Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.
Der Zoologiſchen Geſellſchaft zu Hamburg gewidmet vom Verfaſſer.
Unſer reiches Schriftthum beſitzt viele thierkundliche Werke von anerkannter Trefflichkeit, aber wenige, in denen die Lebenskunde der Thiere ausführlich behandelt iſt. Man begnügt ſich, zumal in den oberen Klaſſen, mit einer möglichſt ſorgfältigen Beſchreibung des äußeren und inneren Thier - leibes, ja, man gibt ſich zuweilen den Anſchein, als halte man es für unvereinbar mit der Wiſſen - ſchaftlichkeit, dem Leben und Treiben der Thiere mehr Zeit und Raum zu gönnen als erforderlich, um zu beweiſen, daß der in Rede ſtehende Gegenſtand ein lebendiges, d. h. nicht blos ein fühlendes und bewegungsfähiges, ſondern auch ein handelndes und wirkendes Weſen iſt.
Die Urſachen dieſes ebenſo ungerechtfertigten als einſeitigen Verfahrens ſind unſchwer zu erkennen. Unſere Meiſter der Thierkunde zieren die Hochſchulen oder wirken an den öffentlichen Sammlungen. Hier haben ſie eine für die Zergliederungs - und Syſtemkunde verlockende Menge von Stoff zur Verfügung, und wenn ſie dieſen Stoff wirklich bewältigen wollen, bleibt ihnen zur Beobachtung des Lebens der Thiere keine Zeit — ganz abgeſehen davon, daß zu ſolcher Beobachtung ein Jäger - und Wanderleben eine der erſten Bedingungen iſt.
Wir danken gedachten Forſchern überaus wichtige Aufſchlüſſe über den äußeren und inneren Bau des Thierleibes, und hierdurch Erklärung gewiſſer Lebensäußerungen; wir ſehen in ihnen im - mer die das Ganze überblickenden und ordnenden Meiſter der Wiſſenſchaft und ſind geneigt, die jagenden und ſammelnden Reiſenden Jenen gegenüber als Gehilfen und Handlanger zu be - trachten, obgleich wir uns nicht verhehlen können, daß nur ſie es ſind, welche uns mit dem ganzen Thiere bekannt machen. Denn erſt das lebende Thier iſt ein „ fühlendes und bewegungsfähiges ‟ Weſen: das todte, ausgeſtopfte, in Weingeiſt aufbewahrte iſt und bleibt immer nur ein Gegenſtand.
Die Reiſenden und die unſere Fluren jagend durchſtreifenden Forſcher alſo ſind es, von denen wir Schilderungen des Thierlebens fordern müſſen und fordern dürfen. Jhnen iſt die Aufgabe geworden, vor Allem das lebende Thier ins Auge zu faſſen; für die wiſſenſchaftliche Behandlung des todten Thieres finden ſich andere Kräfte: denn auch für das erſprießliche Gedeihen der Thier - kunde iſt Theilung der Arbeit unerläßliche Bedingung. —
Solche Anſichten haben mich beſtimmt, das vorliegende Buch zu ſchreiben. Durch Lehre und Vorbild meines unvergeßlichen Vaters bin ich von Jugend auf zur eigenen Beobachtung der Thiere veranlaßt worden und habe hierzu ſpäter, während eines langjährigen Wanderlebens im Norden und Süden ſowie in meinem jetzigen Wirkungskreiſe, manche Gelegenheit gefunden, die vielen Anderen verſchloſſen blieb. Deſſenungeachtet hielt ich meine Beobachtungen allein zu einer Veröffentlichung nicht für wichtig genug und glaubte deshalb, ſie mit den Erfahrungen Anderer verſchmelzen zu müſſen. Hierdurch mußte die Arbeit das Gepräge einer allgemeinen Thierkunde erhalten, und daVIII[VIII]Vorwort.dieſe Allgemeinheit nun einmal angebahnt, beſchloß ich, den urſprünglichen Plan ſo zu erweitern, wie er jetzt in der Ausführung vorliegt.
Ein glücklicher Zufall brachte mich mit einer Verlagshandlung in Verbindung, welche genau die gleichen Grundſätze verfolgt, und wackere Künſtler, vor Allem mein treuer Mitarbeiter Herr Robert Kretſchmer, machten meine Anſichten zu den ihrigen. Wir beſchloſſen alſo, ein Werk zu ſchaffen, welches dem Leben ſein Recht werden ließe.
Wir ſind gemeinſam durch die Thiergärten gezogen und haben gemeinſchaftlich in Afrika gejagt und geſammelt; wir haben ſorgfältig benutzt, was wir uns früher erwarben, und dankbar und ehr - lich das Gute angenommen, welches wir bei Anderen finden konnten; wir ſind endlich nicht blos treu unterſtützt, ſondern auch wohlwollend aufgemuntert und angeſpornt worden von der Verlagshandlung, welche kein Opfer geſcheut, weil es ihr Ernſt iſt mit dieſem Volksbuche: dennoch iſt das Erreichte weit zurückgeblieben hinter dem Erſtrebten: es iſt uns aber, wie ich wahrheitsgemäß geſtehen muß, unmöglich geweſen, mehr zu erreichen.
Das „ Thierleben ‟ enthält mehr mangelhafte Beſchreibungen und fehlerhafte Abbildungen, als wir im Voraus fürchten konnten. Wiederholt iſt es vorgekommen, daß gerade dann, als ein Bogen ſoeben die Preſſe verlaſſen, das in ihm geſchilderte Thier uns zum erſten Male lebend vors Auge kam und aller Schulweisheit Hohn zu ſprechen ſchien. Daß wir genöthigt ſein würden, nach - zuſchreiben und nachzubilden, wußten wir im Voraus, fürchteten jedoch nicht, ſo wenig zu finden, als wir gefunden haben: wir haben nur Meiſterwerke mit Dank benutzt. Aelteren Beobachtern habe ich ihr Erſtlingsrecht ſtets gewahrt, wenn ich fand, daß die Beobachtungen richtig oder mindeſtens wahrſcheinlich; ich habe Dies auch dann gethan, wenn ich die betreffenden Thiere ſelbſt beobachtet hatte, und ebenſo haben die Künſtler es angegeben, ob ſie das lebende Thier gezeichnet, oder nur eine gute Abbildung benutzt. Wo ich konnte, bin ich an die Quelle gegangen, und nur bei unweſentlichen An - gaben, bei der Wiedergabe altklaſſiſcher Stellen z. B., habe ich Das unterlaſſen: ich hatte Wichtigeres zu thun, als in altem Wuſt zu wühlen. Wenn alſo hinſichtlich ſolcher Angaben Fehler bemerkt werden, mag Oken ſie verantworten.
Wenn deſſenungeachtet das „ Thierleben ‟ eine faſt beſchämend günſtige Beurtheilung von Männern, wie Vogt, Schmidt, Pagenſtecher, Leunis, Fitzinger, Wagner, Roßmäßler, Bolle, Weinland, Lázár, Ule, Möbius und Anderen gefunden hat, ſo kennen Dieſe eben die Hoff - nungen und — Enttäuſchungen, die an ein ſolches Streben ſich knüpfen, und urtheilen deshalb mild: wir aber wiſſen ihnen, unſeren Meiſtern, den ſchuldigen und aus vollem Herzen gezollten Dank nicht beſſer zu bethätigen, als durch vermehrten Eifer, ihrem wohlwollenden Urtheile gerecht zu werden.
Zu ganz beſonderem Danke fühlen wir uns verpflichtet allen Denen, welche uns während und in der Arbeit unterſtützten und förderten: namentlich den Herren Vorſtehern der Thiergärten zu Köln, Frankfurt, Dresden, Wien und Schönbrunn, Amſterdam, Rotterdam, Antwerpen, Brüſſel, Gent, Paris, Marſeille und London, welche uns mit wahrer Brüderlichkeit begegnet ſind, den Vorſtänden der Sammlungen zu Leipzig, Hamburg und Leyden, meinen verehrten Freunden Weinland, Bodinus, Bolle, Lázár, Buvry und allen Anderen, welche uns aus dem Schatze ihrer Erfahrungen ſpendeten.
Hamburg, am 1. Januar 1865. A. E. Brehm.
Selbſt wiſſenſchaftlich gebildeten Männern kommt es ſchwer an, die Lehrbücher der Natur - beſchreibung des Thierreichs aus der Hand zu legen, ohne eine Regung ihrer verletzten Eitelkeit zu ver - ſpüren. Der „ nach dem Bilde Gottes ‟ geſchaffene Menſch, der „ Herr alles Deſſen, was da fleucht und kreucht ‟, der „ Gebieter der Erde, ‟ wird in dieſen Lehrbüchern in ſeiner ganzen Blöße dargeſtellt: er eröffnet oder ſchließt die Reihe der belebten Weſen, welche wir „ Thiere ‟ nennen. Er, für den ſchon die uralte Sage einen beſonderen Schöpfungstag anſetzt; er, welcher von den Wortgläubigen mit Dem begabt wird, was allen übrigen Geſchöpfen mangeln ſoll; er, welcher allein einen aufrechten Gang er - hielt, „ damit ſeine ausſchließliche Befähigung zur Erkenntniß Gottes, ſein Aufblick zum Himmel, deut - ſam werde ‟: erſcheint hier nur als — ein Säugethier! „ Erſte Ordnung, einzige Familie, einzige Sippe: Menſch! ‟ — ſo heißt es im Lehrbuche; und unmittelbar hinter dem Homo sapiens folgt — der Gorilla oder der Orang-Utang.
Die Naturwiſſenſchaft kennt keine Rückſichten, wenn es gilt, die Wahrheit, die thatſächliche Wirklichkeit zu verkünden: und ſollte ſie auch noch ſo theuren, weil Jahrtauſende lang gehegten Wahn, noch ſo beglückende Gefühle der Eitelleit zerſtören müſſen. Der Menſch iſt, leiblich betrachtet und von dem Naturforſcher angeſehen, wirklich Nichts mehr und Nichts minder, als ein Säugethier, oder ein lebendes, fühlendes Weſen mit rothem, warmen Blute, welches lebendige Junge gebiert und ſie mit ſeinem, nur verwandelten Blute großſäugt: und jede Mutter, welche ſich ohne zu grübeln und mit namenloſer Wonne ihrem Kinde hingibt, welche das ſchönſte Bild des Menſchen darſtellt, beweiſt, — daß ſie der erſten Klaſſe des Thierreichs angehört; und jeder, auch der unwiſſenſchaftlichſte und oberflächlichſte Beobachter muß zugeſtehen, daß zwiſchen dem Menſchen und dem Orang-Utang die Aehnlichkeit größer iſt, als zwiſchen dem Affen und dem Pferd oder Rind. Wir Naturforſcher können darin, daß wir den Menſchen zu den Säugethieren zählen, nichts Verletzen - des für ihn finden.
Die große Menge ſtößt ſich gewiß auch nicht an das Wort „ ſäugen ‟: es verletzt ſie wohl blos der Begriff „ Thier ‟. Und ſie hat Recht. Jeder wahre Menſch beweiſt auch, daß zwiſchen ſeinem Geſchlechte und den höchſtſtehenden Thieren in der gewöhnlichen Bedeutung eine weite Kluft beſteht. Mag auch der Menſch in noch ſo traurigem, beklagenswerthen Zuſtande ſich zeigen: er bleibt immer Menſch, er iſt immer noch erhaben über dem höchſten Affen, leiblich, wie geiſtig. Selbſt wenn wir ver - gleichend unſeren Maßſtab an den durchaus verthierten Menſchen legen, finden wir noch immer genug Berechtigung für uns, auch ihm die unbeſtreitbar höchſte Stellung unter allen Geſchöpfen anzuweiſen.
Gleichwohl darf man nicht glauben, daß man eine ſolche Berechtigung ganz ohne Weiteres vorausſetzen könne. Der Kaukaſier, der bildungsfähigſte und gebildetſte Menſch allein, reicht zur Vergleichung nicht aus. Es gibt Menſchen auf unſerem Erdball, welche ſcheinbar tief unter dem Thiere ſtehen. Baron von Hügel hat eine Menſchenart gezeichnet, gegen welche uns der Pavian als ein glückſeliges, beneidenswerthes Weſen erſcheinen muß. Jch will ſeine Worte hier wiedergeben; ſie werden weſentlich dazu dienen, uns Menſchen den Menſchen kennen zu lehren:
„ Von den unglücklichen Bewohnern Neuhollands ein Bild zu entwerfen ‟, ſagt er, „ iſt für den Menſchenfreund eine traurige Aufgabe. Von der Natur iſt wohl kein Thier grauſamer, als dieſe Men - ſchen behandelt worden. Jhr Körper iſt häßlich und unförmlich, ihre Züge ſind Abſchen erregend. DerBrehm, Thierleben. IX[X]Ein Blick auf das Leben der Geſammtheit.Ausdruck ihres Geſichts iſt gräßlich: es iſt ein Mittelding zwiſchen jenem eines Cretins und eines Be - trunkenen. Wenn man in ihr Auge ſieht, ſo findet man den eigenen Blick bald wie an einer Mauer abprallen; es iſt Nichts, was ſich dem Jnnern des Auges zeigt, keine Frage, keine Neugierde, kein Er - ſtaunen, kein Gedanke; kein Geiſt bewegt ſich darin, — mit einem Worte: es iſt ſeelenlos. Jhr Auge trügt nicht: — es iſt leider der treue Spiegel ihres Jnnern. Wie bei einem Thiere hat die Seele des Neuholländers keinen Aufſchwung; nur mit dem leiblichen Leben iſt er beſchäftigt, nur mit Dem, was ſein Körper bedarf. Hat nun die Natur dieſe ihre Stiefkinder einerſeits blos auf die ſeelenloſen Freuden des Körpers angewieſen, ſo hat ſie ihnen anderſeits nicht die Möglichkeit gegeben, ihre Wünſche zu befriedigen, kaum ihren Unterhalt zu finden, ja, nicht einmal den Jnſtinkt der Vorſicht, wie es bei manchen Thieren der Fall iſt, welche ſich Vorräthe anlegen. Und wie nöthig wäre Dies gerade hier; denn Neuholland erzeugt keine eßbare Frucht, keine Pflanze, welche zum Genuſſe, keinen genießbaren Samen, keine Körnerfrucht, kein eßbares Knellengewächs, welche zum Anbau tauglich wären, kein vierfüßiges Thier, welches als Hausthier gebraucht werden könnte, keines, welches Milch gibt, kein ſich ſchnell vermehrendes, kein Huhn. Schöne und wunderbare Pflanzen, außerordentliche Thierformen, — allein Nichts, was für die Bedürfniſſe des Menſchen dienen kann. Geſchmückt, wie der herrlichſte Gar - ten, in welchem der Gärtner jede Pflanze zum Liebling erkoren hat, breitet ſich das Land unabſehbar vor dem ſtaunenden Fremdlinge aus: kräftig und unberührt von Menſchen und Thieren iſt Wald und Flur; kein Fußpfad ſchlängelt ſich durch den bunten Teppich der Wieſen, keine Spur des Wildes erſpäht der Blick. Es iſt, als ſei Nenholland nur für die Pflanzenwelt erſchaffen. Jhre Formen ſind edel und ſchön, — von Menſchen und Thieren hat die Natur nur Zerrbilder geliefert. ‟
Die Familienbande unter dem Urvolk Neuhollands ſind loſe: es gibt unter ihm keine engeren Verbindungen, als die einer Horde. Wie ein Rudel wilder Thiere durchziehen die Neuholländer in der jeder Horde gehörigen Gegend das Land, ohne ein Dorf, ohne ein Haus, ohne eine Hütte, ohne ein Zelt zu beſitzen. Keine Höhle, keine Grube ſchützt ſie gegen das Wetter, nicht einmal Kleidung; von keinem Anbau, von keinem Herde iſt die Rede: — auf ſolch einer niederen Stufe der Menſchheit ſteht der Neuholländer. Und dennoch! ſollte man es glauben, iſt es noch ein Schritt weiter, bis der Uebergang des Menſchen zum Thiere faſt unmerklich iſt. Dieſe niedrigſte Menſchengattung bewohnt manche Gebirgsgegenden Jndiens; es iſt ein Stamm, welcher unſtreitig zu derſelben Raſſe, wie der Neuholländer gehört; allein jener Jndianer hat es nicht bis zur Bildung einer Horde gebracht, kaum eine Familie findet man vereinigt; — Mann und Frau leben einzeln und flüchten affenähnlich auf die Bäume, wenn man ihnen zufällig begegnet. ‟
Auch dieſe hier geſchilderten Geſchöpfe heißen und ſind Menſchen; auch ſie muß man in den Kreis der Betrachtung ziehen, wenn man den Menſchen mit dem Thiere vergleichen oder ihn von demſelben trennen will. Bei ihnen gilt die ſo beliebte Auffaſſung des Menſchen vom Standpunkte der Gottesgelehr - ten nicht mehr; auf ihren Leib ſind die Worte der Bibel kaum mehr anwendbar, und ihr Verſtand er - reicht die Ausbildung nicht, daß wir von ihm und der Vernunft als Gegenſätzen reden könnten. Und dennoch ſtehen ſie noch immer hoch über den Thieren: die ebenmäßige, einhellige Ausbildung des Leibes allein ſchon iſt es, welche ihnen ihre Stellung ſichert. Durch ſie, durch die ihm gewordene Vollendung der thieriſchen Geſtalt, unterſcheidet ſich auch der thier - ähnlichſte Menſch noch immer unendlich weit von dem menſchenähnlichſten Thiere. Und ſo mag es erlaubt ſein, von dem Menſchen im Gegenſatze zum Thiere zu reden; ſo mag es gerecht - fertigt erſcheinen, wenn ich hier die erſte Ordnung der Klaſſe, welche wir im Nachſtehenden betrachten wollen, ganz überſpringe oder höchſtens hier und da berückſichtige, wo wir vergleichen müſſen. Unſer Buch überläßt den Menſchen Denen, welche berufen ſind, ihn ſo ausführlich zu behandeln, als er behandelt ſein muß, und beſchäftigt ſich dafür ausſchließlich mit den Säugethieren von der zweiten Ordnung an.
Der Altvater der Thierkunde, Linné, einer der größten Naturforſcher aller Zeiten und „ das Haupt aller früheren, gegenwärtigen und zukünſtigen Jünger der Wiſſenſchaft, ‟ theilte in ſeinem unſterblichen Werke „ Systema naturae ‟ die Thiere in ſechs Klaſſen ein: in Säugethiere, Vögel, Lurche, Fiſche, Kerbthiere und Würmer. Er vereinigte ſomit in den beiden letzten Klaſſen ſo viele verſchieden gebaute und gebildete Geſchöpfe, daß ſeine ausgezeichnete Arbeit doch nur für die Zeiten der Kindheit unſerer Wiſſenſchaft giltig ſein konnte. Viele Forſcher verſuchten es nach ihm, dieſe Eintheilung zu berichtigen, bis endlich Cuvier im Jahre 1829 die beiden durchgreifenden Gegen -XI[XI]Menſch und Thier. Das Syſtem. Wirbelthiere. Einhelligkeit des Baues der Säugethiere.ſätze der Ausbildung des thieriſchen Leibes zur Geltung brachte und die wirbelloſen den Wirbel - Thieren gegenüber ſtellte. Er vereinigte die erſten vier Klaſſen Linnés zu der einen, die beiden letzten zu einer andern Halbſcheid, trennte dagegen die bunt zuſammengeworfenen „ Kerbthiere ‟ und „ Würmer ‟, ihrer natürlichen Beſchaffenheit Rückſicht tragend, in drei größere Kreiſe (Weich -, Glieder - und Pflanzenthiere) und bildete aus ihnen funfzehn Klaſſen. Hiermit legte er den Grund der heutigen Thierkunde: und alle Naturforſcher nach ihm haben nur auf dieſer Grundlage fortgebaut.
Es iſt unerläßlich, daß wir zunächſt, wenn auch nur flüchtig, einen Blick auf die Geſammtheit der Klaſſen werfen, deren erſte uns zunächſt beſchäftigen ſoll. Alle Wirbelthiere haben ſo entſchieden übereinſtimmende Merkmale, daß ſie niemals mit den wirbelloſen Thieren verwechſelt werden können. Sie kennzeichnet das innere Knochengerüſt, welches Höhlen für Gehirn und Rückenmark bildet und von Muskeln bewegt wird, die Gliedmaßen, deren Zahl niemals vier überſchreitet, das rothe Blut und ein vollſtändiges Gefäßnetz. Jhre hohe Entwickelung iſt deutlich genug ausgeſprochen. Das große Gehirn befähigt ſie zu einer geiſtigen Thätigkeit, welche die aller übrigen Thiere weit über - wiegt; ihre Sinneswerkzeuge ſind mehr oder minder einhellig, gleichmäßig entwickelt: Augen und Ohren ſind faſt immer vorhanden und dann ſtets paarig; die Naſe beſteht aus zwei Höhlen und dient nur ausnahmsweiſe als Taſtwerkzeug; die ſtets ſchmeckfähige Zunge iſt ausſchließliches Eigenthum der Abtheilung. Leber und Nieren finden ſich immer; die Milz iſt nur ſelten nicht vorhanden. Alle ſind getrennten Geſchlechts und pflanzen ſich blos durch Begattung fort. Bewegungsfähigkeit, Empfindung und Lebendigkeit ſind ihnen gemein.
Die Säugethiere ſtehen in dieſer Abtheilung entſchieden oben an: und eine ſolche Stellung verlangt der Walfiſch ebenſo gebieteriſch, wie der Menſch, welcher die höchſte denkbare Entwickelung im Thierreiche darſtellt. Eine ebenmäßige Ausbildung aller Leibestheile und die überwiegende Maſſe des Gehirus ſpricht ſich beim Elefant wie bei der Maus, beim Hunde wie beim Schnabelthier aus. Die Säugethiere haben eine ſehr vollkommene Lungenathmung und deshalb rothes, warmes Blut, und ſie gebären lebendige Junge, welche ſie mit einer eigenthümlichen Drüſenabſonderung, der Milch an ihren Brüſten oder Zitzen eine Zeit lang ſäugen. Sie bilden die am ſchärfſten und beſtimm - teſten nach außen hin abgegrenzte Klaſſe; denn ſo groß auch ihre äußere Verſchiedenheit ſein mag, ſo groß iſt die Uebereinſtimmung ihres inneren Baues.
Dem Uneingeweihten wird es freilich ſchwer, zu glauben, daß der Löwe und der Walfiſch, der Seehund und die Fledermaus nach ein und demſelben Plane gebaut ſind: ein einziger Blick auf das Geripp dieſer Thiere aber überzeugt auch ihn von der Uebereinſtimmung der ganzen Anlage bei allen dieſen ſo verſchiedenen Geſtalten.
Der Schädel iſt bei ihnen, wie bei allen übrigen Säugethieren, von der Wirbelſäule getrennt; er beſteht überall aus den nämlichen, im Weſentlichen gleichartig verbundenen Knochenſtücken; ſein Ober - kiefer iſt ſtets mit ihm verwachſen, und die in ihm und dem Unterkiefer ſtehenden Zähne haben, ſo ver - ſchiedenartig ſie gebaut oder geſtellt ſind, doch das Eine gemein, daß ſie immer in Zahnhöhlen oder Alveolen eingekeilt ſind. Sieben Wirbelbilden den Hals, mag er nun kurz oder lang ſein, den Hals der Girafe ebenſowohl als den des Maulwurfs; und wenn es auch ſcheinen will, daß die Faulthiere mehr und einige Wale weniger Wirbel des Halfes zählen, ſo zeigt die ſcharfe Beobachtung doch deutlich, daß dort die überzähligen Wirbel zur Bruſt gerechnet und hier die fehlenden als zuſammengeſchmolzene angeſehen werden müſſen. Schon den Vögeln gegenüber zeigt ſich der Hals der Säugethiere als durchaus einhellig gebaut: denn dort nimmt mit der Länge des Halfes auch die Zahl der Wirbel zu. Der Bruſttheil der Wirbelſäule wird von 10 bis 23, der Lendentheil von 2 bis 9, die Kreuzbeingegend von ebenſovielen und der Schwanz von 4 bis 46 Wirbeln gebildet. Rippen oder Rippenſtummel kommen zwar an allen Wirbeln vor; doch verſteht man gewöhnlich unter den Rippen blos die an den Bruſtwirbeln ſitzenden, platten und gebogenen Knochen, welche ſich mit dem Bruſtbeine entweder feſt oder durch Knorpelmaſſe verbinden und die Bruſthöhle einſchließen. Jhre Zahl ſtimmt regelmäßig mit jener der Bruſtwirbel überein; die Zahl der wahren oder feſt mit dem Bruſtbein ver - wachſenen im Verhältniß zu den falſchen oder durch Knorpelmaſſe an das Bruſtbein gehefteten iſt aber großen Schwankungen unterworfen. Die Gliedmaßen ſind diejenigen Theile des Säugethierleibes, welche ſchon im Geripp die größten Verſchiedenheiten bemerklich werden laſſen: — fehlt doch das hintere Paar manchen Walthieren gänzlich oder verkümmert wenigſtens bis auf ganz unbedeutende Stummel! I*XII[XII]Ein Blick auf das Leben der Geſammtheit.Auch am vorderen Gliederpaar weichen namentlich der Schultergürtel und die Hand weſentlich ab; das Schlüſſelbein iſt ſehr ſtark oder fehlt gänzlich, je nachdem die betreffenden Thiere Gräber oder blos Läufer ſind; die Finger ſind vorhanden oder verſtümmelt, je nachdem die Hand zur Pfote oder Tatze, zum Huf oder zur Floſſe geworden iſt: es kann die gewöhnliche Fingerzahl Fünf bis auf Eins herabſinken. Die Ausbildung der Knochen des Beines iſt nicht minder verſchiedenartig. Doch können alle dieſe Schwankungen und ſcheinbaren Widerſprüche niemals die klare Einhelligkeit des Knochenbaues aller Säugethiere verwiſchen oder auch nur unklar erſcheinen laſſen. Sie iſt vielmehr
ſo groß, daß ſich der Kundige aus wenigen Knochen das ganze Geripp eines ihm noch gänzlich unbe - kannten Thieres wenigſtens in Gedanken zuſammenzuſetzen vermag.
Dieſes Knochengerüſt, der Stamm des Säugethierkörpers, wird durch die Muskeln bewegt, durch dieſelben Gebilde, welche bei vielen Thieren für uns weitaus das Wichtigſte des ganzen Leibes ſind, weil ſie uns zur Nahrung dienen. Sie, welche wir im gewöhnlichen Leben einfach „ Fleiſch ‟ zu nennen pflegen, ſitzen überall an den Knochen feſt und bewegen dieſe in der allergünſtigſten Weiſe für die Be - wegung — nicht immer hinſichtlich der aufzuwendenden Kraft — nach den verſchiedenſten RichtungenXIII[XIII]Geripp. Muskeln. Verdauungswerkzeuge.hin. Jch würde eine genaue Kenntniß des menſchlichen Leibes vorausſetzen müſſen, wollte ich ſie beſchrei - ben, und ich will meinen Leſern nicht gern durch allzugelehrte Auseinanderſetzungen läſtig werden. So mag es genügen, wenn ich bemerke, daß alle Muskeln im genaueſten Einklange mit den Eigen - thümlichkeiten des Gerippes und mit der Lebensweiſe des Thieres ſtehen, welche ja von der Geſtalt deſ - ſelben bedingt und beſtimmt wird. Manchfache Veränderungen der ganzen Anlage erſchweren zudem eine überſichtliche Beſchreibung. Dem einen Thiere fehlt dieſer Muskel ganz, bei dem andern iſt er be - ſonders entwickelt: der Wal beſitzt gar keine eigentlichen Halsmuskeln, bei dem Affen ſind ſie faſt eben - ſo ausgebildet, wie bei dem Menſchen; die Säugethiere, welche klettern, graben, flattern oder greifen, haben ſtarke Bruſtmuskeln zur Beugung des Armes; diejenigen, welche laufen, ſtarke Hüft - und Schen - kelmuskeln; die, welche den Schwanz als fünftes Bein benutzen, beſitzen an ihm kräftige Schwanzmus - keln; die Geſichtsmuskeln mangeln dem Schnabelthier, ſind aber bei allen Raubthieren auffal - lend verſtärkt u. ſ. w. Kurz, jedes Thier iſt eben für ſeine Lebensweiſe beſonders ausgerüſtet worden, oder aber, die Ausrüſtung hat ſeine Lebensweiſe beſtimmt.
Nicht minder verſchiedenartig gebaut ſind die weichen Theile des Säugethierleibes. Die Verdauungswerkzeuge laſſen, ſo ähnlich ſie auch im Ganzen ſind, viele Abweichungen in ihrem Baue erkennen. Der Mund iſt bezeichnend für die ganze Klaſſe: er hat Lippen, welche fleiſchig und feinfühlend ſind, und eine Zunge, welche im Vergleich zu der bei andern Klaſſen eigentlich erſt Zunge genannt werden kann, weil ſie wirklich den Geſchmack vermittelt. Die in beide Kiefern eingekeilten und ſie bewaffnenden Zähne kommen in ſolcher Ausbildung nur den Säugethieren zu und ſind für ihre Lebensweiſe und Fähigkeiten, ſowie für ihre wiſſenſchaftliche Einordnung und Beſtimmung entſcheidend. Jhre Eintheilung in Schneide -, Eck - und Backenzähne iſt bekannt, und ebenſo weiß man wohl auch, daß wiederum der Menſch in ſeinem Gebiß die ſchönſte Einhelligkeit der verſchiedenen Zahnarten zeigt; denn jeder meiner Leſer hat geſehen, wie ſehr die Eckzähne im Maule des Hundes die Schneide - zähne, oder wie ſehr dieſe im Maule des Eichhorns die Back zähne durch ihre Ausbildung über - bieten. Die Zähne ſtehen immer im vollſten Einklange mit der Ernährungsweiſe des Thieres:
So mag nun alſo der Mund gar keine Zähne mehr haben, wie bei dem Ameiſenfreſſer, oder über 200 Zähne zählen, wie bei einem Delfin: immer wird er aufs Genaueſte der Ernährungs - weiſe des Thieres entſprechen.
An den Mund reiht ſich die Speiſeröhre an, welche dadurch ausgezeichnet iſt, daß ſie ſich niemals kropfartig erweitert, wie bei den Vögeln. Der Magen, in welchen der Schlund übergeht, iſt eben ſo wenig jemals ein Vogelmagen, wie ihn ſelbſt die naturunkundigſten Hausfrauen vom Huhn kennen, ſondern immer nur ein mehr oder weniger dünnhäutiger, einfacher oder bis dreifach eingeſchnür - ter Sack. Ganz eigenthümlich gebildet iſt er bei denjenigen Thieren, welche ihre Speiſe nach dem Hinab - ſchlingen noch einmal behaglich durchkauen und dann erſt in die Abtheilung für Verdauung ſenden, an den erſten Speichern vorüber. Ueber die ausſcheidenden Drüſen, wie Leber, Mund - und Bauch - ſpeicheldrüſen und Nieren iſt im Allgemeinen eben ſo wenig zu ſagen, als über den Darm: es genügt, wenn wir feſthalten, daß der Harn nur bei den Säugethieren beſonders entleert wird, und daß in der Umgebung des Afters oft Drüſen vorkommen, welche ganz eigenthümliche, gewöhnlich ſehr ſtark riechende oder ſtinkende Stoffe abſondern.
Die Gefäße weichen wenig von dem allgemeinen Gepräge ab; Herz und Adern und Aufſaug - gefäße ſind bei dem einen Säugethiere ſo ziemlich wie bei dem andern, obgleich auch hier Schwankungen in der Geſtalt und Anlage bemerklich werden. Das Herz beſitzt immer zwei Kammern und zwei Vorkam - mern, die Schlagadern ſind ausdehnbar, die Blutadern innen mit Klappen verſehen, die Saugadern haben viele Vereinigungspunkte und münden durch einen Hauptgang in die große Hohlader.
Die Bruſthöhle iſt durch das Zwerchfell vollſtändig geſchloſſen, die Lunge hängt frei in ihr und ſteht nicht mit beſonderen Luftſäcken in Verbindung, die Luftröhre theilt ſich in zwei und zuweilen (bei den Walen und mehreren Hufthieren) in drei Zweige und beſitzt immer blos einen einzigenXIV[XIV]Ein Blick auf das Leben der Geſammtheit.Kehlkopf, welcher im Anfange der Röhre liegt und aus ſieben Knorpeln beſteht. Mit ihm ſtehen bei einigen Säugethieren eigenthümliche Stimmſäcke in Verbindung.
Gehirn und Nerven ſind ſehr verſchieden ausgebildet. Erſteres füllt zwar regelmäßig die Schädelhöhle aus: allein die Schädelhöhle iſt auch oft verhältnißmäßig ſehr klein und die Maſſe des Gehirns dann äußerſt gering. Bei keinem einzigen andern Säugethiere überwiegt das Gehirn das Rückenmark in demſelben Grade, wie bei dem Menſchen, und bei keinem iſt das große Gehirn ſo ent - wickelt, wie bei ihm. Hierin gibt ſich ſchon leiblich die geiſtige Ueberlegenheit des Menſchen über alle übrigen Thiere kund. Bei den geiſtesarmen Säugethieren ähnelt das Gehirn noch ganz dem der Vögel; doch erhebt es ſich von den am wenigſten Begünſtigten zu den vollkommeneren raſch und zu außerordentlicher Entwickelung und zeigt bald die eigenthümlichen Windungen, deren Anzahl und Aus - dehnung im Verhältniß zu der geiſtigen Befähigung ſtehen. Die Sinneswerkzeuge zeigen eine große Uebereinſtimmung in ihrer Anordnung; nur bei den Walen finden ſich Abweichungen von der allgemeinen Regel. Dieſe beſitzen wohl noch eine Naſe, aber in ihr keinen Geruchsſinn: denn ihr Riech - nerv fehlt gänzlich, und die Naſe iſt einzig und allein zu einer Athmungshöhle beſtimmt. Uebrigens ſind die Naſenlöcher bei allen Säugethieren paarig und von Knochen und Knorpeln umgeben, welche ihre Ge - ſtalt bedingen. Auffallend verlängerte Naſen oder Rüſſel, welche zuweilen ſehr umfaſſend bewegt wer - den können, ſind regelmäßig Taſtwerkzeuge geworden. Die Riechmuſcheln, auf denen der Riechnerv ſich ausbreitet, ſtehen hinſichtlich ihrer Größe und Ausdehnung mit der Ausbildung des Sinnes in ge - radem Einklange. Die Werkzeuge des Gehörs ſind weit vollkommener, als die aller anderen Klaſſen; das Ohr beſitzt ſtets die drei Ohrknöchelchen, Hammer, Ambos und Steigbügel, und bei allen höheren Ordnungen und namentlich bei den Landbewohnern eine oft ſehr große Muſchel. Das Geſicht überwiegt die übrigen Sinne nicht in dem Grade, wie bei den Vögeln; die ſtets paarigen Augen ſind immer verhältnißmäßig klein und niemals im Junern willkürlich beweglich, wie die der zweiten Thierklaſſe; die Rickhaut iſt bereits verkümmert, die Lider aber ſind vollkommen und auch die Wim - pern ſchon hier und da vorhanden; der Stern iſt rund oder ſenkrecht und ſeitlich verlängert. Bei einigen Säugethieren, wie bei dem Blindmoll, verkümmern die Augen. Die Muskeln, welche den Augapfel bewegen, ſind oft zuſammengeſetzter und zahlreicher, als bei dem Menſchen; denn zu den vier geraden und zwei ſchiefen, welche hier wirken, treten noch andere hinzu. Der Geſchmack iſt weit voll - kommener, als der der Vögel, wie ſchon die fleiſchige, nervenreiche Zunge ſchließen läßt. Dieſe zeigt ſich übrigens höchſt verſchieden hinſichtlich ihrer Geſtalt, Beſchaffenheit und Bewegungsfähigkeit: ſie kann breit, platt, flach und unbeweglich, oder ſchmal, lang, ja wurmförmig und vorſtreckbar ſein; ſie iſt zu - weilen an den Seiten gefranſt, zuweilen mit Hautſtacheln beſetzt, wie z. B. die Zunge des Löwen oder
aller Katzen überhaupt. Sie kann unter der eigentlichen Zunge noch Anhängſel, die Unterzunge, haben ꝛc. Das Gefühl endlich zeigt ſich als Taſtſinn in ziemlich hohem Grade und kann durch die Naſe oder durch die Hand oder auch durch Schnurrhaare vermittelt werden. Das Vermögen der Empfindung macht ſich ſtets und faſt an allen Leibestheilen bemerklich.
XV[XV]Gefäße. Athmungswerkzeuge. Hautgebilde. Geſchlechtstheile. Bewegungen.Man hat die Säugethiere oft „ Haarthiere ‟ genannt, damit aber niemals die ganze Klaſſe ſcharf bezeichnet. Die Haare, welche wir als Graunen - und Wollhaare, Wolle und Borſten unterſcheiden, ſind allerdings vorherrſchend, doch kommen auch Schuppen und Stacheln, hornige Schilder und hornartige Hautſchwielen oder die bloße Haut als äußere Leibesbedeckungen vor, wie ja überhaupt die Gebilde der Oberhaut höchſt verſchieden ſein können, obgleich ſie alleſammt nur als manchfaltige Ausprägungen ein und deſſelben Stoffes betrachtet werden müſſen. Eine ſolche Verſchie - denheit zeigt ſich auch in den Nägeln, welche bald glatt und dünn, bald rund und dick, gerade und gebogen, ſtumpf und ſcharf, oder Nägel und Krallen, Klauen und Hufe ſind.
Weit bezeichneuder, als alle dieſe bisher betrachteten Eigenthümlichkeiten des Säugethierlei - bes ſind die Geſchlechtstheile für unſere Klaſſe. Die äußere Geſtalt derſelben darf als bekannt vor - ausgeſetzt werden, den inneren Bau derſelben müſſen wir jedoch etwas ausführlicher betrachten. Jch brauche wohl kaum zu erwähnen, daß die Geſchlechtswerkzeuge die allervollkommenſten in der ganzen Thierreihe ſind. Was in den unteren Klaſſen nur angedeutet oder wenigſtens nicht ausgeführt iſt, erſcheint hier vollendet. Schon die äußeren Reiz - und Begattungswerkzeuge ſind weit vollkom - mener, als bei den Vögeln; die inneren erzeugenden und eruährenden Drüſen ſind bei dieſen ebenſowenig vorhanden, als die Milchdrüſen, welche dem neugeborenen Jungen ſeine Nahrung liefern. Alle weiblichen Säugethiere beſitzen einen paarigen, nur bei dem Schnabelthier und Ameiſenigel verkümmerten Eierſtock und Eileiter, ſowie einen Fruchthälter, in welchem das befruchtete Ei zur Reife gelangt. Der Eierſtock iſt rundlich, eiförmig oder traubig und enthält viele, aber ſehr kleine Eierchen, ſo daß erſt die Neuzeit Näheres über ſie berichten konnte. Von hier aus führen die Eileiter zum Fruchthälter hinab, welcher bei den obengenannten Thieren blos eine Erweiterung des hier ſehr einfachen Organs iſt, bei den Beutelthieren und vielen Nagern als eine doppelte Ausweitung beider Eileiter angeſehen wer - den kann, bei den höher ſtehenden Ordnungen aber zu einem einzigen Sacke zuſammenſchmilzt. Er mündet bei den Schnabelthieren in den unteren Maſtdarm, bei allen übrigen mit dem Harn - leiter in die Scheide. — Die äußeren Ernährungsdrüſen für das neugeborene Junge, die Brüſte oder Zitzen, fehlen bei keinem Säugethiere, ſind aber bald an die Bruſt allein, bald zwiſchen die Leiſten, bald endlich auf Bruſt, Bauch und Leiſtengegend zugleich geſtellt und ſchwanken auch in ihrer Zahl zwi - ſchen Zwei und Zwölf. Sie beſtehen aus zelligen, blinden und offenen Röhren und ſondern aus dem Blute die Milch ab, welche durch eine mehrfach durchbohrte Warze ausfließen kann. Kurz vor und nach der Zeugung treten ſie in Wirkſamkeit; in der Kindheit ſind ſie nur angedeutet.
Dieſe allgemeinen Bemerkungen mögen für unſere oberflächliche Betrachtung des Säugethier - leibes genügen. Wer ſich darüber ausführlich belehren will, findet Hand - und Lehrbücher genug, welche ihn in verſtändlicher oder dunkler Weiſe mehr berichten können, als er vielleicht ſelbſt wünſcht. Unſer Zweck iſt, das Leben des Leibes und der Seele, das Leben des ganzen Thieres kennen zu lernen, und dieſen Zweck faſſen wir daher vor Allem ins Auge.
Das Leben aller Augehörigen der erſten Klaſſe bietet uns reichen Stoff zur Belehrung und Unterhaltung. Die Säugethiere leben nicht ſo viel, wie die Vögel; denn ihr Leben iſt bedächtiger und ſchwerfälliger, als das jenes leichtſinnigen Volkes der Höhe. Jhnen mangelt die heitere Lebendigkeit und unerſchöpfliche Lebensfröhlichkeit der Lieblinge des Lichtes: ſie zeigen dafür eine gewiſſe Behäbigkeit und Lebensgenußſucht, welche vielen ſehr gut und vielen ſehr ſchlecht anſteht. Hinſichtlich ihrer Beweglichkeit und Bewegungsfähigkeit ſtehen ſie weit hinter den Vögeln zurück. Nur wenige kennen die unbeſchreib - liche Luſt einer ungebundenen Bewegung, nur wenige jagen jauchzend zwecklos umher, wie die mit ihren herrlichen Gaben ſcherzenden und ſpielenden Kinder der Luft. Die Säugethiere haben ein ernſthafteres Weſen, als dieſe; ſie verſchmähen ein unnützes Anſtrengen ihrer leiblichen Kräfte. Blos in der Kindheit, und wenn ſie die allmächtige Liebe kindiſch oder kindlich macht, ſind ſie zu luſtigem Spiel geneigt und geben ſich ganz der Luſt der Bewegung hin. Bei den Vögeln iſt es anders. Hier heißt ſich bewegen, leben, und leben, ſich bewegen. Der gange Vogel iſt in ſteter Unruhe und möchte am liebſten die ganze Nacht zum Tage machen, um ſeiner ewigen Regſamkeit volles Genüge zu leiſten. Sein kleines HerzXVI[XVI]Ein Blick auf das Leben der Geſammtheit.ſchlägt ſchneller, ſein Blut jagt ſtürmiſcher durch ſeine Adern, ſeine Glieder ſcheinen gelenker, geſtählter zu ſein, als es bei den Säugethieren der Fall iſt. Dem Vogel iſt die Bewegung Bedürfniß, unbedingte Nothwendigkeit; dem Säugethiere iſt ſie meiſt nur ein Mittel zum Zweck. Es ſcheint die wahre Lebens - behaglichkeit erſt zu empfinden, wenn es ſich möglichſt bequem hingelagert hat und ſich, wenn nicht dem Schlafe, ſo doch wenigſtens einem Halbſchlummer hingeben kann. Ein in ſolchem Zuſtande verharren - der fauler Menſch, ein auf dem Rücken liegender Hund, eine auf weichem Polſter ruhende Katze und vor allem der wiederkäuende Ochſe mögen meine Behauptung bildlich erörtern: erſterer hat mit letzterem auch noch Das gemein, daß er ſich nach Kräften bemüht, während der Ruhe des Leibes auch dem Geiſte die nöthige Erholung zu gönnen. Ein ſolches „ ſüßes Richtsthun ‟ mit offenen Augen kommt unter den Vögeln höchſtens bei einem toll - und vollgefreſſenen Geier vor. Sie ſind eben Bewe - gungs -, jene Empfindungsthiere.
Man kann allerdings nicht ſagen, daß die Bewegungsfähigkeit der erſten Klaſſe gering ſei. Die Säugethiere gehen, laufen, ſpringen, klettern, „ fliegen ‟, ſchwimmen und tauchen, wie die Vögel. Aber die Maſſe beherrſcht, die Scholle feſſelt ſie: und ſo wird ihre größte Schnelligkeit von den Seglern der Lüfte, von den erdfrei gewordenen, luftigen Vögeln durchſchnittlich überboten. Ja, ſelbſt die Erdvögel, wie der Strauß oder der Kaſuar, wetteifern im Laufen mit dem ſchnellfüßigen Roß oder der behenden Antilope. Und wenn die armen Säugethiere nun gar verſuchen wollen, den gefiederten Scharen es gleichzuthun, zeigen ſie erſt recht, wie weit ſie hinter den Begabten zurück - ſtehen: — die Fledermaus iſt nur ein Zerrbild des Vogels!
Die Säugethiere gehen auf zwei oder auf vier Beinen. Einen aufrechten Gang hat blos der Menſch, kein zweites Thier außer ihm. Kein Affe geht aufrecht; die Kängurus oder Spring - beutelthiere, welche ſich ausſchließlich auf den Hinterbeinen fortbewegen, gehen nicht, ſondern ſpringen, d. h. fördern ſich durch Aufſchnellen ihrer Beine ſatzweiſe, und die Springmäuſe, welche eins ihrer Hinterbeine um das andere bewegen, gehen nicht aufrecht. Alle übrigen Landthiere laufen auf ihren vier Füßen, und zwar indem ſie ein Vorderbein und das gegenſeitliche Hinterbein zugleich oder faſt zugleich aufheben, vorſtrecken und wieder niederſetzen. Eine Ausnahme hiervon machen Elefant, Nilpferd, Kamel, Girafe und mehrere Antilopen: ſie bewegen beide Beine einer Seite faſt genau zu gleicher Zeit. Dieſe Gangart, der Paß, kann unſern gezähmten Einhufern ebenſogut an - erzogen werden, wie der natürliche Trab. Jede Beſchleunigung des Gehens hebt beide Gangarten, den Paß oder den Wechſelſchritt, wenigſtens ſcheinbar auf. Man glaubt nämlich, daß ein im ſchnellſten Laufe dahinjagendes Thier zuerſt beide Vorderfüße und dann beide Hinterfüße auf den Boden ſetze und wieder erhöhe: in Wirklichkeit aber behält es ſeinen urſprünglichen Gang. Die Schnelligkeit dieſer Bewe - gung iſt ſo verſchieden, daß eine allgemeine Schätzung derſelben hier unthunlich iſt; zudem hat man ſie auch nur beim Pferde genau gemeſſen. Das Ergebniß dieſer Meſſungen iſt übrigens in hohem Grade überraſchend. Einige engliſche Reitpferde haben ſich durch ihre Leiſtungen einen geſchichtlichen Namen erworben und mögen deshalb auch hier als Belege aufgeführt werden. Flying Childers durchlief die 20,884 Fuß lange Bahn von Neumarket in ſechs Minuten und vierzig Sekunden; Eelipſe legte in jeder Sekunde achtundfunfzig Fuß zurück; Firetail durchmaß eine engliſche Meile in vierundſechzig Sekunden. Derartige Anſtrengungen dieſer herrlichen Thiere können natürlich nur kurze Zeit währen; gleichwohl iſt auch die Ausdauer der engliſchen Vollblutpferde bewunderungswürdig. So machte ſich ein Herr Wilde verbindlich, eine Strecke von 127 engliſchen Meilen mit untergelegten Pferden in neun Stun - den zu durchreiten, und löſte ſein Wort durch einen Ritt von nur 6 Stunden und 21 Minuten. Er hatte dabei zehn Pferde benutzt, von denen einige in einer Stunde Zeit zwanzig engliſche Meilen oder 102,580 rheinländiſche Fuß durchliefen. Eine ähnliche Schnelligkeit dürfte im Freileben der Säugethiere übrigens ſelten vorkommen. Und was iſt ſie gegen die Schnelligkeit des Vogelflugs?! Schon die langſame Krähe würde mit dem Rennpferd wetteifern können; die Brieftaube überholt es bald: denn ſie durchfliegt mehr als den doppelten Raum, nämlich 280,000 Fuß in derſelben Zeit. Und wenn nun erſt ein Edelfalk zu ernſter Jagd oder ein Segler zum Liebesreigen ſeine kraftgeſtählten, unermüd - lichen Schwingen in Bewegung ſetzt und, wie die geringſte Schätzung ergibt, gegen 800,000 Fuß in einer Stunde durchmißt: wo bleibt da die Schnelle des edlen Roſſes?! Auch dieſes klebt an der Scholle: — drum gewährt die himmelanſtrebende, Zeit und Raum überfliegende Dichtung ihrem Roſſe die göttliche, den irdiſchen Leib vergeiſtigende Schwinge!
XVII[XVII]Gang. Springen. Klettern.Das Springen geſchieht ſehr verſchiedenartig. Alle Säugethiere, welche ſpringend laufen, wie die vorhin Genannten, ſchnellen ſich durch plötzliches Ausſtrecken ihrer zuſammengebogenen Hin - terbeine vorwärts und machen Sätze anſtatt der Schritte. Diejenigen, welche nur dann ſpringen, wenn ſie angreifen oder ein Hinderniß überſetzen wollen, ſchnellen ſich immer durch die Kraftanſtrengung aller vier Beine empor, wenn auch die Hinterbeine das Hauptſächlichſte dabei leiſten müſſen. Der Schwanz beſtimmt oder regelt die Richtung des Sprunges: und deshalb iſt auch bei faſt allen Springern dieſes nothwendige Steuer beſonders entwickelt, beim Affen ebenſowohl, wie bei der Springmaus, bei der Katze, wie bei dem Känguru. Nur ſehr ſelten, bei den Langarmaffen z. B., verrichten die Hinter - beine anſtatt des Schwanzes den Dienſt des Steuerns, — wie ja auch alle ſehr kurzſchwänzigen Vögel (die Alken, Steißfüße, Seetaucher und andere) blos mit den Füßen ſteuern. Die Kraft des Sprunges iſt ſehr bedeutend. Ein Affe kann einen in wagrechter Richtung zwanzig bis dreißig Fuß von ihm entfernten Zweig ſpringend erreichen; ein Eichhorn ſpringt ungefährdet aus einer Höhe von ſechszig und mehr Fuß zur Tiefe nieder; ein Hirſch ſetzt über eine Wand von acht, ein Löwe über eine ſolche von zehn Fuß Höhe, eine Gemſe über eine Kluft von gleicher Weite; ein Steinbock ſchnellt ſich bis zehn Fuß ſeukrecht empor ꝛc. Der hüpfende Gang der Springbeutelthiere fördert faſt ebenſo ſchnell, wie der Lauf des Hundes; eine Springmaus wird niemals von einem laufenden Menſchen eingeholt. Jm Springen ſind die Säugethiere Meiſter; ſelbſt der behende, ſtarke Lachs, welcher doch oft unter den ſcheinbar ungünſtigſten Umſtänden bedeutende hohe Sprünge macht, kann mit ihnen nicht wetteiſern.
Sehr merkwürdig und verſchieden iſt die Kletterbewegung der Säugethiere. Wir fin - den unter denjenigen, deren ganzes Leben auf dem Baume verfließt, ausgezeichnete Kletterer, Seil - oder Zweigkünſtler und Gaukler. Nicht nur alle vier Beine, Hände und Pfoten, ſondern auch der Schwanz werden in Thätigkeit geſetzt; der letztere übernimmt ſogar eine ganz eigenthümliche Rolle, deren Wiederholung wir nur bei einigen Lurchen bemerken: er dient als Werkzeug zum Anheften, zum Feſtbinden des Leibes. Alle altweltlichen Affen klettern, indem ſie das Geſtein oder die Äſte und Zweige mit ihren vier Händen packen und ſich durch Anziehen der Vorderarme und Strecken der hinteren Glieder fortſchieben. Daß bei ſolchen Künſtlern auch das Umgekehrte ſtattfinden kann, ver - ſteht ſich von ſelbſt: denn der Gegenſatz zwiſchen Händen und Füßen iſt ja bei ihnen gleichſam aufgehoben. Ganz anders klettern viele Affen Amerikas. Sie ſind geiſtig wie leiblich träger, alſo vorſichtiger und langſamer, als ihre übermüthigen Verwandten in der alten Welt: auch ihre Bewegungen müſſen daher andere ſein. Allerdings werden die Hände noch benutzt: der Schwanz aber iſt es, welcher zum Feſthalten dient. Seine ſtarken Muskeln rollen deſſen Ende ſo feſt um einen Aſt oder Zweig, daß der ganze Leib hierdurch allein ſchon eine Stütze oder einen Henkel erhält, mit welchem er ſich ſo ſicher befeſtigen kann, daß die Benutzung aller vier Beine möglich wird. Dieſer Schwanz nun iſt es, welcher vorausgeſchickt wird, um Anhalt zu ſuchen, an ihm klettert unter Umſtänden der Affe wie an einem feſtgebundenen Seile empor. — Von beiden Familien unterſcheiden ſich die Krallenkletterer, zu welchen ſchon eine Familie der wirklichen Affen gehört. Sie häkeln ſich mit ihren gebogenen, ſcharfen Krallen in die Baum - rinde ein und gebrauchen den Schwanz höchſtens noch zum Anſtemmen gegen die Fläche, an welcher ſie hinaufklettern, oder gar nicht mehr. Unſer Eichhorn und die Katze, der Marder und der Bär, der Beutelbilch und das Löwenäffchen ſind ſolche Krallenkletterer. Sie ſind im Stande, mit großer Klettergeſchwindigkeit auf wagrechten, ſchiefen und ſenkrechten Flächen ſich zu bewegen, ja, förmlich her - umzulaufen, und einzelne von ihnen, wie die Kuſus und Beutelratten, beſitzen dazu auch noch einen Wickelſchwanz und geben dann kaum den Affen im Klettern Etwas nach. Weit ſchwerfälliger iſt das Klettern der Faulthiere. Jhre Füße ſind zwar mit ſtarken Krallen verſehen: ſie benutzen dieſe aber weniger zum Einhäkeln in die Rinde, als vielmehr zum Umklammern der Äſte und Zweige der Bäume. An den Stämmen ſollen ſie wie ein Menſch emporklimmen. Noch einfacher, keineswegs aber ungefähr - licher, iſt das Erſteigen von Felswänden oder ſtarken Steilungen der Gebirge. Die Paviane, welche auf den Bäumen tölpiſch ſind, müſſen als die Meiſter in dieſer Fertigkeit angeſehen werden: gleich hinter ihnen aber kommen — die Wiederkäuer, welche auf Gebirgen leben. Sie ſteigen zwar blos; allein dieſes Steigen iſt ein Klettern in halsbrechender Weiſe und erfordert entſchieden eine weit größere Sicherheit und eine kaum minder große Gewandtheit, als das Klettern aller vorher genannten Thiere. XVIII[XVIII]Ein Blick auf das Leben der Geſammtheit.Übrigens habe ich in den Urwäldern Afrikas die Ziegen mit großer Geſchicklichkeit auch an ſchiefen Stämmen hinan und auf dem Gezweig der Bäume herumklettern ſehen.
Man ſollte nicht meinen, daß die Vögel auch in dieſer Bewegung die Säugethiere wenigſtens in einer Hinſicht überträfen. Ein Eichhörnchen „ reitet ‟ allerdings ſchneller an einem Stamme hinan, als ein Specht, keineswegs aber auch ſo behend und zierlich kopfunterſt an dem Stamme hinab, wie die Spechtmeiſe (Sitta), mit welcher hierin nur die Eidechſen, namentlich die Geckos, wetteifern können. Die Affen, Katzen und Eichhörnchen und einige marder artige Thiere gehen zwar auch in der genannten Richtung nach unten: ſie klettern aber nicht, ſondern rutſchen und können ſich, wenn ſie einmal in Bewegung gekommen ſind, keineswegs ſo ohne alle Umſtände auf derſelben Stelle erhalten, wie der erwähnte Vogel. Dagegen ſteht die Wiedergabe derſelben Grundform in einer andern Klaſſe, ich meine den Vogelaffen Papagei, weit hinter ſeinem Vorbilde zurück. Er ſtümpert nur, wo jener voll - kommen Künſtler iſt.
Das Flattern der Säugethiere, welches oft ſchon mit Unrecht „ Fliegen ‟ genannt ward, lehrt uns eine andere Bewegungsart unſerer Klaſſe kennen. Es läßt ſich in ihr allerdings eine Steigerung wahr - nehmen, doch bleibt dieſe Bewegung immer nur bei dem Anfang, bei dem Verſuch ſtehen und gelangt nie zur Vollendung. An den Flugeichhöruchen und Flugbeutlern ſehen wir die Anfänger in dieſer Fertigkeit. Sie benutzen die zwiſchen ihren Beinen ausgeſpannte Haut eben nur als Fallſchirm, wenn ſie aus der Höhe in die Tiefe hinabſpringen wollen, und ſind nicht im Stande, ſich durch Bewegen dieſer Haut in freier Luft zu erheben. Auch die Flattermakis, welche Uebergangsglieder von den Äffern zu den Fledermäuſen ſind, vermögen nicht, etwas Anderes zu leiſten. Einzig und allein die wahren Fledermäuſe ſind befähigt, mit Hilfe der Flughaut, welche zwiſchen ihren Gliedmaßen und zumal zwi - ſchen ihren unmäßig verlängerten Fingern ſich ausſpannt, in der Luft ſich zu bewegen. Das geſchieht, indem ſie mit der ausgeſpannten Flughaut ſchief auf die Luft ſchlagen und ſich dadurch heben und zugleich fördern. Es ſcheint, als ob ihr ſogenanntes Fliegen ſehr leicht von Statten ginge. Sie machen ſo ſchnelle und jähe Wendungen, daß ſie blos von einem recht tüchtigen Schützen im Fluge erlegt werden können; ſie ſtreichen flatternd raſch eine Strecke weit fort und heben und ſenken ſich gewandt und ſchnell. Und dennoch iſt dieſe Bewegung kein Flug, ſondern nur ein ſchwerfälliges Sich-Dahinwälzen, ein Kriechen durch die Luft. Jeder Windhauch ſtört das Flattern der Fledermans, ein Sturm macht es unmöglich! Der Grund hiervon iſt leicht zu erkennen. Die Flughaut iſt eine Fläche, welche nicht wie der Vogelflügel bald den Durchzug der Luft verwehrt, bald aber erlaubt, ſondern bei jeder Bewegung Widerſtand verurſacht. Wenn nun auch das Flugwerkzeug des Säugethieres beim Heben etwas verklei - nert wird, bleibt der größere Widerſtand doch fühlbar und drückt das Thier wieder etwas nach unten; der Niederſchlag hebt es, der Aufzug ſenkt es: es muß flattern! Wie ganz anders iſt der Flug des Vogels! „ Er iſt die köſtlichſte, erhabenſte aller Bewegungen. Bald iſt er ein geruhiges Schweben, bald ein pfeilſchnelles Stürmen, bald ein Wiegen, Schaukeln, Spielen, bald ein Gleiten, Dahinſchießen, ernſtes Eilen, bald ein Reiſen mit Gedankenſchnelle, bald ein Luſtwandeln, langſam, gemächlich; bald rauſchen die Wellen des Aethermeeres unter ihm, bald hört man keinen Laut, auch nicht den geringſten, leiſeſten; bald erfordert er ſchwere Flügelſchläge, bald keine einzige Flügelbewegung; bald erhebt er den Vogel zu Höhen, von denen uns Menſchen nur träumt, bald nähert er ihn der Tiefe, dem Meere, daß deſſen Wogen die Fittige netzen mit ihrem Schaume. ‟ Er kann ſo manchfaltig, ſo verſchieden ſein, als er nur will: immer bleibt und immer heißt er Flug. Blos das Flugwerkzeug des Vogels nennen wir Flügel; nur mit ihm begabt der Künſtlergedanke die entfeſſelte Seele — mit der Flughaut der Fledermaus verhäß - licht er den Teufel, die tollſte Mißgeburt des krankhaften Wahns. Mag auch die nächtliche Lebensweiſe der Fledermäuſe den erſten Gedanken zu ſolchen Einbildungen gegeben haben: die Form, die Geſtalt der Flughaut iſt maßgebend geweſen. Und weil ſolche Flatterhaut nun gerade dem aus der Höhe zur Tiefe geſtürzten Engel verliehen wurde, während der nach oben ſchwebende Bote des Himmels die Schwinge erhielt: deutet Dies ſinnbildlich darauf hin, daß die unbewußte Dichterſeele des Künſtlers wenigſtens die eine Wahrheit ahnte: Nur der Vogel iſt erdfrei geworden, — das Säugethier hängt auch mit Flügelgedanken noch an der Scholle!
Hierbei iſt aber noch Eins zu bedeuken. Der allervollendetſte Flieger, der Segler allein, nur er, welcher ſo recht eigentlich der Höhe angehört, iſt mit der erlangten Erdfreiheit auch fremd auf der Erde geworden: der Flatterer iſt es ſtets. Jedes Flatterſäugethier iſt ein trauriges MitteldingXIX[XIX]Flattern. Schwimmen.zwiſchen den Geſchöpfen der Tiefe und denen der Höhe. Auf der Erde läuft ſelbſt das Flattereich - horn ſchwerfällig dahin: die Fledermaus aber humpelt eben blos noch. An den Hinterbeinen hängt ſie ſich auf zum Schlafen, das Haupt immer erdwärts gekehrt; auf ihren Flugwerkzeugen kriecht ſie dahin! Nur halb vertraut mit dem Aether, fremd auf der Erde: — welch trauriges Loos iſt ihr ge - worden mit ihrem „ Flügel! ‟ —
Freundlicher, beglückender für das Thier iſt die vielen Säugern verliehene Gabe, das Waſſer bewohnen, in ihm ſchwimmen, in ſeine Tiefen hinabtauchen zu können. Nur ſehr wenige Säugethiere ſind gänzlich unfähig, ſich ſchwimmend auf der Oberfläche des Waſſers zu erhalten: ich glaube blos der ungelernte oder ungeübte Menſch und einige Affen, z. B. die Orang - und Langarmaffen und die Paviane; — daß letztere ertrinken, wenn ſie in das Waſſer fallen, weiß ich aus Erfahrung. Alle übri - gen ſchwimmen, oder ſie verſinken wenigſtens nicht alsbald in die Tiefe. Die Meerkatzen ſchwimmen und tauchen vortrefflich; die Fledermäuſe erhalten ſich lange Zeit auf den Wellen; die Raubthiere, Nager, Ein - und Vielhufer ſchwimmen wohl faſt ſämmtlich; unter den Beutelthieren und Zahn - loſen gibt es wenigſtens einige, welche nur im Waſſer leben, und die übrigen kommen wahrſcheinlich auch nicht in ihm um. Eigentliche Waſſerſäugethiere aber ſind, mit Ausnahme der den höheren Ordnungen angehörigen Waſſerbewohner, doch blos die wahren Meeresſäuger: die Robben und Fiſch - ſäugethiere. Sie ſind eben zu ſäugenden oder kiemenloſen Fiſchen geworden und brauchen ihr Wohnge - biet allein der Athmung wegen noch auf wenige Augenblicke (wenigſtens mit einem Theile ihres Leibes) zu verlaſſen; ſie werden im Waſſer geboren, ſie leben, lieben und ſterben in ihm. Kein Schwimm - oder Tauchvogel dürfte ſie in der Schnelligkeit, kaum einer in der Gewandtheit ihrer Bewegungen übertreffen: die Waſſerſäugethiere und die Waſſervögel ſtehen ſich durchſchnittlich gleich.
Es iſt ſehr anziehend und belehrend zugleich, die Steigerung der Schwimmthätigkeit zu verfolgen und die den Schwimmern gegebenen Bewegungswerkzeuge vergleichend zu betrachten. Wir können dabei zuerſt auch auf die unfreiwilligen Schwimmer blicken. Hier iſt das behufte Bein als das unvollkommenſte Werkzeug anzuſehen; allein dieſes vervollkommnet ſich raſch in demſelben Grade, in dem der Huf ſich theilt: und ſo treffen wir unter den Vielhufern bereits ausgezeichnete Schwimmer, ja, im Nilpferd ſchon ein echtes Waſſerthier. Die Hand ſteht höher, als der Huf, aber ſie erfordert, wie immer, ſo auch zum Schwimmen größere Geſchicklichkeit. Viel leichter wird Dies den Pfotenthieren. Die weit vorreichende Fingerverbindung durch die Spannhaut läßt aus der Pfote ein breiteres Ruder bilden, und dieſes muß um ſo vollkommener ſein, je mehr die Spannhaut ſich aus - dehnt und zur Schwimmhaut wird. Uebrigens iſt letztere keineswegs unbedingtes Erforderniß zu ge - ſchicktem Schwimmen: denn die Waſſerſpitzmaus ſchwimmt unzweifelhaft eben ſo gut, wie das Schnabelthier, obgleich bei ihr nur ſtraffe Haare zwiſchen den Zehen den breiten Entenfuß des letzteren erſetzen. Die Robben ſind Uebergangsglieder von den Pfotenthieren zu den eigentlichen Fiſchſäugern. Jhre Füße ſind nur noch dem Namen nach Füße, in Wahrheit aber bereits Floſſen; denn die Zehen ſind ſchon gänzlich in die Bindehaut eingewickelt, und nur die Nägel laſſen ſie äußerlich noch ſichtbar erſcheinen. Bei den Walen fehlt auch dieſes Merkmal, die Zehen ſind durch Knorpelgewebe dicht und unbeweglich mit einander verbunden, und blos die geſammte Floſſe iſt noch beweglich; die hintern Gliedmaßen ver - ſchwinden, aber der Schwanz breitet ſich wagrecht zur echten Floſſe aus: das Mittelding zwiſchen Säuger und Fiſch iſt fertig geworden. Eine ſolche Verſchiedenheit der Werkzeuge bedingt auch die Verſchieden - heit der Bewegung. Die Huf - und Pfotenthiere gehen oder ſtrampeln im Waſſer und ſtoßen ſich da - durch weiter; die Floſſen - und Fiſchſäuger fördern ſich, indem ſie ihre Ruder auch rudermäßig benutzen, d. h. mit der ſchmalen Kante durch die Wellen vorſchieben und dann mit der Breitſeite gegen ſie drücken, oder aber den Floſſenſchwanz kräftig ſeitlich oder auf und nieder bewegen, wie der Bootsmann ſein Fahrzeug mit einem Ruder durch die Fluten treibt, wenn er dieſes im Stern einlegt und bald nach rechts und bald nach links hin drückt, aber immer mit der Breitſeite wirken läßt. Die Pfotenthiere mit Schwimmhäuten legen ihre Ruder zuſammen, wenn ſie die Beine vorwärts bewegen, und breiten ſie aus, wenn ſie gegen das Waſſer arbeiten: ſie rudern wie die Vögel.
Wenn die Beobachtungen des berühmteſten aller Walfiſchjäger, Scoresby, wirklich richtig ſind, kann die Schnelligkeit der Schwimmbewegung beinahe mit der des Laufes wetteifern; denn ein an - geworfener Walfiſch verſinkt ſo pfeilgeſchwind, daß er, wenn er ſo forttauchen könnte, in einer StundeXX[XX]Ein Blick auf das Leben der Geſammtheit.Zeit eine Strecke von 12 engliſchen Meilen oder beinahe 80,000 Fuß zurücklegen würde. Die Hälfte dieſer Strecke durcheilt er in derſelben Zeit ohne Anſtrengung.
Die unwillkürlichen Bewegungen des inneren Leibes ſind bei den Säugethieren durchſchnittlich langſamer, als bei den Vögeln. Das Herz ſchlägt ſeltener und der Luſtwechſel iſt weniger häufig in der Bruſt des Säugethieres, als in der eines gleichgroßen Vogels. Hiermit ſteht die etwa um 2 Grad geringere Blutwärme der erſteren im Einklange. Den Waſſerſäugethieren gewährt dieſe verhältnißmäßige Trägheit der Athmungs - und Blutumlaufswerkzeuge große Vortheile; ſie erlaubt ihnen, länger unter dem Waſſer auszuharren, als es die Vögel vermögen. Ein Wal kommt nach meinen eigenen, mit der Uhr in der Hand angeſtellten Beobachtungen durchſchnittlich alle Minuten an die Oberfläche, um Luft zu ſchöpfen, ſoll aber, nach Scoresby, wenn er angeworfen wurde, auch bis vierzig Minuten unter Waſſer verweilen können, ehe ihn das Bedürfniß des Athemſchöpfens empor treibt: ſo lange vermag es kein Vogel unter den Wellen auszuhalten! Wenigſtens habe ich immer bemerkt, daß die Alken, ſelbſt wenn ich ſie angeſchoſſen hatte und heftig verfolgte, bereits drei Minuten nach ihrem Untertauchen wieder an der Oberfläche erſchienen und nach Luft ſchnappten. Die Eider - gans ſoll zwar bis ſieben Minuten unter Waſſer bleiben können: ich habe Dies aber nie beobachtet. So viel dürfte feſtſtehen, daß alle Vögel, welche länger als vier Minuten unter Waſſer waren, beim Aufſteigen ſehr erſchöpft ſind und faſt augenblicklich erſticken, wenn man ſie unter Waſſer faßt und noch einige Zeit dort feſthält. — Zur Vergleichung und vielleicht auch zur Berichtigung möge die Be - merkung dienen, daß der Menſch höchſtens ſiebzig Sekunden lang unter Waſſer verweilen kann. Dieſe Angabe gründet ſich auf die Beobachtungen, welche von wiſſenſchaftlichen Männern auf beſon - dere Anfragen engliſcher Gelehrten bei Gelegenheit der Perlenfiſcherei auf Ceylon angeſtellt wurden und ſtehen nur mit den Ausſagen gewiſſer Schwimmkünſtler im Widerſpruch, welche behaupten, fünf und mehr Minuten lang unter Waſſer luſtwandeln zu können.
Am Eigenthümlichſten und zugleich Auffallendſten zeigt ſich die Trägheit der Athmung bei denjenigen Säugethieren, welche Winterſchlaf halten, ſo lange dieſer Todtenſchlummer anhält. Ein Murmelthier z. B., welches nach Mangili’s Beobachtungen im wachen Zuſtande während eines Zeitraums von zwei Tagen 72,000 Mal athmet, thut Dies während des Winterſchlafs in Zeit von ſechs Monaten nur 71,000 Mal, verbraucht alſo während dieſer Zeit höchſtens den neunzigſten Theil der Luft, bezüglich Sauerſtoffmenge, welche während des Wachſeins zu ſeinem Leben erforderlich iſt.
Mit den Athmungswerkzeugen ſteht die Stimme in ſo enger Beziehung, daß wir ſie ſchon jetzt berückſichtigen können. Wenn wir die Säugethiere auch hierin wieder mit den Vögeln ver - gleichen, muß uns ſogleich die geringe Biegſamkeit der Stimme faſt aller Säuger auffallen. Der Menſch iſt das einzige Säugethier, welches eine vollkommenere Stimme beſitzt, als die Vögel ſie haben; ja, ſeine Stimme ſteht ſo hoch über der aller Vögel und anderen Thiere, daß man ſie mit als einen Hauptgrund der Erhebung des Menſchengeſchlechts zu einer eigenen Klaſſe angeſehen hat. Die Sprache im menſchlichen Sinne iſt allerdings ein ſo außerordentlich großer Vorzug des Men - ſchen, daß ſolche einſeitige Gedanken wohl kommen können. Er allein iſt es, welcher die ſtimmbegabten, ſangfertigen Vögel übertrifft, welcher im Allgemeinen durch ſeine Stimme dem Ohre nicht läſtig wird, wie die übrigen Säugethiere. Schwatzhafte oder zornig kreiſchende Menſchen, zumal Menſchenweiber, müſſen wir freilich ausnehmen, weil ſie ſich eben ihrer hohen Stellung entheben und uns das Säuge - thier im Allgemeinen vor die Seele führen. Dieſes iſt ein klang - und ſangloſes Geſchöpf, ein Weſen, welches im Reich der Töne fremd iſt und jedes Ohr durch die Verunſtaltung des Tones beleidigt. Schleiden behauptet zwar irgendwo, daß der Eſel ein tonverſtändiges Säugethier ſei, weil ſein bekanntes J — A ſich in einer Oktave bewege: ich möchte dieſen Ausſpruch aber doch nur als einen Scherz betrachten und den Eſel vielmehr für meine Behauptung beanſpruchen, d. h. ihn zu den verabſcheuungswürdigſten Tonverderbern zählen. Kaum ein einziges Säugethier beſitzt eine Stimme, welche unſer Ohr befriedigen oder gar entzücken könnte. Die Stimme der meiſten iſt in hohem Grade widerwärtig und wird es um ſo mehr, je größer die Aufregung und Begeiſterung des Thieres iſt. Jch will nur einen einzigen Vergleich zwiſchen Vögeln und Säugethieren anſtellen. Die all - mächtige Liebe begabt den Mund des Vogels mit Klängen und Tönen, welche unſer Herz gewaltſam an ſich reißen: aus dem Maule des Säugethieres aber ſpricht dieſelbe allgewaltige Macht in ohren - zerreißender Weiſe. Welch ein Unterſchied iſt zwiſchen dem Liebesgeſange einer Nachtigall und demXXI[XXI]Trägheit der Athmung. Stimme. Verdauung. Magen der Wiederkäuer.einer Katze! Hier wird jeder Ton zerquetſcht, verunſtaltet und gemißhandelt, jeder Naturlaut zum quälenden, ohrenzerreißenden Mißklange umgewandelt: dort wird der Hauch zur Muſik, die Muſik zu dem herrlichſten und reichſten Liebesgedichte in Klängen und Tönen. Das Liebesflehen der Katze iſt ein Lied,
„ Das Stein erweichen, Menſchen raſend machen kann! ‟
das Lied der Nachtigall iſt
„ Nichts als ein Ach, Das Ach iſt Nichts als Liebe! ‟
Nicht einmal den Menſchen begabt die Liebe immer mit Dem, was ſie dem Vogel ſtets gewährt; nicht einmal er läßt ſich in allen Fällen mit der Nachtigall vergleichen, wie ja auch unſer Rückert behauptet:
„ Wenn Jemand liebt, und im Vertraun Davon zu Andern ſpricht er, Wird er die Hörer ſchlecht erbaun, Oder er iſt ein Dichter! ‟
Der Vogel, welcher von ſeiner Liebe redet, erbaut den Hörer immer; ſelbſt die rauheſten Töne ſeiner Bruſt werden dann klangreich und wohllautend.
Aber nicht blos zur Zeit der Liebe iſt die Stimme des Säugethieres unſerem Ohre unwill - kommen: ſie iſt es ſtets, ſobald ſie irgend welche Aufregung bekundet, ja ſie iſt’s auch, wenn dies nicht der Fall, faſt immer. Wir Alle freuen uns der Worte unſeres Lieblingsdichters,
— ſicherlich aber weniger des Blökens, als vielmehr des Bildes der Heimkehr wegen. Das Blöken ſelbſt iſt ebenſo großer Tonunfug wie das Meckern der Ziege oder das Grunzen des Schweins, das Quieken der Ferkel, das Pfeifen der Mäuſe, das Knurren des Eichhorns ꝛc. Es fällt Niemanden ein, von ſingenden Säugethieren zu reden*)Jn der Neuzeit hat man allerdings mehrfach von „ ſingenden ‟ Mäuſen geſprochen; es bedarf aber unzweiſelbaſt noch anderweitiger Beobachtung, um jenen Ausdruck zu rechtfertigen. Das „ Singen ‟ der Mäuſe iſt wahrſcheinlich eben auch nur ein zwitſcherndes Pfeifen., weil man den Menſchen gewöhnlich ausnimmt, wenn man von den Säugern ſpricht, und dann nur von Bellen, Schreien, Brummen, Brüllen, Heulen, Wiehern, Blöken, Meckern, Grunzen, Knurren, Quieken, Pfeifen, Fauchen ꝛc. reden kann — wahr - haftig nicht von angenehmen Tönen. Wir ſind zwar an die Stimmen vieler unſerer treuen Haus - gefährten ſo gewöhnt, daß wir ſie zuletzt ebenſo gern vernehmen, wie den rauhen Brummbaß eines uns lieb gewordenen Freundes oder mancher Hausfrau „ theure Stimme ‟ trotz des frevelhaften Ge - brauchs der Töne, welche ſich in ihr kund gibt: fragen wir aber einen Tondichter nach dem Tonwerth des Hunde gebells, Katzen miauens, Roſſewieherns oder Eſel geſchreies: ſo lautet die Antwort ſicherlich nicht anerkennend, und ſelbſt das tonkünſtleriſch verbeſſerte Hunde-Wau-Wau in Precioſa dürfte ſchwerlich vor dem Ohre eines ſtrengen Beurtheilers Gnade finden. Kurz, die Stimme aller Säugethiere, mit Ausnahme des Menſchen, iſt rauh, mißtönig, unbiegſam und unbildſam, und ſogar die, welche uns zuweilen gemüthlich, anſprechend dünkt, hört auf, beides zu ſein, ſobald irgend welche Erregung die Seele des Thieres bewegt, während bei dem Vogel oft das gerade Gegentheil von all Dem ſtattfindet. Auch hinſichtlich der Stimme iſt der Vogel Bewegungsthier. —
Ueber die Verdauung, die Bewegung des Ernährungsſchlauches, wollen wir wenig Worte verlieren. Sie iſt eine ganz vortreffliche, wenn ſie auch nicht ſo raſch vor ſich geht, als die des Vogels und zuweilen, wie bei den Winterſchläfern, monatelang unterbrochen ſein kann. Wer ſich hier - über gründlicher belehren will, mag irgend ein Lehrbuch über die Lebensthätigkeit oder, falls dieſes Wort unverſtändlich ſein ſollte, über die „ Phyſiologie ‟ des Menſchen zur Hand nehmen: dort findet er dieſen Abſchnitt ausführlicher behandelt, als ich ihn behandeln kann. Eine Art der Verdauung darf ich hier aber doch nicht übergehen, weil ſie blos bei wenigen Säugern vorkommt: ich meine das Wieder - käuen. Die nutzanwendenden Weisheitsbewunderer der Schöpfung belehren uns, daß viele pflanzen -XXII[XXII]Ein Blick auf das Leben der Geſammtheit.freſſenden Säugethiere nothwendigerweiſe Wiederkäuer ſein müſſen, „ weil ſie ſich zum Freſſen nicht ſo viel Zeit nehmen könnten, ‟ als die gelehrten Herren ſelber zu ihren Gaſtereien und deshalb die ihnen nöthige Nahrungsmenge auf einmal einzunehmen gezwungen wären: ich, der ich die hohe Zweck - mäßigkeit der Schöpfung mit vollſter Bewunderung anerkenne, muß geſtehen, daß ich den Grund, warum es Wiederkäuer gibt, nicht kenne; ich darf dafür aber glauben, daß ſie dazu da ſind, um vielen Menſchen durch ihre, gerade beim Wiederkäuen erſichtlich werdende Faulheit zum abſchreckenden Beiſpiele zu dienen. Doch betrachten wir lieber das Wiederkäuen ſelbſt ohne Nutzanwendungen.
Der Magen der Wiederkäuer zerfällt, wie ich ſchon oben andeutete, in vier Abtheilungen, von denen man die erſte Wanſt oder Panſen (c), die zweite Netzmagen, Haube oder Mütze (d), die dritte Falten - oder Blättermagen, Buch, Kalender, Pſalter und Löſer (e) und die vierte Fett -, Lab - oder Käſemagen (f) nennt. Die erſte Abtheilung ſteht mit der Speiſeröhre
(a), die letztere mit dem Darmſchlauch (g, h) in Verbindung. Der Pauſen, welcher durch ein Muskelband in zwei Abtheilungen getrennt iſt, nimmt das nur ſehr grob zerkauete Futter zuerſt auf und ſtößt es dann in kleinen Mengen in den Netzmagen hinüber, deſſen gitterartige Falten es durch theilweiſes Zerreiben oder mehr durch Einſpeicheln, d. h. Tränken, mit dem abgeſonderten Magenſaft vorverdauen und in Kügelchen formen. Dieſe werden nun durch Aufſtoßen, Aufrülpſen oder Erbrechen wieder in den Mund hinauf gebracht, dort mit den Mahlzähnen ſehr gründlich ver - arbeitet, noch mehr eingeſpeichelt und ſo dann zwiſchen zwei, eine Rinne bildenden Falten der Speiſe - röhre in den dritten, blätterig gefalteten Pſalter oder Löſer hinabgeſandt, von welchem ſie endlich dem letzten und eigentlichen Magen übergeben werden. Auf unſerer Abbildung iſt der Weg der Speiſe durch die punktirten Linien bezeichnet.
Uebrigens ändert der Bau des Magens bei den verſchiedenen Wiederkäuern nicht unbeträcht - lich ab; hier haben wir den Magen des Schafes zu Grunde gelegt.
XXIII[XXIII]Magen der Wiederkäuer. Sinnesthätigkeit. Gefühl. Geſchmack.Es ſcheint, als ob das Geſchäft des Wiederkäuens zu jeder Zeit ſtattfinden könne, ſobald nur das Thier nicht mit Abbeißen und Verſchlingen der erſten Nahrung thätig iſt. Eine behagliche Lage und eine gewiſſe Ruhe iſt unbedingtes Erforderniß zum Wiederkänen; ich wenigſtens habe bis - her blos Kamele während des Laufens wiederkäuen ſehen. Sowie aber die gewünſchte Ruhe des Leibes eingetreten iſt, beginnt der Magen augenblicklich ſein Geſchäft, und das Thier betreibt die wichtige Sache mit ſolcher Hingebung, daß es ausſieht, als ſei es in die tiefſinnigſten Gedanken ver - ſunken. Jn Wahrheit aber denkt es an gar Nichts, oder höchſtens daran, daß die faule Ruhe des Leibes in keiner Weiſe unterbrochen werde. Deshalb käut das Leitthier eines Wildrudels nur dann wieder, wenn es nicht mehr für das Wohl der Geſammtheit zu ſorgen hat, ſondern durch einen anderen Wächter abgelöſt worden iſt. Das alte, noch immer beliebte Sprichwort:
„ Nach dem Eſſen ſollſt Du ſtehen Oder tauſend Schritte gehen ‟
wird von den ſehr eß - und verdauungsverſtändigen Wiederkäuern am ſchlagendſten widerlegt.
So lange wir uns mit der rein leiblichen Thätigkeit der Säugethiere beſchäftigten, mußten wir die großen Vorzüge anerkennen, welche die Bewegungsthiere oder Vögel, wenigſtens in vielen Stücken, unſerer Klaſſe, den Empfindungsthieren, gegenüber beſitzen. Anders iſt es aber, wenn wir die geiſtigen Fähigkeiten der Säuger betrachten. Die Sinnesthätigkeit, welche bei den unteren Klaſſen als die einzige geiſtige Regung angeſehen werden muß, iſt auch noch bei den Fiſchen und Lurchen noch eine verhältnißmäßig ſehr geringe und bei den Vögeln eine vielfach beſchränkte; bei unſerer Klaſſe aber treten alle Sinne gleichſam erſt in volle Wirkſamkeit. Jhre einhellige und gleichmäßige Entwickelung erhebt die Säugethiere hoch über die Vögel. Sie, die letzteren, ſind vorzugsweiſe Au - gen -, jene „ Allſinnsthiere ‟. Die Vögel ſehen beſſer, als die Säuger, weil ihr großes Auge vermöge ſeiner inneren Beweglichkeit für verſchiedene Entfernungen eingeſtellt und ſehfähig ge - macht werden kann: ſie ſtehen dagegen in allen übrigen Sinnesthätigkeiten weit hinter den letzteren zurück. Bei den Säugethieren zeigt ſich ſchon überall mehr oder weniger jene Allſeitigkeit, welche im Menſchen zur vollen Geltung gelaugt: und deshalb eben ſtehen ſie an der Spitze des Thierreichs.
