch auf Thiere wird dieſe urſprüngliche Perſonenform übertragen, z. B.: Schnatterer, Dreckpattſcher, Ente; Strohputzer, Gans; Schnurrer, Katze; Beller, Hund. Auch finden ſich ver - einzelte Sachnamen, wie z. B. Klapper, Mühle; Schnauzer, Schnurrbart.
Jn gleicher Weiſe werden von Subſtantiven und Adjectiven durch die Endung ing, ling, Perſonennamen gebildet, z. B.: Feling, Krämer. Doch iſt die Perſonbezeichnung mit dieſer En - dung bei weitem nicht ſo häufig, als man nach dem Altnordiſchen, Altdeutſchen und Angelſächſiſchen erwarten ſollte, wo eine Menge Perſonennamen auf ing, wie Kuning, Ediling, Arming u. ſ. w. als Familien - und Völkernamen vorkommen, z. B. Weſtpheling, Thüring, Karoling, wie auch die Endung ling, dem nhd. lein entſprechend, im Altnordiſchen und Angelſächſiſchen als Di - minutivform gefunden wird, z. B.: bäkling, Büchlein; cnäp - ling, Knäblein; vgl. Becker, a. a. O., I, 114. Dagegen iſt die1)wahrſcheinlich irregeleitet durch den ſeltſamen Druckfehler „ Witwen “, fünfte Vocabel im Vocabular des Liber Vagatorum nach der älteſten pforzheimer Ausgabe. Vgl. Th. I, S. 181.284 Endung ling in der Gaunerſprache entſchieden geſuchter und häu - figer für Sachnamen, wobei ſich auch der von Becker, I, 114, treffend bezeichnete Unterſchied zwiſchen den Endungen er und ling, wenn auch weniger ſcharf als in der deutſchen Schriftſprache, be - merkbar macht, der Unterſchied nämlich, daß er in der logiſchen Bedeutung ein thätiges, ling aber ſehr oft auch ein leidendes Subject bezeichnet. Beiſpiele ſind: Blechling, Kreuzer; Rümpf - ling, Senf; Streifling, Strumpf, Hoſe; Schäberling, Rübe; Schmierling, Seife; Krächling, Knochen, Zahn; Kracher - ling, Nuß; Spreetling (ſpreitzen, ausbreiten, niederd. ſpreeten), Betttuch; Krautling, Garten; Pikling, Nagel; Rußling, Keſſel; Stieling, Birne; Zinkling, Gabel; Ringling, Wurſt, Garten u. ſ. w. Zuweilen finden ſich auch Thiernamen, z. B.: Flatterling, Vogel, Taube; Brummeling, Wespe u. ſ. w. Oft aber wird die Endung zur bloßen Verhüllung des Worts ge - braucht, z. B.: Eimerling, Eimer; Harling, Haar, und oft einem Adjectiv angefügt, um einen ſubſtantiviſchen Begriff herzu - ſtellen, z. B.: Längling, Wurſt; Plättling, Tiſch; Weitling, Hoſe u. ſ. w.
Die adjectiviſche Endung iſch (ahd. isc) iſt in der Gauner - ſprache äußerſt gering vertreten, da Perſonen -, Völker -, Orts - und Ländernamen, von denen im Hochdeutſchen beſonders die Adjectiva auf iſch gebildet werden, in der Gaunerſprache eine be - ſondere feſte Terminologie haben und die adjectiviſchen Begriffe durch Umſchreibung oder durch Präpoſitionen hergeſtellt werden; z. B.: der kölniſche Kaufmann, der Socher von Kuff; der hamburgiſche Rathsherr, der Baleze von Godel Mokum He; die lübeckiſche Sage, die Maaſe von Libek. Die ſowol ſub - ſtantiviſch wie adjectiviſch gebrauchten Wörter olmiſch (〈…〉〈…〉), alt, wittiſch (〈…〉〈…〉), dumm, nichtgauneriſch, Philiſter, ſ. das Wörterbuch; patteriſch (〈…〉〈…〉), ſchwanger; Olteriſch, Ulteriſch (alter Jſch), Vater; Olteriſche, Ultriſche (alte Jſche), Mutter; ſcheinen eher mit dem〈…〉〈…〉 und〈…〉〈…〉 zuſammengeſetzt, als mit wirklich deutſch adjectiviſcher Endung verſehen zu ſein. Das Adjectiv dilmiſch, von dahlen, agſ. dwelian, dwolian, niederd. dahlen, tellen,285 tallen, oberd. talken, ungereimtes Zeug reden, närriſch, albern, niederd. dwalſch, iſt deutſchen Stammes mit adjectiviſcher Endung iſch, vgl. Adelung, I, 1374; Schmeller, I, 364, wie das ſchwäbiſche dilledapp, dilledalli, dirledapp bei Schmid, a. a. O., S. 126. Der Furatſch, Fuhrmann der Rotwelſchen Grammatik ſcheint nicht einmal vom deutſchen Fahr, Fuhr, herzu - kommen, ſondern geradezu eine Verſtümmelung des franzöſiſchen fourage und zunächſt wol auf Marketender - und Proviantwagen bezogen worden zu ſein.
Endlich zeichnet ſich noch die der deutſchen Sprache urſprüng - lich fremde, aus dem romaniſchen ia, ie, entſprungene und von daher in die hochdeutſche, ſowie in die deutſche Gaunerſprache aufgenommene Endung ei, rei (niederd. ie, rie) durch ihr häu - figes Vorkommen aus. Jm Hochdeutſchen bildete ſich die Form ei beſonders bei Wörtern mit den tonloſen Endungen er, el, en, aus Gründen, welche Becker, I, 121 anführt, und dann bei Ver - ben, welche die Endung eln oder ern haben. Wie im Hochdeut - ſchen bezeichnet die Endung ei, wenn ſie von Perſonennamen ge - bildet wird, Verrichtung, Kūnſt, Handwerk, Wohnort, Werkſtätte der Perſon, bei Bildung von Sachnamen den collectiven Begriff, z. B.: Nafkerei, Bolzerei, Hurerei, Bordell; Tammerei, Schindergewerbe, Schinderhof; Schoderei, Büttelgewerbe, Büt - telwohnung; Proſcherei, Dieberei; Finkelei, Küche; Butterei, Speiſe, Mahl u. ſ. w.
Die einfachen, mit hans endenden oder auch anfangenden Wörter ſind wahre Zuſammenſetzungen und werden bei der Wort - compoſition erwähnt werden.
Trotz der großen Menge Wörter, welche die deutſche Gauner - ſprache aus allen Ecken und Enden des heimatlichen Bodens mit286 ſchlauer Auswahl zuſammengetragen und zu welcher ſie noch eine nicht unbeträchtliche Anzahl fremdſprachlicher Wörter hinzugefügt hat, und trotz der abſoluteſten Willkür, mit welcher ſie überdies alle dieſe Wörter dialektiſch verbildet und entſtellt, genügt dieſe bunte Miſchung doch noch nicht dem Geiſt und Zweck des Gau - nerthums. Mit unerhörter Gewalt und Frivolität hauſt dieſer Geiſt in der Maſſe umher, zerſetzt ſie und componirt ſie wieder in ſo toller Weiſe, daß hier die Kritik faſt alle Macht verliert und in der That Muth und Ausdauer genug dazu gehört, um den verwegenen und halsbrechenden Sprüngen auf die ſchwindelnden Höhen und Klippen zu folgen, wo recht eigentlich alles aufhört und ſelbſt die ſchulgerechteſte Philologie vom gefährlichſten Wirbel - wind gefaßt und ernſtlich bedroht wird. Doch gilt es immerhin den Verſuch, um mindeſtens hier und da Fuß zu faſſen und zu - nächſt die verſchiedenen Compoſitionen zu betrachten, welche noch einige Stetigkeit haben.
Zunächſt findet ſich ſchon im Liber Vagatorum das Wort Fetzer in mannichfachen Compoſitionen, z. B.: Boßhartfetzer (bosor, Fleiſch), Schlächter, Fleiſcher; Briefelfetzer, Schreiber; Claffotfetzer (keleph, Rinde, Hülle), Schneider; Fladerfetzer (Flader, Pflaſter), Bader; Gliedenfetzer (Gliede, Hure, vgl. die Ableitung Th. II, S. 330 und Th. III, S. 402), Hurenwirth; Klingenfetzer, Muſikant; Schecherfetzer (schochar, trinken), Wirth. Der Ausdruck Fetzer iſt, wie ſchon Th. II, S. 119 erwähnt, in der heutigen Gaunerſprache viel beſchränkter und mit wenig Aus - nahmen (z. B. Rollfetzer, Müller, wofür auch ſchon Roller und Rollſchütz gebräuchlicher) auf den Begriff des Lostrennens, Los - ſchneidens einer Sache zu ihrer Bewältigung, Habhaftwerdung oder Vernichtung eingeſchränkt, alſo ſchneiden, ſtechen, abſchneiden, zer - ſchneiden, abthun, ermorden. Jnſofern würde fetzen auf das alte fezzan, vezzan, Fetzen, engl. fitter, ital. fetta, fettucia, ſchweiz. fätzen, fotzen, fotzeln, zerlumpt gekleidet ſein, zurückgeführt werden können. Doch iſt nach der logiſchen Bedeutung der alten ange - führten Compoſitionen die von Pott aufgeſtellte Ableitung vom lat. facere kaum noch zweifelhaft, wie ja auch die portugieſiſche287 Gaunerſprache mit faxar ganz in die alte Bedeutung des Fetzen eingreift. Somit käme dem Fetzer weſentlich doch wol die alte Be - deutung des Arbeiters, Verfertigers und Darſtellers einer Sache zu.
Eine gleich alte Compoſition iſt die mit Mann. Vom An - fang an hat dies ſubſtantiviſche Mann in der Gaunerſprache zur frivolen Perſonification eines urſprünglichen Sachbegriffs gedient. Jm Liber Vagatorum iſt es nur durch zwei Compoſitionen ver - treten, nämlich durch „ Butzelmann, zagel “von Butz, Larve, Maske, Poſſe, alſo frivol Spaßmacher, verlarvter Poſſenmacher; und durch Dolmann, Galgen, von〈…〉〈…〉, tolo, aufhenken. Seit dem Dreißigjährigen Kriege kommt Mann jedoch häufiger vor, z. B.: Erdmann, Topf; Dickmann, Ei; Feldmann, Pflug; Obermann, Hut; Paßmann für Schärfenſpieler; vgl. das Wörterbuch des Andreas Hempel und Th. II, S. 322. Die Com - poſition iſt übrigens keineswegs ſelten und obſolet geworden. Sie iſt ſogar hier und da volksthümlich geworden und kommt häufig als Perſonen - und Familienname vor1)Oft aber auch wird im Volksmunde ein beſtimmter Perſonenname zur Bezeichnung eines Amts gebraucht, namentlich wenn letzteres längere Zeit hin - durch von einem und demſelben Geſchlecht ausgeübt wurde. So z. B. kommt in ulmer Verordnungen von 1506, 1508 und 1541 der Name Murr als Ge - richtsdiener, Ausrufer von polizeilichen Verordnungen vor; dieſe Bezeichnung ſtammt aber vom Gerichtsknecht Theis Murr (1506) her. Ebenſo nennt das Volk in Ulm ſchon über hundert Jahre den Scharfrichter Hartmann. So figurirt auch im augsburger Stadtbuche Sulzer als Gefängnißwärter. Vgl. Schmid, a. a. O., S. 395., z. B.: Hausmann, Erdmann, Strohmann, Feldmann, Hinkelmann, See - mann, ſogar auch in Verbindung mit Vornamen, z. B.: Heinz - mann, Heinzelmann, Kunzmann, Petermann u. ſ. w., wie man ja auch beſonders in Norddeutſchland in ſcherzendem, koſendem Tone vielfach die Endung Mann an Vornamen hängt, wie z. B. Heinzmann für Heinrich; Ademann für Adolf; Karlemann für Karl; und ſogar diminutiv umlautend Hans - männe für Hans u. ſ. w.
