PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
DIE GRUNDLAGEN DES NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS
I. HÄLFTE
[II][III]
DIE GRUNDLAGEN DES Neunzehnten Jahrhunderts
I. HÄLFTE
Wir bekennen uns zu dem Geschlecht, das aus dem Dunkeln ins Helle strebt. (GOETHE. )
[figure]
MÜNCHENVERLAGSANSTALT F. BRUCKMANN A. -G. 1899
[IV]

BRUCKMANN’SCHE BUCH - UND KUNSTDRUCKEREI MÜNCHEN

[V]

Dem Physiologen Hofrat Professor Doktor JULIUS WIESNER derzeit Rektor der Universität zu Wien in Verehrung und Dankbarkeit zugleich als Bekenntnis bestimmter wissenschaftlicher und philosophischer Überzeugungen zugeeignet.

[VI][VII]

VORWORT

Der Weisheitsliebende steht mitten inne zwischen dem Gelehrten und dem Ignoranten.
(Plato. )

Den Charakter dieses Buches bedingt der Umstand, dass sein Verfasser ein ungelehrter Mann ist. Gerade in seiner Ungelehrtheit schöpfte er den Mut zu einem Unternehmen, vor welchem mancher bessere Mann erschrocken hätte zurückweichen müssen. Nur musste natürlich der Verfasser selber hierüber Klarheit besitzen: sein Wollen musste er nach seinem Können richten. Das that er, eingedenk des Goethe’schen Wortes: » der geringste Mensch kann komplett sein, wenn er sich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten und Fertig - keiten bewegt «. Nicht einen Augenblick bildete er sich ein, seinem Buche komme wissenschaftlicher Wert zu. Hat er z. B. ziemlich viele Citate und Litteraturnachweise gegeben, so ist das teils zur Ergänzung allzu kurzer Ausführungen, teils als Anregung für ebenso ungelehrte Leser geschehen, manchmal auch als Stütze für Meinungen, die nicht Mode sind; noch eine Erwägung kam hinzu: ein Gelehrter, der über sein Specialfach schreibt ein Treitschke, ein F. A. Lange, ein Huxley kann auch ohne sich zu rechtfertigen Behauptungen aufstellen; hier durfte das nicht geschehen; erhält also an einigen Stellen das Buch durch die vielen Anmerkungen ein gelehrtes Aus - sehen, so wolle man darin nicht Anmassung sondern ihr Gegenteil erblicken. Ein Prunken mit Wissen und Belesenheit würde lächerlich bei einem Manne gewesen sein, dessen Wissen nicht aur die Quellen zurückgeht und dem stets als Ideal vorschwebte, nicht möglichst viel zu lesen, sondern so wenig wie nur irgend thunlich und bloss das Allerbeste.

Wer weiss, ob dem heute so verrufenen Dilettantismus nicht eine wichtige Aufgabe bevorsteht? Die Specialisation macht täglichVIIIVorwort.Fortschritte; das muss auch so sein. Wer diplomatische Geschichte schreibt, darf über wirtschaftliche Geschichte nicht mitreden, wer byzantinische Litteratur studiert, hat sich eine so anspruchsvolle Lebensaufgabe erwählt, dass er Schnitzer macht und von den be - treffenden Fachmännern zurechtgewiesen wird, sobald er auf frühere oder spätere Zeiten überzugreifen wagt, der Histolog ist heute nur in einem beschränkten, mehr oder weniger dilettantenhaften Sinne des Wortes Zoolog (und umgekehrt), der Systematiker vermag es nicht, wie früher, in der Physiologie etwas von Bedeutung zu leisten: mit einem Wort, die strengste Beschränkung ist jetzt das eiserne Gesetz aller exakten Wissenschaft. Wer sieht aber nicht ein, dass Wissen immer erst an den Grenzscheiden lebendiges Interesse gewinnt? Jedes Fachwissen ist an und für sich vollkommen gleichgültig; erst durch die Beziehung auf Anderes erhält es Bedeutung. Was sollten uns die zehntausend Thatsachen der Histologie, wenn sie nicht zu einer gedankenvolleren Auffassung der Anatomie und der Physiologie, zu einer sicherern Erkenntnis mancher Krankheitserscheinungen, zu psychologischen Beobachtungen und, im letzten Grunde, zu einer philosophischen Betrachtung allgemeiner Naturphänomene führten? Das trifft überall zu. Nie z. B. erwächst die Philologie zu so hoher Bedeutung für unser ganzes Denken und Thun, als wenn sie auf Probleme der Anthropologie und Ethnographie Anwendung findet und in unmittelbare Beziehung zur Prähistorie des Menschenge - schlechts, zur Rassenfrage, zur Psychologie der Sprache u. s. w. tritt; nirgends kann reine Naturwissenschaft gestaltend in das Leben der Gesellschaft eingreifen, ausser wo sie zu philosophischer Würde heranwächst, und da muss doch offenbar entweder der Philosoph nebenbei ein Naturforscher sein oder der Naturforscher philosophieren. Und so sehen wir denn die Fachmänner, obwohl sie es nach ihrer eigenen Lehre nicht dürften, obwohl sie nicht müde werden, das, was sie Dilettantismus heissen, mit dem höchsten Bann zu belegen, wir sehen sie überall ihre Grenzen überschreiten; wer recht auf - merksam nach allen Seiten hin beobachtet, wird die Überzeugung gewinnen, dass die gefährlichsten Dilettanten die Gelehrten selber sind. Zwar an eine mikrokosmische Zusammenfassung wagt sich heute Keiner von ihnen, auch die ihnen zunächst liegenden Fächer vermeiden sie ängstlich, in entfernte springen sie dagegen beherzt hinüber: Juristen sehen wir in der Philologie sich herumtummeln, Metaphysiker den Indologen Sanskrit lehren, Philologen über BotanikIXVorwort.und Zoologie mit beneidenswerter Nonchalance reden, Ärzte, deren Ordinationsstunden in urwäldlicher Ungestörtheit verlaufen, sich die Metaphysik zur Leichenschau vornehmen, Theologen über das Alter von Handschriften urteilen, wo man glauben sollte, nur ein historisch geübter Grapholog im Bunde mit einem Mikrochemiker besässe hierzu die Kompetenz, Psychologen, die in ihrem Leben keinen Seciersaal betraten, an die genaue Lokalisation der Gehirnfunktionen die interessantesten Hypothesen knüpfen Ja, was sehen wir bei den Berühmtesten unserer Zeit? Ein Darwin musste nolens volens Philosoph werden, sogar ein wenig Theolog, ein Schopen - hauer hielt seine » Vergleichende Anatomie « für seine beste Schrift, Hegel schrieb eine Weltgeschichte, Grimm widmete seine besten Jahre juristischen Aufgaben, Jhering, der grosse Rechtslehrer, fühlte sich nirgends so wohl wie beim Aufbau etymologischer und archäologischer Luftschlösser! Kurz, die Reaktion gegen die enge Knechtschaft der Wissenschaft bricht sich gerade bei den Gelehrten Bahn; nur die Mittelmässigen unter ihnen halten es dauernd in der Kerkerluft aus, die Begabten sehnen sich nach dem Leben und fühlen, dass jegliches Wissen nur durch die Berührung mit einem andern Wissen Gestalt und Sinn gewinnt.

Sollte nun ein aufrichtiger, offen eingestandener Dilettantismus nicht gewisse Vorzüge vor dem versteckten haben? Wird nicht die Situation eine hellere sein, wenn der Verfasser gleich erklärt: ich bin auf keinem Felde ein Fachgelehrter? Ist es nicht möglich, dass eine umfassende Ungelehrtheit einem grossen Komplex von Erscheinungen eher gerecht werden, dass sie bei der künstlerischen Gestaltung sich freier bewegen wird als eine Gelehrsamkeit, welche durch intensiv und lebenslänglich betriebenes Fachstudium dem Denken bestimmte Furchen eingegraben hat? Wenn nur nicht alle methodischen Grund - lagen fehlen, wenn die Absicht eine edle, nützliche ist, das Ziel ein klares, die Hand am Steuerruder eine feste, welche das Schiff zwischen der steilen Scylla der reinen Wissenschaft (einzig den ihr Geweihten erreichbar) und der Charybdis der Verflachung sicher hindurchzusteuern vermag, wenn aufopferungsvoller Fleiss dem Ganzen den Stempel ehr - licher Arbeit aufdrückt, dann darf der ungelehrte Mann ohne Scheu eingestehen, was ihn beschränkt, und dennoch auf Anerkennung hoffen.

Ganz ohne wissenschaftliche Schulung ist der Verfasser dieses Buches nicht, und, hat ihn auch eine Fügung des Schicksals aus der er -XVorwort.wählten Laufbahn entfernt, so hat er sich doch, neben dem unvergäng - lichen Eindruck der Methodik und der unbedingten Achtung vor den Thatsachen, welche die Naturforschung ihren Jüngern einprägt, für alle Wissenschaft Verehrung und leidenschaftliche Liebe bewahrt. Jedoch er durfte und er musste sich sagen, dass es etwas giebt, höher und heiliger als alles Wissen: das ist das Leben selbst. Was hier ge - schrieben steht, ist erlebt. Manche thatsächliche Angabe mag ein überkommener Irrtum, manches Urteil ein Vorurteil, manche Schluss - folgerung ein Denkfehler sein, ganz unwahr ist nichts; denn die verwaiste Vernunft lügt häufig, das volle Leben nie: ein bloss Ge - dachtes kann ein luftiges Nichts, die Irrfahrt eines losgerissenen Individuums sein, dagegen wurzelt ein tief Gefühltes in Ausser - und Überpersönlichem, und mag auch Vorurteil und Ignoranz die Deutung manchmal fehlgestalten, ein Kern lebendiger Wahrheit muss darin liegen.

Als Wappeninschrift hat der Verfasser den Spruch geerbt:

Spes et Fides.

Er deutet ihn auf das Menschengeschlecht. So lange es noch echte Germanen auf der Welt giebt, so lange können und wollen wir hoffen und glauben. 1)Über die genaue Bedeutung, welche in diesem Buche dem Worte » Germane « beigelegt wird, siehe das sechste Kapitel.Dies die Grundüberzeugung, aus der das vorliegende Werk hervorgegangen ist.

Was hier vorliegt, ist der erste Band eines umfassender gedachten Werkes, wie das die allgemeine Einleitung meldet. Dieser Band bildet aber ein durchaus selbständiges Ganzes, welches die » Grundlagen « der Strömungen, Ideen, Gestaltungen unseres Jahrhunderts behandelt. Der zweite Band wird erst dann erscheinen, wenn die vielen fach - männischen Sammelwerke über das neunzehnte Jahrhundert vollendet vorliegen, so dass ein zusammenfassender Überblick möglich wird, ohne die Gefahr, Wesentliches übersehen zu haben. Inzwischen bildet dieser Band eine Ergänzung zu jenen Specialerörterungen, sowie zu jedem Überblick über die Geschichte des Jahrhunderts, eine Er - gänzung, welche hoffentlich Manchem ebenso sehr Bedürfnis sein wird, wie es dem Verfasser Bedürfnis war, sich gerade über diese Grundlagen Klarheit zu verschaffen.

XIVorwort.

Es erübrigt noch festzustellen, dass dieses Buch sein Entstehen der Initiative des Verlegers, Herrn Hugo Bruckmann, verdankt. Kann er insofern von einer gewissen Verantwortlichkeit nicht freigesprochen werden, denn er hat dem Verfasser ein Ziel gesteckt, an das er sonst kaum zu denken gewagt hätte, so ist es Diesem zugleich ein Bedürfnis, seinem Freunde Bruckmann öffentlich für das Interesse und die Unterstützung zu danken, die er dem Werke in allen Stadien seiner Entstehung gewidmet hat. Warmen Dank schuldet der Ver - fasser ebenfalls seinem innig verehrten Freunde, Herrn Gymnasial - oberlehrer Otto Kuntze in Stettin, für die gewissenhafte Durchsicht des ganzen Manuskriptes, sowie für manchen wertvollen Wink.

Wien, im Herbst 1898.

Houston Stewart Chamberlain.

[XII][XIII]

INHALTSÜBERSICHT

Vorwort.

Allgemeine Einleitung.

Plan des Werkes S. 3. Der erste Band S. 6. Der Angelpunkt S. 7. Das Jahr 1200 S. 11. Zweiteilung des ersten Bandes S. 16. Der zweite Band S. 20. Anonyme Kräfte S. 22. Das Genie S. 26. Verallgemeinerungen S. 27. Das 19. Jahrhundert S. 30.

Erster Teil: Die Ursprünge. ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT.

Einleitendes. Historische Grundsätze S. 41. Hellas, Rom, Judäa S. 45. Geschichts - philosophie S. 48.

Erstes Kapitel: Hellenische Kunst und Philosophie.

Das Menschwerden S. 53. Tier und Mensch S. 56. Homer S. 63. Künstlerische Kultur S. 69. Das Gestalten S. 75. Plato S. 78. Aristoteles S. 82. Naturwissenschaft S. 83. Oeffentliches Leben S. 89. Geschichts - lügen S. 90. Verfall der Religion S. 98. Metaphysik S. 106. Theologie S. 112. Teleologie S. 115. Schlusswort S. 117.

Zweites Kapitel: Römisches Recht.

Disposition S. 121. Römische Geschichte S. 123. Römische Ideale S. 130. Der Kampf gegen die Semiten S. 137. Das kaiserliche Rom S. 146. Staatsrechtliches Erbe S. 149.

Juristische Technik S. 156. Naturrecht S. 159. Römisches Recht S. 163. Die Familie S. 172. Die Ehe S. 176. Das Weib S. 178. Poesie und Sprache S. 181. Zusammenfassung S. 185.

XIVInhaltsübersicht.

Drittes Kapitel: Die Erscheinung Christi.

Einleitendes S. 189. Die Religion der Erfahrung S. 191. Buddha und Christus S. 195. Buddha S. 197. Christus S. 199.

Die Galiläer S. 209. Religion S. 220. Christus kein Jude S. 227. Geschichtliche Religion S. 233. Der Wille bei den Semiten S. 241. Prophetismus S. 247. Christus ein Jude S. 247. Das 19. Jahrhundert S. 249.

ABSCHNITT II: DIE ERBEN.

Einleitendes.

S. 255.

Viertes Kapitel: Das Völkerchaos.

Wissenschaftliche Wirrnis S. 263. Bedeutung von Rasse S. 271. Die fünf Grundgesetze S. 277. Andere Einflüsse S. 288. Die Nation S. 290. Der Held S. 294. Das rassenlose Chaos S. 296. Lucian S. 298. Augustinus S. 304. Asketischer Wahn S. 308. Heiligkeit reiner Rasse S. 310. Die Germanen S. 313.

Fünftes Kapitel: Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

Die Judenfrage S. 323. Das » fremde Volk « S. 329. Historische Vogel - schau S. 332. Consensus ingeniorum S. 335. Fürsten und Adel S. 338. Innere Berührung S. 341. Wer ist der Jude? S. 342.

Gliederung der Untersuchung S. 345. Entstehung des Israeliten S. 348. Der echte Semit S. 355. Der Syrier S. 357. Der Amoriter S. 366. Ver - gleichende Zahlen S. 370. Rassenschuldbewusstsein S. 372. Homo syriacus S. 375. Homo europaeus S. 378. Homo arabicus S. 379. Homo judaeus S. 388. Exkurs über semitische Religion S. 391. Israel und Juda S. 415. Das Werden des Juden S. 421. Der neue Bund S. 435. Die Propheten S. 436. Die Rabbiner S. 441. Der Messianismus S. 445. Das Gesetz S. 451. Die Thora S. 453. Das Judentum S. 455.

Sechstes Kapitel: Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

Der Begriff » Germane « S. 463. Erweiterung des Begriffes S. 466. Der Keltogermane S. 467. Der Slavogermane S. 471. Die Reformation S. 477. Beschränkung des Begriffes S. 482. Das blonde Haar S. 486. Die Gestalt des Schädels S. 489. Rationelle Anthropologie S. 495. Physiognomik S. 499. Freiheit und Treue S. 502. Ideal und Praxis S. 509. Germane und Antigermane S. 511. Ignatius von Loyola S. 521. Rück - blick S. 528. Ausblick S. 529.

XVInhaltsübersicht.

ABSCHNITT III: DER KAMPF.

Einleitendes.

Leitende Grundsätze S. 535. Die Anarchie S. 536. Religion und Staat S. 539.

Siebentes Kapitel: Religion.

Christus und Christentum S. 545. Das religiöse Delirium S. 547. Die zwei Grundpfeiler S. 548. Arische Mythologie S. 553. Aeussere Mythologie S. 553. Entstellung der Mythen S. 556. Innere Mythologie S. 559. Der Kampf um die Mythologie S. 563. Jüdische Weltchronik S. 568. Der unlösbare Zwist S. 575. Paulus und Augustinus S. 578. Paulus S. 580. Augustinus S. 593. Die drei Hauptrichtungen S. 600. Der » Osten « S. 601. Der » Norden « S. 608. Karl der Grosse S. 617. Dante S. 619. Religiöse Rasseninstinkte S. 623. Rom S. 626. Der Sieg des Völkerchaos S. 635. Heutige Lage S. 644. Oratio pro domo S. 647.

Achtes Kapitel: Staat.

Kaiser und Papst S. 651. Die duplex potestas S. 654. Universalismus gegen Nationalismus S. 659. Das Gesetz der Begrenzung S. 662. Der Kampf um den Staat S. 668. Der Wahn des Unbegrenzten S. 678. Die grundsätzliche Begrenzung S. 684.

Zweiter Teil: Die Entstehung einer neuen Welt.

Neuntes Kapitel: Vom Jahre 1200 bis zum Jahre 1800.

A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR.

Das germanische Italien S. 693. Der germanische Baumeister S. 700. Die angebliche » Menschheit « S. 703. Die angebliche » Renaissance « S. 712. Fortschritt und Entartung S. 714. Historisches Kriterium S. 720. Innere Gegensätze S. 723. Die germanische Welt S. 725. Die Notbrücke S. 728.

B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK.

Die Elemente des sozialen Lebens S. 729. Vergleichende Analysen S. 739. Der Germane S. 747.

1. Entdeckung (von Marco Polo bis Galvani).

Die angeborene Befähigung S. 752. Die treibenden Kräfte S. 755. Die Natur als Lehrmeisterin S. 759. Die hemmende Umgebung S. 762. Die Einheit des Entdeckungswerkes S. 769. Der Idealismus S. 775.

XVIInhaltsübersicht.
2. Wissenschaft (von Roger Bacon bis Lavoisier).

Unsere wissenschaftliche Methode S. 778. Hellene und Germane S. 787. Das Wesen unserer Systematik S. 789. Idee und Theorie S. 794. Das Ziel unserer Wissenschaft S. 806.

3. Industrie (von der Einführung des Papieres bis zu Watt’s Dampfmaschine).

Vergänglichkeit aller Civilisation S. 808. Autonomie unserer neuen Industrie S. 812. Das Papier S. 815.

4. Wirtschaft (vom Lombardischen Städtebund bis zu Robert Owen, dem Begründer der Kooperation).

Kooperation und Monopol S. 821. Innungen und Kapitalisten S. 824. Bauer und Grossgrundbesitzer S. 829. Syndikatswesen und Sozialismus S. 833. Die Maschine S. 837.

5. Politik und Kirche (von der Einführung des Beichtzwanges, 1215, bis zur französischen Revolution).

Die Kirche S. 838. Martin Luther S. 840. Die französische Revolution S. 848. Die Angelsachsen S. 854.

6. Weltanschauung und Religion (von Franz von Assisi bis zu Immanuel Kant).

Die zwei Wege S. 858. Der Weg der Wahrhaftigkeit S. 861. Der Weg der Unwahrhaftigkeit S. 862. Die Scholastik S. 864. Rom und Anti - Rom S. 867. Die vier Gruppen S. 870. Die Theologen S. 870. Die Mystiker S. 876. Die Humanisten S. 891. Die naturforschenden Philo - sophen S. 897. Die Beobachtung der Natur S. 900. Das exakte Nichtwissen S. 905. Idealismus und Materialismus S. 913. Das erste Dilemma S. 914. Das metaphysische Problem S. 917. Die Natur und das Ich S. 925. Das zweite Dilemma S. 929. Wissenschaft und Religion S. 932. Die Religion S. 937. Christus und Kant S. 942.

7. Kunst (von Giotto bis Goethe).

Der Begriff » Kunst « S. 946. Kunst und Religion S. 950. Der tonvermählte Dichter S. 955. Kunst und Wissenschaft S. 961. Die Kunst als ein Ganzes S. 971. Das Primat der Poesie S. 974. Die germanische Tonkunst S. 976. Das Musikalische S. 987. Der Naturalismus S. 989. Der Kampf um die Eigenart S. 994. Der innere Kampf S. 997. Shakespeare und Beethoven S. 998. Zusammenfassung S. 1001. Schlusswort S. 1002.

Register.

[1]

ALLGEMEINE EINLEITUNG

Alles beruht auf Inhalt, Gehalt und Tüchtigkeit eines zuerst aufgestellten Grundsatzes und auf der Reinheit des Vorsatzes. Goethe.
Chamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 1[2][3]

Da das Werk, dessen erster Band hier vorliegt, nicht aus aneinander -Plan des Werkes. gereihten Bruchstücken bestehen soll, sondern gleich anfangs als eine organische Einheit concipiert und in allen seinen Teilen ausführlich entworfen wurde, muss es die vorzüglichste Aufgabe dieser allgemeinen Einleitung sein, Aufschluss über den Plan des vollständigen Werkes zu geben. Zwar bildet dieser erste Band ein abgeschlossenes Ganzes, doch wäre dieses Ganze nicht das, was es ist, wenn es nicht als Teil eines besonderen grösseren Gedankens entstanden wäre. Dieser Ge - danke muss also » dem Teil, der anfangs alles ist «, vorausgeschickt werden.

Welche Beschränkungen dem Einzelnen auferlegt werden, wenn er einer unübersehbaren Welt von Thatsachen allein entgegentritt, das bedarf nicht erst ausführlicher Erörterung. Wissenschaftlich lässt sich die Bewältigung einer derartigen Aufgabe gar nicht versuchen; einzig künstlerische Gestaltung vermag hier (im glücklichen Falle), getragen von jenen geheimen Parallelismen zwischen dem Geschauten und dem Gedachten, von jenem Gewebe, welches äthergleich die Welt nach jeder Richtung allverbindend durchzieht, ein Ganzes hervorzu - bringen, und zwar, trotzdem nur einiges Wenige, nur Bruchstücke ver - wendet werden. Gelingt dies dem Künstler, so war sein Werk nicht überflüssig; denn ein Unübersehbares ist nunmehr übersichtlich ge - worden, ein Ungestaltetes hat Gestalt gewonnen. Für diesen Zweck ist nun der Vereinzelte gegenüber einer Vereinigung selbst tüchtiger Männer insofern im Vorteil, als nur der Einzelne einheitlich formen kann. Diesen seinen einzigen Vorteil muss er zu benutzen wissen. Kunst kann nur als Ganzes, Abgeschlossenes in die Erscheinung treten; Wissenschaft dagegen ist notwendigerweise Bruchstück. Kunst vereint, Wissenschaft trennt. Kunst gestaltet, Wissenschaft zergliedert Ge - stalten. Der Mann der Wissenschaft steht gewissermassen auf einem archimedischen Punkte ausserhalb der Welt: das ist seine Grösse, seine sogenannte » Objektivität «; das bildet aber auch seine offenbare1*4Allgemeine Einleitung.Schwäche, denn sobald er das Gebiet des thatsächlich Beobachteten verlässt, um die Mannigfaltigkeit der Erfahrung zur Einheit der Vor - stellung und des Begriffes zu reduzieren, hängt er in Wahrheit an Fäden der Abstraktion im leeren Raume. Dagegen steht der Künstler im Mittelpunkt der Welt (das heisst also seiner Welt), und so weit seine Sinne reichen, so weit reicht auch seine Gestaltungskraft; denn diese ist ja die Bethätigung seines individuellen Daseins in lebendiger Wechselwirkung mit der Umgebung. Deswegen darf man ihm aber auch aus seiner » Subjektivität « keinen Vorwurf machen, denn sie ist die Grundbedingung seines Schaffens. Nun handelt es sich aber im vorliegenden Falle um einen historisch genau umschriebenen und ewig festgebannten Gegenstand. Unwahrheit wäre lächerlich, Will - kür unerträglich; der Verfasser darf also nicht mit Michelangelo sprechen: in dieses Blatt, in diesen Stein kommt kein Inhalt, den ich nicht hineinlege:

in pietra od in candido foglio Che nulla ha dentro, et evvi ci ch’io voglio!

Im Gegenteil, unbedingte Achtung vor den Thatsachen muss sein Leitstern sein. Er darf nicht Künstler im Sinne des freischöpferischen Genies sein, sondern nur in dem beschränkten Verstande eines an die Methoden der Kunst sich Anlehnenden. Gestalten soll er, doch nur das, was da ist, nicht das, was seine Phantasie ihm etwa vorspiegelt. Geschichtsphilosophie ist eine Wüste, Geschichtsphantasie ein Narren - haus. Darum müssen wir von jenem künstlerischen Gestalter eine durchaus positive Geistesrichtung und ein streng wissenschaftliches Gewissen fordern. Ehe er meint, muss er wissen; ehe er gestaltet, muss er prüfen. Er darf sich nicht Herr wähnen, er ist Diener: Diener der Wahrheit.

Obige Bemerkungen reichen wohl hin, um über die allgemeinen Prinzipien zu orientieren, welche bei dem Entwurf des vorliegenden Werkes massgebend waren. Jetzt wollen wir aus den luftigen Höhen der philosophischen Grundsätze zur Erde niedersteigen. Ist die Ge - staltung des vorhandenen Materials in allen derartigen Fällen die einzige Aufgabe, die der Einzelne sich zutrauen darf, wie hat er hier, in diesem besonderen Falle, die Gestaltung zu versuchen?

Das neunzehnte Jahrhundert! Das Thema dünkt uner - schöpflich; ist es auch. Nur dadurch konnte es » gebändigt « werden, dass es weiter gefasst wurde. Das scheint paradox, ist aber wahr. Sobald5Allgemeine Einleitung.der Blick lange und liebend auf der Vergangenheit geruht hat, aus der unter so vielen Schmerzen die Gegenwart hervorgegangen ist, sobald das lebhafte Empfinden der grossen geschichtlichen Grundthat - sachen heftig widerstreitende Gefühle im Herzen in Bezug auf den heutigen Tag erregt hat: Furcht und Hoffnung, Empörung und Be - geisterung, alle in eine Zukunft hinausweisend, deren Gestaltung unser Werk sein muss und der wir nunmehr mit sehnsuchtsvoller Ungeduld entgegensehen, entgegenarbeiten da schrumpft das grosse, unübersehbare neunzehnte Jahrhundert auf ein verhältnismässig Ge - ringes zusammen; wir haben gar nicht mehr die Zeit, uns bei Einzel - heiten aufzuhalten, nur die grossen Züge wollen wir fest und klar vor Augen haben, damit wir wissen, wer wir sind und wohin unser Weg geht. Nunmehr ist die Perspektive für das gesteckte Ziel günstig; nunmehr kann der Einzelne sich heranwagen. Der Grundriss seines Werkes ist ihm so deutlich vorgezeichnet, dass er ihn nur getreulich nachzuzeichnen braucht.

Der Grundriss meines Werkes ist nun folgender. In dem ersten vorliegenden Band behandle ich die vorangegangenen acht - zehn Jahrhunderte unserer Zeitrechnung, wobei mancher Blick auch auf ferner zurückliegende Zeiten fällt; doch handelt es sich hierbei keineswegs um eine Geschichte der Vergangenheit, sondern einfach um jene Vergangenheit, welche heute noch lebendig ist; und zwar ist das so viel und die genaue, kritische Kenntnis davon ist für jedes Urteil über die Gegenwart so unentbehrlich, dass ich das Studium dieser » Grundlagen « unseres Säculums fast für das wichtigste Geschäft des ganzen Unternehmens halten möchte. Der zweite Band wäre dem 19. Jahrhundert gewidmet; natürlich kann es sich in einem derartigen Werk nur um die grossen leitenden Ideen handeln, und zwar wird diese Aufgabe durch den vorangegangenen ersten Band, in welchem das Auge immer wieder auf unser Jahrhundert gerichtet worden war, unendlich vereinfacht und erleichtert. Ein Anhang würde dem Versuch gelten, die Bedeutung des 19. Jahrhunderts an - nähernd zu bestimmen; dies kann nur durch den Vergleich geschehen, wozu wieder der erste Band den Boden bereitet hätte; hierdurch ent - steht aber ausserdem eine Art Ahnung der Zukunft, kein willkürliches Phantasiebild, sondern gleichsam ein Schatten, den die Gegenwart im Lichte der Vergangenheit wirft. Jetzt erst stünde das Jahrhundert ganz plastisch vor unseren Augen nicht in Gestalt einer Chronik oder eines Lexikons, sondern als ein lebendiges » körperhaftes « Gebilde.

6Allgemeine Einleitung.

Soviel über den allgemeinen Grundriss. Damit er aber selber nicht so schattenhaft bleibe wie die Zukunft, muss ich jetzt einiges Nähere über die Ausführung mitteilen. Was allerdings die be - sonderen Ergebnisse meiner Methode anbelangt, so glaube ich sie nicht schon hier vorweg nehmen zu sollen, da sie nur im Zusammen - hang der ungekürzten Darlegung überzeugend wirken können.

Der erste Band.

In diesem ersten Band musste ich also die Grundlagen auf - zufinden suchen, auf welchen unser Jahrhundert ruht; dies dünkte mich, wie gesagt, die schwerste und wichtigste Pflicht des ganzen Vorhabens; darum widmete ich ihm einen vollen Band. Denn in der Geschichte heisst Verstehen: die Gegenwart aus der Vergangenheit sich entwickeln sehen; selbst wo wir vor einem weiter nicht zu Erklärenden stehen, was bei jeder hervorragenden Persönlichkeit, bei jeder neu ein - tretenden Volksindividualität der Fall, sehen wir diese an Vorangegangenes anknüpfen und finden dann selber auch nur dort den unentbehrlichen Anknüpfungspunkt für unser Urteil. Ziehen wir eine imaginäre Grenze zwischen unserem Jahrhundert und den vorangegangenen, so schwindet mit einem Schlage jede Möglichkeit eines kritischen Verständnisses. Das neunzehnte Jahrhundert ist nämlich nicht das Kind der früheren denn ein Kind fängt das Leben von Neuem an vielmehr ist es ihr unmittelbares Erzeugnis: mathematisch betrachtet eine Summe, physiologisch eine Altersstufe. Wir erbten eine Summe von Kennt - nissen, Fertigkeiten, Gedanken u. s. w., wir erbten eine bestimmte Verteilung der wirtschaftlichen Kräfte, wir erbten Irrtümer und Wahr - heiten, Vorstellungen, Ideale, Aberglauben: manches so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir wähnen, es könnte nicht anders sein, manches verkümmert, was früher viel verhiess, manches so ur - plötzlich in die Höhe geschossen, dass es den Zusammenhang mit dem Gesamtleben fast eingebüsst hat, und, während die Wurzeln dieser neuen Blumen in vergessene Jahrhunderte hinunterreichen, die phan - tastischen Blütenrispen für unerhört Neues gehalten werden. Vor Allem erbten wir das Blut und den Leib, durch die und in denen wir leben. Wer die Mahnung » Erkenne dich selbst « ernst nimmt, wird bald zur Erkenntnis gelangen, dass sein Selbst mindestens zu neun Zehnteln ihm nicht selber angehört. Und das gilt ebenso von dem Geist eines ganzen Jahrhunderts. Ja, der hervorragende Einzelne, der vermag es, indem er über seine physische Stellung in der Mensch -7Allgemeine Einleitung.heit sich klar wird und sein geistiges Erbe analytisch zergliedert, zu einer relativen Freiheit durchzudringen; so wird er sich seiner Be - dingtheit wenigstens bewusst und, kann er sich auch selber nicht um - wandeln, er kann wenigstens auf die Richtung der Weiterentwickelung Einfluss gewinnen; ein ganzes Jahrhundert dagegen eilt unbewusst wie es das Schicksal treibt: sein Menschenmaterial ist die Frucht dahingeschwundener Generationen, sein geistiger Schatz Korn und Spreu, Gold, Silber, Erz und Thon ist ein ererbter, seine Richtungen und Schwankungen ergeben sich mit mathematischer Notwendigkeit aus den vorhergegangenen Bewegungen. Nicht allein also der Ver - gleich, nicht allein die Feststellung der charakteristischen Merkmale, der speziellen Eigenschaften und Leistungen unseres Jahrhunderts ist ohne Kenntnis der vorangegangenen unmöglich, sondern wir vermögen es auch nicht, irgend etwas über dieses Jahrhundert an und für sich auszusagen, wenn wir nicht zunächst Klarheit erlangt haben über das Material, aus welchem wir leiblich und geistig aufgebaut sind. Dies ist, ich wiederhole es, das allerwichtigste Geschäft.

Da ich nun in diesem Buche an die Vergangenheit anknüpfe,Der Angelpunkt. war ich gezwungen, ein historisches Zeitschema zu entwerfen. Doch insofern meine Geschichte einem unmessbaren Augenblick der Gegenwart gilt, der keinen bestimmten zeitlichen Abschluss ge - stattet, bedarf sie ebensowenig eines zeitlich bestimmten Anfangs. Unser Jahrhundert weist hinaus in die Zukunft, es weist auch zurück in die Vergangenheit: in beiden Fällen ist eine Begrenzung nur der Bequemlichkeit halber zulässig, doch nicht in den Thatsachen gegeben. Im Allgemeinen habe ich das Jahr 1 der christlichen Zeitrechnung als den Anfang unserer Geschichte betrachtet und habe diese Auf - fassung in den einleitenden Worten zum ersten Abschnitt näher begründet; doch wird man sehen, dass ich mich nicht sklavisch an dieses Schema gehalten habe. Sollten wir jemals wirkliche Christen werden, dann allerdings wäre dasjenige, was hier nur angedeutet, nicht ausgeführt werden konnte, eine historische Wirklichkeit, denn das würde die Geburt eines neuen Geschlechtes bedeuten: vielleicht wird das vierundzwanzigste Jahrhundert, bis zu welchem etwa die Schatten des unsrigen in schmalen Streifen sich erstrecken, klarere Umrisse zeichnen können? Musste ich nun Anfang und Ende in eine unbegrenzte penombra sich verlaufen lassen, umso unumgänglicher bedurfte ich eines scharfgezogenen Mittelstriches, und zwar konnte ein beliebiges Datum hier nicht genügen, sondern es kam darauf an, den8Allgemeine Einleitung.Angelpunkt der Geschichte Europas zu bestimmen. Das Erwachen der Germanen zu ihrer welthistorischen Bestimmung als Begründer einer durchaus neuen Civilisation und einer durchaus neuen Kultur bildet diesen Angelpunkt; das Jahr 1200 kann als der mittlere Augen - blick dieses Erwachens bezeichnet werden.

Dass die nördlichen Europäer die Träger der Weltgeschichte geworden sind, wird wohl kaum jemand zu leugnen sich vermessen. Zwar standen sie zu keiner Zeit allein, weder früher noch heute; im Gegenteil, von Anfang an entwickelte sich ihre Eigenart im Kampfe gegen fremde Art, zunächst gegen das Völkerchaos des verfallenen römischen Imperiums, nach und nach gegen alle Rassen der Welt; es haben also auch Andere Einfluss sogar grossen Einfluss auf die Geschicke der Menschheit gewonnen, doch dann immer nur als Widersacher der Männer aus dem Norden. Was mit dem Schwert in der Hand ausgefochten wurde, war das Wenigste; der wahre Kampf war der Kampf um die Ideen, wie ich das in den Kapiteln 7 und 8 dieses ersten Bandes zu zeigen versucht habe; dieser Kampf dauert noch heute fort. Waren aber die Germanen bei der Gestaltung der Geschichte nicht die Einzigen, so waren sie doch die Unvergleichlichen: alle Männer, die vom 6. Jahrhundert ab als wahre Gestalter der Geschicke der Menschheit auftreten, sei es als Staatenbildner, sei es als Erfinder neuer Gedanken und origineller Kunst, gehören ihnen an. Was die Araber gründen, ist von kurzer Dauer; die Mongolen zerstören, aber schaffen nichts; die grossen Italiener des rinascimento stammen alle aus dem mit lombardischem, gotischem und fränkischem Blute durchsetzten Norden oder aus dem germano-hellenischen äussersten Süden; in Spanien bilden die West - goten das Lebenselement; die Juden erleben ihre heutige » Wieder - geburt «, indem sie sich auf jedem Gebiete möglichst genau an ger - manische Muster anschmiegen . Von dem Augenblick ab, wo der Germane erwacht, ist also eine neue Welt im Entstehen, eine Welt, die allerdings nicht rein germanisch wird genannt werden können, eine Welt, in welcher gerade in unserem Jahrhundert neue Elemente aufgetreten sind, oder wenigstens Elemente, die früher bei dem Entwickelungsprozess weniger beteiligt waren, so z. B. die früher reingermanischen, nunmehr durch Blutmischungen fast durchwegs » ent - germanisierten « Slaven und die Juden, eine Welt, die vielleicht noch grosse Rassenkomplexe sich assimilieren und mithin entsprechende, abweichende Einflüsse in sich aufnehmen wird, jedenfalls aber eine9Allgemeine Einleitung.neue Welt und eine neue Civilisation, grundverschieden von der helleno-römischen, der turanischen, der ägyptischen, der chinesischen und allen andern früheren oder zeitgenössischen. Als den Anfang dieser neuen Civilisation, d. h. als den Augenblick, wo sie begann, der Welt ihren besonderen Stempel aufzudrücken, können wir, glaube ich, das 13. Jahrhundert bestimmen. Zwar hatten Einzelne schon weit früher germanische Eigenart in kultureller Thätigkeit be - währt wie König Alfred, Karl der Grosse, Scotus Erigena u. s. w. doch nicht Einzelne, sondern Gesamtheiten machen Geschichte; diese Einzelnen waren nur Vorbereiter gewesen; um eine civilisatorische Gewalt zu werden, musste der Germane in breiten Schichten zur Be - thätigung seines Eigenwillens im Gegensatz zu dem ihm aufgedrungenen fremden Willen erwachen und erstarken. Das geschah nicht auf ein - mal, es geschah auch nicht auf allen Lebensgebieten zugleich; insofern ist die Wahl des Jahres 1200 als Grenze eine willkürliche, doch glaube ich sie in folgendem rechtfertigen zu können und habe alles gewonnen, wenn es mir hierdurch gelingt, jene beiden Undinge die Be - griffe eines Mittelalters und einer Renaissance zu beseitigen, durch welche mehr als durch irgend etwas anderes das Verständnis unserer Gegenwart nicht allein verdunkelt, sondern geradezu unmög - lich gemacht wird. An die Stelle dieser Schemen, welche Irrtümer ohne Ende erzeugen, wird dann die einfache und klare Erkenntnis treten, dass unsere gesamte heutige Civilisation und Kultur das Werk einer bestimmten Menschenart ist: des Germanen. 1)Unter diesem Namen fasse ich die verschiedenen Glieder der einen grossen nordeuropäischen Rasse zusammen, gleichviel ob Germanen im engeren, taciteischen Sinne des Wortes oder Kelten oder echte Slaven worüber alles Nähere im sechsten Kapitel nachzusehen ist.Es ist unwahr, dass der germanische Barbar die sogenannte » Nacht des Mittelalters « herauf - beschwor; diese Nacht folgt vielmehr auf den intellektuellen und moralischen Bankrott des durch das untergehende römische Imperium grossgezogenen rassenlosen Menschenchaos; ohne den Germanen hätte sich ewige Nacht über die Welt gesenkt; ohne den unaufhörlichen Widerstand der Nichtgermanen, ohne den unablässigen Krieg, der heute noch aus dem Herzen des nie ausgetilgten Völkerchaos gegen alles Germanische geführt wird, hätten wir eine ganz andere Kulturstufe erreicht als diejenige, deren Zeuge das 19. Jahrhundert war. Ebenso unwahr ist es, dass unsere Kultur eine Wiedergeburt der hellenischen und der römischen ist: erst durch die Geburt des Germanen wurde die10Allgemeine Einleitung.Wiedergeburt vergangener Grossthaten möglich, nicht umgekehrt; und dieser rinascimento, dem wir ohne Frage für die Bereicherung unseres Lebens ewigen Dank schuldig sind, wirkte dennoch mindestens ebenso hemmend wie fördernd und warf uns auf lange Zeit aus unserer gesunden Bahn heraus. Die mächtigsten Schöpfer jener Epoche ein Shakespeare, ein Michelangelo können kein Wort griechisch oder lateinisch. Die wirtschaftliche Entwicklung die Grundlage unserer Civilisation findet im Gegensatz zu klassischen Traditionen und im blutigen Kampfe gegen imperiale Irrlehren statt. Der grösste aller Irrtümer ist aber die Annahme, dass unsere Civilisation und Kultur der Ausdruck eines allgemeinen Fortschrittes der Menschheit sei; es zeugt keine einzige Thatsache der Geschichte für diese so beliebte Deutung (wie ich das im neunten Kapitel dieses Buches unwiderleglich dargethan zu haben glaube); inzwischen schlägt uns diese hohle Phrase mit Blindheit und wir sehen nicht ein was doch klar vor Aller Augen liegt dass unsere Civilisation und Kultur, wie jede frühere und jede andere zeitgenössische, das Werk einer bestimmten, individuellen Menschenart ist, einer Menschenart, die hohe Gaben, doch auch enge unübersteigbare Schranken, wie alles Individuelle, besitzt. Und so schwärmen unsere Gedanken in einem Grenzenlosen, in einer hypothetischen » Menschheit « herum, achten aber dabei des konkret Gegebenen und des in der Geschichte einzig Wirksamen, nämlich des bestimmten Individuums, gar nicht. Daher die Unklarheit unserer geschichtlichen Gliederungen. Denn, zieht man einen Strich durch das Jahr 500, einen zweiten durch das Jahr 1500, und nennt diese tausend Jahre das Mittelalter, so hat man den organischen Körper der Geschichte nicht zerlegt wie ein kundiger Anatom, sondern zerhackt wie ein Fleischer. Die Einnahme Roms durch Odoaker und durch Dietrich von Bern sind nur Episoden in jenem Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte, die ein Jahrtausend gewährt hat; das Ent - scheidende, nämlich die Idee des unnationalen Weltimperiums, hörte hiermit so wenig auf zu sein, dass sie im Gegenteil aus der Dazwischen - kunft der Germanen auf lange hinaus neues Leben schöpfte. Während also das Jahr 1, als (ungefähres) Geburtsjahr Christi, ein für die Geschichte des Menschengeschlechts und auch für die blosse Historie ewig denkwürdiges Datum festhält, besagt das Jahr 500 garnichts. Noch schlimmer steht es um das Jahr 1500; denn ziehen wir hier einen Strich, so ziehen wir ihn mitten durch alle bewussten und unbewussten Bestrebungen und Entwickelungen wirtschaft -11Allgemeine Einleitung.liche, politische, künstlerische, wissenschaftliche die auch heute unser Leben ausfüllen und einem noch fernen Ziele zueilen. Will man durchaus den Begriff » Mittelalter « festhalten, so lässt sich leicht Rat schaffen: dazu genügt die Einsicht, dass wir Germanen selber, mitsamt unserem stolzen 19. Jahrhundert, in einer » mittleren Zeit « (wie die alten Historiker zu schreiben pflegten), ja, in einem echten Mittelalter mittendrin stecken. Denn das Vorwalten des Provisorischen, des Übergangsstadiums, der fast gänzliche Mangel an Definitivem, Vollendetem, Ausgeglichenem ist ein Kennzeichen unserer Zeit; wir sind in der » Mitte « einer Entwickelung, fern schon vom Anfangspunkte, vermutlich noch fern vom Endpunkte.