Das Gefühl dürfte unter allen Sinnen derjenige ſein, welcher am wenigſten hervortritt: und wie ausgebildet iſt gerade dieſer Sinn bei den Säugethieren! Der gewaltige Walfiſch ſoll durch die geringſte Verührung ſeiner Haut zum ſofortigen Tieftauchen bewogen werden; der Elefant ſpürt augenblicklich die Fliege, welche ſich auf ſeinem dicken Felle feſtſetzt; dem Ochſen verurſacht leiſes Krabbeln zwiſchen ſeinen Hörnern angenehmen Kitzel; den ſchlafenden Hund erweckt das ſanfteſte Streicheln. Und alle dieſe Thiere ſind gefühllos zu nennen, im Vergleich zum Menſchen. Bei ihm iſt die äußere Haut ja ſo zartfühlend, daß auch der leiſeſte Lufthauch, welcher ſie trifft, empfunden wird. Der Taſtſinn zeigt ſich zwar ſchwächer, als die Empfindung, aber doch auch überall mindeſtens in demſelben Grade, wie bei den Vögeln. Selbſt die Einhufer beſitzen ein gewiſſes Taſtgefühl in ihren Füßen, trotz des Hornſchuhes, welcher vom Hufbeſchläger wie ein dürres Stück Holz behandelt werden kann; man muß nur ein Pferd beobachten, wenn es nachts das Gebirge hinauf - oder hinab - ſteigt: mit ſeinem Hufe prüft es den Weg, mit ihm betaſtet es den Boden. Die Taſtfähigkeit der Schnurrhaare iſt ſchon viel größer; die mit ihnen verſehenen Thiere taſten wohl faſt ebenſo gut, wie viele Kerbthiere, welche ihren erſten Sinn in den Fühlhörnern tragen. Unſere Hauskatze, die Ratte oder die Maus zeigen in ſehr erſichtlicher Weiſe, wie nützlich ihnen die Schnurrhaare ſind: ſie beſchnuppern oft nur ſcheinbar einen Gegenſtand oder wenigſtens erſt, nachdem ſie ihn betaſtet haben. Allen Nachtſäugethieren ſind die Schnurrhaare ganz unentbehrliche Wegweiſer bei ihren nächt - lichen Wanderungen: ſie ſchützen vielfach die edleren Sinneswerkzeuge des Geſichts und Geruchs. Zu welcher bewunderungswürdigen Vollkommenheit aber der Taſtſinn in unſerer Klaſſe gelangen kann, hat jeder meiner Leſer an ſeiner eigenen Hand erfahren, wenn dieſe auch noch weit hinter der eines Künſtlers oder eines Blinden zurückſtehen dürfte. Die Hand iſt das vollkommenſte aller Taſtwerkzeuge: ſie kann das Geſicht, wenn auch nicht erſetzen, ſo doch oft und wirkſam vertreten.
XXIV[XXIV]Ein Blick auf das Leben der Geſammtheit.Der Geſchmacksſinn oder das Gefühl der Zunge kommt, ſtreng genommen, erſt in unſerer Klaſſe zu allgemeiner Geltung. Ein gewiſſer Grad von Geſchmack iſt bei den Vögeln und auch bei den Lurchen und Fiſchen nicht zu leugnen; denn man kann beobachten, daß ſie manche Speiſen lieber freſſen, als andere: allein der Sinn erhält doch nur bei wenigen Vögeln, z. B. bei den Papageien und Zahnſchnäblern, ein Werkzeug, welches vermöge ſeiner Weichheit und der hierdurch wirkſam werdenden Nerventhätigkeit das Schmecken möglich macht, während dieſes Werkzeug, die Zunge, bei der großen Mehrzahl ſo verhärtet und verkümmert iſt, daß es den chemiſchen Hergang des Schmeckens, die Auflöſung der Speiſetheile und die dann zur Sinneswahrnehmung gelangende Verſchiedenheit der - ſelben, unmöglich einleiten und befördern kann. Anders iſt es bei den Säugern. Hier iſt die Zunge regelmäßig ſchmeckfähig, mag ſie auch noch ſo hart und rauh erſcheinen. Salz und Zucker äußern, wie Jedermann weiß, faſt immer ihre Wirkung auf die Geſchmackswerkzeuge der Säugethiere; ſogar die Katzen verſchmähen dieſe beiden Stoſſe nicht, ſobald ſie gelöſt ihnen geboten werden. Die harte Zunge des ſtumpfſinnigen Kamels, welche durch nadelſcharfe Mimoſen dornen nicht verletzt werden kann, widerſteht dem chemiſchen Einfluſſe des Salzes nicht, ſondern fühlt ſich höchſt angenehm geſchmei - chelt, wenn dieſer Zauberſtoff durch ſie gelöſt und ſeine Annehmlichkeit fühlbar gemacht wird; der Ele - fant, deſſen Zunge als ein ungefüges Stück Fleiſch erſcheint, beweiſt durch große Zufriedenheit, daß dieſes klotzige Fleiſchſtück mit Süßigkeiten oder geiſtigen Getränken äußerſt angenehm gekitzelt wird; und alle, ſelbſt die wildeſten Katzen, finden in der Milch eine Leckerei. Aber auch hinſichtlich des Geſchmackes iſt es wieder der Menſch, welcher die hohe Ausbildung dieſes Sinnes am deutlichſten kund gibt: lernen wir doch in ihm oft genug ein Weſen kennen, welches in dem Reiz dieſer Empfindung einen Genuß findet, der es nicht nur die Wonnen der übrigen Sinnesthätigkeiten, ſondern auch alle geiſtigen Freuden überhaupt vergeſſen läßt; — bei einem echten Freſſer heißt ſchmecken leben, und leben ſchmecken! Hierin ſtehen die Vögel wieder unendlich weit zurück hinter den Säugern!
Der Geruchsſinn erreicht bei den Letzteren ebenfalls die höchſtdenkbare Entwickelung. Ein vergleichender Ueberblick der verſchiedenen Thierklaſſen belehrt uns, daß gerade der Geruch ſchon bei niederen Thieren einer der ausgeprägteſten Sinne iſt: ich will blos an die Kerbthiere erinnern, welche dem Blumenduft nachſchwärmen oder zu Aas und Kothhaufen von fern herange - zogen, ja ſchon durch den eigenthümlichen Geruch ihrer Weibchen herbeigelockt werden. Die Fiſche erſcheinen in der Nähe eines Aaſes, welches ihnen vorgeworfen wird, in Flüſſen ſogar von oben her, aus derjenigen Richtung, nach welcher hin das Waſſer doch unmöglich Vermittler des Riech - ſtoffes ſein kann; bei den Lurchen aber iſt der Geruch ſo ſchlecht, daß ſie wenigſtens Nichts mit ihm aufſpüren können (gleichwohl behauptet man, daß einige Schlangen ihre Weibchen mit Hilfe dieſes Sinnes aufſuchen und finden). Unter den Vögeln haben wir bereits viele, welche tüchtige Spürnaſen beſitzen, wenn auch die Erzählungen, welche Geier und Raben Aas und andere ſtinkende Stoffe auf Meilen hin wahrnehmen laſſen, auf irrigen und mangelhaften Beobachtungen beruhen. Anders iſt es bei den Säugern. Hier finden wir viele Thiere, deren Geruchsſinn in wahrhaft überraſchender Weiſe ausgebildet iſt. Der Geruch iſt ſelbſtverſtändlich nur befähigt, gas - förmige Stoffe zur Sinneswahrnehmung zu bringen; wie es aber möglich iſt, blos noch Andeutungen ſolcher Gaſe aufzuſpüren und zum Bewußtſein gelangen zu laſſen: das wird ein ewiges Räthſel blei - ben. Ein Hund ſpürt die bereits vor Stunden getretene Fährte ſeines Herrn unter tauſend anderen Menſchenfährten unfehlbar aus oder folgt dem Wilde, welches geſtern einen gewiſſen Weg ging, auf dieſem Wege durch das zu vollem Bewußtſein kommende Riechen, d. h. Ausſcheiden des einen eigen - thümlichen Geruchs aus hundert anderen Gerüchen, und hat dazu nicht mehr Anhalt, als die Gaſe, welche von einer augenblicklichen Berührung des Stiefels oder Hufes und des Bodens herſtammen. Dies uns zu denken oder klar vorzuſtellen, iſt geradezu unmöglich. Ebenſo undenkbar für uns Stumpfſinnige iſt diejenige Ausbildung des Geruchs, welche wir „ Wittern ‟ nennen. Daß ein Haſe den verborgenen Jäger, welcher im Winde ſteht, auf dreißig, vierzig Ellen Entfernung hin riechen kann, erſcheint uns nicht gar ſo merkwürdig, weil ſelbſt unſere Naſen, welche doch durch Stubenluft und alle möglichen anderen edeln oder unedlen, unſerem geſelligen Leben nothwendig an - hängenden Düfte hinlänglich entnervt ſind, die eigenthümlichen Gerüche unſerer Hausthiere auf fünf oder zehn, ja zwanzig Ellen Entfernung noch wahrzunehmen vermag: daß aber ein Renthier den Menſchen noch auf fünf - bis ſechshundert Ellen hin wittert, iſt unbegreiflich, und ich würde es, offenXXV[XXV]Sinnesthätigkeit. Geruch. Gehör.geſtanden, auch gewiß nicht geglaubt haben, hätte ich es nicht durch eigene Beobachtung erfahren müſſen. Spüren und Wittern ſind gleich wunderbar für uns, weil wir weder die eine noch die andere Höhe des Geruchs auch nur annähernd erreichen können.
Es verdient hervorgehoben zu werden, daß alle Thiere, welche gute Spürer oder Witterer ſind, feuchte Naſen beſitzen. Man kann alſo, ſo ſonderbar dies auch klingen mag, von der mehr oder weniger feuchten Naſe aus, regelmäßig auf die Höhe des Geruchs ſchließen. Die Naſe der Katze iſt ſchon viel trockener als die des Hundes, die des Affen noch trockener als die der Katze, die des Menſchen wieder trockener als die des Affen und die gradweiſe abnehmende Fähigkeit des Geruchs - ſinns der betreffenden Säuger ſteht hiermit im vollen Einklange. Es würde uns hier zu weit führen, wollten wir alle Abſtufungen der Ausbildung des Geruchsſinnes von den riechunfähigen Walen an bis zu den ſpürenden und witternden Säugethieren verfolgen, und es mag deshalb genügen, wenn ich noch angebe, daß unter den Feuchtnaſen wiederum diejenigen am ausgezeichnetſten riechen, deren Geruchswerkzeuge noch beſonders beweglich oder zu echten Schnüffelnaſen umgewandelt ſind. Jn den Naſenbären oder Koatis und in den Schweinen lernen wir ſolche Schnüffler kennen, dürfen dabei aber nicht vergeſſen, daß auch die Naſen der Hunde, Schleich - und Ginſterkatzen, Mar - der und Anderer höchſt beweglich ſind. Daß die Fledermäuſe, welche noch beſondere Naſenanhänge beſitzen, den Feuchtnaſen nicht nachſtehen, iſt leicht erklärlich; eine derartige Ausbildung des Sinnes - werkzeuges, wie ſie ſich bei ihnen kund gibt, kann nur zur Schärfung des Sinnes dienen. Endlich glaube ich noch auführen zu müſſen, daß diejenigen Wohlgerüche, welche ſtumpfſinnige Naſen angenehm kitzeln, für alle feinriechenden Thiere abſcheuliche Dinge ſind: jeder Hund wendet ſich mit demſelben Ekel von dem kölniſchen Waſſer ab, wie vom Schwefelwaſſerſtoffgas. Nur ſtumpfſinnige Thiere be - rauſchen ſich in Düften, wie die Katze in denen des Baldrian; die wahren Geruchsthiere meiden alle hirnerregenden Gaſe mit Sorgfalt, ja mit Angſt, weil ſtarke Gerüche für ſie wahrſcheinlich geradezu ſchmerzlich ſind.
Es iſt fraglich, ob bei den Säugern der Sinn des Geruchs von dem des Gehörs überboten wird oder nicht. So viel ſteht feſt, daß der letztere in unſerer Klaſſe eine Entwickelung erreicht, wie in keiner andern. Der Gehörsſinn iſt zwar ſchon bei den tiefer ſtehenden Klaſſen des Thierreichs ziemlich ausgebildet, jedoch nirgends in dem Grade, daß er zum Leben, beiſpielsweiſe zum Aufſuchen der Beute oder Nahrung unumgänglich nöthig wäre. Dies iſt erſt bei den zwei oberen Klaſſen der Fall; allein das vollkommenſte Ohr der Vögel iſt immer nur eine Nachbildung des Säugethierohres. Daß die Vögel ganz vortrefflich hören, geht ſchon aus ihren tonkünſtleriſchen Begabungen hervor: ſie erfreuen und beleben ſich gegenſeitig durch ihren liederreichen Mund und durch ihr Gehör, welches ihnen eben das Reich der Töne erſchließt. Es iſt aber bemerkenswerth, daß auch unter ihnen nur die - jenigen liederbegabt ſind oder nur diejenigen ſich in Klängen und Tönen berauſchen, welche das am wenigſten entwickelte Gehör beſitzen, während den Feinhörigen, allen Eulen z. B., dieſelben Töne, welche andere Vögel entzücken, ein Greuel ſind. Geradeſo iſt es bei den Säugern. Hier zeigt ſchon der äußere und noch mehr der innere Bau des Ohres die höhere Begabung des entſprechenden Sinnes an; dieſe Begabung aber kann ſich ſo ſteigern oder der Sinn kann ſich ſo verfeinern, daß ihm Klänge, welche ſtumpferen Ohren wohllautend erſcheinen, gellend oder unangenehm werden. Ein muſikaliſches Gehör iſt deshalb keineswegs ein gutes oder feines zu nennen; es ſteht vielmehr auf einer tieferen Stufe der Entwickelung, als das eines wirklich feinhörenden Thieres, und wenn man von ſeiner Ausbildung ſpricht, kann man immer nur eine bezügliche meinen. Hieraus geht hervor, daß beim Menſchen der Sinn des Gehörs, wie der des Geruchs, auf einer tieferen Stufe ſteht, als bei anderen Säugern; dies thut aber ſeiner Stellung unter den Thieren durchaus keinen Abbruch: denn eben die gleichmäßige Ausbildung aller Sinne iſt es, welche ihn über alle Thiere erhebt.
Die Hörfähigkeit der Säuger iſt ſehr verſchieden. Taub iſt kein Einziger von ihnen: aber wirklich feinhörig ſind nur Wenige. Das äußere Ohr gibt einen ſo ziemlich richtigen Maßſtab zur Beurtheilung der geringeren oder größeren Entwickelung des Sinnes; d. h. alle Thiere, welche große, ſtehende und bewegliche Ohrmuſcheln beſitzen, hören beſſer, als diejenigen, deren Ohrmuſchel hängend, klein oder gar verkümmert iſt. Mit dem äußerlich verbeſſerten Sinneswerkzeug vermehrt ſich die Empfänglichkeit für die Töne; um es mit wenig Worten zu ſagen: großöhrige Säuger haſſen, klein - öhrige lieben Töne und Klänge. Der Delfin folgt entzückt dem Schiffe, von deſſen Bord Muſik zuBrehm, Thierleben. IIXXVI[XXVI]Ein Blick auf das Leben der Geſammtheit.ihm herabklingt; der Seehund erſcheint an der Oberfläche des Waſſers, wenn der Fiſcher leiſe und klangvoll pfeift; das Roß wiehert vor Luſt beim Schmettern der Trompeten; das Kamel ſtelzt fri - ſcher dahin, wenn die Zugglocke läutet; der Bär erhebt ſich beim Ton der Flöte; der Elefant, welcher wohl einen großen Ohrlappen, aber keine große Ohrmuſchel beſitzt, bewegt ſeine Beine tauzartig bei der Muſik, ja, er unterſcheidet ſchmelzende Arien von kräftigen Märſchen oder Kriegsgeſängen. Aber keines dieſer Thiere gibt einen für uns angenehmen, wohltönenden Laut von ſich, wie die tonbe - gabten Vögel, welche die Muſik lieben und durch ſie zum Singen und Jubeln aufgemuntert werden. Sie ähneln vielmehr noch den Lurchen, der Schlange z. B., welche von der Pfeife ihres Be - ſchwörers herbeigelockt, ja gebändigt wird. Anders benehmen ſich die feinhörigen Säuger beim Em - pfinden der Töne und Klänge, die ihren Ohren zu ſtark ſind. Der Hund erträgt den Baß des Mannes, nicht aber den Sopran der Frau; er heult beim Geſange des Weibes wie bei Tönen aus Blaswerkzeugen, während er die milderen Saitentöne ſchon viel beſſer leiden mag. Noch auffallender gebehrdet ſich eine großöhrige Fledermaus, wenn ſie Muſik hört: ſie geräth in peinliche Unruhe, zuckt mit den Vordergliedern und begleitet die äußeren Bewegungen mit zitternden Lauten ihrer Stimme; ihr ſind die ſtarken Töne geradezu entſetzlich. Wie ſich das Wild beim Hören geller Töne benimmt, weiß ich nicht: ich glaube aber, daß es ebenſo empfindlich gegen ſie iſt, wie die anderen großöhrigen Thiere.
Uebrigens läßt ſich über die wirkliche Schärfe des Gehörſinns nichts Beſtimmtes ſagen. Wir ſind nur im Stande, bei den einzelnen Thieren von bezüglicher Schärfe zu reden: die Höhe der Entwickelung des Sinnes läßt ſich nicht meſſen. Daß ſehr viele Säuger noch Geräuſche hören, welche wir durchaus nicht mehr wahrnehmen können, iſt ſicher: wie weit dies aber geht, wiſſen wir gar nicht. Es ſteht wohl feſt, daß eine Katze wie die Enle das Geräuſch, welches eine Maus beim Laufen ver - urſacht, vernimmt: allein es iſt unmöglich zu beſtimmen, auf welche Entfernung hin ſie die leiſen Fuß - tritte noch vom Raſcheln des Windes unterſcheiden können. Die großöhrige Fledermaus hört wahr - ſcheinlich das Fluggeräuſch kleiner Schmetterlinge, von deren Bewegung wir entſchieden Nichts mehr durch den Gehörſinn wahrnehmen können; der Wüſtenfuchs hört vielleicht das Krabbeln eines Käfers im Sande noch auf ein gutes Stück; das Wild vernimmt den Schall der Fußtritte des Jägers auf hundert, vielleicht zweihundert Schritte: alle dieſe Angaben beweiſen aber gar Nichts und gewähren uns keinen Anhalt zu genauer Beſtimmung.
Der Geſichtſinn der Säugethiere erreicht wahrſcheinlich nie dieſelbe Schärfe, wie der Ge - ruch und das Gehör. Daß alle Säuger hinſichtlich des Sehens von den Vögeln übertroffen werden, habe ich bereits erwähnt, bis zu welchem Grade aber, iſt ſchwer zu ſagen, da wir auch hierin wirkliche Beobachtungen nur an uns ſelbſt machen können. Es iſt wohl anzunehmen, daß von den Tagſängern kaum einer den Menſchen in der Entwickelung ſeines Auges und der damit verbundenen Sehſchärfe überbietet; wenigſtens ſind keine Beobachtungen bekannt, welche Dem widerſprächen. Anders verhält es ſich mit den Nachtthieren, alſo mit faſt allen Räubern, einigen Affen, allen Äffern, den Flatterthieren, mehreren Nagern und anderen. Sie beſitzen entweder ein ſehr entwickeltes Ge - ſicht oder aber auch ſehr verkümmerte Augen. Die wahren Raubthiere haben unſtreitig das ſchärfſte Geſicht unter allen Säugern; ihre Augen ſind aber auch ſo empfänglich für die Einwirkung des Lichtes, daß ſchon gewöhnliches Tageslicht wenigſtens vielen äußerſt unangenehm iſt. Das Raubthier - auge beſitzt daher auch viel innere Beweglichkeit; dieſe iſt aber keine willkürliche, wie bei den Vögeln, ſondern eine unwillkürliche, welche mit der größeren oder geringeren Helle im genauen Einklange ſteht. Unſere Hauskatze zeigt uns deutlich, wie das Licht auf ihr Auge wirkt: dieſes ſchließt ſich bei Tage dergeſtalt, daß der Stern nur wie ein ſchmaler Strich erſcheint, während es ſich mit der Dunkelheit verhältnißmäßig ausdehnt. Sie beſtätigt alſo auch hinſichtlich des Geſichts die Wahrheit, daß nur ein mittelmäßig entwickelter Sinn ſtärkere Reize vertragen kann. Als Regel darf gelten, daß alle Säuger, welche runde Augenſterne beſitzen, Tagthiere ſind oder bei Tage und bei Nacht verhältniß - mäßig gleich ſcharf ſehen, während diejenigen, deren Stern ſpaltartig erſcheint, erſt mit der Däm - merung die volle Schärfe ihres Sinnes benutzen können.
Merkwürdig iſt die in der höchſten Klaſſe einige Male vorkommende Verkümmerung der Augen, welche vollkommene Blindheit bedingen kann, wie beim Blindmoll. Das Auge fehlt, ſo viel bis jetzt bekannt, keinem Säugethiere: unſer Maulwurf, welcher oft genug mit ſeinem „ blinden ‟ BruderXXVII[XXVII]Sinnesthätigkeit. Geſicht. Das Auge als Seelenſpiegel. Geiſtesfähigkeiten. Charakter.verwechſelt worden iſt, beſitzt ſchon ein ziemlich ſehfähiges: und deshalb enthalten auch die ſchönen Worte unſeres Rückert die volle Wahrheit:
Das Auge der Säugethiere müſſen wir übrigens auch noch von einem anderen Standpunkte betrachten: als äußeres, ſichtliches Bild des Geiſtes. Bei den unteren Klaſſen hat das Auge noch nicht die Beredtſamkeit erlangt, daß es als Spiegel der Seele erſcheinen könnte. Wir finden es zwar bei der Schlange tückiſch, beim Krokodil hämiſch und bei einigen Vögeln mild, bei anderen aber ſtreng oder ernſt, muthig ꝛc. : allein mit wenigen Ausnahmen legen wir ſelbſt Das hinein, was wir zu ſehen glauben. Erſt aus dem lebendigen Falken - oder Adler auge ſpricht uns das Jnnere an: bei dem Auge der Säugethiere iſt Dies aber faſt immer der Fall. Hier können wir wirklich von einem Geſichtsausdruck reden: und an einem ſolchen nimmt ja eben das Auge den größten Antheil. Deshalb hat ſich das Volk mit richtiger Erkenntniß längſt ſeine Bilder gewählt und ſpricht mit Recht von dem blöden Ange des Rindes, dem ſchönen Auge der Girafe, dem milden der Gazelle, dem treuherzigen des Hundes, dem frommen oder dummen des Schafes, dem falſchen des Wolfes, dem glühenden des Luchſes, dem tückiſchen des Affen, dem ſtolzen des Löwen ꝛc. : denn bei allen dieſen Thieren iſt das Auge wirklich der trugloſe Spiegel des Geiſtes. Die Bewegung der Thierſeele ſpricht aus dem Auge; dieſes erſetzt die fehlende Sprache. Schmerz und Freude, Betrübniß und Heiterkeit, Angſt und Leichtſinn, Kummer und Fröhlichkeit, Haß und Liebe, Abſcheu und Wohlwollen finden in dem Auge ihren ſtummberedten Verkündiger: der Geiſt offenbart ſich hier äußerlich. Und ſo mag uns das Auge als Bild und Dolmetſch zur allgemeinen Betrachtung des Thiergeiſtes führen.
Es zeugt von ebenſoviel Hochmuth als Unverſtand, wenn der Menſch mit hohlem Stolze alle höheren Geiſtesfähigkeiten für ſich beanſprucht und dem Thiere vornehm nur unbewußten Trieb, gleich - ſam nur Ahnung anſtatt der Erkenntniß läßt. Noch heutzutag leugnen viele Leute nicht nur den Verſtand, ſondern alle edleren Geiſtesgaben der Thiere überhaupt, aus demſelben Grunde, mit welchem ſie behaupten, daß alle Thiere blos des Menſchen wegen erſchaffen worden ſeien. Dieſe Leute thun Dies freilich nicht aus vernünftiger, d. h. auf der Beobachtung und Erkenntniß fußender Ueberzeugung, ſondern aus Furcht, daß ihr ſchwankendes Wahngebäude zuſammenſtürze, wenn ſie dem Menſchen einen Theil ſeiner Halbgöttlichkeit nehmen, indem ſie dem Thiere etwas Menſchliches zugeſtehen. Der Naturforſcher urtheilt anders, weil er nicht in ſeiner Meinung, ſondern in ſeinem Wiſſen die Grund - bedingung eines gerechten Urtheils findet. Jhm wird es niemals einfallen wollen, die weite Kluft wegzuleugnen, welche zwiſchen dem Geiſte des Menſchen und dem des Thieres beſteht: ebenſowenig aber kann er hohe Entwickelung der Geiſteskräfte, welche ſich im Thiere bemerklich macht, in Ab - rede ſtellen.
Das Säugethier beſitzt Gedächtniß, Verſtand und Gemüth und hat daher oft einen ſehr entſchiedenen, beſtimmten Charakter. Es zeigt Unterſcheidungsvermögen, Zeit -, Ort -, Farben - und Tonſinn, Erkenntniß, Wahrnehmungsgabe, Urtheil, Schlußfähigkeit; es bewahrt ſich gemachte Er -II *XXVIII[XXVIII]Ein Blick auf das Leben der Geſammtheit.fahrungen auf und benutzt ſie; es erkennt Gefahren und denkt über die Mittel nach, um ſie zu vermei - den; es beweiſt Neigung und Abneigung, Liebe gegen Gatten und Kind, Freunde und Wohlthäter, Haß gegen Feinde und Widerſacher, Dankbarkeit, Treue, Achtung und Mißachtung, Freude und Schmerz, Zorn und Sauftmuth, Liſt und Klugheit, Ehrlichkeit und Verſchlagenheit. Das kluge Thier rechnet, bedenkt, erwägt, ehe es handelt, das gefühlvolle ſetzt mit Bewußtſein Freiheit und Leben ein, um ſeinem inneren Drange zu genügen. Das Thier hat von Geſelligkeit ſehr hohe Begriffe und opfert ſich zum Wohle der Geſammtheit; es pflegt Kranke, unterſtützt Schwächere und theilt mit Hungrigen ſeine Nahrung. Es überwindet Begierden und Leidenſchaften und lernt ſich beherrſchen: es zeigt alſo auch ſelbſtändigen Willen und Willenskraft. Es erinnert ſich der Vergangenheit jahrelang und gedenkt ſogar der Zukunft: es ſammelt und ſpart für ſie.
Dieſe verſchiedenen Geiſtesgaben beſtimmen den Charakter.
Das Thier iſt muthig oder furchtſam, tapfer oder feig, kühn oder ängſtlich, ehrlich oder diebiſch, offen oder verſchmitzt, gerade oder hämiſch, ſtolz oder beſcheiden, zutraulich oder mißtrauiſch, folgſam oder ſtörriſch, dienſtſam oder herrſchſüchtig, friedfertig oder ſtreitluſtig, heiter oder traurig, luſtig oder grämlich, geſellig oder ungeſellig, freundſchaftlich gegen Andere oder feindſelig gegen die ganze Welt — und wer könnte ſagen, was ſonſt noch Alles!
Jch müßte ein beſonderes Buch ſchreiben, wie Scheitlin, wollte ich mich jetzt über den Thier - geiſt noch weiter auslaſſen. Vorſtehendes genügt jedem Unbefangenen, — und ſelbſt der hochmüthige Vergötterer des Menſchen kann die Wahrheit des Geſagten nicht leugnen. Bei der Einzelbeſchreibung der Säugethiere werde ich nicht verfehlen, zu meinen Behauptungen auch Beweiſe zu liefern.
Dem Menſchen geſchieht kein Unrecht, ihm wird nicht Abbruch gethan, wenn wir die Thiere auch hochſtellen. Herder nennt dieſe „ die erſtgeborenen Brüder des Menſchen ‟ und Scheitlin ſagt ſehr wahr und treffend: „ Alles Thier iſt im Menſchen, aber im Thier iſt nicht aller Menſch. ‟ Dieſer bleibt auch neben dem höchſten Thiere, was er iſt.
Eins dürfen wir hier nicht vergeſſen: ich meine die Steigerung, welcher alle Geiſteskräfte des Thieres fähig ſind, wenn ihm Erziehung zu Theil wird. Es gibt ebenſowohl geſittete, wohler - zogene, oder ungeſittete, flegelhafte, ungezogene Thiere als Menſchen. Der Erzieher übt einen unend - lichen Einfluß auf das Thier aus. Schon eine wohlerzogene Thiermutter vererbt einen guten Theil ihrer Tugenden auf ihre Kinder: der hauptſächlichſte und vorzüglichſte Erzieher aber iſt der Menſch. Ein einziges Beiſpiel mag genügen: unſer am beſten erzogenes Thier, der Hund, ſoll es ſein. Dieſer wird mit der Zeit ein wahres Spiegelbild ſeines Herrn; er eignet ſich, ſo zu ſagen, deſſen Charakter an: der Jagdhund den des Jägers, der Fleiſcherhund den des Fleiſchers, der Schifferhund den des Schiffers, der Lappen -, Eskimo -, Jndianerhund den ſeiner bezüglichen Gebieter. Nur Männer können Thiere erziehen: Dies beweiſen oder bewieſen alle Mopſe, dies zeigen die Hunde und Katzen einſamſtehender Frauen oder Jungfrauen: ſie ſind regelmäßig verzogen, nicht erzogen. Das Thier verlangt Ernſt und Feſtigkeit von Dem, welcher es lehrt, nicht aber zu große Milde und Wankelmuth.
Der Heimatkreis des Säugethieres iſt beſchränkter, als der eines Vogels oder Fiſches, ja ſelbſt eines Lurches. Nur das Meer geſtattet den Bewohnern aus unſerer Klaſſe große Willkür - lichkeit der Bewegung und Ortsveränderung, allein immer nicht in demſelben Grade, wie dem Vogel; in den zuſammenhängenden Meeren aller Erdtheile finden ſich blos folgende Säugethiere: der See - hund, die Ohrenrobbe, mehrere Delfine und zwei Wale. Auch die Meerſäuger beweiſen, daß ihre Klaſſe dem Lande und nicht dem Waſſer angehört; denn auch ſie ziehen die Küſte dem offenen Meere vor.
Auf dem Feſtlande nimmt der Verbreitungskreis der Säugethiere viel engere Grenzen an, als in dem Meere. Viele Arten haben ein ſehr kleines Vaterland. Man hat die Erde mit Rück - ſicht auf ihre Bewohner in gewiſſe Reiche getheilt, welche man thierkundliche (zoologiſche) genannt hat. Ein ſolches Reich hat immer ſeine ihm eigenthümlichen, thieriſchen Einwohner; zwei ſich ent - ſprechende Reiche weiſen auch ähnliche Thiere auf, ſelbſt wenn das eine Reich von der Tiefe zur Höhe, und das andere von niederer Breite zur höheren aufſteigt. Um Dies deutlicher zu machen, will ich hier die beſonders abgeſchloſſenen Reiche angeben und ihre Bewohner dazu nennen:
XXIX[XXIX]Heimatkreiſe. Charakterthiere des Polarkreiſes, des nördlichen, gemäßigten Gürtels, Südaſiens ꝛc.Das erſte Reich faßt in ſich den ganzen Norden, welcher innerhalb des Polarkreiſes liegt. Die Trennung zwiſchen beiden Erdhälſten iſt noch nicht ausgeſprochen, aber doch ſchon angedeutet. Der Eisbär, zwei Vielfraße, der Eisfuchs, mehrere Lemminge, zwei Schneehaſen, die Pfeifhaſen, das Nenthier, mehrere Seehunde, das Walroß, der Pottfiſch, Narwal, die Finnfiſche und der gemeine Wal kennzeichnen dieſen ärmſten Kreis der Erde. Jhm entſpricht einiger - maßen der Höhenkreis unſeres gewaltigen Alpengebirges, von etwa 6000 Fuß über Meer an auf - wärts: er enthält die Gemſe, den Steinbock, eine Schneewühlmaus, das Murmelthier und den Alpenhaſen.
Ungleich reicher an Formen und Arten zeigt ſich der gemäßigte Gürtel unſerer Nordhälfte. Seine Pflanzen - und Thierwelt ſcheidet ihn in zwei Hälften: in die des Oſtens und Weſtens. Wag - ner trennt den erſteren in fünf Gebiete: nämlich in Mittel - und Südeuropa, in Nordafrika, Südſibi - rien und die Steppe von Turan. Dieſen Gebieten ſind gemeinſam: vier Fledermäuſe, zwei Spitz - mäuſe, der Fiſchotter, der Fuchs, die weltverbreitete Wanderratte und die Waſſerratte. Nächſt dieſen Thieren verbreiten ſich über die meiſten Gebiete: die Fledermäuſe und Spitzmäuſe, der Maulwurf, Bär und Dachs, faſt ſämmtliche Marder, der Wolf und Luchs, das Eichhorn und die Mäuſe. Mitteleuropa für ſich allein beſitzt nur wenige Fledermäuſe und Spitzmäuſe, eine Schlafmaus, einen Blindmoll, vier Wühlmäuſe und den Auerochſen; Südeuropa einige Fledermäuſe, eine Rüſſelſpitzmaus, den Blindmaulwurf, die Boccamele (ein Wieſel), eine Manguſte, einen Luchs, eine Wühlmaus, einen Haſen und den Mufflon; Nordafrika den türkiſchen Affen, einen Jgel, eine Nohrrüſſelmaus, den Jchneumon, den Fenek, den Wü - ſtenluchs, ein Eichhorn, eine Springmaus und Andere; Sibirien und Turan zeigen: den Oh - renigel, den Korſak, den Manul, den Zobel, die Steppenantilope. — Dachs, Luchs, Wildkatze, Jgel, Maulwurf, Blindmoll, die Wühlmäuſe, Edelhirſch, Reh, Mufflon und Auerochs dürfen als Charakterthiere der ganzen Oſthälfte des Reiches betrachtet werden.
Die zweite Hälfte des nördlichen gemäßigten Gürtels kennzeichnet ſich durch ſehr viele eigen - thümliche Fledermäuſe und Spitzmäuſe, die amerikaniſchen Bären und Waſchbären, einen Dachs, die Stinkthiere, mehrere Marder, einen Vielfraß, einen Fiſch - und einen Seeotter, mehrere Hunde, die einfarbige Katze, einige Beutelratten, ſehr viele Baum -, Flug - und Erdeichhörnchen, Zieſel, Murmelthiere, kleinere Nager, viele Haſen, mehrere Hirſche, zwei Antilopen, das Bergſchaf und den Biſon. Die Aehnlichkeit der Thierformen der Weſt - und Oſthälſte des gemäßigten Gürtels iſt unverkennbar.
Anders finden wir es, wenn wir die verſchiedenen Gebiete der Wendekreisländer mit einander vergleichen. Hier ſpricht ſich jedes ſcharf und beſtimmt für ſich ſelbſt aus, und nur wenige Formen ſind allen Reichen gemeinſam. Der Reichthum der Tropenwelt iſt zu groß, und die Eigenthümlichkeiten der verſchiedenen Gebiete ſind zu bedeutend, als daß nicht auch die Thierwelt in demſelben Verhältniſſe Reichthum und Eigenthümlichkeit der Geſtalten zeigen ſollte. Hochaſien bildet gleichſam ein Binde - glied zwiſchen dem Nord - und Gleichergürtel der Erde; es hat Vieles mit beiden gemein: und des - halb müſſen wir es wenigſtens flüchtig betrachten. Wir verſtehen darunter Vorder - und Hinteraſien, Japan, Nepal und die Eufratländer. Dieſe Länder zeichnen aus: der japaneſiſche Hundsaffe, zwei fruchtfreſſende und einige echte Fledermäuſe, Spitzmäuſe, ein Maulwurf, der Kragenbär, der japaneſiſche Dachs, der Bandiltis, einige Manguſten und Ginſterkatzen, Baum - und Flughörnchen, kleine Nager, eigenthümliche Haſen und Murmelthiere, der Dſchiggetai oder Halbeſel, das japaneſiſche Schwein, das Trampelthier, ein Moſchusthier, einige Hirſche und Antilopen, der kaukaſiſche Steinbock, die Bezoarziege und die Ziege des Himalaya, der Argali, der Burrhal, Nahur und andere Schafe und der Yak oder das Gebirgsrind. Viele andere Thiere gehören Hochaſien und dem Nordgürtel oder Hochaſien und den Wendekreisländern Aſiens zugleich an.
Südaſien iſt reicher, als alle bisher genannten Gebiete, zeigt uns aber zugleich auch große Beſchränkung in der Verbreitung mancher Thiere. Wir verſtehen unter dieſem neuen Gebiete Vorder - und Hinterindien, Java, Sumatra und Borneo, ſowie die übrigen Molucken. Hier leben der Orang - Utang, die Langarm - und Schlankaffen, die meiſten Makaken oder Hundsaffen, die Loris oder Faulaffen und das Koboldäffchen, die Flughunde, große Fledermäuſe, der Halsband -XXX[XXX]Ein Blick auf das Leben der Geſammtheit.und Lippenbär, der Ratel, viele Zibet - und Schleichkatzen oder Manguſten, viele Hunde, der aſiatiſche Löwe, der Tiger, Panther, Gepard und noch viele andere Katzen, die meiſten und größten Flughörnchen, mehrere Schuppenthiere, der wilde Eſel, der aſiatiſche Elefant, das indiſche Nashorn und der indiſche Tapir, mehrere Schweine, darunter der Hirſcheber, die echten Moſchusthiere, der Nylgau, die vierhörnige und die Hirſchantilope und mehrere Ochſen.
Afrika zeigt ein nicht minder ſelbſtändiges Gepräge und eine große Verbreitung der ihm eigenthümlichen Thiere. Jhm gehören zu: der Gorila und Schimpanſe, ſämmtliche Meerkatzen, die Stummelaffen, Paviane und viele Äffer, welche namentlich auf Madagaskar zu Hauſe ſind, eigenthümliche Fledermäuſe, Jgel, Spitzmäuſe, das Scharrthier, viele Ginſter -, Zibet - und Schleichkatzen, der großöhrige Hund und der Fenek nebſt vielen anderen Hunden, die Hiänen und der Hiänenhund, der Löwe, Leopard, Jagdparder, Serwal und Karakal, ſowie die Ril - katze, die meiſten Erdeichhörnchen, eigenthümliche Siebenſchläfer, die Spring -, Steppen - und Wüſtenmäuſe, das Erdferkel und zwei Schuppenthiere, das Zebra, Quagga und Tiger - pferd, der afrikaniſche Elefant, drei Nashörner, das Flußpferd, die Larvenſchweine, die Klippſchliefer, die Girafe, fünf Sechstheile aller Antilopen, einige Steinböcke, das Mäh - nenſchaf, zwei Büffel und eine Ohrenrobbe.
Bei aller Eigenthümlichkeit dieſer Thierwelt zeigt ſich gleichwohl noch immer große Ueber - einſtimmung mit jener Aſiens und ſelbſt der Europas. Namentlich die Wüſten - und Steppenthiere erinnern auffallend an die, welche in der Tiefebene Turans leben. Die Waldarmuth Afrikas iſt ſehr deutlich ausgeſprochen: die Hirſche z. B. fehlen im Süden und in der Mitte ganz, und die Eich - hörnchen ſind auf den Boden herabgekommen. Jn ſeinen Dickhäutern und der Girafe zeigt ſich Afrika gleichſam noch als Urland, als von gewiſſen neueren Schöpfungsabſchnitten unberührt.
Ganz das Gegentheil von Afrika macht ſich in Amerika bemerklich. Das ungeheuere Ge - birg und die unermeſſenen Wälder ſprechen ſich deutlich in ſeiner Thierwelt aus. Alles in dieſem Erdtheile iſt neu, Alles eigenthümlich; an die alte Welt erinnern manche Thierformen blos noch entfernt. Jch will kurz ſein und nur die bemerkenswertheſten Thiere Mittel - und Südamerikas hier nennen. Amerika beherbergt ausſchließlich: die Brüll -, Klammer -, Rollſchwanz -, Woll -, Schweif -, Racht - und Krallenaffen, — zwei Familien! — die blutſaugenden Fledermäuſe oder Vampire, einige ihm eigene Bärthiere, Stänker und Fiſchottern, einige Hunde, den Puma, Kuguar und Jaguar, die Pardel-Tigerkatzen, viele Beutler in zwei Amerika eigenthümlichen Sippen, ſehr viele Nager, darunter die Haſenmäuſe und Hufpfötler, welche ebenfalls nur hier vertreten ſind, die Faulthiere und Gürtelthiere nebſt den Ameiſenbären, zwei Tapire, die Biſamſchweine, einige Hirſche, drei, oder richtiger vier Lamas ꝛc. Jm Vergleich zu der Zahl der Ordnungen, Familien und Arten aus der Klaſſe der Vögel ſcheint es freilich, als ob Südamerika arm an Säugethieren wäre: wenn man aber die Eigenthümlichkeit der Sippen und die Menge der Arten bedenkt, wird man bald eines Beſſeren belehrt.
Einige Forſcher, unter ihnen Wagner, trennen den höheren Süden Amerikas oder Chile, die Pampas des Rio de la Plata, Patagonien und das Feuerland von dem übrigen Südamerika und bilden aus dieſen Ländern einen eigenen thierkundlichen Kreis, obgleich er nur ſehr wenige ihm ganz eigenthümliche Thiere beſitzt. Es ſind Dies etwa folgende: eine Fledermaus, ein Stink - thier, der magellaniſche und der ſüdamerikaniſche Hund, die Pampaskatze, mehrere Nager, darunter die Chinchillen und ein Biber, ſowie einige Meerſäuger.
Auſtralien zeigt uns ein ſehr ſelbſtändiges Gepräge, bei all ſeiner Armuth an Säugern. Es iſt das eigentliche Vaterland der Beutelthiere. Man kennt im Ganzen etwa 140 Arten von Säugern, welche in Auſtralien leben: davon gehören 110 Arten den Beutelthieren zu. Das allbekannte Känguru, die Raubbeutler und Beutelbilche mögen ſie kennzeichnen. Außer - dem wohnen in Auſtralien noch der Dingo, das Schnabelthier und der Ameiſenigel, ſämmtlich echte Charakterthiere des merkwürdigen Erdtheils.
Faſſen wir das nunmehr Gewonnene hinſichtlich der Ordnungen und Familien zuſammen, ſo ergibt ſich Folgendes: Die Affen ſind auf den warmen Gürtel der Erde beſchränkt: der Oſten und Weſten unterſcheiden ſich aber ſcharf durch eigene Familien, Sippen und Arten; die Halbaffen oder Äffer bewohnen blos die heißen Länder der alten Welt; die Beutelthiere finden ſich ausſchließlichXXXI[XXXI]Charakterthiere Amerikas und Auſtraliens. Zahl der Säugethiere. Vorweltsſäuger. Lebensweiſe.in Neuholland, Amerika und Aſien, die Wenigzähnigen fehlen in Europa, die Wiederkäuer und Vielhufer in Auſtralien; die Einhufer ſind urſprünglich nur in Aſien und Afrika heimiſch geweſen; die Fledermäuſe, Raubthiere, Nager, Floſſenfüßer und Wale ſind Weltbürger.
Bezüglich der engeren Verbreitung kann man ſagen, daß ſich der Verbreitungskreis einer Art in öſtlich-weſtlicher Richtung regelmäßig weiter erſtreckt, als vom Norden nach Süden hin. Der Oſten und Weſten weiſen auch viel häufiger ähnliche, ſich gleichſam entſprechende Geſtalten auf, als der Norden und Süden; jedoch ſpricht ſich zwiſchen dem nördlichen und ſüdlichen kalten Gürtel, ja ſelbſt zwiſchen dem Norden und Süden eines Erdtheils, zumal Afrikas, immerhin eine große Ueberein - ſtimmung aus. Man darf deshalb ſagen, daß ähnliche Länder auch ſtets ähnliche Thiere beherbergen, ſo große Strecken auch trennend zwiſchen ſie treten mögen.
Die Anzahl aller jetzt lebenden und bekannten Säugethierarten beträgt etwas über zwei - tauſend. Hiervon gehören etwa 150 Arten Europa (gegen 60 ausſchließlich) an, ungefähr 240 Arten wohnen in Afrika, 350 Arten in Aſien, 400 Arten in Amerika und gegen 140 in Auſtralien. Auf die Ordnungen vertheilt ſich dieſe Anzahl in folgender Weiſe: Die Affen und Äffer zählen 220, die Fledermäuſe 320, die Raubthiere 410, die Beutelthiere 130, die Nager 620, die Wenigzähnigen 35, die Vielhufer 33, die Einhufer 7, die Wiederkäuer 180, die Floſſen - füßer 33 und die Wale 65 unbeſtrittene Arten.
Hierzu würden noch die vorweltlichen Säugethiere zu zählen ſein. Von dieſen kennt man nach H. von Mayer etwa 780 Arten. Die Verbreitung der vorweltlichen Säuger war eine ganz andere, als die der jetzigen es iſt; doch beſaßen auch ſchon in der Urzeit gewiſſe Gegenden der Erde ihre eigenthümlichen Säugethiere. Die meiſten verſteinerten Knochen finden ſich im Schuttlande oder „ Diluvium ‟; jedoch hat uns auch das Eis Sibiriens vorweltliche Thiere aufbewahrt, und zwar in einer ſtaunenswerthen Friſche, ſo daß ſich nicht nur Haut und Haar erhalten hatte, ſondern auch das Fleiſch ſich noch in einem Zuſtande befand, daß Eisbären und Eisfüchſe, ſowie die Hunde der Jakuten davon wacker ſchmauſten. Nur wenige Vorweltsſäuger (etwa der ſiebente Theil), von allen, welche man kennt, haben die Zeit der Schuttlandsbildung überlebt und finden ſich jetzt noch: die übrigen ſind ausgeſtorben und geſtrichen aus dem Buche der Lebendigen. Von den bis jetzt bekannten Vor - weltsſäugern gehörten an: den Affen etwa 20, den Fledermäuſen ebenſoviele, den Raubthieren faſt 200, den Beutelthieren gegen 30, den Nagern beinahe 100, den Wenigzähnigen 40, den Vielhufern 150, den Einhufern 9, den Wiederkäuern 120, den Schwimmfüßern 9 und den Walen endlich 55 Arten. Alle Vorweltsthiere und ſomit auch die vorweltlichen Säuger beſtätigen die moſaiſche Schöpfungsſage hinſichtlich der Zeitfolge, in welcher die verſchiedenen Klaſſen der Thiere entſtanden, ſoweit eine Sage eben beſtätigt werden kann: die Säugethiere gehören wirklich nur den neueren Schöpfungsabſchnitten an.
Die leiblichen und geiſtigen Begabungen eines Säugethieres beſtimmen ſeine Lebensweiſe in der ihm gegebenen Heimat, deren Erzeugniß, deren Geſchöpf es iſt. Jedes richtet ſich eben nach ſeinen Gaben ein: es benutzt die ihm gewordene Ausrüſtung in der ergiebigſten Weiſe. Eine ge - wiſſe, verſtändige Willkür in der Lebensart kann keinem Thiere abgeſprochen werden. Die Säuge - thiere ſind natürlich mehr an eine gewiſſe Oertlichkeit gebunden, als das leichte, bewegungsluſtige Volk der Vögel: allein ſie wiſſen dafür eine ſolche Oertlichkeit vielleicht beſſer oder vielſeitiger zu benutzen, als dieſe.
Die Säugethiere ſind weſentlich Landbewohner, und je vollendeter eine Art unſerer Klaſſe iſt, um ſo mehr wird ſie Landthier ſein. Jm Waſſer finden wir daher blos die plumpſten oder maſſigſten, auf dem Lande dagegen die entwickeltſten, edelſten Geſtalten. Die größten Landſäuger ſind im Vergleich zu dem Walfiſch nur Zwerge. Das Waſſer erleichtert aber auch jede Bewegung einer großen, ungeſchlachten Maſſe ungemein: und je leichter ein Thier ſich zu bewegen vermag, um ſo größer kann es ſein. Daß auch das Umgekehrte ſtattfindet, beweiſen alle Thiere, welche zu ihrer Fortbewegung große Kraftanſtrengung nöthig haben, wie z. B. die Gräber und Flatterer, die Maulwürfe oder Fledermäuſe. Bei ihnen iſt die Körpermaſſe in demſelben Verhältniß ver - kümmert, in welchem ſie bei den Waſſerſäugern ſich vergrößert hat.
XXXII[XXXII]Ein Blick auf das Leben der Geſammtheit.So zeigt ſich alſo ſchon in der Leibesgröße eine Beſtimmung für die Lebensweiſe des Thieres. Noch mehr aber wird dieſe Beſtimmung durch die Ausrüſtung ausgeſprochen. Daß ein Fiſch - oder Floſſenſäuger ſchwimmt oder ein Flatterthier fliegt, verſteht ſich eigentlich von ſelbſt: ebenſo gut aber auch, daß der Affe oder das Eichhorn oder die Katze klettern, der Maulwurf gräbt und die Viel - und Einhufer oder Wiederkäuer auf dem Boden laufen: ihre Gliederung weiſt ſie dazu an. Hierzu kommt nun noch die Willkürlichkeit in der Wahl des Ortes, um den Aufent - halt eines Thieres zu beſtimmen.
Hinſichtlich der Ordnungen läßt ſich Folgendes ſagen: Die altweltlichen Affen ſind Baum - oder Felſen -, die neuweltlichen Affen und die Äffer aber ausſchließlich Baumthiere; die Fleder - mäuſe leben in der Luft, ſchlafen aber auf oder in Bäumen und in Felſen. Die Kerbthierräuber leben größtentheils auf dem Boden, einige aber auch unter der Erde und andere ſogar auf Bäumen. Die fleiſchfreſſenden Raubthiere bewohnen Bäume und Felſen, den Boden und das Waſſer; doch gehört die größere Anzahl den Erdthieren an, und nur ſehr wenige führen ein theilweiſe unterirdiſches Leben. Die Beutelthiere leben auf der Erde, in Höhlen, im Waſſer und auf Bäumen, die Nage - thiere überall, nur nicht im Meere, größtentheils aber in Höhlen. Die Zahnloſen ſind Erd -, Höh - len - und Baumthiere, die Dickhäuter leben wieder größtentheils auf dem Boden, einige aber auch im Sumpfe oder im Waſſer ſelbſt; die Einhufer und Wiederkäuer ſind ausſchließlich Erd - oder Felſenthiere; die Floſſenfüßler und Wale endlich Meerbewohner.
Es muß Jedem, welcher beobachtet, auffallen, daß ſich nicht allein die Heimat im weiteren Sinne, ſondern auch der Wohnkreis, ja, der eng begreuzte Aufenthaltsort des Thieres in dem Ge - ſchöpfe ſelbſt kund gibt. Die Zuſammengehörigkeit von Land und Thier offenbart ſich nämlich nicht allein in der jedem Thiere eigenthümlichen Gliederung, ſondern auch, und zwar ſehr ſcharf und bezeichnend, in der Färbung. Als allgemeine Regel kann gelten, daß das Thier eine Färbung beſitzt, welche der vorherrſchenden Färbung ſeines Wohnortes genau entſpricht. Der außerordentliche Vortheil, welchen das Thier von einer ſolchen Gleichfärbigkeit mit ſeiner Heimat ziehen kann, wird klar, wenn wir bedeuken, daß ſich das Raubthier an ſeine Beute möglichſt unmerkbar an - ſchleichen, das ſchwache Thier aber ſich vor dem Räuber möglichſt gut verſtecken muß. Es liegt mir fern, in der Gleichfärbigkeit des Thieres und ſeiner Heimat ein Schöpfungswunder zu erblicken, weil ich das Thier einfach als Erzeugniß ſeiner Heimat betrachte und über das Wie dieſer Zuſammengehörigkeit nicht früher grüblen mag, als mir die Wiſſenſchaft haltbare, auf natürlichem Grunde fußende Vor - lagen zur Erklärung gewähren kann. Jch will hier auch keine Erklärungen, ſondern einfache That - ſachen geben.
Schon die Affen ſind durchgehends ihren Wohnorten gleich gefärbt: Braun, Grasgrün und Grau ſind die hauptſächlichſten Färbungen ihres Haarkleides, und ſie entſprechen eben der Baum - rinde oder dem Gelaube und Graſe, ſowie den Felſen, auf denen ſie wohnen. Alle Flatterthiere, welche auf Bäumen leben, zeigen ebenfalls eine braune oder grünliche Färbung, diejenigen, welche in Felſenritzen ſchlafen, das ungewiſſe Grau der Felſen — oder der Dämmerung. Unter den Raub - thieren finden ſich viele, welche als wahre Spiegelbilder ihrer Heimat zu betrachten ſind. Der Wolf trägt ein echtes Erdkleid: das Fahlbraun und Grau ſeines Pelzes ſchmiegt ſich allen Färbungen ſeines Wohnkreiſes an; Reinecke, der Schleicher, zeigt uns, daß er bei uns zu Lande ebenſo wohl zum Nadel - wie zum Laubwalde paßt; ſein Vetter im Norden, der Polarfuchs, legt im Winter ein Schneekleid, im Sommer ein Felſenkleid an; ein anderes Glied ſeiner Sippſchaft, der Fenek, trägt das iſabellfarbne Gewand der Wüſte. Die Hiänen, als Nachtthiere, ſind in Grau gekleidet, in diejenige Farbe, welche am eheſten dem Auge verſchwindet. Löwe und Leopard, Gepard und Serwal geben ſich als echte Steppenthiere zu erkennen; Braungelb iſt Grundfarbe, aber allerlei anders gefärbte Flecken zeigen ſich auf ihr: die Steppe iſt bunter und darf daher auch das Thier ſchon malen. Unſere nordiſchen Katzen entſprechen ihrer farbloſeren Heimat und unſerer trüberen Nacht: Grau iſt ihre Hauptfärbung; der Karakal iſt wieder echtes Wüſtenthier; der Tiger zeigt ſogar die Rohrſtängel ſeiner Bambuswälder in den ſchwarzen Streifen, der Leopard die buntlaubigen Gebüſche Mittelafrikas auf ſeinem Fell; die amerikaniſchen Katzen ſpiegeln ihre bunten Wälder wieder. Jn den Ginſter - und Schleichkatzen ſehen wir echte Erdthiere: Grau mit oder ohne Flecken und Strei - fen, und ein überall hinpaſſendes, ſehr ſchwer zu beſchreibendes Graugrün ſind die hauptſächlichſtenXXXIII[XXXIII]Uebereinſtimmung der Färbung mit dem Wohnort. Leitthiere. Tag - und Nachtthiere.Färbungen ihres Pelzes. Die Marder bekunden ihre Allſeitigkeit auch im Fell. Beim Baummarder iſt es braun, beim Steinmarder graulicher, beim Jltis fahler; das Wieſel endlich wechſelt ſein Som - merkleid mit dem Winter - oder Schneekleide. Unſer Bär iſt erdbraun, der Eisbär weiß, der Waſch - bär rindenfarbig. Die Beutelthiere zeigen ebenfalls Erd -, Gras - oder Baumfärbung. Sehr deutlich tritt die Gleichfärbigkeit bei den Nagern hervor. Jch erinnere an die Haſen. Jeder Jäger weiß, was es ſagen will, einen Haſen im Lager zu ſehen. Die Aehnlichkeit ſeines Pelzes und des Bodens iſt ſo groß, daß man auf zehn Schritt Entfernung an ihm vorübergehen kann, ohne ihn zu bemerken. Der Wüſtenhaſe iſt natürlich iſabellgelb, der nordiſche oder Hochgebirgshaſe aber wechſelt ein Sommer - und ein Winterkleid. Das Kaninchen, ein Höhlenthier, hat grane Färbung. Unſer Eichhörnchen iſt fichtenrindenbraun, das nordiſche und das fliegende dagegen ſind birkenrindenfarbig. Feldmäuſe haben ein graubraunes, Wüſtenmäuſe ein fahlgelbes, Steppenmäuſe ein gelblichbraunes, oft ge - ſtreiftes Haarkleid. Unter den Wiederkäuern tragen die Hirſche ein Waldkleid, die Gemſen, Renthiere und Steinböcke ein Felſenkleid, die Antilopen ein Steppen - oder Wüſtenkleid. Die Einhufer geben ſich wenigſtens im Quagga, Zebra und wilden Eſel als Steppenthiere, die Viel - hufer in ihrem unbeſtimmbaren Grau als Sumpfbewohner zu erkennen. Kurz, die angegebene Regel iſt eine allgemeine, und Ausnahmen ſind nicht häufig. Man wird ſelten irren, wenn man in einem braun, graugrün oder ſilbergrau gefärbten Säuger einen Baumbewohner, in einem dunkelgrau, fahl - gelb, röthlichgrau, erdbraun und ſchneeweiß gefärbten einen Erdbewohner vermuthet. Jſabellgelb iſt Wüſtenfarbe, Dunkelgelb Steppenfarbe, Aſchgrau Felſenfarbe; bei Nachtthieren iſt Grau vorherr - ſchend, Tagthiere zeigen es mehr mit anderen Farben gemiſcht. Große Unſicherheit, Unbeſtimmbarkeit der Färbung läßt auf Vielſeitigkeit in der Lebensweiſe ſchließen; beſtimmte Färbung deutet auf einen abgeſchloſſenen beſtimmten Wohnort des Thieres: einfach gelbe Thiere ſind immer Wüſtenbewohner, einfach weiße ſtets Schneethiere.
Bei weitem die meiſten Thiere ſind geſellig und ſcharen ſich deshalb mit anderen ihrer Art oder auch mit Gleichlebenden fremder Arten in kleinen oder großen Trupps zuſammen. Niemals erlangen ſolche Verbindungen die Ausdehnung oder die Zahl der Vereine, welche die Vögel bilden; denn bei dieſen thun ſich, wie bekannt, oft ſogar Millionen zu einem Ganzen zuſammen. Unter den Säugern kommen nur unter gewiſſen Umſtänden ſtärkere Rudel vor. Mehr noch als die gleiche Lebens - weiſe vereinigt die Noth: vor der Feuerlinie einer brennenden Steppe daher jagen ſelbſt erklärte Feinde in dichtem Gedränge.
Jn jedem größeren Vereine erwirbt ſich das befähigtſte Mitglied die Oberherrſchaft und erlangt ſchließlich unbedingten Gehorſam. Unter den Wiederkäuern kommen regelmäßig die alten Weibchen zu ſolcher Ehre und namentlich diejenigen, welche kinderlos ſind; bei andern geſelligen Thieren, z. B. bei den Affen, werden nur Männchen Zugführer und zwar erſt nach ſehr hartnäcki - gem, nebenbuhleriſchen Kampfe, aus dem ſie endlich als allgemein gefürchtete Sieger hervorgehen; hier iſt die rohe Stärke maßgebend, bei jenen die Erfahrung oder der gute Wille. Bei allen geſelli - gen Thieren übernimmt das erwählte oder wenigſtens anerkannte Leitthier die Sorge für den Schutz und die Sicherheit der ganzen Herde und vertheidigt die ſchwachen Glieder derſelben unter Umſtänden mit Aufopferung. Minder Verſtändige und Schwächere ſchließen ſich Klügeren an und leiſten allen ihren Anordnungen zur Sicherung Folge.
Gewiſſe Säugethiere leben einſiedleriſch. Alte griesgrämige und bösartige Männchen werden gewöhnlich von dem Rudel oder der Herde verbannt, und hierdurch nur noch mürriſcher und wüthender gemacht. Allein es gibt auch andere Säuger, welche überhaupt ein Einſiedlerleben führen und mit jedem Eindringlinge ſofort in heftigſter Weiſe den Kampf beginnen. Dabei kommt es nicht ſelten vor, daß der Sieger den Beſiegten geradezu auffrißt, und zwar läßt ſich, wie bekannt, ſchon der Menſch eine ſolche Scheußlichkeit zu Schulden kommen.
Die Mehrzahl unſerer Klaſſe wacht bei Tage und ſchläft bei Nacht; jedoch gibt es faſt unter allen Ordnungen Tag - und auch Nachtthiere. Einzelne haben keine beſtimmte Zeit zum Schlafen, ſon - dern ruhen oder wachen, wie es ihnen gerade beliebt: ſo die Meerthiere oder in den höheren Breiten auch die Landthiere während der Sommerzeit. Es mag im Ganzen genommen wohl mehr eigentliche Tag -, als Nachtthiere geben: jedoch iſt die Zahl derjenigen, welche bei Nacht lebendig und thätig ſind, nicht viel geringer, als die Menge derer, welche bei Tage ihrem Erwerbe nachgehen. Unter den AffenXXXIV[XXXIV]Ein Blick auf das Leben der Geſammtheit.gibt es blos einige nächtlich lebende Arten; die Fledermäuſe dagegen ſchlafen faſt den ganzen Tag, und nur wenige kommen aus ihren Schlupfwinkeln zum Vorſchein, ſo lange noch die Sonne am Himmel ſteht; unter den Kerbthier - und Fleiſchfreſſern, den Nagern, Vielhufern und Wiederkäuern gibt es wenigſtens ſehr viele Nachtthiere, wenn auch mehrere Arten der Wehr - loſeren ſolche erſt aus Furcht vor Verfolgung geworden ſein mögen. Die ſtarken und die ſehr flüch - tigen oder auf Bäumen Lebenden ſind Tagthiere: ſie ſind aber auch einer Verfolgung weniger ausgeſetzt.
Es würde ſehr voreilig ſein, wenn man behaupten wollte, daß alle Nachtthiere feigere, ſchwä - chere, dümmere und plumpere Thiere ſeien, als die, welche bei Tage thätig ſind: denn wir brauchen eben blos an die Katzen, Marder, Hirſche und andere, welche faſt ohne Ausnahme bei Tage ruhen und bei Nacht wach ſind, zu denken, um des Gegentheils uns bewußt zu werden. Als allgemeine Regel kann gelten, daß die wehrloſeren Thiere, welche durch ihren Aufenthalt nicht vor Gefahren geſchützt ſind, die Nacht zu ihrer Thätigkeit benutzen.
Während ihres Wachens beſchäftigen ſich die meiſten Säuger ausſchließlich mit Aufſuchen ihrer Nahrung. Dieſelbe kann höchſt verſchieden ſein. Alle Mitglieder unſerer Klaſſe ſind ſelbſtver - ſtändlich Pflanzenfreſſer oder aber Räuber, welche andere Thiere verzehren. Faſt alle Erzeugniſſe der beiden Reiche finden ihre Liebhaber. Die Pflanzenfreſſer verzehren ganze Pflanzen, z. B. Gräſer, Diſteln, Mooſe, Flechten, oder einzelne Theile von Pflanzen, als Blüthen, Blätter, Früchte, Körner, Sämereien, Nüſſe, Zweige, Aeſte, Dornen, Rinde u. ſ. w. Die Raubthiere nähren ſich von andern Sängern oder von Vögeln, Lurchen, Fiſchen, Würmern und Weichthieren; einige freſſen blos ihre ſelbſt erlegte Beute, andere lieben Aas; manche verſchonen ſogar ihr eigenes Fleiſch und Blut nicht: ſie freſſen ihre Jungen!
Dieſe Manchfaltigkeit der Nahrung bedingt auch die Verſchiedenheit des Erwerbs derſelben, d. h. die Verſchiedenheit in der Erbeutung und Aufnahme. Einige nehmen ihre Nahrung mit den Händen zu ſich: der Elefant ſteckt ſie mit dem Rüſſel in das Maul; die größte Mehrzal aber nimmt ſie unmittelbar mit dem Maule auf, oft, nachdem ſie dieſelbe vorher mit den Tatzen erfaßt und feſtge - halten hat. Die Pflanzennahrung wird mit den Händen oder dem Rüſſel abgebrochen, mit den Zäh - nen abgebiſſen, mit Zunge und Lippen abgerupft, mit dem Rüſſel aus der Erde gewühlt; die thie - riſche Nahrung dagegen wird bei wenigen, z. B. bei den Fledermäuſen, Hunden, Fiſchottern, Robben und Walen gleich mit dem Maule aufgenommen, bei andern aber mit den Händen oder Tatzen erfaßt und dem Maule zugeführt und bei einigen auch mit dem Rüſſel ausgegraben, ſo von den Maulwürfen, Spitzmäuſen, Jgeln und Schweinen.
Die Säugethiere freſſen viel, verhältnißmäßig aber doch weniger, als die Vögel. Dies ſteht auch mit der geringeren Regſamkeit vollkommen im Einklange. Nach der Mahlzeit ſuchen ſie die Ruhe und verfallen hierbei entweder blos in einen Halbſchlummer, wie die Wiederkäuer, oder in wirk - lichen Schlaf. Zum Spielen oder unnützen Bewegen ſind, wie geſagt, nur wenige aufgelegt; es ſind faſt nur die Jungen, welche hierzu Luſt haben und durch ihr tolles Treiben auch die gefälligen Alten aufzurütteln wiſſen. Bei guter und reichlicher Nahrung bekommen alle Säugethiere ein glattes, glän - zendes Haarkleid und lagern im Zellgewebe und in den Leibeshöhlen viel Fett ab, welches bei einigen zur Erhaltung des Lebens während der Hungerzeit dienen muß. Einigen Pflanzen - und Kerbthier - freſſern nämlich geht während des Winters die Nahrung vollkommen aus, und ſie ſind zu klein und zu ſchwach, als daß ſie ſich dagegen lange halten könnten. Zum Wandern in wärmere oder nahrungs - reichere Gegenden ſind ſie unfähig: und ſo würden ſie unbedingt zu Grunde gehen, wenn die Natur nicht in ſehr merkwürdiger Weiſe für ſie geſorgt hätte. Es ſcheint zwar, daß ſie ſich ſelbſt ſchützen könnten, indem ſie ſich tief gelegene, dick und weich ausgepolſterte und deshalb warme Wohnungen unter der Erde bauen und in ihnen Vorrathskammern anlegen, welche auch reichlich mit Nahrung verſehen werden: allein die Natur übernimmt doch die Hauptſorge für ihre Erhaltung, und die einge - tragene Nahrung dient blos dazu, ſie während der Zeit, in welcher ſie wirklich noch Nahrung be - dürfen, gegen das Verhungern zu ſchützen. Dieſe Säuger, welche ſo recht eigentlich als Schutz - kinder der Natur erſcheinen, bedürfen lange Zeit gar keine Nahrung von außen her, ſondern zehren, während ſie in einen todesähnlichen Schlaf verſinken, langſam von ihrem Fette: ſie hal - ten Winterſchlaf.
XXXV[XXXV]Nahrung. Winterſchlaf.Wenn der Herbſt faſt zu Ende geht und der Winter hereinbricht, ziehen ſich die Schläfer in ihre künſtlichen, ſehr warmen Schlupfwinkel zurück, rollen ſich zuſammen und fallen nun bald in eine ſchlafähnliche Erſtarrung. Jhr Herzſchlag wird langſamer und ihre Athmungsthätigkeit Dem entſprechend in auffallender Weiſe gemildert oder unterbrochen; die Körperwärme nimmt ab; die Glie - der werden ſteif und kalt; der Magen und Darmſchlauch entleeren ſich vollſtändig und ſchrumpfen zu - ſammen. Der ganze Leib erhält hierdurch eine Fühlloſigkeit, die ohne Gleichen iſt. Um hierzu einen Beleg zu geben, will ich erwähnen, daß das Herz eines im Winterſchlafe enthaupteten Murmel - thiers noch drei Stunden nach ſeiner Tödtung fortſchlug, anfangs 16 bis 17 Mal in der Minute, dann immer ſeltener; — der abgeſchnittene Kopf zeigte nach einer halben Stunde noch Spuren von Reiz - barkeit. Der Winterſchlaf iſt ein wirklicher Scheintod; das Leben des Schläfers gibt ſich blos noch in Andentungen kund. Allein auch nur aus dieſem Grunde iſt es möglich, daß ihn das Thier überdauert. Wenn Herz und Lungen wie bei dem lebenden Thiere arbeiteten, würde das im Sommer geſammelte Fett, welches für mehrere Monate ausreichen muß, bald aufgezehrt ſein. Die geringe Athmungs - thätigkeit aber verlangſamt den Verbrennungshergang im Junern des Körpers in günſtigſter Weiſe für die Erhaltung des Lebens. Jch habe oben mitgetheilt, daß der Winterſchläfer während ſeines Scheintodes etwa neunzig Mal weniger athmet, als im wachen Zuſtande, und füge hinzu, daß im ent - ſprechenden Verhältniß auch die Körperwärme herabgeſtimmt wird. Ein Wärmemeſſer, welchen man in den Leib eines während des Winterſchlafes getödteten Murmelthiers ſenkte, wies blos noch 7½° R. Wärme nach, während die Blutwärme der Säugethiere ſonſt durchſchnittlich zwiſchen 28 und 30° beträgt. Setzt man das ſchlafende Thier der Kälte aus, ſo erfriert es, wenn ich nicht irre, ſchon bei einer Wärme unter der ſeines Blutes während der Schlafzeit, und ebenſo hat eine plötzliche Er - wärmung des Scheintodten den Tod zur Folge; bringt man ihn aber allmählig in höhere und höhere Wärme, ſo erwacht er nach und nach, und ſeine Blutwärme ſteigt allgemach bis auf die gewöhnliche Höhe. Uebrigens erträgt kein Winterſchläfer auch ſolches gemachſame Erwecken mehrere Male nach einander. Jeder Wechſel iſt ihm während ſeines Halblebens ſchädlich. Hieraus erklärt ſich wohl auch, daß er ſein Winterlager immer nur in Höhlen nimmt und dieſe durch ſorgfältiges Verſtopfen noch beſonders gegen die äußere Luft und deren Wärmewechſel abzuſchließen ſucht. Es iſt höchſt merkwürdig, daß Siebenſchläfer aus fremden Ländern, wenn ſie zu uns gebracht werden, im Winter ebenfalls ihren Todtenſchlaf halten, während ſie Dies in ihrer Heimat gerade in der Zeit der größten Hitze thun. Allein wir ſehen auch hieraus wieder, daß die Zeit der Dürre heißer Erdſtriche eben nur mit unſerem Winter verglichen werden kann, niemals mit unſerem Sommer, wie ſo oft ſelbſt von gediegenen Leuten fälſchlich geſchieht.
Mit dem Heraunahen des Frühlings erwacht der Winterſchläfer und friſtet ſich nun ſein Leben zuerſt mit den Schätzen, welche er im vorigen Sommer ſich eintrug. Anfangs ſchläft er auch nach dem Erwachtſein aus dem Todtenſchlafe noch oft und lange, doch mehr in gewöhnlicher Weiſe; ſobald er aber ſein Schutzlager verlaſſen kann, überkommt ihn große Aufregung; denn nunmehr geht er ſeinem Geſchlechtsleben nach. Nur die kleineren Säugethiere verfallen in einen wirklichen Winter - ſchlaf, die größeren, wie z. B. der Bär, ſchlafen zeitweilig, obſchon tage -, ja vielleicht wochenlang, nehmen aber während dieſer Zeit ebenfalls faſt gar keine Nahrung zu ſich.
Einige Säugethiere unternehmen zuweilen Reiſen, um ihre Lage zu verbeſſern; doch kann man bei unſerer Klaſſe nicht von einer wirklichen Wanderung ſprechen, wie bei den Vögeln. Es kommt allerdings vor, daß ſie eine Gegend verlaſſen und in eine andere ziehen, der Weg aber, den ſie zurücklegen, iſt nie ſo lang, daß er mit dem Zuge der Vögel verglichen werden könnte. Von Nah - rungsmangel gepeinigt, rotten ſich die Lemminge, jene muntern und anziehenden Bewohner der nor - diſchen Gebirge und Ebenen, in großer Maſſe zuſammen und wandern nun gemeinſchaftlich in die Tiefe hinab, ſetzen ſogar über Meeresarme, gehen aber dabei faſt regelmäßig zu Grunde; ſüdafrika - niſche Antilopen, das Neuthier und der nordamerikaniſche Büffel, die wilden Eſel, die See - hunde und Wale treten aus demſelben Grunde noch weitere Wanderungen an, und einige Fleder - mäuſe haben ſogar einen beſchränkten Zug. Allein alle dieſe Reiſen ſtehen unendlich weit hinter denen der Vögel zurück.
Das Leben der Säugethiere iſt überhaupt viel einförmiger, als das der beweglichen Luft - bewohner. Blos die geſcheiteren Arten ſuchen in dieſes Einerlei einige Abwechſelungen zu bringen,XXXVI[XXXVI]Ein Blick auf das Leben der Geſammtheit.indem ſie ſich auf irgend welche Weiſe mit einander unterhalten. Bei dem großen Haufen theilt ſich der Tag in Freſſen und Schlafen, Schlafen und Freſſen. Die Brunſtzeit verändert dieſes Betragen immer. Sie iſt bei den meiſten Säugethieren an einen beſtimmten Jahresabſchnitt gebunden und fällt entweder in das Frühjahr oder in den Herbſt oder auch ſelbſt in den Winter, je nachdem das Thier längere oder kürzere Zeit trächtig geht. Die Satz - oder Wurfzeit der Säugethiere nämlich iſt regelmäßig der Frühling, welcher für das Junge oder für die ſäugende Alte reichlichere Nahrung bie - tet; und der Satzzeit entſpricht nun die Brunſtzeit. Während derſelben zeigt ſich das Säugethier oft in ganz anderer Weiſe, als außerdem: die männlichen Thiere, welche ſich ſonſt nicht um die Weibchen bekümmern, finden ſich bei dieſen ein und zeigen nun bald eine große Erregung ihres Geiſtes und Leibes. Mit den zunehmenden Gefühlen der Liebe wächſt die Eiferſucht und der Haß gegen etwaige Nebenbuhler; heftige Kämpfe zwiſchen dieſen werden ausgefochten, und Kampfluſtige zu denſelben durch lautes Schreien eingeladen: ſelbſt in der Seele des furchtſamſten Säugethieres zeigt ſich der Muth und die Kampfesluſt. Der als Sinnbild der Feigheit daſtehende Haſe kämpft mit ſeinem Nebenbuhler verhältnißmäßig ebenſo wacker, als der Löwe, wenn er auch ſeinen Liebesgegner nur tüchtig mit den Vorderpfoten ohrfeigt; der furchtſame Hirſch wird kühn und ſelbſt dem Menſchen ge - fährlich; die Stiere zeigen eine namenloſe Wuth; die Raubthiere aber ſcheinen gegen alle fremden Geſchöpfe milder geſinnt zu werden, als ſie es früher ſind: die Liebe nimmt ſie vorherrſchend in An - ſpruch. Jn der verſchiedenartigſten Weiſe machen die Männchen ihren Weibchen den Hof. Die Affen werden ſehr zudringlich und erlauben kein Sprödethun; die Hunde dagegen bleiben liebens - würdig, ſelbſt wenn ſich die Hündin noch ſo ärgerlich über die Liebeserklärungen ſtellt; die Löwen brüllen, daß die Erde zu erzittern ſcheint; die Katzen rufen mit unglaublicher Sanftheit ſehnſuchts - voll nach dem Gegenſtand ihrer Schwärmerei, ſind aber ſo reizbar gegen die Nebenbuhler, daß die zarten Töne ſehr bald in ein höchſt wüthendes Fauchen übergehn; die männlichen Maulwürfe ſperren ihr Weibchen augenblicklich in einen ihrer unterirdiſchen Gänge ein, ſo bald es ſich zu ſpröde zeigt, und laſſen ihm hier Zeit, ſich zu beſinnen; die Wiederkäuer führen gleichſam zur Ehre des weiblichen Theiles große Kämpfe auf, müſſen aber ſehen, wie ihnen der Siegespreis oft von Feiglingen, welche den Zweikampf klug benutzen, entriſſen wird u. ſ. w. Auch die Weibchen ſind ſehr aufgeregt, behalten jedoch die ihnen eigene Sprödigkeit trotzdem bei und beißen, ſchlagen, ſtoßen, oder wehren ſich ſonſt - wie gegen die ſich nähernden Männchen, deren Zärtlichkeit ſie ſich ſpäter aber doch gefallen laſſen. Die Begattung erfolgt bei Vielen in der häßlichſten und für uns widerſtrebendſten Weiſe: ſobald ſie vorüber iſt, tritt große Gleichgültigkeit zwiſchen beiden Geſchlechtern ein, und die meiſten Männchen bekümmern ſich nun gar nicht mehr um die Weibchen, denen ſie kurz vorher ſo glühende Liebeser - klärungen machten. Jn geſchloſſener, länger als ein Jahr währender Ehe leben wahrſcheinlich nur einige Wiederkäuer, namentlich mehrere kleine Antilopenarten, und vielleicht auch noch einzelne Wale: alle übrigen ſind der Vielweiberei zugethan.
Jn der Regel genügt eine einmalige Begattung der brünſtigen Säugethiere zur Befruchtung aller Keimbläschen oder Eier, welche für ein und dieſelbe Geburt zur Entwickelung gelangen, obgleich deren Zahl in ſehr erheblichen Grenzen ſchwanken kann. Mehr als vierundzwanzig Junge wirft kein Säugethier auf einmal; ſchon ihrer vierzehn oder ſechszehn werden ſelten zugleich geboren. Alle großen Säuger gebären weniger und ſeltener Junge, als kleinere, bei denen die Frucht ſchon innerhalb drei Wochen nach der Begattung ausgetragen und das geborene Junge in derſelben Friſt auch erzogen werden kann. Bei Denen, welche länger als ſechs Monate trächtig gehen, kommt regel - mäßig nur ein Junges zur Welt.
Die Geburt ſelbſt geht faſt immer raſch und leicht vorüber, ohne daß irgend ein mitleidiges anderes Thier dabei behilflich wäre. Ein glaubwürdiger Mann hat mir allerdings erzählt, daß er eine ſolche Hilfe bei den Hauskatzen beobachtet und geſehen habe, wie eine ältere Katze die Nabel - ſchnur der Kinder einer jüngeren Mutter abbiß; doch ſteht dieſer Fall bis jetzt noch zu vereinzelt da, als daß wir von ihm folgernd etwas allgemein Giltiges ſagen könnten. Sogleich nach der Geburt leckt die Mutter ihre Kleinen ſorgfältig rein und wärmt ſie mit ihrem eigenen Leibe. Einige Nager bauen vorher ein Neſt und füttern dieſes mit ihren abgerupften Haaren aus, um eine ſanfte Wiege für ihre Jungen zu haben; die große Mehrzahl aber wirft dieſelben auf die bloße Erde oder doch nur inXXXVII[XXXVII]Begattung. Geburt. Kinderliebe. Wachsthum.eine nicht mit Neſt verſehene Höhle. Die Nachgeburt wird von vielen Thieren, welche ſonſt nie Fleiſch anrühren, gierig aufgefreſſen, ſo z. B. von den Ziegen, Antilopen und Stachelſchweinen.
Die neugeborenen Jungen zeigen einen ſehr verſchiedenen Grad der Entwickelung. Bei den Beutelthieren ähneln ſie einem rohen Stück Fleiſch; ſie werden aber in die dieſen Thieren eigen - thümliche Hautfalte am Bauche, die ſogenannte Taſche, geſteckt und in ihr gleichſam ausgetragen; die meiſten Raubthiere ſind blind, wenn ſie zur Welt kommen und öffnen erſt nach einer oder zwei Wochen ihre Augen; diejenigen Säugethiere dagegen, welche ſpäter ein ſehr bewegtes und ruheloſes Leben führen ſollen, kommen ſehr ausgebildet zur Welt und ſind im Stande, ihrer Mutter ſchon wenige Stunden nach der Geburt zu folgen, bedürfen aber auch am längſten der Milch. Alle höheren Thiere gebären ebenfalls ſehende Junge, die jedoch ſo hilflos ſind, daß die Mutter ſie wochenlang mit ſich herumtragen muß; deshalb ſehen wir die Kinder der Affen und Fledermäuſe lange Zeit an ihrer Mutter hangen, an welcher ſie ſich mit allen vier Gliedern feſt angeklammert haben.
Jede Säugethiermutter liebt ihre Kinder ganz ungemein und vertheidigt ſie mit Aus - ſetzung ihres eigenen Lebens gegen jeden Feind, ſelbſt gegen den Vater. Dieſer bekümmert ſich, ſtreng genommen, gar nicht um ſie, ja, wird ihnen im Gegentheile oft geradezu gefährlich, indem er ſie auffrißt, wenn er ihrer habhaft werden kann. Selten nimmt er mittelbar Theil an der Pflege und Erziehung ſeiner Sprößlinge: er vertheidigt ſie nämlich zuweilen, wenn der Geſammtheit eine Gefahr droht, bei welcher er überhaupt eintritt. Um ſo mehr thut die Mutter. Sie allein ernährt, reinigt, leitet, ſtraft und ſchützt, kurz erzieht ihre Kinder. Sie bietet ihnen ihre Brüſte oder jagt ſpäter für ſie, leckt und putzt ſie, führt ſie aus dem Schlupfwinkel oder wieder in denſelben zurück, ſpielt mit ihnen und lehrt ſie ihre Nahrung erbeuten, gibt ihnen Unterricht im Laufen, Klettern, Schwimmen ꝛc., hält ſie wohl auch durch Strafen zum Gehorſam an und kämpft für ſie mit jedem Feinde, der es wagen ſollte, ſie anzugreifen. Die Liebe macht ſie erſinderiſch, friedliebend, mild, heiter gegen ihre Nachkommenſchaft, oder auch heftig und wüthend, bösartig und zornig nach Außen hin. Sie lebt und ſorgt blos für ihre Kinder und ſcheint, ſo lange ſie dieſe vollſtändig in Anſpruch nehmen, für nichts Anderes Sinn zu haben. Selbſt das ernſthafteſte Thier wird als Mutter kindlich und ſpielluſtig, wenn ſein Kind Dies wünſcht. Ohne Uebertreibung kann man behaupten, daß ihr die Liebe und Zärtlichkeit, der Stolz und die Freude der Mutter an den Augen abzuleſen ſei: man muß nur einen Hund, eine Katze, ein Pferd, eine Ziege in Geſellſchaft ihrer Sprößlinge beobachten; — keine Menſchenmutter kann ſtolzer, als ſie, auf ihr Kind ſein. Und ſie haben auch das vollſte Recht dazu; denn alle jungen Säugethiere ſind, wenn ſie nur erſt einigermaßen Herr ihrer Kräfte geworden, allerliebſte Geſchöpfe, welche ja ſelbſt uns große Freude bereiten.