Eine andere Compoſition hat der Dreißigjährige Krieg aus dem romaniſchen Sprachgebiet in die deutſche Gaunerſprache ge -288 bracht, die nämlich mit Pflanzer. Dies Wort, welches zuerſt, aber auch ſogleich in zahlreichen Compoſitionen, bei Andreas Hem - pel erſcheint, ſtammt unzweifelhaft aus der italieniſchen Gauner - ſprache, in welcher plantare ſtecken, hineinſtecken, ſchieben, dringen, ſtoßen, einführen, einzwängen, einrammen bedeutet, womit auch das plantar der ſpaniſchen Gaunerſprache weſentlich übereinſtimmt. Die einfache Primitivform planten (noch heute in der ausſchließ - lichen urſprünglichen Bedeutung des raſchen Zuſteckens, Wegbrin - gens in der deutſchen Gaunerſprache vollkommen geläufig), iſt ſo - gar in der urſprünglichen romaniſchen Form beibehalten und erſt in der Compoſition mit deutſchen Wörtern aſpirirt und zu Pflan - zer germaniſirt worden. So findet ſich nun aber Pflanzer in völlig gleicher Bedeutung mit dem alten Fetzer und ſcheint ge - radezu für dieſes ſubſtituirt worden zu ſein. Denn man findet fortan für die alten Compoſitionen mit Fetzer: Fladerpflantzer, Bortenwirker; Klufftpflantzer, Stichlingspflantzer, Schnei - der; Kaminpflantzer, Schornſteinfeger; Mummenpflantzer, Helligpflantzer, Geldmacher; Grünpflantzer, Goldſchmied; Pflockenpflantzer, Tuchmacher; Schneepflantzer, Leinweber; Trittlingspflantzer, Schuſter u. ſ. w. Merkwürdig iſt, daß, wenn auch die ſpätern Compoſitionen mit Pflanzer im Gebrauch der neuern Gaunerſprache mehr und mehr zurücktreten, die einfache romaniſirende Primitivform planten, zuplanten, wegplanten u. ſ. w. bis zur Stunde im vollen Gebrauch geblieben iſt.
Die Compoſition mit Hans gehört zu den älteſten, welche die Gaunerſprache aufzuweiſen hat. Sie iſt ſchon im Liber Va - gatorum durch Hans walter, Laus, und Hans von geller (vgl. Th. III, Kap. 9), grob Brot, vertreten. Der „ Hans “iſt mitten aus dem lebendigen Volksgebrauch des 14. und 15. Jahr - hunderts, wo man ſchon mit verächtlicher Nebenbedeutung den „ großen Hans “für den großen Herrn, Fürſten u. ſ. w. findet, herausgegriffen und durch die Beziehung auf einen Perſonennamen zur ſpecifiſchen Bezeichnung eines Sachbegriffs in der Gauner - ſprache gebräuchlich und noch ſpäter in ihr nach dem Muſter der volksthümlichen Verwendung unmittelbar mit einem Begriffswort289 verbunden worden. So findet ſich Blauhans, Zwetſche, Pflaume; Langhans, Bohne; Grundhans, Eggenzinke; Stanghans, Baum; Klaishans, Bruſt (Milchhans, von glis, vgl. S. 76 im Wörterbuche Jakob Hartlieb’s). Die große Popularität der Compoſition hat ihren beſondern Gebrauch in der Gaunerſprache beſchränkt. Schon in Peter Propſt Faſtnachtsſpielen (erſte Hälfte des 16. Jahrhunderts) iſt der Hans Wurſt ſtehende Figur, und Großhans, Dummhans, Prahlhans, Fabelhans, Faſelhans, ſowie das niederdeutſche diminutive Hank, z. B.: Hank vun all Höch; Hank und alle Mann; Hanke Perdautz u. ſ. w. haben ſich noch immer als Spottnamen im Volksmunde erhalten. Adelung, II, 969, führt nach Carpentier das franzöſiſche Jehan, Jehannot aus dem 14. und 15. Jahrhundert in gleicher verächtlicher Bedeutung an und namentlich die Redensart: faire Johan, zum Hahnrey machen. Der Jochem, Jochim, Johann, gefünkelter Jo - chen, gefünkelter Johann (ſ. das baſeler Rathsmandat) iſt aus dem jüdiſchdeutſchen jajin (〈…〉〈…〉), Wein, verſtümmelt, jedoch auch wol nicht ohne Einfluß des volksthümlichen Hanges für den Gebrauch des Hans. Ueber das kabbaliſtiſch transponirte Hanjo vgl. S. 298. Aehnlich wird auch Michel componirt, z. B.: Blankmichel, Langmichel, Degen, Säbel. Fritz de Buchim, welches man bei Chriſtenſen findet für Kartoffel, iſt aber wol nur Druckfehler für Eretz; vgl. Kap. 30. Soruf-Merten, Brand - wein (Wörterbuch von St. -Georgen). Das Schoberbarthel, Brecheiſen (im waldheimer Wörterbuch), iſt jedoch wol nur aus barsel (〈…〉〈…〉), Eiſen, verdorben. Der Name Gottfried iſt ſogar ganz populär in Niederdeutſchland geworden, namentlich als „ alter Gottfried “, bequemer Hausrock, tüchtiger, warmer Rock, von dem man Nutzen hat und den man nicht ängſtlich zu ſchonen braucht.
Pott führt unter den Compoſitionen S. 32 das Wort Män - ger, Arbeiter, auf und gibt dazu, nach Dorph, nur die beiden Beiſpiele Holtesmänger, Zimmermann, und Ballertmänger, Keſſelflicker. Die Abſtammung des Mänger vom latein. mango (vgl. Th. III, S. 31) iſt bereits nachgewieſen worden. Beide Compoſitionen ſind aber keineswegs ſpecifiſch däniſch, ſondern nie -Avé-Lallemant, Gaunerthum. IV. 19290derdeutſch. Holt bedeutet Holz, und Ballert iſt nur aus dem niederdeutſchen ballern, bullern, buldern, pultern (poltern) zu erklären, wodurch gerade das gellende, polternde Geräuſch beim Klopfen und Hämmern auf Keſſel und ſonſtige hohle Metallgefäße oder gegen eine Thür u. ſ. w. bezeichnet wird. Beide Compoſi - tionen ſind aber auch nicht ſpecifiſch deutſchgauneriſch, ſondern ſchlichte niederdeutſche Volksausdrücke, welche vereinzelt in das jütiſche Rotwelſch aufgenommen ſein mögen. Wie ſchon Th. III, S. 76 erwähnt, iſt der Mänger als Perſonen - und Sachname überaus weit und tief in den Volksgebrauch gedrungen, und dieſe breite Popularität mag der Grund ſein, weshalb das Wort von der deutſchen Gaunerſprache allmählich zurückgewieſen worden iſt. Noch heute gibt es in Norddeutſchland, beſonders in Hamburg und Lübeck, Familien, welche den Namen Menger, Menk, Menge, Menges, Mengers u. ſ. w. führen.
Andere neuere und zu Compoſitionen verwandte Hauptbegriffs - wörter, von denen die weſentlichſten ſchon Th. II, S. 118, erwähnt ſind, bedürfen hier einer kurzen Erläuterung.
Händler bedeutet ſchlechthin den als Gauner je nach Ort, Zeit und Gelegenheit thätigen Dieb und Betrüger. Die Compo - ſitionen ſind nach der weiten und wichtigen Bedeutung des Be - griffs Handeln verhältnißmäßig gering. Ueberhaupt iſt der Händ - ler nur als allgemeine Bezeichnung gebräuchlich. Der Strade - händler iſt ganz der moderne Wegelagerer (vgl. Th. II, S. 236), welcher die Gelegenheit auf oder bei der Landſtraße abwartet, um als Gaslan, oder Golehopſer, oder Fallmacher, oder Nepper, oder Blütenſchmeißer, oder Polengänger, oder Schränker, oder Mackener u. ſ. w. zu fungiren. Der Schuck - oder Jeridhändler iſt allgemein der Gauner, welcher auf Meſſen und Jahrmärkten in dieſer oder jener Weiſe ſtiehlt oder betrügt. Dabei kann ſeine Thätigkeit auf einen ganz ſpecifiſchen Kunſtzweig gehen. Er kann alſo als Schottenfeller, Torfdrucker, Chalfen, Kittenſchieber und dabei wieder nach der Zeit als Tchillesgänger, Zefirgänger u. ſ. w. agiren. Der Jaskehändler, Kirchendieb, kann dabei als Schrän - ker einbrechen, wie auch als Mackener mit Schlüſſeln in die Kirche291 dringen, als Stipper mit der Stippruthe die Opferſtöcke beſtehlen, und dabei als Schwärzehändler oder Fichtegänger zur Nacht - zeit, oder als Tchilleshändler oder Erefgänger zur Abend - zeit, oder als Kaudemhalchener oder Zefirhändler zur Mor - genzeit, den Diebſtahl vollführen.
Halter, vorzüglich in der Compoſition Stradehalter ge - bräuchlich, ſchließt ſich der Bedeutung des Händlers an und be - deutet nur allgemein den Gauner, welcher nach Ort, Zeit und Gelegenheit ſeine Thätigkeit in Anwendung bringt. Den Schuck oder den Jerid abhalten heißt daher: während der Markt - und Meßzeit zur Stelle ſein, um die Gelegenheit ausbeuten zu können.
Eine ebenſo allgemeine Bedeutung wie Händler und Halter haben die Ausdrücke Gänger, Geher (mundartig verdorben Geier), Fahrer, welche nur allgemein die perſönliche Thätigkeit und Bewegung zu einer gauneriſchen Thätigkeit ausdrücken. Da - her Medinegeier der Gauner, welcher aufs Land geht, um dort zu ſtehlen oder zu betrügen, wobei er wieder Schränker, Kitten - ſchieber, Merchezer, Nepper, Chalfen, Blütenſchmeißer, Rochel u. ſ. w. ſein kann. Das jüdiſchdeutſche Halchener, von〈…〉〈…〉, halach, iſt nur die Ueberſetzung von Gänger und wird ganz wie dieſes com - ponirt, z. B.: Medinehalchener, Zefirhalchener, Erefhal - chener u. ſ. w. Fahrer iſt übrigens als Compoſitum weniger in Gebrauch als Gänger und Halchener, und kommt meiſtens nur als Medinefahrer, Stradefahrer zur allgemeinen Bezeichnung gauneriſcher Thätigkeit auf dem Lande und auf den Landſtraßen vor, obſchon das Verbum fahren, auf der Fahrt ſein, die volle Bedeutung des Gehens und Halchenens hat, ohne Rückſicht auf den beſtimmten Ort.
Springer und Hopſer haben nahezu dieſelbe Bedeutung wie Geher. Doch tritt bei beiden wirklich auch noch die ſpecifiſche Nebenbedeutung raſcher Beweglichkeit und fertiger Behendigkeit hervor. Scheinſpringer iſt überhaupt der Gauner, welcher am Tage ſtiehlt, alſo ſehr geſchickt und behend ſein muß. Gole - hopſer, Latſchenhopſer iſt der Dieb, welcher während der Fahrt19 *292hinten auf die Wagen ſpringt, um Koffer und Ballen auf - oder abzuſchneiden.
