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Druck von Emil Felber Weimar.
Ueber dem Südpole des Mars, um den Halb - meſſer des Planeten von ſeiner Oberfläche entfernt, alſo in einer Höhe von 3390 Kilometer, ſchwebt die ausgedehnte Außenſtation für die Raumſchiffahrt.
Ungleich gewaltiger iſt die Anlage als die am Nordpol der Erde, denn über ſiebzig Raumſchiffe ver - mögen gleichzeitig hier Platz zu finden. Das abariſche Feld, das die Außenſtation in der Richtung der Axe mit dem Pol des Planeten verbindet, befördert ſtündlich einen geräumigen Flugwagen.
Heute waren die aufſteigenden Wagen bis auf den letzten Platz beſetzt. Nicht nur die Bevölkerung der nächſten Umgebung drängte ſich zu den Flugwagen, ſelbſt aus den entlegneren Gegenden waren Neugierige auf den ſchnellen Bahnwagen herbeigeeilt, um der Rückkehr des Regierungsſchiffes von der Erde beizu - wohnen. Denn heute wurde der Glo erwartet. Die Lichtdepeſche hatte gemeldet, daß der Repräſentant Jll28*4Siebenundzwanzigſtes Kapitel.auf der Erde den Sohn ſeines verunglückten Bruders, des verſchollenen Raumfahrers All aufgefunden habe und zurückbringe. Man durfte auf merkwürdige Neuig - keiten von der Erde rechnen. Auch das Raumſchiff „ Meteor ‟, Kapitän Oß, welches bereits vor dem Glo die Erde verlaſſen hatte, wurde erwartet. Es ſollte den erſten Menſchen von der Erde auf den Mars bringen. Man erzählte die wunderbarſten Geſchichten von ſeiner furchtbaren Stärke. Zehn Nume ſeien not - wendig, um ihn in Schranken zu halten.
„ Jſt es denn wahr ‟, fragte eine beſorgte Mutter, ihr Töchterchen ängſtlich an ſich ziehend, „ daß die Menſchen kleine Kinder freſſen? ‟
Jhre Nachbarin im Flugwagen antwortete: „ Jch weiß es nicht im allgemeinen, aber der, den wir jetzt erwarten, frißt keine Kinder. Jch weiß es ganz genau, denn ich erwarte meine Schweſter Se, die ihn kennt. Wir haben mit dem „ Kometen ‟, Kapitän Jo, Briefe von ihr bekommen, und ſie ſchreibt, daß er ein ganz netter, beinahe ziviliſierter Mann ſei. Sie ſehen, ich habe ja auch meinen kleinen Waſt und ſogar meine Ern mit - gebracht. Haltet Euch feſt, Kinder, wir ſind gleich da! ‟
Die weiten Galerien des Ringes der Außenſtation waren ſeit Stunden dicht mit Zuſchauern beſetzt, die ſich vor den Projektionsfernrohren drängten und bald die Ausſicht auf den Mars bewunderten, bald den ge - ſtirnten Himmel durchmuſterten. Mit beſonderer Vor - liebe wurde die Erde aufgeſucht, doch da ſie faſt in derſelben Richtung wie die Sonne ſtand, konnte ſie nicht gut beobachtet werden.
5Auf dem Mars.Der Glo war bereits nahe herangekommen, ſein roter Glanz ließ ihn im Fernrohr nicht verkennen. Man konnte die Landung in zwei bis drei Stunden erwarten. Aber auch der „ Meteor ‟ war ſchon ſignaliſiert. Jn acht bis zehn Stunden mochte er eintreffen.
Die Reiſe des Glo war ſo beſchleunigt worden, wie man es nie bei einem Raumſchiffe gewagt hatte. Die allgemeine Aufregung, die in allen Marsſtaaten auf Grund der neuen Depeſchen von der Erde ent - ſtanden war, machte wichtige politiſche Erwägungen und die Anweſenheit Jlls im Zentralrat notwendig. Jll hatte außerdem das perſönliche Jntereſſe, Jsma, der er ſehr zugethan war, die Beſchwerden der Reiſe möglichſt abzukürzen. So war, durch die Stellung der Planeten begünſtigt, das Außerordentliche gelungen; die Reiſe von der Erde zum Mars, alſo der Sonnen - anziehung entgegen, war in acht Tagen zurückgelegt worden. Man hatte den „ Meteor ‟, welcher ſieben Tage früher von der Erde abgegangen war, überholt. Freilich durfte er ſich nicht die Repulſitverſchwendung geſtatten wie das im Auftrage des Zentralrats fliegende Eilraumſchiff.
Mit rührender Sorgfalt hatte Jll, den Ratſchlägen Ells folgend, Jsma den Aufenthalt im Raumſchiff be - haglich zu machen geſucht. Die Raumkrankheit, eine Folge der zeitweiligen Aufhebung der Gravitation, pflegte ſelbſt erprobten Raumſchiffern nicht ganz fern zu bleiben. Auch Jsma hatte unter ihr zu leiden. Aber die Beſchwerden, die ihr durch die geringe Schwere innerhalb des Raumſchiffes drohten, waren ihr durch6Siebenundzwanzigſtes Kapitel.eine ſinnreiche Konſtruktion ihres Schlafraumes ſehr erleichtert worden. Derſelbe ſtellte zwar nicht viel mehr als einen durch geeignete Ventile ausreichend gelüfteten Kaſten vor, aber es war darin künſtlich Schwere und Luftdruck der Erde erzeugt. Und ſo konnte Jsma nicht nur während des Schlafes ganz nach ihrer Gewohnheit ruhen, ſondern auch im Laufe des Tages ſich von Zeit zu Zeit zur Erholung dahin zurückziehen. Sie fühlte ſich daher vollkommen wohl, als der Glo ſich bereits dem Mars näherte.
Wie oft auch ihre Gedanken ſehnſüchtig nach der Erde zurückeilten und ſich um das Schickſal ihres Mannes mit Bangen bewegten, ſo war doch die Fülle der neuen Eindrücke gewaltig genug, um ſie aufs leb - hafteſte zu beſchäftigen und zu zerſtreuen. Die Not - wendigkeit, nun ein halbes Erdenjahr auf dem Mars zuzubringen, ließ ſie die Muße der Reiſe benutzen, mit Ells Hilfe in die Sprache der Martier einzudringen, während ſich Jll gleichzeitig das Deutſche aneignete. Auch an weiblicher Geſellſchaft während der Ueberfahrt fehlte es Jsma nicht, da gegen zehn Frauen verſchie - denen Lebensalters mit dem Glo von der Erde zurück - kehrten.
Längſt war die ſchmale Sichel der Erde als ein lichter Stern unter die übrigen zurückgeſunken, und die Verkleinerung des Sonnenballs infolge der größeren Entfernung von ihm ließ ſich, wenn man die Strahlung durch ein dunkles Glas abblendete, ſichtlich bemerken. Jmmer mächtiger trat das Ziel der Reiſe, der Mars, als hell leuchtende Scheibe hervor. Jetzt hatte man7Auf dem Mars.ſich über die Marsbahn erhoben, um, in unmittel - barer Nähe des Planeten, ſich in der Richtung der Axe auf ſeinen Südpol hinabſinken zu laſſen. Nur noch etwa 13000 Kilometer trennten das Raumſchiff von der Außenſtation. Aber um dieſe Strecke zu durchfliegen, die man bei der vollen Fahrtgeſchwindigkeit fern vom Planeten in zwei bis drei Minuten zurück - legte, bedurfte man jetzt ebenſo vieler Stunden. Es galt die Geſchwindigkeit zuletzt durch Repulſitſchüſſe ſo zu vermindern, daß man gerade auf dem Ringe der Außenſtation zur Ruhe kam. Die Schwierigkeit der Landung erforderte die volle Aufmerkſamkeit des Kapitäns Fei.
Als bevorzugte Gäſte des Zentralrats konnten ſich Jsma und Ell bei Jll auf einer kleinen reſervierten Tribüne dicht neben der Kommandobrücke aufhalten. Jsma mit bangem Herzen, Ell in freudiger Aufregung, die nur durch die Teilnahme am Geſchick der Freundin gedämpft war, hefteten ihre Blicke erwartungsvoll auf die neue Welt, die ſich zu ihren Füßen aufthat.
Es war Sommer am Südpole des Mars, und ſo zeigten ſich, hier von der Axe aus geſehen, etwa zwei Drittel von der Scheibe des Planeten beleuchtet, während ein Drittel in tiefem Dunkel lag. Auf dem erhellten Teile vermochte man jetzt die Südhalbkugel bis gegen den zehnten Grad ſüdlicher Marsbreite zu überblicken. Dieſer Horizont verengte ſich mehr und mehr beim Herabſinken des Raumſchiffes, während infolge der größeren Annäherung das Bild des Planeten an Aus - dehnung zunahm und die Einzelheiten immer deutlicher8Siebenundzwanzigſtes Kapitel.hervortraten. Jnfolge der dünnen, durchſichtigen, wolkenloſen Atmoſphäre lag die Geſtaltung der Ober - fläche bis an den Rand der ſichtbaren Fläche klar vor Augen. Jn der Nähe des Poles und nach der Schatten - grenze hin dehnten ſich weite Gebiete von grauer, ins Blaugrüne ſpielender Färbung, das Mare australe der Aſtronomen der Erde. Der Pol ſelbſt war eisfrei, aber weſtlich von ihm lagen zwiſchen den dunklen Landesteilen noch langgeſtreckte Schneeflächen bis zum 80. Breitengrade hinab. Zwei ausgedehnte große Flecken, die weiter nördlich zwiſchen dem 60. und 70. Breitengrade hellrot im Sonnenſcheine glänzten, be - zeichnete Jll als die Wüſten Gol und Sek; ſie werden auf der Erde die beiden Jnſeln Thyle genannt. Jm übrigen Teile der ſichtbaren Scheibe herrſchte dieſe hellrote Farbe vor, doch an mehreren Stellen von breiten und ausgedehnten grauen Gebieten unterbrochen. Alle dieſe dunkeln Stellen waren unter einander durch dunkle Streifen verbunden, die ſich geradlinig durch die hellen Gebiete hindurchzogen. Die hellen Teile ſind teils ſandige, teils felſige Hochplateaus, trockene und faſt vegetationsloſe Gegenden, in denen ſich nur ſpärliche Anſiedlungen zur Gewinnung der Mineral - ſchätze des Bodens befinden. Dicht bevölkert dagegen ſind die dunklen Teile, deren Erdreich von Feuchtigkeit durchdrungen und mit einem üppigen Pflanzenwuchſe bedeckt iſt.
Ein ſeltſames Farbenſpiel entwickelte ſich an der Schattengrenze, an welcher die Sonne für die Mars - bewohner im Aufgehen und die Nacht zu entſchwinden9Auf dem Mars.im Begriffe war. Während der Nacht bedeckte ſich die Oberfläche des Planeten infolge der ſtarken Ab - kühlung weithin mit einer Nebelſchicht. Wo dieſe dichter war, dauerte es einige Zeit, ehe ſie von den Strahlen der Sonne aufgeſogen wurde, und hier er - ſchienen glänzende Lichter durch den Reflex der Strahlen auf den Nebeln. Einzelne der Hochplateaus erhoben ſich ſo weit, daß ſie mit Schnee oder Reif bedeckt waren, der aber bald in den Strahlen der Sonne ver - ſchwand.
Jll wies nach einer Stelle nahe am nördlichen Rande des Vegetationsgebiets, ſchon an der Grenze des Horizonts, wo der graue Grund eine Mannig - faltigkeit von teils helleren, teils dunkleren Konturen aufwies und wohin durch die benachbarten roten Wüſten eine beſonders große Anzahl dunkler Streifen zuſammenliefen.
„ Dort liegt Kla ‟, ſagte er, „ der Sitz des Zentral - rats, und dort werden wir zunächſt wohnen. Nur wenn der Sommer noch weiter fortgeſchritten iſt, rücken wir weiter nach dem Südpol vor. ‟
„ Es wird mir leicht werden ‟, bemerkte Jsma mit einem wehmütigen Lächeln, „ denn ich werde nicht viel Gepäck haben. ‟
„ Daran wird es Jhnen nicht fehlen, ich werde es mir nicht nehmen laſſen, Jhnen eine vollſtändig ein - gerichtete Wohnung zur Verfügung zu ſtellen. Sie werden ſich dann wohl bequemen, unſre Tracht anzu - nehmen, denn es wird Jhnen nicht angenehm ſein, aufzufallen. Uebrigens müſſen Sie wiſſen, daß ein10Siebenundzwanzigſtes Kapitel.Umzug von einem Ort zum andern kein Einpacken und Umräumen erfordert. Wir ziehen mit unſerm ganzen Hauſe. Sie beſtellen nur beim nächſten Trans - portbureau, wann und wohin Sie befördert ſein wollen, legen ſich ruhig ſchlafen und ſind am andern Morgen an Ort und Stelle. ‟
„ Es wird nämlich meiſtens in der Nacht gezogen ‟, erklärte Ell weiter. „ Die Häuſer ſtehen auf Roll - ſchlitten und werden auf unſern Gleitbahnen befördert. Größere Laſten laſſen ſich vorteilhafter in der Nacht fortbringen, am Tage würden wir bei der herrſchenden Trockenheit ſtärkeren Waſſerverbrauch haben. ‟
„ Hat denn jede Familie ihr eigenes Haus? ‟
„ Jn den wohlhabenden Staaten gewiß, und wo man es ſich geſtatten kann, ſogar jede einzelne Perſon. Die Häuſer ſind nicht ſehr groß, es werden aber die - jenigen einer Familie zu einer zuſammenhängenden Gruppe verbunden. Sie werden es bald ſehen, denn wir nähern uns dem Ziele. Blicken Sie gerade unter uns. Der glänzende Punkt — es iſt ſchon eine kleine Scheibe — iſt der Ring der Außenſtation. Von dort bringt uns der Fallwagen nach Polſtadt, wo wir zu - nächſt übernachten.
„ Das Letztere ‟, bemerkte Jll, „ iſt noch nicht gewiß. Vielleicht müſſen wir unſre Reiſe ſogleich fortſetzen. Doch gehen unſre Wagen ſo ruhig und ſind ſo bequem einge - richtet, daß Sie keinerlei Anſtrengung zu fürchten haben. ‟
An der untern Wölbung des Raumſchiffs flammte das Zeichen der Marsſtaaten auf. Der Glo hatte ſich bis dicht über die Station geſenkt, deren Raumſchiffe11Auf dem Mars.wie eine Stadt aus rieſigen Kuppeldomen im Sonnen - ſchein ſtrahlten. Alle dieſe Schiffe ließen jetzt ihre Symbole und Flaggenzeichen an ihren Wölbungen zur Begrüßung aufleuchten. Faſt unmerklich langſam glitt das Schiff auf ſeinen Platz nieder. Kein Laut unterbrach die Stille, durch die Leere des Weltraums pflanzte ſich kein Schall fort. Aber hinter den durch - ſichtigen Wänden der Galerien ſah man eine gedrängte Menge, die dem nahenden Schiffe mit Schleiern ihr Willkommen zuwinkte.
Der aufnehmende Zylinder ſenkte ſich in die Empfangshalle, der Glo ruhte an ſeinem Ziele; der Stationsbeamte betrat durch die Eingangslucke das Schiff. Jll mit ſeinen Gäſten zog ſich zunächſt in das Jnnere des Schiffes zurück. Nach Erfüllung der erforderlichen Förmlichkeiten wurde das Verlaſſen des Schiffes geſtattet. Zunächſt ſtrömten die von der Erde abgelöſten Martier heraus und wurden von ihren Ver - wandten und Freunden jubelnd bewillkommnet. Erſt nachdem dieſes rege Gewühl ſich einigermaßen gelegt hatte, nahte ſich eine Deputation von Mitgliedern des Zentralrats und andern offiziellen Perſönlichkeiten und betrat das Jnnere des Raumſchiffs. Hier erfolgte die Begrüßung und formelle Vorſtellung von Ell und Jsma, indem Jll in Kürze die notwendigſten Er - klärungen gab. Ein erſter telephotiſcher Bericht war bereits von der Erde aus vorangegangen.
Obgleich dieſer Empfang im Jnnern des Schiffes ziemlich lange währte, hatten die Zuſchauer es ſich doch nicht nehmen laſſen, in der Empfangshalle zu warten. 12Siebenundzwanzigſtes Kapitel.Abſperrungen gab es nicht. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß die Martier den Ausgang des Schiffes und den Weg nach der Abfahrtshalle des Fallwagens im abari - ſchen Felde freiließen.
Endlich erſchien die Empfangsdeputation wieder und ſchritt den Weg nach dem Fallwagen voran. Hinter ihr kam Jll, der Jsma führte, während Ell an ſeiner linken Seite ging.
Jsma hatte den Schleier dicht vor ihr Geſicht ge - zogen, ſie wagte nicht ſich umzuſchauen. Jll und Ell dankten nach martiſcher Sitte für die Willkommrufe, die ihnen entgegenſchallten. Erſt als Jsma bereits auf der Treppe des Fallwagens ſtand, ſchob ſie ihren Schleier zurück und warf einen Blick auf das bunte Bild der bewegten Menge. Ein enthuſiaſtiſcher junger Mann, der ſich bis dicht an die Treppe gedrängt hatte, warf ihr einen Gegenſtand zu, den ſie nicht kannte; doch ahnte ſie wohl, daß dies eine Huldigung ſein ſollte. Es war allerdings nicht, wie ſie vermutete, ein Blumenſtrauß, ſondern ein buntes Spielzeug, wie man ſie kleinen Kindern ſchenkte. Hier auf der Außen - ſtation, um den Marsdurchmeſſer vom Mittelpunkte des Planeten entfernt, herrſchte nur der vierte Teil der Marsſchwere, alſo nur ein Zwölftel der Erdſchwere. Der Gegenſtand, etwas höher als Jsmas Kopf ge - worfen, ſchwebte daher ſo langſam herab, daß ſie ihn bequem mit der Hand ergreifen konnte. Sie that es und verneigte ſich in ihrer natürlichen Anmut gegen die Anweſenden, für welche die Fremdartigkeit ihres Grußes einen beſondern Reiz hatte.
13Auf dem Mars.„ Sila Ba! ‟ „ Es lebe die Erde! ‟ rief der Jüng - ling, und die Verſammlung ſtimmte in den Ruf ein. „ Sila Jll, Sila Ell, Sila Ba! ‟
Jn der Thür des Wagens wandte ſich Jsma noch - mals zurück. Sie faßte Mut und rief: „ Sila Nu! ‟ Sie erſchrak über ihre eigene Stimme. Denn ſelbſt die Hochrufe der Martier klangen tief und halblaut, ſie aber hatte ihre helle Menſchenſtimme nicht gedämpft, und ſo hob ſich ihr Gruß deutlich in dem allgemeinen Geräuſche ab. Die Martier waren entzückt.
Der Verkehr auf weite Strecken und mit großer Geſchwindigkeit wurde auf dem Mars durch zwei Arten von Bahnen vermittelt, Gleitbahnen und Radbahnen. Die Kraftquelle war die Sonnenſtrahlung ſelbſt; ſie wurde auf den glühenden, trockenen Hochplateaus in ausgedehnten Strahlungsflächen geſammelt und den Motoren in Form von Elektrizität zugeleitet. Bei den Gleitbahnen befand ſich zwiſchen der Schienenbahn und der Laſt, die auf Schlittenkufen mit eingelaſſenen Kugeln ruhte, eine dünne Waſſerſchicht, wodurch die Reibung ſo vermindert wurde, daß man rieſige Maſſen mit großer Geſchwindigkeit transportieren konnte. Noch viel raſcher indeſſen fand der Perſonenverkehr auf den Radbahnen ſtatt. Die zwiſchen drei Schienen laufenden Einzel - wagen legten in der Stunde 400 Kilometer zurück. Der Verkehr durch Luftſchiffe hatte ſich bis jetzt nicht als vorteilhaft bewährt, doch beabſichtigte man nunmehr nach den neuen Entdeckungen, zu denen die Fahrten14Siebenundzwanzigſtes Kapitel.nach der Erde geführt hatten, den Bau neuer Luft - ſchiffe mit Repulſitmotoren in Angriff zu nehmen. Jll hatte beim Empfang erfahren, daß er die Reiſe ſogleich fortſetzen ſolle. Er beſtieg daher mit ſeinen Gäſten den von der Regierung geſtellten Zug, um ohne Auf - enthalt nach Kla zu gelangen. Trotzdem war hierzu eine zwölfſtündige Fahrt erforderlich.
Jene Bahnen wurden aber nur dann benutzt, wenn es ſich darum handelte, große Strecken in kürzeſter Zeit zurückzulegen. Das Hauptverkehrsmittel war ſtets der Radſchlitten, ein leichter, teils auf Kufen, teils auf Rädern ruhender Wagen für ein oder zwei Perſonen, den ein unter dem Sitz befindlicher kleiner Motor bewegte. Ferner kamen dazu die Stufenbahnen, die in regelmäßigen Abſtänden von etwa zehn Kilo - meter alle bewohnten Gegenden mit ihrem dichten Netze überſpannten. Dieſe Stufenbahn war das Jdeal einer Straße, in ihr war jene Phantaſie des Märchen - dichters realiſiert, daß ſtatt des Reiſenden die Wege ſelbſt ſich bewegten. Die Breite der eigentlichen Fahr - ſtraße betrug etwa 30 Meter und ebenſo breit waren die parallellaufenden Zugangsſtraßen. Dieſe beſtanden aus zwanzig eng nebeneinander befindlichen Streifen von anderthalb Meter Breite, von denen der äußere ſich mit einer Geſchwindigkeit von drei Meter in der Sekunde fortſchob. Jeder folgende, nach innen zu, hatte eine um drei Meter größere Geſchwindigkeit, ſo daß die Bahn in der Mitte, die eigentliche Fahrſtraße, ſich mit einer Geſchwindigkeit von 60 Meter in der Sekunde bewegte. Jeder Punkt derſelben legte alſo in der Stunde über15Auf dem Mars.200 Kilometer zurück. Die Streifen ſelbſt erhielten ihre Bewegung durch Walzen, über welche ſie in der Art von Transmiſſionsriemen gezogen waren. Man konnte die Stufenbahn ſowohl zu Fuß als auf dem eigenen Radſchlitten benutzen. An jeder Stelle konnte ſie betreten und verlaſſen werden. Die Geſchwindig - keit des erſten Streifens von drei Meter konnte man auf dem Mars, wo wegen der geringeren Schwere das Springen eine jedermann geläufige Sache war, leicht erreichen, noch bequemer mit Hilfe des Radſchlittens. Man ſprang oder fuhr alſo einfach auf dieſen Streifen, und da jeder folgende Streifen zum vorhergehenden dieſelbe relative Geſchwindigkeit beſaß, ſo gewann man, von Streifen zu Streifen ſchräg vorwärts gehend oder fahrend, die Geſchwindigkeit der Hauptſtraße. Dieſe benutzte man, ebenfalls fahrend oder gehend, ſoweit man wollte, um alsdann in derſelben Weiſe ſie wieder zu verlaſſen. Die linke Seite war zum Aufſtieg, die rechte zum Abſtieg beſtimmt. Ueber die Stufenbahn führten alle hundert Meter leichte Brücken.
Ueber den Bahnen erhoben ſich, die ganze Breite in kühnen Bogen überſpannend, die Rieſengebäude des gewerblichen und Geſchäftsverkehrs. Dieſe ſtiegen bis zur Höhe von hundert Meter an. Das leichte, feſte Baumaterial geſtattete bei der geringen Marsſchwere dieſe gewaltigen Wölbungen und Säulenmaſſen. Gleich Paläſten und Domen, in zierlichen Formen und lichten Farben, ſtiegen die Gebäude wie ſpielend in die klare Luft, überall auf ihren Dächern die Sonnenſtrahlen ſammelnd, um ihre Kraft zu verwerten. So zogen16Siebenundzwanzigſtes Kapitel.dieſe Hallen ohne Unterbrechung durch das Land, es in große Abſchnitte von durchſchnittlich hundert Quadrat - kilometer Fläche zerlegend. Eigentliche Städte oder Dörfer gab es hier nicht, die Orte gingen in einander über, und nur als Verwaltungsbezirke ſchieden ſich die Gebäude in zuſammengehörige Gruppen. Dieſe Bauten überbrückten auch die Kanäle und die Bahnen, die ſich meiſt in derſelben Richtung mit ihnen hinzogen.
Entfernte man ſich aber von dieſen Jnduſtrieſtraßen nur um einige hundert Schritte, ſo befand man ſich in einer vollſtändig anderen Gegend. Gewaltige Rieſen - bäume, deren Gipfel zum Teil ſogar die hundert Meter hohen Gebäude noch überragten, verdeckten mit ihren Zweigen die Nähe der Bauwerke. Es waren teils den Platanen, teils den Fichten gleichende Pflanzen, mit denen ſich kein irdiſcher Baum, ſelbſt nicht die be - rühmten Rieſen des Yoſemitethales, vergleichen konnte. Erſt in einer Höhe von etwa vierzig Meter begann der Aſtanſatz, und von hier aus bildete das Laubdach eine natürliche Wölbung, auf den geradlinig aufſteigen - den Pfeilern der Stämme ruhend. Kein direkter Sonnenſtrahl vermochte den Boden zu treffen, aber ein mildes, bläulich-grünes Licht ſchimmerte von den Blättern hernieder und verteilte ſich gleichmäßig im Raume. Dieſe lebendigen Kuppeln erſetzten den Mar - tiern den Schutz einer dichteren Atmoſphäre, ſie milderten den Gegenſatz der Einſtrahlung am Tage und der Ausſtrahlung in der Nacht und ſchützten den Boden vor Verdunſtung. Der geſamte Raum der von den Jnduſtrieſtraßen begrenzten Bezirke war eine ſolche17Auf dem Mars.entzückende Waldlandſchaft, die übrigens nach der Mitte der Bezirke zu auch zuweilen von Lichtungen unter - brochen wurde und eine reiche Abwechslung des Pflan - zenwuchſes darbot.
Auf beiden Seiten der Jnduſtrieſtraßen, in einem Streifen von etwa tauſend Meter Breite, erſtreckten ſich die Privatwohnungen der Martier. Unter dem Rieſen - dach der Bäume dehnte ſich ein reizendes Gewirr von Garten - und Parkanlagen aus, Blumenbeete und kleine Teiche wechſelten mit Gebüſch und Baumgruppen, deren Höhe das auf der Erde gewohnte Maß nicht überſtieg. Mitten in dieſen Gärten, die bald aufs an - mutigſte gepflegt, bald als einfache Raſenplätze ſich darſtellten, ſtanden die Häuſer der Martier, kleine ein - ſtöckige Gebäude, manchmal zu Gruppen zuſammen - geſchloſſen, im allgemeinen aber villenartig durchs Gelände zerſtreut. Sie reihten ſich, vom Blaugrün der Sträucher und bunten Blumenbosketts umgeben, unregelmäßig zu beiden Seiten der Wege, auf deren feſtem Moosteppich ſich, für das Auge wenig bemerkbar, die Geleiſe der Gleitbahn hinzogen. Sämtliche Mar - tier in den kulturell entwickelten Teilen des Planeten hielten ſich in ſolchen ländlichen Wohnſitzen auf, ſofern ſie nicht gerade geſchäftlich oder dienſtlich in den Jn - duſtrieräumen zu thun hatten. Es kamen hier auf ein Quadratkilometer ungefähr tauſend Einwohner, ſo daß ein ſolches Straßenviertel von zehn Kilometer Länge und Breite in dem Streifen, der es umfaßte, gegen vierzigtauſend Einwohner zählte. Hatte man dieſe Zone von Wohnſtätten durchſchritten und drangLaßwitz, Auf zwei Planeten. 2918Siebenundzwanzigſtes Kapitel.man auf einer der ſchmalen, ſauber angelegten Straßen weiter in das Jnnere des Bezirks vor, ſo nahm die Landſchaft wieder einen neuen Charakter an. Die Gärten hörten auf, an ihre Stelle trat die Wildnis des Waldes. Tiefe Stille herrſchte ringsum, nur unter - brochen durch das leichte Summen kleiner Vogelarten oder das Zwitſchern der ſingenden Blüten, die ſich auf ihren ſchwanken Stengeln wiegten. Zahlreiche Waſſer - adern verzweigten ſich unter den breiten Blättern einer Sumpfpflanze und ſammelten ſich zu einem ſtillen See, deſſen dunkle Fläche ſeine Ufer wiederſpiegelte. Und alles dies war überragt und geſchützt von dem ſanft leuchtenden Blätterdach der Rieſenbäume, das ſich wie ein grünes Himmelszelt über die niedere Waldland - ſchaft hindehnte. Man war entrückt in die Einſamkeit ungeſtörter Natur, und nichts verriet, daß man auf dem eilenden Radſchlitten in wenigen Minuten auf die Weltſtraße gelangen konnte, wo Millionen geſchäftiger Bewohner, die Kräfte der Sonne und des Planeten ausnutzend, arbeiteten. Es war ein Geſetz, daß in jedem Bezirk drei Fünftel des Flächenraums im Jnnern als Naturpark von jeder Ausbeutung und Bewohnung geſchützt blieb, was jedoch eine geregelte Forſtkultur darin nicht ausſchloß. Je nach der areographiſchen Breite wechſelte natürlich die Art der vorherrſchenden Pflanzen. Jhr Wuchs wurde üppiger in der Nähe des Aequators, ſpärlicher nach den Polen zu. Doch gab es in den Niederungen nirgends eine eigentliche Waldgrenze, da nach den Polen hin die Feuchtigkeit das Klima milderte.
19Auf dem Mars.Einen ſtarken Gegenſatz zu dem reichen Kulturleben und der Lebensfülle der Niederungen boten die felſigen Hochplateaus, auf denen es an einigen Stellen ſogar beträchtliche Gebirge gab. Jm allgemeinen erhoben ſie ſich jedoch nicht bedeutend über die Tiefebenen. Auch durch jene Wüſten zogen ſich, uralten Kulturwegen folgend, die Jnduſtrieſtraßen hin, nur daß ſie hier nicht ein dichtes Netz bildeten, ſondern parallel verliefen und dadurch Streifen von dreißig bis dreihundert Kilometer Breite darſtellten, die mit Bewohnern beſetzt waren. Denn jeder ſolcher Streifen war von einem Kanal begleitet, der das Waſſer von den Polen über den ganzen Pla - neten verbreitete. Nicht immer reichte die Waſſermenge aus, alle dieſe Kanäle zu füllen, ſo daß die Breite des Vegetationsſtreifens je nach der Stärke der Bewäſſerung wechſelte. Es ſchien dann, von der Erde aus geſehen, als ob die dunklen Streifen, welche die Wüſtengebiete auf die Länge von tauſenden von Kilometern durch - ſetzen, ſich ſeitlich verſchöben, verengerten, verbreiterten oder auch verdoppelten. Sobald der Waſſerzufluß hier aufhörte, verloren die ſchützenden Bäume ihr Laub und der Boden verdorrte, wenige Tage aber genügten auch wieder, dem Pflanzenwuchs ſeine Friſche zurückzugeben.
Die Bevölkerung dieſer Weltſtraßen ſtand unter ungünſtigeren Lebensbedingungen als die der immer feuchten Niederungen, aber ſie war doch ungleich beſſer geſtellt als die Bewohner der Wüſten. Hier hauſten in der Kultur zurückgebliebene Gruppen der Bevölkerung des Planeten, die zum Teil ſogar noch Ackerbau trieben, wo geringe Einſenkungen infolge der nächtlichen Nieder -29*20Siebenundzwanzigſtes Kapitel.ſchläge den Anbau von Früchten geſtatteten, zum größeren Teile aber im Bergbau und in den Strahlungs - Sammelſtätten thätig waren. Denn jene Wüſten - gegenden, einſt leer und unbewohnt, waren in der gegen - wärtigen Kulturperiode des Planeten das Hauptreſervoir und die Hauptquelle für die Energie geworden. Aus den Kalkfelſen, dem ausgetrockneten Thon - und Lehm - boden und den darunter befindlichen, von Erzgängen reich durchſetzten Schichten zog die Bevölkerung des ganzen Planeten ihre Nahrung und ihre Macht. Aber die klimatiſchen Verhältniſſe geſtatteten nicht, die Ver - arbeitung an Ort und Stelle vorzunehmen. Die Ge - ſteinsmaſſen wurden an den Rändern der Verkehrs - ſtreifen gebrochen, wodurch dieſe ſich allmählich ver - breiterten. Die Sonnenſtrahlung wurde auf der ganzen Hochfläche geſammelt und in der Form von Elektrizität über den Planeten verteilt. Die Bergleute an den Rändern der Kulturſtreifen gelangten dabei zu Wohl - ſtand, vermiſchten ſich ſtetig mit der Bevölkerung der Niederungen und rekrutierten ſich immer aufs neue aus dem Stande der Beds, den Wüſtenbewohnern, die für die Beſorgung der Sammelwerke unentbehrlich waren. Dieſe abgehärteten Wüſtenſöhne durchzogen im Sonnen - brande die weiten Hochflächen, um im Dienſte der großen Strahlenſammelkompagnien die Stromleitungen bei Sonnenaufgang in Tätigkeit zu ſetzen und bei Sonnenuntergang wieder abzuſtellen. Sie erhielten einen reichlichen Lohn, der ihnen wohl geſtattet hätte, nach einer Reihe von Jahren ihren beſchwerlichen Beruf aufzugeben, aber ſie liebten ihre Hochflächen, wie ihre21Auf dem Mars.Väter ſie geliebt hatten, wo in der Nacht der Himmel mit Millionen Sternen leuchtete, wo wallende Nebel der Morgenſonne vorauszogen, und dann das Glut - geſtirn den Boden unter den Füßen brennen ließ. Sie liebten die Wüſte und ſchüttelten die Köpfe, ſobald einer der Jhren in die Schächte am Wüſtenrande hinab - ſtieg. Sie betrachteten die Bewohner der Thäler nur als die Lieferanten ihrer Bedürfniſſe und fühlten ſich als die eigentlichen Spender der Kraft des Planeten; aber ſie wußten auch, daß ſie trotz ihrer Sonne und Sterne verhungern müßten, wenn nicht die klugen Männer der Tiefe ihnen Steine in Brot verwandelten.
Steine in Brot! Eiweißſtoffe und Kohlenhydrate aus Fels und Boden, aus Luft und Waſſer ohne Ver - mittlung der Pflanzenzelle! — Das war die Kunſt und Wiſſenſchaft geweſen, wodurch die Martier ſich von dem niedrigen Kulturſtandpunkte des Ackerbaues eman - zipiert und ſich zu unmittelbaren Söhnen der Sonne gemacht hatten. Die Pflanze diente dem äſthetiſchen Genuß und dem Schutze der Feuchtigkeit im Erdreich, aber man war nicht auf ihre Erträge angewieſen. Zahlloſe Kräfte wurden frei für geiſtige Arbeit und ethiſche Kultur, das ſtolze Bewußtſein der Numenheit hob die Martier über die Natur und machte ſie zu Herren des Sonnenſyſtems.
Jn einem der großen Bezirke, welche den Sitz der Zentralregierung des Mars umſchloſſen und den Geſamtnamen Kla führten, lag die Wohnung Jlls nahe an der Grenze der Waldwildnis. Sie beſtand aus mehreren mit einander verbundenen Einzelhäuschen, ſo daß das Ganze eine geräumige Villa darſtellte. Die Anlagen, die ſich um die Gebäude erſtreckten, zeugten von ſorgfältiger Pflege und feinem Geſchmack. Am Eingange des Gartens ſaßen rechts und links in anmutiger Haltung zwei Frauengeſtalten, die ſich im Scherz eine Blumenguirlande zu entreißen ſuchten; ſie zogen quer über den Weg an den entgegengeſetzten Enden derſelben und verſperrten dadurch den Zutritt.
Auf der ſchmalen, glatten Straße, die zwiſchen den Nachbargärten von dem Hauptwege abzweigend auf dieſen Eingang hinführte, näherte ſich raſch ein leichter, zweiſitziger Radſchlitten. Ein jüngerer Mann in der anliegenden Sommerkleidung der Martier lenkte den -23Sehenswürdigkeiten des Mars.ſelben; der Sitz neben ihm war leer. Wer Ell mit dem grauen Haar und der Falte zwiſchen den Augen nachdenklich von ſeiner Sternwarte in Friedau hatte herabſteigen ſehen, hätte ihn in dieſem Martier nicht wiedererkannt. Ell fühlte ſich in der That wie ver - jüngt, gleich als ob ſeine Erdenjahre ihm nach der Rechnung des Mars, zwei auf ein Marsjahr, ange - rechnet werden ſollten. Ein unausſprechliches Glücks - gefühl durchzog ſeine Seele; das Bewußtſein, dem Planeten zurückgegeben zu ſein, den er für ſeine Heimat hielt, mitzuleben unter den Numen und ihren Götter - wandel zu teilen, erhob ihn zunächſt über alle die Sorgen, die bei dem Gedanken an das Geſchick der Erde und ſeiner irdiſchen Freunde ſich ihm aufdrängten. Es war ihm, als müßten alle dieſe Schwierigkeiten unter den Händen der Nume von ſelbſt ſich löſen, und er genoß in vollen Zügen die Seligkeit, all das Große und Herrliche zu ſehen, von dem ſein Vater mit dem Schmerze des Verbannten in unſtillbarer Sehnſucht geredet hatte.
Der Radſchlitten glitt auf den Eingang des Gartens zu, und Ell ließ den Strahlenkegel einer kleinen, an der Lenkſtange des Radſchlittens befeſtigten Lampe einen Moment auf die Augen der rechts ſitzenden Frau fallen. Sogleich richteten beide Figuren ſich in die Höhe und erhoben wie zum Gruße die Arme, indem ſich dabei die Guirlande wie ein Triumphbogen empor - ſchwang und den Eingang freigab. Der Schlitten glitt hindurch und hielt gleich darauf vor der Veranda des Hauſes.
24Achtundzwanzigſtes Kapitel.Die beiden anmutigen Pförtnerinnen waren Auto - maten. Die Beſtrahlung der Augen der rechtsſitzenden löſte eine chemiſche Reaktion aus und öffnete dadurch die Pforte. Zugleich wurde damit der Eintritt eines Ankommenden im Jnnern des Hauſes ſignaliſiert.
Ell ſprang aus dem Schlitten und eilte die Stufen der Veranda empor.
Eine ſchlanke Frauengeſtalt trat ihm aus dem Hauſe entgegen.
Ell blieb erſtaunt ſtehen. Er erkannte nicht ſogleich, wen er vor ſich hatte. Er hatte Jsma noch nicht im Koſtüm der Martierinnen geſehen.
„ Jsma! ‟ rief er jetzt, mit bewundernden Blicken ſie anſtarrend. Er wollte nach Martierſitte die Hände auf ihre Schultern legen, aber ſie ergriff ſie nach alter Gewohnheit mit den ihrigen und drückte ſie freundſchaftlich.
„ Jch kann nicht dafür ‟, ſagte ſie verlegen errötend, „ Frau Ma hat es nicht anders gewollt. ‟
„ Sie konnte es nicht beſſer treffen ‟, ſagte Ell heiter, „ ich wünſchte, ich könnte ſo mit Jhnen durch die Straßen von Friedau gehen. Paſſen Sie auf, das kommt auch noch. ‟
Jsma ſchüttelte leiſe den Kopf. „ Laſſen Sie uns jetzt nicht an die Erde denken. Wenn ich allein bin, kommen meine Gedanken nicht fort davon, immer ſehe ich den Zettel auf dem Tiſche meines Zimmers, als ich die Lampe abdrehte, und dann die Gletſcher zwiſchen den Felſen, wo — — Nein, Ell, bis wir nicht handeln können und nichts Neues erfahren, laſſen Sie mich in25Sehenswürdigkeiten des Mars.Jhrer Gegenwart verſuchen, mit Jhnen auf dem Mars zu leben. Verſuchen — wie ich dies Kleid verſuche. ‟
„ Verzeihen Sie mir ‟, ſagte Ell, „ ich bin ſo über - raſcht von allem Neuen, daß ich nicht ſogleich den richtigen Ton traf. Aber ich werde es. Und jetzt wollen Sie mir die Freude machen, mich zu begleiten? ‟
Sie blickte wieder lächelnd an ſich herab und zupfte an den dichten Falten des Schleiergewandes.
„ Jch will nur fragen, was noch zur Straßentoilette gehört ‟, ſagte ſie. „ Nehmen Sie Platz. ‟ Sie ſchlüpfte in das Zimmer.
Nach wenigen Minuten kehrte ſie zurück. Sie trug jetzt den leichten Kopfputz der Martierinnen, wie er im Sommer üblich war, der nur den Vorderkopf be - deckte. Ein Kranz ſehr feiner und zarter Federn ſchützte die Stirn und die Augen, indem er als ein halbkreisförmiger Schirm vortrat. Die Farbe war genau das tiefe Blau ihrer Augen, und von derſelben Farbe war das den ſchlanken Formen ſich anſchließende weiche Panzerkleid, das, ſtärker als Seide, metalliſch, wie die Flügeldecken mancher Käfer ſchimmerte. Der Schleier, auf beiden Schultern befeſtigt, wurde von einem Gürtel zuſammengehalten, deſſen Grund un - ſichtbar war, er erſchien nur wie ein Kranz ineinander verſchlungener Zweige. Vom Gürtel ab floß der Schleier, deſſen Farbe genau dem Lichtbraun des Haares an - gepaßt war, in dichten Falten um die ganze Geſtalt bis zu den Knöcheln, wurde aber von ſcheinbar vom Gürtel herabhängenden Blütengewinden durchſetzt. Dunkelblaue Schuhe vollendeten den Anzug. Es war,26Achtundzwanzigſtes Kapitel.als hätte ſich der ſchimmernde Lichtglanz der Augen und das zarte Gewölk des Haares um den ganzen Körper verbreitet.
Hinter Jsma erſchien eine ältere, würdige Dame, Frau Ma, die Gattin Jlls.
„ Guten Morgen ‟, rief Ell, ihr freudig entgegen - tretend. „ Darf ich Dir Deinen Gaſt entführen? ‟
Ma warf mit jugendlicher Friſche den Kopf zurück und blinzelte Ell mit ihren gutmütigen Augen ver - gnügt an, ihn von oben bis unten muſternd.
„ Ganz wie eingeboren! ‟ ſagte ſie lachend. „ Eigent - lich hatte ich mich auf einen Menſchenneffen gefreut, der in Felle gekleidet umherläuft. So macht man’s wohl? Nicht? ‟
Dabei ſtreckte ſie Ell ihre linke Hand entgegen.
„ Die rechte, Tante! ‟ ſagte Ell.
„ Na alſo dann wohl die? ‟
Ell ergriff die Hand und zog ſie an ſeine Lippen.
„ So alſo wird das gemacht? ‟
„ Herren gegen Damen, wenn ſie beſonders auf - merkſam ſein wollen. Einer Tante darf man ſogar um den Hals fallen. ‟
„ Na, ein andermal. Aber nun ſag einmal, Neffe, wie gefällt Dir das Kind? ‟ dabei faßte ſie Jsma am Arm und drehte ſie ohne Weiteres um ſich ſelbſt. „ Mir gefällt bloß nicht ‟, fuhr ſie ſogleich fort, „ daß ſie ſo traurige Augen macht. Das iſt nichts, auf dem Nu muß man luſtig ſein. Nun nimm ſie einmal mit und zeig’ ihr die Welt. Du ſollſt mir ſie ein bischen munter machen. ‟
27Sehenswürdigkeiten des Mars.Sie ließ Jsma gar nicht zu Worte kommen, ſondern ſchob die beiden, ſie freundlich auf die Schulter klopfend, nach der Treppe. Schon hatte Jsma den Wagen be - ſtiegen, und Ell wollte ihn eben in Bewegung ſetzen, als Ma rief:
„ Halt, halt! Jsma, Frauchen, Sie haben ja Tuch und Schirm vergeſſen. Bleiben Sie nur ſitzen. Jch hab’s ſchon drin zurecht gelegt. ‟
Jm Augenblick erſchien ſie wieder und warf ein kleines Rohr hinab. Ell fing es auf.
Jsma dankte.
„ Wenn Sie auf der einen Seite ziehen, iſt’s ein Schirm, und auf der andern bekommen Sie ein Um - ſchlagetuch. Da, an den Gürtel hängt man’s — — zeig’s ihr doch, Ell! Fahrt wohl, ihr Kinder. ‟
Jsma betrachtete das zierliche Röhrchen. „ Jch denke ‟, ſagte ſie, „ hier regnet es nur in der Nacht. Wozu braucht man da einen Schirm! ‟
„ Es iſt auch eigentlich ein Sonnenſchirm. ‟
„ Aber hier iſt überall der wunderbare Baumſchatten, und die Straßen draußen ſind alle überwölbt. ‟
„ Es giebt auch Lichtungen und Uebergänge, wo der Schirm unentbehrlich iſt; denn wo die Sonne ſcheint, brennt ſie gewaltig. Obwohl wir ſoviel weiter von ihr entfernt ſind als auf der Erde, ſchützt uns doch nicht die dichte Erdenluft; es iſt, als ob wir auf dem Gauriſankar ſtänden. ‟
„ Aber dieſe herrliche Vegetation. ‟
„ Den Verhältniſſen angepaßt, und die ſind doch wieder ganz andere als auf einem Gebirge. Hier in28Achtundzwanzigſtes Kapitel.den Niederungen halten wir alle Wärme feſt und geben keine wieder heraus. Dafür ſorgen die großen pelz - verbrämten Blätter unſrer Rieſenbäume. Aber Sie ſind an das Klima nicht gewöhnt, es iſt vielleicht beſſer, wenn Sie während des Fahrens ſich in das Tuch hüllen. Erlauben Sie. ‟
Ell nahm Jsma das Schirmröhrchen aus der Hand und zog an dem Ringe, welcher das eine Ende ab - ſchloß. Eine kleine Rolle, nicht größer als ein Zeige - finger, ſchob ſich heraus, ſcheinbar ſchwarz; aber unter Jsmas Händen entfaltete ſich das Röllchen zu einer großen Decke, in die man den ganzen Körper einhüllen konnte. Das Gewebe war ganz weich, locker und voll - ſtändig unſichtbar, die eingewebten dunklen Fäden, dienten nur dazu, überhaupt erkennen zu laſſen, wo das Tuch ſich befand und wie weit es reichte. Jsma hüllte ſich behaglich hinein, und man bemerkte nicht, daß ſie überhaupt ein Tuch umgeſchlagen hatte; ihre Toilette blieb vollſtändig ſichtbar.
„ Das iſt ja wie das Zelt der Fee Paribanu ‟, ſagte ſie lächelnd. „ Aber wie bekommt man denn das Tuch wieder in das Futteral? ‟
„ Man knüllt es einfach in der Hand zuſammen und ſtopft es hinein. Dieſen Lisfäden iſt es ganz gleichgiltig, wie ſie zu liegen kommen, man kann ſie zuſammenpreſſen wie Luft. ‟
„ Jetzt iſt es erſt behaglich ‟, ſagte Jsma. „ Und wie ſtill und ſchön. Das iſt ja wie in unſerm Walde, nur Felſen ſcheint es nicht zu geben. Aber ſoviel Waſſer! Und ich denke, der Mars iſt ſo waſſerarm? ‟
29Sehenswürdigkeiten des Mars.„ Das iſt auch richtig, wir haben kein Meer, wenigſtens kein nennenswertes. Unſer ganzer Reichtum iſt auf dem Lande verteilt, da nutzen wir ihn aus. ‟
Es war am frühen Vormittage. Die Wege hier im Waldesdickicht waren einſam, nur hin und wieder begegnete man einem Gleitwagen oder einem Spazier - gänger. Ell hatte ſein Gefährt langſam durch den Naturpark gelenkt, es näherte ſich jetzt der gegenüber - liegenden Grenze des Bezirks, die Wege wurden be - lebter, und die erſten Häuſer der Wohnungszone er - ſchienen. Ein ſtarkes Geräuſch wie das einer Säge unterbrach die Ruhe der Umgebung. Bei einer Weg - biegung wurde die Urſache ſichtbar. Es war in der That eine große Säge, die, von einem elektriſchen Motor getrieben, den ſieben Meter im Durchmeſſer haltenden Stamm eines der Waldrieſen bereits bis auf einen kleinen Reſt durchnagt hatte. Das Alter — er zählte über ſechstauſend Jahre — hatte ihn voll - ſtändig gehöhlt und der Zuſammenſturz war zu be - fürchten; man mußte ihn beſeitigen.
„ Mitten zwiſchen dieſen anderen Bäumen ‟ — rief Jsma — „ wie iſt das möglich? Er muß ja in ſeinem Falle ringsum alles zermalmen. ‟
Auch Ell wußte keine Auskunft zu geben. „ Viel - leicht ſehen wir bald, was geſchieht, wenn wir ein wenig warten, die Säge iſt ja ſchon faſt hindurch. Man muß doch keine Gefahr befürchten, denn nur ein kleiner Kreis ringsum iſt abgeſperrt. ‟
Nach wenigen Minuten war die Säge aus der Rinde vollends herausgedrungen. Die Maſchine ſchob30Achtundzwanzigſtes Kapitel.ſich beiſeite, und die Arbeiter zogen ſich außerhalb des abgeſperrten Kreiſes zurück. Der Arbeitsleiter ſprach in ein Telephon, deſſen Drähte ſich nach oben zwiſchen den Aeſten der Bäume verloren. Gleich da - rauf vernahm man ein gewaltiges Rauſchen zwiſchen den Blättern, einzelne Zweige wurden geknickt und Blätter fielen herab. Der Rieſenbaum ſchwankte ein wenig und hob ſich langſam in die Höhe. Wie er geſtanden, ſenkrecht, ſchwebte er aufwärts zwiſchen ſeinen geſunden Nachbarn, von denen nur einzelne Aeſte und Zweige mitgeriſſen wurden, die ſich zu eng mit denen des gefällten Baumes verbunden hatten. Ein Streifen Sonnenlicht durchbrach das blaugrüne Laubdach.
„ Jch ſehe es jetzt ‟, rief Ell. „ Sie heben den Baum mittels Luftballons in die Höhe. So wird er ſogleich bis zur Fabrik transportiert werden, wo man das Holz verarbeitet. Und raten Sie, was in dem hohlen Baum ſteckt! ‟
„ Nichts, vermutlich. ‟
„ Hier, Jhr Tuch. Vielleicht hunderttauſend ſolcher Tücher. Sehen Sie, da — ‟
Eine Anzahl Neugieriger, beſonders aber Kinder, hatten ſich um den abgeſperrten Kreis geſammelt. Als die Schranken fielen, ſtürzten ſie mit Jubel auf den Stumpf des Baumes zu und kletterten auf den Rand. Gleich darauf ſah man ſie, die Hände feſt zuſammen - gedrückt, davonlaufen.
„ Was haben ſie da? ‟ fragte Jsma.
„ Das Gewebe der Lisſpinne, es füllt die Höhlung31Sehenswürdigkeiten des Mars.des Baumes zum großen Teile aus, und was unten im Stumpf bleibt, gehört dem, der es nimmt. ‟
Ein kleiner Junge rannte auf Ells Wagen zu, den er im Eifer ſo ſpät bemerkte, daß er beim Aus - weichen hinſtürzte. Gleich war er wieder auf den Beinen, aber jetzt ſuchte er nach ſeiner handvoll Lis, die ihm entfallen und nun kaum zu ſehen war. Jsma, die den Wagen verlaſſen hatte, ſah das Gewebe zufällig am Boden glitzern und hob es auf. Sie betrachtete es neugierig. Der Knabe bemerkte es. Es war ein kleines, dickes, pausbäckiges Kerlchen, ſehr ärmlich ge - kleidet. Er ſtarrte Jsma an. Sie hielt das wirre, weiche Fadenknäuel ihm hin. Seine Augen leuchteten groß auf, als er es wiedererhielt, aber er blieb wie angenagelt mit geſpreizten Beinchen vor Jsma ſtehen. Seine Blicke gingen jetzt zwiſchen Jsma und ſeinen Händen hin und her. Er kämpfte offenbar einen großen Kampf. Dann hielt er das Päckchen Jsma wieder hin und ſagte, als wenn er ein Königreich vergäbe:
„ Jch ſchenke es Dir. ‟
„ Warum? ‟ fragte Jsma lächelnd.
„ Weil Du kleine Augen haſt. ‟
Jsma wußte nicht, ob ſie recht verſtanden habe, und ſah Ell zweifelnd an.
„ Weil ich kleine Augen habe? ‟ wiederholte ſie fragend.
„ Kleine Augen ſind traurig, man ſchenkt ihnen ‟, ſagte der Knirps.
„ Jch will Dir — ‟ Jsma unterbrach ſich. „ Jch will Dir auch etwas ſchenken, weil Du große Augen32Achtundzwanzigſtes Kapitel.haſt ‟, wollte ſie ſagen. Aber es fiel ihr ein, daß ſie nichts zu verſchenken habe. Der kleine Nume auf ſeinen Wackelbeinchen — was konnte ſie ihm als Gegen - gabe bieten?
Ell verſtand ſie. Er griff in die Wagentaſche, in der ſich einige kleine Erfriſchungen befanden, und gab Jsma ein Stückchen Naſchwerk.
„ Das iſt etwas für ihn ‟, ſagte er.
Der Junge lachte über das ganze Geſicht, als ihm Jsma den Kuchen reichte. Dieſe Sprache verſtehen die Kinder aller Planeten. Aber er biß nicht ſogleich hinein.
„ Gieb ihr auch ‟, ſagte er zu Ell. „ Du haſt große Augen. Große Augen dürfen nicht eſſen, wenn kleine hungern. ‟
Er beruhigte ſich nicht eher, bis Jsma einen Kuchen in der Hand hielt. Dann rannte er ſpornſtreichs davon.
Jsma ſtieg ein. Der Wagen rollte weiter.
„ Was meinte er mit den kleinen Augen? ‟ fragte Jsma.
„ Das iſt eine ſprichwörtliche Redensart. „ Kleine Augen ‟ nennt man unglückliche, kranke, armſelige Leute. Der Junge hat die Sache wörtlich genommen. ‟
Man durchfuhr die Zone der Wohnhäuſer, die Bäume hörten auf, der Wagen glitt unter die Säulen - hallen der Jnduſtrieſtraße. Ell beſchleunigte ſein Tempo, er fuhr auf den Außenſtreifen der Stufenbahn und war ſchnell auf der breiten Mittelſtraße. Jn einem Gewühl von Fahrzeugen legte er hier ſeinen Weg zurück.
Aus der Ruhe des ländlichen Hauſes, in der Jsma33Sehenswürdigkeiten des Mars.ſich zunächſt einige Tage bei der liebenswürdigen Pflege ihrer Wirte hatte erholen ſollen, und jetzt aus der Ein - ſamkeit des Waldfriedens fand ſich Jsma plötzlich in das Gedränge des Weltverkehrs, der Weltſtadt im wörtlichen Sinne, verſetzt. Denn dieſe Palaſtreihen bildeten in der That den Zuſammenhang einer Rieſen - ſtadt, die ſich über den größten Teil des Planeten ver - breitete, nur mit der glücklichen Anordnung, daß ſie meilenweite Wälder und auch hunderte von Meilen ausgedehnte Wüſten zwiſchen ihren Mauern umſchloß. Wenn Jsma den Blick auf die Wagen und Fußgänger richtete, die ſich in ununterbrochener Kolonne in der - ſelben Richtung mit ihr bewegten oder auf der andern Seite der Straße ihr in raſcher Gangart entgegen - kamen, ſo glaubte ſie in einer ungeheuern Völker - wanderung zu ſtecken. Dabei war das Geräuſch keines - wegs betäubend, denn auf dieſem Planeten wickelte ſich alles verhältnismäßig leiſe ab. Auch die relative Ge - ſchwindigkeit der Wagen und Fußgänger gegen ein - ander war nicht groß. Nur wenn ſie nach den kühn aufſtrebenden Säulen blickte, welche die mächtigen Wölbungen trugen, nach den Treppen und Aufzügen, die an den Seiten in die oberen Stockwerke führten, nach den Plakaten und Anſchlägen, die ſie von hier aus zu entziffern nicht vermochte, erkannte ſie, daß der Weg ſelbſt, auf dem ihr Radſchlitten hinglitt, mit der dreifachen Geſchwindigkeit eines irdiſchen Schnellzugs ſie fortriß.
Mit Erſtaunen blickte ſie auf ihren Nachbar zur Rechten, der den Wagen mit einer Sicherheit zwiſchenLaßwitz, Auf zwei Planeten. 3034Achtundzwanzigſtes Kapitel.den übrigen hinlenkte, als wäre er ſeit Jahren an dieſe Beſchäftigung gewöhnt. Allerdings hatte Ell bereits die wenigen Tage ſeines Aufenthalts benutzt, um ſich gründlich in der Umgebung umzuſehen. Er wohnte nicht weit von der Jllſchen Villa in einem eignen Häuschen, hatte ſich aber immer nur des Abends auf eine Stunde bei ſeinen Verwandten ſehen laſſen. Jsma empfand dieſe Zurückhaltung nicht gerade als Zurückſetzung. Hatten ſich doch beide auch in Friedau ſtets nur kurze Zeit geſprochen, und mußte ſie ſich doch ſagen, daß ihn die neue Umgebung voll in Anſpruch nahm. Aber nach dem gemeinſamen Erlebnis der Reiſe und hier, in der völligen Fremde, vermißte ſie die Nähe des Freundes ſtündlich, des einzigen, der ſie ganz zu verſtehen vermochte. Geſtern abend war dann der heutige Ausflug verabredet worden.
Beide hatten, ſeitdem ſie die Stufenbahn benutzten, kaum miteinander geſprochen. Ell mußte ſeine Auf - merkſamkeit ganz auf den Weg richten, und Jsma muſterte neugierig und überraſcht die Geſichter und Trachten rings um ſie her. Offenbar ſtrömten hier alle Klaſſen der Bevölkerung durch einander, das ärm - lichſte Kleid erſchien neben der eleganteſten Toilette, der einfache Arbeitsanzug herrſchte vor. Sie bemerkte bald, daß ihre von Ma ausgewählte Toilette ſich ſehen laſſen durfte, und ſie ſowohl wie ihr Gefährte nur durch ihre Züge und ihre bleichere Geſichtsfarbe auffielen.
Nun wendete ſich Ell wieder zu ihr. „ Wir ſind am Ziele ‟, ſagte er. „ Jene helle Zahl dort — 608 — zeigt es an; bei 609 müſſen wir die Bahn verlaſſen. ‟
35Sehenswürdigkeiten des Mars.Er lenkte das Gefährt nach rechts. Die Bewegung verminderte ſich merklich, Jsma mußte ſich feſt im Wagen zurücklehnen. Jetzt glitt der Wagen auf die ruhende Straße. Nach wenigen Augenblicken hielt er unter einem Rieſenportal hinter einer langen Reihe ähnlicher Fahrzeuge.
Ell half Jsma aus dem Wagen.
„ War es Jhnen unangenehm? ‟ fragte er, ihre Hand feſt haltend. Sie erwiderte den leiſen Druck ſeiner Finger. Sie freute ſich, in ſeinen Augen wieder die gewohnte Sorge um ſie zu leſen, die ſie daheim ſo oft im Stillen beglückt hatte.
„ Zuletzt begann ich etwas ſchwindlig zu werden ‟, antwortete ſie. „ Jch bin ganz froh, wieder einmal ein Stück zu Fuß gehen zu können. Wo führen Sie mich denn hin? ‟
Er ſah ſie noch immer an. „ Jch bin ſo glücklich, Sie hier zu haben! ‟
Sie hob die Augen bittend zu ihm auf.
„ Was wollen Sie ſehen? ‟ fragte er in anderm Tone. „ Wir ſind hier am Muſeum der Künſte. Eine oder die andre Abteilung wollen wir betrachten. ‟
„ Was Sie wollen! ‟ ſagte Jsma heiter. „ Wir ziehen nun einmal auf Abenteuer aus. ‟
Ein Beamter befeſtigte eine Marke an Ells Wagen und reichte ihm die Gegenmarke. Dann ſchritten ſie beide der Thür eines Aufzugs zu und ließen ſich in das erſte Stockwerk heben.
30*[36]Jsma und Ell ſtanden vor einem prachtvollen Portale, das die Aufſchrift trug: „ Muſeum der ſchönen Künſte. ‟ Es führte auf eine kreisförmige Galerie, die eine mächtige Rotunde umſchloß. Der Blick öffnete ſich ſowohl nach unten wie noch oben. Man glaubte unten in das Gewühl des wirklichen Lebens zu blicken, in raſcher Veränderung, von den Seiten immer neu herandrängend, ſah man Geſtalten in ihren gewohnten Beſchäftigungen, in der Arbeit des Tages, andere mit dem Ausdruck des Leidens und den Mängeln der Wirklichkeit. Aber in der Mitte empor - wallende Nebel umhüllten dieſe Figuren und hoben ſie langſam in die Höhe. Je höher ſie emporſtiegen, um ſo mehr verſchwand der Nebel und löſte ſich nach oben in immer helleres Licht auf. Die Geſtalten wechſelten ihren Ausdruck, ihre Blicke wurden frei, ihre Mienen verklärt, ſie waren zu Werken der Kunſt, zu reinen Formen geworden. Sie ſchienen zu ruhen und doch37Das heimliche Frühſtück.ſtiegen immer neue Geſtalten auf, ohne daß jene Bilder - welt an der Kuppel der Wölbung zunahm oder ſich überfüllte. Es war nicht möglich zu verfolgen, wie dieſer Uebergang in die Höhe ſich vollzog, ein leben - diges Abbild des Myſteriums in der Seele des Künſtlers.
„ Eine ſymboliſche Darſtellung des künſtleriſchen Schaffens ‟, ſagte Ell.
„ Aber wo kommen dieſe Geſtalten her und wohin gehen ſie? ‟
„ Das Ganze beruht auf einer optiſchen Täuſchung, und nach einigen Stunden würde man bemerken, daß dieſelben Gruppen wiederkehren. Aber die Jlluſion iſt vollſtändig. Nun ſuchen Sie ſich eine dieſer Ueber - ſchriften aus. ‟
Sie umſchritten die Galerie. Die äußere Seite war ringsum von ſchmalen Thüren umgeben, deren Aufſchriften die Abteilungen nannten, zu denen man durch jene gelangte. Aber jede Hauptgruppe hatte wieder eine große Zahl Unterabteilungen, die hiſtoriſch geordnet waren. Da zählte z. B. bei der Malerei die ältere Malerei in der archaiſtiſchen Periode, d. h. vor Er - findung der ſelbſtleuchtenden Farben, allein 30 Ab - teilungen, die jede mehrere Jahrhunderte umfaßte; die agrariſche Periode zählte aus der Zeit der Handarbeit 315, aus der Zeit der Dampfkraft 56, der Elektrizität 212, der Energieſtrahlung 25 Abteilungen. Die neuere Malerei begann erſt ſeit der Erfindung der künſtlichen Dar - ſtellung der Nahrungsmittel. Zwiſchen beiden lag eine Periode des Verfalls, die man den dreitauſendjährigen ſozialen Krieg nannte. Es war dies eine jetzt etwa38Neunundzwanzigſtes Kapitel.18 000 Jahre zurückliegende Zeit, in welcher ein all - gemeiner Niedergang der Marskultur ſtattgefunden hatte. Sie war nämlich ausgefüllt durch furchtbare Kämpfe zwiſchen der ackerbautreibenden und der in - duſtriellen Bevölkerung. Durch die Darſtellung der Lebensmittel aus den Mineralien ohne Vermittlung der Pflanzen glaubte ſich die agrariſche Bevölkerung in ihrer Exiſtenz bedroht, obwohl ſie längſt nicht mehr den Bedarf an Lebensmitteln hatte decken können. Die Beſitzer des Grund und Bodens waren als Herren der Nahrungsmittel zu unumſchränkter Macht gelangt und wollten die Verbilligung der Volksernährung durch die neuen gewaltigen Fortſchritte der Wiſſenſchaft und induſtriellen Technik nicht dulden. Dieſer Kampf füllte faſt drei Jahrtauſende in wechſelnden Formen aus und endete erſt mit der Vernichtung der Macht der Acker - bauer und der Begründung der vereinigten Mars - ſtaaten. Während dieſer Zeit hatte die Kunſt keinerlei Förderung empfangen. Sie war erſt wieder aufgeblüht, als ſtatt der nüchternen Getreidefelder die anmutigen Wälder entſtanden waren und der Erwerb von Grund und Boden für den Einzelnen auf ein mäßiges Maxi - mum beſchränkt war.
Jsma ging ratlos an der Reihe der Ueberſchriften entlang, die ihr Ell zu entziffern behilflich war. Sie ſchüttelte mutlos den Kopf.
„ Das iſt mir zu viel und macht mich nur verwirrt. Suchen wir zunächſt etwas ganz Einfaches, das ich verſtehen kann. Was iſt denn hier hinter der Malerei für eine Kunſt? ‟
39Das heimliche Frühſtück.„ Die Taſtkunſt. ‟
„ Was iſt das? ‟
„ Jch muß geſtehen, ich weiß es ſelbſt nicht recht. ‟
„ Laſſen Sie uns ſehen. ‟
Ell öffnete die Thür. Sie führte in einen kleinen, mit zwei gepolſterten Bänken ausgeſtatteten Raum. Ell ſah jetzt erſt, daß ſich in demſelben ein Anſchlag befand: „ Abgang alle zehn Minuten ‟; eine Uhr zeigte, daß nur noch eine Minute zur Abgangszeit fehlte. Es war alſo nicht ein Zimmer, ſondern eine Art Omnibus, worin man ſich befand. Alle die Thüren aus der Galerie führten in ſolche Coupés, die zu beſtimmten Zeiten die Jnſaſſen nach den betreffenden Abteilungen des Muſeums beförderten. Denn die Anlagen waren zu ausgedehnt um ſie zu Fuß zu erreichen und ſich bis dahin zurechtzufinden. Die Thür öffnete ſich jetzt noch einmal, und zwei Damen flogen förmlich in den Raum. Gleich darauf ſetzte ſich der Wagen in Be - wegung.
Die ältere der beiden Damen ſchnappte nach Luft; ſie war eine ſehr korpulente Erſcheinung und nahm wenigſtens zwei Plätze des Sofas ein.
„ Das war gerade die höchſte Zeit! ‟ rief ſie er - hitzt und atemlos, indem ſie ein feines Tuch hervorzog und fortwährend zwiſchen ihren kurzen, dicken Fingern rieb. „ Dieſe Wagen gehen ja nur alle zehn Minuten. Der Beſuch iſt ſo ſchwach! Ja, es iſt nur eine Kunſt für Auserwählte. Sie ſchwärmen auch dafür? ‟ wandte ſie ſich zu Jsma. „ Sie ſind Spitziſtin? Nicht wahr? ‟ ſagte ſie, indem ſie einen Blick auf Jsmas ſchlanke40Neunundzwanzigſtes Kapitel.und zarte Finger warf. „ Jch bin natürlich Rundiſtin, aber das thut nichts. Sie wollen gewiß auch das neue Meiſterwerk taſten? Blu hat ſich wieder ſelbſt übertroffen! Das iſt das hohe Lied des Widerſtandes, die Sphärenmuſik des Hautſinns! ‟ Und ſie kniff die Augen ſchwärmeriſch zuſammen, daß ſie zwiſchen den Fettpolſtern ihrer Augenlider verſchwanden.
„ Jch muß geſtehen ‟, ſagte Jsma ſchüchtern, „ ich bin noch ganz unerfahren in der Taſtkunſt. Jch weiß gar nicht — ‟
„ Was? Wie? Sie wiſſen nicht? ‟ Sie betrachtete Jsma näher. „ Sie ſind wohl aus dem Norden von den Streifen, wenn ich fragen darf? Sie waren noch nie in Kla? ‟
„ Nein, meine Heimat iſt fern von hier. ‟
„ Aber Blu ſollten Sie doch kennen. Sie iſt doch die größte — neidlos geſtehe ich es, obwohl ich ſelbſt Künſtlerin bin. Und von allen Künſten iſt wieder die Taſtkunſt die höchſte. Auge, Ohr, Geruch, ſelbſt Ge - ſchmack — was will das alles ſagen! Der Taſtſinn iſt doch der intimſte aller Sinne. Hier berühren wir die Dinge unmittelbar, ſie bleiben uns nicht in der Ferne. Und ſchmecken iſt ja eigentlich auch ein Taſten, nur ein unreines, geſtört durch Gerüche und durch Salziges, Saueres, Bitteres, Süßes — aber die Finger - ſpitzen, die Handflächen, das ſind die wahren Schlüſſel zur Schönheit. Und hier im Taſten enthüllt ſich die Kunſt in ihrer höchſten Freiheit. Hier überwindet ſie am reinſten die Macht des Wirklichen, das vitale Jn - tereſſe. Was wir ſehen, was wir hören, bleibt uns41Das heimliche Frühſtück.immer noch fern. Es iſt keine Kunſt, das ohne Ver - langen zu betrachten, was wir doch nicht erreichen können. Aber die Gegenſtände in den Händen halten und doch nichts von ihnen zu wollen als das reine, freie Spiel des Wohlgefallens, das iſt echte Kunſt. Spielt nicht ein jeder unwillkürlich mit dem, was er zwiſchen den Fingern hält? Dies zur Kunſt zu er - heben, das iſt das wahrhaft Geniale! Das Rauhe, Glatte, Scharfe, Spitzige, Runde, Nachgebende, Elaſtiſche, Harte, Kratzende, Kribblige — ohne Gedanken, ohne Wünſche — das iſt das wahrhaft Aeſthetiſche. Eine Taſtſymphonie von Blu iſt für mich das Höchſte. Kommen Sie nur mit, ich werde ſie Jhnen zeigen. ‟
Jsma blickte zu Ell hinüber.
„ Jch fürchte ‟, ſagte er deutſch — es fiel auf dem Mars nicht auf, wenn man in Sprachen redete, die andere nicht verſtanden, da die meiſten Familien eigne Mundarten beſaßen — „ ich fürchte, das wird für uns nichts ſein. Wir ſind wohl zu wenig auf dieſen Kunſt - genuß vorbereitet. ‟
Die Dicke begann eben einen neuen Redeſtrom, als der Wagen hielt. Sie ſtürzte ſchleunigſt hinaus. Jhre Begleiterin, die ſtumm geblieben war, folgte ihr, und Jsma und Ell thaten das Gleiche.
Man befand ſich in einem großen Saale, in welchem man nichts erblickte als zahlloſe Käſten verſchiedener Größe. Aufſchriften gaben Verfaſſer und Jnhalt des Taſtkunſtwerkes an, das ſie enthielten. Vor einigen ſaßen Beſucher in ſtiller Andacht und hielten die Arme bis zum Ellenbogen in zwei Oeffnungen der Käſten verſenkt.
42Neunundzwanzigſtes Kapitel.Die beleibte Dame ſuchte nach ihrem Katalog eine beſtimmte Nummer. Vor dem betreffenden Kaſten angelangt, ſtreifte ſie die Aermel auf und ſteckte die Arme zunächſt in ein Becken. Es war nicht mit Waſſer gefüllt, ſondern ein Luftſtrom führte ein fein verteiltes ätheriſches Oel gegen die Haut und bereitete durch dieſe Reinigung auf den nachfolgenden Kunſt - genuß vor. Alsdann brachte die Kunſtjüngerin durch einen Handgriff ein Uhrwerk in Gang, ſetzte ſich auf einen Stuhl vor dem Kaſten, ſteckte ihre Arme in die Oeffnungen und verſank in Schwärmerei. Jsma und Ell hatten ihr auf gut Glück an dem erſten beſten Kaſten, der unbeſetzt war, alles nachgeahmt. Aber nach wenigen Minuten zog Jsma ihre Hände zurück.
„ Wollen Sie noch bleiben? ‟ fragte ſie Ell.
„ Fällt mir nicht ein, wenn Sie nicht Luſt haben. Jch wollte Sie nur nicht ſtören. ‟
„ Jch verzichte auf den Genuß. Jch kann nichts ſpüren als ein abwechſelndes Drücken, Ziehen, Prickeln, Reiben — für mich iſt das nur eine Art Maſſage. ‟
„ Mir ging es auch ſo. Es iſt eine Kunſt für Blinde. Wir müſſen nicht taſtkünſtleriſch beanlagt ſein. Wir wollen lieber nur einen kurzen Gang durch einen der andern Säle machen, und dann will ich Sie in das techniſche Muſeum führen. ‟
Ohne von der Taſt-Enthuſiaſtin bemerkt zu werden, gingen die untaſtlichen Erdgeborenen nach dem Coupé zurück, das ſie bald wieder in der Rotunde abſetzte. Ein anderer Wagen, dicht von Beſuchern erfüllt, trug ſie in eine der Abteilungen für Skulptur. Hier fand43Das heimliche Frühſtück.ſich Jsma leichter zurecht. Es war eine Kunſt für menſchliche Sinne, eine Fülle großer Gedanken in wunderbarer Ausführung, aber doch im Grunde die - ſelbe unſterbliche Schönheit aller Vernunftweſen, wie ſie auf der Erde auch ſchon vor Jahrtauſenden ihre Meiſter fand. Das Neue und Ueberraſchende lag nur in der Verfeinerung der Technik, in der Zartheit des Materials, in der ſpielenden Ueberwindung der Schwere, wodurch ſich ungeahnte Effekte darboten. Nicht minder bewundernswert erſchien die Architektur dieſer Hallen, Wölbungen, Galerien. Oft ſprangen die einzelnen Gemächer aus einem breiten Grund - pfeiler in der Form von Blumenkelchen vor, die auf ſchlanken Stielen ſich zu wiegen ſchienen. Dieſe Stiele enthielten die Treppen verborgen, auf denen man in die Gemächer gelangte. Jsma erhielt den Eindruck, daß das Eigentümliche der martiſchen Kunſt, das ſie von der menſchlichen unterſchied, nicht in einer neuen Auffaſſungsform des Schönen lag; hier wirkten offenbar zeitloſe Geſetze als beſtimmende Jdeen für die freie Geſtaltung des Schönen bei allen bewußten Weſen. Der Fortſchritt hing vielmehr ab von dem überlegenen Standpunkte der Technik, wodurch ſich das Gebiet für die Anwendung des Aeſthetiſchen ins Un - ermeßliche erweiterte. Nur die Jntelligenz iſt es, welche der ewigen Jdee entgegenwächſt. Ell beſtätigte dieſe Bemerkung und ſtimmte Jsma bei, nun zunächſt ein oder das andre der techniſchen Wunderwerke aufzuſuchen.
„ Jch fürchte nur, ich werde nichts davon verſtehen ‟, ſagte Jsma.
44Neunundzwanzigſtes Kapitel.Sie waren inzwiſchen wieder in der Eingangs - rotunde angelangt und hatten ſich nach dem Aus - gange hinabſenken laſſen, wo ihr Schlitten bereit ſtand.
„ Was ſoll ich jetzt ſehen? ‟
„ Frau Ma hat mir auf die Seele gebunden, Sie nach dem Retroſpektiv zu führen. Das iſt wohl die neueſte und großartigſte Entdeckung. ‟
„ Jch habe davon gehört und auch zu leſen verſucht, aber Sie müſſen mir die Sache noch einmal erklären. Jſt es weit bis dorthin? ‟
„ Mit der Stufenbahn wenige Minuten. Aber wir können auch in einer halben Stunde quer durch den Wald fahren, und das will ich eben thun. ‟
Er lenkte den Radſchlitten über eine der Brücken, welche die Bahnen und Kanäle überſchreitend in die Waldregion führten. Raſch glitt das Gefährt unter den Schatten der Bäume in die Zone der Wohnungen. Jsma atmete auf.
„ Wie ſchön, daß wir bald wieder in die Wald - einſamkeit kommen! ‟ ſagte ſie. „ Da denke ich, wir ſind daheim unter unſern Tannen, und Sie erzählen mir wieder von den Märchen des Mars — ‟
„ Und dabei packen wir unſre Butterbrote aus und frühſtücken. ‟
„ Ach, Ell, ich wünſchte, das ginge hier! Mir armen Menſchenkinde iſt es ſchrecklich langweilig, immer ſo allein bei verſchloſſenen Thüren eſſen zu müſſen. ‟
„ Hier an der Straße und zwiſchen den Wohnungen geht es natürlich nicht. Sehen Sie, da iſt die groß -45Das heimliche Frühſtück.artige Reſtauration, aber wenn wir zu ſpeiſen ver - langten, würde man uns ſofort jedem ein Extrakabinet anweiſen, anders iſt es unmöglich. Doch ich habe daran gedacht. Jch habe aus meinem Reiſevorrat ein richtiges Erdenfrühſtück eingeſteckt; zwar das Brot iſt trotz des luftdichten Verſchluſſes etwas altbacken, aber, denken Sie, Friedauer Wurſt und wirklichen Rheinwein! Wir ſuchen uns ein Plätzchen, wo uns niemand ſehen kann. Jch freue mich wie ein Kind! Jedoch die gute Tante darf um Himmelswillen nichts erfahren! Das wäre ſchlimmer, als wenn ich Jhnen auf dem Marktplatze von Friedau um den Hals fallen wollte! ‟
„ Stille von Friedau! Aber das Frühſtück nehme ich an. Wir wollen dem Nu ein Schnippchen ſchlagen. ‟
Jhre Augen glänzten ſchelmiſch, indem ſie zurück - blickte, als fürchtete ſie gehört zu werden.
„ Eigentlich darf ich’s ja nicht als Nume. Jch bin da in meine Menſchlichkeit zurückgefallen — ‟
Jsma richtete die Augen auf Ell. Er ſprach im Scherz, aber ſie hörte an der Art, wie er den Satz abbrach, daß ein ernſtes Bedenken in ihm aufzutauchen begann.