Man kann bei jeder Säugethiermutter wahrnehmen, daß ſie ihr Betragen gegen ihre Jungen mit der Zeit weſentlich verändert. Je mehr das junge Volk heranwächſt, um ſo kälter wird das Verhältniß zwiſchen Mutter und Kind: die Alte kennt den Grad der Bedürftigkeit des letzteren genau und beſtrebt ſich, wie jedes Thier überhaupt, ſeine Nachkommenſchaft ſo raſch als möglich ſelb - ſtändig zu machen. Deshalb entzieht ſie derſelben nach einer gewiſſen Säugezeit zunächſt die Milch und gewöhnt ſie nach und nach, ſich ihre Nahrung ſelbſt zu ſuchen. Sobald dieſer Zweck erreicht und das junge Thier ſelbſtändig geworden iſt, endigt die Zärtlichkeit zwiſchen ihm und der Mutter, und jeder Theil geht nunmehr ſeinen eigenen Weg, ohne ſich um den andern zu kümmern. Die geiſtig begabteſten Thiere, wie die Pferde und Hunde, beweiſen uns, daß ſich Mutter und Kind ſehr bald nach ihrer Trennung ſo von einander entfremden, daß ſie ſich, wenn ſie wieder zuſammen kommen, gar nicht mehr kennen, während wir dagegen Beiſpiele haben, daß das geſchwiſterliche Verhältniß zweier Jungen lange Zeit ſich erhalten kann.
Die zur Erlangung der Selbſtändigkeit eines Säugethieres nothwendige Zeit iſt faſt ebenſo verſchieden, wie ſeine Größe. Jm Allgemeinen iſt dieſe maßgebend, d. h. ein Säugethier entwickelt ſich um ſo langſamer, je größer es iſt und umgekehrt: allein wir ſehen an uns ſelbſt, daß auch die Höhe der Ausbildung, welche erreicht wird, auf die Zeit der Entwickelung des Leibes von Einfluß ſein kann, und ebenſo trägt wohl auch die größere oder geringere Schwierigkeit des Nahrungserwerbes, die Beſchaffenheit der Nahrung und der höhere oder geringere Wärmegrad eines Heimatkreiſes Vieles zum ſchnelleren oder langſameren Wachsthum bei. Unter den Landſäugethieren bedarf der Menſch entſchieden die meiſte Zeit zu ſeinem Wachsthume; denn auch der Elefant wird eher groß, als er. EsXXXVIII[XXXVIII]Ein Blick auf das Leben der Geſammtheit.kommt ſchon ſelten vor, daß eine Mutter ihr Kind jahrelang leitet und pflegt, und wahrſcheinlich niemals, daß ſie daſſelbe länger als Jahresfriſt ſäugt, wie Dies bei dem Menſchen oft genug der Fall iſt. Das junge Thier iſt ſchon lange vor ſeinem Erwachſenſein von ſeiner Mutter verlaſſen worden und hat auch vollſtändig die Fähigkeit erlangt, für ſich zu ſorgen.
Gewöhnlich kann das Säugethier als erwachſen angeſehen werden, ſobald es zeugungsfähig geworden iſt. Es hat dann meiſt die Kennzeichen erhalten, welche dem alten Thiere zukommen, und auch der Unterſchied zwiſchen männlichem und weiblichem Thier macht ſich bemerklich. Erſteres zeichnet ſich nämlich vor dem letzteren regelmäßig durch die Größe aus, oft auch durch Gehörne, Geweihe, Stoß - und Reißzähne, beſondern Haarſchmuck, welcher ſich als Mähne und Schwanzquaſte kundgibt, ſowie durch mancherlei andere Eigenthümlichkeiten; doch kommt es nicht ſelten vor, daß auch das zeugungs - fähige Thier mit ſteigendem Alter in mancher Hinſicht noch zunimmt. Hiervon mag uns der Hirſch als Beiſpiel gelten, weil er ja bekanntlich mit den Jahren mehr und mehr Sproſſen auf ſein Geweih ſetzt. Die Stoßzähne des Elefanten, des Walroſſes, die Narwals nehmen ebenſo mit dem Alter an Größe bedeutend zu.
Wahrſcheinlich erreichen nur die großen Vielhufer und die größten Meerſauger ein höheres Alter, als der Menſch. Jn demſelben Grade, in welchem die Entwickelung verlangſamt iſt, nimmt das Alter zu, oder umgekehrt ab. Schon mittelgroße Säugethiere können, wenn ſie zehn Jahr alt geworden ſind, als greiſe Thiere betrachtet werden, bei andern tritt das Greiſenthum vielleicht erſt nach zwanzig Jahren ein: allein ein Alter von dreißig Jahren, in welchem der Menſch doch bekannt - lich erſt zur vollen Blüthe gelangt, iſt ſchon recht ſelten. Das Greiſenthum zeigt ſich ſowohl in der Abnahme der Kräfte, als auch im Ergrauen des Haares und in der Verkleinerung gewiſſer Schmuck - zeichen: ſo ſetzen alte Hirſche geringere Geweihe auf, als vollkräftige. Der Tod erfolgt gewöhnlich nicht durch Krankheiten, denn dieſe ſind unter den freilebenden Säugethieren ſelten. Seuchen, welche in entſetzlicher Weiſe unter Thieren unſerer Klaſſe wüthen, kommen zwar auch vor; die Mäuſe z. B., welche ſich zuweilen ins Unglaubliche vermehren, ſterben in Zeit von wenig Wochen in ſolcher Maſſe dahin, daß ihre kleinen Leichname verweſend die Luft verpeſten. Allein ſolche Fälle ſind doch nicht häufig, und die größeren freilebenden Säugethiere ſcheinen von Krankheiten ſehr wenig zu wiſſen. Bei ihnen erfolgt der Tod gewöhnlich aus Altersſchwäche. Man kann Scheitlin wohl Recht geben, wenn er behauptet, daß die edlen Thiere würdig, die unedlen unwürdig, die „ Menſchenthiere ‟ menſchlich ſterben. Elefanten, Hunde, Pferde, Löwen und andere kluge Thiere, kennen den Tod und wiſſen, was Sterben zu bedeuten hat; ſie verſcheiden auch ruhig und ohne zu winſeln; ſie trotzen dem Schmerz, ächzen und ſeufzen nicht, zucken nur krampfhaft im Tode und ſterben ſtill dahin; der Hund, dieſes herrliche Bild der Treue, kriecht noch ſterbend zu ſeinem Herrn und leckt ihm liebend die Hand, ihm gleichſam den letzten Abſchiedsgruß ſeiner Treue und ſeiner Liebe vererbend. Jm freien Leben ſuchen die Thiere ſich, wenn der Tod naht, gewöhnlich ein ſtilles Plätzchen, auf welchem ſie ihr Sterbelager halten, und auch manche Hausthiere, welche der Menſch irgend einem ſeiner Zwecke opfert, thun Dies; ſo z. B. der Stier auf dem Fecht - und Kampfplatze, wenn er die tödtliche Wunde von dem Schwerte des Espada empfangen hat.
Jch will noch einmal mich auf Scheitlin ſtützen, indem ich mit ihm ſage: „ Das Thier hat auch ein Schickſal. Es hängt von ſeinen Verhältniſſen zur Natur und den natürlichen Um - gebungen zu dem Menſchen, wenn es mit ihm in Verkehr kommt, zum Theil auch von ſich ſelbſt ab. Oft muß es des Menſchen Schickſal und der Menſch das des Thieres theilen; es geht mit ihm zu Grunde im Feuer und Waſſer, in der Schlacht und im Kampfe. Manche Pferde ſind Helden, für welche keine Kugel gegoſſen zu ſein ſcheint, andere wirft die erſte feindliche Kugel nieder. Das junge, ſchöne Füllen wird faſt mit Gold aufgewogen, dann frei zugeritten, zu freien, frohen Wettrennen be - nutzt, bald hierauf mit Stricken an eine Kutſche geſpannt, doch immer noch mit Hafer gefüttert, es iſt noch der Ruhm ſeines Kutſchers, der Stolz ſeines Neiters. Dann geht es an einen Lohnkutſcher über, rohe Menſchen treiben es beinahe zu Tode. Es muß dennoch alltäglich wie ein Sklave ziehen; es hinkt, dennoch muß es laufen. Jſt es ein Poſtpferd geworden, ſo geht es ihm nicht beſſer; es wird halb oder ganz blind, ſeine Weichen und ſein Vorderrücken bluten vom Riemenwerk, ſein Bauch von Bremſen ſtichen. Ein armer, roher Bauer hat es für wenige Thaler auf Leben und Tod gekauft, es wird noch einige Jahre lang mit Stroh gefüttert, angeflucht, mit den groben Schuhen in dieXXXIX[XXXIX]Alter. Schickſal der Thiere. Nutzen der Hausthiere.Rippen geſchlagen und zuletzt, wenn es zehnmal auf der Straße erlegen, todtgeſtochen, oder es verreckt endlich. Das iſt der Fluch mancher Pferde, und dieſen Fluch trägt mancher edle Hund, mancher Bär, mancher Büffel, manche andere Thiere. Tagelöhner ſind auch ſie, und ihr Leben iſt ein immerwährender Streit auf Erden. Von den höchſten Stufen der Ehre ſteigen ſie zur tiefſten Schande herab; ihr Daſein geht vom üppigſten Ueberfluß bis zum nagendſten Hunger, von raſcher Jugendfülle und Blüthe zur elendeſten Krankheit und Altersſchwäche herab. Glücklich, daß wenigſtens das tiefſtehende Thier ſeinen Lebensfluch nicht erkennt, traurig, daß der Menſch vergeſſen kann, daß die höheren Thiere ſehr wohl zwiſchen guter und ſchlechter Behandlung unterſcheiden lernen! ‟
„ Andere Thiere aber leben in Glück und Freude von Anfang an bis zu Ende. Manches Hündchen wird wie ein Kind geliebt, gekoſt, geküßt, zu Tiſch geladen, koſtbar geſpeiſt, Aerzten über - geben, beweint, begraben; mancher gelehrige und gutmüthige Hund hat ein Schickſal, deſſen Glück das - jenige der meiſten Menſchen übertrifft, ſo daß er ſagen müßte: Das Loos iſt mir gefallen auf das Lieblichſte, mir iſt ein ſchönes Erdentheil geworden. Er darf mit tanzen, mit denken, mit reiſen, mit genießen, kurz, ſo weit er kann, gerade wie ein Menſch thun; es wird an ſeinem Grabe noch geſchluchzt. Mancher völlig untaugliche, biſſige Hund, manches blindgewordene Pferd bekommt bis zu ſeinem Sterben ein ſchönes Gnadenbrod, wie es Tauſende von Menſchen, die es beſſer ver - dienten und eher bedürften, nicht bekommen. Auch das Thier hat ſein Schickſal. ‟
Schon mit dieſen erborgten, ſchönen Worten habe ich das Verhältniß berührt, in welchem der Menſch mit dem Thiere oder das Thier mit dem Menſchen lebt. Dieſes Verhältniß iſt aber ein viel ausgedehnteres, als hier geſagt wurde. Die Klaſſe der Säugethiere iſt diejenige, welche ſich der Menſch bei weitem am meiſten zu Nutzen macht; es gibt wirklich nur wenige Säugethiere, aus deren Leib und Leben der Menſch keinen Vortheil ziehen kann. Den Nutzen der Hausthiere hat Lenz ſo anziehend dargeſtellt, daß es unrecht von mir wäre, wollte ich meine Worte an die Stelle der ſeinigen ſetzen.
„ Wie elend und mühevoll wäre das menſchliche Leben ohne die Hilfe der Hausthiere! Wollen wir uns eine bequeme Wohnung bauen, gleich arbeiten von allen Seiten her Pferde und Ochſen, die ſchweren Laſten herbeizuſchaffen. Wollen wir uns mit Vorräthen der herrlichſten Früchte ver - ſorgen, gleich bearbeiten ſie das Erdreich mit Pflug und Egge. Wollen wir auf ſchnelle und bequeme Weiſe weithin über Berg und Thal zu einem guten Freunde reiſen, gleich ſtehen vor Freude und Ungeduld ſtampfende Wagenpferde vor der Thüre, oder ein muthiges Reitpferd ladet uns durch lautes Wiehern zum Aufſitzen ein. — Hören wir bei nächtlicher Weile ein unheimliches Poltern, Raſſeln und Nagen in Speiſekammer, Küche und Keller, und ſehen wir dann mit tiefer Betrübniß, wie unſere Bratwürſte, Speckſeiten, Kohlrüben und Kartoffeln von Mäuſen und Ratten zerfreſſen ſind und wie der Deckel des Honigtopfes gelüftet iſt, und müſſen wir gar auch noch das Unglück im Kleiderſchranke erleben, daß unſer neueſter Frack von dem benannten Ungeziefer in Stückchen zernagt iſt und ihren Säuglingen als Neſtſtoff dient, und bedenken wir, daß unſer vom Geiſte des Mittel - alters beſeſſener Schneider ſich unſägliche Mühe gegeben hatte, uns durch die Länge und Breite des ſinn - und wirbelloſen Frackſchwanzes prachtvoll aufzuputzen, und ſuchen wir dann endlich nach Hilfe in all der Noth: iſt da ein lebend Weſen zu finden, das uns zu retten vermag? O freilich! Mit Hut und Stock und mit ſechs Silbergroſchen gehen wir auf Handel aus, kaufen ein ſchönes, zahmes, wohlgezogenes Kätzchen, ſchaffen es nach Haus und hegen und pflegen es mit liebevoller Sorgfalt. Am erſten Tage miauzt es jämmerlich und ſucht zu entwiſchen; am zweiten erkennt es unſern guten Willen an und ſchließt mit Schmunzeln, Schnurren und Anſchmiegen zärtliche Freundſchaft; am dritten bringen wir’s an den Ort ſeiner Beſtimmung, laſſen’s los, und ſieh, mit Schwung und Sprung, wup, wup, da hat’s mit ſcharfem Zahn die Höllenbrut am Kragen und bricht ihr das Genick. — Wollen wir in’s Freie gehen, um ein fettes Häschen oder ein Entchen für die Küche zu erlegen, ſo weiß der Hühnerhund im Augenblicke, wo wir die Flinte ergreifen, weder Maß noch Ziel ſeines Ent - zückens zu finden, macht vor Freuden entſetzliche Sprünge, hüpft hoch an uns empor, beſchmiert uns mit ſeinen Tatzen bis an die Schultern und leckt uns, wenn wir ihm nicht Eins hinter die Ohren geben, Geſicht und Ohren ſo rein, als wenn ſie gewaſchen wären; und ſind wir nun draußen, ſo ſtürzt er ſich, um angeſchoſſenes, flüchtiges Wild einzuholen, blindlings durch Dornen und Sumpf, oder ſpringt, die Todesgefahr nicht achtend, in die ſchäumenden Wogen des Stromes. Wollen wirXL[XL]Ein Blick auf das Leben der Geſammtheit. Nutzen der Thiere.einen Wolf, der unſere Herden, oder ein wildes Schwein, das unſere Saaten verwüſtet, erlegen, ſo rufen wir unſere getreuen Doggen zu Hilfe. Wohl kennen ſie den zur Jagd auffordernden Ruf; ihre Augen blitzen vor Freude, ihre Stimme gleicht dem Dröhnen des Donners, wüthend ſtürzen ſie auf den gewaltigen Feind, und mag in verzweifeltem Kampfe ihr Blut in Strömen fließen, und mögen links und rechts die Leichen ihrer gefallenen Brüder im Blut und Staube liegen: ſie achtens nicht und ruhen nicht, bis auch der Feind ſich im Staube wälzt. Und was für einen Lohn verlangen ſie für ihre ungeheuere Anſtrengung? Nichts, gar nichts, als einen freundlichen Blick von ihrem Herrn. Und wenn wir uns nun, von des Tages Laſt und Mühe ermattet, am Abend zur Ruhe begeben haben, das müde Auge feſtgeſchloſſen, die Seele ſich ihrer ſelbſt nicht mehr bewußt iſt, der Arm wehrlos uns zur Seite liegt, dann ſiehts wohl übel um uns aus, weil Spitzbuben Hab und Gut, ſo viel ihnen ge - lüſtet, in voller Sicherheit davon tragen können? O nein, ſo ſchlimm iſts nicht, denn auf unſerm Hofe wacht ein treuer, ſtarker Hund, der ohne Umſtände jedes Diebsgeſicht bei der Kehle packt. ‟
Aber nicht blos die wenigen Hausthiere, welche hier aufgeführt wurden, müſſen dem Men - ſchen zollen mit Leib und Leben, mit ihren Kräften, Fleiſch, Haut, Haar, Horn und Dünger: er hat noch weit mehr ſich unterjocht und nutzbar gemacht, ſelbſt ſolche, welche nicht mit ihm ſeine Wohnung theilen. Zum Laſttragen, Ziehen und Reiten müſſen Eſel, Pferd, Elefant, Renthier, Lama, Kamel, Hausochſe, Büffel, Ziege und Hund, zum Kriegsdienſt Pferd, Kamel, Elefant und Hund, zur Jagd vor allen dieſer letztere treue Genoſſe, aber auch wieder das Pferd und der Elefant, der Jagdleopard, das Jchneumon, das Frettchen, der Fiſchotter, die Katze und der Jgel, ja ſelbſt ein Halbaffe ihm ihre Dienſte leihen. Zum Vergnügen dienen ihm Affe und Hund, Pferd und Ziege, Katze, Kaninchen, Eichhörnchen und Meerſchweinchen; zum Poſt - und Hirtendienſt muß wieder der Hund ſich hergeben. Der Wurzelmaus und dem Hamſter raubt der Menſch die geſammelten Vorräthe. Nahrungsmittel und zwar Fleiſch liefern ihm: ſechs Rinder -, vier Schweine -, drei Schaf -, zwei Ziegen - und alle Hirſch arten, der Eisbär, der amerikaniſche Baribal, die Waſchbären, der Vielfraß, die Flußotter, die Robben, ſehr viele Beutel - thiere, die Agutis, alle Haſen, alle Kaninchen, die Chinchille, die Springmaus, Stachelſchweine, Eichhörnchen, Siebenſchläfer, Murmelthiere, Kletterratten, Bi - ber, Biſamratte, Kamel, Pako, Vicuña, das Moſchusthier, alle Arten Antilope, das Pferd und die wilden Eſel, Tapir, Nashorn, Flußpferd, Elefant und endlich faſt alle großen Meerſäuger. Das Kamel und das Renthier, die Ziegen, Rinder, die Stuten, der Eſel geben ihm auch noch Milch, der Dachs, der Vielfraß, die Hiäne, die Ochſen, das Schwein, das Schaf und alle Meerſäuger Schmer und Fett, die Biber, der Klippdachs, die Hirſche, das Moſchus - thier, das Schaf, der Ochſe, das Schwein, der Pottwal und der Walfiſch Arzneimittel. Der Eisbär, Baribal, der Waſchbär, der Dachs, der Vielfraß, die Zibet-Hiäne, der Wolf, die Füchſe, Luchſe, Katzen, Unze, Panther, Tiger, Löwen, Leopard, alle Marder, Wiſel, Fiſch - und Seeottern, die Katze, Eichhörnchen, Siebenſchläfer, Murmelthiere, Ziſel - maus, Hamſter, Biber, Biſamratte, Schwimmmaus, Kaninchen, Haſen, Chinchillen und Seehunde zollen Pelz - und Rauchwerk zu ſeiner Kleidung; die Lamas, Moſchusthiere, Hirſche, Schafe, Ziegen, Antilopen, Rinder, Pferde, mehrere Dickhäuter und einige Robben Leder; die Schafe, Ziegen, Biſamratten, Haſen, Lamas und die Kamele Wolle zu Geſpinnſten und Geweben; und andere endlich liefern noch Horn, Elfenbein, Zähne, Fiſchbein, Düngſtoffe u. dergl. mehr. Einen ſolchen Nutzen kann keine übrige Klaſſe des Thierreichs für uns haben, und deshalb eben ſind die Säugethiere bei weitem die wichtigſten aller Thiere für das ganze menſchliche Leben; deshalb eben kann man ſagen, daß das bequeme Leben der Menſchen, wie wir es gewohnt ſind, ohne die Säugethiere geradezu unmöglich ſein würde. Aber wir ſehen auch wiederum aus dem Nutzen, welchen die Säugethiere uns gewähren, aus der treuen Hilfe, welche ſie uns leiſten, aus der Verbrüderung, welche ſie mit uns eingehen, — wie nahe, wie innig verbunden wir, als die höchſtſtehenden Säuger, mit den übrigen ſind, denen wir unſer Joch auferlegt haben.
Die erſte Ordnung der Säugethiere lehrt uns den Menſchen, die zweite — ſeine Zerrbilder kennen.
Wagler nennt die Affen „ verwandelte Menſchen ‟ und wiederholt mit dieſen Worten die uralte und noch immer neue Anſicht aller Völker, welche mit dieſen fratzenhaften Weſen verkehrt haben und noch verkehren.
Von den alten Völkern ſcheinen nur die Jnder und Egypter eine gewiſſe Zuneigung für die Affen gezeigt zu haben. Die alten Jnder erbauten ihnen, wie ihre Nachkommen es heute noch thun, tempelartige Hänſer, in denen ſie ſchalten und walten durften; die alten Egypter gruben ihre Bild - niſſe in den unvergänglichen Porfir ein und ſchufen nach ihnen die Abbilder ihrer Götter. Bei den übrigen Völkern war es anders. Salomo ließ ſich Affen aus Ophir kommen, wahrſcheinlich nur zu ſeiner Beluſtigung; die Römer hielten ſie ſich zu ihrem Vergnügen und ſtudirten, ihren Leib zergliedernd, an ihnen den innern Bau des Menſchen; ſie freuten ſich der drolligen Nachahmungs - ſucht der Thiere, ließen ſie wohl auch mit Raubthieren kämpfen, befreundeten ſich aber nie recht mit ihnen und verkannten auch niemals das „ Thier ‟ in ihnen. Anders war und iſt es bei den Arabern. Dieſe ſahen oder ſehen in den Affen geradezu Verworfene, von Allah Verdammte, welche aus ver - abſcheuungswürdigen Menſchen zu Thieren verwandelt wurden und jetzt das Bild des Teufels und des Adamsſohnes in wunderlicher Vereinigung zur Schau tragen.
Wir denken nicht viel anders. Die Affen ſind uns nur Zerrbilder des Menſchen und beluſtigen uns, ſo lange ſie ſich von ihrer guten Seite zeigen: ſo bald ſie aber ihre ſchlechten Eigenſchaften kund geben, ſchleudern auch wir noch das Urtheil der Verdammuiß auf ſie.
Es iſt beachtenswerth, daß wir blos diejenigen Affen wirklich gern haben, wirklich anmuthig ſinden, welche die wenigſte Aehnlichkeit mit den Menſchen zeigen, während uns alle diejenigen Arten, bei denen dieſe Aehnlichkeit ſchärfer hervortritt, geradezu abſcheulich erſcheinen. Unſer Widerwille gegen die Affen begründet ſich ebenſowohl auf deren leibliche, wie geiſtige Begabungen. Sie ähneln dem Menſchen hinſichtlich ihres Leibes nur oberflächlich, geiſtig aber blos im ſchlechten Sinne und nicht im guten. Jn der Geſtalt des Menſchen zeigt ſich das vollendete Ebenmaß und die ſchönſteBrehm, Thierleben. 12Die Affen. Einhelligkeit: in der Affengeſtalt giebt ſich meiſt nur widerliche Fratzenhaftigkeit kund. Ein einziger Blick auf das Knochengerüſt des Menſchen und das des Affen zeigt den ſchon in der ganzen Anlage begründeten Unterſchied; noch greller aber tritt die Unähnlichkeit beider ſo nah verwandter Säuger hervor, wenn wir vergleichend das vollendete Bild des Menſchen und das eines Orang-Utang betrachten.
Kaum eine einzige andere Säugethierordnung zeigt eine ſolche Mißbildung, wie die Affen; Nichts iſt hier regelrecht, Nichts ebenmäßig; überall bemerkt man nur Verzerrung und Unregelmäßig -
keit. „ Jeder Körpertheil, ‟ ſagt Giebel, „ kennzeichnet die Affengeſtalt. Sie verräth bisweilen einige Aehnlichkeit mit andern Thieren, z. B. in den Pavianen mit den Hunden: aber es verhält ſich dabei nicht anders, als mit der vielbewunderten Menſchenähnlichkeit des Orangaffen. Es iſt eben nur eine ganz allgemeine und oberflächliche, welche bei näherer Vergleichung mehr und mehr verſchwindet. Bei der Unregelmäßigkeit, welche den ganzen Körperbau beherrſcht, dürfen wir ſelbſtverſtändlich keine Uebereinſtimmung in der äußern Erſcheinung der Affengeſtalten erwarten. Schon die Körpergröße ſpielt in ziemlich weiten Grenzen: die Orangaffen erreichen Mannesgröße, die Seidenaffen und3Geripp des Menſchen und des Gorilla. Leibesbau der Affen.andere nur die des Eichhörnchen. Die Paviane ſind kräftig, unterſetzt; ihre Körperformen ſind ſtark und fleiſchig, und ihr Bauch iſt ſtark eingezogen: bei den Orangaffen dagegen iſt der Leib ſtark aufgetrieben und beſitzt lange, dünne Gliedmaßen; bei den Klammeraffen ſind Leib und Glied - maßen gleich dünn und mager, bei einzelnen Halbaffen ſogar klapperdürr. Die einen tragen ein dünnes, ſpärliches Haarkleid, welches die Umriſſe des Körpers deutlich durchſchimmern läßt; andere hüllen ſich in einen kurzen, dichten, enganliegenden Pelz; noch andere bekleiden ſich mit einem langen, lockern, der am Kopfe, Rumpfe oder Schwanze ſogar buſchige Mähnen, Quaſten oder einen ſtruppigen Bart bildet. Die Farben ſind im Allgemeinen zwar düſter, grau, braun, ſchwarz, eintönig oder gemiſcht, jedoch fehlt es auch nicht an bunten Zeichnungen, hervorſtechenden Tönen und darunter an ſolchen, welche wir ſonſt nirgends unter den Säugethieren finden. So miſcht ſich meergrüne Farbe mit grauer, Weiß ſticht am Kopfe ſcharf gegen die allgemeine ſchwarze Färbung ab; ja, ſelbſt Grün, Himmelblau, Blut - und Purpurroth kommen vor, wenn auch nur an nackten, haarloſen Stellen. Die Ohren ragen frei hervor oder verſtecken ſich ganz im Pelze; das Geſicht iſt hundsartig verlängert oder kurz und glatt; die Hände ſind fünfzehig; der Schwanz fehlt oder iſt mehr als körperlang. ‟
Die Affen haben alſo Nichts, was ihnen einen Anſpruch auf Schönheit geben könnte, und ſelbſt ihre Vorzüge vor andern Thieren ſind nur ſcheinbar. So könnte man vielleicht glauben, daß ſie in ihren vier Händen größere Begabungen erhalten hätten, als der Menſch, welcher nur zwei Hände be - ſitzt: allein dem iſt nicht ſo. Die Hand iſt allerdings ſchon von den alten Weltweiſen als dasjenige Werkzeug anerkannt worden, welches den Menſchen leiblich zum Menſchen macht: allein die Affen - hand iſt eben auch nur eine ungelungene Nachbildung der vollendeten Menſchenhand. Und „ nicht die Zahl gleichförmiger Werkzeuge, ‟ ſagt Oken, „ ſondern die Zahl der ungleichförmigen, nicht die Viel - heit, ſondern die Manchfaltigkeit iſt die Vollkommenheit. Der Affe kann mit ſeinen vier Händen nur Einerlei thun: nämlich ſich halten und klettern; er kann daher die vordern Hände nicht einmal als Hände gebrauchen, weil er ſie nicht frei bekommt, weil die hintern nicht im Stande ſind, allein den Leib zu tragen, wie beim Menſchen. ‟ Somit hat er auch in ſeinen vier Händen Nichts voraus, ſo erſcheint auch dieſes edle Werkzeug bei ihm nur verbildet, nur verzerrt.
Die Uebereinſtimmung des inneren Leibesbaues der Affen iſt größer, als man, von ihrer äußeren Erſcheinung folgernd, vermuthen möchte. Das Geripp enthält 12 bis 16 Bruſtwirbel, 4 bis 9 Lendenwirbel, 2 bis 5 Krenzbein - und 3 bis 33 Schwanzwirbel; das Schlüſſelbein iſt ſtark; die Unterarmknochen ſind getrennt und ſehr beweglich; die Handwurzelknochen ſind geſtreckt, die der Finger aber theilweiſe verkümmert, während an den Hinterfüßen gerade der entgegen - ſetzbare Daumen auffällt. Der Schädel iſt ſehr verſchieden geſtaltet, je nachdem der Schnauzentheil hervor - oder zurücktritt und der Hirnkaſten ſich erweitert; die Augen liegen immer vorn, in ſtark umrandeten Knochenhöhlen, | und die Jochbögen ſtehen nicht bedeutend vom Schädel ab. Das Gebiß enthält alle Zahnarten und zwar in ununterbrochenen Reihen, d. h. ohne Lücken zwiſchen den ver - ſchiedenen Zähnen: — vier Schneidezähne, zwei oft außerordentlich und wie bei Raubthieren ent - wickelte Eckzähne, zwei oder drei Lück - und drei Mahlzähne in jedem Kiefer, pflegen es zu bilden. — Unter den Muskeln verdienen die, welche die Vorderhände bewegen, unſere Beachtung, weil ſie im Vergleich zu denen der Menſchenhand außerordentlich vereinfacht, ja verkümmert ſind. Hierdurch eben wird der Affenhand jene tauſendfältige Beweglichkeit unmöglich, welche unſere Hand auszeichnet. „ Die Vergleichung beider Hände allein, ‟ ſagt Giebel, „ erweiſt die behauptete Abſtammung des Menſchen von den Affen als durchaus unmöglich und bekundet deren Unbildungsfähigkeit, zu ſo mancherlei häuslichen Handgeſchäften ſie ſich auch abrichten laſſen. ‟ Die Hinterhände der Affen ſind der Menſchenhand ähnlicher, als die Vorderhände, verlieren aber als Körperſtützen ihre Freiheit und damit ihre Brauchbarkeit. Wie die Hand, unterſcheidet ſich auch der Kehl|kopf vielfach von dem des Menſchen; er befähigt das Thier nicht zu einer Sprache im menſchlichen Sinne; die ſackartigen Er - weiterungen der Luftröhre begünſtigen dagegen gellende, heulende Laute, welche unſerem Ohre geradezu entſetzlich vorkommen.
1 *4Die Affen.Der Affenleib zeigt alſo äußerlich und innerlich ſo viele Eigenthümlichkeiten, daß die Unähnlich - keit zwiſchen Affe und Menſch größer erſcheinen muß, als die Aehnlichkeit. Der hagere, behaarte Leib ohne Geſäß, die langen Arme, die dünnen Beine ohne Waden, die Geſäßſchwielen bei einem großen Theile der Arten, der vielen zukommende lange Schwanz und vor allem der thieriſche Kopf mit dem rückliegenden und kleinen Schädel und den eingezogenen, dünnen Lippen müſſen auch den oberflächlichſten Beobachter das Thier im Gegenſatze zum Menſchen erkennen laſſen. Ein einziger Blick auf den vollendeten Menſchen, auf Denjenigen, welchen der Künſtler vor ſich ſah, als er das Götterbild ſeines Apollo ſchuf: — ein einziger Blick auf ihn genügt, um die unüberſteigliche Schranke feſtzuſtellen, welche Menſch und Thier auf ewig ſcheidet.
Jn dem Affen zeigt ſich das Thier aber in noch abſchreckenderer Weiſe, wenn man ſeine geiſtigen Fähigkeiten einer Prüfung unterzieht. Man braucht nur das Affengeſicht zu ſtudiren, um zu wiſſen, weß Geiſtes Kind man vor ſich hat. Niemals hat dieſes Geſicht einen edlen, gutmüthigen, treu - herzigen Ausdruck. Es kann wohl ſanft erſcheinen, dann aber fehlt auch das Kluge, Geweckte: der ſanfte Affe iſt ein ſchläfriger, trauriger Geſell und nur leiblich noch ein Affe. Bei dem wirklichen, echten Affen ſchaut das geiſtige Weſen immer grell aus dem Geſicht heraus. Dies wird am auf - fallendſten, wenn man vergleicht. Der bei voller Geiſtesruhe gemüthlich, menſchenartig ausfehende Orang-Utang wird ganz Thier, ſobald ſich eine Leidenſchaft in ſeiner Seele regt. Auch der für den Affen Eingenommene vermißt dann augenblicklich die hohe, unbehaarte Menſchenſtirn und das zurücktretende Menſchenkinn, vermißt ſelbſt die Zornesgluth im Menſchenauge: denn die gefaltete, haarige Stirn, die fletſchende Schnauze mit den Raubthierzähnen und der flachen Naſe und die funkelnden Augen des zornigen Affen laſſen ſofort jeden Gedanken an Menſchenähnlichkeit verſchwin - den. Aber der Orangaffe iſt noch nicht das vollendete Thier im ſchlechten Sinne: dieſes iſt der Pavian oder Hundskopf. Er ähnelt entfernt unſerem edlen, treuen Hausfreunde, dem menſch - lichſten aller Thiere — ſoweit es das geiſtige Weſen anlangt — unſerem Hunde: aber er ähnelt ihm, wie bemerkt, nicht mehr, als der Orangaffe dem Menſchen ähnelt, und im Zorn iſt von dieſer Aehnlichkeit keine Spur mehr zu bemerken. Das gerade bei den Pavianen und noch mehr bei den Mandrilen in der auffallendſten und widerwärtigſten Weiſe gefärbte, dickwulſtige und tiefgefurchte Geſicht mit den tückiſchen, falſchen Augen erſcheint dann ſo viehiſch, ſo ſcheußlich abſchreckend, daß uns das liebe Hundegeſicht dagegen wie das eines treuen Herzensfreundes anſpricht.
Die Beweglichkeit des Affengeſichtes iſt unglaublich groß. Jn einem Nu durchlaufen es alle nur denkbaren Ausdrücke; Freundlichkeit und Wuth, Ehrlichkeit und Tücke, Lüſternheit, Genußſucht, Geilheit und hundert andere Eigenſchaften und Leidenſchaften geben ſich raſch nach und durch einander auf dieſem treuen Spiegel des Jnnern kund. Und noch will es ſcheinen, als könne das Geſicht den Kreuz - und Querſprüngen des Affengeiſtes kaum folgen.
Unter den verſchiedenen Arten der Ordnung zeigt ſich hierin eine merkwürdige Steigerung. Je klüger, liſtiger, ſchlauer, tückiſcher, geiler, unverſchämter und wilder der Affe iſt, um ſo beweglicher, zugleich aber verzerrter, mißgebildeter und häßlicher iſt ſein Geſicht. Unſchuldig, kindlich ſehen blos die geiſtesärmeren, ſtilleren Affen aus, und doch iſt der Wechſel in ihrem Geſichtsausdruck noch immer ein erſtaunlich raſcher und umfaſſender. Mit zunehmendem Verſtand mehren ſich nur die ſchlechten Eigenſchaften, nicht auch die guten.
Oken beſchreibt den Affen im Vergleich zu dem Menſchen in ſeiner kurzen Weiſe mit folgenden Worten:
„ Die Affen ſind dem Menſchen ähnlich in allen Unſitten und Unarten. Sie ſind boshaft, falſch, tückiſch, diebiſch und unanſtändig; ſie lernen eine Menge Poſſen, ſind aber ungehorſam und verderben oft den Spaß mitten im Spiel, indem ſie dazwiſchen einen Streich machen, wie ein tölpelhafter Hans - wurſt. Es giebt keine einzige Tugend, welche man einem Affen zuſchreiben könnte, und noch viel weniger irgend einen Nutzen, den ſie für den Menſchen hätten. Wacheſtehen, Aufwarten, verſchiedene Dinge holen, thun ſie blos ſo lange, bis ſie die Narrheit anwandelt. Sie ſind nur die ſchlechte Seite des Menſchen, ſowohl in leiblicher wie ſittlicher Hinſicht. ‟
5Geſichtsausdruck. Weſen.Es läßt ſich nicht leugnen, daß dieſe Schilderung faſt durchgängig richtig iſt. Wir wollen jedoch auch gegen die Affen gerecht ſein und dürfen deshalb wirklich gute Seiten derſelben nicht vergeſſen. Ueber ihre geiſtigen Eigenſchaften in Einem abzuurtheilen, iſt nicht gerade leicht, weil die ganze Sipp - ſchaft zu viele ſich widerſprechende Eigenthümlichkeiten zeigt. Man muß freilich anerkennen, daß die Affen boshaft, liſtig, tückiſch, zornig oder wüthend, rachſüchtig, ſinnlich in jeder Hinſicht, zänkiſch, herrſch - und raufſüchtig, reizbar und grämlich, kurz leidenſchaftlich ſind, darf aber auch die Klugheit und Munterkeit, die Sauftheit und Milde, die Freundlichkeit und Zutraulichkeit gegen den Menſchen, ihre Unterhaltungsgaben, ihre erheiternde Ernſthaftigkeit, ihre Geſelligkeit, ihren Muth und ihr Ein - ſtehen für das Wohl der Geſammtheit, ihr kräftiges Vertheidigen der Geſellſchaft, welcher ſie an - gehören, ſelbſt gegen die ihnen überlegenen Feinde, und ihre oft ſehr unſchuldige Luſt an Spielereien und Neckereien nicht vergeſſen. Und in einem Punkte ſind ſie alle groß: in ihrer Liebe gegen ihre Kinder, in dem Mitleiden gegen Schwache und Unmündige nicht allein ihrer Art und Familie, ſondern ſelbſt anderer Ordnungen, ja ſogar anderer Klaſſen des Thier - reichs. Der Affe iſt in ſeiner ſinnlichen Liebe ein Scheuſal; er kann aber in ſeiner ſittlichen Liebe manchem Menſchen ein Vorbild ſein! Eine Tugend hat der Affe alſo doch: — aber leider übertreibt er dieſe einzige gute Eigenſchaft oft in ſolchem Grade, daß er ſelbſt ſie lächerlich erſcheinen läßt.
Wie ſoll man nun dieſe in jeder Beziehung ſo widerſprechende, ſo verſchiedene Geſellſchaft hin - ſichtlich ihrer geiſtigen Eigenthümlichkeiten beſchreiben? Jch glaube am beſten und kürzeſten mit den Worten der Araber: als ein Mittelding zwiſchen Menſch und Teufel! Freilich ſagen die Araber auch, daß ſie Söhne, Enkel, Urenkel und Nachkommen des Ungerechten ſeien und wiederum nur Ungerechte zeugen würden, daß ihnen Nichts heilig, Nichts achtbar, Nichts zu gut und Nichts zu ſchlecht ſei, daß ſie keine Freundſchaft hielten mit andern Geſchöpfen des Herrn und verflucht wären ſeit dem Tage, an welchem ſie durch das Strafgericht des Gerechten aus Menſchen zu Affen verwan - delt worden ſeien: — wir aber gedenken der heiteren Stunden, welche ſie uns ſchon in der Kindheit bereiteten, und des Vergnügens, welches wir noch heute empfinden, wenn wir im Thiergarten vor dem Affenhauſe ſtehen, wir urtheilen und richten über ſie mit möglichſter Gerechtigkeit und Milde.
Die geiſtige Ausbildung, welche die Affen überhaupt erreichen können, erhebt ſie keineswegs ſo hoch über die übrigen Säugethiere mit Ausſchluß des Menſchen, als man gewöhnlich angenommen hat. Namentlich ältere Schriftſteller ſind der Bewunderung voll über die geiſtigen Leiſtungen der Affen. Sie haben ſich beſtechen laſſen durch die Fertigkeiten, welche, da nur die Affen außer den Menſchen ſich dieſelben aneignen können, geiſtigen Urſprungs zu ſein ſcheinen. Jn Wahrheit aber leiſtet der Affe geiſtig nicht mehr, ja ſogar viel weniger, als andere geſcheite Säugethiere, z. B. der Elefant oder der Hund. Die Hand, welche er beſitzt, gewährt ihm vor den genannten Thieren ſo große Vorzüge, daß ſeine Leiſtungen bei weitem größer erſcheinen, als ſie ſind. Der Affe iſt gelehrig, und der Nachahmungstrieb, welchen viele ſeines Geſchlechts beſitzen, erleichtert es ihm, irgend eine Kunſt oder Fertigkeit zu erlernen. Deshalb eignet er ſich nach kurzer Uebung die verſchiedenartigſten Kunſtſtücke an, welche einem Hunde z. B. nur mit großer Mühe gelingen. Allein man darf nie ver - kennen, daß die Affen das ihnen Gelehrte immer nur mit einem gewiſſen Widerſtreben ausführen, niemals aber mit der Freude und dem Bewußtſein, mit welcher die früher genannten Thiere für uns arbeiten. Es hält nicht ſchwer, einen Affen daran zu gewöhnen, mit Meſſer und Gabel zu eſſen, aus Gläſern zu trinken, Kleider anzuziehen, ihn zum Drehen des Bratſpießes oder zum Waſſerholen u. ſ. w. abzurichten; allein er wird Solches nie mit derſelben Sorgfalt, ich möchte ſagen, Gewiſſenhaftigkeit thun, wie ein wohlerzogener Hund: er beweiſt dabei auch nicht halb ſoviel Verſtand, wie dieſer. Dennoch kann man die großen geiſtigen Gaben, welche die Affen durchſchnittlich beſitzen, nicht leugnen. Ein gewiſſer Grad von Ueberlegung iſt ihnen nicht abzuſprechen. Sie beſitzen ein ganz vortreffliches Gedächtniß und wiſſen ihre Erfahrungen ſehr verſtändig zu benutzen. Sie verſtehen es, mit wirklicher Schlauheit und Liſt ihre Vortheile immer wahrzunehmen; ſie bekunden ein gewiſſes Geſchick in der Ver -6Die Affen. ſtellung und laſſen es ſich oft gar nicht merken, daß ſie irgend welche heilloſe Abſicht in ihrem Gehirn ausbrüten; ſie wiſſen ſich Gefahren gewandt zu entziehen und finden trefflich die Mittel auf, ſich gegen ſie zu wahren oder zu vertheidigen. Doch alles Dieſes bemerken wir auch beim Elefanten und Hunde, und zwar in noch größerer Ausdehnung. Auch Gemüth iſt den Affen nicht abzuſprechen. Sie ſind der Liebe und Zuneigung fähig; ſie beſitzen Dankbarkeit und äußern ihr Wohlwollen gegen Diejenigen, welche ihnen Gutes thaten. Allein ihre Liebe iſt ebenſo leicht verſcherzt, wie gewonnen. Nur bei einem einzigen Affen, welchen ich lange Zeit beſaß, habe ich bemerkt, daß er unter allen Ver - hältniſſen mir ſeine unverbrüchliche Zuneigung bewahrte. Sein Herz hatte blos für eine Liebe Raum, dieſe hatte ich gewonnen, und Niemand anders konnte ſie erringen. Er biß Den, mit welchem er eben erſt Freundſchaft geſchloſſen hatte, ſobald ich mich ihm und ſeinem neuen Freunde nahte.
Es iſt beachtenswerth, daß alle Affen, trotz ihres Verſtandes, oft auf die albernſte Weiſe über - liſtet und getäuſcht werden. Jhre Leidenſchaften tragen häufig einen vollſtändigen Sieg über ihren Verſtand davon. Sind jene rege geworden, ſo achten ſie auch die plumpſte Falle nicht mehr und vergeſſen ihre Sicherheit gänzlich über der Abſicht, ihrer Gier zu fröhnen. Hierin unterſcheidet ſich z. B. der Fuchs außerordentlich weit und ſehr zu ſeinem Vortheil von ihnen. Den Fuchs kann blos der ärgſte Hunger in die Falle treiben, und auch dann muß dieſe noch mit größter Liſt gelegt worden ſein. Man hat oft beobachtet, daß er ſich aus einer Falle ſelbſt durch Abbeißen des gefangenen Glie - des befreit: einem Affen würde Solches nie einfallen. Die Malaien höhlen harte Kürbiſſe durch eine kleine Oeffnung aus und füllen ſie dann mit Stücken von Nahrung, namentlich mit Zucker oder mit Früchten, welche die Affen ſehr gern freſſen. Dieſe zwängen nun, um zu ihrer Lieblings - ſpeiſe zu gelangen, ihre Hände durch die enge Oeffnung und erfaſſen eines der Stücke mit ſolcher Gier, daß ſie ſich lieber von dem Menſchen fangen laſſen, als daß ſie das einmal Erfaßte wieder losließen. Jn ſolcher Weiſe beherrſchen die Leidenſchaften auch die klügſten Affen, und deshalb eben ſind wir berechtigt, ihren Verſtand nur einen untergeordneten zu nennen. Mit dem wahren Menſchenverſtande hat der des Affen gar keine Aehnlichkeit; und es macht ſich bei der Vergleichung der beiden Weſen auch ſofort noch ein höchſt wichtiger Unterſchied bemerklich. Der Menſch nimmt mit den Jahren an Verſtand und Weisheit zu: der Affe iſt nur in der Jugend gelehrig, und mit den zunehmenden Jahren tritt das Vieh in ihm immermehr hervor, und die Leidenſchaft unterjocht dann den Verſtand vollſtändig. Die Erziehung vermag viel beim Affen zu leiſten; ſie ſchärft ſeine geiſtigen Fähigkeiten außerordentlich: allein ein wirklich befriedigendes Ergebniß erreicht ſie nie, und deshalb eben kann der Affe nimmermehr Geſellſchafter des Menſchen werden.
Jm freien Naturleben zeigen alle Affen übrigens keineswegs mehr geiſtige Fähigkeiten, als andere hochſtehende Thiere. Jhr Verſtand ſcheint ſich erſt zu entwickeln, wenn ſie in Geſellſchaft des Menſchen gekommen ſind.
Die Affen waren in früheren Schöpfungsabſchnitten über einen viel größeren Theil der Erde verbreitet, als gegenwärtig. Sie lebten im ſüdlichen Europa, in Frankreich und England. Freilich waren es nicht dieſelben Arten, welche gegenwärtig noch leben, ſondern anders geſtaltete, die das rauhe Klima wohl vertragen konnten. Gegenwärtig iſt ihr Vaterland auf die warmen Theile der Erde beſchränkt. Gleichmäßige Wärme iſt für ſie Lebensbedingung. Blos einige Paviane gehen ziemlich weit in die Hochgebirge hinauf und ertragen dort größere Kältegrade, als man vermuthen möchte. Faſt alle übrigen Affen ſind höchſt empfindlich gegen die Kälte und brechen in Klagen aus, ſobald ſie ihnen fühlbar wird. Mangel an Wärme iſt auch einer der Hauptgründe, daß ſie bei uns nur kurze Zeit ausdauern. — Jeder Erdtheil hat ſeine eigenen Arten: Aſien und Afrika beſitzen einige zuſammen, wie ſich aus der Lage dieſer beiden Erdtheile zu einander auch leicht erklärt. Jn Europa kommt nur eine Art vor, und zwar in einem einzigen Trupp, welcher an den Felſenwänden Gibraltars unter dem Schutze der Beſatzung dieſer Feſtung lebt. Es iſt aber höchſt wahrſchein - lich, daß die Stammväter dieſer Herde erſt von dem nahen Afrika eingeführt wurden. Gibraltar iſt übrigens nicht der nördlichſte Ort, welcher Affen beſitzt; denn der japaneſiſche Affe geht noch weiter7Leidenſchaften. Verbreitung. Nahrung. Bewegungen. Klettern.nach Norden hinauf, etwa bis zum 37° nördl. Br. Nach Süden zu reichen die Affen ungefähr bis zum 35° ſüdl. Br., doch nur in der alten Welt, während ſich der Verbreitungskreis der Neuweltsaffen blos vom 28° nördl. Br. bis zum 29° ſüdl. Br. erſtreckt.
Der Verbreitungskreis einer Art iſt ziemlich beſchränkt, obwohl es vorkommt, daß in ent - fernten Ländern eines und deſſelben Erdtheils gewiſſe, ſich ſehr ähnliche Arten einander vertreten.
Die große Mehrzahl der Affen gehört dem Walde an, und nur ein kleiner Theil lebt in felſigen Gebirgen. Jhre Leibesausrüſtung weiſt ſie auf das Klettern an, und deshalb eben ſind Bäume ihr Lieblingsaufenthalt. Alle echten Felſenaffen ſind ſehr ungeſchickt auf Bäumen und beſteigen dieſe daher auch blos im Nothfalle.
Die Affen gehören unſtreitig zu |den lebendigſten, beweglichſten Säugethieren. So lange ſie auf Nahrungserwerb ausgehen, ſind ſie nicht einen Augenblick lang ruhig. Schon die Manchfaltig - keit ihrer Nahrung bedingt Dies. Jhnen iſt alles Genießbare recht. Früchte, Zwiebeln, Knollen, Wurzeln, Sämereien, Nüſſe, Knospen, Blätter und ſaftige Pflanzenſtengel bilden die Hauptmaſſe ihrer Mahlzeiten; ein Kerbthier aber wird auch nicht verſchmäht, und Eier, junge Vögelchen ꝛc. ſind Leckerbiſſen. Da giebt es nun immer Etwas zu begucken, zu erhaſchen oder abzupflücken, zu beriechen und zu koſten, um es entweder zu genießen oder auch wegzuwerfen. Solche Unterſuchungen erfordern aber viel Bewegung, und deshalb iſt auch die ganze Bande nie ruhig. Die Sorge um das liebe Futter iſt groß: ſogar der gewaltige Elefant bekommt ſeine Prügel, wenn er ſo unverſchämt iſt, an der Affentafel — und das iſt der ganze, große Wald — ſchmanſen zu wollen. Von Eigenthum haben die Schelme nur ſehr mangelhafte Begriffe: „ Wir ſäen, aber die Affen ernten, ‟ ſagen die Araber Oſt-Sudahus. Felder und Gärten werden von allen Affen als höchſt erquickliche Orte an - geſehen und gebrandſchatzt, daß es eine wahre Luſt oder ein wahrer Jammer iſt. Jeder einzelne Affe verwüſtet, wenn er Dies thun kann, zehnmal mehr, als er frißt, und iſt deshalb nur dem frommen, oder beſſer, abergläubiſchen Hindu erträglich, jedem andern Menſchen aber tief verhaßt. Gegen ſolche Spitzbuben hilft weder Schloß noch Riegel, weder Hag noch Mauer; ſie öffnen die Schlöſſer und ſteigen über Mauern hinweg, und was nicht gefreſſen werden kann, wird wenigſtens mitgenommen, Gold und Edelſteine auch. Man muß eine Affenherde ſelbſt geſehen haben, wenn ſie auf Raub auszieht, um begreifen zu können, daß ein Landwirth ſich halb todt über ſie ärgern kann. Für den Unbetheiligten iſt die Beobachtung der ſich während des Raubzugs in ihrer ganzen Regſam - keit zeigenden Geſchöpfe freilich ein höchſt unterhaltendes Schauſpiel. Alle Künſte gelten! Es wird gelaufen, geſprungen, geklettert, gegaukelt, im Nothfall auch geſchwommen. Die Künſteleien auf dem Gezweig überſteigen allen Glauben. Nur |die Orangaffen und Paviane ſind ſchwerfällig, die übrigen ſind vollendete Gaukler; ſie ſcheinen fliegen zu können. Sätze von zwanzig, ja dreißig Fuß Sprungweite ſind ihnen Spaß; von dem Wipfel eines Baumes ſpringen ſie dreißig Fuß hernieder auf das Ende eines Aſtes, beugen denſelben durch den Stoß tief herab und geben ſich, während der Aſt zurückſchnellt, noch einen mächtigen Schwung; der Schwanz oder die Hinterbeine werden als Steuer lang ausgeſtreckt, und wie ein Pfeil durchfliegt das Thier die Luft. Sofort nach glücklicher Ankunft geht es weiter, durch die fürchterlichſten Dornen hindurch, als wandelte man auf getäfeltem Fußboden. Eine Schlingpflanze iſt eine höchſt bequeme Treppe für die Affen, ein Baumſtamm ein ge - bahuter Weg. Sie klettern vor - und rückwärts, kopfoberſt und kopfunterſt, oben auf einem Aſte hin oder unten an ihm weg; wenn man ſie in einen Baumwipfel wirft, erfaſſen ſie mit einer Hand ein Zweiglein und hängen an ihm geduldig, bis der Aſt zur Ruhe kommt, dann ſteigen ſie an ihm empor und ſo unbefangen weiter, als hätten ſie ſich ſtets auf ebenem Boden befunden. Bricht der Zweig, ſo faſſen ſie im Fallen einen zweiten, hält dieſer auch nicht, ſo thut’s doch ein dritter, und im Noth - falle macht ein Sturz eben auch Nichts aus. Was ſie mit der Vorderhand nicht ergreifen können, faſſen ſie mit der Hinterhand, oder die neuweltlichen Arten mit dem Schwanze. Dieſer muß gründ - lich herhalten. Er wird von allen als Steuer angewandt, wenn weite Sprünge gemacht werden ſollen, dient aber auch ſonſt noch zu allem Möglichen, ſei es auch nur als eine Leiter für den nächſten. 8Die Affen. Bei den Neuweltsaffen wird er zur fünften — nein, zur erſten Hand. An ihm hängt ſich der ganze Affe auf und wiegt und ſchaukelt ſich nach Belieben; mit ihm holt er ſich Nahrung aus Spalten und Ritzen; ihn benutzt er als Treppe für ſich ſelbſt; er dient anſtatt der Hängematte, wenn ſein Eigner Mittagsruhe halten will.
Alle Affen ſind unglaublich ſtarkgliederig und heben Laſten, welche verhältnißmäßig für unſere ſchwachen Arme zu ſchwer ſein würden; ein Pavian, den ich beſaß, hängte ſich viele Minuten lang an einem Arme auf und hob ſeinen dicken Leib daran in die Höhe, ſo hoch es der Arm zuließ.
Die Leichtigkeit und Zierlichkeit ihrer Bewegungen zeigt ſich übrigens nur beim Klettern. Jhr Gang iſt immer mehr oder weniger plump und ſchwerfällig. Die leichten Meerkatzen und die behen - den Krallenaffen gehen noch am beſten, manche Arten ſogar recht leicht; ſchon die Paviane aber humpeln in ſehr ſpaßhafter Weiſe dahin und bewegen ihren dicken Hintern dabei ſo ausdrucksvoll, daß es ausſieht, als wollten ſie einen deutſchen Bauerntanz aufführen. Der Gang der eigentlichen Baumaſſen iſt kaum noch Gang zu nennen. Während die vorher Erwähnten mit der ganzen Sohle auftreten, ſtützen dieſe ſich auf die eingeſchlagenen Knöchel der Finger ihrer Vorderhände und ſchlen - kern den Leib ſchwerfällig vorwärts, ſo daß die hinteren Hände zwiſchen die vorderen zu ſtehen kommen. Dabei werden dieſe ſeitlich aufgeſetzt und die Thiere ſtützen ſich alſo auf die eingeſchlagene Fauſt der Vorderhände und auf die Außenſeite der hinteren. Unter Umſtänden gehen viele Affen auch wohl ein kleines Stück weit auf den Hinterbeinen allein; ein eigentlich aufrechter Gang iſt das aber nicht zu nennen. Wenn ſie mit den Vorderarmen das Gleichgewicht nicht mehr herſtellen können, fallen ſie nieder, und wirklich aufrecht, wie der Menſch, können ſie überhaupt nicht gehen. Bei ernſterem Laufe, etwa wenn eine Balgerei bevorſteht, oder wenn ſie verfolgt werden, gehen ſie ſtets auf allen Bieren.
Einige Sippen der Ordnung ſchwimmen vortrefflich, andere gehen unter wie Blei, ſobald ſie ins Waſſer fallen. Zu erſteren gehören die Meerkatzen, von denen ich einige mit der größten Schnelligkeit und Sicherheit über den blauen Nil ſchwimmen ſah, zu den letzteren die Paviane und vielleicht auch die Brüllaffen; von jenen ertrank uns einer, als wir ihn baden wollten. Die Schwimmunkundigen ſcheuen deshalb auch das Waſſer in hohem Grade: — man hat eine faſt ver - hungerte Familie von Brüllaffen auf einem Baume gefunden, deſſen Fuß durch Ueberſchwemmung unter Waſſer geſetzt worden war, ohne daß die Affen es gewagt hätten, nach anderen, kaum ſechzig Schritt entfernten Bäumen ſich zu retten. Ulloa, ein Naturforſcher, welcher über braſilianiſche Thiere ſchrieb, hat daher für die armen, ſchwimmunkundigen Thiere eine recht hübſche Brücke er - funden, welche gewiß ſehr gute Dienſte leiſten würde, wenn — die Affen ſie benutzen wollten. Jener Gelehrte erzählt nemlich, daß je ein Brüllaffe mit ſeinen Händen den Schwanz eines andern packe und daß in dieſer Weiſe die ganze Geſellſchaft eine lange Kette aus lauter Affengliedern bilde, welche vermittelſt des Schwanzes des Endgliedaffen am Wipfel eines Uferbaumes befeſtigt und dann durch vereinigte Kraft aller Glieder in Schwingungen geſetzt werde, bis das Vorderglied den Zweig eines Baumes des jenſeitigen Ufers erfaſſen und ſich dort feſthalten könne. Auf der ſolchergeſtalt hergerichteten Brücke ſollen nun zuerſt die Jungen und Schwächeren auf das andere Ufer überſetzen, dann aber der Vorderaffe die ganze Kette, deren Endglied ſeine Klammer löſt, zu ſich hinüberziehen. Der Prinz von Wied, ein ſehr gewiſſenhafter Beobachter, nennt dieſe Erzählung bei ihrem rechten Namen: „ eine ſpaßhafte Fabel ‟; es iſt aber um ſo merkwürdiger, daß noch in unſerer Zeit einige Naturforſcher an ihr mit voller Glaubensinnigkeit feſthalten.
Das geſellige Leben unſerer Thiere iſt ein für den Beobachter ſehr anziehendes. Wenige Arten leben einſiedleriſch; die meiſten Affen ſchlagen ſich in Banden zuſammen. Von dieſen erwählt ſich jede einzelne ihren feſten Wohnſitz, welcher größeren oder geringeren Umfang haben kann. Die Wahl fällt regelmäßig auf Gegenden, welche in jeder Hinſicht günſtig ſcheinen. Etwas zu knacken und zu beißen muß es geben, ſonſt wandert die Bande aus. Waldungen in der Nähe menſchlicher Anſiedelungen ſind Paradieſe; der verbotene Baum in ihnen kümmert die Affen nicht, wenn nur die Aepfel auf ihm9Schwimmen. Die Affenbrücke. Wohnorte. Leitaffe. Affenſprache.gut ſind. Mais - und Zuckerrohrfelder, Obſt -, Melonen -, Bananen - und Pifanganpflanzungen gehen über alles Andere; Dorfſchaften, in denen Jeder, welcher die unverſchämten Spitzbuben züchtigt, den Aberglauben der Bewohner zu fürchten hat, ſind auch nicht übel. Wenn ſich die Bande erſt über den Wohnort geeinigt hat, beginnt das wahre Affenleben mit all ſeiner Luſt und Freude, ſeinem Kampf und Streit, ſeiner Noth und Sorge. Das befähigtſte männliche Mitglied einer Herde wird Zugführer oder Leitaffe. Dieſe Würde wird ihm aber nicht durch das „ allgemeine Stimmrecht ‟ übertragen, ſondern ihm erſt nach ſehr hartnäckigem Kampf und Streit mit andern Bewerbern, d. h. mit ſämmtlichen übrigen alten Männchen, zuertheilt. Die längſten Zähne und die ſtärkſten Arme ent - ſcheiden. Wer ſich nicht gutwillig unterordnen will, wird durch Biſſe und Püffe gemaßregelt, bis er Vernunft annimmt. Dem Starken gebührt die Krone; in ſeinen Zähnen liegt ſeine Weisheit. Es iſt aber auch erklärlich, daß dem ſo iſt: die ſtärkſten Affen ſind regelmäßig auch die älteſten, und ihnen müſſen ſich wohl oder übel die jüngeren, unerfahrenen unterordnen. Der Leitaffe verlangt und genießt unbedingten Gehorſam und zwar in jeder Hinſicht. Ritterliche Artigkeit gegen das ſchöne Ge - ſchlecht iſt nicht ſeine Sache: im Sturm erringt er der Minne Sold. Das jus primae noetis gilt ihm heute noch. Er wird Stammvater eines Volkes, und ſein Geſchlecht mehrt ſich, gleich dem Abrahams, Jſaaks und Jakobs, „ wie der Sand am Meere ‟. Kein weibliches Glied der Bande darf ſich einer albernen Liebſchaft mit irgend welchem Grünſchnabel hingeben. Seine Augen ſind ſcharf, und ſeine Zucht iſt ſehr ſtreng; er verſteht in Liebesſachen keinen Spaß. Auch die Aeffinnen, welche ſich, oder beſſer, ihn vergeſſen ſollten, werden gemaulſchellt und zerzauſt, daß ihnen der Um - gang mit andern Helden der Bande gewiß vergeht; der betreffende Affenjüngling, welcher die Haremsgeſetze des auf ſein Recht ſtolzen Sultans verletzt, kommt noch ſchlimmer weg. Die Eifer - ſucht macht dieſen furchtbar. Es iſt auch thöricht von einer Aeffin, ſolche Eiferſucht heraufzube - ſchwören; denn der Leitaffe iſt Manns genug für ſämmtliche Aeffinnen ſeiner Herde. Wird dieſe zu groß, dann ſondert ſich unter der Führung eines inzwiſchen ſtark genug gewordenen Mitbruders ein Theil vom Haupttrupp ab und beginnt nun für ſich den Kampf und den Streit um die Ober - herrſchaft in der Leitung des Ganzen und in der Liebe. Kampf findet immer ſtatt, wo Mehrere nach gleichem Ziele ſtreben; bei den Affen vergeht aber ſicher kein Tag ohne Streit und Zank. Man braucht eine Herde nur kurze Zeit zu beobachten, ſo wird man gewiß ſehr bald den Streit in ihrer Mitte und ſeine wahre Urſache kennen lernen.
Jm Uebrigen übt der Leitaffe ſein Amt mit großer Würde aus. Schon die Achtung, welche er genießt, verleiht ihm eine gewiſſe Sicherheit und Selbſtändigkeit in ſeinem Betragen, welche den ihm Untergebenen fehlt; auch wird ihm von dieſen in jeder Weiſe geſchmeichelt. So ſieht man, daß ſich ſelbſt die Aeffinnen bemühen, ihm die höchſte Gunſt, welche ein Affe gewähren oder nehmen kann, zu Theil werden zu laſſen. Sie beeifern ſich nämlich, ſein Haarkleid ſtets von den läſtigen Schmarotzern möglichſt rein zu halten, und er läßt ſich dieſe Huldigung mit dem Anſtande eines Paſchas gefallen, dem ſeine Lieblingsſklavin die Füße kraut. Dafür ſorgt er nun aber auch treulich für die Sicherheit ſeiner Untergebenen und iſt deshalb in noch größerer Unruhe, als ſie. Nach allen Seiten hin ſendet er ſeine Blicke, keinem Weſen traut er, und ſo entdeckt er auch faſt immer rechtzeitig eine etwaige Gefahr.
Die Affenſprache kann ziemlich reichhaltig genannt werden, wenigſtens hat jeder Affe ſehr wechſelnde Laute für verſchiedenartige Erregungen. Auch der Menſch erkennt ſehr bald die Be - deutung der Töne, mit welchen der Affe ſeine Herde führt, und der Ausruf des Entſetzens, welcher ſtets die Mahnung zur Flucht in ſich ſchließt, iſt nun vollends bezeichnend. Er iſt allerdings ſehr ſchwer zu beſchreiben und noch weniger nachzuahmen. Man kann eben nur ſagen, daß er aus einer Reihe kurzer, abgeſtoßener, gleichſam zitternder und mißtöniger Lante beſteht, deren Bedeutung der Affe durch die Verzerrung des Geſichts noch beſonders erläutert. Sobald dieſer Warnungston laut wird, nimmt die Herde eiligſt die Flucht. Die Mütter rufen ihre Kinder zuſammen; dieſe hängen im Nu an ihr feſt und mit der ſüßen Bürde eilen ſie ſo ſchnell als möglich nach dem nächſten Baum10Die Affen. oder Felſen. Der alte Affe zieht voran und bezeichnet den Weg, welcher ſtets in der kühnſten Weiſe ausgeführt wird. Erſt wenn er ſich ruhig zeigt, ſammelt ſich die Herde und beginnt dann nach kurzer Zeit den Rückweg, um die unterbrochene Plünderung — denn nur von einer ſolchen flüchten ſie — wieder aufzunehmen.
Jedoch nicht alle Affen flüchten vor Feinden; die Stärkeren ſtellen ſich vielmehr ſelbſt furcht - baren Raubthieren und dem noch gefährlicheren Menſchen kühn zur Wehr und laſſen ſich auf Kämpfe ein, deren Ausgang für den Angreifer mindeſtens zweifelhaft iſt. Die größeren Affen, zumal die Paviane, beſitzen in ihren Zähnen auch ſo furchtbare Waffen, daß ſie es mit einem Feinde wohl aufnehmen können, beſonders wenn dieſer, wie gewöhnlich, einzeln herankommt, während ſie die Ber - theidigung ſtets in Maſſe unternehmen und im Kampfe außerordentlich treu und feſt zuſammenhalten. Die Weibchen laſſen ſich nur, wenn ſie ſich ihrer Haut wehren oder ihr Junges vertheidigen müſſen, in Kämpfe ein; dann aber zeigen ſie verhältnißmäßig ebenſo große Tapferkeit, wie die Männchen. Die meiſten Affen kämpfen mit ihren Händen und Zähnen, ſie kratzen und beißen; allein es wird von vielen Seiten einſtimmig verſichert, daß manche Arten auch mit Stöcken, zumal mit abgebrochenen Baumäſten, ſich vertheidigen, und es iſt gewiß, daß ſie Steine, Früchte, Holzſtücke und dergleichen von oben herab auf ihre Gegner ſchleudern. Schon mit dem Pavian läßt ſich kein Eingeborner in Kämpfe ein, vor Allem aber nicht, wenn er ohne das furchtbare Feuergewehr ihm entgegentreten ſollte. Die Orangaffen und namentlich die Gorillas ſollen ſo ſtark und gefährlich ſein, daß der Menſch, welcher mit ihnen in Streit geräth, ſein Feuergewehr ausſchließlich zu ſeiner Selbſtvertheidi - gung, niemals aber zum Angriffe benutzen kann. Jedenfalls iſt die beiſpielloſe Wuth der Affen, welche deren Stärke noch bedeutend ſteigert, ſehr zu fürchten, und die Gewandtheit, welche ſie alle beſitzen, nimmt ihrem Feinde nur zu häufig die Gelegenheit, ihnen einen entſcheidenden Schlag beizubringen.
Jn der Freiheit lebt jede Affenart für ſich oder vereinigt ſich höchſtens mit ganz ähnlichen Arten; in der Gefangenſchaft halten jedoch faſt alle Arten gute Freundſchaft, und es bildet ſich hier ein ähnliches Herrſchafts - und Abhängigkeitsverhältniß, wie unter einer Bande. Der Stärkſte erringt auch hier die Oberherrſchaft. Größere Arten nehmen ſich der kleineren, hilfloſeren regelmäßig an, und zwar thun Dies die Männchen ebenſowohl wie die Weibchen. Große Aeffinnen zeigen ſelbſt Gelüſte nach kleinern Menſchenkindern oder allerlei jungen Thieren, welche ſich tragen laſſen. So abſcheulich der Affe ſonſt gegen Thiere iſt, ſo liebenswürdig beträgt er ſich gegen Kinder oder Pfleg - linge, und daher iſt die Affenliebe ſprichwörtlich geworden. Am meiſten zeigt ſie ſich natürlich an den eigenen Affenkindern.
Die Affen gebären ein Junges, wenige Arten zwei. Dies iſt regelmäßig ein kleines, überaus häßliches Geſchöpf, ſcheinbar mit doppelt ſo langen Gliedmaßen, wie ſeine Eltern ſie beſitzen, und mit einem Geſichte, welches dem eines Greiſes viel ähnlicher ſieht, als dem eines Kindes, ſo faltig und runzelig iſt es. Dieſer Wechſelbalg iſt aber der Liebling der Mutter in noch weit höherem Grade, als es bei dem Menſchen unter ähnlichen Umſtänden der Fall zu ſein pflegt: ſie hätſchelt und pflegt ihn in rührender oder — lächerlicher Weiſe, wie man will; denn die Liebe ſtreift an das Lächerliche. Das Kind hängt ſich bald nach ſeiner Geburt mit ſeinen beiden Vorderhänden an den Hals, mit ſeinen beiden Hinterhänden aber an die Weichen der Mutter feſt, in der geeignetſten Lage, die laufende Mutter nicht zu behelligen und ungeſtört zu ſaugen. Größer gewordene Affenkinder ſpringen bei Gefahr auch wohl auf Schulter und Rücken ihrer Eltern.
Anfangs iſt das kleine Weſen natürlich ſehr gefühl - und theilnahmslos, um ſo zärtlicher aber iſt ſeine Mutter. Sie hat ohne Unterlaß mit ihrem Liebling zu thun; bald leckt ſie ihn, bald lauſt ſie ihn wieder, bald drückt ſie ihn an ſich, und bald nimmt ſie ihn in beide Hände, als wollte ſie ſich an ſeinem Anblicke weiden, bald legt ſie ihn ſich an die Bruſt, bald ſchaukelt ſie ihn hin und her, als wollte ſie ihn einwiegen. Plinius verſichert ganz ernſthaft, daß die Aeffinnen ihre Jungen aus lauter Liebe oft zu Tode drückten; doch iſt Dies in der Neuzeit niemals beobachtet worden. Nach11Kämpfe mit Feinden. Affenliebe. Erziehung. Pflegekinder. Kranke Affen.einiger Zeit beginnt der junge Affe mehr oder weniger ſelbſtſtändig zu werden und verlangt na - mentlich ab und zu ein wenig Freiheit. Dieſe wird ihm gewährt. Die Alte läßt ihr Schoskind aus ihren Armen, und es darf mit andern Affenkindern ſcherzen und ſpielen; ſie verwendet aber keinen Blick von ihm und hat es in beſtändiger Aufficht; ſie geht ihm willig auf allen Schritten nach und erlaubt ihm Alles, was ſie ihm gewähren kann. Bei der geringſten Gefahr ſtürzt ſie auf ihr Kind zu, läßt einen ganz eigenen Ton hören und ladet es durch denſelben ein, ſich an ihre Bruſt zu flüchten. Etwaigen Ungehorſam beſtraft ſie mit Kniffen und Püffen, oft mit förmlichen Ohrfeigen. Doch kommt es ſelten dazu, denn das Affenkind iſt ſo gehorſam, daß es manchem Menſchenkinde zum Vorbilde dienen könnte, und gewöhnlich genügt ihm der erſte Befehl der Mutter. Jn der Gefan - genſchaft theilt ſie, wie ich mehrfach beobachtet habe, jeden Biſſen Brod treulich mit ihrem Spröß - linge und zeigt an ſeinem Geſchick einen ſolchen Antheil, daß man ſich oft der Rührung nicht ent - wehren kann. Der Tod eines Kindes hat in der Gefangenſchaft regelmäßig das Hinſcheiden der Mutter zur Folge; der Gram bringt ſie um. Stirbt eine Aeffin, ſo nimmt das erſte beſte Mit - glied der Bande die Waiſe an Kindesſtatt an, und Dies thut ſowohl die Aeffin, wie der Affe. Die Zärtlichkeit gegen ein Pflegekind der eigenen Art iſt kaum geringer, als die, welche dem eigenen Kinde zu Theil wird; bei anderen Pfleglingen aber iſt Dies anders; hier zeigt ſich der Affe oft als unerklärliches Räthfel. Er pflegt ſeinen angenommenen Liebling nach Möglichkeit, drückt ihn an ſich, lauſt oder reinigt ihn ſonſtwie, behält ihn unter ſteter Aufſicht u. ſ. w., giebt ihm aber gewöhnlich Nichts zu freſſen, ſondern nimmt das für das Pflegekind beſtimmte Futter ohne Gewiſſensbiſſe zu ſich, und hält auch, während er frißt, den kleinen Hungrigen ſorgſam vom Napfe weg. Jch habe das mehrfach an meinen zahmen Pavianen und Meerkatzen beobachtet, wenn ſie ſich junge Hunde oder Katzen zu Pfleglingen auserkoren hatten.
Es iſt noch nicht ermittelt, wieviel Jahre der Affe durchſchnittlich zu ſeinem Wachsthum braucht. Daß dieſe Zeit bei den Größeren eine längere, als bei den Kleineren iſt, verſteht ſich wohl von ſelbſt. Die Meerkatzen und die amerikaniſchen Affen ſind wahrſcheinlich in drei bis vier Jahren vollkommen erwachſen, die Orangaffen und die Paviane aber mögen acht bis zwölf Jahre zu ihrem Wachsthum bedürfen. Jm Freileben ſcheinen alle Affen wenigen Krankheiten ausgeſetzt zu ſein; wenigſtens weiß man Nichts von Seuchen, welche dann und wann unter den Affen wütheten. Wie hoch ſie ihr Alter bringen, kann auch nicht beſtimmt werden; doch darf man wohl annehmen, daß die größeren Arten einige vierzig Jahre alt werden können. Bei uns zu Lande leiden alle außerordentlich von dem rauhen Klima. Die Kälte drückt ſie ſehr, verſtimmt ſie und macht ſie ſtill und traurig. Gewöhnlich bekommen ſie auch bald die Lungenſchwindſucht, und dieſe pflegt dann ihrem Leben raſch ein Ende zu machen. Ein kranker Affe iſt eine Erſcheinung, welche jeden Menſchen rühren muß. Der arme, ſonſt ſo luſtige Burſche ſitzt traurig und elend da und ſchaut den mitfühlen - den Menſchen kläglich bittend, ja wahrhaft menſchlich in das Geſicht. Jemehr er ſeinem Ende zu - geht, um ſo milder wird er; das Thieriſche verliert ſich ganz und gar, und die edlere Seite ſeines Geiſtes zeigt ſich immer heller. Er erkennt jede Hilfe mit größtem Danke und ſieht bald in dem Arzte ſeinen Wohlthäter. Man hat oft beobachtet, daß Affen, denen einmal ein Aderlaß verordnet worden war, dem Arzte, wenn ſie ſich wieder krank fühlten, immer gleich den Arm hinhielten, als wollten ſie ihn bitten, daß er ſie noch einmal von ihrem Leiden befreie. Auch bei übrigens geſunden Affen kränkelt in der Regel wenigſtens der Schwanz; ſein Ende wird wund, eitert, bekommt den Brand, und ein Glied nach dem andern fällt ab. Gegen dieſe Krankheit habe ich die Abnahme einiger Glieder als gutes Mittel kennen gelernt, untrüglich iſt es freilich auch nicht. Gegen die ent - ſetzliche Lungenſchwindſucht giebt es nun gar keine Hilfe, und ſo bekommen wir ſelten Affen, welche unſere Luft lange ertragen, wenn auch einzelne Arten ſich eher an unſer Klima gewöhnen können, als andere.
Jch weiß nicht, ob ich irgend einen Affen als Hausgenoſſen anrathen darf. Die Kerle machen viel Spaß, verurſachen aber noch weit mehr Aerger. Auf dumme Streiche aller Art darf man ge -12Die Affen. Waldmenſchen.faßt ſein, und wenn man eben nicht die Geiſteskräfte des Affen ſtudiren will, bekommt man die Dummheiten doch bald gründlich ſatt. Die größeren Arten werden auch mitunter gefährlich, denn ſie beißen und kratzen fürchterlich. Als frei herumgehendes Hausthier iſt der Affe gar nicht zu dulden, denn ſein ewig regſamer Geiſt verlangt beſtändig Beſchäftigung. Wenn ihm ſolche ſein Herr nicht ge - währt, ſchafft er ſie ſich ſelbſt und dann regelmäßig nicht eben zum Vortheil des Menſchen. Einige Arten ſind ſchon wegen ihrer Unanſtändigkeit nicht zu ertragen; ſie beleidigen jedes ſittliche Gefühl fortwährend in der abſchenlichſten Weiſe. Gegen alle Untugenden, die der Affe zeigt, gegen die tauſend Dummheiten, die er ſich zu Schulden kommen läßt, verſchwindet der geringe Nutzen, welchen der zahme Affe Dem gewährt, welcher nicht ein Affenführer oder Beſitzer einer Affenbühne iſt. Uebrigens iſt es erſtaunlich leicht, einen Affen zu allerlei Kunſtſtücken abzurichten. Man zeigt ihm in hand - greiflicher Weiſe Dasjenige, was er ausführen ſoll, und prügelt ihn ſo lange, bis er es ausführt: — hierin beruht die ganze Kunſt, die man anwenden muß! Jn der Regel lernt der Affe nach ein bis zwei Stunden ein Kunſtſtück vollkommen; doch muß man ihn in Uebung halten, weil er es raſch wieder vergißt. Mit der Ernährung hat man keine Noth; der Affe frißt Alles, was der Menſch genießt, und iſt nicht gerade wähleriſch in ſeiner Koſt. Der Aufwand alſo, den er verurſacht iſt ſehr gering. — Jn ihrer Heimath ſchaden die Affen ungleich mehr, als ſie nützen. Man ißt das Fleiſch einiger Arten und verwendet das Fell anderer zu Pelzwert, Beuteln u. dgl. : allein dieſer geringe Nutzen kommt gar nicht in Betracht gegen den außerordentlichen Schaden, welchen die Thiere im Walde, Felde und Garten verurſachen, und es iſt wirklich unbegreiflich, daß heute noch die Jnder in den bei ihnen wohnenden Affen heilige Geſchöpfe ſehen können und ſie deshalb pflegen und hegen, als wären ſie wirklich Halbgötter.
Nach dieſen allgemeinen Bemerkungen können wir die verſchiedenen Familien, Sippen und die ausgezeichneiſten Arten der Affen genauer betrachten.
Die erſte Familie unſerer Ordnung umfaßt die Affen der alten Welt (Catarrhinae). Zu ihr gehören die meiſten, die größten und menſchenähnlichſten Affen, welche es giebt; zugleich finden wir in ihr aber auch die häßlichſten oder wenigſtens die durch eigenthümliche Abſonderlichkeiten nicht eben zu ihrem Vortheil ausgezeichneten Arten. Jn früheren Schöpfungsabſchnitten waren dieſe Affen auch über Europa verbreitet; gegenwärtig finden ſie ſich blos noch in Afrika und in dem wärmeren Aſien. Jhre Hinterhände haben immer, ihre Vorderhände meiſtens einen Daumen, welcher den übrigen Fingern entgegengeſtellt werden kann; alle Nägel ſind platt. Die Augenhöhlen öffnen ſich ganz nach vorn. Die Naſenſcheidewand iſt ſchmal. Das Gebiß iſt ſtark und kräftig. Einige beſitzen keinen äußerlich ſicht - baren Schwanz, andere haben ihn. Der Schwanz kann von verſchiedener Länge ſein, dient aber niemals als Greifwerkzeug. Einige Arten haben innere Backentaſchen, d. h. Wangen, welche ſich weit ausdehnen laſſen, und nackte, verdickte, oft durch die ſonderbarſten Farben ausgezeichnete Geſäßſchwielen. So viel zur allgemeinen Kennzeichnung. Doch iſt die Verſchiedenheit der Arten ſo groß, daß man eigentlich kaum etwas Ge - meinſchaftliches über die Familie ſagen kann. Jhr wiſſenſchaftlicher Familienname Catarrhinae be - zeichnet ſie als Thiere, deren Naſenlöcher nach unten ſich öffnen.
Unter den Affen ſtehen die Waldmenſchen (Pitheci) als die menſchenähnlichſten oben an.
Gegenwärtig kennt man von ihnen drei Arten, welche in der Neuzeit zwei verſchiedenen Sippen, den Waldmenſchen (Troglodytes) und Orangs (Pitheeus), zugezählt werden. Zu der erſten Sippe rechnet man den Gorilla und den Schimpanſe, welche in Afrika wohnen, die letzte13Der Affe als Hausgenoſſe. Abrichtung. Nutzen. Schaden. — Gorilla. bildet der Orang-Utang, welcher bisher blos auf Borneo und Sumatra gefunden wurde. Die große Menſchenähnlichkeit, die langen Arme und der gänzliche Mangel an Ge - ſäßſchwielen zeichnen ſie aus. Weil wir ihnen größere Theilnahme ſchuldig ſind, als anderen Arten, betrachten wir ſie einzeln, d. h. jeden für ſich, und begiunen mit dem Gorilla (Tro - glodytes Gorilla).
Merkwürdig, daß eine naturwiſſenſchaftliche Entdeckung, welche wahrſcheinlich ſchon vor vielen Jahrhunderten gemacht wurde, erſt in der Neuzeit ihre Beſtätigung erhalten konnte. Vor mehr als
zweitauſend Jahren rüſteten die Karthager eine Flotte aus zu dem Zwecke, Anſiedelungen an der Weſtküſte von Afrika zu gründen. Auf ſechzig großen Schiffen zogen ungefähr dreißigtauſend Männer und Frauen zu dieſem Behuf von Karthago aus, wohl verſehen mit Nahrung und allen Gegenſtän - den zur Anſäſſigmachung. Der Befehlshaber dieſer Flotte war Hauno, welcher ſeine Reiſe in einem kleinen, aber wohlbekannten Werke (dem Periplus Hannonis) der damaligen Welt beſchrieb. Jm Verlaufe der Reiſe gründete die Mannſchaft jener Schiffe ſieben Anſiedelungen, und nur der Mangel an Nahrungsmitteln zwang ſie, früher, als man wollte, zurückzukehren. Doch hatten die14Die Affen. Waldmenſchen. — Gorilla. kühnen Seefahrer die Sierra-Leona bereits hinter ſich, als Dieſes geſchah. Jener Hanno nun hinterließ uns in ſeinem Berichte eine Mittheilung, welche auch für uns von großer Wichtigkeit iſt. Die betreffende Stelle lautet: „ Am dritten Tage, als wir von dort geſegelt waren und die Feuer - ſtröme durchſchifft hatten, kamen wir zu einem Buſen, das Südhorn genannt. Jm Hintergrunde war ein Eiland mit einem See und in dieſem wieder eine Jnſel, auf welcher ſich wilde Menſchen befanden. Die Mehrzahl derſelben waren Weiber mit haarigem Körper, und die Dolmetſcher nannten ſie Gorillas. Die Männchen konnten wir nicht erreichen, als wir ſie verfolgten; ſie entkamen leicht, da ſie Abgründe durchkletterten und ſich mit Felsſtücken vertheidigten. Wir erlangten drei Weibchen; jedoch konnten wir dieſelben nicht fortbringen, weil ſie biſſen und kratzten. Deshalb mußten wir ſie tödten; wir zogen ſie aber ab und ſchickten das abgeſtreifte Fell nach Karthago. ‟ — Die Häute wurden dort ſpäter, wie Plinius berichtet, im Tempel der Juno aufbewahrt.
Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß Hanno mit den wilden, behaarten Menſchen nur Affen meinen kann. Zwar iſt es ſchwer zu urtheilen, ob der Waldmenſch, welchen die Karthager ſahen, gerade dieſer Affe, oder ob er unſer Schimpanſe war, aber für uns iſt Dies vollkommen gleichgiltig. Der Heidenprediger Savage, welcher im Jahr 1847 den gewaltigen Affen am Gabun fluſſe entdeckte, iſt jedenfalls in ſeinem unbeſtreitbarem Rechte, wenn er dem noch unbekannten Waldmenſchen einen geſchichtlichen Namen verlieh. Mit der von Savage gemachten Entdeckung beſtätigen ſich die Gerüchte, welche im Laufe von zweitauſend Jahren wiederholt auftauchten und von Wäldern berichteten, in denen Satirn oder wilde Menſchen wohnen ſollten. Jedermann hielt ſie für Fabeln, für Gebilde der Einbildungskraft unkundiger Eingeborener jener Gegenden, welche an den Europäern willige Gläubige gefunden hätten, bis endlich die fabelhaften Affen ſelbſt in Fleiſch und Bein, wenn auch nur todt, in Europa ankamen. Lange Zeit glaubte man, daß dieſer Affe nur ein ſehr alter Schimpanſe ſei; die genauere Unterſuchung jedoch hat durchgreifende Unterſchiede zwiſchen beiden Arten feſtgeſtellt und berechtigt die Forſcher, ihn als eigene Art anzuerkennen.
Der Gorilla bewohnt diejenigen Länder an der Weſtküſte von Afrika, welche vom Gleicher etwa bis zum 10° oder 15° ſüdlicher Breite reichen und von den Flüſſen Gabun und Danger durchſchnitten ſind. Savage erhielt ſeine erſten Nachrichten von den Mapongwe-Negern, welche beide Uſer des Gabun, von der Mündung an einige funfzig oder ſechzig Meilen landeinwärts, be - wohnen. Wahrſcheinlich blieb anderen Europäern, welche den Fluß beſucht hatten, der große Affe blos aus dem Grunde unbekannt, weil er nicht nahe an die Küſte kommt, vielmehr erſt im Jnnern des Landes angetroffen wird. Doch ſpricht ſchon Bodwich, ein wohlbekannter Afrikareiſen - der, von einem furchtbaren Affen der Weſtküſte Afrikas, welcher den Landesnamen „ Jngina ‟ (Jngheena) trage.
Hanno hatte ſo Unrecht nicht, wenn er in dieſem merkwürdigen Thiere einen Menſchen zu er - blicken glaubte; denn wirklich ſteht der Gorilla dem Menſchen unter allen Thieren am nächſten, trotzdem daß er, wie der Schimpanfe, 13 Rippenpaare beſitzt, während der Orang-Utang ebenſo, wie der Menſch, nur 12 Paare hat. Auf den erſten Anblick hin will es freilich ſcheinen, als ob er weit mehr Vieh ſei, als der mildere Schimpanſe; die genauere Vergleichung jedoch läßt keinen Zwei - fel über ſeine hohe Stellung zu. Der Gorilla iſt nicht nur der größte und ſtärkſte aller Affen, ſondern auch derjenige, welcher die höchſte leibliche Ausbildung erreicht hat. Seine Länge vom Scheitel bis zur Sohle beträgt 5½ Fuß, die Breite ſeiner Schultern 3 Fuß, die Länge ſeiner Vorderglieder 3 Fuß 4 Zoll, die der Hinterglieder 2 Fuß 4 Zoll, die Länge des Rumpfes und Kopfes zuſammen 3 Fuß 6 Zoll, ½ Fuß mehr als beim Menſchen. Der Körper iſt außerordent - lich ſtark und kräftig, und die Vorderarme erreichen die Stärke eines Mannsſchenkels. Der Schädel iſt ſtark und umfänglich, das nackte, dunkelbraune oder ſchwarze Geſicht breit und groß ohne Wangen - wülſte, die Naſe platt, die Schnauze vorſtehend, die Unterlippe ſehr beweglich und verlängerbar. Ein furchtbares Gebiß und gewaltige, mit rieſengroßen Daumen bewehrte Hände, kennzeichnen15Entdeckung des Gorilla. Heimat. Aufenthalt. Nahrung. Weſen.das Thier noch außerdem. Mit Ausnahme des Geſichts, eines Theils der Bruſt und der inneren Handflächen, deckt ziemlich langes, ſchwarzes Haar den Leib, und auf dem Scheitel erhebt ſich ein hoher Haarkamm, welcher nach Belieben vor - oder rückwärts geſträubt werden kann. Der Schwanz und die Geſäßſchwielen fehlen dem Gorilla wie andern Orangaffen gänzlich.
Der Gorilla lebt in Gegenden, in denen Thäler und Hügel mit einander abwechſeln. Die Hügel ſind bedeckt mit hohen Bäumen, die Thäler mit groben Gräſern und einzelnen Gebüſchen; viele von den Bäumen tragen Früchte, welche von den Negern unbeachtet bleiben, von dem Gorilla aber ſehr geſucht werden. Hauptſächlich ſind es die Oelpalme, der Pfefferkuchenbaum, die Papayen, zwei Bananenarten und der Affenbrodbaum, welche ihm die meiſte Nahrung liefern. Von den erſten frißt er die Nüſſe und die weichen, jungen Blätter, und er ſoll es geweſen ſein, welcher den Vorfahren der Neger durch ſein Beiſpiel gezeigt hat, daß die Oelpalme eßbare Früchte hervorbringe; der Pfefferkuchenbaum liefert ihm pflaumenartige Früchte von ausgezeichnetem Geſchmack, und die übrigen eine Koſt, welche ſelbſt dem Europäer vortrefflich mundet. Eier und junge Vögel werden auch von ihm nicht verſchmäht.
Unſer Affe lebt zwar in Geſellſchaften, dieſe ſind jedoch nicht ſo zahlreich, wie die, welche der Schimpanſe bildet. Die Weibchen ſind in ſolchen Banden immer in überwiegender Zahl vorhan - den; denn unter den Männchen entſtehen heftige Kämpfe um die Oberherrſchaft, welche wie ver - ſichert wird, regelmäßig mit dem Tode des Schwächeren enden. Die Geſellſchaften durchſtreifen den Wald und ſind in ihm die unbedingten Herrſcher. Sie fürchten ſich vor keinem Thiere, nicht einmal vor dem Menſchen; ſie flüchten nie, ſondern greifen ſtets an, gewöhnlich mit ihren furchtbaren Händen und ihrem nicht minder gefährlichen Gebiß, ſonſt aber auch mit Aeſten und Nüſſen, welche ſie ab - brechen und auf ihren Gegner ſchleudern. Sie ſind es, welche ſelbſt dem Elefanten, der von ihren Bäumen Laub und Früchte pflückt, mit einem Knüppel auf ſeinen empfindlichen Rüſſel ſchlagen, bis der Rieſe des Waldes vor dem wüthenden Gegner ſich zurückzieht. Den Leopard beſiegen ſie leicht, und dieſem fällt es daher auch gar nicht ein, ſich in einem Kampf mit ihnen einzulaſſen; ſelbſt mit dem Löwen werden ſie fertig, wahrſcheinlich, weil der König der Wildniß immer von mehreren zu - gleich angefallen wird. Alle Berichte der Neger über ihre Kämpfe mit dem Gorilla ſind wirklich entſetzlich. Die Elfenbeinjäger fürchten unter allen Waldthieren den Gorilla am meiſten und na - mentlich die Art ſeines Angriffes; ſie verſichern Dies jedem Europäer, welcher nach dem Affen fragt. Ein Jägertrupp zieht ruhig ſeine Straße durch den Wald; plötzlich wird einer der Mannſchaft vom Boden erhoben: ein Gorilla, welcher an einem niedrigen Aſte hing, hat ihn mit der hintern Hand am Genick gepackt und zieht ihn zu ſich auf den Aſt empor, ſchwingt ſich mit ſeiner Beute höher und höher zum Wipfel des Baumes hinauf, würgt den ihm gegenüber vollkommen wehrloſen Menſchen, daß er auch nicht einen Laut von ſich geben kann, und läßt ihn dann plötzlich wieder herunterfallen, erdroſſelt, eine Leiche! Die Reiſenden würden die Erzählungen der Neger nicht geglaubt haben, hätten ſie nicht furchtbar Verſtümmelte geſehen, welche aus Kämpfen mit den gefürchteten Thieren noch mit dem Leben davon gekommen waren. Wenn der Gorilla ſeine Familie bei ſich hat, greift er ſtets, ohne gereizt zu ſein, den ſich Nähernden an, und der Kampf zwiſchen ihm und dem Menſchen endet regelmäßig mit dem Tode des einen Kämpfers, leider gewöhnlich mit dem des Menſchen. Ein Mapongwe-Neger zeigte ſein Gewehr vor, welches ein Gorilla ſprenkelkrumm gebogen, und deſſen Läufe er mit ſeinen Zähnen platt gebiſſen hatte. Es gilt für viel ſchwerer, einen jungen Gorilla zu erhalten, als zehn Schimpanſes. Die Weibchen fliehen mit ihren Jungen, ſobald ſich die Jäger nahen, auf die Bäume, die Männchen aber bereiten ſich augenblicklich zum Angriffe vor. Die großen grünen Augen funkeln, der Haarkamm ſtränbt ſich, die Zähne werden gefletſcht, ein gellender Laut ertönt, welcher wie „ kahi! kahi! ‟ klingt, und wüthend ſtürmen die Thiere auf den Feind ein. Glücklich, wenn das Feuergewehr den Menſchen obſiegen läßt, denn ſonſt iſt er verloren. Wird der Gorilla gefehlt, dann iſt das Gewehr nicht einmal mehr als Keule zu gebrauchen: der raſende Affe zerbeißt es in Stücke, wie ein Eſel eine Mohrrübe zerbeißt, zerfleiſcht und zerreißt den16Die Affen. Waldmenſchen. — Gorilla. Jäger mit ſeinen Zähnen, obgleich dieſe nicht hierzu, ſondern, wie ein amerikaniſches Blatt bemerkt, vielmehr zum anſtändigen Gebrauch eines grasfreſſenden Thieres beſtimmt ſind. Es darf uns daher nicht wundern, wenn Der, welcher einen Gorilla erſchlug, unter ſeinem Volk als der größte Held angeſehen wird; wir dürfen es aber auch keinem Neger verargen, wenn er taub bleibt gegen die Ver - ſprechungen eines Europäers, der ihm einen lebenden Gorilla gern mit Geld aufwiegen würde.
Jn dieſer wirklich beiſpielloſen Furchtbarkeit des gewaltigen Affen iſt noch etwas Anderes be - gründet: die Unkenntniß nämlich, welche wir über ſeine Lebensweiſe und ſeine Sitten beſitzen. Nur ſehr ſpärliche Nachrichten hierüber ſind uns zugekommen, ſie genügen noch lange nicht, um uns ein vollſtändiges Bild des Thieres zu geben. Man ſagt, daß er auf der Erde auf allen Vieren gehe, zuweilen aber zum aufrechten Gange eine Keule benutze; man erzählt, daß er, wie die Elfenbeinjäger, die Zähne aus dem Gerippe eines Elefanten bräche und ſie lange Zeit mit ſich herum trüge, gleich - ſam als Keule; man berichtet, daß er vortrefflich klettere und den größten Theil ſeines Lebens auf Bäumen zubringe, ſich auch dort, wie die andern Orangaffen, aus zuſammengebogenen Zweigen eine Hütte ohne Dach errichte; ja, man behauptet ſogar, daß er ſeine Todten begrabe u. dergl. mehr; allein wir wiſſen durchaus noch nicht, wieviel Wahres daran iſt. Die Reiſenden ſind ſo ziemlich einſtimmig in Folgendem: Der Gorilla lebt weniger in Geſellſchaften, als vielmehr in Familien, welche aus dem Männchen, dem Weibchen und einem oder zwei Jungen beſtehen. Am häuſigſten ſieht man ihn in den Monaten September, Oktober und November, nachdem die Reger ihre Ernte eingebracht haben und in ihre Dörfer zurückgekehrt ſind. Dann kommt der Affe, welcher den Menſchen, den er haßt, dennoch meidet, näher an die Dörfer heran, als ſonſt, wo er ſich in dem tieferen Walde aufhält. Gewöhnlich ſieht man den Gorilla auf einem Baumaſte ſitzen, den Rücken an den Stamm gelehnt, und hiervon kommt es, daß ihm die Haare an der betreffenden Stelle abgerieben ſind. Während ſeiner Ruhe kaut er langſam und gedankenlos an Früchten, wie wir Solches auch häufig bei Pavianen ſehen. Wenn die Familie aufgeſchreckt wird, bringt das Weibchen ſein Junges in Sicherheit, der männliche Affe aber ſtellt ſich zur Vertheidigung und bricht in in ein Siegesgeheul aus, wenn er ſein Opfer mit teufliſcher Luſt zerfleiſcht hat. Das Weibchen vertheidigt ihre Nachkommenſchaft mit Auf - opferung ihres Lebens. Eine Familie wurde von Jägern überraſcht: die Mutter rettete das eine ihrer Jungen, indem ſie es nach einem entfernten Baume trug, das andere ſuchte zu flüchten, wurde jedoch geſtellt. Wüthend ſtürzte jetzt die Alte herbei, nahm ihren Sprößling auf den Arm und ging auf die Jäger los. Dieſe rückten ihr mit den Gewehren auf den Leib und zielten auf ſie; da erhob ſie flehend den Arm, als wollte ſie die tödliche Kugel abwehren; die Kugel drang ihr aber in das Herz, und ſie verendete. Das Junge kam ſomit in die Gewalt ſeiner Feinde. Außer dieſem hat man noch andere Gorilla gefangen, doch haben dieſelben niemals lange in der Gefangenſchaft gelebt, und kein einziger iſt noch lebend nach Europa herübergekommen.
Die Eingeborenen glauben, daß dieſe große Affen wirkliche Menſchen feien, und bles thäten, als wären ſie ſo wüthend und dumm, weil ſie fürchteten, zu Sklaven gemacht und zur Arbeit an - gehalten zu werden; denn das iſt eine Sache, welche für einen ächten Afrikaner wohl das Schreck - lichſte ſein dürfte. Außerdem wähnen ſie, daß die Seelen ihrer abgeſchiedenen Könige in dem Leibe des Gorilla Wohnung nähmen, und daß dieſer daher hauptſächlich aus alter, lieber Gewohnheit ſeine früheren Unterthanen haſſe und peinige!
Jn der Neuzeit hat der Amerikaner Du Chaillu ſehr ausführlich über den Gorilla berichtet. Jch würde die Mittheilungen dieſes Reiſenden vorzugsweiſe meiner Beſchreibung zu Grunde gelegt haben, könnte ich ihnen ſoviel Glauben ſchenken, als ich ſelbſt wünſchte. Die Darſtellungsweiſe Du Chaillu’s iſt nicht geeignet, großes Vertrauen zu erwecken; und wenn auch unſer Mann ſich als Forſcher geberdet und ſeine Angaben durch lateiniſche Namen zu bekräftigen ſucht: es will immer ſcheinen, als ſei Alles darauf berechnet, die Aufmerkſamkeit in ungebührlicher Weiſe zu ſpannen. Man urtheile ſelbſt, was wohl von einem Berichterſtatter zu halten iſt, der in folgender Weiſe ſein erſtes Zuſammentreffen mit dem Gorilla ſchildert:
17Lebensweiſe. Du Chaillu’s Schilderung.„ Schnell vorwärts bewegte es ſich im Gebüſch, und mit einem Male ſtand ein ungeheuerer männlicher Gorilla vor mir. Durch das Dickicht war er auf allen Vieren gekrochen; als er uns aber ſah, erhob er ſich und ſah uns kühn und muthig in die Augen. So ſtand er etwa zwölf Schritte vor uns: — ein Anblick, den ich nie vergeſſen werde! Der König des afrikaniſchen Waldes kam mir wie eine geſpenſtiſche Erſcheinung vor. Aufgerichtet war der ungeheuere, faſt ſechs Fuß hohe Körper; frei zeigten ſich die mächtige Bruſt, die großen, muskelkräftigen Arme, das wild blitzende, tiefgraue Auge und das Geſicht mit ſeinem wahrhaft hölliſchen Ausdruck. Er fürchtete ſich nicht! Da ſtand er und ſchlug ſeine Bruſt mit den gewaltigen Fäuſten, daß es ſchallte, wie wenn man eine große metallene Trommel ſchlägt. Das iſt die Art des Trotzbietens, das iſt das Kampfeszeichen des Gorilla! Und dazwiſchen ſtieß er einmal nach dem andern ſein gräßliches Gebrüll aus: — ein Gebrüll, ſo grauenerregend, daß man es den eigenthümlichſten und fürchterlichſten Laut der afrikaniſchen Wälder nennen muß. Es beginnt mit einem ſcharfen Bellen, wie es ein großer Hund hören läßt, dann geht es in ein tiefes Dröhnen über, welches genau dem Rollen fernen Donners am Himmel gleicht: — habe ich doch mehr als einmal dieſes Gebrüll für Donner gehalten, wenn ich den Gorilla nicht ſah! Wir blieben bewegungslos im Vertheidigungszuſtande. Die Augen des Scheuſals blitzten grimmiger; der Kamm des kurzen Haares, welcher auf ſeiner Stirn ſteht, legte ſich auf und nieder; er zeigte ſeine mächtigen Fänge und wiederholte das donnernde Brüllen. Jetzt glich er gänzlich einem hölliſchen Traumbilde, einem Weſen jener widerlichen Art, halb Mann, halb Thier, wie es die alten Maler erfanden, wenn ſie die Hölle darſtellen wollten. Wiederum kam er ein paar Schritte näher, blieb nochmals ſtehen und ſtieß von neuem ſein entſetzliches Geheul aus. Und noch einmal näherte er ſich, noch einmal ſtand er und ſchlug brüllend und wüthend ſeine Bruſt. So war er bis auf ſechs Schritte herangekommen: — da feuerte ich und tödtete ihn. Mit einem Stöhnen, welches etwas ſchrecklich Menſchliches an ſich hatte und doch durch und durch viehiſch war, ſiel er vorwärts auf ſein Geſicht. Der Körper zuckte krampfhaft mehrere Minuten; dann wurde Alles ruhig — der Tod hatte ſeine Arbeit gethan. Jch bekam nun Muße, den gewaltigen Leichnam zu unterſuchen. Die Meſſung ergab, daß er 5 Fuß 8 Zoll lang war, und die Entwickelung der Muskeln an den Armen und an der Bruſt zeigten, welch ungeheuere Kraft er beſeſſen hatte. ‟
Es ſcheint wirklich, als habe ſich in ſolcher Darſtellung einer unſerer ſchlechten Liebesgeſchichten - ſchreiber verſucht und ſeiner Feder freien Spielraum gelaſſen. Das Nachfolgende aber mag mich entſchuldigen, wenn ich hier überhaupt Etwas von Du Chaillu aufnehme. Wir ſind noch nicht im Stande, bei den verſchiedenen Veſchreibungen des Gorilla die Spreu von dem Weizen zu ſondern, und müſſen deshalb auf alle Berichte Rückſicht nehmen, welche uns zugehen. „ Mein langer Aufenthalt in Afrika, ‟ ſagt Du Chaillu auf Seite 347 ſeiner Explorations and adventures in Equatorial Africa, „ gewährte mir die größte Leichtigkeit, mich mit den Eingebornen ins Einvernehmen zu ſetzen, und als meine Neugierde, jenes Ungeheuer kennen zu lernen, auf das Höchſte erregt worden war, beſchloß ich, ſelbſt auf deſſen Jagd auszuziehen und mit eigenen Augen zu ſehen. Jch war ſo glücklich, der Erſte zu ſein, welcher nach eigener Bekanntſchaft über den Gorilla ſprechen darf, und während meine Erfahrung und Beobachtung zeigen, daß Vieles von dem über den Gorilla Erzählten auf falſchen und leeren Einbildungen unwiſſender Neger und leichtgläubiger Reiſenden beruht, kann ich anderer - ſeits beſtätigen, daß keine Beſchreibung das Entſetzliche der Erſcheinung, die Wuth des Angriffs und die wüſte Bosheit des Weſens eines Gorilla verſinnlichen wird. ‟
„ Es thut mir leid, daß ich der Zerſtörer von einer Menge anmuthiger Träumereien ſein muß. Aber der Gorilla lauert nicht auf den Bäumen über dem Wege, um einen unvorſichtig Vorübergehenden mit ſeinen Klauen zu ergreifen und in ſeinen zangengleichen Händen zu erwürgen; er greift den Elefanten nicht an und ſchlägt ihn mit Stöcken zu Tode; er ſchleppt keine Weiber aus den Dörfern der Einge - bornen weg; er baut ſich kein Neſt aus Blättern und Zweigen auf den Waldbäumen und ſitzt unter deſſen Dach, wie man ſonſt behauptet hat; er iſt nicht einmal ein geſelliges Thier, und die zahlreichen Erzählungen von ſeinen Augriffen in größerer Zahl haben nicht ein Körnchen von Wahrheit in ſich. ‟
Brehm, Thierleben. 218Die Affen. Waldmenſchen. — Gorilla.„ Der Gorilla lebt in den einſamſten und dunkelſten Stellen des dichten afrikaniſchen Nieder - waldes, tiefe bewaldete Thäler und ebenſo ſchroffe Höhen allen übrigen Aufenthaltsorten vorziehend. Gerade die Hochebenen, welche mit ungeheuren Halden bedeckt ſind, ſcheinen ſeinen Lieblingswohnſitz zu bilden. Jn jenen Gegenden Afrikas findet ſich überall Waſſer, und ich habe beobachtet, daß der Gorilla juſt an ſolchen Stellen ſich findet, wo es am feuchteſten iſt. Er iſt ein raſtlos umher - ſchweifendes Vieh, welches von Ort zu Ort wandert und ſchwerlich an einer und derſelben Stelle zwei Tage lang bleibt. Dieſes Umherſchweifen iſt zum Theil von der Schwierigkeit bedingt, ſein Lieblingsfutter zu finden. Obgleich der Gorilla vermöge ſeiner ungeheueren Reißzähne ohne Mühe jedes andere Thier des Waldes, welches er gefangen, auch zu zerſtückeln vermöchte, iſt er doch ein echter Pflanzenfreſſer. Jch habe die Magen von allen unterſucht, welche zu tödten ich ſo glücklich war, und niemals etwas Anderes gefunden, als Veeren, Ananasblätter und andere Pflanzenſtoffe. Der Gorilla iſt ein arger Freſſer, und es unterliegt gar keinem Zweifel, daß er an einem Ort Alles auf - frißt und dann, im beſtändigen Streit mit dem Hunger, zum Wandern gezwungen iſt. Sein großer Bauch, der ſich, wenn er aufrecht daſteht, deutlich genug zeigt, beweiſt, daß er ein tüchtiger Eſſer iſt; und wahrlich, ſein gewaltiger Leib und die ungeheure Muskelentwickelung könnten bei weniger Nahrung nicht unterhalten werden. ‟
„ Es iſt nicht wahr, daß der Gorilla viel oder immer auf den Bäumen lebt; ich habe ihn faſt ſtets auf der Erde gefunden. Allerdings ſteigt er oft genug an den Bäumen in die Höhe, um dort Beeren oder Nüſſe zu pflücken; wenn er aber dort gegeſſen hat, kehrt er wieder nach unten zurück. Nach allen meinen Erfahrungen über die Nahrung kann man behaupten, daß er es gar nicht noth - wendig hat, die Bäume zu erklettern. Ganz beſonders behagen ihm Zuckerrohr, die weißen Rippen der Ananasblätter, mehrere Beeren, welche nahe der Erde wachſen, das Mark einiger Bäume und eine Nuß mit ſehr harter Schale. Dieſe letztere iſt ſo feſt, daß man ſie nur mit einem ſtarken Schlag vermittelſt eines Hammers öffnen kann. Wahrſcheinlich ihrethalben beſitzt der Gorilla das ungeheure Gebiß, welches ſtark genug iſt, einen Gewehrlauf zuſammenzubiegen. ‟
„ Nur die jungen Gorillas ſchlafen auf Bäumen, um ſich gegen Raubthiere zu ſchützen. Jch habe mehrere Mal die friſche Spur eines Gorillabetts gefunden und konnte es deutlich ſehen, daß das Männchen mit dem Rücken an einen Baumſtamm gelehnt in ihm geſeſſen hatte; doch glaube ich, daß Weibchen und Junge, während die Männchen immer am Fuße der Bäume oder unter Umſtänden auf der Erde ſchlafen, zuweilen die Krone des Baumes erſteigen mögen, weil ich hiervon die Spuren geſehen habe. ‟
„ Alle Affen, welche viel auf Bäumen leben, wie der Schimpanſe, haben an ihren vier Händen längere Finger, viel längere als der Gorilla, deſſen Handbau ſich mehr dem menſchlicher Gliedmaßen nähert. Jn Folge dieſes verſchiedenen Baues iſt er weniger geeignet, Bäume zu erklettern. Zugleich muß ich bemerken, daß ich niemals einen Schirm oder ein Zelt gefunden habe, und deswegen zu dem Schluß gekommen bin, daß er kein derartiges Gebäude aufführt.
„ Der Gorilla iſt nicht geſellig. Von den Alten fand ich gewöhnlich ein Männchen und ein Weibchen zuſammen, oft genug auch ein altes Männchen allein. Jn ſolchem Falle iſt es immer ein alter, mürriſcher, böswilliger Geſell, mit welchem nicht zu ſpaßen iſt. Junge Gorillas traf ich in Geſellſchaft bis zu fünf Stücken an. Sie liefen immer auf allen Vieren davon, ſchreiend vor Furcht. Es iſt nicht leicht, ſich ihnen zu nähern; ihr Gehör iſt außerordentlich ſcharf, und ſie verlieren keine Zeit, um zu entkommen, während die Beſchaffenheit des Bodens es dem Jäger ſehr ſchwer macht, ihnen zu folgen. Das alte Thier iſt auch ſcheu, und ich habe zuweilen den ganzen Tag gejagt, ohne auf mein Wild zu kommen, wobei ich bemerken mußte, daß es mir forgfältig auswich. Wenn jedoch zuletzt das Glück den Jäger begünſtigt und er zufällig oder durch ein gutes Jagdkunſtſtück auf ſeine Beute kommt, geht dieſe ihm nicht aus dem Wege. Bei allen meinen Jagden und Zuſammentreffen mit dem Gorilla habe ich nicht einen einzigen gefunden, welcher mir den Rücken gekehrt hätte. Ueber - raſchte ich ein Paar Gorillas, ſo fand ich gewöhnlich das Männchen an den Felſen oder Baum gelehnt19Lebensweiſe. Du Chaillu’s Schilderung.in dem dunkelſten Dickicht des Waldes ſitzen, wo die ſtrahlende Sonne nur ein düſteres Zwielicht hervorrufen kann; das Weibchen weidete in der Regel nebenbei, und dieſes war es auch, welches zuerſt unter lautem und heftigem Schreien und Kreiſchen davon rannte. Dann erhob ſich das Männchen, welches noch einen Augenblick mit wüthendem Blick dageſeſſen hatte, langſam auf ſeine Füße, ſchaute mit glühenden, wüthenden Augen auf die Eindringlinge, ſchlug auf ſeine Bruſt, erhob ſein gewaltiges Haupt und ſtieß das furchtbare Gebrüll aus. Jch habe Grund zu glauben, daß ich dieſes Gebrüll auf die Entfernung von drei Meilen hörte (!) ‟.
„ Das Entſetzliche in der Erſcheinung des Thieres läßt jede Beſchreibung weit hinter ſich. Bei ſolchem Anblick konnte ich meinen braven, eingebornen Jägern es verzeihen, daß ſie zuweilen eine übernatürliche Furcht überkam, konnte ich mir die Wundergeſchichten erklären, welche die Neger über den Gorilla erzählen. ‟
„ Es iſt ein Grundſatz eines gutgeſchulten Gorillajägers, ſein Feuer bis zu dem letzten Augen - blick zu bewahren. Die Erfahrung hat gelehrt, daß, wenn der Jäger feuert und fehlt, der Gorilla augenblicklich auf ihn ſtürzt. Und ſeinem Anprall kann kein Mann widerſtehen! Ein einziger Schlag der gewaltigen, mit mächtigen Nägeln bewehrten Hand, und das Eingeweide des armen Jägers liegt bloß, ſeine Bruſt iſt zertrümmert, ſein Schädel zerſchmettert; es iſt zu ſpät, neu zu laden, und Flucht iſt vergebens! Einzelne Neger, tollkühn aus Furcht, haben ſich unter ſolchen Umſtänden in ein Ringen mit dem Gorilla eingelaſſen und mit ihrem ungeladenen Gewehre ſich vertheidigen wollen; aber ſie haben nur Zeit zu einem einzigen, erfolgloſen Streich gehabt: — im nächſten Augenblick erſchien der lange Arm mit verhängnißvoller Kraft und zerbrach Gewehr und Negerſchädel mit einem Schlage. Jch kann mir kein Geſchöpf denken, welches ſo unabwendliche Angriffe auf den Menſchen zu machen verſteht, und zwar aus dem Grunde, weil ſich der Gorilla Geſicht gegen Geſicht dem Manne gegen - über ſtellt und ſeine Arme als Waffen zum Angriff gebraucht; gerade wie der Mann oder ein Preis - fechter thun würden, nur daß jener längere Arme und weitaus größere Kraft hat, als ſich der gewaltigſte Fauſtkämpfer der Erde träumen läßt. ‟
„ Die dunkeln und undurchdringlichen Dickichte, in denen man ſich der vielen Ranken und Dornen halber kaum bewegen kann, bilden den Aufenthalt des Gorilla; deshalb bleibt der Jäger kluger Weiſe ſtehen und erwartet die Ankunft des wüthenden Thieres. Der Gorilla nähert ſich mit kurzen Schritten, hält häufig an und ſtößt ſein hölliſches Gebrüll aus, ab und zu mit den Armen ſeine Bruſt ſchlagend. Zuweilen hält er länger an und ſetzt ſich auch wohl; dabei blickt er wüthend auf ſeinen Gegner. Sein Gang iſt wacklig; die ſehr kurzen Hinterbeine genügen entſchieden nicht, um den Körper aufrecht zu tragen; daher behilft ſich das Thier durch Schwingungen mit den Armen, um ſich im Gleichgewicht zu halten; aber der dicke Bauch, das runde ſtierartige Haupt, welches rückwärts faſt auf dem Nacken aufliegt, die großen muskelkräſtigen Arme und die weite Bruſt: — alles Dies verleiht ſeinem Schwanken ein unſäglich Entſetzliches, welches das Furchtbare ſeiner Erſcheinung nur noch vermehrt. Zugleich blitzen die tiefliegenden, grauen Augen in unheim - lichem Glanze; die Wuth verzerrt das Geſicht auf das abſcheulichſte; die dünnen, ſcharf geſchnittenen Lippen, welche zurückgezogen werden, laſſen die gewaltigen Reißzähne und die furchtbaren Kinnladen erſcheinen, in welchen ein Menſchenglied zermalmt werden würde, wie Zwieback. ‟
„ Der Jäger ſteht mit ängſtlicher Sorge, ſeinen Feind bewachend, auf einer und derſelben Stelle, das Gewehr in der Hand, oft fünf lange, bange Minuten, mit aufregendem Grauen den Augen - blick erwartend, in welchem er feuern muß. Die gewöhnliche Entfernung, in welcher geſchoſſen wird, beträgt 14 bis 18 Fuß. Jch meinestheils habe nie weiter auf ein Gorillamännchen geſchoſſen, als auf acht Ellen. Zuletzt kommt die Gelegenheit: ſo ſchnell als möglich wird das Gewehr erhoben, — ein ängſtlicher Augenblick, welcher die Bruſt zuſammenſchnürt, und dann — Finger an den Drücker! Wenn der Neger einem Flußpferde während der Jagd eine Kugel zuſandte, geht er im Augenblicke auf ſeine Beute los: — wenn er nach einem Gorilla ſchoß, ſteht er ſtill; denn falls er gefehlt hat, muß er kämpfen für ſein Leben, Geſicht gegen Geſicht, hoffend, daß irgend ein unerwartetes Glück2*20Die Affen. Waldmenſchen. — Gorilla. ihn von dem tödlichen Streiche errettet, und er davon kommt, wenn auch vielleicht gelähmt für immer. Glücklicher Weiſe ſtirbt der Gorilla ebenſo leicht, als der Menſch: ein Schuß in die Bruſt bringt ihn ſicher zu Falle. Er ſtürzt vorwärts auf ſein Geſicht, die langen, gewaltigen Arme ausſtreckend und mit dem letzten Athem ein Todesröcheln ausſtoßend, halb Brüllen, halb Stöhnen, welches, ob - gleich es dem Jäger ſeine Rettung kündet, dennoch ſein Ohr peinigt, wegen der Aehnlichkeit mit dem letzten Seufzer eines ſterbenden Menſchen. ‟
„ Der gewöhnliche Gang des Gorilla geſchieht nicht auf den Hinterbeinen, ſondern auf allen Vieren. Bei dieſer Stellung wird das Haupt und die Bruſt bedeutend erhöht, weil ſeine Arme ver - hältnißmäßig ſehr lang ſind. Wenn er ſchnell läuft, ſetzt er die Hinterbeine faſt bis über den Leib vor und immer bewegt er beide Glieder einer Seite zu gleicher Zeit, wodurch er eben einen ſo ſonder - baren wackelnden Gang erhält. Nicht zu bezweifeln ſteht, daß der Gorilla auch in erhabener Stellung ziemlich ſchnell und viel länger als der Schimpauſe oder andere Affen dahinwandeln kann. Wenn er aufrecht ſteht, biegt er ſeine Knie nach auswärts. Sonderbar iſt die Fährte, welche er bildet, wenn er auf allen Vieren läuft. Die Hinterfüße hinterlaſſen keine Spur von ihren Zehen, nur der Fuß - ballen und der Daumen, welcher unſerer großen Zehe entſpricht, ſcheint aufzutreten; die Finger der Hand ſind undeutlich dem Boden aufgedrückt. Junge Gorillas klettern, verfolgt, nicht auf Bäume, ſondern laufen auf dem Boden dahin. Niemals habe ich gefunden, daß eine Gorillamutter an Ver - theidigung denkt; die Neger aber haben mir erzählt, daß Dies zuweilen wohl der Fall iſt. ‟
„ Es iſt ein hübſcher Anblick, ſolch eine Mutter mit ihrem ſie umſpielenden Jungen! Jch habe Beide öfters in den Wäldern beobachtet, und ſo begierig ich auch war, Gorillas zu erhalten, konnte ich es doch nicht über das Herz bringen, ein ſolches Verhältniß zu ſtören. Meine Neger waren weniger weichherzig und tödteten ihren Erzfeind ohne Zeitverluſt. Wenn die Mutter vor dem Jäger flüchtet, ſpringt das Junge ihr ſofort auf den Nacken und hängt ſich dann zwiſchen ihren Brüſten an, mit den kleinen Gliedern ihren Leib umſchlingend. ‟
„ Schon ein junger Gorilla iſt außerordentlich ſtark. Einen, welcher nur 2½ Jahre alt war, konnten vier ſtarke Männer nicht feſt halten; er biß einen davon nicht unbedeutend. Der Alte kann mit ſeinen Zähnen einen Gewehrlauf platt beißen und mit ſeinen Armen Bäume umbrechen von 4 bis 6 Zoll im Durchmeſſer (?). Die Neger greifen den Gorilla nur mit den Flinten an, nie - mals mit andern Waffen, und da, wo ſie kein Feuergewehr beſitzen, durchzieht das Unthier unbeläſtigt, als alleiniger Herrſcher den Wald. Einen Gorilla getödtet zu haben, verſchafft dem Jäger für ſein Lebenlang die größte Achtung ſelbſt der muthigſten Neger, welche, wie ich hinzufügen muß, im All - gemeinen durchaus nicht nach dieſer Art des Ruhmes lüſtern ſind. ‟
„ Der Gorilla gebraucht keine künſtlichen Waffen zur Vertheidigung: er greift mit ſeinen Armen und im weiteren Kampfe mit ſeinen Zähnen an. Jch habe oft Gorillaſchädel unterſucht, in welchen die gewaltigen Reißzähne ausgebrochen waren, und von den Negern erfahren, daß ſolcher Verluſt in den Kämpfen entſtand, welche zwei Gorillamännchen in Sachen der Liebe ausgefochten haben. Solch ein Streit muß ein in jeder Hinſicht gewaltiges, großartiges Schauſpiel gewähren. Ein Ringen zwiſchen zwei tüchtigen männlichen Gorillas würde alle Kampfſpiele der Welt überbieten. ‟
„ Die Eingebornen des Jnnern eſſen das Fleiſch des Gorilla und anderer Affen ſehr gern, obgleich es ſchwarz und hart iſt; die Stämme nahe der See verſchmähen es und fühlen ſich beleidigt, wenn man es ihnen anbietet, weil ſie ſich einer gewiſſen Aehnlichkeit zwiſchen ihnen und den Affen bewußt ſind. Auch im Junern weiſen Negerfamilien eine Gorillamahlzeit zurück, weil ſie den Aberglauben hegen, daß vor Zeiten einer ihrer weiblichen Ahnen einen Gorilla geboren habe. — Das Fell des Thieres iſt ſo dick und feſt, wie eine Ochſenhaut, aber verhältnißmäßig viel zarter, als das anderer Affen. ‟
Ueber die Gefangenſchaft junger Gorillas hat Du Chaillu ebenfalls Beobachtungen mitgetheilt. Er glaubt, daß erwachſene Affen dieſer Art vollſtändig unzähmbar ſeien; denn auch die Jungen, welche er am Leben hatte, zeigten ſich wild und ungeſtüm, bis zu ihrem Tode. Jch will ihn noch einmal ſelbſt erzählen laſſen.
21Lebensweiſe. Du Chaillu’s Schilderung.„ Am 4. Mai lieferten einige Neger, welche in meinem Auftrage jagten, einen jungen, lebenden Gorilla ein. Jch kann unmöglich die Aufregung beſchreiben, welche mich erfaßte, als man das kleine Scheuſal in das Dorf brachte. Alle die Beſchwerden und Entbehrungen, welche ich in Afrika aus - gehalten hatte, waren in einem Augenblick vergeſſen. ‟
„ Der Affe war ein kleiner, etwa 2 bis 3 Jahr alter Geſell, 2½ Fuß hoch, aber ſo wüthend und halsſtarrig, als nur einer ſeiner erwachſenen Genoſſen hätte ſein können. Meine Jäger, die ich am liebſten an das Herz gedrückt hätte, fingen ihn in dem Lande zwiſchen dem Rembo und dem Vor - gebirge St. Katharina. Nach ihrem Bericht gingen ſie zu Fünft nahe einer Ortſchaft an der Küſte lautlos durch den Wald und hörten da ein Geknurre, welches ſie ſofort als den Ruf eines jungen Gorilla nach ſeiner Mutter erkannten. Der Wald war ſtill; es war ungefähr Mittag. Sie beſchloſſen ſofort, dem Schrei zu folgen. Mit den Gewehren in der Hand ſchlichen die Braven vorwärts nach einem düſtern Dickicht des Waldes, wo ſich das Thier aufhalten mußte. Sie wußten, daß die Mutter in der Nähe ſein würde, und erwarteten, daß auch das gefürchtete Männchen nicht weit ſein möchte; allein, wohl wiſſend, welche Freude ſie mir bereiten würden, beſchloſſen ſie, Alles auf das Spiel zu ſetzen, um wo möglich das Junge lebend zu erhalten. Beim Näherkommen hatten ſie einen ſelbſt den Negern ſeltenen Anblick. Das Junge ſaß einige Schritte entfernt von ſeiner Mutter auf dem Grunde und beſchäftigte ſich, Beeren zu pflücken. Die Alte ſchmauſte von denſelben Früchten. Meine Jäger machten ſich augenblicklich zum Feuern fertig, — und nicht zu ſpät! — denn das alte Weibchen erblickte ſie, als ſie ihre Gewehre erhoben. Glücklicher Weiſe tödteten ſie die beſorgte Alte mit dem erſten Schuſſe. Das Junge, erſchreckt durch den Knall der Gewehre, rannte zu ſeiner Mutter, hing ſich an ſie, umarmte ihren Leib und verſteckte ſein Geſicht. Die Jäger eilten augenblicklich zu Beiden hin; das hierdurch aufmerkſam gemachte Junge verließ aber ſofort ſeine Mutter, lief zu einem ſchmalen Baum und kletterte an ihm mit großer Behendigkeit empor, dann ſetzte es ſich und brüllte wüthend auf ſeine Verfolger herunter. Doch die Leute ließen ſich nicht verblüffen. Nicht ein Einziger fürchtete ſich, von dem kleinen, wüthenden Vieh gebiſſen zu werden. Man wollte das ſeltene Wild nicht ſchießen und hieb deshalb den Baum um. Als es fiel, deckte man ſchnell ein Kleid über ſeinen Kopf und konnte es ſo geblendet leichter feſſeln. Doch der kleine Kerl, ſeinem Alter nach nur ein unerwachſenes Kind, war bereits erſtaunenswürdig kräftig und nichts weniger als gutartig, ſo daß die Leute nicht im Stande waren, ihn zu führen. Augenblicklich ſtürzte er ſich auf ſie, und ſie waren endlich genöthigt, ſeinen Hals in eine Holzgabel zu ſtecken, welche vorn verſchloſſen wurde und nun ihnen als Zwangsmittel dienen mußte. So kam der Gorilla in das Dorf. Eine ungeheure Auf - regung bemächtigte ſich hier der Gemüther. Als der Gefangene aus dem Boot gehoben wurde, in welchem er einen Theil ſeines Weges zurückgelegt hatte, brüllte und bellte er und ſchaute aus ſeinen böſen Augen wild um ſich, gleichſam verſichernd, daß er ſich gewiß rächen werde, ſobald er könne. Jch ſah, daß die Gabel ſeinen Nacken verwundet hatte, und ließ deshalb augenblicklich einen Käfig für ihn machen. Nach zwei Stunden hatten wir ein feſtes Bambushaus für ihn gebaut mit ſicheren Stäben, durch welche wir ihn nun beobachten konnten. Es war ein junges Männchen, jedenfalls nicht älter als drei Jahre, doch erwachſen genug, um ſeinen Weg allein zu gehen, und für ſein Alter mit einer merkwürdigen Kraft ausgerüſtet. Geſicht und Hände waren ſchwarz, die Augen aber noch nicht ſo tief eingeſunken, als bei den alten. Das Haar der Brauen und des Armes, welches röthlich - braun ausſah, begann ſich eben zu erheben; die Oberlippe war mit kurzen Haaren bedeckt, die untere mit einem kleinen Barte, die Augenlider waren fein und dünn, die Augenbrauen etwa drei Viertel Zoll lang; ein eisgraues Haar, welches in der Nähe der Arme dunkelte und am Steiß vollſtändig weiß erſchien, bedeckte ſeinen Nacken; Bruſt und Bauch waren dünner behaart, die Arme länger. ‟
„ Nachdem ich den kleinen Burſchen glücklich in ſeinen Käfig gelockt hatte, nahte ich mich, um ihm einige ermunternde Worte zu ſagen. Er ſtand in der fernſten Ecke; ſo wie ich mich aber näherte, bellte er auf und machte einen wüthenden Satz nach mir. Obgleich ich mich ſo ſchnell zurück - zog, als ich konnte, erwiſchte er doch noch meine Beinkleider, zerriß ſie und zog ſich augenblicklich22Die Affen. Waldmenſchen. — Gorilla. Schimpanſe. wieder nach ſeinem Winkel zurück. Dies lehrte mich Vorſicht; doch gab ich die Hoffnung, ihn zu zähmen, nicht auf. Meine erſte Sorge war natürlich, Futter für ihn zu ſchaffen. Jch ließ Wald - beeren holen und gab ihm dieſelben nebſt Waſſer in ſeinen Käfig. Er war außerordentlich ſcheu und wollte nicht eher eſſen noch trinken, als bis ich mich auf ziemlich bedeutende Entfernung zurückzog. ‟
„ Am zweiten Tage war Joe, wie ich ihn genannt hatte, wilder als am erſten; er fuhr nach Jedermann hin, wenn er nur einen Augenblick bei ſeinem Käfig ſtand, und ſchien bereit, uns Alle in Stücke zu zerreißen. Jch brachte ihm einige Ananasblätter und bemerkte, daß er davon nur die weichen Theile fraß. Er ſchien eben nicht wähleriſch zu ſein, obſchon er jetzt und während ſeines kurzen Lebens alles Futter verſchmähte, mit Ansnahme der wilden Blätter und Früchte, welche man in ſeinen heimiſchen Wäldern für ihn geſammelt hatte. Am dritten Tage war er noch mürriſcher und wüthender, bellte Jeden an und zog ſich entweder nach ſeinem fernen Winkel zurück oder ſchoß angreifend vor. Am vierten Tage glückte es ihm, zwei Bambusſtäbe aus einander zu ſchieben und zu entfliehen. Jch kam dazu, gerade als ſeine Flucht entdeckt worden war, und forderte augenblick - lich alle Neger zur Verfolgung auf. Beim Eintreten in mein Haus wurde ich von ärgerlichem Brüllen begrüßt, welches unter meiner Bettſtelle hervorkam. Es war Meiſter Sepperl, welcher hier lag, ſorgfältig alle meine Bewegungen beobachtend. Augenblicklich ſchloß ich die Fenſter und rief meine Leute herbei, das Thor zu beaufſichtigen. Als Freund Joe Dies ſah, zeigte ſich ſeine ganze Wuth in ſeinem Geſicht; ſeine Augen glänzten, der ganze Leib bebte vor Zorn, und raſend kam er unter dem Bette hervor. Wir ſchloſſen das Thor und ließen ihm das Feld, indem wir vorzogen, lieber einen Plan zu ſeiner ſichern Gefangenſchaft zu entwerfen, als uns ſeinen Zähnen auszuſetzen. Es war kein Vergnügen, ihn wieder zu fangen: er war ſchon ſo ſtark und wüthend, daß ich ſelbſt einen Fauſtkampf mit ihm ſcheute, aus Furcht, von ihm gebiſſen zu werden. Mitten im Raum ſtand der biedere Burſch und ſchaute wüthend auf ſeinen Feind, dabei mit einiger Ueberraſchung die Einrichtungsgegenſtände prüfend. Jch hatte große Sorge, daß das Picken meiner Uhr ſein Ohr erreichen würde und ihn zu einem Angriff auf dieſen unſchätzbaren Gegenſtand begeiſtern oder, daß er Vieles von Dem, was ich geſammelt hatte, mir zerſtören möchte. Endlich, als er ſich etwas be - ruhigt hatte, ſandte ich einige junge Leute nach einem Netz aus, und dieſes warfen wir ihm auch glücklich über den Kopf. Das junge Scheuſal brüllte fürchterlich und wüthete und tobte unter ſeinen Feſſeln. Jch warf mich ſchließlich auf ſeinen Nacken, zwei Mann faßten ſeine Arme, zwei andere die Beine: und dennoch machte uns das kleine Geſchöpf viel zu ſchaffen. So ſchnell als möglich trugen wir ihn nach ſeinem, inzwiſchen ausgebeſſerten Käſig zurück und bewachten ihn dort ſorgfältiger. ‟
„ Niemals in meinem Leben ſah ich ein ſo wüthendes Bich, wie dieſen Affen. Er fuhr auf Jeden los, der zu ihm hin kam, biß in die Bambusſtäbe, ſchaute uns mit giftigen und tollen Augen an und zeigte bei jeder Gelegenheit, daß er ein durch und durch bösartiges und boshaftes Ge - müth hatte. ‟ —
Jm Verlauf der Erzählung theilt Du Chaillu ferner mit, daß Joe nicht einmal durch Hunger und, wie er ſich ausdrückt, durch „ geſittete Nahrung ‟ zu bändigen war, daß er nach einiger Zeit, als er zum zweiten Male durchbrach, mit vieler Mühe wieder gefangen, trotz alles Widerſträubens in Ketten gelegt wurde und zehn Tage darauf plötzlich ſtarb. Er lernte ſeinen Herrn zuletzt wohl kennen.
Später erhielt Du Chaillu noch ein junges Gorillaweibchen, welches mit außerordentlicher Zärtlichkeit an der Leiche ſeiner Mutter hing und das ganze Dorf durch ſeine Betrübniß in Aufregung verſetzte. Das Thierchen war noch ſo klein, daß es nur mit Milch hätte ernährt werden können und weil dieſe nicht zu bekommen war, ſtarb es ſchon am dritten Tage nach ſeinem Fang.
Außerdem beſchreibt der genannte Reiſende noch zwei andere „ neue ‟ Affen, von denen er den einen Kulu-Kamba (Troglodytes Kulu-kamba) und den andern Nſchiego-Mbuwe (Troglodytes calvus) nennt. Jn ihren Lebensverhältniſſen ſcheinen dieſe Thiere, wenn der Entdeckung überhaupt Glauben geſchenkt werden darf, ſich dem Schimpanſe zu nähern. Der Kulu-Kamba ſoll ſehr23Beſchreibung.künſtliche Regenſchirme auf die Bäume bauen, und Du Chaillu giebt auch eine Abbildung davon, welche freilich ſo beſchaffen iſt, daß ſie ſehr gerechte Zweifel eines Sachverſtändigen erwecken muß. Die Zweige ſind gleichmäßig ausgeſucht, mit ihren dicken Enden rings herum um den Baumſtamm gelegt, dort ſehr hübſch und künſtlich mit Weinreben angebunden und dann nach außen ſchirmartig umgebogen, gerade ſo, als ob ſie ein recht geſchickter Gartenarbeiter, welcher mit Meſſer und Weiden - zweigen gehörig umzugehen weiß, gemacht hätte!
Eine Vergleichung der gegebenen Schädel würde allerdings für die Artverſchiedenheit der genannten Thiere ſprechen; doch dürften wir wohl thun, erſt die Unterſuchung bewährter Männer der Wiſſenſchaft abzuwarten, bevor wir ein endgiltiges Urtheil fällen. Alle Abbildungen in Du Chaillus Werke beweiſen unzweifelhaft, daß ſie erſt in England von Künſtlern angefertigt wurden, welche durchaus nicht naturwiſſenſchaftlich gebildet genannt werden dürfen. Wenn Du Chaillu unter Anderm dem Künſtler geſtattet, daß er einen der afrikaniſchen Affen ſich am Schwanze ſchaukeln läßt, ſo kann er nicht erwarten, daß den bildlichen Erläuterungen zu ſeinem Werke an maßgebenden Stellen Glauben geſchenkt wird.
Wenden wir uns nunmehr zu einem andern, weniger Zweifel herausfordernden Waldmenſchen welcher dieſelbe Gegend Afrikas bewohnt, zum Schimpanſe (Troglodytes niger). Wie er zu dem ſonderbaren Namen gekommen iſt, weiß man nicht; wohl aber iſt jetzt entſchieden, daß er ſchon ſehr lange bekannt, aber auch ſehr oft mit dem Vorhergehenden, vielleicht ſelbſt mit dem Mandril verwechſelt worden iſt. Es liegen uns viele Berichte vor, in denen des Schimpanſe Erwähnung geſchieht. Pyrard hat ihn im 14. Jahrhundert in der Sierra-Leona beobachtet und giebt ihm den Landesnamen „ Barris ‟; Battel erzählt in ſeiner 1717 erſchienenen Veſchreibung von Kongo von ihm und neunt ihn „ Pongo ‟, wie den Orang-Utang, erwähnt aber auch bereits einer zwei - ten größern Art; Buffon tauft ihn „ Jocko ‟, weil die Eingeborenen ihn „ Entſchocko ‟ oder „ Jntjoko ‟ nennen ſollen; Schaw unterſcheidet ihn von ſeinem aſiatiſchen Verwandten, Ogilby hält ihn für den wilden Menſchen des Hanno; Broſſe ſpricht endlich von einem Affen Namens „ Quimpeze ‟ und bietet uns ſomit einigen Anhalt zur Ableitung ſeines jetzt allgemein üblichen Namens ꝛc. Buffon giebt uns auch ſchon Beſchreibungen ſeines Weſens in der Gefangenſchaft, in welcher er das Thier um die Mitte des vorigen Jahrhunderts beobachten konnte.
Der Schimpanſe iſt bedeutend kleiner, als der Gorilla, immerhin aber noch ein großer Affe von 3 bis 4½ Fuß Höhe. Sein Leib iſt kurz und dick, denn der Bauch hängt etwas vor; an dem geſtreckten, großen Kopfe tritt die Stirn zurück, während die Ohren, welche denen des Menſchen ähneln, abſtehen; die Naſe iſt kleiner und platter, als die des Gorilla, die Lippen ſind dünn und äußerſt beweglich, die Augen haben Wimpern und Brauen: die dünnen, aber kräftigen Arme reichen bis unter die Knie herab; die Hände ſind mittelgroß, und alle ihre Finger haben platte Nägel. Das lange, grobe und ſtraffe, ſchwarze, im hohen Alter graue Haar läßt nur das Geſicht und die innern Handflächen, gewöhnlich auch die Handrücken, frei, bedeckt den Oberkörper dichter als den Unterkörper, bildet im Geſichte einen Bart, welcher unter dem Kinn wegzieht, aber an den Wangen die größte Länge erreicht, und iſt auf dem Oberarm nach unten, auf dem Unterarm aber nach oben gerichtet. — Der Geſichtsausdruck des Schimpanſe zeigt niemals jene unbegrenzte Wildheit, welche ſich im Geſicht des Gorilla ausſpricht, ſondern iſt ſanft und gemüthlich. Alle dieſe Merkmale un - terſcheiden unſer Thier hinlänglich von dem Gorilla.
Die Eingeborenen behaupten, daß der Schimpanſe im vollkommen erwachſenen Zuſtande fünf Fuß hoch und daß ſein Wachsthum im neunten oder zehnten Jahre beendet werde. Ein ſolches erwachſenes Thier ſoll ſo ſchwer ſein, daß es eine hinreichende Laſt für zwei ſtarke Männer bildet.
Die Verbreitung des Schimpanſe iſt beſchränkt; wie es ſcheint, beherbergen ihn blos Ober - und Niederguinea. Hier bewohnt er die großen Wälder in den Flußthälern und an der Küſte24Die Affen. Waldmenſchen. — Schimpanſe. Er lebt in größeren Geſellſchaften, und man hört Nachts oft das grelle Geſchrei der vereinigten Herden. Unſer Affe ſcheint ein ziemlich tölpelhafter Burſche zu ſein. Die einſeitige Verwendung der Hände zum Umfaſſen der Aeſte oder zum Greifen überhaupt krümmt und zieht ſie ſchließlich ſo zuſammen, daß er, wenn er ſie dann zum Gehen benutzen will, auf die Knöchel, anſtatt auf die
Sohlen treten muß. Hierdurch erhält ſein Gang natürlich etwas ſehr Unſichres und Ungeſchicktes; gleichwohl aber ſoll er ſich viel auf dem Boden aufhalten und die Bäume blos dann beſteigen, wenn er nach Nahrung ſpäht oder ſich ſichern will. Zuweilen geht er auf den Hinterfüßen allein und legt dann die Vorderhände im Nacken zuſammen, um ſich im Gleichgewicht zu halten; ſowie er aber geſtört25Lebensweiſe; Nahrung.wird, wirft er ſich augenblicklich auf alle Viere und humpelt nun mit ſeltſamen Sprüngen, jedoch ziemlich raſch, davon. Beim aufrechten Gange iſt er nicht im Stande, wie der Menſch die Ferſe vom Boden zu erheben, ſondern tritt gleichſam ſtampfend mit der ganzen Sohlenfläche oder vielmehr mit den Knöchelſeiten der Hände und Füße auf, wodurch dieſe Außenſeiten der Hände ſchwielig werden. Wenn er ruht, nimmt er eine ſitzende Stellung an, die Nacht aber verbringt er, wie der Gorilla und aſiatiſche Waldmenſch, in Neſtern, welche er ſich aus den zuſammengebogenen Zwei - gen der Bäume bereitet und mit abgebrochenen Aeſten und blätterreichen Zweigen auspolſtert. Dieſe Neſter ſah Savage gewöhnlich in einer Höhe von 20 bis 30 Fuß über dem Grunde. Er bemerkte ſelten zwei auf einem Baume, nur ein einziges Mal fünf, niemals aber eine ſolche Menge zuſammen, welche berechtigen könnte, von einem Affendorfe zu ſprechen, wie früher ſo oft geſchehen iſt.
Der Schimpanſe nährt ſich faſt von denſelben Pflanzen, wie der Gorilla. Früchte, Nüſſe und Wurzeln ſind wohl die Hauptnahrung. Zuweilen beſucht er die Bauanen und andere Frucht - bäume, welche die Neger zwiſchen ihren Maisfeldern anpflanzen. Das Aufſuchen der Nahrung beſtimmt die Thiere zu häufigem Wechſel ihres Aufenthalts. Verlaſſene Negerdörfer, in denen die Papaya in großer Menge wächſt, ſind Lieblingsorte für ſie, ſo lange es dort Nahrung giebt; wenn dieſe aber aufgezehrt iſt, unternehmen ſie Wanderungen von größerer oder geringerer Ausdehnung. Auch ihre Geſellſchaften werden immer von dem ſtärkſten Männchen geführt und geleitet; die Wach - ſamkeit deſſelben iſt eben ſo groß, als ſeine Stärke. Man verſichert, daß ein erwachſenes Männchen des Schimpanſe im Stande ſei, Aeſte abzubrechen, welche zwei Männer kaum beugen können. Ja, die Neger behaupten, daß ein Schimpanſe kräftig genug ſei, zehn Männern Widerſtand zu leiſten. Doch ſagen ſie auch, daß der Schimpanſe niemals ungereizt angreife, ſondern ſich ſtets auf ſeine Vertheidigung beſchränke. Bei Gefahr ſtößt der Leitaffe einen Schrei aus, welcher dem Angſtruf eines in Todesgefahr ſchwebenden Menſchen ähnelt, die übrigen erklettern ſchnell die Gipfel der Bäume und laſſen ihre Laute hören, welche an das Hundegebell erinnern. Erſt dann, wenn der Jäger einen Affen der Herde getödtet hat, gehen die Männchen auf den Jäger los, welcher unter - liegt, falls die Zahl ſeiner Angreifer groß iſt. Man ſagt, daß derſelbe ſich retten könne, wenn er den Angreifern Stücke ſeiner Kleidung oder auch ſeine Waffen überlaſſe, die dann von den erboſten Thieren mit Wuth in Stücke zerriſſen und zerbrochen würden. Bei jenen Angriffen oder der Ver - theidigung bedienen ſich die Affen hauptſächlich ihres Gebiſſes und ihrer Hände, obwohl noch immer berichtet wird, daß ſie Stöcke, Nüſſe, Steine u. dergl. zur Vertheidigung zu benutzen wüßten. Uebri - gens iſt ſchon um deshalb ſchwer zu glauben, daß ſie Stöcke oder Keulen in unſerer Weiſe zum Kampfe benutzen, weil ihr ſchwankender Gang auf zwei Hinterbeinen eine freie Benutzung nicht ge - ſtattet; aller Wahrſcheinlichkeit nach würde jeder aufrechtſtehende Affe durch die Kraft der zu einem ordentlichen Schlage erforderlichen Armbewegung aus dem Gleichgewichte gebracht und zu Boden geriſſen werden.
Sehr groß iſt die gegenſeitige Anhänglichkeit der Mitglieder einer Herde. Die Männchen lieben die Weibchen und dieſe ihre Kinder außerordentlich, und die Stärkeren vertheidigen ſtets die Schwächeren. Jn der geſchlechtlichen Liebe ſollen ſich die Schimpanſes weit weniger abſchreckend zeigen, als andere Affen, namentlich die Paviane. Man ſpricht ſogar von gewiſſer Sittſamkeit, welche ſie beweiſen. Es iſt wiederholt erzählt worden, daß die männlichen Schimpanſes an weiblichen Menſchen Gefallen finden; ſie ſollen zuweilen junge Negerinnen gewaltſam mit ſich fort - führen, jahrelang in dem Walde bei ſich behalten, ſie ſorgſam bewachen und ihnen durch ihre rohe Zärtlichkeit ſehr läſtig fallen; ich brauche wohl kaum zu ſagen, daß ſolche Erzählungen noch ſehr der Beſtätigung bedürfen. Es wäre übrigens ſehr merkwürdig, wenn die Affen ihre Verwandtſchaft mit dem Menſchen ebenſo ahnten, als die Neger ſich ihrerſeits als Vettern des Orangs fühlen. Dieſe erblicken in dem Schimpanſe die Mitglieder eines eigenen Menſchenſtammes, welcher aber wegen ſeiner ſchlechten Aufführung von der menſchlichen Geſellſchaft ausgeſchloſſen wurde und durch die Be - harrlichkeit in ſeinen ſchlechten Sitten nach und nach zu dem Zuſtande herabſank, in welchem er jetzt26Die Affen. Waldmenſchen. — Schimpanſe. lebt. Dieſe Anſchauung hindert die guten Leute übrigens nicht, die von ihnen erlegten Affen zu eſſen.
Der Schimpanſe iſt namentlich in der Neuzeit öfters lebend nach Europa und ſelbſt nach Deutſchland gebracht worden, wenn auch gewöhnlich nur jung. Unſer ihm fremdes Klima hat ihn aber immer bald umgebracht. Es iſt bis jetzt kein Beiſpiel bekannt, daß einer dieſer Affen mehrere Jahre hier am Leben geblieben wäre; dagegen erzählt man, daß Schimpanſes in ihrer Heimat über 20 Jahre in der Gefangenſchaft ausgehalten haben und dabei ſehr groß und ſtark geworden ſind. Bis jetzt hat man ſtets beobachtet, daß die Gefangenen ſanft, klug und liebenswürdig waren. Der Kapitän Grandpret erzählt von einem Weibchen, welches bewunderungswürdige Beweiſe ſeiner Klugheit gab. Er ſah es auf einem Schiffe, mit welchem es nach Amerika gebracht werden ſollte. Man hatte es gelehrt, den Backofen zu heizen, und es erfüllte ſein Amt zur allgemeinen Zufriedenheit, gab ſorfältig Acht, daß keine Kohlen herausſielen, und wußte auch, wenn der Ofen den nöthigen Grad von Hitze erlangt hatte. Dann ging es hin und berichtete den Bäcker durch ſehr ausdrucksvolle Geberden davon, und dieſer konnte ſich auf ſeinen Gehilfen ſo gut verlaſſen, daß er niemals ſelbſt nachzuſehen brauchte. Derſelbe Affe verrichtete die Arbeit eines Matroſen mit ebenſo viel Geſchick als Einſicht. Er wand das Ankertau auf, zog die Segel ein, band ſie feſt und arbeitete vollkommen zur Zufriedenheit der Matroſen, welche ihn zuletzt als ihren Maat betrachteten. Leider verlor dieſes herrliche Thier, ehe es Amerika erreichte, ſein Leben in Folge viehiſcher Grauſamkeit, welche es von dem Steuermann erleiden mußte. Dieſer hatte es ungerechter Weiſe mißhandelt, ohne ſich um die flehenden Bitten des armen Geſchöpfes zu kümmern. Es hielt, wie ein Menſch, die zuſammengefal - tenen Hände vor, um das Herz ſeines Peinigers zu erweichen; allein der Unmenſch achtete nicht auf die beredte Sprache des ſo hoch begabten Weſens. Er fuhr fort in ſeiner gemeinen Grauſamkeit. Der Affe erlitt ſie geduldig, weigerte ſich aber von dieſem Augenblicke ſtandhaft, irgend welche Nah - rung zu ſich zu nehmen, und ſtarb am fünften Tage darauf aus Hunger und Gemüthserregung. Die ganze Mannſchaft betrauerte ihn, als ob einer ihrer Kameraden geſtorben wäre.
Broſſe brachte zwei Schimpanſes mit ſich nach Europa, ein junges Männchen und ein Weibchen. Sie ſetzten ſich an den Tiſch, wie ein Menſch, aßen von Allem und bedienten ſich dabei des Meſſers, der Gabel und der Löffel. Auch die Getränke theilten ſie redlich mit den Menſchen, und namentlich Wein und Branntwein mundeten ihnen vortrefflich. Sie riefen die Schiffsjungen, wenn ſie Etwas brauchten, und wurden böſe, wenn dieſe es ihnen verweigerten, faßten dann die Knaben an dem Arme, biſſen ſie und warfen ſie unter ſich. Das Männchen wurde krank und der Schiffsarzt ließ ihm deshalb zur Ader; ſo oft es ſich ſpäter unwohl fühlte, hielt es ihm ſtets den Arm hin. — Buffon’s Schimpanſe ging faſt immer aufrecht, ſelbſt wenn er ſchwere Sachen trug; er ſah traurig und ernſthaft aus und bewegte ſich abgemeſſen und verſtändig. Von den häßlichen Eigen - ſchaften der Paviane zeigte er keine einzige; er war aber auch nicht muthwillig, wie die Meer - katzen. Seinem Herrn gehorchte er aufs Wort oder auf ein Zeichen. Er bot den Leuten den Arm an und ging ordentlich mit ihnen herum, ſetzte ſich zu Tiſch, benutzte ein Vorſtecktuch und wiſchte ſich damit die Lippen, wenn er getrunken hatte; er ſchenkte ſich ſelbſt Wein ein und ſtieß mit den Andern an. Er holte ſich eine Taſſe und Schale herbei, that Zucker hinein, goß Thee darauf und ließ ihn kalt werden, bevor er ihn trank. Niemandem fügte er ein Leid zu, ſondern näherte ſich Jedem beſchei - den und freute ſich ungemein, wenn ihm geſchmeichelt wurde. Alle Leute, welche Buffon beſuchten, gewannen ſeinen Hausgenoſſen außerordentlich lieb und brachten ihm Zuckerbrob oder Obſt mit. Leider tödtete ihn die Lungenſchwindſucht innerhalb eines Jahres. — Dr. Traill brachte einen Schim - panſe mit nach England, welcher nicht gern aufrecht ging, ſich vielmehr beim Gehen auf die Finger ſtützte. Er war furchtſam, aber mit Bekannten vertraulich. Wenn es kalt wurde, wickelte er ſich in eine Decke. Eines Tages hielt man ihm einen Spiegel vor, ſogleich war ſeine Aufmerkſamkeit ge - feſſelt; auf die größte Beweglichkeit folgte ſofort die tiefſte Ruhe. Er unterſuchte neugierig das merk - würdige Werkzeug und ſchien ſtumm vor Erſtaunen. Dann blickte er fragend ſeinen Freund an,27Gefangenleben.hierauf wieder den Spiegel, ging hinter dieſen, kam zurück, betrachtete nochmals ſein Bild und ſuchte ſich durch Betaſten deſſelben zu überzeugen, ob er die wirkliche Körperlichkeit oder bloſen Schein vor ſich habe: — ganz ſo, wie es wilde Völker thun, wenn ihnen zum erſten Male ein Spiegel gereicht wird.
Der Lieutenant Henry K. Sayers erzählt von einem jungen Männchen, welches er wenige Tage nach der Gefangennahme an der Weſtküſte Afrikas erhielt, daß es ſehr bald und im hohen Grade vertraut mit ihm wurde, noch innigere Freundſchaft aber mit einem Negerknaben ſchloß und im höchſten Zorne zu kreiſchen anfing, wenn jener ihn nur für einen Augenblick verlaſſen wollte. Sehr eingenommen war er für Kleidungsſtücke, und das erſte Beſte, das ihm in den Weg kam, eignete er ſich an, trug es ſogleich auf den Platz und ſetzte ſich unabänderlich, mit ſelbſtzufriedenem Gurgeln darauf, gab es auch gewiß nicht ohne harten Kampf und ohne die Zeichen der größten Unzufriedenheit wieder her. „ Als ich dieſe Vorliebe bemerkte, ‟ fährt der Erzähler fort, „ verſah ich ihn mit einem Stück Baumwollenzeug, von dem er ſich dann, zur allgemeinen Beluſtigung, nicht wieder trennen mochte, und welches er überallhin mitſchleppte, ſo daß keine Verlockung ſtark genug war, ihn zum Aufgeben deſſelben auch nur für einen Augenblick zu bewegen. ‟
„ Die Lebensweiſe der Thiere in der Wildniß war mir völlig unbekannt; ich verſuchte deshalb, ihn nach meiner Art zu ernähren und hatte den beſten Erfolg. Morgens um acht Uhr bekam mein Ge - fangener ein Stück Brod in Waſſer oder in verdünnter Milch geweicht, gegen zwei Uhr ein paar Bananen oder Piſang, und ehe er ſich niederlegte, wieder eine Banane, eine Apfelſine oder ein Stück Ananas. Die Banane ſchien ſeine Lieblingsfrucht zu ſein, für ſie ließ er jedes andere Gericht im Stiche, und wenn er ſie nicht bekam, war er höchſt mürriſch. Als ich ihm einmal eine verweigerte, verſiel er in die heftigſte Wuth, ſtieß einen ſchrillen Schrei aus und rannte mit dem Kopfe ſo heftig gegen die Wand, daß er auf den Rücken fiel; ſtieg dann auf eine Kiſte, ſtreckte die Arme verzweiflungs - voll aus und ſtürzte ſich herunter. Alles Dies ließ mich ſo ſehr für ſein Leben fürchten, daß ich den Streit aufgab. Nun erfreute er ſich ſeines Sieges auf das lebhafteſte, indem er minutenlang ein höchſt bedeutungsvolles Gurgeln und Murren hören ließ: kurz, jedesmal, wenn man ihm ſeinen Willen nicht thun wollte, zeigte er ſich wie ein verzogenes Kind. Aber ſo bös er auch werden mochte, nie bemerkte ich, daß er geneigt geweſen wäre, ſeinen Wärter oder mich zu beißen, oder ſich ſonſt wie an uns zu vergreifen. ‟ —
Das ſind einige von den unzähligen Geſchichten, welche man von dieſen Affen berichtet; ſchade, daß die faſt unausbleibliche Lungenſchwindſucht die armen Thiere gewöhnlich ſo raſch tödtet. Schon kurze Zeit nach ihrer Ankunft in Europa beginnen ſie zu huſten und damit ſtiller und trauriger zu werden. Je weiter die Krankheit fortſchreitet, um ſo ruhiger und milder werden ſie; ſie ſehen zuletzt wahrhaft erbarmungswürdig aus. Wie lungenkranke Menſchen beugen ſie den Kopf nach vorn, huſten von Zeit zu Zeit und legen ihre Hände dann auf die wunde Bruſt, dabei ſehen ſie ſo kläglich und bittend mit ihren dunkelbrannen Augen auf den Menſchen, daß dieſer ſich der Rührung unmöglich er - wehren kann. Gewöhnlich unterliegen ſie der fürchterlichen Seuche ſchon im erſten, ſicher aber im zweiten Jahre; unſer kaltes Klima kann den glücklichen Kindern des Südens niemals ihre ſchöne Heimat erſetzen.
Von dem afrikaniſchen Waldmenſchen unterſcheidet ſich der aſiatiſche, welcher gewöhnlich Orang-Utang oder Pongo genannt wird (Pitheeus Satyrus), durch die bedeutend längeren Arme, die bis zu den Knöcheln der Füße herabreichen und durch den kegel - oder pyramidenförmig zu - geſpitzten Kopf mit ſeiner weit vorſtehenden Schnauze, welche alten Thieren jede Menſchenähnlichkeit benimmt. So lange der Pongo jung iſt, gleicht ſein Schädel dem eines Menſchenkindes in hohem Grade; mit dem zunehmenden Alter aber tritt das Thieriſche auch bei ihm derartig hervor, daß der Schädel dann nur noch entfernt an den des jungen Affen erinnert.
28Die Affen. Waldmenſchen. — Orang-Utang.Das alte Männchen des Orang-Utang wird 4 Fuß hoch, das alte Weibchen etwa einen halben Fuß weniger. Der Leib iſt an den Hüften breit und durch den ſtark hervortretenden Bauch ausgezeichnet; der Hals iſt kurz und vorn faltig, weil das Thier einen großen Kehlſack beſitzt, welcher aufgeblaſen werden kann; die langen Gliedmaßen haben auch lange Hände und Finger. Die Nägel der letzteren ſind immer platt, fehlen aber ſehr häufig den Daumen der Hinterhände. Das Geſicht iſt bezeichnend. Jn dem furchtbaren Gebiß treten die Eckzähne ſtark hervor; der Unterkiefer iſt länger als der Oberkiefer; die Lippen ſind gerunzelt, ſtark aufgeſchwollen und aufgetrieben; die Naſe iſt ganz flach gedrückt, und die Naſenſcheidewand verlängert ſich über die Naſenflügel hinaus; Angen und
Ohren ſind klein, aber denen des Menſchen ähnlich gebildet. Die Behaarung iſt ſpärlich auf dem Rücken, ſehr dünn an der Bruſt, um ſo länger und reichlicher aber an den Seiten des Leibes, wo ſie lang herabfällt. Jm Geſichte entwickelt ſie ſich bartähnlich; auf den Oberlippen und am Kinn, am Schädel und auf den Unterarmen iſt ſie aufwärts, ſonſt aber abwärts gerichtet. Das Geſicht und die Handflächen ſind ganz nackt, die Bruſt und die Oberſeiten der Finger faſt ganz nackt. Gewöhnlich iſt die Färbung der Haare ein dunkles Roſtroth, ſeltener ein Braunroth, welches auf dem Rücken und auf der Bruſt dunkler, am Bart aber heller iſt. Die nackten Theile ſehen bläulich - oder ſchiefergran29Beſchreibung. Heimat. Fabeln.aus Alte Männchen unterſcheiden ſich von den Weibchen durch ihre Größe, dichteres und längeres Haar, reichlichern Bart und eigenthümliche Schwielen oder Hautlappen an den Wangen, welche ſich halbmondförmig von den Augen an nach den Ohren hin und zum Oberkiefer herabziehen und das Geſicht auffallend verhäßlichen. Die jüngeren Thiere ſind bartlos, ſonſt aber reicher behaart und dunkler gefärbt.
Gegenwärtig ſcheint es ſo ziemlich feſtzuſtehen, daß der Orang-Utang ausſchließlich auf Borneo gefunden wird. Früher nannte man oft auch Sumatra und die anderen Sunda-Jnſeln als ſeine Heimat; doch ſcheint es, daß ſolche Angaben auf falſchen Ausſagen der Eingebornen beruht haben. Lange Zeit war man nicht abgeneigt, zwei, drei, ja vier Arten des Thieres anzunehmen, von denen jede eine beſondere Juſel bewohnen ſollte; in der Neuzeit aber ſcheint man ziemlich einig ge - worden zu ſein, daß alle die verſchiedenen Orangaffen Aſiens, welche man als eigene Arten anſah, bloſe Altersverſchiedenheiten einer einzigen Art darſtellen, deren Heimat Borneo iſt. Hier lebt unſer Thier auf der Süd - und Weſtſeite der Jnſel in den großen, ſumpſigen Waldniederungen, am liebſten an den Ufern der Flüſſe. Jm Gebirge ſoll er niemals vorkommen. Ausgedehnte Wälder, in denen er unbehelligt von ſeinem Hauptfeinde, dem Menſchen, hauſen kann, dürften für ſein Vorkommen unerläßliche Bedingung ſein. Aus allen bevölkerten Gegenden, in deren Gebiet er ſonſt gefunden wurde, iſt er jetzt verſchwunden. Jn der eigentlichen Wildniß dagegen ſcheint er keineswegs ſelten zu ſein, aber ſo ſelten beſucht und belauſcht zu werden, daß wir noch heute nur äußerſt wenig von ſeinem Leben in der Freiheit wiſſen.
Er ſelbſt iſt ſchon ſeit alter Zeit bekannt. Bereits Plinius giebt an, daß es auf den indiſchen Bergen Satirn gäbe, „ ſehr bösartige Thiere mit einem Menſchengeſicht, welche bald aufrecht, bald auf allen Vieren gingen und wegen ihrer Schnelligkeit nur gefangen werden könnten, wenn ſie alt oder krank ſeinen. ‟ Seine Erzählung erbt ſich fort von Jahrhundert zu Jahrhundert und empfängt von jedem neuen Bearbeiter Zuſätze. Man vergißt faſt, daß man noch von Thieren redet; aus den Affen werden beinahe wilde Menſchen. Uebertreibungen jeder Art verwirren die erſten Angaben und entſtellen die Wahrheit. Bontius, ein Arzt, welcher um die Mitte des 17. Jahrhunderts auf Java lebte, ſpricht wieder einmal aus eigener Anſchanung. Er ſagt, daß er den Waldmenſchen einige Male geſehen habe, und zwar ebenſo wohl Männer als Weiber. Sie gingen öfters aufrecht und geberdeten ſich ganz wie andere Menſchen. Bewunderungswürdig wäre ein Weibchen geweſen. Es habe ſich geſchämt, wenn es unbekannte Menſchen betrachtet hätten, und nicht nur das Geſicht, ſondern auch ſeine Blöße mit den Händen bedeckt; es habe geſeufzt, Thränen vergoſſen und alle menſchlichen Handlungen ſo ausgeübt, daß ihm nur die Sprache gefehlt habe, um wie ein Menſch zu ſein. Die Javaner ſagten, daß die Affen wohl reden könnten, wenn ſie nur wollten; allein ſie thäten es nicht, weil ſie fürchteten, arbeiten zu müſſen. Daß die Waldmenſchen aus der Vermiſchung von Affen und indianiſchen Weibern entſtänden, ſei ganz ſicher. Schonten bereichert dieſe Erzählung durch einige Entführungsgeſchichten, in denen die Waldmenſchen der angreifende, indiſche Mädchen aber der leidende Theil ſind. Broſſe verſichert ſogar, daß eine von den Affen entführte Negerin drei Jahre im Walde feſtgehalten worden wäre: — ob die wilde Ehe in des Worts verwegenſter Bedeutung, welche die Braut allem Anſcheine nach mit ihrem Entführer einging, auch mit Kindern geſegnet wurde, ſteht nicht dabei. Es verſteht ſich faſt von ſelbſt, daß die Orang-Utangs nach allen dieſen Erzählungen anfrecht auf den Hinterfüßen gehen, obwohl hinzugefügt wird, „ daß ſie auch auf allen vier Beinen laufen könnten. ‟ Eigentlich ſind aber die Reiſebeſchreiber an den Uebertreibungen, welche ſie auftiſchen, unſchuldig; denn ſie geben blos die Erzählungen der Eingebornen wieder. Dieſe wußten ſich natürlich die Theilnahme der Europäer für unſere Affen zu Nutze zu machen, weil ſie ihnen junge Pongos verkaufen wollten und deshalb ihre Waare nach Kräften prieſen, — nicht mehr und nicht minder, als es Thierſchauſteller bei uns zu Lande heutigen Tages auch noch thun.
Verſucht man nun, die Naturgeſchichte des Orang-Utang von allen Ausſchmückungen, Zu - thaten, Lügen und Fabeln zu entkleiden, ſo ergiebt ſich etwa Folgendes:
30Die Affen. Waldmenſchen. — Orang-Utang.Der aſiatiſche Waldmenſch bewohnt die einſamen, großen Wälder Borneos und zumal die in den Niederungen der Flüſſe Kahayan, Sampit, Mandawej, Kotaringin und andere. Nur die Weibchen und jüngeren Thiere leben geſellig, aber immer noch nicht in zahlreichen Banden; die alten Männchen dagegen ſind Einſiedler und nähern ſich den Weibchen blos zur Brunſtzeit. Beide rufen ſich dann laute Schreie zu, welche an das Brüllen des Rindes erinnern. Jm hohen Greiſenalter ſtehende, abgeſtumpfte und ſchwache Thiere halten ſich auf dem Boden auf und ſchleppen ſich auf ihm die letzten Jahre ihres Lebens mühſelig dahin. Die jüngeren und kräftigeren leben auf den Bäumen. Dazu beſtimmt ſie auch ihre Ausrüſtung. Jhre langen Vorderglieder geſtatten ihnen nur einen höchſt unbehülflichen, ſchwerfälligen Gang, während ſie beim Klettern ihnen gerade vortreffliche Dienſte leiſten. Jm Gehen ſtützen ſie ſich auf die Oberſeite der eingeſchlagenen Füße und auf den Außenrand der Hinterhände. Zum aufrechten Gange für längere Zeit ſind ſie außer Stande, und deshalb mögen ſie wohl auch nicht öfter, als die übrigen Affen, blos auf beiden Hinterfüßen gehen. Schon in der Jugend ſind ſie ſtill oder wenigſtens nicht eben lebhaft, und mit zunehmendem Alter zeigen ſie ſich immer träger und ſchwerfälliger. Auch ihr Klettern iſt langſam und bedächtig, bären - artig. Sie erfaſſen mit den Vorderhänden einen Zweig und ziehen gemächlich ihren Körper nach. Auf weite und kühne Sprünge laſſen ſie ſich nicht ein. Jn den Baumkronen finden ſie, was ſie bedürfen: Früchte, Fruchtknospen, Blüthen, Blätter, Sämereien, Rinden, Kerbthiere und Eier. Hieraus beſteht ihre Nahrung in der Freiheit. Die Nacht bringen ſie am liebſten in den Niederungen des Urwaldes zu und wählen ſich dann gern die dichteſten Baumwipfel, um gegen Wind und Regen geſchützt zu ſein. Schmarotzerpflanzen, welche auf dicken Aeſten wuchern, große Farren und niedere, dichtblätterige Bänme ſind für dieſen Zweck ihre Lieblingsorte. Eine Art von Neſt bauen ſie ſich ebenfalls, gewöhnlich in einer Höhe von 12 bis 20 Fuß über dem Boden. Es ähnelt dem Horſte eines großen Vogels und trägt niemals ein Dach. Dicke Aeſte, welche entweder abgebrochen oder blos zuſammengebogen ſind, werden mit loſen, blätterreichen Zweigen, auch mit Laub und Gräſern bedeckt, um die Lagerſtätte weich und warm zu machen. Man behauptet, daß der Pongo niemals in ſitzender Stellung ſchlafe, ſondern ſich immer dazu niederlege, wie ein Menſch; ja, bei kühler Witterung ſoll er ſich auch eine Zudecke aus Blättern bereiten. Da man Aehnliches an gefangenen Orang - Utangs beobachtet hat, darf dieſe Angabe glaubwürdig erſcheinen.