Macher, deutſchen Stamms, von Machen, jedoch nur in der beſchränkten Bedeutung des Vermittelns, des Gelegenheit Herbei - führens, iſt beſonders in den Compoſitionen Fallmacher, Ver - mittler, Anlocker, Mitſpieler bei betrügeriſchem Spiel, und Ver - tuſſmacher, der Gauner, welcher beim Schottenfellen, Chalfenen und bei offener Diebſtahlsgelegenheit, wie z. B. beim Taſchendieb - ſtahl, die Aufmerkſamkeit vom Diebe ab - und auf ſich oder an - dere Perſonen oder Gegenſtände lenkt.
Makker iſt nur contrahirte Form für Makkener (von〈…〉〈…〉, nacho, Hiph. 〈…〉〈…〉, hikko), Schlüſſeldieb, z. B.: Jommakker, Dieb, der am Tage mit Schlüſſeln ſtiehlt; Lailemakker, der bei Nacht, Erefmakker oder Tchillesmakker, der bei Abendzeit, Kaudem - oder Zefiromakker, der des Morgens mit Schlüſſeln ſtiehlt. Das jüdiſchdeutſche Makkor,〈…〉〈…〉, iſt ganz andern Stammes (hebr. 〈…〉〈…〉, Freund, Bekannter, von〈…〉〈…〉, nochar, Hiph. 〈…〉〈…〉, hikkir, kennen, anſehen, anerkennen, davon〈…〉〈…〉, makkir ſein, kennen), und bedeutet den Kameraden, Genoſſen, Mitarbeiter, be - ſonders den Aiden im Kartenſpiel, und iſt als Makker ganz in den niederdeutſchen Volksmund übergegangen.
Stappler, Stabuler des Liber Vagatorum (vom angelſ. stapul, Pfahl, Heckpfahl, Stützpfahl, Stock, Stab1)Schwenck bringt a. a. O., S. 636, unter Stab, das lateiniſche stips und stipes, doch wol etwas gewagt, mit Stab in Verbindung. Merkwürdig ſind im Niederdeutſchen zwei Ausdrücke, welche noch heute ſtark gebraucht wer - den, zunächſt Stîper, ganz das lat. stipes, Stamm, Stock, Stecken, und Stippſtock, der Handſtock, namentlich für alte ſchwächliche Leute, eigentlicher Bettelſtab. So wenig auch stips mit stapul und Stab zuſammenhängend er - ſcheint, ſo iſt es doch überraſchend, daß das lat. stips gerade die kleine Bet - telmünze bedeutet. Jm Worte Stippſtock dürfte die nächſte Ableitung von ſtappen, ſtippen, tunken, eintauchen, zu ſuchen ſein, immer aber wieder im Zuſammenhange mit stapul, Stab. Vgl. Th. II, S. 202 und 221., wovon noch das niederdeutſche ſtapeln, gehen, beſonders unbeholfen, am Stabe gehen), allgemein der als Bettler umherziehende Gauner. Vorzüglich in den Compoſitionen gebräuchlich: Hochſtappler293 bettleriſcher Gauner, welcher, zu beſſerer Ausbeutung des Mitleids, von hohem Stande und heruntergekommen zu ſein vorgibt. Link - ſtappler iſt urſprünglich ganz daſſelbe wie Hochſtappler, wird jedoch ſpeciell für den bettleriſchen Gauner gebraucht, welcher auf falſche Papiere (linke Fleppe) bettelt.
Schnurrer, Schnorrer, von ſchnurren, einen dumpfen, brummenden, zitternden Ton von ſich geben, mittelhochdeutſch und noch jetzt im Niederdeutſchen ſnurren, ſchnarren (vgl. bei Schwenck, S. 581, ſchnarren, und S. 585 Schnurrant und ſchnurren). Nach dem mittelhochdeutſchen snarrence iſt Schnurrant der um - herziehende Bettelmuſikant, wahrſcheinlich vom ſchnarrenden Laute ſeiner Leier ſo genannt. Davon iſt wol Schnurrer entſtanden mit der allgemeinen Bedeutung des umherziehenden Bettlers. Die Nebenform Schnorrer tritt in der Gaunerſprache erſt ſeit dem Dreißigjährigen Kriege hervor und ſcheint vom ſchwediſchen snorra herzudatiren. Seit dieſer Zeit tritt auch der volksthümliche Aus - druck Schnurrant zurück und ſtatt ſeiner kommt für den umher - ziehenden Bettelmuſikanten der Ausdruck Drehwiner in der Gau - nerſprache auf (eigentlich und zunächſt der wiener Leiermann, welcher die Leier dreht); ſchnurren aber bleibt ſowol in der Volks - wie in der Gaunerſprache als Begriff des Bettelns beſtehen, wobei gewöhnlich die Erklärung vom monotonen Herſagen der Bettlerſprüche und Gebete vor den Thüren genommen wird. So iſt Serphſchnorrer (von saraph, brennen) der Bettler, welcher das Mitleid durch das Vorgeben zu erregen ſucht, daß er ſeine Habe durch Feuersbrunſt verloren habe. Auf der Pille ſchnor - ren (von ſpillen, Jntenſivform von ſpielen, in der veralteten Bedeutung von aufwenden, verſchwenden; vgl. Adelung, IV, 208), als ſimulanter Epileptiker (auf das böſe Spiel, Epilepſie) betteln.
Kehrer, Feger, beide deutſchen Stammes, beſonders noch in den Compoſitionen Stradekehrer und Schrendefeger ge - bräuchlich, drücken, der deutſchen Grundbedeutung entſprechend, die vollſtändige Wahrnehmung und Ausbeutung der Gelegen - heit auf der Strade, öffentlichen Wegen und Stegen, und294 in der Schrende (von Schranne, Geländer, eingefriedigter Raum, ſchwäb. Schrand; vgl. Adelung, III, 1643, und Schmid, S. 478), Stube, aus. Stradekehrer iſt alſo der Räuber, welcher Reiſende und Fuhrwerke auf der Landſtraße anhält und plündert, die Straße kehrt. Schrendefeger, der Dieb, welcher in Häuſern und Speichern gründlich aufräumt, „ reines Haus macht “.
Schieber, vom deutſchen ſchieben (welches aber doch wol verwandt iſt mit dem hebräiſchen〈…〉〈…〉, schuw, zurückkehren, wie - derkehren, umkehren, ſich wenden), bedeutet den verſteckt und ge - wandt ſich bewegenden Gauner, den Einſchleicher in Häuſer und Verſchlüſſe; daher weſentlich in der Compoſition Kittenſchieber, allgemein der Gauner, der mittels Einſchleichens ſtiehlt. Eine analoge Compoſition iſt Lechemſchieber (Lehmſchieber, von〈…〉〈…〉, lechem, Speiſe, Koſt, Brot), der Bäcker, welcher das Brot durch das Backofenloch ſchiebt.
Zieher, Sieder, Drücker, nur in Beziehung auf Taſchen - diebſtahl und auf das behende Herausziehen der zu ſtehlenden Gegenſtände aus der Taſche mittels der Schere (Th. II, S. 229) gebräuchlich in den Compoſitionen Torfdrücker, Cheilefzieher und Seifenſieder, welche ſämmtlich den Taſchendieb allgemein bezeichnen. Der urſprüngliche Ausdruck iſt das niederdeutſche Trecker (von Trek, Treeck, Zug, Streich, Poſſen; vgl. Th. II, S. 224), von welchem das hochdeutſche Zieher nur eine bloße Ueberſetzung iſt. Das Drücker iſt dagegen eine arge Verſtüm - melung vom nd. Trecker und durchaus nicht auf das hochd. drücken (premere) zu beziehen. Sieder iſt wiederum nur eine Verſtüm - melung von Zieher, und aus Sieder iſt wieder Seifenſieder für den Taſchendieb entſtanden, mit Hinblick auf die große Fertigkeit, mit welcher der Taſchendiebſtahl ſtets „ wie geſchmiert “ausgeführt werden muß. Daraus iſt nun wieder die jüdiſchdeutſche Compo - ſition Cheilefzieher (von〈…〉〈…〉, cheleb, Fett, Talg, Seife) ent - ſtanden. Für Trecker, Drücker exiſtirt noch der Ausdruck Zupper, Zopper, wie zuppen vom neuhochdeutſchen zupfen.
Lekicher, jüdiſchdeutſcher Ausdruck (vom hebr. 〈…〉〈…〉, lakach,295 jüdiſchd. 〈…〉〈…〉, lokeach, wovon auflokechnen, anlokechnen, nehmen, faſſen, wegnehmen, ſtehlen u. ſ. w.) iſt allgemein der ſtehlende Gauner. Die hauptſächlichſten Compoſitionen beziehen ſich auf die Zeit des Diebſtahls, z. B.: Jomlekicher, der am Tage ſtehlende Dieb (Scheinſpringer); Ereflekicher, Dieb, der zur Abendzeit ſtiehlt. Doch iſt auch Perkochlekicher (von〈…〉〈…〉, koach, Gewalt, Stärke) der Schränker, der gewaltthätige Dieb, Einbrecher u. ſ. w.
Latchener. Die Schreibung und Erklärung dieſes Worts iſt ſo ſchwankend, daß eine nähere etymologiſche Unterſuchung noth - wendig iſt. Das hildburghauſener Wörterbuch bringt zuerſt den Ausdruck: Lattger, gewaltſamer Dieb bei Nacht. Die Rotwel - ſche Grammatik kennt das Wort nicht. Erſt Pfiſter hat wieder kurzweg: latgenen, ſtehlen. Chriſtenſen hat lattchenen, ſtehlen, und Latgênen, ſtehlen, und Latger, Dieb. Biſchoff kennt wie - der den Ausdruck nicht. Grolman hat Latgenen als bloße Va - riante von dem offenbar misverſtandenen Lartgenen, ſtehlen, und Lartgener, Dieb. Thiele hat: Latchener, Dieb, vorzüglich Nachſchlüſſeldieb. So hebraiſirend auch auf den erſten Anblick der Ausdruck erſcheint, ſo iſt doch keine hebräiſche Form auch nur an - nähernd verwandt. Das dunkle Stammwort〈…〉〈…〉, latach (wovon〈…〉〈…〉, Kleiderhaus, königliche Garderobe), kann unmöglich hierher bezogen werden. An das zigeun. Lako, lato, lotcho1)Auch das von Thiele hinter Latchener aufgeführte lattech, arm, läßt ſich doch wol nur aus dem böhm. lotr, lotřjk, bettelarm, lotterich, Lotterbube, erklären. Die Ableitung vom zig. lakó, lotcho, gering, leicht, ſchlecht, ſcheint geſuchter; vgl. Pott, II, 328; Biſchoff, „ Deutſch-zigeuneriſches Wörterbuch “, S. 65. iſt auch nicht zu denken. Man muß daher auf die erſte Quelle, auf das hildburghauſener Wörterbuch, zurückgehen, welches mit ſpecifiſcher Beſchränkung den Lattger als „ gewaltſamen Dieb bei Nachtzeit “bezeichnet. Nach des Gauners Schwartzmüller Offen - barung hatte die thüringer Bande, welcher er angehörte, ihren Hauptzug nach Böhmen hinein. Die böhmiſche Sprache gibt nun aber eine allerdings paſſend ſcheinende Etymologie zur Hand. 296Lat, Laã, mit dem charakteriſtiſchen punktirten weichen ã, und Laãka (vgl. das niederdeutſche Latt, das däniſche Lägte und das ſchwe - diſche Läckt), bedeutet die Stange, Latte, den ſchlank und gerade aufgeſchoſſenen jungen Baum, mag alſo nach der originellen Erklä - rung des hildburghauſener Wörterbuchs für Lattger: „ gewaltſamer Dieb bei Nacht “, der ſpätere Drohn der Rotwelſchen Grammatik und das noch ſpätere Drong der holländiſchen Banden, alſo der Rennbaum, Hebebaum, Wieſenbaum zum gewaltſamen Aufrennen von Thüren oder zum Wegbrechen eiſerner Vergitterungen geweſen ſein, deſſen ſich die thüringer Bande bediente. Lattgener, Latt - chener iſt daher nach der correcten Erklärung des hildburghau - ſener Wörterbuchs eigentlich nur der gewaltthätige Räuber, Ein - brecher, Schränker (vgl. Th. II, S. 122). Doch wird Lattchener im neuern Sprachgebrauch allgemein für den berufsthätigen Gau - ner genommen und nach Ort, Zeit und Object dieſer Thätigkeit componirt, z. B.: Jeridlattchener, Dieb auf Märkten und Meſſen; Scheinlattchener (Scheinſpringer, Jomlekicher), der Dieb, welcher am Tage ſtiehlt; Suſimlatchener, Pferdedieb u. ſ. w.