Ell ſah, wie das glückliche Lächeln aus ihren Zügen zu verſchwinden drohte, und er griff ſchnell nach ihrer Hand.
„ Nein, nein ‟, rief er, „ geliebte Freundin, für Sie will ich nichts ſein als der Menſch, der glücklich iſt, wenn er Jhnen dienen kann. Aber ganz leicht iſt es nicht. Denn ſehen Sie — ein Nume ſoll ich nicht46Neunundzwanzigſtes Kapitel.ſein, damit Sie mich nicht verändert finden; und von der Erde ſoll ich nicht reden, damit Sie nicht traurig werden — ‟
„ Sie haben recht, mein treuer Freund — ich weiß ja ſelbſt nicht, was ich will — ich verdiene gar nicht, daß Sie ſo gut ſind — ‟
Er ergriff ihre Hand und hielt ſie feſt. Seine Rechte lenkte den Radſchlitten mühelos auf der glatten Bahn. Die letzten Wohnungen verſchwanden. Dichtes Buſchwerk bildete auf dem freien Raſen des Bodens ein Labyrinth von Plätzen und Gängen. Ein leichter, erfriſchender Luftzug ſtrömte über den Boden, denn die Lichtungen und die Jnduſtrieſtraßen, auf denen die Sonne braunte, wirkten um die Mittagszeit wie Schornſteine, welche die Umgebung ventilierten und die erwärmte Luft in die Höhe führten. Die Straße war einſam. Die Blumen muſizierten leiſe, und kleine eichkätzchenartige Tiere ſpielten an den Stämmen der Bäume.
Ell löſte mit einem Drucke des Fußes den Me - chanismus aus, der die Kugelkufen emporhob und den Wagen auf zwei hochachſigen Rädern laufen ließ, ſo daß er ſich auch auf unebenem Wege ohne Schwie - rigkeit bewegen konnte. Er verließ die Fahrſtraße und fuhr auf dem Waldraſen zwiſchen Buſchwerk und Bäumen dahin. Ein kleiner Weiher kam in Sicht, von einem klaren Bächlein genährt. Am Rande desſelben hielt Ell den Wagen an; es war ein reizendes, ſtilles Ruheplätzchen. Kein Liebespaar konnte ſich beſſer verſtecken.
47Das heimliche Frühſtück.„ Hier können wir es wagen ‟, ſagte Ell.
Sie wollten nur frühſtücken.
Jsma ſprang aus dem Schlitten. Ell reichte ihr die Taſche mit dem heimlichen Vorrat. Beide ſahen ſich vorſichtig um und lachten dann über ihre Furcht. Sie packten ihre Schätze aus und vergaßen in heitrem Geplauder, daß über den Baumzweigen zu ihren Häuptern nicht der blaue Himmel der Erde, ſondern das Blätterdach des martiſchen Rieſenwaldes ſich wölbte.
„ Kann man durch das Retroſpektiv alles Vergangene ſehen? ‟ fragte Jsma.
„ Nein ‟, erwiderte Ell, „ nur dasjenige, was unter freiem Himmel und bei genügender Beleuchtung vor - gegangen iſt. Der Erfolg beruht ja darauf, daß wir das Licht, welches damals von den Gegenſtänden aus - geſtrahlt wurde, auf ſeinem Laufe durch den Weltraum wieder einholen, ſammeln und zurückbringen. ‟
„ Und wie iſt das möglich? ‟
„ Jch habe Jhnen ſchon früher geſagt — was mir freilich die andern Menſchen noch nicht glauben wollen — daß die Gravitationswellen ſich eine Million mal ſo ſchnell fortpflanzen als das Licht. Sie können alſo das Licht auf ſeinem Wege einholen. Wenn z. B. vor einem Erdenjahre irgend etwas unter freiem Himmel geſchehen iſt, ſo hat ſich das von dieſem Ereignis ausgeſandte Licht jetzt bereits gegen zehn Billionen Kilometer weit in den Raum verbreitet. Die Gra - vitation aber durchläuft dieſen Weg in einer halben Minute, trifft alſo nach einer genau zu berechnenden48Neunundzwanzigſtes Kapitel.Zeit mit den damals ausgeſandten Lichtwellen zuſammen. Nun haben die Gelehrten der Martier ein Verfahren entdeckt, wodurch man bewirken kann, daß die den Lichtwellen nachgeſchickten Gravitationswellen jene ſelbſt in Gravitationswellen von entgegengeſetzter Richtung verwandeln und ſomit zu uns zurückwerfen; ſie laufen alſo in der nächſten halben Minute in der Form von Gravitationswellen den Weg zurück, den ſie als Licht im Laufe eines Jahres durcheilt haben. Hier werden ſie im Retroſpektiv — und das iſt die Groß - artigkeit dieſer Erfindung — in Licht zurückver - wandelt und durch ein Relais verſtärkt, ſodaß man auf dem Projektionsapparat genau das Ereignis ſich abſpielen ſieht, wie es ſich vor einem Jahre vollzogen hat. Man kann den Verſuch natürlich auf jeden be - liebigen Zeitraum ausdehnen, aber die Bilder werden immer ſchwächer, je größer die vergangene Zeit iſt, weil das Licht inzwiſchen im Weltraum zu viel Störungen erfahren hat. Es erfordert nun eine ſorg - fältige Berechnung, wann und wo ein Ereignis ſtatt - gefunden hat, das man zu ſehen wünſcht. Man kann daher das Retroſpektiv — wenigſtens vorläufig — nicht nach Belieben und ſchnell wie ein Fernrohr ein - ſtellen, ſondern es gehört dazu ein umfangreicher Apparat, ein ganzes Laboratorium. ‟
„ Wir können alſo nicht zu ſehen bekommen, was wir wollen? ‟
„ Nein, wir müſſen uns mit dem begnügen, worauf der Apparat gegenwärtig eingeſtellt iſt. Aber wenn es für einen beſtimmten Zweck gerade notwendig iſt,49Das heimliche Frühſtück.zum Beiſpiel um eine wichtige Rechtsfrage oder der - gleichen zu entſcheiden, ſo wird für dieſen Zweck eine Berechnung und Einſtellung vorgenommen. ‟
„ Kann man damit auch ſehen, was z. B. zu einer beſtimmten Zeit auf der Erde vorgegangen iſt? ‟
„ Jch zweifle nicht, daß ſich das ermöglichen läßt. ‟
„ Und was koſtet ſo eine Beobachtung, wenn man ſie für einen beſonderen Zweck machen laſſen will? ‟
„ Dazu iſt überhaupt die Erlaubnis der Staats - behörde erforderlich. Es giebt nämlich, ſo viel ich weiß, bis jetzt kein Privat-Retroſpektiv. ‟
Jsma ſchwieg nachdenklich. Dann ſagte ſie:
„ Nun weiß ich ja, was es mit dem Retroſpektiv auf ſich hat, und gefrühſtückt haben wir auch, ſo daß wir eigentlich aufbrechen könnten. Aber es iſt ſo ſchön hier, und ich bin gar nicht ſehr neugierig, den Apparat zu ſehen, denn was man wirklich dabei beobachtet, kann ja nicht viel ſein, wenn man an dem vergangenen Ereignis kein Jntereſſe hat. ‟
„ Das iſt ſchon wahr, indeſſen Ma würde — ‟
„ Jch will es mir ja auch auf jeden Fall an - ſehen. Aber wir können wohl noch hier ein wenig ruhen. ‟
Sie legte ihr Listuch unter den Kopf und ſtreckte ſich behaglich hin. „ Wenn ich noch einen Schluck Waſſer bekommen könnte! ‟ ſagte ſie.
Ell nahm den mitgebrachten Becher und füllte ihn am Quell. Jsma trank und gab das Glas dankend halb geleert zurück. Eben ſetzte es Ell an ſeine Lippen, um den Reſt ſelbſt zu trinken, als ſich in der FerneLaßwitz, Auf zwei Planeten. 3150Neunundzwanzigſtes Kapitel.ein dumpfes Brauſen erhob. Jsma richtete ſich er - ſchrocken auf.
„ Was iſt das? ‟ fragte ſie. „ Kommt jemand? ‟
Ell hatte das Glas ohne zu trinken abgeſetzt. Er lauſchte. Das Brauſen nahm zu. Er zog ſeine Uhr.
„ Es iſt nichts ‟, ſagte er, „ es iſt das Mittags - zeichen. ‟ Er verglich ſorgfältig die Uhr. Das Brauſen mochte eine Minute gedauert haben, dann brach es mit einem hellen Schlage plötzlich ab.
„ Der Anfangspunkt der Planetenzeitrechnung wird ſo markiert. Hier bei uns, nicht weit von der Zentral - warte, fällt er nur kurze Zeit nach dem wahren Mittag. Aber ich glaube, wir müſſen doch aufbrechen. ‟
Er hatte nicht getrunken, ſondern das Waſſer un - bemerkt, wie er glaubte, auf die Erde fließen laſſen, und bückte ſich jetzt, um alle Spuren des gemeinſamen Frühſtücks zu beſeitigen.
Jsma ſtand ſchweigend auf und begab ſich in den Wagen.
„ Wir ſind auf dem Mars ‟, ſeufzte ſie leiſe. Sie lehnte ſich zurück und ſchloß die Augen.
Bald darauf kam Ell. Er betrachtete ſie mit einem innigen Blicke. Der Mittagston hatte ihn wieder auf den Mars zurückgeführt. Ein tiefes Mitleid mit dem Geſchick der Freundin überkam ihn, und die ganze Fülle ſeiner Liebe fühlte er in ſich aufſteigen. Er hätte ſich zu ihr herabbeugen und ihre Lippen mit Küſſen bedecken mögen. Und doch war etwas Trennen - des zwiſchen ſie getreten, deſſen er ſich nicht zu er -51Das heimliche Frühſtück.wehren wußte. Er küßte die ſchmale Hand die auf der Seitenlehne des Wagens ruhte.
Jsma öffnete die Augen und ſchüttelte leicht den Kopf.
„ Sie ſind müde, Jsma ‟, ſagte Ell. „ Hier, nehmen Sie von dieſen Pillen, und Sie werden ſich erquickt fühlen wie nach einem feſten Schlafe. ‟
„ Nein, nein, ſolche Nervenreize mag ich nicht, das iſt eine falſche Erquickung. ‟
„ Dieſe nicht. Es iſt kein anregendes Nervengift, das den Körper zur Abgabe ſeiner letzten Energie - reſerve veranlaßt, wie unſre irdiſchen Reizmittel. Es führt dem Blute und damit dem Gehirn wirklich die verbrauchte Energie wieder zu, und zwar genau in der Form, wie es durch den Schlaf geſchieht. Die Pillen ſind ganz unſchädlich. Jn einer halben Stunde ſind Sie wieder friſch wie am Morgen. Sie ſind noch zu wenig an unſre Luft gewöhnt, Sie brauchen eine Hilfe in dieſem Klima. ‟
Jsma nahm die Pillen. Ell ſchwang ſich an ihre Seite, und der Wagen rollte nach der Straße zu. Der übrige Teil des Waldes und die Wohnungsräume wurden durchſchnitten und die Jnduſtrieſtraße im Quartier Tru erreicht. Ell hemmte den Wagen vor einem Thor, das er für den Zugang zum Retroſpektiv hielt. Er hatte ſich jedoch in der Richtung getäuſcht, in der er durch den Wald gefahren war, und bemerkte jetzt erſt, daß er ſich vor dem Erdmuſeum befand.
„ Corſan ba ‟, las Jsma die Rieſeninſchrift, „ das heißt ja doch wohl „ Sammlungen von der Erde ‟? ‟
31 *52Neunundzwanzigſtes Kapitel.„ Ja ‟, antwortete Ell, „ ich habe mich geirrt. Wir müſſen nach der anderen Seite — die Stufenbahn bringt uns in einer Minute hin. ‟
„ Jch hätte eigentlich Luſt — ‟ ſagte Jsma zögernd — „ könnten wir nicht hier einmal uns umſehen? ‟
„ Gewiß, aber Sie wollten ja heute nichts von der Erde wiſſen. ‟
„ Es iſt ſchon wahr — aber ich bin neugierig, was Jhr hier von dem wilden Planeten geſammelt habt. Und man wird die alte Erde doch nicht los. ‟ Sie ſeufzte. Unentſchieden ſah ſie abwechſelnd auf die Menge, die in den Eingang ſtrömte, und dann auf Ell.
„ Es iſt heute beſonders ſtark beſucht ‟, ſagte dieſer, „ alles redet jetzt von den Menſchen. Wenn man uns nur nicht erkennt — wir thun vielleicht beſſer, eine andere Zeit zum Beſuche zu wählen. ‟
„ Sie ſehen, man achtet gar nicht auf uns. ‟
„ Weil dieſe Leute erſt hineingehen. Wenn wir am Ausgange ſtänden, wäre es vielleicht anders, unſre Geſichter würden auffallen. ‟
„ Ach was ‟, rief Jsma lebhaft. „ Nun will ich gerade hinein. Jch habe meinen dunkeln Schneeſchleier ein - geſteckt, durch den man nicht hindurchſehen kann. Wir ſind nun einmal hier — kommen Sie, Ell! ‟
Ell lächelte. „ Das kommt von den Energiepillen ‟, ſagte er. „ Jetzt haben Sie wieder Mut. Nun, man wird uns nichts thun, aber wenn man Jhnen wieder Spielzeugdüten zuwirft, wie an der Polſtation, ſo halten Sie ſie nicht für Blumenſträuße. ‟
53Das heimliche Frühſtück.Jsma ſchlug ihn mit ihrem Schirmröhrchen auf die Hand. „ Zur Strafe kommen Sie mit ‟, ſagte ſie, „ damit Sie meine Trophäen tragen können. Und nun gehe ich auch ohne Schleier trotz der kleinen Augen. ‟
Sie traten in das Gebäude.
Die einſtrömende Menge verteilte ſich in den weiten Räumlichkeiten des Erdmuſeums, ſo - daß Jsma und Ell zwar nirgends allein, aber doch nicht gerade beengt waren. Jsma wollte gern ſehen, was an der Erde die Aufmerkſamkeit der Martier be - ſonders feſſele, und wandte ſich daher ſolchen Gängen und Sälen zu, in denen ſich die Hauptmaſſe der Be - ſucher zuſammendrängte; Ell folgte ihr und muſterte wie ſie nicht weniger die Beſchauer als die Gegen - ſtände. Ein rieſiger Saal enthielt in hiſtoriſcher Dar - ſtellung eine vollſtändige Entwicklung der Raumſchiff - fahrt. Ell hätte ſich gern hier näher in die Einzel - heiten vertieft, aber Jsma intereſſierte ſich wenig dafür und drängte weiter. Ein Wandelpanorama, das eine Reiſe nach der Erde darſtellte, ließen ſie beiſeite liegen und hielten ſich nur kurze Zeit bei der Darſtellung des Luftexports von der Erde auf. Die Maſchinen, die den Menſchen auf der Polinſel nicht zugänglich55Das Erdmuſeum.gemacht worden waren, arbeiteten hier vor ihren Augen in gefälligen Modellen. Sie ſahen, wie die Luft in ſtarke Ballons gepumpt und im leeren Raum zum Erſtarren gebracht wurde. Die gefrorenen Luft - maſſen hatten das Ausſehen von bläulichen Eiskugeln und die Dichtigkeit des Stahls.
Sehr dürftig war die Sammlung der pflanzlichen und tieriſchen Produkte der Erde, da ſie nur aus den polaren Regionen ſtammte. Was der Glo mitgebracht hatte, war noch nicht dem Muſeum übergeben worden. Dagegen hatte man ſchon die Nachrichten, Gegenſtände und Abbildungen verwertet, die Jo im „ Meteor ‟ von der Tormſchen Expedition mitgebracht hatte. Hier drängten ſich die Zuſchauer dicht zuſammen, und Jsma und Ell waren gezwungen, ihrem langſamen Zuge zu folgen. Es berührte ſie ganz ſeltſam, als ſie hier Grunthe und Saltner in verſchiedenen lebensgroßen Aufnahmen vor ſich ſahen und auf dem Tiſch eine Reihe von Ausrüſtungsſtücken, Kleidern und Kleinig - keiten ausgebreitet bemerkten, die Grunthe den Mar - tiern überlaſſen hatte. Jsma mußte an ſich halten, um ſich nicht einzumiſchen, als ſie die Bemerkungen der Martier und die Scherze vernahm, die ſie über die Menſchen und ihre Jnduſtrie machten.
Plötzlich faßte ſie Ells Arm und drückte ihn, daß es ſchmerzte.
„ Was giebt es? ‟ fragte er.
„ O ſehen Sie! ‟
Eine Gruppe von Herren und Damen muſterten eine Photographie.
56Dreißigſtes Kapitel.„ Eine weibliche Bat! ‟ ſagten ſie. „ Sie iſt hübſch ‟, meinten die einen.
„ Viel zu mager ‟, die andern.
Es war Jsmas Bild. Die Photographie hatte ſich unter Torms Effekten gefunden und war mit andern Kleinigkeiten hierhergekommen.
Die neben Jsma ſtehende Dame, die ſie eben zu mager gefunden hatte, warf zufällig einen Blick auf ihr Geſicht. Sie ſtutzte und ſtieß ihre Nachbarin an. Ell ſah, daß man auf ſeine Begleiterin aufmerkſam wurde. Die Umſtehenden wurden ſtill.
„ Kommen Sie ‟, ſagte er haſtig zu Jsma. „ Man erkennt Sie. ‟
Er zog ſie fort, beide drängten ſich durch das Gewühl. Sie wandten ſich nach einer Stelle, wo das Gedränge geringer war, und glaubten plötzlich auf dem Dache der Polinſel zu ſtehen. Das Panorama des Nordpols breitete ſich in naturgetreuer Nachahmung vor ihnen aus. Dicht zu ihren Füßen ſchien das Meer zu branden. Das Jagdbot der Martier lag zur Abfahrt bereit — zwei Eskimos löſten das Seil, das es am Ufer hielt. Jm Bote ſaßen Martier mit ihren Kugelhelmen. Und dort — auf der andern Seite — da ſtanden Grunthe und Saltner, wie ſie leibten und lebten. Grunthe, mit zuſammen - gezogenen Lippen, ſchrieb eifrig in ſein Notiz - buch, Saltner ſah lächelnd einer verhüllten Geſtalt nach, die auf zwei Krücken dahinſchlich und die Wirkung der Erdſchwere auf die Martier veranſchau - lichen ſollte.
57Das Erdmuſeum.„ Da ſind unſre Freunde! ‟ rief Ell, wirklich über - raſcht. Es waren meiſterhaft nachgebildete Figuren.
Jsma ſtand lange ſtill. Die Plattform begann ſich mit andern Beſuchern zu füllen. „ Wir wollen lieber gehen ‟, ſagte ſie. „ Hier unten ſcheint es leer zu ſein, vielleicht kommen wir dort an den Ausgang. ‟
Gegenüber dem Haupteingang führte von dem nachgeahmten Teile des Jnſeldaches eine ſchmale Treppe abwärts. Ell blickte hinunter. „ Es ſcheint niemand da zu ſein ‟, ſagte er.
Sie ſtiegen hinab und befanden ſich in einem Gemache, das einem der Gaſtzimmer auf der Jnſel nachgebildet war. Keiner von ihnen hatte beachtet, daß über der Thür die Jnſchrift „ Vorſicht ‟ ſtand, und vor derſelben eine Anzahl Stöcke zum Gebrauch auf - geſtellt waren.
„ O, hier iſt es angenehm ‟, rief Jsma, indem ſie ſich auf einen der an der Wand ſtehenden Lehnſtühle ſetzte. „ Hier wollen wir uns ein wenig ausruhen. ‟ Sie bemerkte, daß irgend eine Veränderung mit ihr vorging, die ihr wohlthat, wußte jedoch nicht, was der Grund ſei.
Ell wollte ſeinen Seſſel in ihre Nähe heben, mußte aber dazu eine ungewohnte Kraft aufwenden. „ Sind dieſe Seſſel ſchwer! ‟ ſagte er. Jm ſelben Augenblicke fiel ihm die Urſache ein.
„ Hier herrſcht ja Erdſchwere ‟, rief er überraſcht. „ Das iſt alſo auch eine Demonſtration, und darum iſt es ſo leer hier. ‟
„ Das iſt herrlich! ‟ ſagte Jsma vergnügt.
58Dreißigſtes Kapitel.Ein Martier trat in die Thüre, knickte zuſammen und zog ſich ſogleich zurück. Jsma lachte laut. Sie ſprang auf, drehte ſich vor Vergnügen im Kreiſe und rief:
„ Kommt nur herein, meine Herren Nume, hier iſt die Erde, hier zeigt, ob ihr tanzen könnt! ‟ Sie ſchlüpfte hierhin und dahin, rückte an den Stühlen und nahm ihren Hut ab. „ Jch bin wie zu Hauſe! ‟ ſagte ſie. „ Jetzt ſieht man erſt, daß die angebliche Leichtigkeit dieſer Federhaube eigentlich Schwindel iſt. Sehen Sie nur, wie eilig ſie es hat hinab - zufallen! ‟
Ell ſah ihr ſchweigend zu. Er ſchüttelte leicht den Kopf. „ Ein Kind der Erde ‟, dachte er bei ſich. „ Sie würde hier oben niemals heimiſch werden. ‟
Jsma war vor eine Thür getreten. „ Ob es da - hinten auch noch ſchwer iſt? ‟ fragte ſie.
Ell zog den Vorhang zurück. Es zeigte ſich ein Balkon, von dem aus man ins Freie unter die Wipfel der Bäume blickte. Die Geſtalt eines Mannes lehnte am Geländer. Er drehte der Thür den Rücken zu und ſah, mit der Hand die Augen ſchützend, auf die Straße hinab.
Ell und Jsma blickten ſich an. Dann lachte Jsma auf.
„ Da haben ſie ja den Saltner noch einmal hin - geſtellt ‟, rief ſie. „ Und wie natürlich! Man möchte meinen, er müßte ſich umdrehen und „ Grüß Gott ‟ ſagen. ‟
Die Geſtalt ſchnellte herum.
59Das Erdmuſeum.„ Grüß Gott! ‟ rief Saltners Stimme. Er ſprang auf Ell und Jsma zu und ſchüttelte ihnen die Hände.
„ Das iſt geſcheit ‟, rief er, „ daß man ſchon ein - mal Menſchen trifft. Das iſt eine Freud’! Aber um alles in der Welt, wie kommen denn Sie alleweil hierher? Jch bin ja gerad’ auf dem Weg zu Jhnen. Habens denn meine Depeſche nicht erhalten? ‟
„ Wir ſind ſeit heute früh von Hauſe fort. ‟
„ Ja, da wird ſie halt dort liegen. Schauens, ich hab’ Jhnen heut früh telegraphiert, als wir von Frus Wohnort weggereiſt ſind, um Sie zu beſuchen. Unter - wegs wollten ſie mir den Kram hier zeigen, aber wie ich hier in das ſchöne ſchwere Zimmer gekommen bin, hab’ ich geſagt, nun laſſens mich aus, jetzt bleib’ ich hier, bis Sie ſich alles angeſchaut haben, und dann holens mich wieder ab. Denn das hatt’ ich ſatt, daß mir die Herren Nume alle nachſchauten und die Kinder mir nachliefen und meine gute Joppe anfaßten. ‟
„ Aber wie konnten Sie auch in Jhrem Reiſekoſtüm von der Erde ſich hier ſehen laſſen? ‟
„ Wiſſen Sie, ich bin halt ein Menſch, und ſo bleib’ ich einer. Jch werd’ mich doch nicht in eine neue Haut ſtecken, wo ich nicht einmal eine richtige Weſtentaſch’ für meinen Zahnſtocher hab’? Und ſo gut wie Jhnen, Gnädige, würd’ mir’s Marsröckel auch nicht ſtehn. ‟
Jsma ſchüttelte ihm nochmals die Hand. „ Sie ſind der alte geblieben, Herr Saltner! Nun ſetzen Sie ſich mit her, und laſſen Sie ſich erſt einmal ordentlich von mir ausfragen! ‟
60Dreißigſtes Kapitel.Saltner ſchilderte in ſeiner anſchaulichen und draſtiſchen Weiſe auf Jsmas Fragen die Einzelheiten der Expedition, über die Grunthe nur in ſeiner knappen Formulierung berichtet hatte, und ließ ſich von Jsma die Ereigniſſe aus Deutſchland und ihre eigenen Er - lebniſſe ſeit der Ankunft Grunthes in Friedau erzählen. Ueber die Reiſe Jlls nach dem Pol, den Kampf der Schiffe und die Fahrt nach dem Mars hatte er bis jetzt nur die Darſtellungen kennen gelernt, welche die kurzen Depeſchen gaben, und die Gerüchte und Betrachtungen, welche die Zeitungen daran knüpften. Letztere gründeten ſich auf die mündlichen Mitteilungen der von der Erde zurückgekehrten Martier. Der offizielle Bericht ſollte erſt erſcheinen, nachdem er vom Zentralrat dem Hauſe der Deputierten vorgelegt worden. Dies mußte in - zwiſchen geſchehen ſein, denn heute ſollte die betreffende Sitzung ſtattfinden. Es war zu vermuten, daß die Beratungen darüber ſich noch einige Tage hinziehen würden. Dann erſt, nach Anhörung der Deputierten - verſammlung, konnte der Zentralrat einen definitiven Beſchluß faſſen über die der Erde gegenüber zu treffen - den Maßnahmen. Da hierbei alle auf der Erde thätig geweſenen höheren Beamten als Sachverſtändige eventuell gebraucht wurden, mußte Fru ſeinen Urlaub, auf den er ſonſt nach der Rückkehr von der Erde Anſpruch hatte, unterbrechen, um ſich in Kla aufzuhalten. Saltner, der als Gaſt der Marsſtaaten ſelbſt die Rechte eines Numen erhalten hatte, war auf ſeinen eigenen Wunſch unter die ſpezielle Fürſorge Frus geſtellt worden und wollte nun auch in Kla in ſeiner Obhut bleiben. 61Das Erdmuſeum.Der weiten Entfernung wegen, welche den gewöhnlichen Wohnort Frus von Kla trennte, mußte der Transport der Wohnungen ſchon am Tage beginnen, und Fru war mit Frau und Tochter und ſeinem Gaſte Saltner vorangereiſt. Sie wollten ſich das Erdmuſeum an - ſehen, und hier hatte Saltner ſeine Freunde von der Erde getroffen.
Jll, von den Verhandlungen im Zentralrat völlig in Anſpruch genommen, hatte ſich zu Hauſe über die zu erwartenden Maßnahmen nicht geäußert und auch aus Schonung für Jsma von den letzten Ereigniſſen nicht geſprochen. Ell war ganz in der Begeiſterung für die wiedergefundene Heimat des Vaters aufgegangen. So erfuhr er ſowohl wie Jsma zuerſt von Saltner, daß, wenigſtens in den ſüdlichen Teilen des Mars, aus denen Saltner kam und wo auch die Mehrzahl der auf der Erde geweſenen Martier herſtammte, die anfängliche Begeiſterung für die Erdbewohner ſich ſtark abzukühlen begonnen hatte. Der Umſchwung war durch das Verhalten der Engländer gegen das Luft - ſchiff herbeigeführt worden, und ſobald die Zeitungen Berichte über die Behandlung gebracht hatten, die den beiden gefangenen Martiern zu Teil geworden war, begann in einigen Staaten, deren Bewohner ſich durch lebhaftes Temperament auszeichneten, eine gereizte Stimmung Platz zu greifen. Man verlangte ein ent - ſchiedenes Vorgehen gegen das Barbarentum der Erd - bewohner, und nur der Hinweis der ruhigeren Elemente darauf, daß man keinerlei Urteile abzugeben berechtigt ſei, bevor nicht der amtliche Bericht vorliege, hielt die62Dreißigſtes Kapitel.menſchenfeindliche Bewegung in mäßigen Grenzen. Fru beſorgte jedoch, wie Saltner mitteilte, daß die öffentliche Meinung nach dem Bekanntwerden des Berichts ſtark genug ſein würde, um auf die Ent - ſchließungen das Zentralrats einen dem guten Ver - hältnis zur Erde ungünſtigen Einfluß auszuüben.
Jsma fühlte ſich beängſtigt. Sie fürchtete, wenn es zu Feindſeligkeiten der Martier gegen die Erde käme, daß ſich ihrer Rückkehr Schwierigkeiten in den Weg legen könnten, daß vielleicht die erneute Auf - ſuchung Torms im Frühjahr durch Maßregeln vereitelt werden würde, die den Martiern wichtiger erſchienen. Ell ſuchte ſie zu beruhigen. Er ſah die Sachlage in viel günſtigerem Lichte. Jll werde ſeinen Bericht jedenfalls ſo mild wie möglich geſtalten. Aus der un - gerechtfertigten Handlungsweiſe eines einzelnen Kapitäns könne man unmöglich ein Zerwürfnis zwiſchen den Planeten herleiten. Momentane Stimmungen des Publikums hätten auf dem Mars niemals einen dauernden politiſchen Einfluß, da ein jeder der Be - lehrung des Beſſeren zugänglich ſei.
„ Aber wer weiß ‟, ſagte Jsma, „ wie man auf der Erde denken mag! ‟
„ Wir hätten uns nicht der Gefahr ausſetzen ſollen, ſie verlaſſen zu müſſen ‟, ſagte Ell etwas verſtimmt.
Jsma wandte ſich ſchmerzlich berührt ab, und Ell fuhr ſogleich fort:
„ Aber an dem feindlichen Zuſammenſtoß der Schiffe hätten wir ja doch nichts geändert, auch wenn wir zu Hauſe geblieben wären. Jch wollte Jhnen keinen63Das Erdmuſeum.Vorwurf machen, Frau Torm, ich meine nur, wir dürfen uns jetzt keinen trübſinnigen Grübeleien hin - geben. Da wir nun einmal hier ſind — ‟
„ Da laſſen wir ruhig die Nume weiterſorgen, das will ich auch meinen ‟, ſagte Saltner. „ Es ſind wirklich ganz prächtige Leute dabei, und wir Menſchen müſſen halt ein Biſſel zuſammenhalten. Hier unſer Doktor Ell, der wird ſich ja wohl auch noch zu uns rechnen. Oder — ‟
„ Wo bleiben Sie, Sal — ‟ fragte eine tiefe Frauen - ſtimme zur Thür herein. „ Kommen Sie gefälligſt heraus, wir haben auf der Erde Schwere genug ge - noſſen. Es iſt übrigens irgend etwas Beſonderes zu ſehen, wo wir hingehen müſſen. ‟
„ Das iſt La ‟, rief Saltner eilig aufſpringend. „ O, kommen Sie mit, ich mache Sie gleich alle bekannt. ‟ Und ſich zu den Angekommenen wendend rief er: „ Da bringe ich Jhnen neue Menſchen! Nun bin ich doch nicht mehr das einzige Wundertier. ‟
Fru und die Seinigen begrüßten Ell und Jsma ſehr freundlich. Jsma fühlte ſich trotzdem etwas ver - legen; bei aller taktvollen Zurückhaltung der Martier wußte ſie doch, daß ſie von ihnen, die zum erſten Male ein weibliches Weſen von der Erde ſahen, einer lebhaften Prüfung unterworfen wurde. Aber Las Herzlichkeit half ihr ſogleich über dieſen Zuſtand fort. Sie gab Jsma nach Menſchenart die Hand und redete ſie deutſch an.
„ Jch weiß ‟, ſagte ſie, „ welch’ bedauerliche Zufälle Sie zu uns führten, uns aber müſſen wir es zum64Dreißigſtes Kapitel.Glück anrechnen, eine Schweſter von der Erde in Jhnen begrüßen zu dürfen. Unſer Freund Saltner hat ſchon viel von Jhnen erzählt. Und Sie ſind es ja geweſen, der die Martier die erſte Gabe europäiſcher Arbeit verdanken — den Flaſchenkorb nämlich, den Grunthe den Unſrigen beinahe auf den Kopf geworfen hat. Ohne den Flaſchenkorb hätten wir — ‟ ſie wandte ſich zu Ell — „ Jhren prächtigen Leitfaden nicht gefunden, und ich könnte wahrſcheinlich jetzt nicht in Jhrer Sprache mit Jhnen reden. ‟
Sie zog dabei die Reproduktion des Büchleins aus ihrem Reiſetäſchchen und zeigte ſie Ell, mit dem ſie jetzt martiſch weiterſprach.
Sie fragte ihn, welchen Eindruck das Denkmal auf ihn gemacht habe, das die Marsſtaaten ſeinem Vater in der Ruhmesgalerie der Raumſchiffer errichtet hatten. Aber dorthin war Ell noch gar nicht gekommen. Er wollte ſogleich dieſen Beſuch nachholen, die andern aber wünſchten einer ſoeben neu eröffneten Schauſtellung beizuwohnen, nach der dichte Scharen von Beſuchern hinſtrömten. Die Richtungsweiſer, denen ſie folgten, beſagten nur „ Neues von der Erde ‟, ohne nähere Angabe. Auch Jsma war daher ſehr geſpannt, dieſes Neue kennen zu lernen, Ell ließ ſich jedoch von ſeinem Vorhaben nicht abhalten. Er trennte ſich am Eingange der Galerie von den übrigen, und man verabredete nur, ſich in einer halben Stunde in der Leſehalle des Muſeums zu treffen.
Die Beſucher drängten nach dem Theater des Muſeums, worin von Zeit zu Zeit Vorträge über die65Das Erdmuſeum.Erde oder die Raumſchifffahrt gehalten wurden. Dieſe wurden durch bewegliche Lichtbilder illuſtriert, die mit aller Kraft martiſcher Malerei und Technik ſo plaſtiſch wirkten, daß ſie vollkommen den Eindruck der Wirk - lichkeit hervorriefen. Als Frus mit ihrer Begleitung ankamen, war das Theater, obwohl es Raum für zwanzigtauſend Perſonen bot, ſchon überfüllt. Da jedoch Fru bei der Einrichtung des Erdmuſeums thätigen Anteil genommen hatte, wußte er ſeine Geſellſchaft einen von den weniger ortsbekannten Beſuchern meiſt überſehenen Gang zu führen, der auf eine Reihe noch freier Plätze auslief. Sie befanden ſich in ziemlich verſteckter Lage zwiſchen den architektoniſchen Ver - zierungen über einem der Eingänge. Sehr bald er - tönte ein Signal, das den Beginn der Vorſtellung bezeichnete, und die Rieſenhalle verdunkelte ſich. Auf der Bühne, d. h. auf einer Kreisfläche von etwa dreißig Meter Durchmeſſer, zeigte ſich eine vorzüglich dar - geſtellte Gegend aus dem Polargebiet der Erde, ein Teil des Kennedykanals, mit felſigen Ufern und Gletſcherabſtürzen, wie er aus der Vogelperſpektive des Luftbots in einigen hundert Meter Höhe erſchien. Die Polardämmerung lag über der Landſchaft, die von einem ſtrahlenden Nordlicht erhellt wurde. Nun er - folgten die Lichteffekte des Sonnenaufgangs und des erſchien das kleine Luftbot der Martier. Jm Vorder - grunde erkannte man den Cairn, an welchem die Engländer bauten, man ſah, wie ſie denſelben verließen, in den Abgrund ſtürzten, von den Martiern heraus - geholt und am Fuße des Steinmannes niedergelegtLaßwitz, Auf zwei Planeten. 3266Dreißigſtes Kapitel.wurden. Die ganze Scene, von den Zuſchauern mit lebhaftem Beifall begleitet, wurde durch die künſtlich verſtärkte Stimme eines gewandten Redners erklärt.
Es erſchienen nun, vom Standpunkt der am Cairn befindlichen Martier aus nicht ſichtbar, die engliſchen Seeſoldaten; fratzenhafte Geſtalten, wahre Teufel, in unmöglicher Kleidung, führten ſie, ihre Gewehre ſchwingend, einen wilden Kriegstanz auf, der durchaus der Phantaſie des martiſchen Wirklichkeitsdichters ent - ſtammte. Jsma und Saltner war es peinlich, den Eindruck zu beobachten, den dieſe Scene auf das Publikum ausübte. Es nahm ſie in vollem Glauben auf und wollte ſich über die abenteuerlichen Wilden totlachen.
Saltner ſchüttelte den Kopf. „ Jch bin kein Freund der Englishmen ‟, ſagte er, „ aber ſo ſehen ſie doch nicht aus, und ſo benehmen ſie ſich auch nicht. Man bringt ja den Martiern ganz falſche Begriffe von den Menſchen bei. ‟
„ Unſeren gefangenen Landsleuten, denen ſo übel mitgeſpielt wurde, ſind ſie jedenfalls ſo erſchienen ‟, ſagte La. „ Sie haben ihre Schilderungen offenbar unter dem Eindruck der erlittenen Mißhandlungen gemacht. ‟
„ Jch bedauere trotzdem ‟, bemerkte Fru unwillig, „ daß man hier dieſe Aufführung veranſtaltet, es iſt unſrer nicht würdig. Aber ſeit jenem Zwiſchenfall iſt leider von einem Teil der Preſſe die Anſicht verbreitet worden, daß die Menſchen nicht als vernünftige Weſen zu be - trachten und als gleichberechtigt zu behandeln ſeien. Das iſt nicht gut. ‟
67Das Erdmuſeum.Die Scene änderte jetzt ihren Charakter aus dem Komiſchen in das Schauerliche. Die Engländer ſtürzten unter wildem Geheul, das akuſtiſch wiedergegeben wurde, auf die beiden Martier zu und überfielen ſie. Die Martier ſcheuchten ſie majeſtätiſch zurück, und es entwickelte ſich zunächſt eine Art Diskuſſion, die durch das menſchliche Kauderwelſch, welches Engliſch vorſtellen ſollte, einen Augenblick ins Komiſche umzuſchlagen ſchien, aber ſofort die Entrüſtung der Zuſchauer wach - rief, als eine neue Schar von Wilden den Martiern in den Rücken fiel und ſie hinterrücks niederriß. Dann wurden den unglücklichen Opfern die Arme zuſammen - geſchnürt und ſie an langen Stricken fortgeſchleppt.
Bei dieſem Anblick brach im Theater ein un - heimlicher Lärm aus. Wie ein Wutſchrei ging es durch die Maſſe der Zuſchauer. Die Feſſelung, die Beraubung der perſönlichen Bewegungsfreiheit, war die größte Schmach, die einem Numen angethan werden konnte. Die Geſamtheit der Martier fühlte ſich dadurch beleidigt. Und ſeltſam, während man die Menſchen eben als unvernünftige Weſen belacht hatte, betrachtete man ſie doch jetzt als verantwortlich für ihre Handlungen. Die Darſtellung hatte offenbar die Tendenz, die Menſchen als böſe zu zeigen, indem das Folgende ihre Jntelligenz zu verdeutlichen beſtimmt war. Das engliſche Kriegsſchiff dampfte herbei. Es ſchien ganz im Vordergrund zu liegen, und in einem kaum verfolgbaren Wechſel des Bildes befand man ſich plötzlich an Bord desſelben. Die vorzügliche Einrichtung, die muſterhafte Ordnung, die Waffen und Maſchinen32*68Dreißigſtes Kapitel.bewieſen die hohe techniſche Kultur der Menſchen; da - gegen ſtach die rohe Behandlung der Gefangenen häßlich ab und empörte die Zuſchauer nur um ſo heftiger. Mit Jubel wurde daher das Erſcheinen des großen Luftſchiffes begrüßt und der Kampf zwiſchen den Martiern und Menſchen mit Enthuſiasmus ver - folgt. Die erhabene Friedensliebe der Nume ſchien verſchwunden, in dieſer gereizten Verſammlung wenigſtens kam ſie nicht zum Ausdruck. Und als in einem äſthe - tiſch wunderbar gelungenen Schlußtableau auf der Eisſcholle am Felſenufer Jll ſelbſt erſchien und den Ge - fangenen die Feſſeln löſte, artete die Vorſtellung zu einer eindrucksvollen patriotiſchen Kundgebung aus. Die Rufe „ Sila Nu ‟ und „ Sila Jll ‟ brauſten durch das Haus.
Jsma lehnte ſich ängſtlich zurück. Sie fürchtete jeden Augenblick, ſich ſelbſt oder wenigſtens Ell auf der Bühne erſcheinen zu ſehen; aber mit dieſen den Martiern befreundeten Menſchen wußte die tendenziöſe Dichtung nichts anzufangen, ſie waren einfach fort - gelaſſen. Saltner war wütend. „ So was dürfte die Polizei gar nicht erlauben ‟, ſagte er, „ bei uns würde man das gleich verboten haben. ‟
„ Was wollen Sie ‟, ſagte La, „ dies iſt eine Privat - veranſtaltung. Sie können das Theater mieten und morgen eine Verherrlichung der Erde aufführen. ‟
Sie ſah ihn lächelnd an, und er ſchwieg.
„ Es muß auch etwas geſchehen ‟, ſagte Fru, „ um der Verbreitung dieſer Menſchenhetze entgegenzuwirken. Laſſen Sie uns gehen. ‟
[69]Die Entleerung des Theaters geſchah trotz der un - geheueren Zuſchauermenge in wenigen Minuten, denn zahlreiche breite Gänge führten nach allen Seiten auseinander und mündeten nach der Straße hin. Man hörte überall unter dem Eindruck der Vorſtellung verächtlich über die Menſchen ſprechen, doch hatte die übertriebene Darſtellung der Menſchen als Wilde das Gute, daß niemand auf die Vermutung kam, in Jsma und Saltner ſolche Erdbewohner vor ſich zu haben, obwohl Saltner in ſeiner Joppe, die Hände in den Taſchen, in recht auffallender Weiſe einherſchlenderte und den prüfenden Blicken, die ihn gelegentlich trafen, ungeniert begegnete. Aber da jetzt alle in gleicher Richtung ſich bewegten und noch von den Eindrücken erfüllt waren, die ſie eben erhalten hatten, ſo achtete man wenig auf ihn.
Erſt als ſich Fru mit ſeiner Begleitung in dem Vorraum der Leſehalle zwiſchen dichten Gruppen ſich70Einunddreißigſtes Kapitel.lebhaft unterhaltender Martier hindurchdrängen mußte, wurde man wieder auf ihn aufmerkſam. Hier be - gegneten ſich Beſucher des Theaters und ſolche, die aus der Leſehalle kamen und ſich ſoeben mit den neueſten Nachrichten bekannt gemacht hatten. Es herrſchte eine ſichtliche Erregung. Verkäufer riefen die neuen Blätter aus für diejenigen, die ſich das in der Halle Geleſene in eigenen Exemplaren mit nach Hauſe nehmen wollten.
„ Der Bericht des Zentralrats! ‟ „ Die Rede des Repräſentanten Jll! ‟
„ Die Rede des Deputierten Eu! ‟ „ Der Antrag Ben. ‟
„ Karte der Erde! ‟ „ Leben und Tod des Kapi - täns All. ‟
„ Der Sohn des Numen auf der Erde. ‟ „ Bild des Baten Saltner! ‟ „ Bildnis der Batin Torm. ‟
Jsma und Saltner verſtanden das in eigentüm - lichem Tonfall herausgeſtoßene Martiſch der Ausrufer nicht. Fru und La ſuchten ſchnell mit ihren Begleitern aus dem Gewühl in die Leſehalle zu gelangen. Aber Saltner erkannte in der Hand eines Verkäufers ſein wohlgetroffenes Bildnis.
„ Was? ‟ rief er. „ Da werd’ ich wohl gar feil - gehalten. Das iſt mir doch noch nicht paſſiert, das muß ich mir mitnehmen. ‟
Die um den Verkäufer Herumſtehenden hatten ihn nun natürlich ſogleich erkannt. Bald war die Gruppe von Neugierigen umringt, und es fielen manche nicht ſehr ſchmeichelhafte Aeußerungen.
71Mars-Politiker.Saltner nahm ſein Bild in Empfang und zahlte. Man hatte ihm als Gaſt der Regierung einen an - ſtändigen Reiſefonds übermittelt.
„ Da ſchaut mich an ‟, ſagte er, ſich in Poſitur ſtellend, „ wenn Jhr noch keinen anſtändigen Bat ge - ſehen habt. ‟ Und auf martiſch fügte er hinzu: „ Nun, ſeh’ ich aus wie ein Engländer? ‟
La drängte ihn vorwärts. Sie führte Jsma am Arme, die ihren Schleier vorgezogen hatte und ihrer martiſchen Tracht wegen nicht auffiel. Die Nahe - ſtehenden blickten Saltner nicht gerade wohlwollend an, beläſtigten ihn aber in keiner Weiſe und folgten ihm auch nicht, als er ſich durch ſie hindurchdrängte, obwohl ihm jetzt jeder nachſah. So gelangten alle in das Jnnere der Leſehalle, die aus einer Reihe großer Säle beſtand.
Die langen Tafeln waren dicht beſetzt. Viele der Leſenden benutzten dieſe Zeit, um ihrer offiziellen Leſepflicht zu genügen. Denn jeder Martier war ver - pflichtet, bei Verluſt ſeines Wahlrechts, aus zwei Blättern, von denen eines ein oppoſitionelles ſein mußte, täglich über die wichtigſten politiſchen und techniſchen Neuigkeiten ſich zu unterrichten. Die größeren Blätter gaben zu dieſem Zwecke kurze Auszüge beſon - ders heraus.
Jm Saale herrſchte abſolute Stille. Hier wurde nicht geſprochen. An den Wänden befanden ſich jedoch kleinere Abteilungen, verſchloſſene Logen, in mehreren Stockwerken über einander, in denen ſich Bekannte zuſammenſetzen und ihre Meinungen austauſchen72Einunddreißigſtes Kapitel.konnten. Jn eine ſolche Plauderloge begab ſich Fru mit ſeinen Begleitern. Er ſchloß die Thür und trat an einen Fernſprecher, der zur Verwaltung führte. Hier nannte er ſeinen Namen und die Nummer der Loge. Dann fragte er, ob Ell re Kthor, am gel Schick, nach ihm gefragt habe. Die Antwort beſagte, ja, er be - finde ſich in Loge 408. Fru ließ ihm nun die Nummer ſeiner Loge ſagen und ihn zu ſich bitten. Auf demſelben Wege machte er eine Beſtellung auf eine Reihe Erfriſchungen, die alsbald auf automatiſche Weiſe in dem Schrankaufſatz des Tiſches erſchienen, der auch hier die Mitte des Zimmers einnahm.
Es befand ſich darunter für jeden Anweſenden eine Schüſſel mit Waſſer, das durch eine kleine Flamme in lebhaftem Sieden erhalten wurde.
„ Ach ‟, rief Saltner, „ das ſind heiße Boffs, das iſt die beſte Frucht auf dieſem künſtlichen Planeten; das iſt wirkliche Natur. ‟
Jsma kannte die Speiſe noch nicht und fragte danach.
„ Um Himmelswillen ‟, ſagte Saltner, „ nennen Sie die Boffs nicht eine Speiſe, ſonſt dürfen wir ſie ja nicht zuſammen eſſen. Das iſt eben das Beſte daran, daß ſie nicht als Speiſe, ſondern als Erfriſchung gelten, weil ſie wirkliche Früchte, in der Natur ge - wachſen ſind, eine Art Erdgurken, oder wie man ſie nennen ſoll, und deshalb hier gemeinſchaftlich ge - geſſen — ‟
„ O pfui ‟, ſagte La, ihn leicht auf den Arm ſchlagend. Sie las bereits eifrig in einer Zeitung, in die ſie ſich jetzt wieder vertiefte.
73Mars-Politiker.„ Jch wollte ſagen, genoſſen, äſthetiſch verwendet werden dürfen. Aber gut ſchmecken ſie doch. ‟
Er zog die Schüſſel an ſich heran und griff — zum Erſchrecken Jsmas — mit der Hand in das ſiedende Waſſer, eine der rötlichen, gurkenartigen Früchte hervorziehend.
„ Sie brauchen nicht zu fürchten, daß Sie ſich ver - brennen ‟, ſagte er lachend zu Jsma. „ Das Waſſer iſt gar nicht heiß, es ſiedet in unverſchloſſenen Gefäßen hier ſchon bei 45 Grad Celſius. Das iſt ja ein Planet ohne Luftdruck. ‟
„ Laſſen Sie endlich unſern Nu in Frieden ‟, ſagte La lachend, indem ſie die Zeitung beiſeite legte, „ ſonſt werden Sie mit dem nächſten Schiff nach dem Südpol Jhrer abſcheulichen ſchweren Erde transportiert. Leſen Sie lieber die neueſten Beſchlüſſe, ſie werden Sie in - tereſſieren. Jch fürchte nur, mit dem Urlaub wird es diesmal nichts ſein. Wer weiß, ob wir nicht wieder fort müſſen! ‟
Jsma horchte auf.
„ Nach der Erde? ‟ fragte ſie. „ Schickt man Schiffe jetzt nach der Erde? ‟
Jn dieſem Augenblicke trat Ell ein. Er ſah er - regt aus. Jn der Hand hielt er einen Stoß Blätter und Zeitungen, die er teils gekauft, teils aus dem Saale entnommen hatte.
Ehe er ſich in die Leſehalle begab, hatte er lange vor dem Denkmal ſeines Vaters geſeſſen. Es war eine Porträtſtatue in Lebensgröße, die All in ſeinen jüngern Jahren darſtellte, in der Kleidung des Raum -74Einunddreißigſtes Kapitel.ſchiffers. Man glaubte ihn durch die Stellithülle des Raumſchiffs auf der Kommandobrücke ſtehend zu ſehen und mit ihm auf die unter ihm liegende Erde hin - abzublicken. Aus ſeinen Augen ſprach der feſte Ent - ſchluß, auf dieſen Planeten ſiegreich ſeinen Fuß zu ſetzen.
„ Du haſt uns den Weg gezeigt, den wir nun betreten ‟, ſo klang es in Ells Seele. „ Dir verdanken wir die Erde, die Du mit Deinem Leben uns ge - wonnen haſt. ‟
Die jugendlichen, kräftigen Züge des Bildes ſchienen ſich zu verwandeln. Ell ſah in ihnen wieder den ſchwermütigen, ernſten Mann, wie er ihn gekannt, nur der ſiegreiche Blick des Auges war geblieben, der ihm entgegen funkelte, wenn der Vater dem Jüngling von der Heimat ſprach und von der großen Aufgabe, die Erde zu gewinnen für die Numenheit. Er ge - dachte des eigenen Lebens und der letzten Jahre, die er auf der Erde gearbeitet hatte, erfüllt von dem Ge - danken, daß der Menſchheit Glück abhinge von ihrer Befreiung durch die Kultur der Martier. Und jetzt ſtand er auf dem Mars, nun blickte er hinab auf die Erde, und es war ihm, als verlöre ſich das Schickſal der Erdbewohner wie eine Epiſode in der Geſchichte der Sterne, als lebe er mit den Numen um der Nume willen und ſähe in der Beſetzung der Erde nur eine der Stufen, das höchſte Leben des Geiſtes im Kampfe mit den widerſtrebenden Kräften der Natur zu erhalten. Was war ihm nun die Menſchheit? Was war ſie ihm je geweſen? Wenn er ſie zu lieben75Mars-Politiker.glaubte, war es nicht allein die Eine geweſen, in der er die Menſchheit liebte? Was hielt ihn noch an dem barbariſchen Planeten? Das Andenken ſeiner Mutter? Sie war dahin; dieſes Andenken blieb ihm überall. Und die tiefblauen Augen der heißgeliebten Frau, deren weltfernes Leuchten durch all die Jahre hindurch mit unverminderter Kraft in ſeinem Herzen gewirkt hatte? Sie wirkten fort und fort mit ihrer zarten Gewalt, — die teuren milden Züge, von denen ein glückliches Lächeln zu gewinnen ſein ſteter Gedanke, für die er nahe daran geweſen war, ſeine Numenheit zu vergeſſen, um ſie zu erobern mit den Mitteln der Menſchen für ſich und um ihretwillen ein Menſch zu werden wie die andern! Und jetzt, jetzt konnte er dies ſicherer wie je, nie war er dieſem Ziele näher geweſen. Aber dieſe Frau war hierhergekommen, weil ſie aus - gezogen war ihren Mann zu ſuchen, und er hatte ſich ihr gelobt, ihn finden zu helfen. Sie wird ihn finden, und drunten in Friedau oder in einer andern Stadt, wohin der Ruhm des Polentdeckers ſie führen würde, da wird ſie glücklich ſein und der Reiſe nach dem Mars und des fernen Freundes gedenken wie eines Traumes, der zerronnen iſt. Und er? Sollte er weiter leben dort unten, um eine flüchtige Stunde ihrer Nähe zu gewinnen, um ſich zu verſichern, daß er zu ihr ge - höre, wie ein teures Schmuckſtück ihres Daſeins? Sollte er wieder zwiſchen dieſen engherzigen Schlau - köpfen wandeln, um ihre ganze, verſtändnisloſe Wirt - ſchaft zu verachten?
Nein, nun er die Freiheit der Heimat gekoſtet76Einunddreißigſtes Kapitel.hatte, konnte er nicht dauernd auf die Erde zurück - kehren. Was war ihm noch die Menſchheit?
„ Ein Vermächtnis haſt Du uns gelaſſen, o Vater ‟, ſo ſagte Ell im Stillen zu ſich, „ die Erde, auf der Du litteſt, zu gewinnen zu einem höheren Zwecke. Und ich vor allen habe die Pflicht, dies Vermächtnis anzutreten. Jn Frieden wollen wir die Menſchheit gewinnen und ihr zum Segen. Und, ein Menſchen - ſohn, weiß ich von ihren Schmerzen zu ſagen. Aber wenn unſeliger Mißverſtand zum Streite führt, ſo kann mein Platz nur dort ſein, wo Du geſtanden haſt. ‟
Er erhob ſich. Bald umwogte ihn wieder der Verkehr des Tages. Er begab ſich nach der Leſehalle. Begierig griff er nach den neuen Depeſchen und ſtudierte ſie, bis Fru ihn rufen ließ.
„ Wiſſen Sie ſchon alles? ‟ war gleich ſeine erſte Frage beim Eintritt. Er ſprach martiſch. La ant - wortete lebhaft. Fru und ſeine Gattin miſchten ſich ein. Die Martier ſprachen ſchnell und eifrig. Ell hatte offenbar noch etwas Wichtiges erfahren. Jsma und Saltner konnten dem ſchnellen Geſpräch nicht folgen. Die Menſchen ſchienen einen Augenblick ver - geſſen. Es war nur eine Minute der Erregung. Dann wandte ſich La mit ihrem freundlichen Lächeln zu Jsma.
„ Haben Sie alles verſtehen können? ‟ fragte ſie. „ Jhr Freund bringt uns wichtige Mitteilungen. ‟
„ Jch konnte nicht folgen ‟, ſagte Jsma.
Jetzt erſt wandte ſich Ell zu Jsma. Sie ſah ihn77Mars-Politiker.an. Jn ihren Augen lag es wie eine ſchmerzliche Bitte: Verlaß mich nicht. Jch bin einſam. Jch weiß nicht, was das alles ſoll. Sie fragte ihn jetzt:
„ Was gibt es denn Neues? Erzählen Sie nun auch mir einmal. ‟
Und während dieſer kurzen Worte wechſelte ihr Ausdruck. Der ängſtliche Zug wich einem frohen Ver - trauen. Sie fühlte ſich wieder ſicher, ſeitdem er neben ihr weilte.
„ Jſt es etwas Ungünſtiges? ‟ fragte ſie weiter, als Ell zögerte.
La war der Wechſel in Jsmas Mienen nicht ent - gangen. Sie hatte das Aufblitzen ihrer Augen be - obachtet, als Ell eintrat, und jetzt die Beruhigung ihrer Stimmung. Und ebenſo unbemerkt blickte ſie auf Ell und las in ſeiner Seele. Er wandte ſich mit einem fragenden Blicke an ſie, aber ſie beugte ſich ſchnell zu Saltner hinüber.
„ Jch weiß wirklich nicht ‟, ſagte Ell, „ was wir von der Sache zu erwarten haben, aber jedenfalls können wir jetzt auf eine ſchnellere Entwicklung gefaßt ſein. Es werden Schritte gethan, noch während des Winters Nachrichten von der Erde zu erhalten. ‟
„ Wie iſt das möglich? ‟ fragte Jsma.
„ Haben Sie die Vorgänge in der Kammer von heute vormittag geleſen? ‟ Jsma ſchüttelte den Kopf.
„ Wir ſind eben erſt gekommen ‟, ſagte Fru, „ und wiſſen ſelbſt noch nichts Zuſammenhängendes. Wir bemerkten nur, daß die Stimmung gegen die Erde umgeſchlagen zu ſein ſcheint. ‟
78Einunddreißigſtes Kapitel.„ Jch ſah eben hier zufällig ‟, fügte La hinzu, „ daß die Südbezirke auf eine ſtarke Armierung des Erd - ſüdpols dringen und ein Vorgehen von dort aus wünſchen, und ich wußte nicht, was das zu bedeuten hat. ‟
„ Dann erlauben Sie, daß ich in Kürze mitteile, was ich geleſen habe. Der Bericht der Regierung ſtellte den Konflikt mit dem engliſchen Kriegsſchiff und die Gefangennahme und Behandlung unſrer Leute als das dar, was er war, ein unglücklicher Zufall und die That eines untergeordneten Kapitäns, für die man kaum die engliſche Regierung, geſchweige denn die Be - wohner der Erde verantwortlich machen dürfe. Sie erklärte, daß durch dieſen Zwiſchenfall an dem ur - ſprünglichen Plane nichts geändert werde. Man wolle im Beginn des nördlichen Erdfrühjahrs eine ſtarke Luftſchiffflotte bereithalten, um, ſobald die Nordſtation zugänglich ſei, die zu dieſem Zwecke früher als ſonſt eröffnet werden ſollte, ſofort ſämtliche Großmächte der Erde in ihren Hauptſtädten aufzuſuchen. Man werde den Regierungen einen Vertrag über den Verkehr und die Handelsbeziehungen zum Mars vorſchlagen und die Vorkehrungen ſo treffen, daß ſich das Ueberein - kommen ruhig und friedlich vollziehe. Nur einen bös - willigen Widerſtand werde man im Jntereſſe der Ge - ſamtheit eventuell mit Gewalt niederwerfen, indem man über den betreffenden Staat das Protektorat der Mars - ſtaaten ausſprechen werde.
Dieſe Erklärung fand aber lebhaften Widerſpruch, ſowohl von der Oppoſition gegen die Erdkoloniſation,79Mars-Politiker.die unter der Führung von Eu ſchon immer die weit - gehenden Pläne der Erdbeſiedelung bekämpfte, als auch von einer erſt infolge der letzten Nachrichten entſtan - denen Gruppe, denen das Vorgehen gegen die Erde nicht ſcharf genug erſchien. Und beide ſtanden nun zuſammen. Denn Eu vertrat jetzt den Standpunkt, es wäre von Anfang an das Beſte geweſen, ſich über - haupt nicht um die Menſchen zu kümmern; nachdem aber die Regierung einmal den Fehler gemacht habe, die Exiſtenz der Nume zu verraten und durch feind - ſelige Handlungen gegen die Menſchen ſich bloßzuſtellen, verlange es die Pflicht der Numenheit, den Erdbe - wohnern auch den richtigen Begriff derſelben und Auf - klärung über die Bedeutung und die Abſicht der Nume zu geben. Es ſei Menſchenblut gefloſſen und der Numenheit Schmach angethan worden. Die Sühne könne nur in einer großen That friedlicher Kultur beſtehen. Es müſſe den Erdbewohnern gezeigt werden, daß wir ihre Gewohnheit des Kampfes mit den Waffen verabſcheuen und als unſittlich verwerfen. Es ſei des - wegen über die ganze Erde der Planetenfrieden zu gebieten und die Entwaffnung ſämtlicher Staaten zu verlangen. ‟
„ Jeſus Maria! ‟ rief Saltner. „ Das nenn’ ich einen Radikalen! Jch hab’ ſchon nichts dagegen, aber, was meinens, was ſie bei uns auf dem Kriegs - miniſterium dazu ſagen werden? ‟
„ Das Verlangen der chauviniſtiſchen Gruppe ‟, fuhr Ell fort, „ war nicht weniger radikal. Sie erklärten, die Menſchen hätten durch ihr Verhalten bewieſen, daß80Einunddreißigſtes Kapitel.ſie dem Begriffe der Numenheit noch nicht zugänglich ſeien. Sie ſeien nicht als freie Perſönlichkeiten zu be - handeln und nicht würdig des Weltfriedens. Man ſolle ſie im Gegenteil ruhig unter einander wüten laſſen, aber die ganze Erde und ihre Bewohner als Eigentum der Marsſtaaten erklären. Die einzelnen Gebiete der Erde ſeien unter die einzelnen Marsſtaaten aufzuteilen, um die Einkünfte derſelben zu vermehren. Die Menſchen ſeien ausdrücklich als unfrei und Nicht - Nume zu bezeichnen und die Erdſtaaten durch vom Zentralrat eingeſetzte Gouverneure zu beaufſichtigen. Jm Reſultat aber waren beide oppoſitionelle Parteien einig, die Unterwerfung der Erde müſſe ſofort mit allen Mitteln in Angriff genommen werden.
Die Debatte war ſehr heftig und die Regierung hatte einen ſchweren Stand. Noch während der Sitzung ſchloß ſich die chauviniſtiſche Gruppe zu einer Fraktion der „ Antibaten ‟ zuſammen, und aus großen Teilen des Landes trafen bereits zuſtimmende Erklärungen ein für die Menſchenfeinde.
Allmählich gelang es jedoch der Regierung, den Parteien begreiflich zu machen, daß man die Erdbe - wohner aus Unkenntnis unterſchätze; eine derartige Be - ſtimmung über ſie werde nicht durchzuſetzen ſein, ohne zu den Gewaltthätigkeiten zu führen, die man gerade verabſcheue und verhüten wolle. So kam ein Kom - promiß zuſtande, zunächſt noch ein genaueres Studium der Machtverhältniſſe der Erdſtaaten abzuwarten. Doch mußte die Regierung ihrerſeits zugeſtehen, ſogleich wenigſtens von England eine Beſtrafung des Kapitäns81Mars-Politiker.der Prevention und eine Genugthuung für die Miß - handlung der Gefangenen zu verlangen.
Dieſes Kompromiß zwiſchen Oppoſition und Re - gierung fand endlich im Antrag Ben ſeinen Ausdruck. Danach ſollte ſobald als möglich ein Raumſchiff nach der Südſtation der Erde abgehen und drei große Erd - luftſchiffe dahin bringen. Vom Südpole aus ſollte zunächſt mit der engliſchen Regierung verhandelt werden, um eine Genugthuung für die Gefangennahme der beiden Martier und die Beſchädigung des Luftſchiffs zu verlangen. Man ſollte ſich jedoch dabei der größten Mäßigung befleißigen, einerſeits um die wohlmeinende, obwohl ernſte Geſinnung der Martier zu zeigen, andrer - ſeits weil man es vor Beginn des Frühjahrs der nördlichen Erdhalbkugel nicht zu einer größeren Aktion kommen laſſen durfte. Denn die Station auf dem Südpol bot weder den Raum noch die Sicherheit der Landung für eine größere Flotte der Martier; auch wäre es wenig praktiſch geweſen — ſoviel ſah auch die antibatiſche Oppoſition ein — vom Südpol aus mit den Großmächten der Erde zu verhandeln, da der Weg vom Südpol bis Berlin oder Petersburg ſelbſt für ein Luftſchiff der Martier faſt vierundzwanzig Stunden in Anſpruch nahm. Der Zentralrat wurde mit der ſofortigen Ausführung der Maßnahmen be - auftragt. Die letzte Depeſche beſagte bereits, daß der Zentralrat einen beſonderen Erdausſchuß mit einjähriger Amtsdauer und weitreichenden Voll - machten ernannt und den Repräſentanten Jll zum Leiter desſelben beſtimmt habe. Das iſt augen -Laßwitz, Auf zwei Planeten. 3382Einunddreißigſtes Kapitel.blicklich der Stand der Dinge ‟, ſchloß Ell. „ Was ſagen Sie dazu? ‟
Er warf die Zeitungen auf den Tiſch und ging erregt auf und ab. Niemand antwortete ſogleich. Die Nachrichten waren nicht nur von weittragender poli - tiſcher Wichtigkeit, ſie mußten zugleich das private Ge - ſchick der hier Verſammelten unmittelbar beeinfluſſen. Die Mienen waren düſter geworden. Nur Jsma pochte das Herz freudig. Sie war ſofort entſchloſſen, alles daran zu ſetzen, um nach dem Südpol und von dort nach Hauſe zurückzukehren. Wollte man ſich mit Eng - land in Verbindung ſetzen, ſo mußte doch ein Luft - ſchiff nach bewohnten Gegenden, wenn nicht nach Lon - don, ſo wenigſtens nach den Kolonien, wahrſcheinlich nach Auſtralien, abgeſandt werden, und mit dieſem hoffte ſie reiſen zu können. Und wenn dies nicht möglich war, ſo konnte ſie immerhin auf baldige Nach - richten von der Erde rechnen. Dieſe Gedanken und Wünſche gingen durch ihr Gemüt, während ihre Hände das Flugblatt zerknitterten, das ihr Porträt zeigte; es hatte ſich unter den von Ell mitgebrachten Papieren befunden.
„ Wollen Sie nicht Platz nehmen? ‟ ſagte La zu Ell. Er ſetzte ſich haſtig und beſchämt. Das Men - ſchenblut in ihm hatte ihn hin - und hergetrieben. Als Martier ſchickte ſich das ja nicht, da verhielt man ſich ruhig. Er ärgerte ſich.
„ Das iſt fatal, höchſt fatal ‟, begann jetzt Fru. „ Jch halte den Beſchluß für einen ſchlimmen politi - ſchen Fehler. Auch Jll wird dieſer Anſicht ſein, aber83Mars-Politiker.er konnte jedenfalls nicht mehr durchſetzen. Unſre Politiker kennen die Verhältniſſe zu wenig. Verhand - lungen, denen wir nicht die That auf dem Fuße folgen laſſen können, müſſen unſern Standpunkt erſchweren und bei den Regierungen der Erde nur die Meinung erwecken, daß ſie uns nicht ernſt zu nehmen brauchen. ‟
„ Eine ſakriſche Dummheit iſt’s ‟, platzte Saltner deutſch heraus.
„ Sie fürchten ‟, ſagte La, ſich zu Ell wendend, „ daß wir auf dieſe Weiſe zur Anwendung von Gewalt gedrängt werden? ‟
„ Wohl möglich ‟, erwiderte Ell. „ Doch die Men - ſchen werden bald begreifen, daß ſie ſich uns fügen müſſen. Wir werden ihnen zeigen, daß wir nur ihr Beſtes wollen. ‟
„ Jch fürchte Schlimmeres ‟, entgegnete La lebhaft. „ Die Verhältniſſe werden ſich ſo entwickeln, daß die antibatiſche Bewegung immermehr Nahrung erhält. Statt des Friedens werden wir den Kampf zwiſchen den Planeten bekommen, man wird die Menſchen nicht als gleichberechtigt anerkennen — es wird furchtbar werden. ‟
„ O, laſſen Sie uns zurückkehren! ‟ rief Jsma. „ Bitten Sie Jhren Oheim, daß uns das erſte Schiff nach dem Südpol mitnimmt. ‟
Ell antwortete nicht. Er blickte finſter vor ſich hin. Fru ſtand auf. „ Jch glaube ‟, ſagte er, „ es iſt das Beſte, wenn wir unſre Reiſe fortſetzen und Jhren Oheim aufſuchen. Bis wir an unſer proviſoriſches Quartier und an Jhre Wohnung gelangen, iſt die33*84Einunddreißigſtes Kapitel.Ruhezeit gekommen. Wir treffen uns dann alle zur Plauderſtunde bei Jll. ‟
„ Wir wollten noch nach dem Retroſpektiv ‟, ſagte Ell.
„ Dazu iſt es ohnehin ſchon zu ſpät. ‟
„ Jch habe heute genug geſehen ‟, fügte Jsma hinzu.
Man brach auf. Der Weg bis zu dem Depot der Radſchlitten, wo auch Fru ſeinen vierſitzigen Gleit - wagen gelaſſen hatte, betrug einige Minuten. La nahm Jsmas Arm.
„ Am Schlitten bekommen Sie Jhre Damen wieder ‟, ſagte ſie zu Ell und Saltner. Sie ſchritt mit Jsma voran.
„ Sie möchten gern nach der Erde zurück, nicht wahr? ‟ ſagte ſie zu Jsma. „ Jch ſah es Jhnen an, und Sie hoffen, nach dem Südpol mitzugehen. Aber würden Sie auch ohne Ell gehen? ‟
„ Er wird mitgehen, wenn man uns überhaupt mitnimmt. Er muß gehen, er gehört jetzt auf die Erde. ‟
La ſchwieg. Sie ſtreifte Jsma mit einem teil - nehmenden Blicke und ſah, wie eine feine Röte ihre Wangen bedeckte.
„ Meine Frage darf Sie nicht verletzen ‟, ſagte ſie bittend. „ Jch kann mir wohl denken, daß es für Sie ſchwer ſein muß, die weite Reiſe ohne Begleitung eines Menſchen zu machen. Aber ich glaube auch nicht, daß man Sie jetzt mitnehmen wird. Das Schiff wird zu Ausrüſtungszwecken voll in Anſpruch genom - men ſein. Und auf dem Südpol finden Sie nicht die Bequemlichkeit, wie auf dem Nordpol. Jch wollte Sie85Mars-Politiker.nur bitten, ſich nicht Hoffnungen zu machen, die ver - mutlich enttäuſcht werden müſſen. Aber jedenfalls dürfen Sie darauf rechnen, daß Sie nun bald Nach - richten von der Erde bekommen. Dafür wird Jll Sorge tragen. Und Sie brauchen ſich nicht verlaſſen unter uns zu fühlen. Jch werde mich herzlich freuen, wenn ich Jhnen dienen kann. ‟
Jsma dankte, aber ſie konnte ſich eines bedrücken - den Gefühls nicht erwehren. Warum bedurfte ſie dieſes Mitleids? Sie fühlte ſich verletzt, ohne La zürnen zu können.
Die Radſchlitten erſchienen. Man verabſchiedete ſich. Mit Benutzung der Stufenbahn konnte man in einer halben Stunde zu Hauſe ſein.
Jsma ſaß ſtumm an Ells Seite. Sie ſah, daß ſeine Gedanken nicht mit ihr beſchäftigt waren. Sie wollte ihn jetzt nicht fragen, was er zu thun gedenke. So tauſchten ſie nur flüchtige Worte, bis der Wagen vor Jlls Hauſe hielt.
[86]La ließ ihre Hände von der Schreibmaſchine herabgleiten und lachte herzlich, indem ſie ſich in ihrem Seſſel zurücklehnte.
„ Nein ‟, ſagte ſie, „ das iſt ja nicht zu glauben! Das iſt wirklich zu komiſch. Dieſe Bate! Jch glaube, da muß ſelbſt Schti lachen. ‟
Ein allerliebſtes, ſchneeweißes Flügelpferdchen, nicht größer wie ein kleines Kätzchen, flatterte von dem Büchergeſtell, wo es geſeſſen, auf die Lehne von Las Armſtuhl und blickte ſie mit ſeinen klugen Augen ernſt - haft an. Das Tierchen ſah wirklich aus wie ein Miniatur-Pegaſus, nur hatte es ſtatt der Hufe zierliche Zehen, mit denen es ſich anklammern konnte. Zoologiſch betrachtet gehörte es zu den Jnſekten und war eine Art Heuſchrecke, die aber auf dem Mars warmes Blut beſaßen und die höchſtentwickelte Gruppe der Jnſekten darſtellten. Der Kopf war der eines Pferdes mit faſt menſchenähnlichem Ausdruck, die Flügel ſaßen an den Schultern und glichen denen einer Libelle.
87Jdeale.„ Schti muß lachen! ‟ ſagte La.
Das Tierchen ſtieß einen Laut aus wie eines helles Lachen. „ Ko Bate, Ko Bate ‟, ſprach es dann deutlich.
La ſtreichelte ihm das weiche Fellchen, und es rieb ſein Köpfchen an ihrer Hand.
„ Schti muß ſtudieren! ‟ Das gut abgerichtete Tierchen flog auf das Bücherbrett und ſetzte ſich gravi - tätiſch hin.
La fuhr in ihrer Schreibarbeit fort. Auf dem Geſtell über der Schreibmaſchine ſtand eines der deut - ſchen Bücher, die Ell mitgebracht hatte. Es war ein kurzgefaßter Grundriß der „ Weltgeſchichte ‟, d. h. des Wenigen, was man über die Geſchichte der abend - ländiſchen Menſchheit wußte. La überſetzte das Buch in Jlls Auftrage ins Martiſche. Während ſie ihre Augen langſam über den Text gleiten ließ, lagen ihre Hände auf der Klaviatur und ihre Finger ſchrieben ganz mechaniſch in martiſchen Zeichen den Sinn der geleſenen Sätze nieder. Die Arbeit nahm ihre Auf - merkſamkeit nicht mehr in Anſpruch, als der Strick - ſtrumpf die einer älteren Kränzchendame, und hinderte ſie nicht, ſich lebhaft mit Ell zu unterhalten, der zum Beſuche gekommen war.