Der Orang-Utang iſt ein friedliches und ruhiges Thier. Er iſt nicht furchtſam und flieht auch vor dem Menſchen nicht, ſondern betrachtet dieſen mit aller Ruhe. Falls er Gefahr vermuthet oder wirklich verfolgt wird, ſucht er in den höchſten Baumwipfeln Schutz und verſteckt ſich hier entweder hinter einem dicken Aſte oder zwiſchen dem Dickicht des Laubes; fühlt er ſich auch da nicht ſicher, ſo flüchtet er von Wipfel zu Wipfel, aber keineswegs ungeſtüm und eilig, wie die übrigen Affen, ſondern zögernd, überlegend und umſichtig. Wird er durch einen Kugelſchuß oder einen Pfeil verwundet, ſo ſchreit er laut auf, bricht alle Aeſte und Zweige, welche ſich in ſeiner Nähe befinden, ab und ſchleudert dieſe von der Höhe herab auf ſeinen Gegner, wahrſcheinlich um ihn einzuſchüchtern und von ſeiner Verfolgung abzuhalten. Selbſt wenn er in größten Zorn und in Wuth geräth, iſt er noch immer ſo langſam, daß man ihn bequem verfolgen kann. Daß er ſich mit abgebrochenen Aeſten wie mit Keulen vertheidige, iſt von glaubwürdigen Berichterſtattern niemals erzählt worden und jedenfalls auch nur eine müßige Erfindung der Eingebornen. So viel ſteht wohl feſt, daß er, wenn er verwundet wurde und ſein Verfolger ihm auf den Leib rückt, ſich ſeiner Haut gut zu wehren weiß und kein zu verachtender Gegner des Menſchen iſt. Seine Arme ſind ſehr kräftig und ſein Gebiß wahrhaft furchtbar. Er zerbricht mit Leichtigkeit einen Spergriff oder den Arm eines Menſchen und beißt gräßlich. Ein altes Thier lebend in ſeine Gewalt zu bekommen, ſoll ganz unmöglich ſein, jung dagegen läßt er ſich leicht fangen. Man erzählt, daß die Jäger, um ſich ſeiner zu bemächtigen, rings um den Baum, auf welchem er ſitzt, alle übrigen Bäume niederſchlagen und ihm ſo den Weiterweg verwehren; ich brauche wohl kaum zu ſagen, daß Dies nur eine Fabel mehr iſt. Höchſt wahrſcheinlich werden die Jungen, wie auch ſchon Schouten ſagt, in Schlingen gefangen.
Wir haben eine Menge Erzählungen, welche uns von gefangenen Thieren berichten, und alle ſtimmen darin überein, daß die jungen Pongos außerordentlich gutartige, etwas langſame und ſchwerfällige Geſchöpfe ſind. Die erſten genauen Beobachtungen verdanken wir dem Holländer Vos - maern, welcher ein Weibchen längere Zeit zahm hielt. Daſſelbe war ſehr gutmüthig und bewies ſich niemals boshaft oder falſch. Man konnte ihm ohne Bedenken die Hand in das Maul ſtecken. Sein äußeres Anſehen hatte etwas Trauriges, Schwermüthiges. Es liebte die menſchliche Geſell - ſchaft ohne Unterſchied des Geſchlechts, zog aber diejenigen Leute vor, welche ſich am meiſten mit ihm beſchäftigten. Man hatte es an eine Kette gelegt, worüber es zuweilen in Verzweiflung gerieth; es warf ſich dann auf den Boden, ſchrie erbärmlich und zerriß alle Decken, welche man ihm gegeben hatte. Sein gewöhnlicher Gang war auf allen Vieren, wie bei anderen Affen, doch konnte es recht gut aufrecht gehen und ſich an einem Stocke lange Zeit halten. Als es einmal frei gelaſſen wurde, kletterte es behend in dem Sparrwerke des Daches herum und zeigte ſich hier ſo hurtig, daß vier Per - ſonen eine Stunde lang zu thun hatten, um es wieder einzufangen. Bei dieſem Ausfluge erwiſchte es eine Flaſche mit Malagawein, entkorkte ſie und brachte den Wein ſchleunigſt in Sicherheit, ſtellte dann aber die Flaſche wieder an ihren Ort. Es fraß Alles, was man ihm gab, zog aber Obſt und gewürzhafte Pflanzen anderen Speiſen vor. Geſottenes und gebratenes Fleiſch oder Fiſche genoß es ebenfalls ſehr gern. Nach Kerbthieren jagte es nicht, und ein ihm dargebotener Sperling verurſachte ihm viel Furcht, doch biß es ihn endlich todt, zog ihm einige Federn aus, koſtete das Fleiſch und warf den Vogel wieder weg. Rohe Eier ſoff es mit Wohlbehagen aus. Der größte Leckerbiſſen ſchienen ihm Erdbeeren zu ſein. Sein gewöhnliches Getränk beſtand in Waſſer; es trank aber auch ſehr gern alle Arten von Wein und beſonders Malaga. Nach dem Trinken wiſchte es, wie mancher Menſch, die Lippen mit der Hand ab, ja, es bediente ſich ſogar eines Zahnſtochers in derſelben Weiſe, wie ein Menſch. Den Taſchendiebſtahl verſtand es meiſterhaft; es zog den Leuten, ohne daß ſie es merkten, Leckereien aus den Taſchen heraus. Vor dem Schlafengehen machte es ſtets große Anſtalten. Es legte ſich das Heu zum Lager zurecht, ſchüttelte es gut auf, legte ſich noch ein beſonderes Bündel unter den Kopf und deckte ſich dann zu. Allein ſchlief es nicht gern, weil es die Einſamkeit über - haupt nicht liebte. Bei Tage ſchlummerte es zuweilen, aber niemals lange. Man hatte ihm eine Kleidung gegeben, welche es ſich bald um den Leib und bald um den Kopf legte, und zwar ebenſowohl wenn es kühl war, als während der größten Hitze. Als man ihm einmal das Schloß ſeiner Kette mit dem Schlüſſel öffnete, ſah es mit großer Aufmerkſamkeit zu und nahm ſodann ein Stückchen Holz, ſteckte es ins Schlüſſelloch und drehte es nach allen Seiten um. Einſt gab man ihm eine junge Katze. Es hielt dieſelbe feſt und beroch ſie ſorgfältig. Die Katze kratzte es in den Arm, da warf es dieſelbe weg, beſah ſich die Wunde und wollte fortan Nichts wieder mit Miez zu thun haben. Es konnte die verwickeltſten Knoten an einem Stricke ſehr geſchickt mit den Fingern oder, wenn ſie zu feſt waren, mit den Zähnen auflöſen und ſchien daran eine ſolche Freude zu haben, daß es auch den Leuten, welche nahe zu ihm hintraten, regelmäßig die Schuhe aufband. Jn ſeinen Händen beſaß es eine außerordentliche Stärke und konnte damit die größten Laſten aufheben. Die Hinterhände benutzte es ebenſo geſchickt, wie die vorderen. So legte es ſich z. B., wenn es Etwas mit den Vorderhänden nicht erreichen konnte, auf den Rücken und zog den Gegenſtand mit den Hinterfüßen heran. Es ſchrie nie, außer wenn es allein war. Anfangs glich dieſes Geſchrei dem Heulen eines Hundes, dann wurde es immer gröber und rauher und ähnelte zuletzt dem Geräuſch einer Holzſäge. — Die Auszehrung machte ſeinem jungen Leben bald ein Ende.
Ein anderer zahmer Pongo, von dem uns Jeffries erzählt, hielt ſeinen Stall ſehr reinlich, ſcheuerte den Boden deſſelben öfters mit einem Lappen und Waſſer und entfernte alle Ueberreſte von Speiſen und dergleichen. Er wuſch ſich auch Geſicht und Hände wie ein Menſch. Ein dritter Orang - Utang zeichnete ſich durch große Zärtlichkeit gegen Alle aus, welche freundlich mit ihm ſprachen, und küßte ſeinen Herrn und ſeinen Wärter echt menſchlich. Gegen Unbekannte war er ſehr ſchüchtern, gegen Bekannte ganz zutraulich.
32Die Affen. Waldmenſchen. — Orang-Utang.Von den übrigen Berichten, welche mir bekannt ſind, enthalten noch zwei ſehr anziehende und wichtige Thatſachen aus dem Leben unſers Thieres; derjenige nämlich, welcher die Beobachtungen des großen Cuvier uns mittheilt, und ein zweiter, welchen Kapitän Smitt in der „ Gartenlaube ‟ veröffentlichte. Jch will auch von dieſen das Wichtigſte im Auszuge geben.
Der Pongo, welchen Cuvier in Paris beobachtete, war etwa zehn bis elf Monate alt, als er nach Frankreich kam, und lebte dort noch faſt ein halbes Jahr. Seine Bewegungen waren lang - ſam und auf dem Boden ganz ſchwerfällig. Er ſetzte beide Hände geſchloſſen vor ſich nieder, erhob ſich auf ſeine langen Arme, ſchob den Leib vorwärts, ſetzte die Hinterfüße zwiſchen die Arme vor die Hände und ſchob den Hinterleib nach, ſtemmte ſich dann wieder auf die Fäuſte ꝛc. Wenn er ſich auf eine Hand ſtützen konnte, ging er auch auf den Hinterfüßen, trat aber immer mit dem äußern Rande des Fußes auf. Beim Sitzen ruhte er in der Stellung der Morgenländer mit eingeſchlagenen Beinen. Das Klettern wurde ihm ſehr leicht; er umfaßte dabei den Stamm mit den Händen, nicht mit den Armen und Schenkeln. Wenn ſich die Zweige zweier Bäume berührten, kam er leicht von einem Baume zum andern. Jn Paris ließ man ihn an ſchönen Tagen oft in einem Garten frei, dann kletterte er raſch auf die Bäume und ſetzte ſich auf die Aeſte. Wenn ihm Jemand nachſtieg, ſchüttelte er die Aeſte aus allen Kräften, als wenn er ſeinen Verfolger abſchrecken wollte; zog man ſich zurück, ſo endeten dieſe Vorſichtsmaßregeln; erneuerte man den Verſuch, ſo begannen ſie ſogleich wieder. Auf dem Schiffe hatte er ſich oft im Takelwerke luſtig gemacht; das Schwanken des Fahrzeugs hatte ihm jedoch viel Angſt bereitet, und er war nie gegangen, ohne ſich an Seilen und dergl. zu halten. Beim Schlafen bedeckte er ſich gern mit jedem Zeug, welches er finden konnte, und die Matroſen durften ſicher darauf zählen, daß ſie ein ihnen fehlendes Kleidungsſtück bei ihm finden würden. Mit ſeinem Wärter war er ſehr vertraut; oft ſaugte er an ſeiner Hand, als ob er ihn küſſen wollte. Die Eſſens - zeit kannte er genau; er kam regelmäßig zur rechten Zeit zu ſeinem Wärter hin und nahm, was dieſer ihm gab. Fremdenbeſuche wurden ihm oft läſtig, und nicht ſelten verſteckte er ſich ſo lange unter ſeinen Decken, bis die Leute wieder fort waren. Bei bekannten Perſonen that er Dies nie. Nur von ſeinem Wärter nahm er Futter an. Als ſich einſt ein Fremder an den gewöhnlichen Platz ſeines Wärters ſetzte, kam er zwar herbei, verweigerte aber, als er den Fremden bemerkte, alle Nahrung, ſprang auf den Boden, ſchrie und ſchlug ſich, wie in Verzweiflung, vor den Kopf. Seine Speiſe nahm er mit den Fingern und nur ſelten gleich mit den Lippen auf und beroch Alles, was er nicht kannte, vorher ſorgfältig. Sein Hunger war unverwüſtlich; er konnte, wie die Kinder, zu jeder Zeit eſſen.
Zuweilen biß und ſchlug er zu ſeiner Vertheidigung um ſich, aber nur gegen Kinder und mehr aus Ungeduld, als aus Zorn. Er war überhaupt ſanft und liebte die Geſellſchaft, ließ ſich gern ſchmeicheln und gab Küſſe im eigentlichen Sinne. Wenn er Etwas ſehnſüchtig verlangte, ließ er einen ſcharfen Kehllaut hören. Denſelben hörte man gleichfalls, wenn er im Zorn war, doch wälzte er ſich dann oft am Boden und ſchmollte, wenn man ihm nicht willfahrte. Zwei junge Katzen hatte er be - ſonders lieb gewonnen und hielt die eine oft unter dem Arme oder ſetzte ſie ſich auf den Kopf, obſchon ſie ſich mit ihren Krallen an ſeiner Haut feſthielt. Einigemal betrachtete er ihre Pfoten und ſuchte die Krallen mit ſeinen Fingern auszureißen. Da ihm Dies nicht gelang, duldete er lieber die Schmerzen, als daß er das Spiel mit ſeinen Lieblingen aufgegeben hätte.
Die erwähnte Mittheilung in der Gartenlanbe rührt von einem guten Beobachter her, welcher den Orang-Utang drei Monate mit ſich auf dem Schiffe hatte. Das Thier lebte, ſo lange ſich das Schiff auf den aſiatiſchen Gewäſſern befand, auf dem Verdeck, ſeinem beſtändigen Aufenthalt, und ſuchte ſich nur des Nachts eine geſchützte Stelle zum Schlafen aus. Während des Tages war der Orang-Utang außerordentlich aufgeräumt, ſpielte mit anderen kleinen Affen, die ſich an Bord befanden und luſtwandelte im Takelwerk umher. Das Turnen und Klettern ſchien ihm ein beſonderes Vergnügen zu machen, und er führte es mehrmals des Tages an verſchiedenen Tauen aus. Seine Gewandtheit und die bei dieſen Bewegungen ſichtbar werdende Muskelkraft war erſtaunenswerth. Der Erzähler hatte einige hundert Kokusnüſſe mitgenommen, von welchen der Affe täglich zwei erhielt. 33Eigenheiten.Die äußerſt zähe, zwei Zoll dicke Hülle der Nuß, welche ſelbſt mit einem Beil nur ſchwer zu durch - hauen iſt, wußte er mit ſeinem gewaltigen Gebiß ſehr geſchickt zu zertrümmern. Er ſetzte an dem ſpitzen Ende der Nuß, wo die Frucht kleine Erhöhungen oder Buckel hat, mit ſeinen furcht - baren Zähnen ein, packte die Nuß dann mit dem rechten Hinterfuß und riß ſo regelmäßig die zähe Schale auseinander. Dann durchbohrte er mit den Fingern einige der natürlichen Oeffnungen der Nuß, trank die Milch aus, zerſchlug hierauf die Nuß an einem harten Gegenſtand und fraß den Kern.
Nachdem das Schiff die Sundaſtraße verlaſſen hatte, verlor das Thier mit der abnehmenden Wärme mehr und mehr ſeine Heiterkeit. Es hörte auf zu turnen und zu ſpielen, kam nur noch ſelten auf das Verdeck, ſchleppte die wollene Decke ſeines Bettes hinter ſich her und hüllte ſich, ſobald es ſtille ſaß, vollſtändig in dieſelbe ein. Jn der gemäßigten ſüdlichen Zone hielt es ſich größtentheils in der Kajüte auf und ſaß dort oft ſtundenlang mit der Decke über dem Kopf regungslos auf einer Stelle. Sein Bett bereitete auch dieſer Waldmenſch mit der größten Umſtändlichkeit. Er ſchlief nie, ohne vorher ſeine Matratze zwei - bis dreimal mit dem Rücken der Hände aufgeklopft und geglättet zu haben. Dann ſtreckte er ſich auf den Rücken, zog die Decke um ſich, ſo daß nur die Naſe mit den dicken Lippen frei blieb, und lag in dieſer Stellung die ganze Nacht oder zwölf Stunden, ohne ſich zu rühren. Jn ſeiner Heimat geſchah ſein Aufſtehen und Niederlegen ſo regelmäßig, wie der Gang einer Uhr. Punkt ſechs Uhr Morgens oder mit Sonnenaufgang erhob er ſich, und ſowie der letzte Strahl der Sonne hinter dem Geſichtskreis entſchwunden, alſo Punkt ſechs Uhr Abends, legte er ſich wieder nieder. Je weiter das Schiff nach Weſten ſegelte und demgemäß in der Zeit abwich, um ſo früher ging der Orang-Utang zu Bette und um ſo früher ſtand er auf, weil er eben auch nur ſeine zwölf Stunden ſchlief. Dieſe Veränderung des Schlafengehens ſtand übrigens nicht genau mit der Zeitrechnung des Schiffes im Verhältniß, allein eine gewiſſe Regelmäßigkeit war nicht zu verkennen. Am Vorgebirge der guten Hoffnung ging das Thier bereits um zwei Uhr des Mittags zu Bett und ſtand um halb drei Uhr des Morgens auf. Dieſe beiden Zeiten behielt es ſpäter bei, obwohl ſich das Schiff im Verlauf ſeiner Reiſe noch um zwei Stunden Zeit veränderte.
Außer den Kokusnüſſen liebte der Affe Salz, Fleiſch, Mehl, Sago ꝛc. und wandte alle mögliche Liſt an, um während der Mahlzeit ſich eine gewiſſe Fleiſchmenge zu ſichern. Was er einmal gefaßt hatte, gab er nie wieder her, ſelbſt wenn er geſchlagen wurde. Drei bis vier Pfund Fleiſch vertilgte er mit Leichtigkeit auf einmal. Das Mehl holte er ſich täglich aus der Käche und wußte dabei immer eine augenblickliche Abweſenheit des Kochs zu benutzen, um die Mehltonne zu öffnen, ſeine Hand tüchtig voll zu nehmen und ſie nachher auf dem Kopfe abzuwiſchen, ſo daß er ſtets gepudert zurück kam. Dienſtags und Freitags, ſobald acht Glas geſchlagen wurde, ſtattete er den Matrofen unwandelbar ſeinen Beſuch ab, weil die Leute an dieſen Tagen Sago mit Zucker und Zimmt erhielten. Ebenſo regelmäßig ſtellte er ſich um zwei Uhr in der Kajüte ein, am Tiſch Theil zu nehmen. Beim Eſſen war er ſehr ruhig und, gegen die Gewohnheit der Affen, reinlich, doch konnte er nie dazu gebracht werden, einen Löffel richtig zu gebrauchen. Er ſetzte den Teller einfach an den Mund und trank die Suppe aus, ohne einen Tropfen zu verſchütten. Geiſtige Getränke liebte er ſehr und erhielt deshalb auch jeden Mittag ſein Glas Wein. Er leerte dieſes in ganz eigenthümlicher Weiſe. Aus ſeiner Unterlippe konnte er durch Vorſtrecken einen drei Zoll langen und faſt ebenſo breiten Löffel bilden, geräumig genug, um ein ganzes Glas Waſſer aufzunehmen. Jn dieſen Löffel ſchüttete er das be - treffende Getränk, und niemals trank er, ohne ihn zuvor herzuſtellen. Nachdem er das ihm gereichte Glas ſorgfältig berochen hatte, bildete er ſeinen Löffel, goß das Getränk hinein und ſchlürfte es ſehr bedächtig und langſam zwiſchen den Zähnen hinunter, als ob er ſich einen recht dauernden Genuß davon verſchaffen wollte. Nicht ſelten währte dieſes Schlürfen mehrere Minuten lang, und erſt dann hielt er ſein Glas von neuem hin, um es ſich wieder füllen zu laſſen. Er zerbrach niemals ein Gefäß, ſondern ſetzte es ſtets behutſam nieder und unterſchied ſich hierdurch ſehr zu ſeinem Vortheil von den übrigen Affen, welche, wie bekannt, Geſchirre gewöhnlich zerſchlagen.
Brehm, Thierleben. 334Die Affen. Gibbons. — Siamang, Ungko und Oa.Dieſer Orang-Utang ging niemals aufrecht, ſondern ſetzte immer die beiden Hände auf den Boden und ſchob dann ſeine Beine hindurch, gerade wie ein an den Füßen gelähmter Menſch ſich auf Krücken fortbewegt. Nur ein einziges Mal ſah ſein Beſitzer, daß er ſich an der Schiffwand aufrichtete und einige Schritte weit ging. Dabei hielt er ſich jedoch wie ein Kind, welches gehen lernt, immer mit beiden Händen feſt. Während der Reiſe kletterte er ſelten umher und dann immer langſam und bedächtig; gewöhnlich that er es nur dann, wenn ein anderer, kleiner Affe, ſein Liebling, wegen einer Unart beſtraft werden ſollte. Dieſer flüchtete ſich regelmäßig an die Bruſt ſeines großen Freundes und klammerte ſich dort feſt, und Bobi, ſo hieß der Orang-Utang, ſpazierte mit ſeinem kleinen Schütz - linge in das Takelwerk hinauf, bis die Gefahr verſchwunden ſchien.
Man vernahm nur zwei Stimmlaute von ihm: einen ſchwachen, pfeifenden Kehllaut, welcher Gemüthsaufregung kennzeichnete, und ein ſchreckliches Gebrüll, welches dem einer geängſteten Kuh etwa ähnelte und Furcht ausdrückte. Dieſe wurde einmal durch eine Herde von Pottfiſchen hervor - gerufen, welche nahe am Schiff vorüberſchwamm, und ein zweites Mal durch den Anblick verſchiedener Waſſerſchlangen, welche ſein Gebieter mit aus Java gebracht hatte. Der Ausdruck ſeiner Geſichts - züge blieb ſich ewig gleich.
Leider machte ein unangenehmer Zufall dem Leben des ſchönen Thieres ein Ende, noch ehe es Deutſchland erreichte. Bobi hatte von ſeiner Lagerſtätte aus den Kellner des Schiffes beobachtet, während dieſer Rumflaſchen umpackte, und hatte dabei bemerkt, daß der Mann einige Flaſchen bis auf weiteres liegen ließ. Es war zu der Zeit, als ſich der Affe ſchon um zwei Uhr Nachmittags zu Bette legte. Jn der Nacht vernahm ſein Herr ein Geräuſch in der Kajüte, als wenn Jemand mit Flaſchen klappere, und ſah beim Schimmer der auf dem Tiſche brennenden Nachtlampe wirklich eine Geſtalt an dem Weinlager beſchäftigt. Zu ſeinem Erſtaunen entdeckte er in dieſer ſeinen Orang - Utang. Bobi hatte eine bereits faſt ganz geleerte Rumflaſche vor dem Munde. Vor ihm lagen ſämmtliche leere Flaſchen behutſam in Stroh gewickelt, die endlich gefundene volle hatte er auf ge - ſchickte Weiſe entkorkt und ſeinem Verlangen nach geiſtigen Getränken völlig Genüge leiſten können. Etwa zehn Minuten nach dieſem Vorgange wurde Bobi plötzlich lebendig. Er ſprang auf Stühle und Tiſche, machte die lächerlichſten Bewegungen und geberdete ſich mit ſteigender Lebhaftigkeit, wie ein betrunkener und zuletzt wie ein wahnſinniger Menſch. Es war unmöglich, ihn zu bändigen. Sein Zuſtand hielt ungefähr eine Viertelſtunde an, dann fiel er zu Boden; es trat ihm Schaum vor den Mund, und er lag ſteif und regungslos. Nach einigen Stunden kam er wieder zu ſich, fiel aber in ein heftiges Nervenfieber, welches ſeinem jungen Leben ein Ziel ſetzen ſollte. Während ſeiner Krankheit nahm er nur Wein mit Waſſer und die ihm gereichten Arzeneien zu ſich, Nichts weiter. Nachdem ihm einmal an den Puls gefühlt worden war, ſtreckte er ſeinem Herrn jedesmal, wenn dieſer an ſein Lager trat, die Hand entgegen. Dabei hatte ſein Blick etwas ſo Rührendes und Menſchliches, daß ſeinem Pfleger öfters die Thränen in die Augen traten. Mehr und mehr nahmen ſeine Kräfte ab, und am vierzehnten Tage verſchied er nach einem heftigen Fieberanfalle.
Bei keiner Sippe der Affen zeigt ſich die Entwickelung der Vorderglieder in gleichem Grade, wie bei den Gibbons oder Langarmaffen (Hylobates). Sie tragen ihren Namen mit vollſtem Rechte; denn die über alles gewohnte Maß verlängerten Arme erreichen, wenn ſich ihr Träger aufrecht ſtellt, die Knöchel ſeiner Füße. Dieſes eine Merkmal würde genügen, um die Langarme von allen übrigen Mitgliedern ihrer Ordnung zu unterſcheiden.
Die Gibbons bilden eine kleine Gruppe der Affen; man kennt gegenwärtig erſt ſieben Arten, welche ihr zugezählt werden müſſen. Sie ſind ſämmtlich Aſiaten und gehören ausſchließlich Oſtindien und ſeinen Jnſeln an. Die Arten erreichen eine ziemlich bedeutende Größe, wenn auch keine einzige über drei Fuß hoch wird. Jhr Körper erſcheint trotz der ſtarken und gewölbten Bruſt ſehr ſchlank, weil die Weichengegend, wie bei dem Windhunde, verſchmächtigt iſt; die Hinterglieder ſind bedeutend35Aufenthalt.kürzer als die vorderen, und ihre langen Hände bei einigen Arten noch dadurch ausgezeichnet, daß Zeige - und Mittelfinger theilweiſe mit einander verwachſen ſind. Der Kopf iſt klein und eiförmig, das Geſicht menſchenähnlich; die Geſäßſchwielen ſind klein, und der Schwanz iſt äußerlich noch nicht ſichtbar. Ein reicher und oft ſeidenweicher Pelz umhüllt ihren Leib; Schwarz, Braun, Braungrau und Strohgelb ſind ſeine Hauptfarben.
Von den bis jetzt bekannten Arten der Langarmaffen ſind drei Arten am häufigſten beobachtet worden: der Siamang (Hylobates syndactylus), der Ungko (H. agilis) und der Oa (H. leneiscus). Erſterer iſt der größte und plumpſte ſeiner Sippſchaft und beſitzt einen eigenthümlichen Kehlſack, welcher beim Schreien ſich kugelig aufbläſt und die Stimme ſehr verſtärkt. Die Färbung feines Pelzes iſt tiefſchwarz, die der nackten Stellen rußſchwarz oder dunkelbraun. Seine Heimat iſt Sumatra. Der Ungko, welcher außer auf Sumatra auch auf der malayiſchen Halbinſel vor -
kommt, iſt kleiner und ſchlanker und ändert in ſeiner Färbung ſo auffallend ab, daß er von Weiß und Gelb zu Braun und Schwarz alle Schattirungen auf ſeinem Pelze zeigt. Der Oa oder Wauwau der Javaneſen endlich, iſt meiſt grau oder bräunlichgrau, am Vorderkopfe und der Bruſt braun - ſchwarz, am Kinn und Wangen aber, ſowie über den Augen weißlich. Er lebt auf allen größeren indiſchen Jnſeln und auf dem Feſtlande. Dieſe wenigen Worte genügen vollkommen, um die aus - gezeichnetſten Thiere unſerer Gruppe äußerlich zu beſchreiben.
Die Gibbons bewohnen die Wälder Jndiens von der Meeresküſte an bis zu 4000 Fuß über dem Meer hinauf. Jene merkwürdigen Dickichte der baumartigen Gräſer, welche uns unter dem ver - ſtümmelten Namen „ Dſchungeln ‟ bekannt ſind, ſollen von einigen Arten jedem andern Aufenthalte vorgezogen werden, während die übrigen hochſtämmigere Waldungen lieben. Nur auf den Bäumen3*36Die Affen. Gibbons. — Siamang. Ungko und Oa. ſind ſie heimiſch, und hier bewegen ſie ſich mit wunderbarer Gewandtheit im dichteſten Dickicht, wie in der luftigſten Höhe.
Jhre ganze Ausrüſtung weiſt ſie zum Klettern an. Sie beſitzen jede Begabung, welche zu einer raſchen, anhaltenden und gewandten Kletter - oder Sprungbewegung erforderlich iſt. Die volle Bruſt giebt großen Lungen Raum, welche nicht ermüden, nicht ihren Dienſt verſagen, wenn das Blut durch die raſche Bewegung in Wallung geräth; die ſtarken Hinterglieder verleihen die nöthige Schnellkraft zu weiten Sprüngen, die langen Vorderglieder unerläßliche Sicherheit zum Ergreifen eines Aſtes, welcher zu neuem Stützpunkte werden ſoll, mit kürzeren Armen aber eher verfehlt werden könnte. Wie
lang dieſe Arme im Verhältniß ſind, wird am deutlichſten klar, wenn man vergleicht. Ein Menſch klaftert, wie bekannt, ebenſo weit, als er lang iſt: der Gibbon aber klaftert faſt das Doppelte ſeiner Leibeslänge; ein aufrechtſtehender Mann berührt mit ſeinem ſchlaff herabhängenden Arme kaum ſein Knie, der Gibbon hingegen ſeinen Knöchel. Daß ſolche Arme als Gehwerkzeuge faſt unbrauchbar ſind, iſt erklärlich: ſie eignen ſich blos zum Klettern. Deshalb iſt der Gang der Langarmaſſen ein trauriges Schwanken auf den Hinterfüßen, ein ſchwerfälliges Dahinſchieben des Leibes, welcher nur durch die ausgeſtreckten Arme im Gleichgewichte erhalten werden kann, das Klettern und Zweigtanzen37Beweglichkeit.der Thiere aber ein luſtiges, köſtliches Bewegen, ſcheinbar ohne Grenze, ohne Bewußtſein des Geſetzes der Schwere. Die Gibbons ſind auf der Erde langſam, tölpiſch, ungeſchickt — kurz fremd, im Gezweige jedoch das gerade Gegentheil von allem Dem, ja, wahre Vögel in Affengeſtalt. Wenn der Gorilla der Herkules unter den Affen iſt, ſind ſie der leichte Merkur: — trägt doch einer von ihnen, Hylobates Lar, ſeinen Namen zur Erinnerung an eine Geliebte des Letztern, an die ſchöne, aber ſchwatzhafte Najade Lara, welche durch ihre Zunge Jovis Zorn, durch ihre Schönheit aber zu ihrem Glück noch Merkurs Liebe erweckte und hierdurch dem Hades entrann.
Alle Berichterſtatter ſind einſtimmig in ihrer Bewunderung über die Kletterkünſte der Langarm - affen. Dieſe ſind unſtreitig die beſten Seiltänzer unter der Sonne; ihnen gebührt unter allen Affen, hinſichtlich ihrer Gewandtheit, die Krone.
Mit unglaublicher Raſchheit und Sicherheit erklettert der Gibbon einen Bambusrohrſtengel, einen Baumwipfel oder einen Zweig, ſchwingt ſich auf ihm einige Male auf und nieder oder hin und her und ſchnellt ſich dann, durch den zurückprallenden Aſt unterſtützt, mit ſolcher Leichtigkeit über Zwiſchenräume von vierzig Fuß hinüber, drei -, viermal nach einander, daß es ausſieht, als flöge er wie ein Pfeil oder ein ſchief abwärts ſtoßender Vogel. Man vermeint, es dem Thiere anzuſehen, daß38Die Affen. Gibbons — Siamang, Ungko und Oa. das Bewußtſein ſeiner unerreichbaren Fertigkeit ihm großes Vergnügen gewährt. Der Gibbon ſpringt ohne Noth über Zwiſchenräume, welche er durch kleine Umwege leicht vermeiden könnte; er ändert im Sprunge die Richtung und hängt ſich an den erſten, beſten Zweig, ſchaukelt und wiegt ſich an ihm, erſteigt ihn raſch, federt ihn auf und nieder und wirft ſich wieder hinaus in die Luft, mit unfehlbarer Sicherheit einem neuen Ziele zuſtrebend. Es ſcheint, als ob er Zauberkräfte beſäße und ohne Flügel gleichwohl fliegen könnte: er lebt mehr in der Luft, als in dem Gezweig. Was bedarf ſolch begabtes Weſen noch der Erde?! Sie bleibt ihm fremd, wie er ihr; ſie bietet ihm höchſtens die Labung des Trunkes, ſonſt ſtößt ſie ihn zurück in ſein luſtiges Reich. Hier findet er ſeine Heimat; hier genießt er Ruhe, Frieden, Sicherheit; hier wird es ihm möglich, jedem Feinde zu trotzen oder zu entrinnen; hier darf er erleben, erglühen in der Luſt ſeiner Bewegung.
Dieſe Luſt zeigte ſich recht deutlich an einem weiblichen Ungko, den man lebend nach London brachte. Man wollte an ihm die Bewegungsfähigkeit ſeiner Sippſchaft prüfen und richtete ihm des - halb einen großen Raum beſonders her. Hier und da, in verſchiedenen Entfernungen, ſetzte man Bäume ein für das Kind der Höhe, um ſeinen wundervollen Bewegungen Spielraum zu gewähren. Die größte Weite von einem Aſt zum andern betrug nur achtzehn Fuß, — wenig für einen Affen, welcher in der Freiheit das Doppelte überſpringen kann, viel, ſehr viel für ein Thier, welches ſeiner Freiheit beraubt, in ein ihm fremdes und feindſeliges Klima gebracht und ſeiner urſprünglichen Nah - rung entwöhnt worden war, welches eben erſt eine ſo lange, entkräftende Seereife überſtanden hatte. Doch trotz all dieſer mißlichen Umſtände gab der Gibbon derartige Beweiſe ſeiner Bewegungsfähig - keit zum beſten, daß, wie mein Gewährsmann ſagt, „ alle Zuſchauer vor Erſtaunen und Bewunderung gerade zu außer ſich waren. ‟
Es war ihm eine Kleinigkeit, ſich von einem Aſte auf den andern zu ſchwingen, ohne die ge - ringſte Vorbereitung dazu bemerklich werden zu laſſen, und er erreichte ſein erſtrebtes Ziel mit un - wandelbarer Sicherheit. Er konnte ſeine Luftſprünge lange Zeit ununterbrochen fortſetzen, ohne dazu einen neuen ſichtlichen Anſatz zu nehmen; den zum Sprunge nöthigen Abſtoß gab er ſich während der augenblicklichen Berührung der Aeſte, welche er ſich zum Auffußen erwählt hatte. Ebenſo ſicher, wie ſeine Bewegungen, waren bei ihm Auge und Hand. Die Zuſchauer beluſtigten ſich, ihm während ſeiner Sprünge Früchte zuzuwerfen: er fing ſie auf, während er die Luft durchſchnitt, ohne es der Mühe werth zu achten, deshalb ſeinen Flug zu unterbrechen. Er hatte ſich ſtets und vollkommen in ſeiner Gewalt. Mitten im ſchnellſten Sprunge konnte er die begonnene Richtung ändern; während des kräftigſten Dahinſchießens erfaßte er einen Zweig mit einer ſeiner Vorderhände, zog mit einem Rucke die Hinterfüße zu gleicher Höhe empor, packte mit ihnen den Aſt und ſaß nun einen Augenblick ſpäter ſo ruhig da, als wäre er nie in Bewegung geweſen.
Es läßt ſich denken, daß der Gibbon in der Freiheit noch ganz andere Proben ſeiner Beweglich - keit bieten kann, und die Erzählungen der Beobachter dürfen deshalb wohl auch allen Glauben ver - dienen, obgleich ſie uns übertrieben zu ſein ſcheinen. Die Berichterſtatter vergleichen die Bewegungen der freilebenden Langarmaffen mit dem Fluge der Schwalben! Damit iſt wohl Alles geſagt.
Die Beobachtung der Thiere im wilden Zuſtande iſt übrigens ſehr ſchwierig; denn ſie ſollen außerordentlich furchtſam und ſcheu ſein, bei der geringſten Störung augenblicklich die Flucht ergreifen und dann in wenig Minuten dem Auge entſchwinden. Nur ein gutes Fernrohr — das unerſetz - liche Werkzeug zur Beobachtung des Freilebens aller ſcheueren Thiere — geſtattet dem vorſichtigen Forſcher, Einiges von ihrem gewöhnlichen Treiben zu erſpähen. Durch dieſes beobachtete Duvau - cel auch das geſellige Leben der Gibbons, namentlich das Verhältniß zwiſchen Mutter und Kind. Er erzählt von der außerordentlichen Liebe der erſtern zu ihrem Sprößlinge und verſichert unter Anderm, daß ſie dieſem noch eine andere Art der Reinigung zu Theil werden laſſe, als man ſonſt bei den Affen kennen gelernt hat. „ Ein wunderliches und anziehendes Schauſpiel, ‟ ſagt er, „ habe ich, ob - ſchon mit einiger Vorſicht, oft beobachtet. Die Mütter bringen nämlich ihre Kinder von Zeit zu Zeit an das Waſſer und waſchen ihnen hier, ohne ſich durch ihr abwehrendes Geſchrei ſtören zu laſſen,39Lebensweiſe. Stimme. Geiſtiges Weſen.das Geſicht ſo rein, daß manche Menſchenkinder die jungen Affen um dieſen Genuß ſo großer Sorg - falt beneiden könnten. ‟ Die Mutterliebe der Langarmaffen zeigt ſich übrigens unter allen Umſtän - den. Duvaucel beobachtete, daß bei Gefahr jedes Mitglied einer Gibbon bande nur für ſeine eigene Sicherheit bedacht iſt und ſich nicht im Geringſten um das Schickſal ſeines Mitbruders küm - mert: allein niemals verläßt eine Mutter ihr Kind. Geräth dieſes in Gefahr oder wird es gar ver - wundet, ſo bleibt die Mutter, welche es bis dahin trug oder wenigſtens begleitete, treu in ſeiner Nähe, ſchreit fürchterlich, breitet jammernd ihre langen Arme aus und öffnet das Maul, als wolle ſie damit ihrem Gegner drohen. Zu einem wirklichen Augriffe iſt ſie viel zu ſchwach, ja, auf der Erde ſogar zum Ausweichen zu ungeſchickt: ſie iſt nicht im Stande, einen Schlag auszutheilen, und unfähig, einem auszuweichen. Man kann alle Gibbons leicht fangen, wenn man ſie auf dem Boden überraſcht; ſie verſuchen zwar, zu entfliehen, aber ihre Unbehilflichkeit wird dann erſt recht ſichtbar. Der für ihre Hinterglieder viel zu hohe und ſchwere Leib neigt ſich nach vorn, ſobald ſie ſich gehend in Be - wegung ſetzen, und ihre Vorderglieder dienen ihnen gleichſam nur als Stelzen: ſie hüpfen auf ihnen dahin, wie ein hinkender Menſch, welcher aus Angſt ſein Möglichſtes thut. Wenn man ihnen nur nahe auf den Leib rückt, ſcheint ſie das Gefühl ihrer Schwäche gänzlich zu entmannen; denn ſie laſſen ſich erfaſſen und leiſten dann keinen nennenswerthen Widerſtand. Daher verdient es auch wohl Glaub - würdigkeit, wenn die Malayen erzählen, daß der herbeiſchleichende, furchtbare Tiger die Gibbons mit ſeinem glühenden Auge förmlich bezaubern und feſtbannen könne, ohne daß ſie auch nur einen Verſuch machten, ihm oder ihrem Verderben zu entrinnen. — Dies iſt ſo ziemlich Alles, was man von dieſen Affen, ſo lange ſie ihre Freiheit beſaßen, geſehen hat. Man ſieht ſie freilich nicht oft; denn ihr feines Gehör ſoll ihnen regelmäßig die Annäherung eines Menſchen verrathen und ſie zur ſchleunigen Flucht veranlaſſen, welche ſie dann immer bald der Beobachtung entzieht.
Um ſo öfter hört man ſie. Bei Sonnenauf - und Untergang pflegen ſie ihre lautſchallenden Stimmen zu einem ſo furchtbaren Geſchrei zu vereinigen, daß man taub werden möchte, wenn man nah iſt, und wahrhaft erſchrickt, wenn man die ſonderbare Muſik nicht gewohnt iſt. Sie ſind die Brüll - affen der alten Welt, die Wecker der malayiſchen Bergbewohner und zugleich der Aerger der Städter, denen ſie den Aufenthalt auf ihren Landhäufern verbittern. Man ſoll ihr Geſchrei auf eine engliſche Meile weit hören können. Von gefangenen Langarmen hat man es auch oft vernommen und zwar von denen, | welche Kehlſäcke beſitzen, ebenſo gut, wie von denen, welchen dieſe Stimmverſtärkungs - trommeln fehlen. Ein guter Beobachter, Bennett, beſaß einen lebenden Siamang und bemerkte, daß dieſer, wenn er irgendwie erregt war, jedesmal die Lippen trichterförmig vorſtreckte, dann Luft in die Kehlſäcke blies und nun lospolterte, faſt wie ein Truthahn. Er ſchrie ebenſowohl bei freudiger als bei zorniger Aufregung. Auch das Ungko weibchen in London ſchrie zuweilen laut und zwar in höchſt eigenthümlicher, tonverſtändiger Weiſe. Man konnte das Geſchrei ſehr gut in Noten wiedergeben. Es begann mit dem Grundton E und ſtieg dann in halben Tönen eine volle Oktave hinauf, die chro - matiſche Tonleiter durchlaufend. Der Grundton blieb immer hörbar und diente als Vorſchlag für jede folgende Note. Jm Aufſteigen der Tonleiter folgten ſich die einzelnen Töne immer langſamer, im Ab - ſteigen aber ſchneller und zuletzt außerordentlich raſch. Den Schluß bildete jedesmal ein gellender Schrei, welcher mit aller Kraft ausgeſtoßen wurde. Die Regelmäßigkeit, Schnelligkeit und Sicherheit, mit welcher das Thier die Tonleiter herſchrie, erregte allgemeine Bewunderung. Es ſchien, als ob die Aeffin ſelbſt davon im höchſten Grade aufgeregt werde; denn jede Muskel ſpannte ſich an und der ganze Körper gerieth in zitternde Bewegung.
Schon das Geſchrei des einen Affen war für das Zimmer zu gellend; es gab aber auch einen Maßſtab für die vereinigten Tonaufführungen großer Banden im freien Walde. Der gefangene Gibbon ſchrie übrigens nur am Morgen.
Ueber die geiſtigen Fähigkeiten der Langarmaffen ſind die Meinungen der Beobachter getheilt. Duvaucel nennt den Siamang langſam, dumm, tölpiſch, faul, ungeſchickt, furchtſam und langwei - lig, gleichgiltig gegen ſeinen Pfleger und vollkommen unempfänglich für Gefühle des Wohlwollens,40Die Affen. Schlankaffen. — Hulman. wie für ſolche der Rache: Bennett ſcheint ihm, nach anderweitigen Urtheilen zu folgern, mehr Gerech - tigkeit widerfahren zu laſſen. Er brachte einen Siamang mit ſich faſt bis nach Europa herüber, und dieſer gewann ſich in ſehr kurzer Zeit die Zuneigung aller ſeiner menſchlichen Reiſegefährten. Er war ſehr freundlich gegen die Matroſen und wurde bald zahm, war auch keineswegs langſam, ſondern zeigte große Beweglichkeit und Gewandtheit, ſtieg gern im Takelwerk herum und gefiel ſich in allerlei harmloſen Scherzen. Mit einem kleinen Papuan-Mädchen ſchloß er zärtliche Freundſchaft und ſaß oft, die Arme um ihren Nacken geſchlungen, neben ihr, Schiffsbrod mit ihr kauend. Wie es ſchien, hätte er mit den übrigen Affen, welche ſich am Bord befanden, auch gern Kameradſchaft gehal - ten: doch dieſe zogen ſich ſcheu vor ihm zurück und bewieſen ſich ihm gegenüber als ſehr ungeſellig, — dafür rächte er ſich aber. Wenn er nur immer konnte, fing er einen ſeiner mitgefangenen Affen und trieb mit deſſen Schwanze wahren Unfug. Er zog den armen Geſellen an dem ihm ſelbſt fehlenden Anhängſel oft auf dem ganzen Schiffe hin und her oder trug ihn nach einer Raa empor und ließ ihn von dort herunter fallen, kurz, er machte mit ihm, was er wollte, ohne daß das ſo gepeinigte Thier jemals im Stande geweſen wäre, ſich von ihm zu befreien. Er war ſehr neugierig, beſah ſich Alles und ſtieg auch oft an dem Maſte in die Höhe, um ſich umzuſehen. Ein vorüberziehendes Schiff feſſelte ihn immer ſolange auf ſeinem erhabenen Sitze, bis es aus dem Geſichtskreiſe entſchwunden war. Seine Gefühle wechſelten ſehr raſch. Er konnte leicht erzürnt werden und geberdete ſich dann, wie ein unartiges Kind, wälzte ſich, mit Verrenkung aller Glieder und Verzerrung des Geſichts auf dem Ver - deck herum, ſtieß Alles von ſich, was ihm in den Weg kam und ſchrie ohne Unterlaß „ Ra! Ra! Ra! ‟ — denn mit dieſen Lauten drückte er ſtets ſeinen Aerger aus. Er war lächerlich empfindlich und fühlte ſich durch die geringſte Handlung gegen ſeinen Willen ſogleich im Tiefinnerſten verletzt: ſeine Bruſt hob ſich, ſein Geſicht nahm einen ernſten Ausdruck an, und jene Laute folgten bei großer Erregung raſch auf einander, wie es ſchien, um den Beleidiger einzuſchüchtern. Zum lebhaften Bedauern der Mannſchaft ſtarb dieſer Affe, noch ehe er England erreichte.
Auch das vorhin erwähnte Weibchen des Ungko war ſehr liebenswürdig in ſeinem Betragen und höchſt freundſchaftlich gegen Alle, denen es ſeine Zuneigung einmal geſchenkt hatte. Es unterſchied mit richtigem Gefühl zwiſchen Frauen und Männern. Zu Erſteren kam es freiwillig herab, reichte die Hand und ließ ſich ſtreicheln; gegen Letztere bewies es ſich mißtrauiſch, wohl in Folge früherer Mißhandelungen, welche es von einzelnen Männern erlitten haben mochte. Vorher beobachtete es aber Jedermann prüfend, oft längere Zeit, und faßte dann auch zu Männern Vertrauen, wenn dieſe ihm deſſen würdig zu ſein ſchienen.
Man ſieht übrigens die Gibbons ſelten in der Gefangenſchaft, auch in ihrem Vaterlande. Sie können den Verluſt ihrer Freiheit nicht ertragen; ſie ſehnen ſich immer zurück nach ihren Wäldern, nach ihren Spielen und werden immer ſtiller und trauriger, bis ſie endlich erliegen.
Wie genau ſich das eigenthümliche Gepräge eines Erdtheils oder Laudes in ſeiner Thierwelt wiederſpiegelt, können wir, unter tauſend anderen Fällen, auch bei Betrachtung dieſer und der folgen - den Affengruppe bemerken. Die Schlankaffen (Semnopithecus) und die Stummelaffen (Colobus) ähneln ſich außerordentlich und unterſcheiden ſich gleichwohl wieder weſentlich, gleichſam als müßten ſie beweiſen, daß die Heimat der Einen Aſien, die der Andern Afrika iſt. Hier wie dort ſpricht ſich der gleiche Grundgedanke der Ausbildung des Thieres aus; aber dennoch behauptet jeder Erdtheil ſein eigenthümliches Gepräge. Eine nachherige Vergleichung beider Sippen mag dieſe Wahrheit ver - ſtändlich machen; jetzt liegt es uns zunächſt ob, die Einen kennen zu lernen.
Die Schlaukaffen ſind, wie ihr Name andeutet, ſchlanke und leichtgebaute Affen mit langen, feinen Gliedmaßen und ſehr langem Schwanze, kleinem, hohen Kopfe, nacktem Geſicht und ganz ver - kürzter Schnauze ohne Backentaſchen. Jhre Geſäßſchwielen ſind noch ſehr klein. Jhr Zahnban ähnelt dem der Makaken und Paviane (welche wir ſpäter kennen lernen werden), weil ſich am hinterſten41Beſchreibung.untern Backenzahne noch ein beſonderer Höcker findet; ihr Knochenbau erinnert, wegen ſeiner ſchlanken Formen, an das Geripp der Gibbons. Die Hände haben lange Finger; aber der Daumen der Vorderhände iſt bereits verkürzt oder verkümmert und zum Greifen unbrauchbar geworden. Die Behaarung iſt wundervoll fein; ihre Färbung iſt ſtets anſprechend, bei einer Art höchſt eigenthüm - lich; die Haare verlängern ſich am Kopfe oft bedeutend. Höchſt merkwürdig iſt der Bau des Magens, weil er wegen ſeiner mehrfachen Einſchnürung und hierdurch entſtandenen Abtheilung entfernt an den Magen der Wiederkäuer und näher an den der Kängurus erinnert. Ein Kehlſack von verſchiedener Größe iſt bei ſämmtlichen Arten vorhanden.
Alle Schlankaffen ſind Bewohner Südaſiens und zwar ebenſowohl des Feſtlandes, wie der
Jnſeln. Es ſind echte Baumaffen und geſellige Thiere. Sie finden ſich vom Meere an bis zu zehn und elftauſend Fuß über dem Meere. Jhre geiſtigen Eigenſchaften ähneln denen der Gibbons oder Meerkatzen; bei Beſchreibung der ausgezeichnetſten Arten werden wir ſie kennen lernen.
Unter dieſen Ausgezeichneten der Gruppe verdient zunächſt berückſichtigt zu werden der Hul - man oder Huneman, wie die Hindus ihn nennen, der Mandi der Malabaren oder der Mabur der Mahratten — der heilige Affe der Jnder, weil er von Letzteren abgöttiſch verehrt wird. Sein wiſſenſchaftlicher Name iſt Semnopithecus entellus. Dieſes Thier iſt der gemeinſte und in den meiſten Gegenden Jndiens vorkommende Affe und verbreitet ſich immer mehr, weil er faſt überall geſchützt wird. Er iſt etwa zwei und einen halben Fuß lang und mit einem drei Fuß langen, gequaſteten42Die Affen. Schlankaffen. — Hulman. Schwanze verſehen; die Farbe ſeines Pelzes iſt gelblichweiß, die der nackten Theile aber dunkelviolett. Das Geſicht, die vier Hände, ſo weit ſie behaart ſind, und ein ſteifer Haarkamm, welcher über die Augen verläuft, ſind ſchwarz; der kurze Bart dagegen iſt gelblich.
Der Hulman nimmt einen der erſten Plätze unter den dreißig Millionen Gottheiten der Hindu ein und erfreut ſich dieſer Ehre ſchon ſeit undenklichen Zeiten. Der Rieſe Ravan, ſo berichtet die alte indiſche Sage, raubte Sita, die Gemahlin des Schri-Rama, und brachte ſie nach ſeiner Woh - nung auf der Jnſel Ceylon. Der Affe aber befreite die Dame aus ihrer Gefangenſchaft und führte ſie zu ihrem Gemahle zurück. Seitdem gilt er als Held. Viel wird berichtet von der Stärke ſeines Geiſtes und von ſeiner Schnelligkeit. Eine der geſchätzteſten Früchte, die Mango, verdankt man ihm ebenfalls; er ſtahl ſie aus dem Garten des Rieſen. Zur Strafe für ſeinen Diebſtahl wurde er zum Feuertode verurtheilt, — von wem, wird nicht geſagt —; er löſchte aber das Feuer aus und ver - brannte ſich dabei Geſicht und Hände, welche ſeitdem ſchwarz blieben. Dies ſind die Gründe, welche die Brahmanen beſtimmten, ihn zu vergöttern.
Schon ſeit vielen, vielen Jahren kennt man dieſen Affen in ſeinem Vaterlande: allein gerade des - halb ſind wir am ſpäteſten mit ihm bekannt geworden. Jedermann glaubte nämlich, daß ein ſo gemeines Thier auch oft nach Europa gebracht worden ſein müſſe, und verſchmähte es daher, unſern Hulman auszuſtopfen und den Balg nach Europa zu ſenden. Hierzu kommt noch, daß es ſeine Schwierigkeiten oder vielmehr ſeine Gefahren hat, das heilige Thier zu tödten; denn blos die Mahratten erweiſen ihm keine Achtung, während faſt alle übrigen Jndier ihn hegen und pflegen, ſchützen und vertheidigen, wo ſie nur können. Ein Europäer, welcher es wagt, das unverletzliche Thier anzugreifen, ſetzt ſein Leben aufs Spiel, wenn er der einzige Weiße unter der leichterregbaren Menge iſt. Der Affe gilt eben als Gott. Eine regierende Familie behauptet, von ihm abzuſtammen, und ihre Mitglieder führen den Titel „ geſchwänzte Rana ‟, weil ſie vorgeben, daß ihr Ahnherr mit dem uns unnöthig erſcheinen - den Anhängſel begabt geweſen ſei. Ein portugieſiſcher Vicekönig von Jndien, Conſtantino de Braganza, erbeutete einen Affenzahn aus dem Schatze eines Fürſten von Ceylon und erhielt bald darauf eine beſondere Geſandtſchaft des Königs von Pegu, welche ihm 300,000 Cruzaden anbieten ließ, wenn er ihr das koſtbare Kleinod überlaſſen wolle. Solch eine hohe Summe iſt wohl niemals für einen Zahn geboten worden; um ſo mehr aber iſt es zu verwundern, daß jenes Gebot von den Europäern nicht angenommen wurde. Der Vicekönig verſammelte ſeine Räthe, und die weltlichen ſuchten ihn natürlich zu überreden, dieſe bedeutende Summe anzunehmen; ein Geiſtlicher aber war dagegen und zwar aus dem Grunde, weil er behauptete, daß man durch ſolchen Handel dem heid - niſchen Zauber - und andern Aberglauben nur Vorſchub leiſten würde, und da nun, wie bekannt, die Pfaffen ſchon ſeit undenklichen Zeiten ſelbſt das Verrückteſte durchzuſetzen wußten, gelang es dem blinden Eiferer auch diesmal, ſeiner albernen Einwendung Gehör zu verſchaffen. Jm Grunde könnte uns Dies zwar gleichgültig ſein, wäre nicht dadurch ein Ueberbleibſel zerſtört worden, welches für die Geſchichte der indiſchen Götterlehre und auch für die Naturwiſſenſchaft von Wichtigkeit ge - weſen ſein würde. Man hätte nach dieſem einzigen Zahne recht gut beſtimmen können, welcher Affe der Träger des koſtbaren Kleinods geweſen ſei — doch für den echten Pfaffen hat es ja niemals Wiſſenſchaft und am allerwenigſten Naturwiſſenſchaft gegeben!
Heut zu Tage noch iſt die Achtung gegen das heilige Thier dieſelbe, wie früher. Die Jndier laſſen ſich von dem unverſchämten Geſellen ruhig ihre Gärten plündern und ihre Häuſer ausſtehlen, ohne irgend Etwas gegen ihn zu thun, und betrachten Jeden mit ſchelen Augen, der es wagt, den Gott zu beleidigen. Tavernier erzählt, daß ein junger Holländer, welcher erſt kurz vorher aus Europa gekommen war, vom Fenſter aus einen jener Affen erlegte; darüber entſtand aber ein ſo großer Lärm unter den Eingeborenen, daß ſie kaum beſchwichtigt werden konnten. Sie kündigten dem Holländer ſogleich ihre Dienſte auf, weil ſie der feſten Meinung waren, daß der Fremdling und ſie wohl mit ihm zu Grunde gehen müßten. Duvaucel berichtet, daß es im Anfang ihm unmöglich war, einen dieſer Affen zu tödten, weil die Einwohner ihn ſtets daran hinderten. So oft ſie den43Sagen. Vergötterung. Lebensweiſe.Naturforſcher mit ſeinem Gewehre ſahen, jagten ſie immer die Affen weg, und ein frommer Brahmane ließ es ſich nicht verdrießen, einen ganzen Monat lang im Garten des Europäers Wacht zu halten, um die lieben Thiere augenblicklich zu verſcheuchen, wenn der Fremde Miene machte, auf ſie zu jagen. Forbes verſichert, daß in Dhuboy ebenſoviel Affen als Menſchen anzutreffen ſind. Die Affen be - wohnen das oberſte Stockwerk der Häuſer und werden dem Fremden unerträglich. Wenn ein Ein - wohner der Stadt an ſeinem Nachbar ſich rächen will, ſtreut er eine Menge Reis und andere Körner auf das Dach des Feindes, und zwar kurz vor Anfang der Regenzeit, vor welcher jeder Haus - beſitzer die Bedachung in Ordnung bringen laſſen muß. Wenn nun die Affen das ausgeſtreute Futter wahrnehmen, freſſen ſie nicht nur das erreichbare, ſondern reißen auch die Ziegel ab, um zu den - jenigen Körnern zu gelangen, welche in die Spalten gefallen ſind. Um dieſe Zeit iſt aber wegen über - großer Beſchäftigung kein Dachdecker zu erhalten, und ſo kommt es, daß das Jnnere des Hauſes dann den Regengüſſen offen ſteht und dadurch verdorben wird.
Man trägt übrigens nicht nur für die geſunden, ſondern auch für die kranken Affen Sorge. Tavernier fand am Amadabad ein Krankenhaus, worin Affen, Ochſen und Kühe u. ſ. w. ver - pflegt wurden. Alle Söller werden zeitweilig für die Affen mit Reis, Hirſe, Datteln, Früchten und Zuckerrohr beſtreut. Die Affen ſind ſo dreiſt, daß ſie nicht nur die Gärten plündern, ſondern um die Eſſenszeit auch in das Jnnere der Häuſer dringen und den Leuten die Speiſe aus der Hand nehmen. Der Miſſionär John verſichert, daß er blos durch angeſtrengte Wachſamkeit ſeine Kleider und andere Sachen vor den Dieben habe ſchützen können. Einmal rief ein Fakir vor dem Zelte Hügels die Affen zuſammen, gab ihnen aber Nichts zu freſſen. Da fielen drei der älteſten ihn ſo boshaft an, daß er ſie kaum mit dem Stocke abwehren konnte. Die Bevölkerung ſtand jedoch nicht auf ſeiner, ſondern auf der Affen Seite und ſchimpfte ihn tüchtig aus, weil er die heiligen Thiere erſt getäuſcht habe und noch prügele. Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß die Heilighaltung der Affen mit dem Glauben an die Seelenwanderung zuſammenhängt. Die Jndier meinen nämlich, daß ihre und ihres Königs Seelen nach dem Tode den Leib ſolcher Affen ſich zur Wohnung wählen.
Abgeſehen von ihrer Unverſchämtheit ſind dieſe Affen ſchöne und anziehende Geſchöpfe. John ſagt ausdrücklich, daß er niemals ſchönere Affen geſehen habe, als die Hulmans. Jhr freundſchaft - licher Umgang unter einander und ihre ungeheueren Sprünge feſſeln jeden Beobachter. Mit ganz unglaublicher Behendigkeit ſteigen ſie von der Erde auf die Gipfel der Bäume, und von da ſtürzen ſie ſich wieder auf die Erde herab, brechen, wie zum Scherz, große Zweige herunter, ſpringen auf Gipfel weit entfernter Bäume und ſind in weniger als einer Minute von einem Ende des Gartens bis zum andern gekommen, ohne die Erde zu berühren. Sie ſind oft in wenig Minuten in un - glaublicher Menge verſammelt, plötzlich verſchwunden und ein paar Minuten ſpäter alle wieder da. Jn der Jugend haben ſie einen ziemlich runden Kopf und ſind ſehr klug; ſie wiſſen wohl zu unter - ſcheiden, was ihnen ſchädlich oder nützlich iſt, laſſen ſich auch ſehr leicht zähmen, zeigen aber einen un - widerſtehlichen Trieb zum Stehlen. Mit zunehmendem Alter verändern ſich die geiſtigen Eigenſchaften, wie ſich ihr Kopf verändert. Dieſer wird platter; der Affe wird alſo thieriſcher, und damit tritt Stumpfheit an die Stelle der Klugheit, der Hang zur Einſamkeit verſcheucht die Zutraulichkeit, plumpe Kraft verdrängt die Geſchicklichkeit, ſo daß die alten Affen mit den jungen kaum noch Etwas gemein haben. Es ſcheint, daß die Hulmans zuweilen größere Wanderungen unternehmen. Jn Nieder - Bengalen z. B. erſcheinen ſie beim Anfang der Regenzeit und wandern um das Ende derſelben wieder in höhergelegene Gegenden. Sobald ſie an den heiligen Orten eingetroffen ſind, beginnt für die frommen Brahmanen eine Zeit der größten Sorge und Geſchäftigkeit; ſie haben nun die Thiere zu pflegen und zu beſchützen. Der eigenthümlichſte Baum Jndiens, die prachtvolle heilige Feige, ſoll der Lieblingsaufenthalt der Hulmans ſein. Man erzählt, daß unter demſelben Baume auch giftige Schlangen wohnen, mit welchen die Affen in beſtändiger Feindſchaft leben. Hieran iſt wohl nicht zu zweifeln, um ſo mehr aber an einem jener unſchuldigen Märchen, welches von unſeren Stubengelehrten friſchweg für baare Münze genommen wird. Die Hulmans ſollen nämlich, wenn ſie eine ſchlafende44Die Affen. Schlankaffen. — Budeng. Schlange finden, dieſelbe hinten am Kopfe greifen, dann mit ihr auf den Boden herabſteigen und den Kopf des Lurches ſo lange an Steine ſchlagen, bis ſie ihn zermalmt haben, und dann, erfreut über die gelungene That, das ſich windende und zuckende Thier ihren Jungen vorwerfen! Alle Affen haben gegen die Schlangen einen unüberwindlichen Abſcheu und fürchten ſich vor keinem Thiere in gleich hohem Grade, als eben vor ihnen: es iſt deshalb gewiß nicht anzunehmen, daß nur eine Art eine derartige Ausnahme machen ſollte.
Auch der Hulman zeigt große Anhänglichkeit an ſeine Jungen. Duvaucel erzählt, daß er ein Weibchen dieſes Affen erlegt habe, aber dann Zeuge eines wirklich rühren - den Zugs geworden ſei. Das arme Thier, welches ein Junges mit ſich trug, wurde in der Nähe des Herzens verwundet. Es raffte alle ſeine Kräfte zuſammen, nahm ſein Junges, hängte es an einen Aſt und fiel dann todt her - unter. „ Dieſer Zug, ‟ ſetzt unſer Ge - währsmann hinzu, „ hat mehr Eindruck auf mich gemacht, als alle Reden der Brahmanen, und diesmal iſt das Ver - gnügen, ein ſo ſchönes Thier erlegt zu haben, nicht Meiſter geworden über die Empfindung der Reue, ein Weſen getödtet zu haben, welches noch im Tode das achtungswürdigſte Gefühl bethätigte. ‟
Unſere Gruppe hat noch andere merk - würdige Mitglieder. Ein ſehr ſchöner Affe iſt der Budeng der Javaneſen (Semnopithecus oder Presbytismaurus). Er iſt im Alter glänzend ſchwarz, im Geſicht und an den Händen wie Sammt, auf dem Rücken wie Seide. Der Unter - leib, welcher ſpärlicher behaart iſt, als der Oberleib, zeigt einen bräunlichen Anflug. Der Kopf wird von einer eigenthümlichen Haarmütze bedeckt, welche über die Stirn hereinfällt und zu beiden Seiten der Wangen vortritt. Neuge - borene Junge ſehen goldgelb aus, und nur die Haarſpitzen des Unterrückens,
der Oberſeite des Schwanzes und der Schwanzquaſte ſind dunkler. Bald aber verbreitet ſich das Schwarz weiter, und nach wenigen Monaten ſind die Hände, die Oberſeite des Kopfes und die Schwanzquaſte ſchwarz, und von nun an geht das Kleid mehr und mehr in das des alten Thieres über. Die Geſammtlänge dieſes ſchönen Affen beträgt 4½ Fuß, wovon mehr als die Hälfte auf den Schwanz kommen.
„ Der Budeng, ‟ ſagt Horsfield, „ lebt in großer Menge in den ausgedehnten Wäldern Javas. Man findet ihn in zahlreichen Geſellſchaften auf den Wipfeln der Bäume, nicht ſelten in Trupps von45Aufenthalt. Lebensweiſe.mehr als 50 Stück zuſammen. Es iſt wohl gethan, ſolche Scharen aus einiger Ferne zu beobachten. Sie erheben bei Ankunft des Menſchen ein lautes Geſchrei und ſpringen unter entſetzlichem Lärm ſo wüthend in den Zweigen umher, daß ſie oft ſtarke Aeſte von den abſterbenden Bäumen brechen und ſomit herab auf ihre Verfolger ſchleudern. ‟
„ Der Budeng iſt weniger ein Liebling der Eingeborenen, als der Lutung, ein jenem nah ver - wandter, aber rother Affe, vielleicht blos eine Abart. Wenn die Javaneſen dieſen einfangen, geben ſie ſich die größte Mühe, ihn zu zähmen und behandeln ihn mit vieler Liebe und Aufmerkſamkeit. Der Budeng dagegen wird vernachläſſigt und verachtet. Er verlangt viel Geduld in jeder Hinſicht, ehe er das mürriſche Weſen ablegt, welches ihm eigenthümlich iſt. Jn der Gefangenſchaft bleibt er während vieler Monate ernſt und murrköpfig, und weil er nun Nichts zum Vergnügen der Eingeborenen bei - trägt, findet man ihn denn auch ſelten in den Ortſchaften. Dies geſchieht nicht etwa aus Abneigung von Seiten der Javaneſen gegen die Affen überhaupt; denn die gemeinſte Art der Ordnung, welche auf der Jnſel vorkommt, wird ſehr häufig gezähmt und nach der beliebten Sitte der Eingeborenen mit Pferden zuſammen gehalten. Jn jedem Stall, vom prinzlichen an bis zu dem eines Mantry oder Schultheißen, findet man einen jener Affen: der Budeng aber gelangt niemals zu ſolcher Ehre. ‟
„ Gleichwohl wird unſer Affe oft von den Eingeborenen gejagt, weil ſie ſein Fell benutzen. Bei dieſen Jagden, welche gewöhnlich von den Häuptlingen angeordnet und befehligt werden, greift man die Thiere mit Schleuder und Stein an und vernichtet ſie oft in großer Anzahl. Die Einge - borenen wiſſen die Felle auf einfache Weiſe, aber ſehr gut zuzubereiten und verwenden ſie dann, wie auch die Europäer thun, zu Satteldecken und allerlei Heerſchmuck; namentlich werden jene geſchätzt, welche ganz ſchwarz von Farbe ſind und ſchöne, lange Seidenhaare beſitzen. ‟
„ Jn der Jugend verzehrt der Budeng zarte Blätter von allerlei Pflanzen, im Alter wilde Früchte aller Art, welche in ſo großer Menge in ſeinen unbewohnten Wäldern ſich finden. ‟
Als ich den Budeng im Thiergarten von Amſterdam zum erſten Male lebend ſah, erkannte ich ihn nicht. Horsfield hat ein trauriges Zerrbild des Thieres gegeben; Pöppig und Giebel haben es ihm nachgedruckt; die ausgeſtopften, welche ich in Muſeen fand, waren ebenfalls nur Schatten des lebenden Thieres: kurz, ich konnte, trotz aller Berichtigungen, welche ich den Mißge - ſtalten in Büchern und Muſeen hatte angedeihen laſſen, unmöglich ein ſo ſchönes Thier vermuthen, als ich jetzt vor mir ſah. Dieſer Affe erregte die allgemeine Aufmerkſamkeit aller Beſchauer, obwohl er nicht das Geringſte that, um die Blicke der Leute auf ſich zu ziehen. Jch möchte ſein ſtilles Weſen nicht ſo verdammen, wie Horsfield es gethan hat; denn ich glaube nicht, daß man ihn eigentlich „ mürriſch ‟ nennen kann. Er iſt ſtill und ruhig, aber nicht übellauniſch und ungemüthlich. Das Paar, welches in Amſterdam lebte, bielt ſtets treu zuſammen. Gewöhnlich ſaßen Beide dicht an ein - ander gedrängt in ſehr zuſammen gekauerter Stellung, die Hände über der Bruſt gekreuzt, auf einer hohen Querſtange ihres Käfigs und ließen die langen, ſchönen Schwänze ſchlaff herabhängen. Jhr ernſthaftes Ausſehen wurde vermehrt durch die eigenthümliche Haarmütze, welche ihnen weit in das Geſicht hereinfällt. Wenn man ihnen Nahrung vorhielt, kamen ſie langſam und vorſichtig herunter, um ſie wegzunehmen, blieben dabei aber ruhig und bedächtig, wie immer. Der Geſichtsausdruck deu - tete entſchieden auf große Klugheit hin; doch fehlte das Leben in den Augen.
Ganz eigenthümlich benahmen ſich die Budengs zwei ſchwarzen Pavianen (Cynocephalus niger) gegenüber. Dieſe, wie alle ihre Verwandten, üppige, übermüthige Geſellen, machten ſich ein wahres Vergnügen daraus, die armen Budengs zu foppen und zu quälen. Bei Tage wurden die ungezogenen Schwarzen gewöhnlich in das große Affenhaus geſteckt; dann hatten die harmloſen Java - neſen Ruhe und konnten ſich ihres Lebens freuen; ſobald aber ihre Nachtgenoſſen zu ihnen kamen, ging der Lärm und die Unruhe an. Beide Budengs krochen jetzt dicht zuſammen und umklammerten ſich gegenſeitig mit ihren Händen. Die Paviane ſprangen auf ſie, ritten auf ihnen, maulſchellirten ſie, gaben ihnen Rippenſtöße, zogen ſie an dem Schwanze und machten ſich ein beſonderes Vergnügen daraus, ihre innige Vereinigung zu ſtören. Zu dieſem Ende kletterten ſie auf den armen Thieren46Die Affen. Schlankaffen. — Duk. Kahau. herum, als wenn es Baumzweige wären, hielten ſich am Haare feſt und drängten ſich endlich, den Hintern voran, zwiſchen die ruhig Sitzenden, bis dieſe ſchreckensvoll auseinander fuhren und in einer andern Ecke Schutz ſuchten. Geſchah Dies, ſo eilten die Quälgeiſter augenblicklich hinter ihnen drein und begannen die Marter von neuem. Man ſah es den Budengs an, wie außerordentlich unange - nehm ihnen die zudringlichen Geſellen waren, wie ſehr ſie ſich vor ihnen fürchteten. Sobald die ſchwarzen Teufel nur in den Käfig kamen, blickten Jene angſtvoll nach ihnen herab, wie es die ſüd - amerikaniſchen Affen zu thun pflegen, wenn ſie in große Furcht gerathen. Während ſie unter den Fäuſten ihrer Marterer litten, ſchrien ſie oft jammervoll auf: aber das vermehrte nur die Wuth der Paviane; ſie wurden um ſo frecher und grauſamer, je leidender ſich Jene verhielten.
Jn Antwerpen lebt ein Budeng unter kleinen Meerkatzen und Makaken. Alle Mitbewohner ſeines Käfigs ſind kaum halb ſo groß wie er, und trotzdem iſt auch hier wiederum er der Gequälte und Gefoppte. Eine kaum ein Jahr alte Meerkatze ſpielte zur Zeit, in welcher ich den Garten beſuchte, hier die Rolle des ſchwarzen Pavians, und auch gegen dieſen frechen Afrikaner verhielt ſich der Java - neſe leidend und unterthänig. Es ſah ſehr komiſch aus, wenn das kleine Geſchöpf den großen Affen, ſo zu ſagen, nach ſeiner Pfeife tanzen ließ; es meiſterte ihn vollſtändig und maßregelte ihn durch Püffe, Ohrfeigen, durch Kneipen und Raufen in wahrhaft jämmerlicher Weiſe. Man konnte gar nicht in Zweifel bleiben, daß Gutmüthigkeit der Hauptzug des Budeng geiſtes iſt; man vermißte in ihm förmlich jene Affenniederträchtigkeit, welche Andere ſeines Geſchlechts ſo ſehr auszeichnet. — Auch der Budeng ſcheint von unſerm nordiſchen Klima viel zu leiden. Ob dieſes die alleinige Urſache ſeiner grenzenloſen Gutmüthigkeit iſt, wage ich nicht zu entſcheiden. Aber man ſieht es ihm an, wie wohl ihm jeder Sonnenblick thut, wie glücklich er iſt, wenn er nur einen Strahl des belebenden Ge - ſtirnes auffangen kann, deſſen Gluth ſeiner ſchönen Heimat alle Pracht und Herrlichkeit der Wende - kreisländer verlieh.
Der Kleideraffe (Semnopithecus nemaeus) verdient wenigſtens erwähnt zu werden; denn ſeine Pelzfärbung iſt die eigenthümlichſte, welche man ſich denken kann. Der Kleideraffe ſieht aller - dings aus, als habe ſich ein Menſch den Spaß gemacht, ihn in die bunte Tracht eines Hanswurſtes zu ſtecken. Um im Bilde zu bleiben, beſchreibe ich dieſes Kleid mit Okens Worten: Die Jacke iſt grau, die Hoſen, ein Stirnband und die Handſchuhe ſind ſchwarz, die Strümpfe braunroth, Aermel, Bart, Kreuz und Schwanz weiß; das Geſicht iſt gelb, eine Halsbinde braunroth, ein anderes Band ſchwarz. Dieſe Farben ſchneiden ſcharf gegen einander ab und treten daher um ſo greller hervor. Der Körper erreicht zwei Fuß Länge, der Schwanz iſt etwas kürzer.
Der Kleideraffe iſt noch niemals lebendig nach Europa gekommen und befindet ſich erſt in wenigen Sammlungen. Er ſoll in Cochinchina leben und daſelbſt „ Duk ‟ genannt werden. Jn zahlreichen Geſellſchaften kommt er in den dichten Küſtenwäldern vor und beſucht auch oft die Dörfer der Eingeborenen. Er iſt furchtſam und ſcheu und entflieht, ſobald er merkt, daß man auf ihn jagen will. Die Eingeborenen ſchätzen ſeinen Pelz nicht und geben ſich deshalb auch keine Mühe, ihn zu er - legen. Für die Gefangenſchaͤft eignet er ſich nicht, weil er ſehr bald hinſtirbt.
Von den übrigen Arten der Schlankaffen will ich blos noch eine einzige nennen, den Naſen - affen oder Kahau (Semnopithecus Nasica), welcher in jeder Hinſicht ein wirklich ausgezeichnetes Thier iſt. Am merkwürdigſten an ihm iſt jedenfalls die vorſpringende, verzerrte Menſchennaſe, welche, wie ein Rüſſel, beweglich iſt und vorgeſchoben oder zurückgezogen werden kann. Dieſer Naſe verdankt er es, daß er als Träger einer eigenen Sippe (Nasalis) betrachtet worden iſt. Sein Leib iſt ſchlank, wie bei den übrigen, die Gliedmaßen ſind faſt von gleicher Länge, der Schwanz iſt ſehr lang, die Vorder - und Hinterhände ſind fünfzehig, die Backentaſchen fehlen, aber die Geſäßſchwielen ſind vor - handen. Die Naſe hängt hakenförmig über die Oberlippe herab, iſt in der Mitte ziemlich breit, an ihrem äußern Ende zugeſpitzt und längs ihres Rückens mit einer leichten Furche verſehen; die Naſen -47Heimat. Lebensweiſe.löcher ſind ſehr groß und können noch bedeutend ausgedehnt werden. Bei jungen Thieren iſt das hier ſo merkwürdig gebildete Sinnwerkzeug noch klein und ſtumpf, und erſt bei alten erreicht es ſeine bedeutende Größe. Die Behaarung iſt reichlich und weich; am Scheitel ſind die Haare kurz und dicht, an den Seiten des Geſichts und am Hinterhaupte länger, um den Hals bilden ſie eine Art von Kragen. An dem Scheitel, dem Hinterkopfe und an der Schultergegend ſind ſie lebhaft braun - roth, auf dem Rücken und der obern Hälfte der Seiten fahlgelb, dunkelbraun gewellt, an der Bruſt und dem Obertheil des Bauches lichtröthlichgelb gefärbt; in der Kreuzgegend findet ſich ein ſcharf ab - gegrenzter Fleck von graulichweißer Farbe, deſſen Spitze nach der Schwanzwurzel zugerichtet iſt; die Gliedmaßen ſind in der obern Hälfte gelblichroth, in der untern, ebenſo wie der Schwanz, aſchgrau. Die nackten Jnnenflächen der Hände und die Geſäßſchwielen ſind graulichſchwarz. So zeigt auch
dieſer Affe eine ſehr lebhafte Geſammtfärbung und beweiſt auch dadurch ſeine enge Verwandtſchaft mit den übrigen Schlankaffen. Erwachſene Männchen des Kahau erreichen eine Höhe von faſt drei Fuß; ihr Leib iſt zwei Fuß und der Schwanz etwas darüber lang. Die Weibchen bleiben kleiner; ſie ſollen ſchon vor ihrem vollendeten Wachsthume fortpflanzungsfähig ſein.
Der Kahau lebt geſellig auf Borneo. Morgens und Abends ſammeln ſich zahlreiche Scharen auf den Bäumen an den Flußufern und erheben dann oft ein Geheul, welches dem Worte Kahau ſehr ähnlich klingt und ihnen den eigenthümlichen Namen verſchafft hat. Sie ſind ſchnell und gewandt und beſitzen eine ungeheuere Fertigkeit im Springen und Klettern. Jhre geiſtigen Eigenſchaften ſind wenig bekannt, doch behauptet man, daß die Thiere ſehr boshaft, wild und tückiſch ſeien und ſich nicht wohl zur Zähmung eigneten. Man ſagt, daß ſie ſich, wenn ſie überraſcht werden, auf den Bäumen48Die Affen. Stummelaffen. — Guereza. verbergen, ſich aber mit großem Muthe vertheidigen, wenn ſie angegriffen werden. Wirklich ſpaßhaft iſt die Behauptung der Eingeborenen, daß die Kahaus beim Springen immer ihre Naſe mit den Händen bedeckten, um ſie vor unangenehmen Zuſammenſtößen mit dem Gezweig zu ſchützen. Jhre Nahrung kennt man nicht, darf aber vermuthen, daß ſie auch keine andere, als die der übrigen Schlankaffen iſt. Die Dajacken, ein Stamm der Eingeborenen Borneos, ſollen fleißig Jagd auf die Naſenaffen machen, um ihr Fleiſch zu erhalten, welches ſie als wohlſchmeckend ſchildern. Dieſe Leute nennen die Thiere übrigens nicht Kahau, ſondern Bantangan. Etwas Weiteres über das merkwürdige Geſchöpf iſt nicht bekannt.
Auch die afrikaniſchen Vertreter der ſchlanken Aſiaten, die Stummelaffen (Colobus), ſind ſehr auffallende, durch eigenthümliche Färbung, ſonderbare, aber ſchöne Mähnen und andere Haar -
wucherungen ausgezeichnete Thiere. Wie Jndien lebendiger und reicher iſt, als das trockene Afrika, ſo ſind auch die Schlankaffen heller und lebhafter gefärbt, als die Stummelaffen, obwohl ich nicht behaupten will, daß dieſe weniger ſchön oder weniger angenehm für unſer Auge wären, als jene. Jm Ganzen ſind die Unterſcheidungsmerkmale zwiſchen beiden Gruppen nur ſehr geringfügige. Die Stummelaffen ſind hauptſächlich dadurch vor den Schlankaffen ausgezeichnet, daß ſie an den Vorderhänden immer blos vier Finger und keinen Daumen beſitzen, während, wie wir ſahen, dieſes Glied bei den Schlankaffen nur hier und da verkümmert. Der Leib der Stummelaffen iſt noch immer ſchlank und zierlich, die unter ſich faſt gleichlangen Gliedmaßen ſind ſchmächtig, die Schnauze iſt kurz, und die Naſenlöcher ſtehen auf der Oberſeite derſelben, der Schwanz iſt ſehr lang, Geſäß - ſchwielen ſind vorhanden, Backentaſchen aber fehlen; die Hinterhände haben regelmäßig fünf Finger.
Unter dieſen Thieren dürfen wir ohne Zweifel den Guereza der Abiſſinier (Colobus Guereza) oben auſtellen. Meiner Anſicht nach iſt er der ſchönſte aller Affen. Seine Färbung iſt, obgleich ſie keineswegs lebhaft genannt werden kann, doch eine außerordentlich angenehme und49Entdeckung. Heimat.ſeine Behaarung eine ſo eigenthümliche und zugleich ſo zierliche, wie kaum noch bei einem andern Thiere. Das Verdienſt der Entdeckung dieſes wunderſchönen Geſchöpfes gebührt unſerm ausgezeich - neten Landsmann Rüppell, welcher es, bei ſeiner großen Reiſe in Abiſſinien, in der Provinz Godjam auffand und den im Lande gebräuchlichen Namen zum wiſſenſchaftlichen machte. Uebrigens war der Affe ſchon früher bekannt; bereits Hiob Ludolf erwähnte ſeiner in einem ſehr ſchätzbaren Werke über Aethiopien, gab aber zu der ſehr mangelhaften Beſchreibung eine noch mangelhaftere, ja falſche Abbildung und machte es dadurch den Kundigen unmöglich, das Thier als beſondere Art anzu - erkennen und aufzuzeichnen. Auch ein anderer Reiſender, Salt, gedenkt des Guereza. giebt aber ebenfalls eine ganz fehlerhafte Beſchreibung und eine Abbildung, zu welcher er die Ludolf’ſche Zeich -
nung und die Bruchſtücke einer Haut, in deren Beſitz er zufällig gekommen war, benutzte. Rüppell ſah den Guereza lebend und konnte ſo aus eigner Anſchauung über ihn berichten. Später haben auch andere Naturforſcher ihn beobachtet. Jch ſelbſt fand in den Händen eines Haſſanïe am untern weißen Nil ein Fell deſſelben, welches der Mann als Tabaksbeutel benutzte, und erfuhr von dem Eigner, daß der Aſſe weiter ſüdlich keineswegs zu den Seltenheiten gehöre. Heuglin, der Er - forſcher Afrikas, beobachtete ihn öfters in Abiſſinien und auf dem weißen Fluſſe und erhielt ſichere Nachrichten über ſein Vorkommen in ganz anderen Gegenden Mittelafrikas, woraus hervorgeht, daß der Verbreitungskreis des Thieres viel größer iſt, als wir gewöhnlich angenommen haben.
Brehm, Thierleben. 450Die Affen. Stummelaffen. — Guereza, Bären - und Teufelsaffe. Meerkatzen.Der Guereza iſt ein wirklich herrliches Thier. Sein ganzer Leib iſt ſchön ſammetſchwarz, dagegen ſind ein Stirnband, die Gegend der Schläfe, die Seiten des Halſes, das Kinn und die Kehle und ein Gürtel oder eine Mähne, ſowie eine Einfaſſung um die nackten Geſäßſchwielen und die Schwanzſpitze weiß gefärbt. Jedes weiße Haar iſt aber vielfach braun geringelt, und hierdurch entſteht das ſilbergraue Ausſehen der Behaarung. Die Mähne, wie ich den Seiten - gürtel vielleicht nennen kann, hängt wie ein reicher Beduinenmantel zu beiden Seiten des Körpers herab und ziert ihn unbeſchreiblich. Jhre Haare ſind von größter Weichheit und Feinheit und dabei von bedeutender Länge. Der ſchwarze Pelz des untern Körpers ſchimmert hier und da zwiſchen dem koſtbaren Behänge hindurch; das Dunkelſchwarz ſticht lebendig ab von dem blendenden Weiß, und die dunkelen Hände und das dunkele Geſicht ſtehen hiermit ſo vollkommen im Einklange, daß unſer Affe wohl den Preis der Schönheit verdienen dürfte. Soviel Willkür, wenn ich mich ſo ausdrücken dürfte, ſich in der Bekleidung ausſpricht, ſo zierlich und anmuthig iſt dieſelbe.