Einstweilen möge das Gesagte zur Abweisung anderer Ein - teilungen genügen; die Überzeugung, dass hier nicht willkürliches Gutdünken, sondern die Anerkennung der einen, grossen, grund - legenden Thatsache aller neueren Geschichte vorliegt, wird sich aus dem Studium des ganzen Werkes ergeben. Doch kann ich nicht um - hin, meine Wahl des Jahres 1200 als eines mittleren bequemen Datums noch kurz zu motivieren.

Fragen wir uns nämlich, wo die ersten sicheren Anzeichen sichDas Jahr 1200. bemerkbar machen, dass etwas Neues im Entstehen begriffen ist, eine neue Gestalt der Welt an Stelle der alten, zertrümmerten und an Stelle des herrschenden Chaos, so werden wir sagen müssen, diese charakteristischen Anzeichen sind schon vielerorten im 12. Jahrhundert (in Norditalien bereits im 11.) anzutreffen, sie mehren sich schnell im 13. dem » glorreichen Jahrhundert «, wie es Fiske nennt er - reichen im 14. und 15. eine herrliche Frühblüte auf dem sozialen und industriellen Gebiete, in der Kunst im 15. und 16., in der Wissenschaft im 16. und 17., in der Philosophie im 17. und 18. Jahr - hundert. Diese Bewegung geht nicht geradlinig; in Staat und Kirche bekämpfen sich die grundlegenden Prinzipien, und auf den anderen Gebieten des Lebens herrscht viel zu viel Unbewusstsein, als dass nicht die Menschen oft in die Irre laufen sollten; doch der prinzipielle Unterschied besteht darin, ob nur Interessen aufeinander stossen, oder ob ideale, durch bestimmte Eigenart eingegebene Ziele der Menschheit vorschweben: diese Ziele besitzen wir nun seit dem 13. Jahrhundert (etwa); wir haben sie aber noch immer nicht er - reicht, sie schweben in weiter Ferne vor uns, und darauf beruht die Empfindung, dass wir des moralischen Gleichgewichts und der ästhe - tischen Harmonie der Alten noch so sehr ermangeln, zugleich aber12Allgemeine Einleitung.auch die Hoffnung auf Besseres. Der Blick zurück berechtigt in der That zu grossen Hoffnungen. Und, ich wiederhole es, forscht dieser Blick, wo der erste Schimmer dieser Hoffnungsstrahlen deutlich be - merkbar wird, so findet er die Zeit um das Jahr 1200 herum. In Italien hatte schon im 11. Jahrhundert die städtische Bewegung be - gonnen, jene Bewegung, welche zugleich die Hebung von Handel und Industrie und die Gewährung weitgehender Freiheitsrechte an ganze Klassen der Bevölkerung, die bisher unter der zwiefachen Knecht - schaft von Kirche und Staat geschmachtet hatten, erstrebte; im 12. Jahr - hundert war dieses Erstarken des Kernes der europäischen Be - völkerung an Ausdehnung und Kraft dermassen gewachsen, dass zu Beginn des 13. die mächtige Hansa und der rheinische Städte - bund gegründet werden konnten. Über diese Bewegung schreibt Ranke (Weltgeschichte IV, 238): » Es ist eine prächtige, lebensvolle Entwickelung, die sich damit anbahnt die Städte kon - stituieren eine Weltmacht, an welche die bürgerliche Freiheit und die grossen Staatsbildungen anknüpfen. « Noch vor der endgültigen Grün - dung der Hansa war aber in England, im Jahre 1215, die Magna Charta erlassen worden, eine feierliche Verkündigung der Unantast - barkeit des grossen Prinzipes von der persönlichen Freiheit und der persönlichen Sicherheit. » Keiner darf verurteilt werden anders als den Gesetzen des Landes gemäss. Recht und Gerechtigkeit dürfen nicht verkauft und nicht verweigert werden. « In einigen Ländern Europas ist diese erste Bürgschaft für die Würde des Menschen noch heute nicht Gesetz; seit jenem 15. Juni 1215 ist aber nach und nach daraus ein allgemeines Gewissensgesetz geworden, und wer dagegen verstösst, ist ein Verbrecher, trüge er auch eine Krone. Und noch ein Wichtiges, wodurch die germanische Civilisation sich als von allen anderen dem Wesen nach verschieden erwies: im Verlauf des 13. Jahr - hunderts schwand die Sklaverei und der Sklavenhandel aus Europa (mit Ausnahme von Spanien). Im 13. Jahrhundert beginnt der Über - gang von der Naturalienwirtschaft zur Geldwirtschaft; fast genau im Jahre 1200 beginnt in Europa die Fabrikation des Papiers ohne Frage die folgenschwerste Errungenschaft der Industrie bis zur Er - findung der Lokomotive. Man würde aber weit fehl gehen, wollte man allein in dem Aufschwung des Handels und in der Regung freiheitlicher Triebe die Dämmerung eines neuen Tages erblicken. Vielleicht ist die grosse Bewegung des religiösen Gemütes, welche in Franz von Assisi (geb. 1181) ihren mächtigsten Ausdruck ge -13Allgemeine Einleitung.winnt, ein Faktor von noch tiefer eingreifender Wirksamkeit; hierin tritt eine unverfälscht demokratische Regung zu Tage; der Glaube und das Leben solcher Menschen verleugnen sowohl die Despotie der Kirche wie die Despotie des Staates, und sie vernichten die Despotie des Geldes. » Diese Bewegung «, schreibt einer der genauesten Kenner des Franz von Assisi,1)Thode: Franz von Assisi, S. 4. » schenkt der Menschheit die erste Vorahnung allgemeiner Denkfreiheit. « Im selben Augenblick erwuchs zum ersten - mal im westlichen Europa eine ausgesprochene antirömische Bewegung, die der Albigenser, zu drohender Bedeutung. Auch wurden zu gleicher Zeit auf einem anderen Gebiete des religiösen Lebens einige ebenso folgenschwere Schritte gethan: nachdem Peter Abälard ( 1142), namentlich durch seine Betonung der Bildlichkeit aller religiösen Vorstellungen, die indoeuropäische Auffassung der Religion gegen die semitische unbewusst verfochten hatte, machten im 13. Jahr - hundert zwei orthodoxe Scholastiker, Thomas von Aquin und Duns Scotus ein für das Kirchendogma ebenso gefährliches Ge - ständnis, indem sie, sonst Gegner, beide übereinstimmend einer von der Theologie unterschiedenen Philosophie das Recht des Daseins einräumten. Und während hier das theoretische Denken sich zu regen begann, legten andere Gelehrte, unter denen vor allen Albertus Magnus (geb. 1193) und Roger Bacon (geb. 1214) hervorragen, die Fundamente der modernen Naturwissenschaft, indem sie die Auf - merksamkeit der Menschen von den Vernunftstreitigkeiten hinweg auf Mathematik, Physik, Astronomie und Chemie lenkten. Auch Dante, ebenfalls ein Kind des 13. Jahrhunderts, ist hier zu nennen, und zwar in hervorragender Weise. » Nel mezzo del cammin di nostra vita «, heisst der erste Vers seiner grossen Dichtung, und er selber, das erste künstlerische Weltgenie der neuen, germanischen Kulturepoche, ist die typische Gestalt für diesen Wendepunkt der Ge - schichte, für den Punkt, wo sie » die Hälfte ihres Weges « zurückge - legt, und nunmehr, nachdem sie jahrhundertelang in rasender Eile bergab geführt hatte, sich anschickte, den steilen, schwierigen Weg auf der gegenüberliegenden Bergwand anzutreten. Manche Anschau - ungen Dante’s in seiner Divina Commedia und in seinem Tractatus de monarchia muten uns an wie der sehnsuchtsvolle Blick eines viel - erfahrenen Mannes aus dem gesellschaftlichen und politischen Chaos, das ihn umgab, hinaus in eine harmonisch gestaltete Welt; dass dieser14Allgemeine Einleitung.Blick gethan werden konnte, ist ein deutliches Zeichen der schon be - gonnenen Bewegung; das Auge des Genies leuchtet den Anderen voran. 1)Ich habe hier nicht das Einzelne seiner scholastisch gefärbten Beweis führungen im Sinne, sondern solche Dinge wie seine Betrachtungen über das Verhältnis der Menschen zu einander (Monarchia, Buch I, Kap. 3 u. 4) oder über die Föderation der Staaten, von denen ein jeder seine eigene Individualität, seine eigene Gesetzgebung beibehalten, der Kaiser aber als » Friedensstifter « und als Richter über das » allen Gemeinsame, allen Gebührende « das einigende Band her - stellen soll (Buch I, Kap. 14). Im Übrigen ist gerade Dante, als echte » Mittel - gestalt «, sehr befangen in den Vorstellungen seiner Zeit und in dichterischen Utopien, worüber im siebenten und namentlich in der Einleitung zum achten Kapitel dieses Buches manches Nähere zu finden ist.Doch, lange vor Dante das übersehe man nicht hatte im Herzen des echtesten Germanentums, im Norden, eine poetische Schöpferkraft sich kundgethan, welche allein schon beweist, wie wenig wir einer klassischen Renaissance bedurften, um künstlerisch Unver - gleichliches zu leisten: in dem Jahre 1200 dichteten Chrestien de Troyes, Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach, Walther von der Vogelweide, Gottfried von Strassburg! und ich nenne nur einige der bekanntesten Namen, denn, wie Gottfried sagt: » der Nachtigallen sind noch viel «. Und noch hatte die bedenkliche Scheidung zwischen Dichtkunst und Tonkunst (hervor - gegangen aus dem Kultus der toten Buchstaben) nicht stattgefunden: der Dichter war zugleich Sänger; erfand er das » Wort «, so erfand er dazu den eigenen » Ton « und die eigene » Weise «. Und so sehen wir denn auch die Musik, die ureigenste Kunst der neuen Kultur, zugleich mit den ersten Anzeichen des besonderen Wesens dieser Kultur in durchaus neuer Gestalt, als vielstimmige, harmonische Kunst entstehen. Der erste Meister von Bedeutung in der Behandlung des Kontrapunktes ist der Dichter und Dramatiker Adam de la Halle, geboren 1240. Mit ihm also mit einem echt germanischen Wort - und Tondichter beginnt die Entwicklung der eigentlichen Tonkunst, so dass der Musikgelehrte Gevaert schreiben kann: » Désormais l’on peut considérer ce XIIIe siècle, si décrié jadis, comme le siècle initiateur de tout l’art moderne «. Ebenfalls im dreizehnten Jahrhundert entfalteten jene begnadeten Künstler Nicolo Pisano, Cimabue, Giotto ihre Talente, denen wir in erster Reihe nicht allein die » Wiedergeburt « der bildenden Künste, sondern vor allem die Geburt einer durchaus neuen Kunst, der modernen Malerei, verdanken. Gerade im 13. Jahrhundert kam auch die gotische Architektur auf (der » ger -15Allgemeine Einleitung.manische Stil «, wie ihn Rumohr mit Recht benennen wollte): fast alle Meisterwerke der Kirchenbaukunst, deren unvergleichliche Schönheit wir heute nur anstaunen, nicht nachahmen können, sind aus jenem einen Säculum. Inzwischen war (kurz vor dem Jahre 1200) in Bologna die erste rein weltliche Universität entstanden, an der nur Jurisprudenz, Philo - sophie und Medizin gelehrt wurden. 1)Die theologische Fakultät wurde erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts errichtet (Savigny). Man sieht, in wie mannigfaltiger Weise sich ein neues Leben um das Jahr 1200 herum kundzuthun begann. Ein paar Namen würden nichts beweisen; dass aber eine Bewegung alle Länder und alle Kreise erfasst, dass die widersprechendsten Erscheinungen alle auf eine ähnliche Ursache zurück -, und auf ein gemeinsames Ziel hinweisen, das gerade zeigt, dass es sich hier nicht um Zufälliges und Individuelles, sondern um einen grossen, allgemeinen, mit unbewusster Notwendigkeit sich voll - ziehenden Vorgang im innersten Herzen der Gesellschaft handelt. Auch jener eigentümliche » Verfall des historischen Sinnes und ge - schichtlichen Verständnisses um die Mitte des 13. Jahrhunderts «, auf den verschiedene Gelehrte mit Verwunderung aufmerksam machen,2)Siehe z. B. Döllinger: Das Kaisertum Karl’s des Grossen (Akad. Vor - träge III, 156). scheint mir hierher zu gehören: die Menschheit hat eben unter Führung der Germanen ein neues Leben begonnen, sie ist gewisser - massen auf ihrem Wege um eine Ecke gebogen und verliert plötz - lich selbst die letzte Vergangenheit aus den Augen; nunmehr gehört sie der Zukunft an.

Höchst überraschend ist es festzustellen, dass gerade in diesem Augenblick, wo die neue europäische Welt aus dem Chaos zu ent - stehen begann, auch jene Entdeckung der übrigen Erde ihren Anfang nahm, ohne welche unsere aufblühende germanische Kultur die einzig ihr eigentümliche Expansionskraft niemals hätte entwickeln können: in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts führte Marco Polo seine Entdeckungsreisen aus und legte dadurch den Grund zu unserer noch nicht ganz vollendeten Kenntnis der Oberfläche unseres Planeten. Was hiemit gewonnen wird, ist zunächst, und abgesehen von der Erweiterung des Gesichtskreises, die Fähigkeit der Ausdehnung; jedoch diese bedeutet nur etwas Relatives; das Entscheidende ist, dass euro - päische Kraft die gesamte Erde in absehbarer Zeit zu umspannen hoffen darf und somit den alles dahinraffenden Einfällen ungeahnter16Allgemeine Einleitung.und ungebändigter Barbarenkräfte nicht, wie frühere Civilisationen, unterworfen sein wird.

Soviel zur Begründung meiner Wahl des 13. Jahrhunderts als Grenzscheide.

Dass einer derartigen Wahl dennoch etwas Künstliches an - haftet, habe ich gleich anfangs eingestanden und wiederhole es jetzt; namentlich darf man nicht glauben, dass ich dem Jahre 1200 irgend eine besondere fatidistische Bedeutung zuerkenne: die Gährung der ersten zwölf Jahrhunderte unserer Zeitrechnung hat ja noch heute nicht aufgehört, sie trübt noch tausende und abertausende von Ge - hirnen, und andrerseits darf man getrost behaupten, dass die neue harmonische Welt in einzelnen Köpfen schon lange vor 1200 zu dämmern begann. Die Richtigkeit oder Unrichtigkeit eines derartigen Schemas zeigt sich erst beim Gebrauche. Wie Goethe sagt: » Alles kommt auf das Grundwahre an, dessen Entwicklung sich nicht so leicht in der Spekulation als in der Praxis zeigt: denn diese ist der Prüf - stein des vom Geist Empfangenen. «

Zweiteilung des ersten Bandes.
5

Infolge dieser Bestimmung des Angelpunktes unserer Geschichte zerfällt dieser die Zeit bis zum Jahre 1800 behandelnde Band natur - gemäss in zwei Teile: der eine behandelt die Zeit vor dem Jahre 1200, der andere die Zeit nach diesem Jahre.

In dem ersten Teil Die Ursprünge habe ich zuerst das Erbe der alten Welt, sodann die Erben, zuletzt den Kampf der Erben um das Erbe besprochen. Da jedes Neue an ein schon Vor - handenes, Älteres anknüpft, ist die erste der grundlegenden Fragen: welche Bestandteile unseres geistigen Kapitals sind ererbt? Die zweite, nicht minder wichtige Grundfrage lautet: wer sind » wir «? Führt uns auch die Beantwortung dieser Fragen in ferne Vergangenheit zurück, das Interesse bleibt stets ein » aktuelles « (wie man im heutigen Jargon sagt), da sowohl bei der Gesamtanlage jedes Kapitels wie auch bei jeder Einzelheit der Besprechung die eine einzige Rücksicht auf unser 19. Jahrhundert bestimmend bleibt. Das Erbe der alten Welt bildet noch immer einen bedeutenden oft recht unverdauten Bestandteil der allerneuesten Welt; die verschieden gearteten Erben stehen einander noch immer gegenüber wie vor tausend Jahren; der Kampf ist heute ebenso erbittert, dabei ebenso konfus wie je: diese Untersuchung der Vergangenheit bedeutet also zugleich eine Sichtung des überreichen Stoffes der Gegenwart. Nur darf Niemand in meinen Betrachtungen über hellenische Kunst und Philosophie, über17Allgemeine Einleitung.römische Geschichte und römisches Recht, über die Lehre Christi, oder wiederum über Germanen und Juden u. s. w. selbständige akademische Abhandlungen erblicken und den entsprechenden Mass - stab an sie anlegen wollen. Nicht als Gelehrter bin ich an diese Gegenstände herangetreten, sondern als ein Kind der Gegenwart, das seine lebendige Gegenwart verstehen lernen will; und nicht aus dem Wolkenkuckucksheim einer übermenschlichen Objektivität habe ich meine Urteile gefasst, sondern von dem Standpunkt eines bewussten Germanen, den Goethe nicht umsonst gewarnt hat:

Was euch nicht angehört, Müsset ihr meiden; Was euch das Inn’re stört, Dürft ihr nicht leiden!

Vor Gott mögen alle Menschen, ja, alle Wesen gleich sein: doch das göttliche Gesetz des Einzelnen ist, seine Eigenart zu wahren und zu wehren. Den Begriff des Germanentums habe ich so weit, und das heisst in diesem Falle so weitherzig wie nur möglich gefasst und keinem irgendwie gearteten Partikularismus das Wort geredet; dagegen bin ich überall dem Ungermanischen scharf zu Leibe gerückt, doch wie ich hoffe nirgends in unritterlicher Weise.

Eine Erläuterung erfordert vielleicht der Umstand, dass das Kapitel über den Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte so stark geworden ist. Für den Gegenstand dieses Bandes wäre eine so breite Behandlung nicht nötig gewesen; die hervorragende Stellung der Juden in unserem Jahrhundert aber, sowie die grosse Bedeutung der philo - und der antisemitischen Strömungen und Kontroverse für die Geschichte unserer Zeit erforderten unbedingt eine Beantwortung der Frage: wer ist der Jude? Ich fand nirgends eine klare, erschöpfende Be - antwortung dieser Frage; darum war ich gezwungen, sie selber zu suchen und zu geben. Der Kernpunkt ist hier die Frage nach der Religion; darum habe ich gerade diesen Punkt nicht allein hier im fünften, sondern auch im dritten und im siebenten Kapitel eingehend behandelt. Denn ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass die übliche Behandlung der » Judenfrage « sich durchwegs an der Oberfläche bewegt: der Jude ist kein Feind germanischer Civilisation und Kultur; Herder mag wohl mit seiner Behauptung recht haben, der Jude sei uns ewig fremd, und folglich wir ihm ebenfalls, und Niemand wird leugnen, dass hieraus grosse Schädigung unseres Kulturwerkes stattfinden kann; doch glaubeChamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 218Allgemeine Einleitung.ich, dass wir geneigt sind, unsere eigenen Kräfte in dieser Beziehung sehr zu unterschätzen und den jüdischen Einfluss sehr zu überschätzen. Hand in Hand damit geht die geradezu lächerliche und empörende Neigung, den Juden zum allgemeinen Sündenbock für alle Laster unserer Zeit zu machen. In Wahrheit liegt die » jüdische Gefahr « viel tiefer; der Jude trägt keine Verantwortung für sie; wir haben sie selbst erzeugt und müssen sie selbst überwinden. Keine Seelen dürsten mehr nach Religion als die der Slaven, der Kelten und der Teutonen: ihre Geschichte beweist es; an dem Mangel einer wahren Religion krankt unsere ganze germanische Kultur (wie ich das im neunten Kapitel zeige), daran wird sie noch, wenn nicht bei Zeiten Hilfe kommt, zu Grunde gehen. Den in unserem eigenen Herzen sprudelnden Quell haben wir nun verstopft und uns abhängig gemacht von dem spärlichen, brackigen Wasser, das die Wüstenbeduinen aus ihren Brunnen ziehen. Keine Menschen der Welt sind so bettelarm an echter Religion wie die Semiten und wie speziell ihre Halbbrüder, die Juden; und wir, die wir auserkoren waren, die tiefste und erhabenste religiöse Weltanschauung als Licht und Leben und atmende Luft unserer gesamten Kultur zu entwickeln, wir haben uns mit eigenen Händen die Lebensader unterbunden und hinken als verkrüppelte Judenknechte hinter Jahve’s Bundeslade her! Daher die Ausführlichkeit meines Kapitels über die Juden; es handelte sich darum, eine breite und sichere Grundlage für diese folgenschwere Erkenntnis zu gewinnen.

Der zweite Teil Die allmähliche Entstehung einer neuen Welt hat in diesem ersten Band nur ein einziges Kapitel: » Vom Jahre 1200 bis zum Jahre 1800 «. Hier befand ich mich auf einem selbst dem ungelehrten Leser ziemlich geläufigen Gebiete, und es wäre durchaus überflüssig gewesen, aus politischen Geschichten und Kulturgeschichten, die Jedem zugänglich sind, abzuschreiben. Meine Aufgabe beschränkte sich also darauf, den so überreichlich vorhandenen Stoff, den ich eben als » Stoff « als bekannt voraussetzen durfte, übersichtlicher zu gestalten, als dies gewöhnlich geschieht, und zwar natürlich, wiederum mit einziger Berücksichtigung des Gegenstandes dieses Werkes, nämlich des 19. Jahrhunderts. Dieses Kapitel steht auf der Grenze zwischen den beiden Bänden des Werkes: Manches, was in den vorangehenden Kapiteln nur angedeutet, nicht systematisch ausgeführt werden konnte, so z. B. die prinzipielle Bedeutung des Germanentums für unsere neue Welt und der Wert der Vorstel - lungen des Fortschrittes und der Entartung für das Verständnis der Ge -19Allgemeine Einleitung.schichte, findet hier eine abschliessende Besprechung; dagegen eilt die kurze Skizze der Entwickelung auf den verschiedenen Gebieten des Lebens dem 19. Jahrhundert zu, und die Übersichtstafel über Wissen, Civilisation und Kultur und ihre verschiedenen Elemente deutet bereits auf das Vergleichungswerk des geplanten Anhangs hin und giebt auch jetzt schon zu mancher sehr belehrenden Parallele Anlass: im selben Augenblick, wo wir den Germanen in seiner vollen Kraft aufblühen sehen, als sei ihm nichts verwehrt, als eile er einem Grenzenlosen entgegen, erblicken wir hierdurch zugleich seine Beschränkungen; und das ist sehr wichtig, denn erst durch diese letzten Züge erhält er volle Individualität.

Gewissen Voreingenommenheiten gegenüber werde ich mich wohl dafür rechtfertigen müssen, dass ich in diesem Kapitel Staat und Kirche nur als Nebensache behandelt habe richtiger gesagt, nur als eine Erscheinung unter anderen, und nicht als die wichtigste. Staat und Kirche bilden nunmehr gewissermassen nur den Knochenbau: die Kirche ist ein inneres Knochengerüst, in welchem, wie üblich, mit zunehmendem Alter eine immer stärkere Disposition zu chronischer Ankylosis sich zeigt; der Staat entwickelt sich mehr und mehr zu jenem, in der Zoologie häufig vorkommenden, peripherischen Knochen - panzer, dem sogenannten Dermoskelett, seine Struktur wird immer massiger, er dehnt sich immer mehr über alle » Weichteile « aus, bis er zuletzt, in unserem Jahrhundert, zu wahrhaft megalotherischen Dimensionen angewachsen, einen bisher unerhört grossen Prozentsatz der wirksamen Kräfte der Menschheit als Militär - und Civilbeamte aus dem eigentlichen Lebensprozess ausscheidet und, wenn ich so sagen darf, » verknöchert «. Das soll nicht eine Kritik sein; die knochen - und wirbellosen Tiere haben es bekanntlich in der Welt nicht weit gebracht; es liegt mir überhaupt fern, in diesem Buche moralisieren zu wollen, ich musste nur erklären, warum ich mich in der zweiten Abteilung nicht bemüssigt fand, ein besonderes Gewicht auf die fernere Entwickelung von Staat und Kirche zu legen. Der Impuls zu ihrer seitherigen Entwickelung war ja schon im 13. Jahrhundert vollkommen ausgebildet; der Nationalismus hatte über den Imperialismus ge - siegt, dieser brütete auf Wiedergewinnung des Verlorenen; prinzipiell Neues kam nicht mehr hinzu; auch die Bewegungen gegen die überhandnehmende Vergewaltigung der individuellen Freiheit durch Kirche und Staat hatten damals bereits begonnen, sich sehr häufig und energisch fühlbar zu machen. Kirche und Staat geben, wie gesagt,2*20Allgemeine Einleitung.von nun ab das hin und wieder an Bein - und Armbrüchen leidende, jedoch feste Skelett ab, haben aber an der all - mählichen Entstehung einer neuen Welt verhältnismässig wenig An - teil; fortan folgen sie mehr als dass sie führen. Dagegen entsteht in allen Ländern Europas auf den verschiedensten Gebieten freier menschlicher Thätigkeit von etwa dem Jahre 1200 an eine wirklich neuschöpferische Bewegung. Das kirchliche Schisma und die Auf - lehnung gegen staatliche Verordnungen sind eigentlich mehr nur die mechanische Seite dieser Bewegung, sie entspringen aus dem Lebens - bedürfnis der neu sich regenden Kräfte, sich Raum zu schaffen; das eigentlich Schöpferische ist an anderen Orten zu suchen. Wo, habe ich schon oben angedeutet, als ich meine Wahl des Jahres 1200 als Grenzpfahl zu rechtfertigen suchte: das Aufblühen von Technik und Industrie, die Begründung des Grosshandels auf der echt germanischen Grundlage makelloser Ehrenhaftigkeit, das Emporkommen emsiger Städte, die Entdeckung der Erde (wie wir kühn sagen dürfen), die schüchtern beginnende, bald aber ihren Horizont über den gesamten Kosmos ausdehnende Naturforschung, der Gang in die tiefsten Tiefen des menschlichen Denkens, von Roger Bacon bis Kant, das Himmel - wärtsstreben des Geistes, von Dante bis Beethoven: das alles ist es, worin wir eine neue Welt im Entstehen erkennen dürfen.

Der zweite Band.
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Mit dieser Betrachtung des allmählichen Entstehens einer neuen Welt, etwa vom Jahre 1200 bis zum Jahre 1800, schliesst der erste Band. Der ausführliche Entwurf zum zweiten liegt vor mir. In ihm weiche ich jeder künstlichen Schematisierung, auch jedem Versuch, in tendenziöser Weise an den vorangehenden Teil anzuknüpfen, sorgfältig aus. Es genügt nämlich zunächst vollkommen, dass die erläuternde Untersuchung der ersten achtzehnhundert Jahre vorausgeschickt wurde; ohne dass häufig ausdrücklich darauf zurückzukommen wäre, wird sie sich als unerlässliche Einführung bewähren; die vergleichende Wert - schätzung und Parallelisierung folgt dann im Anhang. Hier begnüge ich mich also damit, die verschiedenen wichtigsten Erscheinungen des Jahrhunderts nacheinander zu betrachten: die Hauptzüge der politischen, religiösen und sozialen Gestaltung, den Entwicklungsgang der Technik, der Industrie und des Handels, die Fortschritte der Naturwissenschaft und der Humanitäten, zuletzt die Geschichte des menschlichen Geistes in seinem Denken und Schaffen, indem überall natürlich nur die Haupt - strömungen hervorgehoben und einzig die Gipfelpunkte berührt werden.

21Allgemeine Einleitung.

Ein Kapitel schicke ich jedoch diesen Betrachtungen voraus, ein Kapitel über die » neuen Kräfte «, welche sich in diesem Jahr - hundert geltend gemacht und ihm seine charakteristische Physiognomie verliehen haben, die aber in dem Rahmen eines der allgemeinen Kapitel nicht zur rechten Geltung kommen können. Die Presse zum Beispiel ist zugleich eine politische und eine soziale Macht aller - ersten Ranges; ihre riesige Entwickelung in unserem Jahrhundert hängt jedoch auf das allerengste mit Industrie und Technik zusammen, nicht so sehr, meine ich, in Bezug auf die Herstellung der Zeitungen durch schnell arbeitende Maschinen u. s. w., als vielmehr durch die elektrische Telegraphie, welche den Blättern die Nachrichten bringt, und die Eisenbahnen, welche die gedruckte Nachricht überallhin verbreiten; die Presse ist der mächtigste Bundesgenosse des Kapitalismus; auf Kunst, Philosophie und Wissenschaft kann sie zwar nicht im letzten Grund bestimmenden Einfluss ausüben, sie vermag es aber auch hier, beschleunigend oder retardierend und somit in hohem Masse auf die Zeit gestaltend zu wirken. Es ist dies eine Kraft, welche die früheren Jahrhunderte nicht gekannt haben. Gleicher Weise hat eine neue Technik, die Erfindung und Vervollkommnung der Eisenbahn und des Dampfschiffes, sowie der elektrischen Telegraphie, einen schwer abzuschätzenden Einfluss auf fast alle Gebiete mensch - licher Thätigkeit ausgeübt und die Physiognomie und Lebensbe - dingungen unserer Erde tief umgestaltet: ganz direkt ist hier die Wirkung auf die Strategik und dadurch auf die gesamte Politik, sowie auch auf den Handel und auf die Industrie; indirekt werden aber sogar Wissenschaft und Kunst davon betroffen: mit leichter Mühe begeben sich die Astronomen aller Länder an das Nordkap oder nach den Fidschiinseln, um eine totale Sonnenfinsternis zu beobachten, und die deutschen Bühnenfestspiele in Bayreuth sind gegen Schluss des Jahrhunderts, dank der Eisenbahn und dem Dampfschiff, zu einem lebendigen Mittelpunkt der dramatischen Kunst für die ganze Welt geworden. Ebenfalls hierhin rechne ich die Emanzipation der Juden. Wie jede neu entfesselte Kraft, wie die Presse und der Schnellverkehr, hat wohl dieser plötzliche Einbruch der Juden in das Leben der die Weltgeschichte tragenden europäischen Völker nicht bloss Gutes im Gefolge gehabt; die sogenannte klassische Renaissance war doch bloss eine Wiedergeburt von Ideen, die jüdische Renaissance ist dagegen die Wiederauferstehung eines längst totgeglaubten Lazarus, welcher Sitten und Denkarten der antiken Welt in die neue hinein -22Allgemeine Einleitung.trägt und dabei einen ähnlichen Aufschwung nimmt wie einst die Reblaus, die in Amerika das wenig beachtete Dasein eines unschuldigen Käferchens geführt hatte, nach Europa übergeführt jedoch plötzlich zu einem nicht ganz unbedenklichen Weltruhme gelangte. Wir dürfen aber wohl hoffen und glauben, dass die Juden, wie die Amerikaner, uns nicht bloss eine neue Laus, sondern auch eine neue Rebe mit - gebracht haben. Gewiss ist, dass sie unserem Jahrhundert ein be - sonderes Gepräge aufgedrückt haben und dass die im Entstehen be - griffene » neue Welt « für das Werk der Assimilation dieses Stückes » alter Welt « einen bedeutenden Kraftaufwand benötigen wird. Es giebt noch andere » neue Kräfte «, die an Ort und Stelle zu behandeln sein werden, so z. B. ward die Begründung der modernen Chemie der Ausgangspunkt für eine neue Naturwissenschaft, und die Vollendung einer neuen künstlerischen Sprache durch Beethoven ist ohne Frage eine der folgenreichsten Thaten auf dem Gebiete der Kunst seit den Tagen des Homer: sie schenkte dem Menschen ein neues Sprach - organ, d. h. eine neue Kraft.

Der Anhang soll, wie gesagt, dem Vergleichungswerk zwischen dem ersten und dem zweiten Band dienen. Diese Parallelisierung führe ich Punkt für Punkt, mit Benützung des Schemas des ersten Teiles, in mehreren Kapiteln durch; man wird, glaube ich, finden, dass diese Betrachtungsweise zu vielen und inter - essanten Anregungen und Einsichten führt. Ausserdem bereitet sie ganz vorzüglich auf den etwas gewagten, aber unentbehrlichen Blick in die Zukunft vor, ohne welchen die volle Plastizität der Vorstellung nicht zu erwirken wäre; erst dann kann man auch hoffen, unser Jahrhundert mit der nötigen, vollkommenen Objektivität beurteilen und, sozusagen, aus der Vogelperspektive erschauen zu können, womit zugleich meine Aufgabe zu Ende geführt sein wird.

Dies also die höchst einfache, ungekünstelte Anlage des zweiten Bandes. Es handelt sich da um ein Vorhaben, dessen Ausführung ich vielleicht nicht erleben werde, doch musste ich es hier erwähnen, da es die Gestaltung des vorliegenden Buches wesentlich beeinflusst hat.

Über einige prinzipiell wichtige Punkte muss ich mich noch hier in der allgemeinen Einleitung kurz aussprechen, damit wir nicht später, an unpassendem Orte, durch theoretische Erörterungen aufgehalten werden!

Anonyme Kräfte.
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Fast alle Menschen sind von Natur » Heldenverehrer «; gegen diesen gesunden Instinkt lässt sich nichts Stichhaltiges einwenden. 23Allgemeine Einleitung.Einmal ist die Vereinfachung ein unabweisliches Bedürfnis des Menschen - geistes, so dass wir unwillkürlich dazu gedrängt werden, an die Stelle der vielen Namen, welche Träger irgend einer Bewegung waren, einen einzigen Namen zu setzen; weiterhin ist die Person etwas Gegebenes, Individuelles, Abgegrenztes, während alles, was weiter liegt, bereits eine Abstraktion und einen Begriffskreis von schwankendem Umfang bedeutet. Man könnte darum die Geschichte eines Jahrhunderts aus lauter Namen zusammensetzen; ich weiss aber nicht, ob ein anderes Verfahren nicht geeigneter ist, das wahrhaft Wesentliche zum Aus - druck zu bringen. Es ist nämlich auffallend, wie unendlich wenig die einzelnen Individualitäten sich im Allgemeinen von einander abheben. Die Menschen bilden innerhalb ihrer verschiedenen Rassenindividualitäten eine atomistische, nichtsdestoweniger aber eine sehr homogene Masse. Neigte sich ein grosser Geist von den Sternen aus beschaulich über unsere Erde und wäre er im Stande, nicht nur unsere Körper, sondern auch unsere Seelen zu erblicken, so würde ihm sicherlich die Menschheit irgend eines Weltteiles so einförmig dünken, wie uns ein Ameisenhaufen: er würde wohl Krieger, Arbeiter, Faulenzer und Monarchen unterscheiden, er würde bemerken, dass die einen hierhin, die anderen dorthin rennen, im Grossen und Ganzen aber würde er doch den Eindruck erhalten, dass sämtliche Individuen einem gemeinsamen, unpersönlichen Impuls gehorchen, und gehorchen müssen. Nicht nur der Willkür, sondern ebenfalls dem Einfluss der grossen Persönlichkeit sind äusserst enge Schranken gesetzt. Alle grossen und dauernden Umwälzungen im Leben der Gesellschaft haben » blind « stattgefunden. Eine ausser - ordentliche Persönlichkeit, wie z. B. in unserem Jahrhundert die Napoleon’s, kann hierüber irreführen, und doch erscheint gerade sie, bei näherer Betrachtung, als ein blind waltendes Fatum. Ihre Mög - lichkeit entsteht aus früheren Vorgängen: ohne Richelieu, ohne Ludwig XIV., ohne Ludwig XV., ohne Voltaire und Rousseau, ohne französische Revolution, kein Napoleon! Wie eng verwachsen ist ausserdem die Lebensthat eines solchen Mannes mit dem National - charakter des gesamten Volkes, mit seinen Eigenschaften und seinen Fehlern: ohne ein französisches Volk, kein Napoleon! Die Thätig - keit dieses Feldherrn ist aber vor Allem eine Thätigkeit nach aussen, und da müssen wir wieder sagen: ohne die Unschlüssigkeit Friedrich Wilhelms III., ohne die Gesinnungslosigkeit des Hauses Habsburg, ohne die Wirren in Spanien, ohne das vorangegangene Verbrechen gegen Polen, kein Napoleon! Und suchen wir nun, um vollends24Allgemeine Einleitung.über diesen Punkt klar zu werden, in den Lebensschilderungen und in der Korrespondenz Napoleons, was er gewollt und erträumt hat, so sehen wir, dass er nichts davon erreichte, und dass er in die un - unterschiedliche homogene Masse zurücksank, wie Wolken nach einem Gewitter sich auflösen, sobald die Gesamtheit sich gegen das Vor - herrschen individuellen Wollens erhob. Dagegen hat die gründ - liche, durch keine Gewalt der Erde rückgängig zu machende Ver - wandlung unserer gesamten wirtschaftlichen Lebensverhältnisse, der Übergang eines bedeutenden Teiles des Vermögens der Nationen in neue Hände, und ausserdem die durchgreifendste Umbildung des Ver - hältnisses aller Erdteile und somit auch aller Menschen zu einander, von der die Weltgeschichte zu erzählen weiss, im Laufe dieses Jahr - hunderts durch eine Reihe von technischen Erfindungen auf dem Gebiete des Schnellverkehrs und der Industrie stattgefunden, ohne dass irgend jemand die Bedeutung dieser Neuerungen auch nur ge - ahnt hätte. Man lese nur in Bezug hierauf die meisterliche Darlegung im fünften Band von Treitschke’s Deutscher Geschichte. Die Ent - wertung des Grundbesitzes, die progressive Verarmung des Bauern, der Aufschwung der Industrie, die Entstehung eines unabsehbaren Heeres von gewerblichen Proletariern und somit auch einer neuen Gestaltung des Sozialismus, eine tiefgreifende Umwälzung aller politischen Verhältnisse: alles das ist eine Folge der veränderten Verkehrs - bedingungen, und alles das ist, wenn ich so sagen darf, anonym ge - schehen, wie der Bau eines Ameisennestes, bei welchem jede Ameise nur die einzelnen Körnchen sieht, die sie mühsam herbeischleppt. Ähnliches gilt aber auch von Ideen: sie ergreifen die Menschheit mit gebieterischer Macht, sie umspannen das Denken wie ein Raubvogel seine Beute, Keiner kann sich ihrer erwehren; solange eine solche be - sondere Vorstellung herrscht, kann nichts Erfolgreiches ausserhalb ihres Bannkreises geleistet werden; wer nicht in dieser Weise zu empfinden vermag, ist zur Sterilität verdammt und sei er noch so begabt. So ging es in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts mit der Entwickelungs - theorie Darwin’s. Schon im vorigen Jahrhundert dämmerte diese Idee auf, als natürliche Reaktion gegen die alte, durch Linnäus zur formellen Vollendung gelangte Anschauung von der Unveränderlichkeit der Arten. Bei Herder, bei Kant und bei Goethe treffen wir den Evolutionsgedanken in charakteristischer Färbung an; es ist ein Abschütteln des Dogmas seitens hervorragender Geister: seitens des einen, weil er, dem Zuge germanischer Weltanschauung folgend, die Entwickelung des Begriffes25Allgemeine Einleitung.» Natur « zu einem den Menschen umfassenden Ganzen erstrebte, seitens des anderen, weil er als Metaphysiker und Moralist sich die Vor - stellung der Perfektibilität nicht konnte rauben lassen, während der Dritte mit dem Auge des Poeten auf allen Seiten Züge entdeckte, die ihm auf Wesensverwandtschaft aller lebenden Organismen zu weisen schienen, und er fürchten musste, seine tiefe Einsicht in ein abstraktes Nichts sich verflüchtigen zu sehen, sobald diese Verwandtschaft nicht als eine auf unmittelbarer Abstammung beruhende aufgefasst würde. Das sind die Anfänge solcher Gedanken. In Geistern so phänome - nalen Umfanges wie Goethe, Herder und Kant ist für sehr verschiedene Anschauungen nebeneinander Platz; sie sind dem Gotte Spinoza’s zu vergleichen, dessen eine Substanz sich zu gleicher Zeit in verschiedenen Formen äussert; in ihren Ideen über Metamorphose, Homologien und Entwickelung kann ich keinen Widerspruch mit anderen Einsichten finden und ich glaube, sie hätten unser heutiges Evolutionsdogma ebenso verworfen wie dasjenige der Unveränderlichkeit. 1)Man vergleiche hierzu die klassisch vollendete Ausführung Kant’s, welcher den Schlussabsatz des Abschnittes » Von dem regulativen Gebrauche der Ideen der reinen Vernunft « in der Kritik der reinen Vernunft bildet. Der grosse Denker weist hier darauf hin, wie so die Annahme einer » kontinuierlichen Stufen - leiter der Geschöpfe « aus einem Interesse der Vernunft, doch nie und nimmer aus der Beobachtung hervorgehe. » Die Sprossen einer solchen Leiter, so wie sie uns Erfahrung angeben kann, stehen viel zu weit auseinander, und unsere vermeintlich kleinen Unterschiede sind gemeiniglich in der Natur selbst so weite Klüfte, dass auf solche Beobachtungen (vornehmlich bei einer grossen Mannigfaltigkeit von Dingen, da es immer leicht sein muss, gewisse Ähn - lichkeiten und Annäherungen zu finden), als Absichten der Natur gar nichts zu rechnen ist « u. s. w. In seinen Recensionen über Herder wirft er der Evolutions - hypothese vor, sie sei eine jener Ideen, » bei denen sich gar nichts denken lässt «. Kant, den selbst ein Haeckel » den bedeutendsten Vorläufer « Darwin’s nennt, hatte also zugleich das Antidot gegen den dogmatischen Missbrauch einer derartigen Hypothese gereicht.Ich komme an anderem Orte hierauf zurück. Die überwiegende Mehrzahl der ameisenartig emsigen Menschen ist nun gänzlich unfähig, sich zu solcher genialen Anschauungsweise zu erheben; produktive Kraft kann in weiten Schichten nur durch die Einfachheit gesunder Einseitigkeit er - zeugt werden. Ein handgreiflich unhaltbares System wie dasjenige Darwin’s übt eine weit mächtigere Wirkung aus als die tiefsten Speku - lationen, und zwar gerade seiner » Handgreiflichkeit « wegen. Und so haben wir den Entwickelungsgedanken sich selbst » entwickeln « sehen, bis er sich von der Biologie und Geologie aus auf alle Gebiete des26Allgemeine Einleitung.Denkens und des Forschens erstreckt hat und, von seinen Erfolgen berauscht, eine derartige Tyrannei ausübte, dass, wer nicht bedingungs - los zu ihm schwor, als totgeboren zu erachten war. Die Philo - sophie aller dieser Erscheinungen geht mich hier nichts an; ich zweifle nicht, dass der Geist der Gesamtheit in zweckmässiger Weise sich äussert. Ich darf aber Goethe’s Worte mir zu eigen machen: » Was sich mir vor Allem aufdringt, ist das Volk, eine grosse Masse, ein notwendiges, unwillkürliches Dasein «, und hierdurch meine Über - zeugung begründen und erklären, dass grosse Männer wohl die Blüten der Geschichte sind, jedoch nicht ihre Wurzeln. Darum halte ich es für geboten, ein Jahrhundert weniger durch die Aufzählung seiner bedeutendsten Männer, als durch Hervorhebung der anonymen Strö - mungen zu schildern, welche auf den verschiedensten Gebieten des sozialen, des industriellen und des wissenschaftlichen Lebens dem Jahr - hundert ein besonderes, eigenartiges Gepräge verliehen haben.

Das Genie.
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Jedoch es giebt eine Ausnahme. Sobald nicht mehr die bloss beobachtende, vergleichende, berechnende, oder die bloss erfindende, industrielle, den Kampf ums Leben führende Geistesthätigkeit, sondern die rein schöpferische in Betracht kommt, da gilt die Persönlich - keit allein. Die Geschichte der Kunst und der Philosophie ist die Geschichte einzelner Männer, nämlich der wirklich schöpferischen Genies. Alles Übrige zählt hier nicht. Was innerhalb des Rahmens der Philosophie sonst geleistet wird, und es wird da Vieles und Be - deutendes geleistet, gehört zur » Wissenschaft «; in der Kunst gehört es zum Kunstgewerbe, also zur Industrie.