„ Es iſt eigentlich mehr traurig als komiſch ‟, ſagte Ell. „ Denn die Sache geht nicht immer bloß mit dem Knallen ab. Oft genug kommen ſchwere Verwundungen und Todesfälle vor, und das Leben eines Mannes, der verpflichtet wäre, der Menſchheit und den Seinigen ſich zu erhalten, iſt einem ſinnloſen Vorurteile hinge - opfert. ‟
88Einunddreißigſtes Kapitel.„ Das iſt abſcheulich. Aber ich denke, Vernunft und Geſetz verbieten den Zweikampf. Wie iſt er denn noch möglich? ‟
„ Durch Unvernunft. Es giebt nämlich Menſchen, die ſich einbilden, Vernunft und Geſetz ſeien zwar ganz gut für das Volk, aber dieſes würde den Reſpekt vor Vernunft und Geſetz verlieren, wenn es nicht durch eine auserwählte Gruppe von Menſchen in Schranken gehalten würde. Dieſe Auserwählten könnten ſich je - doch nur dadurch als ſolche erweiſen, daß ſie ſich einen gewiſſen Zwang, eine Pönitenz auferlegten, indem ſie ſelbſt zum Teil auf das höchſte Gut der Menſchheit, Vernunft und Freiheit, verzichten und ſich zum Sklaven überlebter Formen machen. Sie meinen wohl durch den Widerſpruch, den ihre Sitten erwecken, in der Allgemeinheit die Herrſchaft der Vernunft umſomehr zu ſtärken. ‟
„ Welch edle Seelen, ſo zum Beſten der Kultur ſich ſelbſt zu opfern! Ein wahrhaft menſchlicher Ge - danke, die Kultur durch Unkultur des eignen Lebens zu fördern! Es wäre ein bloßer Jrrtum, wenn er nicht leider dadurch unmoraliſch würde, daß der egoiſti - ſche Zweck unverkennbar iſt. ‟
„ Gewiß, ſich ſelbſt als Kaſte zu unterſcheiden. Es will jeder etwas Beſonderes ſein. ‟
„ Das ſoll er ja auch ‟, ſagte La, „ etwas Beſon - deres, aber nur durch ſeine Freiheit, durch die innere Freiheit, mit der wir die Mittel beſtimmen, in unſerm Leben das Vernunftgeſetz zu verwirklichen. Aber dieſe Leute laſſen, nach Jhrer Schilderung, die innere89Jdeale.Freiheit gar nicht gelten, weil ſie ſie nicht kennen. Sie ſetzen ihre Ehre in Aeußerlichkeiten. Jch kann mir denken, wie ſchwer es Jhnen ſein mußte, in dieſer Geſellſchaft zu leben. ‟
„ Jch kann auch nicht in ihr leben ‟, erwiderte Ell. „ Für ſie beſteht die Ehre eines Menſchen in dem, was andre von ihm halten und ſagen; deswegen glauben ſie auch, ſie könnte durch Beleidigungen vernichtet, durch rohe Gewalt wieder hergeſtellt werden. Als ob mich der Wille eines andern erniedrigen könnte, als ob es nicht die größte Selbſterniedrigung wäre, die eigne Vernunftbeſtimmung der fremden Meinung unter - zuordnen! Und da ich in ihr leben mußte, ſo war mein inneres, wahres Leben eine Lüge in ihrem Sinne, eine Umgehung ihrer konventionellen Sitten. Doch das iſt das Wenigſte, das iſt für mich nur unangenehm, für meine Freunde beſchwerlich. Aber das Unerträg - liche, das Schmerzende liegt in dem Gedanken, daß dieſe Millionen und aber Millionen vernünftiger Weſen durch ihre bloße Dummheit, durch die mangelhafte Entwicklung ihres Gehirns, durch die fehlende Bildung in einem Zuſtande gehalten werden, der ſie ſchwach, elend, unglücklich, unzufrieden und ungerecht macht. Denn ſie ſind nicht böſe. Sie wollen das Gute, ſie wollen die Freiheit. Jhr Gefühl iſt lebendig und warm. Darin ſind ſie uns gleichſtehend; die Jdee des Guten, als die Selbſtbeſtimmung, durch die wir Vernunftweſen ſind, iſt in ihnen wirkſam wie in uns, inſofern ſind ſie unſre Brüder. Aus der Menſchheit erblühten Religionen tiefſter Wahrhaftigkeit und Kraft,90Zweiunddreißigſtes Kapitel.die ihnen die Offenbarung gaben, um die es ſich handelt — unſer individuelles Leben in Raum und Zeit, den Jnhalt unſres Daſeins, den wir Natur nennen, zu geſtalten zu einem Mittel, um als freie Vernunftweſen über Raum und Zeit das Reich der Jdeen zu umfaſſen. Und Weiſe ſind ihnen erſtanden, die gezeigt haben, wie es zu begreifen ſei, daß das Leben des einzelnen abrollt wie ein Rädchen im Ge - triebe der Weltenuhr, und dennoch das Jch deſſen, der es ſelbſt lebt, das ganze Uhrwerk erſt zu ſchaffen hat. Aber die Wenigſten haben die Weisheit verſtanden. Sie haben das Geſetz, aber ſie mißdeuten es und wiſſen es nicht anzuwenden; ſie verfallen ſtets in Jrr - tum. Und deswegen, weil es Unwiſſenheit iſt und nicht Mangel an Wille und an Gefühl für das Gute, deswegen glaube ich, daß wir der Menſchheit helfen können. Verſtändiger müſſen wir ſie machen — nur nicht verſtändiger im Sinne der Menſchen, für die verſtändig nur bedeutet klug ſein auf Koſten der an - dern. ‟
„ Möge Sie dieſer Glauben nicht täuſchen. Jch fürchte, es iſt nicht bloß der Mangel an Verſtändnis des Zuſammenhangs der Dinge, es iſt noch mehr die Unfähigkeit, das wirklich zu wollen, was man als gut erkannt hat, es iſt die Schwäche des Charakters hier, die Stärke des Egoismus dort, weshalb die Menſchen den unvermeidlichen Kampf ums Daſein in ſo be - dauernswerter Weiſe führen. ‟
„ Das beſtreite ich nicht, daß dieſe Mängel zur Erniedrigung der Menſchen beitragen, aber doch nur91Jdeale.ſubjektiv, indem ſie den einzelnen unfähig machen, des Glücks der inneren Freiheit ſich zu erfreuen. Aber auch hier kann nur eine Vertiefung der Einſicht helfen. Die Handlungen ſind ja immer bedingt durch diejenigen Vorſtellungen, denen der höchſte Gefühlswert zukommt, und dieſe Gefühlswerte richtig zu verteilen, iſt Sache der Bildung. ‟
„ Wenn aber jemand ‟, ſagte La, „ ganz genau weiß, z. B. ein Schüler, deine Pflicht verlangt jetzt, das und das zu thun, dieſe Arbeit zu vollenden, und wenn du es nicht thuſt, ſo wirſt du nicht bloß Reue haben, ſondern auch ſinnlich ſchwer dafür büßen, und trotz dieſer klaren Einſicht verleitet ihn doch eine momentane Luſt, und ſei es bloß das Luſtgefühl der Faulheit, die Arbeit nicht zu thun, ſo ſehen Sie doch, alle Einſicht hilft nichts gegen die Willensſchwäche. ‟
„ Das ſpricht gerade für mich ‟, erwiderte Ell leb - haft. „ Willensſchwäche iſt doch nur falſche Richtung des Willens, Richtung auf das Unterlaſſen ſtatt auf das Handeln. Vorſtellungen ſind immer dabei ent - ſcheidend. Die Einſicht war dann eben thatſächlich noch nicht vorhanden, nicht umfaſſend genug. Dem Schüler in Jhrem Beiſpiel haben ſich etwa die Vor - ſtellungen eingeſchlichen, die an ihn geſtellte Forderung ſei ein unberechtigter Zwang, oder die gefürchteten Nach - teile werden zu umgehen ſein und dergleichen. Der Erwachſene, der den Zuſammenhang klarer durchſchaut, wird einfach ſeine Pflicht thun. Jn andern Fällen wird er ſich in der Lage des Schülers befinden, aber dieſe Fälle werden immer ſeltener, je weiter die Ein -92Zweiunddreißigſtes Kapitel.ſicht reicht. Wenn mich der Zorn übermannt, ſo daß ich den Gegner verletze, ſo beruht mein Fehler darauf, daß ich nicht Zeit zur Ueberlegung hatte. Warum ſind die Nume ſoviel milder als die Menſchen? Weil ſie ſchneller denken. Jm Augenblick des Affekts iſt das Bewußtſein des Menſchen ganz vom ſinnlichen Reize erfüllt, er vermag nicht alle die Gedankenreihen zu durchlaufen, die ihm die Folgen ſeiner Handlungen zeigen; er braucht dazu längere Zeit, und dann iſt es zu ſpät. Der Nume fühlt nicht minder lebhaft den Reiz, vielmehr noch viel feiner; aber ſein Gehirn iſt ſo geübt, daß im Moment der ganze Zuſammenhang der Folgen ſeines Zuſtandes ihm ins Bewußtſein tritt und ſein Handeln beſtimmt. Das iſt es, was man Beſonnenheit nennt. Nicht mit Unrecht hielten ſie die Griechen für der Tugenden höchſte, aber ſie wußten ſie nicht zu erringen. Laſſen Sie uns den Jrrtum verringern, und wir werden die Menſchen beſſern. ‟
„ Die Leidenſchaften werden Sie nicht ausmerzen. ‟
„ Daran denke ich natürlich nicht. Jn ihnen ruht ja der Wert des Lebens, und die Nume freuen ſich ihrer. Nur die Art ihrer Wirkung können wir und müſſen wir durch den Verſtand regulieren. Auch die Schwächen der Nume — und die werden Sie nicht leugnen — beruhen auf demſelben Grunde wie die der Menſchen. Sie ſind vom Leben ſinnlicher Weſen untrennbar. Die ſtarken Gefühle ſind die großen Reſervoirs der Energie des Gehirns, aus denen ſie zur Wechſelwirkung des Lebens herausſtrömt. Wären ſie nicht mehr da, ſo hörte das Leben auf, ſo hörte93Jdeale.das Denken auf. Aber auf den Weg kommt es an, den die Entladung der Gehirnenergie bei der Exploſion des Gefühls nimmt. Es iſt damit wie bei unſern Gebirgen auf der Erde. Sie ſind die Sammelbecken der Gewäſſer, die von ihnen herabſtrömend den Völ - kern ihre ſegenſpendende Kraft verbreiten. Die Niveau - unterſchiede müſſen ſein überall, wo Energieaustauſch, wo Leben und Geſchehen ſein ſoll. Aber wie dieſes Herabſtrömen ſtattfindet, das macht den Unterſchied von Barbarei und Kultur. Der reißende Wildbach zerſtört und verrinnt nutzlos. Bepflanzen wir die Abhänge, verteilen wir die Waſſer, führen wir ſie durch Turbinen und wandeln ihre Arbeit durch Maſchinen um, ſo ſchaffen ſie die Kultur. Dieſe Pflanzungen, dieſe Maſchinen ſind im Gehirn die Zellen der Rinden - ſubſtanz, in denen der Weltzuſammenhang ſich bildet. Die Macht des Gedankens iſt es, die den Ausgleich der Gefühle zur Kultur lenkt. Und dieſe läßt durch Lehre und Erziehung ſich erweitern. Das zu thun ſind wir den Menſchen ſchuldig, wie Erwachſene den Kindern. Denn Kinder ſind ſie. ‟
„ Ja ‟, ſagte La, „ Kinder ſind ſie, das habe ich auch gefunden, und darum mögen Sie in Jhren An - ſichten Recht haben, Ell. Wie das Kind nur die eine Wirklichkeit kennt, wie das Spielzeug, die Mutter und die Erde am Himmel ihm keine andre Realität be - ſitzen als ſeine Hand, und dieſe keine andre als das Produkt ſeiner Phantaſie, ſo können auch die Menſchen die Arten der Wirklichkeit nicht unterſcheiden. Selbſt ein geiſtig ſo hochſtehender Mann wie Saltner vermag94Zweiunddreißigſtes Kapitel.es nicht zu begreifen, daß dasſelbe lebendige Jndividuum gleichzeitig ganz verſchiedene Realitäten beſitzt, je nach dem Zuſammenhange, in welchem es ſich beſtimmt. Die Frau an der Schreibmaſchine iſt ein Stück Natur - mechanismus, die den notwendigen Zuſammenhang zwiſchen verſchiedenen Zeichen für dieſelbe Vorſtellung regiſtriert, wenn ſie, wie ich hier, Eure langweilige Geſchichte überſetzt. Dieſelbe Frau, wenn ſie den Freund zärtlich anblickt, iſt ein Stück des Phantaſie - ſpiels, das unſer Leben mit ſeinem ſchönen Scheine verklärt. Und wenn ſie ein Verſprechen einlöſt, iſt ſie ein Stück der ethiſchen Gemeinſchaft der Nume. Aber keine dieſer Realitäten wirkt auf die andre, kann die andre verpflichten, außer in der freien Beſtimmung der Perſönlichkeit dieſer Frau ſelbſt. Das kann unſer Freund nicht verſtehen. Er denkt immer, es müſſe noch ein andrer Zuſammenhang beſtehen, notwendig wie die Natur in Raum und Zeit, zwiſchen dieſen Thätigkeiten — ‟
„ Sehen Sie — dieſer Mangel der Einſicht iſt es, welcher die menſchliche Geſellſchaft beſchwert. Stets werfen ſie das Verſchiedene zuſammen als Eines, indem ſie es mit falſchen Gefühlswerten belaſten. Da iſt der religiöſe Glaube; er iſt die Form, wie die Perſönlich - keit das Weltgeſetz in ihr Gefühl aufnimmt; die Menſchen aber machen daraus ein Bekenntnis, das andre verpflichten ſoll und ſich damit aufhebt. Da iſt das Vaterland, die nationale Gemeinſchaft; ſie iſt ein Mittel, die Macht des Einzelnen zuſammenzufaſſen, um für die Menſchheit zu wirken; die Menſchen um -95Jdeale.kleiden ſie mit einem Gefühl, das ſie zum Selbſtzweck macht und infolge deſſen Feindſchaft der Nationen be - wirkt. Da iſt der natürliche, berechtigte Trieb der Selbſterhaltung; die Menſchen machen daraus einen vernichtenden Egoismus, der zum Kampfe der Ge - ſellſchaftsklaſſen führt. Und ſo mit allem. Hier kann Aufklärung helfen. Natürlich nicht, um Vollendung zu ſchaffen, die es überhaupt nicht giebt, aber eine höhere Stufe der Kultur. Es wäre nicht das erſte Mal, daß Aufklärung die Menſchen befreit hat, aber da mußte ſie ſich blutig durchkämpfen. Diesmal ſoll eine überlegene Macht den Sieg von vornherein ge - währen. ‟
„ Aber wie denken Sie ſich dieſe Einwirkung? Ehe Anſchauungen und Gewohnheiten ſich ändern, müſſen Generationen vergehen — die Menſchheit ſelbſt muß ſich ändern — ‟
„ Die Planeten haben Zeit. Aber die Hauptſache wird ſchnell geſchehen. Die Menſchen brauchten Jahr - tauſende, um den gegenwärtigen Stand ihres Wiſſens zu gewinnen; unter der Leitung geſchickter Lehrer eignet ſich heute der einzelne dieſes Wiſſen in wenigen Jahren an. Wir werden die heutigen Menſchen nicht zu Numen machen, aber wir werden ſie in dieſem Sinne führen. Nur muß unſre Bevormundung ihre Freiheit nicht beſchränken, ſondern allein den richtigen Gebrauch derſelben erzielen. Das Niveau der Geſamtbildung läßt ſich binnen kurzem ſo heben, daß ſie eine klare Einſicht in das gewinnen, was im Leben möglich und erſtrebbar iſt. Sie werden erkennen, daß es eine96Zweiunddreißigſtes Kapitel.Utopie iſt, die Gleichheit der Lebensbedingungen an - zuſtreben, daß die Gleichheit nur beſteht in der Frei - heit der Perſönlichkeit, mit der ein jeder ſich ſelbſt beſtimmt, und daß dieſe Freiheit gerade die Ungleich - heit der Jndividuen in der ſozialen Gemeinſchaft vor - ausſetzt. Wir haben ja doch viele Jahrtauſende hin - durch die ſozialen Kämpfe durchgemacht, bis wir erkannt haben, daß der Kampf ſelbſt unvermeidbar, die Ge - häſſigkeit aber auszuſchließen iſt, daß in einem edlen Wettſtreit alle Stufen der Lebensführung nebeneinander beſtehen können. Nur Eines iſt dazu notwendig: dem einzelnen die Zeit zu geben, ſich ſelbſt zu bilden, zu kultivieren. Die Menſchen können ſich darum nicht ſelbſt helfen, wenigſtens nicht helfen, ohne den furcht - baren Kampf von Jahrtauſenden, weil ſie die Mittel nicht haben, den Maſſen die Sicherheit der notwendig - ſten Lebenshaltung zu geben. Dieſe Not der Maſſen können wir abſtellen, ohne jene Utopie der Nivellierung des Vermögens. Wir können ihnen zeigen, daß das Hin - und Herſchwanken des individuellen Beſitzes ſich nicht ändern läßt und auch nicht geändert zu werden braucht, daß aber jedem, der arbeitet, ein befriedigendes, ſeinen Fähigkeiten angemeſſenes Auskommen gewähr - leiſtet werden kann, und daß niemand Not zu leiden braucht. Denn wir können den Menſchen die Quelle des Reichtums erſchließen durch unſre Technik, und wir können erzwingen, daß die damit verbundenen Beſitzänderungen ſich in Ruhe vollziehen. Den klein - lichen Eigennutz, den Krämerſinn, die Unduldſamkeit, die Klaſſenherrſchaft bringen wir zum Verſchwinden,97Jdeale.ſobald ein jeder klar zu durchſchauen vermag, welche Stelle im großen Zuſammenwirken der einzelnen er ausfüllt. Der tückiſche, nagende Neid entflieht aus der Welt, und Menſchenliebe hält den ſiegreichen Einzug. ‟
Ell war aufgeſtanden, ſeine Augen leuchteten, be - geiſtert ſah er in die Zukunft, die ihm nahe heran - gekommen ſchien. La hatte die Hände von der Schreib - maſchine herabſinken laſſen. Sie blickte ihn an.
„ Halten Sie mich nicht für einen Schwärmer ‟, fuhr er fort. „ Nicht daß ich meinte, Leid und Schmerz aus der Menſchheit verbannen zu können. Ohne ſie ſtände das Weltgetriebe ſtill. Aber reinigen können wir dieſes Leid, veredlen zu dem heiligen Schmerz, der untrennbar iſt von der Liebe und dem Einblick in uns ſelbſt. Die fremden Schlacken können wir aus - ſtoßen, die aus der Not, der Rohheit und der Dumm - heit ſtammen. ‟
„ Sie glauben an die Menſchheit ‟, ſagte La. Auch ſie erhob ſich und ſtreckte ihm die Hand entgegen. „ Jch begann an ihr zu zweifeln, ich will es Jhnen geſtehen. Ob ſich Jhr Traum erfüllen läßt, ich weiß es nicht, aber ich danke Jhnen, daß Sie ihn träumen, daß Sie ihn mir erzählten. Sie haben mir neuen Mut gemacht, denn ich fürchtete manchmal, daß das Zuſammentreffen mit den Menſchen beiden Teilen ver - derblich werden könnte. ‟
„ Fürchten Sie das nicht, La. Die Erde iſt reich, viel reicher als der Mars. Sie empfängt von der Sonne faſt das Zehnfache der Energie, wie wir. SoLaßwitz, Auf zwei Planeten. 3498Zweiunddreißigſtes Kapitel.lange die alte Sonne ſtrahlt, iſt das Leben geſichert. Was läßt ſich unter unſern Händen aus dieſer Rieſenkraft ſchaffen! Jn einem Jahre wird die Erde bedeckt ſein mit Fabriken, in denen wir mit Hilfe der Sonnen - energie aus den unerſchöpflichen Quellen der Erde von Luft, Waſſer und Geſteinen Lebensmittel erzeugen und verteilen, die nahezu nichts koſten. Die äußere Not iſt mit einem Schlage auch von dem Aermſten ge - nommen. Die Beſitzer des Bodens können wir ohne Mühe entſchädigen. Jch rechne, daß wir für jeden Menſchen in den ziviliſierten Staaten — denn dieſe können allerdings vorläufig erſt in Betracht kommen — im Durchſchnitt vier bis ſechs Stunden gewinnen, die er nunmehr allein ſeiner geiſtigen Ausbildung widmen kann. Wir führen unſre Lehrmethoden ein. Die Menſchen ſind lernbegierig. Die unmittelbare Zuführung von Gehirnenergie wird ihnen die neue Anſtrengung zur Luſt machen. Die Wahnvorſtellungen der Tradition in allen Bevölkerungsklaſſen werden ver - ſchwinden. Die Rüſtungen, die Kriege hören auf. Wir üben in dieſer Hinſicht zunächſt einen leichten Zwang aus, bis die beſſere Einſicht durchgedrungen, die beſſere Haltung zur Gewohnheit geworden iſt. Denn dies freilich wird notwendig ſein; der Menſch muß zu jeder großen Veränderung erſt gezwungen werden, bis er den Vorteil begreift und das Neue lieben lernt. Jch habe alles ſchon mit Jll durchgeſprochen. ‟
„ Sie müſſen die Menſchen beſſer kennen als ich ‟, ſagte La. „ Aber glauben Sie denn, daß das alles ſich ohne Gewalt durchführen läßt? ‟
99Jdeale.„ Jch hoffe es. Wenn aber nicht, ſo werden wir ſie anwenden — ‟
„ O Ell, da ſprechen Sie als Menſch — und das iſt meine große Sorge — ihr Menſchen werdet uns vergeſſen machen, daß Gewalt ein Uebel iſt, un - würdig — ‟
Die Klappe des Fernſprechers löſte ſich.
„ Jſt La zu Hauſe? ‟ fragte Saltners Stimme.
„ Ja, ja ‟, rief La. „ Kommen Sie nur. Sie haben ſich den ganzen Tag noch nicht ſehen laſſen. ‟
„ Jch komme ſogleich. ‟
Eine Minute ſpäter trat Saltner ein. Seine Miene verzog ſich ein wenig enttäuſcht, als er Ell in lebhaftem Geſpräche mit La fand. Gleich nach der Begrüßung holte er ein Zeitungsblatt hervor.
„ Da ‟, ſagte er, „ leſen Sie, bitte. Wenn die Nume ſo ſind, weiß man wirklich nicht, ob man lachen ſoll oder ſich entrüſten. Zur Abwechslung werde ich mich einmal entrüſten. Es iſt — ‟
„ Sal, Sal ‟, rief La lachend, „ ſetzen Sie ſich, bitte, ruhig her, und dann wollen wir ſehen, ob wir nicht lieber lachen wollen. ‟
Sie faßte ſeine Hand und zog ihn an ihre Seite. „ Der Streit der Planeten ſoll uns nichts anhaben ‟, ſagte ſie leiſe.
Ell ergriff das Blatt und las:
„ Wie wir aus ſicherer Quelle erfahren, ſoll die Ausrüſtung des nach dem Südpol der Erde zu ent - ſendenden Raumſchiffs weitere zwanzig bis dreißig101Fünfhundert Milliarden Steuern.Tage in Anſpruch nehmen. Man macht angeblich noch Verſuche, um die Luftſchiffe gegen etwaige An - griffe von Menſchen widerſtandsfähiger zu machen. Ja es ſoll der Bau dieſer Schiffe überhaupt ſtark im Rückſtande ſein. Wir finden dieſe Zögerung ſeitens der Erdkommiſſion unverantwortlich. Die Erregung gegen die Menſchen wächſt ſichtlich und mit vollem Rechte. Man hat aus den Berichten der Augenzeugen erfahren, daß die Darſtellung jenes Zwiſchenfalls mit dem engliſchen Kriegsſchiffe von der Regierung viel zu milde gefärbt war. Die den Numen angethane Schmach erfordert eine ſchnelle Beſtrafung der Schuldigen. Wozu überhaupt dieſe Umſtände mit dem Erdgeſindel. ‟
„ Erdgeſindel! Hören Sie! ‟ rief Saltner. „ Da ſoll doch gleich — ‟
Ein Händedruck Las hielt ihn auf ſeinem Platze. „ Leſen Sie weiter ‟, ſagte ſie zu Ell.
„ Wir haben genaue Jnformationen über die Ver - hältniſſe auf der Erde eingezogen. Sie ſind geradezu haarſträubend. Von Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Freiheit haben dieſe Menſchen keine Ahnung. Sie zerfallen in eine Menge von Einzelſtaaten, die unter einander mit allen Mitteln um die Macht kämpfen. Darunter leidet die wirtſchaftliche Kraft dermaßen, daß viele Millionen im bedrückendſten Elend leben müſſen und die Ruhe nur durch rohe Gewalt aufrecht erhalten werden kann. Nichtsdeſtoweniger überbieten ſich die Menſchen in Schmeichelei und Unterwürfigkeit gegen die Machthaber. Jede Bevölkerungsklaſſe hetzt gegen die andere und ſucht ſie zu übervorteilen. Wer ſich102Dreiunddreißigſtes Kapitel.mit der Wahrheit hervorwagt, wird von Staats wegen verurteilt oder von ſeinen Standesgenoſſen geächtet. Heuchelei iſt überall ſelbſtverſtändlich. Die Strafen ſind barbariſch, Freiheitsberaubung gilt noch als mild. Morde kommen alle Tage vor, Diebſtähle alle Stunden. Gegen die ſogenannten unziviliſierten Völker ſcheut man ſich nicht, nach Belieben Maſſengemetzel in Scene zu ſetzen. Doch genug hiervon! Und dieſe Bande ſollen wir als Vernunftweſen anerkennen? Wir meinen, es iſt unſre Pflicht, ſie ohne Zaudern zur Raiſon zu bringen durch die Mittel, die ihr allein verſtändlich ſind, durch Gewalt. Es ſind wilde Tiere, die wir zu bändigen haben. Denn ſie ſind um ſo gefährlicher, als ſie Spuren von Jntelligenz beſitzen. Leider hat man ſich, wie es ſcheint, in der Regierung durch einzelne Exemplare dieſer Geſellſchaft täuſchen laſſen, und wir wollen nur hoffen, daß hierbei bloß ein Jrrtum und nicht eine Rückſicht auf gewiſſe Beziehungen vorliegt — ‟
Ell unterbrach ſich.
„ Das iſt denn doch zu arg! ‟ rief er. „ Das ſind Verdächtigungen, die man ſich nicht gefallen laſſen kann. ‟
„ Meine Befürchtung! ‟ ſagte La. „ Die Berührung mit den Menſchen bringt einen Ton in unſer Ver - halten, wie er ſonſt im öffentlichen Leben nicht Sitte war. Nein, Ell, nein, meine lieben Freunde, Sie ſind gewiß nicht daran ſchuld; es liegt in der Sache ſelbſt — die antibatiſche Bewegung ſetzt eine Verrohung des Gemüts überhaupt voraus. ‟
Saltner rieb ſich ingrimmig die Hände. „ Leſen Sie103Fünfhundert Milliarden Steuern.nur weiter ‟, ſagte er. „ Jetzt haben Sie ſich entrüſtet, und ich werde wieder lachen. ‟
„ Wir halten es für ſinnlos ‟, las Ell weiter, „ daß zwiſchen Wilden wie den Erdbewohnern und zwiſchen Numen überhaupt eine Verbindung verwandtſchaftlicher Art ſtattfinden könne. Der Fall Ell bedarf entſchieden einer näheren Unterſuchung und Aufklärung. Wir haben dieſen angeblichen Halbnumen noch nicht ge - ſehen. Aber ein richtiges Exemplar der Menſchheit hatten wir zu betrachten das zweifelhafte Vergnügen. Wer dieſes ſtupide Geſicht mit den blinzelnden Punkten, die Augen ſein ſollen, dieſen unanſtändigen, ungefärbten Anzug, dieſe rohen Bewegungen einmal geſehen hat, der wird ſich ſagen, dieſe Raſſe kann von uns nur als vielleicht nutzbares Haustier geduldet werden. ‟
Ell warf das Blatt fort.
La brach in ein herzliches, leiſes Lachen aus, in das Saltner einſtimmte. Sie trat vor Saltner und nahm ſeinen Kopf zwiſchen ihre Hände. „ Jch muß mir doch einmal unſer Haustierchen betrachten ‟, ſagte ſie luſtig. „ Sie ſind wirklich ausgezeichnet geſchildert. ‟
Sie ſah in ſeine Augen, ihre Züge wurden ernſter, ihr Blick inniger und tiefer. „ Mein lieber, braver Freund ‟, ſagte ſie. Sie bog ſeinen Kopf zurück und küßte ihn.
Ell lächelte nun auch. „ Wenn man ſo entſchädigt wird ‟, ſagte er, „ muß man ja bedauern, nicht auch kräftiger geſchildert zu ſein. Aber Sie haben Recht, man muß auf dieſes dumme Zeug keinen Wert legen. Trotzdem bin ich froh, daß man Frau Torm wenigſtens aus dem Spiele gelaſſen hat. ‟
104Dreiunddreißigſtes Kapitel.„ Es lohnt ſich natürlich nicht, ſich darüber zu ärgern ‟, ſagte Saltner, „ nichtsdeſtoweniger kann das Geſchreibe Unheil anrichten. ‟
„ Dazu iſt es doch zu dumm, das nimmt niemand ernſthaft. Man kennt das Blatt als unzuverläſſig. ‟
„ Aber ich habe hier noch etwas anderes, das viel - leicht politiſch nicht ohne Einfluß ſein dürfte. Jch hörte, daß ähnliche Anſichten nicht nur in weiten Kreiſen geteilt werden, ſondern ſogar im Zentralrat Anhänger beſitzen. Leſen Sie folgende Vorſchläge, die das neugegründete Blatt, die „ Ba ‟, macht. ‟
Ell nahm das Blatt und las: „ Es iſt bezeichnend für unſre Regierung, die ſich 144 Luftſchiffe für die Erde bewilligen ließ, daß ſie jetzt im entſcheidenden Augenblick kein einziges bereit hat. Aber für die Staaten iſt es ein Glück. Die Begeiſterung der Kolonialſchwärmer hat Zeit ſich abzukühlen, und dieſe Abkühlung ſchreitet ſchnell vorwärts. Es wird auf - fallend ſtill über unſre Brüder im Sonnenſyſtem, die wir mit der Liebe und Freiheit der Nume umſchließen ſollen. Und es iſt gut, daß wir zur Beſinnung kommen. Man glaube nur nicht, daß uns die Menſchen mit offenen Armen entgegenkommen werden. Unſer Stand wird nicht leicht ſein, und unſre Opfer werden ſich höher und höher ſteigern. Sowohl die Menſchenfreunde als die Antibaten unterſchätzen den Widerſtand, den wir zu erwarten haben. Deswegen ſollen wir von vornherein klar ſagen, was wir wollen, und dann rückſichtslos handeln, nicht auf ein Entgegenkommen rechnen, ſondern ohne Weiteres unſre Bedingungen105Fünfhuudert Milliarden Steuern.mit dem Telelyt und Repulſit diktieren. Es mag ſein, daß die Menſchen ſich zur Numenheit erziehen laſſen, und wir ſind die erſten, welche bereit ſind, ſie als Brüder anzuerkennen; aber dies wird uns nur möglich ſein, wenn ſie ſehen, daß jeder Widerſtand ausſichtslos iſt. ‟
„ Es kommen nun einige Stellen ‟, ſagte Saltner, „ die eigentlich nichts andres verlangen, als was die Regierung ſelbſt wollte, nämlich warten, bis die Martier überall zugleich losſchlagen können. Aber leſen Sie, bitte, die Vorſchläge hier unten. ‟
„ Wir warnen davor, von der Erde zu viel zu erwarten. Wir werden ſie niemals beſiedeln können. Die Schwere und die Atmoſphäre machen uns den dauernden Aufenthalt unmöglich. Wir werden immer nur einzelne Stationen mit wechſelnder Beſatzung drüben erhalten können. Die Ausnutzung des Reich - tums der Erde muß durch die Menſchen für uns geſchehen. Etwa in folgender Weiſe. Die Geſamt - ſtrahlung der Sonnenenergie auf die Erde beträgt — ‟ Ell unterbrach ſich.
„ Ja ‟, ſagte Saltner, „ die Zahlen verſtehe ich nicht. Aber es wäre mir doch ganz intereſſant zu wiſſen, wie hoch uns die Herren Nume eigentlich ein - ſchätzen. ‟
„ Jch will ſie ſchnell umrechnen ‟, rief La. „ Es iſt ganz leicht. Sie wiſſen, unſere Münzeinheit gründet ſich auf die Energiemenge, die von der Sonne während eines Jahres auf die Einheit der Fläche des Mars ausgeſtrahlt wird. ‟
106Dreiunddreißigſtes Kapitel.„ Gehört hab’ ich’s ſchon ‟, ſagte Saltner, „ als man mir meinen „ Energieſchwamm ‟ ausgezahlt hat, aus dem ich alle Tage mein Taſchengeld abzapfe. Aber warum Sie ſo rechnen, das weiß ich nicht. ‟
„ Es iſt das Einfachſte. Einen vergleichbaren Preis mit allen Kräften der Natur hat doch nur die Arbeit, eine gleichbleibende Arbeitsmenge können wir leicht mechaniſch definieren und herſtellen, und alle Arbeits - kraft, die wir zur Verfügung haben, ſtammt von der Sonne. Wir fangen die geſamte Sonnenſtrahlung auf, benutzen ſie, um eine beſtimmte Menge Aether zu kondenſieren, und ſo beſitzen wir eine überall ver - wertbare Einheit der Arbeit. Die Sonnenſtrahlung haben wir mit der Erde gemeinſam, hier muß ſich alſo auch eine Vergleichbarkeit unſerer Währungen ergeben. ‟
„ Verzeihen Sie ‟, unterbrach ſie Ell, „ es beſteht dabei noch eine Schwierigkeit. Jch habe nämlich die Umrechnung ſchon gemacht, um ein Urteil über das Budget der Erde aufzuſtellen. Aber auf der Erde vermögen wir Menſchen nur einen ſehr beſchränk - ten Teil der Sonnenſtrahlung, eigentlich nur die Wärme zu verwerten, während Sie auf dem Mars auch die langwelligen und die kurzwelligen Strahlen, die gar nicht durch unſre Atmoſphäre gehen, in Wärme umwandeln und daher mitrechnen. Jch muß geſtehen, daß ich nicht weiß, wie groß dieſer Betrag iſt. ‟
„ Das ſchlagen wir nach ‟, ſagte La. Sie hatte ſchon das phyſikaliſche Lexikon ergriffen. „ Hier ſteht es. Wir können rechnen, daß die Jhnen bekannte Strah -107Fünfhundert Milliarden Steuern.lung der Sonne etwa den zwölften Teil der von uns benutzten beträgt. ‟
„ Dann iſt es ſehr einfach ‟, meinte Ell. „ Die übrige Umrechnung habe ich ſchon früher für mich in Tabellen gebracht. Hier iſt ſie. Wir wollen alſo von den Angaben für den Mars nur ein Zwölftel rechnen. Dann kommt die Einheit der Sonnenſtrahlung auf dem Mars etwa gleich 500 000 Wärmeeinheiten auf der Erde, was ungefähr, ſoweit ſich der Kohlenpreis fixieren läßt, einem Werte von fünfzig Pfennig ent - ſprechen dürfte. So — nun will ich Jhnen die Be - rechnungen gleich in Mark vorleſen — ‟
„ Hören Sie ‟, warf Saltner ein, „ der Wert einer Wärmeeinheit iſt doch aber ſehr ſchwankend, je nach - dem — ‟
„ Ganz gewiß, ich will auch nur zur Bequemlichkeit ſtatt einer Million Kalorien, was das genaue Maß des Arbeitswertes wäre, der Anſchaulichkeit wegen eine Mark ſagen; ein ungefähres Bild der Größenverhält - niſſe giebt es doch. Nach meiner Umrechnung alſo lautet der Artikel weiter:
Die Geſamtſtrahlung der Sonnenenergie auf die Erde beträgt im Laufe eines Erdenjahres 3000 Bil - lionen Mark, wovon aber nur 1200 bis auf die Erd - oberfläche gelangen. Wir können indeſſen auf der Erde nur einen relativ viel kleineren Teil mit Strah - lungsſammlern beſetzen, als auf dem Mars, für den Anfang ſicher nicht mehr als ein Prozent. Das giebt eine Billion Mark, die wir durch dieſe Anlagen den Menſchen jährlich ſchenken. Allerdings müſſen ſie da -108Dreiunddreißigſtes Kapitel.für arbeiten, aber die Arbeit wird ihnen reichlich be - zahlt, wenn wir jährlich nur 500 000 Millionen Mark für uns als Steuer beanſpruchen. Sie werden ſich immer noch zehnmal beſſer ſtehen, als bei ihren bis - herigen Hilfsquellen, die ihnen außerdem noch zum großen Teil bleiben. Außer der Strahlungsenergie können wir noch Luft, Waſſer, kohlenſauren Kalk und andere Mineralien uns liefern laſſen. Wir müſſen nur die Lieferungen an Arbeit und Stoffen auf die einzelnen Staaten nach ihrer Bevölkerungszahl ver - teilen. Es wird ſich empfehlen, dies ſo zu thun, daß die einzelnen Marsſtaaten ſogleich die betreffenden Erd - gebiete zugeteilt erhalten, an die ſie ſich zu halten haben. Eine Vorſchlagsliſte gedenken wir demnächſt zu veröffentlichen. Doch müſſen wir den Anſpruch unſeres Nachbarſtaates Berſeb, die geſamten Vereinig - ten Staaten von Nordamerika für ſich zu verlangen, ſchon heute zurückweiſen; wenn dieſe große Länder - maſſe nicht geteilt werden ſoll, ſo wäre jedenfalls unſer Hugal als der volkreichſte Marsſtaat am meiſten berechtigt. ‟
„ Sakerment, das nenn’ ich beſcheiden ‟, ſagte Saltner nach einer Pauſe. „ Fünfhundert Milliarden jährlich, ohne das Übrige! Da haben Sie uns eine ſchöne Suppe eingebrockt, Meiſter Ell, mit Jhren berühmten Numen. ‟
„ Jch bitte Sie, Saltner ‟, antwortete Ell ärgerlich, „ erſtens ſind das vage Projekte, auf die nicht viel zu geben iſt; und zweitens, wenn der Mars Revenüen von der Erde zieht, ſo macht er ſich eben nur für das109Fünfhundert Milliarden Steuern.Kapital und die Arbeit bezahlt, die er für die Kultur der Erde aufwendet, die Menſchheit aber wird davon den größten Vorteil haben. An dieſer meiner Über - zeugung können alle die Auswüchſe nichts ändern, die ſich natürlich im Anfang einer ſo gewaltigen Unter - nehmung in der Phantaſie unſrer Landsleute bilden. Sie müſſen ſich nicht wundern, daß ſelbſt den Numen der Gedanke zu Kopfe ſteigt, durch die Erde auf ein - mal das Zehnfache derjenigen Energie zur Verfügung zu haben, welche die Sonne unſerm Planeten allein ſpendet. Denn daß die Martier über die Erde verfügen können, iſt doch nun nicht mehr zu leugnen. ‟
„ Na, darüber ließe ſich doch noch Verſchiedenes ſagen. Jch würde den erſten martiſchen Satrapen, der mir meine Million Kalorien abknöpfen wollte, mir doch erſt ein wenig mit meinen Fäuſten betrachten. Darin ſind wir halt eigen. ‟
Ell zuckte die Achſeln. „ Es wird Jhnen wenig nützen ‟, ſagte er.
„ Vielleicht doch ‟, entgegnete Saltner trocken, „ wenn alle ſo dächten, oder wenigſtens viele. Es könnte nützen. Zunächſt denen, die etwa Luſt hätten, ſich auf die Seite der Martier zu ſtellen; die könnte es zur Beſinnung bringen, wenn ſie ſehen, wie ehrliche Menſchen über die Treue zum Vaterlande denken. Und im Notfalle mir ſelbſt. Denn beſſer iſt es, mit ein Biſſel Repulſit ausgelöſcht zu werden, als unter die Fremdherrſchaft ſich beugen, und wenn ſie ſich noch ſo ſehr mit dem Namen der Freiheit ausſtaffiert. 110Dreiunddreißigſtes Kapitel.Aber wir wollen uns nicht erhitzen. Darf ich mir ein Pik nehmen? ‟ ſagte er zu La.
„ Wir wollen uns allerdings nicht erhitzen, ‟ er - widerte Ell mit eiſiger Miene. „ Darum ſollten Sie ſich ſelbſt etwas vorſichtiger ausdrücken. Man könnte auch auf dem Mars fragen, was ein jeder, der auf ſeiner Oberfläche wandelt, der Sache der Nume ſchul - dig iſt. Und was den Begriff der Fremdherrſchaft anbetrifft, ſo kommt es doch ganz darauf an, was man als fremd anſieht. Die Staatsangehörigkeit jedes einzelnen würde unangetaſtet bleiben; wenn aber der Staat ſelber der Leitung einer höheren Ver - nunft unterliegt, ſo würde das für jeden Bürger nur eine größere bürgerliche Freiheit, einen weiteren Schritt zur Selbſtregierung bedeuten. ‟
„ Die ſich in der Freiheit äußern würde, mehr Steuern zu zahlen. Oder meinen Sie vielleicht, man würde uns das Wahlrecht in den Marsſtaaten oder einen Sitz im Zentralrat gewähren? Man wird uns immer nur als die Handlanger betrachten, die man vielleicht anſtändig füttert und im übrigen nach Be - lieben gängelt. Aber ein Haustier bin ich nit und werd’ ich nit. Jch nit! ‟
„ O Jhr Blinden! ‟ rief Ell. „ Seht Jhr denn nicht, daß Jhr nichts anderes ſeid als Sklaven, Sklaven der Natur, der Überlieferung, der Selbſtſucht und Eurer eigenen Geſetze, und daß wir kommen, Euch zu be - freien, daß Jhr nur frei werden könnt durch uns? ‟
„ Jch glaub’ nicht an die Freiheit, die nicht aus eigner Kraft kommt. ‟
111Fünfhundert Milliarden Steuern.„ Wir wollen ja nur dieſe eigne Kraft ſtärken. Und nun weigert Jhr Euch wie ein Kind, das Arznei nehmen ſoll. ‟
La hatte ſchweigend zugehört. Ell hatte ſie wieder - holt angeblickt, als wollte er ſich ihrer Zuſtimmung verſichern, aber ihre Augen ruhten auf Saltner. Was er ſagte, war ihr aus dem Herzen geſprochen, ſie freute ſich des kräftigen Ausdrucks ſeiner einfachen, natürlichen Geſinnung, aber durch ihre Seele zog es ſchmerzlich. War es nicht eine verlorene Sache, für die er kämpfte? Das große Schickſal, das über die Planeten rollte, mußte es nicht dieſe trotzigen Erden - kinder zermalmen? Ell hatte doch Recht, die Numen - heit iſt die Vernunft, iſt die Freiheit, und ihr Sieg iſt gewiß, wie auch der edle Jrrtum des einzelnen ſich ſträube. Und dennoch! Was iſt denn das Schick - ſal, wenn nicht die Feſtigkeit im ehrlichen Willen der Perſon? Was iſt denn die Freiheit, wenn nicht der Entſchluß, mit dem ein jeder nach ſeinem beſten Wiſſen und Gewiſſen handelt, was ihm auch geſchehe? Und welch höhere Freiheit konnten die Nume geben?
„ Nein, Ell ‟, ſagte La jetzt langſam, als Saltner auf Ells letzten Vergleich nicht antwortete, „ nein — nicht wie ein Kind. Saltner hat wie ein Mann ge - ſprochen. Ein Nume mag es beſſer verſtehen, aber beſſer wollen und fühlen kann man nicht. Und ich weiß, er wird auch ſo handeln. ‟
Sie reichte Saltner die Hand. Jhre dunkeln Augen ſchimmerten feucht, als ſie ſagte:
„ Warum muß es denn zum Streite kommen? 112Dreiunddreißigſtes Kapitel.Laſſen Sie uns alles verſuchen, daß Nume und Men - ſchen Freunde werden. Es iſt ja doch nur notwendig, daß ſie ſich kennen lernen, ehrlich kennen lernen. Laſſen Sie uns den Jrrtum, die Verleumdung bekämpfen, die ſich einzuſchleichen drohen. Noch iſt es vielleicht Zeit! Nicht wahr, auch Sie wollen es, Ell? ‟
„ Was könnte ich Höheres wollen? ‟ erwiderte Ell warm. „ Es war der Wunſch meines ganzen Lebens, die Verſöhnung, das Verſtändnis der Planeten herbei - zuführen, ihre Kulturarbeit zu vereinen. Seit ich die Nume perſönlich kennen gelernt habe, iſt mein Wunſch lebhafter als je. Daß die Nume die Überlegenen ſind, iſt eine Thatſache. Wenn es zum Kampfe kommt, werden die Menſchen unterliegen, das folgt daraus. Daß ich trotzdem in dieſem Falle auf der Seite der Nume ſtehen würde, iſt ebenſo natürlich wie der ent - gegengeſetzte Standpunkt Saltners. Was ich nicht billige, iſt nur das Mißtrauen, mit dem die Menſchen uns begegnen, weil ſie von einem Teil der Martier von oben herab behandelt werden. Aber dieſe Zeitungen ſind doch nicht die Marsſtaaten. Jch hoffe wie Sie, daß die entgegengeſetzten Stimmen bald durchdringen werden. Hätte Saltner andere Blätter geleſen, er wäre ſicherlich weniger bitter geſtimmt. ‟
„ Jch habe auch die andern geleſen ‟, ſagte Saltner, „ den ganzen Vormittag habe ich mich mit den Zeitungen herumgeſchlagen. Leider haben ſie einen ſchweren Stand, zu beweiſen, daß die Menſchen anſtändige Leute ſind. Was ſie für uns ſagen können, das müſſen ihnen die Martier halt glauben. Aber was ſich gegen uns ſagen113Fünfhundert Milliarden Steuern.läßt, das haben ſie in einem einzelnen Falle geſehen. Daran ſind die ſakriſchen Engländer ſchuld. Aber auch die beiden vorlauten Matroſen vom Luftſchiff und ihre Helfershelfer, die die Sache im Theater auf - gebauſcht haben. Dagegen mußte die Regierung mehr thun, als die bloße Berichtigung loslaſſen, die heute in den Zeitungen ſteht. ‟
„ Es wird auch geſchehen ‟, ſagte Ell. „ Jch will eben deshalb jetzt zu Jll, der geſtern in Erwägung zog, ob ſich nicht ermitteln laſſe, wie die Engländer dazu ge - kommen ſind, unſre Leute anzugreifen. Vielleicht lag nur ein Mißverſtändnis vor. Und wenn ſich das be - weiſen ließe, wenn ſich außerdem zeigte, daß die Dar - ſtellung im Theater u. ſ. w. übertrieben iſt, ſo wird die Gerechtigkeit bei den Martiern ſiegen. ‟
„ Wie wollen Sie das nachweiſen, da Sie keine andern Zeugen haben als die beiden Martier, von denen ich gar nicht behaupten will, daß ſie abſichtlich übertreiben, die aber in ihrer Bedrängnis nicht objek - tiv urteilen können? ‟
„ Es käme darauf an zu ſehen, was an dem Cairn — an dem Steinmann, den die Engländer errichtet hatten — eigentlich vorging bis zu dem Augenblicke, in welchem die Seeleute dem Offizier zur Hilfe kamen. Auch wäre es ſehr gut, wenn unſere Landsleute ſich durch den Augenſchein überzeugen könnten, wie euro - päiſche Matroſen und ein europäiſches Kriegsſchiff eigentlich ausſehen — ‟
„ Das iſt wahr ‟, ſagte Saltner. „ Am Ende ginge ihnen doch ein Licht auf, daß die Menſchen keineLaßwitz, Auf zwei Planeten. 35114Dreiunddreißigſtes Kapitel.Wilden ſind, mit denen zu ſpaßen iſt. Aber wie ſollte ſo ein Nachweis möglich ſein über einen Vorgang, der in der Oede des Kennedykanals vor Wochen ſtatt - gefunden hat? ‟
„ Durch das Retroſpektiv. ‟
Saltner machte ein erſtauntes Geſicht.
„ Das iſt ein glücklicher Gedanke ‟, rief La.
„ Jch habe dabei gar keinen Gedanken ‟, ſagte Saltner kopfſchüttelnd.
La erklärte das Verfahren. Saltner wurde wieder kleinlaut. Bedrückt ſetzte er ſich nieder und murmelte für ſich hin:
„ Medizin! Wir ſind ja doch arme Rothäute! ‟
Ell verabſchiedete ſich.
„ Wenn es noch zur Anwendung des Retroſpektivs kommt ‟, ſagte La, „ dann müſſen Sie mir aber einen guten Platz verſchaffen. ‟
„ Jch wäre glücklich, Jhnen gefällig ſein zu können. ‟
Ell ſprach es wärmer als gewöhnlich und ließ ſeinen Blick lange auf La ruhen, die ihn lächelnd anſah. Dann ging er.
La wendete ſich zu Saltner. Sie faßte ſeine Arme und blickte ihn an. „ Wie bin ich froh, daß ich dich hier habe, Du geliebter Menſch! ‟ ſagte ſie.
[115]Die Rüſtungen der Martier für ihren Zug nach der Erde waren darauf berechnet geweſen, ſo - bald das Frühjahr für die Nordhalbkugel der Erde gekommen ſei, ſich gleichzeitig mit ihren Luftſchiffen über ſämtliche Hauptſtädte der einflußreicheren Staaten zu legen und die Regierungen zu zwingen, die vom Mars zu diktierenden Bedingungen ohne weiteres an - zunehmen. Es ſollte dann unter einer Art Protektorat der Marsſtaaten den Erdbewohnern die Kultur der Martier zugänglich gemacht werden, und man wollte abwarten, in welcher Weiſe ſich die Marsſtaaten am beſten aus den alten und neuen Hilfsmitteln der Erde würden ſchadlos halten können.
Jetzt auf einmal ſollte ſofort und unter veränderten Umſtänden eine Expedition abgeſandt werden. Man hatte die Erfahrung gemacht, daß die Erdbewohner vermutlich Widerſtand leiſten würden und daß ſie nicht ungefährliche Mittel der Verteidigung beſaßen. Man35*116Vierunddreißigſtes Kapitel.konnte nur wenige Luftſchiffe auf einmal nach der Erde transportieren und mußte darauf gefaßt ſein, ſtatt einfach ein Protektorat zu erklären, in einen Krieg mit England, vielleicht mit der ganzen Erde verwickelt zu werden.
Daher hatte Jll alle Urſache, in ſeinen Entſchlüſſen und Handlungen ſich nicht zu überſtürzen. Je länger ſich die Aktion gegen England hinzog, um ſo eher konnte er hoffen, eine genügende Macht auf der Erde zu verſammeln, um nach dem urſprünglichen Plan eine Beſetzung aller Kulturſtaaten ſofort anzuſchließen. Da ſich die Planeten jetzt von einander entfernten, nahm die Reiſe immer längere Zeit in Anſpruch. Wenn ſich die Abſendung des Raumſchiffs noch um einen Monat verzögerte, ſo mußte wenigſtens ein zweiter Monat ablaufen, ehe es nach der Erde gelangte. Aber auch dann wollte er nicht ſogleich vorgehen, ſondern zunächſt weitere Verſtärkungen abwarten. Etwa im Januar — nach irdiſcher Rechnung — hoffte er ſtark genug zu ſein, ſeinen Forderungen den nötigen Nach - druck zu geben. Ließen ſich nun die Verhandlungen mit England noch einige Zeit verſchleppen, ſo hatte ſich inzwiſchen die Raumſchiffflotte auf der Außen - ſtation des Nordpols eingefunden, und Mitte März konnte man dort mit der Jndienſtſtellung der Luft - ſchiffe beginnen.
Jll hatte aber auch noch andre Gründe, die Ab - ſendung des Raumſchiffs nach dem Südpol zu ver - zögern. Es hatte ſich ja gezeigt, daß die Luftſchiffe vor den Waffen der Erdbewohner keinen genügenden117Das Retroſpektiv.Schutz beſaßen. Einen ſolchen galt es erſt herzuſtellen. Wenn es gelang, die Luftſchiffe gegen Geſchoſſe jeder Art aus irdiſchen Geſchützen widerſtandsfähig zu machen, ſo war dadurch der Erfolg geſichert. Verſuche darüber konnten erſt jetzt angeſtellt werden, nachdem man die Wirkungsart der Repetiergewehre und der großen Marinegeſchütze kennen gelernt hatte. Und in dieſer Hinſicht war man einer neuen Entdeckung von ganz erſtaunlicher Wirkung auf der Spur. Dieſes Argu - ment ſchlug durch. Die oppoſitionellen Parteien im Parlament wie in der Preſſe beruhigten ſich darüber, daß die Abſendung der Expedition ſich verzögerte. Die Wichtigkeit der techniſchen Vervollkommnung der Luft - ſchiffe leuchtete ebenſo ein, wie die Schuldloſigkeit der Regierung, daß dieſe Erfahrungen nicht früher gemacht werden konnten. Sobald es ſich überhaupt um die Löſung einer wichtigen techniſchen Aufgabe handelte, gab es keine Parteikämpfe mehr. Dann waren alle einig, und alles Jntereſſe konzentrierte ſich darauf. Da war ein Ehrenpunkt für jeden Martier berührt, und das techniſche Problem drängte alle anderen Fragen in den Hintergrund.
So kam es, daß die Hetze gegen die Erdbewohner und die zahlloſen Pläne über die Ausnutzung der Erde nach wenigen Wochen verſtummten und wieder eine ruhigere Auffaſſung Platz griff. Doch die Re - gierung ließ ſich dadurch nicht täuſchen. Es war kein Zweifel, daß ähnliche Geſinnungen wieder hervortreten würden, ja daß ſie ſich zu einem chauviniſtiſchen Ueber - mut verdichten würden, ſobald es feſtſtand, daß die118Vierunddreißigſtes Kapitel.martiſchen Schiffe durch menſchliche Waffen unverletz - bar ſeien. Die Gefahr lag vor, daß der Gegenſatz zwiſchen beiden Planeten dann zu einer Vergewal - tigung der Erde führen, daß die Regierung zu krie - geriſchen Maßregeln gegen die ohnmächtigen Menſchen gedrängt werden könnte. Der Zentralrat war jedoch, in voller Uebereinſtimmung mit Jll, feſt gewillt, dies zu vermeiden und die Würde der Numenheit in den Verhandlungen mit der Erde zu wahren, indem er die Uebermacht der Martier nur benutzen wollte, Feind - ſeligkeiten der Menſchen ihrerſeits unmöglich zu machen und dadurch das friedliche Zuſammenwirken der Pla - neten zu erzielen. Es wurde daher verſucht, ein Geſetz durchzubringen, das von vornherein den Menſchen die Freiheit der Perſönlichkeit garantieren ſollte, indem es ſie als Vernunftweſen erklärte. Doch war eine ſtarke antibatiſche Oppoſition dagegen vorhanden, und auch die gemäßigteren Parteien erklärten, daß zuvor die Angelegenheit mit England geordnet ſein müſſe.
Man beſtrebte ſich jetzt von Seiten der Regierung wie der Philobaten — ſo überſetzte Ell die Bezeich - nung der menſchenfreundlichen Richtung — nach Mög - lichkeit beſſere Anſichten über die Erdbewohner zu ver - breiten. Dahin gehörte auch die Aufklärung des Zwiſchenfalls mit dem engliſchen Kriegsſchiff. Nament - lich war es für die beabſichtigten Unterhandlungen mit England wichtig und erforderlich, genau aus eigenen Quellen zu wiſſen, was am Cairn vorgegangen ſei, womöglich auch, was aus dem Kriegsſchiff geworden. Jnfolge deſſen entſchloß ſich der Centralrat, auf An -119Das Retroſpektiv.trag von Jll, einen Verſuch mit dem Retroſpektiv zu machen.
Die Einſtellung des Apparates, um durch ihn ein beſtimmtes Ereignis in der Vergangenheit wieder zu erblicken, bedurfte einer längeren Vorbereitung. Es war ſchwierig, genau die Richtung zu ermitteln, in welcher die Axe des Kegels von Gravitationsſtrahlen liegen mußte, den man ausſandte, um das zur Zeit des Ereigniſſes vom Planeten zurückgeſtrahlte Licht auf ſeinem Wege durch den Weltraum einzuholen und wieder zurückzubringen. Es kamen dabei eine Menge von Einzelheiten in Betracht, welche mehrtägige theore - tiſche Unterſuchungen und langwierige Rechnungen er - forderten. Alsdann bedurfte es noch praktiſcher Ver - ſuche, um die paſſendſte Einſtellung zu finden und zu korrigieren. Nachdem die zurückkehrenden Gravitations - wellen wieder in Licht verwandelt worden waren und das optiſche Relais paſſiert hatten, erſchien endlich das Bild der aufgeſuchten Gegend in einem völlig verdunkelten Zimmer auf eine Tafel projiziert. Handelte es ſich nicht nur um eine Schauſtellung, ſondern um Konſtatierung von Thatſachen, ſo wurde das Bild, das ſich natürlich fortwährend veränderte, indem es den ganzen Verlauf des beobachteten Ereigniſſes darſtellte, durch eine ununterbrochene Folge von Moment - photographien fixiert, die ſpäter im Kinematograph wieder in ihrer lebendigen Folge betrachtet werden konnten. Die Schwierigkeiten des Verſuchs waren nun im vorliegenden Falle in noch viel höherem Grade als ſonſt vorhanden, da man ein Ereignis betrachten120Vierunddreißigſtes Kapitel.wollte, das ſich auf einem andern Planeten vollzogen hatte, und da man außerdem beabſichtigte, den Schau - platz, der Bewegung des Schiffes folgend, zu wechſeln. Es war das erſte Mal, daß man das Retroſpektiv auf einen ſo komplizierten Fall anwendete, und man durfte nicht erwarten, daß alle Teile des Verſuchs gleichmäßig oder überhaupt glücken würden. Das Experiment ſelbſt ſollte daher nicht öffentlich ſein. Es konnte nachträg - lich wiederholt werden, in jedem Falle gaben die be - wegten Momentphotographien ein unwiderlegbares Protokoll über die Beobachtungen, das jedermann zu - gänglich gemacht werden konnte.
Jsma verzeichnete in ihrem Tagebuche bereits den 18. Oktober. Sie mußte erſt einige Zeit in ihrem Gedächtniſſe nachrechnen, ehe ſie ſich des Datums ver - gewiſſerte, denn in den letzten Tagen hatte ſie keiner - lei Aufzeichnungen gemacht. Sie fühlte ſich ſehr niedergeſchlagen. Zu ihren Beſorgniſſen kam eine körperliche Verſtimmung infolge der Veränderung ihrer Lebensverhältniſſe. Einige Tage hatte ihre Schwäche ſie ſo überwältigt, daß ſie ihr Zimmer nicht verlaſſen konnte. Jhre Gaſtfreunde waren in liebevollſter Weiſe um ſie beſorgt und hatten ſogar Hil den weiten Weg von ſeinem Wohnorte nach Kla machen laſſen, um dieſen beſten Kenner der menſchlichen Konſtitution auf dem Mars zu Rate zu ziehen. Er hatte angeordnet, daß für Jsma ein beſonderer Apparat gebaut werde, um die normalen Verhältniſſe der Erde in Schwere121Das Retroſpektiv.und Luftdruck für ſie herzuſtellen; und ſeitdem ſie ſich die Nacht über und einige Stunden des Tages in dieſem künſtlichen Erdklima aufhielt, hatte ſich ihr Zuſtand gebeſſert, und ihre Kräfte waren wieder ge - ſtiegen.
Obwohl ihre Gaſtfreunde und befreundete Familien derſelben, vor allen La, ſie in jeder Weiſe aufzuheitern ſuchten, obwohl ſie manchmal über Saltners harmloſe Spöttereien und die Schilderungen ſeiner Abenteuer auf dem Mars herzlich lachen mußte, zählte ſie doch ſehnſüchtig die Stunden, in denen Ell bei ihr erſchien. Er hatte ſie täglich aufgeſucht und während ihrer Er - krankung, ſo oft ihr Zuſtand es geſtattete, ſich durch den Fernſprecher mit ihr unterhalten. Sein Verhalten gegen ſie war ſtets unverändert freundſchaftlich und teilnehmend geblieben, ſie hatte keine der kleinen Auf - merkſamkeiten vermißt, mit denen er ſie ſeit Jahren verwöhnt hatte. Jhre Wünſche ſuchte er zu erraten, faſt nie kam er, ohne ihr irgend etwas mitzubringen, von dem er glaubte, daß es ſie intereſſieren würde, einen Artikel in den Zeitungen, eine Abbildung oder eine der tauſend unterhaltenden Neuigkeiten der Mars - induſtrie, und wenn er ſie erblickte, ruhten ſeine Augen mit der alten, zärtlichen Anhänglichkeit auf ihr. Sie hätte nicht ſagen können, worüber ſie ſich beklagen dürfte. Und dennoch — ſie konnte ſich eines ſchmerz - lichen Gefühls nicht erwehren, als wäre eine Ent - fremdung zwiſchen ihr und dem Freunde eingetreten. Jn ſeiner Anweſenheit verſchwand es, aber wenn er fort war, ſtellte es ſich wieder ein. Sie quälte ſich122Vierunddreißigſtes Kapitel.ſelbſt mit Grübeleien darüber, was ſie ihm vorzu - werfen habe.
Warum konnte er ſo gar nichts darin durchſetzen, daß ihr die Erlaubnis erteilt werde, mit dem Raum - ſchiff nach dem Südpol der Erde abzureiſen? Jhre Bitte war von Jll mit Bedauern, aber entſchieden abgeſchlagen worden; die Verhältniſſe geſtatteten es nicht. Ell hatte ſich vergeblich für ſie verwandt; man hatte erklärt, ſo lange man ſich in einer Art feind - ſeligen Zuſtandes zur Erde befinde, ſei es nicht zu - läſſig, daß einer der Erdbewohner entlaſſen werde. Aber als Ell einmal in ihrer Gegenwart ſeinem Oheim gegenüber aufs Lebhafteſte für ihre Zurückſendung nach der Erde eingetreten war, hatte ſie ſich wieder durch den Eifer verletzt gefühlt, mit dem er bemüht war, ſie fortzuſchaffen. Und er wollte auf dem Mars bleiben. Es war gar keine Rede davon geweſen, daß er ſie begleite. Und jetzt wäre doch ſein Platz auf der Erde geweſen, jetzt hätte er zur Verſöhnung thätig ſein müſſen! Was hielt ihn auf dem Mars zurück?
Sie glaubte es wohl zu wiſſen. Warum ſprach er anfänglich ſoviel und mit ſolcher Wärme und Be - wunderung von La? Und jetzt ſuchte er ihren Namen zu vermeiden. Was war zwiſchen ihn und Saltner getreten, daß ſie ſich ſo kühl und förmlich begegneten, wo ſie doch mehr als je auf ſich angewieſen waren? Und wenn Ell mit La bei ihr zuſammentraf, wie ſelt - ſam pflegte er ſie anzuſehen! Sie kannte dieſen Blick. Und warum ſprach er manchmal ſo ſchnell und eifrig zu La in ihrer Sprache, daß ſie der Unterhaltung nicht123Das Retroſpektiv.zu folgen vermochte? Sie mochte die beiden nicht zuſammenſehen. Ein Gefühl der Kälte durchzog ihre Seele und machte ſie feindſelig und unwirſch gegen La wie gegen Ell. Es war ja nichts, das ſie ihnen vorwerfen konnte, und doch war ihr dieſer Verkehr unbehaglich und verſtimmte ſie. Wenn dann La ge - gangen war und Ell noch zurückblieb, wenn er dann mit derſelben Herzlichkeit zu ihr ſprach, die ſie eben auch La gegenüber in ſeinem Tone gehört zu haben glaubte, ſo ſtieg es wie Zorn in ihr auf, als wäre ihr etwas genommen, das ihr allein gebührte. Sie war dann unfreundlich gegen Ell, ſie machte ihm Vor - würfe, die ſie nicht verantworten konnte, und wenn er fort war, bereute ſie ihre Worte, ihre Blicke und ſchalt ſich undankbar und ſchlecht.
Ach, ſie kannte auch dieſen Zuſtand, dieſes Gefühl der Unzufriedenheit. Und ſie konnte es doch nicht ändern. Es war jedesmal ſo geweſen, wenn Ell an einer anderen Gefallen gefunden hatte. Sie ſagte ſich ſelbſt, wie thöricht ſie ſei. Sie hatte jedes Recht auf ihn aufgegeben, ſie hatte es zur Bedingung ihrer Freundſchaft erhoben, daß er ſich keine Hoffnungen mache, mehr von ihr zu beſitzen, als dieſe Freund - ſchaft. Wie durfte ſie ihm verwehren, eine andere zu lieben, da ſie ſelbſt verzichtet hatte? Und doch jedes - mal, wenn dieſe Gefahr zu drohen ſchien, fühlte ſie ſich von Eiferſucht ergriffen, die ſie ſich nicht geſtehen wollte, und die ſie doch ohne ihren Willen ihm durch ihr Benehmen eingeſtand. Warum auch mußte er ihr das jetzt anthun, wo ſie fremd auf fremdem Pla -124Vierunddreißigſtes Kapitel.neten, eine Gefangene, krank und einſam weilen mußte, wo er der einzige war, der ſie verſtehen konnte — warum mußte er jetzt —? Aber was warf ſie ihm denn vor? Warum war ſie ſelbſt nicht beſſer? Warum ſagte ſie ihm denn nicht, hier, frei von allen Menſchen - ſatzungen, daß ſie nicht ohne ihn ſein wolle, daß ſie ihn nicht entbehren wolle, nicht könne? Warum? Weil ſie ihn ja doch nicht lieben — wollte! Und warum konnte ſie ſich nicht von ihm losreißen, da ſie doch ihren Mann liebte, da ſie ausgezogen war, ihn zu ſuchen in den Öden der Polarnacht, und da ſie zu ihm zurück wollte durch die Leere des Welt - raums? Und wenn Torm nicht mehr war? Wenn ſie zurückkam nach Friedau und er verſchollen war, ein Opfer der Forſchung, wie ſo viele vor ihm? Wenn ſie dann verlaſſen war, hier wie dort? Sie ließ die Feder ſinken und legte den Kopf in ihre Hände. Ach, daß es kein Zeichen von ihm gab, keine Nach - richt! Und daß ſie hier ſitzen mußte, nicht mehr tauſende, ſondern Millionen von Meilen von ihm ge - trennt, und angewieſen auf den Freund, der um ihretwillen gegangen war, allein mit ihm — gerade alles, was ſie hatte vermeiden wollen! Gerade in dieſe Gefahr hatte ſie ſich geſtürzt, der ſie zu ent - fliehen gedachte. Und ſie ſah ſie vor ſich, leibhaftig, jeden Tag in den großen treuen Augen, die ſie teil - nehmend anſahen — ach, darum quälte ſie ihn ja, quälte ſie ſich — —
Aber wäre es in Friedau beſſer geweſen, wenn ſie nun doch von ihrem Manne nichts erfahren konnte? 125Das Retroſpektiv.Eines wenigſtens war ſie los, die fortwährenden Fragen, die teilnehmend ſein ſollten und doch ſo heuchleriſch waren, die hämiſchen Blicke, die wider - wärtigen, kleinlichen, ſchamloſen Klatſchereien — —
Aus ihrem Nachſinnen weckte ſie der Ton, der den Eintritt eines Beſuches durch das Gartenthor meldete. Sie hörte den Wagen vor der Veranda halten. Das war Ells Stimme, er ſprach mit Ma. Jsma ſtrich über ihr Haar, ſie warf einen Blick in den Spiegel und ärgerte ſich über ihre Erregung. Gleich darauf trat Ell ein. Sie ging ihm lächelnd entgegen. Er blickte ſie an.
„ Es geht Jhnen gut ‟, ſagte er freudig. „ Sie ſehen wieder friſch und kräftig aus. ‟
Er hielt ihre Hände. Jn ihren Augen las er ihre Freude. Es war einer der Tage, an dem ſie nicht verbergen konnte, wie lieb er ihr war. „ Jch weiß nicht ‟, ſagte ſie. „ Es geht mir eigentlich gar nicht gut. Jch kann von meinen Gedanken nicht los - kommen. ‟
„ Dann kommen Sie mit mir, Jsma. Sie ſollen etwas ſehen, worauf wir ſchon lange warten. Das Retroſpektiv iſt glücklich eingeſtellt — der Cairn iſt gefunden — ‟
„ Ach, Ell! Noch einmal die ſchreckliche Geſchichte! Jch bin ja leider dabei geweſen. Soll ich ſie wirklich noch einmal ſehen? ‟
„ Jch dachte, der Triumph der Technik würde Sie intereſſieren. Jn die Vergangenheit zu blicken — ‟
Jsma wollte eine abweiſende Antwort geben. Aber126Vierunddreißigſtes Kapitel.ſie ſah, daß es Ell erfreuen würde, wenn ſie ihn be - gleitete. Sie wollte gut zu ihm ſein, ſie wollte ihm nichts abſchlagen.
„ Nun denn ‟, ſagte ſie, „ wenn es Jhnen lieb iſt — kommen Sie. Es iſt doch etwas Neues in der Form, wenn auch nicht im Stoffe. Jch habe aber ſchon vor einigen Tagen den Platz abgelehnt, den Jhr Oheim mir anzubieten die Güte hatte. ‟
„ Jch habe noch einen für Sie reſerviert, allerdings etwas mehr im Hintergrunde, wo La und Saltner ſitzen, und wer ſonſt Verbindungen mit der Erd - kommiſſion hat. Sie wiſſen, es handelt ſich nur um einen Verſuch; außer dem Zentralrat, den Kommiſſions - mitgliedern und dem Präſidium des Parlaments ſind nur einige Vertreter der Preſſe da. Aber unſre Plätze ſind auch gut, und mit dieſem Glaſe, das ich Jhnen mitgebracht habe, können Sie ſicherlich die einzelnen Perſonen erkennen — wenn wir ſie überhaupt zu Geſicht bekommen. Allerdings wird das Bild etwas aus der Vogelperſpektive erſcheinen, doch hat man den Neigungswinkel ſo günſtig genommen, als es die atmoſphäriſchen Verhältniſſe nur immer geſtatteten. Jch habe den „ Steinmann ‟ vor mir geſehen wie von einem niedrig ſchwebenden Luftſchiff aus. ‟
Jsma ſchwieg ein Weilchen. Alſo La war natürlich auch da. Sie verdrängte den aufſteigenden Gedanken und ſagte:
„ Aber ich begreife nicht — wenn man ſo deutliche Bilder aus ſo rieſigen Entfernungen erzielen kann, warum betrachten Sie denn nicht die Erde direkt,127Das Retroſpektiv.warum können wir nicht einmal nach Friedau, nach unſerm Hauſe ſehen? ‟
„ Mit Hilfe des Retroſpektivs ginge das wohl an, aber Sie können nicht verlangen, daß man dieſes äußerſt ſchwierige, zeitraubende und koſtſpielige Experiment anſtellt, um irgend eine Neugier zu befriedigen. Was ſollte Jhnen das nützen? Was wollte man damit erfahren? Und ſelbſt wenn eine Zeitung zufällig irgendwo aufgeſchlagen läge, mit neuen Nachrichten über die Verhältniſſe auf der Erde, und ſie erſchiene im Retroſpektiv, ſo geht die Deutlichkeit doch nicht ſo weit, daß wir ſie leſen könnten. ‟
„ Und mit Jhren Fernrohren können Sie ſo genau nicht ſehen, daß Sie Menſchen auf der Erde erkennen könnten? ‟
„ Das iſt unmöglich. Beim Fernrohr haben wir mit den Lichtwellen zu thun, da bekommen wir auf ſo rieſige Entfernungen keine erkennbaren Bilder von ſo kleinen Gegenſtänden. Das geht nur mit Hilfe der Gravitationswellen. Sie müſſen bedenken, daß es die Gravitationsſchwingungen ſind, durch welche wir die ganze, vom zu beobachtenden Ereignis ausge - gangene Bewegung zurückbringen, und daß die Um - wandlung in Licht erſt hier, innerhalb des Apparats, geſchieht. Da bilden ſich wieder dieſelben Schwing - ungen, wie ſie bei der Ausſendung waren, abgeſehen von den Störungen, die inzwiſchen durch äußere Ver - hältniſſe eingetreten ſind. Wenn z. B. das Licht auf ſeinem Wege durch den Weltraum einen Meteorſchwarm paſſiert hatte, ſo erhalten wir kein deutliches Bild128Vierunddreißigſtes Kapitel.mehr. Fernrohr und Retroſpectiv verhalten ſich etwa wie ein Sprachrohr und ein Telephon. Direkt können Sie die Schallwellen nicht weit ſenden, mit dem Telephon aber können Sie ſprechen, ſoweit die elek - triſchen Schwingungen reichen. ‟
Jsma hatte ſich inzwiſchen zu ihrem Wege zurecht gemacht. Jll und ſeine Frau befanden ſich ſchon im Retroſpektiv-Gebäude. Eine halbe Stunde ſpäter hatten auch Jsma und Ell ihre Plätze eingenommen. La und Saltner waren kurz zuvor gekommen.
Der große Saal war vollſtändig verdunkelt, trotz - dem konnte man ſich in ihm unſchwer zurecht finden und die in der Nähe ſitzenden Anweſenden erkennen. Denn das erleuchtete Bild, von welchem das Licht im Saale allein ausging, nahm an der einen Wand einen Kreis von zehn Meter Durchmeſſer ein und erhellte dadurch die Umgebung. Es ſtellte die Gegend an der Küſte von Grinell-Land dar, welche der Schauplatz des engliſch-martiſchen Conflikts geweſen war. Deut - lich erkannte man ziemlich in der Mitte des Bildes die Gruppe der beiden engliſchen Matroſen, welche unter Leitung des Leutnants Prim mit der Errichtung des Cairns beſchäftigt waren. Es war überraſchend zu ſehen, wie die etwa ſpannenlangen Figuren ſich lebhaft durcheinander bewegten. Die Deutlichkeit des Bildes wechſelte, mitunter erſchien dieſe, dann jene Stelle etwas verſchwommen, mitunter verdunkelte ſich ein ganzer Streifen, im allgemeinen waren jedoch ſelbſt Einzelheiten deutlich zu erkennen. Mit ihrem Glaſe konnte ſich Jsma die Geſtalten der Engländer ſo nahe129Das Retroſpektiv.bringen, daß ſie in dem Offizier denſelben Mann wiedererkannte, den ſie durch ihr Fernrohr auf dem Verdeck des Kriegsſchiffs geſehen hatte.
Da man den Apparat auf einunddieſelbe Stelle des Weltraums eingeſtellt hielt und nur nach der ſich verändernden Lage der beiden Planeten regulierte, ſo gab das Bild den Verlauf der Ereigniſſe in dem gleichen Zeitmaße wieder, wie er ſich in Wirklichkeit vollzogen hatte. Man befand ſich offenbar noch am Morgen, und wenn der ganze Tag in ſeinem Geſchehen verfolgt werden ſollte, ſo ſtand eine lange und er - müdende Sitzung in Ausſicht. Die eintönige Arbeit der Engländer begann ſchon etwas langweilig zu werden, und Saltner ſagte zu La:
„ Merkwürdig iſt ja die Geſchichte, und immerhin können die Herrn Nume hier ſchon ſehen, daß die Englishmen doch nicht ganz ſo wild ſind, wie auf ihrem Theater. Aber läßt ſich denn die Sache nicht ein biſſel beſchleunigen? ‟
„ Das geht allerdings ‟, antwortete Ell, der auf der andern Seite von La ſaß, „ und man wird es wohl nachher auch thun. Man braucht nur den Apparat allmählich auf näher gelegene Stellen des Raumes zu richten, ſo fängt man die Lichtſtrahlen in immer früheren Zeitmomenten ab und bewirkt da - durch, daß alles viel ſchneller zu geſchehen ſcheint. Aber es treten dabei andre Schwierigkeiten auf. Und jetzt iſt es nicht möglich, weil jeden Augenblick der entſcheidende Moment eintreten kann. Wir müſſen uns alſo in Geduld faſſen. ‟
Laßwitz, Auf zwei Planeten. 36130Vierunddreißigſtes Kapitel.Es dauerte nicht mehr lange, ſo verſtummte die Unterhaltung, denn man ſah, wie der Leutnant den Cairn verließ und den benachbarten Hügel beſtieg. Man konnte auch erkennen, daß er mit dem Feld - ſtecher nach einer beſtimmten Richtung blickte. Es zeigten ſich nun alle die Ereigniſſe, wie ſie ſich ab - geſpielt hatten. Unter lautloſer Spannung ſah man die Matroſen ſich entfernen, man ſah mit Hilfe einer kleinen Verſchiebung des Bildes, wie ſie verunglückten und von den Martiern gerettet wurden, man ſah den ganzen Konflikt ſich entwickeln — —
Die Martier waren von dem Verſuche ſehr be - friedigt, da ſich nun eine Erklärung des Mißverſtänd - niſſes ergab. Die Engländer hatten die Martier in der That für Feinde halten müſſen.
Man verfolgte das Schickſal der Gefangenen, bis ſie auf dem Kriegsſchiff unter Deck gebracht worden waren. Es war nun nichts mehr zu beobachten, da man wußte, daß man die Gefangenen nicht wieder erblicken konnte bis zu dem Moment ihrer Auslieferung. Dieſe achtzehn Stunden hindurch den Lauf des Kriegs - ſchiffs und ſeinen Kampf mit dem Luftſchiff zu ver - folgen hatte kein Jntereſſe für die vorliegende Frage. Dagegen wollte man gern wiſſen, was aus der Pre - vention nach ihrer Niederlage geworden ſei. Es war daher beſchloſſen worden, durch eine Umſtellung des Apparats dieſe ſpäter liegenden Ereigniſſe zu be - obachten. Während der Vorbereitungen hierzu, die einige Stunden in Anſpruch nahmen, verließen die Zuſchauer den Saal. Jsma erfuhr, daß erſt in den131Das Retroſpektiv.Abendſtunden die Fortſetzung des Verſuchs zu er - warten ſei.
Saltner und Jsma, ebenſowie Ell, brauchten da - her ihre gewöhnliche Tagesbeſchäftigung nicht abzu - ſagen, wie ſie urſprünglich beabſichtigt hatten. Dieſe beſtand darin, daß ſie auf Erſuchen der Regierung es übernommen hatten, täglich einige Stunden mit dazu ausgewählten höheren Beamten das Studium der wichtigſten europäiſchen Sprachen zu treiben. Außer dem Deutſchen hatte Ell den Unterricht im Engliſchen, Saltner im Jtalieniſchen und Jsma im Franzöſiſchen übernommen, den ſie nur während ihrer Erkrankung einige Zeit hatte ausſetzen müſſen.
Gegen Abend wurde Jsma von Ell mit der Nachricht angeſprochen, daß der Apparat wieder eingeſtellt und das Kriegsſchiff aufgefunden ſei. Man räume eifrig auf demſelben auf, um die erlittenen Beſchädigungen zu beſeitigen, und es ſcheine, daß das Schiff ſeine Fahrt wieder aufnehmen wolle. Als Jsma im Saal des Retroſpektivgebäudes erſchien, zeigte indeſſen das Bild nur einen Teil des Meeres und des felſigen Ufers; von einem Schiffe war nichts zu ſehen. Sie hörte, daß es ſeinen Kurs nach Süden fortgeſetzt habe, dabei aber dem Geſichtskreiſe entſchwunden ſei. Jnfolge einer vorübergehenden Trübung war es noch nicht gelungen, das Schiff wieder aufzufinden. Jetzt war das Bild wieder hell, und in dem Bemühen, das engliſche Schiff zu entdecken, ließ man die Fläche der Bai und die Felſenufer vorüberziehen. Bald blickte man auftreibende Schollen, bald in Buchten und Fjorde hinein.
36*132Vierunddreißigſtes Kapitel.Jsma kam es vor, als befände ſie ſich wieder an Bord des Luftſchiffes und durchſpähte die Gegend, der ſie ſo ſchnell entzogen worden war, nach Spuren von Hugo — —
Vielleicht war er gar nicht ſo weit von der Stelle entfernt, die ſie jetzt vor Augen hatte, vielleicht ver - deckte nur jener Berggipfel das Lager der Eskimos, bei denen ihr Mann weilte! Und da — nein — ja doch — das war doch ein Bot, zwei, drei Bote, was dort in dem Kanal unter dem Ufer ſich bewegte —
Jsma ergriff krampfhaft Ells Arm. „ Sehen Sie doch — ſehen Sie nicht dort —? ‟
„ Wahrhaftig ‟, rief Ell, „ es ſind Bote, Umiaks, ſogenannte Weiberbote der Eskimos. Sie ſcheinen mehrere Familien mit ihren Habſeligkeiten zu tragen. Man wird gewiß das Bild feſthalten — ‟
Jn der That ſtand die Landſchaft jetzt ſtill, man wollte die Bote betrachten, aber die Verſchiebung war doch ſoweit gegangen, daß ſie ſchon durch das höhere Ufer verdeckt waren. Dicht daneben zeigte das Bild das freie Waſſer der Bai, in welche der ſchmale Kanal mündete. Man erwartete, daß die Bote dort zum Vorſchein kommen müßten. Bis dahin wollten die Beobachter das freiere Fahrwaſſer der Umgegend abſuchen. Das Bild bewegte ſich wieder, man ſah nur Meer — und da — am Rande des Lichtkreiſes bewegte ſich etwas Dunkles — es war das Kriegsſchiff.