Der Guereza findet ſich, wie mir Schimper mittheilte, vom 13. Grad nördlicher Breite an, überall in Abiſſinien, am häufigſten in einem Höhengürtel von 6 — 800 Fuß über dem Meeres - ſpiegel. Hier lebt er in kleinen Geſellſchaften von zehn bis funfzehn Stück auf hochſtämmigen Bäumen, gern in der Nähe fließender Gewäſſer und häufig auch unmittelbar neben den in Habeſch immer ein - ſam ſtehenden Kirchen, welche regelmäßig im Schatten geheiligter Bäume liegen. Eine Wachholderart, welche, im Gegenſatz zu der bei uns wachſenden, ſo rieſenhafte Verhältniſſe zeigt, daß ſelbſt unſere Tannen und Fichten neben ihr zu Zwergen herabſinken, ſcheint ihm ganz beſonders zuzuſagen: jeden - falls ihrer auch unſeren Gaumen behagenden Beeren halber. Er iſt, wie mein Berichterſtatter mit beſonderm Ausdruck ſagte, „ ein im allerhöchſten Grade behendes Thier ‟, welches ſich mit geradezu wunderbarer Kühnheit und Sicherheit bewegt. Hiermit ſteht im Uebrigen ſein Weſen nahe im Einklange. Nur ſelten vernimmt man ſeine Stimme; blos Verwundete ſchreien nach Art der Meer - katzen. Wenn der Guereza Menſchen ſieht, ſchweigt er gänzlich. Auch ſonſt hat er mit anderen alt - weltlichen Baumaffen wenig gemein. Er iſt durchaus harmlos, d. h. er verſchont die Pflanzungen oder richtet wenigſtens niemals Verwüſtungen in ihnen an. Verfolgt zeigt ſich der Guereza in ſeiner ganzen Schönheit. Mit ebenſo großer Anmuth als Leichtigkeit, mit eben ſoviel Kühnheit als Berechnung ſpringt der ſo wunderſam geſchmückte Geſell von Zweig zu Zweig oder aus Höhen von vierzig Fuß in die Tiefe hinab, und der weiße Mantel fliegt dabei um ihn herum, wie der Burnus eines auf ſeinem Araber fliehend dahinjagenden Beduinen um Roß und Reiter weht. Uebrigens kommt er nur dann auf den Boden herab, wenn die Verfolger ihm ſehr nahe auf den Leib rücken; er iſt ein vollendetes Baumthier und findet in ſeiner luſtigen Höhe Alles, was er bedarf. Seine Nah - rung iſt die gewöhnliche der Baumaffen: Knospen, Blätter, Blüthen, Beeren, Früchte, Kerbthiere ꝛc.
Die Jagd des Guereza hat ihre großen Schwierigkeiten. Auf den hohen Wipfeln ſeiner Lieb - lingsbäume iſt er vor der Tücke des Menſchen ziemlich ſicher. Mit der Schrotflinte verwundet man wohl das ſtarke, lebenszähe Thier, bekommt es aber nur ſelten in ſeine Gewalt. Der Jäger muß. wenn ſeine Jagd Erfolg haben ſoll, zur Büchſe greifen: dieſe Waffe aber war von jeher und iſt noch heute dem Eingebornen ein Ding, mit welchem er Nichts anzufangen weiß. Gut, daß dem ſo iſt; mit der Büchſe in geübter Hand hätte der Abiſſinier den ſchönen Affen vielleicht ſchon ausgerottet. Jn früheren Zeiten wurde ihm eifrig nachgeſtellt. Es galt als beſondere Auszeichnung, ein Schild zu beſitzen, welches durch ein Fell dieſes Affen ſeinen ſchönſten Schmuck erhalten hatte. Die Schilde der Abiſſinier und anderer oſtafrikaniſcher Völkerſchaften ſind länglichrund und beſtehen aus Antilopen - oder wohl auch Nilpferd haut: dieſe bekleidete man nun mit dem Rücken - und Seitenfelle des Guereza, ſo daß der ganze Mähnengürtel jetzt zum Schmuck des Schildes wurde.
Man bezahlte in Gondar, der abiſſiniſchen Hauptſtadt, ein ſolches Fell mit einem Species - thaler, einer Summe, für welche man vier bis ſechs fette Schafe einhandeln kann. Gegenwärtig iſt jener Zierrath bedeutend im Werthe geſunken: die beſchriebenen Schilde ſind glücklicher Weiſe nicht mehr gebräuchlich; — glücklicher Weiſe, ſage ich, weil ich hoffe, daß deshalb ein ſo anziehendes
51Lebensweiſe.Geſchöpf vor der Hand noch der abſcheulichen Vernichtungswuth entgeht, mit welcher der Menſch überall „ ſeinen erſtgebornen Brüdern ‟ entgegentritt.
Bis jetzt iſt der prachtvolle Affe noch nicht lebend nach Europa gekommen. Heuglin erhielt ein lebendes Junges, war aber nicht im Stande, daſſelbe zu erhalten, trotzdem er ihm die beſte Pflege zu Theil werden ließ. Auch in den Hütten der Landeseingebornen ſieht man niemals einen zahmen Guereza: der ſchöne Waldbewohner erträgt keine Gefangenſchaft.
Die beiden auf Seite 49 dargeſtellten Mitglieder der Sippe ſind der bärenartige Stum - melaffe (Colobus ursinus, Fig. 1) und der Teufelsaffe (Colobus Satanus, Fig. 2).
Erſterer unterſcheidet ſich vom Guereza durch den Mangel des weißen Mähnengürtels, welcher durch das lange und flatternde, grobe, ſchmuzig fahlgelbe und ſchwarz gemiſchte Haar eben nur an - gedeutet iſt, die längere Körperbehaarung und den faſt ganz weißen Schwanz. Jn der Größe ſtimmt er ſo ziemlich mit dem Guereza überein und ebenſo in der Lebensweiſe; ſeine Heimat aber iſt der Weſten Afrikas: er findet ſich in den Wäldern der Sierra-Leone, Guineas und auf Fernando-Po.
Der Teufelsaffe, welcher einfärbig ſchwarz iſt, und hauptſächlich auf Fernando-Po lebt, wird von vielen Forſchern, aber wohl mit Unrecht, als bloße Spielart des Vorigen angeſehen.
Afrika beherbergt nicht nur die größten, klügſten und häßlichſten Affen der alten Welt, ſondern auch die ſchönſten, netteſten und gemüthlichſten. Zu dieſen gehört unzweifelhaft die zahlreiche Gruppe, welche uns unter dem Namen „ Meerkatzen ‟ bekannt iſt. Wir ſehen dieſes oder jenes Mitglied der betreffenden Sippe häufig genug in jedem Thiergarten oder in jeder Thierſchaubude und finden es auch öfters als luſtigen Geſellſchafter irgend eines Thierfreundes.
Die Meerkatzen erhielten ihren Namen ſchon im 16. Jahrhundert, jedenfalls weil ſie zuerſt von dem Weſten Afrikas, nemlich von Guinea zu uns kamen und entfernt an die Geſtalt einer Katze erinnern. Jhre Aehnlichkeit mit unſerm nützlichen Hausthiere iſt übrigens nur eine ſehr oberflächliche, denn alle Meerkatzen ſind echte Affen in Geſtalt und Weſen. Sie ſind Bewohner der Wendekreis - länder des genannten Erdtheils und, mit Ausnahme einer einzigen Art, welche auf Madagaskar vorkommt, auch Bewohner des afrikaniſchen Feſtlandes. Wo ſich Urwälder finden, zeigen ſich auch dieſe Affen in großer Anzahl. Manche Arten gehen faſt durch ganz Mittelafrika hindurch. Wir erhalten ſie ebenſowohl aus dem Oſten, wie auch aus dem Weſten und aus der Mitte Afrikas; wohl die meiſten aber kommen aus Abiſſinien und den oberen Nilländern.
Eine ausführliche Beſchreibung der Meerkatzen erſcheint mir, ihrer Allbekanntſchaft wegen, kaum nöthig. Sie zeichnen ſich durch leichte und zierliche Formen, ſchlanke Gliedmaßen, feine, kurze Hände mit langen Daumen, auch durch einen langen Schwanz ohne Endquaſte aus und beſitzen weite Backentaſchen und große Gefäßſchwielen. Jhre Farben ſind meiſtens ziemlich lebhaft, bei einzelnen Arten oft recht angenehm bunt. Man kennt ungefähr zwanzig Arten. Jn den Nilländern findet man zuerſt unter dem 16. Grade nördlicher Breite Meerkatzen; im Weſten und Oſten reichen ſie bis hart an die Meeresküſte. Feuchte oder wenigſtens von Flüſſen durchſchnittene Waldungen werden von ihnen den trockenen Baumgegenden ſtets vorgezogen; in der Nähe von Feldern ſiedeln ſie ſich außerordentlich gern an. Recht deutlich bemerkt man bei ihnen die eigenthümliche Erſcheinung, daß ſich Affen und Papageien nicht blos in Geſtalt, Lebensart und Weſen, ſondern auch der Ver - breitung entſprechen. Man darf mit Sicherheit darauf rechnen, daß man in Afrika da, wo man Papageien findet, auch unſeren Meerkatzen begegnen wird, oder umgekehrt, Papageien zu vermuthen hat, wo ſich Meerkatzen aufhalten.
Die Meerkatzen gehören zu den geſelligſten, beweglichſten, luſtigſten und, wie bemerkt, gemüth - lichſten aller Affen. Man findet ſie faſt ſtets in ziemlichen Banden; Familien kommen kaum vor. Es4 *52Die Affen. Meerkatzen.iſt es eine wahre Luſt, wenn man einer Horde dieſer Thiere im Walde begegnet. Da kann man ein Leben, ein Schreien und Kämpfen, ein ſich Zürnen und Verſöhnen, ein Klettern und Laufen, Rauben und Plündern, Geſichterſchneiden und Gliederverrenken bemerken! Sie bilden einen eignen Staat und erkennen keinen Herrn über ſich an, als den Stärkern Jhresgleichen; ſie beachten kein Recht, als das, welches durch ſpitze Zähne und kräftige Hände von dem alten Affenſtammvater geübt wird; ſie halten keine Gefahr für möglich, aus welcher es nicht auch einen Ausweg gäbe; ſie machen ſich jede Lage behaglich, fürchten niemals Mangel und Noth und verbringen ſo ihr Leben in beſtändiger Regſamkeit und Fröhlichkeit. Ein grenzenloſer Leichtſinn und ein höchſt ſpashafter Ernſt im Verein iſt ihnen eigen; mit beiden beginnen und vollbringen ſie alle ihre Geſchäfte. Kein Ziel iſt zu weit geſteckt, kein Wipfel zu hoch, kein Schatz ſicher genug, kein Eigenthum achtbar. So darf es uns nicht Wunder nehmen, daß die Eingebornen Oſt-Sudahns nur mit grenzenloſer Verachtung und mit Zorn von ihnen ſprechen; ebenſowenig aber wird man es dem unbetheiligten Beobachter verdenken, wenn er ſie als höchſt ergötzliche Weſen betrachtet.
Man bemerkt eine Meerkatzenbande im Urwalde ſehr leicht. Wenn man auch den wechſelvollen Ausruf des Leitaffens nicht vernimmt, hört man wenigſtens bald das Geräuſch, welches die laufende und ſpringende Geſellſchaft auf den Bäumen verurſacht, und wenn man dieſes nicht hört, ſieht man die Thiere laufen, ſpielen, ruhig daſitzen, ſich ſonnen, ſich gewiſſer Schmarotzer halber Liebesdienſte erzeigen: — niemals fällt es ihnen ein, ſich vor irgend Jemand zu verbergen. Auf dem Boden trifft man ſie blos da, wo es Etwas zu freſſen giebt; ſonſt leben ſie in den Wipfeln der Bäume und nehmen ihren Weg von einem Aſt zum andern. Und dabei iſt es ihnen völlig gleichgiltig, ob ſie durch die dickſten Dornen durchmüſſen oder nicht.
Aeußerſt anziehend für den Beobachter iſt es, wenn er eine auf Raub ausziehende Bande be - lauſchen kann. Mich hat die Dreiſtigkeit, welche ſie dabei zeigen, immer ebenſo ergötzt, wie ſie den Eingebornen empörte. Unter Führung des alten, oft geprüften und wohlerfahrnen Stammvaters zieht die Bande der Thiere dem Getreidefelde zu; die Aeffinnen, welche Kinder haben, tragen dieſe53Kennzeichnung. Weſen. Heimat. Ein Raubzug. Flucht.in der oben beſchriebenen Weiſe am Bauche, die Kleinen haben aber noch zum Ueberfluß auch mit ihrem Schwänzchen ein Häkchen um den Schwanz der Frau Mamma geſchlagen. Anfangs nähert ſich die Rotte mit großer Vorſicht, am liebſten, indem ſie ihren Weg noch von einem Baumwipfel zum andern verfolgt. Der alte Herr geht ſtets voran, die übrige Herde richtet ſich nach ihm Schritt für Schritt und betritt nicht nur dieſelben Bäume, ſondern ſogar dieſelben Aeſte, wie er. Nicht ſelten ſteigt der vorſichtige Führer auf einen Baum bis in die höchſte Spitze hinauf und hält von dort aus ſorgfältige Umſchau; wenn das Ergebniß derſelben ein günſtiges iſt, wird es durch beruhigende Gurgeltöne ſeinen Unterthanen angezeigt, wenn nicht, die nöthige Warnung gegeben. Von einem dem Felde nahen Baume ſteigt die Bande ab, und nun geht es mit rüſtigem Springen dem Paradieſe zu. Hier beginnt jetzt eine wirklich beiſpielloſe Thätigkeit. Man deckt ſich zunächſt für alle Fälle. Raſch werden einige Maiskolben oder Durrahähren abgeriſſen, die Körner enthülſt und nun mit ihnen die weiten Backentaſchen ſo voll gepfropft, als nur immer möglich; erſt, wenn dieſe Vorrathskammern gefüllt ſind, geſtattet ſich die Herde etwas mehr Läſſigkeit, zeigt ſich aber auch zugleich immer wähle - riſcher, immer heikler in der Auswahl der Nahrung. Jetzt werden alle Aehren und Kolben, nach - dem ſie abgebrochen worden ſind, erſt ſorgſam berochen, und wenn ſie, was ſehr häufig geſchieht, dieſe Probe nicht aushalten, ſofort ungefreſſen weggeworfen, und die Vergeudung, welche ſich alle Affen zu ſchulden kommen laſſen, zeigt ſich im höchſten Grade. Man darf darauf rechnen, daß von zehn Kolben erſt einer wirklich gefreſſen wird; in der Regel nehmen die Schlecker blos ein Paar Körner aus jeder Aehre und werfen das Uebrige weg. Dies iſt es eben, welches ihnen den grenzenloſen Haß der Eingebornen zugezogen hat.
Wenn ſich die Affenherde im Fruchtfelde völlig ſicher fühlt, erlauben die Mütter ihren Kindern, ſie zu verlaſſen und mit Jhresgleichen zu ſpielen. Die ſtrenge Aufſicht, unter welcher alle Kleinen von ihren Erzieherinnen gehalten werden, endet deshalb jedoch nicht, und jede Affenmutter beobachtet mit wachſamen Blicken ihren Liebling; keine aber kümmert ſich um die Sicherheit der Geſammtheit, ſondern verläßt ſich, wie alle übrigen Mitglieder der Bande, ganz auf die Umſicht des Herdenführers. Dieſer erhebt ſich ſelbſt während der ſchmackhafteſten Mahlzeit von Zeit zu Zeit auf die Hinterfüße, ſtellt ſich aufrecht wie ein Menſch und ſchaut in die Runde. Nach jeder Umſchau hört man beruhigende Gurgeltöne, wenn er nämlich nichts Unſicheres bemerkt hat; im entgegengeſetzten Falle ſtößt er einen unnachahmlichen, zitternden oder meckernden Ton zur Warnung aus. Hierauf ſammelt ſich augen - blicklich die Schar ſeiner Untergebenen, jede Mutter ruft ihr Kind zu ſich heran, und im Nu ſind Alle zur Flucht bereit; Jeder aber ſucht in der Eile noch ſoviel Futter aufzuraffen, als er nur fort - bringen zu können glaubt. Jch habe es mehrmals geſehen, daß Affen fünf große Maiskolben mit ſich nahmen. Davon umklammerten ſie zwei mit dem rechten Vorderarm, die übrigen nahmen ſie in die drei anderen Hände und zwar ſo, daß ſie beim Gehen mit den Kolben den Boden berührten. Bei wirklicher Gefahr wird nach und nach mit ſauren Mienen alle Laſt abgeworfen, der letzte Kolben aber nur, wenn der Verfolger ihnen ſehr nahe auf den Leib geht und die Thiere wirklich alle vier Hände zum Klettern nothwendig haben. Jmmer wendet ſich die Flucht dem erſten beſten Baume zu. Jch habe beobachtet, daß die Meerkatzen auch auf ganz einzeln ſtehende Bäume kletterten, von denen ſie wieder abſteigen und weiterfliehen mußten, wenn ich ſie dort aufſtörte; ſowie ſie aber einmal den Wald erreicht haben und wirklich flüchten wollen, ſind ſie geborgen; denn ihre Gewandtheit im Klettern iſt faſt eben ſo groß, wie die der Langarmaffen. Es ſcheint kein Hinderniß für ſie zu geben, die furchtbarſten Dornen, die dichteſten Hecken, weit von einander ſtehende Bäume — Nichts hält ſie auf. Jeder Sprung wird mit einer Sicherheit ansgeführt, welche uns in größtes Erſtaunen ſetzen muß, weil kein bei uns heimiſches Kletterthier es dem Affen auch nur annähernd nachthun kann. Sie ſind im Stande, mit Hilfe des ſteuernden Schwanzes noch im Sprunge die von ihnen anfangs beabſichtigte Richtung in eine andere umzuwandeln; ſie faſſen, wenn ſie einen Aſt verfehlten, einen zweiten; ſie werfen ſich vom Wipfel des Baumes auf die Spitze eines tiefſtehenden Aſtes und laſſen ſich weiter ſchnellen; ſie ſetzen mit einem Sprunge von dem Wipfel auf die Erde, fliegen gleichſam, über Gräben54Die Affen. Meerkatzen.hinweg, einem andern Baume zu, laufen pfeilſchnell an dem Stamme empor und flüchten weiter und immer weiter. Auch hierbei geht der Leitaſſe ſtets voran und führt die Herde durch ſein ſehr ausdrucks - volles Gegurgel bald raſcher, bald langſamer. Man gewahrt niemals bei den flüchtenden Affen Angſt oder Muthloſigkeit, muß ſich vielmehr ſtets von ihrer unter allen Umſtänden ſich gleichbleibenden Geiſtesgegenwart überzengen. Ohne zu übertreiben, kann man ſagen, daß es für ſie, wenn ſie wollen, eigentlich gar keine Gefahr giebt. Nur der tückiſche Menſch mit ſeinen weittragenden Waffen kann ſie in ſeine Gewalt bringen; den Raubſängethieren entgehen ſie leicht, und die Raubvögel wiſſen ſie ſchon abzuwehren, falls es ſein muß.
Wenn es dem Leitaffen gut dünkt, hält er in ſeinem eiligen Laufe an, ſteigt raſch auf die Höhe eines Baumes hinauf, vergewiſſert ſich der neu erlangten Sicherheit und ruft hierauf mit beruhigenden Tönen ſeine Schar wieder zuſammen. Dieſe hat jetzt zunächſt ein wichtiges Geſchäft zu beſorgen. Während der raſenden Flucht hat man nämlich nicht darauf achten können, Fell und Glieder von Kletten und Dornen freizuhalten; letztere hängen vielmehr überall am Pelz oder ſtecken oft tief in der Haut. Nun macht ſich die Geſellſchaft darüber her, ſich gegenſeitig von den unangenehmen Anhäng - ſeln zu befreien. Eine höchſt ſorgfältige Reinigung beginnt. Der eine Affe legt ſich der Länge lang auf einen Aſt, der andere ſetzt ſich neben ihn und durchſucht ihm das Fell auf das gewiſſenhafteſte55Schädlichkeit. Jagd.und gründlichſte. Jede Klette wird ausgelöſt, jeder Dorn herausgezogen, ein etwa vorkommender Schmarotzer aber auch nicht ausgelaſſen, ſondern vielmehr mit Leidenſchaft gejagt und mit Begierde gefreſſen. Uebrigens gelingt ihnen die Reinigung nicht immer vollſtändig; denn manche Dornen ſind ſo tief eingedrungen, daß die Affen ſie bei aller Anſtrengung nicht aus ihren Gliedern herausziehen können. Dies kann ich ganz gewiß behaupten, weil ich ſelbſt eine Meerkatze geſchoſſen habe, in deren Hand noch ein Mimoſendorn ſteckte, welcher von unten eingedrungen war und die ganze Hand durchbohrt hatte. Daß Solches möglich iſt, hat mich nicht verwundert, weil ich mir ſelbſt einmal einen Mimoſendorn durch die Lederſohle, meine große Fußzehe und das Oberleder des Stiefels hindurch geſtochen habe und mir ſehr wohl denken kann, daß ein von oben herunter auf einen Aſt ſpringender Affe kräftig genug auffällt, um eine ähnliche Erfahrung von der Schärfe und Härte jener Dornen machen zu können.
Erſt wenn die Reinigung im großen Ganzen beendet iſt, tritt die Affenherde wieder den Rückzug an, d. h. ſie geht ohne weiteres von neuem nach dem Felde zurück, um dort ihre Spitzbübereien fort - zuſetzen. So kommt es, daß ſie der Einwohner des Landes eigentlich niemals aus ſeinen Feldern los wird, ſondern ſtets unter einer Plage zu leiden hat, welche noch ärger, als die der Heuſchrecken iſt. Da die Leute keine Feuergewehre beſitzen, wiſſen ſie ſich nur durch oftmaliges Verjagen der Affen zu ſchützen, denn alle anderen Kunſtmittel zur Vertreibung fruchten bei dieſen loſen Geiſtern gar nichts — nicht einmal die ſonſt unfehlbaren Kraftſprüche ihrer Heiligen oder Zauberer; und eben deshalb ſehen die braunen Leute Jnnerafrikas alle Affen als entſchiedene Gottesleugner und Glaubens - verächter an. Ein weiſer Schëich Oſt-Sudahns ſagte mir: „ Glaube mir, Herr, den deutlichſten Be - weis von der Gottloſigkeit der Affen kannſt Du darin erblicken, daß ſie ſich niemals vor dem Worte des Geſandten Gottes beugen. Alle Thiere des Herrn achten und ehren den Propheten — Allah’s Frieden ſei über ihm! — die Affen verachten ihn. Derjenige, welcher ein Amulet ſchreibt und in ſeine Felder aushängt, auf daß die Nilpferde, Elefanten und Affen ſeine Früchte nicht auffreſſen und ſeinen Wohlſtand ſchädigen, muß immer erfahren, daß nur der Elefant dieſes Wahrnungszeichen achtet. Das macht, weil er ein gerechtes Thier iſt, der Affe aber iſt ein durch Allah’s Zorn aus dem Menſchen in ein Scheuſal verwandeltes Geſchöpf und ein Sohn, Enkel und Urenkel des Ungerechten, und das Nilpferd die abſchreckende Hülle des ſcheußlichen Zauberers. ‟
Jn Oſt-Sudahn jagt man die Meerkatzen nicht, wohl aber fängt man ſie und zwar gewöhnlich in Netzen, unter denen man leckere Speiſen aufſtellt. Die Affen, welche den Köder wegnehmen wollen, werden von den Netzen bedeckt und verwickeln ſich dergeſtalt in dieſe, daß ſie nicht im Stande ſind, ſich frei zu machen, ſo wüthend ſie ſich auch geberden. Wir Europäer erlegten die Thiere mit dem Feuergewehr ohne alle Schwierigkeit, weil ſie erſt dann fliehen, wenn Einige aus ihrer Mitte ihr Leben gelaſſen haben. Sie fürchten ſich wenig oder nicht vor dem Menſchen. Oſt habe ich beobachtet, daß ſie Fußgänger oder Reiter, Maulthiere und Kamele unter ſich wegziehen ließen, ohne zu muckſen, während ſie dagegen beim Anblick eines Hundes ſofort ihr Angſtgeſchrei ausſtießen.
Bei der Affenjagd ging es mir, wie ſo vielen Anderen vorher: ſie wurde mir einmal gründlich verleidet. Jch ſchoß nach einer Meerkatze, welche mir gerade das Geſicht zudrehte; ſie war getroffen und ſtürzte von dem Baume herab, blieb ruhig ſitzen und wiſchte ſich, ohne einen Laut von ſich zu geben, das aus den vielen Wunden ihres Antlitzes hervorrieſelnde Blut mit der einen Hand ſo menſchlich, ſo erhaben ruhig ab, daß ich aufs äußerſte erregt hinzueilte und, weil beide Läufe meines Gewehres abgeſchoſſen waren, dem armen Thiere mein Jagdmeſſer mehrere Male durch die Bruſt ſtieß, um es von ſeinen Leiden zu befreien. Aber ich habe von dieſem Tage an nie wieder auf kleine Affen geſchoſſen und rathe Jedem davon ab, welcher nicht ſeiner wiſſenſchaftlichen Arbeiten wegen auf die Affenjagd gehen muß. Mir war es immer, als habe ich einen Menſchen gemordet, und das Bild des ſterbenden Affen hat mich förmlich verfolgt, obgleich ich doch manches Thier gejagt habe.
Nur einmal haben mir die Meerkatzen eine Jagdfreude gemacht. Jch beobachtete, daß allabend - lich Schlangenhalsvögel, Jbiſſe und Reiher auf einer einzelnen Mimoſe am Stromufer des56Die Affen. Meerkatzen.Asrakh zum Schlafen bäumten, und beſchloß, dort anzuſtehen. Zufällig nächtigte eine Affenherde auf demſelben Baume. Bedenken ausdrückende Töne wurden laut, als ich im nahen Maisfelde mich unter einem flugs zuſammengeſtellten Schirm verborgen hatte: die Geſellſchaft oben am Wipfel ahnte offenbar nichts Gutes. Nach länger währendem Gegurgel und Gezeter ſchien man übereingekommen zu ſein, die belagerte Stelle zu verlaſſen. Vorſichtig ſtieg der Leitaffe vom Wipfel hernieder nach den unteren Aeſten. Er unterſuchte und prüfte. Sein Vorſatz ſchien nicht verändert zu werden; denn nach einigem Beſinnen ſtieg er langſam noch weiter am Stamme herab, unzweifelhaft in der Abſicht, dem nahen Walde zuzufliehen. Andere folgten; nur die ſäugenden Mütter waren noch oben im Wipfel. Jn dieſem Augenblick bäumte ein Schlangenhalsvogel auf, ein Feuerſtrahl aus meinem Gewehr blitzte durch die Dämmerung. Unbeſchreiblicher Wirrwarr im Wipfel war die erſte Wirkung des Schuſſes. Der Leitaffe kehrte ſofort wieder um, Alles flüchtete nach den höchſten und dichteſten Aeſten. Jeder ſuchte ein ſicheres Verſteck. Welch Gezeter, Schreien, Gurgeln, Hin - und Herſpringen folgte nun! Jeder neue Schuß vermehrte das Entſetzliche der Lage. Das ganze Volk fühlte ſich in höchſten Aengſten. Wohl mochten hundert Pläne zur Flucht das ewig rege und erfindungstüchtige Affengehirn beſchäftigen — kein einziger ſchien ausführbar. Das fürchterliche Feuergewehr verurſachte ſchließlich ein geradezu unſinniges Handeln. Einzelne Affen ſprangen von den Aeſten auf den Boden herab und kletterten dann wieder angſterfüllt am Stamme deſſelben Baumes empor, welcher ihnen eine Viertelminute vorher zu unſicher erſchienen war. Endlich regte ſich Nichts mehr da oben. Jeder Affe ſaß ergebungsvoll auf dem Baume, ſo dicht an den Stamm gedrückt als möglich. Mein Anſtand währte ſo lange, weil die wiederholt aufgeſchreckten Vögel immer und immer wieder zu dem geliebten Schlafplatze zurückkehrten: — nach den letzten Schüſſen vernahm ich aber nur noch ein ängſtliches Stöhnen der faſt dem Entſetzen erliegenden Affenbande. Erſt als ich ſchon längſt nach meinem Schiff zurückgekehrt war, hörte ich wieder Gurgeltöne, mit welchen der Stammvater zu beruhigen verſuchte.
Von Raubthieren haben die freilebenden Affen nicht viel zu leiden. Den Raubſäugethieren gegen - über ſind ſie viel zu behend; höchſtens der Leopard dürfte dann und wann auch ein unvorſichtiges Aeffchen ſich erliſten. Den Raubvögeln widerſtehen die Meerkatzen durch vereinigte Kraft. Einer der kühnſten Stößer ihrer Heimat iſt unſtreitig der gehäubte Habichtsadler (Spizaëtos oecipitalis). Er nimmt die biſſigen Erdeichhörnchen ohne weiteres vom Boden weg und kümmert ſich nicht im ge - ringſten um ihre ſcharfen Zähne und um ihr Fauchen. An die Affen aber wagt er ſich nur ſelten und wohl niemals ein zweites Mal. Davon habe ich mich ſelbſt überzeugen können. Als ich eines Tages in den Urwäldern jagte, hörte ich plötzlich das Rauſchen eines jener Räuber über mir und einen Augenblck ſpäter ein fürchterliches Affengeſchrei: der Vogel hatte ſich nämlich auf einen noch ſehr jungen, aber doch ſchon ſelbſtändigen Affen geworfen und wollte dieſen aufheben und an einen geleg - nern Ort tragen, um ihn dort ruhig zu verſpeiſen. Allein der Raub gelang ihm nicht. Der von dem Vogel erfaßte Affe klammerte ſich mit ſeinen vier Händen ſo feſt an den Zweig, daß ihn jener nicht wegziehen konnte, und ſchrie dabei Zeter. Augenblicklich entſtand ein wahrer Aufruhr unter der Herde, und im Nu war der Adler von vielleicht zehn ſtarken Affen umringt. Dieſe fuhren unter ent - ſetzlichem Geſichterſchneiden und gellenden Schreien auf ihn los und hatten ihn ſofort auch von allen Seiten gepackt. Jetzt dachte der Gaudieb ſchwerlich noch daran, den Affen zu nehmen, ſondern gewiß blos an ſein eigenes Fortkommen. Doch dieſes wurde ihm nicht ſo leicht. Die Affen hielten ihn feſt und hätten ihn wahrſcheinlich erwürgt, wenn er ſich nicht mit großer Mühe frei gemacht und ſchleunigſt die Flucht ergriffen hätte. Von ſeinen Schwanz - und Rückenfedern aber flogen verſchiedene in der Luft herum und bewieſen, daß er ſeine Freiheit nicht ohne Verluſt erkauft hatte. Daß dieſer Adler zum zweiten Male auf keinen Affen ſtoßen würde, ſtand wohl feſt.
Vor derartigen Raubthieren fürchten ſich die Affen alſo ebenſowenig, wie vor dem Menſchen. Um ſo größeres Entſetzen aber bereiten ihnen alle Lurche und namentlich die Schlangen. Jch habe zu erwähnen vergeſſen, daß die Affen Vogelneſter jederzeit unbarmherzig ausnehmen und nicht blos57Feinde. Furcht vor Schlangen. Fortpflanzung.die Eier, ſondern auch die jungen Vögel leidenſchaftlich gern freſſen. Wenn ſie aber das Neſt eines Höhlenbrüters ausplündern wollen, verfahren ſie ſtets mit der größten Sorgfalt, eben aus dieſer Furcht vor den Schlangen, welche, wie bekannt, oft in ſolchen Neſtern ihrer Ruhe pflegen. Mehr als einmal habe ich geſehen, daß, wenn ſie eine Baumhöhlung entdeckt hatten, ſie dann ſtets ſorgfältig unter - ſuchten, ob nicht etwa eine Schlange darin wäre. Zuerſt wurde hineingeſchaut, ſo weit dies möglich war, hierauf nahmen ſie das Ohr zur Hülfe, und wenn auch dieſes ihnen nichts Ungewöhnliches mit - theilte, ſtreckten ſie zögernd den einen Arm in die Höhle. Niemals tauchte ein Affe mit einem ein -
zigen kühnen Griff in die Tiefe, ſondern ſtets in Abſätzen, immer ein Stückchen tiefer, und immer horchte und ſchaute er dazwiſchen wieder in das Loch hinein, ob ſich drin der gefürchtete Lurch ver - rathe. Jn der Gefangenſchaft habe ich ihre Angſt vor den Schlangen noch ausführlicher beobachten können, — doch davon ſpäter.
Die Fortpflanzungszeit der freilebenden Meerkatzen ſcheint an keine beſtimmte Jahreszeit gebun - den zu ſein. Man ſieht bei jeder Herde Sänglinge, Kinder und Halberwachſene, der mütterlichen Zucht nicht mehr Bedürftige. — Jn den Gärten und Thierſchaubuden Europas pflanzen ſich die meiſten Arten ohne Umſtände fort.
58Die Affen. Meerkatzen. — Rothe Meerkatze.Während meines langjährigen Aufenthalts in Afrika habe ich ſtets viele Affen und darunter auch regelmäßig Meerkatzen und zwar hauptſächlich den Abalandj der Araber (Cercopithecus griseo - viridis) in der Gefangenſchaft gehalten und berichte alſo nach eigner Erfahrung über das geiſtige Weſen der Thiere, welches man eben faſt nur an Gefangenen beobachten kann. Jch darf verſichern, daß jedes dieſer merkwürdigen Thiere ſein eignes Weſen hatte und mir beſtändig Gelegenheit zu ebenſo anziehenden als unterhaltenden Beobachtungen gab. Der eine Affe war zänkiſch und biſſig, der andere friedfertig und zahm, der dritte mürriſch, der vierte ewig heiter, dieſer ruhig und einfach, jener pfiffig, ſchlau und ununterbrochen auf dumme, boshafte Streiche bedacht; alle aber kamen darin überein, daß ſie größeren Thieren gern einen Schabernack anthaten, kleinere aber beſchützten, hegten und pflegten. Sich ſelbſt wußten ſie jede Lage erträglich zu machen. Dabei lieferten ſie täglich Beweiſe eines großen Verſtandes, wahrhaft berechnender Schlauheit und wirklich vernünftiger Ueberlegung, zugleich aber auch der größten Gemüthlichkeit und zärtlichſten Liebe und Aufopferung anderen Thieren gegenüber, und ich habe wegen aller dieſer Eigenſchaften einzelne wirklich liebgewonnen.
Als ich auf dem blauen Fluſſe reiſte, brachten mir die Einwohner eines Uferdorfes einmal fünf friſchgefangene Meerkatzen zum Verkauf. Der Preis war ſehr niedrig; denn man verlangte blos zehn Groſchen unſers Geldes für eine jede. Jch kaufte ſie in der Hoffnung, eine luſtige Reiſegeſell - ſchaft an ihnen zu bekommen, und band ſie der Reihe nach am Schiffbord feſt. Meine Hoffnung ſchien jedoch nicht in Erfüllung gehen zu ſollen, denn die Thiere ſaßen traurig und ſtumm neben einander, bedeckten ſich das Geſicht mit beiden Händen wie tiefbetrübte Menſchenkinder, fraßen nicht und ließen von Zeit zu Zeit traurige Gurgeltöne vernehmen, welche offenbar Klagen über das ihnen gewordene Geſchick ausdrücken ſollten. Es iſt auch möglich, daß ſie ſich über die geeigneten Mittel beriethen, aus der Gefangenſchaft wieder loszukommen; wenigſtens ſchien mir ein Vorfall, der ſich in der Nacht begab, auch mit Ergebniß ihrer Gurgelei zu ſein. Am andern Morgen nämlich ſaß blos noch ein einziger Affe an ſeinem Platze, die übrigen waren entflohen. Kein einziger der Stricke, mit denen ich ſie gefeſſelt hatte, war zerbiſſen oder zerriſſen, die ſchlauen Thiere hatten vielmehr die Knoten ſorgfältig aufgelöſt, an ihren Gefährten aber, welcher etwas weiter von ihnen ſaß, nicht gedacht und ſo ihn in der Gefangenſchaft ſitzen laſſen.
Dieſer Uebriggebliebene war ein Männchen und erhielt den Namen Koko. Er trug ſein Geſchick mit Würde und Faſſung. Die erſte Unterſuchung hatte ihn belehrt, daß ſeine Feſſeln für ihn unlös - bar ſeien, und ich meines Theils ſah darauf, ihm dieſe Ueberzeugung noch mehr einzuprägen. Als echter Weltweiſer ſchien ſich Koko nun gelaſſen in das Unvermeidliche zu fügen und fraß ſchon gegen Mittag des folgenden Tages Durrahkörner und anderes Futter, welches wir ihm vorwarfen. Gegen uns war er giftig und biß Jeden, der ſich ihm nahte, doch ſchien ſich ſein Herz nach einem Gefährten zu ſehnen. Er ſah ſich unter den anderen Thieren um und wählte ſich unbedingt den ſonderbarſten Kanz, welchen er ſich hätte wählen können, einen Nashornvogel nämlich, welchen wir aus demſelben Walde, dem er entſtammte, mitgebracht hatten. Wahrſcheinlich hatte ihn die Gutmüthigkeit des Vogels beſtochen. Die Verbindung Beider wurde bald eine ſehr innige. Koko behandelte ſeinen Pflegling unverſchämt; dieſer aber ließ ſich Alles gefallen. Er war frei und konnte hingehen wohin er wollte, gleichwohl näherte er ſich oft aus freien Stücken dem Affen und ließ nun Alles über ſich ergehen, was dieſem gerade in den Sinn kam. Daß der Vogel Federn anſtatt der Haare hatte, kümmerte Koko ſehr wenig: ſie wurden ebenſogut nach Läuſen durchſucht wie das Fell der Säugethiere, und der Vogel ſchien ſich wirklich bald ſo daran zu gewöhnen, daß er ſpäter gleich von ſelbſt die Federn ſträubte, wenn der Affe ſein Lieblingswerk begann. Daß ihn dieſer während des Reinigens hin - und herzog, ihn beim Schnabel, an dem Beine, an dem Halſe, an den Flügeln und an dem Schwanze herum - riß, brachte das gutmüthige Geſchöpf auch nicht auf. Er hielt ſich zuletzt regelmäßig in der Nähe des Affen, fraß das vor dieſem liegende Brod weg, putzte ſich und ſchien ſeinen vierhändigen Freund faſt herausfordern zu wollen, ſich mit ihm zu beſchäftigen. Die beiden Thiere lebten mehrere Monate in engſter Gemeinſchaft zuſammen, auch ſpäter noch, als wir nach Chartum zurückgekehrt waren und59Gefangenleben. Freundſchaften. Pflegeluſt. Mutterliebe. Streiche.der Vogel im Hofe frei herumlaufen konnte. Erſt der Tod des Letztern löſte das ſchöne Verhältniß. Koko war wieder allein und langweilte ſich. Nun verſuchte er zwar, ſich mit gelegentlich vorüber - ſchleichenden Katzen abzugeben, bekam aber von dieſen gewöhnlich Ohrfeigen anſtatt Freundſchafts - bezeigungen und wurde einmal auch in einen ernſthaften Kampf mit einem biſſigen Kater verwickelt, welcher unter entſetzlichem Fauchen, Miauen, Gurgeln und Schreien ausgefochten wurde, aber unent - ſchieden blieb, wenn er auch mit dem Rückzuge des jedenfalls unverſehens gepackten Mauſejägers endete.
Ein junger, mutterloſer Affe gewährte endlich Kokos Herzen die nöthige Beſchäftigung. Gleich als er das kleine Thierchen erblickte, war er außer ſich vor Freuden und ſtreckte verlangend die Hände nach ihm aus; wir ließen den Kleinen los und ſahen, daß er ſofort ſelbſt zu Koko hinlief. Dieſer erſtickte den angenommmenen Pflegeſohn faſt mit Freundſchaftsbezeigungen, drückte ihn an ſich, gurgelte vergnügt und begann dann ſogleich die allerſorgfältigſte Reinigung ſeines vernachläſſigten Fells. Jedes Stäubchen, jeder Stachel, jeder Splitter, welche in jenen kletten -, diſtel - und dornenreichen
Ländern immer im Felle der Säugethiere hängen bleiben, wurden herausgeleſen und weggekratzt. Dann folgte wieder neue Umarmung und andere Beweiſe der größten Zärtlichkeit. Wenn einer von uns Koko ſein Pflegekind entreißen wollte, wurde er wüthend, und wenn wir den Kleinen ihm wirklich abgenommen hatten, traurig und unruhig. Er benahm ſich ganz, als ob er ein Weibchen, ja als ob er die Mutter des kleinen Waiſenkindes wäre. Dieſes hing nun auch mit großer Hingabe an ſeinem Wohlthäter und gehorchte ihm auf das Wort.
Leider ſtarb dieſes Aeffchen trotz aller ihm erwieſenen Sorgfalt ſchon nach wenig Wochen. Koko war außer ſich vor Schmerz. Jch habe oft tiefe Trauer bei Thieren beobachtet, niemals aber in dem Grade, wie ſie unſer Affe jetzt zeigte. Zuerſt nahm er ſeinen todten Liebling in die Arme, hätſchelte und liebkoſte ihn, ließ die zärtlichſten Töne hören, ſetzte ihn dann an ſeinen bevorzugten Platz an dem Boden, ſah ihn immer wieder zuſammenbrechen, immer unbeweglich bleiben und brach nun von neuem in wahrhaft herzbrechende Klagen aus. Die Gurgeltöne gewannen einen Ausdruck, den ich60Die Affen. Meerkatzen. — Rother Affe. vorher nie vernommen hatte; ſie wurden weich, ergreifend, ton - und klangreich, und dann wieder un - endlich ſchmerzlich, ſchneidend und verzweiflungsvoll. Jmmer und immer wiederholte er ſeine Be - mühungen, immer wieder ſah er keinen Erfolg und begann dann wieder zu klagen und zu jammern. Sein Schmerz hatte ihn veredelt und vergeiſtigt; er rührte uns und bewegte uns zu dem tiefſten Mitleid. Jch ließ endlich das Aeffchen wegnehmen, weil ſchon wenige Stunden nach deſſen Tode die Fäulniß begann, und die kleine Leiche über eine hohe Mauer werfen. Koko hatte aufmerkſam zuge - ſehen, geberdete ſich wie toll, zerriß in wenig Minuten ſeinen Strick, ſprang über die Mauer hinweg, holte ſich den Leichnam und kehrte mit ihm in den Armen auf ſeinen alten Platz zurück. Wir banden ihn wieder feſt, nahmen ihm den Todten nochmals und warfen ihn weiter weg; Koko befreite ſich zum zweiten Male und that wie vorher. Endlich vergruben wir das Thier: — eine halbe Stunde ſpäter war Koko verſchwunden, und am andern Tage erfuhren wir, daß in dem Walde eines nahen Dorfes, welcher ſonſt nie Affen beherbergte, ein ſehr menſchengewöhnter Affe zu ſehen geweſen ſei.
Ungefähr einen Monat ſpäter erhielt ich eine Meerkatzenmutter mit ihrem Kinde und konnte nun mit Muße das Verhältniß zwiſchen Beiden belauſchen; auch dieſes Kleine ſtarb, obwohl ihm Nichts mangelte. Von dieſem Augenblicke an hörte die Alte auf, zu freſſen, und ſtarb nach wenig Tagen.
Solche Thatſachen tragen gewiß nicht wenig dazu bei, dieſe Affen zu wahren Lieblingen des Menſchen zu machen; ſie ſind vielleicht die einzigen, mit denen man ſich wirklich befreunden kann.
Jch erfuhr aber auch genug Beweife von dem Muthwillen derſelben Affenart. Sie waren zu - weilen ſehr ergötzlich, zuweilen aber auch recht ärgerlich. Ein Freund von mir beſaß eines dieſer Aeffchen, welches im höchſten Grade zärtlich an ihm hing, aber doch nicht an Reinlichkeit zu gewöhnen war. Während es mit ſeinem Herrn ſpielte, beſchmuzte es dieſen oft in der ſchändlichſten Weiſe, und weder Schläge noch andere Zuchtmittel, welche man in ſolchen Fällen bei Thieren anwendet, ſchienen das Geringſte zu fruchten. Dieſer Affe war ſehr diebiſch und nahm alle glänzenden Gegenſtände, die er erwiſchen und forttragen konnte, augenblicklich an ſich. Der Genannte wohnte in Kairo in dem Ge - ſchäftshauſe der oſtindiſchen Compagnie. Jm Untergeſchoß befand ſich die Schreiber - und die Kaſſen - ſtube der Geſellſchaft. Beide waren gegen menſchliche Diebe durch ſtarke Eiſengitter vor den Fenſtern wohl geſchützt, nicht aber gegen ſolche Spitzbuben, wie jener Affe einer war. Eines Tages bemerkte mein Freund beide Backentaſchen ſeines Lieblings vollgepfropft, lockte ihn deshalb an ſich heran, unter - ſuchte die Vorrathskammern und fand in der einen drei und in der andern zwei Guineen, welche ſich der Affe aus der Kaſſe herauf geholt hatte. Das Geld wurde natürlich an den Eigenthümer zurück - gegeben, derſelbe aber zugleich erſucht, in Zukunft auch die Glasfenſter verſchloſſen zu halten, um dem kleinen Diebe das Stehlen unmöglich zu machen.
Eine Meerkatze brachte ich mit in meine Heimat. Sie gewann ſich ſehr bald die Zuneigung meiner Eltern und anderer Leute, ließ ſich aber doch viel loſe Streiche zu Schulden kommen. Die Hühner meiner Mutter brachte ſie geradezu in Verzweiflung, weil es ihr den größten Spaß zu machen ſchien, dieſe Thiere zu jagen und zu ängſtigen. Jm Hauſe ſelbſt ging ſie durch Küche und Keller, in alle Kammern und auf den Boden, und was ihr da recht ſchien, wurde entweder zerbiſſen oder ge - freſſen oder mitgenommen. Niemand war ſo geſchickt, ein Hühnerneſt aufzufinden, wie ſie: die Hühner mochten machen, was ſie wollten, Haſſan, ſo hieß der Affe, kam gewiß hinter ihre Schliche, nahm die Eier weg und ſoff ſie aus. Einige Male bewies er jedoch gerade bei dieſer Räuberei wahren Men - ſchenverſtand. Meine Mutter ſchalt ihn aus und züchtigte ihn, als er wieder mit dottergelbem Maule erſchien. — Am andern Tage brachte er ihr zierlich ein ganzes Hühnerei, legte es vor ſie hin, gurgelte beifällig und ging ſeiner Wege. Unter allen irdiſchen Genüſſen ſchien ihn Milch und noch mehr Sahne am meiſten zu entzücken. Es dauerte gar nicht lange, ſo wußte er in der Speiſekammer präch - tig Beſcheid und genau, wo dieſe leckeren Dinge aufbewahrt wurden, ermangelte auch nicht, jede Ge - legenheit zu benutzen, um ſeine Naſchhaftigkeit zu befriedigen. Auch hierbei wurde er erwiſcht und aus - geſcholten; deshalb verfuhr er in Zukunft liſtiger. Er nahm ſich nämlich das Milchtöpfchen mit auf den Baum und fraß es dort in aller Ruhe aus. Anfangs warf er die ausgeleerten Töpfe achtlos61Aus dem Gefangenleben der graugrünen Meerkatze.weg und zerbrach ſie dabei natürlich faſt immer; dafür wurde er beſtraft und zu dem innigen Vergnü - gen meiner Mutter brachte er ihr nun regelmäßig die leeren, aber unzerbrochenen Töpfchen wieder!
Sehr ſpaßhaft war es, wenn dieſer Affe an den Ofen kletterte, oder wenn er ein ziemlich langes Ofenrohr beſtieg: hier ſprang er wahrhaft verzweifelt von einem Bein auf das andere, wenn ihm die Wärme des Rohres zu arg wurde, und führte dergeſtalt die allerdrolligſten Tänze aus; ſo geſcheit war er aber nicht, daß er den heißen Boden verlaſſen hätte, bevor er wirklich gebrannt worden war. Er blieb ſehr gleichgültig gegen alle unſere Hausthiere, hielt aber mit einem weiblichen Pavian, den ich ebenfalls mitgebracht hatte, innige Freundſchaft und ließ ſich von dieſem hätſcheln und pflegen, wie ein kleiner unverſtändiger Affe, obgleich er vollkommen erwachſen war. Des Nachts ſchlief er ſtets in des Pavians Arm, und Beide hielten ſich dann ſo feſt umſchlungen, daß es ausſah, als wären ſie nur ein Weſen. Der Pavian und die Meerkatze unterhielten ſich lange mit verſchiedenen kurzen Gurgel - tönen und verſtanden ſich ganz entſchieden vortrefflich. Seiner Pflegerin bewies er trotz ſeines Alters kindlichen Gehorſam, wie jenes oben erwähnte junge Aeffchen ſeinem Wohlthäter. Er folgte ihr über - all hin, wohin dieſe von uns geführt wurde, und kam ſogleich in das Zimmer, in welches wir ſeine mütterliche Freundin brachten. Nur in deren Geſellſchaft unternahm er weitere Ausflüge, und wenn er allein ſeinem Treiben nachging, entfernte er ſich niemals weit und blieb mit ihr in beſtändiger Unterhaltung. Selbſt entſchiedene Gewaltthätigkeiten ließ er ſich von ihr gefallen, ohne zu grollen. Er theilte jeden guten Biſſen mit ſeiner Pflegemutter; dieſe aber erkannte ſolche Herzensgüte nur ſelten und niemals dankbar an. So oft Haſſan auch einmal etwas für ſich behalten wollte, änderte ſich das Verhältniß zwiſchen Beiden. Denn wie ein Raubthier fiel dann der große Pavian über den armen Burſchen her, brach ihm das Maul auf, holte ſich mit ſeinen Fingern das Futter aus Haſſans Backentaſchen heraus, fraß es auf und kniff und puffte den armen Wehrloſen wohl auch noch tüch - tig dabei.
Gegen uns war er liebenswürdig, gab aber niemals ſeine Selbſtſtändigkeit auf. Er kam auf den Ruf — wenn er wollte, ſonſt antwortete er wohl, rührte ſich aber nicht. Wenn wir ihn gefangen hatten und gewaltſam feſthielten, verſtellte er ſich nicht ſelten mit größter Meiſterſchaft und geberdete ſich zuweilen, als müſſe er im nächſten Augenblicke abſcheiden; ſowie er aber frei wurde, rächte er ſich für die erlittene Gefangenſchaft durch Beißen und entfloh dann mit beifälligem Gegurgel.
Der zweite kalte Winter, den er in Deutſchland verlebte, endete leider ſein friſches, fröhliches Leben, und das ganze Haus trauerte um ihn, als ob ein Kind geſtorben wäre. Jedermann hatte ſeine unzähligen Unarten vergeſſen und gedachte nur noch ſeines heitern Weſens und ſeiner Gemüthlichkeit.
Nicht alle Meerkatzen ſind ſo hübſch, wie die eben beſchriebene Art; einige ſcheinen ſogar recht mürriſch und widerwärtig zu ſein. Nach meinen Erfahrungen iſt der rothe Affe (Cercopithecus ruber — Seite 52), welcher dieſelben Gegenden bewohnt, wie die eben geſchilderte Art, die langweiligſte und unliebenswürdigſte, und ſein Geiſt entſpricht ſo durchaus nicht ſeinem ſchön gezeichneten Leibe. Er iſt ein ſehr ſchmuckes Thier: der Pelz iſt oben goldglänzend, unten, wie der Backenbart, weiß; das Geſicht, die Ohren und Hände ſind ſchwarz, und um die Augen zieht ſich ein fleiſchrother Ring. Seine Größe übertrifft die des Vorigen um etwas. Dieſer Affe dürfte die Callitriche des Plinius ſein. Man findet ihr Bildniß auf den egyptiſchen Denkmälern und ſie ſelbſt einbalſamirt in den Pyramiden von Sakhahra, obwohl man nicht zu ſagen weiß, warum gerade ſie und nicht der vorhergehende Affe zu ſolcher Ehre gekommen iſt. Jn ihrer Jugend iſt die Callitriche lebhaft, anſtändig und liebenswürdig, je älter ſie aber wird, um ſo ernſthafter, langweiliger und bösartiger zeigt ſie ſich. Sie verliert dann gewöhn - lich alle Zahmheit und beißt giftig um ſich. Jhre Reizbarkeit iſt ſehr groß und der Ausdruck derſelben wirklich lächerlich: ſie ſperrt nämlich, wenn ſie wüthend wird, das Maul weit auf, als ob ſie gähne und faucht leiſe dabei. Wie es ſcheint, kommt ſie niemals in ſo großen Herden vor, wie der vor - hergehende Affe. —
62Die Affen. Meerkatzen. — Diana. Weißnaſe. Mohrenaffe. Makaken.Außer ihr zeichnen ſich noch manche andere Meerkatzen durch ihre Schönheit aus. Eine der be - kannteſten derſelben iſt die Diana (Cercopithecus Diana — Seite 54). Dieſe iſt ein ziemlich kleines, ſchlankes Thier und an ihrem langen Backen - und Stutzbart leicht kenntlich. Jhre Hauptfarbe iſt ſchiefergran, der Rücken und das Kreuz ſind purpurbraun, der untere Körper weiß, die Schenkel hinten gelblich, das Geſicht ſchwarz; dem Weibchen mangelt der Bart. Wenn wir nun noch die Weiß-Naſe (Cercopithecus petaurista — Seite 57) aufführen, haben wir der merkwürdigſten und bekannteſten Arten unſerer Sippe Erwähnung gethan.
An die folgende Gruppe erinnert der Mohrenaffe (Cercopithecus oder Cercoeebus fuligi - nosus — Seite 59), welcher an der Küſte von Guinea lebt, durch ſeine gedrungene Geſtalt und die vorſtehende dicke Schnauze. Seine Länge mit dem Schwanz beträgt über drei Fuß, die Leibeslänge gegen zwei Fuß; ſeine Färbung iſt oben rußbraun, unten graulich. Jn Thierſchaubuden iſt er eine häufige Erſcheinung.
Mit dem Namen Makak oder Makako bezeichnet man an der Küſte von Guinea alle Affen überhaupt, im wiſſenſchaftlichen Sinne aber eine nicht beſonders zahlreiche Gruppe, deren Mitglieder theils im ſüdöſtlichen Aſien, theils in Afrika leben. Neuere Forſcher haben die Sippe getrennt und unterſcheiden die aſiatiſchen und geſchwänzten Makaken (Macacus) von dem japaneſiſchen und dem afrikaniſchen ungeſchwänzten Magot (Inuus), welcher auch die Felſen Gibraltars bewohnt. Jn ihrer Geſtalt und Lebensweiſe haben beide Sippen übrigens ſo viel Gemeinſchaftliches, daß wir ſie recht wohl zuſammenfaſſen können.
Alle Affen beider Sippen haben eine unterſetzte Geſtalt, gleichlange und ziemlich ſtarke Glied - maßen, eine ſtark vorſpringende Schnauze, fünfzehige Vorder - und Hinterhände mit langen Daumen und eine weiche lockere Behaarung. Nur der Schwanz ſpielt in verſchiedener Länge; er iſt bei den einen blos ein Stummel, bei andern mittellang und bei den dritten länger als der Leib.
Jn der Vorzeit waren die Makaken über einen großen Theil Europas verbreitet, und auch gegen - wärtig noch gehen ſie am weiteſten nach Norden hinauf. Die ſtummelſchwänzigen Arten bewohnen Nordafrika und Japan, die langſchwänzigen das Feſtland und die Jnſeln Oſtindiens. Sie vertreten gleichſam die Meerkatzen, ähneln aber auch wiederum den Pavianen in vieler Hinſicht und ſind ſomit als Verbindungsglieder zwiſchen beiden anzuſehen. Dieſe Mittelſtellung ſpricht ſich auch in ihrer Lebensweiſe aus, d. h. ſie leben bald wie die Meerkatzen in Wäldern, bald wie die Paviane auf Felſen. Beider Unverſchämtheit ſcheint in ihrem Weſen vereinigt zu ſein; in der Jugend ſind ſie gemüthlich luſtig wie die Meerkatzen, im Alter boshaft und frech wie die Paviane. Sie eignen ſich vortrefflich für die Gefangenſchaft, halten am längſten in ihr aus und pflanzen ſich am leichteſten in ihr fort. Daher weiß man auch, daß ſie ſieben Monate trächtig gehen. Während der Brunſtzeit ſchwellen die Geſchlechtstheile ihrer Weibchen ſtark an, wie bei den weiblichen Pavianen. — Unter den acht Arten der Gruppe, welche man mit Sicherheit als von einander verſchieden betrachten darf, wählen wir uns die Ausgezeichnetſten und Bekannteſten aus.
Eine Art aus Malabar kommt uns ſehr häufig in Thierſchaubuden zu Geſicht und heißt deshalb auch der gemeine Makako (Macacus sinicus). Bezeichnender dürfte der lateiniſche Name oder der Titel „ Hutaffe ‟ ſein, weil beide an die „ chineſiſche ‟ Mütze erinnern, welche das Thier auf ſeinem Kopfe trägt. Jn ſeiner Heimat heißt unſer Affe übrigens Munga oder Malbruk. Seine Leibeslänge beträgt nur einen Fuß, die des Schwanzes aber 1½ Fuß; der Leib iſt ziemlich ſchmächtig, die Schnauze zuſammengedrückt und vorſtehend, das Scheitelhaar ſtrahlig. Die Färbung iſt ein fahles Grünlichgrau, welches durch den Geſammtausdruck der grauen, ſchwarz und gelb geringelten Haare hervorgerufen wird; die Unterſeite iſt weißlich, Hände und Ohren ſind ſchwärzlich gefärbt. Von den Meerkatzen unterſcheidet er ſich hauptſächlich durch den kräftigern Leibes - und Gliederbau.
63Verbreitung. Heilighaltung indiſcher Makaken.Jn ſeinem geiſtigen Weſen iſt der Munga ein ächter Affe, d. h. wetterwendiſch wie kaum ein anderes Thier. Seine Launen wechſeln ohne Urſache in jedem Augenblick, und daher kommt es, daß man eigentlich niemals recht weiß, wie man mit ihm daran iſt. Sein Muthwillen, die Munterkeit ſeines Weſens, ſeine Nachahmungsſucht und ſeine Gelehrigkeit machen ihn jedoch zu einem gern geſehenen Geſellſchafter und laſſen nicht nur ſeine Unarten, ſondern auch ſein wirklich garſtiges Geſicht vergeſſen.
Recht gemüthlich mag ſein Freileben ſein. Er bewohnt die dichteren Waldungen Malabars, ohne von irgend welchem Feinde behelligt zu werden. Die Eingebornen betrachten ihn als ein heiliges Weſen und erlauben ihm nicht blos, in ihren Gärten nach Luſt und Willkür zu ſchalten, ſondern errichten ihm noch beſonders Tempel und bauen Fruchtgärten für ihn an, um dem ſaubern Heiligen ihre Ehrfurcht zu beweiſen. Ob auch ihm ähnliche Heldenthaten zugeſchrieben werden, wie dem Hulmann, iſt mir unbekannt.
Es iſt nicht unmöglich, daß der Munga mit einem andern indiſchen Affen, dem Bhunder oder Rheſus (Macacus Rhesus) verwechſelt wird. Dieſes Thier ſcheint in den Augen der Jnder ein ſehr großer Gott zu ſein, ſo eine Art Erzheiliger oder Erzengel. Seine Verehrung überſteigt das Maß von kindlicher Einfalt.
„ Jn der Nähe von Bindrabun, zu Deutſch Affenwald ‟, ſagt Kapitän Johnſohn, „ giebt es mehr als hundert wohlbeſtellte Gärten, in welchen alle Arten von Früchten gezogen werden, einzig und allein zum Beſten dieſer Affen, deren Unterhaltung den Reichen des Landes als großes Glaubenswerk erſcheint. ‟
„ Als ich durch eine der Straßen in Bindrabun ging, folgte ein alter Affe mir von Baum zu Baum, kam plötzlich herunter, nahm mir meinen Turban weg und entfernte ſich damit in kurzer Zeit, ohne wieder geſehen zu werden.
„ Jch wohnte einſt einen Monat in dieſer Stadt, und zwar in einem großen Hauſe an den Ufern des Fluſſes, welches einem reichen Eingebornen gehörte, Das Haus hatte keine Thüren, und die Affen kamen oft in das Jnnere des Zimmers, in welchem ich mich aufhielt, und nahmen Brod und andere Dinge vor unſeren Augen von dem Tiſche weg. Wenn wir in einer Ecke des Raumes ſchliefen,64Die Affen. Makaken. — Munga und Bhunder. brandſchatzten ſie uns auch in anderer Hinſicht. Jch habe oft mich ſchlafend geſtellt, um ſie in ihren Treiben zu beobachten, und dabei mich weidlich gefreut ihrer Pfiffigkeit und Geſchwindigkeit. Sätze von zwölf bis funfzehn Fuß von einem Haus zum andern, mit einem, ja zwei Jungen unter ihrem Bauche und noch dazu beladen mit Brod, Zucker und anderen Gegenſtänden, ſchienen für ſie nur Spaß zu ſein. ‟
„ Als ich einmal auf einem Ausflug in Jeckarry war, wurden unſere Zelte in einem großen Mangogarten aufgeſchlagen und unſere Pferde in geringer Entfernung davon angepflöckt. Als wir bei Tiſche waren, kam unſer Reitknecht und erzählte, daß eins von den Pferden ſich losgebrochen hatte, weil es die Affen auf den Bäumen erſchreckt hatten durch ihr Gezänk und das Herabwerfen von dürren Zweigen, und daß wahrſcheinlich die übrigen Pferde dem Beiſpiel des einen folgen würden, wenn wir nicht Hilfe ſchafften. Sobald als das Eſſen vorüber war, ging ich mit meinem Gewehr, um ſie wegzutreiben. Jch ſchoß auf einen mit einem ſchwachen Schuß, und er eutfloh eilig zwiſchen die dichteſten Zweige des Baumes, blieb aber dann entkräftet ſitzen und verſuchte, das aus der Wunde rinnende Blut durch Auflegen ſeiner Hände zum Stocken zu bringen. Dies erſchütterte mich ſo, daß ich an keine Jagd mehr dachte und zurückkehrte. Noch ehe ich den Vorfall meinen Freunden beſchreiben konnte, kam ein Reitknecht zu uns und erzählte, daß der Affe zwar todt geweſen ſei, aber von den anderen augenblicklich aufgenommen und fortgetragen worden wäre, Niemand wiſſe, wohin. ‟
„ Ein glaubwürdiger Mann erzählt mir, daß die Ehrfurcht der Eingebornen gegen dieſen Affen faſt ebenſo groß ſei, wie die gegen den Hulman. Die Eingebornen von Baka laſſen den Ernte - zehnten auf dem Acker für dieſe Affen zurück, welche alsbald von ihren Bergen herabſteigen, um ſich die Steuern zu holen. ‟
Bereitwillig zahlt jeder Hindu dieſe Abgabe und zeigt hierin eine Mildthätigkeit und Barm - herzigkeit, welche, trotzdem daß ſie faſt lächerlich erſcheint, ihm doch ſo zur Ehre gereicht, daß wir ſie uns in vieler Hinſicht zum Vorbild nehmen könnten. Auch in dem Schutz, welchen ſie den von ihnen gepflegten Thieren Fremden gegenüber gewähren, kann ich meines Theils nichts Lächerliches oder Unpaſſendes finden; mir will es vielmehr höchſt achtbar vorkommen, daß dort die Menſchen noch die Thiere gegen jeden Frevel in Schutz nehmen. Freilich gehen die Jndier etwas zu weit; denn ſie rauben dem Menſchen, welcher einen Affen tödtete, das Leben. Zwei junge britiſche Offiziere begingen auf einem Jagdzug die Unvorſichtigkeit, einen Bhunder zu ſchießen. Die Eingebornen erhoben ſich in Maſſe gegen ſie und verſuchten, ſie zu ſteinigen. Der Elefant, auf welchem die Offiziere ritten, ſuchte dem zu entgehen, indem er nach dem Fluß rannte und mit ſeiner Laſt in ihm abwärts ſchwamm. Er erreichte auch eine Meile unter der Stadt, welche die Briten in Aufruhr geſetzt hatten, das Land, allein ſeine Reiter waren beide ertrunken.
Für die Fremden iſt es freilich ſchwer, mit dieſen Affen zuſammenzuleben, ohne mit ihnen in Feindſchaft zu gerathen. Es iſt faſt unmöglich, ſich einen Garten oder eine Pflanzung anzulegen: die geduldeten Halbgötter vernichten oder brandſchatzen ihn wenigſtens in der allernachdrücklichſten Weiſe. Wenn man Wachen ausſtellt, um ſie zu verſcheuchen, kommt man nicht zum Ziele; denn wenn man die zudringlichen Gäſte auf der einen Seite weggejagt hat, erſcheinen ſie auf der andern wieder. Brennende Feuer, Schreckensbilder und dergleichen ſtören ſie nicht im geringſten, und die ihnen wirklich angethane Gewalt gefährdet das eigne Leben.
Ein dort wohnender Engländer wurde, wie man erzählt, durch die Thiere zwei Jahre lang in dieſer Weiſe beſtohlen und geärgert. Er wußte ſich gar nicht mehr vor ihnen zu retten, bis er endlich auf ein wirklich ſinnreiches Mittel verfiel. Er hatte immer geſehen, daß ſeine herrliche Zucker - rohrpflanzung von Elefanten, Schweinen, vor allem aber von den Affen verwüſtet wurde. Erſtere wußte er in kurzer Zeit durch einen tiefen Graben mit einem Spitzfahlzaun abzuwehren. Die Affen aber fragten wenig oder gar nichts nach Wall oder Graben, ſondern kletterten in aller Gemüthsruhe auch über den Zaun hinweg und raubten nach wie vor. Der Pflanzer ſah ſeine Ernte verſchwinden. Da kam er auf einen glücklichen Gedanken. Er jagte eine Baude Affen auf einen65Geſchichten aus Jndien. Eine Affenmutter und ihr Kind.Baum, fällte denſelben mit Hilfe ſeiner Diener, ſing eine Menge von den Jungen und nahm ſie mit ſich nach Haus. Hier hatte er ſich bereits eine Salbe zurecht gemacht, in welcher Zucker, Honig und Brechweinſtein die Hauptbeſtandtheile waren. Mit dieſer Salbe wurden die jungen Affen eingerieben und dann wieder freigelaſſen. Die ängſtlichen Eltern hatten ſorgend nach ihrer Nachkommenſchaft geſpäht und waren froh, als ſie die lieben Kinder erblickten. Aber o Jammer, wie kamen ſie zurück! Unſauber, beſchmuzt, beſchmiert, kaum mehr kenntlich. Natürlich, daß ſofort eine gründliche Reini - gung vorgenommen wurde. Die Beſchwerde der Säuberung ſchien ſich zu lohnen, denn zuckerſüß war die Schmiere, welche den Körper bedeckte. Beifälliges Grunzen wurde vernommen, doch nicht lange Zeit: der Brechweinſtein zeigte ſeine tückiſche Wirkung, und ein Fratzenſcheiden begann, wie niemals früher, als die Affen ſich anſchickten, mit heißem Flehen den heiligen Ulrich anzurufen. Nach dieſer bittern Erfahrung kamen ſie nie wieder in die Nähe des Verräthers und ließen ſein Hab und Gut fortan unbehelligt.
Der Bhunder iſt 1½ Fuß lang, ſein Schwanz ½ Fuß. Er iſt von kräftigem, unterſetzten Bau, am Oberleib reichhaltig, am Unterleib ſpärlich behaart. Seine Haut iſt ſchlaff und bildet an dem Halſe, der Bruſt und dem Bauche wammenartige Falten. Die Färbung iſt oben grünlich oder fahlgrau, an den Schenkeln mit hellgelblichen Anflug, an der Unterſeite weiß. Der Schwanz iſt oben grünlich, unten graulich. Das Geſicht, die Ohren und Hände ſind licht kupferfarben, die Geſäß - ſchwielen lebhaft roth gefärbt. Das Weibchen trägt ſeinen Schwanz gewöhnlich hängend, das Männchen bogig ab - und einwärts gekrümmt. Unſer Affe iſt weit verbreitet in ganz Jndien und ſteigt bis zu zehntauſend Fuß übers Meer empor.
Jn der Gefangenſchaft iſt der Bhunder nicht eben angenehm, ſondern ärgerlich, wüthend und ſehr reizbar. Er zerbricht und zerreißt Alles, was man in die Nähe ſeines Käfigs bringt, und ſcheint ſich außerordentlich zu freuen, wenn ihm ein ſchlechter Streich gelang. Dabei iſt er eiferſüchtig und ſchelſüchtig gegen ſeines Gleichen und geräth in Wuth, wenn er einen andern Affen freſſen ſieht. Jn dem Thiergarten zu Paris hatte man im November des Jahres 1824 das Vergnügen, ein trächtiges Weibchen dieſer Art zu erhalten und es vor und nach der Geburt ſeines Jungen beobachten zu können. Der ausgezeichnete Forſcher Cuvier theilt uns hierüber Folgendes mit:
„ Unmittelbar nach der Geburt klammerte der junge Bhunder ſich an dem Bauche ſeiner Mutter feſt, indem er ſich mit den vier Händen an ihrem Pelz feſthielt und mit dem Munde die Saugwarze erfaßte. Vierzehn Tage lang ließ er die Brüſte ſeiner Mutter nicht frei. Er blieb während der ganzen Zeit in unveränderter Stellung immer zum Saugen bereit und ſchlafend, wenn die Alte ſich niederſetzte, aber auch im Schlafe ſich feſthaltend. Die eine Saugwarze verließ er nur, wenn er die andere ergreifen wollte, und ſo gingen ihm die erſten Tage ſeines Lebens vorüber, ohne daß er irgend eine andere Bewegung gemacht hatte, als die der Lippen, um zu ſaugen, und die der Augen, um zu ſehen. Er wurde, wie alle Affen, mit offenen Augen geboren, und es ſchien, daß er vom erſten Augenblicke an ſeine Umgebung zu unterſcheiden vermöge; denn er folgte allen um ihn vorgehenden Bewegungen mit ſeinen Augen. ‟
„ Es läßt ſich kaum beſchreiben, wie groß die Sorgfalt der Mutter war für Alles, was das Saugen und die Sicherheit ihres Neugebornen betraf. Sie zeigte ſich ſtets verſtändig und ſo umſichtig. daß man ſie bewundern lernte. Das geringſte Geräuſch, die mindeſte Bewegung erregte ihre Auf - merkſamkeit und zugleich auch eine ängſtliche Sorgfalt für ihr Junges, nicht für ſich ſelbſt; denn ſie war an die Menſchen gewöhnt und ganz zahm geworden. Alle ihre Bewegungen geſchahen mit größter Gewandtheit, doch niemals ſo, daß der Säugling dabei hätte Schaden leiden können. Das Gewicht ihres Jungen ſchien keine ihrer Bewegungen zu hindern, und es war auch kein Unterſchied in der Gewandtheit oder in dem Ungeſtüm derſelben zu bemerken. Wohl aber ſah man deutlich, daß die Alte ſich doppelt in Acht nahm, um nicht irgendwo mit ihrem Kinde anzuſtoßen. Etwa nach vierzehn Tagen begann dieſes ſich von ſeiner Mutter loszumachen und zeigte gleich in ſeinen erſten Schritten eine Gewandtheit, eine Stärke, welche alle in Erſtaunen ſetzen mußte, weil beidem dochBrehm, Thierleben. 566Die Affen. Makaken. — Bhunder. Schweinsaffe. weder Uebung noch Erfahrung zu Grunde liegen konnte. Der junge Bhunder klammert ſich gleich anfangs an die ſenkrechten Eiſenſtangen ſeines Käfigs und kletterte an ihnen nach Laune auf und nieder, machte wohl auch einige Schritte auf dem Stroh, ſprang freiwillig von der Höhe ſeines Käfigs auf ſeine vier Hände herab und dann wieder gegen die Gitter, an welchen er ſich mit einer Behendigkeit und Sicherheit anklammerte, die dem erfahrenſten Affen Ehre gemacht hätte. Die Mutter verfolgte jede Bewegung ihres Kindes mit der größten Aufmerkſamkeit und ſchien immer bereit, einen etwaigen Schaden ihres Lieblings zu verhindern. Später verſuchte ſie, ſich von Zeit zu Zeit der Bürde zu entledigen, blieb aber ſtets gleich beſorgt um ihr Kind, und wenn ſie nur die mindeſte Gefahr zu befürchten glaubte, nahm ſie es ſogleich wieder zu ſich. Die leichteſte Berührung des - ſelben mit ihrer Hand war dem folgſamen Zögling ein Befehl zur Rückkehr, und er nahm dann augenblicklich die gewohnte Lage an der Bruſt der Mutter wieder ein. Die Sprünge und Spiele des kleinen Thieres wurden im gleichen Verhältniß ausführlicher, als die Kräfte deſſelben zunahmen. Jch habe ſeine luſtigen Uebungen oft lange mit dem größten Vergnügen beobachtet und kann bezeugen, daß ich es nie eine falſche Bewegung thun, irriges Maß nehmen oder nicht vollkommen genau den Punkt, welchen es beabſichtigt hatte, erreichen ſah. Der kleine Affe gab mir den unzweideutigen Beweis, daß er ſchon von allem Anfang an Entfernungen beurtheilen und den für jeden ſeiner Sprünge erforderlichen Grad von Kraft zu beſtimmen vermochte. Er kannte ſeine natürlichen Be - wegungen vom erſten Augenblick an und wußte durch ſie Das zu erreichen, was ein anderes Thier, ſelbſt wenn es den Verſtand eines Menſchen beſeſſen haben würde, erſt nach zahlreichen Verſuchen und manchfachen Uebungen hätte erlangen können. Hier konnte man wohl ſagen: Was wiſſen wir, wenn wir eine Erklärung der Handlungen der Thiere geben ſollen? ‟
„ Nach ſechs Wochen ungefähr ward dem Affen eine kräftigere Nahrung, als die Muttermilch, und damit zeigte ſich eine neue Erſcheinung. Die Thiere gewährten neue Aufſchlüſſe über ihr geiſtiges Weſen. Dieſelbe Mutter, welche wir früher mit der zärtlichſten Sorgfalt für ihr Junges beſchäftigt ſahen, welche daſſelbe ohne Unterbrechung an ihrem Körper und ihren Brüſten hängend trug, und von welcher man glauben ſollte, ſie würde, von Mutterliebe getrieben, ihm den Biſſen aus dem eignen Munde zu reichen bereit ſein: dieſelbe Mutter geſtattete ihm, als es zu eſſen anfing, nicht, auch nur das Geringſte von der ihm dargereichten Speiſe zu berühren. Sobald der Wärter Obſt und Brod gereicht hatte, bemächtigte ſie ſich ſolcher, ſtieß das Junge, wenn es ſich nähern wollte, von ſich und füllte eilends Backentaſchen und Hände, damit ihr Nichts entgehe. Man würde ſehr irren, wenn man glauben wollte, daß ein edlerer Trieb, als die Freßgier, ſie zu dieſem Betragen bewogen habe. Zum Saugen konnte ſie das Junge nicht nöthigen wollen; denn ſie hatte keine Milch mehr, und eben - ſowenig konnte ſie Beſorgniß hegen, daß die Speiſen ihrem Jungen ſchädlich ſein könnten; denn dieſes fraß dieſelben begierig und befand ſich dabei recht wohl. Der Hunger machte es nun bald ſehr kühn, unternehmend und behend. Es ließ ſich nicht mehr von den Schlägen der Mutter zurückſchrecken; und was ſie auch thun mochte, um ihr Kind zu entfernen und Alles für ſich allein zu behalten: das Junge war pfiffig und gewandt genug, doch immer ſich des einen oder des andern Biſſens zu bemäch - tigen und ihn hinter dem Rücken der Mutter, ſo fern als möglich von ihr, raſch zu verzehren. Dieſe Vor - ſicht war auch gar nicht unnöthig; denn die Alte lief mehrmals in die entfernteſte Ecke des Raumes, um ihrem Kinde die Nahrung wieder abzunehmen. Um nun die Nachtheile zu verhüten, welche die unmütterlichen Gefühle hätten mit ſich bringen können, ließen wir mehr Vorräthe reichen, als die Alte verzehren oder auch nur in ihrem Munde verbergen konnte, und damit war dem Jungen geholfen. Dieſes lebte nun bei guter Geſundheit und wurde von der Mutter gepflegt, ſo lange es ſich nicht um das Eſſen handelte. Es unterſchied die Perſonen recht gut, welche ihm Nahrung reichten oder es liebkoſten, war ſehr gutartig und hatte von dem Affencharakter einſtweilen nur die Munterkeit und Behendigkeit. ‟
Jch habe die ausgezeichnete Beobachtung des großen franzöſiſchen Forſchers abſichtlich hier in aller Ausführung gegeben, weil meine eigenen Wahrnehmungen an den Meerkatzen uns das mütter - liche und kindliche Verhältniß in einem andern Licht gezeigt haben.
67Jngendleben des Bhunder. Beſchreibung des Schweinsaffen.Von den bisher genannten Makaken unterſcheidet ſich der Schweinsaffe (Macacus nemestrinus) vornehmlich durch ſeinen kurzen, dünnen Schwanz und die hohen Beine. Er erinnert entfernt an die Paviane. Seinen Namen erhielt er eben wegen ſeines Schwanzes, welcher mit dem eines Schweines inſofern Aehnlichkeit hat, als ihn der Affe in einer ganz eigenthümlichen gekrümmten Weiſe trägt. Die Behaarung auf der Oberſeite des Körpers iſt lang und reichlich, auf der Unterſeite ziemlich ſpärlich; ihre Färbung iſt oben dunkelolivenbraun, jedes einzelne Haar abwechſelnd olivenfarben, grünlich, gelblich und ſchwarz geringelt; auf dem Oberarm iſt die Färbung mehr fahlgelb und auf der Unterſeite des Leibes gelblich oder bräunlichweiß. Die Unterſeite des Schwanzes iſt hellroſtbräunlich gefärbt. Geſicht, Ohren, Hände und Geſäßſchwielen ſind nackt und ſchmuzig fleiſchfarben, die oberen Augen - lider weißlich, die Augen braun. Auf dem Scheitel gehen die Haare ſtrahlenförmig auseinander und erinnern nochmals an den früher genannten Makako. Die Höhe dieſes Affen beträgt 2 Fuß 8 Zoll, die Länge des Körpers 1 Fuß 9 Zoll und die des Schwanzes 6 Zoll. Er lebt in den Wäldern von
Sumatra, Borneo und der malaiiſchen Halbinſel und iſt lebhaft und behend, in der Jugend gut und leicht zu zähmen, läßt ſich auch am leichteſten abrichten. Dies benutzen die Malaien, welche ihn Bruh nennen, um ihn in ausgedehnter Weiſe für ſich arbeiten zu laſſen. Sie laſſen ihn nämlich auf die Kokospalme klettern und von dort die Früchte abnehmen. Dabei benimmt er ſich ſo verſtändig und geſchickt, daß er die reifen ſtets von den unreifen unterſcheidet und nur jene herabwirft. Jn dieſer Benutzung ſteht unſer Affe einzig unter ſeinem Geſchlecht da. Er arbeitet hier wirklich wie ein Haus - thier, als Gehilfe des Menſchen. Die Gefangenſchaft verträgt der Bruh gut und lange, auch bei uns zu Lande. Es ſind ſogar Fälle bekannt, daß er ſich hier fortgepflanzt hat. Dagegen fagt man ihm auch nach, daß er die größte Fertigkeit in der Ausübung von dummen und nichtsnutzigen Streichen beſäße und dadurch ſeinen Herrn nicht beſonders vergnüge.
Jn die Gruppe der Makaken gehört endlich noch ein in doppelter Hinſicht merkwürdiger Affe, der Magot (Inuns ecaudatus); ſonſt auch unter dem Namen türkiſcher, gemeiner und berbe -5 *68Die Affen. Makaken. — Magot. riſcher Affe bekannt. Er iſt der einzige Makake, welcher in Afrika lebt, und der einzige ſeiner Ordnung, welcher noch heutigen Tages in Europa wild gefunden wird. Wahrſcheinlich iſt er ſeit den älteſten Zeiten bekannt; denn es iſt anzunehmen, daß die alten Römer hauptſächlich ihn anſtatt des Menſchen zur Zergliederung benutzen.
Der Magot iſt von ſchmächtigem Körperbau und hochbeinig. Sein runzliches Geſicht iſt fleiſch - farben; die Ohren ſind rund und menſchenähnlich: der Schwanz iſt nur ein kurzer, kaum ſichtbarer Stummel. Sein Pelz iſt ziemlich reichlich, auf der Unterſeite des Leibes aber ſpärlich. Jm Geſicht zeigt ſich ein dichter, gelblichweißer Bart, während die Stirnhaare und ein Haarſtreifen über den Augen ſchwarz ſind. Der Rücken und die Außenſeite der vorderen Gliedmaßen ſind grünlichbraun, die Außenſeite der hinteren Gliedmaßen und die Hände ſind röthlichgelb. Die Körperlänge beträgt etwa zwei Fuß.
Unſer Affe iſt der beſtändige Begleiter der Bären - und Kamelführer, welche in unſerm gebildeten Zeitalter leider nicht mehr die liebe Jugend in derſelben Weiſe beluſtigen wie früher. Seine Heimat iſt das nordweſtliche Afrika. Hier lebt er in großen Geſellſchaften unter Leitung alter, erfahrener Männchen. Er iſt ſehr klug, liſtig und verſchlagen, gewandt, behend und kräftig und weiß ſich im Nothfall mit ſeinem vortrefflichen Gebiß ausgezeichnet zu vertheidigen. Bei jeder leiden - ſchaftlichen Erregung verzerrt er das Geſicht in einem Grade, wie kein anderer Affe, bewegt dabei die Lippen ſchnell nach allen Richtungen hin und klappert auch wohl mit den Zähnen. Nur wenn er ſich fürchtet, ſtößt er ein heftiges, kurzes Geſchrei aus. Sein Verlangen, ſowie Freude, Abſcheu, Unwillen und Zorn giebt er durch Fratzen und Zähneklappern zu erkennen. Wenn er zornig iſt, bewegt er ſeine in Falten gelegte Stirn heftig auf und ab, ſtreckt die Schnauze vor und zwängt die Lippen ſo zu - ſammen, daß der Mund eine kleine zirkelrunde Oeffnung bildet. Jn der Freiheit lebt er in felſigen Gegenden, wie die Paviane, iſt aber auch geſchickt auf Bäumen. Man ſagt, daß er, wie die Paviane, viel Kerbthiere und Würmer freſſe, deshalb beſtändig die Steine umwälze und ſie gelegentlich die Berge herabrolle. An ſteilen Gehängen ſoll er hierdurch nicht ſelten gefährlich werden. Die Scorpione ſind, wie behauptet wird, ſeine Lieblingsnahrung; er weiß ihren giftigen Stachel ge - ſchickt auszurupfen und verſpeiſt ſie dann mit großer Gier. Aber auch mit kleinen Kerbthieren und Würmern begnügt er ſich, und je kleiner ſeine Beute ſein mag, um ſo eifriger zeigt er ſich in der Jagd, um ſo begieriger verzehrt er den gemachten Fang. Das erhaſchte Kerbthier wird ſorgfältig aufge - nommen, dann vor die Augen gehalten, mit einer beifälligen Fratze begrüßt und nun ſofort gefreſſen. Jn der Gefangenſchaft beſteht ſein Hauptvergnügen darin, Hunde, Katzen und unter Umſtänden auch Menſchen nach allerhand kleinen, ſchmarotzenden Gäſten abzuſuchen, und er ſelbſt zeigt ſich höchſt dankbar, wenn man ihm dieſelbe Gefälligkeit anthut.