Ich lege umsomehr Gewicht hierauf, als eine bedauerliche Kon - fusion heute gerade in dieser Beziehung herrscht. Der Begriff und damit auch das Wort Genie kamen im vorigen Jahrhundert auf; sie entsprangen aus dem Bedürfnis, für die spezifisch schöpferischen Geister einen besonderen, kennzeichnenden Ausdruck zu besitzen. Nun macht aber kein geringerer als Kant darauf aufmerksam, dass » der grösste Erfinder im Wissenschaftlichen sich nur dem Grade nach vom gewöhnlichen Menschen unterscheidet, das Genie dagegen spezifisch «. Diese Bemerkung Kant’s ist zweifellos richtig, unter dem einen Vor - behalt, dass wir was auch unerlässlich ist den Begriff des Genialen auf jede Schöpfung ausdehnen, in welcher die Phantasie eine gestaltende, vorwiegende Rolle spielt, und in dieser Beziehung verdient das philosophische Genie denselben Platz wie das dichterische oder plastische; wobei ich das Wort Philosophie in seiner alten27Allgemeine Einleitung.weiten Bedeutung verstanden wissen will, welche nicht allein die abstrakte Vernunftphilosophie, sondern die Naturphilosophie, die Religionsphilosophie und jedes andere zu der Höhe einer Weltanschauung sich erhebende Denken begriff. Soll das Wort Genie einen Sinn be - halten, so dürfen wir es nur auf Männer anwenden, die unser geistiges Besitztum durch schöpferische Erfindungen ihrer Phantasie dauernd be - reichert haben; dafür aber auf alle solche. Nicht allein die Ilias und der gefesselte Prometheus, nicht allein die Andacht zum Kreuze und Hamlet, auch Plato’s Ideenwelt und Demokrit’s Welt der Atome, Chandogya’s tat-tvam-asi und das System des Himmels des Kopernikus sind Werke des unvergänglichen Genies; denn ebenso unzerstörbar wie Stoff und wie Kraft sind die Blitzstrahlen, welche aus dem Gehirn der mit Schöpferkraft begabten Männer hervorleuchten; die Generationen und die Völker spiegeln sie sich fortwährend gegenseitig zu, und, ver - blassen sie auch manchmal vorübergehend, von Neuem leuchten sie hell auf, sobald sie wieder auf ein schöpferisches Auge fallen. In unserem Jahrhundert hat man entdeckt, dass es in jenen Meerestiefen, zu denen das Sonnenlicht nicht dringt, Fische giebt, welche diese nächtige Welt auf elektrischem Wege erleuchten; ebenso wird die dunkle Nacht unserer menschlichen Erkenntnis durch die Fackel des Genies erhellt. Goethe zündete uns mit seinem Faust eine Fackel an, Kant eine andere mit seiner Vorstellung von der trans - cendentalen Idealität von Zeit und Raum: beide waren phantasie - mächtige Schöpfer, beide Genies. Der Schulstreit über den Königs - berger Denker, die Schlachten zwischen Kantianern und Antikantianern, dünken mich ebenso belangreich wie der Eifer der Faustkritiker: was sollen denn hier die logischen Tüfteleien? was bedeutet hier » Recht haben «? Selig diejenigen, welche Augen zum Sehen und Ohren zum Hören haben! Erfüllt uns das Studium des Gesteines, des Mooses, des mikroskopischen Infusoriums mit staunender Bewunderung, mit welcher Ehrfurcht müssen wir da nicht zu jenem höchsten Phänomen hinauf - blicken, welches die Natur uns darbietet, zum Genie!

Noch eine prinzipiell nicht unwichtige Bemerkung muss ich hierVerall - gemeinerungen. anknüpfen. Sollen uns auch die allgemeinen Tendenzen, nicht die Er - eignisse und die Personen vorzüglich beschäftigen, so darf dabei die Gefahr zu weit gehender Verallgemeinerungen nicht aus dem Auge verloren werden. Zu einem voreiligen Summieren sind wir nur allzu geneigt. Das zeigt sich in der Art und Weise, wie man unserem Jahrhundert eine Etikette um den Hals zu hängen pflegt, wogegen es28Allgemeine Einleitung.gewiss unmöglich ist, durch ein einziges Wort uns selber und der Vergangenheit gerecht zu werden. Eine derartige fixe Idee genügt, um das Verständnis des geschichtlichen Werdens unmöglich zu machen.

Ganz allgemein wird z. B. das 19. Jahrhundert das » Jahr - hundert der Naturwissenschaft « genannt. Wer nun sich ver - gegenwärtigt, was das 16., 17. und 18. Jahrhundert gerade auf diesem Gebiete geleistet haben, wird sich wohl bedenken, ehe er so ohne Weiteres dem unseren den Titel: » das naturwissenschaftliche Jahr - hundert « verleiht. Wir haben nur weiter ausgebaut und durch Fleiss gar vieles entdeckt; ob wir aber auf einen Kopernikus und einen Galileo, auf einen Kepler und einen Newton, auf einen Lavoisier und einen Bichat1)Er starb 1802. hinweisen können, erscheint mir mindestens zweifelhaft. Cuvier’s Thätigkeit erreicht freilich die Würde philosophischer Bedeutung, und die Beobachtungs - und Erfindungsgabe von Männern wie Bunsen (der Chemiker) und Pasteur streift an das Geniale; man wird aber mindestens zugeben müssen, dass ihre Leistungen die ihrer Vorgänger nicht übertreffen. Vor etlichen Jahren sagte mir ein sowohl durch theoretische wie durch praktische Arbeiten rühmlichst bekannter Hochschullehrer der medizinischen Fakultät: » Bei uns Gelehrten kommt es nunmehr viel weniger auf die Gehirnwindungen an als auf das Sitzfleisch. « Es hiesse nun wirklich zu bescheiden sein und den Nachdruck auf das Nebensächliche legen, wenn wir unser Jahrhundert als das Jahrhundert des Sitzfleisches bezeichnen wollten! Um so mehr, als die Benennung als Jahrhundert des rollenden Rades jedenfalls mindestens ebenso berechtigt wäre für eine Zeit, welche die Eisenbahn und das Zweirad hervorgebracht hat. Besser wäre jedenfalls der allgemein gehaltene Name: Jahrhundert der Wissenschaft, worunter man zu verstehen hätte, dass der Geist exakter Forschung, von Roger Bacon zuerst kategorisch gefordert, nun - nunmehr alle Disziplinen unterjocht hat. Dieser Geist hat aber, wohl betrachtet, zu weniger überraschenden Resultaten auf dem Gebiete der Naturwissenschaft geführt, wo ja seit uralten Zeiten die exakte Beob - achtung der Gestirne die Grundlage alles Wissens bildete, als auf anderen Gebieten, wo bisher die Willkür ziemlich unumschränkt geherrscht hatte. Vielleicht hiesse es etwas sehr Wahres, für unser Jahrhundert speziell Kennzeichnendes sagen, zugleich etwas den meisten Gebildeten nicht recht Bewusstes, wenn man von einem Jahrhundert der Philo -29Allgemeine Einleitung.logie spräche. Gegen Schluss des vorigen Jahrhunderts, von solchen Männern wie Jones, Anquetil du Perron, den Gebrüdern Schlegel und Grimm, Karadžič und anderen zuerst ins Leben gerufen, hat die vergleichende Philologie im Laufe eines einzigen Jahrhunderts eine unvergleichliche Bahn durchschritten. Den Organismus und die Ge - schichte der Sprache ergründen, heisst nicht allein Licht auf Anthro - pologie, Ethnologie und Geschichte werfen, sondern geradezu das menschliche Denken zu neuen Thaten stärken. Und während so die Philologie unseres Jahrhunderts für die Zukunft arbeitete, hob sie verschüttete Schätze der Vergangenheit, die fortan zu den kostbarsten Gütern der Menschheit gehören. Man braucht nicht Sympathie für den pseudobuddhistischen Sport halbgebildeter Müssiggänger zu em - pfinden, um klar zu erkennen, dass die Entdeckung der altindischen Erkenntnis-Theologie eine der grössten Thaten dieses Jahrhunderts ist, bestimmt, eine nachhaltige Wirkung auf ferne Zeiten auszuüben. Dazu kam die Kenntnis altgermanischer Dichtung und Mythologie. Jede Kräftigung der echten Eigenart ist ein wahrer Rettungsanker. Die glänzende Reihe der Germanisten und ebenso die der Indologen hat, halb unbewusst, eine grosse That im rechten Augenblick voll - bracht; jetzt besitzen auch wir unsere » heiligen Bücher «, und was sie lehren, ist schöner und edler als was das alte Testament berichtet. Der Glaube an unsere Kraft, den wir aus der Geschichte von 19 Jahrhunderten schöpfen, hat eine unermesslich wertvolle Bereiche - rung durch diese Entdeckung unserer selbständigen Fähigkeit zu vielem Höchsten erfahren, in Bezug auf welches wir bisher in einer Art Lehnverhältnis standen: namentlich ist die Fabel von der beson - deren Befähigung der Juden für die Religion endgültig vernichtet; hierfür werden spätere Geschlechter unserem Jahrhundert dankbar sein. Diese Thatsache ist eine der grossen, weitestreichenden Erfolge unserer Zeit, daher hätte die Benennung Jahrhundert der Philologie eine ge - wisse Berechtigung. Hiermit haben wir nun auch eine andere der charakteristischen Erscheinungen unseres Jahrhunderts erwähnt. Ranke hatte vorausgesagt, unser Jahrhundert werde ein Jahrhundert der Nationalität sein; das war ein zutreffendes politisches Prognostikon, denn niemals zuvor haben sich die Nationen so sehr als fest abge - schlossene, feindliche Einheiten einander gegenüber gestanden. Es ist aber auch ein Jahrhundert der Rassen geworden, und zwar ist das zunächst eine notwendige und unmittelbare Folge der Wissen - schaft und des wissenschaftlichen Denkens. Ich habe schon zu Be -30Allgemeine Einleitung.ginn dieser Einleitung behauptet, dass die Wissenschaft nicht eine, sondern trenne; das hat sich auch hier bewährt. Die wissenschaftliche Anatomie hat die Existenz von physischen, unterscheidenden Merk - malen zwischen den Rassen erwiesen, sodass sie nicht mehr geleugnet werden können, die wissenschaftliche Philologie hat zwischen den ver - schiedenen Sprachen prinzipielle Abweichungen aufgedeckt, die nicht zu überbrücken sind, die wissenschaftliche Geschichtsforschung hat in ihren verschiedenen Zweigen zu ähnlichen Resultaten geführt, nament - lich durch die genaue Feststellung der Religionsgeschichte einer jeden Rasse, wo nur die allerallgemeinsten Ideen den täuschenden Schein der Gleichmässigkeit erwecken, die Weiterentwickelung aber stets nach bestimmten, scharf voneinander abweichenden Richtungen stattgefunden hat, und noch immer stattfindet. Die sogenannte » Einheit der mensch - lichen Rasse « bleibt zwar als Hypothese noch in Ehren, jedoch nur als eine jeder materiellen Grundlage entbehrende, persönliche, sub - jektive Überzeugung. Im Gegensatz zu den gewiss sehr edlen, aus reinster Sentimentalität hervorgequollenen Weltverbrüderungsideen des 18. Jahrhunderts, in welchen die Sozialisten als Hintertreffen noch heute nachhinken, hat sich allmählich die starre Wirklichkeit als not - wendiges Ergebnis der Ereignisse und der Forschungen unseres Jahr - hunderts erhoben. Manche andere Benennung könnte vieles zu ihrer Rechtfertigung anführen: Rousseau hatte schon prophetisch von einem » Siècle des Révolutions « gesprochen, Andere reden wohl von einem Jahrhundert der Judenemanzipation, Jahrhundert der Elektrizität, Jahr - hundert der Volksarmeen, Jahrhundert der Kolonien, Jahrhundert der Musik, Jahrhundert der Reklame, Jahrhundert der Unfehlbarkeits - erklärung, Kürzlich fand ich in einem englischen Buche unser Jahrhundert als the religious century bezeichnet und konnte dem Manne nicht ganz Unrecht geben; für Beer, den Verfasser der Geschichte des Welthandels, ist das 19. Jahrhundert » das öko - nomische «, wogegen Prof. Paulsen es in seiner Geschichte des ge - lehrten Unterrichts (2. Aufl. II, 206), das saeculum historicum im Gegensatz zu dem vorausgegangenen saeculum philosophicum nennt, und Goethe’s Ausdruck » ein aberweises Jahrhundert « sich auf das unsrige ebenso gut wie auf das vorige anwenden liesse. Einen ernst - lichen Wert besitzt aber gar keine solche Verallgemeinerung.

Das 19. Jahr - hundert.
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Hiermit gelange ich zum Schlusse dieser allgemeinen Einleitung. Ehe ich aber den Schlussstrich ziehe, möchte ich mich noch, einer31Allgemeine Einleitung.alten Gewohnheit gemäss, unter den Schutz hochverehrter Männer stellen.

Lessing schreibt in seinen Briefen, die neueste Litteratur be - treffend, die Geschichte solle sich » nicht bei unwichtigen Thatsachen aufhalten, nicht das Gedächtnis beschweren, sondern den Ver - stand erleuchten «. In dieser Allgemeinheit besagt wohl der Satz zu viel. Für ein Buch aber, welches sich nicht an Historiker, sondern an die gebildete Laienwelt wendet, gilt er uneingeschränkt. Den Ver - stand erleuchten, nicht eigentlich belehren, sondern anregend wirken, Gedanken und Entschlüsse wecken, das wäre es, was ich gern leisten möchte.

Goethe fasst die Aufgabe der Geschichtsschreibung etwas ab - weichend von Lessing auf; er sagt: » Das Beste, was wir aus der Ge - schichte gewinnen, ist der Enthusiasmus «. Auch dieser Worte bin ich bei meiner Arbeit eingedenk geblieben; denn ich bin der Über - zeugung, dass Verstand, und sei er noch so hell erleuchtet, wenig ausrichtet, ist er nicht mit Enthusiasmus gepaart. Der Verstand ist die Maschine; je vollkommener jede Einzelheit an ihr, je zielbewusster alle Teile in einander greifen, um so leistungsfähiger wird sie sein, aber doch nur virtualiter, denn, um getrieben zu werden, bedarf sie noch der treibenden Kraft, und diese ist die Begeisterung. Es dürfte nun zunächst schwer fallen, dem Winke Goethe’s folgend, sich für unser 19. Jahrhundert speziell zu erwärmen, schon deswegen, weil die Eigenliebe etwas so Verächtliches ist; wir wollen uns streng prüfen und uns lieber unter - als überschätzen; mag die Zukunft milder ur - teilen. Ich finde es auch deswegen schwer, mich dafür zu begeistern, weil das Stoffliche in unserem Jahrhundert so sehr vorwiegt. Genau so wie unsere Schlachten zumeist nicht mehr durch die persönliche Vortrefflichkeit Einzelner, sondern durch die Zahl der Soldaten, oder noch einfacher gesagt, durch die Menge des Kanonenfutters gewonnen worden sind, genau ebenso hat man Schätze an Gold und Wissen und Erfindungen zusammengetragen. Alles ist immer zahlreicher, massiger, vollständiger, unübersichtlicher geworden, man hat gesammelt, aber nicht gesichtet; d. h., es ist dies die allgemeine Tendenz gewesen. Unser Jahrhundert ist wesentlich ein Jahrhundert des Anhäufens von Material, des Durchgangsstadiums, des Provisorischen; in anderen Be - ziehungen ist es weder Fisch noch Fleisch, es pendelt zwischen Empirismus und Spiritismus, zwischen dem Liberalismus vulgaris, wie man es witzig genannt hat, und den impotenten Versuchen seniler32Allgemeine Einleitung.Reaktionsgelüste, zwischen Autokratie und Anarchismus, zwischen Un - fehlbarkeitserklärungen und stupidestem Materialismus, zwischen Juden - anbetung und Antisemitismus, zwischen raffinierten Meyerbeerschen Opern und urnaiver Volksmelodienmanie, zwischen Millionärwirtschaft und Proletarierpolitik. Nicht die Ideen sind in unserem Jahrhundert das Charakteristische, sondern die materiellen Errungenschaften. Die grossen Gedanken, die hier und da sich geregt haben, die gewaltigen Kunstschöpfungen, die von Faust’s zweitem Teil bis Parsifal dem deutschen Volk zu ewigem Ruhme entstanden sind, strebten hinaus in künftige Zeiten. Nach grossen, sozialen Umwälzungen und nach grossen geistigen Errungenschaften (am Abend des vorigen und am frühen Morgen dieses Jahrhunderts) musste wieder Stoff gesammelt werden zu weiterer Entwickelung. Hierbei bei dieser vorwiegenden Be - fangenheit im Stofflichen schwand das Schöne aus unserem Leben fast ganz; es existiert vielleicht in diesem Augenblick kein wildes, jedenfalls kein halbcivilisiertes Volk, welches nicht mehr Schönes in seiner Umgebung und mehr Harmonie in seinem Gesamtdasein be - sässe als die grosse Masse der sogenannten kultivierten Europäer. In der enthusiastischen Bewunderung des 19. Jahrhunderts ist es darum, glaube ich, geboten, Mass zu halten. Leicht ist es dagegen, den von Goethe empfohlenen Enthusiasmus zu empfinden, sobald der Blick nicht auf dem einen Jahrhundert allein ruhen bleibt, sondern die ge - samte Entwickelung der seit einigen Jahrhunderten im Entstehen be - griffenen » neuen Welt « umfasst. Gewiss ist der landläufige Begriff des » Fortschrittes « kein philosophisch wohl begründeter; unter dieser Flagge segelt fast die ganze Bafelware unseres Jahrhunderts; Goethe, der nicht müde wird, auf die Begeisterung als das treibende Element in unserer Natur hinzuweisen, spricht es nichtsdestoweniger als seine Überzeugung aus: » Klüger und einsichtiger werden die Menschen, aber besser, glücklicher und thatkräftiger nicht, oder nur auf Epochen. « 1)Eckermann: 23. Oktober 1828.Was für ein erhebenderes Gefühl kann es aber geben, als das, mit Bewusstsein einer solchen Epoche entgegenzuarbeiten, in welcher, wenn auch nur vorübergehend, die Menschen besser, glücklicher und that - kräftiger sein werden? Und wenn man unser Jahrhundert nicht isoliert betrachtet, sondern als einen Bestandteil eines weit grösseren Zeitlaufs, so entdeckt man bald, dass aus der Barbarei, welche auf den Zu - sammensturz der alten Welt folgte, und aus der wilden Gährung, die33Allgemeine Einleitung.der Zusammenstoss einander widerstrebender Kräfte hervorrief, sich vor etlichen Jahrhunderten eine vollkommen neue Gestaltung der menschlichen Gesellschaft zu entwickeln begann, und dass unsere heutige Welt weit entfernt, den Gipfel dieser Evolution zu bedeuten einfach ein Durchgangsstadium, eine » mittlere Zeit «, auf dem weiten und mühsamen Wege darstellt. Wäre unser Jahr - hundert wirklich ein Gipfelpunkt, dann wäre die pessimistische An - sicht die einzig berechtigte: nach allen grossen Errungenschaften auf geistigem und materiellem Gebiete die bestialische Bosheit noch so verbreitet und das Elend vertausendfacht zu sehen, das könnte uns nur veranlassen, Jean Jacques Rousseau’s Gebet nachzusprechen: » All - mächtiger Gott, erlöse uns von den Wissenschaften und verderben - bringenden Künsten unserer Väter! gieb uns wieder die Unwissenheit, die Unschuld und die Armut, als die einzigen Güter aus welchen Glück uns entstehen kann und welche vor deinem Angesichte Wert besitzen! « Erblicken wir dagegen, wie gesagt, in unserem Jahrhundert nur eine Etappe, lassen wir uns ausserdem von keinen Wahnbildern » goldener Zeitalter «, ebensowenig von Zukunfts - wie von Vergangen - heitswahnbildern blenden, noch von utopischen Vorstellungen einer prinzipiellen Besserung der gesamten Menschheit und ideal funktio - nierender Staatsmaschinen in unserem gesunden Urteile irreführen, dann dürfen wir wohl hoffen und zu erkennen glauben, dass wir Germanen und die Völker, die unter unserem Einfluss stehen, einer neuen harmonischen Kultur entgegenreifen, unvergleichlich schöner als irgend eine der früheren, von denen die Geschichte zu erzählen weiss, einer Kultur, in der die Menschen wirklich » besser und glück - licher « sein werden, als sie es jetzt sind. Vielleicht ist die Tendenz der modernen Schulbildung, den Blick so beständig auf die Vergangen - heit zu richten, eine bedauerliche; sie hat aber insoferne ihr Gutes, als man kein Schiller zu sein braucht, um mit diesem zu empfinden, dass » kein einzelner Neuerer mit dem einzelnen Athenienser um den Preis der Menschheit streiten « könne;1)Dieser berühmte Satz ist nur sehr bedingt wahr; ich habe ihn im Schluss - kapitel einer gründlichen Kritik unterzogen, worauf ich zur Vermeidung von Miss - verständnissen hier verweise. darum richten wir nun unseren Blick auf die Zukunft, auf jene Zukunft, deren Gestaltung wir aus dem Bewusstsein dessen, was die Gegenwart der letzten siebenhundert Jahre zu bedeuten hat, allmählich zu ahnen beginnen. Wir wollen es mit dem Athenienser aufnehmen! wir wollen eineChamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 334Allgemeine Einleitung.Welt gestalten, in welcher die Schönheit und die Harmonie des Da - seins nicht wie bei Jenen auf Sklaven -, Eunuchen - und Kemenaten - Wirtschaft ruht! wir dürfen es zuversichtlich wollen, denn wir sehen diese Welt langsam und mühevoll um unsere kurze Spanne Lebens entstehen. Und dass sie unbewusst entsteht, thut nichts zur Sache; schon der halb fabelhafte phönizische Geschichtsschreiber Sanchuniathon meldet im ersten Absatz seines ersten Buches, wo er von der Welt - schöpfung spricht: » Die Dinge selbst aber wussten nichts von ihrem eigenen Entstehen «; auch in dieser Beziehung ist Alles beim Alten geblieben; die Geschichte bildet ein unerschöpfliches Illustrations - material zu Mephisto’s: » Du glaubst zu schieben und du wirst ge - schoben. « Darum empfinden wir, wenn wir auf unser 19. Jahrhundert zurückblicken, welches sicherlich mehr geschoben wurde, als es selbst schob, welches in den allermeisten Dingen auf fast lächerliche Weise in ganz andere Wege geriet, als es einzuschlagen gedacht hatte, doch einen Schauer der aufrichtigen Bewunderung, fast der Begeisterung. In diesem Jahrhundert ist enorm gearbeitet worden, und das ist die Grundlage alles » Besser - und Glücklicherwerdens «; es war das die » Moralität « unserer Zeit, wenn ich mich so ausdrücken darf. Und während die Werkstätte der grossen, gestaltenden Ideen ruhte, wurden die Methoden der Arbeit in bisher ungeahnter Weise vervollkommnet.

Unser Jahrhundert ist der Triumph der Methodik. Hierin mehr als in irgend einer politischen Gestaltung ist ein Sieg des demokratischen Prinzips zu erblicken. Die Gesamtheit rückte hierdurch höher hinauf, sie wurde leistungsfähiger. In frühen Jahrhunderten konnten nur geniale Menschen, später nur zumindest hochbegabte Wertvolles leisten; jetzt kann es ein Jeder, dank der Methode! Durch den obligatorischen Schulunterricht, gefolgt vom obligatorischen Kampf ums Dasein, be - sitzen heute Tausende die » Methode «, um ohne jede besondere Be - gabung oder Veranlagung als Techniker, Industrielle, Naturforscher, Philologen, Historiker, Mathematiker, Psychologen u. s. w. an der gemeinsamen Arbeit des Menschengeschlechts teilzunehmen. Sonst wäre die Bewältigung eines so kolossalen Materials in einem so kurzen Zeitraum gar nicht denkbar. Man vergegenwärtige sich nur, was vor hundert Jahren unter » Philologie « verstanden wurde! man frage sich, ob es wahre » Geschichtsforschung « gab! Genau diesem selben Geist begegnen wir aber auf von der Wissenschaft weit ab - liegenden Gebieten: die Volksarmeen sind die universellste, einfachste Anwendung der Methodik und die Hohenzollern insofern die tonan -35Allgemeine Einleitung.gebenden Demokraten unseres Jahrhunderts: Methodik der Arm - und Beinbewegungen, aber zugleich Methodik der Willenserziehung, des Gehorsams, der Pflicht, der Verantwortlichkeit. Die Geschicklichkeit und die Gewissenhaftigkeit haben infolgedessen leider nicht überall, aber doch auf weiten Gebieten des Lebens entschieden sehr zu - genommen: man fordert mehr von sich und von Anderen als zuvor; es hat gewissermassen eine allgemeine technische Vervollkommnung stattgefunden, die bis in die Denkgewohnheiten der Menschen sich er - streckt. Diese Vervollkommnung kann aber schwer ohne Rückwirkung auf das Reinmoralische bleiben: die Abschaffung des menschlichen Sklaventums auch ausserhalb Europas, wenigstens in seiner offiziell anerkannten Gültigkeit, und der Beginn einer Bewegung zum Schutze der tierischen Sklaven sind vielbedeutende Anzeichen.

Und so glaube ich, dass trotz aller Bedenken eine gerechte und liebevolle Betrachtung des 19. Jahrhunderts sowohl zur » Erleuchtung des Verstandes «, wie auch zur » Erweckung des Enthusiasmus « führen muss.

3*[36][37]

ERSTER TEIL DIE URSPRÜNGE

Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt Geprägte Form, die lebend sich entwickelt. Goethe.
[38][39]

ABSCHNITT I

DAS ERBE DER ALTEN WELT

Das Edelste, was wir besitzen, haben wir nicht von uns selbst; unser Verstand mit seinen Kräften, die Form in welcher wir denken, handeln und sind, ist auf uns gleichsam herabgeerbet. Herder.
[40][41]

EINLEITENDES.

» Die Welt «, sagt Dr. Martin Luther, » wird von Gott durchHistorische Grundsätze. etliche wenige Helden und fürtreffliche Leute regieret. « Die mächtigsten dieser regierenden Helden sind die Geistesfürsten, die Männer, welche ohne Waffengewalt und diplomatische Sanktionen, ohne Gesetzeszwang und Polizei, bestimmend und umbildend auf das Denken und Fühlen zahlreicher Geschlechter wirken; diese Männer, von denen man sagen kann, dass sie um so gewaltiger sind, je weniger Gewalt sie haben, besteigen aber selten, vielleicht nie, ihren Thron während ihres Lebens; ihre Herrschaft währt lange, beginnt aber spät, oft sehr spät, nament - lich wenn wir von dem Einfluss, den sie auf Einzelne ausüben, ab - sehen und jenen Augenblick in Betracht ziehen, wo das, was ihr Leben ausmachte, auf das Leben ganzer Völker gestaltend sich zu bethätigen beginnt. Mehr als zwei Jahrhunderte vergingen, bis die neue Anschauung des Kosmos, welche wir Kopernikus verdanken, und welche tief umgestaltend auf alles menschliche Denken wirken musste, Gemeingut geworden war. So bedeutende Männer unter seinen Zeitgenossen wie Luther, urteilten über Kopernikus, er sei » ein Narr, der die ganze Kunst Astronomiä umkehre «. Trotzdem sein Weltsystem im Altertum schon gelehrt, trotzdem durch die Arbeiten seiner unmittelbaren Vorgänger, Regiomontanus und Anderer, alles vorbereitet worden war, was die neuerliche Entdeckung bedingte, so dass man wohl sagen darf, bis auf den Funken der Inspiration im Gehirn des » Fürtrefflichsten «, lag das Kopernikanische System genau bedingt vor, trotzdem es sich hier nicht um schwer fassliche metaphysische und moralische Dinge handelte, sondern um42Das Erbe der alten Welt.eine einfache und dazu beweisbare Anschauung, trotzdem gar kein materielles Interesse durch die neue Lehre tangiert wurde, er - forderte es geraume Zeit, bis diese in so mannigfacher und wesent - licher Beziehung umbildende Vorstellung aus dem einen Gehirn in das einzelner anderer bevorzugter Männer hinüberzog und, immer weiter um sich greifend, zuletzt die gesamte Menschheit beherrschte. Wie Voltaire in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts für die Anerkennung der grossen Trias Kopernikus, Kepler, Newton kämpfte, ist allbekannt, aber noch im Jahre 1779 sah sich der vor - treffliche Georg Christoph Lichtenberg genötigt, im Göttingischen Taschenbuche gegen die » Tychonianer « zu Felde zu ziehen, und erst im Jahre des Heiles ein tausend acht hundert und zwei und zwanzig gestattete die Kongregation des Index den Druck von Büchern, welche die Bewegung der Erde lehren!

Diese Bemerkung schicke ich voraus, um begreiflich zu machen, in welchem Sinne das Jahr 1 zum Ausgangspunkt unserer Zeit hier gewählt wird. Es geschieht nicht zufällig, etwa aus Bequemlichkeits - rücksichten, ebensowenig aber, weil der äussere Gang der politischen Geschehnisse dieses Jahr zu einem besonders auffälligen gestempelt hätte, sondern weil die einfachste Logik uns nötigt, eine neue Kraft bis auf ihren Ursprung zurückzuverfolgen. Wie schnell oder wie langsam sie zur wirkenden Kraft heranwächst, gehört schon zur » Geschichte «; die lebendige Quelle jeder späteren Wirkung ist und bleibt das thatsächliche Leben des Helden.

Die Geburt Jesu Christi ist nun das wichtigste Datum der ge - samten Geschichte der Menschheit. 1)Dass diese Geburt nicht im Jahre 1 stattfand, sondern aller Wahrschein - lichkeit nach einige Jahre früher, ist für uns hier belanglos.Keine Schlacht, kein Regierungs - antritt, kein Naturphänomen, keine Entdeckung besitzt eine Bedeutung, welche mit dem kurzen Erdenleben des Galiläers verglichen werden könnte; eine fast zweitausendjährige Geschichte beweist es, und noch immer haben wir kaum die Schwelle des Christentums betreten. Es ist tief innerlich berechtigt, wenn wir jenes Jahr das erste nennen, und wenn wir von ihm aus unsere Zeit rechnen. Ja, in einem gewissen Sinne dürfte man wohl sagen, eigentliche » Geschichte « beginne erst mit Christi Geburt. Die Völker, die heute noch nicht zum Christentume gehören die Chinesen, die Inder, die Türken u. s. w. haben alle heute noch keine wahre Geschichte, sondern kennen43Einleitendes.auf der einen Seite nur eine Chronik von Herrscherhäusern, Metzeleien und dergleichen, auf der anderen nur das stille, ergebene, fast tier - mässig glückliche Hinleben ungezählter Millionen, die spurlos in der Nacht der Zeiten untergehen. Ob das Reich der Pharaonen im Jahre 3285 vor Christo oder im Jahre 32850 gegründet wurde, ist an und für sich belanglos; Ägypten unter einem Ramses zu kennen, ist dasselbe, als kennte man es unter allen 15 Ramessiden. Ebenso verhält es sich mit den anderen vorchristlichen Völkern (mit Aus - nahme jener drei, die zu unserer christlichen Epoche in organischer Beziehung stehen, und von denen ich gleich reden werde): ihre Kultur, ihre Kunst, ihre Religion, kurz ihr Zustand mögen uns interessieren, ja, Errungenschaften ihres Geistes oder ihrer Industrie können zu wertvollen Bestandteilen unseres eigenen Lebens geworden sein, wie das z. B. für indisches Denken, babylonische Wissenschaft und chinesische Erfindungen der Fall ist; ihrer Geschichte jedoch, rein als solcher, fehlt das Moment der moralischen Grösse, jenes Moment, heisst das, durch welches der einzelne Mensch veranlasst wird, sich seiner Individualität im Gegensatz zur umgebenden Welt bewusst zu werden, um dann wieder wie Ebbe und Flut die Welt, die er in der eigenen Brust entdeckt hat, zur Gestaltung jener äusseren zu verwenden. Der arische Inder z. B., in metaphysischer Beziehung unstreitig der begabteste Mensch, den es je gegeben, und allen heutigen Völkern in dieser Beziehung weit überlegen, bleibt bei der inneren Erleuchtung stehen: er gestaltet nicht, er ist nicht Künstler, er ist nicht Reformator, es genügt ihm, ruhig zu leben und erlöst zu sterben er hat keine Geschichte. Ebensowenig hat sein Antipode, der Chinese, dieses unübertroffene Muster des Positivisten und des Kollektivisten, eine Geschichte; was unsere historischen Werke unter diesem Titel geben, ist weiter nichts als eine Auf - zählung der verschiedenen Räuberbanden, von denen das geduldige, kluge und seelenlose Volk, ohne ein Jota von seiner Eigenart preis - zugeben, sich hat regieren lassen; das alles ist kriminalistische Statistik, nicht Geschichte, wenigstens für uns nicht: Handlungen, die in unserer Brust kein Echo finden, können wir nicht wirklich beurteilen.

Ein Beispiel. Während diese Zeilen geschrieben werden, tobt die gesamte gesittete Welt gegen die Türkei; die europäischen Mächte werden durch die Stimme der öffentlichen Meinung gezwungen, zum Schutze der Armenier und Kretenser einzuschreiten; die endgültige Ausrottung der türkischen Macht scheint nur noch eine Frage der44Das Erbe der alten Welt.Zeit. Das hat gewiss seine Berechtigung; es musste so kommen; nichtsdestoweniger ist es eine Thatsache, dass die Türkei das letzte Stückchen von Europa ist, wo eine ganze Bevölkerung in ungestörtem Glück und Wohlbehagen lebt, eine Bevölkerung, die von sozialen Fragen, vom bittern Kampf ums Dasein und dergleichen nichts weiss, wo es keine grossen Vermögen giebt und buchstäblich gar keinen Pauperismus, wo Alle eine einzige brüderliche Familie bilden und Keiner auf Kosten des Anderen nach Reichtum strebt. Ich rede nicht das nach, was Zeitungen und Bücher berichten, sondern ich bezeuge, was ich aus eigener Anschauung weiss. Hätte der Mohammedaner nicht Toleranz zu einer Zeit geübt, wo dieser Begriff im übrigen Europa unbekannt war, es würde jetzt in den Balkanländern und in Kleinasien idyllischer Frieden herrschen. Der Christ ist es, der hier die Hefe des Zwistes hineinwirft; und mit der Grausamkeit einer gedankenlos rückwirkenden Naturmacht erhebt sich der sonst humane Moslemite und vertilgt den Störenfried. Dem Christen behagt eben weder der weise Fatalismus des Mohammedaners, noch der kluge Indifferentismus des Chinesen. » Ich bin nicht gekommen, den Frieden, sondern das Schwert zu senden «, sagte Christus selber. Die christ - liche Idee kann, in einem gewissen Sinne, geradezu als eine anti - soziale bezeichnet werden. Zum Bewusstsein einer sonst nie geahnten persönlichen Würde erwacht, genügt dem Christen der einfache tierische Instinkt des Zusammenlebens nicht mehr; er will nicht mehr des Glückes der Bienen und der Ameisen teilhaftig sein. Bezeichnet man das Christentum kurzweg als die Religion der Liebe, so hat man seine Bedeutung für die Geschichte der Menschheit nur ober - flächlich gestreift. Das Wesentliche ist hier vielmehr dieses: durch das Christentum erhielt jeder Einzelne einen bisher nie geahnten, unmessbaren Wert (sogar » die Haare auf seinem Haupte sind von Gott alle gezählet «, Matth. X., 30); diesem inneren Wert entspricht das äussere Schicksal nicht, hierdurch ist das Leben tragisch geworden, und erst durch die Tragik erhält Geschichte einen rein menschlichen Inhalt. Denn kein Vorgang ist an und für sich historisch-tragisch; er wird es erst durch den Sinn derer, die ihn erleben; sonst bleibt das, was die Menschheit betrifft, ebenso erhaben gleichgültig, wie alle anderen Naturphänomene. Auf die christliche Idee komme ich bald zurück. Hier sollte nur angedeutet werden, erstens, wie tief und wie sichtbar das Christentum umgestaltend auf das menschliche Fühlen und Thun wirkt wofür wir noch die lebendigen Beweise dicht45Einleitendes.vor unseren Augen haben,1)Es ist durchaus falsch, wenn man solche Wirkungen nicht dem erwachten Seelenleben, sondern lediglich der Rasse zuschreiben zu müssen glaubt; der Bosniak rein serbischer Abstammung und der Makedonier aus der hellenischen Verwandtschaft sind, als Mohammedaner, ebenso fatalistisch und antiindividualistisch in ihrer Gesinnung wie nur irgend ein Osmane. zweitens, in welchem Sinne die nicht - christlichen Völker keine wahre Geschichte, sondern lediglich Annalen haben.

Geschichte, im höheren Sinne des Wortes, ist einzig jene Ver -Hellas, Rom, Judäa. gangenheit, welche noch gegenwärtig im Bewusstsein des Menschen gestaltend weiterlebt. Aus der vorchristlichen Zeit gewinnt darum Geschichte nur dort ein nicht allein wissenschaftliches, sondern ein allgemein menschliches Interesse, wo sie Völker betrifft, die jener sitt - lichen Neugeburt, welche wir als Christentum bezeichnen, entgegen - eilen. Hellas, Rom und Judäa: sie allein von den Völkern des Alter - tums sind für das lebendige Bewusstsein der Menschen des 19. Jahr - hunderts geschichtlich wichtig.

Vom hellenischen Boden ist uns jeder Zoll heilig, und mit Recht. Drüben, im asiatischen Osten, hatten und haben nicht einmal die Menschen Persönlichkeit, hier, in Hellas, ist jeder Fluss, jeder Stein belebt, individualisiert, die stumme Natur erwacht zum Be - wusstsein ihrer selbst. Und die Männer, durch welche dieses Wunder geschah, stehen vor uns, von den halb fabelhaften Zeiten des troja - nischen Krieges an bis zu der Herrschaft Roms, ein Jeder mit seiner eigenen, unvergleichlichen Physiognomie: Helden, Herrscher, Krieger, Denker, Dichter, Bildner. Hier wurde der Mensch geboren: jener Mensch, fähig ein Christ zu werden. Rom ist in mancher Beziehung der grellste Kontrast zu Griechenland; es ist nicht allein geographisch, sondern auch seelisch von Asien, d. h. von semitischen, babylonischen und ägyptischen Einflüssen entfernter; es ist nicht so heiter und genügsam, nicht so flatterhaft; besitzen will das Volk, besitzen will der Einzelne. Vom Erhaben-anschaulichen der Kunst und der Philosophie wendet sich hier der Geist zur Verstandesarbeit der Organisation. Hatte dort ein einzelner Solon, ein einzelner Lykurg, gewissermassen als Dilettant, nämlich aus rein individueller Über - zeugung vom Richtigen, Staatsgrundgesetze geschaffen, hatte später ein ganzes Volk von schwatzenden Dilettanten die Herrschaft an sich gerissen, so entstand in Rom ein langlebiges Gemeinwesen von nüch - ternen, ernsten Gesetzgebern, und während der äussere Horizont, das46Das Erbe der alten Welt.römische Reich und seine Interessen, sich beständig erweiterte, ver - engerte sich in bedenklichster Weise der Horizont der inneren Inter - essen. Sittlich jedoch steht Rom in vielen Beziehungen höher als Hellas: der Grieche war von jeher, was er noch heute ist, untreu, unpatriotisch, eigensüchtig; Selbstbeherrschung war ihm fremd, darum hat er es nie verstanden, andere zu beherrschen, noch sich selber mit würdigem Stolze beherrschen zu lassen. Dagegen weist das Wachstum und die zähe Lebensdauer des römischen Staates auf den klugen, kraftvollen, bewussten politischen Geist der Bürger hin. Die Familie und das sie schützende Gesetz sind die Schöpfungen Roms. Und zwar gilt das ebensowohl von der Familie im engeren, jede höhere Sittlichkeit begründenden Sinne, wie auch in der erweiterten Bedeutung einer die Gesamtheit der Bürger zu einem festen, wider - standsfähigen Staate verbindenden Gewalt; nur aus der Familie konnte ein dauerhafter Staat entstehen, nur durch den Staat konnte das, was wir heute Civilisation nennen, ein entwickelungsfähiges Prinzip der Gesellschaft werden. Sämtliche Staaten Europas sind Pfropfreiser auf dem römischen Stamme. Und mochte noch so häufig, damals wie heute, Gewalt über Recht siegen, die Idee des Rechtes ward uns fortan zu eigen. Indes, ebenso wie der Tag die Nacht erfordert (die heilige Nacht, die unserem Auge das Geheimnis anderer Welten enthüllt, Welten über uns am Himmelsgewölbe und Welten in uns selber, in den Tiefen des schweigenden Innern), ebenso erforderte das herrliche positive Werk der Griechen und Römer eine negative Ergänzung; durch Israel wurde sie gegeben. Um die Sterne zu erblicken, muss das Tageslicht gelöscht werden; um ganz gross zu werden, um jene tragische Grösse zu gewinnen, von welcher ich vorhin sagte, dass sie allein der Geschichte einen lebensvollen Inhalt verleihe, musste der Mensch sich nicht allein seiner Kraft, sondern auch seiner Schwäche bewusst werden. Erst durch die klare Er - kenntnis und die schonungslose Betonung der Gerinfügigkeit alles menschlichen Thuns, der Erbärmlichkeit der himmelanstrebenden Ver - nunft, der allgemeinen Niederträchtigkeit menschlicher Gesinnungen und staatlicher Motive, fasste das Denken Fuss auf einem durchaus neuen Boden, von wo aus es im Menschenherzen Anlagen und Fähigkeiten entdecken sollte, die ihn zu der Erkenntnis eines Er - habensten führten; niemals hätten Griechen und Römer auf ihrem Wege dieses Erhabenste erreicht, niemals wäre es ihnen beigekommen, dem Leben des einzelnen Individuums eine so hohe Bedeutung bei -47Einleitendes.zulegen, mit anderen Worten, sie ihm zu verleihen. Betrachten wir die äussere Geschichte des Volkes Israel, so bietet sie uns beim ersten Anblick gewiss wenig Anziehendes; ausser einigen wenigen sym - pathischen Zügen scheint alle Niederträchtigkeit, deren Menschen fähig sind, in diesem einen Völkchen verdichtet; nicht als wären die Juden im Grunde genommen noch schändlicher als die anderen Menschen gewesen, die Fratze des Lasters aber glotzt einen aus ihrer Geschichte in unverhüllter Nacktheit an: kein grosser politischer Sinn entschuldigt hier das Ungerechte, keine Kunst, keine Philosophie ver - söhnt mit den Greueln des Kampfes ums Dasein. Hier nun entstand die Verneinung der Dinge dieser Welt und damit die Ahnung einer höheren ausserweltlichen Bestimmung des Menschen. Hier wagten es Männer mitten aus dem Volke, die Fürsten dieser Erde als » Diebs - gesellen « zu brandmarken, und wehe zu rufen über die Reichen, » die ein Haus an das andere ziehen und einen Acker zum anderen bringen, bis dass sie allein das Land besitzen! « Das war eine andere Auf - fassung des Rechtes als die der Römer, denen nichts heiliger dünkte als der Besitz. Der Fluch galt jedoch nicht bloss den Mächtigen, sondern auch » denen, die bei sich selbst weise sind und halten sich selbst für klug «, und ebenfalls den frohen Helden, die » Wein saufen « und die Welt zum Tummelplatz sich auserkoren haben. So redet bereits im 8. Jahrhundert vor Christi Geburt ein Jesaia. 1)Siehe Jesaia, Kap. 1 und 5.Diese erste Auflehnung gegen das radikal Böse im Menschen und in der mensch - lichen Gesellschaft erklingt aber immer mächtiger im Laufe der fol - genden Jahrhunderte aus der Seele dieses merkwürdigen Volkes; sie wird immer innerlicher, bis Jeremias ausruft: » Wehe mir, o Mutter, dass du mich geboren hast! «, und bis zuletzt die Verneinung zu einem positiven Prinzip wird und ein erhabenster Prophet sich aus Liebe ans Kreuz schlagen lässt. Mag man sich nun auf den Standpunkt eines gläubigen Christen stellen oder einfach auf den des objektiven Historikers, gleichviel, sicher ist, dass man, um die Gestalt Christi deutlich zu erkennen, das Volk kennen muss, das ihn kreuzigte. Freilich muss eines wohl beachtet werden: bei den Griechen und Römern waren die Thaten dieser Völker die positive Errungenschaft, dasjenige, was weiterlebte; bei den Juden dagegen war die Ver - neinung der Thaten dieses Volkes die einzige positive Errungenschaft für die Menschheit. Diese Verneinung ist aber ebenfalls eine historische,48Das Erbe der alten Welt.und zwar eine historisch gewachsene Thatsache. Selbst wenn Jesus Christus, wie mit grösster Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dem jüdischen Volke nicht entstammt sein sollte, nur der oberflächlichste Parteigeist kann die Thatsache leugnen, dass diese grosse und gött - liche Gestalt auf das Unzertrennlichste mit dem historischen Ent - wickelungsgang jenes Volkes verwoben ist. 1)Für den Nachweis, dass Christus kein Jude war (im Sinne der Rassen - angehörigkeit), sowie für die Darlegung seines innigen Verhältnisses zu dem moralischen Leben des echten jüdischen Volkes, siehe Kap. 3; Näheres über das jüdische Volk bringt dann Kap. 5.