Bis jetzt hatte man ein größeres Geſichtsfeld an - gewendet, um einen weiteren Umblick zu haben. Nun kam es darauf an, ſtärkere Vergrößerung zu gewinnen,133Das Retroſpektiv.dabei mußte ſich das Geſichtsfeld einſchränken. Man ſah jetzt, allerdings ſo deutlich, daß man die Stellung der Matroſen erkennen konnte, nur das Schiff und ſeine nächſte Umgebung; mit dem Glaſe konnte man den Kapitän und den Leutnant Prim erkennen, der ſeine Hände, wie zur Uebung, langſam hin und her bewegte. Man bemerkte, daß eine Meldung gemacht wurde und ſich die Geſchwindigkeit des Schiffes, dem der Apparat mit wunderbarer Präziſion und nur ge - ringen Schwankungen folgte, verringerte. Ein Bot wurde herniedergelaſſen. Die Jngenieure des Retro - ſpektivs waren zweifelhaft, ob ſie dem Bote folgen oder das Schiff im Auge behalten ſollten. Das erſtere wurde beſchloſſen, da das Bot ja jedenfalls zum Schiffe zurückkehren mußte. Alsbald war nur noch das raſch rudernde, mit acht Matroſen bemannte Bot auf der Waſſerfläche zu ſehen. Da erſchien ein zweites Bot, ihm entgegenfahrend. Man winkte von dieſem aus. Die Fahrzeuge näherten ſich raſch, das fremde war jetzt deutlich als grönländiſcher Umiak zu er - kennen. An der Spitze desſelben richtete ſich ein Mann empor und ſchwenkte ſeine Mütze — ein blonder Vollbart umrahmte das weiße Geſicht — er war kein Eskimo —
„ Hugo! ‟ gellte eine Stimme laut durch den Saal. Die Martier blickten erſtaunt auf, ſie wußten nicht was das bedeute.
„ Es iſt Torm! ‟ rief Ell erklärend zu Jll hinüber, indem er die zuſammenſinkende Jsma in ſeinem Arme auffing.
[134]Es geht nicht, Saltner, es geht nicht! ‟
Ell legte den Brief in Saltners Hand zurück. Der kleine, verſchloſſene Umſchlag trug, von Jsmas zierlicher Hand geſchrieben, die Adreſſe Torms.
„ Jch darf es nicht ‟, ſagte Ell noch einmal, als Saltner nicht antwortete.
„ Auch nicht, wenn Frau Torm Jhnen verſichert, daß der Brief keine politiſchen, keine auf die Opera - tionen und Abſichten der Martier bezüglichen Mit - teilungen enthält? ‟
„ Auch dann nicht. Wir dürfen keinerlei Briefe von Erdbewohnern mit dieſem Schiffe nach der Erde befördern, die dem Kommando nicht offen eingereicht werden. Frau Torm verlangt, Sie verlangen von mir, daß ich die Möglichkeit ſchaffe, dieſen Brief heim - lich nach der Erde zu bringen. Sie verlangen etwas Unmögliches, den Ungehorſam gegen die Geſetze. Es iſt Kriegszuſtand; Sie verlangen von mir eine Hand -135Die Rente des Mars.lung, die als Hochverrat aufgefaßt werden kann. Und dann wollen Sie mir zürnen, wenn ich einfürallemal ablehne? Und Frau Torm iſt darüber ſo entrüſtet, daß ſie mich nicht ſehen, nicht ſprechen will? Daß ſie ſich Jhrer Perſon bedient, um mir ihren Wunſch noch einmal vorzutragen? Sie hat ja doch an ihren Mann offen geſchrieben, ein ganzes Buch. Der Brief liegt bereits hier, mit der Genehmigung des Kom - mandos verſehen. Es ſteht alles darin, was ſie ihm mitzuteilen hat, daß ſie in der Sorge um ihn mit meiner Hilfe das Luftſchiff benutzt hat, daß ſie ver - hindert war, zurückzukehren, daß ſie ſich ſehnt, ſobald es ihr geſtattet wird, zurückzukommen — was will ſie mehr? Was hat ſie dem Manne noch zu ſchreiben? ‟
„ Das iſt ihr perſönliches Geheimnis. Wenn Frau Torm es Jhnen nicht mitteilen kann, wie ſoll ich es wiſſen? Übrigens weiß ſie nichts von dieſem Verſuche meinerſeits, auf Sie einzuwirken. Sie hatte mich nur gebeten, La um Hilfe anzugehen. ‟
„ La? Wie käme La dazu? ‟
„ Sie hatte Grunthe einige areographiſche Angaben und Aufklärung über verſchiedene techniſche Fragen verſprochen — ein kleines Packet, das den Brief ſehr gut aufnehmen kann. ‟
„ Und La hat dieſen Betrug natürlich von ſich ge - wieſen? ‟
„ Jch habe ſie noch gar nicht gefragt. Zunächſt bin ich ja den Tag über von Pontius zu Pilatus ge - laufen, um eine amtliche Erlaubnis zu erhalten, dann habe ich La nicht angetroffen, als ich mit ihr ſprechen136Fünfunddreißigſtes Kapitel.wollte. Jch mußte nun zunächſt mit Jhnen als Freund und Menſch reden. Jch ſehe jetzt, daß es vergeblich wäre. Sie würden dieſen Brief an Torm von mir nicht befördern? Auch nicht einen an meine Mutter? ‟
Ell ſchüttelte den Kopf. „ Sie haben an beide ſchon geſchrieben. ‟
„ Aber offen. Es giebt Dinge, die man nicht vor andern ſagen will. Wo bleibt die gerühmte Freiheit, die verſprochene Freiheit, wenn man uns jetzt das perſönliche Eigenrecht der Ausſprache abſchneidet? ‟
„ Sie müſſen bedenken, daß dies nur bis zu dem Augenblick geſchieht, in welchem unſer Verhältnis zur Erde ſich geklärt hat. Das iſt eine Ausnahme. Es iſt ein Unglück, denn es iſt allerdings ein Vergehen gegen die ſittliche Grundlage, gegen die perſönliche Freiheit. Aber ſittliche Konflikte ſind ein allgemeines Unglück, ſie laſſen ſich nicht vermeiden. Die höhere Pflicht, die Ordnung zwiſchen den Planeten, erfordert dieſen Verzicht des einzelnen auf ſeine Freiheit. Und im Grunde genommen iſt es doch nur der Ausdruck individueller Gefühle, der eine Beſchränkung erleidet. ‟
„ Sie geſchieht aber bloß aus einem Mißtrauen der Martier gegen die Menſchen. ‟
Ell ſah Saltner durchdringend an.
„ Geben Sie mir Jhr Ehrenwort ‟, fragte er, „ daß in Jhren Briefen nichts über unſre Maßnahmen ſteht? ‟
„ Nein ‟, ſagte Saltner.
„ Und dann verlangen Sie von mir — ‟
137Die Rente des Mars.„ Jch verlange, was der Menſch vom Menſchen, der Deutſche vom Deutſchen verlangen kann, daß er ihm hilft, eines übermächtigen Gegners ſich zu er - wehren — ‟
„ Jch aber ſtehe auf der Seite dieſes ſogenannten Gegners, der im Grunde der beſte Freund iſt. ‟
„ Dann haben wir uns nichts weiter zu ſagen. Jch wollte mich nur überzeugen, daß ich von Jhrer Seite für uns Menſchen nichts zu erwarten habe. ‟
„ Sie wollen mich nicht verſtehen. Nur in Jhrem einſeitigen Jntereſſe kann ich nichts thun, ſonſt aber werden Sie mich ſtets bereit finden — ‟
„ Leben Sie wohl. ‟
Saltner hörte nicht mehr auf Ells Worte. Er war ſchon auf den Gleitſtuhl getreten und löſte die Hem - mung. Der Stuhl ſauſte die ſchraubenförmige Bahn um den Stamm des Rieſenbaumes hinab nach dem Erdboden. Das Geſpräch hatte auf der Plattform ſtattgefunden, welche einen der Rieſenbäume in der Nähe von Ells Wohnung umgab, dort, wo in einer Höhe von vierzig Meter über dem Boden die erſten Äſte anſetzten. Ein mechaniſcher Aufzug führte in einer Schraubenlinie rings um den Stamm und be - förderte ebenſo leicht von unten nach oben als von oben nach unten. Dieſe geſchützten Plattformen boten einen äußerſt angenehmen Arbeitsplatz. Wie vom Chor eines Domes blickte man zwiſchen den Säulen der Baumſtämme hindurch, über die niedrigen Häuſer weit in die Anlagen. Die Luft war hier friſcher und kühler als unten.
138Fünfunddreißigſtes Kapitel.Ell trat an die Brüſtung vor und blickte hinab. Es begann zu dämmern. An den Straßen entlang leuchteten ſchon die breiten Streifen des Fluoreſcenz - lichtes, in den Häuſern glühten die Lampen. Jn tiefer Finſternis lag das Laubdach.
Ell ſeufzte. Alſo auch er hatte ſich von ihm ge - ſchieden, der biedere Saltner! Mochte es ſein! Was galt ihm das alles noch, da er ſie verloren hatte! Finſter zog ſich ſeine Stirn zuſammen. Das war der Dank, ihr Dank für alles — — Jsmas Dank!
Als ſie auf der Tafel des Retroſpektivs ihren Mann erkannt hatte, wie er aus dem Umiak der Eskimos nach dem Bote des engliſchen Schiffes winkte, da hatten ſie ihre Kräfte auf einen Augenblick verlaſſen. Auf einen Augenblick. Sie hatte ſich ſogleich wieder zuſammengerafft und mit fieberhafter Erregung die Vorgänge verfolgt. Man hatte geſehen, wie beide Bote der Prevention zuſteuerten, wie Torm an Bord des Kriegsſchiffes ſtieg, wie er dem Kapitän Papiere überreichte, die dieſer prüfte; man ſah, wie der Kapitän dann ſalutierte und Torm die Hand ſchüttelte, wie ſich die Offiziere um Torm verſammelten; man ſah, wie die Eskimos beſchenkt wurden und ihr Bot ſich ent - fernte; wie die Prevention ihre Fahrt nach Süden wieder aufnahm. Eine Stunde lang konnte man ſie verfolgen. Maſchine und Steuer waren offenbar nicht verletzt oder wieder repariert; das Schiff dampfte ſchnell und leicht vorwärts. Jmmer undeutlicher wur - den die Umriſſe desſelben. Die Dämmerung brach herein. Bald konnte man nichts mehr unterſcheiden139Die Rente des Mars.als die Lichter. Man ſtellte den Verſuch ein. Es war ſicher, daß das Schiff und Torm mit ihm in wenigen Wochen wohlbehalten London erreichen würden. — —
Torm war gerettet. Er hatte ohne Zweifel jetzt ſchon die Nachricht von Jsmas Verſchwinden. Man würde in Friedau dafür geſorgt haben, daß ihm das - ſelbe unter dem Geſichtspunkte der Friedauer erſchien. Und ſie, die nicht ohne ihn in Friedau bleiben wollte, nun mußte ſie ihn allein laſſen — —
Jsma verbrachte eine ſchlafloſe Nacht. Dann ſetzte ſie noch einmal alles in Bewegung, um ihre Mitnahme auf dem Raumſchiffe nach der Erde zu erreichen. Es war unmöglich. Wenigſtens einen Brief ſollte man mitnehmen. Ja, aber nur einen offenen. Sie ſchrieb, doch das konnte ihr nicht genügen. Was ſie ihm zu ſagen hatte, das ging niemand andern an; das konnte ſie nicht leſen laſſen. Sie wußte, wie ſie ſchreiben müſſe, und daß er ſie nur ſo verſtehen würde. Und dies wurde verſagt. Und hier ließ ſie Ell im Stich! Sie bat ihn flehentlich, ihren Brief zu be - ſorgen. Es ginge nicht! Sie bat ihn, ſelbſt die Reiſe zu machen, ihren Mann aufzuklären. Er weigerte ſich, er wolle jetzt nicht auf die Erde zurückkehren. Die Martier ſelbſt hätten es vielleicht gern geſehen, aber er könne ſich nicht entſchließen, jetzt den Mars zu ver - laſſen. Warum nicht? Warum wollte er nicht? Um ſie, Jsma, nicht allein zu laſſen? Sie glaubte es nicht, ſie vermutete einen anderen Grund, den ſie ihm nicht verzeihen konnte. Sie ſagte ihm Bitteres. Sie140Fünfunddreißigſtes Kapitel.wollte ihn nicht wiederſehen. Und er ging. Natür - lich! La würde ihn wohl tröſten — —
Ell verſetzte ſich in Jsmas Seele, er ſah deutlich, was in ihr vorging — alles dachte er wieder durch, während er in die Nacht hinausſtarrte — das Gefühl der Bitterkeit verließ ihn, er konnte ihr nicht zürnen. Nur traurig wurde er, tief traurig.
Aber er mußte es tragen. Er konnte nicht anders handeln, es war unmöglich. Stand ſie auf der Erde, ſo ſtand er auf dem Mars. Die Kluft überbrückte kein Raumſchiff. Und ſelbſt wenn die Planeten ſich verſöhnten — würde er ſie dann wiederfinden?
Er preßte die Hände gegen die Stirn und ſeufzte tief. Und ſeltſam, mitten in den Kummer um Jsma drängte ſich das Bild Las vor Ells Augen. Dieſer Verkehr war ſo beglückend, ſo frei von dem dunkeln Hintergrund irdiſcher Feſſeln! Das war Numenart, zu geben und zu nehmen! Die reizenden Stunden kamen ihm in den Sinn, in denen er ſich ſagen durfte, daß ſie ihn bevorzugte, und es ſchien ihm, daß deren immer mehr geworden ſeien. Und doch! Er mußte ſich geſtehen, wäre La ihm ſo geneigt, wie er hoffte, ſie hätte ſich ihm noch anders zeigen müſſen. Sie hatte ſich in der letzten Zeit ſichtlich von Saltner zurückgezogen, aber gerade darin ſchien ihm eine ge - wiſſe Abſichtlichkeit zu liegen. Er konnte das Gefühl nicht los werden, daß La unter der gleichmäßigen Liebenswürdigkeit ihres Weſens eine heimliche Sorge barg, und er ſann nach, was ſie wohl bedrücken könne.
Geſtern, als er bei ihr war, hatte er ſie über -141Die Rente des Mars.raſcht, wie ſie in Gedanken verſunken ſaß, und er glaubte die heimlichen Spuren von Thränen in ihrem Auge geſehen zu haben. Aber auf ſeine warmen Worte erwiderte ſie mit Scherzen, es war, als wollte ſie nicht verſtehen, was ſie doch längſt wußte, wie er für ſie fühle. Zum erſten Male war er fortgegangen, ohne ſie recht verſtanden zu haben.
Und jetzt war Saltner auf dem Wege zu ihr. Es war ja nicht daran zu denken, daß ſie auf ſeine Bitte eingehen würde — — Ueberhaupt —
Ell fiel es plötzlich ein — vielleicht war ſie gar nicht in Kla. La hatte mehrfach davon geſprochen, daß ſie möglicherweiſe verreiſen würde, und Saltner hatte ſie heute vergebens zu ſprechen verſucht. — Er wollte ſich doch überzeugen, ob La zu Hauſe ſei. Auch die Plattform war mit dem Hauſe telephoniſch ver - bunden. Er ſprach La an. Sie war zu Hauſe, aber in großer Eile, wie ſie ſagte. Ell teilte ihr mit, daß Saltner bei ihr vorſprechen werde mit einem Anſinnen, das unmöglich zu erfüllen ſei — darauf keine Ant - wort, trotz ſeiner wiederholten Frage. Endlich die Worte, wie mit gezwungener Stimme:
„ Befürchten Sie nichts. Leben Sie wohl. ‟ —
Nichts, nichts weiter! Ell wußte nicht, was er davon denken ſollte.
Er trat zurück an den Tiſch, auf dem ſeine Pa - piere lagen, und ließ die Lampe aufflammen. Er wollte verſuchen, in der Arbeit zu vergeſſen, und ver - ſenkte ſich in das Studium des Etats der Marsſtaaten.
Die 154 Staaten, welche den Planetenbund des142Fünfunddreißigſtes Kapitel.Mars bildeten, waren an Einwohnerzahl ſehr ſtark verſchieden; es gab darunter Reiche, die bis gegen hundert Millionen Einwohner zählten, und kleine Staaten, die nicht einmal die Zahl von einer Million erreichten; der kleinſte von ihnen umfaßte nur zwanzig Bezirke mit zuſammen 800 000 Einwohnern. Ebenſo mannigfaltig wie die Größen waren die Verfaſſungen der Einzelſtaaten. Die republikaniſchen Staatsformen herrſchten vor, aber auch unter ihnen gab es eine bunte Muſterkarte von kommuniſtiſchen, ſozialiſtiſchen, demokratiſchen und ariſtokratiſchen Verfaſſungen. Die Monarchieen waren beſonders unter den kleineren Staaten vertreten. Ganz wie es die hiſtoriſche Ent - wicklung der lokalen Verhältniſſe mit ſich gebracht hatte, waren auch in dieſen die Verfaſſungen ſehr mannigfaltig; im ganzen unterſchieden ſie ſich von den republikaniſchen nur dadurch, daß das Staatsoberhaupt nicht durch Wahl ſondern durch Erbfolge beſtimmt war und ſich eines größeren Einkommens und einer glänzenderen Hofhaltung als die Präſidenten erfreute. Einen höheren politiſchen Einfluß beſaßen die Fürſten des Mars nicht, ſie hatten vornehmlich eine äſthetiſche Bedeutung. Die reiche Entwicklung, welche die Ver - feinerung des Lebens durch die Hofhaltung eines intelligenten Fürſten erfahren konnte, und der Einfluß, den eine hochſinnige Perſönlichkeit hier zu entfalten vermochte, ſollte auch auf dem Mars nicht verloren gehen. Die individualiſtiſchen Neigungen der Martier konnten daher nach jeder Richtung hin Befriedigung finden, und dem Ehrgeiz wie dem Unabhängigkeits -143Die Rente des Mars.gefühl eines jeden war freier Spielraum gelaſſen. Zwiſchen allen Staaten herrſchte, durch das Bundes - geſetz garantiert, vollſtändige Freizügigkeit und Erwerbs - freiheit. Wem es in dem einen Staate nicht gefiel, transportierte ſein Haus in einen andern, und es genügte, daß er dies bei der betreffenden Behörde an - meldete. Dadurch war eine natürliche Regulierung dafür gegeben, daß kein Staat ſeine Machtbefugnis mißbrauchte, denn er riskierte ſonſt, ſehr bald ſeine Einwohner zu verlieren. Die natürliche Verſchieden - heit der Jndividuen, ihre Gewohnheiten und ihre An - hänglichkeit für das Hergebrachte ſorgten andrerſeits dafür, daß den einzelnen Staaten ihre Eigentümlich - keiten erhalten blieben und der Fluß der Bevölkerung nicht in Unbeſtändigkeit ausartete. Jede Gegend hatte ihre Vorzüge. Waren auch die wirtſchaftlichen Lebens - bedingungen in den breiten, die Wüſten durchziehenden, durch künſtliche Bewäſſerung erhaltenen Kulturſtreifen etwas erſchwert, ſo boten dieſelben doch andere Vor - teile. Die Gelegenheit zum gewerblichen Gewinn war hier wegen der Nähe der großen Energieſtrahlungs - gebiete günſtiger, und ein reicherer Arbeitsertrag ent - ſchädigte für die Störungen des äußeren Komforts, die dadurch entſtanden, daß bei eintretendem Waſſer - mangel die ſchützenden Bäume binnen wenigen Tagen ihr Laub verloren und die Vegetation unter ihnen vertrocknete. Dafür waren aber auch die hier ge - legenen Staaten imſtande, größere Zuſchüſſe den Pri - vaten zu gewähren.
Gemeinſchaftlich für den geſamten Staatenbund und144Fünfunddreißigſtes Kapitel.unmittelbar dem Zentralrat unterſtellt, der ſeinerſeits dem Bundesparlament verantwortlich blieb, war die techniſche Verwaltung. Sie ſchied ſich in die beiden großen Gebiete des Verkehrsweſens und des Bewäſ - ſerungsweſens, wozu als drittes jetzt noch die Raum - ſchiffahrt gekommen war. Dieſe ungeheure Organiſation hielt die Bundesſtaaten als ein untrennbares Ganze zuſammen und machte es ebenſo unmöglich, daß ſich einzelne, ſelbſt mächtige Staaten, vom Zuſammenhange des Planeten ablöſen konnten, als ſich ein Organ des menſchlichen Körpers der Blutzirkulation zu entziehen vermag.
Unterhalten wurde der Rieſenbetrieb durch ein ſtehendes Arbeitsheer von ſechszig Millionen Perſonen — „ Mann ‟ kann man nicht gut ſagen, denn die all - gemeine einjährige Dienſtpflicht galt für beide Ge - ſchlechter. Für beſondere Fälle ſtand eine dreifache Reſerve zur Verfügung. Finanziiert wurde der Be - trieb durch die Sonne ſelbſt. Der Geſamtetat der Marsſtaaten betrug — nach deutſchem Gelde gerechnet für das Erdenjahr, alſo für ein halbes Marsjahr — 300 Billionen, das ſind 300 000 Milliarden Mark, alſo 100 000 Mark auf den Kopf der Bevölkerung. Dabei hatte aber niemand eine Steuer, außer der perſönlichen Dienſtleiſtung während eines Lebensjahres, beizutragen. Das Privateinkommen der Martier be - lief ſich außerdem im Durchſchnitt pro Kopf der Be - völkerung auf 100 000 Mark, ſchwankte jedoch für den einzelnen zwiſchen dem Maximum des zuläſſigen Einkommens von zwanzig Millionen und der Null. Die145Die Rente des Mars.Beſteuerung des Einkommens der Privaten diente nur dazu, um jedem, der nichts verdiente, wenigſtens ein Minimum von Kapital pro Jahr zu ſichern, wodurch er ſich wieder heraufarbeiten konnte. Ein Notleiden aus Mangel an Nahrung, Wohnung und Kleidung konnte nicht eintreten, da hierfür durch öffentliche Ver - pflegungsanſtalten geſorgt war. Aber es war natür - lich jedem daran gelegen, dieſer Armenpflege nicht anheimzufallen. Der Geſamtbetrag, der vom Staate und von den Privaten auf dem ganzen Planeten in einem halben Marsjahre eingenommen wurde, belief ſich alſo auf 600 Billionen Mark. Dies war jedoch nur die Hälfte deſſen, was bei völliger Ausnutzung aller Kräfte hätte erzielt werden können.
Dieſe Summen erſchienen Ell ſo ungeheuerlich, daß er ſich damit beſchäftigte ſie nachzuprüfen und ſich zu vergewiſſern, wie es möglich ſei, eine ſo koloſſale Rente zu erzielen. Ell hatte bei ſeinem erſten Verſuche, den Geldwert auf dem Mars mit dem auf der Erde zu vergleichen, ſeiner Umrechnung den Wärmewert der Kohle zu Grunde gelegt; er führte nun die Rechnung noch einmal ſo durch, daß er als Vergleichseinheit die Pferdeſtärken nahm, welche durch die Sonnen - ſtrahlung pro Stunde als Arbeitseffekt erzielt werden konnten. Wenn er den gegenwärtigen Stand der Technik auf der Erde in Betracht zog, ſo glaubte er annehmen zu dürfen, daß ſelbſt unter den günſtigſten Verhältniſſen, bei Berückſichtigung der Anlagekoſten, die Pferdekraft in der Stunde nicht unter 0,8 Pfennig oder 1 Centime geliefert werden könne. Um nun denLaßwitz, Auf zwei Planeten. 37146Fünfunddreißigſtes Kapitel.geringſten Wert der Sonnenrente für den Mars zu ermitteln, nahm er an, daß auch auf dem Mars nur die direkte Wärmeſtrahlung ſeitens der Sonne — nicht die andern Wellengattungen — zur Arbeit verwertet werden. Er fand dann, daß im Laufe eines Erden - jahres die Sonnenſtrahlung dem Mars ſoviel Wärme zuführt, daß, wenn ſie vollſtändig in Arbeit über - geführt wurde, ihr Wert pro Quadratmeter der Ober - fläche durchſchnittlich 30 Mark betragen würde. Die zur Beſtrahlung ausgenutzte Oberfläche des Mars be - trägt aber rund hundert Billionen Quadratmeter, ſomit erhält der Mars eine Rente von 3000 Billionen Mark. Von dieſem Strahlungsbetrage können jedoch nur etwa 40 Prozent wirklich in Arbeit verwandelt und ausgenutzt werden — bei dem Stande der Technik auf dem Mars — ſodaß der Geſamtgewinn des Mars an Arbeit (im Laufe eines Erdenjahrs) 1200 Billionen Mark beträgt. Thatſächlich benutzte man hiervon nur die Hälfte. Denn die Geſamteinnahme der Mars - ſtaaten betrug 300 Billionen, die der Privaten eben - ſoviel. Es war alſo kein Zweifel, daß die Marsſtaaten über dieſe ungeheuren Mittel verfügten. Und dabei empfängt der Mars nur etwa ein Neuntel ſoviel Wärme von der Sonne wie die Erde. Wieweit alſo war die Erde zurück in der Ausnutzung der Mittel, die ihr von der Natur verliehen waren! Wieviel konnte ſie noch gewinnen, wenn ihr die Erfahrung der Martier zu gute kam!
Aufs neue fühlte ſich Ell in der Anſicht beſtärkt, daß gegenüber dem immenſen Fortſchritt, der hier für147Die Rente des Mars.die Menſchheit in Frage ſtand, die Rückſicht auf die Neigung der gegenwärtigen Menſchheit, dieſes Geſchenk anzunehmen, zu ſchweigen hatte. Noch viel weniger aber durfte er ſich in ſeinen Handlungen durch per - ſönliche Neigungen irre machen laſſen. Mochte man ihn als Ueberläufer, als Verräter an der Sache der Erde betrachten, mochte man Schmach und Verachtung auf ihn häufen — gleichviel! Er wußte, daß er zum beſten der Kultur überhaupt und ſo auch der Menſch - heit handle, wenn er voll auf der Seite des Mars ſtand. Mochte er ſelbſt ſeine perſönlichen Freunde verlieren, er mußte es tragen. Einſt würden ſie ge - rechter über ihn urteilen. Und Jsma! Er ſah den traurigen Blick der blauen Augen, er ſah das ſchmerz - liche Zucken ihrer Lippen und das verächtliche Zurück - werfen des Kopfes — Und noch einmal ſprang er empor und ſtarrte trüben Blickes in die dunkle Nacht. Dort drüben, wo der hellgrüne Schimmer des Straßen - ſtreifens ſich hinzog, da wohnte ſie. O könnte er hingehen und ſie rufen, wie damals, als das Luftſchiff auf ſie wartete, könnte er ſie wieder zur Erde zurück - führen und dafür ihren dankbaren Blick erhalten! Doch es ging nicht. Sie durfte nicht fort, ſie konnte nicht, ſelbſt wenn er verſucht hätte ſie fortzubringen. Aber er ſelbſt! Jhm ſtand es frei, er beſaß die Erlaubnis, mit nach der Erde zu gehen, er hatte die Vollmacht hier vor ſich, die er eben mit den übrigen Briefſchaften an Jll zurückſchicken wollte. Jn wenigen Tagen ging das Raumſchiff. Jll fuhr zu dieſem Zweck ſelbſt an die Polſtation, um der Abreiſe beizuwohnen. Er konnte37*148Fünfunddreißigſtes Kapitel.mitreiſen. Er konnte ihr den Wunſch erfüllen, mit Torm ſelbſt zu ſprechen. — Nein doch, nein! Es war unmöglich. Würde ihm Torm glauben können, wenn er ohne Jsma kam? Und in dieſe Verhältniſſe! Unter dieſen Umſtänden! Sich gewiſſermaßen ent - ſchuldigen? Von allen Seiten beargwöhnt und an - gefeindet, würde er überhaupt jetzt etwas zur Ver - ſöhnung beitragen können? Nein, wenn er überhaupt zur Erde zurückging, da konnte es nur ſein, wenn die Menſchen begriffen hatten, was die Nume ihnen bringen, und wie ſie dieſelben aufzunehmen haben. Er wollte auf dem Mars bleiben, bis er zurückkehren konnte als ein Herr und Beglücker der Menſchen.
Ell ſchloß die Papiere für Jll in die Mappe und fügte ſeinen Paß für das Raumſchiff hinzu. Er brauchte ihn nicht.
Saltner lenkte ſeinen Radſchlitten, deſſen er ſich ſehr bald zu bedienen gelernt hatte, Frus Hauſe zu. Wie oft hatte er in dieſen zwei Monaten, die er ſchon auf dem Mars weilte, den Weg zurück - gelegt und die kürzeſte Verbindung ausprobiert! Heute hatte er weite Umwege gemacht und im nächtlichen Parke ſeinen Gedanken nachgehangen. Sonſt konnte es ihm immer nicht ſchnell genug gehen, wenn er über die ſchmalen Parkwege hinglitt, die nach Las Wohnung führten. Wenn ihm das Verhältnis des Mars zur Erde Sorge machte, bei La fand er Troſt und Ermunterung, von ihr wußte er ja, daß ſie ihn nicht für gering hielt, weil er nur ein Menſch war — — Sie liebte ihn, die Nume, die herrliche — ſollte er nicht glücklich ſein? Und doch — das Wort: „ Vergiß nicht, daß ich eine Nume bin ‟, das ſie zu ihm geſprochen, als ſie zuſammen auf die Erde hinab blickten, es ging ihm nicht aus dem Sinne, was er150Sechsunddreißigſtes Kapitel.damals kaum beachtet, nicht verſtanden hatte. Das Wort hatte er nicht vergeſſen, aber vielleicht die Warnung, die es enthielt. Sollte er jetzt daran er - innert werden? Durfte er es wagen, die Bitte aus - zuſprechen, die ſie ihm verſagen mußte? Warum war er ſeit zwei Tagen nicht mehr bei La geweſen? Er hatte viel zu thun gehabt, gewiß; die Erdkommiſſion hatte von ihm verſchiedene Gutachten verlangt, auch Frau Torm hatte lange Unterredungen mit ihm, die Briefe nach der Erde nahmen ſeine Zeit in Anſpruch. Zweimal hatte er auch La durch das Telephon ange - ſprochen, doch beidemal war ſie nicht zu Hauſe geweſen. Er wußte nicht einmal, womit ſie ſo eifrig beſchäftigt war. Seit acht Tagen war ſie mit ihrer Mutter allein. Fru hatte ſich bereits nach dem Pol begeben, um die Ausrüſtung der Raumſchiffe zu leiten. Es hatten lange Erwägungen in der Erdkommiſſion ſtatt - gefunden, welche Kapitäne und Jngenieure bei der wichtigen und verantwortlichen Expedition nach dem Südpol der Erde zu verwenden ſeien. Schließlich wollte man, obgleich an tüchtigen Leuten kein Mangel war, doch des Rates Frus, als eines der bewährteſten Erdkenner, nicht entbehren, und er hatte ſich entſchloſſen, die techniſche Leitung der Expedition zu übernehmen. Es war auch davon die Rede geweſen, daß La ihn begleiten ſolle. Die Ausſicht, La ſobald wieder zu verlieren, hatte Saltner ſchmerzlich erregt, und er hatte nun befreit aufgeatmet, als er hörte, daß La ihren Wunſch, auf dem Mars zu bleiben, durchgeſetzt habe. Er ſchmeichelte ſich, daß ihre Liebe zu ihm der Haupt -151Saltners Reiſe.beweggrund geweſen ſei, der ſie hier zurückhielt — er hatte ſich deſſen geſchmeichelt. Aber warum war er in den letzten Tagen ſo zweifelhaft geworden? Warum hatte er nicht die Zeit gefunden, ſie aufzuſuchen?
Er konnte es ſich nicht verhehlen, er war eifer - ſüchtig. Faſt jedesmal in der letzten Zeit hatte er Ell bei La getroffen, oder ſie war während ſeiner An - weſenheit von Ell aus der Ferne angeſprochen worden. Und wie begegnete ſie Ell! Jedes Wort, jeder Blick zwiſchen ihnen war ſofort verſtanden, ihren Geſprächen vermochte er nicht zu folgen, es waren zwei Nume, die ſich unterhielten, die ſich gefielen, die — Es konnte ja gar kein Zweifel ſein, wer mußte nicht La lieben, der ſie näher kennen lernte? Und er, wie konnte er ſich mit dem Martierſohn vergleichen, der La eben - bürtig war und doch den eigentümlichen Reiz des Menſchentums beſaß! Er hätte dieſen Ell haſſen mögen, er nannte ihn einen Verräter an der Menſch - heit und einen Räuber ſeines Glücks. Und doch, konnte man den einen Verräter nennen, der nur zu ſeinem eigentlichen Vaterlande zurückkehrte, das ihm durch ein unverſchuldetes Geſchick geraubt war? Und welches Recht hatte er ſelbſt an La? Was entbehrte er überhaupt? Sie entzog ſich ihm nicht um Ells willen, ſie war ebenſo lieb und gut wie früher, ja vielleicht ſorgſamer und zärtlicher wie je, ſie zeigte ihm in jedem Augenblicke, wie wert er ihr war. Aber ſie zeigte es auch Ell. Das ſtörte ihn, das empörte ihn, ſie aber fand es offenbar ganz in Ordnung. Sie war eine Martierin — ſie hatte ihn ja gewarnt;152Sechsunddreißigſtes Kapitel.wenn er ſie liebte, mußte er mit der Sitte der Martier rechnen — — er aber war ein Menſch — —
Saltner näherte ſich der breiteren Straße, wo La wohnte. Jn ſeine Gedanken verſunken hatte er nicht bemerkt, daß ein Transport der Umzugsgeſellſchaft ihm entgegen kam. Er hatte nur gerade noch Zeit, zur Seite auszuweichen und den Zug an ſich vorüber - zulaſſen. Ein Haus, auf breiten Gleitkufen ſtehend, wurde von einer Reaktionsmaſchine vorwärts geſchoben. Die Fenſter waren geſchloſſen, es war alles dunkel im Hauſe. Die Bewohner ſchliefen offenbar. Wenn ſie am Morgen aufwachten, ſtand ihr Haus viele hunderte von Kilometern entfernt. Nun war die Bahn wieder frei. Die Straße lag, von den breiten Streifen des Fluoreſcenzlichtes an beiden Seiten erleuchtet, hell vor ihm. Noch eine Minute, und ſein Schlitten war vor ihrem Hauſe. Ob er ſie heute noch würde ſprechen können? Es war ſchon ziemlich ſpät geworden. Ob er nicht ſeinen Beſuch auf morgen aufſchieben ſollte? Er hatte eine dringende Bitte an ſie, aber wie, wenn ſie ſich dadurch beleidigt fühlte? Er mochte gar nicht daran denken, daß auch La ihn abweiſen könnte.
Da war das Nachbarhaus, an ſeinen tulpenartig aufragenden Erkern kenntlich, und hier — Er hielt den Schlitten an. Frus Haus war verſchwunden, die Stelle war leer. Saltner traute ſeinen Augen kaum. La war wirklich fortgezogen, ohne ihn zu benachrichtigen?
Auf dem Raſenplatze, wo das Haus geſtanden hatte, zeigte ſich eine Tafel. Sie enthielt nur die Worte:
153Saltners Reiſe.„ Verzogen 29,36 nach Mari, Sei 614. ‟
Saltner ſtand ratlos. 29,36 — das war die Zeit der Abreiſe. Er verglich den Kalender, den er ſich zur Umrechnung der martiſchen Zeit angelegt hatte, da ihm das duodezimale Zahlſyſtem und die Angabe der Stunden und Minuten in Bruchteilen immer noch Schwierigkeiten machte. Seine Uhr zeigte 29,37 — das war ein Unterſchied von zehn Minuten — vor zehn Minuten erſt hatte der Transport des Hauſes begonnen. So war es gewiß Las Wohnung geweſen, die er an ſich hatte vorüberſchieben ſehen. Sie konnte noch nicht weit fort ſein. Wenn er ſeinen leichten Schlitten in volle Eile verſetzte, konnte er den Trans - port vielleicht noch einholen, ehe er die Gleitbahn er - reichte, die ihn dann mit größter Geſchwindigkeit davon trug. Schon wandte Saltner ſein Fahrzeug — doch — was hätte dies genutzt? Er konnte doch La nicht in der Nacht aus dem Schlafe ſtören. Nachreiſen konnte er auch morgen noch. Er notierte ſich die Adreſſe. Mari — er wußte freilich nicht, wo dieſer Staat oder Bezirk lag, ob die Entfernung groß ſei — doch das läßt ſich ermitteln. Alſo nach ſeiner Wohnung! Er war ſeit Mittag nicht zu Hauſe geweſen. Gewiß, zu Hauſe würde er auch Aufklärung finden, warum La ſo plötzlich verzogen war.
Saltners Wohnung war ganz in der Nähe. Als er die Thür öffnete, flammten die Lampen im Hauſe auf, und das erſte, was er beim Eintritt ins Zimmer erblickte, war ein Zettel mit den deutſchen Worten: „ Jch ſprach ins Grammophon. La. ‟
154Sechsunddreißigſtes Kapitel.Saltner eilte an das Jnſtrument und löſte den Verſchluß. Das leichte Klopfen ertönte, womit der Beginn der Rede angezeigt wird. Dann vernahm er Las melodiſche, tiefe Stimme, er glaubte ſie vor ſich zu ſehen, wie ſie mit zärtlichem Vorwurf ſagte:
„ Wo ſteckteſt Du denn, mein geliebter Sal, dreimal habe ich Dich angerufen, bei Frau Torm habe ich Dich geſucht — Du warſt aber fortgegangen und ſie gleich - falls, da bin ich in Deine Wohnung geeilt, wo Du auch nicht biſt, und jetzt habe ich nur noch Zeit, Dir ſchnell ein paar Worte ins Grammophon zu ſagen, damit Du nicht denkſt, Deine La wäre Dir ohne Ab - ſchied davongegangen. Denn höre nur! Wir ziehen in einer halben Stunde nach Mari, Sei 614. Mari liegt ziemlich weit von hier nach Südweſten, am öſt - lichen Rande der Wüſte Gol. Gern thu’ ich’s nicht, wie gern wäre ich bei Dir geblieben in unſerm ſchönen Kla! Jn Mari iſt es kühler, und das lockt meine Mutter. Aber der Hauptgrund iſt ein anderer. Jhr böſen Menſchen ſeid an allem ſchuld! Auf Gol werden die Verſuche zum Schutz der Luftſchiffe gegen die Ge - ſchütze der Menſchen abgehalten, und dort kommt der Vater noch einmal hin, ſodaß wir vor ſeiner Erdreiſe noch Abſchied nehmen können. Bis hierhin würde es zu weit ſein für ihn. Dort werden wir auch Se noch einmal ſehen. Leb’ alſo wohl, mein lieber Freund! Wir können alle Tage miteinander ſprechen. Morgen zwiſchen drei und vier werde ich Dich an - ſprechen, ſei alſo zu Hauſe. Jch erwarte Dich vor - läufig nicht in Sei, man würde Deine Reiſe dahin155Saltners Reiſe.nicht gern ſehen. Aber wenn erſt die Raumſchiffe fort ſind und mehr Ruhe bei uns herrſcht, dann wirſt Du uns hoffentlich beſuchen. Alſo auf Wiederhören morgen! Deine La. ‟
Saltner hatte mit angehaltenem Atem gelauſcht. Nun ſtellte er den Apparat zurück und ließ ſich die Abſchiedsworte Las noch einmal ſagen. Dann dachte er lange darüber nach. Allerlei Fragen drängten ſich ihm auf.
An die Wüſte Gol erinnerte ſich Saltner; La hatte ſie ihm gezeigt, als das Raumſchiff, das ihn nach dem Mars brachte, ſich der Außenſtation näherte. Sie war der große helle Fleck, nicht ſehr weit vom Südpol, den die Aſtronomen der Erde die Jnſel Thyle I nannten. Sein Weg vom Pol nach Kla führte nicht weit davon vorüber, weil der direkte Weg damals im erſten Sommer noch durch Schnee unbequem gemacht war. Er erinnerte ſich, daß er auf ſeiner Fahrt aus dem Fenſter des Eilzugs zu ſeinem Erſtaunen im erſten Morgengrauen wolkenähnliche Gebilde geſehen hatte, fern im Weſten am Horizont, und daß man ihm geſagt hatte, daß dies die Morgennebel auf dem Hochplateau der Wüſte Gol ſeien. Auch daß die Verſuche mit den weittragen - den Geſchützen der Erdbewohner dort vorgenommen wurden, hatte er gehört. Die Martier hatten für der - artige Schießplätze nur auf ihren Wüſten Raum, und Gol lag dem Südpol am nächſten. Aber warum mußte La ihre Abreiſe ſo beſchleunigen? Sie ſagte, um ihren Vater noch einmal zu ſehen. Alſo mußte Fru ſehr bald, wohl morgen ſchon, dort erwartet werden, und156Sechsunddreißigſtes Kapitel.daraus war zu ſchließen, daß auch das Raumſchiff bald abgehen werde. Er hatte ſomit keine Zeit zu verlieren, wenn er La noch perſönlich vor Abgang des Schiffes ſprechen wollte. Warum aber, wenn es ſich bloß um ein Zuſammentreffen mit dem Vater handelte, war ſie mit dem ganzen Hauſe übergeſiedelt? Es war doch noch ziemlich früh, um eine ſo ſüdlich gelegene Sommerfriſche aufzuſuchen. Und warum ſollte er ihr nicht nachkommen? Und was bedeutete dieſe hingeworfene Bemerkung über Se?
Doch über dieſe Fragen nachzudenken, war noch Zeit auf der Reiſe; denn La nachzueilen, um ſie zu ſprechen, dazu war Saltner ſofort entſchloſſen. Was er mit ihr zu beraten, von ihr zu erbitten hatte, das konnte er nicht telephoniſch erledigen, dazu mußte er ihr Aug’ in Auge ſehen; fürchtete er doch mit gutem Grunde, daß auch ſie ſich weigern würde. Aber dieſem Schritte, der ihm ſchwer genug wurde, kounte und durfte er ſich nicht entziehen, und er mußte ſofort ge - ſchehen, ſolange noch das Raumſchiff den Mars nicht verlaſſen hatte. Er hatte Jsma das Verſprechen ge - geben, La um Hilfe anzugehen, das mußte er halten. Wichtigeres jedoch lag ihm ſelbſt am Herzen. Er hielt es für ſeine Pflicht, die Staaten der Erde von den Maßnahmen der Martier zu unterrichten. Er erinnerte ſich jenes Wortes von Grunthe, daß ſie Kundſchafter ſeien, an deren getreuen Dienſten vielleicht das Wohl und Wehe der ziviliſierten Erde hinge. Nicht von den Erklärungen allein, welche der Regierung der Martier abzugeben belieben würde, ſollten die Menſchen erfahren,157Saltners Reiſe.ſondern auch von den Anſichten, die hier auf dem Mars in der großen Antibatenpartei herrſchten, und von dem Urteil, das er, als Menſch, über das Vor - gehen der Martier ſich gebildet hatte. Er mußte ver - ſuchen, ſeine von den Martiern nicht kontrollierten Briefe nach der Erde zu befördern, ſelbſt in der ſchmerzlichen Ausſicht ſich La zu entfremden.
Sie hatte geſagt: „ Jch erwarte dich vorläufig nicht in Sei, man würde deine Reiſe hierher nicht gern ſehen. ‟ Er ließ ſich die Worte noch einmal wieder - holen. Das war alſo eine Meinungsäußerung Las, ein Rat vielleicht, kein direktes Verbot. Warum hatte ſie ſich ſo unbeſtimmt ausgedrückt, nicht mit der ge - wohnten Klarheit? Folgte ſie vielleicht einem fremden Wunſche, der mit dem eigenen nicht übereinſtimmte, oder war ſie mit ſich ſelbſt im Zwieſpalt? „ Man würde deine Reiſe nicht gern ſehen. ‟ Wer iſt das „ man ‟. Sie hat alſo nicht geſagt, daß ſie ſelbſt ſie nicht gern ſehen würde. Das „ man ‟ aber, die andern, alſo wohl die Regierung, die Martier, Jll, Ell und wer ſonſt, was ging ihn das an? Sie ſollten nicht eher davon erfahren, als bis er dort wäre; hatte er erſt mit La geſprochen, ſo war ihm alles Uebrige gleichgiltig. Alſo vor allen Dingen ſofort nach Mari!
Saltner war müde, er hätte ſich gern niedergelegt. Aber zum Schlafen hatte er unterwegs Zeit. Er wußte, daß die Perſonenbeförderung auf große Entfernungen mit den ſchnellen Radbahnen alle Stunden ſtattfand, er konnte alſo jede Stunde abreiſen. Seine Vor - bereitungen waren ſchnell erledigt, eine kleine Hand -158Sechsunddreißigſtes Kapitel.taſche, der Reiſepelz, den er noch von der Erde mitgebracht, und ſein „ Energieſchwamm ‟, das iſt ſein Kapital, aus welchem er die im Geldverkehr übliche Münze abzapfen mußte. Es war dies eine Büchſe mit einem äußerſt feinen und dichten Metall - pulver, das in ſeinen Poren den höchſt kondenſierten Aether enthielt und dadurch eine beſtimmte Arbeits - menge repräſentierte. Ein Gramm dieſes Pulvers hatte einen Wert von etwa fünftauſend Mark, denn eine gleichwertige Arbeitskraft konnte man in dem ge - eigneten Apparat daraus entwickeln. Dieſe Währungs - einheit hieß ein „ Eck ‟ und war zugleich das Zehn - tauſendfache der Strahlungseinheit. Man pflegte ſich ein bis zwei Centigramm, fünfzig bis hundert Mark, in die im Kleinverkehr gebräuchliche Münze ein - zuwechſeln, was in jedem offenen Geſchäft geſchehen konnte.
Die Perſonenbeförderung auf den Radbahnen, die aber nur auf Strecken über dreihundert Kilometer ſtattfand, war ſehr bequem, und Saltner wußte damit Beſcheid. Um Fahrpläne, Anſchlüſſe und dergleichen brauchte man ſich nicht zu kümmern. Die Beförderung war ungefähr in derſelben Weiſe geordnet, wie die - jenige der Briefe auf der Erde. Die Ueberführung der Paſſagiere an den Kreuzungsſtrecken fand ohne Zuthun derſelben auf dem kürzeſten Wege durch die Bahnverwaltung ſtatt.
Saltner begab ſich nach der nächſten Station, die er mit Hilfe der Stufenbahn in einer Viertelſtunde erreichte. Hier ſtanden, in langen Reihen aufgeſtellt,159Saltners Reiſe.die Reiſecoupés; Schalter, Billets, Schaffner, alles dies gab es nicht. Ein einziger Beamter achtete darauf, daß, ſobald eine Anzahl Coupés beſetzt war, ſofort neue herbeigeſchoben wurden. Jede Perſon nahm ein ſolches Coupé für ſich in Anſpruch. Sie waren etwa einundeinviertel Meter breit, zweieinhalb Meter lang und drei Meter hoch. Sie bildeten alſo eine Kammer von ausreichender Größe für eine Perſon und waren mit allen Reiſebequemlichkeiten verſehen. Ein Hand - griff genügte, um den vorhandenen Seſſel und Tiſch in ein bequemes Bett zu verwandeln. Auch ein Auto - mat, der gegen Einwurf der betreffenden Münzen Speiſe und Trank lieferte, fehlte nicht. Der Eingang zum Coupé war von der ſchmalen Seite aus. Sie ſtanden auf Gleitkufen und wurden vor Abgang der Züge geräuſchlos auf die Wagen der Radbahn ge - ſchoben.
Saltner trat vor ein unbeſetztes Coupé, zog einen Thekel, eine Goldmünze im Werte von etwa zehn Mark, aus der Taſche und ſteckte ſie in die hierzu angebrachte Oeffnung an der Thür. Die bisher ver - ſchloſſene Thür ſprang auf und Saltner trat ein. Die Zeit des Eintritts markierte ſich ſelbſtthätig an der Thür, und Saltner hatte nunmehr das Recht erhalten, ſich einen vollen Tag lang in dem Coupé aufzuhalten und hinfahren zu laſſen, wohin er Luſt hatte.
Aus einem im Wagen befindlichen Käſtchen nahm er ein kleines Kärtchen, um die Adreſſe ſeines Coupés, ſein Reiſeziel, daraufzuſchreiben. Jetzt ſtutzte er einen Augenblick. Genügte auch die Angabe „ Mari Sei ‟? 160Sechsunddreißigſtes Kapitel.Wenn es vielleicht noch ein andres Mari gab, und er, ſtatt in der Nähe des Südpols, ſich am Aequator oder am Nordpol wiederfand? Aber das Coupé war ſelbſt - verſtändlich mit der erforderlichen Bibliothek verſehen. Es fand ſich da das Meiſterwerk ſtatiſtiſcher und tabellariſcher Kunſt, das Mars-Kursbuch, in welchem die Beförderungszeiten, Wege und Reiſedauer an - gegeben waren. Durch eine höchſt ſcharfſinnig kon - ſtruierte, verſchiebbare Tabelle konnte man die Weg - dauer zwiſchen je zwei beliebigen Stationen ſofort finden. Als Saltner „ Mari ‟ nachſchlug, fand er, daß es allerdings noch einen Bezirk gleichen Namens auf der nördlichen Halbkugel gab, und daß er die Bezeich - nung „ Gol ‟ beizufügen hatte. Er ſchrieb alſo die Adreſſe auf das kleine Kärtchen und ſteckte dies in einen hierzu beſtimmten Rahmen im Jnnern der Thür. Dadurch erſchien die Adreſſe ſtark vergrößert und hell beleuchtet außen an der Thür. Ein leiſes Summen begann gleichzeitig. Dies dauerte ſo lange, bis der Wagen die Station verlaſſen hatte, und diente als Merkzeichen für den Reiſenden, daß er nicht etwa bei der Abholungszeit überſehen war. Wenn es wieder begann, ſo war es das Signal, daß das Reiſeziel nach Angabe der Adreſſe erreicht war.
Saltner hatte aus dem Kursbuche erſehen, daß ſeine Reiſe acht Stunden in Anſpruch nehmen würde, denn die Entfernung betrug etwa 3000 Kilometer. Es war jetzt bald Mitternacht, er traf alſo am Vormittage ziemlich zeitig auf der Station Mari ein. Uebrigens brauchte er ſich darum nicht zu kümmern, ob er zur161Saltners Reiſe.rechten Zeit erwache, da ſein Coupé ſo lange auf der Station halten blieb, bis er die Adreſſe entfernt hatte, oder der ganze bezahlte Tag abgelaufen war. Aber er wußte nicht, wie weit er noch von der Bahnſtation nach Las Wohnort habe. Darüber wollte er ſich am Morgen während der Fahrt vergewiſſern, da die Bibliothek des Coupés genaue Reiſehandbücher über alle Teile des Mars enthielt. Früher als am Nach - mittage konnte er indeſſen nicht darauf rechnen, La anzutreffen, weil die Beförderung des Hauſes, die auf der Gleitbahn ſtattfand, mindeſtens die doppelte Zeit in Anſpruch nehmen mußte als ſeine Eilfahrt.
Jetzt zog er den Handgriff, welcher das Coupé in ein Schlafzimmer umgeſtaltete, und legte ſich zu Bett. Kein Schienenraſſeln, kein Pfiff, kein Ruf und Signal ſtörte ihn. Er merkte noch, daß das leiſe Summen aufgehört und er ſomit ſeine Fahrt angetreten hatte. Er dachte, es ſei doch eine gute Einrichtung, daß hier jeder für zehn Mark ſeinen eigenen Salonwagen haben könne, bequemer, als es ſich auf der Erde ein Fürſt leiſten kann. Dreitauſend Kilometer — und es fiel ihm ein, das war gerade die Entfernung von Ses Wohnort — ob der wohl in der Nähe war? La wollte ſie ja wieder ſehen. Wie lange hatte auch er ſie nicht geſehen, obwohl geſprochen — aber ſehen — — Saltner entſchlummerte, während ſein Coupé, auf dem Radwagen ſtehend, unter den Häuſerreihen zwiſchen geradlinigen Kanälen nach Südweſten jagte.
Laßwitz, Auf zwei Planeten. 38[162]Saltner hatte Se nicht wiedergeſehen, ſeitdem er mit Frus die Reiſe nach Kla angetreten hatte. Aber er hatte öfter mit ihr telephoniſch geſprochen — wenn ſie ihn anrief, und auch dies war in der letzten Zeit ſeltner geſchehen. So lange er mit La zu - ſammen war, verblaßte der Eindruck, den ſie auf ihn gemacht hatte, und La ſprach mit ihm nach ihrer Ge - wohnheit faſt niemals über Se. Das letzte, was er von Se gehört hatte, war ihre erneute Einberufung zum Dienſte in der chemiſch-techniſchen Abteilung des Arbeitsheeres.
Nicht nur die Männer, ſondern auch die Frauen bildeten ſich auf dem Mars für einen beſonderen Beruf aus, doch beſtand zwiſchen der Art dieſer Ausbildung und des Betriebes der Berufsarten zwiſchen beiden Geſchlechtern ein weſentlicher Unterſchied. Nichts lag den Martiern ferner als der Gedanke einer ſchablonen - haften Gleichmacherei; Gleichheit gab es für ſie nur163Die Wüſte Gol.im Sinne der gleichen Freiheit der Beſtimmung als Perſönlichkeit, aber die thatſächlichen Verhältniſſe ge - ſtalteten ſich durchaus verſchieden nach dieſer Selbſt - beſtimmung. Die Frauen erwählten daher Berufsarten, die ihren Eigentümlichkeiten entſprachen und ihnen ins - beſondere eine gewiſſe Freiheit in der Wahl der Arbeits - ſtunden geſtatteten. Se hatte einen wiſſenſchaftlichen und praktiſchen Kurſus in der Chemie durchgemacht. Da die Herſtellung aller Nahrungsmittel auf dem Mars chemiſche Studien vorausſetzte, war dies unter den Martierinnen einer der verbreitetſten Berufszweige. Jn dieſer Eigenſchaft war Se auch, als ſie ihre einjährige Arbeitspflicht abzuleiſten hatte, in die chemiſche Arbeits - abteilung eingetreten und auf ihren Antrag der Erd - ſtation zugeteilt worden. Sie war nicht, wie La, in Begleitung ihrer Eltern, ſondern in ihrer eigenen Dienſtleiſtung nach der Erde gegangen. Auf Grund dieſer beſonderen Anſtrengung konnte ſie nach der Rückkehr auf zwei Monate beurlaubt werden. Dieſer Urlaub war nun vorüber, und ſie hatte noch einige Monate ihrer Dienſtzeit zu abſolvieren. Sie war jetzt aber von der Abteilung für Lebensmittel in die ar - tilleriſtiſche Abteilung verſetzt worden und bei den neuen Verſuchen beſchäftigt, zu denen der Konflikt mit den Engländern die Martier veranlaßt hatte. Saltner hatte davon nur ſoviel gehört, daß man entdeckt hatte, wie das Repulſit in eine neue Verbindung mit ganz wunderbaren Eigenſchaften umgewandelt werden konnte, die man jedoch, wenigſtens ihm gegenüber, bisher als Geheimnis behandelte. Se hatte damit zu thun, ſie38*164Siebenunddreißigſtes Kapitel.wohnte daher jetzt ſeit einer Woche ebenfalls am Rande der Wüſte Gol, zwar nicht in Mari, aber dicht an der Grenze, im Bezirk Hed.
Als Saltner durch das Schütteln ſeines Kopfkiſſens erwachte, deſſen Rüttel-Wecker er auf eine Stunde vor ſeiner Ankunft — nach ſeiner gewohnten Rechnung ſieben Uhr morgens — geſtellt hatte, zog er den Fenſtervorhang beiſeite und ſah zu ſeiner Verwunder - ung, daß der Tag noch nicht angebrochen war. Er hatte nicht berückſichtigt, daß er nach Weſten fuhr und daher an ſeinem Reiſeziele die Ortszeit um etwa vier Stunden zurück ſei. Er würde etwa um Sonnen - aufgang in Sei ankommen. Dennoch machte er Toilette, benutzte den Frühſtücksautomaten und begann, ſich aus dem Reiſehandbuche über den Staat Mari zu unterrichten. Er erkannte daraus, daß Sei unmittel - bar am Abhange der Wüſte Gol läge und die Station ebenfalls, aber ungefähr hundert Kilometer ſüdlicher. Die Radbahn zog ſich in einer Strecke von dreihundert Kilometer direkt am Oſtabhange der Wüſte Gol hin, ſodaß er dieſe zur Rechten hatte. Um nach Sei zu gelangen, wo die Radbahn nicht anhielt, mußte er von der Station aus die letzten hundert Kilometer auf der Stufenbahn zurückfahren. Da ihm die Wege und die Lage der Wohnung Las nicht genau bekannt waren, mußte er eine Stunde auf den Weg von der Station bis zum Hauſe rechnen. Es blieben ihm alſo noch ungefähr ſechs Stunden zur freien Verfügung, da er nicht eher bei La eintreffen wollte, als zu der Zeit, die ſie zur telephoniſchen Unterhaltung beſtimmt165Die Wüſte Gol.hatte. Er nahm an, daß ſie dieſe Zeit gewählt habe, weil ſie dann ſicher in ihrem neuen Wohnort an - gekommen ſei.
Das Fenſter ſeines Coupés, welches der Thür gegenüber lag, ſah nach Oſten. Noch konnte er keinen Schimmer der Dämmerung erkennen, die freilich auf dem Mars nur kurz und ſchwach war. Dennoch lag über der Gegend ein rötliches Licht, das er ſich nicht erklären konnte. Die Monde des Mars gaben keinen derartigen Schein. Wo die Reihe der Häuſer, unter denen der Zug fortraſte, unterbrochen war, und das war in dieſer Gegend mehrfach der Fall, ſah er, daß das rötliche Licht von Weſten her auf die hier weniger dicht belaubten Rieſenbäume einfiel. Um nach der Seite zu ſehen, auf welcher die Wüſte Gol lag, mußte Saltner die Thür ſeines Coupés öffnen. Sie führte auf den ſchmalen Wandelgang, der ſich durch den Wagen hinzog. Hier konnten die Jnſaſſen der Coupés ſich ergehen. Hier ſah man durch die großen Fenſter, als der Zug eine Häuſerlücke paſſierte, die Felſen - mauern der Wüſte dunkel aufragen, über ihnen aber lag eine roſig glänzende Lichtſchicht. Die Nebel über der Wüſte, in ihrer Höhe von mehreren tauſend Meter, waren bereits von der Morgenſonne beleuchtet.
Der Beamte, welcher den Radwagen begleitete, durchſchritt den Wandelgang und ſagte zu jedem der wenigen ſich hier aufhaltenden Paſſagiere leiſe: „ Bitte einzuſteigen ‟. Der Zug näherte ſich der Station, und während des Haltens auf dieſer mußte ſich jeder in ſeinem Coupé befinden, er verlor ſonſt das Recht der166Siebenunddreißigſtes Kapitel.Weiterbeförderung. Denn ſobald der Wagen hielt, klappte die ganze Seitenwand herab und die einzelnen Coupés wurden mit großer Gewandtheit ſortiert, um je nachdem auf der Station zu bleiben oder auf die kreuzenden Linien übergeführt zu werden. Bald ver - riet das erneute leiſe Summen an ſeiner Thür Saltner, daß ſein Beſtimmungsort, die Station Mari, erreicht war. Er packte ſeine Sachen zuſammen und trat aus dem Coupé ins Freie. Er fand die Luft ſo kalt, daß er ſeinen Pelz umhing. Es waren nur wenige Coupés auf der Station zurückgeblieben und ihre Jnſaſſen waren noch nicht zum Vorſchein gekommen; ſie ſchienen es vorzuziehen, ihren Schlaf nicht vorzeitig zu unterbrechen. Während Saltner noch unſchlüſſig ſtand, was er jetzt beginnen ſolle, trat jedoch aus einem der Coupés ein Fahrgaſt, der, nachdem er einen Blick auf den Himmel geworfen hatte, dem Ausgange der Station zuſchritt wie jemand, der genau mit der Örtlichkeit vertraut iſt. Er trug das dunkle Arbeitskleid eines Bergmanns und ſchien keine Zeit zu verlieren zu haben. Saltner gedachte ihn anzu - reden und folgte vorläufig ſeinen Schritten. Der Bergmann überſchritt die hinter der Station vorüber - führende Stufenbahn auf einer Brücke und trat dann in den Eingang eines Hauſes. Da Saltner hier zögerte und der Martier bemerkte, daß ihm Saltner gefolgt war, wandte er ſich nach ihm um und ſagte:
„ Wenn Sie noch zum Sonnenaufgang hinauf wollen, müſſen Sie ſich beeilen, der Wagen geht gleich ab. ‟
167Die Wüſte Gol.„ Jch bin ganz fremd hier, ‟ erwiderte Saltner. „ Wenn Sie erlauben, ſchließe ich mich Jhnen an. ‟
Der Bergmann machte eine höfliche Bewegung und ging voran. Sie gelangten an einen gondelartig gebauten Wagen, welcher die Aufſchrift trug: „ Abariſche Bahn nach der Terraſſe ‟. Saltner ſtieg mit dem Martier ein, ein Schaffner nahm ihnen eine kleine Fahrgebühr ab. Der Wagen, der nur ſchwach beſetzt war, begann ſehr bald ſich zu bewegen. Er glitt erſt mit ſchwacher Steigung aufwärts, dann, als die faſt ſenkrecht abfallende Felswand der Wüſte erreicht war, ſehr ſteil empor, indem er ſich durch ſeine Schwere - loſigkeit erhob. Ein Drahtſeil, an dem er hinglitt, ſchrieb ihm die Bahn vor. Vorſpringende Felswände verhinderten den Umblick. Die ganze Fahrt dauerte nur wenige Minuten. Die Einrichtung war, wie Saltner erfuhr, noch nicht lange in Betrieb.
Als Saltner den Wagen verließ, fand er ſich auf einer kahlen Felsſtufe, die ſich, ſoweit er ſehen konnte, in nördlicher wie ſüdlicher Richtung einige hundert Schritt breit hinzog. Sie war mit zahlreichen Baulich - keiten bedeckt, die meiſt elektriſche Schmelzöfen ent - hielten. Jn der ganzen Längserſtreckung der Terraſſe lief ein Bahngeleiſe hin. Sie war eine Stufe am öſt - lichen Abfalle der Wüſte Gol. Nach Weſten hin er - hob ſich das Gebirge noch weiter und trug das Hoch - plateau der Wüſte, die ſich in einer Erſtreckung von etwa 600 Kilometer von Norden nach Süden und 1000 Kilometer nach Weſten hin ausdehnte. Über der - ſelben glänzten, in ihren oberen Schichten hell be -168Siebenunddreißigſtes Kapitel.leuchtet, große Wolkenmaſſen, die ſich in der Nacht gebildet hatten, jetzt aber ſchon unter den Strahlen der Sonne zu ſchwinden begannen.
Als ſich Saltner dem Thale zu wendete, bot ſich ihm ein herrlicher Anblick. Sein Auge ſchweifte weithin über die Landſchaft, die vom Widerſchein der erleuchteten Nebel ſchwach erhellt war. Nur im Süd - oſten erhob ſich ein heller rötlicher Schimmer, das baldige Nahen der Sonne anzeigend. Zwiſchen dem grünlichen Grau der Baumkronen, auf die er hinab - blickte, zogen ſich, noch künſtlich erleuchtet, die gerad - linigen Streifen breiter Straßen hin. Am dunkeln, klaren Himmel ſtanden die Sterne, einer aber von ihnen, gerade im Oſten, ſtrahlte mit beſonders hellem Lichte, ein glänzender Morgenſtern. Saltner konnte ſich von ſeinem Anblicke nicht losreißen. Ein tiefes Heimweh ergriff ihn. Zum erſten Male ſeit ſeiner Landung auf dem Mars ſah er die Erde wieder.
Die Stimme des Bergmanns, der ſich zu ihm ge - ſellte, weckte ihn aus ſeiner Träumerei.
„ Nicht wahr ‟, ſagte dieſer, „ das iſt ſchön. Da unten ſieht man das nicht vor lauter Bäumen, oder man muß erſt zwiſchen die Maſchinen auf die Dächer ſteigen. Jetzt iſt die Ba am hellſten, Sie haben ſie wohl noch nie ſo deutlich geſehen? Die letzten Monate hat ſie zu nahe an der Sonne geſtanden. ‟
„ Jch habe ſie ſchon ganz in der Nähe geſehen ‟, ſagte Saltner, „ denn ich bin ſchon dort geweſen. ‟
„ So, ſo ‟, erwiderte der Bergmann lebhaft, „ da ſind Sie alſo ein Raumſchiffer. Das freut mich, daß169Die Wüſte Gol.ich einmal einen treffe, ich habe nämlich noch keinen geſehen. Muß ein ſeltſames Handwerk ſein! Sie kamen mir gleich ſo fremdartig vor, einen ſolchen Mantel ſah ich noch nie. ‟
„ Der iſt von dem Fell der Tiere, wie ſie auf der Erde leben. ‟
Der Bergmann befühlte neugierig das Pelzwerk.
„ Da ſagen Sie mir doch ‟, begann er wieder, „ iſt es denn wahr, was die Zeitungen jetzt ſo viel ſchrei - ben, daß es dort auch Nume giebt? Jch meine, ſo wie wir, mit Vernunft? ‟
„ Etwas Vernunft mögen ſie ſchon haben. ‟
Der Bergmann ſchüttelte den Kopf. „ Viel wird es wohl nicht ſein, ‟ ſagte er. „ Warum wären ſie ſonſt nicht ſchon zu uns gekommen? Wir glauben nämlich hier nicht recht daran, daß dort viel zu holen iſt, wir meinen, die Regierung nimmt nur jetzt den Mund recht voll, weil nächſtes Jahr Wahlen zum Zentralrat ſind. Da heißt es, wenn wir auf die Erde gehen, da können wir die Sonne ſozuſagen mit Händen greifen, da bekommen wir ſoviel Geld, daß jeder den doppelten Staatszuſchuß erhält. ‟
Saltner zuckte plötzlich zuſammen und wandte ſich ab. Ohne daß die Dämmerung ſich merklich verſtärkt hätte, hatte unvermittelt ein blendender Sonnenſtrahl ſeine Augen getroffen. Das aufgehende Geſtirn be - ſchien die Terraſſe, und bald verbreitete ſich ſein Licht auch über die tiefer liegenden Lande.
Der Bergmann verabſchiedete ſich, er müſſe nun an die Arbeit. Saltner begleitete ihn noch ein Stück. 170Siebenunddreißigſtes Kapitel.So ſtark wirkte die Sonnenſtrahlung, daß ſchon jetzt Saltner ſeinen Pelz nicht ertragen konnte. Er ließ ihn auf der Station zurück.
Die Nebel von den Höhen hatten ſich verzogen. Saltner wandelte die Luſt an, die felſigen Abhänge hinaufzuklimmen. Das Steigen in der geringen Schwere des Mars ſchien ihm ein Kinderſpiel. Zu - nächſt aber ging er mit dem Bergmann bis an den Eingang des Stollens, in welchem dieſer zu thun hatte. Überall ſah man auf der Terraſſe dieſe Öffnungen, die zu den Mineralſchätzen des Berges führten.
Jm Geſpräch erfuhr Saltner, daß der Bergmann auf einige Zeit unten im Lande geweſen war, um ſeinen Sohn zu beſuchen, der auf der Schule ſtudierte, und daß man ſich hier in der That wieder ganz andere Vorſtellungen von der Erde machte, als im politiſchen Zentrum des Planeten. Man glaubte, daß man nur nach der Erde zu gehen brauche, um als - bald mit unermeßlichen Schätzen zurückzukehren. Die Jugend hatte ſich daher maſſenhaft gemeldet, um nach der Erde mitgenommen zu werden. Der Bergmann verhielt ſich dagegen durchaus ſkeptiſch und hatte ſeine Reiſe hauptſächlich unternommen, um ſeinen Sohn von der beabſichtigten Erdfahrt zurückzuhalten. Er ſah jetzt, daß er ſich die Mühe hätte ſparen können, denn die Regierung hatte alle dieſe Meldungen rund - weg abgeſchlagen. Eine andere Maßregel aber hatte die Erdkommiſſion getroffen, von der Saltner nur durch dieſe zufällige Unterhaltung erfuhr. Die Mars -171Die Wüſte Gol.ſtaaten beſaßen zwar ein ſtehendes Arbeitsheer, aber keine Soldaten, da Kriege und kriegeriſche Übungen bei ihnen als eine längſt veraltete Barbarei galten. Sie hatten nur eine Art Polizeitruppe zur Aufrecht - erhaltung der Ordnung in beſonderen Fällen.
Es entſtand nun die Verlegenheit, woher die Leute zu nehmen ſeien, welche das techniſche Perſonal unter - ſtützen ſollten, falls es zu einem wirklichen Kriege mit den Menſchen, zu einer längeren militäriſchen Aktion auf der Erde kommen ſollte. Dazu gehörte eine Ge - wöhnung an große körperliche Strapazen, eine Ab - härtung, wie ſie die Martier im allgemeinen nicht beſaßen. Man hatte deswegen an die kühnen und rauhen Bewohner der Wüſten, an die Beds gedacht. Man wollte dieſelben anwerben und für den Dienſt auf der Erde ausbilden. Die Aufforderung an ſie war ergangen. Dieſe Nachricht erfüllte Saltner mit Beſorgnis. Von dieſen Leuten war zu befürchten, daß ſie als Sieger ein weniger zartes Gewiſſen haben würden als die eigentlichen Träger der Kultur, die hochgebildeten Nume. Er ſah ſich dadurch nur in ſeiner Abſicht beſtärkt, ſeine Landsleute vor der Größe der drohenden Gefahr zu warnen.
Der Bergmann war an ſeinem Ziele. Er empfahl Saltner, wenn er das Plateau der Wüſte ſelbſt be - ſuchen wolle, bis zur nächſten Station der Terraſſen - bahn zu fahren und die von dort nach oben führende Bergbahn zu benutzen. Auf keinen Fall ſolle er ſich vom Rande der Wüſte entfernen, da auf derſelben nichts zu finden ſei als die großen Strahlungsnetze172Siebenunddreißigſtes Kapitel.und in einigen ſchwer zugänglichen Schluchten die ärmlichen Wohnſitze der Beds.
Saltner befolgte den Rat inſofern, als er die Terraſſenbahn benutzte und mit dieſer ein weites Stück nach Süden fuhr. Unterwegs brachte er nämlich in Erfahrung, daß er hier eine Station „ Kaſt ‟ erreichen könne, welche direkt über Sei lag, ſo daß er von da aus abwärts nur noch eine Viertelſtunde bis zu Las Wohnort hatte. Auf dieſe Weiſe ſtand ihm genügend Zeit zur Verfügung, um das Plateau zu erſteigen. Allerdings führte von hier keine Bahn hinauf, aber es lag ihm viel mehr daran, durch eine Fußwanderung die ſeltſame Gebirgsbildung kennen zu lernen.
Jn einer ſteil herabziehenden engen Schlucht klomm er raſch aufwärts. Einige unten beſchäftigte Leute riefen ihm etwas nach, das er nicht verſtand, es ſchien ihm eine Warnung zu ſein, nicht mit ſo großer Ge - ſchwindigkeit aufwärts zu ſpringen; aber dieſe Martier konnten ja nicht wiſſen, daß er auf Erden gewohnt war, ein dreimal ſo großes Gewicht auf noch ganz andere Höhen zu ſchleppen. Die Wände der Schlucht verdeckten ihm zwar die Ausſicht nach der Seite und, da die Schlucht nicht gerade verlief, auch nach oben und unten, aber ſie ſchützten ihn dafür vor den Strahlen der Sonne. Und er ſah bald, daß er ohne dies nicht weit gekommen wäre. Denn wo die Sonne das Geſtein traf, glühte es ſo, daß man es mit der bloßen Hand kaum berühren konnte. Jm Schatten aber war die Luft kühl.
Etwa dreiviertel Stunden mochte er ſo geſtiegen ſein, als die Wände der Schlucht ſich verflachten; er173Die Wüſte Gol.näherte ſich dem Rande des Plateaus. Mitunter war es ihm, als höre er in der Ferne ein Geräuſch wie Donner, er ſchob es auf Sprengungen in den Berg - werken. Jetzt hörte der Schatten auf. Zwiſchen Fels - trümmern mußte er ſich emporarbeiten. Der Schweiß rann ihm von der Stirn, er empfand heftigen Durſt, und noch immer wollte ſich die ebene Hochfläche nicht zeigen. Da endlich erkannte er einen Gegenſtand, der wohl nur das Dach eines Gebäudes ſein konnte. Er eilte darauf zu, und plötzlich blickte er auf eine weite Ebene, nur hier und da von einzelnen Fels - riegeln unterbrochen. Eben wollte er, aus den Fels - trümmern des Abſturzes herausſteigend, den Rand des Plateaus betreten, als er ſich durch einen Draht von weißer Farbe gehemmt ſah, der an dieſem Rande ſich hinzog. Er achtete nicht darauf, ſondern überſtieg ihn. Die Sonne, gegen die kein Schirm ihn ſchützte, brannte ſo furchtbar, daß er jeden Augenblick um - zuſinken fürchtete und nur daran dachte, ein ſchatten - ſpendendes Dach zu gewinnen. Er ſah jetzt das Haus dicht vor ſich, und einige eilende Sprünge brachten ihn in den Schatten eines Pfeilers.
Nachdem er ſich hier einen Augenblick erholt, blickte er ſich erſtaunt um. Wenn das ein Haus war, ſo war es ein ſehr ſeltſames. Wie eine Brücke ruhte es ſchwebend auf zwei ſchmalen Pfeilern. Es hatte die Geſtalt eines Botes, auf das man ein zweites mit dem Kiel nach oben geſetzt hatte. Dazwiſchen war ein etwa meterhoher Zwiſchenraum, nach welchem eine Leiter hinaufführte. Saltner überlegte.
174Siebenunddreißigſtes Kapitel.„ Das Ding ſieht beinahe aus ‟, ſagte er bei ſich, „ wie das Luftſchiff am Nordpol, das ich freilich nur ſehr von weiten geſehen habe. Ob das hier vielleicht ſo eine Art Trockenplatz für friſchen Anſtrich iſt? Jch möchte mir das Ding einmal von innen betrachten. ‟
Da er ringsum niemand bemerkte und ihm der ſchmale Schatten des Pfeilers keinerlei Bequemlichkeit bot, beſchloß er die Leiter hinaufzuſteigen und ſich in dem ſeltſamen Bau umzuſehen. Er fand jetzt, daß das, was er für einen leeren Zwiſchenraum gehalten hatte, von einer durchſichtigen Subſtanz verſchloſſen ſei, die jedoch eine Öffnung am Ende der Leiter frei ließ. Er ſtieg hinein. Niemand befand ſich hier. Jn der Mitte war ein freier Raum mit Sitzen und Hängematten. Ringsum, unten, oben und beſonders an den Enden des länglichen Baus, waren Verſchläge mit unbekannten Apparaten. Drähte liefen von dort nach unten und durch die Pfeiler jedenfalls nach dem Erdboden, wo ſie unterirdiſch weiter geleitet werden mochten. Saltner hütete ſich wohlweislich, irgend etwas zu berühren. Es wurde ihm einigermaßen un - heimlich. Aber er fühlte ſich ſo matt, daß er jeden - falls erſt friſche Kräfte ſammeln mußte, ehe er den Rückweg antreten konnte. Vorſichtig zog er an einer der Hängematten, und da ſich nichts in dem Raume rührte, legte er ſich hinein.
„ Jch bin doch neugierig, was das für eine Medizin ſein wird ‟, dachte er. „ Jetzt nur nicht die Zeit ver - ſchlafen, bloß einen Augenblick ruhen. ‟ Aber erſchöpft ſchloß er die Augen.
[175]Eine Viertelſtunde mochte er ſo im Halbſchlummer gelegen haben, als ein gewaltiger Krach ihn emporſchrecken ließ. Der ganze Bau war in eine zitternde Bewegung geraten. Eilends ſprang Saltner empor und ſchaute ſich um. Auf dem Felsboden, vielleicht hundert Meter hinter ihm nach dem Rande des Plateaus zu, lag eine gewaltige Staubwolke. Jetzt krachte es auf der andern Seite. Eine neue Wolke von Trümmern und Staub erhob ſich vorn vom Boden.
„ Da hat eine Granate eingeſchlagen! ‟ ſagte ſich Saltner. Jm Moment war ihm die Situation klar. Die Schießverſuche der Martier auf der Wüſte Gol! Er hatte gehört, daß die Martier, ihren Erfahrungen und den von Ell mitgebrachten Büchern folgend, Ge - ſchütze konſtruiert hatten, die, in ihren Wirkungen wenigſtens, den auf der Erde üblichen glichen. Nun ſchoſſen ſie mit menſchlicher Artillerie nach ihren eigenen176Achtunddreißigſtes Kapitel.Luftſchiffen. Er ſaß alſo gerade in dem Ziel ſelbſt darin! Die erſte Granate war zu weit gegangen, die zweite zu nahe, die dritte würde ſicherlich treffen. Und jetzt ſofort mußte der Schuß erfolgen! Da hatte er ſich ja einen recht geeigneten Ort zur Ruhe aus - geſucht! Ob noch Zeit war hinauszuſpringen? Jn - ſtinktiv wollte er es thun, aber er faßte ſich. Draußen war es offenbar noch gefährlicher — die Martier er - warteten ja wohl, daß das Ziel Widerſtand leiſte. Freilich, dieſe dünnen Wände! Jetzt ſah er, wo das Geſchütz ſtand. Es blitzte auf. Er empfahl ſeine Seele Gott und richtete ſeinen Blick ſtandhaft gegen die Schußrichtung. Er hörte das Heranſauſen des Geſchoſſes. Und wie ein Wunder ſchien es ihm, was er ſah. Etwa zehn Meter vor ſeinem Standpunkt, in gleicher Höhe wie das Schiff, in welchem er ſich befand, wurde die Granate ſichtbar, weil ſie plötzlich langſam heranſchwebte. Noch auf fünf, auf vier Meter näherte ſie ſich — Saltners Züge verzerrten ſich krampfhaft, aber er konnte den Blick von dem Ver - derben drohenden Geſchoß nicht abwenden. Jetzt ſtand es ſtill, ohne zu explodieren — und vor ſeinen Augen verſchwand die ſtählerne Spitze, der Bleimantel, die Sprengladung löſte ſich unſchädlich auf und der Reſt des Geſchoſſes, zu einer mürben Maſſe zer - ſetzt, ſenkte ſich langſam, wie ein Häufchen Aſche, zu Boden.