Dieſer Affe iſt jedenfalls derjenige, von welchem Plinius uns berichtet, daß er Alles nach - ahme, das Bretſpiel lerne, ein mit Wachs gemaltes Bild zu unterſcheiden verſtehe, in den Häufern Junge hervorbringe, es gern habe, wenn man ſich mit ihm abgäbe, und dergleichen. Auch ſpätere Schriftſteller erwähnen den Magot. Leo Africanus ſagt, daß derſelbe in den mauritaniſchen Wäldern häufig ſei und nicht blos an Händen und Füßen, ſondern auch im Geſicht wie ein Menſch ausfähe, auch von der Natur mit wunderbarer Klugheit begabt ſei. Von den abgerichteten ſagt er, daß ſie unglaubliche Dinge leiſteten, zum Zorn geneigt und ſehr biſſig ſeien, ſich aber leicht be - ſänftigen ließen. Jn gleicher Weiſe ſprechen ſich noch andere über ihn aus.
Leider konnte ich während meines Aufenthaltes in Südſpanien (1856) über die Affenherde, welche die Felſen von Gibraltar bewohnt, nichts Genaues und Ausführliches erfahren. Man erzählte mir, daß jene Geſellſchaft noch immer ziemlich zahlreich ſei, aber nicht eben häufig geſehen werde. Von der Feſtung aus beobachte man die Thiere oft mit Fernröhren, wenn ſie ihrer Nahrung nachgehend, die Steine umwälzen und den Berg herabrollen. Jn die Gärten kämen ſie ſelten. — Auch die Spanier wiſſen nichts Sicheres darüber anzugeben, ob die Thiere von allem Anfang an Europäer waren, oder ſolches erſt durch ihre Verpflanzung aus Afrika herüber wurden. Um ſo erfreulicher war es mir, vor kurzem eine ebenſo anziehende als belehrende Abhandlung über dieſen Gegenſtand zu leſen.
69Beſchreibung. Eigenſchaften. Die Affen auf dem Felſen von Gibraltar.A. G. Smith berichtet im „ Zoologiſt ‟ (Mai 1862) über ſeine an Ort und Stelle geſammelten Erfahrungen. Er theilt zunächſt mit, daß das Vorkommen der Thiere in Europa wiederholt in Zweifel gezogen, ja, als einfältiges Märchen betrachtet und ſelbſt von einem vielfach in Gibraltar verkehrenden Schiffskapitän geläugnet worden ſei, und verſichert, daß er beinahe ſelbſt allen Glauben verloren gehabt habe. Aber er wurde eines Beſſern belehrt, als er den Flaggenſtock auf dem Gipfel des Felſens beſuchte, um ſich an der herrlichen Rundſchau zu laben. Der Flaggenwächter theilte ihm ganz gelegentlich mit, daß „ die Affen im Umzuge begriffen ſeien ‟. Sofort zog unſer Gewährsmann nunmehr die ſorgſamſten Erkundigungen ein, und ihnen danken wir das Nachſtehende.
„ Auf dieſem Felſen haben die Affen ſeit unvordenklichen Zeiten Fuß gefaßt; wann aber oder wie ſie über die See gekommen ſind, iſt nicht leicht zu beſtimmen, und die mauriſche Sage, daß ſie zwiſchen Gibraltar und Marokko noch jetzt durch einen unterirdiſchen Gang unter der Meerenge ab - und zugehen, iſt doch etwas gar zu märchenhaft. Gewiß iſt nur, daß ſie da ſind, obſchon bedeutend an Zahl zurückgebracht, ſo, daß während einiger Jahre die ganze Geſellſchaft ſich auf eine kleine Bande von vier belief. Man ſieht ſie ſelten; ſobald aber der Wind wechſelt, ändern auch ſie ge -
wöhnlich ihren Aufenthalt. Weichlich und zärtlich, wie ſie ſind, ſcheuen ſie jede plötzliche Abwechſelung des Wetters, namentlich das Umſetzen des Windes von Oſt nach Weſt oder umgekehrt, und ſuchen ſich dagegen zu ſchützen, indem ſie ſich hinter die Felſen ducken. Sie ſind ſehr lebendig und wählen zu ihrer Wohnung am liebſten die ſteileren Abgründe, wo ſie im ungeſtörten Beſitze vieler Höhlen und Löcher in dem lockern Felſen ſind. Jedenfalls kann es ihnen nicht ſchwer werden, ſich ihre Nahrung zu verſchaffen; denn ſie erſcheinen ſehr wohlgenährt. Ueppig wachſen zwiſchen den loſen Steinen viele Pflanzen, deren Blätter und Früchte ſie freſſen; beſonders aber lieben ſie die ſüßen Wurzeln der Zwergpalme, welche dort ſehr häufig iſt; zur Abwechſelung verzehren ſie ſonſt auch Käfer und andere Kerbthiere. Manchmal ſollen ſie auch (ich kann es aber nicht verbürgen) die Felſen herunter - kommen und die Gärten der Stadt plündern, wenn reifes Obſt allzuſehr lockt, als daß es nicht ihre natürliche Liebe zur Einſamkeit beſiegen ſollte. Man hält ſie gewöhnlich für außerordentlich ſchen und ſagt, daß ſie bei dem geringſten Geräuſch flüchteten; mein Berichterſtatter ſtellte Dies jedoch in Abrede und zeigte mir zum Beweiſe ſeiner Behauptung einige Felſen, von wo aus ſie ihn an dem - ſelben Morgen angeſtiert hatten, ohne durch die Farbe ſeiner engliſchen Uniform oder durch ſeinen70Die Affen. Makaken. — Wanderu. Paviane.Unteroffiziersblick ſich irre machen zu laſſen — ziemlich lange Zeit blieben ſie etwa einige dreißig oder vierzig Ellen von der Bruſtwehr halten, an welcher er lehnte, und zogen ſich ſchließlich in aller Muße zurück. Daß man ſie ſo ſelten ſieht und faſt nur während ihres „ Umzugs ‟ zur entgegengeſetzten Seite des Felſens, ſcheint auf ein ſehr ſcheues, ungeſelliges Weſen zu deuten; denn Niemand verfolgt ſie, vielmehr bewahrt man ſie ängſtlich vor jeder Beläſtigung. Seit wielange ihnen ein ſolcher Schutz ſchon gewährt wird, konnte ich nicht erfahren; gewiß aber geſchieht es bereits ſolange, als Gibraltar im Beſitze der Engländer iſt. Seit 1855 hat der Quartiermeiſter ſie nicht nur unter ſeine beſondere Obhut genommen, ſondern auch ſorgfältig über ihr jedesmaliges Erſcheinen und ihre An - zahl Buch geführt. Jch entnehme dieſer Buchung, daß ſie durchſchnittlich alle zehn Tage einmal ge - ſehen worden, manchmal etwas häufiger; daß ſie im Sommer ebenſowohl wie im Winter „ umziehen ‟, ſtets mit der Abſicht, dem Winde zu entgehen; endlich, daß ſie im Jahre 1856 ſich auf zehn beliefen, nach und nach aber bis auf vier heruntergekommen ſind. Jhr gänzliches Ausſterben ſteht leider zu
erwarten, denn dieſe vier ſollen ſämmtlich eines Geſchlechtes ſein. Sollte unter den vielen engliſchen Offizieren zu Gibraltar keiner aufopfernd genug ſein, einige Affen von der entgegengeſetzten Küſte der Barbarei einzuführen, da dorthin mindeſtens wöchentliche Verbindung ſtatthat? Wäre Keiner zu finden, der auch nur ein halbes Dutzend kaufte und ſie unter ihre Vettern auf dem Felſen losließe? Dann könnten wir hoffen, daß dieſer Affenſtamm noch einmal aufblühte und ſo dieſe anziehende Ordnung der Säugethiere auch fernerhin in Europa vertreten bliebe. ‟
Jch brauche wohl kaum auszuſprechen, daß ich, und wohl wir Alle, die zuletzt ausgeſprochenen Wünſche des Engländers theilen. Es würde unbedingt als ein Verluſt für Europa zu betrachten ſein, wenn es ſeine Affen verlieren ſollte.
Der letzte Makake, welchen ich noch mit einigen Worten erwähnen will, iſt der ſchwarze Bart - affe, Wanderu oder Nil-Bandar (Macacus Silenus). Er ähnelt in ſeiner ganzen Erſcheinung71Beſchreibung des Wandern.einem gemähnten Pavian ebenſoſehr, wie einem Makaken. Der Körper iſt unterſetzt, der Schwanz mittellang. Eine große Mähne hüllt das Geſicht, den Kopf und die Schultern ein. Der ganze oberſte Theil des Pelzes iſt ſchwarz gefärbt, die oberen und unteren Theile der Gliedmaßen lichtbräunlich - grau, wie die Mähne, welche oben am dunkelſten, am Kinn am lichteſten iſt. Geſicht und Hände ſind ſchwarz, die Geſäßſchwielen röthlich. Erwachſene Thiere ſind zwei Fuß lang, wobei der Schwanz 1 Fuß Länge hat.
Der Wandern bewohnt vorzüglich Ceylon und zwar ausſchließlich die dichten Wälder. Seine Nahrung beſteht aus Knospen und Baumblättern. Er beſucht ebenfalls die Gärten und richtet dort unter Umſtänden bedeutenden Schaden an. Thierbach erzählt, daß die von dieſen Affen herrühren - den Verwüſtungen oft wirklich jammervoll anzuſehen ſind. Jn manchen Kokosgärten ſieht man nicht eine einzige Frucht auf den Bäumen, aber den Boden ganz beſät mit ihnen, zumal mit halbreifen, welche dieſe Affen abgeriſſen und herabgeworfen haben.
Demungeachtet werden ſie von den Malabaren geſchätzt. Die Fürſten dieſes Volks achten ſie ſehr hoch, wegen ihrer Ernſthaftigkeit und ihrer Klugheit. Sie laſſen Junge aufziehen und zu allerlei Spielen abrichten, wobei dieſelben ſich zum Bewundern gut benehmen. Andere ſagen, daß ſie in der Gefangenſchaft nicht eben viel werth ſeien. Zwar ſollen ſie leicht an allerlei Nahrung gewöhnt und auch ziemlich gezähmt, aber auch oft ſehr grämlich werden können und dann höchſt unliebens - würdig ſein. Außerdem ſind ſie ungeſellig und maßen ſich die Herrſchaft über alle übrigen Affen an, welche man mit ihnen zuſammenhält, necken und ärgern die anderen Thiere, beißen die Wärter und betragen ſich auch ſonſt noch unartig.
Jch ſah einen Wanderu in Amſterdam lebendig, konnte aber von dem eben Mitgetheilten Nichts wahrnehmen. Freilich ſteckte das Thier allein in ſeinem Käfig und hatte deshalb keine Gelegenheit, ſein eigentliches Weſen zu zeigen; — denn einen Affen muß man mit anderen ſeiner Art oder Familie zuſammenſehen, wenn man ihn kennen lernen will. Der Wanderu, welchen ich ſah, war ein ſtiller und ziemlich langweiliger Geſell, welcher ruhig und gemeſſen in ſeinem Käfige auf - und abging und ſich um die Außenwelt wenig zu kümmern ſchien. Nur zuweilen bewies ein Blitzen des hübſchen, braunen Auges, daß er doch nicht ganz ſo theilnahmlos war, als er vorgab. Mit den Wärtern ſtand er auf beſtem Fuße; gegen Fremde zeigte er ſich artig und beſcheiden.
Die Affengruppe, welche wir nunmehr betrachten wollen, iſt zwar eine der merkwürdigſten, nicht aber auch eine der anziehendſten und angenehmſten. Wir finden in ihr vielmehr die häßlichſten, rüdeſten, flegelhafteſten und deshalb widerwärtigſten Mitglieder der ganzen Ordnung; wir ſehen in ihnen, den Pavianen oder Hundsköpfen (Cynocephalus), den Affen gleichſam noch einmal ver - zerrt oder ſehen ihn wenigſtens auf der tiefſten Stufe, welche er einnehmen kann. Jede edlere Form iſt hier verwiſcht und jede edlere Geiſtesfähigkeit in der Unbändigkeit der ſcheußlichſten Leidenſchaften untergegangen.
Wir nennen die Paviane mit Ariſtoteles „ Hundsköpfe ‟, weil ihr Kopfbau dem eines groben, rohen Hundes etwas mehr ähnelt, als dem des Menſchen, an welchen die übrigen Affen entfernt erinnern. Jn Wahrheit iſt die Aehnlichkeit zwiſchen beiden Thierköpfen nur eine oberflächliche und zugleich unbefriedigende; denn der Hundekopf des Pavian iſt ebenſogut eine abſcheuliche Verzerrung ſeines Vorbildes, wie der Kopf des Gorilla eine ſolche des Menſchenhauptes iſt. Allein den anderen Affen gegenüber iſt eben das Schnauzenartige des Paviangeſichtes ein hervorſtechendes Merkmal: und deshalb können wir auch dem alten Ariſtoteles ſeine Ehre laſſen.
Die Hundsköpfe ſind neben den Orangs die größten aller Affen. Jhr Körperbau iſt gedrungen, ihre Muskelkraft ungeheuer. Der ſchwere Kopf verlängert ſich in eine ſtarke und lange, vorn ab - geſtutzte, oft wulſtige oder gefurchte Schnauze mit vorſtehender Naſe; das Gebiß erſcheint raubthier - ähnlich, wegen ſeiner fürchterlichen Reißzähne, welche auf ihrer hintern Seite ſcharfkantig ſind; die72Die Affen. Paviane oder Hundsköpfe.Lippen ſind ſehr beweglich, die Ohren klein, die Augen hoch überwölbt und in ihrem Ausdrucke das treueſte Spiegelbild des ganzen Affen ſelbſt — liſtig und tückiſch ohne Gleichen. Alle Gliedmaßen ſind kurz und ſtark, die Hände fünfzehig; der Schwanz iſt bald kurz, bald lang, bald glatthaarig, bald gequaſtet, die Geſäßſchwielen ſind wahrhaft abſchreckend groß und gewöhnlich äußerſt lebhaft gefärbt. Die Behaarung iſt lang und locker, verlängert ſich bei einigen Arten am Kopf, Hals und Schultern zu einer reichen Mähne, und hat gewöhnlich unbeſtimmte Erd - oder Felſenfarben, wie Grau, Graugrünlichgelb, Bräunlichgrün ꝛc.
Das Vaterland der Hundsköpfe iſt Afrika und die hart an dieſen Erdtheil grenzenden Länder Aſiens, namentlich das glückliche Arabien, Jemen und Hadramaut. Den perſiſchen Meer - buſen und den Tigris ſcheinen ſie in Aſien nicht zu überſchreiten. Afrika muß unbedingt als derjenige Erdtheil angeſehen werden, der ihnen die wahre Heimat bietet. Verſchiedene Gegenden beſitzen ihre eigenthümlichen Arten, welche übrigens weit verbreitet und deshalb mehreren Ländern gemein ſind. So leben im Oſten und namentlich um Abiſſinien herum drei, in der Kapgegend zwei und in Weſt - afrika ebenfalls zwei Arten. Blos eine einzige Art, der Gelada (Cynocephalus Gelada), iſt erſt in der Neuzeit entdeckt worden, die übrigen waren ſchon den alten Egyptern und durch ſie den Griechen und Römern wohl bekannt.
Die Paviane ſind echte Felſenaffen und bewohnen die Hochgebirge oder wenigſtens die höheren Gebirgsgegenden Afrikas. Jn Wäldern trifft man ſie nicht; ſie meiden die Bäume und erſteigen ſie nur ſelten, etwa im Falle der Noth. Jm Gebirg gehen ſie bis zu zehn - und zwölftauſend Fuß über die Meereshöhe, ja ſelbſt bis zur Schneegrenze hinauf; doch ſcheinen ſie niedere Gegenden zwiſchen vier bis ſechstauſend Fuß den Hochgebirgen vorzuziehen. Schon die älteſten Reiſenden erwähnen, daß die Gebirge ihre wahre Heimat ſind. So erzählt Barthema von Bologna, welcher im Jahre 1503 Arabien durchreiſte, daß er auf dem Wege von der Stadt Zibit, eine halbe Tagereiſe vom rothen Meere, auf einem fürchterlichen Gebirge mehr als zehntauſend Affen geſehen habe, welche dem Löwen nicht nur an Ausſehen, ſondern auch an Stärke gleichkämen, ſo daß man auf jeuer Straße allein nicht reiſen könne, ſondern eine Geſellſchaft von mindeſtens hundert Menſchen bilden müſſe, um ſie abzu - wehren. Auch die meiſten anderen Reiſenden, welche uns über jene Gegenden berichteten, ſind darin einſtimmig, daß die Paviane Gebirgsthiere ſeien, und es iſt deshalb um ſo mehr zu verwundern, daß manche neuere Forſcher ihnen ohne weiteres von ihrem Zimmer aus die Urwaldungen zum Wohnorte anweiſen.
Dieſer Lebensweiſe der Paviane auf Gebirgen entſpricht auch ihre Nahrung. Sie beſteht haupt - ſächlich aus Zwiebeln, Knollengewächſen, Gräſern, Kraut, Pflanzenfrüchten, welche auf der Erde oder wenigſtens nur in geringer Höhe über derſelben wachſen oder von den Bäumen abgefallen ſind, Kerbthieren, Spinnen, Schnecken, Vogeleiern ꝛc. Eine Pflanze Afrikas, welche dieſe Affen be - ſonders lieben, hat gerade deshalb ihren Namen „ Babuina ‟ nach einer Art unſerer Sippe erhalten. Jn den Anpflanzungen, zumal in den Weinbergen, richten ſie den allergrößten Schaden an; ja, man behauptet, daß ſie ihre Raubzüge förmlich geordnet und überlegt unternähmen. Sie ſollen oft noch eine gute Menge Früchte wegnehmen und auf die höchſten Gipfel der Berge ſchleppen, um dort für ungünſtigere Zeiten Vorräthe anzuſammeln. Daß ſie Schildwachen anſtellen, iſt ſicher; als über - trieben aber müſſen Erzählungen gehalten werden, wie die von Geßner herſtammenden, in welchen uns geſagt wird, daß die Affen in gerader Linie hinter einander anrückten und ſich ſo ſtellten, daß einer dem andern das abgeriſſene Obſt zuwerfen könne, etwa zehn Fuß weit. Käme dann Jemand, welcher dieſe Gaudiebe an ihrer Arbeit verhindern wolle, ſo riſſen ſie alle Kürbiſſe, Gurken, Melonen, Granat - äpfel und dergleichen ab und brächten ſie ſo ſchleunig als möglich in Sicherheit, indem ſie die Früchte eine gute Strecke vom Garten entfernt auf einen Haufen würfen und dieſen dann in derſelben Weiſe weiter und weiter beförderten, bis ſie ihre Schätze endlich auf einen Berggipfel gebracht hätten. Die Schildwache (welche bei den Raubzügen wirklich ausgeſtellt wird), ſolle die plündernden Schelme jedesmal durch einen Schrei von der Ankunft des Menſchen in Kenntniß ſetzen; und ihre Wachſamkeit73Kennzeichen. Heimat. Aufenthalt. Lebensweiſe. Weſen.ſei ſchon aus dem Grunde ſehr groß, weil ſie von den andern zu Tode geprügelt werde, wenn ſie ihre Pflicht verſäumt habe!
So viel iſt jedenfalls richtig, daß alle Hundsköpfe als eine wahre Landplage betrachtet werden müſſen und den Landleuten ihrer Heimat außerordentlichen Schaden zufügen.
Die Paviane zeigen mehr, als alle übrigen Affen, durch ihre Haltung, daß ſie echte Erdthiere ſind. Jhre ganze Geſtaltung bindet ſie an den Boden und erlaubt ihnen blos ein leichtes Erſteigen von Felswänden, nicht aber auch ein ſchnelles Erklettern von Bäumen. Man ſieht ſie ſtets auf allen vier Füßen gehen und blos dann ſich auf zwei Beine ſtellen, wenn ſie Umſchau halten wollen. Sie ähneln in ihrem Gange mehr plumpen Hunden, als Affen, und nehmen nur ſelten die bezeichnende Stellung der letzteren an. Auch wenn ſie ſich aufrichten, ſtützen ſie ihren Leib gern auf einen ihrer Vorderfüße. Solange ſie ruhig ſind und Zeit haben, ſind ihre Schritte langſam und ſchwerfällig; ſobald ſie ſich verfolgt ſehen, fallen ſie in einen merkwürdigen Galopp, welcher die allerſonderbarſten Bewegungen mit ſich bringt. Jhr Gang zeichnet ſich durch eine gewiſſe leichtfertige Unverſchämtheit aus; man muß ihn aber geſehen haben, wenn man ihn ſich vorſtellen will. Das iſt ein Wackeln der ganzen Geſtalt, namentlich des Hintertheils, wie man es kaum bei einem andern Thiere ſieht; und dabei tragen die Paviane den Schwanz ſo herausfordernd gebogen und ſchauen ſo unverſchämt aus ihren kleinen, glänzenden Augen heraus, daß ſchon ihre Erſcheinung von ihrer niederträchtigen An - maßung Kenntniß giebt.
Jhre geiſtigen Eigenſchaften widerſprechen ihrer äußern Erſcheinung nicht im geringſten. Jch will, um ſie zu beſchreiben, mit Scheitlins Worten beginnen:
„ Die Paviane ſind alle mehr oder minder ſchlechte Kerle, immer wild, zornig, unverſchämt, geil, tückiſch; ihre Schnauze iſt ins gröbſte Hundeartige ausgearbeitet, ihr Geſicht entſtellt, ihr After das Unverſchämteſte. Schlau iſt der Blick, boshaft die Seele. Dafür ſind ſie gelehriger, als die ſchon angegebenen und zeigen noch mehr Verſtand, jedoch immer mit Liſt. Erſt an dieſen kommt die zweite Affeneigenſchaft, d. h. die Nachahmungsſucht, vor, wodurch ſie ganz menſchlich werden zu können ſcheinen, es aber nicht werden. Jhre Geilheit geht über alle Begriffe; ſie geberden ſich auch Männern und Jünglingen gegenüber ſchändlich. Kinder und Frauen darf man nicht in ihre Nähe bringen. Aber Fallſtricke und Gefahren merken ſie leicht, und gegen die Feinde vertheidigen ſie ſich mit Muth und Eigenſinn. Wie ſchlimm jedoch ihre Natur iſt, ſo kann man ſie doch in der Jugend ändern, zähmen, gehorſam machen; nur bricht ihre ſchlimme Natur im Alter, wenn ihr Sinn und Gefühl ſtumpf werden, in den alten Adam zurück. Der Gehorſam hört wieder auf, ſie grinſen, kratzen und beißen wieder. Die Erziehung griff nicht tief genug ein. Man ſagt daß ſie im Freien geiſtreicher und geiſtig entwickelter ſeien, in der Gefangenſchaft hingegen milder und gelehrter werden. Jhr Familienname iſt auch Hundskopf. Hätten ſie zum Hundskopf nur auch die Hundeſeele! Wenn es gewiß wäre, daß ſie im Freien gemeinſam Menſchen und große Thiere, z. B. Elefanten, mit Prügeln angriffen, ſo deutete dieſes allerdings auf Hundeverſtand und Art, ja ſogar auf etwas Menſch - liches; es iſt jedoch nur Das gewiß, daß ſie mit einander ihren Koth von den Bäumen herunter auf ihre Feinde werfen, dann aber iſt noch gewiß, daß ſie dieſen nach Belieben von ſich geben können, wie die Hunde nach Belieben piſſen. ‟
Jch kann Scheitlin nicht widerſprechen. Das Bild, welches er zeichnet, iſt richtig. Der Geiſt der Paviane iſt gleichſam der Affengeiſt in ſeiner Vollendung, aber vielmehr im ſchlechten als im guten Sinne. Einige gute Eigenſchaften können wir ihnen nicht abſprechen. Sie haben eine außerordent - liche Liebe zu einander und gegen ihre Kinder; ſie lieben auch den Menſchen, der ſie pflegt und auf - erzogen hat, werden ihm ſelbſt nützlich auf mancherlei Weiſe. Aber all dieſe guten Seiten ſind nicht in Betracht zu ziehen ihren ſchlechten Eigenſchaften gegenüber. Liſt und Tücke im Vereine ſind Gemeingut aller Hundsköpfe und namentlich zeichnet ſie eine furchtbare Wuth aus. Jhr Zorn gleicht einem aus - brechenden Strohfeuer; ſo raſch lodert er auf, aber er hält aus und iſt nicht ſo leicht wieder zu ver - bannen. Ein einziges Wort, ſpottendes Gelächter, ja ein ſchiefer Blick kann einen Pavian raſend74Die Affen. Hundsköpfe. — Hamadryas oder Mantelpavian. machen, und in der Wuth vergißt er Alles, ſelbſt Den, welchen er früher liebkoſte. Deshalb bleiben dieſe Thiere unter allen Umſtänden gefährlich, und ihr roher Sinn bricht durch, auch wenn ſie ihn lange Zeit gar nicht zeigten. Jhren Feinden gegenüber ſind ſie wahrhaft furchtbar.
Die Paviane leben ſehr unbehelligt in ihrer Heimat; denn die Raubthiere und der Menſch fürchten ſie und gehen ihnen aus dem Wege, wo nur immer möglich. Sie fliehen zwar vor dem Menſchen, laſſen ſich aber doch, wenn es Noth thut, mit ihm, wie mit Raubthieren, in Kampf ein, und dieſer wird, weil ſie regelmäßig gemeinſchaftlich angreifen, oft äußerſt gefährlich. Der Leopard ſcheint der Hauptfeind zu ſein, doch ſtellt er mehr den Jungen nach, als den Alten, weil er alle Urſache hat, ſich zu bedenken, ob ſeine Fangzähne und Klauen dem Gebiß und den Händen der Paviane gewachſen ſind. Eine Herde greift er nie an. Dies thut ſelbſt der Löwe nicht, wie mir und anderen Reiſenden die Eingebornen einſtimmig verſicherten. Hunde überwältigt der Pavian ohne Mühe und gleichwohl kennen jene edlen Thiere keine größere Luſt, als die Jagd ſolcher Affen. Man ſollte meinen, daß ein Hund, welcher einmal mit den gefährlichen Thieren zu thun gehabt hat, ſich in Zukunft weigere, wieder mit ihnen zuſammenzukommen: allein Dem iſt nicht ſo. Die Jagdhunde der Kapbewohner laſſen vielmehr jede andere Fährte, ſowie ſie von der eines Affen Witterung bekommen. Der Kampf zwiſchen beiden Thieren ſoll, wie Augenzeugen verſichern, ein furchtbarer ſein; die Pflanzer am Kap fürchten für ihre Hunde weit mehr, wenn dieſe einen Pavian verfolgen, als wenn ſie ſich zum Kampfe mit dem Leoparden rüſten. Wenn eine Meute guter Hunde eine Pavianherde erblickt, ſtürzt ſie ſich wüthend auf dieſelbe los. Die Affen ergreifen die Flucht und die Hunde jagen hinterdrein. Mehr und mehr zerſtreuen ſich Feinde und Verfolger. Alle ſchwächeren Hundsköpfe eilen ſo ſchnell als möglich den Felſen zu, um ſich dort in Sicherheit zu begeben. Die ſtärkeren Männchen der Affen gehen langſamer und nehmen die Verfolger auf ſich. Nur dann und wann werfen ſie blitzſchnell einmal den Kopf herum und ein tückiſch-boshafter Blick aus den kleinen Augen fällt auf den Verfolger. Endlich erreicht dieſer ſeinen Feind und verſucht, ihn zu faſſen. Allein plötzlich und mit wüthendem Schrei wirft ſich dieſer herum, hängt dem ungeübtem Hunde im nächſten Augenblick mit ſeinen vier Händen feſt an Bruſt und Gurgel, ſetzt ſein furchtbares Gebiß in die Kehle des Hundes, reißt ihn mit den ſcharfſchneidigen Eckzähnen drei, vier, ſechs lange und tiefe Riſſe in Kehle und Bruſt, balgt und windet ſich mit ihm, wälzt ſich auf dem Boden herum, verſetzt dem Feinde neue Wunden und läßt ihn dann liegen, blutbedeckt und verendend, während er ſelbſt mit einem wahrhaft teufliſchen Hohngeſchrei dem Gebirge zueilt. Gute Hunde ſind geſchult und wiſſen Dem zu entgehen. Sie trennen ſich nie, ſondern halten in der Meute zuſammen, und dieſe überfällt dann einen einzelnen Affen. Drei, vier Hunde ſtürzen ſich auf einen Feind, und dann helfen dieſem gewöhnlich ſeine furchtbaren Waffen Nichts. Er muß unterliegen, wenn ihm der Weg zur Flucht nicht offen ſteht. Außer dem Hunde und dem Leopard haben die Paviane keine ihnen ſchädlichen Feinde. Den Raubvögeln fällt es gar nicht ein, auf ſie zu fahnden. Der ſtärkſte Adler wagt ſich nicht einmal an das ſchwächlichſte Junge eines Hundskopfs. Auch die Menſchen können eben nicht mehr thun, als die Thiere dann und wann aus ihren Pflanzungen zu vertreiben. Eine wirkliche Jagd würde, wenn ſie nicht gefährlich ſein ſollte, bedeutende Mannſchaften erfordern und auch dann ſchwerlich zu einem Ausrottungskriege der Thiere werden können. Nur die Lurche ſind es, welche die Paviane in wirkliche Furcht und Schrecken ver - ſetzen. Die kleinſte Schlange bringt unter einer Herde ein namenloſes Entſetzen hervor. Es iſt wohl ſicher, daß die Affen hinſichtlich des furchtbaren Giftzahnes der Schlangen böſe Erfahrungen gemacht haben. Sie leben in beſtändiger Angſt vor den gefährlichen Würmern. Kein Pavian hebt einen Stein auf oder durchſucht einen Buſch, ohne ſich vorher zu vergewiſſern, daß unter und in ihm keine Schlange verborgen iſt. Scorpione fürchten die klugen Thiere nicht. Sie wiſſen dieſelben mit großer Gewandtheit zu fangen und ſie ihrer Giftſtachel zu berauben, ohne ſich zu verletzen. Dann verſpeiſen ſie den Scorpion mit demſelben Vergnügen, wie andere Spinnen oder ein Kerbthier.
Nach Dieſem möchte man ſich wundern, daß es möglich iſt, Paviane überhaupt in ſeine Gewalt zu bekommen. Und doch iſt Dies ganz leicht: die Sinnlichkeit der Thiere iſt ihr Verderben. Jn ganz
75Feinde der Paviane. Sinnlichkeit. Nutzen.Afrika iſt es eine bekannte Sache, daß die Paviane leidenſchaftlich gern geiſtreiche Getränke zu ſich nehmen und ſich in ihnen leicht berauſchen. Man ſetzt ihnen alſo einfach Töpfe mit derartigen Flüſſig - keiten vor, und wenn hernach die Thiere vollkommen trunken geworden ſind, bemächtigt man ſich ihrer. Starke Feſſeln und Prügel bändigen dann regelmäßig ihre anfänglich geradezu beiſpielloſe Wuth, und die ihnen eigene Klugheit läßt ihnen ſchon nach kurzer Gefangenſchaft die Oberherrſchaft des Menſchen erkennbar werden.
Jn ihrer ſinnlichen Liebe ſind die Paviane wahrhaft ſcheußlich. Die vorhin erwähnte Geilheit und Frechheit zeigt ſich bei keinem andern Thiere in ſo abſchreckender Weiſe als bei ihnen. Jch möchte ſagen, daß die Größe ihrer Leidenſchaftlichkeit erſt hierbei ſich offenbare. Die Männchen ſind nicht blos lüſtern auf die Weibchen ihrer Art, ſondern auf alle größern Säugethiere weiblichen Geſchlechts überhaupt. Es wird wiederholt und von allen Seiten verſichert, daß ſie zuweilen Regerinnen rauben oder wenigſtens überfallen und mißhandeln. Daß ſie Männer und Frauen ſofort unterſcheiden, habe ich hundertfach beobachtet, und ebenſo, daß ſie den Frauen durch ihre Zudringlichkeit und Unverſchämt - heit im höchſten Grade läſtig werden können. Die Männchen ſind beſtändig brünſtig, die Weibchen nur zu gewiſſen Zeiten, zwei oder drei Mal im Jahre. Die Brunſt zeigt ſich auch äußerlich in häß - licher Weiſe. Die Geſchlechtstheile ſchwellen bedeutend an und erhalten eine glühendrothe Farbe; man meint, daß das Geſäß in bedenklicher Weiſe erkrankt ſei. Um dieſe Zeit ſind die Weibchen ebenſo er - picht auf die Männchen, als dieſe während der ganzen Jahreszeit auf jene. Obgleich ſich die Paviane in der Gefangenſchaft (wenigſtens in ihrer Heimat) fortpflanzen, weiß man doch noch nicht, wie lange ihre Tragzeit danert.
Der Nutzen der Paviane iſt gering. Jhrer Gelehrſamkeit wegen werden ſie zu allerlei Kunſtſtücken abgerichtet. Am Kap ſollen ſie noch zum Aufſuchen des Waſſers in der Wüſte dienen. Alle Paviane ſind, wie glaubwürdige Reiſende mittheilen, nach den Erfahrungen der Kapbewohner die beſten Waſſer - ſucher, welche es giebt. Man hält ſie deshalb häufig gezähmt und nimmt ſie mit in jene waſſerarmen Striche, in denen ſelbſt die Buſchmänner das wichtige Element nur tropfenweiſe zu gewinnen wiſſen. Wenn der Waſſervorrath dem Ende nahe iſt, bekommt der Pavian etwas Salziges zu freſſen. Nach einigen Stunden nimmt man ihn dann an eine Leine und läßt ihn laufen. Das vom Durſt gequälte Thier wendet ſich bald rechts, bald links, bald vor -, bald rückwärts, ſchnüffelt in der Luft, reißt Pflanzen aus, um ſie zu prüfen und zeigt endlich durch Graben das verborgene oder durch ein entſchiedenes Vorwärtseilen das zu Tage getretene Waſſer an. —
Eine Art der Paviane ſpielt ſchon in der Urgeſchichte der Menſchheit eine große Rolle, wahr - ſcheinlich ebenſowohl ſeines ausgezeichneten Verſtandes, als ſeiner unliebenswürdigen Eigenſchaften halber. Dies iſt der Hamadryas oder der Mantelpavian (Cynocephalus Hamadryas). Wie er zu der Ehre gekommen iſt, den Namen einer altgriechiſchen Baumnymphe zu tragen, weiß ich nicht; in ſeiner Geſtalt und in ſeinem Weſen liegt wahrhaftig nichts Weibliches. Die alten Völker waren es nicht, welche ihm jenen Namen verliehen. Bei den Egyptern, welche ihn göttlich verehrten, hieß er Thoth und Och; die Bibel führt ihn unter dem Namen Koph auf; Herodot, Plutarch und Plinius bezeichnen ihn mit Cynocephalus, Strabo nennt ihn Cebus, Juvenal Cereopithecus, Agatharchides Sphinx. Bei den heutigen Abiſſiniern heißt er Hebe, bei den Arabern Robah und in Egypten endlich Khird. Unter all dieſen Namen iſt nicht ein einziger, welcher an irgend welche Nymphe erinnert; man müßte denn „ Sphinx ‟ als ſolchen betrachten wollen.
Auf den egyptiſchen Alterthümern ſteht unſer Pavian gleichſam als Oberſter ſeines Geſchlechts da. Die heilige Bilderſchrift ſtellt öfters Affen dar, allein nur der Hamadryas, und zwar immer das alte Männchen, wird abgebildet als auf dem Altar ſitzend, die Verehrung der Menſchen empfangend. Mehrere Male ſieht man ihn auch als Richter, welcher über die guten Werke und Vergehungen des Menſchen urtheilt; er hat eine Wage vor ſich und prüft ernſten Blickes die ſchwankenden Schalen. Eine hohe Achtung vor der Gottheit, deren Sinnbild er war, ſpricht ſich in allen altegyptiſchen76Die Affen. Hundsköpfe. — Hamadryas oder Mantelpavian. Bildern aus. Wahrſcheinlich hatte die Verehrung des Hamadryas und die des Krokodils denſelben Grund: ſie geſchah aus Furcht; denn ſchon damals gab es Menſchen, welche ihren Gott fürchteten, anſtatt ihn zu lieben.
Merkwürdiger Weiſe waren es nicht die Egypter allein, welche dieſen Affen Achtung bezeigten. Dieſe erſtreckte ſich weiter. Noch heutigen Tages tragen alle Bewohner der Steppenländer des innern Afrika und auch ein großer Theil der Abiſſinier ihre Haare genau in derſelben Weiſe gekämmt und geſcheitelt, wie der Hamadryas, und er iſt ſomit unverkennbar zum Vorbild für jene Leute geworden, mögen dieſe auch mehr die Bildſäulen, als das lebende Thier im Auge gehabt haben.
Heutigen Tages genießt der Hamadryas in jenen Ländern keine Verehrung mehr. Seine Schädlichkeit iſt zu groß, als daß er ſich die Freundſchaft der Menſchen erwerben ſollte.
Wahrſcheinlich wurden die Hamadryaden bereits zu der alten Egypter Zeiten vom Süden her eingeführt. Gegenwärtig findet ſich das Thier in Egypten nirgends mehr wild. Auch Prosper Alpinus, welcher im Jahre 1580 in Egypten war, ſagt ausdrücklich, daß es dort keine Affen gäbe, ſondern daß ſie aus Arabien eingeführt würden. „ Sie ſind ſo talentvoll, fährt er fort, daß man ihnen nicht den Verſtand abſprechen kann. Die Thierführer lehren ihnen ſehr leicht, was ſie wollen, zuweilen höchſt ſinnreiche Spiele, mit denen ſie die Zuſchaner ergötzen. Solche abgerichtete Affen ſieht man oft in Kairo, Alerandrien und anderswo. ‟
„ Beſonders die Männchen ſind den Bewohnern aufſäſſig; allein man kann es nicht wohl er - zählen, wie unanſtändig ſie ſind. Jene, welche großen Hunden gleichen, verfolgen die arabiſchen Weiber auf den Feldern und deshalb beſchmieren ſich dieſe ihr Geſicht und ſelbſt den Leib mit Safran. Hierdurch bleiben ſie von den Anfällen der Affen frei; denn letztere glauben dann, den mit Safran eingeriebenen Frauen wäre nicht wohl und ſie könnten ſelbe nicht gebrauchen. ‟
Hinſichtlich der letzten Angabe läßt ſich unſer Forſcher zu falſchen Folgerungen verleiten. Jch ſelbſt habe beobachtet, daß ſich die Frauen der Nomaden in jenen Gegenden wirklich ihr Geſicht mit Safran beſchmieren: allein Dies geſchieht keineswegs der Affen halber, ſondern aus denſelben Rück - ſichten, welche unſere Frauen bewegen, zartes Roth auf ihre zarten Wangen zu legen.
Alvarez, welcher etwa um dieſelbe Zeit, als Alpinns in Afrika und zwar in Abiſſinien war, berichtet, daß er die Mantelpaviane in ungeheuren Herden geſehen habe, und giebt eine ſehr richtige Beſchreibung von ihrem Weſen und Treiben. „ Sie laſſen, ‟ ſagte er, „ keinen Stein liegen; wenn ihrer zwei oder drei einen nicht umwenden können, ſo ſtellen ſich ſo viele daran, als Platz haben, drehen ihn dennoch um und ſuchen ihre Lieblingsnahrung hervor. Auch Ameiſen freſſen ſie gern und legen, um dieſe zu fangen, ihre Hände umgekehrt auf die Haufen, bis die Hand bedeckt iſt; dann bringen ſie dieſelbe raſch zu Munde und lecken die Ameiſen ab. Wenn man ſie nicht hütet, verheeren ſie gleich die Felder und Gärten. Ohne Kundſchafter gehen ſie zwar nicht in die Pflanzungen; aber wenn dieſe ihnen das Zeichen zur Sicherheit gegeben, dringt die ganze Bande in den Garten oder das umhegte Feld und läßt Nichts übrig. Anfangs ſind ſie ganz ſtill und ruhig, und wenn ein unkluges Junges einen Laut hören läßt, bekommt es eine Ohrfeige; ſobald ſie jedoch die Furcht verlieren, zeigen ſie durch gellendes Geſchrei ihre Freude über ihre glücklichen Ueberfälle. Sie würden ſich in entſetzlicher Weiſe vermehren, wenn nicht der Leopard ſo viele ihrer Jungen zerriſſe und fräße, obgleich die Alten dieſe muthig zu vertheidigen ſuchen. ‟
Unter den neueren Forſchern giebt Ehrenberg zuerſt eine ziemlich ausführliche Beſchreibung unſerer Paviane, welchen er in Arabien und an der Küſte von Abiſſinien einzeln und in großen Scharen begegnete. Später erzählen Rodatz und Bayſſière von ihnen. Jch meines Theils traf das Thier auf meiner erſten Reiſe nach Afrika im Freileben nirgends an, um ſo häufiger aber auf meinem leider nur zu kurzen Ausfluge nach Abiſſinien im Frühjahre 1862, und kann alſo nunmehr aus eigner Erfahrung über ihn reden.
Der Hamadryas bewohnt das ganze Küſtengebirge Abiſſiniens und Süd-Nubiens, nach Norden hin ſoweit die Regen herabreichen, in ziemlicher Anzahl. Je pflanzenreicher die Gebirge, um ſo77Alter Ruhm. Heimat. Aufenthalt. Lebensweiſe.angenehmer ſcheinen ſie ihnen zu ſein. Waſſer in der Nähe iſt unerläßliche Bedingung für das Wohl - befinden einer Herde. Von den höheren Bergen herab wandern die Geſellſchaften zuweilen auf die niederen Hügelreihen der Samchara oder des Wüſtenſtreifens an der Meeresküſte herab; die Haupt - maſſe bleibt aber immer im Hochgebirge. Hier bewohnt jede Herde ein Gebiet von vielleicht 1½ oder 2 Meilen im Durchmeſſer. Man begegnet kleineren Geſellſchaften viel ſeltener, als größeren. Jch ſah ein einziges Mal eine Schar von funfzehn bis zwanzig Stück, ſonſt aber immer Herden, welche der geringſten Schätzung nach ihrer hundert und funfzig zählen mochten. Darunter befinden ſich dann etwa zehn bis funfzehn vollkommen erwachſene Männchen — wahrhafte Ungeheuer von bedeutender Größe und einem Gebiß, welches das des Leoparden an Stärke und Länge der Zähne bei weitem übertrifft, — und etwa doppelt ſo viel erwachſene Weibchen. Der Reſt beſteht aus Jungen und Halberwachſenen. Die alten Männchen zeichnen ſich durch ihre gewaltige Größe und den langen Mantel aus — bei einem von mir erlegten mittelalten Männchen meſſen die Mantelhaare zehn pariſer oder faſt zwölf leipziger Zoll; — die Weibchen ſind kürzer behaart und dunkler, d. h. oliven - braun von Farbe: die Jungen ähneln der Mutter. Unſer Bild überhebt mich einer Beſchreibung der ſonderbaren Haarlage auf dem Kopfe des Hamadryas, welche bei den Afrikanern ſo großen Beifall fand; hinſichtlich der Färbung aber muß ich bemerken, daß jedes einzelne Haar wechſelnd grünlich braun und gelblich geringelt iſt, wodurch eine ſehr ſchwer zu beſchreibende, dürr gewordenem Graſe am meiſten ähnelnde Geſammtfärbung des Pelzes entſteht. Die Kopfſeiten und Hinterbeine ſind immer lichter, meiſt aſchgrau. Das Geſäß iſt brennend roth, das nackte Geſicht ſchmuzig fleiſchfarben. Je älter die Männchen werden, um ſo mehr lichtet ſich die Farbe ihres Mantels. Jedoch iſt es mir wahrſcheinlich, daß es wenigſtens zwei verſchiedene Arten dieſer Paviane giebt: eine kleinere mit aſch - grauem Mantel, welche Aſien bewohnt, und die bedeutend größere, afrikaniſche Art, bei welcher der Mantel auch im höchſten Alter immer grünlich braungrau gefärbt iſt: — unſere Abbildung ſtellt die erſtere dar.
Jn den Frühſtunden oder bei Regen findet man die ganze Bande an ihren Schlafplätzen, größeren und kleineren Höhlungen an unerſteiglichen Felswänden und auf überdachten Felsgeſimſen, möglichſt nahe zuſammengedrückt, die Jüngeren und Schwächeren dicht an den Leib ihrer Mütter und bezüglich auch ihrer Väter geſchmiegt. Bei gutem Wetter verläßt die Herde jene Wände in den Vor - mittagsſtunden und wandert nun langſam und gemächlich längs der Felswände dahin, hier und da eine Pflanze ausziehend, deren Wurzel hauptſächlich als Nahrungsmittel zu dienen ſcheint, und jeden nicht allzugroßen Stein umwendend, um zu beſonderen Leckerbiſſen, den unter den Steinen ver - borgenen Kerbthieren, Schnecken und Würmern zu gelangen. Sobald das Frühmahl eingenommen, ſteigt Alles nach der Höhe des Bergkammes empor. Die Männchen ſetzen ſich ernſt und würdig auf große Steine, an deren einer Seite die körperlangen gequaſteten Schwänze herabhängen, den Rücken immer nach dem Winde zugekehrt. Die Weibchen beaufſichtigen ihre ohne Unterlaß ſpielenden und ſich balgenden Jungen und treiben ſich unter dieſen umher. Jn den ſpäten Nachmittagsſtunden zieht die Geſellſchaft zum nächſten Waſſer, um dort zu trinken; dann geht ſie nochmals auf Nahrung aus und wendet ſich ſchließlich nach irgend einem geeigneten Schlafplatze. Jſt ein ſolcher beſonders günſtig, ſo darf man mit Sicherheit darauf rechnen, die Paviane gegen Abend da einziehen zu ſehen, ſelbſtverſtändlich, ſo lange man ſie nicht durch wiederholte Verfolgungen geſtört hat. Durrahfelder in der Nähe des Wohnplatzes gehören zu den ganz beſonderen Annehmlichkeiten deſſelben und müſſen ſorgfältig gehütet werden, wenn man auf eine Ernte rechnen will; ſonſt erſcheinen die frechen Räuber tagtäglich, verwüſten weit mehr, als ſie verzehren, und richten ſchließlich das ganze Feld vollſtändig zu Grunde.
Wenn die Paviane ſtill ſitzen, ſchweigt die ganze Geſellſchaft, ſo lange ſich nichts Auffälliges zeigt. Ein etwa herankommender Menſchenzug oder eine Viehherde entlockt einem oder dem andern ganz ſonderbare Laute, welche am beſten mit dem Gebell mancher Hunde verglichen werden können und wahrſcheinlich nichts Anderes bezwecken, als die Aufmerkſamkeit der Geſammtheit zu erregen. Bei78Die Affen. Hundsköpfe. — Hamadryas oder Mantelpavian. gefahrdrohender Annäherung eines Menſchen oder eines Raubthieres aber werden die allerverſchieden - ſten Töne laut. Am treffendſten kann man das Stimmengewirr einer erregten Pavianherde mit dem Grunzen und Quieken eines zahlreichen Rudels von Schweinen vergleichen. Dazwiſchen aber ver - nimmt man Laute, welche bald an das Brüllen des Leoparden, bald an das dumpfe Brummen eines Herdenſtiers erinnern. Die ganze Geſellſchaft brüllt, brummt, bellt, ſchreit, grunzt und quiekt durch einander. Alle kampffähigen Männchen rücken auf der Felskante vor und ſchauen aufmerkſam in das Thal hinab, um die Gefahr abzuſchätzen; die Jungen ſuchen Schutz bei den älteren; die Kleinen hängen ſich an die Bruſt der Mütter oder klettern auch wohl auf deren Rücken, und nunmehr ſetzt ſich der ganze Zug in Bewegung und eilt auf allen Vieren laufend und hüpfend dahin.
Vor den Eingebornen fürchtet ſich der Hamadryas ſo gut als gar nicht. Er zieht unbekümmert um die braunen Leute dicht vor ihnen hin und trinkt aus demſelben Bache mit ihnen. Ein Weißer erregt jedoch ſchon mancherlei Bedenken, obwohl man nicht gerade behaupten kann, daß die Affen vor ihm ſchen entflöhen. Mehr noch, als andere Familienverwandte, zeigen unſere Paviane jene bedächtige Ruhe, welche niemals um einen Ausweg verlegen iſt, die Gefahr mag noch ſo nah ſein. Anders verhält ſich die Sache, wenn die Herde Hunde oder gar Leoparden gewahrt. Dann erheben die alten Männchen ein furchtbares Gebrüll und Gebrumm, ſchlagen erzürnt mit der einen Hand auf den Felſen, fletſchen die Zähne und ſchauen funkelnden Auges auf jene Störenfriede hinab, augenblicklich bereit, gemeinſam über ſie herzufallen.
Die erſte Geſellſchaft, welche ich ſah, ruhte eben von ihrer Frühwanderung aus. Sie ſaß auf der Kante eines nach beiden Seiten hin ziemlich ſteil abfallenden Grates. Jch hatte ſchon von weitem die hohen Geſtalten der Männchen geſehen, dieſelben aber für Felsblöcke gehalten, die auf dem Kamme lägen; denn mit ſolchen haben die Affen, ſo lange ſie ruhig ſind, die größte Aehnlichkeit. Erſt ein wiederholtes einlautiges Bellen, ungefähr dem hoch ausgeſtoßenen Laute „ Kuck ‟ vergleichbar, belehrte mich. Aller Köpfe richteten ſich nach uns hernieder: nur die Jungen ſpielten noch unbeſorgt weiter, und einige Weibchen gaben ihr Lieblingsgeſchäft nicht auf, ſondern ſuchten noch eifrig den Pelz eines alten Herrn nach Ungeziefer durch. Wahrſcheinlich würde die ganze Geſellſchaft in beob - achtender Haltung geblieben ſein, hätten wir nicht zwei muntere und üppige Hunde mit uns geführt, ſchöne, ſchlanke Windſpiele, gewohnt, die Hiäne von den Wohnungen abzutreiben, erprobt ſelbſt im Kampf gegen den Wolf jener Länder. Sie antworteten mit Gebell auf jene Laute, und nun be - merkten wir einen allgemeinen Aufſtand unter der Herde. Es mochte den Affen daran zu liegen ſcheinen, einen noch ſicherern Aufenthaltsort zu ſuchen. Sie zogen deshalb bis auf die letzten Poſten längs des Kammes dahin und verſchwanden unſeren Blicken. Doch ſahen wir zu unſerer Ueber - raſchung bei der nächſten Biegung des Thales die ganze Herde, diesmal an einer ſenkrecht erſcheinen - den, ſehr hohen Felſenwand, wo ſie in einer langen Reihe, in einer mir heut noch unbegreiflichen Weiſe, wie an den Felſen klebten. Dieſe Reihe erſchien uns zu lockend, als daß wir ſie hätten un - geſtört in ihrer Ruhe laſſen können. Die Jagdluſt wurde allzumächtig. Von dem Bedanern, welches jeder Jäger verſpürt, wenn er kleine Affen jagt oder jagen will, fühlten wir jetzt keine Regung in uns aufſteigen; denn die Paviane erſchienen uns durchaus nicht als Zerrbilder des Menſchen, ſondern als wüthende, grimmige Raubthiere, keiner Schonung werth und zur Jagd ganz geeignet. Leider war die Wand ſo hoch, daß an ein ſicheres Schießen nicht zu denken war. Wir gedachten alſo die Geſellſchaft wenigſtens aufzuſtören. Der Knall des erſten Schuſſes brachte eine unbeſchreibliche Wirkung hervor. Ein raſendes Brüllen, Henlen, Brummen, Bellen und Kreiſchen antwortete; dann ſetzte ſich die ganze Kette in Bewegung und wogte an der Felswand dahin mit einer Sicherheit, als ob die Geſellſchaft auf ebenem Boden ſich fortbewege, obgleich wir nicht abſehen konnten, wie es nur möglich war, feſten Fuß zu faſſen. Ein ſchmales Geſims ſchien von den Affen als höchſt bequemer Weg betrachtet zu werden. Nur an zwei Stellen, wo ſie einmal gegen zehn Fuß in die Tiefe und beinahe eben ſo wieder aufſteigen mußten, bewegte ſich der Zug langſamer und vorſichtiger. Wir feuerten etwa ſechs Schüſſe ab; aber es war uns unmöglich, ſicher zu zielen, auch ſchon weil der Anblick ſo viel79Eigenſchaften. Nahrung. Eigene Beobachtungen. Jagden.Ueberraſchendes hatte, daß uns alle Ruhe verloren ging. Jmmerhin aber waren unſere Kugeln noch gut genug gerichtet, um die Aufregung der Affen bis zum Entſetzen zu ſteigern. Ueberaus komiſch ſah es aus, wie die ganze Herde nach einem Schuß urplötzlich ſich an einem Felſen anklammerte, als fürchte ſie, durch die bloſe Erſchütterung zur Tiefe herabgeſtürzt zu werden. Wie es ſchien, entkamen Alle unverſehrt unſeren Geſchoſſen. Allein der Schreck mochte ihnen doch wohl einen Streich geſpielt haben; denn es wollte uns dünken, als hätten ſie die ihnen ſonſt eigne Berechnung diesmal ganz außer Acht gelaſſen. Beim Umbiegen um die nächſte Wendung des Thales trafen wir die ganze Geſellſchaft nicht mehr in der Höhe, ſondern in der Tiefe an, eben im Begriff, das Thal zu überſchreiten, um auf den gegenüberliegenden Höhen Schutz zu ſuchen. Ein guter Theil der Herde war ſchon am jenſeitigen Ufer angekommen, die Hauptmaſſe aber noch zurück. Unſere Hunde ſtutzten einen Augenblick, als ſie das wogende Gewimmel erblickten; dann ſtürzten ſie ſich mit jauchzendem Bellen unter die Bande. Jetzt zeigte ſich uns ein Schauſpiel, wie man es nur ſelten zu ſchauen bekommt. Sobald die Hunde herbeieilten, ſtürzten ſich von allen Felſen die alten Männchen herab in das Thal, jenen entgegen, bildeten ſofort einen Kreis um die Rüden, brüllten furchtbar, riſſen die zähneſtarrenden Mänler weit auf, ſchlugen mit den Händen grimmig auf den Boden und ſahen ihre Gegner mit ſo boshaften, wüthend funkelnden Blicken an, daß dieſe ſonſt ſo muthigen, kampfluſtigen Thiere entſetzt zurückprallten und ängſtlich bei uns Schutz ſuchen wollten. Selbſtverſtändlich hetzten wir ſie von neuem zum Kampfe, und es gelang uns auch glücklich, ihren Eifer wieder anzufachen. Das Schauſpiel hatte ſich jedoch inzwiſchen verändert: die ſich ſiegreich wähnenden Affen waren unterdeß auf die erkorene Seite gezogen. Als die Hunde von friſchem anſtürmten, befanden ſich nur wenige in der Tiefe des Thales, unter ihnen ein etwa halbjähriges Jnnges. Es kreiſchte laut auf, als es die Hunde erblickte, flüchtete eilends auf einen Felsblock und wurde hier kunſtgerecht von unſeren vortrefflichen Thieren geſtellt. Wir ſchmeichelten uns ſchon, dieſen Affen erwiſchen zu können: allein es kam anders. Stolz und würdevoll, ohne ſich im geringſten zu beeilen und ohne auf uns zu achten, erſchien vom andern Ufer herüber eins der ſtärkſten Männchen, ging furchtlos den Hunden entgegen, blitzte ihnen giftige Blicke zu, welche ſie vollkommen in Achtung hielten, ſtieg langſam auf den Felsblock zu dem Jungen, ſchmeichelte dieſem und trat mit ihm den Rückweg an, dicht an den Hunden vorüber, welche ſo verblüfft waren, daß ſie ihn mit ſeinem Schützling ruhig ziehen ließen. Dieſe muthige That des Stammvaters der Herde erfüllte uns ebenfalls mit Ehrfurcht, und keiner von uns dachte daran, ihn in ſeinem Wege zu ſtören, obgleich er ſich uns nah genug zur Zielſcheibe bot. Jn dem Gebüſch, welches die bereits übergeſetzte Herde noch zu durchſchreiten hatte, wurden während dem alle nur denkbaren Töne laut, und einige Mal vermeinten wir ſo deutlich das Gebrumm des Leoparden zu vernehmen, daß ich mich ſchließlich verleiten ließ, dieſem Raubthiere nachzuſpüren, glaubend, es möchte durch die Affen aufgeſtört worden und vielleicht mit ihnen im Kampfe begriffen ſein; jedoch waren es nur die Paviane geweſen, welche die merkwürdigen Töne ausgeſtoßen hatten.
Am folgenden Tage ſollte ich übrigens Gelegenheit erhalten, Affen und Leoparden zuſammen zu ſehen; ich verſpare mir aber die Erzählung dieſes Auftritts bis zur Beſchreibung des Leoparden ſelbſt, weil dieſer es war, welcher dabei die hervorragendſte Rolle ſpielte.
Auf ſpäteren Jagden lernte ich die Affen noch beſſer kennen und dabei die unglaubliche Lebens - zähigkeit dieſer Thiere bewundern. Wenn ſie die Kugel nicht unmittelbar aufs Blatt oder in den Kopf erhielten, gingen ſie uns regelmäßig verloren. Sie eilten, auch wenn ſie ſtark verwundet waren, noch ſo rüſtig davon, daß ſie immer entkamen. Schrotſchüſſe fruchteten gar Nichts. Sie griffen dann nur nach der verwundeten Stelle, rieben ſie mit der Hand und ſetzten ihren Weg weiter fort, als ob Nichts geſchehen wäre. Schließlich waren wir ſo kühn geworden, daß wir gar nicht daran glaubten, bei ſolchen Jagden irgendwie gefährdet zu ſein. Allein auch hierüber ſollten wir bald eines Beſſern belehrt werden.
Als ich mit dem Herzog von Koburg-Gotha, ſeinen fürſtlichen Begleitern und der übrigen Reiſe - geſellſchaft das zweite Mal durch das Thal von Menſa zog, machte uns einer der Abiſſinier auf80Die Affen. Hundsköpfe. — Hamadryas oder Mantelpavian. Gelada. einige Paviane aufmerkſam, welche auf ziemlich hohen Bäumen ſaßen. Jch erwähne Dies ausdrück - lich, weil die Paviane, wie ich oben ſagte, gewöhnlich nur im Nothfalle Bäume erſteigen. Selbſt - verſtändlich wurde ſofort auf die entdeckten Schelme Jagd gemacht, obgleich ich davon abrieth, weil ich richtig vermuthete, daß die Hauptmenge auf der andern Seite des Berges ſitzen würde. Beim Umgehen einer Thalbiegung ſahen wir denn auch eine der größten Herden, welche uns überhaupt vorgekommen, langſam an den Bergwänden dahinſchreiten. Jhnen wurde jetzt eine wahre Schlacht geliefert. Mehr als zwanzig Schüſſe fielen von uns, mehrere der Paviane wurden getödtet, viele verwundet und die ganze Herde nach und nach auf den Kamm des Berges getrieben. Anfänglich ſchoſſen wir vom Thalgrunde aus: bald aber ſuchten wir an der gegenüberliegenden Wand geſchütztere Standorte; denn die von uns durch unſere Schüſſe ebenſo erſchreckten wie erzürnten Thiere griffen jeden Stein auf, welchen ſie auf ihrem Wege liegen ſahen, und rollten ihn in die Tiefe hinab. Der Büchſenſpanner des Herzogs verſicherte, ein großes Männchen geſehen zu haben, welches mit einem gewaltigen Stein unter dem Arme einen Baum erſtiegen und von dort aus ſeine Bürde nach uns zu in die Tiefe hinabgeſchleudert habe. Mehrere der Rollſteine flogen uns im Anfang ſo nahe an den Köpfen vorbei, daß wir das Lebensgefährliche unſerer Stellung augenblicklich einſahen und förmlich flüchteten, um beſſere Plätze zu gewinnen. Während des ganzen Gefechts blieb die Thalſohle für unſere nachkommende Karawane vollſtändig geſperrt; denn die Paviane rollten Steine von mehr als Kopfgröße zur Tiefe hernieder. Daß die geſunden, den Jndianern gleich, ihre Leichen vom Schlacht - felde weggetragen hätten, wie Bayſſière beobachtet haben will, iſt von uns nicht geſehen auch etwas darauf Bezügliches anderweitig vernommen worden. Dagegen unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß die fernere Erzählung jenes Reiſenden ihre Richtigkeit hat. Bayſſière erlegte nämlich ein Weibchen, welches ein Junges trug, und beobachtete, daß letzteres ſeine Mutter auch im Tode nicht verließ, ſondern ſich willig von den Todfeinden fangen ließ und ungeachtet ſeiner anfänglichen Stör - rigkeit bald zahm und ſanft wurde. Auch dieſer Reiſende wurde durch das Herabrollen von Steinen durch Paviane arg beläſtigt.
Mir iſt es, ſeitdem ich die Thiere ſelbſt in ihrer Freiheit ſah, durchaus nicht mehr unwahr - ſcheinlich, daß ſie auf einen nicht mit dem Feuergewehr bewaffneten Menſchen im Augenblick der höchſten Gefahr muthig losgehen und ihn gemeinſam angreifen, wie die Araber und Abiſſinier, ſowie übereinſtimmend auch gute Beobachter, namentlich Rüppell und Schimper, erzählen. Wir ſelbſt haben zwar keine Erfahrungen geſammelt, welche jene Beobachtungen beſtätigen könnten, wohl aber geſehen, daß die Hamadryaden ſelbſt vor dem Bewaffneten ſich nur höchſt langſam und mit ſehr vielſagendem Zähnefletſchen und Brüllen zurückziehen. Schimper verſicherte mich, daß der Hamadryas ohne Umſtände Menſchen nicht nur angriffe, ſondern auch bewältige und tödte; alte Männchen ſollen ſich ſogar ungereizt und zwar wiederholt über holzſammelnde Mädchen hergemacht und ſie umgebracht haben, wenn ſie ſich widerſetzten. Auch Rüpell giebt an, daß der ſcheußliche Affe unter die gefährlichſten Gegner des Menſchen gerechnet werden muß.
Jn Egypten und namentlich in Kairo ſieht man den Mantelpavian häufig genug im Beſitz von Gauklern und Volksbeluſtigern. Wahrſcheinlich werden noch heute genau dieſelben Spiele dem Volke zur Schau gegeben, welche ſchon Alpinus ſah, wie ja auch heutigen Tages noch mit der Brillen - ſchlange in derſelben Weiſe gegankelt wird, in welcher Moſes vor Pharao gankelte. Zumal an Feſt - tagen findet man auf jedem größern Platze der Hauptſtadt einen Affenführer und Schlangen - beſchwörer. Die bezüglichen Vorſtellungen ſtehen unter der Mittelmäßigkeit oder vielmehr, ſie ſind pöbelhaft gemein. Der Schauſteller hat die Gelehrigkeit des Pavians benutzt, um ſeine eigne Un - ſauberkeit im ſcheußlichſten Zerrbilde wiederzugeben, und die Naturanlage des Affen kommt dem Herrn nur zu gut zu Statten. Wie geſcheit ein ſolcher Affe werden kann, ſehen wir ja übrigens häufig genug in Affenſchaubuden, welche uns gezähmte und abgerichtete Thiere derſelben Sippe vor - führen. Uebrigens benutzen die egyptiſchen Gaukler gewöhnlich Weibchen; denn die Männchen werden mit der Zeit zu bösartig und gefährlich. Sogar in Egypten dürfen ſie nicht ohne Beißkorb81Beſchreibung des Gelada.ausgeführt werden. Dieſer hindert ſie jedoch immer noch nicht, Unfug zu ſtiften. Jch ritt einſt durch die Straßen Kairo’s und ſtieß dabei mit dem Fuße an einen auf der Straße ſitzenden Hama - dryas; mein Reiteſel lief im ſchnellſten Galopp: gleichwohl hatte der Pavian im nächſten Augen - blick mich am Beine erwiſcht und riß mir mit wenigen Griffen die Kamaſche, den Strumpf und Schuh vom Fuße, mir zugleich als Zeichen ſeiner Gewandtheit und Freundlichkeit noch ein Paar ziemlich tiefe Wunden hinterlaſſend. Die Frechheit und Geilheit dieſer Thiere, ihre Unverſchämtheit und Flegelhaftigkeit verbannen ſie ganz entſchieden aus der Geſellſchaft des Menſchen.
Jn unmittelbarer Nähe des Hamadryas wohnt ein zweiter Mantelpavian, der Gelada (Cynocephalus Gelada). Er iſt der Rieſe ſeiner Familie und noch bedeutend größer, als der Hamadryas, wenn auch ſein Entdecker, unſer Rüppell, dieſes verneint. Jch ſtützte mich bei meinen Angaben auf die mündlichen Mittheilungen Schimpers, welcher ſeit 28 Jahren in Habeſch lebt und oft genug Gelegenheit fand, den Gelada zu beobachten. Mein Gewährsmann verſichert, daß recht alte Männchen des Gelada Mannsgröße erreichen. Unſer Affe unterſcheidet ſich vom Hama - dryas auf den erſten Blick. Seine Hautfarbe iſt dunkelbrann, der Kopf, der Oberhals, die Mähnen - haare und der Schwanz ſind lichtbraun, die Kehle und Unterſeite, die untere Hälfte der Vorderglieder und die Rückenſeite der vier Hände ſchwarzbraun. Auf dem Vorderhals und über der Bruſt finden ſich zwei große, dreieckige, nackte, fleiſchfarbige Hautſtellen. Die Geſäßſchwielen ſind dunkelgrau - ſchwarz gefärbt.
Brehm, Thierleben. 682Die Affen. Hundsköpfe. — Gelada. Babuin.Der Gelada bewohnt nach Rüpell die höheren Berggipfel in Simeen, dem eigentlichen Hoch - lande von Abiſſinien. Schimper ſagte mir, daß man ihn gewöhnlich in einem Höhengürtel findet, welcher zwiſchen 9 — 14,000 Fuß über dem Meere liegt. Hier lebt er in ungeheuren Scharen; an der unteren Gränze ſeines Hochgebirges dagegen erſcheinen nur kleine Trupps von 100 bis 200 Stück. Auch er verläßt die felſigen, mit Geſtrüpp bedeckten Wände blos, um in der Tiefe zu rauben. Seine gewöhnliche Nahrung beſteht aus verſchiedenen Zwiebeln, welche er ausgräbt, Orchideen, Liliaceen, aus Gräſern, Kräutern, Früchten aller Art, und ſelbſtverſtändlich auch Kerb - thieren, Würmern, Schnecken und dergleichen. Die Felder beſucht er ebenfalls und zwar, wie die Abiſſinier behaupten, immer genau zu der Zeit, in welcher der Wächter nicht vorhanden iſt. Obgleich weit weniger unverſchämt und zudringlich, als der Hamadryas, richtet doch auch er großen Schaden an, hauptſächlich deshalb, weil er immer in Menge einfällt. Vor dem Menſchen flüchtet ſtets die ganze Herde, ohne ſich jemals zu vertheidigen; doch iſt es immerhin nicht rathſam, einem aufs äußerſte getriebenen Gelada zu nahe zu kommen: denn ſein Gebiß iſt mindeſtens ebenſo furchtbar, wie das ſeines Verwandten.
Mit dieſem lebt der Gelada durchaus nicht in freundſchaftlichen Verhältniſſen. Die Berge von Simeen gleichen großen Häuſern: ſie fallen von oben her nur ſanft, ungefähr dachartig, dann aber plötzlich Tauſende von Fußen mehr oder weniger ſteil, bis ſenkrecht ab. Jn dieſen Wänden nun giebt es Felſenhöhlen genug, in denen unſere Affen ſchlafen. Bei Tage ſieht man ſie oft in langen Reihen, zu Tauſenden vereinigt, auf den Geſimſen und Vorſprüngen ſitzen. Sie haben dann ihren Futtergang beendet und ſind geſättigt von oben herabgekommen. Selten ſteigen ſie bis zu dem Fuße der ſteilen Wandungen hernieder, eben, um einmal ein Feld da unten zu beſuchen. Bei ſolchen Aus - flügen treffen ſie dann zuweilen mit den Hamadryaden zuſammen, und nunmehr beginnt eine förm - liche Schlacht zwiſchen beiden Heeren. Die Feindſchaft der Gegner muß ſehr groß ſein. Man bemerkt Dies an dem unglaublichen Zorne, mit welchem ſie auf einander losſtürmen. Zwar kommt es nicht zu ernſthaften Angriffen, aber doch zur Fehde. Geladas und Hamadryaden erheben ein furcht - bares Geſchrei; dann rollen erſtere große Steine auf letztere herab, denen dieſe mit funkelnden Blicken unter Brüllen, Brummen und Bellen auszuweichen ſuchen. Einzelne alte Recken ſtürmen auch wohl auf einander los und ſuchen ſich gegenſeitig zu packen. Sie zauſen ſich dann tüchtig an dem ihre Männlichkeit bekundenden Mantel und beißen ſich ſogar mitunter; allein in der Haupt - ſache bleibt es beim Geſchrei und bei den wuthfunkelnden Blicken. Für den Zuſchauer haben dieſe Kämpfe etwas überaus Ergötzendes.
Schimper glaubt übrigens, daß aller Feindſchaft zum Trotz zuweilen Vermiſchungen zwiſchen Gelada und Hamadryas vorkommen.
Nach der feſten Ueberzeugung genannten Forſchers giebt es in Habeſch einen andern Affen, kleiner und grauer, als der Gelada, ſonſt ihm aber ähnlich, welcher ſich nicht nur durch anderes Geſchrei auszeichnet, ſondern auch mehr in der Tiefe, ſowie in Herden von geringerer Zahl vor - kommt und ſich durch verſchiedene Lebensweiſe unterſcheidet. Er ſoll den Hamadryas auf ſeinen Raubzügen begleiten oder ihm vielmehr in die Getreidefelder folgen und dort ſich friedlich zu ihm ſtellen. Nach der Beſchreibung, welche Schimper nach Paris ſandte, wurde das betreffende Thier für eine neue Art erklärt.
Endlich findet ſich in dem Wunderlande Abiſſinien noch ein gewaltiger, unſeren Muſeen gänzlich unbekannter Affe, größer als ein Menſch, ganz ſchwarz, ſehr roth auf den nackten Stellen der Bruſt, welcher in Geſtalt und Lebensweiſe dem Gelada am meiſten ähnelt, jedoch in Herden von nur 30 oder 40 Stück lebt und ſich nur in Höhen findet, welche ſelten beſtiegen werden. Schimper ſah eine einzige Herde dieſer fraglichen Thiere und konnte trotz aller Mühe von ſeinen Jägern blos ein Stück, aber leider ein Junges, erhalten. Dieſes hatte mit gleich alten Geladas kaum Aehnlichkeit; es unter - ſchied ſich in jeder Hinſicht.
83Beſchreibung. Aufenthalt. Betragen.Unter den mantelloſen Pavianen iſt mir der Babuin oder Khird der Araber (Cynocephalus Babuin) am beſten bekannt geworden, wenn auch nur in ſeinem Gefangenleben. Mit den eben be - ſchriebenen Sippſchaftsverwandten kann der Babuin allerdings nicht verwechſelt werden, wohl aber mit anderen Hundsköpfen und zumal mit dem am Kap lebenden Tſchakma (Cynocephalus porea - rius), von welchem ihn hauptſächlich ſein grünlich braungelber — anſtatt bräunlicher — Pelz unter - ſcheidet. Auch iſt er etwas kleiner, als jener. Die Haare zeigen abwechſelnd gelbe und ſchwärzliche Ringe von dunkler Farbe. Jm Geſicht iſt er grünlichbraun, und die Augenlider ſind weißlich, blaßfleiſchroth.
Hinſichtlich der Lebensweiſe und des Betragens iſt zwiſchen beiden Pavianen kein Unterſchied zu bemerken; ich werde deshalb vorzugsweiſe von der mir bekannteren Art reden.
Der Babuin lebt ſo ziemlich in der Heimat des Hamadryas, dringt aber weiter in das Jnnere Afrikas vor, als dieſer. Abiſſinien, Kordofahn und andere mittelafrikaniſche Länder be - herbergen ihn, und wo er vorkommt, iſt er häufig. Er wird ſehr oft gefangen und auf dem Nil herunter nach Egypten und von dort aus nach Europa gebracht. Jn Egypten dient er den Gauklern ſo ziemlich zu denſelben Zwecken, wie ſein gemähnter Bruder. Er iſt weniger bösartig, als dieſer, und jung ſogar recht freundlich und liebenswürdig.
Jn ſeinen Bewegungen und ſeiner Stellung gleicht der Babuin ganz den anderen Pavianen, ſein geiſtiges Weſen zeichnet ihn jedoch zu ſeinem Vortheil aus. Er iſt ein ſehr kluges Thier und gewöhnt ſich jung außerordentlich leicht an den Menſchen, läßt ſich zu allen möglichen Kunſtſtücken ohne Mühe abrichten und hängt ſeinem Herrn, trotz ſchlechter Behandlung, mit großer Treue an. Das Weibchen iſt ſanfter und liebenswürdiger, als das Männchen, welches oft ſeine Tücken und6 *84Die Affen. Hundsköpfe. — Babuin. Unarten auch ſeinem Herrn gegenüber zeigt, während das Weibchen mit dieſem auf dem traulichſten Fuße lebt. Jch habe deshalb mir auch regelmäßig weibliche Paviane ausgeſucht.
Der erſte Babuin, welchen ich beſaß, erhielt den Namen Perro. Er war ein hübſcher munterer Affe und hatte ſich ſchon in drei Tagen vollkommen an mich gewöhnt. Jch wies ihm das Amt eines Thürhüters an, indem ich ihn über unſerer Hofthüre befeſtigte. Hier hatte er ſich bald einen Lieblings - ſitz ausgeſucht und bewachte von dort aus die Thüre auf das allerſorgfältigſte. Nur uns und ihm Bekannte durften eintreten, Unbekannten verwehrte er hartnäckig den Eingang und geberdete ſich dabei ſo toll, daß er ſtets gehalten werden mußte, bis der Betreffende eingetreten war, weil er ſonſt wie ein wüthender Hund auf denſelben losgefahren ſein würde. Bei jeder Erregung erhob er den Schwanz und ſtellte ſich auf drei von ſeinen Händen, die vierte benutzte er, um damit heftig auf den Boden zu ſchlagen, ganz wie ein wüthender Menſch auf den Tiſch ſchlägt, nur daß er nicht die Fauſt ballte, wie dieſer. Seine Augen glänzten und blitzten im Zorne, er ließ ein bellendes Geſchrei hören und rannte dann wüthend auf ſeinen Gegner los. Nicht ſelten verſtellte er ſich mit ausgeſuchter Niederträchtigkeit, nahm eine ſehr freundliche Miene an, ſchmatzte mehrmals raſch hinter einander, was immer als Freundſchaftsbetheuerung anzunehmen war, und langte ſehnend mit den Händen nach Dem, welchem er Etwas auswiſchen wollte. Gewährte ihm dieſer ſeine Bitte, ſo fuhr er wie ein Teufel nach der Hand, riß ſeinen Feind an ſich heran und kratzte und biß ihn. Er lebte mit allen Thieren in Freundſchaft, mit Ausnahme der Strauße, welche wir beſaßen. Dieſe trugen jedoch die Schuld des feindlichen Verhältniſſes, welches zwiſchen beiden beſtand. Perro ſaß, wenn ſeine Wächterdienſte unnöthig waren, gewöhnlich ganz ruhig auf ſeiner Mauer und hielt ſich gegen die ſengenden Sonnen - ſtrahlen ein Stückchen Strohmatte als Schirm über den Kopf. Dabei vernachläſſigte er es, auf ſeinen langen Schwanz beſondere Rückſicht zu nehmen und ließ dieſen an der Mauer herabhängen. Die Straußen haben nun die Unart, nach allem Möglichen, was nicht niet - und nagelfeſt iſt, zu beißen. Und ſo geſchah es denn ſehr oft, daß einer oder der andere dieſer Vögel ſchaukelnd heran kam, mit ſeinem dummen Kamelkopfe ſich dem Schwanze näherte und, ohne daß Perro es ahnte, plötzlich demſelben einen tüchtigen Biß verſetzte. Die Strohmatte wegwerfen, laut ſchreien, den Strauß mit beiden Vorderhänden am Kopfe faſſen und tüchtig abſchütteln, war dann gewöhnlich Eins. Es kam oft vor, daß der Affe nachher eine ganze Viertelſtunde lang nicht aus ſeiner Wuth herauskam. Nun war es freilich kein Wunder, daß er dem Strauße, wo er ihn nur immer erwiſchen konnte, einen Hieb oder Kniff verſetzte.
Während unſerer Rückreiſe nach Egypten wurde Perro, welcher mit allem Schiffsvolk gute Freundſchaft hielt, am Bord der Barke angebunden. Er fürchtete das Waſſer in hohem Grade, war aber doch geſcheit genug, ſich, wenn er durſtete, demſelben ſo zu nähern, daß er keine Gefahr zu be - ſorgen brauchte. Er probirte nämlich regelmäßig ſeinen feſten Strick und ließ ſich dann an dieſem bis nah über den Waſſerſpiegel hinab, ſtreckte ſeine Hinterhände in den Strom, näßte ſie an und leckte ſie ab, auf dieſe Weiſe ſeinen Durſt ſtillend.
Gegen junge Thiere zeigte er große Zuneigung. Als wir in Alexandrien einzogen, war er auf den Wagen gebunden, welcher unſere Kiſten trug, ſein Strick war aber ſo lang, daß er ihm die nöthige Freiheit gewährte. Beim Eintreten in die Stadt erblickte Perro neben der Straße das Lager einer Hündin, welche vor kurzer Zeit geworfen hatte und vier allerliebſte Junge ruhig ſäugte. Vom Wagen abſpringen und der Alten ein ſäugendes Junges wegreißen, war die That weniger Augen - blicke; nicht ſo ſchnell gelang es ihm aber, ſeinen Sitz wieder zu erreichen. Die Hundemutter, aufs äußerſte aufgebracht über die Frechheit des Affen, fuhr wüthend auf dieſen los, und Perro mußte nun ſeine ganze Kraft zuſammennehmen, um dem andringenden Hunde zu widerſtehen. Sein Kampf war nicht leicht; denn der Wagen bewegte ſich ſtetig weiter und ihm blieb keine Zeit übrig, auf ihn hinaufzuklettern, weil ihn ſonſt die Hündin gefaßt haben würde. So klammerte er nun den jungen Hund zwiſchen den obern Arm und die Bruſt, zog mit demſelben Arme den Strick an ſich, weil dieſer ihn würgte, lief auf den Hinterbeinen und vertheidigte ſich mit der größten Tapferkeit gegen ſeine85Aus dem Gefangenleben des Babuin.Angreiferin. Sein muthiger Kampf gewann ihm die Bewunderung der Araber in ſo hohem Grade, daß keiner derſelben ihm ſein geraubtes Pflegekind abnahm; ſie jagten ſchließlich lieber die Hündin weg. Unbehelligt brachte er den jungen Hund mit ſich in unſere Behauſung, hätſchelte, pflegte und wartete ihn ſorgfältig, ſprang mit dem armen Thiere, welches gar keinen Gefallen an ſolchen Tänzer - künſten zu haben ſchien, auf Mauern und Balken, ließ es dort in der gefährlichſten Lage los und er - laubte ſich andere Uebergriffe, die wohl an einem Affen, nicht aber an einem Hunde gerechtfertigt ſein mochten. Seine Freundſchaft zu dem Kleinen war groß, Dies hinderte ihn jedoch nicht, alles Futter, welches wir dem jungen Hunde brachten, ſelbſt an deſſen Stelle zu freſſen und das arme hungrige
Thier auch noch ſorgfältig mit dem Arme wegzuhalten, während er, der räuberiſche Vormund, das unſchuldige Mündel beein - trächtigte. Jch ließ ihm noch an demſelben Abend das Junge abnehmen und es zu ſeiner rechtmäßigen Mutter zurückbringen. Der Verluſt ärgerte ihn dergeſtalt, daß er mehrere Tage ſehr mürriſch war und ver - ſchiedene dumme Streiche verübte.
Während meines zweiten Aufenthaltes in Oſt Sudahn hatte ich oft viele Paviane derſelben Art zu gleicher Zeit in meinem Gehöft. Sie gehörten theils mir, theils einem meiner Freunde an. Jeder Pavian kannte ſeinen Herrn genau und ebenſogut den ihm verliehenen Namen. Es war eine Kleinigkeit, einen friſchgekauften Affen beides kennen zu lernen. Wir brachten das Thier in das Jnnere unſerer Woh - nung und ſorgten durch aufgeſtellte Wachen dafür, daß er den Raum nicht verlaſſen konnte. Dann nahm Einer von uns die Peitſche und bedrohte den betreffenden Affen, der Andere geberdete ſich in aus - drucksvollſter Weiſe als Schutzherr des Verfolgten. Nur ſelten wurde es wirklich nöthig, einen Pavian zu ſchlagen; er be - griff ſchon die Drohung und dem ihn in Ausſicht geſtellten Schutz vollkommen und erwies ſich ſtets ſehr dankbar für die ihm in ſo ſchwerer Bedrängniß gewordene Hilfe. Ebenſo leicht wurde es, einem Paviane begreiflich zu machen, daß er mit dem oder jenem Namen getauft worden ſei. Wir riefen den Namen und prügelten alle diejenigen, welche falſch antworteten. Hierin beſtand das ganze Kunſtſtück. Es war keineswegs nöthig, harte Züchtigungen zu verhängen. Die Drohung, zu ſchlagen, bewirkte oft mehr, als die Schläge ſelbſt, und verſetzte jeden Pavian ſtets in die größte Aufregung.
Während der Regenzeit waren wir oft an unſere Behauſung gebannt. Das Fieber ſchüttelte wohl auch den Einen oder den Andern von uns; ich war damals arm, hatte ſchwere Verluſte erlitten und befand mich in einer ſehr traurigen Lage. Da waren es die Affen vor Allem, welche mich erheiterten, und ich kann wohl ſagen, daß ſie uns geradezu unumgänglich nothwendig wurden. Wir trieben tolle86Die Affen. Hundsköpfe. — Babuin. Streiche mit ihnen, lehrten ihnen allerhand Unſinn, machten die allerſonderbarſten Verſuche. Allein gerade hierdurch lernten wir die merkwürdigen Burſchen ſehr genau kennen. Und jetzt, wo mich das Leben der Thiere mehr und mehr anzieht und zu immer umfaſſendern Beobachtungen in dieſer Richtung antreibt, ſind mir jene tollen Streiche ſehr wichtig geworden.