Wer könnte es bezweifeln? Die Geschichte von Hellas, die von Rom und die von Judäa, sie haben gestaltend auf alle Jahrhunderte unserer Zeitrechnung weitergewirkt, sie wirkten lebendig weiter in unserem 19. Jahrhundert. Ja, sie wirkten nicht allein lebendig, sondern auch lebenhemmend, indem sie die freie Aussicht in das rein mensch - liche Gebiet nach vielen Richtungen hin mit einem mannshohen Zaun umgaben. Das ist des Menschen unentrinnbares Schicksal: was ihn fördert, fesselt ihn zugleich. Darum muss die Geschichte dieser Völker von Demjenigen wohl beachtet werden, der von unserem 19. Jahrhundert zu reden unternimmt.

In dem vorliegenden Werk nun sind die rein historischen Kennt - nisse, die Chronologie der Weltgeschichte, als bekannt vorausgesetzt. Nur eines darf hier versucht werden, nämlich in möglichst gedrängter Kürze zu bestimmen, welches die wesentlichsten, unterscheidenden Merkmale dieses » Erbes der alten Welt « sind. Das soll in drei Kapiteln geschehen, von denen das erste hellenische Kunst und Philosophie, das zweite römisches Recht und das dritte die Erscheinung Jesu Christi behandelt.

Geschichts - philosophie.
13

Ehe ich diese einleitenden Worte beschliesse, noch eine Ver - wahrung. Der Ausdruck: dieses oder jenes » musste « geschehen, entfuhr oben meiner Feder; vielleicht kehrt er im folgenden wieder. Damit soll keineswegs einem geschichtsphilosophischen Dogma - tisieren das Existenzrecht eingeräumt werden. Der Rückblick von der Gegenwart aus auf die Vergangenheit zurück gestattet den logischen Schluss, dass gewisse Vorgänge damals geschehen mussten, damit das Heute so würde, wie es geworden ist. Ob der Lauf der Geschichte ein andrer hätte sein können, als er war, diese subtile Frage gehört nicht hierher. Von dem wüsten Lärm einer angeb - lichen » Wissenschaftlichkeit « eingeschüchtert, sind manche heutige49Einleitendes.Historiker in dieser Beziehung sehr ängstlich geworden. Und dennoch ist es klar, dass die Gegenwart nur dann einen leuchtenden Sinn erhält, wenn sie sub specie necessitatis betrachtet wird. Vere scire est per causas scire, sagt Bacon; diese Anschauungsweise allein ist eine wissenschaftliche; wie soll sie aber durchgeführt werden, wenn nicht überall die Notwendigkeit anerkannt wird? Das Wort » muss « bringt die notwendige Verkettung von Ursache und Folge zum Aus - druck, weiter nichts; mit derlei Einsichten vergolden wir Menschen die Riegelbalken unseres engumzirkten geistigen Spielraums, ohne uns deswegen einzubilden, wir wären ins Freie hinausgeflogen. Nun beachte man aber noch folgendes: gestaltet die Notwendigkeit, so bilden sich um diesen Mittelpunkt immer weitere Kreise, und Keiner darf uns verwehren wo unser Ziel es erheischt den weiten, umständlichen Weg auf einem äussersten Kreis zu vermeiden, um unsern Standpunkt so nahe wie möglich an der bewegenden, selber kaum bewegten Achse einzunehmen, dort wo die scheinbare Willkür mit der nicht abzuleugnenden Notwendigkeit fast verschmilzt.

Chamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 4[50][51]

ERSTES KAPITEL HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE

Nur durch den Menschen tritt der Mensch in das Tageslicht des Lebens ein. Jean Paul Friedrich Richter.
4*[52][53]

Viel Geistvolles ist gesagt worden, um den Unterschied zwischenDas Menschwerden. Mensch und Tier drastisch zu kennzeichnen; wichtiger, weil eine bedeutungsvollere Erkenntnis anbahnend, dünkt mich die Unter - scheidung zwischen Mensch und Mensch. In dem Augenblick, wo der Mensch zum Bewusstsein freischöpferischer Kraft erwacht, über - schreitet er einen bestimmten Grenzkreis und zerstört den Bann, der ihn, trotz aller seiner Begabung und allen seinen Leistungen, in engster auch geistiger Zugehörigkeit zu den übrigen Lebewesen erscheinen liess. Durch die Kunst tritt ein neues Element, eine neue Daseinsform in den Kosmos ein.

Mit diesem Ausspruch stelle ich mich auf denselben Boden wie etliche der grössten unter Deutschlands Söhnen. Diese Anschauung von der Bedeutung der Kunst entspricht auch, wenn ich nicht irre, einer spezifischen Anlage des deutschen Geistes, wenigstens dürfte eine so klare, scharfe Formulierung jenes Gedankens, wie wir sie bei Lessing und Winckelmann, bei Schiller und Goethe, bei Hölderlin, Jean Paul und Novalis, bei Beethoven und Richard Wagner finden, bei den anderen Mitgliedern der verwandten indogermanischen Völker - gruppe kaum anzutreffen sein. Um dem Gedanken gerecht zu werden, muss man zunächst genau wissen, was hier unter » Kunst « zu ver - stehen ist. Wenn Schiller schreibt: » Die Natur hat nur Geschöpfe, die Kunst hat Menschen gemacht «, wird man doch nicht glauben, er habe hier das Flötenspielen oder das Verseschreiben im Sinne? Wer Schiller’s Schriften (vor allen natürlich seine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen) sorgfältig und wiederholt liest, wird immer mehr einsehen, dass der Begriff » Kunst « für den Dichter-Philosophen ein sehr lebendiger, ihn gewissermassen durch - glühender, dennoch aber ein recht subtiler ist, der sich schwer in eine kurze Definition einzwängen lässt. Nur wer sie nicht verstanden hat, kann eine derartige Einsicht überwunden zu haben wähnen. Man höre, was Schiller sagt, denn für den Zweck des vorliegenden54Das Erbe der alten Welt.Kapitels, sowie des ganzen Buches ist ein Verständnis dieses Grund - begriffes unentbehrlich. Er schreibt: » Die Natur fängt mit dem Menschen nicht besser an als mit ihren übrigen Werken: sie handelt für ihn, wo er als freie Intelligenz noch nicht selbst handeln kann. Aber eben das macht ihn zum Menschen, dass er bei dem nicht stille steht, was die blosse Natur aus ihm machte, sondern die Fähig - keit besitzt, die Schritte, welche jene mit ihm anticipierte, durch Vernunft wieder rückwärts zu thun, das Werk der Not in ein Werk seiner freien Wahl umzuschaffen, und die physische Notwendigkeit zu einer moralischen zu erheben «. Zunächst bezeichnet also das Drängen nach Freiheit den künstlerischen Zustand für Schiller: der Not kann der Mensch nicht entrinnen, er » schafft sie aber um «; indem er das thut, bewährt er sich als Künstler. Als solcher benutzt er die Elemente, die ihm die Natur bietet, um sich eine neue Welt des Scheins zu errichten; jedoch hieraus ergiebt sich ein Zweites, und gerade dieses Zweite darf unter keiner Bedingung übersehen werden: indem der Mensch » in seinem ästhetischen Stande « sich gewissermassen » ausser der Welt stellt und sie betrachtet «, findet es sich, dass er diese Welt, die Welt ausser ihm, zum erstenmal deutlich erblickt! Freilich war es ein Wahn gewesen, sich aus dem Schosse der Natur losringen zu wollen, gerade dieser Wahn aber leitet ihn nunmehr dazu, sich der Natur völlig und richtig bewusst zu werden: » denn der Mensch kann den Schein nicht von der Wirklichkeit reinigen, ohne zugleich die Wirklichkeit von dem Scheine frei zu machen «. Erst wenn er zu dichten begonnen hat, beginnt der Mensch auch bewusst zu denken; erst wenn er selber baut, wird er auf die Architektonik des Weltgebäudes aufmerksam. Wirklichkeit und Schein sind anfangs in seinem Bewusstsein vermengt; die be - wusste, freischöpferische Beschäftigung mit dem Schein ist der erste Schritt, um zu einer möglichst freien, reinen Erkenntnis der Wirklich - keit zu gelangen. Wahre Wissenschaft, d. h. eine nicht bloss messende, registrierende, sondern eine anschauende, erkennende, ent - steht also, nach Schiller, unter dem unmittelbaren Einfluss des künst - lerischen Strebens der Menschen. Und jetzt erst kann im Menschen - geist auch Philosophie auftreten; denn sie schwebt zwischen beiden Welten. Philosophie fusst zugleich auf Kunst und auf Wissenschaft; sie ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, die neuerliche, künstlerische Bearbeitung jener gesonderten, gereinigten Wirklichkeit. Damit ist aber die Bedeutung der Vorstellung » Kunst « für Schiller noch immer55Hellenische Kunst und Philosophie.nicht erschöpft. Denn die » Schönheit « (jene frei umgeschaffene, neue Welt) ist nicht allein ein Gegenstand; in ihr spiegelt sich viel - mehr auch » ein Zustand unseres Subjekts « wieder: » Die Schönheit ist zwar Form, weil wir sie betrachten; zugleich aber ist sie Leben, weil wir sie fühlen. Mit einem Wort: sie ist zugleich unser Zustand und unsere That «. 1)Vergl. Ästhetische Erziehung, Bf. 3, 25, 26. Näheres hier, Kap. 9, Abschn. 7.Künstlerisch zu empfinden, künstlerisch zu denken bezeichnet also einen besonderen Zustand des Menschen überhaupt; es ist eine Stimmung, oder vielmehr eine Gesinnung noch besser vielleicht ein latenter Kraftvorrat, der sich im Leben des einzelnen Menschen wie auch im Leben eines ganzen Volkes überall, auch dort, wo Kunst und Wissenschaft und Philosophie nicht un - mittelbar beteiligt sind, » befreiend «, » umschaffend «, » reinigend « bethätigen muss. Oder auch, um uns dieses Verhältnis von einer anderen Seite aus vorzuführen, können wir und zwar wiederum mit Schiller2)Vergl. Etwas über die erste Menschengesellschaft, Abschnitt 1. sagen: » Aus einem glücklichen Instrumente wurde der Mensch ein unglücklicher Künstler «. Das ist jene Tragik, von der ich in den einleitenden Worten sprach.

Man wird, glaube ich, zugeben müssen, dass diese deutsche Auffassung des » Menschwerdens « tiefer geht, dass sie mehr umfasst und ein helleres Licht auf die zu erstrebende Zukunft der Mensch - heit wirft, als jede engwissenschaftliche oder rein utilitaristische. Wie dem auch sei, Eines ist sicher: ob einer solchen Auffassung unbedingte Gültigkeit zukomme, oder nur bedingte, für eine Be - trachtung der hellenischen Welt und die sichere Aufdeckung ihres Lebensprinzips, thut sie unvergleichliche Dienste; denn, mag sie auch in dieser bewussten Formulierung eine charakteristisch-deutsche Auf - fassung sein, im letzten Grunde führt sie auf hellenische Kunst und auf hellenische Philosophie (welche die Naturwissenschaft umschloss) zurück, sie bezeugt, dass das Hellenentum nicht allein äusserlich und geschichtlich, sondern auch innerlich und Zukunft gestaltend in unserem Jahrhundert noch weiter lebte. 3)Um Missverständnissen vorzubeugen, will ich erwähnen, dass ich hier am Anfang meines Buches mich des einfacheren Verständnisses halber ohne weitere Kritik an Schiller angeschlossen habe; erst im Schlusskapitel kann ich meine Anschauung begründen, dass bei uns Germanen, im Unterschied von den Hellenen, der Angelpunkt des » Menschwerdens « nicht in der Kunst, sondern in der Religion zu suchen ist was aber Schiller’s Auffassung von Kunst gegen - über nicht eine Abweichung, sondern nur eine Schattierung bedeutet.

56Das Erbe der alten Welt.
Tier und Mensch.
16

Nicht jede künstliche Bethätigung ist Kunst. Zahlreiche Tiere führen äusserst kunstvolle Bauten auf; der Gesang der Nachtigall wetteifert erfolgreich mit dem Naturgesang wilder Menschen; will - kürliche Nachahmung treffen wir hochentwickelt im Tierreich an, und zwar auf den verschiedensten Gebieten Nachahmung der Thätigkeit, des Lautes, der Form wobei noch zu bedenken ist, dass wir bis jetzt so gut wie gar nichts von dem Leben der höheren Affen wissen;1)Siehe jedoch die Beobachtungen des J. G. Romanes an einem weib - lichen Schimpansen, am ausführlichsten in der Zeitschrift Nature, Band XL, S. 160 ff., kürzer in den Büchern desselben Verfassers. In kurzer Zeit lernte dieser Affe mit unfehlbarer Sicherheit bis sieben zählen. Dagegen vermögen die Bakairi (südamerikanische Indianer) nur bis sechs, und zwar sehr mühsam, zu zählen! (Siehe Karl von Steinen: Unter den Naturvölkern Brasiliens.) die Sprache, d. h. also die Mitteilung von Empfindungen und Urteilen durch ein Individuum an ein anderes, ist durch das ganze Reich der Animalität weit verbreitet und verfügt oftmals über so unbegreiflich sichere Mittel, dass nicht allein Anthropologen, sondern auch Philologen2)Siehe z. B. Whitney: Das Leben der Sprache (französische Ausgabe, S. 238 f.). die Warnung nicht für überflüssig halten, man dürfe nicht einzig das Erzittern menschlicher Stimmbänder, überhaupt nicht bloss den Laut für Sprache halten;3)Vergl. namentlich die lichtvollen Ausführungen von Topinard in seiner Anthropologie S. 159 162. Interessant ist es, festzustellen, dass ein so be - deutender und zugleich so ausserordentlich vorsichtiger, jeder Phantasterei be - sonders abholder Naturforscher wie Adolf Bastian den Gliedertieren (mit ihren sich gegenseitig berührenden Fühlhörnern) eine ihrem Wesen nach der unsrigen analoge Sprache vindiziert; siehe: Das Beständige in den Menschenrassen, S. VIII des Vorwortes. In Darwin: Descent of Man, Kap. III, findet man eine besonders interessante Zusammenstellung der hierher gehörigen Thatsachen und eine ener - gische Zurückweisung der Paradoxen Max Müller’s und Anderer. u. s. w. Durch die instinkt - mässige Zusammenfügung zu staatlichen Organisationen, und seien sie noch so vielästig verwickelt, erzielt das menschliche Geschlecht ebenfalls keinen prinzipiellen Fortschritt über die unendlich kom - plizierten Tierstaaten; neuere Soziologen bringen sogar die Entstehung der menschlichen Gesellschaft in engorganische Beziehung zu der Ent - wicklung der sozialen Instinkte im umgebenden Tierreich.4)Siehe z. B. des amerikanischen Professors Franklin H. Giddings: Prin - zipien der Soziologie (französische Ausgabe 1897, S. 189): « les bases de l’empire de l’homme furent posées sur les associations zoogéniques des plus humbles formes de la vie consciente ». Betrachtet57Hellenische Kunst und Philosophie.man das staatliche Leben der Ameisen zum Beispiel und sieht man, durch welche kühne Raffinements die praktische Bewährung des ge - sellschaftlichen Getriebes und das fehlerlose Ineinandergreifen aller Teile bei ihnen bewirkt wird als Beispiel will ich einzig die Ab - schaffung des unheilschwangeren Geschlechtstriebes bei einem grossen Prozentsatz der Bevölkerung nennen, und zwar nicht durch Ver - stümmelung, wie bei unserem elenden Notbehelf der Kastrierung, sondern durch kluge Manipulation der befruchteten Keime, so muss man gestehen, der staatliche Instinkt steht bei uns auf keiner hohen Stufe; im Verhältnis zu manchen Tiergattungen sind wir politische Pfuscher. 1)Siehe Carl Vogt’s amüsante: Untersuchungen über die Tierstaaten (1851). In Brehm: Vom Nordpol zum Äquator (1890) findet man sehr bemerkens - werte Mitteilungen über die Kriegsführung der Paviane; ihre Taktik wechselt je nach der Bodenbeschaffenheit, sie verteilen sich in bestimmte Gruppen: Vorder - treffen, Hintertreffen u. s. w., mehrere arbeiten zusammen, um einen grossen Fels - block auf den Feind hinabzurollen, und vieles dergleichen mehr. Vielleicht das staunenswerteste Gesellschaftsleben ist das der Gärtnerameisen aus Südamerika, über die zuerst Belt: Naturalist in Nicaragua berichtete, dann der Deutsche Alfred Möller; jetzt kann man diese Tiere im zoologischen Garten in London beob - achten, wobei namentlich die Thätigkeit der grossköpfigen » Aufseher « leicht zu verfolgen ist, wie sie sobald ein » Arbeiter « faulenzen will herzulaufen, und ihn aufrütteln!Selbst in der besonderen Bethätigung der Ver - nunft kann man wohl ein eigenartiges spezifisches Merkmal des Menschen, kaum aber ein prinzipiell neues Naturphänomen erkennen. Der Mensch im Naturzustand benützt seine überlegene Vernunft genau so wie der Hirsch seine Schnellfüssigkeit, der Tiger seine Kraft, der Elefant seine Schwere: sie ist ihm die vorzüglichste Waffe im Kampf ums Dasein, sie ersetzt ihm Behendigkeit, Körpergrösse und so manches andere, was ihm fehlt. Die Zeiten sind vorbei, wo man den Tieren Vernunft abzusprechen sich erdreistete; nicht allein zeigen Affe, Hund und alle höheren Tiere bewusste Überlegung und treffsicheres Urteil, sondern dasselbe ist bei Insekten experimental nachgewiesen worden: eine Bienenkolonie z. B. in ungewohnte, noch nie dagewesene Ver - hältnisse versetzt, trifft neue Vorkehrungen, versucht dieses und jenes, bis sie das Richtige gefunden hat. 2)Vergl. Huber: Nouvelles observations sur les Abeilles, II. 198, u. s. W. Die beste kürzeste neuere Zusammenfassung der entscheidendsten, hierher gehörigen Thatsachen ist wohl die von J. G. Romanes: Essays on Instinct 1897; auch dieser hervorragende Schüler Darwin’s ist freilich immer wieder genötigt, auf die Beobachtungsreihen der beiden Huber als auf die sinnreichsten und zuverlässigstenKein Zweifel, dass, wenn wir das58Das Erbe der alten Welt.bis jetzt uns fast gänzlich unbekannte psychische Leben der Tiere2)zurückzugreifen; allzuwenig bekannt ist jedoch das Werk von J. Traherne Moggridge: Beobachtungen über die Speicherameisen und die Fallthürspinnen (in englischer Sprache, 1873, bei Reeve in London); überhaupt sollten die Psycho - logen des Tierreiches ihre Aufmerksamkeit den Spinnen mehr widmen, welche unzweifelhaft zu den begabtesten aller Wesen zählen. (Siehe jedoch H. C. Mac - Cook: American Spiders, Philadelphia, 1889.) Unter älteren Schriften ist von un - vergänglichem Wert Kirby: History, Habits und Instincts of Animals. Von den mehr philosophischen Schriften will ich hier besonders auf Wundt’s: Vorlesungen über die Menschen - und Tierseele, und auf Fritz Schultze’s: Vergleichende Seelen - kunde (zweiter Teil, Die Psychologie der Tiere und Pflanzen, 1897) aufmerk - sam machen. In dieser Anmerkung möchte ich zugleich eine ausdrückliche Verwahrung einlegen, nämlich, dass ich hier und im Folgenden die tiefe Kluft zwischen dem Geiste des denkenden Menschen und dem des Tieres durchaus nicht verkenne; es war hohe Zeit, dass ein Wundt mit seiner ganzen Geistes - schärfe gegen unsere fast unausrottbare Neigung zu anthropomorphistischen Deutungen auftrat; mich dünkt aber, Wundt selber, und mit ihm Schultze, Lubbock und andere verfallen in den umgekehrten Fehler: gegen die kritiklose Über - schätzung des Gedankenlebens der Tiere legen sie gerechte Verwahrung ein, da - gegen scheinen diese hochgelehrten, in unaufhörlichem Denken und Spekulieren aufgewachsenen Männer nicht zu ahnen, mit wie unendlich wenig Bewusstsein und Reflexion die Menschheit in ihrer Gesamtheit lebt und recht gut aus - kommt; sie sind überhaupt geneigt, dem » Bewusstsein « und der » Reflexion « ein übermässiges Gewicht beizulegen; das zeigt sich bei ihren Abhandlungen über die elementaren Zustände der menschlichen Psyche und vielleicht noch deut - licher bei ihrer geringen Fähigkeit, die Natur des eigentlichen Aktes schöpfe - rischer Genialität (Kunst und Philosophie) zu deuten. Nachdem der eine Wundt die Schätzung der tierischen Intelligenz auf ihr richtiges Niveau herabgeführt hat, brauchten wir jetzt einen zweiten, der unsere Neigung, uns selber ungeheuer zu überschätzen, aufdeckte. Auch scheint mir folgender Punkt niemals gehörig betont worden zu sein: dass wir nämlich bei unseren Beobachtungen an Tieren auch beim besten Willen Anthropomorphen bleiben; denn wir können uns ja nicht einmal einen Sinn (ich meine ein physisches Werkzeug zur Erkenntnis der umgebenden Welt) vorstellen, wenn wir ihn nicht selber besitzen, und wir müssen notwendigerweise ewig blind und taub für alle Gemüts - und Ver - standesäusserungen bleiben, welche in unserem eigenen geistigen Leben kein unmittelbares Echo antreffen. Herr Wundt hat gut warnen vor » schlechten Analogien «: auf diesem ganzen Gebiete sind gar keine Schlüsse ausser Analogie - schlüssen möglich. Wie Clifford ausführlich dargethan hat (vergl. Seeing and Thinking), können wir hier weder rein objektiv noch rein subjektiv vorgehen; diese gemischte Art der Erkenntnis hat er deswegen eine » ejektive « genannt. Wir schätzen diejenigen Tiere als die intelligentesten, deren Intelligenz der unsrigen am ähnlichsten ist und die wir deswegen am besten verstehen; ist das aber einem kosmischen Problem wie demjenigen des Geistes gegenüber nicht unendlich naiv und unüberlegt? Ist das nicht verkappter Anthropomorphismus? Sicherlich. Wenn also Wundt behauptet: » auf diesem Gebiete ist das Experiment59Hellenische Kunst und Philosophie.aus entfernten Klassen näher und einsichtsvoller untersuchen, wir2)in hohem Masse der blossen Beobachtung überlegen «, so kann man ihm nur sehr bedingt beipflichten; denn das Experiment ist von Haus aus ein Reflex unserer rein menschlichen Vorstellungen, wogegen die liebevolle Beobachtung eines gänz - lich anders gearteten Wesens in seinen eigenen, möglichst normalen Verhältnissen und zwar mit dem Wunsche, nicht seine Leistungen zu kritisieren, sondern sie soweit unser menschlicher, engumschränkter geistiger Horizont es erlaubt zu begreifen, wohl zu manchen überraschenden Einsichten führen müsste. Darum hat uns auch der alte, blinde Huber über die Bienen weit mehr gelehrt als Lubbock in seinem trotzdem bewundernswerten Buche Ants, Bees and Wasps (1883); darum erzielen die rohen » Dresseurs « solche unglaubliche Erfolge, denn sie verlangen von jedem Tier nur solche Leistungen, welche sie auf Grund - lage täglicher Beobachtung seiner Anlagen von ihm erwarten dürfen. Hier, wie anderwärts, steckt unsere heutige Wissenschaft noch tief in helleno-jüdischem Anthropomorphismus, und nicht am wenigsten gerade dort, wo sie davor warnt. Seitdem obige Bemerkung geschrieben, ist das Aufsehen erregende Buch, Bethe: Dürfen wir Ameisen und Bienen psychische Qualitäten zuschreiben? er - schienen, welches in seiner ganzen Argumentation ein geradezu klassisches Beispiel des verkappten Anthropomorphismus ist. Durch sinnreiche (obwohl meiner An - sicht nach durchaus nicht abschliessende) Versuche, hat Herr Bethe die Über - zeugung gewonnen, die Ameisen erkennten sich als zum selben Nest gehörig durch den Geruchssinn, auch ihr Wegefinden beruhe auf der Ausscheidung eines chemischen Stoffes u. s. w. Das ganze sei » Chemoreflex «, das gesamte Leben dieser Tiere » rein mechanisch «. Man staunt über einen solchen Abgrund philo - sophischer Roheit. Ja, ist denn das gesamte Sinnenleben als solches nicht not - wendigerweise mechanisch? Kann Herr Bethe seinen eigenen Vater ohne Zuhilfe - nahme eines Mechanismus erkennen? Erkennt der Hund seinen Herrn nicht fast lediglich durch den Geruchssinn? Sollen denn Descartes Automaten immer von neuem aufleben, als hätten Wissenschaft und Philospie seit 300 Jahren still - gestanden? Hier, bei solchen Männern wie Bethe und seinem Vorgänger, dem Jesuiten E. Wasmann, steckt der wirkliche und unausrottbare Anthropomorphismus. Bei Vertebraten lässt die strenge Analogie mit unserer eigenen Struktur Schlüsse auch auf die psychologischen Vorgänge zu; im Insekt dagegen steht ein total fremdes Wesen vor uns, aufgebaut nach einem Plane, der so tief von dem unseres Körpers abweicht, dass wir nicht einmal im Stande sind, die rein mecha - nische Funktionierung der Sinneswerkzeuge mit Sicherheit zu deuten (siehe Gegenbaur: Vergl. Anatomie) und folglich gar nicht wissen, welche uns Menschen gänzlich verschlossene Welt von Sinneseindrücken, von Mitteilungs - möglichkeiten u. s. w. diese Wesen umgeben mag. Das nicht einzusehen, ist » ameisenmässig « naiv. (Nachtrag: In der Eröffnungsrede des vierten internationalen Zoologenkongresses, am 23. August 1898, griff Sir John Lubbock die Automaten - theorie heftig an und sagte u. a.: » Viele Tiere besitzen Sinnesorgane, deren Be - deutung uns Menschen unerforschlich ist. Sie vernehmen Geräusche, die uns unhör - bar, sie sehen Dinge, die uns unsichtbar bleiben, sie empfangen Sinneseindrücke, die ausserhalb des Bereiches unserer Vorstellungskraft liegen. Die uns so wohl - bekannte umgebende Welt muss für sie eine durchaus andere Physiognomie besitzen. «)60Das Erbe der alten Welt.überall ähnliches finden. Die im Verhältnis enorme Entwicklung des menschlichen Gehirns1)Bekanntlich hat Aristoteles sich hier, wie so oft, gründlich geirrt: der Mensch besitzt weder absolut noch relativ (d. h. im Verhältnis zum Körpergewicht) das grösste Gehirn; die Überlegenheit dieses Apparates bei ihm ist in anderen Dingen begründet (siehe Ranke: Der Mensch, zweite Ausgabe I., S. 551 und S. 542 f.). bildet also für uns doch nur eine relative Überlegenheit. Nicht als ein Gott wandelt der Mensch auf Erden, sondern als ein Geschöpf unter anderen Geschöpfen, vielleicht wäre es kaum Übertreibung, zu sagen, als ein primus inter pares, denn es ist schwer einzusehen, warum höhere Differenzierung, mit ihren zahllosen Nachteilen, ohne weiteres als höhere » Vollkommenheit « be - trachtet werden sollte; die relative Vollkommenheit eines Organismus wäre, dünkt mich, durch seine Angemessenheit für gegebene Ver - hältnisse zu bestimmen. Durch alle Fasern seines Wesens hängt der Mensch organisch mit seiner Umgebung eng zusammen; das alles ist Blut von seinem Blut; denkt man ihn hinweg aus der Natur, so ist er ein Bruchstück, ein Torso, ein entwurzelter Stamm.

Was zeichnet nun den Menschen vor den anderen Wesen aus? Mancher wird antworten: seine Erfindungskraft; das Werkzeug ist es, wodurch er sich als Fürst unter den Tieren dokumentiert. Er bleibt jedoch damit noch immer ein Tier unter Tieren: nicht bloss der Anthropoid, auch der gewöhnliche Affe erfindet einfachere Werk - zeuge, (worüber Jeder sich in Brehm’s Tierleben informieren kann), und der Elephant ist, wenn vielleicht nicht in der Erfindung, so doch im Gebrauch der Werkzeuge ein wahrer Meister (siehe Romanes: Die geistige Entwickelung im Tierreich, S. 389 u. s. w.). Die sinnreichste Dynamomaschine erhebt den Menschen nicht um einen Zoll über die allen Wesen gemeinsame Erdoberfläche; alles derartige bedeutet ledig - lich eine neue Ansammlung von Kraft in dem Kampf ums Dasein; der Mensch wird dadurch gewissermassen ein höher potenziertes Tier. Er beleuchtet sich mit Talgkerzen oder mit Öl, oder mit Gas, oder elektrisch, anstatt schlafen zu gehen; damit gewinnt er Zeit und das heisst Leistungsfähigkeit; es giebt aber ebenfalls zahllose Tiere, die sich beleuchten, manche durch Phosphorescenz, andere (namentlich die Tiefseefische) elektrisch2)Emin Pascha und Stanley berichten über Schimpansen, welche nachts mit Fackeln auf ihre Raubzüge ausziehen! Mit Romanes wird man gut thun, bis auf weiteres diese Thatsache zu bezweifeln: Stanley hat es nicht selbst gesehen und Emin Pascha war überaus kurzsichtig. Sollten die Affen wirklich die Kunst,; wir reisen auf dem Zweirad, mit der61Hellenische Kunst und Philosophie.Eisenbahn, bald vielleicht im Luftschiff, der Zugvogel und der Meeresbewohner hatten das Reisen schon längst in Mode gebracht, und, genau wie sie, reist der Mensch, um sich Subsistenzmittel zu verschaffen. Die unermessliche Überlegenheit des Menschen zeigt sich freilich darin, dass er das alles vernünftig zu erfinden und in fort - schreitender » Kumulation « anzuwenden versteht. Der Nachahmungs - trieb und die Assimilationsfähigkeit, die man wohl bei allen Säuge - tieren antrifft, erreichen bei ihm einen so hohen Grad, dass dieselbe Sache gewissermassen doch eine andere wird; in analoger Weise sehen wir bei chemischen Stoffen, dass häufig der Hinzutritt eines einzigen wesensgleichen Atoms, also ein einfaches numerisches Hinzuthun, die Qualitäten des betreffenden Stoffes gründlich umwandelt; wenn man zu Sauerstoff Sauerstoff hinzuthut, entsteht Ozon, ein neuer Körper (O2 + O1 = O3). Man übersehe jedoch nicht, dass alle menschlichen Erfindungen dennoch auf Assimilation und Nachahmung beruhen; der Mensch er findet das, was da vorliegt und einzig seines Kommens harrte, genau so wie er dasjenige ent deckt, was ihm bisher ver - schleiert war; die Natur spielt » Versteckens « und » blinde Kuh « mit ihm. Quod invenitur, fuit: sagt Tertullian. Dass er das versteht, dass er nach dem Verborgenen sucht und nach und nach so vieles aufdeckt und findet, das bezeugt freilich den Besitz von Gaben ohne - gleichen; besässe er sie aber nicht, so wäre er ja das elendeste aller Wesen denn ohne Waffen, ohne Kraft, ohne Flügel, ohne alles steht er da: die bitterste Not ist seine Triebfeder, das Erfindungs - vermögen sein Heil.

Was den Menschen nun zum wahren Menschen macht, zu einem von allen, auch den menschlichen Tieren verschiedenen Wesen, das ist, wenn er dazu gelangt, ohne Not zu erfinden, seine unver - gleichliche Befähigung nicht im Dienste eines Naturzwanges, sondern frei zu bethätigen, oder um für das selbe einen tieferen, ent - sprechenderen Ausdruck zu gebrauchen wenn die Not, welche ihn zum Erfinden treibt, nicht mehr von aussen, sondern von innen in sein Bewusstsein tritt; wenn das, was sein Heil war, nunmehr sein Heiligtum wird. Entscheidend ist der Augenblick, wo die freie Erfindung bewusst auftritt, das heisst also der Augenblick, wo der2)das Feuer zu erzeugen, erfunden haben, uns Menschen bliebe doch die Erfindung der Gestalt des Prometheus, und dass dieses, nicht jenes es ist, was den Menschen zum Menschen macht, bildet gerade den Inhalt meiner Ausführungen.62Das Erbe der alten Welt.Mensch zum Künstler wird. Beobachtungen in Betreff der umgebenden Natur (z. B. des gestirnten Himmels) können schon weit gediehen und ein mannigfaltiger Götter - und Dämonenkultus entstanden sein, ohne dass damit ein prinzipiell Neues in die Welt getreten wäre. Das alles bezeugt eine schlummernde Fähigkeit, ist aber seinem Wesen nach nichts weiter als die halbunbewusste Bethätigung eines Instinktes. Erst wenn ein einzelner Mensch, wie Homer, frei nach seinem eigenen Willen, die Götter erdichtet, wie er sie haben will, wenn ein Natur - beobachter, wie Demokrit, aus freier Schöpferkraft die Vorstellung des Atoms erfindet, wenn ein sinnender Seher, wie Plato, mit der Mutwilligkeit des weltüberlegenen Genies die ganze sichtbare Natur über Bord wirft und das menschenerschaffene Reich der Ideen an ihre Stelle setzt, wenn ein erhabenster Lehrer ausruft: » Sehet, das Himmelreich ist inwendig in euch! «: dann erst ist ein durchaus neues Geschöpf geboren, jenes Wesen, von dem Plato sagt: » Er hat Zeugungs - kraft in der Seele viel mehr als im Leibe «, dann erst enthält der Makrokosmos einen Mikrokosmos. Was Kultur zu heissen einzig ver - dient, ist die Tochter solcher schöpferischen Freiheit, sagen wir kurz der Kunst, mit welch letzterer Philosophie echte, schöpferische Philosophie und Wissenschaft so eng verwandt ist, dass beide als zwei Seiten desselben Wesens erkannt werden müssen; jeder grosse Dichter war Philosoph, jeder geniale Philosoph ist Dichter. Was ausserhalb dieses mikrokosmischen Kulturlebens steht, ist lediglich » Civilisation «, das heisst, ein beständig höher potenziertes, zunehmend emsigeres, bequemeres und unfreieres Ameisenstaatendasein, gewiss reich an Segen und insofern wünschenswert, eine Gabe der Zeiten jedoch, bei welcher es häufig überaus fraglich bleibt, ob das Menschen - geschlecht nicht mehr dafür bezahlt als erhält. Civilisation ist an und für sich nichts, denn es bezeichnet nur ein Relatives; eine höhere Civilisation dürfte nur dann als ein positiver Gewinn (als ein » Fort - schritt «) betrachtet werden, wenn sie zu einer zunehmend intensiven geistigen und künstlerischen Gestaltung des Lebens und zu einer innerlichen moralischen Klärung führte. Weil ihm das bei uns nicht der Fall zu sein schien, darum durfte Goethe als berufenster Zeuge das melancholische Geständnis machen: » Diese Zeiten sind schlechter als man denkt «. Dagegen beruht die unvergängliche Bedeutung des Hellenentums darauf, dass es verstanden hat, sich eine Zeit zu schaffen, besser, als wir sie uns irgend vorzustellen vermögen, eine unvergleich - lich bessere Zeit, als seine eigene, so sehr rückständige Civilisation sie63Hellenische Kunst und Philosophie.verdiente, wenn ich mich so ausdrücken darf. Heutzutage unter - scheiden alle Ethnographen und Anthropologen scharf zwischen Moral und Religion, und erkennen an, dass beide in einem gewissen Sinne von einander unabhängig sind; es wäre ebenso nützlich, wenn man zwischen Kultur und Civilisation scharf zu unterscheiden lernte. Eine hochentwickelte Civilisation ist mit einer rudimentären Kultur verein - bar: Rom zum Beispiel zeigt eine bewundernswerte Civilisation bei sehr geringer, durchaus unorigineller Kultur. Athen dagegen weist (bei seinen freien Bürgern) eine Kulturstufe auf, gegen welche wir Europäer des 19. Jahrhunderts in mancher Beziehung noch immer Barbaren sind, verbunden mit einer Civilisation, welche wir vollauf berechtigt sind, als eine im Verhältnis zu der unsrigen wirklich barbarische zu bezeichnen. 1)Ein treffliches Beispiel liefern die Indoarier in ihrer Urheimat, wo die Ausbildung einer » alle anderen übertreffenden, vollendet einheitlichen, wunderbar durchgebildeten Sprache «, abgesehen von anderen geistigen Thaten, eine hohe Kultur bedeutete, diese Menschen aber nichtsdestoweniger ein fast nackend ein - hergehendes Hirtenvolk waren, das weder Städte noch Metall kannte! (Siehe namentlich Jhering: Vorgeschichte der Indoeuropäer, S. 2.) Für eine genaue Unterscheidung zwischen Wissen, Civilisation und Kultur verweise ich auf das neunte Kapitel meines vorliegenden Werkes und auf die darin enthaltene Über - sichtstafel.Verglichen mit allen anderen Erscheinungen der Geschichte, stellt das Griechentum eine überschwänglich reiche Blüte des Menschengeistes dar, und die Ursache davon ist, dass seine gesamte Kultur auf einer künstlerischen Grundlage ruht. Das freischöpferische Werk menschlicher Phantasie war bei den Hellenen der Ausgangspunkt ihres so unendlich reichen Lebens: Sprache, Religion, Politik, Philosophie, Wissenschaft (selbst Mathematik!), Geschichtsschreibung und Erdkunde, alle Formen der Dichtung in Worten und in Tönen, das ganze öffentliche Leben und das ganze innere Leben des Einzelnen Alles strahlt von diesem Werk aus, und Alles findet sich in ihm wie in einem zugleich figürlichen und organischen Mittelpunkt wieder, einem Mittelpunkt, der das Fremdartigste an Charakteren, Interessen, Bestrebungen zu einer lebendigen, bewussten Einheit verknüpft. In diesem Mittelpunkt steht Homer.