Saltner glaubte zu träumen. Aber ſchon vernahm er das Heranſauſen einer zweiten Granate. Dasſelbe Schauſpiel — nahe vor der Spitze des Schiffes, gegen177Gefährlicher Ruheplatz.welche ſie gerichtet war, verzehrte ſie ſich in der freien Luft. Und ſo ein drittes und viertes Mal.
Für ſeine Perſon fühlte er ſich jetzt im Augenblick ſicher. Aber wie gebrochen ſank er auf eine Bank. Mit tiefem Schmerz gedachte er der Menſchheit, deren gewaltigſte Kampfmittel vor der Macht dieſer Nume wirkungslos in nichts zerfloſſen. Er hatte wohl ge - ſehen, daß dieſe letzte Probe mit einem jener Rieſen - geſchoſſe angeſtellt worden war, denen die ſtärkſte Panzerplatte nicht ſtand hält. Aber auch dieſes war in der freien Luft vor ſeinen Augen verſchwunden. Es mußte ſich in der Entfernung von drei bis vier Meter vor dem Schiffe eine unſichtbare Macht befinden, die jede Bewegung und jeden Stoff vernichtete.
Ein eigentümliches Zittern hatte während der ganzen Beſchießung in dem Schiffe geherrſcht, und es ſchien ihm, als wenn auch die Sonnenſtrahlung rings um das Schiff matter wäre. Das hörte nun auf. Bald ſah er, wie ſich über die Ebene eine Art von gedecktem Wagen heranbewegte. Ohne Zweifel wollten die Schützen die Wirkung ihrer Verſuche in Augen - ſchein nehmen.
Hier entdeckt zu werden war Saltner im höchſten Grade bedenklich. Er war ſicher, daß man ihn als Spion behandeln und nicht glimpflich mit ihm ver - fahren würde. Ehe er ſeine Unſchuld darthun konnte, hätte er mindeſtens viel Zeit verloren. Auf jeden Fall wäre ſeine Abſicht vereitelt worden, heute noch La ſeine Briefe zu überreichen. Und doch war ihm jetzt mehr als je daran gelegen, ſeinen LandsleutenLaßwitz, Auf zwei Planeten. 39178Achtunddreißigſtes Kapitel.mitzuteilen, daß ein kriegeriſcher Widerſtand gegen die Martier ausſichtslos ſei. Wenn er entfloh? Aber den Rand der Schlucht konnte er nicht mehr erreichen ohne geſehen zu werden. Und auf der flachen Ebene war kein Verſteck. Doch vielleicht im Schiffe ſelbſt? Es war wenigſtens das einzige, was er verſuchen konnte. Es gab da verſchiedene Seitenräume — frei - lich, man würde ſie wohl bei der Unterſuchung be - treten. Sein Blick fiel auf den Fußboden. Hier war eine Fallthür. Zum Glück kannte er jetzt den üblichen Mechanismus des Verſchluſſes. Er kroch in den untern Raum, der offenbar zur Aufbewahrung von Vorräten diente. Jetzt war er leer bis auf einige Haufen eines heuähnlichen Stoffes, den Saltner nicht kannte. Aber er hatte keine Wahl, er kroch in eine Ecke und ver - ſteckte ſich. Wenn man das Heu, oder was es war, nicht durchwühlte, konnte man ihn nicht finden.
Jnzwiſchen war der Wagen angelangt und die Martier ſtiegen aus. Es waren nur vier Männer und eine Frau. Sie betrachtete zufrieden die Aſchen - reſtchen der Geſchoſſe, ſtiegen in das Schiff und über - zeugten ſich, daß es vollkommen unverſehrt war. Keines der feinen Jnſtrumente hatte einen Schaden erlitten. Saltner hörte, wie ſie das Schiff wieder verließen. Schon glaubte er ſich gerettet. Er lauſchte aufmerkſam, konnte aber nur hören, daß eine Unter - haltung geführt und Anweiſungen erteilt wurden, ohne daß er die Worte zu verſtehen vermochte. Dann ver - nahm er deutlich, wie der Wagen ſich wieder entfernte.
Er verließ ſein Verſteck. Alles war ſtill. Vor -179Gefährlicher Ruheplatz.ſichtig öffnete er die Fallthür: das Schiff war leer. Er näherte ſich der Ausſichtsöffnung und ſpähte nach dem ſich entfernenden Wagen. Jetzt konnte er ver - ſuchen, den Rand des Plateaus zu gewinnen. Er wandte ſich um und ſchritt nach dem Ausgange zu. Jn dieſem Augenblick erſchien in demſelben eine weib - liche Geſtalt. Saltner prallte zurück, dann ſtürzte er wieder vorwärts — dieſe einzelne Martierin konnte ihn nicht aufhalten. Er wollte an ihr vorüber, die, ebenfalls erſchrocken, zur Seite trat. Schon ſtand er an der Oeffnung, da hörte er ſeinen Namen.
„ Sal, Sal! Was haben Sie hier zu thun? ‟
Er drehte ſich um und erkannte Se. Sie faßte ſeine Hände und zog ihn zurück.
„ Oh ‟, ſagte ſie, „ mein lieber Freund, warum müſſen wir uns hier treffen? Das durften Sie nicht ſehen! Wie konnten Sie ſich hierher wagen? ‟
„ Jch bin unſchuldig, teure Se, glauben Sie mir, ich bin durch Zufall hierher geraten. ‟
„ Wie ſind Sie über den weißen Draht gekommen? Wiſſen Sie denn nicht, was das bedeutet? ‟
„ Jch bin einfach darüber geſtiegen — ‟
„ Und haben die Geſetze verletzt und der höchſten Lebensgefahr ſich ausgeſetzt. ‟
„ Jch bedaure meine Unwiſſenheit. Und ich hoffe, ich darf Sie bald in ſicherer Lage wieder ſprechen. Jetzt verzeihen Sie wohl, wenn ich mich ſo ſchnell wie möglich davon mache. ‟
„ Das geht ja nicht, Sal, das darf ich nicht zu - geben — ſo ſehr ich es Jhnen wünſchte. Aber ich39*180Achtunddreißigſtes Kapitel.bin hier nicht privatim, ich habe das Nihilitdepot zu verwalten, ich darf Sie nicht freilaſſeu, das hängt nicht mehr von mir ab. ‟
„ Aber von mir! Leben Sie wohl, auf Wieder - ſehen! ‟ Er ſchwang ſich auf die Leiter.
„ Um Gotteswillen, Sal! ‟ rief Se. „ Keinen Schritt von hier, es iſt Jhr Verderben! Jch muß Sie feſthalten! ‟
„ Wie wollen Sie das ‟, rief er lachend.
„ Jch drehe dieſen Zeiger, und der Nihilitpanzer bildet ſich um das Schiff. Es iſt ein Spannungs - zuſtand des Aethers, der momentan jede Kraft ver - nichtet, jedes Geſchehen aufhebt. Alles was in ſein Bereich gerät, verzehrt ſich, jede Energie wird ihm entzogen, es ſchwindet in nichts. Da, ſehen Sie! ‟
Das eigentümliche Zittern und die Trübung des Lichtes begann wieder. Se ergriff einen Hammer, der im Schiff lag, und ſchleuderte ihn durch die Oeffnung hinaus. Jn etwa drei Meter Entfernung verſchwand er ſpurlos.
„ Sie können nicht fort ‟, ſagte ſie. „ Kommen Sie herein. ‟
Saltner ſetzte ſich. Beide ſahen ſich traurig an. Er ergriff Se’s Hände. „ Wenn ich Sie bitte ‟, ſagte er. „ Bei unſerer Freundſchaft! Jch muß jetzt fort! Hören Sie mich! ‟
Er erzählte, was ihn hergeführt, daß er La ſprechen müſſe, was er von ihr wünſche. Las Briefe nach der Erde würden nicht kontrolliert, ſie konnte die ſeinigen an Grunthe adreſſieren — —
181Gefährlicher Ruheplatz.Se ſchüttelte traurig den Kopf.
„ Das kann La nicht thun, das wird ſie nie thun, ſie darf es ebenſowenig wie Ell. Bitten Sie ſie nicht erſt — Saltner, ſie will nicht darum ge - beten ſein. ‟
„ Wie kann ſie wiſſen? ‟
„ Haben Sie das nicht herausgehört aus dem, was ſie Jhnen ſagte? Wenn nun Ell mit ihr geſprochen hätte, ehe ſie in Jhre Wohnung ging, wenn er Jhre Abſicht ihr mitgeteilt hätte — während Sie von Ell nach Hauſe fuhren, war Zeit genug dazu. Und etwas derartiges hat ſie ſicher ſeit Tagen erwartet, das war doch leicht zu ahnen. Warum iſt ſie fortgezogen, und warum ſollen Sie nicht nach Sei kommen? Weil La den Konflikt voraus ſah. Sie war in Widerſpruch mit ſich ſelbſt. Sie wollte die Bitte vermeiden, die ſie Jhnen abſchlagen mußte. Und vielleicht — doch ich habe kein Recht, in Las Gefühle zu dringen. ‟
Saltner klammerte ſich an Ells Namen. Er alſo war ihm zuvorgekommen! Und es erſchien ihm, als gelte es nur Ells Einfluß zu beſiegen.
„ Jch muß zu ihr! ‟ rief er verzweifelt. „ Se, ich beſchwöre Sie, laſſen Sie mich frei! ‟
„ Jch darf ja nicht. Und Sie werden es mir noch danken, Saltner. La liebt Sie, vielleicht mehr, als Sie ahnen, ſie wird es nicht ertragen, daß Sie in Trauer, in Zorn, in Verbitterung von ihr gehen, weil ſie Jhrem Wunſche nicht folgen kann. Wenn Sie an der Ausführung Jhres Willens verhindert werden, ſo zürnen Sie lieber mir! ‟
182Achtunddreißigſtes Kapitel.„ Und wenn ich Sie bäte, Se, die Briefe zu be - fördern, würden Sie es mir auch abſchlagen? ‟
„ Jch müßte es. ‟
Sie war aufgeſtanden und blickte auf die Ebene hinaus. Dann wandte ſie ſich zurück und trat dicht an ihn heran, mit ihren großen Augen ihn zärtlich anblickend.
„ Mein lieber Freund, ſeien Sie vernünftig. Der Wagen mit meinen Begleitern kommt zurück. Jch war hier geblieben, um den Nihilitapparat neu zu laden, und jene hatten nur friſchen Vorrat zu holen. Jhre Unwiſſenheit wird Sie entſchuldigen. Man wird Sie höchſtens nach Kla zurückſchicken. Aber ich darf nicht eigenmächtig handeln. Zürnen Sie mir nicht! ‟
Saltner ſah, daß der Wagen in der Ferne auf - tauchte. Fünf Minuten mußten ſein Schickſal ent - ſcheiden. Einen Moment zögerte er unter Ses mächtigem Einfluß. Aber er raffte ſich zuſammen; ſein Entſchluß war gefaßt.
„ Jch zürne Jhnen nicht, geliebte Se ‟, ſagte er. „ Nur mögen Sie mir nicht zürnen, aber ich kann nicht anders. Leben Sie wohl! ‟
Er umſchlang ſie feſt mit ſeinem linken Arme, in - dem er mit der rechten Hand den Zeiger des Nihilit - apparates zurückdrehte. Jn ihrer Ueberraſchung und dem Beſtreben, ſich ihm zu entwinden, hatte Se dies gar nicht bemerkt. Er drückte einen flüchtigen Kuß auf ihre Stirn und ſchwang ſich mit einem Satze aus der Oeffnung. Da wußte ſie, was geſchehen war. Jm Augenblick, als Saltner den Boden erreichte, be - rührte Ses Hand wieder den Zeiger. Drückte ſie ihn183Gefährlicher Ruheplatz.herum, ſo verzehrte das Nihilit den Freund. Und wenn ſie es nicht that, ſo hatte ſie einen Verräter entfliehen laſſen.
Sie preßte die Hände an ihre Stirn — nur einen Augenblick — dann ſchaute ſie auf.
Jn weiten Sätzen entfernte ſich Saltner und ver - ſchwand hinter den Felstrümmern am Abhange der Wüſte. — Wie er den Berg hinabgelangte, er wußte es kaum. Am meiſten fürchtete er, am Ausgange der Schlucht von den dort beſchäftigten Martiern an - gehalten zu werden. Er umging ihn durch eine hals - brecheriſche Kletterei. Völlig erſchöpft gelangte er in die Reſtauration neben dem Bahnhof. Hier in dem kühlen, ſeparaten Speiſezimmer, das er ſich anweiſen ließ, fand er Zeit ſich zu erholen.
Wenn ihn Se verraten hatte, ſo war freilich ſeine Flucht nutzlos. Man würde ihn in Sei, oder wohin er auch ſonſt ſich wandte, erreichen. Aber er ver - traute darauf, daß Se nicht ſprechen würde. Niemand ſonſt hatte ihn oben geſehen. So benutzte er den zu Thale gehenden Wagen nach Sei und fand nach einigem Umherirren die von La angegebene Platz - nummer. Eben entfernten ſich die Monteure, welche das neu eingetroffene Haus an die verſchiedenen im Boden liegenden Leitungen angeſchloſſen hatten.
Es war die Zeit, um welche La mit ihm ſprechen wollte, als Saltner in ihr Zimmer trat.
„ Da bin ich ſelbſt ‟, rief er. „ Jch mußte Dich wiederſehen! ‟ La ſtand wortlos. Dann atmete ſie tief auf, preßte die Hände zuſammen und ſagte leiſe:
184Achtunddreißigſtes Kapitel.„ O mein Freund, warum haſt Du mir dies gethan? ‟
„ Warum nicht? Jch ſehnte mich nach Dir, La, und ich bedarf Deiner Hilfe. ‟
„ Meiner Hilfe? ‟ ſagte ſie warm. Sie hoffte einen Augenblick, es könne ſich um etwas anderes handeln, als was ſie fürchtete.
„ Wenn es mir möglich iſt, wie gern bin ich Dir zu Dienſten. ‟ Sie zog ihn neben ſich auf einen Seſſel. Er hielt ihre Hand feſt.
„ Jch habe eine große Bitte, für Frau Torm und für mich. ‟
La wich zurück. „ Sprich ſie nicht aus! Jch bitte Dich, ſprich ſie nicht aus, damit Dich meine Weigerung nicht kränkt ‟ —
„ Du weißt —? ‟
„ Jch weiß, um was es ſich handelt. ‟
„ Von Ell! ‟
„ Durch ihn. Sieh, das iſt unmöglich! So wenig Du damals am Nordpol der Erde zögerteſt, die Pflicht für Dein Vaterland zu erfüllen, ſo wenig kann ich jetzt um Deinetwillen das Geſetz durchbrechen. Das Geſetz verbietet den Menſchen unkontrollierte Botſchaft nach der Erde zu ſenden. Hätte ich die freie Ueber - zeugung, daß es ungerecht und thöricht ſei, ſo dürſte ich mein Gewiſſen fragen, ob ich es übertreten will. Es wäre ein Konflikt, aber ich könnte ihn auf mich nehmen. Doch ich kann mich davon nicht überzeugen. Was ihr auch berichtet, es kann nur Verwirrung an - ſtiften, und Jsmas private Wünſche können nicht in Frage kommen. ‟
185Gefährlicher Ruheplatz.Saltner hatte ihre Gründe kaum gehört. Er blickte finſter vor ſich hin.
„ Durch Ell! ‟ ſagte er dann bitter. „ Natürlich, wann ſpräche er nicht mit Dir, wann träfe ich ihn nicht bei Dir, wann hörteſt Du nicht auf ihn mehr als auf mich? ‟
La ſeufzte. „ Jch wußte es ja, daß es ſo kommen würde. O hätteſt Du auf meinen Rat gehört und wäreſt nicht hergereiſt. ‟
„ Jch werde Dich nicht ſtören; ſobald Ell kommt, gehe ich. ‟
„ Warum? Er wird wohl kommen. Aber warum entrüſteſt Du Dich? Haſt Du je bemerkt, daß ich Dich weniger liebe? ‟
„ Aber Du liebſt ihn? ‟
La ſah ihn mit flammenden Augen an.
„ Wie darfſt Du fragen ‟, ſagte ſie ſtolz, „ was kaum das eigene Jch ſich fragt? ‟
Aber ihr Ausdruck wurde plötzlich unendlich traurig und zärtlich. Sie faßte ſeine Hände und neigte ſich zu ihm.
„ Aber wie kann ich Dir zürnen? ‟ ſagte ſie. „ Mich nur müßte ich ſchelten. Doch habe ich Dir nicht geſagt: Vergiß nicht, daß ich eine Nume bin? Ach, ich vergaß wohl, daß Du ein Menſch biſt, und Du weißt nicht mehr, was ich Dir ſagte: Liebe darf niemals unfrei machen! Und Du willſt mich unfrei machen? Willſt dem Gefühle gebieten? Jſt ein Nume ſo klein und einfach, daß ein einzelner ſeinen Kreis erfüllen könnte? Jſt nicht jedes Jndividuum nur ein kleiner Ausſchnitt, nur186Achtunddreißigſtes Kapitel.eine Seite von dem, was das Weſen des Mannes, das Weſen der Frau iſt? Wer kann ſagen, ich repräſentiere alles, was Du lieben kannſt? ‟
„ Das alſo war es! Was vermag ich dagegen? Daß Du eine Nume biſt, wußte ich, und ich wußte, daß Du mir nicht angehören könnteſt fürs Leben. Aber ſo dachte ich mir Deine Liebe nicht. O La, ich weiß nicht, wie ich ohne Dich leben werde, aber Deine Liebe teilen — mit jenem — das vermag ich nicht. Jch bin ein Menſch, und wenn Du ihn liebſt, ſo muß ich ſcheiden. ‟
Saltner ſaß ſtumm. Er konnte ſich nicht aufraffen zu gehen, es war ihm, als müßte La ihn noch halten, er hoffte auf ein Wort von ihr. Auch ſie ſchwieg, ſie atmete lebhaft, mit einem Entſchluſſe kämpfend. Dann ſagte ſie zögernd:
„ Das glaube nicht, Sal, daß Ell dabei im Spiele iſt, wenn ich Dir Deine Bitte wegen der Briefe abſchlage. Daß er mich benachrichtigte, war nur zu unſerm Beſten, wenn Du mir gefolgt hätteſt. Jch wollte einer Aus - einanderſetzung ausweichen, weil ich wußte, daß ſie Dich kränken müßte, daß Du mich mißverſtehen und an meiner Liebe zweifeln würdeſt — nach Menſchenart — und weil — weil ich ſelbſt nicht wußte, wie ich dies ertragen könnte — ja Sal, um meinetwillen wollt’ ich Dich nicht ſehen — ‟
Saltner kniete zu ihren Füßen und ſchlang die Arme um ſie.
„ O La! ‟ rief er, „ ſo habe ich noch die Hoffnung, daß Du mich erhörſt, daß Du meine Bitte erfüllſt? ‟
187Gefährlicher Ruheplatz.„ Du weißt nicht, was Du verlangſt, weißt nicht, welch namenloſe Qual dieſe Stunde mir bereitet. Du verlangſt mehr als mein Leben, du verlangſt meine Freiheit, meine Numenheit. — Wenn ich dir nachgebe, wenn ich dieſem Rauſche der Gegenwart unterliege — o mein Freund — dann bin ich keine Nume mehr, dann bin ich ein Menſch! Aus dem reinen Spiel des Gefühls verfalle ich in den Zwang der Leidenſchaft, die Freiheit verlöre ich und müßte niederſteigen mit Dir zur Erde. Und kann Deine Liebe das wollen? ‟
Saltner barg ſein Haupt zwiſchen den Händen, ſeine Bruſt hob ſich krampfhaft.
„ Verzeih mir, La, verzeihe mir, ‟ kam es endlich von ſeinen Lippen.
La nahm ſeinen Kopf zwiſchen ihre Hände und blickte ihn an, ihre Augen ſtrahlten in einem verklärten Glanze.
„ Du ſollſt es wiſſen, mein Freund, ‟ ſagte ſie langſam, „ ich liebe Ell nicht, ich liebe nur Dich. ‟
„ La! ‟ hauchte er ſelig.
Thränen traten in ihre Augen und mit gebrochener Stimme ſagte ſie: „ Und dies iſt das Schickſal, das uns trennt. ‟
Er ſah ſie ſprachlos an.
„ Jch bin eine Nume, und weil ich ihn nicht liebe, weil ich fühle, daß ich ihn nicht lieben kann, darum müſſen wir ſcheiden. — Darum müſſen wir ſcheiden ‟, wiederholte ſie leiſe, „ denn in dieſer Liebe zu Dir ver - löre ich meine Freiheit. Was ich heute ſprach, darfſt188Achtunddreißigſtes Kapitel.Du nie wieder hören. Steh auf, mein Freund, ſteh auf und glaube mir! ‟
Saltner wußte nicht, wie ihm geſchah. Er ſtand vor ihr, er begriff ſie nicht und wußte doch, daß es nicht anders ſein konnte.
„ Ob wir uns wiederſehen, weiß ich nicht. Jetzt nicht, jetzt lange nicht ‟ — Sie ſchluchzte auf und ſchlang die Arme um ſeinen Hals. Lange ſtanden ſie ſo.
„ Noch dieſen einen Kuß! Leb wohl, leb wohl! ‟
La riß ſich von ihm los.
„ Leb wohl ‟, ſagte er wie geiſtesabweſend. Dann ſchloß ſich die Thür hinter ihm. Mechaniſch ſuchte er ſeinen Hut und ſchritt aus dem Hauſe.
Auf der Erde hatte die Nachricht von der Be - ſetzung des Nordpols durch die Martier und der Exiſtenz eines Luftſchiffes, mit welchem ſie ſieben - hundert Kilometer in der Stunde in der Erdatmoſphäre zurückzulegen vermochten, ein Aufſehen erregt, wie kaum ein anderes Ereignis je zuvor. Der Bericht Grunthes und die von ihm vorgelegten Beweiſe ließen keinen Zweifel zu, überdies war das Luftſchiff in Jtalien, der Schweiz, Frankreich und England geſehen worden, ja die Ankunft Grunthes und das Verſchwinden Ells und Frau Torms waren auf keine andere Weiſe zu erklären. Die Schriften Ells, welche jetzt herauskamen, gaben eine hinreichende Auskunft über die Möglichkeit techniſcher Leiſtungen, wie ſie von den Martiern voll - zogen wurden.
Als daher Kapitän Keswick, ſobald er mit der Prevention die erſte Telegraphenſtation berührte, ſeinen Bericht an die engliſche Regierung abgab, und Torm190Neununddreißigſtes Kapitel.nach Friedau telegraphierte, daß er glücklich gerettet ſei, erregten dieſe Nachrichten ſchon nicht mehr die Verwunderung, die man auf der Prevention erwartet hatte. Wohl aber wurde in England die anfänglich für die Martier vorhandene Begeiſterung ſtark ab - gekühlt und machte einer in der Preſſe ſich äußernden, etwas bramarbaſierenden Entrüſtung Platz, daß man dieſen Herrn vom Mars doch etwas mehr Reſpekt vor der britiſchen Flagge beibringen müſſe. Jndeſſen fehlte es nicht an Stimmen, die zur äußerſten Vorſicht rieten und die Gefahren ausmalten, welche den Nationen des Erdballs von einer außerirdiſchen Macht drohten, der ſo ungewöhnliche und unbegreifliche Mittel zur Durchſetzung ihres Willens zu Gebote ſtänden wie den Martiern.
Dieſe Sorge, die Bedrohung durch eine unbeſtimmte Gefahr, beherrſchte das Verhalten der Regierungen aller civiliſierter Staaten. Man wußte weder, was man zu erwarten habe, noch wie man einem etwaigen weiteren Vorgehen der Martier begegnen ſolle. Ein äußerſt lebhafter Depeſchenwechſel fand ſtatt, man erwog den Plan, einen allgemeinen Staatenkongreß zu berufen, und konnte ſich vorläufig nur noch nicht über das vorzulegende Programm und den Ort des Zuſammentritts einigen. Während man ſich auf der einen Seite einer gewiſſen Solidarität der politiſchen Jntereſſen aller Staaten gegenüber den Martiern be - wußt war, zeigten ſich doch auf der andern Seite ſehr verſchiedene Auffaſſungen über den zu erwartenden kulturellen Einfluß der Martier. Die Preſſe aller191Die Martier ſind auf der Erde!Nationen beſchäftigte ſich aufs eifrigſte mit der Mars - Frage, und eine unüberſehbare Menge von Meinungen und abenteuerlichen Hypotheſen erfüllte die Blätter und erhitzte die Gemüter.
Die Quelle aller dieſer Erwägungen war das Buch von Ell über die Einrichtungen der Martier und die Erklärungen, welche Grunthe aus ſeinen Erfahrungen am Nordpol dazu geben konnte. Ein Verſtändnis der - ſelben, wenigſtens im größeren Publikum, war jedoch nicht zu erreichen. Der Sprung von der techniſchen und ſozialen Kultur der Menſchen zu der Entwickelung, welche dieſe bei den Martiern erreicht hatte, war zu groß, als daß man ſich in letztere hätte finden können. Gerade die erſten Mahnungen Grunthes, man möge ſich unter keinen Umſtänden in einen Konflikt mit den Martiern einlaſſen, weil ihre Macht alle menſchlichen Begriffe überſtiege, fanden am wenigſten Gehör; dazu waren ſie ſchon viel zu wiſſenſchaftlich in der Form.
Man ſtellte ſich wohl vor, daß ſich die Martier durch wunderbare Erfindungen eine ungeheure Macht über die Natur angeeignet hätten, aber man hatte keinerlei Verſtändnis dafür, wie ihre ethiſche und ſoziale Kultur ſie den Gebrauch dieſer Macht benutzen, mäßigen und einſchränken ließ. Vor allem blieb das eigentliche Weſen ihrer ſtaatlichen Ordnung trotz der Erläuterungen in Ells Buche ein Rätſel. Die individuelle Freiheit war ſo überwiegend, die Entſcheidung des einzelnen in allen Lebensfragen ſo ausſchlaggebend und ſo wenig von ſtaatlichen Geſetzen überwacht, daß vielfach die Anſicht ausgeſprochen wurde, das Gemeinſchaftsleben192Neununddreißigſtes Kapitel.der Martier ſei durchaus anarchiſtiſch. Jn der That, die Form des Staates war auf dem Mars an kein anderes Geſetz gebunden, als an den Willen der Staats - bürger, und ſo gut ein jeder ſeine Staatsangehörigkeit wechſeln konnte, ſo konnte auch die Majorität, ohne in den Verdacht der Staatsumwälzung oder der Staats - feindſchaft zu kommen, von monarchiſchen zu republi - kaniſchen Formen und umgekehrt übergehen. Keine Partei nahm das Recht in Anſpruch, die alleinige Vertreterin des Gemeinſchaftswohls zu ſein, ſondern in der gegenſeitigen, aber nur auf ſittlichen Mitteln be - ruhenden Meſſung der Kräfte ſah man die dauernde Form des ſtaatlichen Lebens. Es gab keinen regieren - den Stand, ſo wenig es einen allein wirtſchaftlich oder allein bildend thätigen Stand gab. Vielmehr war zwiſchen dieſen Berufsformen ein ſtetiger Uebergang, ſo daß ein jeder, ganz nach ſeinen Fähigkeiten und Kräften, diejenige Bethätigungsform erreichen konnte, wozu er am beſten tauglich war. Dies war freilich nur möglich infolge des hohen ethiſchen und wiſſen - ſchaftlichen Standpunktes der Geſamtbevölkerung, wo - nach die Bildungsmittel jedem zugänglich waren, aber von jedem nur nach ſeiner Begabung in Anſpruch genommen wurden. Natürlich bedeutete das nicht die Herrſchaft des Dilettantismus, ſondern jede Thätigkeit ſetzte berufsmäßige Schulung voraus, der Eintritt in höhere politiſche Stellen vor allem eine tiefe philo - ſophiſche Bildung. Aber der Fähige konnte ſie er - werben. Und dies beruhte wieder darauf, daß die Buſgcheherrn der Natur durch Erkenntnis die unmittel -193Die Martier ſind auf der Erde!bare Quelle des Reichtums in der Sonnenſtrahlung erſchloſſen hatte.
Andere wieder behaupteten, die Staatsform der Martier ſei durchaus kommuniſtiſch. Auch hierfür ſchien manches zu ſprechen. Denn wenn auch, was Ell nicht genügend hervorgehoben hatte, die Verwal - tung der großen Betriebe der Strahlungsſammlung, des Verkehrs u. ſ. w. thatſächlich in der Hand von Privatgeſellſchaften lag, ſo war doch das Anlage - kapital Staatseigentum. Es exiſtierte auch eine ſtaat - liche Konzentration der wirtſchaftlichen Thätigkeit, obwohl dieſe der Arbeit des einzelnen völlig freie Hand ließ und keineswegs die Güterproduktion durch Vorſchriften regelte. Aber die Zentralregierung, deren Mitglieder auf eine zwanzigjährige Amtsdauer erwählt wurden, ſetzte unter Einwilligung des Parlaments einen „ Strahlungsetat ‟ feſt, d. h. es war dadurch für ein Jahr in voraus beſtimmt, welches Maximum von Energie der Sonne entnommen, alſo auch welches Maximum mechaniſcher Arbeit auf dem Planeten ge - leiſtet werden konnte. Sie ſetzte auch ein beſtimmtes Kapital feſt, das jeder als ein zinsloſes Darlehen in Anſpruch nehmen konnte, falls ſeine eignen Arbeits - mittel durch ungünſtige Verhältniſſe in Verluſt geraten waren. Jm übrigen aber war ein jeder auf ſeinen eigenen Fleiß angewieſen.
Auf dem Kulturſtandpunkte der Menſchheit er - ſchienen die Einrichtungen des Mars als Utopien, und mit Recht; denn ſie ſetzten eben Staatsbürger voraus, die in einer hunderttauſendjährigen Ent -Laßwitz, Auf zwei Planeten. 40194Neununddreißigſtes Kapitel.wickelung ſich ſittlich geſchult hatten und theoretiſch an der rechten Stelle alle die Mittel gleichzeitig zu benutzen wußten, deren Gebrauch im Laufe der ſozialen Lebensformen nach irgend einer Seite erprobt worden war. Ein Teil der Regierungen der Erdſtaaten be - fürchtete nun, daß das Beiſpiel der Martier die Ver - anlaſſung zu übereilten Reformen, vielleicht zu gewalt - ſamen Umwälzungen geben würde. Die agrariſche Bevölkerung geriet in Beſtürzung über die drohende Konkurrenz der Lebensmittelfabrikation ohne Ver - mittelung der Landwirtſchaft. Auf der anderen Seite begrüßten die Arbeiterſchaft und alle für ſchnellen Kulturfortſchritt enthuſiasmierten Gemüter die Martier als die Erlöſer aus der Not, deren Erſcheinen nun bald bevorſtünde. Durchweg aber war man im Un - klaren, was geſchehen würde und was geſchehen ſolle.
Als im Oktober die Parlamente der meiſten Staaten zuſammentraten, gab es überall Jnterpellationen an die Regierungen über die Marsfrage. Und überall lautete die Antwort ausweichend dahin, es fänden Er - wägungen ſtatt über einen allgemeinen Staatenkongreß, worüber man indeſſen Näheres noch nicht mitteilen könne. Überall ſprachen dann die Führer der ver - ſchiedenen Parteien die Anſichten über den Mars aus, die ſie vorher in ihren Blättern hatten drucken laſſen. Einige wollten die Martier enthuſiaſtiſch aufnehmen, andere ſie dilatoriſch behandeln, andere ſie überhaupt von der Erde zurückweiſen. Wie man das machen ſolle, wußte freilich niemand zu ſagen. Der Erfolg war jedoch in allen Staaten der gleiche, neue Be -195Die Martier ſind auf der Erde!willigungen zur Vermehrung des Heeres und der Flotte.
Zum Glück für die Regierungen, die dadurch Zeit zur Beratung gewannen, hörte man nun nichts mehr von den Martiern. Das Luftſchiff ließ ſich nicht wieder ſehen, die Martier ſchienen verſchwunden.
Da plötzlich kam im Januar die Nachricht vom Wiedererſcheinen eines Luftſchiffs in Sydney. Am 2. Januar telegraphierte der Gouverneur von Neu-Süd - wales nach London, daß in Sydney mehrere Luftſchiffe eingetroffen ſeien, beſtimmt, eine außerordentliche Ge - ſandtſchaft der Marsſtaaten nach London zu bringen, falls die engliſche Regierung ſich bereit erkläre, mit derſelben wie mit der bevollmächtigten Geſandtſchaft einer anerkannten Großmacht zu unterhandeln. Die Martier hatten ſofort in Sydney einen berühmten Rechtsanwalt als Agenten engagiert, der die Verhand - lungen mit den Behörden führte. Daß ſie vom Mars mehr als 2000 Kilogramm Gold in Barren mitge - bracht und bei der Bank of New South Wales deponiert hatten, war eine ſo vorzügliche Empfehlung, daß ganz Neu-Südwales für ſie eingenommen war.
Die diplomatiſchen Verhandlungen waren inzwiſchen nicht weiter gekommen. Auf Englands erneute Anregung einigte man ſich jetzt endlich dahin, daß man die Mars - ſtaaten als politiſche Macht anerkennen wolle, wenn ſie gewiſſe Garantien gäben, daß ſie ſich dem auf der Erde geltenden Völkerrecht unterwärfen. Daraufhin beantwortete die engliſche Regierung die Depeſche der Marsſtaaten im Prinzip bejahend, knüpfte aber ver -40*196Neununddreißigſtes Kapitel.ſchiedene Bedingungen an die Bewilligung weiterer diplomatiſcher Verhandlungen. Sie verlangte von den Martiern außer der Anerkennung der völkerrecht - lichen Gewohnheiten der civiliſierten Erdſtaaten, daß genau feſtgeſetzt werde, worüber mit der Geſandtſchaft verhandelt werden ſolle, und daß kein andrer Punkt zur Verhandlung käme, nachdem man die Martier in London zugelaſſen habe. Jhrerſeits verſprach natür - lich die Regierung der Geſandtſchaft den völkerrecht - lichen Schutz auf der Erde.
Der Bevollmächtigte der Marsſtaaten, Kal, ging hierauf ohne weiteres ein und ſtellte folgende Forder - ungen zur Verhandlung in einer Depeſche vom 22. Januar:
1) Formelle Entſchuldigung der engliſchen Regierung wegen des Angriffs, den die Mannſchaft des Kanonen - bots auf die beiden Martier und der Kapitän auf das Luftſchiff unternommen hatten.
2) Beſtrafung des Kapitäns Keswick und des Leutnants Prim.
3) Entſchädigung für die beiden Martier von je hunderttauſend Pfund.
4) Anerkennung der Hoheitsrechte der Marsſtaaten auf die Polargebiete der Erde jenſeit des 87. Grades nördlicher und ſüdlicher Breite.
5) Anerkennung der Gleichberechtigung der Martier mit allen andern Nationen in Bezug auf Niederlaſſung, Verkehr, Handel und Erwerb.
Gleichzeitig depeſchierte Kal an die Regierungen aller größeren Staaten den Wunſch der Marsſtaaten,197Die Martier ſind auf der Erde!über die beiden letzten Punkte in Verhandlung zu treten.
Die Antworten ließen auf ſich warten. Die Re - gierungen der Erde verhandelten zunächſt untereinander, da ſie in ihren vorangegangenen Verabredungen über - eingekommen waren, gemeinſam vorzugehen, falls die Martier mit allgemeinen Fragen des internationalen Verkehrs an ſie herantreten ſollten. Die Vereinigten Staaten, Frankreich, Jtalien und Japan traten dafür ein, den Martiern entgegen zu kommen, Deutſchland, Öſterreich-Ungarn und andere zögerten noch, Rußland verhielt ſich ablehnend. Die engliſche Regierung war zuerſt geneigt, Verhandlungen einzuleiten. Aber ſo - bald die Forderungen der Martier in der Bevölkerung bekannt geworden waren, erhob ſich ein allgemeiner Entrüſtungsſturm. Das Nationalgefühl forderte un - geſtüm die Ablehnung des Anſinnens der Martier, das britiſche Selbſtbewußtſein laſſe nicht zu, daß man mit einem Haufen Abenteurer in Verhandlungen über Entſchuldigungen und Entſchädigungen trete. Es kam zu einer bewegten Parlamentsſitzung, in welcher das friedlich geſtimmte Miniſterium geſtürzt wurde. Ein Toryminiſterium, zu entſchiedenem Vorgehen geneigt, trat an die Stelle und erklärte ſofort, daß es jede weitere Unterhandlung mit den Marsſtaaten zurückweiſe. Die ablehnende Note, welche nach Sydney zur Mitteilung an den Geſandten der Marsſtaaten geſchickt wurde, war in ſehr kühlem und herablaſſendem Tone gehalten.
Die übrigen Staaten hatten jetzt, nachdem England198Neununddreißigſtes Kapitel.eigenmächtig vorgegangen war, keine Veranlaſſung, ſich gegenſeitig zu binden, und erklärten nunmehr ſämtlich im Prinzip ſich zu Unterhandlungen bereit, indem ſie ſich jedoch völlige Freiheit ihrer weiteren Entſchließungen vorbehielten.
Sobald die Martier in Sydney aus den Zeitungen, die ſie aufs ſorgfältigſte verfolgten, entnommen hatten, daß ſie in England vermutlich auf kein Entgegen - kommen rechnen durften, ſandte Kal nach dem Mars die Lichtdepeſche, derzufolge die verabredeten Verſtärk - ungen abzuſenden ſeien. Ein Luftſchiff vermittelte täglich den Verkehr zwiſchen Sydney und dem Süd - pol, von deſſen Außenſtation die Lichtdepeſchen ab - gingen. Aber auch ſchon vorher hatte ſich eine an - ſehnliche Macht am Südpol angeſammelt. Es waren drei neue Raumſchiffe angelangt, nachdem die früheren, um ihnen Platz zu machen, zurückgegangen waren, und hatten neue Luftſchiffe und Mannſchaften ge - landet. Gegenwärtig befanden ſich bereits vierund - zwanzig Luftſchiffe am Südpol, ſämtlich mit Nihilit - panzern, Repulſitgeſchützen und Telelyten ausgerüſtet, eine furchtbare Macht, deren militäriſchen Oberbefehl ein energiſcher Martier aus dem Norden, namens Dolf, führte. Es ließ ſich berechnen, daß binnen vier Wochen die Streitmacht der Martier auf 48 Fahr - zeuge angewachſen ſein würde. Mit dem letzten der Raumſchiffe, deſſen Ankunft im März zu erwarten war, wollte Jll ſelbſt eintreffen, um die Leitung der Erdangelegenheiten zu übernehmen. Jnzwiſchen hatte man Kal eine Anzahl anderer bedeutender Männer199Die Martier ſind auf der Erde!zur Seite geſtellt, die als Geſandte an die Regierungen der Großmächte gehen ſollten.
Als die Note der großbritanniſchen Regierung Kal übermittelt war, telegraphierte ſie dieſer ſofort nach dem Mars. Die Antwort traf noch denſelben Tag ein. Sie beſagte nur, daß Kal genau nach den Jn - ſtruktionen verfahren ſolle, welche für den Fall einer ablehnenden Haltung Englands feſtgeſetzt ſeien. Am 15. März ſei das Hauptquartier nach dem Nordpol zu verlegen, woſelbſt im Laufe des März nach und nach noch vierundzwanzig Raumſchiffe mit durchſchnittlich je ſechs Luftſchiffen eintreffen würden. Damit würde die Macht der Martier auf der Erde auf 144 große und eine Anzahl kleinerer Luftſchiffe mit 3456 Mann gebracht ſein, eine Flotte, die den Martiern genügend ſchien, den Kampf im Notfalle mit der geſamten Erde aufzunehmen.
Die Note der engliſchen Regierung war vom 18. Februar datiert. Am zwanzigſten erfolgte die Antwort Kals. Sie beſagte, daß die Regierung der Marsſtaaten hiermit an die großbritanniſche Regierung das Ultimatum richte, bis zum 1. März ſämtliche ge - ſtellte Forderungen zuzugeſtehen, widrigenfalls ſich die Marsſtaaten als im Kriegszuſtande mit England be - trachten würden. Dieſe Erklärung wurde gleichzeitig allen andern Regierungen mitgeteilt.
Am 23. Februar drängte ſich in Berlin auf der Wilhelmſtraße, unter den Linden und vor dem könig - lichen Schloſſe eine ungeheure Menſchenmenge. Es hatte ſich das Gerücht verbreitet, eine Geſandtſchaft der Martier ſei eingetroffen, ſie befinde ſich im Palais200Neununddreißigſtes Kapitel.des Reichskanzlers und werde vom Kaiſer empfangen werden. Die Schauluſt der Menge ſollte jedoch nicht befriedigt werden, dagegen wurde der geſamten Be - völkerung eine andere Überraſchung zu teil durch eine Nachricht, welche der Reichsanzeiger in einer Extra - ausgabe brachte. Es wurde darin mitgeteilt, daß ſich allerdings in der Nacht eine Geſandtſchaft der Martier in Berlin befunden, die Stadt aber bereits am Morgen verlaſſen habe. Die Beziehungen zur Regierung der Marsſtaaten ſeien äußerſt freundliche, und man hoffe, daß auch ein Einvernehmen mit England hergeſtellt werden würde. Bald darauf teilte der Telegraph aus allen Hauptſtädten ähnliche Nachrichten mit.
Jn aller Stille nämlich hatten die Martier mit den Mächten einzeln verhandelt, und in der Nacht vom 22. zum 23. Februar waren gleichzeitig in Waſhington, Paris, Berlin, Wien, Rom und Peters - burg Geſandtſchaften der Martier heimlich eingetroffen, um durch mündlichen Verkehr mit den leitenden Staats - männern die Lage zur Klärung zu bringen. Jn Berlin hatte ein Luftſchiff mehrere Stunden im Garten des Reichskanzlerpalais gelegen, und der martiſche Geſandte hatte ſich mit dem Neichskanzler beſprochen. Aber weder aus Deutſchland noch aus irgend einem andern Staate konnte man erfahren, was der Gegenſtand und das Reſultat dieſer Unterredungen geweſen ſei. Man vermutete, daß es ſich um Erklärungen der Martier über ihre Abſichten und um die Vermittlung der Mächte zwiſchen den Marsſtaaten und Großbritannien handle. Man bezweifelte nicht, daß die Martier friedliche Ver -201Die Martier ſind auf der Erde!ſicherungen gemacht hätten, aber man ſetzte kein Ver - trauen darauf, daß die Vermittlungsvorſchläge der Mächte bei England günſtige Aufnahme finden würden.
Sie waren wohl auch hauptſächlich in der Abſicht zugeſagt, die Geſchäftswelt einigermaßen zu beruhigen; denn auf die erſte Nachricht vom Ultimatum der Martier hatten die Börſen aller Länder mit einem gewaltigen Sturze aller engliſchen Werte geantwortet, und die dadurch eingeriſſene Panik dauerte fort. Die Nach - richten aus England aber wurden nicht günſtiger. Die Stimmung war kriegeriſch. Nur wenige Blätter wagten einem Nachgeben gegen die Martier das Wort zu reden, und ſie wurden tumultuariſch überſchrien. Krieg gegen den Mars war die Loſung geworden. Krampfhaft rüſtete man in Heer und Flotte, obwohl man nicht wußte, in welcher Form man einen Angriff zu gewärtigen habe. Fieberhafte Thätigkeit herrſchte in den Arſenalen und Werkſtätten, wo man haupt - ſächlich damit beſchäftigt war, die Konſtruktion der Geſchütze ſo umzuändern, daß ſie eine größere Elevation geſtatteten. Denn man erwartete, den Kampf mit einem Gegner führen zu müſſen, der ſich in der Luft befand. Man tröſtete ſich mit der Sicherheit, daß die Martier jedenfalls nicht im ſtande ſeien, außerhalb ihrer Luftſchiffe irgend etwas auszurichten, weil ihre Körper unter dem Einfluſſe der Erdſchwere zu Kraftleiſtungen, ja zur einfachen Bewegung untauglich ſeien. Man hoffte daher, wenn man ſich nur die Luftſchiffe vom Halſe halten konnte, nichts Ernſtliches zu befürchten zu haben und den auf der Erde fremden Gegner bald zu ermüden.
[202]Jnzwiſchen war man auf dem Mars recht unge - duldig. Nachdem die Abreiſe des erſten Raum - ſchiffs ſich bereits verzögert hatte, vergingen weitere fünfundzwanzig Tage, bis die erſte kurze Lichtdepeſche die glückliche Ankunft desſelben auf der Außenſtation am Südpole der Erde meldete. Dann dauerte es wieder einige Tage, bis man erfuhr, daß die übrigen Raumſchiffe ebenfalls angelangt und die Luftſchiffe in Betrieb geſetzt ſeien. Die Verzögerung der Antwort ſeitens der britiſchen Regierung wirkte verſtimmend. Man war daher angenehm überraſcht, als man ver - nahm, daß die Regierung zu einem thatkräftigen Vor - gehen entſchloſſen war, und als das Ultimatum an England bekannt wurde, wurden dem Zentralrate und insbeſondere Jll lebhafte Ovationen dargebracht. Die nach der Erde mit Verſtärkung abgehenden Schiffe wurden mit begeiſterten Abſchiedshuldigungen gefeiert. Man bedauerte nur, daß die Nachrichten von der Erde203Jsmas Leiden.ſo kurz und ſpärlich waren, weil man auf den ſchwie - rigen Verkehr durch Lichtdepeſchen angewieſen war.
Mit Spannung ſah man der Rückkehr des erſten Raumſchiffes entgegen, welches ausführlichere Nach - richten bringen mußte. Aber da die Planeten jetzt von Tag zu Tag ſich weiter von einander entfernten, dauerte die Ueberfahrt länger. Jetzt war ſeine An - kunft indeſſen jeden Tag zu erhoffen. Jll wollte nur dieſes Ereignis abwarten, um ſich ſelbſt nach der Erde zu begeben.
Niemand aber erſehnte die Ankunft des Schiffes ungeduldiger als Jsma. Sollte es ihr doch Nach - richten von der Erde bringen. Sie wußte zwar, daß ſie mit dieſem Schiffe noch keinen Brief von ihrem Mann erhalten konnte, denn es hatte die Erde ver - laſſen, ehe eine Antwort auf ihr Schreiben in Sydney eintreffen konnte. Aber ſie hoffte auf Zeitungen, die ja über die Rückkehr Torms Auskunft geben mußten.
Jsma lebte einſam und traurig in Jlls Haufe, und alle Bemühungen der guten Frau Ma, ſie zu erheitern, waren vergeblich. Ell begleitete Jll auf ſeinen häufigen Reiſen nach dem Südpol und der Schiffsbauſtätte. Bei Jsma ließ er ſich nicht mehr ſehen, und heimlich bereute ſie ihre leidenſchaftliche Trennung von dem alten Freunde. La war in der Ferne. Zu andern Martiern vermochte ſie in kein vertrauteres Verhältnis zu kommen. Jhr einziger näherer Umgang war Saltner, der ſeinen Sprach - unterricht in Kla wieder aufgenommen hatte. Aber auch er war nicht mehr der übermütige, luſtige Mann204Vierzigſtes Kapitel.wie früher, und Jsma bemerkte wohl, daß ihn noch eine andere Sorge drückte als das Heimweh und der Kummer um das Schickſal der Menſchen. Und doch war es ſchon ſchwer genug, hier in der Verbannung zu leben, während das Vaterland in drohendſter Ge - fahr ſchwebte.
Und endlich, heute war die Depeſche gekommen, daß das Raumſchiff in der Nacht gelandet ſei. Kaum vermochte Jsma ihre Aufregung zu beherrſchen. Doch die Aufgaben des Tages mußten erledigt werden, ſie zwang ſich zur Ruhe, obwohl ſie bei jedem Geräuſch hoffte, man bringe die erſehnten Nachrichten.
Die franzöſiſche Konverſationsſtunde war beendet. Jsma ſchloß die Klappe des Fernſprechers und ſetzte ſich an ihren Schreibtiſch. Er war ein Geſchenk Ells, der ihn nach dem Muſter ihres Schreibtiſches in Friedau aus der Erinnerung ſo gut wie möglich hatte herſtellen laſſen, weil er wußte, daß Jsma die Schreibmaſchine und die Möbel der Martier nicht ſehr liebte. Sie zog wieder ihr Tagebuch hervor. Die Zeitrechnung machte ihr Schwierigkeiten, denn der Marstag war um 37 Minuten länger als der Erdentag, da ſie aber ſtets einen Marstag gleich einem Erdentage in ihrem Buche gerechnet hatte, ſo mußte ſie alle neununddreißig Tage einen Erdentag überſpringen, um nicht gegen den Kalender der Erde zuweit zurückzubleiben. Das war nun jetzt zum viertenmale der Fall — ſo lange weilte ſie auf dem Mars! Sie fand, daß heute auf der Erde der 27. Februar ſei, ein Sonntag! Und der Geburtstag ihres Mannes! Wie glücklich hatte ſie dieſen Tag205Jsmas Leiden.ſonſt verlebt, und mit welchen Hoffnungen im vorigen Jahre! Und wo mochte Hugo jetzt weilen? Der Troſt, den ſeine Rettung ihr gewährte, hatte nur auf kurze Zeit angehalten. Die Unmöglichkeit, ſich mit ihm ſo zu verſtändigen, wie es ihr Herz verlangte, erhöhte nur ihre Sehnſucht und ihre Sorge. Was hatte er von ihr gehört, in welchem Lichte mußte ſie ihm erſcheinen, wie würde er ihre Handlungsweiſe be - urteilen? Konnte er ihr Glauben ſchenken? Wie ent - täuſcht und einſam mußte er ſich fühlen, wenn er das Haus leer fand, wo er ſein Glück wiederzufinden hoffte!
Das Herabfallen der Fernſprechklappe ſchreckte ſie aus ihren Gedanken.
„ Liebe Jsma, ſind Sie da? Ja? Jch bringe Jhnen etwas! ‟ Es war die Stimme von Frau Ma. Jm Augenblick war Jsma aufgeſprungen. Schon erſchien Ma an der Thür.
„ Da, Frauchen ‟, rief ſie, „ da haben Sie die ganze Poſt für Sie. Ein großes Packet, nicht wahr? Jll hat alle deutſchen Zeitungen aufkaufen laſſen, die in Sydney zu haben waren. Und nun ängſtigen Sie ſich nicht, es wird alles gut werden. Jch will Sie jetzt nicht ſtören. ‟ Sie küßte Jsma auf die Stirn und ging.
Das Packet, von einem leichten Korbgeflecht um - hüllt, lag auf dem Tiſche. Jsmas Hände zitterten, als ſie den Verſchluß auseinanderbog. Ein Haufen Zeitungen lag vor ihr. Sie ſetzte ſich und zwang ſich zur Ruhe. Syſtematiſch nahm ſie ein Blatt nach dem andern zur Hand, ſah nach dem Datum und entfaltete206Vierzigſtes Kapitel.es. Die Blätter waren offenbar ſchon von einer kundigen Hand geordnet. Das erſte war vom 24. September vorigen Jahres. Gleich nach dem Leit - artikel enthielt es in fettem Druck die Nachricht, daß das engliſche Kanonenbot „ Prevention ‟ auf der Rück - kehr begriffen ſei. Es habe in der Nähe von Grinnel - land einen ſiegreichen Kampf mit einem Luftſchiffe, angeblich den Bewohnern des Planeten Mars gehörig, beſtanden. An Bord befinde ſich der Leiter der deut - ſchen Nordpolexpedition Torm, der von wandernden Eskimos dahin gebracht ſei — — —
Jsma las nicht weiter. Sie ergriff ein neues Blatt. „ Torm in London. ‟ Sie überflog nur die Zeilen. „ Tiefergreifend wirkten auf den kühnen Forſcher die Nachrichten über das Schickſal der übrigen Expeditions - mitglieder, insbeſondere die glückliche Heimkehr Grunthes und die Rettung der wiſſenſchaftlichen Reſultate. Aber alles tritt im Augenblick in den Hintergrund gegenüber der Thatſache, daß die Martier — ‟ Weiter — „ Der Feſtabend der geographiſchen Geſellſchaft litt unter der getrübten Stimmung des Gefeierten, den traurige Familiennachrichten niederdrückten — ‟
Jsma ſeufzte tief. Sie vermochte kaum zu leſen. Jeden Augenblick fürchtete ſie auf ihren Namen zu ſtoßen und die Verleumdung öffentlich ausgeſprochen zu ſehen. Aber es war nichts weiter geſagt. Ein anderes Blatt! „ Torm in Hamburg. Begeiſterter Empfang. ‟ — Weiter! „ Torm in Berlin. — Rüh - rendes Wiederſehen von Torm und Grunthe. — All - gemein bedauerte man die Abweſenheit Friedrich Ells,207Jsmas Leiden.des geiſtigen und pekuniären Vaters der Expedition, der ſich bekanntlich nach dem Mars begeben hat. — — Wie wir hören beabſichtigt Torm ſeinen Wohnſitz vor - läufig in Berlin zu nehmen — ‟
Jsma atmete auf. Dieſe Zeitung wenigſtens ſchien diskret zu ſein — man wollte offenbar den verdienten Forſcher ſchonen. Und ſie, ſie ſollte ſchuld ſein, daß man ihn ſchonen mußte? Was mochten andere von ihr ſagen? Und warum ſagte man nicht offen, wes - halb ſie fortgegangen war — Grunthe wußte es doch, er konnte ſie rechtfertigen.
„ Es glaubt ihm niemand! ‟ Wie ein Schrei ent - rang es ſich Jsma. Mechaniſch blätterte ſie weiter. Da haftete ihr Auge auf einer Stelle.
„ Jnfolge der gehäſſigen Angriffe, die von gewiſſen Blättern gegen den Martier-Sohn Friedrich Ell ge - richtet werden und die ſich bemühen, die Gattin unſeres großen Landmanns Torm zu verleumden, ſehen wir uns gezwungen, von unſerm Grundſatze abzugehen, wonach wir um perſönlichen Klatſch uns nicht kümmern. Wir ſind jedoch in der Lage, aus beſter Quelle jene ſchamloſen Hetzereien zurückzuweiſen, die, ſoviel wir wiſſen, ihren Urſprung aus einem Artikel des Friedauer Jntelligenzblattes genommen haben. Es war dort geſagt, jedermann in Friedau wiſſe, daß zwiſchen Ell und Frau Torm intime Beziehungen ſeit Jahren be - ſtanden hätten. Die Polarexpedition, ſo deutete man an, ſei von Ell angeregt, um Torm zu entfernen. Auf die Nachricht von ſeiner zu erwartenden Rückkehr habe Frau Torm ihr Haus verlaſſen und ſei aus208Vierzigſtes Kapitel.Friedau verſchwunden. Man vermute, daß ſie mit ihrem Freunde nach dem Mars gegangen ſei — u. ſ. w. — Dies alles iſt erbärmliche Lüge. Herr Dr. Karl Grunthe, der Begleiter Torms, an deſſen Wahrhaftig - keit wohl ſelbſt das Friedauer Jntelligenzblatt nicht zu zweifeln wagen wird, ſchreibt uns, daß Frau Torm in ſeiner Gegenwart in einer mit Ell geführten Unter - redung ſich entſchloſſen habe, das Luftſchiff der Martier zu benutzen, um auf demſelben Nachforſchungen nach dem Verbleib ihres verſchollenen Gemahls anzuſtellen und die Rettung desſelben zu betreiben. Ohne Zweifel iſt es dasſelbe Luftſchiff, welches in Konflikt mit dem engliſchen Kanonenbot Prevention geraten iſt, zu einer Zeit, als ſich Torm noch bei den Eskimos be - fand. Nicht aufgeklärt bleibt nur, warum das Luft - ſchiff Friedau eher als geplant, mitten in der Nacht, verlaſſen hat, und warum es dann, entgegen der Zuſage des Befehlshabers, nicht nach Friedau zurück - gekehrt iſt. Man kann hieraus die Befürchtung ziehen, daß ihm irgend ein Unglücksfall zugeſtoßen iſt, und dies umſomehr, als der Kapitän Keswick verſichert, durch ſeine Beſchießung das Luftſchiff beſchädigt zu haben. Alle andern Schlüſſe aber ſind als Ver - leumdungen zurückzuweiſen. Der heldenmütige Ent - decker des wahren Nordpols, den der unerklärliche Verluſt ſeiner geliebten Gattin tief niederdrückt, ver - diente wohl, daß man ihn im eigenen Vaterlande nicht noch in ſeinem Teuerſten beſchimpft. ‟
Die Nummer der Zeitung war bereits vom No - vember des vorigen Jahres. Die folgenden Nummern,209Jsmas Leiden.die bis zum Anfang Januar dieſes Jahres reichten, ſchienen nichts weiter über dieſe Angelegenheit zu enthalten. Wenigſtens fand Jsma beim eiligen Durch - blättern keine dahinzielende Notiz, und ſie hoffte ſchon, die Erklärung habe ihre Wirkung gethan.
Jsma ſaß lange unfähig ihre Gedanken zu ordnen, den Kopf in die Hände geſtützt. Dann begann ſie weiter zu ſuchen. Es folgten jetzt Exemplare anderer Zeitungen, ſogar einige Witzblätter. Da ſah ſie mit Abſcheu und Entſetzen, daß man offenbar im großen Publikum ſich nicht an die gegebene Aufklärung kehrte. Wo von Ell die Rede war — und ſein Buch über die Martier wurde überall erwähnt — da fand ſich auch irgend eine hämiſche oder witzelnde Bemerkung. Was mußte Torm dabei fühlen! Jsma wollte nichts mehr ſehen, ſie ballte die Hände zuſammen. Da er - blickte ſie auf der halbgebrochenen Seite eines Witz - blattes unverkennbar das Geſicht Torms — ſie ſchlug das Blatt auf. Es war eine Karikatur — Torm in einem Luftballon auf dem Nordpol, über ihm ein Luftſchiff der Martier, worin Ell und Jsma ihm lange Naſen drehen — — ſie las nicht, was darunter ſtand, ſie ſprang auf und ergriff den Reſt der noch nicht durchblätterten Papiere, um ſie fortzu - ſchleudern — —
Da, was fällt da herab? Ein zuſammengelegtes, geſchloſſenes Papier — eine telegraphiſche Depeſche — ein Formular des Telegraphenamts in Sydney — die Adreſſe iſt in engliſcher Sprache geſchrieben — „ An die Geſandtſchaft der Marsſtaaten für Frau Torm — ‟
Laßwitz, Auf zwei Planeten. 41210Vierzigſtes Kapitel.Jsma reißt das Papier auf. Der Jnhalt iſt deutſch, mit lateiniſchen Buchſtaben von einer eng - liſchen Hand geſchrieben — die Buchſtaben tanzen vor ihren Augen, ſie kann ſie kaum entziffern —
„ Berlin, den 6. Januar. Herzlichen Dank für die Aufklärung durch dein langes, liebes Telegramm! Das Mißgeſchick, das dich fernhält, ſchmerzlich be - trauernd, ſende ich innige Grüße in treuer Liebe und erhoffe baldiges, ungetrübtes Wiederſehen. Dein Torm! ‟
Das Telegramm entſank ihrer Hand und ihre nervöſe Spannung löſte ſich in einem ſchluchzenden Weinen. Eine direkte Nachricht hatte ſie nicht er - wartet. Sie wußte, daß die Martier am 2. Januar nach Sydney gekommen waren und das Raumſchiff bereits Mitte Januar die Erde wieder verlaſſen hatte. Jn dieſer Zeit konnte kein Brief nach Berlin ge - langen. Dein langes, liebes Telegramm! Alſo man war ſo aufmerkſam geweſen ihren ganzen Brief an Torm zu telegraphieren. Ein leichter Schreck durchzog ihr ſparſames Hausfrauenherz, wenn ſie an die un - geheuren Koſten dieſes Rieſentelegrammes dachte. Aber es verſöhnte ſie einigermaßen mit der Hartnäckigkeit der Martier, nur offene Briefe zuzulaſſen. Sie war glücklich über das Telegramm, das kein Wort des Vorwurfs enthielt, und doch wie wenig ſagte es! Aber was kann man auch in einem Telegramm ſagen! Sie las die wenigen Zeilen immer wieder.
Ma trat in das Zimmer.
„ Sitzen Sie nun ſchon zwei Stunden über den211Jsmas Leiden.Blättern, Frauchen? Und geweint haben Sie auch? Aergern Sie ſich nur nicht. Was giebt es denn? ‟
Jsma verſuchte zu lächeln. „ Hätte ich nur das Telegramm eher gefunden ‟, ſagte ſie, „ ſo hätten mich die dummen Menſchen weniger gekränkt. ‟
„ Aber Sie haben ja den Korb auf der falſchen Seite geöffnet — es hat doch wahrſcheinlich obenauf gelegen. Und nun kommen Sie gleich einmal mit mir! Saltner iſt da, er hat auch Nachrichten, von ſeiner Mutter und von Grunthe. Und Ell hat die Depeſche hergeſchickt, die er von Jhrem Manne bekommen hat. Es iſt doch nett von Ell, daß er alle Euere Briefe an ihre Adreſſe hat telegraphieren laſſen und ſofortige telegraphiſche Antwort beſtellt hat. ‟
Jsma erhob ſich. „ Jch komme ſogleich ‟, ſagte ſie.
Alſo Ell hatte ſie es zu verdanken, daß ſie ſchon eine Antwort bekommen hatte! Während ſie ihre Augen kühlte und ihr Haar ordnete, bedrückte ſie der Gedanke, daß ihr Brief zwanzig Seiten, eng beſchrie - ben — das waren gewiß an die viertauſend Worte — enthalten hatte. Wenn Ell das alles telegraphieren ließ, das war ja eine Depeſche für zwanzigtauſend Mark! Früher hätte ſie bei Ell überhaupt nicht daran gedacht, daß zwiſchen ihnen ein Abwägen des Gebens oder Nehmens beſtehen könne, aber jetzt war es ihr peinlich ſich ſo verpflichtet zu fühlen.
Bei ihrem Eintritt in das Empfangszimmer hielt ihr Saltner zuerſt freudeſtrahlend ein Telegramm ent - gegen, das ſie gar nicht zu entziffern vermochte. Es war von ſeiner Mutter. Aus den abgebrochenen,41*212Vierzigſtes Kapitel.nicht ganz dialektfreien Sätzen, welche die gute Frau in der Abſicht, recht kurz zu ſein, gebaut hatte, war durch den engliſchen Telegraphiſten ein unmögliches Kauderwelſch geworden. Saltner aber genügte es vollſtändig, daraus die Freude der Mutter über ſein Wohlbefinden zu erſehen, und jedes verſtümmelte Wort machte er mit rührender Sorgfalt zu einem beſonderen Studium.
Grunthe hatte nur kurz an Saltner telegraphiert, daß die plötzliche Abreiſe Ells ſehr ſtörend für die Stimmung der Bevölkerung in Bezug auf die Martier ſei, da er ſelbſt die gegen Ells Schriften erhobenen Bedenken nicht genügend widerlegen könne. Die politiſchen Verhältniſſe bezeichnete er als ziemlich troſt - los; ſeine Anſicht, daß man alle von den Martiern geſtellten Forderungen bewilligen müſſe, um ihnen jede Veranlaſſung zu nehmen, ſich in die menſchlichen Angelegenheiten einzumiſchen, finde wenig Anhänger. Man unterſchätze die Macht der Martier und baue auf ihre Unfähigkeit, ſich außerhalb ihrer Schiffe auf der Erde zu bewegen, während doch rückhaltloſes Ver - trauen und reiner Wille die einzigen Mittel ſein würden, den Einfluß der Nume zum Beſten zu lenken.
Jsma hatte die Zeilen nur durchflogen, um nun in Ruhe Torms langes Telegramm an Ell zu leſen. Es trug das Datum vom 8. Januar. Zunächſt war es rein geſchäftlich gehalten, ein Bericht des Leiters der Nordpolexpedition an deren Veranſtalter. Was Jsma am meiſten intereſſierte, die perſönlichen Schickſale Torms, war nur kurz geſchildert. Dann aber hieß es:
213Jsmas Leiden.„ Jch bedauere tief, daß Sie den heldenmütigen, aber übereilten Entſchluß meiner Frau unterſtützten und Friedau unter ſo ungewöhnlichen Umſtänden ver - ließen. Mir perſönlich, wie dem allgemeinen Jntereſſe entſtehen dadurch Schwierigkeiten, die ſich noch gar - nicht abſehen laſſen. Bieten Sie allen Einfluß auf, um Jsmas Rückkehr zu ermöglichen, und kommen Sie ſelbſt, um Jhre Sache zu führen. Wirken Sie darauf hin, daß die Marsſtaaten keine anderen Beſtrebungen verfolgen, als ganz allmählich einige ihrer techniſchen Fortſchritte uns zugänglich zu machen. Von jeder direkten Einwirkung befürchte ich Unheil für die Men - ſchen. Jch bleibe vorläufig in Berlin. Leider ſcheint in den maßgebenden Kreiſen Entſchlußloſigkeit zu herrſchen. Jch beſtätige dankend den Empfang der von Jhnen für die nachträglichen Koſten der Expedition angewieſenen Summe von 100 000 Mark. Torm. ‟
Jsma ließ das Blatt ſinken. Sie fühlte ſich un - ſäglich elend. Um ihren Mann zu retten hatte ſie ſich zur Reiſe entſchloſſen, und was hatte ſie erreicht! Welche Qualen hatte ſie ihm bereitet! Und den Freund abgezogen von ſeiner höchſten Pflicht, für den Frieden der Planeten zu wirken! Und ſie ſelbſt, ein - ſam, machtlos, verbannt — —
Sie ſprang auf und faßte Mas Hände.
„ Laſſen Sie mich fort ‟, rief ſie leidenſchaftlich. „ Jch muß nach der Erde, ich muß zu meinem Manne! Jch muß Ell ſprechen. Wo iſt er? ‟
„ Aber Frauchen, was iſt Jhnen? Zu Ell können Sie jetzt nicht, er iſt nach dem Pol gereiſt, um mit214Vierzigſtes Kapitel.Jll zu konferieren. Aber beruhigen Sie ſich. Die nächſten Tage werden alles entſcheiden. Jch darf Jhnen ſagen, wir verhandeln mit den Mächten, auch mit Jhrem Vaterlande. Sobald der Frieden geſichert iſt, ſollen Sie nach Hauſe. ‟
„ Jch gehe natürlich mit ‟, rief Saltner. „ Auf Ell rechnen Sie nicht, für ihn iſt es jetzt zu ſpät, oder noch zu zeitig. Was er verſäumt hat, kann er jetzt nicht einholen. Er hätte mit dem erſten Raumſchiff nach dem Südpol gehen und ſich ſofort nach Deutſch - land begeben müſſen. Das wollte er nicht. Es war ein großes Unrecht. ‟
„ Und wann ‟, ſeufzte Jsma, „ wann kommt endlich die Befreiung. ‟
Ma ſprach einige tröſtende Worte, als ſie plötzlich abberufen wurde. Schon nach wenigen Minuten kehrte ſie zurück.
„ Weinen Sie nicht mehr ‟, ſagte ſie zu Jsma, „ ich bringe Wichtiges für Sie, hoffentlich Gutes: Nachricht von Jll. Er hat telegraphiert, weil es vertraulich iſt, und beim Sprechen weiß man nie, wer zuhört. Nun, ich leſe ja ſchon, hören Sie nur: Soeben meldet Licht - depeſche, daß ſämtliche Großmächte, falls England unſer Ultimatum nicht annimmt, Neutralität erklärt haben. Wir verpflichten uns gegen Verkehrsfreiheit jeder Einmiſchung in politiſche Angelegenheiten uns zu enthalten. Leider Annahme des Ultimatums durch England ausſichtslos. ‟
Saltner ſprang auf. „ Das iſt doch etwas! So wird der Krieg wenigſtens lokaliſiert, wenn man ſo215Jsmas Leiden.ſagen darf. England geht es freilich an den Kragen, es iſt ja traurig. Aber wir haben Frieden, Gott ſei Dank! Nun dürfen wir zurück, nicht wahr? ‟
„ Jch zweifle nicht ‟, ſagte Ma. „ Giebt England nicht nach, ſo geht übermorgen, ſobald Jhr zweiter März anfängt, Raumſchiff auf Raumſchiff nach dem Nordpol, und Sie dürfen ſicher mitreiſen. Jn vier bis fünf Wochen können Sie daheim ſein. Aber Frauchen, was machen Sie, wie ſehen Sie aus? Gleich kommen Sie mit mir, Sie müſſen in Jhr irdiſches Schwerekämmerchen! ‟
Die Aufregung, die Sorge und nun die plötzliche Ausſicht auf Heimkehr hatten Jsmas Widerſtandskraft gelähmt. Alles Blut war aus ihrem Geſicht entwichen, mit bleichen Wangen, einer Ohnmacht nahe, lag ſie auf ihrem Seſſel. Ma umfaßte ſie und führte ſie ſchonend auf ihr Zimmer.
England hatte das Ultimatum abgelehnt. Hierauf ging an den Befehlshaber der martiſchen Streit - kräfte auf dem Südpol der Erde die Weiſung, mit Gewaltmaßregeln unnachſichtlich, doch ohne Blutver - gießen, vorzugehen.
Am zweiten März erfolgte die Kriegserklärung.
Eine Mitteilung an die Regierungen und eine Proklamation an alle Völker der Erde beſagte, daß vom ſechsten März mittags zwölf Uhr an England und Schottland von jedem Verkehr abgeſchnitten ſein würden. Von dieſem Zeitmoment an werde die Blokade über die Küſte dieſer Länder effektiv ſein, und zwar in der Art, daß es keinem Schiffe geſtattet ſein ſolle, die Zone von fünf bis zu zehn Kilometer Abſtand von der Küſte weder landwärts noch ſeewärts zu über - ſchreiten. Alle fremden Schiffe müßten bis dahin die engliſchen Häfen verlaſſen haben.
Man lachte in England darüber als über eine217Die Schlacht bei Portsmouth.Aufſchneiderei der Martier. Doch als es ſich in der Nacht vom zweiten zum dritten März herausſtellte, daß ſämtliche Kabel, welche England mit dem Kon - tiuent und mit Jrland verbanden, unterbrochen waren, und die telegraphiſche Verbindung ſomit aufgehoben war, ohne daß eines der vor den Küſten kreuzenden Kriegsſchiffe bemerkt hatte, wie die hierzu erforderlichen Arbeiten ausgeführt worden ſeien, beeilten ſich die in den Häfen befindlichen fremden Schiffe ſich zu ent - fernen. Die in England weilenden Ausländer er - griffen ſcharenweiſe die Flucht.
Am Morgen des ſechsten März hatten alle fremden Schiffe, die es irgend ermöglichen konnten, England verlaſſen. Auch die Poſtdampfer legten nicht mehr in den engliſchen Häfen an. Die Flotte war, ſoweit ſie nicht in den Kolonien gebraucht wurde, vor Ports - mouth verſammelt. Von allen Schiffen, von allen Befeſtigungen am Lande, von den Anhöhen und den Landhäuſern auf Wight, ſpähte man nach dem Gegner aus, der ſich anheiſchig gemacht hatte, ein Land von 230 000 Quadratkilometer Fläche mit einer Bevölke - rung von 35 Millionen, geſchützt von der ſtärkſten Flotte der Erde, vom Weltverkehr abzuſperren. Nichts war zu ſehen. Die zwölfte Stunde rückte heran. Einige Schiffe, die von der Blokade noch nichts gehört hatten, paſſierten ungehindert die zu ſperrende Zone. Beſonders lebhaft war der Verkehr nach der Jnſel Wight. Zahlreiche Perſonendampfer waren hier unter - wegs, Bote aller Art belebten das Waſſer. Noch fehlten wenige Minuten zu zwölf Uhr. Die Kriegs -218Einundvierzigſtes Kapitel.flotte im Hafen ging unter Dampf. Majeſtätiſch ver - ließ, allen voran, das neue Rieſenpanzerſchiff „ Viktor ‟ von 15 000 Tonnen mit ſeinen 30 000 indizierten Pferdekräften die Hafeneinfahrt. Die Kanonen donnerten ihren Salut.
Nichts Verdächtiges zeigte ſich nach der Seeſeite zu. Aber eine Minute vor zwölf Uhr erſchienen plötzlich über dem Lande ſechs dunkle Punkte, die ſich ſchnell vergrößerten. Jm Fernrohr erkannte man ſie als Luftbote. Jn eine Reihe aufgelöſt hatten ſie im Augenblick alle Schiffe überholt und ſenkten ſich dem Waſſer zu. Es ſchlug zwölf Uhr. Jn demſelben Augenblicke wurde die bis dahin ruhige See lebhaft bewegt. Am öſtlichen Ausgange der Spitheadbucht, dort wo der Abſtand zwiſchen Wight und der eng - liſchen Küſte die Breite von zehn Kilometer erreicht, erſchien eine gewaltige Brandung, wie durch ein See - beben aufgewühlt. Die Schiffe, welche ſich in der Nähe befanden, beeilten ſich den Wogen zu entgehen, indem ſie nach dem Lande zurückkehrten.
Nahe über der Oberfläche des Meeres ſchwebend markierte ein Luftſchiff der Martier den Punkt, bis zu welchem der Abſperrungsgürtel ſich in die Bucht von Spithead hineinzog. Die übrigen verteilten ſich in der Nähe auf der Südſeite von Wight und öſtlich von Portsmouth. Die Martier hatten, indem ſie das Waſſer durch eine Reihe von Repulſitſchüſſen aufregten, nur die weiter als fünf Kilometer von der Küſte be - findlichen Schiffe vertreiben wollen. Weiter durfte ſich von jetzt ab kein Schiff vom Lande entfernen und219Die Schlacht bei Portsmouth.keines näher als zehn Kilometer ſich der Küſte nähern. Jndeſſen blieb der Verkehr weſtlich von dem markier - ten Punkte zwiſchen Wight und der Küſte ungehindert, die Jnſel gehörte mit in den blokierten Bezirk.
Ein großer engliſcher Dampfer, von Havre nach Southampton zurückkehrend, wurde ſichtbar. Schneller als ein Pfeil durch die Luft ſchießend erreichte ihn eines der Marsſchiffe und rief ihm, dicht an Bord hinſchwebend, den Befehl zu, umzukehren. Wohl wußte der engliſche Kapitän, daß er ſein Schiff aufs Spiel ſetze, wenn er dem Gebote nicht folge. Aber von dem Ausguck haltenden Matroſen war ihm bereits gemeldet, daß die Kriegsflotte in der Bucht unter Dampf ſei und auf ihn zu halte. Schon näherte ſich der „ Viktor ‟ dem Luftſchiffe, welches die Sperrgrenze markierte; eine Granate ſauſte unter dem ſchnell aufſteigenden Luft - ſchiffe fort. Unter dieſen Umſtänden glaubte der Kapitän, dem Befehl des Marsſchiffes trotzbieten zu können und ſetzte ſeinen Kurs fort. Aber fofort richtete ein Schlag, der das Schiff an ſeinem Vorderteil traf, eine ſtarke Verwüſtung auf dem Deck an, und von dem Mars - ſchiffe wurde ihm zugerufen, daß, wenn er nicht ſofort wende, ſein Schiff auf der Stelle in Grund gebohrt werden würde. Nun zögerte der Kapitän nicht länger und entfernte ſich wieder vom Lande, in der Hoffnung, die Flotte werde den Weg bald frei machen.
Jnzwiſchen begann ſich die Kriegsflotte in einer Stärke von gegen dreihundert Schiffen, darunter achtzehn Panzerſchiffe erſter Klaſſe, in der Bucht von Spithead zu entwickeln und ſchickte ſich an, die blokierte Linie zu220Einundvierzigſtes Kapitel.forcieren, auf der man nichts bemerkte, als drei lang - ſam hin und hergleitende Luftſchiffe der Martier. Auf dieſe konzentrierte ſich jetzt das Feuer von vielleicht fünfzig Geſchützen ſtärkſten Kalibers. Geſchoß auf Geſchoß flog gegen die in mäßiger Höhe ſchwebenden Ziele. Aber ſeltſam! Nicht ein einziges Geſchoß ſchien zu treffen. Völlig ruhig, als exiſtierte für ſie der Angriff gar nicht, ließen die Martier die Flotte heran - kommen. Allen voran dampfte die Rieſenmaſſe des „ Viktor ‟. Sein gepanzertes Verdeck war, in Rückſicht auf die Erfahrungen der „ Prevention ‟ mit dem mar - tiſchen Luftſchiffe, mit einer beſondern Konſtruktion von Schießſcharten verſehen, um einen in der Höhe befind - lichen Gegner mit Gewehrkugeln begrüßen zu können. Aber das Marsſchiff, gegen welches ſich jetzt die Hand - feuerwaffen richteten, ſchien gegen dieſelben gefeit zu ſein. Unheimlich erſchien dieſe Ruhe des Feindes, den man bald direkt über ſich erblicken mußte.