Melochner, jüdiſchdeutſcher, ſehr ſtark gebrauchter und wich - tiger Ausdruck (von〈…〉〈…〉, laach,〈…〉〈…〉, melocho, Arbeit, Hand - arbeit, Handwerker - und Künſtlerarbeit,〈…〉〈…〉, baal melocho, Künſtler, Handwerksmann), Arbeiter, beſonders Handarbeiter, Handwerksmann, Künſtler, der mit den Händen etwas verrichtet. Barſelmelochner, der Schmied, Schloſſer; Bedilmelochner, Zinngießer; Taltelmelochner, Nachſchlüſſelarbeiter; Sackin - melochner, Meſſerſchmied u. ſ. w. Ueber andere Zuſammen - ſtellungen und Redensarten, wo das Verbum melochnen das Sichbefinden, Leiden, Tragen u. ſ. w. ausdrückt, wie man analog im Engliſchen do, im Franzöſiſchen se porter und ſelbſt im Deut - ſchen machen gebraucht, z. B.: chole melochnen, krank, ge - fangen ſein; pleto melochnen, bankrott, flüchtig ſein u. ſ. w. vgl. man das Wörterbuch. Niemals, weder im Jüdiſchdeutſchen noch in der Gaunerſprache, wird jedoch dieſe ſpecifiſche Verbal - compoſition als ſubſtantiviſche Compoſition gebraucht, und Sub -297 ſtantive, wie etwa Cholemelochner für Kranker, Pletemeloch - ner, Bankrotteur, Gefangener, ſind durchaus ſprachwidrig.
Endlich iſt noch zu erwähnen das adjectiviſche link, deutſchen Urſprungs, von link, links (im Gegenſatz von recht, rechts, recht - lich, echt, wahr, ehrlich, unverfälſcht), welches auf Täuſchung, Fälſchung und Betrug bei einer Handlung deutet, z. B.: Link - wechsler, Linkchalfer, der Gauner, welcher beim Geldwechſeln ſtiehlt (vgl. Th. II, S. 200); Linkſtappler, der Gauner, wel - cher auf falſche Documente bettelt (vgl. Th. II, S. 121); Link - fleppe, gefälſchtes Document (vgl. Th. II, S. 296); Linkzchok - kener, falſcher Spieler (vgl. Th. II, S. 276) u. ſ. w. Von link hat ſich noch gebildet das Perſonalſubſtantiv Linker, Fälſcher, Betrüger, Gauner. Das Verbum linken iſt beſonders bei Chal - fenen gebräuchlich und bedeutet urſprünglich auf der linken Seite des Chalfen ſtehen, alſo befähigt ſein, dem Chalfen in die innere Fläche der rechten operirenden Hand zu ſehen und das heimliche Verbergen des Geldes in die Hand zu beobachten (vgl. Th. II, S. 202), daher allgemein: aufpaſſen, aufmerken, argwöh - niſch beobachten (vgl. link bei Adelung, II, 2076).
Einige andere Compoſitionen, welche weniger etymologiſch als ihrer frivolen metaphoriſchen Bedeutung wegen merkwürdig ſind, werden weiter unten bei der Wortbedeutung erwähnt werden.
Nicht genug, daß die Gaunerſprache ihren Stoff auf man - nichfache, bunte und willkürliche Weiſe von den verſchiedenſten Seiten her zu vergrößern weiß und dazu beſonders die deutſche Volksſprache auf tyranniſche Weiſe ausbeutet und verunſtaltet, zwingt ſie die Sprache noch zu einzelnen Wortverſtellungen, welche ſchlechterdings nicht zu entziffern ſind, wenn man nicht auch wie - der den Blick auf die hebräiſchen kabbaliſtiſchen Formen wirft,298 denen manche Gaunerwörter ſo weit nachgeahmt ſind, als die deutſche Sprache dies nur irgend zuläßt. Zum Glück für die Ent - zifferung und für das Verſtändniß dieſer verzweifelten gauneriſchen Formen reicht denn doch auch Geiſt und Bau der deutſchen Sprache nicht genug dazu aus, um dem Gaunerthum für ſeine Sprache ein geläufiges kabbaliſtiſches Syſtem zu bieten, und ſomit be - ſchränkt ſich die kabbaliſtiſche Gaunergrammatik eben nur auf ver - einzelte Ausdrücke, welche theils direct der ohnehin ſchon ſtark re - ducirten jüdiſchdeutſchen Kabbala nachgeahmt, theils aber wirkliche originelle deutſche Sprachtollheiten ſind, bei denen das ſchlimmſte Uebel noch darin beſteht, daß auch hier zu allem vermeſſenen Sprachzwang die dialektiſche Modulation herzutritt.
Um nur einigermaßen einen Ueberblick zu geben, mögen unter Hinweis auf das Th. III, S. 389 fg., über die kabbaliſtiſchen Formen Geſagte noch folgende Bemerkungen in Bezug auf die Gaunerſprache dienen.
Die anagrammatiſche Transpoſition in der gaunerſprachlichen Themura geht keineswegs auf eine regelmäßige Buchſtabenverſetzung wie im Al bam oder Ath basch (vgl. Th. II, S. 252) hinaus, ſondern iſt auf eine ganz willkürliche, regelloſe und vereinzelte Buchſtaben - und Silbentranspoſition beſchränkt, welche durch dia - lektiſche Modulation noch dunkler und unkenntlicher wird, z. B.: Jkbre, Ueckbre, Eckbre, Brücke; Obelke, Opelke, Ockelbe, Uckelbe, Buckel; Appeküh, Opekü, Oppecke, Aeppelke, Kappe, Käppel; Endegrü (grünende, grün’ Ende), Wieſe, Grenze; Loſcharen fragen, von Scholaren (nicht etwa von loschon), wie ein Schüler fragen; Serche Hanjo, Tabacksbeutel (vgl. Chriſten - ſen, Wörterbuch), für Serche Johann; ebendaſelbſt: Tuleriſch Nemone, lutheriſche Confeſſion, für Lutheriſch Nemone. Selbſt recipirte fremdſprachliche Wörter werden dieſer Transpoſition un - terworfen, wie z. B.: Palauk, Hut, für das böhm. Klobauk, Klobuk (Koblauk bei Pott, a. a. O., S. 18, iſt verdruckt), wobei zu bemerken iſt, daß Palauk, Lauka, im Böhmiſchen die Wieſe bedeutet. Zuweilen wird ſogar noch ein Buchſtabe eingeſchoben, wodurch die Verdunkelung vollſtändig wird, wie z. B. im pfullen -299 dorfer Wörterbuch das r in Triflet für Filet, Geſpinſt, Ge - webe, ähnlich wie in der italieniſchen Gaunerſprache Verunſtal - tungen der Art ſtattfinden, z. B. für das italieniſche Wort mese, Monat, m-arch-ese (als ob Marquis), vgl. Pott, S. 18. Ebenſo finden ſich dabei auch Veränderungen einzelner Vocale und Aus - laſſungen einzelner Conſonanten, wie z. B. im waldheimer Lexi - kon Eckſchell für Schickſel, Mädchen u. ſ. w.
So wenig dieſe, lediglich den hebräiſchen kabbaliſtiſchen Po - ſitionen nachgeahmten Verunſtaltungen für eine originell deutſch - gaunerſprachliche Verſtellung gelten können, ſo ſcheint doch die Verſtellung ganzer Silben ſtatt der hebräiſch-kabbaliſtiſchen Ver - ſetzung der einzelnen Buchſtaben eine deutſch-gaunerſprachliche Originalität und ſogar von romaniſchen Gaunerſprachen nachge - ahmt worden zu ſein. So führt Pott aus der ſpaniſchen Gauner - ſprache (Germania) mehrere Beiſpiele an: tisvar für vista, lepar für pelar, toba für bota, grito für trigo, chepo für pecho, greno für negro. Jn keiner Gaunerſprache iſt aber dieſe Trans - poſition lebendiger und ſyſtematiſcher ausgeprägt als im engliſchen Back slang der Coster-monger1)Der London Antiquary erläutert den Begriff Coster-monger nicht. Jn den Wörterbüchern der engliſchen Sprache findet man nur die kahle Ueber - ſetzung Aepfelhändler, mit der Variante Costard-monger mit gleicher Bedeu - tung. Costard iſt eine Art Apfel mit milchigem Safte. Jedenfalls ſind Coster - monger hauſirende Höker, welche mit Obſt, Lebensmitteln (ſogar auch, nach einer mündlichen Mittheilung, mit Fütterfleiſch für Hunde und Katzen) in Lon - don umherziehen. Die palindrome Ausdrucksweiſe mag allerdings eine Origi - nalität der Coster-monger und zunächſt wol nur auf Zahlen beſchränkt ge - weſen ſein, bis ſie denn auch vom engliſchen Gaunerthum aufgefaßt und wei - ter cultivirt wurde. Doch entſpricht ſie keineswegs vollkommen dem Weſen des Gaunerthums und ſeiner Sprache, weil ſie Syſtem hat, alſo das Geheimniß nicht ſicher bewahrt. Der ſtarke Anwuchs von Vocabeln innerhalb funfzehn Jahren, ſeit welchen dies Palindrom als Back slang in Gebrauch gekommen iſt, ſcheint ſich mehr aus dem Reiz der Neuheit zu datiren als aus der an - dauernden Brauchbarkeit. Schwerlich wird dieſes Back slang erheblich viel länger und weiter cultivirt werden. Bei Gelegenheit der Anfragen über die eigentliche Bedeutung des Worts Coster-monger, welche ein hamburger Freund in London zu machen die Güte hatte, iſt mir von einem londoner Criminaliſten noch die intereſſante Notiz geworden, daß gerade das Wort Coster-monger, welches jedoch, wie auch ſchon300 der Name andeutet, nur palindromiſch iſt. So iſt die Geldzäh - lung der Coster-monger nach folgendem palindromen Syſtem eingerichtet.