Dass man an dem Dasein des Dichters Homer hat zweifelnHomer. können, wird späteren Geschlechtern keine sehr günstige Vorstellung von der geistigen Schärfe unserer Epoche geben. Es sind gerade64Das Erbe der alten Welt.100 Jahre her, dass F. A. Wolf seine Hypothese in die Welt setzte; seitdem haben unsere Neoalexandriner wacker weiter geschnüffelt und geschaufelt, bis sie herausbekamen, Homer sei lediglich eine pseudo - mythische Kollektivbezeichnung, und Ilias und Odyssee nichts weiter als eine geschickte Zusammenkleisterung und Neuredigierung von allerhand Liedern aus verschiedenen Zeiten und von allerhand Dichtern Von wem zusammengekleistert? und so überaus schön redigiert? Nun, natürlich von gelehrten Philologen, von den Vor - fahren der jetzigen! Man wundert sich nur, dass, da wir wieder einmal im Besitze eines so geistvollen Kritikergeschlechtes sind, diese Herren sich nicht die Mühe genommen haben, uns Armen eine neue Ilias zusammenzukleistern: an Liedern fehlt es doch wahrlich nicht, auch nicht an echten, schönen Volksliedern, sollte es vielleicht an Pappe, etwa gar an Gehirnpappe fehlen? Die kompetentesten Richter in einer derartigen Frage sind offenbar die Dichter, die grossen Dichter; der Philologe klebt an der Schale, welche der Willkür von Jahrhunderten ausgesetzt war, des Dichters kongenialer Blick dringt dagegen bis zum Kern vor und überblickt den individuellen Schaffens - prozess. Schiller nun, mit der unfehlbaren Sicherheit seines Instinkts, erklärte sofort, die Ansicht, Ilias und Odyssee seien nicht in allen Hauptzügen ihrer Gestaltung das Werk eines einzigen gottbegnadeten Mannes, für » einfach barbarisch «. Ja, in seiner Erregung schiesst er so weit über das Ziel hinaus, dass er Wolf einen » dummen Teufel « nennt! Fast noch interessanter ist das Urteil Goethe’s. Seine viel - gerühmte Objektivität äusserte sich unter anderem auch darin, dass er sich gern widerstandslos einem Eindruck hingab; Wolf’s grosse philologische Verdienste und die Menge des Richtigen, welche seine Ausführungen enthielten, bestrickten den grossen Mann; er fühlte sich überzeugt und erklärte es auch öffentlich. Später aber, als Goethe sich wieder eingehend mit den Homerischen Dichtungen zu beschäftigen die Gelegenheit hatte und diese Werke nicht mehr vom philologisch-historischen, sondern vom rein dichterischen Stand - punkt aus betrachtete da widerrief er seine voreilige Zustimmung zu dem » subjektiven Krame « (wie er es nunmehr nannte), denn jetzt wusste er genau: hinter diesen Werken steht eine » herrliche Einheit, ein einziger, höherer Dichtersinn «. 1)Siehe z. B. die kleine Schrift: Homer noch einmal, aus dem Jahre 1826.Aber auch die Philologen sind, auf ihren notwendigen Umwegen, zu derselben Einsicht gelangt, und65Hellenische Kunst und Philosophie.Homer tritt grösser als je in das 20. Jahrhundert, in das vierte Jahr - tausend seines Ruhmes ein. 1)Es muss mir daran liegen, auch den geringsten Schein einer Gelehr - samkeit, die ich nicht besitze, von mir abzuwehren; ein Mann in meiner Lage kann ja nur von den Ergebnissen gelehrter Forschungen Kenntnis nehmen; an diese Ergebnisse hat er aber das Recht und die Pflicht als freier Mann und im Besitze einer vollwertigen Urteilskraft heranzutreten, und zwar muss er vor allem, dünkt mich, seine Urteilskraft in derselben Art benützen wie ein Monarch, dessen Weisheit sich namentlich in der Wahl seiner Ratgeber zu bewähren hat; über den Wert gelehrter Argumente kann der Laie nicht zu Gericht sitzen, dagegen vermag er es sehr gut, aus Stil, Sprache und Gedankenführung sich ein Urteil über den einzelnen Gelehrten zu bilden und zwischen Maurer und Architekten zu unterscheiden. Nicht also im Sinne einer materiellen Beweisführung, sondern lediglich damit der Leser über meine Urteilsfähigkeit im angedeuteten Sinne selber frei zu urteilen vermöge, weise ich hin und wieder in diesen Anmerkungen auf meine » Autoritäten « hin. Wie im Texte ausgeführt, halte ich es zunächst in dieser Frage mit Sokrates: über Flötenspiel haben Musiker das beste Urteil, über Dichtwerke Dichter. Die Meinung Goethe’s ist mir in Bezug auf Homer mehr wert als die sämtlicher Philologen, die seit Beginn der Welt gelebt haben. Über diese letztere habe ich mich jedoch, so weit das ein Laie kann, orientiert, was namentlich bei einer so ungemein verwickelten Frage sehr von - nöten. Die zusammenfassenden Darstellungen von Niese: Die Entwickelung der Homerischen Poesie, 1882 und von Jebb: Homer, 1888, lassen Einen den Gang der Diskussion bis in die Neuzeit verfolgen; mehr aber auch nicht. Dagegen wandert man mit Bergk: Griechische Litteraturgeschichte, 1872 84, an der Hand eines sicheren Führers. Dass Bergk ein Hellenist allerersten Ranges war, geben alle Fachmänner zu, dem Nichtfachmann fällt ausserdem die umfassende und durchdringende Beschaffenheit seines Wissens auf, gepaart mit einer Mässig - keit, die an Nüchternheit grenzt; Bergk ist nicht ein Feuergeist, er bildet bei der Beurteilung dieser Frage die Ergänzung zur blitzschnellen Intuition eines Schiller. Man lese nicht allein das Kapitel: » Homer eine historische Persönlichkeit «, sondern namentlich auch in dem späteren Abschnitt » Homer bei den Neueren « die Ausführungen über die Liedertheorie, von der Bergk sagt: » Die allgemeinen

Denn neben den vielen philologisierenden Insekten hat Deutsch - land ein unverwüstliches Geschlecht wahrhaft grosser Sprach - und Litteraturforscher hervorgebracht; F. A. Wolf gehörte selber dazu; niemals hat er sich bis zu der späteren wahnwitzigen Vorstellung verstiegen, ein grosses Kunstwerk könnte aus der Zusammenwirkung vieler kleiner Männer oder unmittelbar aus dem dunklen Bewusstsein der Masse hervorgehen, und er wäre der erste, der von dem endlichen Erfolg der langwierigen wissenschaftlichen Untersuchungen mit Be - friedigung Kenntnis nehmen würde. Selbst in dem Falle, ein ebenso grosses Genie wie Homer hätte sich mit Reparatur - und Ausschmück -Chamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 566Das Erbe der alten Welt.ungsarbeiten an dessen Werken abgegeben was eine fast wider - sinnige Annahme wäre so lehrt uns die Geschichte aller Kunst, dass echte Persönlichkeit jeder Nachahmung trotzt; je weiter aber die kritischen Untersuchungen dieses Jahrhunderts gediehen, umsomehr musste jeder fähige Forscher einsehen, dass selbst die bedeutendsten Nachahmer, Ergänzer, Wiederhersteller der Epen des Homer sich alle von ihm dadurch unterschieden, dass kein einziger an sein überragendes Genie auch nur entfernt heranreichte. Verunstaltet durch zahllose Missverständnisse, Schreibfehler, noch mehr durch die vermeintlichen Verbesserungen des unausrottbaren Geschlechtes der Besserwisser und durch die Interpolationen gutmeinender Epigonen, zeugten diese Ge - dichte, gerade je deutlicher die Buntscheckigkeit ihrer heutigen Gestalt1)Voraussetzungen, von denen die Vertreter der Liedertheorie ausgehen, erweisen sich bei näherer Prüfung, namentlich wenn man die Homerischen Gedichte im Zusammenhange mit der gesamten Entwickelung der epischen Poesie betrachtet, als durchaus unhaltbar. Diese Theorie konnte nur von denen aufgestellt werden, welche das Homerische Epos ganz gesondert von seiner Umgebung und ohne alle Rücksicht auf die Geschichte der griechischen Litteratur ihrer zersetzenden Kritik unterwarfen « (I, 525). Man lese auch namentlich seinen Nachweis, dass der Gebrauch der Schrift zu Homer’s Zeiten üblich war, und dass sowohl innere wie äussere Gründe dafür zeugen, dass Homer seine Dichtungen auch thatsächlich schriftlich hinterlassen hat (I, 527 ff.). Dass es gerade den Kritikern häufig an Kritik fehlt und zwar bereits seit der alexandrinischen Zeit, zeigt Bergk überzeugend; ihre Thätigkeit gipfelt nach ihm in » unheilvoller Verwirrung «. Und da möchte ich noch aus einem anderen streng philologischen Werke, Flach: Geschichte der griechischen Lyrik, eine treffliche, hierher gehörige Be - merkung anführen: » Hiermit hängt wieder eine moderne Zweifelsucht zu - sammen, welche die Aufgabe der Philologie den alten Überlieferungen gegenüber in die Worte zu kleiden scheint: Ich glaube es nicht. Es versteht sich von selbst, dass bei einem Verfahren dieser Art nichts Positives gewonnen wird, sondern dass es im Gegenteil nur den Beweis einer gewissen geistigen Impotenz liefert, welche sich damit begnügt, destruktive Tendenzen zu verfolgen und der heutigen wissenschaftlichen Richtung ihren deutlichen Stempel aufgeprägt hat « (II, S. v). Um so eifriger suchen wir in der Masse der mehr oder weniger Impotenten nach den hervorragenden Geistern, gleichviel welcher Schule sie angehören. Und da möchte ich um diese all zu lange Anmerkung nicht noch länger hinauszuziehen vor allem auf Erwin Rohde verweisen, dessen Bücher Der griechische Roman (1876) und Psyche (1894), zu jener Gattung rein gelehrter, philologischer Werke gehören, welche jedem, auch dem Ungelehrten, eine reiche Ernte bieten, da sie ähnlich wie z. B. die Werke Grimm’s, Burnouf’s und Earle’s, durch ihre überall durchschimmernde, oft auch hindurchbrechende innere Bedeutung das fachliche Interesse zu einem sachlichen umwandeln; dies ist der Prüfstein wahrer Bedeutung.67Hellenische Kunst und Philosophie.durch die Polierarbeit der Forschung hervortrat, immer mehr von der unvergleichlichen, göttlichen Gestaltungskraft des ursprünglichen Bildners. Welche unerhörte Macht der Schönheit musste nicht Werken zu eigen sein, welche Jahrhunderte hindurch wildbewegten sozialen Verhältnissen, und während noch längerer Zeit dem entweihenden Ansturm von Beschränktheit, Mittelmässigkeit und Pseudogenialität so erfolgreich trotzen konnten, dass noch heute aus diesen Trümmern der ewig-jugendliche Zauber künstlerischer Vollendung als die gute Fee unserer eigenen Kultur uns entgegentritt! Zugleich führten auch andere Forschungen, die ihren eigenen, unabhängigen Weg gegangen waren die geschichtlichen und mythologischen Studien zu dem sichern Ergebnis, Homer müsse eine historische Persönlichkeit gewesen sein. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass sowohl Sage wie Mythe sehr frei und nach bestimmten Prinzipien bewusster künstlerischer Ge - staltung in diesen Dichtungen behandelt worden sind. Um das Wesent - lichste nur zu nennen: Homer war ein Vereinfacher ohne gleichen, er entwirrte den Knäuel populärer Mythen, und aus dem planlosen Durcheinander volksmässiger Sagen, die von Gau zu Gau anders lauteten, wob er einige wenige bestimmte Gestalten, in denen alle Hellenen sich und ihre Götter erkannten, obwohl gerade diese Darstellung ihnen durchaus neu war. Was wir jetzt so mühevoll entdeckt haben, wussten die Alten sehr gut; ich erinnere an die merkwürdige Stelle bei Herodot: » Von den Pelasgern haben die Hellenen die Götter angenommen. Woher aber ein jeglicher der Götter stammt, und ob sie alle immer da waren und von welcher Gestalt sie sind, das wissen wir Hellenen so zu sagen erst seit gestern. Denn Hesiod und Homer sind es zunächst, welche den Griechen ihr Göttergeschlecht geschaffen, den Göttern ihre Namen gegeben, sowie Ehren und Künste unter sie verteilt und ihre Gestalten bezeichnet haben. Die Dichter aber, welche angeblich vor diesen beiden Männern gelebt haben sollen, sind, nach meiner Meinung wenigstens, erst nach ihnen aufgetreten. « (Buch II, Abschn. 53.) Hesiod hat etwa ein Jahr - hundert nach Homer gelebt und stand unter seinem unmittelbaren Einfluss; bis auf diesen geringen Irrtum enthält der einfache naive Satz Herodot’s alles, was die kritische Riesenarbeit eines Jahrhunderts ans Licht gefördert hat. Dass die Dichter, welche nach der priester - lichen Tradition vor Homer gelebt haben sollten wie z. B. Orpheus, Musaeos, Eumolpos aus dem thrakischen, oder Olen und andere aus dem delischen Kreise in Wirklichkeit nach ihm lebten, ist er -5*68Das Erbe der alten Welt.wiesen;1)Siehe namentlich Flach: Geschichte der griechischen Lyrik nach den Quellen dargestellt, I. S. 45 ff., 90 ff. und ebenfalls erwiesen ist es, dass die religiösen Vorstellungen der Griechen aus sehr verschiedenen Quellen gespeist worden sind; den Grundstock bildet die indoeuropäische Erbschaft, dazu kommen aber allerhand bunte, orientalische Einflüsse (wie Herodot das ebenfalls in dem Abschnitt, der dem angeführten vorausgeht, schon dargelegt hatte): in dies Wirrnis greift nun der eine unvergleichliche Mann mit der souveränen Machtvollkommenheit des freischöpferischen, dichterischen Genies und gestaltet daraus auf künstlerischem Wege eine neue Welt; wie Herodot sagt: er schafft den Griechen ihr Göttergeschlecht.

Man gestatte mir, hier die Worte eines der anerkannt gelehrtesten unter den lebenden Hellenisten, Erwin Rohde’s,2)Inzwischen hat die deutsche Wissenschaft den Tod des ausserordent - lichen Mannes zu beklagen gehabt. anzuführen: » Volks - dichtung ist das Homerische Epos nur darum zu nennen, weil es so geartet ist, dass das Volk, das gesamte Volk griechischer Zunge es willig aufnahm und in sein Eigentum verwandeln konnte, nicht weil in irgend einer mystischen Weise das Volk bei seiner Hervor - bringung beteiligt gewesen wäre. Viele Hände sind an den beiden Gedichten thätig gewesen, alle aber in der Richtung und in dem Sinne, die ihnen nicht das Volk oder die Sage , wie man wohl versichern hört, sondern die Gewalt des grössten Dichtergenius der Griechen und wohl der Menschheit angab. In Homer’s Spiegel scheint Griechenland einig und einheitlich im Götter - glauben, wie im Dialekt, in Verfassungszuständen, in Sitte und Sitt - lichkeit. In Wirklichkeit kann das darf man kühn behaupten diese Einheit nicht vorhanden gewesen sein; die Grundzüge des panhellenischen Wesens waren zweifellos vorhanden, aber gesammelt und verschmolzen zu einem nur vorgestellten Ganzen hat sie einzig der Genius des Dichters. « (Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen, S. 35, 36). Bergk, dessen ganzes reiches Gelehrten - leben dem Studium der griechischen Poesie gewidmet war, urteilt: » Homer schöpft wesentlich aus sich selbst, aus dem eigenen Inneren; er ist ein wahrhaft originaler Geist, nicht Nachahmer, und er übt seine Kunst mit vollem Bewusstsein « (a. a. O., S. 527). Auch Duncker, der Historiker, bemerkt, dass, was den Nachfolgern Homer’s fehlte was diesen Einzigen also auszeichnete » der zusammenschauende Blick des Genius « war (Gesch. des Altertums, V, 566). Und um69Hellenische Kunst und Philosophie.diese Citate würdig zu schliessen, berufe ich mich noch auf Aristoteles, dem man, was kritische Schärfe anbelangt, doch einige Kompetenz zuerkennen wird. Es ist auffallend und wohlthuend zu sehen, dass auch er in Homer’s Blick das unterscheidende Kennzeichen entdeckt; im 8. Kapitel seiner Poetik (er redet von den Eigenschaften einer dichterischen Handlung) meint er: » Homer aber, wie er sich auch in anderen Dingen unterscheidet, scheint auch hierin richtig gesehen zu haben, entweder durch Kunst, oder durch Natur. « Ein tiefes Wort! welches uns auf den überraschenden Begeisterungsschrei im 23. Kapitel der Poetik vorbereitet: Homer ist vor allen anderen Dichtern göttlich.

Dies musste zunächst, und selbst um den Preis einiger Aus -Künstlerische Kultur. führlichkeit, festgestellt werden; nicht etwa weil es für den Gegen - stand dieses Buches von Belang ist zu wissen, ob gerade ein Mann Namens Homer die Ilias geschrieben hat, oder inwiefern die Dichtung, welche heute unter diesem Titel bekannt ist, dem ursprünglichen Gedicht entsprechen mag; nein, der spezielle Nachweis war Neben - sache: wesentlich dagegen für mein ganzes Buch ist die Hervor - hebung der unvergleichlichen Bedeutung der Persönlichkeit überhaupt; wesentlich ebenfalls die Erkenntnis, dass jedes Werk der Kunst immer und ausnahmslos eine stark individuelle Persönlichkeit voraussetzt, ein grosses Kunstwerk eine Persönlichkeit allerersten Ranges, ein Genie; wesentlich schliesslich die Einsicht, dass das Geheimnis der hellenischen Zaubergewalt in dem Begriff » Persönlichkeit « eingeschlossen liegt. Denn in der That, will man begreifen, was hellenische Kunst und hellenisches Denken für unser Jahrhundert bedeutet haben, will man das Geheimnis einer so zähen Lebenskraft begreifen, so muss man vor allem sich klar machen, dass, was noch heute aus jener ver - schwundenen Welt mit Jugendfrische weiterwirkt, die Macht grosser Persönlichkeiten ist.

Höchstes Glück der Erdenkinder Ist nur die Persönlichkeit,

sagt Goethe; dieses höchste Glück besassen die Griechen wie nie ein Volk, und das gerade macht das Sonnige, Strahlende an ihrer Er - scheinung aus. Ihre grossen Dichtungen, ihre grossen Gedanken sind nicht das Werk anonymer Aktiengesellschaften, wie die sogenannte Kunst und die sogenannte Weisheit der Ägypter, Assyrier, Chinesen70Das Erbe der alten Welt.e tutti quanti; das Heldentum ist das Lebensprinzip dieses Volkes; der einzelne Mann tritt einzeln hervor, kühn überschreitet er den Bann - kreis des allen Gemeinsamen, der instinktiv, unbewusst, nutzlos sich accumulierenden Civilisation, furchtlos haut er sich eine Lichtung in dem immer dunkler werdenden Urwald der gehäuften Superstitionen: er wagt es, Genie zu haben! Und aus diesem Wagestück entsteht ein neuer Begriff des Menschlichen; jetzt erst ist der Mensch » in das Tageslicht des Lebens eingetreten «.

Der Vereinzelte vermöchte das jedoch nicht. Persönlichkeiten können nur in einer Umgebung von Persönlichkeiten sich als solche bemerkbar machen; Aktion gewinnt erst durch Reaktion ein bewusstes Dasein; das Genie kann einzig in einer Atmosphäre der » Genialität « atmen. Haben wir uns also unzweifelhaft eine einzige, überragend grosse, unvergleichlich schöpferische Persönlichkeit als das bestimmende und durchaus unerlässliche primum mobile der gesamten griechischen Kultur zu denken, so müssen wir als das zweite charakteristische Moment dieser Kultur die Thatsache erkennen, dass die Umgebung sich einer so ausserordentlichen Persönlichkeit würdig erwies. Das Bleibende am Hellenentum, dasjenige, was es noch heute am Leben erhält und dazu befähigte, so vielen der Besten in unserem Jahr - hundert ein leuchtendes Ideal zu sein, ein Trost und eine Hoffnung, das kann man in einem einzigen Wort zusammenfassen: es ist seine Genialität. Was hätte ein Homer in Ägypten oder in Phönizien gefrommt? Die einen hätten ihn unbeachtet gelassen, die anderen ihn gekreuzigt; ja, selbst in Rom hier haben wir übrigens den Experimentalbeweis vor Augen. Ist es denn der gesamten griechischen Dichtkunst gelungen, auch nur einen einzigen Funken aus diesen nüchternen, unkünstlerischen Herzen zu schlagen? Giebt es unter den Römern ein einziges wahres Dichtergenie? Ist es nicht ein Jammer, dass unsere Schulmeister sich verpflichtet fühlen, unsere frischen Kinderjahre durch die obligate Bewunderung dieser rhetorischen, gedrechselten, seelenlosen, erlogenen Nachahmungen echter Poesie zu vergällen? Und denn auf ein paar Dichter mehr oder weniger kommt es wahrlich nicht an merkt man nicht an diesem einen Beispiel, wie die gesamte Kultur mit der Kunst zusammenhängt? Was sagt man zu einer Geschichte, die mehr als 1200 Jahre umfasst und nicht einen einzigen Philosophen aufweist, ja, nicht einmal das kleinste Philosöphchen? zu einem Volk, das seine in dieser Beziehung wahrhaftig bescheidenen Ansprüche durch den Import der letzten71Hellenische Kunst und Philosophie.abgemarterten, blutärmsten Griechen decken muss, die aber nicht einmal Philosophen, sondern lediglich ziemlich platte Moralisten sind? Wie weit muss es mit der Ungenialität gekommen sein, wenn ein guter Kaiser, der in seinen Mussestunden Maximen aufgeschrieben hat, als » Denker « der Verehrung kommender Geschlechter anem - pfohlen wird! 1)Lucretius könnte man allenfalls nennen, sowohl als Denker wie als Dichter gewiss ein bewundernswerter Mann; die Gedanken sind aber überall eingestandenermassen griechische, und auch der ganze poetische Apparat ist ein griechischer. Und dabei liegt doch auf seiner grossen Dichtung der tötliche Schatten jenes Skepticismus, der über kurz oder lang zur Unproduktivität führt, und der sorgfältig zu unterscheiden ist von der tiefen Erkenntnis wahrhaft religiöser Gemüter, die das Bildliche an ihren Vorstellungen gewahr werden, ohne deswegen an der erhabenen Wahrheit des innerlich Geahnten, Unerforschlichen zu zweifeln; wie wenn z. B. der Vedische Weise plötzlich ausruft:» Doch wem ist auszuforschen es gelungen, Wer hat, woher die Schöpfung stammt, vernommen? Die Götter sind diesseits von ihr entsprungen! Wer sagt es also, wo sie hergekommen? « (Rigveda X, 129.)oder wie Herodot in der vor wenigen Seiten angeführten Stelle, wo er meint, der Dichter habe die Götter geschaffen. Und Epikur selber, der » Gottesleugner «, der Mann, den Lucretius als den Grössten aller Sterblichen bezeichnet, der Mann, von dem er seine ganze Lehre entnimmt! erfahren wir nicht gerade über Epikur, dass bei ihm » Religiosität gleichsam ein angeborenes Gefühl gewesen sein muss « (siehe die von Goethe empfohlene Lebensskizze Epikur’s von K. L. von Knebel)? » Nie, rief Diokles aus, als er Epikur einstmals im Tempel fand, nie habe ich Zeus grösser gesehen, als da Epikur zu seinen Füssen lag! « Der Lateiner glaubte das letzte Wort der Weisheit mit seinem Primus in orbe deos fecit timor gesprochen zu haben; der Grieche dagegen kniete als aufgeklärter Mann noch inbrünstiger als ehedem vor dem herrlichen Gottesbilde nieder, welches Heldenmut sich frei erschaffen hatte, und bezeugte hiermit sein Genie.Wo ist ein grosser, schöpferischer Naturforscher unter den Römern? Doch nicht etwa der fleissige Konversationslexikons - redakteur Plinius? Wo ein Mathematiker von Bedeutung? Wo ein Meteorolog, ein Geograph, ein Astronom? Alles, was unter Roms Herrschaft in diesen und anderen Wissenschaften geleistet wurde, alles ohne Ausnahme stammt von Griechen. Der poetische Urborn war aber versiegt, und so versiegte nach und nach auch bei den Griechen des Römertums das schöpferische Denken, die schöpferische Beobachtung. Der belebende Hauch des Genies war verweht; weder in Rom noch in Alexandrien war von dieser Himmelsnahrung des menschlichen Geistes für die noch immer aufwärts strebenden Hellenen72Das Erbe der alten Welt.etwas zu finden; in der einen Stadt erstickte der Nützlichkeitsaber - glaube, in der anderen die wissenschaftliche Elephantiasis nach und nach jede Lebensregung. Zwar wurde die Gelehrsamkeit immer grösser, die Anzahl bekannter Thatsachen vermehrte sich unaufhörlich, die treibende Kraft jedoch nahm ab, anstatt zuzunehmen (welch letzteres nötig gewesen wäre), und so erlebte die europäische Welt, bei enormer Steigerung der Civilisation, einen progressiven Niedergang der Kultur bis zur nackten Bestialität. Nichts dürfte für das Menschen - geschlecht gefährlicher sein als Wissenschaft ohne Poesie, Civilisation ohne Kultur. 1)Vergl. in Kap. 9 die Ausführungen über China u. s. w.

Bei den Hellenen war der Verlauf ein ganz anderer. Solange die Kunst unter ihnen blühte, schlug die Leuchte des Geistes auf allen Gebieten hoch zum Himmel empor. Die Kraft, welche sich in Homer bis zu einer gewaltigsten Individualität durchgerungen hatte, lernte nun an ihm ihre Bestimmung erkennen, und zwar zunächst im engeren Sinne der rein künstlerischen Gestaltung einer Welt des schönen Scheines. Um den strahlenden Mittelpunkt herum entstand ein unabsehbares Heer von Dichtern und eine reiche Skala von Dicht - arten. Originalität bildete gleich von Homer an das Kenn - zeichen griechischen Schaffens. Natürlich richteten sich untergeordnete Kräfte nach den hervorragenderen; es gab aber so viele hervorragende, und diese hatten so unendlich mannigfaltige Gattungen erfunden, dass hierdurch auch die geringere Begabung in die Lage versetzt wurde, das ihr genau Angemessene zu erwählen und ihr Höchstes zu leisten. Ich rede nicht allein von der tonvermählten Wortdichtung, sondern ebenfalls von jener unerreichten Blüte der Dichtung für das Auge, welche im engsten Anschluss an jene, wie ein vielgeliebtes, jüngeres Ge - schwister aufwuchs. Architektur, Plastik, Malerei, sie alle waren, gleich - wie Epik, Lyrik, Dramatik, wie Hymnendichtung, Dithyrambik, Ode, Roman und Epigramm, Strahlen von jenem selben Licht der Kunstsonne, nur je nach dem einzelnen Auge verschieden gebrochen. Gewiss ist es lächerlich, wenn Schulmänner zwischen Bildung und Ballast nicht zu unterscheiden wissen und uns mit endlosen Aufzählungen un - bedeutender griechischer Dichter und Bildhauer belästigen; die Em - pörung hiergegen, welche am Schluss unseres Jahrhunderts sich mit wachsender Ungeduld zu rühren beginnt, soll uns willkommen sein; ehe wir aber die vielen überflüssigen Namen der verdienten Ver -73Hellenische Kunst und Philosophie.gessenheit übergeben, wollen wir doch das Phänomen in seiner Ge - samtheit bewundern; es bezeugt eine ewig begehrenswerte Herrschaft des guten Geschmacks, eine Feinheit des Urteils, wie sie bisher nicht wiederkehrte, und einen weitverbreiteten, schöpferischen Drang. Die griechische Kunst war ein wahrhaft lebendiges Wesen, darum lebt sie noch heute: was lebt, ist unsterblich. Sie besass einen festen, organischen Mittelpunkt und sie gehorchte einem unwillkürlichen und darum unfehlbaren Gestaltungstrieb, der die üppigste Mannigfaltigkeit, sogar die tollsten Auswüchse und die mindest bedeutenden Bruchteile zu einem Ganzen verknüpfte. Kurz und wenn man mir die schein - bare Tautologie verzeiht hellenische Kunst war eine künstlerische Kunst, etwas, was kein Einzelner, auch nicht ein Homer bewirken kann, sondern welches aus der Mitwirkung einer Gesamtheit entsteht. Seither hat sich derartiges nie wieder ereignet, und deswegen lebt griechische Kunst nicht allein noch jetzt bildend und ermahnend in unserer Mitte, sondern die grössten unserer Künstler (unserer Dichter in Handlungen, Tönen, Worten, Gestalten) haben, wie in den früheren Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, so auch noch in diesem Jahr - hundert sich zu Griechenland hingezogen gefühlt wie zu einer Heimat. Der Mann aus dem Volk weiss allerdings bei uns von griechischer Kunst nur indirekt; für ihn haben die Götter nicht, wie für Epikur, einen noch höheren Olymp bestiegen; von roher asiatischer Skepsis und rohem asiatischem Aberglauben wurden sie herabgestürzt und sie zerschellten; er begegnet ihnen aber auf unseren Brunnen und Theater - vorhängen, im Park, wo er Sonntags frische Luft schöpft, und in den Museen (wo die Plastik auf die Menge immer mehr Anziehung ausübt als die Malerei). Der » Gebildete « trägt Brocken von dieser Kunst als unverdauten Bildungsstoff im Kopfe: mehr Namen, als lebendige Vorstellungen; jedoch begegnet er ihr zu viel auf Schritt und Tritt, als dass er sie je ganz aus den Augen verlieren könnte; sie hat an dem Aufbaue seines Geistesgerüstes oft mehr Anteil als er selber weiss. Der Künstler aber und hiermit will ich jedes künstlerische Gemüt bezeichnen kann nicht anders als voller Sehn - sucht die Augen auf Griechenland richten, und zwar nicht allein wegen der einzelnen dort entstandenen Werke seit dem Jahre 1200 ist auch bei uns manches Herrliche geboren: Dante steht allein, Shakespeare ist grösser und reicher als Sophokles, die Kunst eines Bach hat kein Grieche auch nur ahnen können nein, was der Künstler dort findet und was ihm bei uns fehlt, das ist das künstlerische74Das Erbe der alten Welt.Element, die künstlerische Kultur. Die Grundlage des europäischen Lebens war seit den Römern eine politische; jetzt geht sie nach und nach in eine wirtschaftliche über. Bei den Griechen durfte kein freier Mann Handel treiben, bei uns ist jeder Künstler ein geborener Sklave; die Kunst ist für uns ein Luxus, ein Reich der Willkür, sie ist unserem Staat kein Bedürfnis und unserem öffentlichen Leben nicht der Gesetzgeber eines alles durchdringenden Schönheitsgefühls. Schon in Rom war es. die Laune eines einzelnen Maecenas, welche die Blüte der Dichtkunst hervorrief; seither hingen die höchsten Thaten der herrlichsten Geister zumeist von der Baulust eines Papstes, der Eitelkeit eines klassisch gebildeten Fürsten, der Prachtliebe einer prunk - süchtigen Kaufmannschaft ab, oder hin und wieder wehte ein be - lebender Hauch aus höheren Regionen, wie die von dem grossen und heiligen Franziskus versuchte religiöse Wiedergeburt, welche zu unserer neuen Kunst der Malerei den ersten Anstoss gab, oder wie das allmähliche Erwachen des deutschen Gemütes, dem wir die herr - liche neue Kunst, die deutsche Musik, verdanken. Was ist aber aus den Bildern geworden? Die Wandgemälde überkalkte man, weil man sie hässlich fand; die Tafelbilder entriss man den geheiligten Stätten der Andacht und hing sie alle nebeneinander an den Wänden der Museen auf; und dann weil man sonst die » Entwickelung « bis zu diesen gepriesensten Meisterwerken nicht wissenschaftlich hätte auseinandersetzen können kratzte man dort den Kalk ab, so gut und so schlecht es ging, warf die frommen Mönche hinaus und machte aus Klöstern und campi santi eine zweite Klasse von Museen. Mit der Musik ging es nicht viel anders; ich habe selber in einer noch dazu wegen ihres geläuterten Musiksinnes be - sonders gerühmten Hauptstadt Europas eine Konzertaufführung von J. S. Bach’s Matthäuspassion erlebt, in welcher nach jeder » Nummer « geklatscht und der Choral » O Haupt voll Blut und Wunden! « sogar da capo verlangt wurde! Wir haben vieles, was die Griechen nicht hatten, solche Beispiele lassen aber deutlich und schmerzlich empfinden, was uns abgeht und was jene besassen. Man begreift, dass Hölderlin dem heutigen Künstler zurufen konnte:

Stirb! du suchst auf diesem Erdenrunde, Edler Geist, umsonst dein Element!

Es ist nicht Mangel an innerer Kraft, an Originalität, was des heutigen Künstlers Herz nach Griechenland zieht, wohl aber das Bewusstsein75Hellenische Kunst und Philosophie.und die Erfahrung, dass der Einzelne, Vereinzelte gar nicht wirklich original sein kann. Originalität ist nämlich etwas ganz anderes als Willkür; Originalität ist im Gegenteil die freie Befolgung des von der besonderen Natur der betreffenden Persönlichkeit unwillkürlich ihr vorgezeichneten Weges; gerade die Freiheit hierzu besteht aber für den Künstler nur in dem Element einer durch und durch künst - lerischen Kultur; eine solche findet er heute nicht. Zwar wäre es durchaus ungerecht, unserer heutigen europäischen Welt künstlerische Regungen abzusprechen: in dem Interesse für Musik macht sich eine ganz gewaltige Gährung der Geister bemerkbar, und das für moderne Malerei greift zwar nur in bestimmte, aber doch in weite Kreise, und erregt eine fast unheimliche Leidenschaftlichkeit; das alles bleibt jedoch ausserhalb des Lebens der Völker, es bildet eine Zugabe, eine Zugabe für Mussestunden und müssige Menschen; daher herrschen Mode und Laune und mannigfaltige Lüge, und die Atmosphäre, die den echten Künstler umgiebt, entbehrt jeglicher Elastizität. Selbst das kräftigste Genie ist bei uns gebunden, gehemmt, von vielen Seiten zurück - gestossen. Und so lebt denn hellenische Kunst als ein verlorenes, wieder zu erstrebendes Ideal in unserer Mitte fort.

Unter einem fröhlicheren Sterne geniessen hellenische Philo -Das Gestalten. sophie und hellenische Naturforschung bei uns Kindern des 19. Jahr - hunderts ein gern und dankbar gewährtes Gastrecht. Auch hier handelt es sich nicht um blosse lares und feiern wir nicht lediglich einen Ahnenkultus; hellenische Philosophie ist im Gegenteil äusserst lebendig unter uns und hellenische Wissenschaft, so unbeholfen auf der einen Seite und so unbegreiflich intuitionskräftig auf der anderen, nötigt uns nicht allein ein historisches, sondern auch ein gegenwärtiges Interesse ab. Die reine Freude, die wir bei der Betrachtung helleni - schen Denkens empfinden, dürfte zum Teil von dem Bewusstsein herkommen, dass wir hier über unsere grossen Vorfahren weiter hinausgeschritten sind. Unsere Philosophie ist philosophischer, unsere Wissenschaft wissenschaftlicher geworden: eine Progression, wie sie auf dem Gebiete der Kunst leider nicht stattgefunden hat. In Bezug auf Philosophie und Wissenschaft hat sich unsere neue Kultur ihres hellenischen Ursprunges würdig erwiesen; wir haben ein gutes Gewissen.

Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier Beziehungen nachzu - weisen, die jedem Gebildeten bekannt sein müssen: streng genetische was die Philosophie anbelangt, da unser Denken erst bei der Be -76Das Erbe der alten Welt.rührung mit dem Griechischen erwachte und es selbst die zuletzt gereifte Kraft des Widerspruches und der Selbständigkeit aus ihm sog, streng genetische ebenfalls, insoferne die Grundlage aller exakten Wissenschaft in Betracht gezogen wird, die Mathematik, minder genetische und in früheren Jahren eher hemmend als fördernd, was die beobachtenden Wissenschaften betrifft. 1)Zu diesem letzten Punkt muss jedoch bemerkt werden, dass manche glänzendste Leistung des hellenischen Geistes auf diesem Gebiete uns bis vor kurzem unbekannt war.Mir liegt nur das eine ob, in wenigen Worten zu sagen, welche heimliche Kraft diesen alten Gedanken so zähen Lebensgeist schenkte.

Wie vieles Seitherige ist inzwischen zu ewiger Vergessenheit untergegangen, während Plato und Aristoteles, Demokrit, Euklid und Archimedes in unserer Mitte anregend und belehrend weiterleben, und die halbfabelhafte Gestalt des Pythagoras mit jedem Jahrhundert grösser wird! 2)Was die Rückkehr zu einer früheren Einsicht bedeutet. Als ein Orakel den Römern befohlen hatte, dem weisesten der Hellenen ein Standbild zu errichten, stellten sie die Statue des Pythagoras auf. (Plutarch: Numa, Kap. XI.)Bei Dichtungen und sonstigen Kunstwerken sagen Manche: die Erzeugnisse der Phantasie sind nicht an Ort und Zeit gebunden, in ihnen kommt ein Absolutes zum Ausdruck, sie gehören allen Jahrhunderten an. In dieser Fassung ist der Gedanke durchaus falsch: nichts altert im Allgemeinen schneller als Kunst; einzig die unbedingteste Genialität, oder aber zufällige historische Bedeutung (wie bei Juvenal u. a.) verbürgen hier Fortdauer; nur wenige Romane, nur sehr vereinzelte Gedichte können nach 100 Jahren zu wirklichem vollen Genusse gelesen werden, Bühnendichtungen, Malerei, Musik das alles wird in unglaublich kurzer Zeit altbacken; vor Canova’s und Thorwaldsen’s Werken vermögen schon vor Schluss des Jahr - hunderts keine Selbstgalvanisierungsversuche Begeisterung zu erwecken. Ausserdem lehrt auch die Erfahrung, dass hellenisches Denken mindestens eben so lebenskräftig ist wie hellenisches Dichten. Und ich meine: was dem Denken eines Demokrit, eines Plato, eines Euklid, eines Aristarch3)Aristarch von Samos, der Entdecker des sogenannten Kopernikanischen Weltsystems. ewige Jugend verleiht, das ist genau der selbe Geist, die selbe Geisteskraft, welche Homer und Phidias unsterblich jung macht: es ist das Schöpferische und in einem weitesten Sinn des Wortes recht eigentlich Künstlerische. Es kommt77Hellenische Kunst und Philosophie.nämlich darauf an, dass die Vorstellung, durch welche der Mensch die innere Welt seines Ich’s oder die äussere Welt zu bewältigen, sie seinem Wesen zu assimilieren sucht, fest gezeichnet und durch und durch klar gestaltet werde. Blicken wir auf eine etwa dreitausend - jährige Geschichte zurück, so sehen wir, dass der menschliche Geist sich durch die Kenntnis neuer Thatsachen allerdings erweitert hat, bereichert dagegen einzig durch neue Ideen, d. h. durch neue Vor - stellungen. Dies ist jene » schöpferische Kraft «, von der Goethe in den Wanderjahren redet, welche » die Natur verherrlicht « und ohne welche, wie er meint, » das Äussere kalt und leblos bliebe «. 1)Man sieht, nach Goethe bedarf es eines schöpferischen Aktes des Menschengeistes, damit das Leben selber » belebt « werde!Dauer - haftes aber schafft sie nur, wenn ihre Gebilde schön und durchsichtig sind, also künstlerisch.

As imagination bodies forth The forms of things unknown, the poet’s pen Turns them to shapes. (Shakespeare.)

Auf deutsch: während die Phantasie die Vorstellung unerforsch - licher Dinge hinausprojiziert, bildet sie des Dichters Griffel zu Gestalten um. Jene Vorstellungen allein, welche zu Gestalten umgebildet werden, machen einen dauernden Besitz des menschlichen Bewusst - seins aus. Der Vorrat an Thatsachen ist ein sehr wechselnder, wo - durch auch der Schwerpunkt des Thatsächlichen (wenn ich mich so ausdrücken darf) einer beständigen Verschiebung unterliegt; ausserdem ist etwa die Hälfte unseres Wissens, oder noch mehr, ein Provisorium: was gestern als wahr galt, ist heute falsch, und an diesem Ver - hältnis wird auch die Zukunft schwerlich etwas ändern, da die Er - weiterung des Wissensmaterials mit der Erweiterung des Wissens Schritt hält. 2)Ein allgemeines Lehrbuch der Botanik oder der Zoologie aus dem Jahre 1875 ist z. B. am Schlusse unseres Jahrhunderts nicht mehr zu gebrauchen und zwar nicht allein und nicht hauptsächlich wegen des neu hinzugekommenen Materials, sondern weil thatsächliche Verhältnisse anders aufgefasst und exakte Beobachtungen durch noch exaktere umgestossen werden. Man verfolge als Beispiel das Imbibitionsdogma mit seinen endlosen Beobachtungsreihen, von seinem ersten Auftreten im Jahre 1838, bis zu seiner höchsten Blüte, etwa 1868; dann beginnt bald die Contremine, und im Jahre 1898 erfährt der wissbegierige Schüler gar nichts mehr davon.Was dagegen der Mensch als Künstler geformt, die Gestalt, der er Lebensatem eingehaucht hat, geht nicht unter. Ich78Das Erbe der alten Welt.muss wiederholen, was ich oben schon sagte: was lebt, stirbt nicht. Man weiss, dass heute die meisten Zoologen die Unsterblichkeit die physische Unsterblichkeit des Keimplasmas lehren; die Kluft zwischen organischer und unorganischer, das heisst zwischen belebter und unbelebter Natur, die man am Anfang unseres Jahrhunderts über - brückt zu haben wähnte, wird täglich tiefer;1)Siehe z. B. das massgebende Werk des amerikanischen Zoologen E. B. Wilson (Professor in Columbia): The cell in Development and Inheritance, 1896, wo wir lesen: » Die Erforschung der Zellenthätigkeit hat im ganzen die gewaltige Kluft, welche selbst die allerniedrigsten Formen des Lebens von den Erscheinungen der unorganischen Welt trennt, eher weiter aufgerissen als verengert. « Die unbe - dingte Richtigkeit dieser Aussage vom rein naturwissenschaftlichen Standpunkt aus bezeugte mir vor kurzem Herr Hofrat Wiesner. hier ist zu einer Dis - kussion darüber nicht der Platz; ich führe diese Thatsache nur analogisch an, um mich zu rechtfertigen, wenn ich auch auf geistigem Gebiete zwischen organisierten und unorganisierten Vorstellungen streng unterscheide und wenn ich meine Überzeugung ausspreche, dass etwas, was des Dichters Griffel zu einer lebendigen Gestalt geformt hat, noch niemals gestorben ist. Kataklysmen können derartige Gebilde verschütten, sie entsteigen aber nach Jahrhunderten ewig jung dem vermeintlichen Grabe; gar häufig kommt es auch vor, dass die Kinder des Gedankens, wie ihre Geschwister, die marmornen Standbilder, verstümmelt, zerstückelt oder ganz und gar zertrümmert werden; das ist aber eine mechanische Vernichtung, nicht Tod. Und so war denn die mehr als tausend Jahre alte Ideenlehre Plato’s ein lebendiger Bestandteil des Geisteslebens unseres Jahrhunderts, ein » Ursprung « gar vieler Gedanken; fast jede philosophische Spekulation von Be - deutung hat wohl an einer oder der andern Seite bei ihr angeknüpft! Inzwischen beherrschte Demokrit’s Geist die Naturwissenschaft: mag seine geniale Erdichtung der Atome, um dem heutigen Wissens - material angepasst zu werden, noch so tiefe Umgestaltungen haben erfahren müssen, er bleibt doch der Erfinder, der Künstler, er ist es, der (um mit Shakespeare zu reden) das Unerforschliche durch die Kraft seiner Phantasie hinausprojiziert und diese Vorstellung dann gestaltet hat.

Plato.
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Beispiele der Weise, in welcher hellenische Gestaltungskraft den Gedanken Leben und Wirksamkeit verliehen, sind leicht zu nennen. Man nehme Plato’s Philosophie. Sein Material ist kein neues; er setzt sich nicht hin, wie etwa Spinoza, um aus den Tiefen des eigenen79Hellenische Kunst und Philosophie.Bewusstseins ein logisches Weltsystem herauszukalkulieren; ebenso - wenig greift er mit der grossartigen Unbefangenheit (ingenuitas) des Descartes der Natur in die Eingeweide, in dem Wahn, dort als Welt - erklärung ein Räderwerk zu entdecken; vielmehr nimmt er hier und dort, was ihm das beste dünkt bei den Eleaten, bei Heraklit, bei den Pythagoräern, bei Sokrates und gestaltet daraus kein eigentlich logisches, wohl aber ein künstlerisches Ganzes. Die Stellung Plato’s zu den früheren Philosophen Griechenlands ist derjenigen Homer’s zu den vorangegangenen und zeitgenössischen Sängern durchaus nicht unähnlich. Auch Homer » erfand « wahrscheinlich nichts (ebensowenig wie später Shakespeare); er griff aber aus verschiedenen Quellen das - jenige heraus, was zu seinem Zwecke passte, und fügte es zu einem neuen Ganzen zusammen, zu etwas durchaus Individuellem, begabt mit den unvergleichlichen Eigenschaften des lebendigen Individuums, behaftet mit den von dem Wesen des Individuums nicht zu trennenden engen Grenzen, Lücken, Eigenheiten, denn jegliches Individuum spricht mit dem Gott der ägyptischen Mysterien: » Ich bin, der ich bin, « und steht als ein neues Unerforschliches, nicht zu Ergründendes da. 1)» Ein echtes Kunstwerk bleibt wie ein Naturwerk für unsern Verstand immer unendlich: es wird angeschaut, empfunden; es wirkt, es kann aber nicht eigentlich erkannt, viel weniger sein Wesen, sein Verdienst mit Worten ausgesprochen werden. « (Goethe.)Ähnlich Plato’s Weltanschauung. Professor Zeller, der berühmte Geschichtsschreiber der griechischen Philosophie, meint: » Plato ist zu sehr Dichter, um ganz Philosoph zu sein. « Es dürfte schwer fallen, dieser Kritik irgend einen bestimmten Sinn abzugewinnen. Gott weiss, was ein » Philosoph « in abstracto sein mag; Plato war er selber, kein andrer; und an ihm erkennen wir, wie ein Geist gestaltet sein musste, um griechisches Denken zu seiner höchsten Blüte zu führen. Er ist der Homer dieses Denkens. Wenn ein Mann, der die nötige Kompetenz besässe, die Lehre Plato’s derartig zergliederte, dass man deutlich gewahr würde, welche Bestandteile nicht durch den Vorgang des genialen Wiedergebärens allein, sondern als ganz neue Erfindungen ureigenes Eigentum des grossen Denkers sind, so würde das Dichterische seines Verfahrens gewiss besonders klar werden. Montesquieu nennt Plato denn auch (in seinen Pensées) einen der vier grossen Dichter der Menschheit! Namentlich würde dasjenige, was man als widerspruchsvoll, als nicht Zusammenzureimendes tadelt, sich als künstlerische Notwendigkeit erweisen. Das80Das Erbe der alten Welt.Leben ist an und für sich ein Widerspruch; la vie est l’ensemble des fonctions qui résistent à la mort sagte der grosse Bichat; jedes Lebendige hat darum zugleich etwas Fragmentarisches und etwas gewissermassen Willkürliches an sich; einzig durch die freie, poetische doch nur bedingt gültige Zuthat des Menschen gelingt es, die beiden Enden des magischen Gürtels an einander zu knüpfen; Kunst - werke bilden keine Ausnahme; Homer’s Ilias ist ein grossartiges Bei - spiel hiervon, Plato’s Weltanschauung ein zweites, Demokrit’s Welt - theorie ein ebenso bedeutendes. Und während die prächtig » logisch « ausgemeisselten Philosophien und Theorien eine nach der anderen in dem Abgrund der Zeit verschwinden, reihen sich jene alten Ideen noch jugendfrisch an unsere neuesten an. Man sieht: nicht die » objektive Wahrheit « ist das Ausschlaggebende, sondern die Art der Gestaltung, l’ensemble des fonctions würde Bichat sagen.