Jetzt konnte man an einem der aus dem Hafen dampfenden Schiffe die Admiralsflagge unterſcheiden. Sofort hißte auch eines der Marsſchiffe, um ſich den Engländern, dem menſchlichen Gebrauch folgend, kennt - lich zu machen, die Flagge, welche die Anweſenheit des oberſten Befehlshabers an Bord bezeichnete. Es war dasſelbe Schiff, das den von Havre kommenden Dampfer eben zurückgewieſen hatte. Jn noch nicht einer Minute hatte es die zehn Kilometer zurückgelegt, die es vom engliſchen Admiralsſchiffe trennten, und hier legte es ſich direkt zur Seite des Kommandoturmes, in welchem ſich der Admiral, ein königlicher Prinz,221Die Schlacht bei Portsmouth.neben dem Kapitän des Schiffes befand. Vergeblich richtete ſich ein Hagel von Geſchoſſen gegen das kühne Luftſchiff. Es ſchien in einem leichten Nebel zu ſchwim - men, in welchem Granaten wie Langblei wirkungslos zerrannen. Und nun geſchah etwas ganz Unerwartetes. Jmmer näher rückte das Luftſchiff dem Kommandoturm, und lautlos, ein unerhörtes Wunder, löſten ſich die ſtählernen Platten des Panzerturms auf der Seite des Luftſchiffs und verdampften oder verſchwanden in der Luft. Schutzlos ſahen ſich die Befehlshaber dem ſchwebenden Feinde gegenüber. Aber kein Angriff auf ſie erfolgte. Durch den Donner der Geſchütze der in der Front befindlichen Schiffe geſchwächt, aber deutlich verſtändlich vernahmen ſie die engliſchen Worte: „ Der Oberbefehlshaber der martiſchen Luftflotte, Dolf, be - ehrt ſich an Ew. kgl. Hoheit die Bitte zu richten, ſämtlichen unter Jhren Befehlen ſtehenden Schiffen die Weiſung zu erteilen, die Flagge zu ſtreichen und ſich binnen einer Stunde in den Hafen von Portsmouth zurückzuziehen. Jch würde mich ſonſt gezwungen ſehen, jedes Schiff, das nach zehn Minuten noch ſeine Flagge zeigt oder einen Schuß abgiebt, und das nach einer Stunde ſich nicht im Hafen befindet, zu verſenken, und müßte Ew. kgl. Hoheit für die entſtehenden Verluſte verantwortlich machen. ‟
Ohne eine Antwort abzuwarten war das Luftſchiff verſchwunden. Aber ehe es noch in die Linie der Marsſchiffe zurückgekehrt war, hatte der „ Viktor ‟ den Punkt erreicht, den nach der Jnſtruktion der Martier kein Schiff überſchreiten durfte. Da ging das dort222Einundvierzigſtes Kapitel.befindliche Luftſchiff aus ſeiner Ruhe heraus. Es ſenkte ſich direkt hinter dem Panzerſchiff bis dicht über die Oberfläche des Waſſers und drängte ſich an ſeine Rück - ſeite. Die Nihilithülle des Luftſchiffes, die es gegen jeden Angriff ſchützte, zerſetzte die fünfzig Centimeter dicken Panzerplatten binnen ebenſoviel Sekunden. Ein Repulſitſchuß zerſtörte das Steuer, ein zweiter ſchlug ſchräg von oben nach unten durch das Schiff und zer - brach eine Schraubenwelle. Das Rieſenſchiff war un - fähig ſich zu bewegen. Jetzt erhob ſich das Luftſchiff wieder und ſchmolz das Dach des Kommandoturms ab. Mit Entſetzen ſah der Kapitän das Schiff über ſich ſchweben, während die von ſeiner Mannſchaft auf dasſelbe gerichteten Schüſſe wie nicht vorhanden waren. Ratlos ſtarrte er in die Höhe. Dieſe Art des Kampfes mit einem unverletzbaren Gegner mußte auch den Tapferſten entmutigen.
Aus dem Marsſchiff kam eine Stimme: „ Die ge - ſamte Beſatzung in die Bote. Das Schiff wird ver - ſenkt. Wir müſſen ein Exempel ſtatuieren, damit unſre Befehle künftig beſſer befolgt werden. ‟
Der Kapitän ſah, daß er verloren war. Er ließ die Bote bemannen und abſtoßen. Er ſelbſt blieb im Kommandoturm, entſchloſſen mit dem Schiffe, deſſen Flagge im Winde flatterte, unterzugehen. Die Bote entfernten ſich. Das Marsſchiff drängte ſeinen Nihilit - panzer an die Seite des Panzerſchiffes, dicht über der Waſſerlinie. Die eiſernen Wände öffneten ſich, wäh - rend ſich das Marsſchiff in die Luft erhob. Es wandte ſich nach dem Kommandoturm, um den Kapitän an223Die Schlacht bei Portsmouth.ſeiner Selbſtaufopferung zu verhindern. Aber ſchon neigte ſich der Koloß „ Viktor ‟ zur Seite. Mit wehen - der Flagge ſank er in die Flut, die ſich weitauf - brauſend über ihm und ſeinem Führer ſchloß.
Der Kommandant des Marsſchiffes trieb ſein Bot dicht über den ſchäumenden Wirbel hin, um nach dem Kapitän des „ Viktor ‟ zu ſuchen. Die Woge brachte ihn nicht zurück. Die Augen der Martier verdüſterten ſich, und finſterer Ernſt lagerte über ihren Zügen. Noch einmal umkreiſte das Bot langſam die Stelle.
„ Wir ſollen den Willen der Menſchen brechen ‟, ſagte der Anführer, den Gedanken der Seinigen Worte leihend, „ aber kein Menſchenleben ſoll mit unſerem Willen zu Grunde gehen. Doch der Wille dieſes Tapfern war ſtärker als der unſere. Er konnte nicht leben, der das ſtärkſte Schiff der Erde nicht weiter als drei See - meilen über den Hafen hinausgebracht hatte. Gott verzeihe uns, wir wollten nicht töten. ‟
Ein Signal weckte die Mannſchaft aus ihrer Stimmung, die mehr der eines Beſiegten als eines Siegers glich. Das Luftbot des Oberbefehlshaber Dolf war zurückgekehrt. „ Vorwärts! ‟ rief er dem erſten Marsſchiff zu, „ drei andre Panzerſchiffe durch - brechen die Linie. Jn den Grund mit ihnen! ‟
Der Offizier gehorchte ſchweigend. „ Wir ſind keine Mörder, ‟ murmelte es in der Mannſchaft. Aber das Luftbot ſtürzte ſich auf ein zweites Panzerſchiff und zerſchmetterte ihm das Steuer und die Maſchine. Ein Gleiches thaten die übrigen Bote mit den engliſchen Schiffen, welche die Grenze der Blokade überſchritten. 224Einundvierzigſtes Kapitel.Als ein ſteuerloſes, hilfloſes Wrack trieben bereits ſieben Panzerſchiffe erſter Klaſſe auf den Wellen. Aber die Martier verſenkten ſie nicht, weil ſie jeden Augenblick erwarteten, daß der engliſche Admiral das Signal zur Ergebung und zum Rückzuge der Flotte geben würde.
Doch nichts dergleichen geſchah. Die zehn Minuten waren längſt abgelaufen. Die Flotte rückte weiter vor. Der Admiral konnte ſich nicht entſchließen, ſo ruhmlos die Waffen zu ſtrecken, obwohl ihn ein Grauen vor dem unerreichbaren Gegner umfing.
Das Verderben nahm ſeinen Fortgang. Die Martier begnügten ſich überall damit, die Maſchinen und Steuervorrichtungen zu zerſtören. Obwohl ſie ihre ſicheren Repulſitſtröme nur auf das Material wirken ließen, traten trotzdem hier und da Exploſionen und Zerſchmetterungen ein, denen auch Menſchenleben zum Opfer fielen. Doch waren die Verluſte der Eng - länder an Mannſchaft gering, ihre Schiffe aber kampf - unfähig. Bleiches Entſetzen bemächtigte ſich allmählich der Offiziere und Matroſen, als ſie ſahen, daß ſie dem Feinde ſchutzlos preisgegeben waren. Jhre herr - lichen Fahrzeuge waren ein Spiel der Wellen. Von den Luftſchiffen der Martier, die unverletzlich blieben, verließ nur von Zeit zu Zeit eines den Kampf - platz, um von einem in großer Höhe ſchwebenden Munitionsſchiff ſeinen Vorrat an Nihilit und Repulſit zu ergänzen. Eine halbe Stunde mochte dies nutzloſe Ringen gedauert haben, als auch das Admiralsſchiff manövrierunfähig wurde. Ein Luftſchiff überſegelte225Die Schlacht bei Portsmouth.ſeine Maſten und die Flagge verſchwand. Was ſich von Schiffen noch bewegen konnte, ſuchte in den Hafen zu fliehen. Aber dies nützte nun nichts mehr. Ein großer Teil der Schlacht war direkt unter den Kanonen der Feſtungswerke geſchlagen worden. Sie konnten die Vernichtungsarbeit der Martier nicht beeinträchtigen. Die Luftſchiffe gingen in den Hafen und zerſtörten ſyſtematiſch die Bewegungsmechanismen ſämtlicher Schiffe.
Nun wurde von den Engländern die Parlamentär - flagge aufgezogen. Die Martier verlangten als erſte Bedingung, daß die Mannſchaft der kampfunfähigen Schiffe geborgen werde. Alles, was an Handelsſchiffen und Boten aufzutreiben war, wurde darauf nach der Reede entſandt und brachte die Mannſchaft der außer Bewegung geſetzten Schiffe ans Land.
Die Engländer hatten jetzt eingeſehen, daß es ganz nutzlos ſei, ihr Pulver zu verſchießen. Sie konnten nur noch darauf bedacht ſein, das Leben der Seeleute zu ſchonen und weiteren Materialſchaden zu vermeiden. Als alle Menſchen und die Hilfsflotille wieder im Hafen angelangt waren, legten ſich zwei der Marsſchiffe vor die Mündung und erklärten den Hafen für geſperrt. Die herrenloſen Schiffe trieben unter einem leichten Weſtwinde allmählich in den Kanal hinaus und wurden nach und nach von fran - zöſiſchen, holländiſchen und deutſchen Dampfern ge - borgen, die ſich in großer Anzahl in ſichrer Entfernung von der Blokadelinie angeſammelt hatten und Zeugen des rätſelhaften Vernichtungskampfes geworden waren.
Laßwitz, Auf zwei Planeten. 42226Einundvierzigſtes Kapitel.Ähnliche Vorgänge wie bei Portsmouth, nur in kleinerem Maßſtabe, ſpielten ſich überall ab, wo ſich Kriegsſchiffe an der engliſchen Küſte vorfanden. Die Martier hatten punkt 12 Uhr am 6. März die ge - ſamte Küſte von England und Schottland in ihrer Ausdehnung von faſt 4800 Kilometer mit ihren Luft - ſchiffen beſetzt, deren ſie vorläufig 48 zur Verfügung hatten. So kam im Durchſchnitt eine Küſtenlänge von 100 Kilometer auf jedes Schiff. Doch dehnte ſich dieſe Strecke, je nach der Beſchaffenheit der Küſte, für manche Schiffe auf 5 — 600 Kilometer aus, während ſich die Marsſchiffe vor den beſuchten Häfen dichter gruppierten. Wo ein Schiff ſich zeigte, ſtürzte ſofort ein Luftſchiff der Martier herbei und zwang es zur Umkehr oder vernichtete es im Fall des Ungehorſams auf eine ſolche Weiſe, daß ſich die Mannſchaft gerade noch nach der Küſte retten konnte. Von außen kom - mende fremde Schiffe wurden einfach durch einen ins Waſſer abgegebenen Repulſitſchuß zurückgetrieben. Thatſächlich gelangte außer den einheimiſchen, kleineren Fiſcherboten, die man paſſieren ließ, kein Schiff mehr vom 6. März an nach der engliſchen Küſte, keines gelangte ins Ausland.
An dieſem Tage ward die Macht Englands ge - brochen. Die Flotte war vernichtet. Wut und Be - ſtürzung herrſchten im ganzen Lande. Jn London war man ratlos. Niemand wußte, wie man ſich gegen einen ſolchen Feind verhalten ſolle. Das Miniſterium trat zurück, aber es fanden ſich keine Nachfolger. Man wollte um Frieden bitten, aber die aufgeregte227Die Schlacht bei Portsmouth.Volksſtimme rief nach Rache. Endlich entſchloß man ſich den Widerſtand fortzuſetzen, in der Hoffnung, daß ſich Hilfe von auswärts finden werde, oder daß man irgend ein Mittel entdecke, die Blokade zu brechen. So vergingen Wochen, in denen man nichts hörte, als daß die Martier in dieſem oder jenem Hafen noch ein armiertes Schiff entdeckt oder verſenkt, daß ſie hier eine Werft, dort ein Dock vernichtet hätten. Alle Ver - ſuche, den geſperrten Gürtel heimlich im Schutze der Nacht zu paſſieren, blieben vergeblich. Die Marsſchiffe, einen Weg von hundert Kilometer in ſieben bis acht Minuten durchſauſend, beleuchteten mit ihren Schein - werfern den geſperrten Streifen taghell, und ehe ein Schiff ſich weit genug entfernen konnte, war es auf - gefunden. Selbſt der Nebel ſchützte nicht vor Ent - deckung. Denn nach einigen Tagen hatten die Martier einen großen Teil der Küſte mit einem dünnen, ſchwimmenden Kabel umzogen, deſſen Berührung durch ein Schiff ihnen ſofort die getroffene Stelle anzeigte. Und keine Nachricht von außen! Der Handel unter - brochen, alle Arbeiter, deren Beſchäftigung von der Schiffahrt abhing, ohne Thätigkeit. Und ſchon begann die mangelnde Einfuhr der Lebensmittel in einer drückenden Erhöhung der Preiſe ſich zu zeigen.
England war aus der Welt geſtrichen. Aber die Welt ging weiter. Neue Raumſchiffe kamen an mit neuen Luftboten. Dieſe gingen nicht zur Verſtärkung der Blokade ab, ſondern ſie ſuchten die engliſchen Kriegsſchiffe in den Kolonien auf und bedrohten ſie mit Vernichtung, ſoweit nicht die Befehlshaber ſich in42*228Einundvierzigſtes Kapitel.den Dienſt der Kolonien ſtellten. Letztere ſahen ſich plötzlich auf ſich ſelbſt angewieſen. Jndien, Kanada, die auſtraliſchen Kolonien und das Kapland erklärten ſich für unabhängig und ſetzten ſelbſtändige Regier - ungen ein. Dasſelbe that Jrland. Die Marsſtaaten erkannten ſie als ſouveräne und neutrale Staaten an, und ſo gewaltig war der Eindruck, den die Vernichtung der engliſchen Flotte auf der ganzen Erde gemacht hatte, daß kein Staat Einſpruch gegen dieſe Veränder - ungen erhob. Keine Hand rührte ſich für England. Die anderen Nationen beeilten ſich vielmehr, die bis - herigen Handelsgebiete Großbritanniens für ſich zu ſichern. Von den kleineren Kolonien zog jede Macht an ſich, was ſie zur Abrundung oder zur beſſeren Verbindung ihres Beſitzes für nötig hielt. Die Beute war vorläufig ſo reich, daß man ſich an diejenigen Gebiete noch nicht machte, die zu Streit unter den Erbteilern hätten Anlaß geben können. Jm Stillen verhandelten die europäiſchen Großmächte über eine Teilung des engliſchen Beſitzes am Mittelmeer und eine Auflöſung der Türkei.
Jetzt erſt ließen die Martier Zeitungen der aus - wärtigen Staaten nach England gelangen. Was man dort längſt befürchtet hatte, war eingetroffen. Die Völker teilten ſich in die engliſche Erbſchaft, ohne ſich viel darum zu bekümmern, ob der Erblaſſer wirklich tot ſei. Das gab den Ausſchlag. Die Furcht, auch das Letzte zu verlieren, bändigte den engliſchen National - ſtolz. Man bat um Frieden.
Alles, was die Martier verlangt hatten, wurde229Die Schlacht bei Portsmouth.zugeſtanden, nur den Kapitän Keswick und den Leutnant Prim konnte man nicht mehr beſtrafen. Sie waren bei einem Verſuche, die Blokade zu brechen, mit ihrem Schiffe untergegangen, von den Martiern aber gerettet worden. Sie befanden ſich als Gefangene bereits am Nordpol. Aber auch den gegenwärtigen Zuſtand in den Kolonien und die Abmachungen der Mächte über die Türkei mußte England anerkennen. Dafür erklärten die Marsſtaaten, das nun wehrloſe England gegen alle etwa - igen weiteren Angriffe auf ſeinen nunmehrigen Beſtand ſchützen zu wollen. England hatte einen Protektor. — —
Nach einer durch ungeheuren Repulſitverbrauch beſchleunigten Fahrt von nur ſiebzehn Tagen war Jll auf dem Nordpol der Erde eingetroffen. Am fünften April war der Präliminarfriede geſchloſſen und die Blokade aufgehoben worden.
Aber nicht nur das gedemütigte England beugte ſich dem Sieger, der unter den Kanonen von Ports - mouth dreihundert Kriegsſchiffe binnen drei Stunden durch ein halbes Dutzend Luftſchiffe mit nur 144 Mann Beſatzung vernichtet hatte. Was die Nach - richten über die hohe Kulturaufgabe der Martier nicht vermocht hatten, das Entgegenkommen der civiliſierten Erdſtaaten zu gewinnen, das brachte die Bezwingung Englands durch Nihilit und Repulſit alsbald zuſtande. Es begann ein förmlicher Wetteifer der Regierungen, die Gunſt des martiſchen Machthabers zu gewinnen, der aus dem reichen engliſchen Beſitze Länder und Meere verſchenkte. Die Marsſtaaten waren unter dem Namen „ Polreich der Nume ‟ nicht nur als ein Faktor230Einundvierzigſtes Kapitel.im Rat der Großmächte anerkannt, ſie nahmen bereits thatſächlich die führende Stellung ein. Unter dem Titel eines Präſidenten des Polreichs und Reſidenten von England und Schottland übte Jll die Regierungs - gewalt im Auftrage der Marsſtaaten aus. Alles dies war geſchehen, ohne daß ein Martier ſein Luftſchiff verlaſſen hatte. Jn dem großen, in einem Parke Londons auf weiter Wieſenfläche ruhenden Luftſchiffe empfing Jll die Miniſter Englands und die Ge - ſandten der fremden Staaten. Es erregte daher trotz allem Ungewöhnlichen, das man im letzten Jahre er - lebt hatte, nicht geringe Spannung und Befriedigung, daß der Präſident des Polreichs bei den Höfen und Negierungen in Berlin, Wien, Petersburg, Rom, Paris und Waſhington um einen perſönlichen Empfang nach - ſuchen ließ. Es verlautete, daß ſich daran die Ein - ſetzung ſtändiger Botſchafter in dieſen Hauptſtädten und ein von den Martiern einzurichtender regelmäßiger Luftſchiffverkehr mit dem Pole anſchließen werde. Jm Stillen hoffte man, daß das geheimnisvolle Grauen, welches die Perſonen der Martier für die Menſchen um - hüllte, verſchwinden werde, ſobald man Gelegenheit haben würde, ſie außerhalb des Schutzes ihrer Luftſchiffe unter der natürlichen Schwerkraft der Erde ſich beugen zu ſehen.
Der einzige Menſch auf der Erde, der dieſe Hoff - nung nicht teilte, war vielleicht Grunthe. Er war überzeugt, daß Jll dieſen Schritt nicht gethan hätte, wenn nicht die Martier zuvor ein Mittel entdeckt hätten, ſich auch außerhalb ihrer Schiffe vom Druck ihres Körpergewichts zu befreien.
[231]Torm bewohnte in Berlin zwei bequem ein - gerichtete Zimmer in einem Hotel garni der Königgrätzerſtraße. Nach ſeiner Rückkehr war er über - all der Held des Tages geweſen, den man nicht genug feiern konnte und umſomehr feierte, als Grunthe ſich ſehr geſchickt von der Öffentlichkeit zurückzuziehen wußte. Seit der Ankunft der Martier in Auſtralien und dem Ausbruche ihres Krieges mit England waren aber die beiden Polarforſcher, deren Reiſe die eigent - liche Veranlaſſung war, daß die Martier mit den Staaten der Erde in Verbindung traten, ziemlich in Vergeſſenheit geraten. Das öffentliche Jntereſſe hatte ſich jetzt wichtigeren Gegenſtänden zugewendet.
Am 20. März, dem Tage nach der Ankunft Jlls am Pole, hatte Torm zwei in Calais aufgegebene Depeſchen erhalten, datiert aus Kla auf dem Mars, vom 2. März. Die erſte enthielt nur die Worte: „ Jch komme mit dem nächſten Raumſchiff. Deine Jsma. ‟
232Zweiundvierzigſtes Kapitel.Die zweite war von Saltner und beſagte, daß Frau Torm und er ſelbſt die Erlaubnis zur Heim - reiſe erhalten hätten, da ſie aber zum Abgang des Regierungsſchiffes nicht mehr zurecht kommen könnten, erſt mit dem nächſten Schiffe reiſen und daher vor Mitte April nicht bei ihm eintreffen würden. Auch Ell habe ſich entſchloſſen, ſie zu begleiten. Seitdem hatte Torm keine Nachricht mehr erhalten und konnte auch keine erwarten. Denn kein anderes Raumſchiff als der „ Glo ‟ legte, wie Grunthe erklärte, bei der jetzigen Planetenentfernung den Weg unter 5 Wochen zurück.
Heute ſchrieb man den 12. April. Es war ein Feſttag in Berlin, das in verſchwenderiſchem Schmucke prangte. Die Geſandtſchaft des Mars ſollte vom Kaiſer empfangen werden. Unter Glockengeläut und Kanonendonner drängte ſich eine jubelnde Menge in den Straßen. Jn goldigem Eigenlichte wie die Morgenröte ſtrahlend, mit nie geſehenen Verzierungen geſchmückt, bewegte ſich ein glänzender Zug kleiner Luft - gondeln, in Mannshöhe über dem Boden ſchwebend, durch die Straßen; von den Fenſtern aus überſchütteten die Damen den Zug, trotz der frühen Jahreszeit, mit koſtbaren Blumen. Brauſende Hurrahrufe betäubten das empfindliche Ohr der Martier.
Torm hatte ſeinen Platz auf der Tribüne im Luſt - garten nicht benutzt. Jhm waren dieſe Martier ver - haßt. Hatten ſie ihm doch den Haupterfolg ſeiner Expedition und nun auch die Freude der Heimkehr ins eigene Haus geraubt. Unruhig ging er in ſeinem233Das Protektorat über die Erde.Zimmer auf und ab. Es klopfte und Grunthe trat ein.
„ Sie ſind auch nicht draußen bei den Narren, ich dachte es mir, ‟ empfing ihn Torm.
Grunthe runzelte die Stirn und blickte finſter vor ſich hin.
„ Es iſt eine Schmach ‟, ſagte er, „ die Menge be - jubelt ihre Unterdrücker. Aber das thut ſie immer. Morgen wird ſie ebenſo in Paris, übermorgen in Rom jubeln, und noch viel ärger. Wenn man das ſieht, ſo kann man nur ſagen, dieſe Menſchen verdienen es nicht beſſer, als von den Martiern vernichtet zu werden. Sie werfen ſich ihnen zu Füßen, und ſo werden ſie als Mittel ihrer Zwecke zertreten werden. ‟
Torm zuckte die Achſeln. „ Was ſollen ſie thun? Nihilit iſt kein Spaß. ‟
„ Und ich ſage Jhnen ‟, entgegnete Grunthe faſt heftig, „ kein Martier vermag den Griff des Nihilit - apparates zu drehen, keiner einem Menſchen ſeinen Willen aufzuzwingen, wenn ihm der Menſch mit feſtem, ſittlichen Willen gegenübertritt, mit einem Willen, in dem nichts iſt als die reine Richtung auf das Gute. Aber jene Engländer — und wir ſind nicht beſſer — hatten nur das eigene Jntereſſe, ihren ſpezifiſch nationalen Vorteil, nicht aber die Würde der Menſchheit im Auge, und ſo ſind ſie Wachs in den Händen der Martier. Sie können mir glauben, denn ich habe jenem Jll getrotzt, vor dem jetzt Kaiſer und Könige ſich neigen. Jch weiß es freilich, daß wir verloren ſind. Jch habe Jll geſehen, wie er mit234Zweiundvierzigſtes Kapitel.ſeinen Martiern nur einige Schritte durch den Garten der Sternwarte von Friedau ſchlich, auf Krücken ge - ſtützt und zuſammenbrechend unter der Erdſchwere. Und ich habe ihn heute geſehen, durch den Garten des Kanzlerpalais ſchreitend, aufgerichtet wie ein Fürſt, im ſchimmernden Panzerkleide; unter den Knien ſchützten ihn weit nach den Seiten ausgebogene Schäfte und über dem Haupte, auf kaum ſichtbaren Stäben, von der Schulter geſtützt, der glänzende diabariſche Glockenſchirm gegen die Schwere. So haben ſie es verſtanden, ſich von dem Druck der Erde unabhängig zu machen. Aber dies alles würde ihnen nichts nützen, wenn wir ſelbſt wüßten, was wir wollen. ‟
Auf der Treppe entſtand Lärm. Man vernahm eine helle Stimme.
„ Sakri, laſſens mich los! Jch kenn’ mich ſchon aus. ‟
„ Das iſt Saltner ‟, rief Torm. Er ſtürzte zur Thür. Sie flog auf.
„ Da bin ich halt wieder! Grüß Gott viel tauſend - mal! ‟
Er ſchüttelte beiden die Hände.
„ Und meine Frau? ‟ war Torms erſte Frage.
„ Machens ſich keine Sorge! ‟ ſagte Saltner. „ Die Frau Gemahlin wird bald nachkommen, es geht ja jetzt alle paar Tage ein Schiff nach der Erde. ‟
„ So iſt ſie nicht mitgekommen? ‟ rief Torm er - bleichend.
„ Sie hat halt nicht gekonnt. Sie iſt ein biſſerl bettlägrig, aber ’s hat weiter nichts auf ſich, nur daß ſie der Doktor nicht gerad’ wollt’ reiſen laſſen. ‟
235Das Protektorat über die Erde.„ So hat ſie geſchrieben? ‟
„ Schreiben konnte ſie nicht. Aber grüßen thut ſie gewiß vielmals. ‟
„ So haben Sie ſie garnicht geſprochen? ‟
„ Das war mir gerad’ in den Tagen nicht möglich, weil ſie noch zu ſchwach war. Aber der Doktor ſagt, ſie wird bald ſo weit ſein, daß ſie reiſen kann. Sie brauchen ſich wirklich nicht zu ängſtigen. ‟
Torm ſetzte ſich.
„ Und Ell? ‟ fragte er finſter. „ Wo iſt Ell? ‟
„ Er iſt zurückgeblieben, bis die Frau Gemahlin reiſen kann. Er wollte ſie nicht allein laſſen. Es iſt vielleicht unrecht, daß ich allein gereiſt bin und nicht gewartet hab’. Aber ſchauen Sie, die Sehnſucht, und dann dacht’ ich, es wär’ doch beſſer, ich brächte Jhnen ſelbſt die Auskunft, als daß wir bloß ſchreiben ſollten. ‟
„ Es iſt recht, daß Sie kamen ‟, ſagte Torm, ſich erhebend, „ verzeihen Sie, daß ich zuerſt an mich dachte, ich habe Jhnen ja ſoviel und herzlich zu danken. Und jetzt komme ich ſogleich wieder mit einer Bitte. Sie ſollen mir einen Platz auf dem nächſten Raumſchiff auswirken, ich will nach dem Mars! ‟
Saltner und Grunthe blickten ihn erſtaunt an.
„ Das werden Sie doch nicht thun! ‟ rief Saltner. „ Sie würden ſich mit der Frau Gemahlin verfehlen. ‟
„ Das werde ich nicht. Jll iſt hier. Grunthe wird mir die Bitte nicht verweigern, er wird mit ihm ſprechen, uns eine Lichtdepeſche zu gewähren. Wir werden erfahren, ob Jsma noch dort iſt, wir werden236Zweiundvierzigſtes Kapitel.uns verſtändigen. Und wenn ihre Krankheit noch anhält, ſo werde ich reiſen. Jch werde. ‟
„ Das Reiſen läßt ſich ſchon machen. Jch bin jetzt mit der Geſandtſchaft, d. h. heute im Nachtrab, angekommen, daher weiß ich’s. Von jetzt ab geht alle Wochen ein Luftſchiff von hier nach dem Pol, und von dort an jedem 15. des Monats ein Raumſchiff nach dem Mars, das Menſchen als Paſſagiere mit - nimmt. Man will den Planetenverkehr eröffnen. Es koſtet hin inkluſive Verpflegung bloß 500 Thekel — 5000 Mark wollte ich ſagen — ‟
Torm ſah ihn verwundert an. „ Bloß? ‟ fragte er.
„ Ja, wir haben Geld. Fünftauſend Mark ſind die Währungseinheit. ‟
Torm ergriff ſeine Hand. „ Setzen Sie ſich erſt und erzählen Sie dann. ‟
Saltner nahm Platz und begann zu ſprechen. Grunthe fragte mitunter dazwiſchen. Torm aber hörte nur halb, ſeine Gedanken waren auf dem Mars. Sie war krank! Und immer wieder kam ihm die Frage, wie konnte Saltner deſſen ſicher ſein? War ſie auch wirklich krank? Und wenn ſie nicht krank war?
„ Jch muß reiſen! ‟ rief er plötzlich.
„ Nun, nun ‟, ſagte Saltner beruhigend. „ Jm Moment können Sie nichts thun. Jll iſt jetzt gerade im Schloſſe. ‟
Torm ſank auf ſeinen Platz zurück.
Erneuter Kanonendonner verkündete, daß ſich der237Das Protektorat über die Erde.Kaiſer neben dem Präſidenten des Polreichs vor dem jubelnden Volke zeigte.
Grunthe ſtand auf und ſchloß das Fenſter.
Jsma lag bleich und angegriffen auf ihrem Sofa. Langſam genas ſie von der ſchweren nervöſen Krank - heit, die ſie unter dem Zuſammenwirken der unge - wohnten Lebensverhältniſſe und der ſeeliſchen Auf - regungen ergriffen hatte.
Hil trat bei ihr ein.
„ Wann kann ich reiſen? ‟ war, wie immer, ihre erſte Frage.
„ Nun, nun ‟, ſagte er, „ ſobald wir kräftig genug ſind. ‟
„ Ach, Hil, das ſagen Sie nun ſchon ſeit vierzehn Tagen. Laſſen Sie es mich doch verſuchen! ‟
„ Erſt müſſen wir einmal einen Verſuch machen, wie es Jhnen bekommt, wenn Sie hier in Jhrem Zimmer anfangen, wieder ein wenig mit der Welt zu ver - kehren. Es wartet da ſchon lange Einer, der Sie gern einmal ſprechen und ſehen möchte, aber ich habe bis jetzt nicht erlaubt — ‟
„ Und heute darf er kommen, ja? ‟ unterbrach ihn Jsma lebhaft.
Hil lächelte. „ Es iſt ein gutes Zeichen, daß Sie ſelbſt danach verlangen. Aber hübſch ruhig, Frau Jsma, und höchſtens ein Viertelſtündchen! So will ich es ihm ſagen laſſen. ‟
Er verabſchiedete ſich.
238Zweiundvierzigſtes Kapitel.Es dauerte nur wenige Minuten, bis Ell eintrat.
Eine leichte Blutwelle drängte ſich in Jsmas Wangen, als ſie ihm langſam die ſchlanke Hand ent - gegenſtreckte, die er leidenſchaftlich küßte. Lange hielt er die Hand feſt, bis ſie ſie ihm ſanft entzog.
„ Sie ſind ſchon lange zurück? ‟ ſagte ſie endlich verlegen.
„ Auf die Nachricht, daß Sie reiſen dürften, kam ich hierher. Jch hätte Sie nicht allein reiſen laſſen, obwohl — doch ſprechen wir von Jhnen. Jch fand Sie erkrankt. Es war unmöglich, Sie wiederzuſehen. ‟
„ Und Sie ſind mir nicht mehr böſe? ‟
„ Jsma! ‟
„ Jch habe es eingeſehen, ich war ungerecht gegen Sie. Und ich war doch ſchuld, daß Sie Jhren Poſten auf der Erde verließen — ‟
„ Sie wollten das Beſte. Jch aber habe eine Schuld auf mich geladen — und ich werde ſie büßen müſſen. Jetzt iſt für mich auf der Erde nichts mehr zu thun, aber die Zeit wird wieder kommen. Dann ſoll es nicht an mir fehlen. ‟
„ Und Sie wollen mich begleiten? ‟
„ Wenn Sie reiſen dürfen. Aber — ‟
„ Was haben Sie, Ell? Seien Sie aufrichtig, ich beſchwöre Sie — ſagen Sie mir die Wahrheit! Sie glauben, ich werde nie wieder — — ‟
„ Um Gotteswillen, Jsma, wenn Sie ſo ſprechen, darf ich nicht hier bleiben. Sie dürfen ſich nicht er - regen. Sicherlich iſt Jhr Geſundheitszuſtand in kurzer Zeit ſo vorgeſchritten, daß Sie die Reiſe antreten239Das Protektorat über die Erde.dürfen. Nein, ich dachte nur an Verzögerungen, die möglicher Weiſe aus andern Gründen eintreten könnten, falls ſich der Antritt der Reiſe nicht bald ermöglichen läßt — ‟
„ Verbergen Sie mir nichts. Man ſagt mir ſehr wenig von der Erde. Jch denke, Jll iſt mit ſo groß - artigem Jubel in Berlin aufgenommen worden. Und mein Mann iſt geſund — ‟
„ Darüber können Sie beruhigt ſein. Jch darf Jhnen noch mehr ſagen, Hil hat es jetzt erlaubt. Sollten Sie aus irgend einem Grunde an der Reiſe verhindert ſein, ſo werden Sie Jhren Mann doch bald wiederſehen. Er iſt an der Nordpolſtation und er - wartet dort die Nachricht, ob Sie kommen, oder ob er nach dem Mars reiſen ſoll. ‟
„ Nach dem Mars will er kommen! Und das wiſſen Sie? Und ich —? ‟
„ Briefe können noch nicht hier ſein. Es kam nur eine Lichtdepeſche von Jll. Aber Hil wollte Sie mit der Nachricht nicht aufregen — nun ſeien Sie auch vernünftig und zeigen Sie, daß Sie die Probe be - ſtehen und uns nicht wieder kränker werden. ‟
„ Er will kommen! Aber wozu? Jch möchte doch lieber nach der Erde! ‟
„ Das ſollen Sie ja auch. Nur für den Fall — ‟
„ Was für einen Fall? ‟
„ Wenn z. B. die Verhältniſſe auf der Erde in der nächſten Zeit ſehr unruhig werden ſollten — ‟
„ Jch denke, alles iſt jetzt friedlich. ‟
„ Die letzten Nachrichten ſind weniger erfreulich. ‟
240Zweiundvierzigſtes Kapitel.„ Erzählen Sie, ſchnell! Unſre Viertelſtunde iſt bald um. ‟
„ Die Mächte ſind in Streit geraten. Was ſoll ich Sie mit den politiſchen Einzelheiten ermüden, die ich ſelbſt nur mangelhaft hier kenne, weil bisher erſt Licht - depeſchen hergelangt ſind. Es iſt der Streit um die engliſche Erbſchaft. Frankreich und Jtalien, Deutſch - land und Frankreich, Oeſterreich und Rußland rechten um ihre Grenzen im Kolonialbeſitz in Afrika, Aſien und der Türkei. Am Mittelmeer giebt es kaum einen Punkt, über den man ſich einigen kann. England iſt ohnmächtig, die Marsſtaaten ſchützen es in einigen Punkten, und gerade dieſe möchten die andern haben. Die Staaten rüſten gegen einander, ſchon ſind an den Kolonialgrenzen Schüſſe gefallen, man muß darauf gefaßt ſein, daß ein Weltkrieg ausbricht. Dies werden die Martier auf keinen Fall zugeben, und ſo ſteht zu befürchten, daß wir zu neuen Gewaltmaßregeln gegen die Menſchen, diesmal auch gegen Deutſchland, ge - trieben werden. Deshalb wäre es gut, wenn Sie bald reiſen könnten, ehe vielleicht wieder eine Sper - rung eintritt. Auf jeden Fall aber würde Torm hier - her kommen dürfen. Das hat Jll ihm zugeſichert. ‟
Jsma ſchüttelte den Kopf. „ Was Sie da alles ſagen, verwirrt mich — ängſtigt mich — ‟ Und nach kurzem Schweigen fuhr ſie fort: „ Aber ich will geſund ſein! Jch will gar nicht darüber nachdenken. Jch fühle, daß ich Ruhe brauche. Jch danke Jhnen herz - lich, Ell, daß Sie gekommen ſind. Nun weiß ich doch wieder, daß ich nicht verlaſſen bin. ‟
241Das Protektorat über die Erde.Sie reichte ihm die Hand.
„ Leben Sie wohl, Jsma. Sie können ganz ruhig ſein. Sie werden bald geſund ſein. ‟
Er ſah ſie an mit den alten, treuen Augen und ging. Sie lächelte müde und lehnte ſich zurück. Die Lider fielen ihr zu.
„ Jch will geſund ſein ‟, dachte ſie. Aber ſie hörte ſchon nicht mehr, daß Hil bei ihr eintrat und ſie teil - nahmsvoll betrachtete.
Eine Woche ſpäter, es war ein herrlicher Maitag, tobte eine aufgeregte Volksmenge in den Straßen der europäiſchen Städte. Ueberall hörte man Beſchimpf - ungen der Martier. Wo man vor vier Wochen ge - jubelt hatte und Hurrah geſchrien, ertönte jetzt: Nieder mit dem Mars! Die Geſchäfte mit Marsartikeln, die wie Pilze in die Höhe geſchoſſen waren, ſahen ſich genötigt ihre Läden zu ſchließen. „ Nieder mit den Glockenjungens ‟, hieß es in Berlin, wo man die Martier ihrer diabariſchen Helme wegen mit dieſem geſchmackvollen Titel beehrte. Die Menge demonſtrierte vor dem Gebäude, das die Marsſtaaten für ihre Bot - ſchaft gemietet hatten. Auf dem flachen Dache ruhten die Luftſchiffe, bereit in der nächſten Stunde die Haupt - ſtadt zu verlaſſen.
Aber nicht weniger erregt, vielmehr erfüllt von einem heiligen Zorn, war die Stimmung auf dem Mars. Die Nachricht von einem ungeheuren Blut - vergießen der Menſchen untereinander war angelangt. Laßwitz, Auf zwei Planeten. 43242Zweiundvierzigſtes Kapitel.Jn der Türkei und in Kleinaſien, wo man hauptſäch - lich nur aus Furcht vor England ſich ſo weit im Zaume gehalten hatte, daß die europäiſchen Fremden ſich ſicher fühlen durften, war jetzt dieſe Schranke ge - fallen. Der mohamedaniſche Fanatismus flutete über. Auf einen heimlichen Wink der türkiſchen Regierung erhoben ſich die Maſſen. Ein entſetzliches Gemetzel begann gegen die Chriſten. Die Gebäude der Bot - ſchaften wurden erſtürmt, Männer, Kinder und Frauen binnen einer Nacht in gräßlicher Weiſe gemordet. Und furchtbar war die Rache. Soweit die Kanonen der fremden Kriegsſchiffe reichten, wurden am andern Tag die blühenden Küſten, Paläſte und Moſcheen Konſtan - tinopels in Trümmerhaufen verwandelt. Und nicht genug damit. Zwiſchen den europäiſchen Staaten ſelbſt entbrannte die Eiferſucht, wer die Trümmer mit ſeinen Truppen beſetzen ſollte. Der Krieg war ſo gut wie ausgebrochen, ehe er formell erklärt war.
Tiefe Empörung ergriff die Bevölkerung der Mars - ſtaaten. Der Antibatismus gewann die Oberhand. Das Parlament forderte von der Regierung die ſo - fortige Unterdrückung der Greuel und die Herſtellung des Friedenszuſtandes auf der Erde. Am 12. Mai beſchloß das Parlament unter Zuſtimmung des Zen - tralrats Folgendes:
„ Da die Menſchen nicht fähig ſind, aus eigener Macht unter ſich einen friedlichen Kulturzuſtand zu erhalten, ſieht ſich die Regierung der Marsſtaaten ge - zwungen, hiermit das Protektorat über die ge - ſamte Erde zu erklären und jede politiſche Aktion243Das Protektorat über die Erde.der Erdſtaaten untereinander, ohne vorherige Zuſtim - mung der Marsſtaaten, zu verbieten. Der Präſident des Polreichs der Nume auf der Erde wird beauftragt und bevollmächtigt, alle Maßregeln ſofort anzuordnen, die er für notwendig erachtet, um dem ausgeſprochenen Willen der Marsſtaaten auf der Erde und zwar zu - nächſt in Europa Geltung zu verſchaffen. ‟
Es war dieſer Beſchluß der Marsſtaaten und die von Jll hinzugefügte Erklärung, wodurch die Be - völkerung aller ziviliſierten Staaten in ſo außerordent - liche Aufregung geraten war. Die Mitteilung an die Regierungen war gleichzeitig in Form einer Bekannt - machung in den europäiſchen Staaten von den Mar - tiern verbreitet worden. Man zerriß jetzt die Blätter, die ſie enthielten, man entfernte die Plakate von den Häuſern. Die Bekanntmachung lautete folgendermaßen:
Jndem ich den vorſtehenden Beſchluß der Mars - ſtaaten zur allgemeinen Kenntnis bringe, übernehme ich mit dem heutigen Tage in ihrem Namen die Schutzherrſchaft über alle Staaten der Erde und be - ſtimme, wie folgt:
Alle Regierungen und Nationen werden bis auf weiteres in ihren verfaſſungsmäßigen Rechten beſtätigt und ſind in ihren inneren Angelegenheiten frei mit Ausnahme der unten angegebenen Beſtimmung über das Heerweſen.
Alle internationalen Verträge und Kundgebungen bedürfen zu ihrer Giltigkeit der durch mich zu voll - ziehenden Beſtätigung der Marsſtaaten.
Alle Kriegsrüſtungen ſind verboten. Die von den43*244Zweiundvierzigſtes Kapitel.europäiſchen Regierungen ausgegebenen Mobiliſierungs - befehle ſind aufzuheben. Die Friedenspräſenzſtärke ihrer Heere wird auf die Hälfte der bisherigen herab - geſetzt. Die Hauptwaffenplätze werden unter Ober - aufſicht eines von mir zu ernennenden Beamten geſtellt.
Alle Regierungen werden eingeladen, bevollmäch - tigte Vertreter zu der Weltfriedenskonferenz zu ent - ſenden, die am 30. Mai unter meinem Vorſitz am Nordpol der Erde wird eröffnet werden.
Von der Bevölkerung der Erde erwarte ich, daß ſie die Bemühungen der Marsſtaaten, ihr die vollen Segnungen des Friedens und der Kultur zu bringen, mit allen Kräften unterſtützen wird.
Gegeben am Nordpol der Erde, den 15. Mai
Jll, Präſident des Polreichs der Nume. Bevollmächtigter Protektor der Erde.
Mit klingendem Spiel und von der Menge mit Hochrufen begrüßt rückten zwei Kompagnien der Garde vor das Gebäude der Botſchaft der Marsſtaaten, um dasſelbe gegen etwaige Uebergriffe der aufgeregten Be - völkerung zu ſchützen. Ein Adjutant begab ſich in das Haus, um dem Botſchafter zu melden, daß die Regierung Seiner Majeſtät dem Präſidenten des Pol - reichs nach dem bereits telegraphiſch übermittelten Proteſte nichts weiter mitzuteilen habe.
Eine Viertelſtunde ſpäter erhoben ſich die Luft - ſchiffe der Martier und richteten unter dem tobenden Gejohl der Menge ihren Flug nach Norden.
[245]Es war an einem regneriſchen Auguſtabende des Jahres, das auf die tumultuariſche Abreiſe der Geſandtſchaft der Marsſtaaten aus Berlin gefolgt war, als ein Mann, in einen Reiſemantel gehüllt, haſtig die menſchenleere Straße hinaufſtieg, die nach der Stern - warte in Friedau führte. Ein dichter Bart und der tief ins Geſicht gerückte Hut ließen wenig von ſeinen Zügen erkennen. Hin und wieder warf er aus ſcharfen Augen einen ſcheuen Blick nach der Seite, als fürchtete er, beobachtet zu werden. Aber niemand bemerkte ihn. Die Laternen waren noch nicht angezündet, und der leiſe niederrieſelnde Regen verſchluckte das letzte Licht der Dämmerung.
Je näher der Fremde dem eiſernen Gitterthor der Sternwarte kam, umſomehr verzögerte ſich ſein Schritt, als ſuche er einen Augenblick hinauszuſchieben, den er noch eben ſo eilig erſtrebte. Vor dem Thore ſtand er eine Weile ſtill. Er ſpähte nach den dunkeln Fenſtern246Dreiundvierzigſtes Kapitel.des Gebäudes. Er nahm den Hut ab und trocknete die Stirn. Sein Geſicht war tief gebräunt und trug die Spuren harter Entbehrungen und ſchwerer Sorgen, die ihm das Haar gebleicht hatten. Mit einem plötz - lichen Entſchluß zog er die Klingel.
Es dauerte lange, ehe ſich ein Schritt hören ließ. Ein junger Hausburſche öffnete die Thür.
„ Jſt der Herr Direktor zu ſprechen? ‟ fragte der Fremde mit tiefer Stimme.
„ Der Herr Doktor Grunthe iſt ausgegangen, ‟ antwortete der Diener. „ Aber um halb neun kommt er wieder. ‟
„ Jſt denn Herr Dr. Ell nicht mehr hier? ‟
„ Den kenne ich nicht. Oder — Sie meinen doch nicht etwa — aber das wiſſen Sie ja — ‟
„ Jch meine den Herrn Dr. Ell, der die Stern - warte gebaut hat. ‟
„ Ja — der Herr Kultor reſidieren doch in Berlin — ‟
Der Fremde ſchüttelte den Kopf. „ Jch werde in einer Stunde wiederkommen ‟, ſagte er dann kurz.
Er wandte ſich um und ging. Der Herr Kultor? Was ſollte das heißen? Er wußte es nicht. Gleichviel, er würde ihn finden. Alſo Grunthe war hier. Das war ihm lieb, bei ihm konnte er Auskunft erhalten. Aber wohin inzwiſchen?
Einige Häuſer weiter, in einem Nebengäßchen, leuchtete eine rote Laterne. Er fühlte das Bedürfnis nach Speiſe und Trank. Er wußte, die Laterne be - zeichnete ein untergeordnetes Vorſtadtlokal; von den Gäſten, die dort verkehrten, kannte ihn gewiß niemand,247Die Beſiegten.würde ihn niemand wiedererkennen. Dorthin durfte er ſich wagen.
Er trat ein und nahm in einer Ecke Platz. Das Zimmer war faſt leer. Er beſtellte ſich etwas zu eſſen.
„ Wünſchen Sie gewachſen oder chemiſch? ‟ fragte der Wirt.
„ Was iſt das für ein Unterſchied? ‟
Der Wirt ſah den Fremden erſtaunt an. Dieſer bedauerte ſeine Frage, da er ſah, daß er dadurch auf - fiel, und ſagte ſchnell:
„ Geben Sie mir nur, was das Beſte iſt. ‟
„ Das iſt Geſchmacksſache ‟, ſagte der Wirt. „ Das Gewachſene iſt teurer, aber wer nicht für das Neue iſt, zieht es doch vor. ‟
„ Was eſſen Sie denn? ‟ fragte der Fremde.
„ Jmmer chemiſch, ich habe eine große Familie. Und — es ſchmeckt auch beſſer. Aber, wiſſen Sie, man will es mit keinem verderben — und das Ge - wachſene gilt für patriotiſcher. Jch habe ſehr patrio - tiſche Gäſte. ‟
„ Vor allen Dingen bringen Sie mir etwas, ich habe nicht viel Zeit. Alſo chemiſch. ‟
„ Kohlenwurſt, Retortenbraten, Mineralbutter, Kunſtbrot, alles modern, aus der beſten Fabrik, à la Nume. ‟
„ Was Sie wollen, nur ſchnell. ‟
Der Wirt verſchwand, und der Fremde griff eifrig nach einer Zeitung, die auf dem Nebentiſche lag. Es war das „ Friedauer Jntelligenzblatt ‟. Mit einer plötzlichen Regung des Ekels wollte er das Blatt wieder248Dreiundvierzigſtes Kapitel.beiſeite ſchieben, aber er überwand ſich und begann zu leſen. Zufällig haftete ſein Blick auf „ Gerichtliches ‟.
„ Wegen mangelhaften Beſuchs der Fortbildungs - ſchule für Erwachſene wurden achtundzwanzig Perſonen mit Geldſtrafen belegt; eine Perſon wurde wegen dauernder Verſäumnis dem pſychologiſchen Labora - torium auf ſechs Tage überwieſen. Dem pſycho - phyſiſchen Laboratorium wurden auf je einen Tag überwieſen: Drei Perſonen wegen Bettelns, eine Perſon wegen Tierquälerei, fünf Perſonen wegen Klavierſpielens auf ungedämpften Jnſtrumenten. Die Klaviere wurden eingezogen. Der ehemalige Leutnant v. Keltiz, welcher ſeinen Gegner im Duell verwundete, wurde zu zehnjähriger Dienſtleiſtung in Kamerun, die beiden Kartellträger zu einjähriger Deportation nach Neu - Guinea verurteilt. Allen wurden die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt. Der vom Schwurgericht zum Tode verurteilte Raubmörder Schlack wurde zu zehn - jähriger Zwangsarbeit in den Strahlenfeldern von Tibet begnadigt. ‟
Kopfſchüttelnd ſah der Fremde nach einer anderen Stelle und las: „ Die Petition, welche mit mehreren tauſend Unterſchriften aus Friedau an den Verkehrs - miniſter gerichtet war und die Bitte ausſprach, unſerer Stadt eine Halteſtelle für das Luftſchiff Nordpol-Rom zu gewähren, hat wieder keine Beachtung gefunden. Unſere Leſer wiſſen wohl, warum unſere Stadt bei gewiſſen einflußreichen Numen ſchlecht angeſchrieben ſteht. Wir werden uns trotzdem nicht abhalten laſſen, immer wieder darauf hinzuweiſen, daß das rätſelhafte249Die Beſiegten.Verſchwinden unſeres großen Mitbürgers und Ehren - bürgers Torm im Mai vorigen Jahres noch immer nicht aufgeklärt worden iſt, wie unangenehm die Er - innerung daran auch für manche ſein mag. ‟
Das Blatt zitterte in der Hand des Fremden. Seine Augen überflogen noch einmal die Stelle. Da trat der Wirt mit den Speiſen herein. Der Gaſt legte die Zeitung möglichſt unbefangen beiſeite.
„ Der Retortenbraten iſt leider ausgegangen ‟, ſagte der Wirt. „ Aber die Kohlenwurſt iſt zu empfehlen, von richtiger Friedauer Schweinewurſt gar nicht zu unterſcheiden. Beſtes Mineralfett darin, nicht etwa Petroleum, die Kohle iſt aus atmoſphäriſcher Kohlen - ſäure gezogen, der Waſſerſtoff aus Quellwaſſer, der Stickſtoff iſt vollſtändig argonfrei, die Zellbildung nach neueſter martiſcher Methode im organiſchen Wachstums - apparat hergeſtellt mit abſoluter Verdaulichkeit — ‟
„ Es iſt wirklich ſehr gut ‟, ſagte der Gaſt, mit großem Appetit eſſend. „ Aber wo haben Sie denn Jhre Chemie her? ‟
„ Jch? Was meinen Sie denn? Muß ich nicht jeden Tag zwei Stunden in der Fortbildungsſchule ſitzen? Denken Sie, ich gehe nur hin, um meine zwei Mark Lern-Entſchädigung einzuſtreichen? Da war neulich einmal ſo ein König oder Herzog vom Mars hier durchgereiſt, der ſich die Erde beſchauen wollte, der wollte mich durchaus als chemiſchen Küchenchef mit - nehmen, habe es aber abgeſchlagen, weil es auf dem Mars keine Hühner giebt. Und ein richtiges Rührei, das iſt das einzige Erdengut, wovon ich mich nicht250Dreiundvierzigſtes Kapitel.trennen kann. Soll ich Jhnen vielleicht eins machen laſſen? ‟
„ Jch danke, geben Sie mir noch ein Glas Bier. ‟
„ Sofort. Nicht wahr, das iſt fein? Das expor - tieren wir ſogar nach dem Mars. So was haben ſie dort noch gar nicht gekannt, wie das Friedauer Baten - bräu. ‟
„ Verkehren denn auch Martier bei Jhnen? ‟
„ Nume meinen Sie? O, ich könnte ſie ſchon auf - nehmen, habe ein paar Extrazimmer. Gewiß verkehren ſie hier, ich meine, ſie werden noch verkehren, ich werde auf dem Mars annoncieren laſſen. Fritz, noch ein Bier für den Herrn! Das iſt mein Oberkellner. Jſt ſo vornehm, daß er erſt abends um acht Uhr antritt. Sie werden gleich ſehen, wie voll mein Lokal wird, jetzt iſt nämlich die Fortbildungsſchule aus, dann kommen die Herren hierher. ‟
„ Wo iſt denn die Fortbildungsſchule? ‟
„ Die Kaſerne iſt gleich neben an, in der nächſten Straße. ‟
„ Das weiß ich, aber die Schule? ‟
Der Wirt machte wieder ein erſtauntes Geſicht. „ Entſchuldigen Sie ‟, ſagte er, „ ſind Sie denn nicht aus Europa? Dann müßten Sie doch wiſſen, daß die Kaſernen ſo ziemlich alle in Schulen umgewandelt ſind? ‟
„ Jch war allerdings zwei Jahre verreiſt, in China und Jndien — ‟
„ Zwei Jahre! Ei, da wiſſen Sie wohl gar nicht — Militär haben wir ja nicht mehr, bis auf fünf Prozent der früheren Präſenzſtärke. Dafür bekommt251Die Beſiegten.jeder eine Mark pro Stunde, die er in der Fort - bildungsſchule ſitzt. Jch ſage Jhnen, gelehrt ſind wir ſchon, das iſt koloſſal. Nächſtens gebe ich ein philo - ſophiſches Buch heraus, auf das will ich Stadtrat werden, oder vielleicht Regierungsrat. Nämlich wegen der Schwerkraft. Auf dem Mars iſt doch alles leichter. Nun ſchlage ich vor, wenn man ſchwer von Begriffen iſt, ſo geht man auf den Mars, und dort — ah, guten Abend Herr von Schnabel, guten Abend Herr Doktor, guten Abend, Herr Direktor — entſchuldigen Sie, ich will nur die Herren bedienen — ‟
Der Wirt wandte ſich zu den eingetretenen Gäſten, die ſich an ihren Stammtiſch ſetzten.
Der Fremde hatte ſeine Mahlzeit beendet. Er ſah nach der Uhr, es war noch zu früh, um Grunthe zu treffen. Er rückte ſich tiefer in die Ecke, blickte in die Zeitung und wandte den Gäſten den Rücken zu. Sie waren ihm bekannt. Seltſam, dachte er im Stillen, während er, ſcheinbar in ſeine Lektüre ver - tieft, auf ihre Stimmen hörte, wie kommen die Leute in dieſe Vorſtadtkneipe? Früher hatten ſie ihren Stammtiſch im „ Fürſt Karl Sigmund ‟, dieſer Schnabel führte da das große Wort. Er ſcheint auch jetzt wieder zu ſchimpfen.
Die halblauten Stimmen der Stammgäſte waren deutlich vernehmbar, insbeſondere das hohe, quetſchige Organ Schnabels.
„ Haben Sie wieder den Knix von der Warſolska geſehen ‟, ſagte Schnabel, „ wie der Kerl, der Dor, ’rausging? Und wie die Anton die Augen verdrehte? 252Dreiundvierzigſtes Kapitel.Und die haben am allermeiſten geſchimpft, als die erſten Jnſtruktoren herkamen. Und jetzt fletſchen ſie vor Vergnügen die Mäuler. ‟
„ Und bei Jhnen war’s umgekehrt, lieber Schnabel ‟, ſagte Doktor Wagner, mit einem Auge blinzelnd. „ Jetzt ſchimpfen Sie, aber ich kenne Einen, der an den erſten Jnſtruktor Wol einen großen Roſenkorb geſchickt hat mit den ſchönen Verſen:
„ Ach, hören Sie auf ‟, rief Schnabel ärgerlich. „ Jch hatte mir die Geſchichte anders gedacht. Jch bin von den Numen enttäuſcht worden — ‟
„ Und die Warſolska iſt wahrſcheinlich nicht ent - täuſcht worden. ‟
„ Die verdammten Kerle. Aber die Anton iſt doch eigentlich über die Jahre hinaus — ‟
„ Pſt! meine Herren, Vorſicht! ‟ ſagte der Fabrik - beſitzer Pellinger, den der Wirt mit Herr Direktor angeredet hatte. „ Das Klatſchgeſetz iſt bereits in erſter Leſung angenommen. § 1: Wer unberufener Weiſe das Privatleben abweſender Perſonen beurteilt, wird mit pſychologiſchem Laboratorium nicht unter zwölf Tagen beſtraft. ‟ Und ſein kahles Haupt über den Tiſch beugend richtete er ſeine ſchwarzen Augen auf Schnabel und fuhr fort: „ Wie ſagt doch der Dichter?
Darauf brach er in ein kräftiges Lachen aus.
„ Seien Sie endlich ſtill mit Jhren Verſen, es iſt garnicht zum Lachen ‟, brummte Schnabel.
„ Es ſind ja auch garnicht meine Verſe. ‟
„ Na, meine auch nicht. ‟
„ Ei, ei ‟, ſagte Wagner, „ von wem haben Sie ſie denn machen laſſen? ‟
„ Jch glaube, Sie wollen mich beleidigen! ‟ rief Schnabel.
„ § 2 des Klatſchgeſetzes! ‟ ſagte Pellinger: „ Der Begriff der Beleidigung iſt aufgehoben. Eine Min - derung der Ehre kann nur durch eigene unwürdige Handlungen, niemals durch die Handlungen anderer erfolgen. ‟
„ Das iſt die richtige dumme Martiermoral. Wie kann der Reichstag ſich auf ſolche Geſetze einlaſſen? Die Demokraten haben ja freilich die Majorität. Aber die Regierung! Sie dürfte ſich nicht von den Martiern einſchüchtern laſſen. ‟
„ Die Regierung heißt Ell, Kultor der Numenheit für das deutſche Sprachgebiet in Europa ‟, ſagte Wagner.
„ Dieſer Schuft ‟, rief Schnabel. „ Der Kerl hat elend vor meiner Piſtole gekniffen und iſt auf den Mars ausgeriſſen. Und jetzt ſpielt er hier den Dik - tator. Jch werde den Burſchen — ‟
„ Pſt, meine Herren, Vorſicht! ‟ flüſterte Pellinger. „ Schimpfen können Sie, ſoviel Sie wollen, Herr v. Schnabel. Sehen Sie, das iſt eben das Gute an der Numenherrſchaft, das müßten Sie doch dankbar254Dreiundvierzigſtes Kapitel.anerkennen, es kann Sie niemand wegen Beleidigungen verantwortlich machen. Aber um Himmelswillen nicht vom Fordern reden. Seien Sie froh, wenn Ell Gründe hat, nicht auf Jhre Affäre vor zwei Jahren zurückzukommen. Mit dem Laboratorium iſt es dann nicht abgethan, Sie kommen nach Neu-Guinea oder auf die neuen Strahlungsfelder in der Libyſchen Wüſte. ‟
„ Sie beſchönigen natürlich alles, Herr Pellinger. ‟
„ Wie ſo? ‟
„ Wie war denn das, als wir neulich von Leipzig zurückkamen und gemütlich in unſerm Wagenabteil ſchliefen. Jn — Dingsda — auf einmal wird die Thür aufgeriſſen — ſteht ſo ein Nume da in aba - riſchen Stiefeln mit ſeiner Käſeglocke über dem Kopfe und winkt blos mit der Hand. Jm Augenblick iſt alles hinaus und der Kerl ſetzt ſich allein in unſern ſchönen Wagen. Wir mußten in die vollgepfropfte dritte Klaſſe kriechen. Da haben Sie auch geſagt: Das iſt ganz in der Ordnung, als Nume kann der Mann ein Koupé für ſich allein beanſpruchen. ‟
„ Wo ſoll er denn ſonſt mit ſeinem Helme hin? Und wenn kein anderes frei iſt? Wir ſind doch ein - mal die Beſiegten! ‟
„ Deswegen brauchen wir nicht ſo feig zu ſein. Aber Sie haben ja auch damals den Kerl, den Ell, verteidigt — ‟
„ Das möchte ich wirklich wiſſen ‟, fiel Wagner ein, „ ob er an dem Verſchwinden von Torm unſchuldig iſt. Man ſagt doch, Torm habe ihn gefordert und ſei deshalb von den Martiern beſeitigt worden. ‟
255Die Beſiegten.„ Das iſt nicht möglich ‟, rief Pellinger. „ Damals exiſtierte das Duellgeſetz noch nicht. ‟
„ Aber es war Krieg, und die Martier brauchten unſere Geſetze nicht anzuerkennen. ‟
„ Da ſehen Sie wieder einmal, wie ungerecht Sie urteilen ‟, ſagte Pellinger. „ Torm iſt verſchwunden, ehe Ell überhaupt auf die Erde zurückkam. Jch weiß es ganz genau. Ell iſt erſt nach dem Friedensſchluß am 21. Juni vorigen Jahres zurück - gekehrt, Torm iſt aber ſchon beim Ausbruch des Krieges im Mai verſchwunden. Die Sache muß alſo anders liegen. Und Grunthe iſt auch der Anſicht, daß Ell unſchuldig iſt. ‟
„ Ach, Grunthe! ‟ rief Schnabel. „ Das iſt ein Mathematikus, der ſich den Teufel um Weiberange - legenheiten kümmert. Davon verſteht er nichts. Und daß die Frau hier dahinterſteckt, da will ich meinen Kopf verwetten. Warum ſäße ſie denn ſonſt jetzt in Berlin? ‟
Der Fremde hatte ſich plötzlich auf ſeinem Stuhle bewegt, ſich aber ſogleich wieder hinter ſeine Zeitung zurückgezogen. Doch war Pellinger dadurch auf ihn aufmerkſam geworden, er bedeutete Schnabel ſeine Stimme zu mäßigen.
„ Erhitzen Sie ſich nicht ‟, ſagte er, „ die Sache geht uns eigentlich gar nichts an. Jch möchte auch nicht gern nach dem neuen Klatſchgeſetz ins Labora - torium wandern. ‟
„ Sie würden ſich aber ausgezeichnet zu Durch - leuchtungsverſuchen des Gehirns eignen ‟, ſagte Wagner. 256Dreiundvierzigſtes Kapitel.„ Das Opfer wären Sie eigentlich der Wiſſenſchaft ſchuldig. Sie brauchen ſich den Schädel nicht erſt raſieren zu laſſen. ‟
„ Mein Gehirn iſt zu normal ‟, antwortete Pellinger. „ Aber Sie müſſen ja wiſſen, Herr Doktor, wie’s dort zugeht, Sie ſind ja wohl ſchon einen Tag drin ge - weſen. Haben Sie nicht Übungen machen müſſen über die Ermüdung beim Kopfrechnen? Was hatten Sie denn eigentlich verbrochen? ‟
„ Was Sie alles wiſſen wollen! ‟ ſagte Wagner etwas verlegen. „ Jch wollte mir die Apparate einmal anſehen. Jch ſage Jhnen, da habe ich ein Jnſtrument geſehen, mit dem kann man die Träume photographieren. ‟
„ Ach was ‟, rief Schnabel, „ flunkern Sie doch nicht ſo, ich war ja auch — ‟
„ Ei, Sie waren auch ſchon einmal drin? Proſit, da gratuliere ich ‟.
Beide gerieten in ein Wortgefecht, während Pellinger aufmerkſam den Fremden am Nebentiſch beobachtete. Dieſer beglich jetzt ſeine Rechnung mit dem Wirt, ſtand dann auf, ſetzte den Hut auf den Kopf und verließ das Zimmer, ohne ſich umzublicken.
„ Den Mann ſollte ich kennen ‟, ſagte Pellinger vor ſich hin.
„ Wie meinen Sie? ‟
„ O nichts. Es kam mir nur ſo vor, als wäre der Herr, der eben fortging, ein alter Bekannter. Aber ich habe mich wohl geirrt. Sie wollten ja erzählen, wie Sie ſich im Laboratorium amüſiert haben. Hahaha! ‟
[257]Der Fremde war inzwiſchen auf die Straße ge - treten, wo jetzt der Schein der ſpärlichen Laternen auf dem feuchten Pflaſter glitzerte. Bald war er wieder vor der Sternwarte angelangt und wurde in das Haus geführt. Jm Vorflur trat ihm Grunthe entgegen.
„ Was wünſchen Sie? ‟ fragte dieſer, den ſpäten Gaſt mißtrauiſch muſternd.
„ Jch möchte Sie in einer Privatangelegenheit ſprechen ‟, ſagte der Fremde mit einem Blick auf den Hausburſchen.
Beim Klange der Stimme zuckte Grunthe zu - ſammen.
„ Bitte, treten Sie in mein Zimmer. ‟
Der Fremde ſchritt voran. Grunthe ſchloß die Thür. Beide blickten ſich eine Weile wortlos an.
„ Erkennen Sie mich wieder? ‟ fragte der Fremde langſam.
Laßwitz, Auf zwei Planeten. 44258Vierundvierzigſtes Kapitel.„ Torm? ‟ rief Grunthe fragend.
„ Jch bin es. Zum zweiten Male von den Toten erſtanden. Ja, ich habe noch zu leben, bis — — ‟
Er ſchwankte und ließ ſich auf einen Stuhl nieder.
„ Wo iſt meine Frau? ‟ fragte er dann.
„ Jn Berlin. ‟
„ Und Ell? ‟
„ Jn Berlin. ‟
Torm erhob ſich wieder. Seine Augen funkelten unheimlich.
„ Und wie — wovon lebt ſie dort? ‟ ſagte er ſtockend. „ Was wiſſen Sie von ihr? ‟
„ Jch — ich bitte Sie, legen Sie zunächſt ab, machen Sie es ſich bequem. Was ich weiß, iſt nicht viel. Jhre Frau Gemahlin iſt vollſtändig ſelbſtändig und lebt in geſicherten Verhältniſſen. Sie hat alle Anerbietungen von der Familie Jlls und von Ell zurückgewieſen und nur die Stelle als Leiterin einer der martiſchen Bildungsſchulen angenommen. Sie müſſen wiſſen, daß ſich vieles bei uns geändert hat — — ‟
„ Jch meine, was wiſſen Sie ſonſt? Was ſagt man — ‟
Er brach ab. Nein, er konnte nicht von dem ſprechen, was ihm am meiſten am Herzen lag, am wenigſten mit Grunthe.
„ Was ſagt man von mir? ‟ fragte er. „ Meinen Sie, daß ich mich zeigen darf, daß ich wagen darf, nach Berlin zu reiſen? ‟
„ Jch wüßte nicht, was Sie abhalten ſollte. Aller -259Torms Flucht.dings weiß ich ja auch nicht, was mit Jhnen ge - ſchehen iſt, wie es kam, daß Sie plötzlich verſchwunden waren — ‟
„ Werde ich denn nicht verfolgt? Bin ich nicht von den Martiern, die ja jetzt die Gewalt in Händen zu haben ſcheinen, verurteilt? Hat man keine Be - kanntmachung erlaſſen? ‟
„ Jch weiß von nichts — ich würde es doch aus den Zeitungen erfahren haben, oder ſicherlich von Saltner, von Ell ſelbſt — ich weiß wohl, daß Ell ſich bemüht hat, Jhren Aufenthalt ausfindig machen zu laſſen, aber ich habe das als perſönliches Jntereſſe aufgefaßt, es iſt niemals eine Aeußerung gefallen, daß man Sie — ſozuſagen — kriminell ſucht — ‟
„ Das verſtehe ich nicht. Dann müſſen beſondere Gründe vorliegen, weshalb die Martier ſchweigen — ich vermute, man will mich ſicher machen, um mich alsdann dauernd zu beſeitigen — ‟
„ Aber ich bitte Sie, ich habe nie gehört, daß Sie Feinde bei den Numen haben. ‟
Torm lachte bitter. „ Es könnte doch jemand ein Jntereſſe haben — ‟
Grunthe runzelte die Stirn und zog die Lippen zuſammen. Torm ſah, daß es vergeblich wäre, mit Grunthe von dieſen Privatangelegenheiten zu ſprechen.
„ Jch bin in der That ‟, ſagte er leiſe, „ in den Augen der Martier ein Verbrecher, obwohl ich von meinem Standpunkte aus in einer berechtigten Not - lage gehandelt habe. Und in dieſem Gefühl bin ich hierher gekommen und ſchleiche umher wie ein Böſe -44*260Vierundvierzigſtes Kapitel.wicht, in der Furcht, erkannt zu werden. Jch weiß nichts von den Verhältniſſen in Europa. Jch bin hierher gekommen, weil ich glaubte, Ell ſei hier, und mit ihm wollte ich ab — — wollte ich ſprechen, gleich - viel, was dann aus mir würde. Mein einziger Ge - danke war, nicht eher von den Martiern gefaßt zu werden, bis ich Ell perſönlich gegenübergetreten war. Und das werde ich auch jetzt ausführen. Jch gehe morgen nach Berlin. Jch habe noch Gelder auf der hieſigen Bank, aber ich habe nicht gewagt, ſie zu er - heben, weil ich überzeugt war, man warte nur darauf, mich bei dieſer Gelegenheit feſtzunehmen. ‟
„ Jch ſtehe natürlich zu Jhrer Verfügung, aber ich glaube, daß Jhre Befürchtungen völlig grundlos ſind. Und, wenn ich das ſagen darf, daß Sie auch Ell irrtümlich für Jhren Feind halten. Er hat ſich ſtets gegen Jhre Frau Gemahlin ſo rückſichts - voll, freundſchaftlich und fürſorgend verhalten, daß ich wirklich nicht weiß, worauf ſich Jhr Argwohn ſtützt — ‟
„ Laſſen wir das, Grunthe, laſſen wir das — Sagen Sie mir vor allem, wie iſt das alles gekommen, wie ſind dieſe Martier hier Herren geworden, wie ſind die politiſchen Verhältniſſe — ‟
„ Sie ſollen alles erfahren. Aber ich bitte Sie, erklären Sie mir zunächſt, worauf Jhre Beſorgnis gegen die Martier ſich gründet, — ich bin ja völlig unwiſſend über Jhre Erlebniſſe. Wir hatten die Hoff - nung aufgegeben, Sie wieder zu ſehen. Wo kommen Sie her, wo waren Sie, daß Sie ſo ohne jeden Zu -261Torms Flucht.ſammenhang blieben mit den Ereigniſſen, welche die ganze Welt umgeſtürzt haben? ‟
„ Nun gut, hören Sie zuerſt, was mir geſchehen iſt. Jch kann mich kurz faſſen. Sie wiſſen, daß ich die Abſicht hatte, ſelbſt nach dem Mars zu reiſen, falls meine Frau nicht kräftig genug war, die Reiſe nach der Erde anzutreten. ‟
„ Gewiß. Jll bewilligte Jhnen eine Lichtdepeſche und Sie erfuhren daraus, daß Sie nicht abreiſen ſollten, da Jhre Frau Gemahlin mit einem der nächſten Raum - ſchiffe nach der Erde käme. Sie gingen darauf Anfang Mai nach dem Nordpol, um Jhre Frau dort zu er - warten. Jch erhielt noch am 10. Mai einen Brief von Jhnen, in welchem Sie die Hoffnung ausſprachen, bald mit Jhrer Frau, die in den nächſten Tagen zu erwarten ſei, nach Deutſchland zurückzukehren. Am 12. war dann jener unſelige Tag der Protektoratserklärung — und ſeitdem war jede Spur von Jhnen verſchwunden. ‟
„ So iſt es, ‟ ſagte Torm. „ An dem Tage, dem 12. Mai, kam das Raumſchiff, aber es brachte weder meine Frau noch Ell, ſondern die Nachricht, daß der Arzt die Reiſe für die nächſte Zeit noch unterſagt hätte. Jch geriet dadurch in eine gereizte Stimmung, die ſich noch ſteigerte, als ich erfuhr, daß die politiſchen Ver - hältniſſe ſich bis zum Abbruch der friedlichen Bezieh - ungen zugeſpitzt hatten. Meine Pflicht rief mich nun unbedingt nach Deutſchland zurück; denn obwohl ſeit dieſem Tage der Verkehr mit Deutſchland aufgehoben war, mußte ich doch annehmen und erfuhr es auch bald aus ausländiſchen Blättern, daß das geſamte262Vierundvierzigſtes Kapitel.Heer mobiliſiert werde. Wie aber ſollte ich in die Heimat gelangen? Die Luftbote nach Deutſchland verkehrten nicht mehr, und auf meine direkte Bitte um Beförderung nach einem engliſchen Platze wurde mir erwidert, daß ich in meiner Eigenſchaft als Offizier der Landwehr während der Dauer des Kriegszuſtandes zurückgehalten werden müßte, es ſei denn, daß ich mich ehrenwörtlich verpflichtete, mich nicht zu den Waffen zu ſtellen. Das konnte ich ſelbſtverſtändlich nicht thun. Nach dem Mars zu gehen war mir ge - ſtattet, aber damit war mir nun nicht mehr gedient. Jch mußte nach Deutſchland. Wiederholte unangenehme Dispute mit den Offizieren der Martier, von denen die Jnſel jetzt wimmelte, machten mir den Aufenthalt unerträglich. Jch erwog hundert Pläne zur Flucht, ſelbſt an unſern alten Ballon, der noch immer dort lagert, dachte ich. Endlich beſchloß ich auf eigene Fauſt die Wanderung über das Eis zu verſuchen, die mir ja ſchon einmal gelungen war. Jm Falle der vorzeitigen Entdeckung konnte doch, wie ich meinte, meine Lage nicht verſchlimmert werden. Natürlich wurde ich entdeckt und zurückgebracht. Man kündete mir an, daß ich wegen Verdachts der Spionage die Jnſel Ara nicht mehr verlaſſen dürfe — vorher hatte man meinen Beſuchen auf den benachbarten Jnſeln nichts in den Weg gelegt — und daß ein Kriegs - gericht oder dergleichen über mein weiteres Schickſal beſchließen würde. Schon glaubte ich, daß man mich nach dem Mars bringen würde; dann konnte ich wenig - ſtens hoffen, meine Frau zu treffen. Aber ich erfuhr263Torms Flucht.bald, daß ich jedenfalls auf der Außenſtation interniert werden würde, von wo jede Flucht für mich unmöglich war. Jn dieſer Zeit dort unthätig als Gefangener zu ſitzen, war mir ein entſetzlicher Gedanke. Jch faßte einen Entſchluß der Verzweiflung. Jetzt ſehe ich ein, daß es eine Thorheit war. Doch Sie müſſen ſich in meine damalige Stimmung verſetzen — wenn Sie es können. Jch bildete mir außerdem ein, man werde mich daheim für einen fahnenflüchtigen Feigling halten, wenn ich nicht vom Pol zurückkehrte. Jch hatte auch keine Zeit zur Überlegung, denn am nächſten Tage ſollte das Kriegsgericht ſein, worauf ich ſofort in den Flugwagen gebracht worden wäre. — Kurzum, ich beſchloß die Zeit zu benutzen, während der ich mich noch auf der Jnſel frei bewegen durfte. Die Luft - ſchiffe zu betreten und zu ſtudieren war mir immer erlaubt geweſen, ich kannte jetzt ihre Einrichtung genau und erinnerte mich an das Abenteuer, das Saltner auf dem Mars erlebt hatte, als er ſich in dem Luft - ſchiff des Schießſtandes verſteckte. Jch wußte, welches Schiff im Laufe der nächſten Stunden abgehen würde, denn ſowohl nach dem Schutzſtaate England als auch nach andern Teilen der Erde fand lebhafter Verkehr ſtatt. So glaubte ich, wenn es mir gelänge, mich in dem nach England gehenden Schiffe zu bergen, von den Martiern ſelbſt fortbefördert zu werden. Jch wollte es wagen. Jch verſah mich mit etwas Proviant, denn ich war entſchloſſen, im Notfalle zwei Tage in meinem Verſteck zu verbleiben. Da fiel mir ein, daß ich ohne Sauerſtoffapparat unmöglich in der Höhe aushalten264Vierundvierzigſtes Kapitel.könnte, in der die Schiffe zu fahren pflegen. Hier blieb mir nichts anderes übrig als zu ſtehlen. Jch eignete mir zwei von den Abſorptionsbüchſen der Martier an, mehr konnte ich nicht fortſchaffen. Trübes Wetter — wir hatten ja freilich keine Nacht — be - günſtigte mein Vorhaben durch ein ſtarkes Schnee - geſtöber, ſodaß kein Martier, der nicht durch ſein Amt gezwungen war, ſich auf dem Dache der Jnſel ſehen ließ. So gelang es mir leichter, als ich glaubte, mich in das noch gänzlich unbeſetzte Schiff einzuſchleichen, deſſen Wächter in einer der Kajüten beſchäftigt war. Es war ein ausnehmend geräumiges Bot, und ich fand meine Zuflucht, wie damals Saltner, zwiſchen und hinter dem Stoff, den Saltner für Heu hielt, der aber, wie Sie jetzt wiſſen werden, den beſondern Zwecken der Diabarieverteilung dient. Bei gutem Glück rechnete ich, da noch drei Stunden bis zur Abfahrt des Schiffes waren, in acht oder neun Stunden in England zu ſein und dann das Schiff ebenſo unbemerkt verlaſſen zu können. Und wirklich, — hatte man mich noch nicht vermißt oder nicht im Schiffe geſucht — das Schiff erhob ſich. Stunde auf Stunde verging, und ich ſchlummerte von Zeit zu Zeit in meinem dunkeln Ge - fängnis ein. Nun ſagte mir meine Uhr, daß wir in England ſein müßten. Aber aufs neue verging Stunde auf Stunde, ohne daß das Schiff zur Ruhe kam. Jch bemerkte die Bewegung natürlich nur an dem leichten Geräuſch des Reaktionsapparats und dem Ziſchen der Luft. So oft ich aus Sparſamkeit mit dem Sauerſtoff - atmen aufhörte, fühlte ich alsbald, daß wir noch immer265Torms Flucht.in ſehr hohen Schichten ſein müßten, und ich geriet in große Sorge, ob mein Vorrat ausreichen würde. Endlich, nach mehr als zehnſtündiger Fahrt, als ich ſchon über - legte, ob ich mich nicht, um dem Erſtickungstode zu entgehen, den Martiern ergeben ſollte, erkannte ich zu meiner unbeſchreiblichen Freude an der Veränderung der Luft, daß das Schiff ſich ſenke. Bald hörte ich auch aus dem veränderten Geräuſche, daß es mit Segel - flug arbeite. Jch ſchloß daraus, daß man eine Landungs - ſtelle ſuche und ſich alſo nicht einem der gewohnten Anlegeplätze nähere.