Man ſieht, daß das Palindrom Grundlage des wirklichen Syſtems iſt. Einzelne Buchſtabeneinſchiebungen finden allerdings ſtatt. So iſt bei flatch für half das t und c eingeſchoben. Der London Antiquary gibt nun S. 125 fg. ein Gloſſar von 152 weitern palindromen Vocabeln, welche ſchon ungebundener und oft recht drollig ſind, z. B.: cool für to look, dab für bad, dlog für gold, dunop für pound, elrig für girl, kennurd für drunk, mur für rum, say für yes, yad für day, yadnab für brandy, yob für boy u. ſ. w. Jn der ältern engliſchen Gaunerſprache findet man ſolche palindrome Formen nicht. Auch verſichert der London Antiquary (S. 122), daß dies Back slang erſt ſeit etwa funfzehn Jahren im Schwange ſei. Um ſo eher läßt ſich ver -1)unter den londoner Gaunern als Schimpfwort für den unerfahrnen, ungeſchul - ten, ungeſchickten Dieb gilt, alſo ganz dem deutſch-gaunerſprachlichen Hauns entſprechend.301 muthen, daß die deutſche Gaunerſprache, vielleicht aber die offene deutſche volksſprachthümliche Spielerei ſelbſt die vereinzelte Ver - mittelung gegeben hat. Schon ſeit längern Jahren ſind aus dem deutſchen Volksmunde, beſonders aus dem norddeutſchen, ähnliche Spielereien, freilich ziemlich alberner Art, in Erinnerung, bei wel - chen die Anfangsbuchſtaben der Silben und beſonders die Vocale betonter Silben componirter Wörter untereinander verwechſelt wer - den, eine Sprachverkehrung, die im Grunde geiſtlos iſt, wenn auch zuweilen drollige Quiproquos dabei vorkommen, und welche ſogar oft unwillkürlich auf ſchmuzige und ſinnloſe Ausdrücke hin - ausläuft, namentlich wenn die alberne Gewöhnung ſich gehen und es an gebührlichem Ernſt bei der Gelegenheit fehlen läßt. Solche Albernheiten ſind: Kinderſchuh, Schinderkuh; Recht behaupten, Hecht beraupen; Pechfackel, Fechpackel; bekannter Obſcönitäten nicht zu gedenken.
Bei weitem beſtimmter als die Themura iſt das Notarikon in der Gaunerſprache vertreten. Doch ſind die gauneriſchen Typen derart faſt ſämmtlich dem Judendeutſch entnommen, wenn ſie auch wirklich aus deutſchen Wörtern gebildet ſind, z. B. Rat, Bag, Lag, welche ſchon Th. III, S. 326, mit andern angeführt und erläutert ſind. Auch die bloße Benennung der Anfangsbuchſtaben der einzelnen Silben zur dunkeln Bezeichnung eines Wortes iſt gaunerſprachgebräuchlich; meiſtens ſind aber dieſe Typen wieder jüdiſchdeutſche, z. B.: Lommetaleph (〈…〉〈…〉) für lo, lau, nein, nicht; Schinpelommet,〈…〉〈…〉, schofel, ſchlecht, gemein u. ſ. w. Aber auch deutſche Wörter werden ſo mit jüdiſchdeutſcher Benennung der Silbenanfangsbuchſtaben bezeichnet, z. B.: Schin,〈…〉〈…〉, Schlie - ßer; Schindollet,〈…〉〈…〉, Gendarm. Andere, doch gewiß ſchon außer Cours geſetzte, tolle Abbreviaturen derart führt Selig in der alten Ausgabe von 1767 an:〈…〉〈…〉, Bürgermeiſter;〈…〉〈…〉, Kaiſergul - den, Kopfgeld;〈…〉〈…〉, Kurfürſt;〈…〉〈…〉, Rathsherr u. ſ. w. Wer aber möchte errathen, daß〈…〉〈…〉 „ grüße freundlich “heißt? Und wer noch, daß〈…〉〈…〉 Louisdor iſt? Am vermeſſenſten ſind die aus hebräiſchen und deutſchen zuſammengeſetzten Wörter, von denen man die un - geheuerlichſten Beiſpiele im Wörterbuch findet. Eins der merk -302 würdigſten ſei hier hervorgehoben, es iſt〈…〉〈…〉, garad, phonetiſch belebte Abbreviatur von Geränderte Adumim (Dukaten), alſo voll - wichtige Dukaten. Höchſt wahrſcheinlich wird unſer deutſches Karat (12 Gran Gold oder 4 Gran Edelſtein) daraus entſtanden ſein. Adelung, II, 1500, führt unter Karat an, daß die urſprüngliche Schreibung „ Garat “geweſen und „ daß die Abſtammung ungewiß ſei “Da auch noch jetzt vollwichtige, geränderte Dukaten zur Gewichtsbeſtimmung des Goldes dienen, ſo ſcheint die hier ver - ſuchte Ableitung mehr Wahrſcheinlichkeit zu haben als die bei Schwenck unter Karat gegebene vom griechiſchen κεράτιον, Hörn - chen, der ähnlich geſtalteten Frucht des Johannisbrotbaums, welche auch als Gewicht diente.
Die kabbaliſtiſche Gematria, ſowol die figurative wie die arithmetiſche, feiert gänzlich in der deutſchen Gaunerſprache, da beide im engſten Zuſammenhang mit der Zahlengeltung der hebräi - ſchen Buchſtaben ſtehen. Die von der deutſchen Gaunerſpxache aufgenommenen Benennungen der deutſchen Spielkarten (vgl. Th. II, S. 277 und 278) von ſechs bis zehn ſind durchaus nur corrumpirte hebräiſche Zahlbuchſtaben mit deutſcher Endung. Das bei Thiele angeführte Achtundzwanziger (gewaltſamer Einbruch, Raub) iſt die dürre Ueberſetzung von Koffcheſſ,〈…〉〈…〉 krumme Koph und〈…〉〈…〉 Cheſſ, wobei doch wol〈…〉〈…〉 als Abbreviatur von Chaſſne, Chaſſune, Hochzeit, wilder, toller Lärm, das〈…〉〈…〉 aber vielleicht als Krummkopf (krumme Koph, vgl. Th. II, S. 125), Brecheiſen, aufzufaſſen iſt. Bei dieſen ſporadiſchen Beiſpielen iſt allerdings eine Hindeutung auf die arithmetiſche Gematria zu erkennen, jedoch in keiner Weiſe ein deutſch-gaunerſprachliches Syſtem. Recht deut - lich ſieht man aber hier, daß die Gaunerſprache die hebräiſchen Zahlbuchſtaben nur darum adoptirte, um auch in dem Zahlen - ausdruck ein Geheimniß zu haben.
Wie nun die Gaunerſprache in der phonetiſchen Belebung jüdiſchdeutſcher Abbreviaturen viel weiter gegangen iſt als die ge - wöhnliche jüdiſchdeutſche Umgangsſprache, um eine Menge neuer dem Laien unverſtändlicher Wörter zu dem vorhandenen Wort - reichthum zu bilden, ſo hat ſie ganz beſonders die jüdiſchdeutſche303 Buchſtabenbenennung zur Bezeichnung deutſcher Städtenamen aus - gebeutet und iſt hierin viel weiter gegangen als der jüdiſche Ge - brauch ſelbſt ſich geſtattete, welcher auch hier dem gauneriſchen Sprachwucher zum Anhalt und Muſter dienen mußte.
Schon in den älteſten hebräiſchen Documenten jüdiſcher Ge - meinden in Deutſchland finden ſich Städtenamen, vorzüglich ſol - cher Städte, welche ſich durch eine angeſehene Gemeinde oder Rabbinenſchule auszeichneten, nur mit dem Anfangsbuchſtaben ausgedrückt. So finden ſich z. B. in der ſehr alten, bei Wagen - ſeil, „ Belehrung “, Anhang S. 56, angeführten Star Chalize,〈…〉〈…〉 (Ausſchuhungsbrief), die drei angeſehenſten deutſchen Gemeindeſtädte Speier, Worms und Mainz als〈…〉〈…〉, kehillos Schum, zuſammengefaßt und phonetiſch zu Schum belebt, deren Verordnungen, Satzungen (〈…〉〈…〉) für andere Gemeinden maß - gebend waren. Daher tekonas schum, Verordnungen, welche für Speier (〈…〉〈…〉), Worms (〈…〉〈…〉, auch Ulm) und Mainz (〈…〉〈…〉) geltend waren. Vgl. Tendlau, a. a. O., Nr. 120. Stehende, minder einfache Ab - breviaturen von Städte - und Ländernamen ſind auch noch jetzt〈…〉〈…〉, Amſterdam;〈…〉〈…〉, Braunſchweig;〈…〉〈…〉, Frankfurt an der Oder;〈…〉〈…〉, Frankfurt am Main;〈…〉〈…〉, Kurfürſtenthum Branden - burg u. ſ. w. Vgl. Selig (1767), S. 29. Auch ward wol die Abbreviatur〈…〉〈…〉 für Medine, Land, oder Mokom1)Ueber die ſpecifiſch jüdiſchdeutſchen Bezeichnungen von Ortsnamen mit dem Beiſatz Kehillo u. ſ. w. in Briefen und Adreſſen iſt bereits das Nöthige Th. III, S. 426, geſagt worden., Stadt, vor - angeſetzt, z. B.:〈…〉〈…〉, mokom-dollet resch, Dresden;〈…〉〈…〉, mo - kom he, Halle;〈…〉〈…〉, medine sojin, Sachſen;〈…〉〈…〉, medine pe, Polen u. ſ. w. Nur wenig Städtenamen haben eine etwas ver - änderte Benennung, welche jedoch nur durch ſchlechte Ausſprache entſtanden iſt, z. B.: Minz für Mainz; Wermes, Wermeiſe, Germes, Germeiſa für Worms u. ſ. w.
Dieſe angedeutete eigenthümliche Bezeichnung iſt vom Gau - nerthum lebhaft aufgegriffen und ausgebeutet worden, ſodaß ſie die durchſchlagende Regel für die Bildung der Städtenamen ge - worden iſt und es im ganzen nur wenig abweichende beſondere304 Bezeichnungen von Städten und Ländern gibt. Freilich liegt alles recht bunt und wirr durcheinander. Doch laſſen ſich bei genauerm Aufblick die Grundregeln überall ziemlich deutlich durchfinden.
Die deutſchen Ortsnamen werden in der Gaunerſprache mit ihrem bloßen deutſchen, jedoch hebräiſch oder jüdiſchdeutſch ausge - ſprochenen Anfangsbuchſtaben bezeichnet und von der Zahlengel - tung der Buchſtaben durch die Verbindung mit Mokom, Stadt, oder Medine, Land, unterſchieden, z. B.: Mokum Lommet, Leipzig; Mokum Reſch, Regensburg; Mokum Dollet, Dres - den; Mokum Mem, München u. ſ. w. Doch iſt dieſe Bezeich - nung noch immer ſehr unbeſtimmt, da es ja ſehr viele Ortſchaf - ten mit gleichem Anfangsbuchſtaben gibt. Die Regel wird dann auch enger gefaßt, ſodaß gewöhnlich das Land, in welchem der zu bezeichnende Ort liegt, mit berückſichtigt wird. So iſt Mokum Schin in Ganfermedine Stuttgart; Mokum Schin in Pä - ſerche Stralſund, Stettin, Stargard; Mokum Mem in Chaſ - ſermedine München; Mokum Mem in Päſerche Magdeburg, Marienwerder u. ſ. w. Nur wenn es ſich unzweifelhaft um ein beſtimmtes Land handelt, welchem die Gaunergruppe oder ein Un - ternehmen angehört und ein Misverſtändniß nicht leicht möglich iſt, wird die Bezeichnung des Landes weggelaſſen. Große, Haupt - und Reſidenzſtädte werden durch Godel Mokum beſonders be - zeichnet. So unterſcheidet ſich innerhalb des Königreichs Hannover Godel Mokum He, Hannover, als Reſidenzſtadt, von Mokum He, Hildesheim u. ſ. w.