Noch eine Bemerkung in Bezug auf Plato; wiederum nur eine Andeutung denn zu jeder Ausführung fehlt mir der Raum genug aber, hoffe ich, damit nichts unklar bleibt. Dass indisches Denken einen geradezu bestimmenden Einfluss auf die griechische Philosophie ausgeübt hat, steht nunmehr fest; unsere Hellenisten und Philosophen haben sich zwar lange mit dem wütenden Eigensinn vorurteilsvoller Gelehrten dagegen gesträubt: alles sollte in Hellas autochthon entstanden sein, höchstens die Ägypter und die Semiten hätten bildend gewirkt wobei allerdings für die Philosophie wenig zu profitieren gewesen wäre; die neueren Indologen haben jedoch das bestätigt gefunden, was die ältesten (namentlich der geniale Sir William Jones) sofort vermutet hatten. Insbesondere ist für Pytha - goras der Nachweis einer eingehenden Bekanntschaft mit indischen Lehren ausführlich dargebracht worden,1)Vergl. hierüber namentlich Schroeder: Pythagoras und die Inder (1884). und da Pythagoras immer deutlicher als der Stammvater des griechischen Denkens hervortritt, ist das schon viel. Ausserdem ist eine unmittelbare Beeinflussung der Eleaten, des Heraklit, des Anaxagoras, des Demokrit u. s. w., höchst wahrscheinlich gemacht worden. 2)Die beste mir bekannte Zusammenstellung aus letzterer Zeit ist die von Garbe in seiner Sâmkhya-Philosophie (1894), S. 85 fg. ; dort findet man auch die wichtigste Litteratur erwähnt.Unter diesen Bedingungen kann es nicht wunder nehmen, wenn ein so hoher Geist wie Plato durch manche unverständige Zugabe hindurchdrang und namentlich betreffs etlicher Kernpunkte aller echten Methaphysik mit den81Hellenische Kunst und Philosophie.erhabensten Anschauungen der indischen Denker genau übereinstimmt. 1)Für den Vergleich zwischen Plato und den Indern in Bezug auf die Erkenntnis der empirischen Realität und transcendentalen Idealität der Erfahrung siehe namentlich Max Müller: Three lectures on the Vedânta Philosophy (1894), S. 128 fg. Plato’s Stellung den Eleaten gegenüber wird hierdurch eigentlich erst ganz klar. Umfassenderes in Deussen’s Werken, namentlich in seinem Vortrag: » Über die Philosophie des Vedânta in ihrem Verhältnis zu den methaphysischen Lehren des Westens « in englischer Sprache gehalten und in Bombay (1893) er - schienen. (Eine deutsche Übersetzung aus meiner Feder brachten die Bayreuther Blätter, Jahrgang 1895, S. 125 fg.)Man vergleiche aber Plato und die Inder, seine Werke und ihre Werke! Da wird man nicht länger im Zweifel sein, warum Plato lebt und wirkt, die indischen Weisen dagegen zwar auch noch leben, ohne aber auf die weite Welt, auf die werdende Menschheit unmittelbar zu wirken. Das indische Denken ist, was Tiefe und umfassende Viel - seitigkeit anbelangt, unerreicht; meinte aber Herr Zeller, Plato sei » zu sehr Dichter, um ganz Philosoph zu sein «, so ersehen wir aus dem Beispiel der Inder, was aus einer Weltanschauung wird, wenn ein Denker zu ganz Philosoph ist, um noch zugleich ein bisschen Dichter zu sein! Dieses reine Denken der Inder entbehrt aller Mit - teilbarkeit, was einen zugleich naiven und tiefen Ausdruck darin findet, dass nach den indischen Büchern, die höchste, letzte Weisheit einzig durch Schweigen gelehrt werden kann. 2)» Als Bâhva von dem Vâshkali befragt wurde, da erklärte ihm dieser das Brahman dadurch, dass er schwieg. Und Vâshkali sprach: lehre mir, o Ehr - würdiger, das Brahman! Jener aber schwieg stille. Als nun der andere zum zweitenmale oder drittenmale fragte, da sprach er: ich lehre dich es ja, du aber verstehst es nicht; dieses Brahman ist Schweigen. « (Çankara in den Sûtra’s des Vedânta, III, 2, 17). Und in der Taittirîya-Upanishad lesen wir (II, 4): » Vor der Wonne der Erkenntnis kehrt alle Sprache um, auch die Gedanken, unfähig sie zu erreichen. «Ganz anders der Grieche! Koste, was es wolle, er muss » die Vorstellung unerforsch - licher Dinge hinausprojizieren und gestalten «. Man lese in diesem Zusammenhang die mühsame Auseinandersetzung in Plato’s Theaitetos, wo Sokrates zuletzt zugiebt, es könne einer im Besitz der Wahrheit sein, ohne dass er sie zu erklären vermöge, das sei aber noch keine Erkenntnis; was Erkenntnis sei, bleibt allerdings zum Schluss (ein Beweis von Plato’s Tiefsinnigkeit) unentschieden; im kulminierenden Punkte des Dialogs jedoch wird sie als » richtige Vorstellung « be - zeichnet, und gesagt, über richtige Vorstellung müsse man » Rede stehen und Erklärung geben können «; ebenfalls hierher gehörtChamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 682Das Erbe der alten Welt.die berühmte Stelle im Timäos, wo der Kosmos mit einem » leben - digen Tiere « verglichen wird. Es muss vorgestellt und gestaltet werden: das ist das Geheimnis des Griechen von Homer bis Archi - medes. Plato’s Ideenlehre verhält sich zur Metaphysik genau ebenso wie Demokrit’s Atomenlehre zur physischen Welt: es sind Werke einer freischöpferischen, gestaltenden Kraft und in ihnen quillt, wie in allen echten Kunstwerken, ein unerschöpflicher Born symbolischer Wahrheit. Derartige Schöpfungen verhalten sich zu materiellen Thatsachen wie die Sonne zu den Blumen. Nicht Segen allein empfingen wir von den Hellenen; im Gegenteil, einiges, was von ihnen sich herleitet, bedrückt noch wie ein banger Alp unsere aufstrebende Kultur; was wir aber Gutes von ihnen erbten, war vor allem solcher Blüten treibender Sonnenschein.

Aristoteles.
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Unter dem unmittelbaren Einfluss Plato’s schiesst einer der kräftigsten Stämme in die Höhe, welche die Welt jemals erblickte: Aristoteles. Dass Aristoteles sich in gewissen Beziehungen als Gegensatz zu Plato entwickelte, ist in der Natur seines Intellektes begründet; ohne Plato wäre er überhaupt kein Philosoph, wenigstens kein Metaphysiker geworden. Eine kritische Würdigung dieses grossen Mannes, wenn auch nur in Bezug auf den bestimmten Gegenstand dieses Kapitels, ist mir unmöglich; sie würde zu weit führen. Ich konnte ihn aber nicht ungenannt lassen, und ich darf wohl voraus - setzen, dass die Gestaltungskraft, welche in seinem logischen » Organon «, in seiner » Tiergeschichte «, in seiner » Poetik «, u. s. w., sich verkündet und durch alle seitherigen Jahrhunderte sich bewährt hat, Keinem entgehen kann. Um mir ein Wort des Scotus Erigena anzueignen: die naturalium rerum discretionis war das Gebiet auf dem er Uner - reichtes schuf, die fernsten Geschlechter zu Dank verpflichtend. Nicht dass er Recht hatte, war Aristoteles Grösse kein Mann ersten Ranges hat sich öfter und flagranter geirrt als er , sondern dass er keine Ruhe kannte, bis er auf allen Gebieten des menschlichen Lebens » gestaltet « und Ordnung im Chaos geschaffen hatte. Insofern ist er ein echter Hellene. Freilich haben wir diese » Ordnung « teuer bezahlt. Aristoteles war weniger Dichter als vielleicht irgend ein anderer unter den bedeutenden Philosophen Griechenlands; Herder sagt von ihm, er sei » vielleicht der trockenste Geist, der je den Griffel geführt «1)Ideen zur Geschichte der Menschheit, Buch XIII, Kap. 5.; er muss, glaube ich, selbst Herrn Professor Zeller83Hellenische Kunst und Philosophie.genug » ganz Philosoph « sein; jedenfalls war er es genug, um dank seiner hellenischen Gestaltungskraft mehr hartnäckigen Irrtum in die Welt zu säen, als jemals ein Mann vor ihm oder nach ihm. Die Naturwissenschaften waren bis vor kurzem an allen Ecken und Enden durch ihn gehemmt; die Philosophie, und namentlich die Metaphysik, hat ihn noch nicht abgeschüttelt; unsere Theologie ist ja, wie soll ich sagen? sie ist sein uneheliches Kind: wahrlich dieses grosse und bedeutende Erbe der alten Welt war ein zwei - schneidiges Schwert. Ich komme gleich in einem anderen Zusammen - hang auf Aristoteles und die griechische Philosophie zurück; hier will ich nur noch hinzufügen, dass die Griechen allerdings eines Aristoteles sehr bedurften, der auf empirische Methoden den Nach - druck legte und in allen Dingen den goldenen Mittelweg empfahl; in ihrem genialen Übermute und Schaffensdrange waren sie geneigt, hinaus und hinauf zu stürmen mit einer leichtfertigen Missachtung des ernsten Bodens der Realität, die mit der Zeit Unheil schaffen musste; charakteristisch ist jedoch, dass Aristoteles, so ganz Hellene er auch war, auf die Entwickelung des griechischen Geisteslebens zunächst von verhältnismässig geringem Einfluss blieb; der gesunde Instinkt des schaffensfreudigen Volkes empörte sich gegen eine so tötlich heftige Reaktion und empfand vielleicht dunkel, dass dieser angebliche Empiriker als Heilmittel das Gift des Dogmas mit sich führte. Aristoteles war nämlich von Beruf Arzt, er gab das grosse Beispiel des Arztes, der seinen Patienten umbringt, um ihn zu heilen. Doch jener erste Patient war widerspenstig; er rettete sich lieber in die Arme des neoplatonischen Quacksalbers. Wir armen Spätgeborenen erbten nun Arzt und Quacksalber zugleich, die beide unseren gesunden Körper mit ihren Droguen tränkten. Gott stehe uns bei!

Ein Wort noch über hellenische Wissenschaft. Es ist nur natür -Natur - wissenschaft. lich, dass die wissenschaftlichen Errungenschaften der Griechen für uns kaum mehr als ein historisches Interesse besitzen; sie sind längst überholt. Was uns jedoch nicht gleichgültig lassen kann, ist die Wahrnehmung des unglaublichen Aufschwunges, den die richtige Deutung der Natur unter dem Einflusse der Entfaltung neuentdeckter künstlerischer Fähigkeiten nahm. Unwillkürlich wird man an Schiller’s Behauptung erinnert: man könne den Schein von der Wirklichkeit nicht sondern, ohne zugleich die Wirklichkeit von dem Scheine zu reinigen.

Wenn es ein Gebiet giebt, auf welchem man weniger als nichts von den Hellenen erwarten würde, so ist es das der Erdkunde. 6*84Das Erbe der alten Welt.Was wir in ihren Dichtungen gelesen zu haben uns erinnern die Irrfahrten des Odysseus und der Io u. s. w. schien gar verwirrt und wurde durch die sich widersprechenden Kommentare nur noch verwirrter. Bis zu Alexander’s Zeiten sind die Griechen ausserdem nicht weit in der Welt herumgekommen. Man nehme aber Dr. Hugo Berger’s: Geschichte der wissenschaftlichen Erdkunde der Griechen zur Hand, ein streng wissenschaftliches Werk, und man wird aus dem Staunen nicht herauskommen. Auf der Schule erfahren wir zumeist nur von Ptolemäus etwas, und seine geographische Karte mutet uns fast ebenso sonderbar an, wie seine ineinander geschachtelten Himmels - sphären; das ist jedoch alles das Ergebnis einer Zeit des Verfalles, einer zwar unendlich vervollkommneten, dabei aber intuitionsschwach gewordenen Wissenschaft, der Wissenschaft eines rassenlosen Völker - chaos; dagegen lasse man sich über die geographischen Vorstellungen der echten Griechen unterrichten, von Anaximander an bis zu Eratho - stenes, und dann wird man Berger’s Behauptung verstehen: » Die Leistungen des wunderbar begabten Griechenvolkes auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Erdkunde sind der Arbeit wahrlich wert. Noch heute begegnen wir ihren Spuren auf Schritt und Tritt und können die von ihnen geschaffenen Grundlagen nicht entbehren « (I, S. VI). Besonders auffallend sind die verhältnismässig ausgebreiteten Kenntnisse und gesunde Vorstellungskraft der alten Ionier. Später erfolgten be - denkliche Rückschritte und zwar vornehmlich durch den Einfluss » der Verächter der Physik, Meteorologie und Mathematik, durch die vor - sichtigen Leute, die nur dem eigenen Auge, oder der von Augen - zeugen eigens erworbenen, glaubhaften Kunde trauen wollten « (I, 139). Noch später gesellten sich dann so kräftige wissenschaftliche Vorurteile dazu, dass die Reisen des » ersten Nordpolfahrers «, Pytheas (ein Zeit - genosse des Aristoteles) mit ihren genauen Beschreibungen der Küsten Galliens und Britanniens, ihren Erzählungen vom Eismeer, ihren so entscheidenden Beobachtungen über die Tag - und Nachtlänge in nördlichen Breiten, von allen Gelehrten des Altertums für Lügen erklärt wurden (III, 7, dazu das heutige Urteil III, 36). Philipp Paulitschke macht ebenfalls in seinem Werke: Die geographische Erforschung des afrikanischen Kontinents (zweite Ausgabe, S. 9) darauf aufmerksam, dass Herodot eine weit richtigere Vorstellung der Umrisse von Afrika besessen habe als Ptolemäus. Dieser galt aber als » Autorität «. Es hat ein eigenes Bewenden mit diesen allverehrten » Autoritäten «; und mit aufrichtigem Bedauern konstatiere ich, dass wir von den85Hellenische Kunst und Philosophie.Hellenen nicht allein die Ergebnisse ihrer nach Berger » wunder - baren Begabung «, sondern auch ihre Autoritätenzüchtung und ihren Autoritätenglauben geerbt haben. Eigentümlich lehrreich ist in dieser Beziehung die Geschichte der Petrefaktenkunde. Mit der vollen Naivetät der unverdorbenen Anschauungskraft hatten die alten Griechen, lange vor Plato und Aristoteles, die Muscheln auf den Bergesspitzen und sogar die Abdrücke von Fischen für das erkannt, was sie sind; Männer wie Xenophanes und Empedokles hatten darauf geocyklische und entwickelungsgeschichtliche Lehren gegründet. Die Autoritäten erklärten jedoch diese Annahme für unsinnig; als die Thatsachen sich häuften, wurden sie durch die herrliche Theorie der vis plastica aus der Welt geschafft1)Nach Quenstedt stammt diese Hypothese von Avicenna; sie ist aber auf Aristoteles zurückzuführen und wurde von Theophrast ausdrücklich gelehrt (siehe Lyell: Principles of Geology, 12. Ausg., I, 20)., und erst im Jahre 1517 wagte es ein Mann, die alte Meinung wieder auszusprechen, die Bergesspitzen hätten einst auf dem Meeresboden gelegen: » Im Jahre der Reformation war man also, nach anderthalb Jahrtausenden, wieder auf dem Punkte des klassischen Altertums angekommen «. 2)Quenstedt: Handbuch der Petrefaktenkunde, 2. Aufl., S. 2.Fracastorius blieb aber mit seiner Anschauung ziemlich vereinzelt, und, will man ermessen was heute nach den Fortschritten der Wissenschaften wirklich sehr schwer fällt eine wie grosse, verehrungswürdige Kraft der Wahrheit in dem Auge dieser alten Poeten lag (Xenophanes und Empedokles waren beide in erster Reihe Dichter und Sänger), so empfehle ich, in den Schriften des Freigeistes Voltaire nachzulesen und zu sehen, mit welchem Spott die Paläontologen noch im Jahre 1768 von ihm überhäuft werden. 3)Siehe namentlich: Des singularités de la Nature, Kap. XII bis XVIII, und L’homme aux quarante écus, Kap. VI, beide Schriften aus dem Jahre 1768. Ähnliches in seinen Briefen.Ebenso belustigend sind die krampfhaften Ver - suche seines Skepticismus, sich gegen die Evidenz zu wehren. Man hatte Austern auf dem Mont Cenis gefunden: Voltaire meint, sie seien von den Hüten der Rompilger abgefallen! Hippopotamus - knochen waren unweit Paris aufgegraben worden: Voltaire meint: un curieux a eu autrefois dans son cabinet le squelette d’un hippopotame! Man sieht, die Skepsis genügt nicht, um scharf - sichtig zu machen. 4)Dieser selbe Voltaire scheute sich nicht, die grossartigen astronomischen Spekulationen der Pythagoreer als » galimatias « zu bezeichnen, wozu der berühmteDagegen liefern uns die ältesten Dichtungen86Das Erbe der alten Welt.Beispiele eines eigentümlichen Scharfblickes. Schon in der Ilias z. B. heisst Poseidon der » Erderschütterer «; dieser Gott, d. h. also das Wasser und namentlich das Meer, wird immer als Ursache der Erd - beben genannt: das stimmt mit den Ergebnissen der modernsten Wissenschaft genau überein! Jedoch will ich auf solche Züge nur als Kontrast zu der Beschränktheit jener Helden einer angeblichen » Aufklärung « hingewiesen haben. Weit auffallenderen Beispielen der Reinigung der Wirklichkeit von dem Scheine begegnen wir auf dem Gebiete der Astrophysik, namentlich in der Schule des Pytha - goras. Die Lehre von der Kugelgestalt der Erde findet sich schon bei den frühesten Adepten, und selbst das viele Phantastische, was den Vorstellungen dieser Ältesten noch anhaftete, ist äusserst lehrreich, weil es das zukünftige Richtige gewissermassen in nuce enthält. 1)Zeller: Die Philosophie der Griechen, 3. Aufl., S. 369. Mehr technisch aber ungemein lichtvoll auseinandergesetzt in der Schrift von Schiaparelli: Die Vorläufer des Kopernikus im Altertum (nach dem italienischen Original ins Deutsche übertragen vom Verfasser und M. Curtze, erschienen in der Altpreussischen Monats - schrift, Jahrgang 1876). » Wir sind in der Lage, konstatieren zu können, dass die Entwickelung der physischen Prinzipien dieser Schule durch logische Ver - kettung der Ideen zur Theorie der Bewegung der Erde führen musste «. (S. 5 fg.) Viel Ausführlicheres über » die geradezu revolutionäre Anschauung, dass nicht die Erde den Mittelpunkt des Universums einnehme « in dem vor kurzem erschienenen Buch von Wilhelm Bauer: Der ältere Pythagoreismus (1897), S. 54 fg., 64 fg. u. s. w.Und so gesellte sich denn bei den Pythagoreern mit der Zeit zu der Lehre von der Kugelgestalt der Erde und von der Neigung der Erdbahn auch die der Achsendrehung sowie der Bewegung um einen Mittelpunkt im Raume, verbürgt von Philolaus an, einem Zeitgenossen des Demokrit; eine Generation nachher war auch das hypothetische » Centralfeuer « durch die Sonne ersetzt. Nicht als Philosoph freilich, sondern als Astronom hat dann später (etwa 250 v. Chr.) Aristarchos das heliozentrische System klar begründet, die Entfernung von Sonne und Mond zu berechnen unternommen und in der Sonne (1900 Jahre vor Giordano Bruno) einen der zahllosen Fixsterne erkannt.2)» Aristarchos stellt die Sonne unter die Zahl der Fixsterne und lässt die Erde sich durch den Sonnenkreis (d. h. die Ekliptik) bewegen und sagt, sie werde je nach ihrer Neigung beschattet «, berichtet Plutarch. Für dieses und die anderen Welche4)Astronom Schiaparelli mit Recht bemerkt: » Solche Männer sind nicht wert zu verstehen, welche gewaltige spekulative Kraft nötig war, um zu der Idee von der Kugelgestalt der Erde, ihres freien Schwebens im Raume und ihrer Beweglichkeit zu gelangen: Ideen, ohne welche wir weder einen Kopernikus, noch einen Kepler, einen Galilei, einen Newton gehabt hätten « (im unten citierten Werke, S. 16).87Hellenische Kunst und Philosophie.Kraft der Phantasie, des Shakespeare’schen » Hinausprojizierens «, dies voraussetzt, hat die Folge gezeigt: Bruno büsste seine Vorstellungs - kraft mit dem Leben, Galilei mit der Freiheit, erst in unserem hochgelobten 19. Jahrhundert (im Jahre 1822) hat die katholische Kirche die Erlaubnis erteilt, an das 2100 Jahre früher von den Griechen gelehrte heliozentrische System zu glauben! Auch darf nie übersehen werden, dass diese geniale Reinigung der Wirk - lichkeit vom Scheine von den als Mystagogen verschrieenen Pytha - goreern ausging, und an dem Idealisten Plato, namentlich gegen Schluss seines Lebens, eine Stütze fand, während der Verkünder der alleinseligmachenden Induction, Aristoteles, mit der ganzen Wucht seiner Empirie gegen die Lehre von einer Bewegung der Erde herzog: » die Pythagoreer «, schreibt er mit Bezug auf die von ihm geleugnete Achsendrehung der Erde, » leiten Gründe und Ursachen nicht aus den beobachteten Erscheinungen ab, sondern sind bestrebt, die Er - scheinungen mit etlichen eigenen Ansichten und Voraussetzungen zu vereinigen, auf diese Art versuchen sie in die Weltbildung einzu - greifen « (De coelo, II, 13). Diese Gegenüberstellung sollte wohl manchem Sohne unseres Jahrhunderts zu denken geben, denn an aristotelisierenden Naturforschern fehlt es uns nicht, und in unseren neuesten wissenschaftlichen Lehren steckt nicht weniger halsstarriger Dogmatismus als in denen der aristotelico-semito-christlichen Kirche.1)Was der englische Physiker John Tyndall in seiner bekannten Rede in Belfast, 1874, sagte: » Aristoteles setzte Worte an die Stelle der Dinge; er predigte Induktion, ohne sie auszuüben «, wird eine spätere Zeit von manchem Ernst Haeckel unseres Jahrhunderts urteilen. Nebenbei verdient erwähnt zu 2)Zeugnisse in Bezug auf Aristarchos vergl. die genannte Schrift des Schiaparelli (S. 121 fg. und 219). Übrigens ist dieser Astronom überzeugt, dass Aristarch nur lehrte, was schon zu Lebzeiten des Aristoteles entdeckt war (S. 117), und auch hier zeigt er, wie auf dem von den Pythagoreern eingeschlagenen Wege das Richtige herauskommen musste. Ohne Aristoteles und ohne den Neoplatonismus wäre das heliozentrische System schon bei der Geburt Christi allgemein als wahr anerkannt gewesen; wahrlich, der Stagyrit hat seine Stellung als offizieller Philo - soph der orthodoxen Kirche redlich verdient! Dagegen hat sich die Märe, dass schon die Ägypter irgend etwas zu der Lösung des astrophysischen Problems beigetragen hätten, wie so manche andere ägyptische Märe, als gänzlich unhaltbar erwiesen (Schiaparelli, S. 105 6). Übrigens meldet Kopernikus selber in seiner Vorrede an Papst Paul III. : » Ich fand zuerst bei Cicero, dass Nicetus geglaubt habe, die Erde bewege sich. Nachher fand ich auch bei Plutarch, dass einige andere ebenfalls dieser Meinung gewesen seien. Hiervon also Veranlassung nehmend, fing auch ich an, über die Beweglichkeit der Erde nachzudenken .... «88Das Erbe der alten Welt.Ein ganz anders geartetes Beispiel des lebenspendenden Einflusses griechischer Gestaltungskraft geben uns die Fortschritte der Mathematik, speziell der Geometrie. Pythagoras ist der Begründer der wissen - schaftlichen Mathematik in Europa; dass er seine Kenntnisse, namentlich den sogenannten » pythagoreischen Lehrsatz «, den Begriff der irrationalen Grössen, und höchst wahrscheinlich auch seine Arithmetik den Indern verdankt, ist allerdings erwiesen,1)Siehe Schröder: Pythagoras und die Inder, S. 39 fg. und von der abstrakten Zahlen - rechnung, deren angeblich » arabische Ziffern « wir den arischen Indern verdanken, sagt Cantor: » Die Algebra entwickelte sich bei den Indern in einer Höhe, die sie in Griechenland niemals zu erreichen vermocht hat. « 2)Cantor: Vorlesungen über Geschichte der Mathematik, I, 511. (Citiert nach Schröder S. 56.)Man sehe aber, zu welcher durchsichtigen Voll - kommenheit die Griechen die Mathematik der Anschauung, die Geometrie, gebracht haben! In der Schule Plato’s war jener Euklid gebildet, dessen » Elemente der Geometrie « ein so vollkommenes Kunstwerk sind, dass es wirklich sehr zu bedauern wäre, wenn die Einführung neuerer erleichterter Lehrmethoden einen solchen Edelstein aus dem Gesichtskreis der meisten Gebildeten entfernen sollte. Vielleicht gäbe ich meiner Vorliebe für Mathematik einen zu naiven Ausdruck, wenn ich gestünde, Euklid’s Elemente dünken mich fast eben so schön wie Homer’s Ilias? Jedenfalls darf ich es als keinen Zufall betrachten, wenn der unvergleichliche Geometer zugleich ein be - geisterter Tonkünstler war, dessen » Elemente der Musik «, wenn wir sie in der ursprünglichen Gestalt besässen, vielleicht ein würdiges Gegenstück zu seinen » Elementen der Geometrie « bilden würden. Und ich darf hierin den stammverwandten poetischen Geist erkennen, jene Kraft des Hinausprojizierens und des künstlerischen Gestaltens der Vorstellungen. Auch dieser Sonnenstrahl wird nicht bald er - löschen! In Beziehung hierauf kann man noch eine für unsern Gegenstand höchst wichtige Bemerkung machen: reine, ja fast rein poetische Zahlentheorie und Geometrie waren es, welche die Griechen später dahin führten, die Begründer der wissenschaft - lichen Mechanik zu werden! Wie bei allem Hellenischen hat auch hier das Sinnen von Vielen in dem Lebenswerk eines einzelnen1)werden, dass auch das System des Tycho de Brahe hellenischen Ursprungs ist, worüber das Nähere bei Schiaparelli (a. a. O., S. 107 fg. und namentlich S. 1152); dem Reichtum dieser Phantasie entging eben keine mögliche Kombination.89Hellenische Kunst und Philosophie.übermächtigen Genius Gestalt und Lebenskraft gewonnen: das » mechanische Jahrhundert « hätte allen Grund, in Archimedes seinen Vater zu verehren.

Da die Leistungen und die Eigenart der Griechen mich hierÖffentliches Leben. nur insofern angehen, als sie wichtige Faktoren unserer neuen Kultur und lebendige Bestandteile unseres Jahrhundertes waren, muss manches übergangen werden, was es sonst verlockend gewesen wäre, im An - schluss an das Gesagte näher auszuführen. Wie die schöpferische Kunst das einigende Moment für ganz Hellas wurde, sagte uns oben Rohde. Dann sahen wir die Kunst allmählich zu Philosophie und Wissen - schaft sich erweiternd die Fundamente einer Harmonie des Denkens und des Empfindens und des Erkennens begründen. Das dehnte sich denn auch auf das Gebiet des öffentlichen Lebens aus. Die unend - liche Sorgfalt, welche auf die Ausbildung schöner kräftiger Körper verwendet wurde, gehorchte künstlerischen Normen; der Dichter hatte die Ideale geschaffen, nach deren Verwirklichung man nunmehr strebte. Welche Bedeutung der Tonkunst für die Erziehung bei - gelegt wurde, ist bekannt; selbst in dem rauhen Sparta wurde Musik hochgeehrt und gepflegt. Die grossen Staatsmänner stehen alle in unmittelbarer Beziehung zur Kunst oder zur Philosophie: Thales, der Politiker, der Mann der Praxis, wird zugleich als der früheste Philosoph, der erste Mathematiker und Astronom gerühmt; Empedokles, der kühne Revolutionär, welcher die Herrschaft der Aristokratie in seiner Vaterstadt bricht, der Erfinder der öffentlichen Redekunst (wie Aristoteles berichtet) ist Dichter, Mystiker, Philosoph, Naturforscher, Entwickelungs - theoretiker; Solon ist von Hause aus Dichter und Sänger, Lykurgus sammelte die homerischen Dichtungen als erster und zwar » im Interesse des Staates und der Sitten «,1)Nach Plutarch, Leben Lykurg’s, Kap. 4. Pisistratus that ein Gleiches, der Schöpfer der Ideenlehre ist Staatsmann und Reformator, Cimon verschafft dem Polygnot den entsprechenden Wirkungskreis, Perikles dem Phidias, . In dem Worte Hesiod’s: » Das Recht (Dike) ist die jungfräuliche Tochter des Zeus «,2)Werke und Tage, 256. kommt eine bestimmte, alle staatlichen Verhältnisse umfassende Weltanschauung zum Ausdruck und zwar eine, wenn auch religiöse, so doch vor allem künstlerische Anschauung, wovon auch alle Schriften, selbst die abstrusesten des Aristoteles zeugen, ebenfalls solche Äusserungen wie die des Xenophanes90Das Erbe der alten Welt.(allerdings tadelnd gemeint): die Griechen pflegten ihre ganze Bildung aus dem Homer zu schöpfen. 1)Fragment 4 (nach Flach: Geschichte der griechischen Lyrik, II, 419).In Ägypten, in Judäa, später in Rom sehen wir den Gesetzgeber die Normen der Religion und des Kultus feststellen, bei den Germanen dekretiert der König, was sein Volk glauben soll;2)Der zur Zeit der Reformation eingeführte Grundsatz » cujus est regio, illius est religio « bringt eigentlich nur einen von Alters her bestehenden Rechts - zustand zum Ausdruck. in Hellas ist es umgekehrt: der Dichter, welcher » das Göttergeschlecht erschafft «, der dichterische Philosoph (Anaxagoras, Plato u. s. w.), ist es, der zu gedankentiefen Auffassungen des Gött - lichen und des Sittlichen hinzuleiten versteht. Und diejenigen Männer, welche dem Lande zu seiner Blütezeit Gesetze geben, sind in der Schule jener Dichter und Philosophen erzogen worden. Wenn Herodot jedes einzelne Buch seiner Historie mit dem Namen einer Muse belegt, wenn Plato, den Sokrates seine schönsten Reden nur an dem schönsten, von Nymphen bewohnten Orte halten und dialektische Auseinandersetzungen mit einer Anrufung des Pan beschliessen lässt » O! verleihet mir, schön zu sein im Innern, und dass, was ich Äusseres habe, dem Inneren befreundet sei! « , wenn das Orakel zu Thespiä Denjenigen » ein von Früchten strotzendes Ackerland « verheisst, die den landwirtschaftlichen » Lehren des Dichters Hesiod gehorchen «3)Französische Ausgrabung des Jahres 1890 (siehe Peppmüller: Hesiodos 1896, S. 152). Man beachte auch solche Stellen wie Aristophanes: Die Frösche, Vers 1037 fg. so deuten solche Züge, denen wir auf Schritt und Tritt begegnen, auf eine das ganze Leben durchdringende künst - lerische Atmosphäre: die Erinnerung daran erbte sich auf uns herab und färbte manches Ideal unserer Zeit.

Geschichts - lügen.
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Bisher habe ich fast nur von einer positiven, förderlichen Erb - schaft geredet. Es wäre jedoch durchaus einseitig und wahrheitswidrig, wollte ich es dabei bewenden lassen. Unser Leben ist durchdrungen von hellenischen Anregungen und Ergebnissen, und ich fürchte, wir haben uns das Unheilvolle mehr angeeignet als das Heilbringende. Sind wir durch griechische Geistesthaten in das Tageslicht des mensch - lichen Lebens eingetreten, so haben wiederum gerade griechische Thaten Dank vielleicht der künstlerischen Gestaltungskraft dieses merk - würdigen Volkes viel dazu beigetragen, das Tageslicht wieder ab -91Hellenische Kunst und Philosophie.zudämpfen und unsren Himmel dauernd mit sonnenfeindlichen Wolken zu überziehen. Auf Einiges, was wir von der hellenischen Erbschaft in diesem Jahrhundert noch mitschleppen und was wir gut und gern hätten entbehren können, wäre erst im zweiten Band dieses Buches einzugehen; einiges Andere muss gleich hier erörtert werden. Zu - nächst, was an der Oberfläche des griechischen Lebens liegt.

Dass wir z. B. heute noch, wo so viel Grosses und Wichtiges unsere Aufmerksamkeit vollauf beanspruchen müsste, wo sich inzwischen endlose Schätze des Denkens, des Dichtens und vor allem des Wissens aufgestapelt haben, von welchen die weisesten Hellenen nicht das Geringste ahnten und an welchen teilzunehmen das angeborene Recht jedes Kindes sein müsste, dass wir da noch immer verpflichtet werden, kostbare Zeit auf die Erlernung aller Einzelheiten der erbärmlichen Geschichte der Griechen zu verwenden, unser armes Gehirn mit endlosen Namenregistern ruhmrediger Herren auf ades, atos, enes, eiton, u. s. w. vollzupfropfen und uns womöglich für die politischen Schicksale dieser grausamen, kurzsichtigen, von Selbstliebe geblendeten, auf Sklavenwirtschaft und Müssiggängerei beruhenden Demokratien zu begeistern das ist ein hartes Schicksal, an dem jedoch, wohl über - legt, nicht die Griechen die Schuld tragen, sondern unsere eigene Borniertheit. 1)Ich sagte » grausam «, und in der That ist dieser Zug einer der am meisten charakteristischen für die Hellenen, ihnen mit den Semiten gemeinsam. Humanität, Milde, Vergebung waren ihnen ebenso unbekannt wie Wahrheitsliebe. Als sie bei den Persern zum erstenmal diesen Tugenden begegnen, berichten die griechischen Historiker erstaunt und fast verlegen darüber: Gefangene schonen, einen besiegten Fürsten königlich aufnehmen, Gesandte des Feindes bewirten und beschenken, anstatt sie (wie die Lakedämonier und die Athener, siehe Herodot VII, 133) zu töten, Nachsicht gegen Verbrecher, Grossmut sogar gegen Spione, die Zumutung, die erste Pflicht eines jeden Menschen sei es, die Wahrheit zu reden, die Undankbarkeit ein vom Staat bestraftes Verbrechen, das alles dünkt einem Herodot, einem Xenophon u. s. w. fast eben so lächerlich wie die persische Sitte, nicht in Gegenwart anderer zu spucken, sowie sonstige auf den Anstand bezügliche Vorschriften (siehe z. B. Herodot I, 133 u. 138). Wie ist es nun im Angesicht einer solchen Masse von unbezweifelbaren Thatsachen möglich, dass unsere Historiker unentwegt fortfahren dürfen, Geschichte prinzipiell zu fälschen? Leopold von Ranke zum Beispiel erzählt in seiner Weltgeschichte (Text - Ausgabe I, 129) die bekannte Anekdote von der schmachvollen Behandlung der Leiche des Leonidas, und wie Pausanias den Vorschlag abwies, sich durch eine ähnliche Versündigung an der Leiche des persischen Feldherrn Mardonius zu rächen, und fährt dann fort: » Eine Welt von Gedanken knüpft sich an diese Weigerung. Der Gegensatz zwischen Orient und Occident spricht sich darin aufGewiss gaben die Hellenen häufig häufig allerdings92Das Erbe der alten Welt.auch nicht das Beispiel des Heldenmutes; Mut ist aber die ver - breitetste aller menschlichen Tugenden und die Konstitution eines Staates wie des lakedämonischen liesse eher darauf schliessen, dass die Hellenen zum Mute gezwungen werden mussten, als dass sie von Natur die stolze Todesverachtung besessen hätten, die jeden gallischen Zirkusfechter, jeden spanischen Toreador, jeden türkischen Baschi-Bosuk auszeichnet1)Feinsinnig bemerkt Helvetius (De l’Esprit, ed. 1772, II, 52): » La législation de Lycurgue métamorphosait les hommes en héros «.. » Die griechische Geschichte «, sagt Goethe, » bietet wenig Erfreuliches zudem ist die unserer eigenen Tage durchaus gross und bedeutend; die Schlachten von Leipzig und Waterloo ragen so gewaltig hervor, dass jene von Marathon und ähnliche andere nachgerade verdunkelt werden. Auch sind unsere eigenen Helden nicht zurückgeblieben: die französischen Marschälle und Blücher und Wellington sind denen des Alterthums völlig an die Seite zu setzen. « 2)Gespräche mit Eckermann, 24. II. 1824.Damit hat Goethe aber lange nicht genug gesagt. Die traditionelle griechische Geschichte ist, in manchen Stücken, eine ungeheure Mysti - fikation: das sieht man täglich deutlicher ein; und zwar haben unsere1)eine Weise aus, wie er fortan geltend bleiben sollte «. Und dabei erfüllt doch die Verstümmelung nicht allein von Leichen, sondern auch von Lebendigen, die Folterung, sowie jegliche Grausamkeit, jede Lüge, jeder Verrat die ganze griechische Geschichte! Also, um eine tönende, hohle Phrase anzubringen, um der alten ab - geschmackten Redensart eines Gegensatzes zwischen Orient und Occident (wie lächerlich auf einer sphärischen Welt!) treu zu bleiben, um nur ja die erbgesessenen Vorurteile festzuhalten und noch fester einzubohren, werden von einem ersten Historiker unseres Jahrhunderts sämtliche Thatsachen der Geschichte einfach bei - seite geschoben Thatsachen, über die selbst der Ungelehrteste sich bei Duncker: Geschichte des Altertums, Gobineau: Histoire des Perses, Maspero: Les premières Mêlées des peuples u. s. w. unterrichten kann und dem glaubensseligen Wiss - begierigen wird, auf Grundlage einer zweifelhaften Anekdote, ein offenbares falsum betreffs des moralischen Charakters der verschiedenen Menschenstämme aufgenötigt! Eine so gewissenlose Perfidie kann bei einem solchen Manne einzig durch die Annahme einer das Urteil lahmlegenden » Suggestion « erklärt werden. Aus Indien und aus Persien stammt die eine Gattung der Menschlichkeit und der Milde und der Wahrheitsliebe, aus Judäa und Arabien die andere (aus Reaktion entstandene), keine aber aus Griechenland, noch aus Rom, d. h. also, keine aus dem » Occident «. Wie erhaben steht Herodot neben solcher tendenziös entstellender Geschichtsmethode! denn, als er von der Verstümmelung des Leonidas erzählt hat, fährt er fort: » eine derartige Behandlung ist sonst bei den Persern nicht Sitte, bei ihnen, mehr als bei allen anderen Völkern, pflegt man tapfere Kriegsmänner zu ehren (VII, 238).93Hellenische Kunst und Philosophie.modernen Lehrer unter dem Einflusse einer ihre Ehrlichkeit vollkommen lahmlegenden Suggestion sie ärger gefälscht als die Griechen selber. Von der Schlacht bei Marathon z. B. giebt Herodot ganz redlich zu, dass die Griechen dort, wo Perser, nicht Hellenen ihnen gegenüberstanden, in die Flucht geschlagen wurden (VI, 113); wie wird diese Thatsache bei uns immer wegerklärt! Und mit welcher kindlich frommen Glaubensseligkeit obwohl wir sonst recht gut wissen, wie durchaus unzuverlässig griechische Zahlen sind schreiben fast alle unsere Geschichtsschreiber noch heutigen Tages aus den alten Mären die 6400 Perserleichen und die 192 tapfer gefallenen Hopliten ab, verschweigen aber, dass Herodot im selben Kapitel (VI, 117) mit seiner unnachahmlichen Naivetät erzählt, wie ein Athener in jener Schlacht vor Furcht blind wurde! In Wahrheit war dieser » glorreiche Sieg « ein belangloses Scharmützel, bei welchem die Griechen eher im Nachteil als im Vorteil blieben1)Seitdem diese Zeilen geschrieben wurden, bekam ich des berühmten amerikanischen Hellenisten Professor Mahaffy’s: A Survey of Greek Civilisation (1897) zu Gesicht, worin er die Schlacht bei Marathon » a very unimportant skirmish « nennt!; die Perser, die nicht aus eigenem Antriebe, sondern von Griechen gerufen, auf ionischen Schiffen her - gekommen waren, kehrten, da diese stets wankelmütigen Bundes - genossen den Augenblick für ungünstig hielten, mit mehreren tausend Gefangenen und reicher Beute (siehe Herodot VI, 118) in aller Seelen - ruhe nach Ionien zurück. 2)Siehe Gobineau: Histoire des Perses II, 138 142.In gleicher Weise ist auch die ganze Darstellung des späteren Kampfes zwischen Hellas und dem persischen Reiche gefälscht,3)Namentlich die berühmte Schlacht bei Salamis, von der man eine er - frischende Darstellung in dem genannten Werk des Grafen Gobineau findet (II, 205 211). « C’est quand les derniers bataillons de l’arrière-garde de Xerxès eurent disparu dans la direction de la Béotie et que toute sa flotte fut partie, que les Grecs prirent d’eux-mêmes et de ce qu’ils venaient de faire et de ce qu’ils pouvaient en dire l’opinion que la poésie a si heureusement mise en œuvre. Encore fallut-il que les alliés apprissent que la flotte ennemie ne s’était pas arrêtée à Phalère pour qu’ils osassent se mettre en mouvement. Ne sachant elle allait ils restaient comme éperdus. Ils se hasardèrent enfin à sortir de la baie de Salamine, et se risquèrent jusqu’à la hauteur d’Andros. C’est ce qu’ils appelèrent plus tard avoir poursuivi les Perses! Ils se gardèrent cependant d’essayer de les joindre, et rebroussant chemin, ils retournèrent chacun dans leurs patries respectives » (p. 208). An einer anderen Stelle (II, 360) bezeichnet Gobineau die griechische Geschichte als: « la plus élaborée des fictions du plus artiste des peuples ». was man den Griechen eigentlich gar nicht so sehr übel nehmen kann, da dieselbe Neigung stets bei allen Nationen sich94Das Erbe der alten Welt.bethätigt hat und noch heute sich bethätigt. 1)Die Hauptsache ist offenbar nicht, was in gelehrten Büchern steht, sondern was in der Schule gelehrt wird, und da kann ich aus Erfahrung sprechen, denn ich war zuerst in einem französischen » Lycée «, dann in einem englischen » college «, später erhielt ich Unterricht von den Lehrkräften einer Schweizer Privatschule, zuletzt von einem gelehrten Preussen. Ich bezeuge, dass in diesen verschiedenen Ländern selbst die best verbürgte Geschichte, die der letzten drei Jahrhunderte (seit der Reformation) so gänzlich verschieden dargestellt wird, dass ich ohne Übertreibung behaupten darf, das Prinzip des geschichtlichen Unterrichtes ist noch heute überall bei uns in Europa die systematische Entstellung. Indem die eigenen Leistungen immer hervorgehoben, die Errungenschaften der Anderen ver - schwiegen oder vertuscht, gewisse Dinge immer ins hellste Licht gestellt, andere im tiefsten Schatten gelassen werden, entsteht ein Gesamtbild, welches in manchen Teilen nur für das subtilste Auge von der nackten Lüge sich unterscheidet. Die Grundlage aller echten Wahrheit: die gänzlich uninteressierte Gerechtigkeitsliebe fehlt fast überall; daraus kann man erkennen, dass wir noch Barbaren sind.Jedoch soll hellenische Geschichte wirklich den Geist und das Urteil bilden, so möchte man glauben, dies müsste eine wahre, gerechte, die Begebenheiten aus ihren tiefsten Wurzeln erfassende, den organischen Zusammenhang aufdeckende Darstellung sein, nicht die Verewigung von halberdichteten Anekdoten und von Urteilen, welche einzig die Bitterkeit des Kampfes ums Dasein und die krasse Unwissenheit und Verblendung der Hellenen entschuldigen konnte. Herrlich ist die dichterische Kraft, mit welcher dort auserlesene Männer einem wankelmütigen, treulosen, käuflichen, zu panischem Schrecken geneigten Volke Vaterlandsliebe und Helden - haftigkeit einzuflössen suchten und wo die Zucht streng genug war, wie in Sparta auch thatsächlich einflössten. Auch hier wieder sehen wir die Kunst als belebendes, treibendes Element. Dass wir aber die patriotischen Lügen der Griechen unseren Kindern als Wahr - heit einpfropfen, und nicht allein unseren Kindern, sondern in Werken wie Grote’s dem Urteil gesunder Männer als Dogmen aufzwingen, und sie sogar zu einem massgebenden Faktor in der Politik unseres neunzehnten Jahrhunderts werden lassen, das ist doch ein arger Missbrauch der hellenischen Erbschaft, eintausendachthundert Jahre, nachdem schon Juvenal gespottet hatte: » creditur quidquid Graecia mendax audet in historia «. Noch schlimmer dünkt mich jedoch die uns aufgenötigte Bewunderung für politische Ver - hältnisse, die eher als abschreckendes Beispiel zu dienen hätten. Ich habe hier nicht Partei zu nehmen, weder für Grossgriechenland noch für Kleingriechenland, weder für Sparta noch für Athen, weder (mit Mitford und Curtius) für den Adel, noch (mit Grote) für den Demos;95Hellenische Kunst und Philosophie.wo die politischen Charaktere, sowohl einzeln wie in Klassen be - trachtet, so jämmerlich sind, da kann gewiss keine grosse Politik ge - blüht haben. Dass wir gar den Begriff der Freiheit von den Hellenen geerbt haben sollen, das ist ein untergeschobenes Wahnbild; denn zur Freiheit gehört vor allem Vaterlandsliebe, Würde, Pflichtgefühl, Aufopferungsfähigkeit, dagegen hören die hellenischen Staaten, vom Beginn ihrer Geschichte an bis zu ihrer Unterdrückung durch Rom, niemals auf, die Feinde ihres gemeinsamen Vaterlandes gegen die eigenen Brüder herbeizurufen, ja, innerhalb der einzelnen Stadt - regierungen, sobald ein Staatsmann gestürzt ist, eilt er fort, sei es zu anderen Hellenen, sei es zu Persern oder Ägyptern, später zu den Römern, um mit ihrer Hilfe seine eigene Stadt zu Grunde zu richten. Man klagt vielfach, das Alte Testament sei unmoralisch; mich dünkt die Geschichte Griechenlands reichlich ebenso unmoralisch; denn bei den Israeliten finden wir, selbst im Verbrechen, Charakter und Be - harrlichkeit, sowie Treue gegen das eigene Volk, hier nicht. Sogar ein Solon geht zuletzt zu Pisistratus über, das Werk seines Lebens verläugnend, und ein Themistokles, der » Held von Salamis «, ver - handelt kurz vor der Schlacht über den Preis, für den er Athen ver - raten würde, und lebt später thatsächlich am Hofe des Artaxerxes als » erklärter Feind der Griechen «, von den Persern jedoch mit Recht als » listige griechische Schlange « gering geschätzt; bei Alcibiades war Verrat so sehr Lebensprinzip geworden, dass Plutarch lächelnd von ihm behaupten kann, er hätte die Farbe » schneller als ein Chamäleon « gewechselt! Das war alles bei den Hellenen so selbstverständlich, dass ihre Historiker sich gar nicht darüber empören, ebenso wie Herodot mit grösster Seelenruhe erzählt, Miltiades habe die Schlacht bei Marathon dadurch erzwungen, dass er den Oberbefehlshaber darauf aufmerksam machte, die athenischen Truppen seien gewillt, zu den Persern überzugehen, man müsse daher schleunigst angreifen, damit dieser » schlimme Gedanke « nicht Zeit habe, in die That umgesetzt zu werden: eine halbe Stunde später, und die » Helden von Marathon « wären mit den Persern zusammen gen Athen marschiert! Mir ist Ähnliches aus der jüdischen Geschichte nicht erinnerlich. Auf einem derartigen Boden konnte offenbar kein bewundernswürdiges Staaten - system aufblühen. » Die Griechen «, sagt wiederum Goethe » waren Freunde der Freiheit, ja! aber ein jeder nur seiner eigenen; daher stak in jedem Griechen ein Tyrannos ». Wer durch den Urwald der im Laufe von Jahrhunderten üppig aufgewucherten Vorurteile und96Das Erbe der alten Welt.Phrasen und Lügen sich ins Licht durcharbeiten will, dem empfehle ich dringend das Studium des monumentalen Werkes von Julius Schvarcz: Die Demokratie von Athen, wo ein sowohl theoretisch wie praktisch gebildeter Staatsmann, der zugleich Philologe ist, ein für allemal dargethan hat, was von dieser Legende zu halten ist. Die Schlussworte dieser ausführlichen, streng wissenschaftlichen Dar - legung lauten: » Die induktive Staatswissenschaft muss schon heute erkennen, dass der Demokratie von Athen nicht die Stelle gebührt, welche der Wahn der Jahrhunderte derselben in der Geschichte der Menschheit einzuräumen liebte « (S. 589). 1)Es ist der (1877 erschienene) erste Teil eines grösseren Werkes: Die Demokratie, dessen Fortsetzung aber bisher ausgeblieben ist.