Können Sie ſich meinen Zuſtand, meine nervöſe Erregung vorſtellen? Seit zehn Stunden im Finſtern eingeſchloſſen, zuletzt unter Atemnot, in fortwährender Gefahr entdeckt zu werden, ohne zu wiſſen, wohin die Reiſe geht, wo ich das Licht des Tages wieder er - blicken werde, und wie es mir möglich werden wird, unbemerkt dem Schiffe zu entfliehen! Jch ſuchte mir einen Plan zu machen — aber wo würde ich mich dann befinden? Der Zeit nach zu ſchließen mußten wir ſechs bis ſiebentauſend Kilometer zurückgelegt haben. Jch konnte in Alexandria ſein oder in New - Orleans, ebenſo gut auch in der Sahara oder in China. Wie ſollte ich dann weiterkommen, falls ich den Martiern entfliehen konnte? Jch mußte alles vom Augenblick abhängig machen.
Endlich verſtummte das Geräuſch der Fahrt, ich fühlte den Landungsſtoß, das Schiff ruhte. Es kam nun darauf an, ob es die Martier verlaſſen würden. Wenn ich wenigſtens gewußt hätte, ob es Tag oder266Vierundvierzigſtes Kapitel.Nacht war. Aber das hing ja ganz davon ab, nach welcher Himmelsrichtung wir gefahren waren. Aus der Landung ſelbſt konnte ich nichts ſchließen, da ich nichts von der Beſtimmung des Schiffes wußte, für welche ebenſogut die Nacht als der Tag die paſſende Ankunftszeit ſein konnte, je nach den Abſichten der Martier. Noch eine Stunde vielleicht hörte ich über mir Tritte und Stimmen, dann wurde es ſtill. Jch ſchlich aus meinem Verſteck nach der Drehthür. Ge - räuſchlos öffnete ſich eine Spalte. Es war Nacht! Denn nur ein ganz ſchwaches Fluorescenzlicht ſchimmerte durch das Jnnere des Schiffes. Man hatte alſo Grund, nach außen hin kein Licht zu zeigen, man wollte nicht bemerkt ſein. Nun öffnete ich die Dreh - thür vollends und ſpähte in den Raum. Die Martier lagen in ihren Hängematten und ſchliefen. Wachen befanden ſich jedenfalls außerhalb des Schiffes, aber nach innen konnten ſie nicht gut blicken und hatten auch dort nichts zu ſuchen. Jch konnte alſo ohne Bedenken aus dem untern Raum herausſteigen und zwiſchen den Hängematten nach dem Ausgang ſchreiten; ſelbſt wenn mich jemand hier bemerkte, hätte er mich doch für einen von der Beſatzung gehalten. So ge - langte ich ungefährdet bis an die Treppe, die aufs Verdeck und von dort ins Freie führte. Die Lucke ſtand offen, aber auf der oberſten Stufe der Treppe ſaß ein Martier, der, von ſeinem Helm gegen die Schwere geſchützt, nach außen hin Wache hielt. An ihm mußte ich vorüber. Jch ſtieg möglichſt unbe - fangen und ohne mein Nahen verbergen zu wollen die267Torms Flucht.Stufen hinauf und drängte mich an ihm vorüber, indem ich die gebückte Haltung der Martier ohne Schwereſchirm annahm. Jch hatte keine andre Wahl, durch Liſt hätte ich nichts erreicht. So ſtand ich ſchon auf dem Verdeck, als der Martier mich anrief, wo ich hinwollte. Jch antwortete nicht, ſondern ſuchte nur nach der abwärts führenden Treppe. Sie war aber eingezogen. Da faßte der Wächter mich an und rief: „ Das iſt ja ein Bat. Was willſt Du? ‟
Zugleich drückte er die Alarmglocke. Was im nächſten Augenblicke geſchah, weiß ich nicht mehr deut - lich. Jch höre nur einen Schmerzensſchrei, den der Martier ausſtieß, als er von meinem Fauſtſchlage gegen die Stirn getroffen die Treppe hinabſtürzte. Jch ſelbſt fühle mich das gewölbte Dach des Schiffes hinabgleiten, doch ich komme auf die Füße und laufe auf gut Glück vom Schiffe fort, ſo ſchnell meine Beine mich tragen wollen. Die Nacht war klar, aber nur vom Sternenlicht erhellt. Der Boden ſenkte ſich, denn das Luftſchiff war, wie nicht anders zu erwarten, auf einem Hügel gelandet. Eine endloſe Ebene ſchien ſich vor mir auszudehnen; ich fühlte kurzes Gras unter mir. Als ich es wagte, mich einen Augenblick rück - wärts zu wenden, bemerkte ich, daß hinter mir ſich eine Hügellandſchaft befand, die zu einem ſchnee - bedeckten Gebirge aufſtieg. Jch hoffte, irgendwo ein Verſteck zu finden, das mich vor den erſten Nach - forſchungen der Martier verbarg, um mich dann im Laufe der Nacht noch möglichſt weit zu entfernen und bei den unbekannten Bewohnern des Landes Schutz268Vierundvierzigſtes Kapitel.zu ſuchen. Da plötzlich tauchte, wie aus der Erde geſtiegen, eine Reihe dunkler Geſtalten vor mir auf, die ſich ſofort auf mich ſtürzten und mich niederwarfen. Jch ſah Meſſer vor meinen Augen blitzen und glaubte mich verloren.
Jn dieſem furchtbaren Augenblicke wurde die Nacht mit einem Schlage zum Tage. Das Marsſchiff hatte ſeine Scheinwerfer erglühen laſſen. Wie eine Sonne in blendendem Lichte ſtrahlend erhob es ſich langſam in die Luft, jedenfalls um mich zu ſuchen. Dieſer Anblick verſetzte die Eingeborenen, die mich überfallen hatten, in einen unbeſchreiblichen Schrecken. Zunächſt warfen ſie ſich auf den Boden, dann krochen ſie, ohne ſich um mich zu kümmern, auf dieſem fort und waren in wenigen Augenblicken ebenſo plötzlich verſchwunden, wie ſie gekommen waren. Jch war frei. Aber was ſollte ich thun? Wenn ich hier blieb, ſo mußte ich in wenigen Minuten von den Martiern entdeckt werden. Jch ſagte mir, daß ſich dort, wo die Eingeborenen verſchwunden waren, auch ein Verſteck für mich finden würde. Jn der That, wenige Schritte vor mir zog eine trockene Erdſpalte quer durch die Steppe. Jch ſtieg hinab und ſchmiegte mich in den tiefen Schatten eines Riſſes. Von oben konnte ich hier nicht geſehen werden. Die Martier hatten natürlich bald die Spalte bemerkt und ſchwebten langſam über derſelben hin, aber ich wurde nicht entdeckt. Noch mehrfach ſah ich das Licht aufleuchten, endlich verſchwand es. Auch von den Eingeborenen ſah ich nichts mehr.
Etwa eine Stunde mochte ich ſo gelegen haben —269Torms Flucht.es war unangenehm kalt — als der erſte Schimmer der Dämmerung den Anbruch des Tages verkündete. Jch verzehrte den Reſt meines Proviants, und als es hell genug geworden war, lugte ich vorſichtig über die Ebene. Das Schiff mußte ſich entfernt haben, es war keine Spur mehr zu ſehen. Jch wanderte nun am Rande des Spaltes weiter. Nicht lange, ſo bemerkte ich, daß mir eine große Schar von Bewohnern des Landes entgegenkam. Jch blieb ſtehen und ſuchte durch Be - wegungen der Arme meine friedlichen Abſichten ver - ſtändlich zu machen. Erſt glaubte ich, das Schlimmſte befürchten zu müſſen, denn die Leute liefen unter lautem Geſchrei auf mich zu und ſchoſſen ihre langen Flinten ab, aber ſie zielten nicht auf mich. Bald er - kannte ich, daß dies eine Freudenbezeugung ſein ſollte. Einige ältere Männer, offenbar die Anführer, traten an mich heran und verbeugten ſich mit allen Zeichen der Ehrfurcht. Dann kauerten ſie ſich im Halbkreiſe um mich nieder, und ich ſetzte mich ebenfalls auf den Boden. Allmählich verſtändigten wir uns durch Pantomimen, und ich folgte ihrer Einladung, ſie zu begleiten. Nach einer langen Wanderung erweiterte ſich die Spalte zu einem kleinen Thale, und hier fand ſich eine Nieder - laſſung, wo ich mit allen Ehren eines angeſehenen Gaſtes aufgenommen wurde. Jch blieb einige Tage dort und wurde dann von meinen Gaſtfreunden nach Süden geleitet. Nach mehreren Tagereiſen erreichten wir eine ausgedehnte Stadt. Jetzt erſt wurde mir nach und nach klar, wo ich hingeraten war. Die Stadt war Lhaſa, die Hauptſtadt von Tibet, der Sitz des270Vierundvierzigſtes Kapitel.Dalai-Lama. Die Tibetaner waren durch die über - irdiſche Erſcheinung des lichtſtrahlenden Luftſchiffes in ihrer Geſinnung völlig umgewandelt. Sie hielten mich für ein wunderbares Weſen, das in einem leuch - tenden Wagen direkt vom Himmel gekommen war. Jch wurde auch in Lhaſa ſehr ehrenvoll aufgenommen, aber alle Bemühungen, von hier weiterzureiſen, waren vergebens. Man geſtattete nicht, daß ich mich aus der Stadt entferne. Und ſo war ich faſt ein Jahr in dieſer allen Fremden verſchloſſenen Stadt. Aber auch dies hatte ſchließlich ein Ende.
Sie werden wahrſcheinlich wiſſen, daß die Martier jetzt auf dem Hochplateau von Tibet große Strahlungs - felder angelegt haben, um während des Sommers die Sonnenenergie zu ſammeln. Die Trockenheit des Klimas bei der hohen Lage von 5000 Meter überm Meere ſagt ihrer Konſtitution am meiſten zu von allen Ländern der Erde. Das Schiff, mit welchem ich hin - gekommen war, ſtellte die erſten Nachforſchungen an, und bald hatten mehr und mehr Schiffe eine große Anzahl der Martier, vornehmlich die Bewohner ihrer Wüſten, die Beds, dahingebracht. Die Tibetaner fühlten ſich dadurch beunruhigt und wandten ſich an die chineſiſche Regierung. Zugleich aber glaubten ſie, daß meine Anweſenheit, die ſie übrigens ſorgfältig geheim hielten, Urſache ſei, weshalb die wunderbaren Fremden durch die Luft in ihr Land kämen. So er - hielt ich die Erlaubnis, mich einer Karawane anzu - ſchließen, die über den Himalaja nach Jndien ging. Nach mannigfachen Abenteuern, mit denen ich Sie271Torms Flucht.nicht aufhalten will, gelang es mir ſchließlich, mich bis nach Kalkutta durchzuſchlagen. Jch beſaß noch eine nicht unbedeutende Summe deutſchen Geldes, durch das ich mich hier wieder in einen europäiſchen Zuſtand verſetzen konnte. Jndeſſen wagte ich nicht, mich bei den Behörden zu melden oder mich zu er - kennen zu geben, da ich fürchtete, von den Martiern verfolgt zu werden. Aus den Zeitungen erſah ich, daß das Luftſchiff, welches von Kalkutta allwöchentlich nach London geht, in Teheran, Stambul, Wien und Leipzig anlegt. Von Leipzig benutzte ich den nächſten Zug nach Friedau. Und mein erſter Gang war hierher. Jch habe es vermieden, mit jemand zu ſprechen. Jch bin entſetzt über die Veränderung der Verhältniſſe. Nun ſagen Sie mir vor allem, was war unſer Schickſal im Kriege mit dem Mars? ‟
Grunthe hatte ohne eine Miene zu verziehen zu - gehört. Jetzt ſagte er bedächtig, ohne auf Torms letzte Frage zu achten:
„ Hatten Sie Jhr Chronometer und unſern Taſchen - kalender mit? ‟
„ Ja — aber — ‟
„ So haben Sie doch wohl einige Ortsbeſtim - mungen machen können? Jch meine nach dem Harzer - ſchen Fadenverfahren, mit bloßem Auge? ‟
Torm lächelte trüb. „ Jch hatte freilich Zeit dazu ‟, ſagte er, „ und habe es auch gethan. Sie können ſie berechnen. Aber zuerſt — ‟
„ O, entſchuldigen Sie ‟, unterbrach ihn Grunthe. „ Sie wiſſen, ich bin ein ſehr unaufmerkſamer Wirt. 272Vierundvierzigſtes Kapitel.Jch hätte Jhnen doch zuerſt ein Abendeſſen anbieten ſollen. Allerdings habe ich nichts zu Hauſe, doch — wir könnten vielleicht — ‟
Seine Lippen zogen ſich zuſammen. Das Problem ſchien ihm ſehr ſchwer. „ Jch danke herzlich ‟, ſagte Torm. „ Jch habe gegeſſen und getrunken. ‟
„ Um ſo beſſer ‟, rief Grunthe erleichtert. „ Aber logieren werden Sie bei mir. Das läßt ſich machen. ‟
„ Das nehme ich an, weil ich mich nicht gern hier in den Hotels ſehen laſſen möchte. Morgen fahre ich ja nach Berlin. ‟
„ Wollen Sie denn nicht an Jhre Frau Gemahlin telegraphieren, daß Sie kommen? Jch habe die Adreſſe, da ich wegen der Abrechnungen — warten Sie — es muß hier ſtehen — ich kann unſern Burſchen nach der Poſt ſchicken — ‟
„ Das iſt nicht nötig ‟, ſagte Torm. „ Jch werde — doch die Adreſſe können Sie mir immerhin geben. ‟
Grunthe ſuchte unter ſeinen Büchern.
„ Ach, ſehen Sie ‟, ſagte er, „ da finde ich doch noch etwas — im Frühjahr hat mich Saltner einmal beſucht — da ließ ich Wein holen, und hier iſt noch eine Flaſche. Gläſer habe ich von Ell. Sie müſſen da irgendwo ſtehen. Das trifft ſich gut — wiſſen Sie denn, was heute für ein Tag iſt? Der neunzehnte Auguſt. Heute vor zwei Jahren kamen wir am Nordpol an. Wie ſchade, daß Saltner nicht hier iſt, er könnte wieder ein Hoch ausbringen — ‟
Torm fuhr aus ſeinem Nachſinnen empor.
„ Erinnern Sie mich nicht daran ‟, ſagte er finſter. 273Torms Flucht.„ Mit jener Stunde begann mein Unglück. Wie kam denn jener Flaſchenkorb — ‟ Er ſchlug mit der Hand auf den Tiſch und ſprang auf. Er unterbrach ſich und murmelte nur noch für ſich: „ Jch ſtoße nicht mehr an. ‟
„ Geben Sie nur die Gläſer her ‟, ſagte er darauf ruhiger. „ Ja, wir wollen uns ſetzen. Und nun ſind Sie daran zu berichten. ‟
Grunthe blickte ſtarr vor ſich hin.
„ Wir ſind in der Gewalt der Nume ‟, begann er nach einer Pauſe. „ Ganz Europa, außer Rußland. Wir beugen uns vor unſerm Herrn. Wir ſind Kinder geworden, die in die Schule geſchickt werden. Man hat ſogenannte Kultoren eingeſetzt über die verſchie - denen Sprachgebiete. Der größte Teil des Deutſchen Reichs, die deutſchen Teile von Oeſterreich und der Schweiz ſtehen unter Ell. Man will uns erziehen, intellektuell und ethiſch. Die Abſicht iſt gut, aber undurchführbar. Das Ende wird entſetzlich ſein — wenn es nicht gelingt — doch davon ſpäter. ‟
Grunthe ſchwieg.
„ Jch begreife noch nicht ‟, ſagte Torm, „ wie war es möglich, daß wir in dieſe Abhängigkeit gerieten? Warum unterwarfen wir uns? ‟
„ Entſchuldigen Sie mich ‟, antwortete Grunthe. „ Jch bin nicht imſtande, von dieſen ſchmerzlichen Er - eigniſſen zu ſprechen. Jch bringe es nicht über die Lippen. Laſſen wir es lieber. Jch werde Jhnen eine Zuſammenſtellung der Ereigniſſe in einer Broſchüre geben — hier ſind mehrere. Leſen Sie ſelbſt, für ſichLaßwitz, Auf zwei Planeten. 45274Vierundvierzigſtes Kapitel.allein. Sie werden auch müde ſein. Leſen Sie morgen früh. Reden wir von etwas anderm. ‟
Aber ſie redeten nicht. Der Wein blieb unberührt. Das Herz war beiden zu ſchwer. Einmal ſagte Grunthe vor ſich hin: „ Es iſt nicht der Verluſt der politiſchen Macht für unſer Vaterland, der mich am meiſten ſchmerzt, ſo wehe er mir thut. Schließlich müßte es zurückſtehen, wenn es beſſere Mittel gäbe, die Würde der Menſchheit zu verwirklichen. Was mir unmöglich macht, ohne die tiefſte Erregung von dieſen Dingen zu reden, iſt die demütigende Ueberzeugung, daß wir es eigentlich nicht beſſer verdienen. Haben wir es verſtanden, die Würde des Menſchen zu wahren? Haben nicht ſeit mehr als einem Menſchenalter alle Berufsklaſſen ihre politiſche Macht nur gebraucht, um ſich wirtſchaftliche Vorteile auf Koſten der andern zu verſchaffen? Haben wir gelernt, auf den eigenen Vorteil zu verzichten, wenn es die Gerechtigkeit ver - langte? Haben die führenden Kreiſe ſittlichen Ernſt gezeigt, wenn es galt, das Geſetz auch ihrer Tradition entgegen durchzuführen? Haben ſie ihre Ehre geſucht in der abſoluten Achtung des Geſetzes ſtatt in äußer - lichen Formen? Haben wir unſern Gott im Herzen verehrt, ſtatt in Dogmen und konventionellen Kulten? Haben wir das Grundgeſetz aller Sittlichkeit gewahrt, daß der Menſch Selbſtzweck iſt und nicht bloß als Mittel gebraucht werden darf? O, das iſt es ja eben, daß die Nume in allem vollſtändig Recht haben, was ſie lehren und an uns verachten, und daß wir doch als Menſchen es nicht von ihnen annehmen dürfen,275Torms Flucht.weil wir nur frei werden können aus eigner Arbeit. Und ſo iſt es unſer tragiſches Schickſal, daß wir uns auflehnen müſſen gegen das Gute! Und es iſt das tragiſche Geſchick der Nume, daß ſie um des Guten willen ſchlecht werden müſſen! ‟
Er ſtand auf und trat an das Fenſter.
„ Es ſcheint ſich aufzuklären. Vielleicht kann ich noch eine Beobachtung machen. Wollen Sie mit - kommen? Jch zeige Jhnen dabei Jhr Zimmer. ‟
Torm ergriff die Broſchüren und folgte ihm.
Torm ging unruhig in ſeinem Zimmer auf und ab.
Seine Liebe zu Jsma, das alte, feſte Vertrauen, das ſich wieder hervordrängte, die Mitteilungen Grunthes über Ells freundſchaftliches Verhalten, das alles kämpfte in ſeinem Jnnern mit dem feindlichen Argwohn, in den er ſich in der Einſamkeit ſeiner Verbannung immer feſter hineingelebt hatte. Die ſtets erneute Verzögerung der Heimkehr Jsmas und das gleichzeitige Zurückbleiben Ells, wofür er keinen Grund einzuſehen vermochte, hatten allmählich in ihm den Verdacht er - weckt, daß es Ell doch nicht ehrlich mit ihm meine. Von nun ab glaubte er überall die Hand Ells im Spiele zu ſehen. Die Verhinderung ſeiner Heimreiſe vom Pol ſchob er ebenfalls auf einen Einfluß Ells. Wer konnte wiſſen, welche Lichtdepeſchen zwiſchen den Planeten, zwiſchen Neffe und Oheim, gewechſelt wurden? Zu ſeiner verzweifelten Flucht hatte er ſich in einem277Das Unglück des Vaterlands.Momente der Erregung entſchloſſen, der noch einen andern Grund hatte, als er Grunthe gegenüber aus - ſprechen wollte. Bei ſeinen Disputen mit den Martiern am Pol hatte er aus der hingeworfenen Bemerkung eines der martiſchen Offiziere entnommen, daß man nach den Geſetzen der Nume ihm überhaupt keinerlei Recht zu erkannte, die Rückkehr ſeiner Frau zu ver - langen. Die formale Giltigkeit ſeiner Ehe war auf dem Mars nicht anerkannt. Niemand hätte es unter den vorliegenden Umſtänden Jsma verdacht, wenn ſie ſich als frei erklärt hätte. Dies hatte Torm in die höchſte Aufregung verſetzt, und ein nagendes Gefühl der Eiferſucht hatte ihm einen Teil ſeiner ruhigen Beſinnung geraubt.
Jetzt freilich mußte ihm Jsma in anderm Lichte erſcheinen. Hatte er denn irgend einen beſtimmten Vorwurf gegen ſie zu erheben? Sie war ja zurück - gekehrt, und ſie hatte ſich damit offenbar zu ihm be - kannt. Sollte er nun zu Ell rückſichtslos vordringen und ſich vielleicht rettungslos der Gewalt der Martier ausliefern? War Ell unſchuldig, ſo war dieſes Opfer ganz unnötig gebracht. War Ell aber ſchlecht, ſo gab er ſich in ſeine Hand. Als er ſeinen Entſchluß ge - faßt hatte, zuerſt zu Ell zu gehen, wußte er ja noch nicht, daß ſich dieſer in einer ſo unerreichbaren Macht - ſtellung befand. So ſchien es ihm jetzt doch als das Richtige, ſich mit Jsma in Verbindung zu ſetzen.
Aber wie konnte das ohne Gefahr geſchehen? Und vor ſeinem Geiſte ſtieg die furchtbare Anklage auf, einen Nume bei der Ausübung ſeiner Pflicht verletzt,278Fünfundvierzigſtes Kapitel.vielleicht getötet zu haben — — Was ihm das Mittel werden ſollte, Jsma wieder zu gewinnen, die rück - ſichtsloſe Flucht, nun erſchien es ihm als ein ver - hängnisvolles Schickſal, das ihn für immer von ihr trennen ſollte. Unter dem Druck der ſchweren An - klage, die auf ihm laſtete, durfte er vor ihre Augen treten? Was ſollte er thun? Mechaniſch griff er nach einer der Broſchüren, an die er nicht mehr ge - dacht hatte. Sein Auge fiel auf die Überſchrift: „ Das Unglück vom 30. Mai. ‟ Er begann zu leſen. Und der Schmerz um das Vaterland drängte die eigene Sorge zurück.
„ Jhr ſollt es einſt wiſſen, Kinder und Enkel ‟, ſo hieß es, „ was uns geſchehen iſt, damit ihr weinen könnt und zürnen wie wir. Darum ſchreiben wir das Traurige auf, obwohl die Hand unwillig ſich ſträubt.
Es war der Tag der großen Parade, an dem der oberſte Kriegsherr ſein herrliches Heer muſterte, das um die Hauptſtadt zuſammengezogen war. Von der zahlloſen, begeiſterten Menge der Zuſchauer umgeben waren die glänzenden Regimenter vorübermarſchiert an der „ einſamen Pappel ‟. So hieß die Stelle nach einem Baum, der ſich einſtmals hier befunden hatte, wo der Monarch, umringt von der Mehrzahl der deutſchen Fürſten und ſeinen Generalen die Heerſchau hielt. Nun hatten ſich die Truppen weiter aus - einandergezogen und die Gewehre zuſammengeſtellt, während der Kriegsherr den Führern ſeine An - erkennung ausſprach.
279Das Unglück des Vaterlands.Und da geſchah es.
Vor der Hauptſtadt des Reiches, an deſſen Grenzen man nirgends die Spur eines Feindes hatte beobachten können.
Jm Augenblick der größten Machtentfaltung des ſtärkſten Landheeres.
Wie ein Schwarm von Raubvögeln ſchoß es vom Himmel hernieder, geräuſchlos, glänzende, glatte Un - getüme. Und im Moment, da man ſie bemerkte, waren ſie auch ſchon da und hatten die Schar der Anführer umringt.
„ Zu den Truppen! ‟ hieß es.
Die Kommandierenden ſtoben auseinander.
„ Zurück! Ergebt euch! Der Weg iſt geſperrt! ‟ tönte es ihnen aus den feindlichen Luftſchiffen entgegen.
Die Offiziere kümmerten ſich nicht darum, ſie ſprengten weiter. Aber nicht lange. Keiner paſſierte den Kreis, den die Schiffe abſperrten. Von einer unſichtbaren Macht zurückgeworfen, ſtürzten Roß und Reiter zuſammen. Enger ſchloß ſich der Ring der Schiffe, die nur wenige Meter über dem Boden ſchwebten, um die Fürſten und ihre Begleitung, ſo daß die geſtürzten Offiziere jetzt außerhalb des ge - ſperrten Kreiſes lagen.
Die Truppen, ſoweit ſie nahe genug waren, um den Vorgang zu beobachten, waren ſofort unter das Gewehr getreten. Als die Bataillonsführer bemerkten, daß ihre Kommandierenden nicht zu ihnen gelangen konnten, als ſie ſahen, daß die plötzlich erſchienenen Schiffe einen feindlichen Angriff bedeuteten, dem der280Fünfundvierzigſtes Kapitel.oberſte Kriegsherr ſelbſt mit allen Fürſten und Gene - ralen ausgeliefert war, da bebte ihnen wohl das Herz in der Bruſt unter der Verantwortung, die ſie auf ſich gelegt fühlten. Aber nun bewährte ſich der Geiſt unſeres Heeres in erhebender Weiſe. Nicht ein Augen - blick der Verwirrung, nicht ein Moment des Schreckens trat ein. Die Truppen einer andern Nation, falls ſie ſich nicht in zuchtloſe Flucht aufgelöſt hätten, wären vielleicht in wahnſinnigem Todesmut zur Befreiung ihres Feldherrn vorgeſtürzt, um in den Repulſitſtrahlen und Nihilitſphären der Marsſchiffe ihren Untergang zu finden, ohne daß ſie auch das Geringſte hätten ausrichten können. Die deutſchen Offiziere indeſſen verloren ihre Jnſtruktion auch in dieſem ſchrecklichen Moment nicht aus den Augen. Nach den Erfahrungen, die man in England gemacht hatte, war es von der deutſchen Heeresleitung als erſter Grundſatz ausge - ſprochen worden, unter keinen Umſtänden Munition und Menſchenleben gegen ein mit Nihilitſphäre ver - ſehenes Marsſchiff zu verſchwenden, da man wußte, daß dies ein völlig fruchtloſes Beginnen ſei. Die Truppen waren überhaupt nicht zuſammengezogen worden, um ſich irgendwo in offenem Kampfe mit den Martiern zu verſuchen. Man hatte vielmehr ein ganz anderes Syſtem der Verteidigung aufgeſtellt, und von dieſem auch im Moment der äußerſten Über - raſchung nicht abzuweichen, das war die höchſte Auf - gabe, welche die Disziplin zu leiſten hatte.
Man ſagte ſich, daß den Machtmitteln der Martier gegenüber eine Armee im freien Felde wie in den281Das Unglück des Vaterlands.Forts der Feſtungen ohnmächtig und dem Untergange geweiht war, daß aber ihrerſeits die Martier machtlos ſein würden, wenn ſie verhindert würden, ſich der Organe der Regierung zu bemächtigen. Man hatte deswegen die Truppen lediglich zum Schutze der Haupt - ſtädte als der Zentralpunkte der Staatsverwaltung zuſammengezogen. Hier ſollten ſie verhindern, daß die öffentlichen Gebäude von den Martiern beſetzt und in Beſchlag genommen würden. Man nahm mit Recht an, daß in den Städten, mitten zwiſchen den Häuſern der friedlichen Bürger, die Martier von ge - waltſamen Zerſtörungen abſehen würden; daß ſie, wenn ſie einen Einfluß auf die Regierung gewinnen wollten, gezwungen ſein würden, ihre ſchützenden Schiffe zu verlaſſen und den feſten Boden zu betreten. Und hier ſollte dann die ſtarke militäriſche Beſatzung es unmöglich machen, daß die Kaſſen, die Büreaux, die Archive und die leitenden Amtsperſonen ſelbſt in feind - liche Gewalt gerieten. Deswegen hatte jedes einzelne Bataillon bereits ſeine beſtimmte Jnſtruktion, wohin es ſich beim erſten Erſcheinen der Feinde ſofort zu begeben habe. Dies allein war auszuführen.
Die große Parade war zum Verderben ausge - ſchlagen. Aber in Erinnerung an hergebrachte und liebgewordene Gewohnheiten hatte der oberſte Kriegs - herr geglaubt, dieſelbe ohne Gefahr anordnen zu können, weil trotz des ſorgfältigſten Nachrichtendienſtes noch keinerlei Spur einer feindlichen Annäherung gefunden worden war.
Nun war der Feind dennoch da. Jeder ſah ein,282Fünfundvierzigſtes Kapitel.daß man nichts thun konnte, als der urſprünglichen Anordnung zu folgen. Auf die feindlichen Luftſchiffe ſchießen oder gegen ſie anſtürmen wäre Unſinn geweſen. Das ganze große Feld war noch von Zuſchauern über - flutet, die ſich jetzt in eiliger Flucht nach der Stadt zurückwälzten. Auf den Chauſſeen drängten ſich die Wagen, darunter die Equipagen, welche die fürſtlichen Gemahlinnen und Prinzeſſinnen vom Paradefelde fort - führten. So thaten die Truppen ihre einfache Pflicht. Sie marſchierten, ſo ſchnell ſie konnten, auf den im voraus feſtgeſetzten Wegen nach ihren Beſtimmungs - orten. Nur das erſte Gardegrenadierregiment und das Gardeküraſſierregiment blieben zur perſönlichen Be - deckung des Kriegsherrn zurück.
Der Monarch blickte mit finſterem Ernſt auf ſeine Umgebung, auf die feindlichen Schiffe und die betäubt oder tot am Boden liegenden Offiziere, um welche jetzt Ärzte und Krankenträger bemüht waren. Dann riß er den Degen aus der Scheide und rief:
„ Meine Herren! hier giebt es nur einen Weg — hindurch! ‟
Er ſpornte ſein Pferd an. Seine Begleitung warf ſich ihm entgegen und beſchwor ihn, ſich dem ſichern Verderben nicht auszuſetzen. Er wollte nicht hören.
„ Nun denn ‟, rief da der greiſe General von Dollig, „ zuerſt wir! ‟
Und einen Teil der Offiziere mit ſich fortreißend, jagte er im Galopp gegen die unſichtbare Schranke, die ſich nur durch eine Staubſchicht über dem Boden verriet.
283Das Unglück des Vaterlands.Sobald man bei den außerhalb des Ringes der Marsſchiffe haltenden Schwadronen der Gardeküraſſiere die Bewegung in der Begleitung des Feldherrn wahr - genommen hatte, ließen ſie ſich nicht länger zurück - halten. Unter brauſendem Hurrahrufe ſprengten die glänzenden Reitermaſſen heran, um ihren Feldherrn aufzunehmen oder mit ihm unterzugehen. Es war ein furchtbarer Moment. Starres Entſetzen faßte alle, die den Vorgang zu bemerken vermochten. Und als ob die Kühnheit des Entſchluſſes den übermächtigen Feind bezwänge, ſo kam jetzt neue Bewegung in ſeine Schiffe. Sie erhoben ſich, als wollten ſie den Weg freigeben. Gleichzeitig aber ſenkte es ſich von oben herab wie eine dunkle, langgeſtreckte Maſſe, die eben erſt auf dem Felde erſchien. Wie ein breites, ſchwebendes Band, von den Luftſchiffen begleitet, dehnte ſich dieſe Maſſe jetzt in den kurzen Sekunden aus, welche die heranſtürmende Kavallerie zur Annäherung brauchte. Und nun kam die erſte Reihe der Reiter in das Bereich ihrer Wirkung, und gleich darauf zog die ſeltſame Maſchine über das ganze Regiment hinweg.
Die Wirkung war ſo ungeheuerlich, daß die Schar der anſprengenden Fürſten und Generale ſtockte und ein Schrei des Entſetzens vom weiten Felde her her - überhallte. Kein einziges Pferd mehr ſtand aufrecht, Roß und Reiter wälzten ſich in einem weiten, wirren Knäuel, eine Wolke von Lanzen, Säbeln, Karabinern erfüllte die Luft, flog donnernd gegen die Maſchine in der Höhe und blieb dort haften. Die Maſchine glitt eine Strecke weiter und ließ dann ihre eiſerne284Fünfundvierzigſtes Kapitel.Ernte herabſtürzen, wo die Waffen von den Nihilit - ſtrömen der Luftſchiffe vernichtet wurden. Noch zwei - mal kehrte die Maſchine zurück und mähte gleichſam das Waffenfeld ab. Keine Hand vermochte Säbel oder Lanze feſtzuhalten, und wo die Befeſtigung an Roß und Reiter nicht nachgab, wurden beide eine Strecke fortgeſchleift. Die Hufeiſen wurden in die Höhe geriſſen, und dadurch waren ſämtliche Pferde zum Sturz gebracht worden. Jene Maſchine war die neue, gewaltige Erfindung der Martier, eine Ent - waffnungsmaſchine von unwiderſtehlicher Kraft für jedes eiſerne Gerät — ein elektriſches Feld von koloſſaler Stärke und weiter Ausdehnung. Mit Hilfe dieſes in der Luft ſchwebenden Magneten entriſſen die Martier ihren Gegner die Waffen, ohne ſie in anderer Weiſe zu be - ſchädigen, als es durch das Umreißen unvermeidlich war.
Während die Kavallerie aus ihrer Verwirrung ſich aufzuraffen verſuchte, war der Luftmagnet ſchon weiter gezogen und hatte ſich der Jnfanterie genähert. Ver - geblich umklammerten die Soldaten mit beiden Händen ihre Gewehre, eine unwiderſtehliche Gewalt zerrte ſie in die Höhe, und mancher, der nicht nachgeben wollte, wurde ein Stück in die Luft geſchleudert, um dann ſchwer zu Boden zu ſtürzen. Jn wenigen Minuten war das 1. Garderegiment entwaffnet. Die Maſchine flog weiter, um die auf dem Marſch befindlichen Regi - menter einzuholen und dasſelbe Manöver an ihnen vorzunehmen. Binnen kurzem mußte ſo ſelbſt die ſtärkſte Armee kampfunfähig gemacht ſein. Auch die Geſchütze der Artillerie wurden fortgeriſſen.
285Das Unglück des Vaterlands.Während der Monarch und ſeine Begleitung in tiefer Erſchütterung auf das Unfaßliche ſtarrten, ſenkte ſich aus der Höhe dicht vor ihnen ein ſchlankes Schiff hernieder, das ein leuchtender Stern als das Admirals - ſchiff bezeichnete. Demſelben entſtieg, während die übrigen die Abſperrung aufrecht erhielten, der Befehls - haber der Martier. Zwei Adjutanten begleiteten ihn. Über ihren Köpfen glänzten die diabariſchen Helme. So traten ſie langſam einige Schritte vor, die großen Augen ſcharf auf die Offiziere gerichtet. Unwillkürlich wichen alle zur Seite, eine Gaſſe öffnete ſich, und der Nume ſtand dem Monarchen gegenüber.
Der Martier grüßte mit einer ehrfurchtsvollen Handbewegung und ſagte:
„ Mein Auftraggeber, der Protektor der Erde, ladet Ew. Majeſtät und Jhre hohen Verbündeten zu einer Beſprechung ein und bittet, zu dieſem Zwecke dieſes Schiff allergnädigſt beſteigen zu wollen. Jch bemerke, daß es unmöglich iſt, dieſen von unſerer Repulſit - zone umgebenen Platz auf andere Weiſe zu ver - laſſen. ‟
Niemand wagte ſich zu bewegen. Lange blickte der Fürſt mit ſtrenger Miene in das Auge des Numen, der den Blick ruhig erwiderte; keiner zuckte mit einer Wimper. Dann ſteckte der Monarch mit einer ent - ſchloſſenen Bewegung den Degen in die Scheide und ſprach nachdrücklich:
„ Sie haben einen General gefangen genommen, nichts weiter. Seine Majeſtät, mein Herr Sohn, be - findet ſich nicht unter uns. ‟
286Fünfundvierzigſtes Kapitel.„ Ew. Majeſtät werden ihn im Schiffe finden ‟, ſagte der Nume mit einer Verbeugung.
Der Feldherr ſchwang ſich vom Pferde. Hoch auf - gerichtet, die Hand auf dem Griff des Degens, ſtieg er die herabgelaſſene Schiffstreppe hinan.
Das Luftſchiff, das bereits vor einer Stunde die Kommandierenden der Armeekorps in Königsberg, Breslau und Poſen aufgehoben hatte, entfernte ſich nach Weſten — — ‟
Torm ließ die Blätter aus ſeiner Hand ſinken.
Das alſo war das Unglück vom dreißigſten Mai!
Er nahm die Broſchüre wieder auf, er blätterte weiter, er blickte auch in die übrigen Hefte.
An demſelben Tage waren die Feſtungswerke von Spandau durch die Martier zerſtört, die Kriegsvorräte unbrauchbar gemacht worden. Man hatte die Fürſten nach Berlin geführt, die ganze Stadt wurde jetzt cerniert. Wo ſich Truppen im Freien zeigten, er - ſchienen alsbald die Elektromagnete der Martier und entriſſen ihnen die Waffen. Nach drei Tagen waren alle größeren Waffenplätze außer Funktion geſetzt.
Jetzt liefen die Nachrichten aus Wien, Paris, Rom ein. Die Martier waren überall in ähnlicher Weiſe vorgegangen. Zuerſt hatten ſie ſich der Perſonen der Fürſten, Präſidenten und Miniſter bemächtigt. Man hatte den Kaiſer von Oeſterreich auf der Jagd, den König von Jtalien während eines großen Empfanges aufgehoben, der Präſident der franzöſiſchen Republik ſpielte gerade mit dem Kriegsminiſter eine Partie Billard, als er in das Luftſchiff der Martier eingeladen287Das Unglück des Vaterlands.wurde. Die Kammer wurde im Palais Bourbon ein - geſchloſſen, bis der Friedensvertrag unterzeichnet war. Die gefangenen Fürſten dankten zu gunſten ihrer Thronerben ab, und die jungen Nachfolger konnten zuletzt nichts anderes thun, als in die Friedens - bedingungen der Martier willigen, da ihre Armeen machtlos waren und ein längerer Widerſtand nur zu einer Auflöſung der ſtaatlichen Ordnung geführt hätte.
Rußland allein war vorläufig von einem Angriffe der Martier verſchont geblieben. Die Gründe dafür wußte man nicht, doch nahm man allgemein an, daß die Martier nur eine günſtige Gelegenheit abwarteten, bis ihnen die Zuſtände in den weſtlichen Staaten mehr freie Hand ließen. Das Protektorat über die Erde blieb erklärt, war aber zunächſt nur für die weſtlichen Staaten Europas durchgeführt. Hier waltete in jeder Hauptſtadt ein Reſident der Marsſtaaten und ein Kultor ſeines Amtes. Zwar war die Freiheit der Verwaltung im Jnnern garantiert, doch thatſächlich war auch in Bezug auf Geſetzgebung und Regierungs - maßregeln der Wille der Marsſtaaten im letzten Grunde Ausſchlag gebend. Die allgemeine Entwaff - nung bis auf eine Präſenzſtärke von ein halb pro Mille der Bevölkerung war eine der Friedensbeding - ungen geweſen. Trotz alles Sträubens mußten die Fürſten ſie annehmen, da es thatſächlich unmöglich geweſen wäre, den techniſchen Machtmitteln der Martier gegenüber ohne ihren Willen eine Truppe auszubilden.
Eine Reihe von Vorteilen in volkswirtſchaftlicher288Fünfundvierzigſtes Kapitel.Beziehung wurde nun angebahnt. Produkte des Mars wurden eingeführt, neue Betriebsformen von Fabriken, vor allem die Herſtellung künſtlicher Nahrungsmittel. Die Landwirte wurden vorläufig damit beruhigt, daß ihnen aus den Fonds der Marsſtaaten große unver - zinsliche Darlehen gegeben wurden, um die Koſten der Umwandlung des Fruchtbetriebs in Maſchinenbetrieb durch Sonnenſtrahlung zu beſtreiten. Jngenieure der Martier leiteten die Einrichtung der Strahlungsfelder, zu denen vorläufig nur unfruchtbarer Boden benutzt wurde. Alles dies aber waren bloß vorbereitende Schritte, die eigentlich mehr erziehen als wirtſchaftlich nützen ſollten. Die Ausbeutung der Sonnenenergie ſuchten die Martier auf den großen Wüſten und Steppen Aſiens, Afrikas und Nordamerikas. Sie hatten deshalb mit Rußland und den Vereinigten Staaten neue Ver - handlungen angeknüpft.
Jnzwiſchen erſtrebten ſie in Europa rein ideale Ziele. Kriegskoſtenentſchädigung verlangte man nicht, die großen Summen, die für das Militär erſpart wurden, kamen den Fortbildungsſchulen zu gute. Die Martier wollten die Menſchheit für ihre höhere Auf - faſſung der Kultur und Sittlichkeit erziehen, und dem ſollte die Einſetzung der Kultoren, die Einrichtung obligatoriſcher Fortbildungsſchulen dienen.
Torm war zu abgeſpannt, um weiter zu leſen. Er legte die Papiere beiſeite. Ein einzelnes Blatt ſchob ſich vor. Er ſah alsbald, daß es ein Flugblatt ſei, zu irgend einem beſtimmten Zwecke verbreitet, und ſein Blick richtete ſich nur noch einmal darauf, weil289Das Unglück des Vaterlands.er mit fetten Lettern die Worte gedruckt ſah: „ Glaubt nicht an ihren Edelmut ‟, „ Die Mörder von Podgoritza ‟, „ Aber auch ſie ſind ſterblich ‟. Er las das Blatt jetzt durch, einmal, zweimal. Es handelte von der ſo - genannten „ Beſtrafung ‟ von Podgoritza in Monte - negro. Dieſe Stadt war thatſächlich von den Martiern dem Erdboden gleich gemacht worden. Allerdings hatte man den Einwohnern Zeit gelaſſen, ſie zu räumen, aber nicht alle hatten gehorcht; da waren die Nume zum erſten Male auf der Erde ſchonungslos vor - gegangen und hatten ohne Rückſicht auf Menſchen - leben ihre Drohung ausgeführt. Es waren wohl einige hundert Perſonen dabei umgekommen, wütende Männer, die ſich den Luftſchiffen entgegengeworfen hatten. Aber warum war dieſes ungewöhnliche Straf - gericht ergangen? Es war kurz nach der Unterwerfung der weſteuropäiſchen Staaten geweſen, als ein großes Luftſchiff der Martier, das von einer wiſſenſchaftlichen Expedition zurückkam und zum Zweck einer kleinen Ausbeſſerung in der Nähe von Podgoritza anlegte, in der Nacht unvermutet von bewaffneten Bewohnern der Stadt und Umgegend überfallen worden war. Die Martier waren überraſcht und bis auf den letzten Mann, zum großen Teil im Schlafe, niedergemacht worden. Es war der einzige Verluſt, den die Nume bisher auf der Erde erlitten hatten, und die Empörung in den Marsſtaaten war ungeheuer. Man war nahe daran, die ganze Menſchheit für die Blutthat un - ziviliſierter Albaneſen verantwortlich zu machen. Etwas derartiges war den Martiern bisher undenkbarLaßwitz, Auf zwei Planeten. 46290Fünfundvierzigſtes Kapitel.geweſen; und ſo wurde beſtimmt, daß die Strafe aus - nahmsweiſe nach menſchlicher Art, d. h. durch Ver - nichtung des Gegners, vollzogen werde, weil man glaubte, ſonſt bei der barbariſchen Bevölkerung keinen Eindruck zu erzielen. Dieſe Handlungsweiſe der Martier wurde nun in Europa ausgebeutet, um ſie in üblem Lichte darzuſtellen.
Aber warum machte die That auf Torm einen ſo tiefen Eindruck? Jmmer und immer wieder beſchäftigte ihn die Frage, welches Schiff es wohl geweſen ſei, von dem kein Lebender zu den Martiern zurückkehrte. Und eine Vermutung ſtieg in ihm auf, an die er kaum zu glauben wagte.
[291]Anmöglich, Herr Kultor, unmöglich ‟, ſagte der Juſtizminiſter Kreuther, indem er ſeine hohe Stirn mit dem Taſchentuche tupfte. „ Jn dieſer Form, welche der Reichstag dem Geſetzentwurf zum Schutz der individuellen Freiheit gegeben hat, iſt er für uns unannehmbar. Sie müſſen das ſelbſt zugeben. Es würden die Paragraphen 95 bis 101 des Strafgeſetz - buches hinfällig werden. ‟
„ Und was ſchadet dies? ‟ fragte der Kultor kühl. Er lehnte ſich bequem in ſeinen Stuhl zurück und ließ ſeine großen Augen ruhig von einem der beiden ihm gegenüberſitzenden Herrn zum andern wandern.
Der Juſtizminiſter blickte ihn faſſungslos an. Sein Begleiter, der Miniſter des Jnnern, von Huhn - ſchlott, richtete ſich gerade auf und zerrte an ſeinem grauen Backenbart.
„ Was das ſchadet? ‟ ſagte er mit mühſam zurück - gehaltener Empörung. „ Das heißt, die Majeſtät ſchutz -46*292Sechsundvierzigſtes Kapitel.los machen, das heißt, jeder pöbelhaften Gemeinheit einen Freibrief ausſtellen, das heißt, unſre heiligſten, angeſtammten Gefühle angreifen und die Autorität untergraben. ‟
„ Sie irren, Excellenz ‟, antwortete der Kultor mit einem überlegenen Lächeln. „ Es heißt nur, die Wahr - heit feſtlegen, daß die Majeſtät ebenſowenig durch Äußerungen anderer beleidigt werden kann, wie die Vernunft überhaupt, daß die ſittliche Perſönlichkeit dadurch nicht berührt wird. Die Verleumdung bleibt ſtrafbar wie jede Schädigung, und die Autorität iſt genügend geſchützt durch die Unverletzlichkeit der Perſon der Fürſten. Wir können es aber als keine Schädig - ung der Perſon erachten, wenn jemand ohne ſeine Schuld lediglich beſchimpft wird. Das iſt eben die Grundanſchauung, die wir durchführen wollen, daß es keine ſolche Beleidigung giebt, daß die Jnjurie nicht denjenigen verächtlich macht und in der öffentlichen Meinung herabſetzt, den ſie treffen ſoll, ſondern den - jenigen, der ſie ausſpricht. Wir erſtreben mit dieſem Geſetze, einen Teil unſres allgemeinen Erziehungs - planes durchzuführen. Die Menſchen ſollen lernen, ihre Ehre allein zu finden in dem Bewußtſein ihres reinen ſittlichen Willens, und ſie ſollen verachten lernen den äußern Schein, der dem Schlechten ebenſo zu gute kommt wie dem Ehrenmann. Wir wollen die Erziehung zur innern Wahrheit, indem wir den Schutz des Geſetzes dem entziehen, was dazu verleitet, die Ehre im Urteil oder Vorurteil der Menge zu ſehen. Alle unſre Maß - regeln, die volkswirtſchaftlichen wie die ethiſchen, haben293Der Kultor der Deutſchen.nur das eine Ziel, den Menſchen das höchſte aller Güter zu verſchaffen, die innere Freiheit. ‟
Der Juſtizminiſter ſchüttelte mit dem Kopfe. „ Das iſt ein kindlicher Jdealismus ‟, dachte er, aber er wußte nicht gleich, wie er dies, was er für beleidigend hielt, höflich ausdrücken ſolle.
„ Herr Kultor ‟, ſagte v. Huhnſchlott, „ das bedeutet eine gänzlich von der unſrigen abweichende Weltan - ſchauung, das kann nur die Umſturzideen fördern. Wir bitten Sie inſtändig — ‟
„ Das iſt keine neue Weltanſchauung ‟, unterbrach ihn der Kultor ſtreng, „ es iſt nur der Kern der Religion, zu deren äußeren Formen Sie ſich ſo eifrig bekennen. Es iſt die innere Freiheit im Sinne des Chriſtentums, nur daß ſein Begründer, im Zuſammenſturze der antiken Welt, machtlos im römiſchen Weltreich, ſie allein finden konnte in der Verachtung und Flucht der Welt, und daß ſeine angeblichen Nachfolger ſie bloß verſtanden als den Verzicht des Armſeligen zu gunſten des Mächtigen. Wir aber ſind die Herren der Natur und der Welt, und wollen nun nicht vergeſſen der Pflicht, für jeden dieſe innere Freiheit zu ermöglichen, ohne daß er zu verzichten braucht auf die Güter dieſes Lebens. Und darum, meine Herren, iſt es ganz ver - geblich, daß Sie ſich weiter bemühen. Sie werden dem Geſetze die Zuſtimmung der Regierung geben. ‟
Der Kultor erhob ſich.
Die Miniſter ſtanden ſogleich auf und ſahen ſich verlegen an.
„ Verzeihen Sie, Herr Kultor ‟, begann der Juſtiz -294Sechsundvierzigſtes Kapitel.miniſter nach einer Pauſe, „ wir haben dieſe Unter - redung als eine private nachgeſucht; ich ſehe, daß ſie leider erfolglos war. Was werden Sie thun, wenn das Geſamtminiſterium Jhnen eine offizielle Vor - ſtellung macht? ‟
„ Jch werde auf der Sanktionierung des Geſetzes beſtehen. ‟
„ Und wenn der Bundesrat dennoch ablehnt? ‟
„ Er wird es nicht. ‟
„ Jch würde eher meine Demiſſion einreichen, als die Annahme empfehlen ‟, ſagte Kreuther mit Haltung.
„ Das Miniſterium iſt darin einig ‟, fügte Huhn - ſchlott hinzu.
„ Das thäte mir leid, meine Herren, aber es würden ſich andre Miniſter finden. ‟
„ Und wenn nicht? ‟ rief Huhnſchlott auffahrend.
„ Dann wird Jhnen der Herr Reſident die Antwort erteilen. Bemühen Sie ſich nur zu ihm, ich weiß, was er Jhnen antworten wird. Hätten Sie ſich der Protektoratserklärung vom 12. Mai vorigen Jahres unterworfen, ſo wäre eine Einmiſchung in innere Angelegenheiten ausgeſchloſſen. So aber wird er ſie auf Artikel 7 des nordpolaren Friedensvertrages vom 21. Juni verweiſen. Die Garantien für den Rechts - beſtand der Verfaſſung ſind aufgehoben, wenn ſich die Regierung weigert, diejenigen Maßregeln zu unter - ſtützen, welche die Marsſtaaten für notwendig zur wirtſchaftlichen, intellektuellen oder ethiſchen Erziehung der Menſchheit hält. ‟
„ Die Entſcheidung des Kultors und des Reſidenten295Der Kultor der Deutſchen.iſt noch nicht maßgebend ‟, erwiderte Huhnſchlott finſter. „ Es ſteht uns der Appell an den Protektor der Erde offen. ‟
„ Appellieren Sie ‟, ſagte der Kultor.
Die Miniſter verbeugten ſich förmlich und verließen das Zimmer. Langſam ſtiegen ſie die breite Treppe hinab. Jn der Vorhalle ſtanden zwei rieſenhafte Beds unter ihren diabariſchen Glockenhelmen Poſten und ſenkten ſalutierend ihre Telelytrevolver. Die Miniſter grüßten mechaniſch und ſtiegen in den vor der Thür haltenden elektriſchen Wagen. Er rollte aus der be - deckten Auffahrt auf den regennaſſen Asphalt der breiten Straße. Huhnſchlott warf einen Blick rückwärts auf das flache Dach des Gebäudes, wo die glatten Rücken dreier Marsſchiffe durch den grauen Schleier des herabrieſelnden Regens glänzten und ihre Repulſitrohre nach drei Richtungen drohend der Hauptſtadt entgegen - ſtreckten. Kreuther war dem Blicke gefolgt und ſeufzte tief.
„ Zum Kanzlerpalais ‟, rief Huhnſchlott dem Wagen - führer zu und murmelte einen Fluch zwiſchen den Zähnen.
Der Kultor war an eines der hohen Fenſter des Gemaches getreten und blickte hinüber auf den Verkehr der Straße. Seine Stirn zog ſich finſter zuſammen. Das thut’s freilich nicht, ſo gingen ſeine Gedanken, aber die Gängelbänder müſſen fort, wenn die Kinder allein und aufrecht zu gehen lernen ſollen. Und dieſe Huhnſchlotts ſind die gefährlichſten Feinde der Selbſt - zucht; doch ihre Macht iſt gebrochen. Sie werden nicht wagen ſich zu widerſetzen.
Jn ſeinen Augen leuchtete es triumphierend auf. 296Sechsundvierzigſtes Kapitel.Es muß gelingen! Er wandte ſich nach ſeinem Arbeits - zimmer.
„ Die Berichte der Herren Jnſtruktoren! ‟ ſprach er ins Telephon.
Der Aufzug beförderte ein dickes Aktenbündel her - auf. Er begann darin zu blättern und ſich Notizen zu machen. Sein Auge verfinſterte ſich wieder. Die Beſtrafungen wegen Verſäumnis der Fortbildungs - ſchulen vermehrten ſich von Monat zu Monat. Auf dem Lande hatte man jetzt während der Erntezeit die Einrichtung überhaupt pauſieren laſſen müſſen. Und wie oft waren die Lehrpläne falſch aufgeſtellt! Nicht wenige Jnſtruktoren ließen Dinge lehren, zu denen die Vorkenntniſſe fehlten. Aber es fanden ſich doch auch erfreuliche Erfolge. Jn manchen Landesteilen, beſonders bei der induſtriellen Bevölkerung, drängte man ſich nach den Bildungsſtätten. Merkwürdiger - weiſe zeigte ſich auch in Süddeutſchland, ſogar in Tirol, ein Fortſchritt in der Popularität der Schulen. Hier ſtand den Beſtrebungen der Nume die feſte Organi - ſation der kirchlichen Macht feindlich gegenüber; es ſchien zuerſt, als würde es unmöglich ſein, gegen den Fanatismus der von der Geiſtlichkeit gelenkten Be - völkerung aufzukommen. Aber gerade in dieſen Gegenden wurde der Beſuch, trotz der lokalen Schwierigkeiten in den Gebirgen, immer lebhafter, es gründeten ſich ſelb - ſtändige Vereine, zahlreich wurden Lehrer verlangt.
Der Kultor ſann lange über die Urſache dieſer Erſcheinung nach. War es die natürliche Oppoſition gegen die Macht, die bisher das Nachdenken gefliſſent -297Der Kultor der Deutſchen.lich vom Volke ferngehalten hatte? Brauchte man dem menſchlichen Geiſte nur die Freiheit und die Ge - legenheit des Denkens zu geben, um ſicher zu ſein, daß er ſeinen Aufflug gewinnen werde? Oder waren die Jnſtruktoren hier geſchickter? Der Kultor las einige der Einzelberichte und er ſah mit Vergnügen, wie gut es die Sendboten der Numenheit verſtanden hatten, ſich vollſtändig nach den kirchlichen Gewohnheiten der Bevölkerung zu richten. Nirgends ſuchten ſie Zweifel zu erwecken, nirgends gegen die traditionelle Form zu verſtoßen. Sie beſchränkten ſich zunächſt auf rein praktiſche Kenntniſſe, deren Wirkung ſich ſofort in der Hebung des wirtſchaftlichen Lebens zeigte. So ge - wannen ſie Vertrauen. Der Weg iſt lang, dachte der Kultor, aber er iſt der einzig mögliche.
Der Kultor blickte auf ſeine Notizen und ſprach eifrig in den vom Mars eingeführten Phonographen, der ihm zum Feſthalten ſeiner Gedanken diente. Er entwarf eine Erläuterung zur Jnſtruktion der einzelnen Bezirkskultoren. Die ſüddeutſchen Erfolge ſollten zum Vorbild genommen werden. Als er einiges aus der Statiſtik anführen wollte, ſtutzte er bei einer Zahl, die von den übrigen auffallend abwich. Wie kam es, daß in dem Bezirke von Bozen die Reſultate ſo un - günſtig waren? Er ſuchte in den Akten den Bericht des Jnſtruktors. Es war die erſte Arbeit eines neu hingekommenen Beamten. Die Jnſtruktoren mußten ſehr häufig wechſeln, das war ein großer Übelſtand; ſie vertrugen das Erdklima nicht.
Eben begann der Kultor den Bericht zu leſen, als298Sechsundvierzigſtes Kapitel.ihm gemeldet wurde, daß der Vorſteher des Geſund - heitsamtes von ſeiner Jnſpektionsreiſe zurückgekehrt ſei und anfrage, ob er ihn ſprechen könne.
„ Jch bitte, ſogleich ‟, war die Antwort.
Die Thür öffnete ſich und ein älterer Herr trat ein. Trotz der diabariſchen Glocke, die über ſeinem Haupte ſchwebte, ging er gebückt und mühſam.
Der Kultor ſprang auf und eilte ihm entgegen.
„ Mein lieber, teurer Freund ‟, ſagte er, ſeine Hände faſſend, „ was iſt Jhnen? Sie ſehen ange - griffen aus, ſind Sie nicht wohl? Machen Sie es ſich bequem. Legen Sie den Helm ab und ſetzen Sie ſich hier auf das Sofa unter dem Baldachin, dieſes Eckchen iſt auf Marsſchwere eingerichtet. Jhre Reiſe hat Sie gewiß ſehr angeſtrengt? ‟
„ Es muß meine letzte ſein. Sobald ich meinen offiziellen Bericht abgegeben habe, ſpäteſtens in zwei bis drei Wochen, komme ich um Urlaub ein. Jch hoffe, Sie werden mir keine Schwierigkeiten machen. ‟
„ Sie erſchrecken mich, Hil! Selbſtverſtändlich können Sie reiſen, ſobald Sie wollen, ſollen Sie reiſen, wenn es Jhre Geſundheit erfordert. Aber mir thut es von Herzen leid. Und wie ſollen Sie erſetzt werden? Jn dieſem unausgeſetzten Wechſel der Beamten — wir haben nun ſchon den vierten Reſidenten — waren Sie mir die feſteſte Stütze. Jndeſſen, ich hoffe, es handelt ſich nur um eine vorübergehende Jndispoſition. Das feuchte Wetter — ‟
„ Ja das Wetter! Sehen Sie, Ell, — ich ſpreche im Vertrauen — an dem Wetter wird unſre Kunſt299Der Kultor der Deutſchen.zu ſchanden. Der Winter läßt ſich allenfalls ertragen, aber gegen dieſe feuchte Wärme kommen wir nicht auf. Oft habe ich geglaubt, wenn unſre Beamten ſchon nach wenigen Wochen um Urlaub einkamen, es liege an ihrer Willensſchwäche. Jch habe jetzt auf meiner Reiſe durch die Tiefebene und durch die feuchten Wald - thäler der Gebirge geſehen, daß dieſes Klima für den Numen, der ſich wenigſtens einen Teil des Tages im Freien aufhalten muß, wie es doch auf Reiſen un - vermeidlich iſt, in gefährlichſter Weiſe wirkt. Der Regen, der Regen! Wer dieſe Himmelsplage erfunden hat! Bald prickelt es von allen Seiten in mikro - ſkopiſchen Waſſertröpfchen, bald brauſt es in Sturz - güſſen hernieder, bald fällt es mit jener eintönigen, hypnotiſierenden, tötlichen Langeweile herab wie heute. Die Luft, mit Dampf geſättigt, lähmt die Thätigkeit der Haut und läßt uns erſticken. Jch war manchmal wie verzweifelt. Wir dürfen niemand länger als ein halbes Jahr im Winter oder ein Vierteljahr im Sommer hier laſſen, oder wir bringen Lungen und Herz nicht wieder geſund nach dem Nu. Was nutzen uns die trefflichen antibariſchen Apparate, wenn das infame Waſſer uns im wahren Sinne des Wortes er - ſäuft? Da oben am Pole war das nicht ſo merklich, wir lebten ja auch mehr nach unſrer eignen Weiſe. Aber hier in Deutſchland — Warum mußten Sie ſich auch gerade dieſes Volk zu Jhrem Experimente aus - erſehen? Es giebt doch Gegenden, in denen wir einigermaßen beſſer fortkommen würden, z. B. die großen Steppen im Oſten, und überall wo es trocken iſt — ‟
300Sechsundvierzigſtes Kapitel.„ Aber mein verehrter Hil! Unſre Kulturbeſtrebungen können wir doch nur dort betreiben, wo wir die Be - völkerung am beſten vorbereitet finden, alſo wo die Volksbildung die vorgeſchrittenſte iſt. Deswegen mußte ich Deutſchland wählen, und vornehmlich darum, weil ich es am beſten kenne. Höchſtens an England hätte ich, aus andern Gründen, denken können, aber dort iſt es noch viel feuchter. Und aus allen andern Staaten klagen die Kultoren und Reſidenten ebenſo. Hier liegt ein ganzer Stoß von Urlaubs - und Ent - laſſungsgeſuchen von Leuten, die noch keine drei Monate im Lande ſind. Doch Sie ſetzten ja ſoviele Hoffnung auf das Anthygrin. Hat ſich denn dieſes Heilmittel nicht bewährt? ‟
„ Das Anthygrin iſt in der That ein ausgezeichnetes Spezifikum gegen das Erdfieber, und mit dem Chinin zuſammen hält es uns einige Zeit aufrecht. Aber es wird nicht lange vertragen, andre Organe werden ruiniert. Jch habe es jetzt ſehr ſtark anwenden müſſen, und nun bin ich hauptſächlich deswegen ſo ſchwach, weil ich nichts mehr eſſen kann. ‟
„ Sie ſollten ſich an Menſchenkoſt gewöhnen. Man muß ſich eben nach dem Lande richten. Jm übrigen müſſen wir uns damit abfinden, daß unſre Beamten ſchnell wechſeln. Wir wollen verſuchen, ihnen öfter einen kürzeren Urlaub in günſtigere klimatiſche Ver - hältniſſe, etwa nach Tibet, zu geben. Dort hat ſich ja jetzt eine vollſtändige Marskolonie entwickelt. Und wiſſen Sie, Sie brauchen Jhren Bericht nicht hier abzufaſſen, Sie können das thun, wo Sie ſich wohler301Der Kultor der Deutſchen.fühlen, vielleicht in den Alpen, oder auch weiter fort. Jch ſtelle Jhnen ein Regierungsſchiff zur Ver - fügung. ‟
„ Ja, wenn wir in der Lage wären, jedem ein Luftſchiff mitzugeben — das wäre freilich das beſte Mittel. Zehntauſend Meter in die Höhe, das kuriert beſſer als Anthygrin und alle Mittel. ‟
„ Das können wir freilich uns vorläufig nicht leiſten, aber in einigen Jahren, wenn wir die Energieſtrahlung auf der Erde beſſer ausnutzen können, wird es hoffent - lich möglich ſein. Etwas ließe ſich inzwiſchen ſchon thun. Man könnte einige Schiffe zu einer Höhen - Luftſtation einrichten und ſo doch abwechſelnd den einzelnen Erleichterung ſchaffen. ‟
„ Thun Sie darin bald, was Sie thun können. ‟
„ Jch kann jetzt nicht größere Geldmittel verlangen. Der Etat für dieſes Jahr iſt erſchöpft. Wir haben koloſſale Anlagekoſten gehabt. ‟
„ Ganz gleich, mögen es die Menſchen bezahlen. ‟
Ell ſah den Arzt erſtaunt an.
„ Nun ja ‟, lenkte Hil ein, es klingt etwas roh. Schließlich wird es doch darauf hinauskommen. Doch entſchuldigen Sie meine — meine Ausdrucksweiſe. Jch fühle ſelbſt, daß ich jetzt ſo leicht heftig, nervös gereizt bin. Man lernt ja die Menſchen nicht gerade ſehr hoch ſchätzen — übrigens iſt das die allgemeine Anſicht bei unſern Beamten, daß es ganz gut wäre, lieber Steuern zu erheben als Entſchädigungsgelder zu zahlen. ‟
„ Jch verſtehe Sie gar nicht mehr, lieber Freund. 302Sechsundvierzigſtes Kapitel.Das wäre die Anſicht bei unſern Beamten? Dagegen würde ich mich doch recht ernſtlich erklären. ‟
„ Da es mir einmal ſo — wie man hier redet — herausgefahren iſt, ſo mag es denn auch geſagt ſein ‟, erwiderte Hil, „ obwohl ich erſt in meinem Bericht davon ſprechen wollte, weil ich Jhnen erſt darin die formellen Belege für meine Beobachtungen geben kann. Es iſt allerdings eine Gefahr da, eine moraliſche, die Jhnen in der Auswahl der Beamten ganz beſondere Vorſicht auferlegen wird. Es iſt mir im allgemeinen aufgefallen, daß die Jnſtruktoren nach einigen Monaten nicht mehr die Ruhe und das heitere Gleichmaß der Geſinnung haben, die wir an den Numen gewohnt ſind. Der Umgang mit den Menſchen, wenigſtens in der autokratiſchen Stellung, die ſie einnehmen, wirkt — verzeihen Sie den Ausdruck — gewiſſermaßen ver - rohend, und das äußert ſich zunächſt in der Sprech - weiſe, in einer Geringſchätzung der äſthetiſchen Form, weiterhin in einer Ueberſchätzung der eigenen Be - deutung, ſchließlich in einer ſchon das ethiſch Statt - hafte überſchreitenden Selbſtherrlichkeit. Ja, ich habe leider einzelne Fälle beobachtet, wo man direkt von einer Pſychoſe ſprechen kann, ich möchte ſie geradezu den „ Erdkoller ‟ nennen. ‟
„ Aber ich bitte Sie, da muß ſofort eingeſchritten werden. Darüber werden Sie mir eingehend berichten. ‟
„ Als Arzt, gewiß. Das andere wird Sache der revidierenden Unterkultoren ſein, wenn nicht gar des Reſidenten. Denn es können politiſche Verwicklungen entſtehen. Bis jetzt iſt die Sache noch verhältnis -303Der Kultor der Deutſchen.mäßig harmlos, und ich werde die betreffenden Herren ſchon morgen zur Beurlaubung vorſchlagen. Da komme ich z. B. — ich weiß den Namen nicht aus - wendig — auf eine Kreuzungsſtation, wo ich um - ſteigen muß. Aber der neue Zug kommt nicht und kommt nicht — er hat über eine halbe Stunde Ver - ſpätung. Jch erkundige mich dann bei dem Zugführer und höre: Ja, der Herr Bezirksinſtruktor iſt ein Stück mitgefahren. Jch frage, warum das ſo lange auf - gehalten habe? Der Herr Bezirksinſtruktor habe einen eigenen Wagen verlangt, der mußte erſt geholt werden. Dann könne er aber den Lärm und Dampf der Maſchine nicht vertragen, und ſo mußte man den Wagen erſt an das Ende des Zuges bringen und noch einige leere Wagen dazwiſchen ſchalten. Und endlich mußte man mitten auf der Strecke an einem Dorfe halten, weil es ihm beliebte, dort auszuſteigen. ‟
„ Und ſagten Sie nicht, daß die Bahnbeamten ſolchem unberechtigten Verlangen nicht nachgeben durften? ‟
„ Die zuckten die Achſeln und meinten, was will man thun? Man darf ſich den nicht zum Feinde machen. ‟
„ Die feigen Thoren! Aber der Jnſtruktor muß ſofort von ſeinem Amte ſuspendiert und vor das Dis - ziplinargericht geſtellt werden. Das iſt ja unerhört, wenn ſich dieſe Angaben beſtätigen, ich werde aufs genaueſte unterſuchen laſſen. Wie kann ein Nume ſeine Berechtigungen ſo überſchreiten! ‟
„ Es würde ihm auf dem Nu nie einfallen. Hier304Sechsundvierzigſtes Kapitel.achtet er niemand als ſeinesgleichen. Die Theorie, daß Bate keine Numenheit beſäßen, iſt ja ſehr ver - breitet. ‟
„ Jch werde dafür ſorgen, daß ſich meine Beamten ihrer Pflicht erinnern, die Geſetze dieſes Staates als die ihrigen zu betrachten, ſo lange ſie hier ſind, und ſich keine privaten Vorrechte anzumaßen. Wie ſollen die Menſchen lernen, ſich dem Geſetze zu fügen, wenn Nume ſolche Beiſpiele geben? Jch hätte das nicht geglaubt. Warum aber beſchwert ſich niemand? So - bald die Preſſe über einen derartigen Fall berichtete, würde ich ſofort unterſuchen laſſen. ‟
Hil zuckte mit den Achſeln. „ Die Unterſuchung iſt nicht immer ſehr angenehm. Es iſt ſchwer, alle Einzelheiten zu beweiſen. Uebrigens ſind ſolche Fälle glücklicherweiſe noch vereinzelt. Sollten ſie ſich wiederholen, ſo würde die Preſſe nicht ſchweigen. Das ſehen Sie ja an dem Fall Stuh. ‟
„ Was meinen Sie da? ‟
„ Haben Sie denn die heutigen Mittagblätter nicht geleſen? ‟
„ Es war mir bis jetzt unmöglich. Aber ich würde natürlich nachher — doch was iſt denn geſchehen? Sie meinen doch nicht Stuh in Frankfurt? ‟
„ Die Sache ſpielt in der Nähe von Frankfurt. Der Bezirksinſtruktor iſt vier Stunden im Regen ge - fahren — beachten Sie das — kommt in einen kleinen Ort und iſt ſehr hungrig. Er läßt vor dem Wirts - haus halten. Es iſt Sonntag, alle Zimmer ſind über - füllt, der Wirt hat ſelbſt Taufe im Hauſe. Stuh305Der Kultor der Deutſchen.geht in das Gaſtzimmer und beſtellt ſich Eſſen. Die Bauern rücken auch zuſammen und machen ihm eine Ecke frei. Nun kommt das Eſſen. Stuh ſagt dem Wirt, die Leute möchten jetzt das Zimmer verlaſſen, er wolle eſſen. Der Wirt ſtellt ihm vor, das könne er nicht verlangen, es ſei kein Raum im ganzen Hauſe frei; ſelbſt der Hausflur war beſetzt, und draußen regnete es in Strömen. Da wird Stuh von Hunger und Regen wütend und herrſcht die Leute an, ſie möchten ſich hinausſcheeren, wenn ein Nume eſſe, habe kein Bat zuzuſehen. Die Bauern haben keine Ahnung, daß es uns nicht möglich iſt, ſo öffentlich den Hunger zu ſtillen. Sie halten die Anforderung für eine Un - verſchämtheit und lachen Stuh einfach aus. Ganz nüchtern waren ſie auch nicht mehr. Kurzum, es kommt zum Streite. Stuh will nun hinaus, jetzt aber verhöhnen ihn die Bauern und klopfen ihm mit ihren Stöcken auf den Glockenhelm. Unglücklicher Weiſe hat Stuh an ſeiner Uhr ein kleines Telelytſtiftchen. Er nimmt die Uhr heraus, hält ſie den Umſtehenden ent - gegen und ſagt: „ Wenn ihr jetzt nicht macht, daß ihr hinauskommt, ſo laſſe ich hier einen Feuerregen her - aus, daß ihr alle verbrennen müßt. ‟ Das war ja natürlich eine Aufſchneiderei, mit dem Stiftchen konnte er höchſtens einem die Kleider verſengen. Und da nun nicht gleich Platz wird, ſo läßt er die Funken - garbe aus dem Stiftchen ſprühen. Nun denken die Leute wirklich, das Haus muß anbrennen und drängen ſich zur Thür. Es entſteht ein Gewühl, und eine Menge Verwundungen kommen vor. Das ganze HausLaßwitz, Auf zwei Planeten. 47306Sechsundvierzigſtes Kapitel.gerät in Aufruhr. Stuh verriegelt die Thür und ſetzt ſich ruhig zum Eſſen. Als nun die Bauern ſahen, daß weiter nichts geſchehen war und ſie ſich nur ſelbſt geſtoßen und getreten hatten, wurden ſie wütend und wollten die Thür einſchlagen um Stuh zu verhauen. Zum Glück war inzwiſchen Polizei herbeigekommen und brachte Stuh unverſehrt zum Orte hinaus. Aber Sie können ſich denken, welche Empörung jetzt in dem Städtchen herrſcht. ‟
„ Das iſt unangenehm, ſehr unangenehm ‟, ſagte Ell. „ Und ich kenne doch Stuh als einen ruhigen, menſchenfreundlichen Mann. ‟
„ Der Regen, Ell! Fahren Sie einmal vier Stunden im Regen — mit Pferden — entſetzlicher Gedanke! Schon der Geruch kann einen wahnſinnig machen. Aber freilich, das können Sie nicht ſo nach - fühlen — ‟
Ell war aufgeſtanden und auf und ab gegangen. Er blieb nun ſtehen und ſprach: „ Aber das ſind Zwiſchenfälle, die ſich nicht vermeiden laſſen. Man muß ſie korrigieren, ihnen jedoch kein großes Gewicht beilegen. Unſere Aufgabe werden wir trotzdem erfüllen. ‟
„ Jch zweifle nicht. Aber es ſind Symptome. Möchten ſie ſich nicht häufen! Jndeſſen, ſie ſind nicht das Schlimmſte. Es giebt eine viel größere Gefahr. Deswegen kam ich her. Eine Gefahr für die Menſchen. ‟
„ Sprechen Sie, Hil. ‟
„ Wiſſen Sie, was bei uns Gragra iſt? ‟
„ Das iſt, wenn ich mich recht erinnere, eine Kinder - krankheit auf dem Mars, die ohne jede Bedeutung iſt. ‟
307Der Kultor der Deutſchen.„ Ganz richtig, das iſt ſie jetzt, ſeit einigen tauſend Jahren. Die Kinder ſind ein paar Tage müde, be - kommen einen leichten Ausſchlag, und dann iſt die Sache vorüber. Aber es war nicht immer ſo. Jm agrariſchen Zeitalter war die Gragra eine furchtbare Plage, eine entſetzliche Peſt, welche ganze Landſtriche bei uns entvölkerte, nicht durch einen akuten Verlauf, ſondern durch eine langſame, chroniſche Vergiftung. Wir ſind ihrer Herr geworden, teils durch unſre Jmpfungen, teils durch die allmähliche Veränderung der Ernährung. Und nun — die erſten Spuren dieſer chroniſchen Form — doch ſetzen Sie ſich her zu mir, ich muß leiſe ſprechen. ‟
Ell ließ ſich neben Hil nieder. Dieſer ſprach lange mit ihm. Ells Geſicht war tiefernſt geworden.