Weiter geht die geographiſche Terminologie nicht, und zwar nicht etwa aus Mangel an eigenen Bezeichnungen, für welche das Gaunerthum niemals in Verlegenheit iſt, ſondern aus der raffi - nirteſten Vorſicht, um keinen Preis durch ſtabile techniſche Be - zeichnungen nach einem ſchlüſſigen Syſtem die Möglichkeit der Offenbarung des Geheimniſſes darzubieten. Jn der bewunderns - würdigſten, ſcharfſinnigſten und verſchlagenſten Weiſe werden un - zählige feine, hiſtoriſche, topiſche und perſönliche Beziehungen und Hindeutungen aller Art gemacht und benutzt, um ſich dem Gau - nergenoſſen ſo vollkommen klar zu machen, wie dem Laien durch -305 aus unverſtändlich zu bleiben. Beiſpiele davon geben die bei Thiele S. 38, 39, 62 — 66 abgedruckten Briefe und Geſpräche, in welchen unter andern der Gauner Roſenthal in vorſichtiger Er - innerung an ein gemeinſames Erlebniß dem Gauner Wohlauer ſich vollkommen zu erkennen gibt durch die namenloſe Unterſchrift: „ Jhr Freund, mit dem Sie einſt einen Roſch haſchono kein Schau - fer in einem Dorfe haben blaſen hören “, indem Roſenthal mit Wohlauer das Neujahrsblaſen in der Synagoge nicht hatte hören können, da er gerade am Neujahrstage auf einer Diebsreiſe mit Wohlauer in einem Dorfe übernachtet hatte. Ebendaſelbſt iſt die bloße Erwähnung des „ Malches jowen “(eigentlich ruſſiſches Königreich, Kaiſerthum) eine nur von Wohlauer zu verſtehende Be - ziehung auf den am 1. Jan. 1826 gemeinſchaftlich mit ihm an dem ruſſiſchen Caviarhändler Sokolow in Berlin verübten Nachſchlüſſel - diebſtahl von 6000 Thalern. Mit gleicher Vorſicht werden auch die Anfangsbuchſtaben von Städtenamen durch die Vorſetzung „ Kühle “(verdorben aus Kehilla), welches auf eine größere Ge - meinde ſich bezieht, oder durch „ Jr “allgemein Stadt, beſonders kleinere Stadt, durch „ Jiſchuw “, wo nur einzelne zerſtreute Juden ohne förmlichen Gemeindeverband leben, oder endlich durch „ Je - ſchiwo “, eine Stadt, wo eine Schule, Akademie oder Univerſität ſich befindet, noch näher erläutert, ſodaß für den Genoſſen kaum ein Jrrthum ſtattfinden kann. So werden die beiden nahe bei - einander liegenden Städte Nürnberg und Fürth dadurch unter - ſchieden, daß erſteres ’s Hikels Mokum, dagegen aber Fürth ’s Hikels Kühle (Kehilla, wegen der dort befindlichen vielen Juden) genannt wird.
Die Bezeichnung der Städte mit dem bloßen Anfangsbuch - ſtaben iſt ſchon ſehr alt. Sie ſcheint auch im früheſten Mittelalter ganz populär, bald aber der bloßen Willkür verfallen, dadurch zur geiſtloſen Spielerei und ganz zerbröckelt und dann obſolet gewor - den zu ſein. Jm Mittelalter findet man z. B. auf den franzöſi - ſchen Münzen die Münzſtätten nach einer ganz willkürlichen Ord - nung ohne allen Bezug auf den Anfangsbuchſtaben der Stadt durch Buchſtaben und Punkte angedeutet. Tabourot („ Bigarrures “,Avé-Lallemant, Gaunerthum. IV. 20306I, fol. 167 b) gibt ein ſolches Verzeichniß, welches in mehr als einer Beziehung Jntereſſe erregt:
Dazu ſagt Tabourot noch: „ Lesquelles lettres se voyent en chasque piece de monnoye, au dessous de l’excussion ou ailleurs. Comme aussi outre lesdites lettres y a tousiours encor des poincts sous certaines lettres, lesquels estoient anciennement les seules Notes des monnoyes: comme i’ay re - marqué en un vieil liure des monnoyes extraict de la Chambre des Comptes à Dijon.
307Comme en la monnoye de Rouën, y a un poinct sous le G de REGNAT.
En la monnoye de S. Lo, un poinct sous l’A de FRAN - CORVM.
En la monnoye d’Angers, un poinct sous le C de VINCIT.
En celle de Troyes, un poinct sous le G de GRATIA.
En celle de Poictiers, un poinct sous l’I de VINCIT.
En celle de Dauphiné, un poinct du temps du Roys Charles VIII sous l’A de CAROLVS.
Et ainsi des autres: car tels poincts se changent selon le nom des Roys, à discretion des gens des monnoyes de Paris, qui envoyent par toutes les villes de France, leurs poinçons. “
Nur wenig Städtenamen gibt es, welche eine allgemein an - erkannte Bedeutung haben. Dagegen haben ſich die meiſten Län - der einer ſolchen zu erfreuen. Auch hier finden ſich übermüthige und gezwungene Andeutungen genug. Die bekannteſten Namen mögen folgen:
Aſchkenas, Deutſchland, vgl. Th. III, Kap. 19. Bär Mo - kum, Frankfurt (auch Mokum Pe, Mokum Pei). Bock Mo - kum, Schaffhauſen. Bores Matina (Medine), die Schweiz, auch Pum oder gewöhnlicher Bum, Bom, nach der jüdiſch - deutſchen Abbreviatur von Pores Medine,〈…〉〈…〉 (〈…〉〈…〉, par, Ochſe,〈…〉〈…〉, pora, Kuh,〈…〉〈…〉, medina, Land, alſo Kuhland), davon Bumſer, Bomſer, Pumſer, der Hirt (analog dem „ Hollän - der “, wie man im Niederdeutſchen den Milchwirthſchafter, Meier, nennt). Chaſſer Matine, Baiern (von〈…〉〈…〉, chasir, Schwein, und medina, Schweineland, wegen der ſtarken Schweinezucht). Ein merkwürdiger Beleg für das Alter und die Popularität dieſer Benennung findet ſich in J. G. Keyßler’s „ Neueſte Reiſen “, S. 68, in der Beſchreibung der Stadt Ulm (11. Brief vom 6. Juli 1729), wo der Jnſchrift auf einer ſilbernen Denkmünze er - wähnt wird, welche die Stadt Ulm zum Andenken an ihre Be - freiung von den kurbaieriſchen Truppen am 13. Sept. 1704 ſchla - gen ließ und welche auf der einen Seite die ſonderbare Jnſchrift trägt:
20 *308ULMA AB OVI OVI SVIBVSQ. LIBERATA. xiii Sept. M D CC IV. wozu Keyßler commentirend hinzufügt: „ Vermuthlich ſollen die Worte oüi, oüi, in der dritten Zeile ſowohl auf das Grunzen der Schweine, als auf das franzöſiſche Bejahungswort zielen. Die Bayern werden von ihren Nachbarn öfters wegen ihrer ſtarken Schweinezucht vexiret, und iſt leicht zu glauben, daß die vierte Zeile auf ſie gemünzet, und beyde damals im Bündniſſe ſtehende Nationen der Franzoſen und Bayern zuſammengeſetzet worden ſind. “ Ferner: Chaſſer Mokum, Schweinfurt; Frey Mokum, Frei - burg; Ganfer Matine, Schwaben, wegen der ſtarken Anhäu - fung des Diebsgeſindels; Glocke Mokum, Baſel; Godel Mo - kum He, Hamburg (im beſondern Vorzug vor der Reſidenzſtadt Hannover); Heſſe Mokumche, Hanau; Jowen Matine, Rußland (Griechenland); ’s Hikels Kühle, Fürth; ’s Hikels Mokum, Nürnberg; Kirriſche Matine, Oeſterreich; Knochen Mokum, Peine (in mundartiger Verwechſelung mit Beine, Knochen); Knack Mokum, Braunſchweig; Löwches Matine, das Großherzogthum Heſſen (von dem Löwen im Wappen); Kraut Mokum (mundartig verdorben Grod Mokum), Würzburg (wegen des ſtarken Gemüſebaues in der Umgegend); Miau (früher auch Serfes Mokum, franzöſiſche Stadt), Mainz (auch jüdiſchdeutſch Minz); Mokum Bär (Mokum Beiß), Berlin (Bern, Bern - burg); Mokum Dollet, Dresden; Mokum Kuf, Köln; Mo - kum Lommet, Leipzig; Mokum Matine, Augsburg; Mokum Reſch, Regensburg; Mokum Schin, Stuttgart; Mulſtah, Ulrichſtein; Päſerche (blaue Matine), Preußen; Planche (Po - lenche), Polen; Ringels Matine, Würtemberg (in alberner Verdrehung des Würtem mit Würſten, davon überſetzt Wurſt mit Ringel, Ringeling); Schlehe Matine, Heſſen; Stangen Ma -309 tine, Baden; Stroh Mokum, Strasburg (Strohsburg); Zer - fes Matine, Frankreich; Zaddick Mokum, Celle u. ſ. w. Bei Städtenamen wird Mokum willkürlich vor oder nach dem Namen ſelbſt geſetzt; dagegen wird bei Ländernamen das Matine, Medine, gewöhnlich nachgeſetzt. Weiter iſt nichts Erhebliches zu bemerken, als daß doch auch immer die Ortsbezeichnungen von der Willkür der einzelnen Gruppen abhängig ſind und bald in dieſer, bald in jener Weiſe verunſtaltet oder auch gewechſelt und ganz neu ge - ſchaffen werden.
Wenn nun die deutſche Gaunerſprache in der Zuſammen - häufung und in der eigenthümlichen etymologiſchen Behandlung ihres in der That ungeheuern Wortſtoffs einen Reichthum aufzu - weiſen hat, wie das keine andere fremde Gaunerſprache im Stande iſt, ſo hat ſie aber auch das noch mit dieſen Gaunerſprachen ge - mein, worin die hauptſächlichſte oder eigentlich charakteriſtiſch alleinige Eigenthümlichkeit und Gewalt aller dieſer Gaunerſprachen beſteht: die Umbildung und Veränderung des urſprünglichen Wort - ſinns zu einer ganz andern logiſchen Bedeutung. Jn dieſer Um - bildung erſcheint nun aber der Geiſt des Gaunerthums in ſeiner ganzen furchtbaren negirenden Gewalt. Denn alles, was die leben - digſte Einbildungskraft, die treffendſte Beobachtung, der glänzendſte Scharfſinn, der ſprudelndſte Witz und der frivolſte Spott bis zur ſchändlichſten Läſterung, ſelbſt alles deſſen, was ehrwürdig und heilig iſt, nur erſinnen kann: das alles findet ſich in dieſer Um - bildung ſo treffend, ſo prägnant und blendend hingeſtellt, daß erſt die Kenntniß der Gaunerſprache die vollſtändigſte Kenntniß des ganzen Gaunerthums und ſeines völlig unbändigen Geiſtes iſt, der nichts kennt und achtet als das maßlos frivole Spielen und Wuchern in und mit ſich ſelbſt bis zur ſteilſten und ſchwindelnd -310 ſten Höhe, von der weiter nichts möglich iſt als der jähe ſittliche Zuſammenſturz in den tiefen Abgrund des Verderbens. Wie jede Sprache hat die Gaunerſprache ihren Geiſt, aber kein Sprachgeiſt beſticht und blendet mehr, als dieſer Geiſt der Gaunerſprache. Dieſe iſt die vollmächtigſte dämoniſche Propaganda des Gauner - thums, weil ſie die Sprache des Volks iſt und das Volk mit ſei - ner eigenen Sprache ſchmählich belügt. Wie oft reißt ein blitz - artig aufleuchtendes Witzwort ſelbſt den nüchternen Forſcher zu einem Lächeln hin, um ihn gleich darauf vor der frechen Frivolität des Verbrechens zurückſchrecken zu laſſen!