Unſere Affen erhielten Reitſtunden. Ein dicker Eſel, das unentbehrliche Reitthier eines noch dickern und jedenfalls unausſtehlichern Griechen, wurde dazu benutzt. Die Affen ſchauderten, als ſie das erſte Mal ſich auf den Rücken des Eſels ſetzen ſollten; doch genügte eine einzige Lehrſtunde, um ihnen den Werth der höhern Reitkunſt vollkommen klarzumachen, und ſchon nach wenig Abenden hatten wir das Vergnügen, alle Affen ſattelfeſt, wenn auch verzweiflungsvoll, auf dem Eſel ſitzen zu ſehen, welcher ſeinerſeits über die ihm gemachten Zumuthungen in nicht geringe Aufregung verſetzt wurde. Wie vortrefflich unſeren Pavianen ihre Hände zuſtatten kamen, wurde bei dieſen Verſuchen recht augenſcheinlich. Wir hatten ihnen gelehrt, ſich wie ein Menſch auf den Rücken des geduldigen Langohrs zu ſetzen, und zwar ihrer drei, vier, ja fünf zu gleicher Zeit. Der Erſte umhalſte den Eſel in der zärtlichſten Weiſe mit ſeinen Vorderarmen; mit den hinteren Händen aber krampfte er ſich in dem Felle des Thieres ſo feſt, daß er mit demſelben zuſammengewachſen zu ſein ſchien. Sein hinter ihm ſitzender Mitreiter klammerte ſich mit ſeinen Vorderhänden an ihn an, mit den Hinterhänden aber genau in derſelben Weiſe, wie jener, an den Eſel, und ſo alle übrigen Reiter! Jch brauche wohl nicht zu verſichern, daß man ſich unmöglich einen tollern Anblick denken kann, als vier oder fünf Affen auf dem Rücken des oft genug und mit vollem Rechte ſtörriſch werdenden Grauthiers.
Alle unſere Paviane theilten mit den Eingebornen die Leidenſchaft für die Meriſa, eine Art Bier, welche die Sudahneſen aus den Körnern der Durrah oder des Dohhen zu bereiten wiſſen. Sie berauſchten ſich oft in dieſem Getränke und bewieſen mir dadurch, daß die Sudahneſen mich der Wahrheit gemäß über den Fang der Paviane unterrichtet hatten. Rothwein — andern hatten wir nicht — tranken die Affen auch, Branntwein verſchmähten ſie aber immer. Einmal goſſen wir ihnen ein Gläschen davon mit Gewalt in das Maul. Die Folge zeigte ſich bald, zumal unſere Thiere vorher ſchon hinreichend oft die Meriſa gekoſtet hatten. Sie wurden vollſtändig betrunken und ſchnitten die allerfürchterlichſten Geſichter, wurden übermüthig, leidenſchaftlich, thieriſch, kurz gaben mir ein abſchreckendes Zerrbild eines rohen, betrunkenen Menſchen. Am andern Morgen ſtellte ſich der Katzenjammer mit all ſeinen Schrecken ein. Die von dieſer unheimlichen Plage befallenen Paviane machten jetzt Geſichter, welche wahrhaft erbarmungswürdig ausſahen. Man merkte es ihnen an, daß ein heftiger Kopffchmerz ſie peinige; ſie hielten ſich wohl auch wie Menſchen unter ſolchen Umſtänden mit beiden Händen das beſchwerte Haupt und ließen von Zeit zu Zeit die verſtändlichſten Klagen hören. Wie der Katzenjammer ihnen mitſpielte, zeigten ſie dadurch, daß ſie nicht nur das ihnen gebrachte Futter, ſondern auch die ihnen dargereichte Meriſa verſchmähten und ſich von Wein, den ſie ſonſt ſehr liebten, mit Abſcheu wegwandten. Dagegen erquickten ſie kleine ſaftige Citronen außerordentlich: kurz, ſie geberdeten ſich auch hierin wieder vollkommen menſchlich.
Mit den anderen Thieren, welche ich lebendig hielt, vertrugen ſie ſich ſehr gut. Eine zahme Löwin, von der ich weiter unten berichten werde, ängſtigte zwar die Meerkatzen auf das höchſte, nicht aber die muthigen Hundsköpfe. Sie flohen auch, wenn ſich das gefürchtete Thier nahte, hielten ihm aber tapfer Stand, ſowie die Löwin einen Verſuch machte, einen Pavian wirklich anzu - greifen. Daſſelbe habe ich ſpäter ſtets beobachtet. Meine zahmen Paviane flohen z. B. vor Jagdhunden, welche ich auf ſie hetzte, trieben dieſelben jedoch augenblicklich in die Flucht, wenn einer der Hunde es wirklich gewagt hatte, ſie am Fell zu packen. Der flüchtende Affe ſprang dann unter furchtbarem Gebrüll blitzſchuell herum, hing ſich mit unglaublicher Gewandtheit an den Hund an und maulſchellirte, biß und kratzte ihn derartig, daß dieſer in höchſter Verblüffung und gewöhnlich heulend das Weite ſuchen mußte. Um ſo lächerlicher war ihre jedes Maß überſteigende Furcht vor Lurchen aller Art. Eine unſchuldige Eidechſe, ein harmloſer Froſch brachten ſie förmlich in Verzweiflung! Sie raſten dann, ſuchten die Höhe zu gewinnen und klammerten ſich krampfhaft an Balken und Mauern feſt, ſoweit es87Aus dem Gefangenleben des Babuin.ihr Strick zuließ. Gleichwohl war ihre Neugierde ſo groß, daß ſie nie umhin konnten, ſich die ihnen entſetzlichen Thiere in der Nähe zu betrachten. Jch brachte ihnen unter anderen mehrmals giftige Schlangen in Blechſchachteln mit. Sie wußten aus Erfahrung, was für gefährliche Weſen dieſe Schachteln beherbergten, konnten aber doch nicht widerſtehen, die geſchloſſenen Gefängniſſe der Schlangen aufzumachen und weideten ſich dann gleichſam an ihrem eignen Entſetzen. Jn dieſer Furcht vor Lurchen ſind meiner Erfahrung nach alle Affen gleich.
Einer dieſer Paviane verendete auf ſehr traurige Weiſe. Mein Diener wollte ihn im Nil baden und warf ihn vom Bord unſers Schiffes aus in den Strom. Der Affe war an einem langen Stricke befeſtigt, deſſen Ende mein Diener in der Hand behielt. Unglücklicherweiſe aber entfiel ihm dieſer, der Affe verfank, ohne auch nur einen Verſuch im Schwimmen zu machen, und ertrank.
Ein anderes Mitglied der Geſellſchaft brachte ich mit mir nach Deutſchland und in meine Heimat. Es zeichnete ſich durch auffallenden Verſtand aus, verübte aber auch viel loſe und tolle Streiche. Unſer Haushund hatte ſich jahrelang als Tyrann gefallen und war in ſeinem Alter ſo mürriſch geworden, daß er eigentlich mit keinem Geſchöpf im Frieden lebte und, wenn er erzürnt war oder geſtraft werden ſollte, ſogar nach ſeinem eignen Herrn biß. An Atile, ſo hieß mein Pavian, fand er aber einen ihm nicht nur ebenbürtigen, ſondern ſogar überlegenen Gegner. Atile machte ſich ein Vergnügen daraus, den Hund auf jede Weiſe zu ärgern. Wenn er draußen im Hofe ſeinen Mittagsſchlummer hielt und ſich in der bequemſten Weiſe auf den grünen Raſen hingeſtreckt hatte, erſchien die neckiſche Aeffin leiſe neben ihm, ſah mit Befriedigung, daß er feſt ſchlafe, ergriff ihn ſacht am Schwanze und erweckte ihn durch einen plötzlichen Riß an dieſem geachteten Anhängſel aus ſeinen Träumen. Wüthend fuhr der Hund auf und ſtürzte ſich bellend und knurrend auf die Aeffin. Dieſe nahm die herausfordernde Stellung an, ſchlug mit der einen Hand wiederholt auf den Boden und erwartete getroſt ihren erbitterten Feind. Der erreichte ſie zu ſeinem grenzenloſen Aerger niemals. Sowie er nämlich nach ihr biß, ſprang ſie mit einem Satze über den Hund hinweg und hatte ihn im nächſten Augenblick wieder beim Schwanze. Daß der Hund durch ſolche Belei - digung zuletzt geradezu raſend wurde und wirklich vor Wuth ſchäumte, konnte ich ihm nicht verdenken. Es half ihm aber Alles nichts, und ſchließlich räumte er ſtets mit eingezogenem Schwanze das Feld.
Atile liebte Pflegekinder aller Art. Haſſan, die bereits erwähnte Meerkatze, war ihr Liebling und genoß ihre Zuneigung in ſehr hohem Grade — ſo lange es ſich nicht um das Freſſen handelte. Daß der gutmüthige Haſſan ſo zu ſagen jeden Biſſen mit ihr theilte, ſchien ſie ganz ſelbſtverſtändlich und keines Dankes würdig zu finden. Sie verlangte von ihm ſklaviſche Unterwürfigkeit: ſie brach ihm — wie ſchon bemerkt — augenblicklich das Maul auf und leerte die gefüllten Vorrathskammern Haſſaus ohne Umſtände aus, wenn dieſer den kühnen Gedanken gehabt hatte, auch für ſich Etwas in Sicherheit zu bringen. Uebrigens genügte ihrem großen Herzen ein Pflegekind noch nicht; ihre Liebe verlangte mehr Beſchäftigung. Sie ſtahl junge Hunde und Katzen, wo ſie nur immer konnte, und trug ſie oft lange mit ſich herum. Eine junge Katze, welche ſie gekratzt hatte, wußte ſie unſchädlich zu machen, indem ſie mit großer Verwunderung die Klauen des Thieres unterſuchte und die ihr bedenklich erſcheinenden Nägel dann ohne weiteres abbiß. Die menſchliche Geſellſchaft liebte ſie ſehr, zog aber Männer ganz entſchieden Frauen vor und neckte und ärgerte Letztere in jeder Weiſe. Auf Männer wurde ſie blos dann böſe, wenn dieſe ihr Etwas zu Leide gethan hatten, oder wenn ſie glaubte, daß ich ſie auf die Leute hetzen wolle. Jn dieſem Punkte war ſie nämlich ganz wie ein abgerichteter Hund. Man durfte ihr blos ein Wort ſagen oder Jemand zeigen: ſie fuhr dann ſicher wüthend auf den Betreffenden los und biß ihn oft empfindlich. Empfangene Beleidigungen vergaß ſie wochenlang nicht und rächte ſich, ſobald ſich ihr Gelegenheit bot.
Jhr Scharfſinn war außerordentlich groß. Sie ſtahl meiſterhaft, machte Thüren auf und zu und beſaß eine bedeutende Fertigkeit, Knoten zu löſen, wenn ſie glaubte, dadurch irgend Etwas zu erreichen. Schachteln und Kiſten öffnete ſie ebenfalls und plünderte ſie dann immer rein aus. Wir pflegten ſie oft zu erſchrecken, indem wir ein Häufchen Pulver vor ſie auf den Boden ſchütteten und88Die Affen. Hundsköpfe. — Babuin. Schopfpavian. dieſes dann mit Feuerſchwamm anzündeten. Sie ſchrie gewöhnlich laut auf, wenn das Pulver auf - blitzte, und machte einen Satz, ſoweit ihr Strick es zuließ. Doch ließ ſie ſich derartige Schrecken nur einigemal gutwillig gefallen. Später war ſie pfiffig genug, den brennenden Schwamm mit ihren Händen zu erſticken und ſo die Entzündung des Pulvers zu verhüten! Dann fraß ſie daſſelbe regel - mäßig auf, wahrſcheinlich des ſalpeterigen Geſchmackes wegen.
Während des Winters bewohnte ſie gewöhnlich den warmen Ziegenſtall, trieb aber hier häufig Unfug, indem ſie Thüren aushob und ſo die Ziegen und Schweine befreite, Breter abdeckte und andere derartige unerlaubte Dinge ausführte. Das eingemeiſchte Kleienfutter, welches die Ziegen erhielten, fraß ſie leidenſchaftlich gern und fing deshalb oft Streit mit den rechtmäßigen Eigen -
thümern an. Hierbei benahm ſie ſich äußerſt geſchickt: ſie faßte nämlich mit der einen Hand den Eimer oder Kübel, mit der andern packte ſie die Ziege an den Hörnern oder an dem um dieſelbe ge - wundenen Stricke und hielt ſie, während ſie ſelber trank, ſoweit als möglich von ſich ab. Wenn die Ziegen ſie ſtießen, ſchrie ſie laut auf und hing dann gewöhnlich im nächſten Augenblicke an dem Halſe ihrer Gegnerin, um ſie zu beſtrafen. Sie verzehrte alles Genießbare, namentlich gern Kartoffeln, welche auch ihre Hauptſpeiſe bildeten. Gewürzhafte Sämereien, zumal Kümmel, waren eine Leckerei für ſie. Ganz abweichend von anderen Thieren, liebte ſie auch den Tabak und noch mehr den Tabaksrauch und ſperrte, wenn ich ihr denſelben in das Geſicht blies, immer das Maul weit auf, um davon ſoviel als möglich einzuſchlürfen. Dieſelbe Beobachtung habe ich auch bei andern89Heimat. Aufenthalt. Weſen.Affen gemacht; ſie ſind meines Wiſſens aber auch die einzigen Thiere, welche an dem Tabaksrauche Gefallen finden.
Jhre Zuneigung zu mir überſtieg alle Grenzen. Jch konnte thun, was ich immer wollte: ihre Liebe gegen mich blieb ſich gleich. Wie es ſchien, betrachtete ſie mich in allen Fällen als vollkommen unſchuldig an allen Uebeln, welche ihr widerfuhren. Wenn ich ſie züchtigen mußte, wurde ſie niemals auf mich wüthend, ſondern immer nur auf Diejenigen, welche zufällig anweſend waren, wahrſchein - lich weil ſie glaubte, daß dieſe die Schuld an ihrer Beſtrafung trügen. Mich zog ſie unter allen Umſtänden ihren ſämmtlichen Bekannten vor; ſie wurde, wenn ich mich nahte, augenblicklich eine Gegnerin von Denen, welche ſie eben noch geliebkoſt hatte.
Freundliche Worte ſchmeichelten ihr ſehr; Gelächter empörte ſie, zumal wenn ſie merkte, daß es ihr galt. Sie antwortete jedesmal, wenn wir ſie riefen, und kam auch zu mir heran, wenn ich es wünſchte. Jch konnte weite Spaziergänge mit ihr machen, ohne ſie an die Leine zu nehmen. Sie folgte mir wie ein Hund, wenn auch nur in weiten Bogen, die ſie nach eignen Ermeſſen ausführte, und Haſſan lief wiederum ihr treulich nach.
Als Haſſan ſtarb, war ſie ſehr unglücklich und ſtieß von Zeit zu Zeit ein bellendes Geſchrei aus, auch des Nachts, welche ſie ſonſt regelmäßig verſchlafen hatte. Wir mußten fürchten, daß ſie den Verluſt ihrer Gefährtin nicht überleben würde und verkauften ſie deshalb an den Beſitzer einer Thier - ſchaubude, bei welchem ſie andere Geſellſchaft fand. —
Jn der neuern Zeit hat man den Khird als eigne Art angeſehen und ihm den Namen Cynocephalus Anubis gegeben. Der Unterſchied zwiſchen ihm und dem Babuin iſt übrigens ſo gering, daß jene Trennung nicht genug gerechtfertigt erſcheint.
Schließlich müſſen wir noch eines Affen gedenken, welcher von vielen Naturforſchern unter die Paviane, von andern aber unter die Makaken gezählt wird. Jch meine den übermüthigen Schwarzen, deſſen ich, als Peinigers des Budeng, bereits auf Seite 45 gedacht habe. Wie wir dort ſahen, ähnelt er in ſeinem Weſen den eigentlichen Pavianen vollſtändig; hinſichtlich ſeiner Geſtalt aber unter - ſcheidet er ſich nicht unbeträchtlich von den wahren Hundsköpfen, und eben daher rührt die verſchiedene Meinung der Forſcher. Jch vertrete, ſeitdem ich den Schopfpavian, wie wir unſer Thier nennen können, lebend geſehen habe, unbedingt die Anſicht Cuviers, welcher den Schwarzen zuerſt unter die Hundsköpfe aufnahm.
Der Schopfpavian (Cynocephalus niger) unterſcheidet ſich von den bis jetzt beſchriebenen Hundsköpfen durch ſeinen Stummelſchwanz und die Bildung der Schnauze, welche breit, flach, kurz und beſonders dadurch ausgezeichnet iſt, daß die Naſe nicht wie bei den Pavianen die Oberlippe überragt, ſondern ziemlich weit hinten auf der Oberſchnauze endigt. Geſicht und Geſäß ſind nackt, alle übrigen Theile von einem langen und wolligen Pelze bedeckt, welcher ſich auf den Gliedmaßen verkürzt, auf dem Kopfe aber zu einem ziemlich langen Schopfe verlängert. Die Färbung des Pelzes iſt ein gleichmäßiges Dunkelſchwarz, welches auch auf die ſammetartig nackte Geſichtsfarbe übergeht. Das Geſäß iſt roth. Jn der Größe ſteht der Schopfpavian hinter allen Verwandten zurück. Seine Leibeslänge beträgt nur zwei Fuß, die Länge des Schwanzſtummels kaum einen Zoll.
Verſchiedene Eilande des indiſchen Meeres, zumal Celebes, die Philippinen und Molukken beherbergen den ſchwarzen Hundskopf in ziemlicher Menge; jedoch iſt über ſein Freileben bis heutigen Tages — mir wenigſtens — noch Nichts bekannt geworden. Schon mehrmals iſt er lebend nach Europa gebracht worden, und hier hat er ſich auch ſtets längere Zeit in der Gefangen - ſchaft erhalten. Der Schopfpavian, welchen ich im Amſterdamer Thiergarten ſah, ſchien ſich ſehr wohl zu befinden. Er wurde bei Tage regelmäßig zu den Meerkatzen gebracht, welche in dem großen Affenhaus die Zuſchauer beluſtigten. Jch habe der Beſchreibung ſeines Weſens und Treibens nach Dem, was ich oben bemerkte, kaum noch Etwas hinzuzufügen. Der üppige und herrſchſüchtige Schwarze würde alle ſchüchternen Affen ebenſo gepeinigt haben, wie er die armen Budengs quälte, wenn90Die Affen. Hundsköpfe. — Mandril. ihm das leichte Volk der Meerkatzen im Gegenſatz zu jenen nicht immer rechtzeitig entronnen wäre. Mit den Makaken ſchien er auf ziemlich gutem und mit einem weiblichen Babuin auf ſehr innigem Fuße zu ſtehen; wenigſtens erwies er dieſer zarten Schönen alle Aufmerkſamkeit und ließ ſich zum Gegendank gern von ihr ſein Haarkleid durchſuchen. Unſere Abbildung giebt ihn vortrefflich wieder. Jn der angegebenen Stellung ſitzt er manchmal mehrere Minuten lang äußerſt nachdenklich da; wahrſcheinlich ſpinnt ſich dann eben in ſeinem Gehirn der Plan zu neuen übermüthigen oder leichtſinnigen Streichen aus.
Gegenwärtig vereinigt man unter dem Namen Papio zwei Paviane, welche namentlich die Weſt - küſte Afrikas bewohnen, wegen ihrer ziemlich großen Eigenthümlichkeiten zu einer beſondern Sippe und trennt ſie von den übrigen: der Mandril (Papio Mormon) und den Dril (Papio leuco - phæus). Beide zeichnen ſich namentlich dadurch aus, daß ihr Schwanz nur ein Stummel iſt, beſitzen aber außerdem noch Eigenthümlichkeiten genug.
Mit demſelben Rechte, mit welchem wir den Guereza als den ſchönſten aller Affen betrachten können, dürfen wir den Mandril den häßlichſten nennen. Er iſt ein wahrhaft ſcheußliches Vieh91Beſchreibung. Heimat. Weſen.in jeder Beziehung, und ſein Geiſt gleicht leider dem Leibe. Dieſer iſt überaus kräftig und plump, der Kopf iſt abſcheulich und das Gebiß wahrhaft furchtbar. Die Behaarung iſt ſehr eigenthümlich rauh und ſtruppig, und die Färbung der nackten Theile im höchſten Grade grell und abſtoßend. Der Pelz iſt dunkelbraun mit ſchwach olivenfarbigem Anfluge; jedes einzelne Haar iſt ſchwarz und oliven - grün geringelt; am Bauche ſind die Haare weißlich, an den Seiten hellbräunlich gefärbt, der Kinn - bart iſt citronengelb, und hinter den Ohren findet ſich ein graulichweißer Flecken. Geſicht und After ſind gleich widrig. Die Naſe iſt blutroth und die ſeitlich angeſchwollene von zwei Längswülſten durch - zogene nackte Schnauze hellbraun. Der After und der Hodenſack ſind roth und die außerordentlich großen wulſtigen Geſäßſchwielen lebhaft blau und roth gefärbt und glänzend; die Ohren und Hände ſind ſchwarz. Jn der Jugend iſt das Geſicht ungefurcht und ſchwärzlich, ſpäter zeigen ſich die zwei braunen Längsfurchen, und erſt mit reiferem Alter treten die grellen Färbungen hervor. Die Weibchen ſind niemals ſo lebhaft gefärbt, wie ſie auch nicht die Größe des Männchens erreichen. Die Höhe der Letzteren beträgt in aufrechter Stellung 4½ Fuß, in gehender 3 Fuß. Der Leib mißt von der Naſen - ſpitze bis zur Schwanzwurzel ebenfalls 3 Fuß, der Schwanz hingegen nur 3 Zoll. Man kann ſich kein Thier denken, welches mit lebhafteren Farben begabt und doch ſo häßlich iſt, als der Mandril.
Das garſtige Thier findet ſich häufig in Guinea, namentlich an der Goldküſte. Es lebt in Truppen in gebirgigen Wäldern, theils auf Felſen, theils auf Bäumen, verläßt aber dieſen waldigen Aufenthalt oft genug, um die naheliegenden Anſiedelungen der Menſchen zu beſuchen und dort nach Herzensluſt zu plündern. Man ſagt auch, daß Rotten dieſer Thiere oft in die Dörfer einfallen, während die Neger das Vieh hüten oder mit der Ernte beſchäftigt ſind, und dann Frauen und Kinder auf das ſcheußlichſte mißhandeln. Die unglaubliche Kraft und die beiſpielloſe Wildheit des Mandril macht ihn den Eingebornen ſeines Landes und auch den meiſten Thieren überaus furchtbar.
Unter allen Pavianen erſcheint uns der Mandril als der hoffnungsloſeſte Wilde, und diejenigen, welche man jung gefangen nahm und ſo weit zähmte, als ein Hundskopf überhaupt gezähmt werden kann, ſind faſt als Ausnahmen zu betrachten. Aber auch bei ihnen bricht, wenn ſie älter werden, die Wildheit regelmäßig durch, und dann zeigt ſich das Thier in ſeiner ganzen Furchtbarkeit und Scheuß - lichkeit. Seine Kraft, ſeine Gewandtheit und ſein gefährliches Gebiß machen es zum Herrn der Wild - niß. Es fürchtet ſich vor keinem Feinde und läßt ſich nicht einmal durch den Knall des Schießgewehrs erſchrecken. Seine Leidenſchaften ſind ſo furchtbar, daß es ſcheint, als ob es während derſelben in eine förmliche Raſerei verſiele und den Verſtand vollkommen verlöre. Der Zorn der anderen Affen iſt, wie ein engliſcher Schriftſteller ſich ausdrückt, der Wuth dieſer Thiere gegenüber, ein leiſes Fächeln des Windes, während die Naſerei des Mandril einem jener entſetzlichen Stürme der Wende - kreisländer gleicht, welche Alles vor ſich niederwerfen. Wenn das abſcheuliche Vieh erzürnt wird (und hierzu genügt ein einziger Blick, ein lautes Wort, eine Drohung), kommt es in ſo entſetzliche Auf - regung, daß es Alles vergißt, und förmlich kopflos wie raſend auf ſeine Feinde losſtürzt. Ein wahr - haft dämoniſcher Glanz ſtrahlt aus den Augen des Scheuſals, welches in Wahrheit auch mit dämo - niſcher Kraft und Böswilligkeit begabt zu ſein ſcheint. Es wird verſichert, daß ſeine ſtürmiſchen Leidenſchaften es ſelbſt ſo fürchterlich erſchüttern, daß es wohl vor Zorn unter wildem Schreien und Röcheln leblos zur Erde ſtürze. Und dabei ſagt man, daß es weit länger, als andere Paviane, eine Beleidigung nachtrüge, ja, daß es eigentlich niemals einem Feinde verzeihen und vergeben könne. So iſt es kein Wunder, daß die Eingebornen ſeiner Heimatländer ſich niemals in einen Kampf mit ihm ein - laſſen, ja nicht einmal diejenigen Wälder betreten, in welchen ſich gerade Mandrils aufhalten, außer wenn die Männer in bedeutender Zahl und gut bewaffnet ſind. Wie die Wuth des Thieres, kennt auch ſeine Sinnlichkeit keine Grenzen. Seine Frechheit und Unverſchämtheit übertrifft die aller übrigen bekannten Affen weit. Die Männchen fallen nicht blos weibliche Affen, ſondern auch weibliche Menſchen mit ihren frechen Gelüſten an und werden hierdurch überaus gefährlich.
Jn der Freiheit halten ſich die Mandrils in großen Banden zuſammen. Sie klettern bei all ihrer Plumpheit doch mit viel Geſchick und Gewandtheit auf Felſen und Bäumen herum. Jhr Gang92Die Affen. Hundsköpfe. — Mandril. Dril. iſt ziemlich leicht und ſicher; ſie gehen aber niemals aufrecht, ſondern immer auf allen Vieren. Jhre Stimme klingt tief und hohl, nicht aber laut, weil ſie durch einen häutigen Kehlſack gedämpft wird. Am beſten vergleicht man ſie mit dem Grunzen des Schweines.
Alte Mandrils können niemals gezähmt werden. Sie ſind überhaupt nicht lebendig zu erlangen, weil ſie auch berauſcht noch allzu gefährliche Gegner des Menſchen ſind. Gewöhnlich kommen nur Junge nach Europa und unter dieſen vorzugsweiſe Weibchen, weil die Männchen gar zu abſcheulich ſind und, wenn ſie älter werden, ihre Wärter oft in bedenklicher Weiſe mishandeln. Kein Thier haben die Wärter mehr zu fürchten, als den alten Mandril. Er verträgt übrigens die Gefangenſchaft ſehr gut und hält auch in unſerm Klima viele Jahre aus. Seine Leidenſchaften zeigen ſich ſelbſt bei der beſten Behandlung und wachſen mit zunehmendem Alter unverhältnißmäßig. „ Sein Blick, ſein Geſchrei und ſeine Stimme, ‟ ſagt Cuvier, „ kündigen eine vollkommen viehiſche Unverſchämtheit an. Die ſchmuzigſten Gelüſte befriedigt es auf die ſchamloſeſte Weiſe. Es ſcheint, als ob die Natur in ihm ein Bild des Laſters mit all ſeiner Häßlichkeit habe aufſtellen wollen. ‟
An den gefangenen Mandrils beobachtete man mehr, als an anderen Hundsköpfen, eine große Eifer - ſucht gegen ihren Wärter und, wenn die Gefangenen Männchen ſind, noch mehr gegen weibliche Perſonen, welche ihnen bekannt wurden. Sie werden raſend, wenn ein Mann ſolche Freundinnen von ihnen lieb - koſt oder zu liebkoſen vorgiebt, und tragen ihm ein ſo großes Verbrechen ſicherlich lange Zeit nach. Jm Pflanzengarten zu Paris wurde dieſe Eiferſucht einmal ſehr gut benutzt, um einen Mandril (oder, wie Andere ſagen, einen Tſchakma), welcher aus ſeinem Käfig ausgebrochen war und viel Unheil an - richtete, wieder in das Gefängniß zu bringen. Er hatte alle gütlichen Verſuche ſcheitern gemacht und bereits einige von ſeinen Wärtern verwundet, als der ſchlaueſte derſelben auf den Gedanken kam den Affen durch ſeine eigene Leidenſchaft in den Kerker zurückzulocken. An der Rückſeite des Käfigs nämlich befand ſich eine kleine Thüre: hinter dieſe mußte ſich die Tochter eines der Wärter ſtellen, und zwar ſo, daß ſie der Affe ſehen konnte. Nun trat einer der Wärter zu dem Mädchen, umarmte es und ſtellte ſich dann an, als ob er es küſſen wollte. Dies war zu viel für den liebenden Mandril. Er ſtürzte wie raſend auf den Mann los, gewiß in der beſten Abſicht, ihn zu zerreißen, mußte aber, um zu ſeinem Zwecke zu gelangen, nothwendig in den Käfig hineingehen. Alle Klugheit war ver -93Leidenſchaftlichkeit des Mandril. Haus im Glücke.geſſen; der eiferſüchtige Affe ging ohne Beſinnen durch die offene Thür und ſah ſich eine Minute ſpäter hinter den eiſernen Gittern.
Von anderen gezähmten Mandrils berichtet man, daß ihre Leidenſchaftlichkeit ſich auch auf den Genuß geiſtiger Getränke erſtreckte und ſie ſich, ſo oft ſie nur konnten, in Bier oder Wein berauſchten. Die Beobachter, welche die betrunkenen Mandrile ſahen, verſichern, daß ſie dann womöglich noch einmal ſo ſcheußlich ſeien, als vorher.
Einer der berühmteſten Mandrils lebte in England unter ſehr glücklichen Verhältniſſen. Er war wohlbekannt unter dem Namen: „ Hans im Glück ‟ und ziert noch heute nach ſeinem Tode das britiſche Muſeum. Das Thier hatte mehrmals die Ehre, in Folge beſonderer Einladungen, ein Gaſt der königlichen Familie zu ſein: kurz, es genoß, wie mein engliſcher Gewährsmann ſagt, ein ſo glück - liches Leben, als es nur immer ein Pavian leben kann.
Es iſt kein Wunder, wenn über dieſe wüthenden Thiere früher die allermerkwürdigſten Geſchichten erzählt wurden. Topſel glaubt, daß es der „ Arktokyon ‟ oder Bärenhund der Alten ſei, ein Vieh, welches als Baſtard von einem Bären und Hunde angeſehen wurde. Andere nennen es auch die zweite Art der ſcheußlichen Hiäne. Bei den Eingebornen heißt es Barris, und wahrſcheinlich iſt es der Urheber der Miſſethaten, welche man dem Schimpanſe zuſchreibt.
Die zweite Art dieſer Sippe, der Dril, hat ſo ziemlich dieſelbe Geſtalt, wie der Mandril, aber in jedem Alter ein ſchwarzes Geſicht. Sein Pelz iſt mehr grünlich gefärbt, als der des Mandril. Die längs der Naſe verlaufenden runzeligen Wülſte ſind nicht gefaltet. Der Schwanz iſt ein gepin - ſelter Stummel. Jn der Größe ſteht er weit hinter dem Mandril zurück. Seine Heimat iſt dieſelbe, wie die ſeines greulichen Verwandten. Von ſeinen Sitten in der Freiheit weiß man nur ſehr wenig, doch ſcheint es, daß dieſelben denen des Mandrils ähneln. Auch der Dril kommt öfters nach Europa, namentlich nach England, und erfreut ſich dort einer ziemlich guten Geſundheit. Das geiſtige Weſen der Gefangenen hat gezeigt, daß ſie eben auch echte Paviane ſind: gelehrig in der Jugend, wild und tückiſch im Alter.
Der Unterſchied zwiſchen allen Erzeugniſſen des heißen Erdgürtels der alten Welt und denen Südamerikas, iſt regelmäßig ein durchgreifender und augenſcheinlicher. Die Weſthälfte der Erde zeigt der Oſthälfte gegenüber faſt immer ein durchaus ſelbſtändiges Gepräge: Alles in ihm iſt anders, als in der alten Welt, und nur hier und da erinnert noch Etwas an dieſe; aber dann haben wir es auch nicht mit dem eigentlichen Amerika zu thun: denn dieſes ſind die Landſtriche zwiſchen den Wendekreiſen. Sie bilden eine eigene Welt für ſich. Erde und Klima, Licht und Luft, Pflanze und Thier — Alles iſt anders, als drüben im Oſten. Deshalb tritt uns, wenn das Glück es uns ge - ſtattet, der Wanderſehnſucht des Herzens zu folgen, in den Wendekreiſen des Weſtens Alles und Jedes ſo märchenhaft oder zauberartig entgegen: der Reiz der Neuheit beſiegt, der Reichthum der Natur bewältigt und läßt die vielen Vorzüge unſerer Erdhälfte vergeſſen.
Bei Betrachtung derjenigen Thiere, welche wir zunächſt zu berückſichtigen haben, iſt Dies wohl weniger oder nicht der Fall. Die neuweltlichen Affen oder Schmalnaſen ſind zwar merkwürdige Geſchöpfe: ſchön aber ſind ſie nicht oder wenigſtens nur einzelne. Und Eines muß augenblicklich auf - fallen: nur der Leibes - und Gliederbau ſtempelt ſie zu Affen, nicht aber auch das geiſtige Weſen. Alle neuweltlichen Affen ſind viel unbeholfenere, trägere, traurigere, geiſtloſere Geſchöpfe, als ihre Familienverwandten der alten Welt. Sie ſind harmloſer, guthmüthiger, unſchädlicher, als dieſe: aber ebendeshalb keine echten Affen mehr. Denn dieſe wollen wir gar nicht ohne die nur ihnen gehörenden Eigenſchaften, ohne ihre Luſtigkeit, Munterkeit, Keckheit, Unverſchämtheit, ja, ich möchte ſagen, ohne ihre Niederträchtigkeit. Wir ſind nun einmal gewohnt, unſer Zerrbild in den merkwürdigen Geſellen94Die Affen. Schmalnaſen.zu erblicken, und fühlen uns unbefriedigt, wenn dieſes Zerrbild nicht auch ein geiſtiges iſt. Und nicht blos wir Männer hegen eine ſolche Anſicht, ſondern auch die Frauen, welche doch regelmäßig abgeſagte Feinde jeder Verſpottung des eigenen Jchs, ja alles Menſchlichen ſind: ich habe ſtets erfahren, daß von Frauenmund die amerikaniſchen Affen als widerliche Geſchöpfe bezeichnet worden ſind.
So ſtreng wollen wir nun zwar nicht urtheilen; doch können auch wir die in jener Bemerkung wirklich vorhandene Wahrheit nicht ganz wegleugnen. Wir müſſen jedoch ein vollgültiges Urtheil noch aufſparen, bis wir unſere Thiere vollſtändiger kennen gelernt haben.
Die neuweltlichen Affen unterſcheiden ſich regelmäßig durch ihren Körper - und Gliederban, ſo wie durch ihre Zahnbildung von ihren Vettern im Oſten. Jhr Leib iſt gewöhnlich ſchmächtig, die Glieder ſind lang, der Schwanz fehlt nie und verkümmert auch nie, wird viel - mehr häufig zur fünften Hand, indem er ſich an ſeiner Spitze durch kräftige Muskeln zu - ſammenrollen und deshalb als Greifwerkzeug gebrauchen läßt. Der Daumen der Vorder - hände kann den übrigen Fingern nicht in demſelben Grade gegenüber geſtellt werden, wie dies an den Hinterhänden der Fall iſt. Die Nägel ſind platt. Anſtatt zweiund - dreißig Zähnen bilden ſechsunddreißig das Gebiß; es finden ſich auf jeder Seite ſechs Backenzähne. Backentaſchen und Geſäßſchwielen ſind nie vorhanden. Die Naſenſcheidewand iſt breit. Kein einziges Mitglied der ganzen Familie erreicht eine bedeutende Affengröße, und keines hat eine vorſpringende Schnauze. Jhre Färbung iſt zwar manchfaltig, aber niemals ſo bunt, wie die vieler Affen Aſiens und Afrikas.
Der Heimatskreis der neuweltlichen Affen beſchränkt ſich auf Südamerika. Die Nordgrenze deſſelben bildet das Antillenmeer, auf deſſen ſchönen Jnſeln ſchon keine Affen mehr vorkommen, wie ſie auch nicht über die Landenge von Panama nordwärts gehen. Nach Weſten hin begrenzt die Andeskette, nach Oſten hin das atlantiſche Meer, nach Süden hin der 25. Breitengrad ihr Gebiet.
Alle Neuweltsaffen ſind ausſchließlich Baumthiere und deshalb vorzugsweiſe in den Urwäldern zu Hauſe. Waſſerreiche oder ſumpfige Gegenden lieben ſie mehr, als trockene. Auf die Erde kommen ſie blos im äußerſten Nothfalle herab; denn auch zur Tränke gehen ſie nicht ſo wie andere Thiere, ſondern klettern an Schlingpflanzen, überhängenden Aeſten und dergleichen bis auf das Waſſer herab und trinken, ohne die Zweige zu verlaſſen. Es iſt wohl möglich, daß einzelne dieſer Affen hunderte von Meilen zurücklegen, ohne auf ihrem Wege jemals die Erde zu berühren. Die Bäume bieten ihnen Alles, was ſie bedürfen; denn ihre Nahrung beſteht nur aus Pflanzentheilen aller Art, ſowie aus Kerbthieren, Spinnen, Vogeleiern oder jungen Neſtvögeln und Honig, und nur wenige plündern zu - weilen in einer Pflanzung.
Die meiſten Arten ſind am Tage rege, einige wenige aber Dämmerungs - und wirkliche Nacht - thiere. Die einen, wie die anderen, ſind zu ihrer Zeit lebhaft und gewandt; jedoch giebt es unter den größeren Affen mehrere Arten, welche äußerſt träge und gewiſſermaßen die Orang-Utangs der neuen Welt ſind. Das Klettern verſtehen alle vortrefflich und wiſſen dabei, wie ich ſchon oben an - deutete, ihren ausgezeichneten Schwanz auch ausgezeichnet zu gebrauchen. Dieſer Schwanz iſt geradezu Alles in Allem für die ſonſt ſehr tölpiſchen Thiere; ſie könnten ohne ihn gar nicht leben. Jhre Unge - ſchicklichkeit macht eine beſtändige Verſicherung des Leibes nöthig, und eine ſolche gewährt der Wickel - ſchwanz unter allen Umſtänden. Faſt bei jeder Stellung, auch während der tiefſten Ruhe ſchlingt der Affe ſeinen Schwanz um irgend Etwas und ſei es ſelbſt um eines ſeiner eigenen Glieder. Die Muskel - ſtärke des Schwanzes, welche die der übrigen Gliedmaßen weit übertrifft, und das feine Gefühl in dem Schwanzende ermöglicht ihnen den umfaſſendſten Gebrauch des merkwürdigen Geſchenkes der Natur für ihr ſtilles Leben, und erſetzt ihnen vielfach die ihnen fehlende geiſtige wie leibliche Behen - digkeit ihrer überſeeiſchen Vettern. Trotz alledem ſind ihnen die echten Baumaffen der alten Welt im Springen und Klettern entſchieden überlegen. Der Gang der Neuweltsaffen geſchieht immer auf allen vier Beinen und iſt ſtets mehr oder weniger unbeholfen, unſicher und ſchwankend, kurz ſchlecht.
95Allgemeines.Jn ihrer geiſtigen Begabung ſtehen ſie weit hinter ihren öſtlichen Verwandten zurück. Sie ſind im Ganzen zwar ſanft, gutmüthig und zutraulich, aber auch dumm, ungeſchickt, ungelehrig und ſchwerfällig. Einzelne ſind neugierig, muthwillig und neckiſch, andere dagegen grämlich, eigenſinnig, boshaft, tückiſch und biſſig. Lüſtern, genäſchig, diebiſch und habſüchtig ſind ſie auch, beſitzen alſo ebenfalls ſchlechte Eigenſchaften genug — und die guten Seiten der altweltlichen Affen gehen ihnen dafür ab. Wenn man zwiſchen alt - und neuweltlichen Affen zu wählen hat, wird man wohl niemals lange in Zweifel bleiben, welche uns beſſer gefallen. Jn der Freiheit ſind dieſe immer ſcheu und furchtſam und nicht im Stande, wirkliche Gefahr von eingebildeter zu unterſcheiden. Deshalb fliehen ſie bei jeder ungewöhnlichen Erſcheinung und ſuchen ſich ſo raſch wie möglich in dichtem Gezweig zu verbergen. Angeſchoſſene beißen tüchtig nach Dem, welcher ſie faſſen will; Geſunde vertheidigen ſich wohl blos gegen ſchwache Raubthiere. Es ſind kraftloſe, feige Thiere.
Jn der Gefangenſchaft benehmen ſie ſich bald artig und zutraulich, werden im Alter aber doch auch böſe und biſſig, wenngleich nicht immer. Jhre geiſtige und leibliche Trägheit, ihr ſchwermüthiges Ausſehen, die kläglichen Töne, welche ſie und oft mit merkwürdiger Ansdauer ausſtoßen, ihre Un - reinlichkeit, ihre Weichlichkeit und Hinfälligkeit: — alle dieſe Eigenſchaften und Sitten ſind eben auch nicht geeignet, ſie als Hausgenoſſen und Zeitvertreib des Menſchen zu empfehlen. Einige wenige Arten machen freilich eine rühmliche Ausnahme und werden deshalb auch häufig zahm gehalten und mit großer Liebe gepflegt. Manche beſitzen einen hohen Grad von Empfänglichkeit für äußere Ein - drücke; ſie drücken ihre Gefühlsbewegungen durch Lachen oder Weinen aus und werden aus dieſem Grunde namentlich weichherzigen Frauen beſonders theuer.
Jhre Mutterliebe iſt eben ſo erhaben, wie die der altweltlichen Affen. Sie gebären ein oder zwei Junge auf einmal und lieben, hätſcheln, pflegen und beſchützen dieſelben mit einer Sorgfalt und Herzlichkeit, welche ihnen immer Bewunderung und Liebe erwerben muß.
Dem Menſchen werden die neuweltlichen Affen nicht oder kaum ſchädlich. Der weite, große, reiche Wald iſt ihre Heimat, ihr Ernährer und Verſorger; ſie bedürfen des Herrn der Erde und ſeiner An - ſtalten nicht. Nur wenige Arten fallen zuweilen in waldnahe Felder ein und erheben ſich dort einen geringen Zoll, welcher gar keine Aehnlichkeit hat mit den Erpreſſungen, die ſich die Altweltsaffen erlauben. Der Menſch dagegen zieht mancherlei Nutzen aus den harmloſen Waldbewohnern Amerikas. Er jagt ſie ihres Fleiſches und ihres Pelzes wegen. Mancher Reiſende hat längere Zeit die Affen als ſchätz - bares Wildpret betrachten und ſich aus ihrem Fleiſche Suppen und Braten bereiten müſſen, und manche feine europäiſche Frau birgt und wärmt ihre zarten Hände in einer Hülle, welche früher den Leib eines Affen bekleidete.
Für die Eingebornen Amerikas iſt der Affe ein außerordentlich wichtiges Thier; denn ſein Fleiſch bildet einen guten Theil ihrer Nahrung. Sie jagen ihm eifrig nach und erlegen deren auf großen Jagden zu Hunderten. Gewöhnlich bedienen ſie ſich zu ihrer Jagd des Bogens, nicht ſelten wenden ſie aber auch das Blasrohr und kleine, jedoch mit dem fürchterlichſten Gifte gedränkte Pfeile an, welche über hundert Fuß hoch emporgeſchleudert werden und unrettbar tödten, auch wenn ſie blos die Haut durchbohrt haben. Zwar verſuchen es alle Affen, den kleinen Pfeil ſo ſchnell als möglich aus der Wunde zu ziehen: allein der ſchlaue Menſch hat das Geſchoß halb durchſchnitten, und deshalb bricht faſt regelmäßig die Giftſpitze ab und bleibt in der Wunde ſtecken — furchtbar genug, um auch einem ganz andern Thiere die Lebenskraft zu rauben. Das Blasrohr, aus dem ſolche tückiſch wirkende Bolzen abgeſchoſſen werden, bleibt unter allen Umſtänden das gefährlichſte Menſchengewehr für die leichten Kinder der Höhe.
Mit derſelben Waffe erbeuten die Jndianer auch die Affen, welche ſie für die Gefangenſchaft wünſchen. „ Wollen die Arekunas, ‟ ſagt Schomburgk, „ einen alten, ſtörriſchen Affen zähmen, ſo beſtreichen ſie das Pfeilchen mit geſchwächtem Urarigift. Stürzt er betäubt herab, ſo wird die Wunde gleich ausgeſogen; alsdann begraben ſie ihn bis an den Hals in die Erde und flößen ihm eine ſtarke Auflöſung ſalpeterhaltiger Erde und Zuckerrohrſaft ein. Jſt der Patient etwas zu ſich gekommen, ſo96Die Affen. Brüllaffen.wird er herausgenommen und wie ein Wickelkind umſchlungen. Jn dieſer Zwangsjacke bekommt er einige Tage lang nur Zuckerſaft zum Getränk und in Salpeterwaſſer gekochte, ſtark mit ſpaniſchem Pfeffer gewürzte Speiſen zur Nahrung. Schlägt dieſe Gewaltkur nicht an, ſo wird der Unbändige eine Zeit lang im Rauche aufgehangen. Bald legt ſich nun die Wuth; das heimtückiſche Auge wird mild und fleht um Verzeihung. Dann werden die Banden gelöſt, und auch der biſſigſte Affe ſcheint nun vollkommen vergeſſen zu haben, daß er jemals frei im Walde gelebt. ‟ So feſſelt der Menſch das freie Kind der Wildniß und zwingt es, auch lebend, ihm zu dienen.
Okens Ausſpruch, daß die größten Thiere innerhalb einer Familie oder Sippe auch immer die vollkommenſten ſeien, findet wie bei den altweltlichen Affen, ſo auch bei den neuweltlichen ſeine Be - ſtätigung. Den Brüllaffen (Mycetes) wird in der zweiten Familie unſerer Ordnung der erſte Rang eingeräumt. Jhr Körper iſt ſchlank, aber doch gedrungener als bei den übrigen Sippen der neuweltlichen Affen. Die Gliedmaßen ſind gleichmäßig entwickelt, die Hände fünffingerig; der Kopf iſt groß und die Schnauze vorſtehend; die Behaarung iſt dicht und am Kinn bartartig verlängert. Als eigenthümliches Merkmal der Brüllaffen muß vor Allem der kropfartig verdickte Kehlkopf an - geſehen werden. Alexander von Humboldt war der erſte Naturforſcher, welcher dieſes Werkzeug zergliederte. „ Während die kleinen amerikaniſchen Affen, ‟ ſagt er, „ die wie Sperlinge pfeifen, ein einfaches dünnes Zungenbein haben, liegt die Zunge bei den großen Affen auf einer ausgedehnten Knochentrommel. Jhr oberer Kehlkopf hat ſechs Taſchen, in denen ſich die Stimme fängt, und wovon zwei taubenneſtförmige große Aehnlichkeit mit dem untern Kehlkopf der Vögel haben. Der dem Brüllaffen eigene klägliche Ton entſteht, wenn die Luft gewaltſam in die Knochentrommel einſtrömt. Wenn man bedenkt, wie groß die Knochenſchachtel iſt, wundert man ſich nicht mehr über die Stärke und den Umfang der Stimme dieſer Thiere, welche ihren Namen mit vollem Rechte tragen. ‟ Der Schwanz der Brüllaffen iſt ſehr lang, am hintern Ende kahl, dort nerven - und gefäßreich, auch ſehr muskelkräftig und daher zu einem vollkommenen Greifwerkzeuge geſtaltet.
Weit verbreitet, bewohnen die Brüllaffen faſt alle tropiſchen Länder und Gegenden Süd - amerikas. Dichte, hochſtämmige und feuchte Wälder ſind ihr Aufenthalt; in den Steppen finden ſie ſich nur da, wo die einzelnen Baumgruppen ſich zu kleinen Wäldern vergrößert haben und Waſſer in der Nähe iſt. Trockene Gegenden meiden ſie gänzlich. Jhre Lebensweiſe iſt ſo gleichförmig, daß man allen Arten gerecht wird, wenn man das Treiben und Schaffen einer einzigen beſchreibt.
Jn unſeren Lehrbüchern finden ſich mehr als ein Dutzend Namen für die Brüllaffen, welche nach der Meinung der betreffenden Forſcher beſondere Arten bezeichnen; doch iſt es jetzt ausgemacht, daß jede Art unſerer Thiere vielfach abändert, und es iſt daher ſo gut als entſchieden, daß alle Brüllaffen auf ſehr wenige, vielleicht nur auf drei oder vier Arten zurückzuführen ſind.
Unſerer Lebensſchilderung liegen die Beobachtungen zu Grunde, welche von Alexander von Humboldt, Prinz Max von Neuwied, Rengger und von Schomburgk über zwei Arten, den rothen Brüllaffen oder Alauten (Mycetes seniculus) und den ſchwarzen Brüllaffen oder Caraya (Mycetes niger) geſammelt wurden. Das Männchen des erſtern hat einen lebhaft glän - zenden, rothen Pelz, welcher auf dem Rücken in das Goldgelbe ſpielt. Das Weibchen iſt dunkler und oft rein ſchwarzbraun; die Jungen ähneln der Mutter. Beim Carayamännchen iſt der Pelz kohlſchwarz gefärbt; die nackten Theile aber ſind rothbraun. Weibchen und Junge ſind lichter, gewöhnlich graulich - gelb gefärbt. Jmmer haben die Männchen einen längeren und dichteren Pelz und namentlich einen längern Bart, als die Weibchen. Vielfache Spielarten kommen von beiden vor. Jn der Größe gleichen ſich der Alaute und der Caraya ſo ziemlich. Neuwied giebt die Länge des erſtern zu 20¼, die Schwanzlänge dagegen zu 21⅔ Zoll an, Rengger die des letztern zu 20 Zoll. Dieſer iſt hinſichtlich ſeines Vorkommens der ſüdliche Vertreter von jenem. Er bewohnt Paraguay und Südbraſilien, während jener mehr in der Nähe von Guiana zu finden iſt. Beide Arten ſind an manchen Orten unglaublich
97Vorkommen. Gebrüll. Eigenſchaften.häufig: Humboldt ſchätzt, daß auf einer mit geeignetem Wald beſtandenen Quadratmeile wohl zwei - tauſend Stück Brüllaffen vorkommen mögen, und ſah Banden von ihrer vierzig. Rengger begegnete nur kleinern Geſellſchaften, meiſt Familien von drei bis zehn Mitgliedern.
Der Brüllaffe iſt eines derjenigen amerikaniſchen Thiere, welches ſchon ſeit der älteſten ge - ſchichtlichen Zeit den Reiſenden, immer aber nur unvollſtändig, bekannt wurde und deshalb zu vielen Fabeln Veranlaſſung gab. Solche haben heutigen Tages noch unter den nicht ſelbſt beobach - tenden Weißen und Jndianern Geltung. Wir laſſen ſie gänzlich bei Seite und halten uns dafür an unſere Gewährsmänner. Schomburgk mag uns die Thiere zuerſt vorſtellen; dann wollen wir den Mittheilungen der Uebrigen folgen.
„ Nach meiner Ankunft, ‟ ſagt jener ausgezeichnete Beobachter, „ hatte ich bei Auf - und Untergang der Sonne aus dem Urwalde das ſchauerliche Geheul zahlreicher Brüllaffen herübertönen hören, ohne daß es mir bei meinen Streifereien gelungen wäre, die Thiere ſelbſt aufzufinden. Als ich eines Morgens nach dem Frühſtück, mit meinem Jagdzeug verſehen, dem Urwalde zuſchritt, ſchallte mir aus der Tiefe deſſelben abermals jenes wüſte Geheul entgegen und ſetzte meinen Jagdeifer in volle Flammen. Jch eilte alſo durch Dick und Dünn dem Gebrüll entgegen und erreichte auch nach vieler Anſtrengung und langem Suchen, ohne bemerkt zu werden, die Geſellſchaft. Vor mir auf einem hohen Baume ſaßen ſie und führten ein ſo ſchauerliches Concert auf, daß man wähnen konnte, alle wilden Thiere des Waldes ſeien in tödlichem Kampfe gegen einander entbrannt, obſchon ſich nicht leugnen ließ, daß doch eine Art von Uebereinſtimmung in ihm herrſchte. Denn bald ſchwieg nach einem Taktzeichen die über den ganzen Baum vertheilte Geſellſchaft, bald ließ ebenſo unerwartet einer der Sänger ſeine unharmoniſche Stimme wieder erſchallen, und das Geheul begann von neuem. Die Knochentrommel am Zungenbeine, welche durch ihre Reſonanz der Stimme eben jene mächtige Stärke verleiht, konnte man während des Geſchreies auf und nieder ſich bewegen ſehen. Augenblicke lang glichen die Töne dem Grunzen des Schweines, im nächſten Augenblicke aber dem Brüllen des Jaguars, wenn er ſich auf ſeine Beute ſtürzt, um bald wieder in das tiefe und ſchreckliche Knurren deſſelben Raubthiers überzugehen, wenn es, von allen Seiten umzingelt, die ihm drohende Gefahr erkennt. Dieſe ſchauerliche Geſellſchaft hatte jedoch auch ihre lächerlichen Seiten, und ſelbſt auf dem Geſichte des düſterſten Menſchenfeindes würden für Augenblicke ſich Spuren eines Lächelns gezeigt haben, wenn er geſehen, wie dieſe Concertgeber ſich mit langen Bärten ſtarr und ernſt einander an - blickten. Man hatte mir geſagt, daß jede Herde ihren eignen Vorſänger beſäße, der ſich nicht allein durch ſeine feine ſchrillende Stimme von allen tiefen Baſſiſten unterſcheide, ſondern auch durch eine viel ſchmächtigere und feinere Geſtalt auszeichne. Jch fand die erſtere Angabe bei dieſer Herde voll - kommen beſtätigt; nach der feineren und ſchmächtigen Geſtalt ſah ich mich freilich vergeblich um, be - merkte dafür aber auf dem nächſten Baume zwei ſchweigſame Affen, welche ich für ausgeſtellte Wachen hielt; — waren ſie es, ſo hatten ſie ihre Dienſte ſchlecht genug verſehen; denn unbemerkt ſtand ich in ihrer Nähe. ‟
Dieſe anmuthige Schilderung beweiſt uns ſchon hinlänglich, daß wir es bei den Brüllaffen mit höchſt eigenthümlichen Geſchöpfen zu thun haben. Man kann, ohne ſich einer Uebertreibung ſchuldig zu machen, behaupten, daß ihr ganzes Leben und Treiben eine Vereinigung von allerhand Abſonder - lichkeiten iſt und deshalb der Beobachtung ein ergiebiges Feld bietet, während man andererſeits aner - kennen muß, daß die Jndianer zu entſchuldigen ſind, wenn ſie die Brüllaffen ihres trübſeligen Aeußern und ihres langweiligen Betragens halber mißachten und haſſen. Selbſt die Verläumdungen, welche man ſich zu Schulden kommen ließ, ſind erklärlich, wenn man bedenkt, daß unſere Thiere weder im Freileben noch in der Gefangenſchaft irgend welche Anmuth, ja ſelbſt irgend welche Abwechslung in ihrer Lebensweiſe zeigen.
Grämlich und mürriſch ſondern ſich die Brüllaffen von allen übrigen Familienverwandten ab. Niemals ſieht man ſie untereinander ſpielen. Wenn ſie nicht freſſen oder brüllen, ſehen ſie bewegungs - los vor ſich hin oder ſchlafen. Jhr ganzes Leben iſt außerordentlich einförmig.
Brehm, Thierleben. 798Die Affen. Brüllaffen.Während des Tages ſind die höchſten Bäume des Waldes der Lieblingsaufenthalt des Brüllaffen; bei anbrechender Dämmerung zieht er ſich in das dichte, von Schlingpflanzen durchflochtene Laub der niedrigen Bäume zurück und überläßt ſich da dem Schlafe. Langſam, faſt kriechend klettert er von einem Aſt zu dem andern, Blätter und Knospen auswählend, langſam mit der Hand ſie abpflückend und langſam ſie zum Munde bringend. Jſt er geſättigt, ſo ſetzt er ſich in zuſammengekauerter Stellung auf einem Aſte nieder und verharrt hier regungslos, wie ein uraltes, ſchlafendes Männchen erſcheinend, welches den Kopf auf die Bruſt ſtützt; oder er legt ſich der Länge lang über den Aſt hin, läßt die vier Glieder zu beiden Seiten ſteif herabhängen und hält ſich eben nur mit dem Wickelſchwanze feſt. Was der Eine thut, wird von dem Andern langſam und gedankenlos nachgemacht. Verläßt eins der erwachſenen Männchen den Baum, auf welchem die Familie ſich gerade aufhält, ſo folgen ihm alle übrigen Glieder der Geſellſchaft rückſichtslos nach. „ Wahrhaft erſtaunlich, ‟ ſagt Humboldt, „ iſt die Einförmigkeit in den Bewegungen dieſes Affen. So oft die Zweige benachbarter Bäume nicht zuſammenreichen, hängt ſich das Männchen an der Spitze des Trupps mit dem zum Faſſen beſtimmten ſchwieligen Theile des Schwanzes auf, läßt den Körper frei ſchweben und ſchwingt ihn hin und her, bis es den nächſten Aſt packen kann. Der ganze Zug macht an derſelben Stelle genau dieſelbe Bewegung. ‟
Für die Brüllaffen iſt der Schwanz unzweifelhaft das wichtigſte aller Bewegungswerkzeuge; ſie brauchen ihn, um ſich zu verſichern — und das thun ſie in jeder Stellung; — ſie benutzen ihn ſelbſt, um Etwas mit ihm zu erfaſſen und an ſich zu ziehen. Jmmer und immer dient er hauptſächlich dazu, jeder ihrer langſamen Bewegungen die ihnen unerläßlich dünkende Sicherheit zu verleihen. Man kann nicht behaupten, daß ſie ſchlecht kletterten: ſie ſind im Gegentheil ſehr geſchickt; aber niemals machen ſie, wie andere Affen, weite, niemals gewagte Sprünge. Beim Dahinſchreiten halten ſie ſich feſt auf dem Aſte an, bis der hin - und hertaſtende Schwanz einen ſichern Halt gefunden und denſelben in einer oder zwei Windungen umſchlungen hat; beim Herabklettern halten ſie ſich ſo lange an dem Aſte, welchen ſie verlaſſen wollen, bis ſie mit den Händen einen neuen ſichern Halt gefunden haben, beim Aufwärtsſteigen an dem untern Aſte, bis ſie mit allen vier Füßen den obern ſicher gepackt haben. Die Kraft des Schwanzes iſt größer, als die der Hände. Die Beugemuskeln an ſeiner Spitze ſind ſo ſtark, daß ſie, einer Uhrfeder vergleichbar, das Schwanzende immer zuſammenrollen. Der Brüllaffe kann ſich mit der Spitze ſeines Schwanzes, auch wenn er dieſelbe nur mit einer halben Windung um den Aſt ſchlingt, wie an einem Haken aufhängen, er kann alles einem ſolchen Werkzeuge nur Mögliche ausführen und iſt verloren, dem Verderben Preis gegeben, wenn er ſeines Schwanzes beraubt wurde. Noch im Tode trägt der Schwanz längere Zeit die Laſt des Körpers, und nicht immer ſtrecken ſich unter dieſer Laſt die eingerollten Muskeln: Azara erzählt, daß man zuweilen ſchon halb verfaulte Carayas noch feſt an ihrem Aſte hängen ſieht.
Wenig andere Thiere ſind ſo ausſchließlich an die Bäume gebunden, als die Brüllaffen. Sie kommen nur höchſt ſelten auf die Erde hernieder, wahrſcheinlich blos dann, wenn es ihnen unmöglich iſt, von den niederen Aeſten und Schlingpflanzen herab zu trinken. Humboldt ſagt, daß ſie nicht im Stande wären, Wanderungen oder auch nur Wandelungen auf ebenem Boden zu unternehmen, und Rengger erklärt die Behauptung der Jndianer, nach welcher die Brüllaffen manchmal über breite Ströme ſetzen ſollen, für ein Märchen, welches den Fremden aufgebürdet wird. „ Sie fürchten ſich. ‟ ſagt er, „ ſo ſehr vor dem Waſſer, daß, wenn ſie durch das ſchnelle Anſchwellen des Stromes auf einem Baume iſolirt werden, ſie eher verhungern, als daß ſie durch Schwimmen einen andern Baum zu gewinnen ſuchen. So traf ich einſt eine ſolche Affenherde auf einem von Waſſer rings umgebenen Baum an, welche, ganz abgemagert, ſich vor Schwäche kaum mehr bewegen konnte. Sie hatte nicht nur alle Blätter und zarten Zweige, ſondern ſogar einen Theil der Rinde des Baumes verzehrt. Um den nahen Wald zu erreichen, hätte ſie nur eine Strecke von ſechzig Fuß zu durchſchwimmen gehabt. ‟ Derſelbe Naturforſcher verſichert, daß er niemals einen Brüllaffen auf einem freien Felde geſehen oder ſeine Fährte irgendwo auf dem Boden angetroffen habe.
99Lebensweiſe. Nahrung. Familienleben.Wenn der Brüllaffe keine Nachſtellung erfährt, hält er ſich in einem beſtimmten Gebiete auf, welches höchſtens eine Meile Umfang haben mag. Oft verweilt eine Familie während des ganzen Tages auf ein und demſelben Baume. Höchſt ſelten ſieht man ihn einzeln. Die Familie hält ſich ſehr treu zuſammen. Sie zu beobachten, hält nicht ſchwer, weil ſie ſich durch ihr Gebrüll verräth, zumal Morgens und Abends und am öfterſten in der warmen Jahreszeit. Bei kalter oder regneriſcher Witterung und zur Nachtzeit hört man ſie nicht oft. Rengger behauptet ſogar, daß ſie Nachts niemals einen Laut von ſich geben. Gewöhnlich machen die Männchen den Anfang bei dieſem Geheul und führen es auch am eifrigſten durch; die Weibchen und Jungen ſtimmen blos zuweilen mit ein. Beim Brüllen ſitzt die ganze Geſellſchaft regungslos in der einmal eingenommenen Stellung, die Männchen gewöhnlich weithin ſichtbar auf den höchſten Aeſten und Bäumen, die Weibchen etwas tiefer unten in der Krone. Manchmal brüllen die Thiere ſtundenlang mit kurzen Unterbrechungen fort. Humboldt erprobte, daß man das Heulen noch auf 800 Klaftern Entfernung höre; der Prinz von Wied glaubt, daß es noch weiter vernehmbar ſei; doch ſtützt ſich Humboldts Angabe auf genaue Beobachtung und nicht auf Schätzung. „ Mitten auf den weiten mit Gras bewachſenen Ebenen, ſagt er, unterſcheidet man leicht eine vereinzelte Baumgruppe, welche von Brüllaffen bewohnt iſt und von welcher der Schall herkommt. Wenn man nun auf dieſe Baumgruppe zugeht oder ſich davon entfernt, kann man den Abſtand, in dem das Geheul noch vernehmbar iſt, ziemlich genau ermeſſen. ‟ Warum die Thiere eigentlich ihre ſonderbaren Gefänge aufführen, iſt ein Räthſel, wenn man eben nicht annehmen will, daß ſie ſich durch die ihnen eigene Tonkunſt gegenſeitig ergötzen wollen. Beim Erſcheinen eines Hundes endigt das Gebrüll der Affen augenblicklich; die Geſellſchaft ſucht ſich ſo ſchnell als möglich hinter dichte Aeſte oder zwiſchen dem Laube zu verſtecken; ſie flieht auch wohl durch die höchſten Gipfel der Bäume, immer aber ſo langſam, daß der Jäger, wenn der Wald von Unterholz ziemlich rein iſt, ſie leicht verfolgen kann. Man hat beobachtet, daß die fliehenden Affen, wohl aus Angſt, beſtändig ihren breiigen Koth fallen laſſen: die Sage, welche erzählt, daß die verfolgten Affen ihre Feinde mit Koth bewerfen, iſt ſomit erklärt.
Alles, was der Brüllaffe bedarf, bietet ihm ſein luftiger Aufenthalt in Fülle. Die Manchfaltig - keit und der Reichthum der verſchiedenen Früchte laſſen ihn niemals Mangel leiden. Neben den Früchten frißt er noch alles Mögliche: Körner, Blätter, Knospen und Blumen der verſchiedenſten Art, wahrſcheinlich auch Kerbthiere, Eier und junge, unbehilflich: Vögel, wie ſeine übrigen Stamm - genoſſen. Den Pflanzungen wird er niemals ſchädlich, wenn er ſich auch Tage lang am Saume derſelben aufhält: er zieht Baumblätter dem Mais und den Melonen vor.
Die Familien der Brüllaffen beſtehen immer aus einer größern Zahl von Weibchen als Männchen. Jm Allgemeinen darf man drei Aeffinnen auf einen Affen rechnen. Ob dieſe Männchen in Sachen der Liebe unter einander kämpfen, weiß man nicht; bei der Trägheit und Langweiligkeit der Thiere iſt es nicht eben wahrſcheinlich. Gewöhnlich trifft man die ganze Familie, ſie mag ſo groß oder klein ſein, wie ſie will, auf demſelben Baume an, und immer hält ſie ſich eng zuſammen.
Jn Südamerika wirft das Weibchen im Juni oder Juli, manchmal auch ſchon zu Ende Mai oder erſt Anfangs Auguſt ein einziges Junges. Während der erſten Woche nach der Geburt hängt ſich der Säugling wie bei den altweltlichen Affen mit allen vier Armen an den Unterleib der Mutter an; ſpäter trägt dieſe ihn auf dem Rücken. Sie legt ihre Gefühle nicht durch Liebkoſungen an den Tag, wie andere Affen es thun, verläßt aber doch das Pfand ihrer Liebe wenigſtens in der erſten Zeit niemals, während ſie ſpäter das ſchon bewegungsfähiger gewordene Kind bei ängſtlicher Flucht manchmal von ſich abſchüttelt oder gewaltſam auf einen Aſt ſetzt, um ſich ihren eignen Weg zu erleichtern. Jndianer, welche Letzteres ſahen, haben behauptet, daß die Brüllaffenmutter überhaupt lieblos und gleichgiltig gegen ihre Jungen wäre; Prinz von Wied ſagt aber ausdrücklich: „ Gefahr erhöht die Sorge der Mutter, und ſelbſt tödlich angeſchoſſen, verläßt ſie ihr Junges nicht. ‟ Dieſes Letztere iſt ebenſo langweilig als die Alte und, zumal wegen des großen Kehlkopfs, wo möglich noch häßlicher.
7 *100Die Affen. Brüllaffen. Klammeraffen.Man giebt ſich nur ſelten mit der Zähmung der Brüllaffen ab; auch hat deren Erziehung ihre großen Schwierigkeiten. Rengger ſah nur zwei, welche beide über ein Jahr alt waren. Sie wurden mit verſchiedenen Baumblättern gefüttert und zogen dieſe jeder andern Nahrung vor. Nach Ausſage der Wärter erkrankten ſie, wenn man ihnen Mais, Manioc oder Fleiſch gab. Sie tranken weder viel noch oft und nur Waſſer oder Milch. Jhr Benehmen hatte etwas Trauriges und Lang - weiliges. Sie waren ſehr ſanft und zutraulich; aber niemals ſah man eine Spur von Fröhlichkeit an ihnen. Gewöhnlich kauerten ſie mit ſtark nach vorn gebogenem und auf die Bruſt geſenktem Kopfe in einem Winkel, legten die Vorderhände auf den Schos oder ſtützten ſie neben die Hinterhände auf den Boden und ſchlangen den Schwanz um die Beine, ſo daß er auf die Hände zu liegen kam. Jn dieſer Stellung konnten ſie ſtundenlang verweilen, bis ſie der Hunger vermochte, Nahrung zu ſuchen. Alsdann gingen ſie auf den vier Händen ſchrittweiſe vorwärts; nur ſelten ſah man ſie traben oder Sprünge machen. Jn aufrechter Stellung konnten ſie ſich kaum einen Augenblick erhalten. Jhre Sinne ſchienen ſcharf zu ſein; ſie wählten ihre Nahrung mit Sorgfalt aus, hörten und ſahen gut und bewieſen, daß ihr Taſtſinn ſehr entwickelt war. Jhr Verſtand ſchien ſehr gering zu ſein; ſie bewieſen ihrem Wärter kaum mehr Aufmerkſamkeit, als fremden Leuten, und ließen ſich zu Nichts abrichten. — Von anderen gezähmten Brüllaffen erzählt Wied, daß ſie ihren Herrn außerordentlich zugethan waren und kläglich zu ſchreien begannen, wenn ſich derſelbe auch nur einen Augenblick von ihnen entfernte. Die Trägheit, Traurigkeit und Grämlichkeit, ſowie die knarrende, röchelnde Stimme, welche die Jungen manchmal hören ließen, machte ſie aber Allen, ſelbſt ihrem Herrn, unange - nehm und widerlich.
Jn einem großen Theile von Paraguay bilden die Brüllaffen einen Gegenſtand eifriger Jagd. Jhr Fell iſt geſucht und das Fleiſch bei den Jndianern beliebt. Aus dem Pelze des ſchwarzen Brüll - affen ließ Dr. Francia einmal über hundert Grenadiermützen verfertigen. Außerdem verwendet man es zu Beuteln, Satteldecken ꝛc. Von dem Fleiſche lebten Reiſende, ſo z. B. der Prinz von Wied, oft lange Zeit faſt ausſchließlich. Sie verſichern, daß es wohlſchmeckend ſei und ſehr kräftige Brühe gebe. Die Nahrung hat aber unter allen Umſtänden ihr Abſchreckendes, zumal wenn die Jndianer dem Affen das Haar abgeſengt oder ihn abgebrüht in den Topf geſteckt oder ihn zum Braten an einen ſpitzen Stab befeſtigt haben. „ Aller Widerwille, ‟ ſagt Schomburgk, „ wird in Dem rege, welcher ſolchen Braten zum erſten Male ſieht, denn er kann nicht anders glauben, als daß er an einem Mahle von Kannibalen theilnehmen ſolle, bei welchem ein kleines Kind vorgeſetzt wird, und es gehört wahrlich bei einem nur irgend reizbaren Magen eine ſtarke Willenskraft dazu, um Gabel und Meſſer nach ſolchem Braten auszuſtrecken. ‟
Humboldt beſtätigt dieſe Worte vollkommen. „ Die Art, wie dieſe menſchlichen Thiere gebraten werden, trägt viel dazu bei, daß ihr Anblick dem geſitteten Menſchen ſo widerwärtig iſt. Ein kleiner Roſt oder ein Gitter aus ſehr hartem Holze wird einen Fuß hoch über dem Boden befeſtigt. Der abgezogene Affe wird zuſammengebogen, als ſäße er; meiſt legt man ihn ſo, daß er ſich auf ſeine mageren langen Arme ſtützt; zuweilen kreuzt man ihm die Hände auf dem Rücken. Wenn er auf dem Gitter befeſtigt iſt, zündet man ein helles Feuer darunter an; Flamme und Rauch umſpielen den Affen, und deshalb wird er zugleich gebraten und beruſt. Sieht man nun die Einwohner Arm oder Bein eines gebratenen Affens verzehren, ſo kann man ſich kaum des Gedankens erwehren, die Gewohnheit, Thiere zu eſſen, welche im Körperbau dem Menſchen ſo nahe ſtehen, möge in gewiſſem Grade dazu beitragen, daß die Wilden ſo wenig Abſcheu vor dem Genuß des Menſchenfleiſches haben. Die gebratenen Affen, beſonders ſolche mit ſehr rundem Kopfe, gleichen auf ſchauerliche Weiſe Kindern; daher auch Europäer, wenn ſie ſich von Vierhändern nähren müſſen, lieber Kopf und Hände abſchneiden und nur den Rumpf auftragen laſſen. Das Affenfleiſch iſt ſo trocken und mager, daß Bonpland in ſeinen Sammlungen zu Paris einen Arm und eine Hand aufbewahrt hat, die in Esmeralda am Feuer geröſtet worden; nach mehreren Jahren rochen dieſe Theile nicht im geringſten. ‟ Jn vielen Gegenden Süd - amerikas wird das Affenfleiſch von den Europäern nicht berührt und gilt als die verächtlichſte Speiſe;101Betragen in der Gefangenſchaft. Jagd.die Jndianer dagegen ſind eifrige Liebhaber ſolcher Koſt, und Affenfleiſch bildet einen der gewöhnlichſten Nahrungsſtoffe bei ihnen allen.
Es iſt nicht ſo leicht, die Brüllaffen zu erlegen. Das Auffinden der Thiere hat allerdings keine Schwierigkeit, da ſie ſich ſelbſt verrathen, allein bei der Höhe der Bäume, bis zu deren Wipfeln nur wenig Feuergewehre tragen, muß ein ſehr ſtarker Schuß aus langen Röhren abgefeuert werden, um den Affen zu tödten. Oft kommt es vor, daß dieſer noch im Fallen den Schwanz feſt um einen Zweig ſchlingt und ſtundenlang hängen bleibt, und noch öfter geſchieht es, daß er, obwohl verwundet, noch weithin flieht und dem Auge des Jägers bald entſchwindet. Mit unſeren Gewehren können wir es überhaupt der furchtbaren Waffe der Jndianer, dem Blasrohre, nicht gleichthun, und die Roth - häute beſteigen trotz der unübertrefflichen Geſchicklichkeit, mit welcher ſie ihr Gewehr zu führen wiſſen, noch gern einen der benachbarten Bäume und ſenden von deſſen Gipfel aus ihre tödlichen Geſchoſſe nach der harmloſen Herde. „ Das geräuſchloſe, vergiftete Pfeilchen, ‟ ſagt Schomburgk, „ trifft dann ſicher ſein Ziel. Schon nach wenigen Minuten beginnt der verwundete Affe in Folge der Wirkung des Giftes zu wanken und ſtürzt hernieder. Mit langen Hälſen und unter Ausſtoßen kurzer, eigen - thümlicher Töne, ſehen die Gefährten ihrem herabſtürzenden Freunde nach, den der Jndianer wohl - weislich am Boden liegen läßt. Aus dem ſichern Verſteck folgt nun der zweite und dritte Pfeil geräuſchlos, und die Verwundeten fallen immer einer nach dem andern nieder, bis der Jäger ihrer ſo viel erlegt hat, als er braucht. ‟
Ein äußerſt ſchmächtiger Leib mit langen klapperdürren Gliedern kennzeichnet die Klammer - oder Spinnenaffen, Ateles. Sie ſind die Langarme der alten Welt, nur daß ſie nicht deren Vogelſchnelle und Lebendigkeit beſitzen. Der Naturforſcher, welcher ſie zuerſt Spinnenaffen nannte, hat ſie am beſten bezeichnet: — ſelbſt der Laie kommt unwillkürlich zu ſolchem Vergleiche.
Um die Thiere ſchärfer zu beſtimmen, will ich noch erwähnen, daß ihr Kopf ſehr klein, ihr Geſicht bartlos, der Daumen ihrer Vorderhand ſtummelhaft und der Greifſchwanz an unterm Ende kahl iſt.
Südamerika bis zum 25. Grade der ſüdlichen Breite iſt die Heimat des Klammeraffen, die Krone der höchſten Bäume ihr Aufenthalt; nur ſelten kommen ſie auf den Boden herab. Wo ſie ſich finden, ſind ſie häufig. Jhr Leben ähnelt jenem der ſo nahe verwandten Brüllaffen. Sie ſind, wo möglich, noch weniger ſchön, als die eben Genannten, dafür aber gemüthlicher. Wahr - haft komiſch ſind ihre Bewegungen. Sie verrenken ihre Glieder in einer Weiſe, daß es erſcheinen will, als hätten ſie gar keine Gelenke; ſie verzerren ſelbſt das höchſt gutmüthig ausſehende Geſicht zu den widerlichſten Fratzen.
Die Arten unterſcheiden ſich wenig von einander; gleichwohl iſt es faſt nothwendig, dem Laien mehrere von ihnen bildlich vorzuführen, wenn die manchfachen Stellungen anſchaulich gemacht werden ſollen.
Von den in Guiana lebenden Klammeraffen ſind zwei beſonders häufig: der Koaita (Ateles paniseus) und der Marimonda oder Aru (Ateles Beelzebuth). Erſterer iſt einer der größern ſeiner Sippſchaft. Sein Leib wird gegen zwei Fuß lang, der Schwanz iſt noch länger. Der Pelz iſt grob, an den Schultern verlängert, auf dem Rücken überhaupt dichter, als unten, auf der Stirn kammartig erhöht, tief ſchwarz von Farbe, nur im Geſicht röthlich. Die Haut iſt dunkel, auf den Handſohlen ganz ſchwarz. Dem gutmüthigen Geſicht verleihen ein paar lebhafte braune Augen einen einnehmenden Ausdruck.
Der Marimonda iſt kleiner als der Koaita, im Ganzen nur 3½ Fuß lang; ſein glatter und glänzender Pelz iſt ſchwarzbraun, an den Händen dunkler, an den Seiten, Lenden und Hüften grau - braun, am Unterhals und auf der Unterſeite weißlich. Den Vorderhänden fehlt der Daumen gänzlich.
102Die Affen. Klammeraffen. — Koaita. Marimonda. Tſchamek. Miriki.Jn Quito, auf der Landenge von Panama und in Pern vertritt der Tſchamek (Ateles Chamek) die Genannten. Er wird etwas über vier Fuß lang, wovon der Schwanz freilich mehr als die Hälfte wegnimmt, trägt einen langen, tiefſchwarzen Pelz und beſitzt einen Daumenſtummel.
Der Miriki oder eigentliche Spinnenaffe endlich (Ateles oder Brachyteles hypoxanthus), den uns namentlich Prinz Max von Wied kennen lehrte, bewohnt das Jnnere Braſiliens. Er iſt der größte aller braſilianiſchen Affen, über vier Fuß lang, ſtarkleibig, kleinköpfig, kurzhälſig, lang - gliederig und dicht, faſt wollig behaart. Gewöhnlich iſt der Pelz fahlgelb, zuweilen aber auch weißlich graugelb gefärbt; die Jnnenſeite der Glieder pflegt lichter zu ſein. Das nackte Geſicht iſt in der
Jugend ſchwarzbraun, im Alter ſeitlich dunkelgrau, in der Mitte aber fleiſchroth. Der Daumen der Vorderhand iſt ein kurzer Stummel ohne Nagel. —
Ueber das Freileben der Klammeraffen haben uns Humboldt, Max von Wied und Schomburgk belehrt. Jn Banden von ſechs bis zwölf Stücken durchſtreifen unſere Thiere die großen Hochwälder der Niederungen Südamerikas. Der Nahrung nachgehend zieht jede Familie ſtill ihres Weges, ohne ſich um andere ungefährliche Geſchöpfe zu kümmern. Nur in den Niederungen ſind die Affen häufig; den kahlen Wald der Höhe meiden ſie. Jhre Bewegungen ſind im Vergleich zu dem traurigen Gehumpel der Brüllaffen ſchnell zu nennen. Die bedeutende Länge der Glieder fördert das Laufen und Klettern. Mit den langen Armen greifen die Spinnenaffen weit aus und103Kennzeichnung. Freileben.eilen deshalb, auch wenn ſie nur wenig ſich anſtrengen, immerhin ſo ſchnell vorwärts, daß der Jäger durchaus keine Zeit zu verlieren hat, wenn er ihnen folgen will. Jn ihren Baumwipfeln benehmen ſie ſich geſchickt genug. Sie klettern ſicher und führen zuweilen kleine Sprünge aus. Doch werfen oder ſchleudern ſie ihre Glieder bei allen Bewegungen ſonderbar hin und her. Der Schwanz wird gewöhnlich vorausgeſchickt, einen Anhalt zu ſuchen, ehe der Aſſe ſich entſchließt, den Aſt, auf welchem er ſitzt, zu verlaſſen. Zuweilen findet man ganze Geſellſchaften, welche ſich an den Schwänzen auf - gehängt haben und die auffallendſten Gruppen bilden. Nicht ſelten ſitzt oder liegt auch die Familie in träger Ruhe auf Aeſten und Zweigen, behaglich ſich ſonnend, den Kopf oft nach hinten gebogen, die Arme auf dem Rücken verſchränkt, die Augen gen Himmel gehoben. Auf ebenem Boden arbeiten ſie ſich mühſelig fort. Man möchte ſelbſt ängſtlich werden, wenn man ſie gehen ſieht. Der Gang iſt ſchwankend und unſicher im allerhöchſten Grade, und der lange Schwanz, welcher in der Abſicht, das Gleichgewicht herzuſtellen, aus Verzweiflung hin und her bewegt wird, erhöht nur noch das Ungelenke der Bewegung. Uebrigens haben europäiſche Beobachter die Klammeraffen niemals auf
dem Boden geſehen, und Prinz Max von Wied behauptet, daß ſie, ſo lange ſie geſund ſind, nur dann auf die Erde herabkommen, wenn es ihnen unmöglich wird, von tiefen Zweigen aus zu trinken, wie ſie ſonſt thun.
Die Fortpflanzung der Klammeraffen fällt in die Monate Auguſt und September; wenigſtens gewahrt man um dieſe Zeit Mütter mit hängenden Jungen. Letztere werden entweder unter dem Arme oder auf dem Rücken getragen.
Jn den reichen Urwäldern können die wenig begehrenden Klammeraffen, welche ſich mit Blättern und Früchten begnügen, Niemandem Schaden thun. Gleichwohl werden ſie eifrig verfolgt. Die Portugieſen benutzen ihr Fell, die Wilden eſſen ihr Fleiſch; manche Jndianerſtämme ziehen es allem übrigen Wildpret vor. Sie unternehmen in ſtarken Geſellſchaften Jagdzüge, auf denen Hunderte erlegt werden. Das heimgebrachte Wild wird enthäutet und in ſitzender Stellung geräuchert. Mit ſolchem Rauchfleiſch treibt man denſelben Handel, wie mit dem Fleiſch der Brüll - affen; denn auch andere Stämme ſuchen ſich den Genuß, welchen ihre Heimat ihnen nicht bietet, durch Tauſch zu verſchaffen.
104Die Affen. Klammeraffen.Bei der Jagd werden die Baumwipfel ſorgſam durchſpäht und etwaige Zeichen beachtet. Die im Ber - gleich mit dem Gebrüll der Heulaffen unbedeutende, aber doch immer noch laute Stimme verräth unſere Thiere ſchon aus ziemlicher Ferne. Sobald die harmloſen Waldkinder ihren furchtbarſten Feind gewahren, flüchten ſie ſchnell dahin, die langen Glieder, zumal den Schwanz, in ängſtlicher Haſt vor - wärts ſchleudernd, befeſtigen ſich mit letzterm und ziehen raſch den