„ Das iſt ja furchtbar ‟, ſagte er. „ Und was können wir thun? ‟
„ Noch weiß kein Menſch von der drohenden Gefahr. Die menſchlichen Ärzte ſind noch nicht einmal auf dieſe leichten, ihnen unbekannten erſten Symptome aufmerk - ſam geworden. Und wenn die Krankheit allmählich ſtärker unter den Menſchen auftreten ſollte, werden Jahre vergehen, ehe ſie erkennen werden, daß es ſich um eine für ſie ganz neue Form von Bakterien handelt. Denn dieſe ſind ſo klein, daß ſie nur durch unſere beſonderen Strahlungsmethoden nachweisbar ſind. Jch habe die Überzeugung, daß die Krankheit in ihrer milden Form vom Mars eingeſchleppt worden iſt, und daß die Bazillen unter den auf der Erde, reſp. im menſchlichen Körper herrſchenden Verhältniſſen47*308Sechsundvierzigſtes Kapitel.ſo günſtige Bedingungen für ihre Vermehrung gefunden haben, daß die alte perniciöſe Form, die bei uns aus - geſtorben war, wieder auftritt. Jn einigen Jahren werden wir die Verheerungen ſehen. ‟
„ So müſſen wir ſofort die Ärzte auf dieſe Krank - heit aufmerkſam machen — ‟
„ Überlegen Sie das ſehr ſorgfältig, Ell. Wie geſagt, von ſelbſt würde kein Menſch auf Jahre hinaus auf die Urſachen der Erſcheinungen kommen, die ſich zweifel - los mit der Zeit zeigen werden. Und bisher ſind die Symptome ſelbſt erſt für uns wahrnehmbar. Wollen Sie jetzt den Menſchen ſagen, wir haben Euch ein furchtbares Übel auf die Erde gebracht, ſchlimmer viel - leicht als die Tuberkuloſe? Wäre das nicht der ſichere Weg, unſern Einfluß aufzuheben? Würde das nicht zu einem allgemeinen Aufſtande führen, den wir nur mit neuen Greueln unterdrücken könnten? Nein, es darf kein Menſch ahnen, daß wir ihm nicht bloß Heil - ſames auf der Erde verbreiten. ‟
„ Aber wir müſſen die Menſchen vor dem drohen - den Unheil ſchützen. ‟
„ Es iſt, wie ich überzeugt bin, möglich, aber es iſt ſehr ſchwierig. Zunächſt müſſen die Nume ſich jeder unmittelbaren Berührung mit dem Körper der Menſchen enthalten, es ſei denn unter den beſondern Vorſichtsmaßregeln, wie ſie der Arzt bei einer Unter - ſuchung anwenden kann. Und es fragt ſich, ob alle der Unſeren in dieſer Hinſicht zuverläſſig ſein werden. Für die Menſchen aber iſt zweierlei notwendig: Er - nährung durch chemiſche Nahrungsmittel, und allgemein309Der Kultor der Deutſchen.durchgeführte Jmpfung. Unter dieſen Umſtänden würde auch die Berührung mit den Numen nichts ſchaden können. Aber dieſe Mittel werden nicht anwendbar ſein. ‟
„ Die allgemeine Verbannung der agrariſchen Nahrungsmittel iſt jetzt noch nicht möglich, ſie wird ſich nur nach und nach einführen laſſen. Und bis dahin könnte ſchon viel Schaden geſchehen ſein. Die Jmpfung ließe ſich ja zwangsweiſe durchſetzen, aber man müßte doch den Grund mindeſtens andeuten, und wir würden jedenfalls auf Widerſtand ſtoßen und Unwillen erregen. Jndeſſen, geſchehen muß etwas. Jch erwarte baldigſt die eingehenden Belege für die Richtigkeit Jhrer Anſicht und werde dann mit dem Reſidenten und dem Protektor konferieren. Es müßte wohl ſicher international vorgegangen werden. Ach Hil, was für eine neue große Sorge haben Sie mir da gemacht! ‟
„ Es war meine Pflicht. ‟
„ Gewiß, mein verehrter Freund. Und vergeſſen Sie nicht bei Jhren Beſprechungen mit den Kollegen, daß es ſich um ein Numengeheimnis handelt. Es iſt zu abſcheulich! Nichts iſt mir unangenehmer, als der Zwang, mit der vollen Wahrheit zurückzuhalten. Und doch muß hier aufs ſorgfältigſte überlegt werden, ob wir reden dürfen. Darin haben Sie leider Recht. ‟
Ell trat an das Fenſter und blickte, in Nachſinnen verloren, hinaus.
Hil erhob ſich, um ſich zu verabſchieden.
Plötzlich zuckte Ell, wie von einem innern Schreck310Sechsundvierzigſtes Kapitel.ergriffen, zuſammen. Er drehte ſich ſchnell nach Hil um und ſagte:
„ Noch eins, Hil, noch eine Frage. Schenken Sie mir noch einen Augenblick. Jch möchte wiſſen — Was halten Sie von der Gefahr, die der Aufenthalt auf dem Mars für die Menſchen bietet? Glauben Sie, daß diejenigen, die dort waren, z. B. unſre Freunde, den Keim der Krankheit in ſich aufgenommen haben könnten? ‟
Ein leichtes Lächeln ſpielte um Hils Züge, als er antwortete:
„ Für Jhre Perſon können Sie ganz unbeſorgt ſein. Bei Jhrem Numenblut und Jhrer Bevorzugung der chemiſchen Nahrungsmittel — ‟
Ell winkte mit der Hand. „ Nicht doch, ich dachte wirklich nicht an mich, ich dachte — z. B. Saltner — und die Forſchungs - und Vergnügungsreiſenden — wir können ja jetzt kaum Raumſchiffe genug ſtellen — glauben Sie, daß wir den Verkehr beſchränken müßten? ‟
„ Jn dieſer Frage haben wir noch keine Erfahrung. Jndeſſen könnte es kein Bedenken erregen, wenn man die Jmpfung z. B. für das Betreten der Raum - ſchiffe unter irgend einem Vorwand zur Bedingung machte. ‟
„ Aber diejenigen, die nun ſchon zurück ſind? ‟
„ Saltner iſt auf der Reiſe nach dem Mars geimpft worden, weil ihm ſonſt das Ehrenrecht als Nume nicht hätte erteilt werden können. Und was — was Frau Torm betrifft — ſo kann ich Sie ebenfalls beruhigen. Jch habe es für gut gehalten, während ihrer Krank -311Der Kultor der Deutſchen.heit nach und nach die bei uns vorgeſchriebenen Jmpfungen zu vollziehen, und ich halte ſie jetzt über - haupt für vollſtändig wieder hergeſtellt. ‟
Ell, der Hil geſpannt angeblickt hatte, atmete auf. Er ſagte jetzt lächelnd:
„ Und halten Sie mich ſelbſt für einen Anſteckungs - herd? ‟
„ Nein, ich halte Sie in dieſer Hinſicht für ganz ungefährlich. ‟
„ Jch danke Jhnen. Und wir wollen den Mut nicht verlieren. Jch will nachdenken, was wir thun können. Leben Sie wohl und ſchonen Sie ſich. Be - ſtimmen Sie, wann Sie Höhenluft ſchöpfen wollen, das Luftſchiff ſoll zu Jhrer Verfügung ſtehen. ‟
Er begleitete Hil bis an die Thür und ſchüttelte ihm die Hand. Dann kehrte er zurück. Ein Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt. Lange ſchritt er im Zimmer auf und ab. „ Nur den Mut nicht verloren! ‟ ſagte er zu ſich ſelbſt. Dann glitt ein ſtilles Lächeln über ſeine Züge. „ Ja, das wird mir gut thun ‟, dachte er.
„ Den Wagen! ‟ rief er ins Telephon.
Die Martier beſaßen ein Verfahren zur Her - ſtellung von Akkumulatoren, die nur ein ſehr geringes Gewicht hatten. Dieſe waren ſehr bald auf der Erde eingeführt worden und hatten das Fuhrweſen umgeſtaltet. Jn Berlin waren die Pferde vollſtändig aus dem Verkehr geſchwunden. Die Nähe größerer Tiere war den Martiern wegen der damit verbundenen Unreinlichkeit und des Geruches ein Abſcheu, und der Umgang der Menſchen mit ihren Haustieren erſchien ihnen als einer der barbariſchſten Züge im Leben der Erde. Jn der Hauptſtadt waren jetzt nur noch elek - triſche Wagen und Droſchken im Gebrauch.
Der elegante Wagen des Kultoramts führte Ell durch einen großen Teil der Stadt, vom fernen Süd - weſt bis zum Südoſt. Als Ziel hatte er die Bildungs - anſtalt 27 angegeben, die ſich in der ehemaligen Kaſerne des dritten Garde-Jnfanterieregiments befand. Vor einer Nebenpforte des großen Gebäudes verließ313Jsma.Ell den Wagen, der dort warten ſollte. Er trat in das Haus, aber er durchſchritt nur einige Korridore und Höfe und verließ es wieder durch einen Ausgang nach der Zeughofſtraße. Von hier kehrte er in die Wrangelſtraße zurück und trat nach wenigen Minuten in eines der dortigen Mietshäuſer, wo er in dem nach dem Garten zu liegenden Flügel drei Treppen hinaufſtieg.
Hier wohnte Jsma. Sie ſaß an dem weitgeöff - netem Fenſter, aus welchem ihr Blick über die regen - feuchten Bäume des Gartens nach den dahinter auf - ragenden Häuſermaſſen und Schornſteinen ſchweifte. Das Buch, in dem ſie geleſen hatte, lag neben ihr. Von Zeit zu Zeit, wenn ſie ein Geräuſch von Tritten zu vernehmen glaubte, blickte ſie nach der Thür, als erwartete ſie, daß ſie ſich öffnen werde.
Und nun klingelte es draußen. Sie ſtand auf und ſtrich ſich das Haar aus den Schläfen. Dann ging ſie auf die Thür zu, aus welcher ihr Ell entgegentrat.
„ Endlich ‟, ſagte er, ihre Hand ergreifend, „ endlich wieder einmal bei Jhnen. Es that mir zu leid, daß ich unſern letzten Abend nicht einhalten konnte, aber ich durfte die Einladung da oben nicht ablehnen. Fühlen Sie ſich auch ganz wohl? ‟
Sein Blick ruhte mit zärtlicher Beſorgnis auf ihren Zügen.
„ Es geht mir beſſer wie je ‟, ſagte Jsma lächelnd.
„ Fühlen Sie gar keine Beſchwerden? ‟ fragte er weiter. „ Kein Kopfweh, keine Müdigkeit? ‟
„ Gar nichts. Sie fragen ja gerade, als wenn Sie Hil wären. Was haben Sie denn? Jch kann314Siebenundvierzigſtes Kapitel.Jhnen wirklich nicht die Freude machen, mich pflegen zu laſſen. Aber wiſſen Sie, Ell, daß Sie mir eigentlich gar nicht gefallen? Sie ſtrengen ſich offenbar zu ſehr an, Sie ſehen angegriffen aus und ſollten ſich mehr ſchonen. ‟
„ Ach, Jsma, davon kann keine Rede ſein ‟, er - widerte Ell, indem er ſich neben ihr niederließ. „ Mir iſt manchmal zu Mute, als wüchſe mir die Arbeit über den Kopf. Und dann die Sorge! Doch nichts davon! Dann giebt es kein andres Heilmittel für mich als hier die drei Treppen hinaufzuſteigen — ‟
„ Das freut mich, daß Jhnen das Treppenſteigen ſo gut bekommt. Jch könnte ja auch noch eine Stiege höher ziehen. ‟
„ Oh, es genügt. Wenn ich nur die ſchmale Hand faſſen und Jhnen in die lieben Angen ſehen kann! Dann möchte ich wieder an die Menſchen glauben und wieder hoffen! ‟
„ Sie dürfen ſo nicht ſprechen, Ell, Sie ängſtigen mich. Auf dem Wege zu Jhrem hohen Ziele darf es kein Schwanken geben. Dazu waren unſre Opfer zu groß, zu ſchmerzlich. ‟
Sie hob die Augen, die mit Thränen kämpften, wie bittend zu ihm empor.
„ Verzeihen Sie mir, Jsma. Jch weiß es längſt, daß ich für mich kein Glück beanſpruchen darf, der ich mir anmaßte, es der Menſchheit zu bringen. Aber wenn ich hier bei Jhnen ſitze — und Sie wiſſen, daß ich die neue Kraft hier ſchöpfe — ach, dann iſt es auch ſo unendlich ſchwer, auf das Einzige verzichten, was315Jsma.ich je vom Leben für mich erſehnte. Und immer feſter wird mir die Ueberzeugung, daß beides zu - ſammen gehört, wenn ich meinen Lauf erfüllen ſoll. ‟
„ Noch iſt die Zeit nicht da, von uns zu ſprechen. O Ell, ſagen Sie, was quält Sie, was iſt geſchehen? Jch kenne Sie kaum wieder, noch vor kurzem waren Sie ſo ſiegesgewiß. ‟
„ Es geht wohl vorüber. Gerade heute haben ſich allerlei Nachrichten gehäuft, die mir Schwierigkeiten machen. Die neuen Verhältniſſe wirken ungünſtig auf die Nume, das ruhige Gleichgewicht, das ſie in den feſten Kulturzuſtänden des Mars haben, wird zerſtört, es entſtehen Konflikte, und das Ende vom Liede wird ſein, daß ich von beiden Seiten für alles verantwortiich gemacht werde. ‟
„ Das müſſen Sie tragen. Und Sie wußten es in voraus, Ell, als Sie das verantwortliche Amt an - nahmen, daß Sie angefeindet werden würden. Er - innern Sie ſich noch? Es war kurz nach meiner Krankheit, als ich wieder den erſten größeren Ausflug mit Jhnen unternahm, zur Probe, wie Hil ſagte, ob ich das Reiſen vertrüge. Wir waren nach den großen Schleußen der Emmkanäle gefahren, dort zeigten Sie mir, wie das Waſſer auf das zweihundert Meter hohe Wüſtenplateau gehoben wird. Und da ſagten Sie mir, daß der Zentralrat Jhren Vorſchlag über die Einſetzung von Kultoren angenommen habe, und daß Jhnen das Kultoramt für den deutſchen Sprach - bezirk angetragen ſei. Sie waren im Zweifel, ob Sie es annehmen durften, und Sie ſprachen ja ganz klar316Siebenundvierzigſtes Kapitel.Jhre Befürchtung aus. Jhre Landsleute, ſagten Sie, werden auf jeden Fall unzufrieden ſein, weil ſie die Bildungsanſtalten als einen Zwang empfinden werden, den die Reſultate doch erſt nach Jahren rechtfertigen würden. Die Nume aber würden es Jhnen nicht ver - geben, daß ein Heer von Beamten unter Jhnen ſtehen ſolle, der Sie auf der Erde geboren ſind. ‟
„ Jch weiß es, Jsma, ich ſehe Sie noch dort an dem Geländer lehnen und in Nachſinnen verloren hinabblicken auf die Baumwipfel, und ich höre Jhr Wort: Wenn ich glaube, daß die Nume ſolchen Vor - urteilen zugänglich ſind, ſo ſei es nicht notwendig, daß die Menſchen von ihnen lernen. Dann hätte ich meinen großen Kulturplan überhaupt nicht faſſen dürfen. Wenn ich aber an den Beruf der Nume glaube, die Menſchheit vom Druck ihrer Geſchichte zu erlöſen, ſo dürfe ich auch keinen Zweifel hegen, daß die Nume um der Sache willen ſich gern und frei unterordnen würden. Wenn mich der Zentralrat zu einem Amte beriefe, wie es noch niemals auf Erden ausgeübt worden, ſo geſchehe es, weil jeder weiß, daß ich der geeignetſte, gewiſſermaßen der geborene Ver - mittler ſei zwiſchen den Planeten, und daß ich mein ganzes Leben lang auf eine ſolche Aufgabe mich vor - bereitet habe. Und darauf — ‟
„ O, ich habe es nicht vergeſſen, Ell ‟, fiel Jsma ein. „ Jch erinnere mich an jedes Wort. Denn in all meinem eignen Leid ſteht mir jener Moment vor Augen als der größte meines Lebens. Unter mir ſchwand mein eignes Daſein vor dem erhabenen Ge -317Jsma.fühle, daß wir der Menſchheit dienen müſſen, und ich war ſtolz und glücklich, in dem Augenblicke bei Jhnen ſein zu dürfen, da von Jhrem Entſchluß der Beginn eines neuen Zeitalters abhing. Sie wieſen hinab, wo zwiſchen dem Laub die weiten Waſſerflächen ſchimmerten, und ſagten: Da unten, wo die Schmelz - waſſer des Pols in ihrem natürlichen Bett ſich ſammeln, ſind ſie klar und ruhig und verſiegen nimmer. Aber wir heben ſie mit unſern Maſchinen in den Sonnen - brand der Wüſte, und trübe verrinnen ſie allmählich in dem Bette, das tauſende von Kilometern ſich hin - zieht. Wer ſagt uns, wie der heitere Seelenſpiegel des Numen ſich trübt, wenn wir ihn künſtlich auf die Erde verſetzen und auf unüberſehbare Jahre ſeine Reinheit im Schlamm der Menſchheit vergraben? Und da erwiderte ich Jhnen: Soweit die Kanäle ſich füllen, ſproßt das Leben in der Wüſte, und die Kultur des Mars beruht auf dieſen ſich ſelbſt verzehrenden Adern. — Würden die Nume dieſe Rieſenlaſten von Waſſer heben und verrinnen laſſen, wenn ſie nicht glaubten, daß es ſeine belebende Kraft auch behält in dem künſtlichen Bette? Und wer ſchafft es herauf? Es iſt doch die Vernunft, die die Natur leitet. Glauben Sie nicht an die Vernunft? Und als ich dies ſagte, da blitzte es drunten auf über den Bäumen, und helle Strahlen ſtiegen in die Höhe, und mehrten ſich, und ſoweit der Blick reichte, zitterten die Lichtfontänen in der Luft, und die Leute liefen durcheinander und riefen ſich zu: „ Der Friede iſt geſchloſſen! Die Erde gehört uns — — ‟ Und Sie faßten meine Hand und ſagten:318Siebenundvierzigſtes Kapitel.‚ Ja, ich glaube an die Vernunft! ‛ Und ſehen Sie, Ell, ich glaube! An die Vernunft und an Sie! Und wenn ich das nicht mehr könnte — ‟
Sie brach ab. Ell aber ergriff ihre Hand und rief:
„ Sie können es, Jsma, Sie können es! Mein Glaube an die Vernunft iſt nicht erſchüttert, und mich ſollen Sie nicht weichen ſehen aus feiger Schwäche. Aber die Vernunft iſt ewig, ich bin ein vergänglicher Zeuge ihres zeitlichen Geſetzes, und ich muß gefaßt ſein, daß ſie über mich hinwegſchreitet. Denn ich habe mir angemaßt zu beginnen, was zu vollenden Geſchlechter gehören. Wenn ich mich nun täuſchte in den Mitteln, die ich für die richtigen hielt? ‟
„ Es wird nicht ſein. Es werden Fehler gemacht werden, das iſt natürlich. Aber die Grundlagen werden ſich bewähren. Sie müſſen Geduld haben. ‟
„ Wie danke ich Jhnen, Jsma, für Jhr Vertrauen, das mich vor mir ſelbſt rechtfertigt. Einen Fehler habe ich begangen von Anfang an, der mehr iſt als ein Fehler, daß ich eine Zeit lang die Erde vergaß — ‟
„ O mein Freund, den büße ich für Sie — davon nichts mehr — ‟
„ Und das andre, wenn es ein Fehler iſt, ſo weiß ich nicht, wie ich ihn hätte vermeiden ſollen. Wenn ich auf die Menſchen wirken wollte, konnte ich es anders als durch die Mittel, an die ſie gewöhnt ſind, durch die Autorität der Macht? Und doch weiß ich, daß hier ein Widerſpruch liegt mit dem Zwecke, den ich erſtrebe, der inneren Freiheit. Den Zuſtand will319Jsma.ich aufheben, daß irgend eine Klaſſe der Bevölkerung ihre Macht dazu mißbraucht, durch Einſchüchterung und Beherrſchung der übrigen die freie Entwicklung aller Kräfte und Meinungen zu verhindern, und was thue ich? Jch übe einen neuen Zwang aus, ohne zu wiſſen, ob ich die eingewurzelten Vorurteile zu brechen vermag. Jch hoffe es, doch ob ich es erlebe? Und was dann? Droht nicht eine neue Büreaukratie über der alten? ‟
„ Ell, vergeſſen Sie nicht den Glauben an die Nume! Es ſind nicht Menſchen, es ſind Nume, welche die Menſchheit erziehen. Sie werden ihre Zöglinge als freie Männer aus der Schule entlaſſen, ſobald ſie ſehen, daß ihre Lehrarbeit gethan iſt. ‟
„ Das iſt meine Hoffnung. Das iſt ja das abſolut Neue an der Umwälzung der Verhältniſſe. Die zur Macht gekommen ſind, ſind es nicht, wie die Ge - ſchlechter der Menſchen, in der Abſicht, die Macht um ihrer ſelbſt, ihrer Klaſſe und Nachkommen willen zu erhalten, ſondern um ſie als freies Gut der Menſch - heit, der geläuterten Menſchheit zurückzugeben. ‟
„ Sie werden es. ‟
„ Sie werden es, wenn ſie Nume bleiben. Wenn aber die Berührung mit der Erde ſie ihrer Numenheit entkleidet und die Menſchen ſie anſtecken mit ihrem Eigennutz? Wenn die alte Kultur zurückſchlägt in die Barbarei der Erde, und aus den Kultoren gewöhn - liche Despoten werden, wie Päpſte aus Apoſteln? ‟
Jsma ſchüttelte den Kopf.
„ Jch weiß nicht, Ell, was Sie im Sinne haben ‟,320Siebenundvierzigſtes Kapitel.ſagte ſie. „ Es mögen auch ſolche Fälle vorkommen. Aber drüben, jenſeits der Erde, kreiſt der Mars mit ſeinen drei Milliarden Bewohnern. Dieſe ſind der feſte Kern der Kultur, der jede Entartung wieder auf - heben wird. ‟
Ell blickte ſchweigend vor ſich hin. Er dachte daran, ob nicht in den Menſchen der Widerſtand der Natur zu groß ſein würde. Aber er ſprach es nicht aus. Seine Augen wandten ſich auf Jsma. Sie hatte ſich in ihrem Seſſel zurückgelehnt und die Hände auf dem Schoße gefaltet. Ein einfaches ſchwarzes Kleid umſchloß ihre Geſtalt, und das feine Profil hob ſich wie eine Silhouette gegen das Fenſter ab, vor welchem der Tag bereits in Dämmerung überging. Er wollte ihr nicht neue Sorgen erwecken. Und doch, ſie jetzt ſchon verlaſſen? Es ſchien ihm unmöglich. O wenn er ſie immer ſo neben ſich hätte, wie ganz anders müßte ſich der ſchwere Kampf des Lebens aufnehmen laſſen! Sie erſchien ihm begehrenswerter wie je, ſo lieb in ihrer treuen Freundſchaft, ſo groß in ihrem einfachen Vertrauen.
„ Jsma ‟, kam es faſt unbewußt über ſeine Lippen.
Sie reichte ihm ihre Hand hinüber mit dem milden, ernſten Lächeln, das ihre Züge mitunter in ſeiner Nähe verklärte.
„ Mein Freund ‟, ſagte ſie.
„ Jsma ‟, ſprach er leiſe, „ wollen Sie nicht bei mir bleiben? ‟
Sie drückte ſeine Hand, ohne ſie ihm zu entziehen.
„ Sie wiſſen, Ell ‟, antwortete ſie ebenſo leiſe, „ daß321Jsma.ich es nicht darf, ja auch nicht will, ſo lange noch eine Möglichkeit iſt — ‟
„ Aber wenn einmal die Zeit kommt, daß keine Möglichkeit mehr iſt? ‟
„ Dann ſprechen wir wieder davon. Bis dahin — Sie kennen meine Bitte. — Wo iſt die Grenze zwiſchen Gedanke und Wunſch? Und das iſt Frevel. ‟
„ Aber ich darf annehmen, Jsma — ‟
„ Nehmen Sie an, was Sie wollen. Wenn mein Leben keinem andern gehört, wem könnte es gehören als der Jdee, der wir dienen? Und dann mögen Sie nachdenken, wie das am beſten geſchehen kann. ‟
Sie entzog ihm ſanft ihre Hand und trat an das Fenſter. Er ſtellte ſich neben ſie. Schweigend blickten ſie hinaus, dann begann Ell:
„ Die Nachforſchungen ruhen niemals, und alles, was ſich hat ermitteln laſſen, weiſt jetzt auf eine Ver - mutung hin, die jede Hoffnung faſt mit Sicherheit ausſchließt. ‟
Jsma zuckte zuſammen. Ell ſchwieg.
„ Sprechen Sie weiter ‟, ſagte ſie dann gefaßt. „ Jch habe mir ja ſoviel hundertmal geſagt, daß ich nicht mehr hoffen darf. Und doch iſt das Wort der Gewißheit wie ein Stahl, der ins Herz trifft. Aber — ſprechen Sie weiter. ‟
„ Er konnte die Jnſel Ara nur verlaſſen durch Schwimmen nach einer der Nachbarinſeln, das war unſre Annahme. Dann mußte er in der Umgebung des Pols aufgefunden werden; es iſt jetzt dort kein Fleckchen mehr ununterſucht, wo Menſchen exiſtierenLaßwitz, Auf zwei Planeten. 48322Siebenundvierzigſtes Kapitel.können. Demnach nahmen wir an, daß er unter das Eis geraten ſei — ‟
Jsma bedeckte die Augen mit der Hand.
„ Eine Möglichkeit aber war noch da, ſo unwahr - ſcheinlich, daß man erſt ſpät daran gedacht hat. We - nige Stunden, bevor man ihn vermißte, ging ein Luftſchiff ab, das nach Tibet beſtimmt war, um dort Vermeſſungen zur Anlegung von Strahlungsfeldern zu machen. Wenn er ſich unbemerkt in dieſem ver - ſteckt hätte — obwohl ich nicht begreife, wie das ge - ſchehen konnte — ‟
„ Ell ‟, rief Jsma, „ warum haben Sie mir das nicht geſagt! ‟
„ Weil ich Jhnen keine Hoffnungen erwecken wollte, die nur zu neuen Befürchtungen führen konnten. Jetzt haben Sie ſich damit vertraut gemacht, daß wir ihn verloren haben, und Gewißheit wird beſſer ſein als die Angſt. Denn dieſes Luftſchiff — der Zu - ſammenhang iſt mir ſelbſt erſt vor kurzem durch neue Unterſuchungen klar geworden — als das Unglück geſchah, war ich ſelbſt noch nicht auf der Erde, die Akten über Torm waren abgeſchloſſen, und die Ver - mutung, daß er ſich auf dem Schiffe befand, iſt erſt durch meine erneute Aufnahme des Falles aufgetaucht — jenes Luftſchiff war dasſelbe, das im Juni vorigen Jahres bei Podgoritza von den Albaneſen zerſtört, und deſſen Beſatzung bis auf den letzten Mann er - mordet wurde. Alſo auch dieſe Spur, wenn ſie über - haupt eine war, blieb hoffnungslos. Sind Sie mir böſe, daß ich jetzt noch davon geſprochen habe? ‟
323Jsma.Jsma ſeufzte tief. „ Nein, Ell, Sie müſſen mir alles ſagen, und ich muß es zu ertragen wiſſen. ‟
Sie blickte wieder ſtumm in den Abend hinaus. Plötzlich ergriff ſie mit einer krampfhaften Bewegung Ells Arm.
„ Aber wenn er auf dem Schiffe war, Ell, wenn er darauf war — ‟
„ Es iſt ja nicht ſicher, Jsma, ich bitte Sie, be - ruhigen Sie ſich — niemand weiß es, es iſt nur die einzige noch denkbare Vermutung — ‟
„ Wenn er darauf war, wer ſagt Jhnen, daß er auch noch in Podgoritza darauf war? Konnte er nicht in Tibet das Schiff verlaſſen haben? ‟
„ Wie ſollte er es unbemerkt im fremden Lande, in der Wüſte verlaſſen? Und wenn man ihn bemerkte, hätte man ihn gefangen genommen, und das iſt auch, falls die erſte Vermutung überhaupt zutrifft, das Wahrſcheinliche. Er wird bei einem Fluchtverſuche vom Schiffe entdeckt und als Gefangener unter der Beſatzung — ‟
„ Dann aber kann er bei dem Ueberfall entkommen ſein ‟, unterbrach Jsma haſtig. „ Das iſt ſehr leicht möglich. O Ell, ich habe noch Hoffnung. Er wird ſich unter jene Halbwilden geflüchtet haben, dort muß er geſucht werden. Das müſſen Sie thun, Ell! Und wenn wir ihn finden — O Gott! ‟
Sie warf ſich auf einen Seſſel und ſchluchzte. Endlich wurde ſie ruhiger.
„ Er hat ja nichts mehr zu befürchten ‟, ſagte ſie, „ nicht wahr? Mit dem Frieden iſt die Amneſtie für48 *324Siebenundvierzigſtes Kapitel.alles ausgeſprochen, was während des Krieges ge - ſchehen iſt. ‟
„ Nicht gerade für alles. ‟
„ Aber für ſeine Flucht kann er nicht mehr beſtraft werden? ‟
„ Nein, Jsma. Aber ich bitte Sie, klammern Sie ſich nicht wieder an dieſe Unmöglichkeit. O hätte ich doch nicht davon geſprochen! Faſſen Sie ſich! Jch kann Sie ſo nicht verlaſſen. ‟
„ Sie haben Recht ‟, ſagte ſie endlich. „ Jch bin ſo thöricht. ‟ Sie ſtand auf, ſchloß das Fenſter und ſchaltete das Licht ein.
„ Setzen wir uns noch ein wenig ‟, ſagte ſie dann. „ Es iſt ja alles ſo unwahrſcheinlich, bei ruhiger Ueber - legung. Aber wer klammert ſich nicht an einen Stroh - halm? ‟
„ Sehen Sie, Jsma, Sie müſſen ſich mit dem Ge - ſchehenen abfinden, wie Sie es bisher gethan. Wäre er in Podgoritza entflohen, ſo wäre er längſt hier, oder wir hätten Nachricht. Er hatte ja nun nichts mehr von den Martiern zu befürchten. Es iſt ſeitdem über ein Jahr vergangen, deshalb glaubte ich darüber ſprechen zu dürfen. ‟
Sie reichte ihm wieder die Hand. „ Jch weiß ja ‟, ſagte ſie, „ daß Sie es gut meinten. Aber eins müſſen Sie mir doch noch ſagen. Bei wichtigen Ereigniſſen wenden Sie ſonſt das Retroſpektiv an, um den Vor - gang zu beobachten. Warum ging es denn nicht — der Ueberfall von Podgoritza z. B. iſt doch wichtig genug — warum wurde er nicht vom Mars aus —? ‟
325Jsma.„ Glauben Sie mir, Jsma, ich hätte es durchgeſetzt, um Jhretwillen, das Retroſpektiv anzuwenden, wenn ich mir den geringſten Erfolg hätte verſprechen können. Aber an dem Tage der Flucht lagen dichte Wolken über dem Pole, die Landung des Schiffes in Tibet iſt, vermutlich wenigſtens, in der Nacht erfolgt, jedenfalls aber wird Torm, wenn er entfliehen wollte, die Nacht dazu benutzt haben. Auch wiſſen wir gar nicht, in welcher Gegend des weiten Hochaſiens das Schiff an - gelegt hat, und es iſt doch unmöglich, dieſe großen Landgebiete mit dem Retroſpektiv abzuſuchen. Der Ueberfall von Podgoritza endlich fand ebenfalls in der Nacht ſtatt, und ehe wir etwas davon erfuhren, hatten die Räuber alle Spuren vernichtet. Die That kam erſt ſpäter durch den Verrat eines feindlichen Stam - mes an den Tag. Da war alſo nicht die geringſte Ausſicht, etwas in den Lichtſpuren des Weltraums zu leſen. ‟
„ Jch ſehe es ein, Ell. Und es war recht, daß Sie ſprachen. Was haben wir auch Beſſeres in unſrer Freundſchaft, als das volle Vertrauen? Und nun — ‟
„ Jch ſoll gehen? ‟
„ Nein, nein, im Gegenteil. Sie ſollen noch bleiben, und wir wollen von gleichgiltigeren Dingen reden, von gegenwärtigen, mein’ ich. Sie haben mir noch nichts von der Politik erzählt. Wie ſteht es mit dem Klatſchgeſetz? Was ſagt denn Herr von Huhnſchlott dazu? ‟
Jetzt lächelte Ell. „ Er ſpeit Feuer und Flammen ‟, ſagte er. „ Natürlich, dieſe Herren haben nie gelernt,326Siebenundvierzigſtes Kapitel.daß ſich die Welt auch anders regieren laſſe als mit Polizeivorſchriften. Jch wünſchte, Sie hätten das Geſicht unſres geſchmeidigen Kreuther ſehen können, als ich ihm meine Auffaſſung der Lage auseinander - ſetzte. Jch bin überzeugt, morgen bekommen wir die Sanktion. Sie werden nicht an Jll appellieren, wenn ſie klug ſind, denn er iſt viel rückſichtsloſer gegen die Vorurteile unſrer Regierungen als ich, der ich ihren hiſtoriſchen Zuſammenhang beſſer kenne. Jch gelte ja natürlich bei den Konſervativen als ein roter Revolu - tionär, auf dem Mars ſehen ſie mich als einen ſchwach - mütigen Leiſetreter an. ‟
„ Jch weiß wohl ‟, ſagte Jsma. „ Jch leſe ja die Marsblätter, namentlich die „ Ba ‟. Solche Dinge, wie Zweikampf, Beleidigungsklagen u. dgl. kommen den Numen gerade ſo vor, wie uns etwa die Menſchen - freſſerei oder die Blutrache bei den Wilden, und ſie meinen, das müſſe man einfach mit Gewalt ausrotten. ‟
Ell erzählte, daß Hil von ſeiner Reiſe zurück ſei, und ſchilderte ſein Entſetzen über den Regen. Mit ſtiller Freude ſah er, daß Jsma ihre Ruhe wieder ge - wonnen hatte.
Es waren wohl zwei Stunden vergangen, als Ell ſich endlich herzlich von Jsma verabſchiedete. Als er auf die Straße trat, war es bereits vollſtändig Nacht, und die Laternen brannten. Er ſchritt eilig die Straße entlang und beſtieg wieder ſeinen vor der Thür der Bildungsanſtalt haltenden Wagen. Er hatte den in einen Mantel gehüllten Mann nicht bemerkt, der wie zögernd vor der Thür des Hauſes geſtanden hatte, wo327Jsma.Jsma wohnte. Bei Ells Erſcheinen hatte er plötzlich Kehrt gemacht, dann aber ſchien es, als wolle er ihm eilig nachgehen, um ihn anzureden. Doch bald blieb er wieder zögernd zurück und blickte nur dem Wagen nach, der Ell ſchnell von dannen führte.
Durch die engen Felsſchluchten des Eiſackthales brauſte der von Wien kommende Schnellzug nach Süden und überholte die ſchäumenden Fluten des wild dahinſtürmenden Baches. Der größere Teil der Fahrgäſte drängte ſich an den Fenſtern, um das von der klaren Septemberſonne vergoldete Naturſchau - ſpiel zu genießen. Einer jedoch, offenbar kein Fremder in dieſer Gegend, kümmerte ſich wenig darum. Er ſaß in eine Ecke gelehnt, mit geſchloſſenen Augen in ſeine Gedanken verſunken, unter denen ſeine Stirn ſich von Zeit zu Zeit zu ſorgenvollen Falten zuſammen - zog. Dann blickte er nach ſeiner Uhr, als ob der Zug ihn nicht ſchnell genug ſeinem Ziele zuführe.
„ Noch zehn Minuten ‟, murmelte er.
Aus der Bruſttaſche ſeiner Joppe zog er einige Papiere, ein Telegramm und eine Zeitung. Er hatte ſie ſchon oft geleſen, dennoch blickte er wieder hinein, als könnten ſie ihm noch etwas Neues ſagen.
329Der Juſtruktor von Bozen.Das Telegramm war von einem ſeiner Freunde und enthielt nur die Worte: „ Komme ſofort zu Deiner Mutter, ſie bedarf Deiner. ‟
Die Zeitung war, wie das Telegramm, ſchon einige Tage alt. Aber er hatte ſie erſt zu Geſicht bekommen, als er geſtern von einer vierzehntägigen Studienreiſe in einſamen Gebirgsgegenden nach Lienz zurückgekehrt war. Sie enthielt die neuen Verordnungen, welche das Kultoramt in Berlin mit Ermächtigung der Reſi - denten in Berlin, Wien und Bern und unter Be - ſtätigung der Regierungen in der vorigen Woche er - laſſen hatte.
Die Schwierigkeiten, auf welche die Martier bei der deutſchen Regierung in Bezug auf das Geſetz zum Schutz der individuellen Freiheit geſtoßen waren, hatten den Protektor der Erde darauf geführt, ſie in künf - tigen Fällen auf eine ſehr einfache Weiſe zu umgehen. Er hatte gefunden, daß Beſtimmungen über Be - ziehungen der Menſchen zu den Numen und Ein - richtungen der Nume gar keiner Geſetzgebung durch die Erdſtaaten bedürfen, ſondern auf dem Verordnungs - wege durch die Reſidenten erlaſſen werden können. Die Regierungen aber mußten, wie gern ſie es auch abgelehnt hätten, ſich der Macht beugen und ihr Ja dazu geben. Sie thaten es immerhin lieber, als ſich einem Beſchluſſe der Oppoſition in den Parlamenten zu fügen.
Die Verordnung hatte im allgemeinen Mißſtimmung hervorgerufen. Sie beſtimmte nämlich, daß jeder Menſch, ohne Unterſchied des Alters, ſich einer von330Achtundvierzigſtes Kapitel.den Bezirksinſtruktoren zu beaufſichtigenden Jmpfung unter Leitung martiſcher Ärzte zu unterziehen habe. Bis dieſe vollzogen ſei, dürfe kein Ungeimpfter ſich einem Numen bis zu einer gewiſſen Diſtanz nähern, keine von Numen bewohnte Räume betreten und die Luftſchiffe und Fahrzeuge der Martier nicht benutzen. Zuwiderhandlungen waren mit ſtrengen Strafen bedroht.
Die Beſtimmungen waren lediglich in Rückſicht auf die Menſchen getroffen, um ſie vor den drohenden Verwüſtungen der Gragra zu ſchützen. Aber man hatte ſich geſcheut, dieſen Grund anzugeben, weil man fürchtete, dadurch eine größere Beunruhigung und Unzufriedenheit zu erregen als durch die Maßregel ſelbſt; man hatte die Jmpfung nur durch einen all - gemeinen Hinweis auf Beſſerung des Geſundheits - zuſtandes begründet. Der Beſchluß war von den europäiſchen Reſidenten gegen Ells Stimme gefaßt worden, der eindringlich vor einem derartigen deſpo - tiſchen Eingriff gewarnt hatte. Doch hatte ſich bei den maßgebenden Numen auf der Erde mehr und mehr die Anſicht herausgebildet, daß man die Menſchen nur durch Anwendung von Zwang zu ihrem Beſten leiten könne. Ell fühlte ſich durch den Beſchluß ſehr bedrückt, hatte ſich aber der Majorität fügen müſſen.
Saltner ſteckte das Blatt kopfſchüttelnd wieder ein. „ Es muß da noch etwas im Hintergrunde liegen, worüber ſie nicht mit der Sprache herauswollen ‟, dachte er bei ſich. „ Aber eine ſakriſche Dummheit bleibt’s doch, die ich dem Ell nicht zugetraut hätte. Oder vielleicht doch. Wie er ſich damals ausſprach — ‟
331Der Jnſtruktor von Bozen.Er dachte an jene Stunde bei La, in der er ſich gegen Ells Pläne zur gewaltſamen Erziehung der Menſchen aufgelehnt hatte. Und er ſah die Geliebte wieder vor ſich mit der feinen Stirn unter dem ſchimmernden Haar, er ſah den tiefen Blick der dunklen Augen in zärtlicher Achtung auf ſich gerichtet und fühlte die unvergeßlichen Küſſe auf ſeinen Lippen. Wo mochte ſie weilen? Ob ſie ſeiner gedachte? Ob ſie wußte von dem Leid, das über die Menſchen ge - kommen war, ob ſie es mit ihm fühlte? Verloren! Verloren!
Aus ſeinen Träumen weckte ihn der Pfiff der Maſchine. Die Berge waren zurückgewichen, grüne Hügel, auf denen Trauben und Kaſtanien reiften, zogen ſich zur Seite. Die Paſſagiere ſuchten ihr Handgepäck zuſammen, und der Zug hielt auf dem Bahnhof in Bozen.
Saltner ſtieg aus und drängte ſich eilig durch die Menge. Am Ausgang fiel ihm ein Plakat auf, das durch ſeine gelbrote Farbe ſchon weithin als eine amtliche Bekanntmachung des martiſchen Bezirks - inſtruktors kenntlich war. Er blieb ſtehen und las. Zuerſt war die allgemeine Verordnung über die Jm - pfung mitgeteilt, die er ſchon kannte. Daran aber ſchloſſen ſich ſpezielle Beſtimmungen über den hieſigen Bezirk. Er traute ſeinen Augen nicht. Nach Angabe von Einzelheiten über die Ausführung der Jmpfung, die in den und den näher bezeichneten Lokalen ſtatt - finde, ſtand da: Die als Beſcheinigung der vollzogenen Jmpfung erteilte Marke iſt ſichtbar an der Kopf -332Achtundvierzigſtes Kapitel.bedeckung zu tragen. Wer ſich ohne dieſelbe einem Numen auf mehr als ſechs Schritt annähert, wird mit fünfhundert Gulden Geldbuße oder entſprechendem Aufenthalt im pſychologiſchen Laboratorium beſtraft. Unterredungen mit dem Jnſtruktor finden nur noch telephoniſch ſtatt. Jeder Anordnung eines Numen, gleichviel worauf ſie ſich beziehe, iſt ohne Widerſpruch Folge zu leiſten. Den Numen ſteht das Recht zu, Menſchen, welche ſich ihnen ohne Erlaubnis nähern, mit der Telelytwaffe zurückzuweiſen. Das Halten von Haustieren in menſchlichen Wohnungen wird nochmals aufs ſtrengſte unterſagt.
Saltner ballte die Fauſt. Er wandte ſich an einen neben ihm ſtehenden Herrn und ſagte:
„ Der hieſige Jnſtruktor iſt wohl verrückt ge - worden? ‟
„ Das iſt ſchon recht ‟, antwortete der ernſthaft.
„ Und das laſſen Sie ſich gefallen? Wie heißt denn der Kerl? ‟
„ Der heißt Oß. ‟
„ Der Name kommt mir bekannt vor. Haben Sie ſich denn noch nicht in Berlin beim deutſchen Kultor beſchwert? ‟
„ Das wird geſchehn. Aber es dauert halt eine Weile, und die Verordnung iſt erſt von geſtern. ‟
„ Aber wenn Sie telegraphieren oder telepho - nieren. ‟
„ Das wird nicht zugelaſſen. Es iſt ſchon Einer nach Jnnsbruck gereiſt, aber ſie habens auch dort nicht zugelaſſen. Sie meinen, die Nume ſtecken halt alle333Der Jnſtruktor von Bozen.unter einer Decke, und wenn es auch der Kultor er - fährt, ſo wird es doch nichts nutzen. ‟
„ Es wird nutzen, das können Sie mir glauben. So etwas hat ſich keiner herauszunehmen und nimmt ſich auch keiner wo anders heraus. Das iſt nur eine Verrücktheit von dieſem Oß, und der wird ſehr bald abgeſetzt ſein. ‟
„ Das mag ſchon ſein, ſo lange halten wir’s wohl aus. Aber die Hauptverordnung bleibt doch beſtehen, und dagegen iſt nichts zu machen. Jch mein’ ſo, den Oß werden ſie ſchon wegjagen, vielleicht gar bald, denn der Herr Bezirkshauptmann reiſt heute nach Wien und wenn nötig nach Berlin. Aber inzwiſchen müſſen wir folgen. Denn wenn ſich Einer was gegen den Oß herausnähme, und es ginge auch nachher dem Oß ſchlecht, ſo ginge es uns doch noch ſchlechter. Wir würden wegen Aufruhr nach Afrika oder ſonſt wohin geſchickt. Alſo laſſen wir’s lieber. Habe die Ehre! ‟
Damit lüftete er den Hut und wollte ſich entfernen. Gleich darauf wandte er ſich jedoch zurück und ſagte mit einem fragenden Blick:
„ Verzeihen Sie, ich irre mich doch wohl nicht, ſind Sie nicht der Herr von Saltner? ‟
„ Mein Name iſt Saltner. ‟
„ Dann nehmen Sie’s nicht übel, wenn ich mir einen Rat erlaube — Sie ſind ja doch auf dem Mars geweſen, und da muß wohl irgend etwas paſ - ſiert ſein — nehmen Sie ſich nur vor dem Oß in Acht, ich weiß, daß der ſich ſchon mehrfach erkundigt334Achtundvierzigſtes Kapitel.hat, ob Sie nicht hier ſind — der muß irgend etwas gegen Sie haben. Laſſen Sie ſich lieber nicht hier ſehen, es kann ja nur ein paar Tage dauern, bis der Mann abgeſetzt iſt. ‟ Und vertraulicher fuhr er fort:
„ Sie haben ja vollſtändig recht, ich weiß, daß dieſe Bekanntmachung zu Unrecht beſteht und der Oß den Erdkoller hat — ich bin nämlich der Doktor Schauthaler — ‟
„ Ach ja wohl ‟, ſagte Saltner, „ ich erinnere mich jetzt ſehr wohl, entſchuldigen Sie, daß ich Sie nicht gleich erkannte. ‟
„ Bitte ſehr. Nun alſo, ſolche Ausſchreitung wird ja rektifiziert werden. Aber laſſen wir uns dadurch zu irgend einer eigenmächtigen Handlung hinreißen, ſo würde uns das trotzdem ſehr ſchlecht bekommen. Des - wegen verſuch’ ich mein Möglichſtes, unſre Mitbürger zu beruhigen. Wenn Sie indeſſen etwas thun wollen, ſo bringen Sie ſich ſelbſt in Sicherheit, bis der Mann hier keine Gewalt mehr hat; vorläufig hat er ſie nun einmal, und Sie ſind dagegen ohnmächtig. Sie ſind ja doch mit dem Herrn Kultor befreundet, reiſen Sie ſofort zu ihm — in zehn Minuten kommt der Blitz - zug von Venedig — das Luftſchiff dürfen Sie jetzt nicht benutzen — aber auch ſo ſind Sie morgen in Berlin — ‟
„ Jch danke Jhnen ſehr für den Rat, Herr Doktor, nur kann ich ihn leider nicht ſogleich befolgen. Jch habe hier zunächſt unaufſchiebbare Geſchäfte — aber ich werde dann — ‟
„ Dann, Herr von Saltner, dann? Sie wiſſen nicht, ob Sie dann noch ein freier Mann ſind — ‟
335Der Jnſtruktor von Bozen.„ Das wollen wir doch ſehen! Da können Sie ganz unbeſorgt ſein! ‟
„ Was nützt es Jhnen, wenn der Oß in ein paar Tagen vor das Disziplinargericht geſtellt wird, und Sie ſind inzwiſchen irgendwie verunglückt? ‟
„ Jch verunglücke nicht ſo leicht. Aber was will denn der Mann von mir? ‟
„ Jch weiß es nicht. Jch weiß nur privatim durch den Bezirkshauptmann, daß Sie geſucht werden, aber amtlich iſt es nicht. Es muß irgend etwas ſein, worüber der Oß vorläufig nicht reden will. ‟
Saltner runzelte die Stirn. „ Nun, wie geſagt, ich danke Jhnen und will mich vorſehen. Jetzt ent - ſchuldigen Sie mich, ich darf nicht länger zögern. ‟
Er ſchritt eilend durch die Straßen der Stadt, ohne auf die Umgebung zu achten. Was konnte dieſer Oß von ihm wollen? Wo hatte er ihn geſehen? Oß war ja der Name des Kapitäns geweſen, auf deſſen Raumſchiff „ Meteor ‟ Saltner die Reiſe nach dem Mars gemacht hatte, und dann war er ihm manchmal in Fru’s Hauſe begegnet. Sollte es derſelbe ſein? Er hatte mit ihm ſich ganz gut unterhalten, und der tüchtige, wenngleich etwas ſelbſtbewußte Mann war mit La und Se immer ſehr vertraut geweſen. Mit Se? Sein Gewiſſen ſchlug ihm. Das war das Ein - zige, was er ſich hatte zu ſchulden kommen laſſen, die Belauſchung der Schießverſuche und die Flucht aus dem als Ziel dienenden Schiffe. Aber dann hätte ihn Se verraten müſſen, das war unmöglich, ganz un - möglich.
336Achtundvierzigſtes Kapitel.Saltner hatte die Stadt durchſchritten und betrat die Brücke, welche über die Talfer führt. Drüben, jenſeits des Fluſſes, wohnte ſeine Mutter. Sie war diesmal ſchon früher als ſonſt von dem kleinen Häus - chen, das ſie oben in den Bergen beſaß, in die Stadt herabgezogen, er ſelbſt hatte noch den Umzug mit ihr beſorgt und war dann auf eine Studienreiſe gegangen. Was war nun geſchehen?
Es fiel ihm auf, wie leer die Brücke war, auf der ſonſt um dieſe Zeit, gegen Abend, ein reger Verkehr herrſchte. Als er die Mitte überſchritten hatte, blieb er ſtehen und wandte ſich nach alter Gewohnheit rück - wärts, um einen Blick auf das entzückende Panorama zu werfen. Freudig hing ſein Auge, über die alter - tümlichen Giebel der Stadt wegſchweifend, an den rötlich ſchimmernden Zacken und Zinnen der Dolo - miten, die der Roſengarten kühn in die Luft ſtreckte, und ſeine Seele ſchwebte über den freien Höhen. Aber er durfte nicht lange weilen. Die Sorge um die Mutter trieb ihn vorwärts.
Wenige Schritte hatte er zurückgelegt, als ihm einige Leute entgegenkamen, die eilend an ihm vor - über der Stadt zu ſchritten und ihn durch Winke zur Umkehr aufforderten. Er achtete nicht darauf, ſondern richtete ſeine Aufmerkſamkeit auf einen ſeltſamen Auf - zug, der jetzt aus den Talfer-Anlagen herauskommend die Brücke betrat. Eine Anzahl Neugierige, halb - wüchſige Jungen, liefen voran, hielten ſich aber immer in reſpektvoller Entfernung. Dann folgte auf einem Akkumulator-Dreirad ein Martier mit ſeinem diaba -337Der Jnſtruktor von Bozen.riſchen Glockenhelm, ein rieſiger Bed oder Wüſten - bewohner, der hier ähnliche Dienſte verrichtete, wie die Kawaſſen der Konſuln in der Türkei. Er ſchwang ein langes Rohr mit einem Fähnchen in der Hand, wo - mit er die Begegnenden bedeutete, ſchleunigſt zur Seite zu weichen. Darauf folgte ein vierrädriger elektriſcher Wagen, auf deſſen Polſter in bequemer Stellung der Jnſtruktor und zur Zeit Tyrann von Bozen, der Nume Oß, ruhte, ebenfalls von dem Glockenhelm gegen die Erdſchwere geſchützt. Den Beſchluß bildete wieder ein Bed auf ſeinem Dreirad.
Saltner erkannte auf den erſten Blick, daß er wirklich ſeinen alten Bekannten, den ehemaligen Kapitän des Raumſchiffs „ Meteor ‟, vor ſich hatte. Er trat zur Seite in die halbkreisförmige Ausbuchtung eines Brückenpfeilers, um den Zug an ſich vorüber zu laſſen. Dem voranfahrenden Bed erſchien jedoch die Ent - fernung noch nicht genügend, er winkte mit ſeiner Fahne und rief ſein eintöniges: „ Entfernt euch! ‟ Saltner blieb ruhig ſtehen. Er ſtreckte den linken Arm gegen den Bed aus und wandte ihm die Hand - fläche mit geſpreizten Fingern zu. Der Bed ſtutzte. Das war ein nur bei den Numen gebräuchliches Zeichen und bedeutete ungefähr ſoviel als: „ Dein Auftrag geht mich nichts an, ich beſitze eine weitergehende Vollmacht. ‟ Dann rief er ihm auf martiſch in entſchiedenem Tone zu: „ Fahr zu, ich bin ein alter Freund Deines Herrn. ‟
Der Bed wußte nicht recht, was er davon denken ſollte, ließ ſich jedoch in der Meinung, es vielleicht mit einem Numen zu thun zu haben, einſchüchternLaßwitz, Auf zwei Planeten. 49338Achtundvierzigſtes Kapitel.und fuhr weiter. Saltner, den ſein Stolz verhindert hatte, ſich fortweiſen zu laſſen, wollte doch lieber die Begegnung mit Oß vermeiden und blickte über das Geländer der Brücke in die Landſchaft, indem er dem Wagen den Rücken zukehrte. Oß dagegen hemmte den Wagen und herrſchte Saltner an:
„ Kann der Bat nicht grüßen! ‟
Saltner trat jetzt ohne weiteres auf den Wagen von Oß zu, grüßte höflich nach martiſcher Sitte und ſagte, ebenfalls martiſch ſprechend ganz unbefangen:
„ Es freut mich ſehr, einem alten Bekannten zu begegnen. Wie geht es Jhnen, Oß? ‟
Dabei ſah er ihn, die Augen ſoweit wie möglich aufreißend, unverwandt an.
Oß hatte Saltner ſofort erkannt. Jn ſeinen Augen blitzte es unheimlich, indem er ſeinen Blick auf Saltner richtete, als ob er ihn niederſchmettern wolle. Aber Saltner kannte die Augen der Nume. Dieſes unruhige Funkeln war nicht der reine Blick des Numen, aus dem der ſittliche Wille ſprach, er war getrübt von etwas Krankhaftem, Selbſtiſchem und beſaß nicht mehr die Kraft, den des Rechts ſich bewußten Menſchen - willen zu beugen. Er hielt den Blick aus, während Oß in hochmütigen Worten ihn anherrſchte:
„ Was fällt dem Bat ein? Wer ſind Sie? Wiſſen Sie nicht, daß Sie ſich ſechs Schritt entfernt zu halten und überhaupt nicht mit mir zu reden haben? Ent - fernen Sie ſich ſofort, oder — ‟
Er griff nach dem Telelytrevolver in ſeiner Taſche.
Saltner trat, jede Bewegung von Oß genau im339Der Jnſtruktor von Bozen.Auge behaltend, vorläufig einen Schritt zurück und ſagte laut, jetzt auf deutſch, von dem er wußte, daß Oß, wie jeder Jnſtruktor im deutſchen Sprachgebiete, es verſtand, ſo laut, daß es bis zu den Neugierigen vor und hinter dem Zuge ſchallte:
„ Sie ſcheinen mich nicht mehr kennen zu wollen. Geſtatten Sie, daß ich Jhrem Gedächtnis nachhelfe. Mein Name iſt Joſef Saltner, Ehrengaſt der Mars - ſtaaten auf Beſchluß des Zentralrats mit allen Rechten des Numen, und hier iſt mein Paß, lautend auf zwei Marsjahre, unterzeichnet von Jll, zur Zeit Protektor der Erde. Bitte, mit dem gehörigen Reſpekt zu betrachten. ‟
Er zog aus ſeiner Taſche das nach Art der Mars - bücher an einem Griff befindliche Täfelchen und ließ es aufklappen.
„ Der Paß iſt noch nicht abgelaufen ‟, ſagte er darauf leiſer, „ ich denke, Sie laſſen jetzt das Ding ſtecken. Erkennen Sie mich nun wieder? ‟
Dabei trat er unmittelbar an den Wagen heran. Er ſah, welche Überwindung es Oß koſtete ſich zu be - zwingen, aber dieſem Dokument gegenüber blieb ihm kein andrer Ausweg. Oß verſuchte jetzt möglichſt un - befangen zu lächeln und ſagte:
„ Ach, Sie ſind Sal — entſchuldigen Sie, daß ich Sie nicht gleich erkannte. Das iſt etwas anderes. Es freut mich ſehr, Sie zu ſehen. Aber warum be - ehren Sie mich nicht in meinem Hauſe? Hier auf der Straße bin ich gezwungen, ſehr vorſichtig zu ſein, Sie werden ja wiſſen — ‟
49*340Achtundvierzigſtes Kapitel.„ Die Begegnung überraſchte mich, entſchuldigen Sie daher dieſe formloſe Begrüßung auf der Straße. Jch konnte nicht annehmen, daß der Unterzeichner jener Verordnung identiſch ſei mit dem Oß, den ich — ‟
„ Herr, Sie ſprechen in einem Tone, den ich zurück - weiſe. ‟
„ Das nützt Jhnen nichts. Sie wiſſen ſo gut wie ich, daß derartigen Befehlen niemand folge zu leiſten braucht. ‟
„ Jch verbitte mir alle Einmiſchung in meine An - gelegenheiten. Jch bin hier der alleinige Befehlshaber und werde Jhren Widerſpruch bändigen. Wenn Sie auch durch Jhren Paß dagegen geſchützt ſind, von meiner bisherigen Verordnung getroffen zu werden, ſo hindert mich doch nichts, über Sie ſelbſt einen ſpeziellen Befehl auszuſprechen, ſo lange Sie ſich in dem mir unterſtellten Bezirke befinden. Merken Sie ſich das. Jch habe Sie im Verdacht, gegen amtliche Anordnungen aufzuwiegeln. Sie werden ſich deshalb noch heute zu verantworten haben. ‟
Ohne Saltner Zeit zu einer Antwort zu laſſen, hatte Oß bereits ſeinen Wagen in Gang geſetzt und fuhr davon. Saltner blickte ihm ſpöttiſch nach und ſchritt dann eilig weiter. Wenige Minuten ſpäter ſtand er vor dem Hauſe ſeiner Mutter. Es war ein altes, nicht großes Haus. Jm unteren Stockwerk wohnte Frau Saltner mit ihrer Bedienung, einer älteren Frau. Das obere wurde im Winter an Kur - gäſte vermietet, war aber jetzt noch unbeſetzt. Saltner hatte den Hausflur ſchnell durchſchritten und die Thür341Der Jnſtruktor von Bozen.des Wohnzimmers geöffnet. Es war leer. Der Platz an dem nach dem Garten ſich öffnenden Fenſter, an dem ſeine Mutter den größten Teil des Tages zu ſitzen pflegte, war unbeſetzt. Saltner erſchrak. Sollte ſie krank ſein und zu Bett liegen? Er ſchaute vor - ſichtig, um nicht zu ſtören, in das Schlafzimmer, aber auch hier war niemand. Beſorgt durchſuchte er nun das ganze Haus, weder ſeine Mutter noch ihre alte Magd und Gehilfin, die Kathrin, waren zu finden. Aber auch der Karo, der Hund, war nicht da, der ſonſt jeden Kommenden durch ſein Gebell anmeldete und ihm ſicher zuerſt entgegengeſprungen wäre. Wären die Frauen beide ausgegangen, ſo hätten ſie gewiß das Haus verſchloſſen. Doch vielleicht waren ſie nur auf einen Augenblick in den Garten gegangen. Eben wollte ſich Saltner Gewißheit holen, als ſich die Hinter - thür des Hauſes öffnete und die Kathrin hereintrat. Der Korb mit Obſt, den ſie trug, entfiel faſt ihren Händen, ſo ſchnell ſetzte ſie ihn zu Boden, als ſie Saltner erblickte.
„ Gelobt ſei die heilige Jungfrau! ‟ rief ſie aus, „ da iſt ja der Herr Joſef. ‟
„ Grüß Gott, Kathrin ‟, ſagte Saltner. „ Wo iſt denn die Mutter? Es fehlt ihr doch nichts? ‟
Die Dienerin brach ſogleich in einen Thränen - ſtrom aus.
„ Sie haben ſie ja, Sie haben ſie ja! ‟ rief ſie unter Schluchzen.
„ Was haben ſie denn? So reden Sie doch ſchon! Kommen Sie hier herein, Kathrin, und reden Sie ver - nünftig. ‟
342Achtundvierzigſtes Kapitel.Die Frau trat in das Zimmer, aber aus ihrem von Weinen unterbrochenen Redeſchwall konnte Saltner zunächſt nichts verſtehen als unzuſammenhängende Worte, wie „ mit dem Karo hat’s angefangen ‟, „ in den Arm wollen ſie ſtechen ‟, „ den Hund habens ge - nommen ‟, „ mich wollens auch impfen ‟, „ ſie haben ſie ‟, „ im Labratorium ‟ und „ wenn ſie der Herr Joſef nicht ſchnell herausholt, ſo werden ſie ſie doch noch braten ‟ und „ fünfhundert Gulden ſollt’ ſie zahlen ‟. Endlich beruhigte ſie ſich ſoweit, daß Salt - ner über den Zuſammenhang allmählich klar wurde.
„ Mit dem Karo hat’s angefangen. ‟ Die Hunde waren den Numen ein Greuel. War ihnen ſchon die Berührung mit Tieren überhaupt ein Zeichen der Barbarei, ſo waren ihnen die Hunde wegen ihres ekelhaften Treibens auf der Straße und ihres abſcheu - lichen Gekläffs ganz beſonders verhaßt. Sie machten ihnen den Aufenthalt auf der Erde um ſo unleidlicher, als ſie auch ihrerſeits gegen die Martier eine beſon - dere Abneigung zu haben ſchienen und ſie überall mit ihrem Gebell verfolgten. Es waren deswegen ſchon überall einſchränkende Beſtimmungen über das Herum - treiben der Hunde auf der Straße ergangen. Oß aber hatte kurzen Prozeß gemacht, nachdem er einmal von einem Hunde angefallen worden war, und die Tötung aller Hunde befohlen. Dies war kurz nach Saltners Abreiſe geſchehen, und das erſte Zeichen der bei Oß im Ausbruch begriffenen nervöſen Ueberreizung geweſen. Die Polizeimannſchaften führten den Befehl möglichſt langſam und abſichtlich ungeſchickt aus und wußten343Der Jnſtruktor von Bozen.es ſo einzurichten, daß viele ihre Lieblinge rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Das Haus von Frau Saltner hatte ſich aber Oß einmal zeigen laſſen und dabei den Hund bemerkt, ja er hatte dann gefragt, ob denn das Vieh noch nicht totgeſchoſſen ſei. So mußte der arme Karo als ein Opfer zur Ziviliſation der Menſchheit fallen. Das hatte nun die Frauen, die innigſt an dem Hunde hingen, in größte Auf - regung verſetzt. Frau Saltner war ganz melancholiſch geworden und wurde von einer krankhaften Aengſtlich - keit ergriffen, ſobald jemand in das Haus trat.
Nun war die Verordnung über das Jmpfen ge - kommen. Unglücklicherweiſe war ihr Straßenviertel das erſte geweſen, in welchem die Jmpfung vollzogen wurde. Sie ſtellte ſich dies als eine fürchterliche Operation vor und ſchickte zu einem Freunde Saltners, um ſich Rat zu holen, was ſie thun ſolle. Alle ſeine Vorſtellungen waren vergebens, ſie ließ ſich nicht be - reden, ebenſowenig wie Kathrin, zu dem Termin zu gehen, und der Freund wußte nichts beſſeres zu thun, als an Saltner zu telegraphieren. Jnzwiſchen war der Termin verfallen, und Frau Saltner wie ihre Dienerin wurden zu je fünfhundert Gulden Strafe verurteilt. Nun gab es erſt recht ein großes Weh - klagen, das Geld war, zumal in Saltners Abweſen - heit, nicht zur Stelle zu ſchaffen, und die beiden Frauen ſollten in das pſychophyſiſche Laboratorium zur Abbüßung der Strafe und zur Vollziehung der Jmpfung abgeholt werden.
Die Beamten, welche die Anordnungen des Jnſtruk -344Achtundvierzigſtes Kapitel.tors nur widerwillig vollzogen, hätten es gern geſehen, wenn die Frauen ſich auf irgend eine Weiſe unſicht - bar gemacht hätten. Und als ſie endlich in das Haus traten, hatte ſich auch Kathrin verſteckt und war nicht zu finden. Frau Saltner aber ſaß auf ihrem Platze und ſagte nur: „ Jch bin eine alte Frau und geh nicht eher hier fort, bis mein Sohn kommt. Jhr könnt machen, was ihr wollt. ‟
Da ſie keine andre Antwort erhielten und gegen die alte Frau, noch dazu die Mutter eines in der ganzen Umgegend gekannten und beliebten Mannes, keine Gewalt brauchen wollten, entfernten ſie ſich wieder und brachten irgend eine Entſchuldigung vor. Es war aber, als ob der Jnſtruktor alles herausſuchte, womit er Saltner Kränkungen bereiten konnte, ſo daß er ſich perſönlich um die Einzelheiten kümmerte, wenn Saltner in Frage kam. Er ſchickte einen der Aſſiſtenten des Laboratoriums, einen jungen Nume, der hier ſeine Studien machte, mit ſeinen beiden Beds ab, und Frau Saltner wurde in einem Krankenſtuhl in das Labora - torium geſchafft.
„ Sie haben es gewagt, dieſe Schufte? ‟ rief Saltner wütend. „ Eine faſt ſiebzigjährige Frau! Und das nennt ſich Nume! Und was hat denn die Mutter geſagt? ‟
„ Gar nichts hat ſie geſagt ‟, antwortete Kathrin unter neuem Schluchzen, „ als nur immer, mein Joſef, mein armer Joſef, und, ich überleb’s nimmer, und ge - weint hat ſie, aber geſagt hat ſie nichts mehr. ‟
Saltner ſtand ſtumm und überlegte, was zu thun345Der Jnſtruktor von Bozen.ſei. Die Thränen traten ihm in die Augen, wenn er an die Angſt dachte, die ſeine Mutter ausſtand. Er wußte ja, daß ihr thatſächlich nichts geſchehe, daß man ſie als eine Kranke behandeln würde und ſie vielleicht ſicherer aufgehoben ſei als zu Hauſe. Denn wenn auch Oß unzurechnungsfähig war, der Leiter des La - boratoriums war ein Arzt, ein wohlwollender Mann, der ſeine Aufgabe ernſt im Sinne von Ell nahm, und die Strafanſtalt, als welche das Laboratorium diente, mit Rückſicht auf jeden individuellen Fall leitete. Aber die Angſt, die Furcht, die Vorſtellungen, die ſich ſeine Mutter machen mochte, und die Kränkung! Das konnte wirklich ihr Tod ſein. Nicht eine Stunde länger wollte er ſie in dieſer Beſorgnis allein laſſen, er mußte ſie herausholen.
Kathrin begann aufs neue zu jammern.
„ Jſt es denn wahr, Herr Joſef, im Labratorium, daß die Leute da gebraten werden — ‟
„ Reden Sie nicht ſo dummes Zeug, Kathrin, gar nichts geſchieht ihnen, als daß ſie ein bischen beob - achtet werden, wie der Puls geht, wenn ſie ſo oder ſo liegen, oder wenn ſie kopfrechnen — ‟
„ Kopfrechnen, Jeſus Maria, das könnt’ ich nun ſchon gar nicht. ‟
„ Jedenfalls ſeien Sie ſtill und hören Sie, was ich ſage, aber paſſen Sie genau auf. Jch werde jetzt gleich die Mutter holen. ‟
„ Ach Herr Joſef, Sie werden ſich doch nicht dahin wagen! ‟
Aber Saltner ſprach nicht ſogleich weiter. Er ging346Achtundvierzigſtes Kapitel.im Zimmer auf und ab, während Kathrin lamentierte, und dachte ſeinen Entſchluß genau durch. Er dachte an die Warnung Schauthalers und an die Begegnung mit Oß und ſagte ſich, daß er ſelbſt keinen Augenblick ſicher ſei. Aber die Mutter durfte er nicht ohne die größte Gefahr für ihre Geſundheit länger in ihrer Angſt und Einſamkeit laſſen. Er mußte ſie und zu - gleich ſich in Sicherheit bringen. Er war in Sicher - heit, ſobald er das Gebiet verlaſſen hatte, das Oß unterſtellt war. Die Jnſtruktoren der Nachbargebiete würden ſolchen ungeſetzlichen Forderungen nicht nach - geben, außerdem konnte er ſich auch einige Zeit im Verborgenen halten. Er mußte ſich nur hüten etwas zu thun, was von der Oberbehörde der Nume aus verboten war, denn dadurch hätte er ſich auf der ganzen Erde der Verfolgung ausgeſetzt. Sonſt aber kam es allein darauf an, den Bezirk von Oß zu vermeiden, bis dieſer abgeſetzt war. Dieſer Bezirk erſtreckte ſich über das weſtliche Südtirol, fiel aber nicht mit der öſter - reichiſchen Landesgrenze zuſammen, ſondern reichte nur bis an die Grenzen des deutſchen Sprachgebiets. Dieſe lief in wenigen Stunden Entfernung im Weſten, Süden und Oſten über die Berge. Dahinter war italieniſches Sprachgebiet, das einem Kultor in Rom unterſtand. Ueber dieſe Grenze mußte er zunächſt und auf der Stelle.
Saltner ging an die Hausthür, die er verſchloß, ebenſo verſchloß er, ſoweit dies Kathrin nicht ſchon gethan hatte, die Fenſterläden. Aus einer Kaſſette in ſeinem Schreibtiſch nahm er Papiere, die er zu ſich347Der Jnſtruktor von Bozen.ſteckte. Dann ging er in den Garten und rief die Dienerin zu ſich.
„ Kathrin ‟, ſagte er, „ nun ſeien Sie ganz ſtill und thuen Sie genau, was ich ſage. Jch werde die Mutter und Sie in Sicherheit bringen, aber wenn Sie nicht genau alles thun, kommen Sie doch noch ins Labratorium. Schon gut! Jetzt gehen Sie — aber hier hinten zum Garten hinaus — zum Rieſer und ſagen ihm, er möchte ſogleich einſpannen und mit dem Wagen hinten am Thor, wo’s nach der Meraner Straße geht, warten. Jn einer halben Stunde iſt’s dunkel, dann komme ich. Es wäre aber eine wichtige und geheime Sache, er wird ſich’s ſchon denken. Dann laufen Sie ſchnell — iſt der Palaoro zu Haus, der Sohn, mein ich? ‟
„ Er wird ſchon zu Haus ſein. Es giebt jetzt wenig Touren. ‟
„ Er ſoll mit zwei zuverläſſigen Leuten und zwei Maultieren mit Frauenſätteln ſogleich nach Andrian aufbrechen, und wenn ich noch nicht da bin, mich dort erwarten. Er ſoll auch den Schlüſſel zur kleinen Hütte mitnehmen. Dann laufen Sie gleich wieder nach Hauſe, aber von hinten herein, und nehmen die Decken und etwas Zeug für die Mutter und für ſich, aber nur ein kleines Bündel — etwas zu eſſen ſoll der Rieſer beſorgen — und kommen wieder zum Rieſer, wo der Wagen hält. Und das Weitere wird ſich finden. Haben Sie alles verſtanden? ‟
„ Ganz genau, Herr Joſef, ich laufe bald. ‟
[348]Saltner verließ durch die Hinterthür des Gartens ſeine Wohnung. Jn wenigen Minuten ſtand er vor der Kaſerne, die jetzt den Martiern als Labo - ratorium, Schule und Strafanſtalt diente. Er trat in das Wartezimmer und verlangte den dirigierenden Arzt oder deſſen Stellvertreter zu ſprechen.
Beide hatten bereits die Anſtalt verlaſſen und ſich in die Stadt begeben. Der zweite Aſſiſtent, ein ganz junger Mann, der erſt vor kurzem vom Mars ge - kommen war, empfing ihn. Saltner ſtellte ſich vor und legitimierte ſich durch ſeinen Paß. Der junge Nume wurde außerordentlich höflich und etwas ver - legen. Er ſagte ſogleich: „ Sie kommen gewiß wegen Jhrer Frau Mutter. Jch muß geſtehen, ich weiß nicht recht, wie es zuſammenhängt, daß Jhre Frau Mutter hier feſtgehalten wird, wir wiſſen ja doch alle, mit welchen Ehren Sie als der erſte Bat auf dem Nu empfangen wurden — aber es liegt ein ausdrück - licher Befehl des Jnſtruktors vor. ‟
349Die Flucht in die Berge.„ Das hängt einfach ſo zuſammen ‟, ſagte Saltner, „ daß ich verreiſt war und meine Mutter mit den Verhältniſſen nicht Beſcheid wußte, auch während meiner Abweſenheit nicht über die Mittel verfügte, die ge - forderte Geldſtrafe wegen des verſäumten Termins zu bezahlen. Jch komme jetzt, um meine Mutter abzu - holen, und deponiere hier Obligationen im Betrage von tauſend Gulden für meine Mutter und unſere Dienerin Katharina Wackner, mit dem Vorbehalt, die Giltigkeit der Verordnung auf dem Rechtswege zu beſtreiten. Wollen Sie die Güte haben, meine Mutter holen zu laſſen. ‟
„ Jch bin ſehr gern bereit, Sie zu Jhrer Frau Mutter zu führen, aber das Geld kann ich nicht an - nehmen, Sie müſſen dasſelbe auf der Bezirkskaſſe de - ponieren, auf den erhaltenen Schein wird die Ent - laſſung verfügt werden. Jch bin dazu nicht ermäch - tigt. ‟
„ Das iſt aber äußerſt fatal. Jch kann meine Mutter keinen Augenblick länger hier laſſen, ſie wird dadurch im höchſten Grade deprimiert, und es ſteht für ihre Geſundheit das Schlimmſte zu befürchten. ‟
„ Jch muß zugeben, es wäre ſehr wünſchenswert, daß Jhre Frau Mutter zu Jhnen käme — unſrer - ſeits würden wir ja gern ſofort — wenn nicht — ‟ er zuckte mit einem bedeutungsvollen Blicke die Ach - ſeln — „ Jndeſſen, es wird ſie beruhigen, wenn ich Sie inzwiſchen zu ihr führe. Jch möchte Jhnen gern in jeder Hinſicht gefällig ſein und Jhnen daher fol - gendes vorſchlagen. Um zehn Uhr kommt der Direktor350Neunundvierzigſtes Kapitel.zurück, es ſind dann noch einige Schlaf - und Traum - verſuche anzuſtellen. Jnzwiſchen fahre ich mit dem Gelde nach der Kaſſe, vielleicht treffe ich noch einen Beamten, ich beſorge Jhnen den Schein, und darauf wird der Direktor die Entlaſſung verfügen. ‟
„ Sie ſind außerordentlich liebenswürdig ‟, ſagte Saltner. „ Es iſt nur fraglich, ob es nicht ſchon zu ſpät am Tage iſt — wollen Sie mir nicht auf Jhre Verantwortung meine Mutter anvertrauen? ‟
„ Das iſt mir ganz unmöglich, ſo gern ich möchte. ‟
„ Nun ‟, ſagte Saltner mit einem Geſichte, das wenig Freude verriet, „ dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Jhr freundliches Anerbieten anzunehmen. ‟
„ Sehr gern. Sobald ich Sie zu Jhrer Mutter gebracht habe, fahre ich, und in einer halben Stunde bin ich wieder hier. ‟
Saltner war in verzweifelter Stimmung. Er konnte das Anerbieten des Numen nicht ablehnen, aber er konnte auch unmöglich dieſe Entwicklung der Ange - legenheit abwarten. Denn abgeſehen davon, daß ſich heute vielleicht überhaupt nichts mehr erreichen ließ, ſo mußten doch noch gegen zwei Stunden vergehen, ehe die Entlaſſung vom Direktor zu erhalten war. Das war für Saltner ſo gut als die Vereitelung ſeiner Rettung. Denn ſelbſt wenn, was keineswegs ausge - ſchloſſen war, Oß von der Zahlung nichts erfuhr, ſo mußte doch Saltner mit Gewißheit annehmen, daß noch in dieſer Stunde Oß ſeine Drohung ausführen und ihn perſönlich zur Rechenſchaft ziehen würde. Vermutlich war ſein Haus jetzt ſchon beſetzt; wenn er351Die Flucht in die Berge.nicht zurückkehrte, ſo würde man ihn ſicher bei ſeiner Mutter ſuchen; er konnte jeden Augenblick erwarten, daß man ihn auf Grund einer beſonderen Ordre, die der Jnſtruktor durchſetzen würde, hier verhaften werde. Jede Minute war ihm koſtbar. Das ging ihm durch den Kopf, während er mit dem Aſſiſtenten durch die Korridore nach dem Zimmer ſeiner Mutter ſchritt.
Der Nume blieb vor einer Thür ſtehen.
„ Hier iſt es ‟, ſagte er, „ gehen Sie allein hinein. Jch will inzwiſchen in Jhrem Jntereſſe eilen. ‟
Saltner ſchoß ein Gedanke durch den Kopf.
„ Geſtatten Sie noch eine Frage ‟, ſagte er. „ Wer vertritt Sie in Jhrer Abweſenheit von hier? ‟
„ Dr. Frank, der frühere Stabsarzt. ‟
„ Jch kenne ihn. Jch möchte mit ihm über meine Mutter ſprechen; würden Sie die Güte haben, ihm ſagen zu laſſen, daß er ſich hierher bemühe? ‟
„ Sehr gern. ‟ Der Nume verabſchiedete ſich.
Saltner blieb kurze Zeit pochenden Herzens vor der Thür ſtehen.
Leiſe klopfte er an. Es erfolgte keine Antwort. Er öffnete die Thür geräuſchlos und trat in das Zimmer. Es war faſt dunkel, nur ein letzter Schein der Dämmerung ließ noch einen unſichern Ueberblick zu. Ueber einem Betſtuhl in der Ecke brannte eine ewige Lampe. Davor kniete Frau Saltner, in inbrün - ſtigem Gebet begriffen. Er hörte ſie leiſe Worte murmeln.
Saltner wagte kaum zu atmen. Seine Augen füllten ſich mit Thränen. Und doch hing vielleicht alles an einer Minute.
352Neunundvierzigſtes Kapitel.„ Mutter ‟, ſagte er leiſe.
Jhre Lippen verſtummten. Jhr Blick richtete ſich wie verzückt nach oben.
„ Mutter ‟, wiederholte er. „ Jch bin’s, der Joſef. ‟
Sie blieb in ihrer Stellung, als fürchtete ſie, durch eine Bewegung die Erſcheinung zu verſcheuchen.
„ Es iſt ſeine Stimme ‟, flüſterte ſie. „ Die heilige Jungfrau hat mein Gebet erhört.