Ein einziger Zug genügt übrigens, um die gesamte staatliche Wirtschaft der Griechen zu charakterisieren: dass nämlich Sokrates sich veranlasst sah, des Weiten und des Breiten nachzuweisen, um ein Staatsmann zu sein, müsse man auch etwas von Staatsgeschäften verstehen. Weil er diese einfache Elementarwahrheit predigte, wurde er zum Tode verurteilt. » Der Giftbecher ward einzig und allein dem politischen Reformer gereicht «,2)Schvarcz: a. a. O., S. 394 fg. nicht dem Götterleugner. Diese ewig schwatzenden Athener vereinigten eben in sich den schlimmsten Dünkel eines ahnenstolzen Junkertums mit der leiden - schaftlichen Gehässigkeit eines unwissenden frechen Pöbels. Zugleich besassen sie die Flatterhaftigkeit eines orientalischen Despoten. Als kurz nach dem Tode des Sokrates, so erzählt man, das Trauerspiel » Palamedes « aufgeführt wurde, brachen die versammelten Zuschauer in Thränen aus wegen der Hinrichtung des edlen weisen Helden; das tyrannische Volk beweinte seinen niedrigen Racheakt. 3)Nach Gomperz: Griechische Denker, II, 95, ist diese Anekdote » leere Fabelei «; doch liegt in allen solchen Erfindungen, wie in dem eppur si muove u. s. w., ein Kern höherer Wahrheit.Es horchte aber deswegen nicht um ein Jota mehr auf Aristoteles und andere weise Männer, sondern verbannte sie. Und diese weisen Männer! Aristoteles ist erstaunlich scharfsinnig und als Staatsphilosoph gewiss ebenso bewundernswert, wie die grossen Hellenen es überall sind, sobald sie zu künstlerisch-philosophischer Anschauung sich erheben; als Staatsmann trat er jedoch gar nicht erst auf, sondern erlebte gelassen und zufrieden die Philippinischen Thaten, die sein Vaterland zu Grunde richteten, ihm aber die Skelette und Häute seltener Tiere97Hellenische Kunst und Philosophie.verschafften; Plato erntete als Staatsmann den Erfolg, den man aus seinen abenteuerlichen Konstruktionen erwarten musste. Und auch die wirklichen Staatsmänner ein Drako, ein Solon, ein Lykurgus, ja, selbst ein Perikles dünken mich, wie ich schon in den ein - leitenden Worten zu diesem Kapitel sagte, eher geistvolle Dilettanten als irgendwie grundlegende Politiker. Schiller bezeichnet irgendwo den Drako als einen » Anfänger « und die Verfassung Lykurg’s als » schüler - haft «. Entscheidender ist das Urteil des grossen Lehrers der ver - gleichenden Rechtsgeschichte, B. W. Leist: » Der Grieche glaubte, ohne Verständnis für die das Völkerleben beherrschenden historischen Mächte, völliger Herr der Gegenwart zu sein. Die Gegenwart des Staates hielt man im edelsten Streben für ein Objekt, an dem der Weise frei seine Theorie verwirklichen könne, in das er von dem historisch Gegebenen nur das in diese Theorie Passende aufzunehmen brauche. « 1)Graeco-italische Rechtsgeschichte, S. 589, 595 u. s. w.Es fehlt bei den Griechen auf diesem Gebiete alle Konsequenz, alle Selbstbeherrschung; kein Mensch ist massloser als dieser die Mässigkeit (Sophrosyne) und den » goldenen Mittelweg « predigende Hellene; wir sehen seine verschiedenen Staaten hin - und her - pendeln zwischen hyperphantastischen Vollkommenheits-Systemen und der blödsichtigen Befangenheit in den Interessen des unmittelbar gegenwärtigen Augenblicks. Schon Anacharsis klagte: » Bei den Beratungen der Griechen sind es die Narren, welche entscheiden. « Und so ersehen wir, dass unsere Bewunderung und Nacheiferung in Wahrheit nicht der griechischen Geschichte, sondern den griechischen Geschichtsschreibern, nicht den griechischen Heldenthaten die überall ihresgleichen finden sondern der künstlerischen Ver - herrlichung dieser Thaten gelten sollte. Es ist durchaus nicht nötig, von Orient und Occident zu faseln, als könnte der » Mensch « nur auf einem bestimmten Längengrade entstehen; die Griechen standen mit einem Fusse in Asien, mit dem anderen in Europa: die meisten ihrer grossen Männer sind Jonier oder Sicilianer; es ist lächerlich, ihre Fiktionen mit den Waffen ernster Wissenschaftlichkeit verfechten und unsere Kinder mit Phrasen erziehen zu wollen: da - gegen werden wir in Herodot ewig Grazie und Natürlichkeit, eine höhere Wahrhaftigkeit und den siegenden Blick des echten Künstlers bewundern und anstreben lernen. Die Griechen gingen unter, ihre erbärmlichen Eigenschaften richteten sie zu Grunde, das moralischeChamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 798Das Erbe der alten Welt.Wesen an ihnen war schon zu alt, zu raffiniert und verdorben, um mit der Erleuchtung ihres Geistes Schritt zu halten; der hellenische Geist jedoch errang einen Sieg, wie nie ein anderer; durch ihn und erst durch ihn » trat der Mensch in das Tageslicht des Lebens ein «; die Freiheit, die der Grieche hierdurch dem Menschengeschlecht erfocht, war nicht die politische er war und blieb ein Tyrann und ein Sklavenhändler sondern die Freiheit der nicht bloss instinktiven, sondern schöpferischen Gestaltung, die Freiheit zu dichten. Das ist jene Freiheit von der Schiller sprach, ein kostbarstes Geschenk, für welches den Hellenen ewige Dankbarkeit gebührt, würdig einer weit höheren Civilisation als der ihrigen und einer weit lauteren als der unserigen.

Dies Alles nur als eine nicht zu entbehrende Andeutung, welche uns zu einer letzten Betrachtung hinübergeleiten soll.

Verfall der Religion.
76

Erkennen wir deutlich, dass der Schulmann die Macht besitzt, Leichen wieder zu beleben und einem rührigen, arbeitsamen Jahr - hundert Mumien als Muster aufzudrängen, so müssen wir bei ge - nauerem Untersuchen gewahr werden, dass Andere das in noch höherem Masse vermögen, da zu den lebendigsten Teilen der helleni - schen Erbschaft ein recht bedeutender Teil unseres kirchlichen Glaubens gehört, nicht jedoch die Lichtseite desselben, sondern der tiefe Schatten krauser und krasser Aberglauben, sowie der dürre, aller Blätter und Blüten der Poesie entkleidete Dornenstrauch scholastischer Vernünftelei. Die Engel und die Teufel, die grause Vorstellung der Hölle, die Gespenster der Abgeschiedenen (die gerade in unserem angeblich auf - geklärten Jahrhundert unsere Tische mit Klopfen und Drehen so viel in Bewegung setzten!), den ekstatisch-religiösen Wahnsinn, die Hypo - stasen des Demiurgos, des Logos, die Definition des Göttlichen, die Vorstellung von der Trinität überhaupt den ganzen eigentlichen Untergrund unserer Dogmatik verdanken wir zum grossen Teil den Hellenen; zugleich verdanken wir ihnen die spitzfindige Behandlung dieser Dinge: Aristoteles mit seiner Seelen - und Gottlehre ist der erste und grösste aller Scholastiker; sein Prophet, Thomas von Aquin, ist gegen Schluss unseres neunzehnten Jahrhunderts (1879) vom unfehlbaren Papste zum offiziellen Philosophen der katholischen Kirche ernannt worden; zugleich griff auf Aristoteles ein grosser Teil der logisierenden Freigeister zurück, der Feinde aller Metaphysik und Ver - künder einer » Vernunftreligion «, wie John Stuart Mill und David Strauss. Hier handelt es sich, wie man sieht, um eine recht lebendige99Hellenische Kunst und Philosophie.Erbschaft, und sie mahnt uns, von den Fortschritten unserer Zeit nur mit Demut zu reden.

Der Gegenstand ist ein ungemein verwickelter; habe ich mich in diesem ganzen Kapitel mit blossen Andeutungen begnügen müssen, so werde ich mich hier auf das Andeuten von Andeutungen zu be - schränken haben. Gerade hier jedoch wäre auf Verhältnisse hinzu - weisen, die meines Wissens noch niemals in ihrem richtigen Zusammen - hange aufgedeckt worden sind. Das möge hier in aller Bescheidenheit, gleichwohl mit voller Bestimmtheit geschehen.

Ganz allgemein wird die religiöse Entwickelung der Hellenen so dargestellt, als ob ein volksmässiger Götterwahnglaube sich nach und nach in dem Bewusstsein einzelner hervorragender Männer zu einem immer reineren, immer mehr vergeistigten Glauben an einen einzigen Gott verklärt habe: so sei der Menschengeist aus der Finsternis in immer helleres Licht geschritten. Unsere Vernunft liebt die Verein - fachungen: dieses langsame Emporsteigen des griechischen Geistes, bis er dann reif war für eine höhere Offenbarung, kommt der angeborenen Gedankenträgheit sehr zu statten. In Wahrheit ist diese Vorstellung eine durch und durch falsche und gefälschte: der Götter - glaube, wie wir ihm bei Homer begegnen, ist die erhabenste und geläutertste Erscheinung griechischer Religion; vielseitig bedingt und beschränkt, wie alles Menschliche, dem Wissen, Denken und Empfinden einer bestimmten Civilisationsstufe angepasst, dürfte diese religiöse Weltanschauung doch so schön, so edel, so frei gewesen sein, wie nur irgend eine, von welcher wir Kunde besitzen. Das Kennzeich - nende des homerischen Glaubens ist seine geistige und moralische Freiheit ja, wie Rhode sagt, » fast Freigeistigkeit « ; diese Religion ist der durch künstlerische Intuition und Analogie (also auf rein genialem Wege) gewonnene Glaube an eine kosmische Welt - ordnung, die überall wahrgenommen wird, ohne jemals ausgedacht, ohne jemals umfasst werden zu können, weil wir doch selber Bestand - teile dieses Kosmos sind, eine Ordnung, die sich aber notwendiger - weise in Allem wiederspiegelt und die darum im Kunstwerk an - schaulich und unmittelbar überzeugend wird. Die im Volke vor - handenen Vorstellungen, hervorgegangen aus der poetischen, symboli - sierenden Anlage jedes einfachen, noch nicht bis zur Dialektik fortgeschrittenen Gemütes, sind hier zur unmittelbarsten Anschaulich - keit verdichtet, und zwar von hohen Geistern, die noch gläubig genug sind, um die wärmste Innigkeit zu besitzen, und zugleich frei gen ug,7*100Das Erbe der alten Welt.um nach eigenem souverän-künstlerischen Urteil zu gestalten. Diese Religion ist jeglichem Spuk - und Gespensterglauben, jeglichem pfäffi - schen Formelwesen abhold; alles, was in Ilias und Odyssee vom populären Seelenkult und dergleichen vorkommt, ist wunderbar ge - klärt, des Schreckhaften entkleidet, zur ewigen Wahrheit eines Symbo - lischen geadelt; ebenso feind ist diese Religion aller Vernünftelei, allen müssigen Fragen nach Ursache und Zweck, jener rationalistischen Richtung also, welche sich in der Folge als die blosse Kehrseite des Aberglaubens entpuppt hat. So lange jene Vorstellungen, welche in Homer und einigen anderen grossen Dichtern ihren vollendetsten Ausdruck gefunden hatten, im Volke noch wirklich lebten, und inso - fern sie noch lebten, hat die griechische Religion ein ideales Element besessen; später (namentlich in Alexandrien und Rom) war sie ein Amalgam von pyrrhonischer, spöttischer Universalskepsis, krassem Zauber-Aberglauben und spitzfindigem Scholasticismus. Untergraben wurde das schöne Gebäude von zwei verschiedenen Richtungen aus, von Männern, die wenig Gemeinsames zu besitzen schienen, die sich später aber doch brüderlich die Hand reichten, als der homerische Parthenon (d. h. » Tempel der Jungfrau «) ein Trümmerhaufe geworden und darinnen eine philologische Steinschleiferei errichtet worden war: diese zwei Parteien waren die, welche bei Homer keine Gnade ge - funden hatten: der pfäffische Aberglaube und die vernünftelnde Kausalitätsjägerei. 1)Dass es zu Homer’s Zeiten keine Philosophen gegeben haben mag, thut nichts zur Sache; die Thatsache, dass bei ihm nichts » erklärt « wird, dass nicht der geringste Versuch einer Kosmogonie vorliegt, deutet die Richtung seines Geistes genügend an. Hesiod ist schon ein offenbarer Rückschritt, noch immer aber zu grossartig symbolisch, um bei irgend einem Rationalisten Gnade zu finden.

Die Ergebnisse der Anthropologie und Ethnographie erlauben es, glaube ich, zwischen Aberglauben und Religion zu unterscheiden. Den Aberglauben finden wir überall, auf der ganzen Erde, und zwar in bestimmten, an allen Orten und bei den verschiedensten Menschen - stämmen sehr ähnlichen, einem nachweisbaren Entwickelungsgesetze unterworfenen Formen; im Grunde genommen ist er unausrottbar. Die Religion dagegen, als ein der Phantasie vorschwebendes Gesamt - bild der Weltordnung, wechselt unendlich mit den Zeiten und den Völkern; manche Stämme (z. B. die Chinesen) haben wenig oder gar kein religiöses Bedürfnis, andere ein sehr ausgesprochenes; die Religion kann metaphysisch, materialistisch, symbolistisch sein, immer auch101Hellenische Kunst und Philosophie.wo ihre Elemente alle erborgt sind tritt sie, je nach Zeit und Land, in einer durchaus neuen, individuellen Erscheinung auf, und eine jede ihrer Erscheinungen ist, wie die Geschichte lehrt, durchaus vergänglich. Die Religion hat etwas Passives an sich, sie spiegelt (so lange sie lebendig ist) einen Kulturzustand wieder; zugleich enthält sie willkürliche Momente von unabsehbarer Tragweite: wie viel Frei - heit bekundeten die hellenischen Poeten in ihrer Behandlung des Glaubensstoffes! wie sehr hingen die Beschlüsse des Tridentinischen Konzils über das, was die Christenheit glauben oder nicht glauben sollte, von diplomatischen Schachzügen und von Waffenglück ab! Von dem Aberglauben kann das nicht behauptet werden; an seiner Gewalt bricht sich die Macht des Papstes und der Poeten; er schleicht auf tausend verborgenen Wegen, schlummert unbewusst in jeder Brust und ist alle Augenblicke bereit, aufzuflammen; er besitzt, wie Lippert sagt: » eine Lebenszähigkeit, die er vor jeder Religion voraus hat «;1)Christentum, Volksglaube und Volksbrauch, S. 379. In dem zweiten Teil dieses Buches findet man eine lehrreiche Zusammenstellung der in Europa noch bestehenden Gebräuche und Aberglauben aus vorchristlicher Zeit. er ist zugleich ein Kitt für jede neue Religion und ein stets lauernder Feind jeder alten. An seiner Religion zweifelt fast jeder Mensch, an seinem Aberglauben Keiner; herausgedrängt aus dem unmittelbaren Bewusstsein der sogenannten » gebildeten « Menschen, nistet er sich in den innersten Falten ihres Gehirnes ein und treibt dort umso ausgelassener seinen Schabernack, als er in der Vermummung der authentischen Gelehrsamkeit oder des spektakulösesten Freisinns her - vortritt. Dies alles zu beobachten, haben wir in unserem Jahrhundert der Notre-Dame-de-Lourdes, der » Shakers «, der Phrenologie, des Ods, der spiritistischen Photographien, des wissenschaftlichen Materialismus, des » medizinischen Pfaffentums «2)F. A. Lange gebraucht den Ausdruck irgendwo in seiner Geschichte des Materialismus. u. s. w. reichlich Gelegenheit ge - habt. 3)» Selbst die civilisiertesten Nationen schütteln den Glauben an Zauberei nicht leicht ab «, bezeugt Sir John Lubbock: Die vorgeschichtliche Zeit, deutsche Ausg., II., 278.Um die hellenische Erbschaft recht zu begreifen, müssen wir auch dort zu unterscheiden lernen. Thun wir das, so werden wir gewahr werden, dass in Hellas auch zur Blütezeit der herrlichen kunst - beseelten Religion, ein Unterstrom ganz und gar anders gearteter Aberglauben und Kulte niemals zu fliessen aufgehört hatte, der dann102Das Erbe der alten Welt.später, als der griechische Geist zur Neige ging, und der Götterglaube nur noch Formelwesen war, mächtig angeschwollen hervorbrach und sich mit dem inzwischen aus verschiedenen Quellen reichlich gespeisten rationalistischen Scholasticismus vereinte, um schliesslich im pseudo - semitischen Neoplatonismus das grinsende Zerrbild hoher, freier Geistes - thaten zu geben. Jener Strom des Volksglaubens, gebändigt in dem durch die Tragödie zur höchsten künstlerischen Vollkommenheit ge - langten Dionysischen Kult, floss unterirdisch weiter über Delphi und Eleusis; seine erste, reichste Quelle bildete der uralte Seelenkult, das furchtsame und ehrfürchtige Gedenken an die Toten; daran knüpfte sich, durch eine unvermeidliche Progression, nach und nach (und in verschiedenen Formen) der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele. Zweifellos hatten die Hellenen den Grundstock zu ihren verschiedenen Aberglauben aus der früheren Heimat mitgebracht; neue Elemente kamen aber immer wieder hinzu, teils als semitische Einfuhr von den kleinasiatischen Küsten und Inseln,1)Es scheint nicht, dass die semitischen Völker in alter Zeit an die Unsterb - lichkeit der individuellen Seele geglaubt hätten; ihre Kulte boten aber für den Hellenen, sobald er jenen Gedanken erfasste, wichtige Anregungen. Das phönizische Göttersystem der Kabirim (d. h. der sieben Gewaltigen) fanden z. B. die Griechen auf Lemnos, Rhodos und anderen Inseln vor, und Duncker schreibt darüber (Geschichte des Altertums, I4, 279): » Der Mythos von Melkart und der Astarte, die in den Kreis dieser Götter aufgenommen war, Melkart, der die verschwundene Mondgöttin im Lande der Dunkelheit wiederfindet und aus diesem mit ihr zu neuem Licht und Leben zurückkehrt gewährte den Griechen Anlass, die Vorstellungen vom Leben nach dem Tode, welche sich seit dem Anfang des 6. Jahr - hunderts bei ihnen ausbildeten, auch an den Geheimdienst der Kabiren zu knüpfen. « noch nachhaltiger und auf - wühlender jedoch aus jenem Norden, den die Griechen zu verachten wähnten. Nicht Dichter waren die Verkünder dieser heiligen » er - lösenden « Mysterien, sondern Sibyllen, Bakiden, pythische Orakel - sprecherinnen; der ekstatische Wahnsinn ergriff oft einen Gau nach dem anderen, ganze Bevölkerungen wurden toll, die Söhne der Helden, die vor Troja gekämpft hatten, schwangen sich im Kreise herum, wie die heutigen Derwische, Mütter erwürgten mit eigenen Händen ihre Kinder Diese Leute aber waren es, welche den eigent - lichen Seelenglauben gross zogen, und auch der Glaube an die Un - sterblichkeit der Seele drang durch sie aus Thrakien in Griechenland ein. 2)Dass dieser Glaube (nach Herodot, IV, 93) im indoeuropäischen Stamme der Geten lebendig war und von dort aus nach Griechenland eindrang, ist nichtIm bacchantischen Wirbeltanz hatte sich also (für das Volk der103Hellenische Kunst und Philosophie.Hellenen) zum erstenmale die Seele vom Körper losgetrennt, jene selbe Seele, über die dann Aristoteles aus der Stille seiner Studierstube so viel Erbauliches zu melden wusste; in der dionysischen Verzücktheit fühlte sich der Mensch eins mit den unsterblichen Göttern und folgerte daraus, dass auch seine individuelle, menschliche Seele unsterblich sein müsse, was dann wiederum später Aristoteles und andere scharfsinnig zu begründen suchten. 1)Über diesen äusserst wichtigen Punkt, die Genese des Unsterblichkeits - glaubens bei den Griechen betreffend, vergl. namentlich Rhode|: Psyche, S. 296.Mich dünkt, es wirbelt uns noch immer ein wenig im Kopf herum! Trotzdem wollen wir versuchen, über diese uns so zäh anhaftende Erbschaft ein wenig zur Besinnung zu kommen.

Zu diesem Seelenglauben hat die hellenische Dichtkunst als solche nichts beigetragen; sie schickte sich ehrfurchsvoll in das Übliche die feierliche Bestattung des Patroklos z. B., der vor der - selben zur letzten Ruhe nicht eingehen konnte, die Vollführung der nötigen Weiheakte durch Antigone an der Leiche ihres Bruders weiter nichts. Dem Unsterblichkeitsglauben hat sie allerdings unbewusst Vor - schub geleistet, indem sie die Götter zwar nicht als unerschaffen, doch aber zu ihrer grösseren Verherrlichung als unsterblich auffassen zu müssen glaubte was z. B. bei den arischen Indern nicht der Fall war. 2)Ich citierte schon oben (S. 71) ein altes Vedalied, nach welchem » die Götter diesseits der Schöpfung entstanden sind «; in ihrer Eigenschaft als Indivi - duen können sie aber nach indischer Überzeugung die » Sempiternität « ebenfalls nicht besitzen, und Çankara sagt in den Vendânta-Sûtra’s, von den einzelnen Göttern redend: » Solche Worte wie Indra u. s. w. bedeuten, ähnlich wie z. B. das Wort General , nur das Innehaben eines bestimmten Postens. Wer also geradeDer Begriff der Sempiternität, d. h. der Unsterblich -2)zu verwundern; es war altes Stammgut; sehr auffallend ist dagegen, dass der Hellene in der Blütezeit seiner Kraft diesen Glauben verloren hatte, oder vielmehr sich vollkommen indifferent dagegen verhielt. » Ein endloses Weiterleben der Seele wird auf diesem (homerischen) Standpunkte weder behauptet noch geleugnet; dieser Gedanke fällt hier überhaupt gar nicht in den Kreis der Betrachtung « (Rhode, Psyche, S. 195). Eine merkwürdige Bestätigung von Schiller’s Behauptung, dass der ästhetische Mensch, d. h. Derjenige, in dem das Sinnliche und Moralische einander nicht feindlich entgegen streben, » keine Unsterblichkeit brauche, um sich zu stützen und zu halten « (Brief an Goethe vom 9. 7. 1796). Ob die Geten Goten und folglich Germanen waren, wie Jakob Grimm behauptete, oder nicht, kann uns hier gleichgültig sein; eine erschöpfende Diskussion dieser übrigens sehr interessanten Frage findet man in Wietersheim-Dalm: Geschichte der Völker - wanderung, I, 597 fg. ; das Ergebnis fällt gegen Grimm’s Ansicht aus. Die Märe, dass der Getenkönig Zalmoxis die Unsterblichkeitslehre von Pythagoras gelernt habe, bezeichnet Rhode als » eine absurde pragmatisierende Fabel « (Psyche, S. 320).104Das Erbe der alten Welt.keit eines in der Zeit entstandenen Individuums, war in Folge dessen den Griechen als eine Eigenschaft ihrer Götter geläufig; die Dicht - kunst hat ihn wahrscheinlich schon vorgefunden, jedenfalls aber durch die Macht der poetischen Vorstellungskraft zu einer bestimmten Wirklichkeit erst erhoben. Weiter reicht die Beteiligung der Kunst nicht. Wir sehen sie im Gegenteil bestrebt, jenen » überall als ur - sprünglich vorauszusetzenden Dämonenglauben «,1)Deussen: Allgemeine Geschichte der Philosophie, I, 39; siehe auch Tylor. die Vorstellung einer » Unterwelt «, die Erzählung von » Inseln der Seligen « kurz, alle jene Elemente, welche aus dem Untergrund des Aberglaubens aufwachsend, sich der menschlichen Phantasie aufzwingen, möglichst zu entfernen, zu mildern, auf ein Geringes zurückzuführen, um für die gegebenen Thatsachen der Welt und des Lebens, und für ihre poetisch-religiöse, schöpferische Bearbeitung freies, offenes Feld zu ge - winnen. Anders der Volksglaube, der, wie wir soeben sahen, an einer so hohen künstlerischen Religion nicht Genüge fand und sich lieber von rohen Thrakiern unterweisen liess. Anders auch die Philosophie, welche neben einer solchen Poesie ein Untergeordnetes blieb, bis der Tag kam, wo sie sich im Stande wähnte, der Fabel Geschichte, dem Symbol aus - führliche Erkenntnis entgegenzustellen: die Anregung jedoch hierzu schöpfte die Philosophie nicht aus sich selbst, auch nicht aus den Resultaten der empirischen Wissenschaft, die nirgends auf Seelen, Entelechieen, Unsterblichkeit u. s. w. gestossen war, sondern sie er - hielt sie aus dem Volke, teilweise aus Asien (durch Pythagoras), teilweise aus dem nördlichen Europa (als orphischen, resp. dionysischen Kult). Die Lehre von einer vom lebendigen Körper ablösbaren, mehr oder weniger unabhängigen Seele, die daraus leicht gefolgerte Lehre von körperlosen und doch lebendigen Seelen, z. B. der Gestorbenen, nunmehr als blosse Seelen weiterlebend, sowie auch von einem » seelen - haften « göttlichen Prinzip (ganz analog dem Nus des Anaxagoras, d. h. der vom Stoff unterschiedenen Kraft), ferner die Lehre von der Unsterblichkeit dieser Seele: das sind also zunächst nicht Ergebnisse eines gesteigerten philosophischen Denkens, ebensowenig bilden sie in irgend einem Sinne eine evolutive Fortentwickelung, eine Verklärung jener hellenischen Nationalreligion, die in den Dichtern ihren höchsten Ausdruck gefunden hatte; vielmehr stellen sich hier Volk und Denker in Gegensatz zu Dichter und Religion. Und gehorchen sie auch ver -2)den betreffenden Posten bekleidet, der führt den Titel Indra « (I, 3, 28; S. 170 der Übersetzung Deussen’s).105Hellenische Kunst und Philosophie.schiedenen Impulsen, so arbeiten Volk und Denker doch einander in die Hand; zusammen richteten sie denn auch Dichtkunst und Religion zu Grunde. Und als die hierdurch hervorgerufene Krise vorbei war, fand es sich, dass jetzt die Philosophen als Religionsverkünder an die Stelle der Künstler getreten waren! Im Grunde hatten ja beide, Dichter und Philosophen, ihr Material im Volke geschöpft; wer aber von beiden, frage ich, hat es besser verwaltet und weiser? Wer hat die Wege zu Freiheit und Schönheit, wer dagegen die zu Knecht - schaft und Unschönheit gewiesen? Wer hat gesunde, empirische Wissenschaft angebahnt, und wer Wissenschaft fast zwei Jahrtausende gehemmt? Wenn nicht inzwischen aus einer ganz anderen Himmels - richtung her, aus der Mitte eines Volkes, das weder Kunst noch Philosophie besass, eine religiöse Macht in die Welt getreten wäre, so stark, dass sie den zum Vernunftsystem erhobenen Wirbeltanz - wahnsinn tragen konnte, ohne zusammenzubrechen, so lichtvoll, dass selbst die finstere Nacht der anschauungsbaren Logik ihren Glanz niemals ganz zu löschen vermochte, eine religiöse Macht schon durch ihren Ursprung berufen, eher civilisatorisch als kulturell zu wirken, wenn das nicht gewesen wäre, da hätte sich dieses angebliche Empor - steigen zu höheren Idealen gar jämmerlich bewährt, oder vielmehr, seine thatsächliche Jämmerlichkeit wäre nicht verdeckt geblieben. Wer dies bezweifelt, der sehe sich in der Litteratur der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung um, wo die vom Staate besoldeten, antichrist - lichen Philosophen ihre Wissenschaftslehre » Theologie « betitelten (Plotin, Proklos u. s. w.), er sehe, wie diese Herren in den Mussestunden, die ihnen das Zerpflücken des Homer, das Kommentieren des Aristoteles, das Aufbauen von Trinitäten, die Diskussion darüber, ob Gott ausser dem Sein auch das Leben zukomme, und über dergleichen subtile Fragen mehr übrig liessen, er sehe, wie sie in ihren Mussestunden von einem Ort zum andern wandern, um sich in Mysterien ein - weihen, oder sich von orphischen Genossenschaften als Hierophanten aufnehmen zu lassen, die ersten Denker dem krassesten Zauberglauben ergeben. Oder, wenn eine derartige Lektüre erschreckt, so nehme man den witzigen Heinrich Heine des zweiten Jahrhunderts, Lucian, zur Hand, und ergänze seine Mitteilungen durch die ernsteren und ebenso unterhaltenden Schriften seines Zeitgenossen Apulejus,1)Siehe namentlich im 11. Buch des Goldenen Esels die Einweihung in die Mysterien der Isis, des Osiris, des Serapis und die Aufnahme in das Kollegium der Pastophori. Man lese auch die Schrift Plutarch’s: Über Isis und Osiris. und dann106Das Erbe der alten Welt.sage man, wo mehr Religion und wo mehr Aberglaube, wo freie, gesunde, schöpferische Menschenkraft und wo unfruchtbare, unsaubere, im Kreise sich herumdrehende Tretmühlerei anzutreffen ist. Und doch dünken uns die Männer, die in jenem homerischen Kreise stehen, kindlich fromm und abergläubisch, diese dagegen aufgeklärte Denker! 1)Bussell: The School of Plato, 1896, S. 345, schreibt von dieser philo - sophischen Periode: » Die Dämonen monopolisieren eine Andacht, die einer blossen Idee nicht gewidmet werden kann, und die Philosophie haucht ihre Seele aus an den Stufen rauchender Opferaltäre und unter den Beschwörungsformeln und Wahngebilden der Wahrsagung und der Zauberei «.

Metaphysik.
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Nun muss man allerdings zwischen Philosophie und Philosophie unterscheiden, und ich glaube oben meiner Bewunderung für die hellenische Philosophie der grossen Epoche warmen Ausdruck ver - liehen zu haben, namentlich insofern sie als eine der Dichtkunst stammverwandte, schöpferische Bethätigung des Menschengeistes auftrat in welchem Bezug Plato’s Ideenlehre und Demokrit’s atomistische Hypothese alles überstrahlt, während Aristoteles mir als Analytiker und Methodiker unvergleichlich gross, als Philosoph aber, im ange - gebenen Sinne, der eigentliche Urheber der décadence des hellenischen Geistes erscheint. Hier wie anderwärts muss man sich jedoch vor zu weit gehender Vereinfachung hüten; man darf nicht einem einzigen Manne zuschreiben, was seinem Volke eigentümlich war und in ihm nur den bestimmtesten Ausdruck fand. In Wahrheit steckt in der griechischen Philosophie von allem Anfang an der Keim zu ihrer späteren verhängnisvollen Entwickelung; die Erbschaft, die noch immer schwer auf uns lastet, reicht fast bis auf die Zeit Homer’s zurück. Denn die alten Hylozoisten zeigen sich, wohl überlegt, den Neoplatonikern stammverwandt: wer mit Thales die Welt so ohne Weiteres als aus dem Wasser entstanden » erklärt «, der wird später auch Gott zu » erklären « wissen; sein nächster Nach - folger, Anaximander, stellt als Prinzip » das Unendliche « (das Apeiron), das » in allen Veränderungen Unveränderliche « auf: da stecken wir eigentlich schon im unverfälschten Scholasticismus mitten drin und können gelassen warten, bis das Rad der Zeit Ramon Lull und Thomas von Aquin auf der Erdoberfläche abgesetzt hat. Dass diese ältesten unter den bekannten griechischen Denkern an die Gegenwart zahlloser Dämonen glaubten, dabei aber von Anfang an2)Verbürgt wenigstens von Xenophanes und Heraklit an. über die107Hellenische Kunst und Philosophie.Götter der Volksreligion und über die Dichter herzogen den Homer hätte Heraklit gern » mit Ruten gepeitscht «1)Ich citiere nach Gomperz: Griechische Denker I, 50; nach Zeller’s Darstellung schiene eine so heftige Äusserung unwahrscheinlich. Wenn ich mich recht entsinne, ist es Xenophanes, der diese Worte dem Heraklit in den Mund legt. , dient nur, das Bild zu vervollständigen. Noch eins muss aber gesagt werden: ein Mann wie Anaximander, so untergeordnet als Denker, war ein Naturforscher und Theoretiker allerersten Ranges, ein Begründer der wissenschaftlichen Geographie, ein Förderer der Astronomie; uns werden alle diese Leute als Philosophen vorgeführt, in Wahrheit war aber das Philosophieren für sie eine Nebensache; man würde wohl doch nicht den Agnosticismus des Charles Darwin oder das Glaubens - bekenntnis des Claude Bernard zu den philosophischen Leistungen unseres Jahrhunderts rechnen? Das ist so eine von den vielen traditionellen, geheiligten Konfusionen; den Namen eines Çankara, (vielleicht der grösste Metaphysiker, der je gelebt) finden wir in keiner Geschichte der Philosophie, dagegen muss der brave Olivenbauer Thales als » erster Philosoph « unausgesetzt herhalten. Und genau besehen, befinden sich alle, oder fast alle sogenannte Philosophen der hellenischen Blütezeit in einer ähnlichen Lage: Pythagoras gründet so weit man aus widersprechenden Nachrichten schliessen kann nicht eine philosophische Schule, sondern einen politischen, sozialen, diätetischen und religiösen Bund; Plato selber, der Metaphysiker, ist Staatsmann, Moralist, praktischer Reformator; Aristoteles ist Metho - dolog und Encyklopädist, und die Einheit seiner Weltanschauung liegt viel mehr in seinem Charakter, als in seiner forcierten, halb - überkommenen, widerspruchsvollen Metaphysik begründet. Ohne also die Grossthaten der griechischen Denker irgendwie zu verkennen, werden wir wohl doch, um der Konfusion ein Ende zu machen, behaupten dürfen: diese Männer haben unserer Wissenschaft (ein - schliesslich der Logik und der Ethik) vorgearbeitet, sie haben unserer Theologie vorgearbeitet, ihr poetisch-schöpferisches Genie hat Ströme von Licht über die Wege ausgegossen, die spätere Spekulation und Geistesforschung wandeln sollte, als Metaphysiker im eigentlichen engeren Sinne des Wortes waren sie von verhältnismässig weit ge - ringerer Bedeutung.

Damit bei einer so wichtigen, in die Tiefen unseres heutigen Lebens eingreifenden Erkenntnis nichts unklar bleibe, möchte ich108Das Erbe der alten Welt.kurz darauf hindeuten, dass wir in der Person des grossen Leonardo da Vinci ein unserem heutigen Denken und Fühlen nahe verwandtes Beispiel der tiefen Kluft besitzen, welche poetische Erkenntnis von abstrakter Erkenntnis trennt, Religion von theologisierender Philo - sophie. Leonardo brandmarkt die Geisteswissenschaften als » lüg - nerische « (le bugiarde scientie mentali); » alles Wissen «, sagt er, » ist eitel und voller Irrtümer, das nicht von der Sinneserfahrung, der Mutter aller Gewissheit, zur Welt gebracht wird «; besonders zuwider sind ihm die Dispute und Nachweise über die Wesenheit Gottes und der Seele; er meint, gegen diese Vorstellungen » lehnen sich unsere Sinne auf «, deswegen sollen wir uns nicht bethören lassen: » wo Vernunftsgründe und klares Recht fehlen, vertritt Geschrei deren Stelle; bei sicheren Dingen kommt dies dagegen nicht vor «; und somit gelangt er zum Schluss: » dove si grida non è vera scientia «, wo man Geschrei macht, da ist kein wahrhaftiges Wissen. (Libro di pittura, 1. Teil, Abschnitt 33, Ausgabe von Heinrich Ludwig.) Das ist Leonardo’s Theologie! Dieser selbe Mann ist es jedoch, der wohl einzig unter allen, die grössten nicht ausgenommen einen Christus malt, der einer Offenbarung gleichkommt, » ganz Gott und zugleich ganz Mensch « (wie es im Athanasischen Glaubensbekenntnis heisst). Hier liegt tiefe Wesensverwandtschaft mit Homer vor: alles Wissen aus Sinneserfahrung geschöpft, und hieraus dann das Göttliche nicht durch Vernunftserwägungen nachgewiesen, sondern unter Zu - grundelegung des Volksglaubens freischöpferisch gestaltet: ein ewig Wahres. Gerade diese Anlage war nun in Griechenland, dank be - sonderen Umständen und besonderen Begabungen, dank vor allem dem Auftreten der einzig Leben spendenden grossen Genies zu einer so intensiven Ausbildung gelangt, dass die Erfahrungswissenschaften (wie später bei uns durch Leonardo) eine noch niemals früher dagewesene Anregung erhielten, wogegen die Reaktion der philosophierenden Abstraktion sich niemals frei und natürlich zu entwickeln vermochte, sondern entweder in Scholasticismus oder in Phantasterei verfiel. Der hellenische Künstler erwachte zum Leben in einem Element, welches ihm zugleich persönliche Freiheit und das erhebende Be - wusstsein, von Allen verstanden zu werden, schenkte; der hellenische Philosoph (sobald er den Weg der logischen Abstraktion wandelte) nicht; dieser war im Gegenteil von allen Seiten gehemmt, äusserlich durch Sitte, Glauben und Staatseinrichtungen, innerlich durch seine ganze eigene, vorwiegend künstlerische Bildung, durch alles was ihn109Hellenische Kunst und Philosophie.sein Leben lang umgab, durch alle Eindrücke, die Auge und Ohr ihm übermittelten; er war nicht frei; in Folge seiner grossen Be - gabung leistete er gewiss Grosses, nichts aber, was wie seine Kunst höchsten Anforderungen der Harmonie, der Wahrheit, der Allgemeingültigkeit entspräche. Bei der griechischen Kunst wirkt das Nationale wie Schwingen, welche den Geist zu Höhen emportragen, wo » alle Menschen Brüder werden «, wo das Trennende der Zeiten und Völker den Reiz eher erhöht als abstumpft; hellenische Philo - sophie ist im Gegenteil im beengenden Sinne des Wortes an ein bestimmtes nationales Leben gekettet und durch dasselbe allseitig beschränkt.