Greift man aus dieſem wüſten Vorrath meiſtens ſchmählicher Metaphern einzelne Beiſpiele zur Veranſchaulichung heraus, ſo findet ſich zunächſt in Bezug auf Perſonen: Chochom (der Weiſe), der Gauner; Wittiſch, Wittſtock (der Linkiſche, Unbeholfene), der Nichtgauner, Dummkopf; Freier, Schaute (Narr), der zu Beſtehlende; Oſchpes (Gaſtfreund) und Balbajis (Hausvater), Gaunerwirth; Schickſe (Greuel), Mädchen. Hierher gehört die ganze Reihe von Benennungen der verſchiedenſten Diebsarten, wie Kaudemhalchener, Scheinſpringer, Erefgänger, Gole - hopſer, Kittenſchieber, Schrendefeger, Stradekehrer u. ſ. w. Ferner Standesbezeichnungen, wie Jltis, Klette, Fleiſchmann, Gerichts - oder Polizeibeamte; Dreckſchwalbe, Maurer; Hammerſchlag, Schmied; Schneepflanzer, Lein - weber; Stichling, Sticheler, Schneider; Trittlingspflanzer, Schuſter; Ballertmelochner, Keſſelflicker; Rollfetzer, Müller u. ſ. w. Ferner das Heer ſcheußlicher Spitznamen der Gauner und der ſchändlichſten Schmuzausdrücke der Bordellſprache nach den verſchiedenen Körpertheilen und Geſchlechtseigenheiten. Andere Körpertheile ſind: Schneutzling, Riecheling, Giebel, Zin - ken, Rüſſel, Muffert, Naſe; Schmeckert, Mund; Trittling, Stampfer, Stämmerling, Fuß, Bein; Lausmarkt, Kopf; Lüßling, Läußling, Leisling, Ohr; Laller, Zunge; Flachs, Straubert, Struppert, Haar; Langert, Hals; Klaishanſe, Milchhanſe, Brüſte; Griffling, Hand u. ſ. w.
Beiſpiele von Thiernamen: Kleebeißer, Schaf, Pferd;311 Fletterling, Vogel, Taube; Breitfuß, Strohbohrer, Stroh - böhner (niederd. bohnen, putzen), Strohputzer, Gans; Teich - gräber, Dreckpatſcher, Bäkentrecker (Bachzieher, vom nie - derdeutſchen Bäk, Bach, trecken, ziehen), Ente; Schneider, Klemſer, Krebs; Langſchnabel, Storch, Schnepfe; Langfuß, Latſchfuß, Haſe; Dachhaſe, Zwackohr, Schmackfuß, Schmalfuß, Katze; Trappert, Klebis, Pferd; Brummert, Ochs; Klaistrampel, Haarbogen, Hornbock, Kuh; Beller, Blaffer, Klaffer, Hund; Meckes, Ziege; Fluckert, Gacken - ſcherr, Holderkautz, Huhn; Stiercher, Caporal, Flunker - ter, Fluckarter, Hahn u. ſ. w.
Von Gegenſtänden des täglichen Gebrauches: Rollert, Wagen; Roller, Rad; Roll, Rolle, Mühle; Staub, Stau - bert, Mehl; Tikkert, Uhr; Schlange, Kette; Schnee, Lein - wand, Papier; Schmierling, Seife; Flatter, Wäſche; Flamme, Schürze; Weitling, Hoſen; Streifling, Amratzim (Volk der Erde), Strümpfe; Rußling, Ballert, Keſſel; Rumpfling, Senf; Krachling, Krachmann, Nuß; Rothhoſen, Kirſchen; Blauhoſen, Pflaumen; Ringling, Längling, Wurſt; Schwarzhaber, Speck; Schwarzboſſert, Schinken; Stie - ling, Baumkrebs, Birne; Schürnbrand, Branntwein; Jauche, Suppe; Salz, Schrot, Hagel; Pfeffer, Kümmel, Schießpul - ver; Knaller, Klaſeime, Piſtole u. ſ. w.
Wenn dieſe Umbildungen der Wortbedeutung ſchon als Wort - ſpiele gelten müſſen, ſo treibt die Gaunerſprache aber auch noch ein verwegenes Spiel mit der Aſſonanz jüdiſchdeutſcher und deut - ſcher Wörter, indem ſie ähnlich klingende Wörter und Silben mit - einander verwechſelt. So ungeſchickt das auch oft im graphiſchen Ausdruck für das Auge ſich macht, ſo geſchickt verbirgt ſich doch beim Sprechen ſelbſt eins in das andere, namentlich wenn die dialektiſche Modulation dabei ſich geltend macht. So z. B. wird der gewöhnlich ſchlecht beſoldete Schulmeiſter Dulmeiſter (von dal, arm) oder Dulgoi genannt. Schön’ Willkomm wird in Sched Willkomm (Teufels Willkomm) verwandelt. Sogar re - ligiöſe heilige Gegenſtände werden in ſolcher Weiſe herabgewürdigt,312 z. B. der Kelch zu Kelef, Kelf (Hund)1)Vgl. das „ Wörterbuch von St. -Georgen am See “, Kap. 24, ſowie den „ Jüdiſchen Sprachmeiſter “von Bibliophilus (1742, S. 72 — 81), welcher mit Erbitterung eine Menge ſolcher Läſterungen aufführt., Kedeſcho (Metze) für Kedoſcho, die Heilige; Kedeſchim (Metzen) für Kedoſchim, die heiligen Jungfrauen; Taſchmidim (Vertilgte, Ausgeſtoßene) für Talmidim, die Apoſtel; Keſſach (Ausſchneidung, Vernichtung) für Peſſach, Oſtern. Andere Wortſpiele, von welchen Bibliophilus viele Blasphemien, Tendlau aber eine Menge intereſſanter volks - thümlicher Beiſpiele anführt, findet man im Wörterbuch.
Hinſichtlich der Syntax der Gaunerſprache iſt weiter nichts zu ſagen, als was bereits Th. III, S. 400 fg. in den ſyntaktiſchen Bemerkungen über die deutſche Volksſprache und über die jüdiſch - deutſche Sprache als deutſche Volksſprache geſagt iſt. Zum Schluß mag hier noch angeführt werden, was Pott, a. a. O., II, 11, mit treffendem Einblick in die Gaunerſprache ſagt: „ Die ganze Syntax, ja ſelbſt die Bildungs - und Umbildungsgeſetze der Wör - ter halten ſich im ganzen gleichfalls innerhalb der Landesſprache, indem nur der Wortſchatz ſich weſentlich davon entfernt. Zweck der Spitzbubenſprachen iſt ganz eigentlich, wenn auch in niedrig - ſter Sphäre, ein diplomatiſcher, oder jener von Talleyrand der menſchlichen Sprache überhaupt nicht ohne einen gewiſſen Ernſt un - tergeſchobene: « Mittel zu ſein zur Verbergung ſeiner Gedanken », und auf dies Ziel, wenigſtens allen Uneingeweiheten möglichſt unzugänglich zu ſein und zu bleiben, haben ſie natürlich hinzu - arbeiten. Jnſofern jedoch, als Verſtändniß für die Einge - weihten, nicht minder als Ausſchlieſſung aller Uebrigen eine, von ihnen ſelbſt anzuerkennende Bedingung ihrer Exiſtenz iſt, müſſen ſie unaufhörlichem Wandel mindeſtens in ihrer Geſammt - erſcheinung entſagen und ſo mit einer gewiſſen unabweisbaren Stetigkeit2)„ Eine ſolche “, ſetzt Pott in der Note hinzu, „ ergibt ſich mir nament - lich aus dem deutſchen Rotwälſch, in welchem bei allerdings vorkommendem Wechſel im einzelnen je nach Zeit und Ort, ſich doch in der Maſſe große Be - ſtändigkeit zeigt. — Einige Verwunderung erregt, daß ſich nicht ſelten, wie in ſogleich in ſich die Möglichkeit des Verrathes an An -313 dere als einen Keim ſetzen und zulaſſen, welcher allerdings hier und da aufgegangen und an’s helle Tageslicht gedrungen iſt, ohne inzwiſchen dadurch den ausſchließlichen Charakter jener Jdiome weſentlich aufzuheben und zu ſtören. “
So erkennt man nun als Summa aller bisherigen Unter - ſuchungen, zu welchen jeder Moment, jede Situation der tagtäg - lichen Berufsthätigkeit den praktiſchen Polizeimann ſo unabläſſig wie gewaltig mahnte und drängte, die Wahrheit: daß die Gau - nerſprache die Syntax des Gaunerthums ſelbſt iſt und daß in der Darſtellung der hiſtoriſchen, literariſchen und techniſchen Ausbil - dung des Gaunerthums immer nur erſt die vereinzelte ungenügende Etymologie der ganzen Erſcheinung gegeben werden konnte. Die Gaunerſprache iſt nicht der bloße Ausdruck der Gewalt des Gau - nerthums: ſie iſt ſeine höchſte geiſtige Gewalt ſelbſt, ſie iſt das mit tauſend Fäden ausgeſpannte feine Gewebe, mittels deſſen das Gaunerthum das Volk mit ſeiner Sitte und Sprache umgarnt hält und an welchem es mit der Behendigkeit einer Spinne hin - und herſchießt und ſeine Opfer zu faſſen und ebenſo ſchnell wie - der in die tiefen, dunkeln Winkel zu verſchwinden weiß. Kaum gibt es eine Redensart, welche ſo von Sicherheit und Uebermuth ſtrotzt, als das verwegene Gaunerwort: „ Wenn die Gojim werden Loſchen kodeſch medabber ſein, wird Haolom haſe unterhulichen. “ Aber auch die große Wahrheit liegt darin vom Gaunerthum ſelbſt beglaubigt, daß nur erſt in der Gauner - ſprache der furchtbare Feind vollſtändig erkannt und nur erſt in2)fernen Zeitweiten, ſo auch in weit auseinander liegenden Ländern die gleichen oder doch ähnlich gebildete Wörter wiederholen, was aber in dem oft erſtaun - lich ausgedehnten Umherkommen des Räubergeſindels ſeinen genügenden Er - klärungsgrund finden mag. “314und mit dieſer Erkenntniß bekämpft werden kann. Wie aber kennt der Gauner ſelbſt dieſe ſeine Sprache! Wie iſt er ſich ihrer be - wußt und wie bewußt ihrer ungeheuern Gewalt, ihres dichten, ſchützenden Verſtecks! Mit welcher Virtuoſität ſpricht und hand - habt er dieſe Sprache! Ohne alle Affectation, vom frivolen Ge - danken gefaßt, vom verwegenen Wortſtoff getrieben, erſcheint die Perſon des Gauners ſelbſt nur wie ein bloßes Mittel des Ge - dankens und der Sprache. Wie in der unbefangenſten Natürlich - keit drängt ſich die Sprache mit ſpielender Volubilität von den Lippen und erhält durch die faſt unwillkürlich ſcheinende Mitwir - kung der ſtets in krankhafter Leidenſchaftlichkeit bewegten Bruſt eine Modulation vom leiſen, heiſern Flüſtern bis zum rauhen ſar - doniſchen Grinſen, zum wiehernden Hohngelächter und zum krei - ſchenden Zornesruf. Man muß, um die Gaunerſprache vollkom - men begreifen zu können, ſie nicht allein hören, ſondern auch ſehen! Denn ſie wird mit dem Tone auch ſichtbar in der un - nachahmbarſten Mimik, Geſticulation und Zeichenfülle, die in ihrer blitzſchnellen Heimlichkeit kaum je vollſtändig zu beobachten, ge - ſchweige denn zu ſchildern iſt. Der Griff ans Halstuch, ans Kinn, in die Haare, die Bewegung der Hände, Stellung der Füße, Blick, Athemholen, Lächeln, Räuspern, Weinen, jeder Ausdruck einer Empfindung und Leidenſchaft, jede wie zufällig erſcheinende Bewegung: alles in, aus, an, bei und mit dem Gauner ſpricht und iſt ein Sprachcommentar, womit neben dem unverfänglichen Worte bejaht, verneint, gebeten, gewarnt, gedroht wird. Und alles Geheimnißvolle, Unverſtändliche, Unnachahmbare iſt dem Gauner - geiſte begreiflich, deutlich, offen, klar!
Jn dieſem Geiſte, in dieſer Sprache erkennen ſich die fernſten Gauner und die Fremdartigkeit des verſchiedenen dialektiſchen Aus - drucks gleicht ſich nicht nur ſofort aus, ſondern wird auch als neue Zugabe willkommen geheißen und dem Ganzen incorporirt. Daher vorzüglich das wunderbar bunte und doch fließende Durch - einanderſpielen der entlegenſten Dialekte. Darum kann aber auch die Gaunerſprache nur vom Gauner geſprochen, vom Laien aber höchſtens nur verſtanden und begriffen werden. Das iſt315 das beſtimmte Urtheil aller derjenigen, welche ein richtiges Ver - ſtändniß des Gaunerthums und ſeiner Sprache erworben haben, und gerade nur jene rotwelſchen Epigonen, welche in ihren kahlen Raiſonnements und fehlerhaften Vocabularen die größte Unwiſſen - heit an den Tag gelegt haben, ſind es, die — lediglich um in ihrer hochfahrenden Eitelkeit gelegentlich anzubringen und glauben zu machen, daß ſie die Gaunerſprache vollkommen verſtänden — groß damit thun, „ daß des Gauners Geſicht ſich verkläre, daß er dem Kitzel nicht widerſtehen könne “, oder „ daß es ſich viel leich - ter und gemüthlicher mit ihm arbeite (sic!), wenn er in der Gaunerſprache angeredet werde “. Gerade dieſe vordringlichen Epi - gonen verſtehen am allerwenigſten etwas von der Gaunerſprache. Die mit blödem Auge von ihnen wahrgenommene „ Verklärung “im Geſichte des in der Gaunerſprache angeredeten Gauners iſt nichts anderes als der ſpöttiſche Hohn des gefangenen Gauners, welcher der Eitelkeit und Taktloſigkeit des Gewaltigen, der ihn beliebig mit langer ſchwerer Haft, mit Stockſchlägen, mit der ſchlechten Nahrung bei Waſſer und Brot mishandeln kann, nur ſein beredtes ſardoniſches Lächeln entgegenſetzen darf. Dieſe „ Ver - klärung “, dieſe „ Gemüthlichkeit “iſt eben das Symptom der ſchon hereingebrochenen Gefahr, vor welcher Pfiſter, a. a. O., I, 210, mit ſo großem Ernſt wie mit tiefer Wahrheit mahnt: „ daß der Richter mit ſeiner affectirten und oſtentirten Kenntniß der Gaunerſprache dem Gauner lächerlich und verächt - lich wird! “
Dieſe Niederlage des Jnquirenten dem Triumph des Gau - ners gegenüber wird begreiflich aus der bereits Th. II, S. 382 gegebenen Darſtellung des vom Gauner ſtets mit aller geiſtigen Gewalt dem Jnquirenten gegenüber aufrecht gehaltenen Dualis - mus der Erſcheinung und der Jndividualität. Der Jnquirent ſoll auf die Jndividualität dringen und die künſtliche Erſcheinung ver - nichten. Spielt aber der Jnquirent mit der Gaunerſprache, ſo ſpielt er mit der Maske des hinter dieſer vollkommen gedeckten Gauners, welcher denn nun auch der ihm ſo unverhüllt gegen - über tretenden Eitelkeit und Unwiſſenheit mit der vollſten Masken -316 freiheit zu begegnen weiß. Völlig unglaublich erſcheint es, was geſchulte Gauner bei ſolcher Gelegenheit ſich herausnehmen. Mit ehrbarem Geſicht und ſtoiſcher Ruhe ſagen ſie, ſobald ſie ihren Mann erkannt haben, ihm die tollſten Schimpfwörter ins Geſicht, welche ſie als ehrerbietige gaunerbräuchliche Reden und Titel erklä - ren und oftmals vom eifrigen Vocabelſammler obendrein zu Papier bringen laſſen. Was für Dinge findet man bei den rotwelſchen Epigonen niedergeſchrieben und erläutert, welche nicht blos ab - ſchreiben, ſondern auch aus Gaunermunde, „ aus eigenen prakti - ſchen Erfahrungen “ſammeln wollten! Dieſe rotwelſchen Epigonen haben mitunter eine Linguiſtik, welche an die famoſe Jdeographie der Peaux-Rouges des Abts Domenech erinnert und über welche das köſtliche Büchlein von J. Petzoldt, „ Das Buch der Wilden im Lichte franzöſiſcher Civiliſation “(Dresden 1861) eine brillante Beleuchtung gibt!
Die unter dem Scheine treuherziger Enthüllung gewagten Myſtificationen ſind immer eine ernſte Mahnung für die Kritik, ſtets auch die Gelegenheit und die Perſönlichkeit der Redaction einer angeblichen gaunerſprachlichen Offenbarung ſcharf ins Auge zu faſſen. Es iſt ſchon gezeigt worden, daß bei der Gaunerſprache die etymologiſche Unterſuchung allein nicht ausreicht. Die Lin - guiſtik der Gaunerſprache außerhalb des Gaunerthums ſteht bei dieſem in ſehr ſchlechtem Credit. Darum iſt es auch viel weniger für Wahrheit und Zufälligkeit als für den Ausdruck der ver - wegenſten Sicherheit des Gaunerthums zu halten, daß die Gauner in jüngſter Zeit die alten gewöhnlichen Perſonen - und Beinamen zu verwerfen angefangen haben und unter Namen auftreten und ſteckbrieflich verfolgt werden, welche bei genauer Unterſuchung ſich mindeſtens als appellative jüdiſchdeutſche ſubſtantiviſche Begriffs - wörter, wenn nicht ſogar als gaunertechniſche Betriebsausdrücke erweiſen. 1)Vgl. hierzu das Th. III, S. 409, Note 2, bereits Geſagte.Der genaue Aufmerk auf Steckbriefe ſpart hier die An - führung ſpecieller Beiſpiele, welche auf die ſehr ſchlimm irrende Perſon und Behörde zurückführen müßten.
317Nach dieſen ſehr bedenklichen Erfahrungen ſollte kein Jnqui - rent, ſelbſt wenn er die Gaunerſprache auf das genaueſte durch - forſcht hat, ſich hinreißen laſſen, überhaupt gaunerſprachliche Aus - drücke im Verhör zur Geltung zu bringen, ehe ſie vom Gauner ſelbſt zuerſt gebraucht ſind. Und auch dabei iſt die höchſte Vor - ſicht anzuwenden. Mit dem Schein der Zufälligkeit und Unbe - fangenheit wirft der raffinirte Gauner hier und da im Verhör einen Sprachbrocken hin, um die Schwäche und Eitelkeit des Jn - quirenten zu ködern. Der haſtige Jnquirent iſt leicht ſchon beim erſten gefaßten Brocken verloren. Der verſchmitzte Gauner wird „ verklärt und gemüthlich “und wirft noch mehr Brocken aus, an denen der Jnquirent mit ſeiner ganzen Aufgabe ſicherlich erſtickt. Ganz ein Anderes aber iſt es, wenn der Jnquirent ohne alles Aufſehen das vom Gauner hingeworfene Wort gleichgültig wie einen ſich von ſelbſt verſtehenden bekannten Ausdruck hinnimmt und in der Folge auf die Bedeutung deſſelben, ohne ihn ſelbſt kunſt - ſprachlich zu gebrauchen oder zu markiren, weiter geht und dieſelbe Weiſe bei den ihm ſicherlich noch ferner hingeworfenen Brocken beobachtet. Das iſt der treffliche Rath, den Pfiſter, I, 210, gibt: „ Der Richter darf durchaus nicht mehr thun, als die Gauner merken laſſen, daß er ihre Sprache verſtehe! “
So gern ich, der Uebung wegen, jede Gelegenheit ergriffen habe, jüdiſchdeutſch zu ſprechen und zu correſpondiren und vor allem in der Gaunerſprache weiter vorwärts zu dringen, ſo wenig habe ich jemals in Verhören meiner linguiſtiſchen Luſt nachzugehen ge - wagt, ſondern ſtets nur außerhalb der Verhöre und wenn die Re - ſultate der Unterſuchung geſichert waren, die dargebotene unver - fängliche Gelegenheit benutzt. Aber auch dann und namentlich bei neuen Bekanntſchaften bedurfte es oft der rügenden Kritik meiner - ſeits, um dem immer lockenden Verſuche einer abſichtlichen Täuſchung entgegenzutreten. Denn es bleibt dem Gauner immer widerwärtig, die Kenntniß ſeiner Kunſt und Sprache aus profanem Laienmund zu vernehmen. „ Haolom ſoll ja unterhulchen “, wenn die Laien die Sprache verſtehen und reden!
318Bei Abſchluß des Werks erſcheint von Joſeph Maria Wagner in Wien, anſtatt der ſchon ſeit drei Jahren erwarteten linguiſti - ſchen Unterſuchung, ein beſonderer Abdruck aus Dr. J. Petzholdt’s Neuem Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekwiſſenſchaft: „ Die Literatur der Gauner - und Geheimſprachen ſeit 1700 “(Dresden 1861). Eine Kritik dieſer verdienſtvollen Arbeit liegt, namentlich jetzt beim Abſchluß des Werks, außerhalb der geſtellten Aufgabe und dürfte erſt beim Erſcheinen der verheißenen größern Arbeit am Orte ſein. Vollkommen richtig urtheilt Wagner über die Leichtfertigkeit und Bodenloſigkeit der bisherigen Gaunerlinguiſtik, ſowie über die Nothwendigkeit und Schwierigkeit der kritiſchen Reviſion dieſes verfahrenen und vernachläſſigten Theils deutſcher Sprachforſchung. Möchte denn nun aber auch Wagner ſelbſt, und mit ihm andere berufene Linguiſten, weiter vorgehen!
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Formel, in Briefen, Documenten und Büchern ſehr gebräuchlich.
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B.
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J.
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N.
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P.
Q.
R.
S.
T.
U.
V.
W.
Z.
Jm erſten Theile ſind S. 187 unten am Schluſſe der Seite hinter papen die Worte anzufügen: rike maken, vnd flokde ör allerlei flök ſo he den - ken kunt, ſi weinde vnde kam in den dorntzen vnde ſede et dem heren, die her hyr wt (S. 188) vnd liep öm na, u. ſ. w.
Jm dritten Theile iſt S. 302, Zeile 7, zu leſen: um ſchon ein ganz anderes, als unſer geziertes u. ſ. w.
Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
CLARIN-DNote: Langfristige Bereitstellung der DTA-Ausgabe
Fraktur
Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.
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