Ungemein schwer ist es, mit einer solchen Einsicht gegen das Vorurteil von Jahrhunderten aufzukommen. Selbst ein solcher Mann wie Rhode nennt die Griechen » das gedankenreichste der Völker « und behauptet, ihre Philosophen hätten » der ganzen Menschheit vor - gedacht «;1)Psyche, S. 104. Leopold von Ranke, der für die homerische Religion kein anderes Epitheton kennt als » Götzendienst « (!), schreibt: » Was Aristoteles über den Unterschied der thätigen und leidenden Vernunft ausspricht, von denen jedoch nur die erste die wahre ist, autonom und gottverwandt, also auch unsterblich, möchte ich für das Beste er - klären, was über den menschlichen Geist gesagt werden konnte, vor - behalten die Offenbarung. Dasselbe darf man, wenn ich nicht irre, von der Seelenlehre Plato’s sagen. « 2)Weltgeschichte (Text-Ausgabe) I, 230. Dieser Weisheitsspruch erinnert bedenklich an die bekannte Anekdote aus der Kinderstube: » Wen liebst du am meisten, Papa oder Mama? Beide! « denn wenn auch Aristoteles von Plato ausgegangen ist, etwas vom Grund aus Verschiedeneres als ihre Seelenlehren (sowie ihre ganze Metaphysik) lässt sich kaum denken. Wie können denn beide zugleich » das Beste « gesagt haben? Schopenhauer hat richtig und bündig geurteilt: » der radikale Gegensatz des Aristoteles ist Plato «.Ranke belehrt uns weiter, die Aufgabe der griechischen Philosophie sei es gewesen: » den alten Glauben von dem götzendienerischen Element zu reinigen, rationelle und religiöse Wahrheit zu vereinbaren «; die Demokratie aber habe dieses edle Bestreben vereitelt, denn sie » hielt an dem Götzendienste fest « (I, 230)3)O vierundzwanzigstes Jahrhundert! was sagst du dazu? Ich für mein Teil schweige wenigstens über Persönlichkeiten und folge dem Beispiele des weisen Sokrates, indem ich den Götzen meines Jahrhunderts einen Hahn opfere!. Diese Beispiele mögen genügen; man könnte zahlreiche anführen. Nach meiner Überzeugung ist das Alles Illusion,110Das Erbe der alten Welt.und zwar verderbliche Illusion, und in wesentlichen Hauptstücken das genaue Gegenteil von der Wahrheit. Es ist nicht wahr, dass die Griechen der ganzen Welt vorgedacht haben: vor ihnen, neben ihnen, nach ihnen hat man tiefer, schärfer, richtiger gedacht. Es ist nicht wahr, dass die geheimrätliche Theologie des Aristoteles ad usum der Stützen der Gesellschaft das Beste ist, was gesagt werden konnte: diese jesuitische, scholastische Sophisterei ist die schwarze Pest der Philosophie geworden. Es ist nicht wahr, dass die griechischen Denker die alte Religion gereinigt haben: vielmehr haben sie gerade dasjenige an ihr angegriffen, was ewige Bewunderung verdiente, nämlich ihre freie, rein künstlerische Schönheit; und indem sie vorgaben, rationelle Wahrheit an die Stelle der symbolischen zu setzen, griffen sie in Wirklichkeit nur zum Volksaberglauben und setzten diesen, in logische Lumpen gehüllt, auf den Thron, von dem sie im Verein mit dem Pöbel die ein ewig Wahres verkündende Poesie herab - gestürzt hatten.

Was das angebliche » Vordenken « anbelangt, so genügt es, auf zwei Umstände aufmerksam zu machen, um die Irrtümlichkeit dieser Behauptung darzuthun: erstens haben die Inder früher als die Griechen zu denken begonnen, sie haben tiefer und konsequenter gedacht, und sie haben in ihren verschiedenen Systemen mehr Möglichkeiten er - schöpft als die Griechen, zweitens hat unser eigenes westeuropäisches Denken erst an dem Tage begonnen, als ein grosser Mann gesagt hatte: » man muss zugeben, die Philosophie, die wir von den Griechen überkommen haben, ist kindisch, oder mindestens eher eine Beförderin des Schwatzens als schöpferisch anregend. « 1)Bacon von Verulam: Instauratio Magna, Vorwort. » Et de utilitate aperte dicendum est: sapientiam istam, quam a Graecis potissimum hausimus, pueritiam quandam scientiae videri, atque habere quod proprium est puerorum; ut ad garriendum prompta, ad generandum invalida et immatura sit. Controversiarum enim ferare, operum effoeta est. «Behaupten zu wollen, dass Locke, Gassendi, Hume, Descartes, Kant u. s. w. Wiederkäuer griechischer Philosophie seien, ist eine arge Versündigung hellenistischen Grössenwahnsinns gegen unsere neue Kultur. Ein schlagendes Bei - spiel in Bezug auf das hellenische Denken bietet uns gleich Pythagoras, ihr erster grosser Weiser. Von seinen Orientreisen brachte er aller - hand zurück, grosses und kleines, von dem Begriffe der Erlösung an bis zu der Vorstellung des Äthers und bis zu dem Verbot des Bohnenessens: es war alles indisches Erbgut. Eine Lehre insbesondere111Hellenische Kunst und Philosophie.wurde nun der Mittelpunkt des Pythagoreismus, sein religiöser Hebel, wenn ich so sagen darf: es war dies die geheim gehaltene Lehre von der Seelenwanderung. Durch Plato wurde sie dann später des mystischen Nimbus entkleidet und in die öffentliche Philosophie hineingetragen. Nun bildete bei den Indern (schon lange vor Pythagoras) der Glaube an die Seelenwanderung die Grundlage der ganzen Ethik; politisch, religiös, philosophisch vielfach geteilt und in offener Gegnerschaft lebend, glaubte dort das ganze Volk an die end - lose Reihe der Wiedergeburten. » Ob eine Wanderung der Seele stattfindet, wird (in Indien) nirgends gefragt; sie wird allgemein und unumstösslich geglaubt. « 1)Schröder: Indiens Litteratur und Kultur, S. 252.Aber es gab dort doch eine Klasse, eine kleine, welche an die Seelenwanderung insofern nicht glaubte, als sie diese Vorstellung für eine symbolische hielt, für eine Vorstellung, welche den im Weltenwahn Befangenen eine höhere, nur durch tiefes metaphysisches Denken richtiger zu erfassende Wahrheit alle - gorisch vermittelt: diese kleine Klasse war (und ist noch heute) die der Philosophen. » Das Wandrersein der Seele beruht auf dem Nicht - wissen, während die Seele im Sinne der höchsten Realität keine wandernde ist, « lehrt der indische Denker. 2)Çankara: Sûtra’s des Vedânta I, 2, 11. Zwar hat Çankara selber viel später als Pythagoras gelebt (etwa im 8. Jahrhundert unserer Zeitrechnung), seine Lehre ist aber streng orthodox, er wagt keine Behauptung, die sich nicht auf alte, kanonische Upanishaden stützt. Dass eine thatsächliche » Wanderung « schon nach den ältesten Upanishaden für den wahrhaft Erkennenden eine nur populären Zwecken dienende Vorstellung war, ist offenbar. Weitere diesbezügliche Nach - weise findet man bei Çankara in der Einleitung zu den Sûtra’s und in I, 1, 4, vor allem aber in der herrlichen Stelle II, 1, 22, wo der Samsâra, mitsamt der ganzen Schöpfung, als eine Täuschung bezeichnet wird, » welche ebenso wie der Wahn der Spaltungen und Trennungen durch Geburt und Tod im Sinne der höchsten Realität nicht existiert «.Eine eigentliche » Ge - heimlehre «, wie sie die Griechen nach ägyptischem Muster so liebten, haben die Inder nie gekannt, Männer aus allen Kasten, auch Weiber konnten zur höchsten Erkenntnis vordringen; nur wussten diese tief - sinnigen Weisen sehr gut, dass metaphysisches Denken besondere An - lagen und besondere Ausbildung dieser Anlagen erfordert; daher liessen sie das Bildliche bestehen. Und dieses Bildliche, diese gross - artige, für die Moral vielleicht unersetzliche, schliesslich aber doch nur volksmässige Vorstellung der Seelenwanderung, welche in Indien für das gesamte Volk, von oben bis unten, mit einziger Aus -112Das Erbe der alten Welt.nahme der Denker galt, das wurde in Griechenland die er - habenste » Geheimlehre « ihres ersten grossen Philosophen, verschwand auch niemals wieder ganz aus den höchsten Regionen ihrer philo - sophischen Anschauungen, und gewann durch Plato den bestrickenden Reiz poetischer Gestaltung! Das sind die Leute, die uns Allen angeb - lich vorgedacht haben sollen, » das gedankenreichste der Völker «! Nein, die Griechen waren keine grossen Metaphysiker.

Theologie.
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Sie waren aber ebensowenig grosse Moralisten und Theologen. Auch hier nur ein Beispiel statt vieler. Der Dämonenglaube findet sich allerorten; die Vorstellung eines besonderen Zwischenreiches der Dämonen (zwischen den Göttern im Himmel und den Menschen auf Erden) haben die Griechen höchst wahrscheinlich ebenfalls aus Indien (über Persien) entnommen,1)Colebrooke: Miscellaneons Essays, p. 442. das bleibt sich jedoch gleich; in der Philosophie, oder wenn man will, in der » rationellen Religion « fanden diese Gebilde des Aberglaubens erst durch Plato Aufahme. Rhode schreibt:2)In einer kleinen zusammenfassenden Schrift Die Religion der Griechen, er schienen 1895 in den Bayreuther Blättern. » Plato zuerst, als Vorgänger vieler Anderen, redet von einem ganzen Zwischenreich von Dämonen, denen alles zugetraut wird, was an Wirkungen unsichtbarer Mächte der hohen Götter unwürdig erscheint. So wird die Gottheit selbst alles Bösen und Niederziehenden entlastet. « Also mit vollem Bewusstsein und aus dem » rationellen «, flagrant anthropomorphischen Grunde, Gott dessen, was uns Menschen böse dünkt, zu » entlasten «, wird derjenige Aberglaube, der den Hellenen mit Buschmännern und Australnegern gemeinsam war, mit einer philosophischen und theologischen Aureole geschmückt, den edelsten Geistern von einem edelsten Geist empfohlen, und allen künftigen Jahrhunderten als Erbschaft vermacht. Die glücklichen Inder hatten ihren Dämonenglauben schon längst abgeschüttelt; er galt nur für das gänzlich unkultivierte Volk; der Philosoph war bei ihnen sogar zu keinerlei religiöser Handlung mehr verpflichtet, denn ohne sie zu leugnen, wie der flache Xenophanes, hatte er die Götter als Symbole einer höheren, von den Sinnen nicht zu fassenden Wahrheit erkennen gelernt, was sollten Dämonen noch solchen Leuten? Homer war aber auf demselben Wege gewesen, das merke man wohl! Freilich hemmt die Hand der Athene den voreilig erhobenen Arm des Achilleus, und flösst Here dem schwankenden Diomedes Mut ein: so göttlich frei deutet der Dichter, alle Zeiten zu poetischen Gedanken anregend;113Hellenische Kunst und Philosophie.der eigentliche Aberglaube spielt jedoch bei ihm eine sehr unter - geordnete Rolle und wird durch » göttliche « Deutung dem Bereiche des eigentlichen Dämonentums enthoben; sein Weg war sonniger, schöner als der des Indoariers; anstatt wie dieser in grübelnder Metaphysik sich zu ergehen, heiligte er die empirische Welt und führte dadurch den Menschen einer herrlichen Bestimmung entgegen. 1)Siehe z. B. im XXIV. Gesang der Ilias (Vers 300 fg. ) die Erscheinung des Gutes vorbedeutenden Adlers » rechts einher «. Äusserst bezeichnend sind im selben Gesang die Worte des Priamos über ein ihm zu Teil gewordenes Gesicht (Vers 220 fg. ): » Hätt es ein Anderer mir der Erdenbewohner geboten, Etwa ein Zeichendeuter, ein Opferprophet und ein Priester, Lug wohl nennten wir solches, und wendeten uns mit Verachtung. « Prächtig ist ebenfalls bei Hesiod, wiewohl er dem Volksaberglauben viel näher steht als Homer, die Auffassung der » Geister «: (Werke und Tage, 124 fg.) » Und sie wahren das Recht und wehren frevelnden Werken: Überall über die Erde hinwandelnd, in Nebel gehüllet, Spenden sie Segen: dies ist das Königsamt, das sie erhielten. «Da kam der alte abergläubische, von pythischen Orakeln beratene, von Priesterinnen belehrte, von Dämonen besessene Sokrates, und nach ihm Plato und die anderen. O Hellenen! wäret ihr doch der Religion des Homer und der durch sie begründeten künstlerischen Kultur treu geblieben! Hättet ihr auf eure Heraklit und Xenophanes und Sokrates und Plato, und wie sie alle noch heissen, nicht gehört, sondern euren göttlichen Dichtern vertraut! Wehe uns, die wir durch diesen zur geheiligten Orthodoxie erhobenen Dämonenglauben Jahrhunderte hin - durch unsäglichen Jammer gelitten haben, die wir durch ihn in unserer gesamten geistigen Entwickelung gehindert wurden, und die wir noch heute wähnen müssen, von thrakischen Bauern umringt zu leben! 2)Döllinger nennt den » systematischen Dämonenglauben « eins der » Danaer-Geschenke griechischen Wahnes « (Akad. Vorträge, I, 182).

Nicht eine Spur besser steht es mit jenem hellenischen Denken, welches nicht mystische Wege wandelt, noch poetischen Eingebungen folgt, sondern eingestandenermassen an Naturwissenschaft anknüpft und es mit Hilfe der Physiologie und der rationellen Psychologie unternimmt, den grossen Problemen des Daseins beizukommen. Da schlägt der griechische Geist sofort in Scholasticismus um, wie schon oben angedeutet. » Worte, Worte, nichts als Worte! « Hier würden nähere Auseinandersetzungen leider über den Rahmen dieses Buches hinausführen. Wer aber vor höherer Philosophie sich scheut,Chamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 8114Das Erbe der alten Welt.der nehme einen Katechismus zur Hand, es steckt viel Aristoteles darin. Wenn man mit einem solchen unphilosophischen Manne von der Gottheit spricht und ihm sagt, sie sei: » ungeworden, unerschaffen, von je bestehend, unvergänglich «, so wird er glauben, man recitiere ein ökumenisches Glaubensbekenntnis, es ist aber ein Citat aus Aristoteles! Und wenn man ihm ferner sagt, Gott sei: » eine ewige, vollkommene, unbedingte Wesenheit, mit Dasein begabt, jedoch ohne Grösse, die in ewiger Aktualität sich selbst denkt, denn (dies dient zur Erklärung) das Denken wird sich gegenständlich durch Denken des Gedachten, so dass Denken und Gedachtes identisch werden «, so wird der arme Mann glauben, man lese ihm aus Thomas von Aquin oder allenfalls aus Georg Wilhelm Friedrich Hegel vor, wiederum ist es aber ein Citat aus Aristoteles. 1)Metaphysik, Buch XII, Kap. 7.Die vernunftgemässe Lehre von Gott, die vernunftgemässe Lehre von der Seele, vor allem dann noch die Lehre von einer der menschlichen Vernunft gemässen Zweckordnung der Welt, oder Teleologie (durch welche Aristoteles, nebenbei gesagt, so groteske Irrtümer in seine Naturwissenschaft ein - führte), das war auf diesem Gebiete die Erbschaft! Wie viele Jahr - hunderte hat es gedauert, bis ein mutiger Mann kam, der diesen Ballast über Bord warf und darthat, man könne das Dasein Gottes nicht beweisen, wie Aristoteles es zwei Jahrtausenden vorgelogen hatte? Bis ein Mann kam, der es wagte, die Worte zu schreiben: » Wir sind weder durch Erfahrung, noch durch Schlüsse der Vernunft hinreichend darüber belehrt, ob der Mensch eine Seele (als in ihm wohnende, vom Körper unterschiedene und von diesem unabhängig zu denken vermögende d. i. geistige Substanz) enthalte, oder ob nicht vielmehr das Leben eine Eigenschaft der Materie sein möge? « 2)Kant: Ethische Elementarlehre, § 4.Und wie tief steckte dieser grosse Mann selber noch in dem scholastischen, forma - listischen Sumpf!

Doch genug. Ich glaube mit ausreichender Deutlichkeit dar - gethan zu haben, dass hellenische Philosophie nur dann wahrhaft gross ist, wenn man das Wort im weitesten Sinne nimmt, etwa dem eng - lischen Sprachgebrauch gemäss, nach welchem ein Newton und ein Cuvier, oder wieder ein Jean Jacques Rousseau und ein Goethe » Philo - sophen « heissen. Sobald der Grieche das Gebiet der Anschaulichkeit verliess und zwar gleich von Thales an wurde er verhängnis -115Hellenische Kunst und Philosophie.voll; er wurde um so verhängnisvoller, als er dann seine unvergleich - liche Gestaltungskraft (welche dem metaphysischen Inder so auffallend fehlt) zur verführerisch klaren Gestaltung schattenhafter Trugbilder und zur Verflachung und Verballhornung tiefer Einsichten und Ahnungen, welche jeder Analyse unzugänglich sind, benützte. Nicht dass er mystische Anlagen und ein ausgesprochenes metaphysisches Be - dürfnis besass, mache ich ihm zum Vorwurf, wohl aber, dass er Mystik anders als künstlerisch-mythisch zu gestalten suchte, und dass er an dem Kernpunkt aller Metaphysik stets blind vorbeiging und die Lösung transcendenter Fragen auf platt-empirischem Wege ver - suchte. Hätte der Grieche auf der einen Seite rein poetisch, auf der anderen rein empirisch seine Anlagen weiter entwickelt, dann wäre er für die Menschheit ein ungeteilter, unsagbarer Segen geworden; so aber wurde jener selbe Grieche, der in Poesie und Wissenschaft das Beispiel der frei-schöpferischen Gestaltung und somit des eigentlichen Menschwerdens gegeben hatte, später vielfach ein erstarrendes, hemmen - des Element in der Entwickelung des Menschengeistes.

In welchem bedingten Sinne dies verstanden werden muss,Teleologie. leuchtet nach allem Gesagten von selbst ein: gerade hellenisches Denken (Plato) hat seit etwa einem Jahrhundert in mancher Beziehung unserer Philosophie Anregung gewährt, und umgekehrt, kann nicht geleugnet werden, dass griechische Kunst nicht allein fördernd, sondern zugleich hemmend auf uns gewirkt hat, so dass höchste schöpferische Gestaltung fast nur dort stattfand (Malerei, Musik), wo kein helle - nisches Ideal unseren Künstlern hindernd im Wege stand. Nichts auf der Welt ist einfach, alles ist unendlich bedingt; dem Schriftsteller muss es genügen, wenn er anregt; vor Kühnheit darf er daher nicht zurückschrecken. Wer Widersprüche in meiner Darstellung wittert, der merke gütigst noch Folgendes: gerade unser falsches Verhältnis zum hellenischen Denken, unsere Knechtschaft ihm gegenüber, hat uns, bei aller lauten Bewunderung für griechische Kunst, doch in ein durchaus schiefes Verhältnis zu ihr gebracht. Wir haben kein rechtes Gefühl für ihre Schönheit; wir kleben an der Oberfläche, wir schwatzen von » klassischem Ideal «, und zugleich von » Götzendienst «, wo es manchmal viel richtiger wäre, von klassischem Frohndienst und zu Götzen erhobenen Idealen zu reden; die Narrenkappe des Entwickelungs - dogmas sitzt uns so fest auf dem Kopfe, dass wir ohne Weiteres voraussetzen, was die alten Philosophen lehrten, müsse notwendiger - weise viel richtiger und schöner sein, als was die noch älteren unge -8*116Das Erbe der alten Welt.lehrten Poeten gesungen hatten; das ist Alles Mummerei auch eine » Erbschaft «, aber eine traurige. In Wahrheit waren, ich kann es nicht oft genug wiederholen, die Poeten der Hellenen bedeutend tiefer als ihre Denker. 1)Und zu den Poeten haben wir, wie man weiss, solche Männer wie Plato und Demokrit im besten Teil ihres Lebenswerkes zu rechnen!Noch ein letztes Beispiel. Wir pflegen nach altem Her - kommen Aristoteles für nichts wärmer zu beloben als für seine teleo - logische Begründung des Weltalls, wogegen wir Homer seinen Anthropo - morphismus vorwerfen. Litten wir nicht an künstlich anerzogener Gehirnstarre, so müssten wir die Absurdität solcher Urteile einsehen. Die Teleologie, d. h. die Zweckmässigkeitslehre nach Massgabe der menschlichen Vernunft, ist Anthropomorphismus in seiner gesteigertsten Potenz. Wenn der Mensch den Plan des Kosmos fassen, wenn er sagen kann, woher die Welt kommt, wohin sie geht und die Zweck - mässigkeit eines jeglichen Dinges ist ihm offenbar, so ist er eigentlich selber Gott, und die gesamte Welt ist » menschlich «: das sagen auch ausdrücklich die Orphiker und Aristoteles. Ganz anders der Poet. Man citiert überall, schon zu den Zeiten Heraklit’s, und von da an bis auf Ranke, den Vorwurf des Xenophanes gegen Homer: er bilde die Götter wie Hellenen, die Neger würden aber einen schwarzen Zeus sich erdichten und die Pferde sich die Götter als Pferde denken. Verständnisloser und oberflächlicher kann man gar nicht sein. Der Vorwurf ist nicht einmal faktisch richtig, da die Götter bei Homer in allen möglichen Gestalten vorkommen. Wie K. Lehrs in seinem schönen, leider fast vergessenen Buche Ethik und Religion der Griechen (S. 136 / 7) sagt: » Die griechischen Götter sind gar nicht Nachbilder der Menschen, sondern Gegenbilder. Sie sind keine kos - mischen Potenzen (was sie erst für die Philosophen wurden), ebenso - wenig erhöhte Menschen! Häufig kommen sie in Tiergestalt vor, und tragen nur die menschliche für gewöhnlich als die schönste und edelste und geeignetste, aber an und für sich ist ihnen jede andere Gestalt eben so natürlich. « Unvergleichlich wichtiger ist jedoch die Thatsache, dass bei Homer und den anderen grossen Poeten jegliche Teleologie fehlt; denn erst mit diesem Begriff tritt unableugbarer Anthropomorphismus auf. Warum soll ich die Götter nicht in Menschen - gestalt darstellen? Soll ich sie etwa als Schafe oder Mistkäfer in mein Gedicht einführen? Haben Raphael und Michelangelo es nicht genau so gehalten wie Homer? Hat die christliche Religion nicht117Hellenische Kunst und Philosophie.angenommen, Gott sei in Menschengestalt erschienen? Ist der Jahve der Israeliten nicht ein Prototyp des edlen und dabei doch zank - und rachsüchtigen Juden? Es wäre wohl doch nicht ratsam, die aristote - lische » Wesenheit ohne Grösse, die das Gedachte denkt « der künst - lerischen Anschauung zu empfehlen. Dagegen erkühnt sich die poetische Religion der Griechen nicht über » Unerschaffenes « Auskunft zu geben und Zukünftiges » vernunftgemäss zu erklären «. Sie giebt ein Bild der Welt wie in einem Hohlspiegel und glaubt dadurch den Menschengeist zu erquicken und zu läutern; weiter nichts. Lehrs führt in dem genannten Buche aus, wie der Begriff der Teleologie durch die Philosophen, von Sokrates bis Cicero, eingeführt wurde, dagegen in hellenischer Poesie keinen Eingang gefunden habe. » Der Begriff der schönen Ordnung «, sagt er (S. 117), » der Harmonie, des Kosmos, der tief die griechische Religion durchzieht, ist ein viel höherer als jener der Teleologie, der in jeder Beziehung etwas Kümmer - liches hat «. Um die Sache uns recht nahe zu bringen, frage ich: wer ist der Anthropomorphist, Homer oder Byron? Homer, an dessen persönlichem Dasein man hat zweifeln können, oder Byron, der so mächtig in die Saiten griff und die Poesie unseres Jahrhunderts auf die Tonart stimmte, in welcher Alpen und Ocean, Vergangenheit und Gegenwart des Menschengeschlechtes nur dienen, das eigene Ich wiederzuspiegeln und einzurahmen? Es dürfte vielleicht für jeden modernen Menschen unmöglich sein, sich menschlichen Handlungen gegenüber, und von der Ahnung einer Weltordnung durchdrungen, so wenig |anthropomorphistisch, so sehr » objektiv « zu verhalten wie Homer.

In ähnlicher Weise hätte eine Anzahl unserer Urteile eine gründ - liche Revision zu erfahren, soll endlich Licht in die grosse Masse des reichen, überreichen, durcheinander gewürfelten hellenischen Erbteils eindringen und uns eine bewusste Aneignung und ein ebenso bewusstes Verwerfen und gründliches Abschütteln ermöglichen.

Vielleicht habe ich mit diesen letzten Ausführungen ein wenigSchlusswort. in das Bereich eines späteren Teiles dieses Buches eingegriffen. Ich wusste mir nicht anders zu helfen; denn, spielte die hellenische Erb - schaft eine grosse Rolle in unserem Jahrhundert, wie in allen voran - gegangenen, so herrschte doch in Bezug auf sie eine heillose Konfusion und ein hochgradiges » Unbewusstsein «, und diese Geistesverfassung der Erben musste im Interesse alles Folgenden ebenso klar hervor -118Das Erbe der alten Welt.gehoben werden, wie die vielseitige, verwickelte Eigenart der Erbschaft selber.

Vor einer Zusammenfassung scheue ich zurück. Was ich über unsere reiche, in unser geistiges Leben so tief eingreifende hellenische Erbschaft vorgebracht habe, ist ja schon an und für sich ein blosser Auszug, eine blosse Andeutung; wird ein derartiges Verfahren noch weiter getrieben, so wird zuletzt jeder konkrete Inhalt sublimiert, die geschwungenen Linien des Lebens schrumpfen zu Geraden zusammen, es bleibt eine geometrische Figur zurück, eine Konstruktion des Geistes, nicht ein Abbild der mannigfaltigen, alle Widersprüche in sich ver - einigenden Wahrheit. Die Geschichtsphilosophie selbst der bedeutendsten Männer als Beispiel will ich einzig Herder nennen regt immer eher zu Widerspruch als zu richtigen Erkenntnissen an. Ausserdem ist diesem Werke ein näheres Ziel gesteckt: nicht das Hellenentum hatte hier beurteilt oder geschichtlich erklärt zu werden, sondern es genügte, unserem Bewusstsein nahezubringen, wie unendlich viel von ihm auf uns übergegangen ist und noch heute gestaltend auf unser Dichten, Denken, Glauben, Forschen wirkt. In Ermangelung von Vollständigkeit suchte ich Lebendigkeit und Wahrheit. Ich kann dem Leser jedoch nicht die Mühe ersparen, meine Ausführungen von Anfang bis Ende durchzulesen.

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ZWEITES KAPITEL RÖMISCHES RECHT

Von Jugend auf ist mir Anarchie ver - driesslicher gewesen als der Tod. Goethe.
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Gewiss ist es unmöglich, begrifflich klar zu bestimmen, wasDisposition. wir von Rom geerbt haben, was aus dieser ungeheuren Werkstatt menschlicher Geschicke noch heute lebendig weiter wirkt, wenn wir nicht eine klare Vorstellung davon besitzen, was Rom war. Selbst das römische Recht im engern Sinne des Wortes (das Privatrecht), von dem ein Jeder weiss, dass es den Grundstoff bildet, an dem noch heute alles juristische Denken grossgezogen wird, und dass es noch immer die thatsächliche Grundlage abgiebt, selbst für die freiesten, am weitesten abweichenden, neueren Rechtssysteme, kann unmöglich in der Eigenartigkeit seines Wertes recht beurteilt werden, wenn es ein - fach als eine Art Laienbibel angesehen wird, als ein Kanon, der nun einmal da ist, geheiligt durch die Jahrtausende. Ist das blinde Fest - halten an römischen Rechtssätzen die Folge einer oberflächlichen historischen Auffassung, so gilt das nicht minder von der weit über das Ziel hinausschiessenden Reaktion gegen das römische Recht. Wer dieses Recht und sein langsames, mühsames Entstehen, und sei es auch nur in den allgemeinsten Umrissen studiert, wird gewiss anders urteilen. Denn dann wird er sehen, wie die indoeuropäischen Stämme1)Auf die schwierige Frage der Rassen werde ich an anderer Stelle zurückzukommen haben (siehe Kap. 4). Hier will ich nur eine sehr wichtige Be - merkung einschalten: Während von verschiedenen Seiten die Existenz einer arischen Rasse in Frage gezogen wird, indem manche Philologen die Stichhaltigkeit des sprachlichen Kriteriums in Frage ziehen (siehe Salomon Reinach: L’origine des Aryens) und einzelne Anthropologen auf die chaotischen Ergebnisse der Schädel - messungen hinweisen (z. B. Topinard und Ratzel), gebrauchen die Forscher auf dem Gebiete der Rechtsgeschichte einmütig den Ausdruck Arier, resp. Indo - europäer, weil sie eine bestimmte rechtliche Auffassung in der Gruppe dieser sprachlich verwandten Völker finden, welche sich vom ersten Beginn an und durch alle Verzweigungen einer vielfältigen Entwickelung prinzipiell von gewissen ebenso unausrottbaren, rechtlichen Anschauungen bei Semiten, Hamiten u. s. w. unterscheiden. (Man sehe die Werke von Savigny, Mommsen, Jhering und schon in den ältesten Zeiten einige scharf ausgesprochene,122Das Erbe der alten Welt.rechtliche Grundüberzeugungen besassen, die in den verschiedenen Stämmen sich verschieden entwickelten, ohne es aber jemals zu einer wahren Blüte bringen zu können; er wird einsehen, dass sie es des - wegen nicht konnten, weil es keinem Zweig gelingen wollte, einen freien und zugleich dauernden Staat zu gründen; dann wird er mit Staunen gewahr werden, wie dieses eine kleine Volk von charakter - starken Männern, die Römer, beides zu Stande bringt: Staat und Recht, den Staat dadurch, dass Jeder das Recht (sein persönliches Recht) sich dauernd sichern will, das Recht dadurch, dass Jeder die Selbst - beherrschung besitzt, dem Gemeinwesen die nötigen Opfer zu bringen und bedingungslose Treue zu widmen; und wer das erkannt hat, der wird gewiss nie anders, als mit grösster Verehrung vom römischen Recht als einem der kostbarsten Besitztümer der Menschheit reden. Zugleich freilich wird er einsehen, dass die höchste und nachahmungs - würdigste Eigenschaft dieses Rechtes seine genaue Anpassung an be - stimmte Lebensumstände ist. Einem Solchen aber kann es nicht ver - schlossen bleiben, dass Staat und Recht beides Erzeugnisse des » geborenen Rechtsvolkes «1)Jhering: Entwicklungsgeschichte des römischen Rechts, S. 81. Eine umso bemerkenswertere Äusserung, als gerade dieser grosse Rechtslehrer stets energisch zu verneinen pflegt, dass einem Volke irgend etwas angeboren sei; er versteigt sich sogar (Vorgeschichte der Indoeuropäer, S. 270) zu der ungeheuerlichen Be - hauptung, die angeerbte, physische (und mit dieser zugleich die moralische) Struktur des Menschen denn das ist wohl doch, was der Begriff Rasse bezeichnen soll habe gar keinen Einfluss auf seinen Charakter, sondern einzig die geographische Umgebung, so dass der Arier, nach Mesopotamien verpflanzt, eo ipso Semit geworden wäre, und umgekehrt. Da ist Haeckel’s pseudowissenschaftliches Phantasiebild der verschiedenen Affen, von denen je eine Menschenrasse abstammen soll, im Vergleich noch vernünftig. Freilich darf man nicht vergessen, dass Jhering gegen das mystische Dogma eines » angeborenen corpus juris « sein Leben lang hart hatte kämpfen müssen, und dass es sein grosses Verdienst ist, der echten Wissenschaft hier freie Bahn geschaffen zu haben; das erklärt seine Übertreibungen im umge - kehrten Sinne. bei den Römern unzertrennlich zusammengehören und dass wir weder diesen Staat, noch dieses Recht wirklich verstehen können, wenn wir nicht eine klare Vorstellung von dem römischen Volke und seiner Geschichte besitzen. Das ist1)Leist). Keine Schädelmessungen und philologischen Tüfteleien können diese ein - fache, grosse Thatsache ein Ergebnis peinlich genauer, juristischer Forschung aus der Welt schaffen, und durch sie wird das Dasein eines moralischen Arier - tums (im Gegensatz zu einem moralischen Nicht-Ariertum) dargethan, und wären die Völker dieser Gruppe aus noch so bunten Bestandteilen zusammengesetzt.123Römisches Recht.umso nötiger, als wir sowohl vom römischen Staatsgedanken als vom römischen Privatrecht gar Vieles noch heute Wirksame geerbt haben, ganz abgesehen von den durch den römischen Staatsgedanken that - sächlich geschaffenen, politischen Verhältnissen, denen wir Europäer die Möglichkeit unseres Daseins als gesittete Nationen überhaupt ver - danken. Daher mag es zweckmässig sein, uns zuerst zu fragen: was für ein Volk war dieses römische? was hat es als Gesamterscheinung für die Geschichte zu bedeuten? Es kann sich hier nur um einen flüchtigsten Umriss handeln; er wird aber hoffentlich genügen, um uns eine klare Vorstellung von dem politischen Wirken dieses grossen Volkes in seinen Hauptlinien zu geben, zugleich um die etwas ver - wickelte Natur der auf unser Jahrhundert überkommenen, politischen und staatsrechtlichen Erbschaft deutlich zu kennzeichnen. Dann erst wird eine Betrachtung unserer privatrechtlichen Erbschaft durchführbar und nützlich sein.

Man sollte meinen, da die lateinische Sprache und die GeschichteRömische Geschichte. Roms eine so grosse Rolle in unseren Schulen spielen, müsse jeder gebildete Mann wenigstens eine deutliche Gesamtvorstellung von dem Werden und Schaffen des römischen Volkes besitzen. Das ist aber nicht der Fall, ist auch nach den üblichen Unterrichtsmethoden gar nicht möglich. Zwar ist jeder Gebildete in der römischen Geschichte bis zu einem gewissen Grade zu Hause: der sagenhafte Romulus, Numa Pompilius, Brutus, die Horatier und die Curatier, die Gracchen, Marius, Sulla, Caesar, Pompejus, Trajan, Diocletian und unzählige Andere, sie alle sind uns mindestens ebenso vertraut (d. h. dem Namen und den Daten nach), wie unsere eigenen grossen Männer; ein Jüng - ling, der über den zweiten punischen Krieg nicht Auskunft geben könnte, oder der die verschiedenen Scipione untereinander verwechselte, stünde ebenso beschämt da, als wenn er die Vorzüge der römischen Legiones und Manipuli vor der makedonischen Phalanx nicht aus - einanderzusetzen vermöchte. Man muss auch zugeben, die römische Geschichte in der üblichen Darstellung ist ein ungemein reichhaltiges Magazin interessanter Anekdoten; aus ihrer Kenntnis ergiebt sich jedoch ein einseitiges und durchaus mangelhaftes Verständnis. Fast gewinnt die gesamte Geschichte Roms den Anschein eines grossen und grau - samen Sports, gespielt von Politikern und Feldherren, die zum Zeit - vertreib die Welt erobern, wobei sie in der Kunst der systematischen Unterdrückung der fremden Völker und der Aufhetzung des eigenen124Das Erbe der alten Welt.Volkes, sowie in der ebenso edeln Kunst der Erfindung neuer Kriegs - strategeme und ihrer taktischen Verwertung durch möglichst massenhaftes Menschenvieh viel Anerkennungswertes leisten. Etwas Wahres liegt auch unstreitig in dieser Auffassung. Es kam in Rom eine Zeit, wo die sich vornehm dünkenden Leute mit Kriegswesen und Politik sich nicht bloss, wo es not that, abgaben, sondern sie als Lebensbeschäftigung erwählten. Wie bei uns, bis vor Kurzem, ein » hochgeborner Mensch « nur Offizier, Diplomat oder Verwaltungsbeamter werden durfte, so gab es auch für die » oberen Zehntausend « im späteren Rom nur drei Be - rufe, durch die sie ihrer Stellung nichts vergaben: die res militaris, die juris scientia und die eloquentia. 1)Vergl. Savigny: Geschichte des römischen Rechtes im Mittelalter, Kap. I.Und da die Welt noch jung und die Wissenschaften übersehbar waren, konnte ein tüchtiger Mann leicht alle drei beherrschen; hatte er dazu noch recht viel Geld, dann war er ein fertiger Politiker. Man lese nur immer wieder die Briefe Cicero’s, wenn man durch die naiven Geständnisse eines in den Ideen seiner Zeit befangenen, nicht viel weiter als seine Nase hinausschauenden Mannes lernen will, wie das grosse Rom und seine Geschicke der Spielball eitler Müssiggänger wurden, und mit wie grossem Recht man behaupten kann, dass seine Politiker Rom nicht gemacht, sondern viel - mehr es zu Grunde gerichtet haben. Es hat überhaupt mit der Politik auch ausserhalb Roms sein eigenes Bewenden. Von Alexander an bis Napoleon: schwer wäre es, die Macht der frevelhaften Willkür in den rein politischen Helden zu hoch zu schätzen! Eine kurze Ver - ständigung hierüber ist umsomehr in diesem Kapitel am Platze, als gerade Rom mit Recht für einen spezifisch politischen Staat gilt, und wir folglich von ihm zu erfahren hoffen dürfen, wie und von wem grosse, erfolgreiche Politik gemacht wird.

Was Gibbon von den Königen im Allgemeinen sagt: » ihre Macht ist am wirksamsten in der Zerstörung «, das gilt von fast allen Politikern sobald sie hinreichende Macht besitzen. Ich weiss nicht, ob es nicht der weise Solon war, der eine gedeihliche Entwickelung des atheniensischen Staates für alle Zeiten unmöglich machte, indem er den historisch gegebenen Bestand der Bevölkerung aus verschiedenen Stämmen aufhob und eine künstliche Einteilung in Klassen nach dem Vermögensstand einführte. Diese sogenannte Timokratie (Ehre dem, der Geld hat) stellt sich zwar von selbst überall mehr oder weniger ein, und Solon hat wenigstens dafür gesorgt, dass die Pflichten mit125Römisches Recht.dem Reichtum zunahmen; nichtsdestoweniger hat er mit seiner Ver - fassung die Axt an die Wurzel gelegt, aus der und wenn auch noch so mühsam der atheniensische Staat erwachsen war. 1)Manchem wird die Verfassung Lykurg’s noch willkürlicher dünken, jedoch mit Unrecht. Denn Lykurg rüttelt gar nicht an den durch die historische Entwickelung gegebenen Grundlagen, im Gegenteil, er befestigt sie: die Völker, die nacheinander nach Lakedämon gezogen waren, schichteten sich übereinander, das zuletzt angekommene zu oberst und so liess es Lykurg bestehen. Dass die Pelasger (Heloten) das Land bebauten, die Achäer (Periöken) Handel und Gewerbe trieben, die Dorier (Spartiaten) Krieg führten und folglich auch regierten, das war keine künstliche Rollenverteilung, sondern die Feststellung eines thatsächlich vor - handenen Verhältnisses. Ich bin auch überzeugt, dass das Leben in Lakedämon lange Zeiten hindurch glücklicher war, als in irgend einem anderen Teile Griechen - lands: der Sklavenhandel war verboten, die Heloten waren Erbpächter und, wenn auch nicht auf Rosen gebettet, so genossen sie doch eine weitgehende Unabhängig - keit, die Periöken bewegten sich frei, sogar ihr beschränkter Militärdienst wurde ihnen im Interesse ihrer in den einzelnen Familien erblichen Gewerbe häufig nach - gesehen, für die Spartiaten endlich war das Prinzip des ganzen Lebens die Ge - selligkeit und in den Sälen, wo sie zu ihren einfachen Mahlen zusammentraten, prangte als Schutzgeist ein einziges Standbild, der Gott des Lachens (Plutarch: Lykurg XXXVII). Was man Lykurg zum Vorwurf machen muss, ist erstens, dass er diese gegebenen und insofern gesunden Verhältnisse für die Ewigkeit festzu - bannen trachtete, hierdurch aber dem lebendigen Organismus die nötige Elastizität raubte, zweitens, dass er auf dem widerstandsfähigen Untergrund ein in mancher Beziehung gar phantastisches Gebäude aufführte; da tritt eben wieder der theore - tisierende Politiker hervor, der Mann, der auf rationellem Wege festzustellen unter - nimmt, wie die Dinge sein müssten, während in Wahrheit der logisierenden Vernunft einzig eine registrierende, nicht eine schöpferische Funktion zukommt. Dass Lykurg aber trotz alledem die historischen Thatsachen zum Ausgangspunkt nahm, das war es, was seiner Verfassung unter allen griechischen die weitaus grösste Kraft und Dauer sicherte.Ein minder bedeutender Mann hätte es nicht gewagt, so tief umbildend in den natürlichen Gang der Entwickelung einzugreifen, und das wäre sehr wahrscheinlich ein Segen gewesen. Und können wir anders über Julius Caesar urteilen? Von den berühmten Feldherren der Weltgeschichte war er vielleicht als Politiker der bedeutendste; auf den verschiedensten Gebieten (man denke nur an die Verbesserung des Kalenders, an die Inangriffnahme eines allgemeinen Gesetzbuches, an die Begründung der afrikanischen Kolonie) bekundete er einen durchgreifenden Verstand; als organisatorisches Genie wäre er wohl, bei gleich günstigen Umständen, nicht hinter Napoleon zurückgeblieben dabei mit dem unermesslichen Vorzug, dass er nicht ein aus - ländischer Condottiere, wie dieser oder wie Diocletian, sondern ein126Das Erbe der alten Welt.echter, rechter Römer war, im angestammten Vaterlande fest einge - wurzelt, somit seine individuelle Willkür (wie bei Lykurg) sicherlich von der Richtschnur des seiner Nation Angemessenen nie allzuweit abgeirrt wäre. Und doch ist es gerade dieser Mann, und kein anderer, der den zähen Lebensbaum der römischen Verfassung knickte und einem unausbleiblichen Siechtum und Niedergang weihte. Denn das Erstaunliche im vorcaesarischen Rom ist nicht, dass die Stadt so viele heftige Stürme im Innern zu durchleben hatte bei einem so un - vergleichlich elastischen Gebilde ist das natürlich, der Zusammenstoss der Interessen und der nie und nirgends rastende Ehrgeiz der Politiker von Fach sorgte dort wie allerorten dafür nein, was uns mit Ver - wunderung und mit Bewunderung erfüllt, ist vielmehr die Lebens - kraft dieser Verfassung. Patrizier und Plebejer konnten periodisch gegeneinander wüten: eine unsichtbare Macht hielt sie doch aneinander - gekettet; sobald neuen Verhältnissen durch einen neuen Ausgleich Rechnung getragen worden war, stand der römische Staat wieder da, stärker als ehedem. 1)Der Ausdruck » Aristokratie und Plebs «, den Ranke für Patrizier und Plebejer beliebt, ist, Laien gegenüber, so irreführend wie nur möglich. Schon Niebuhr hat gegen die Verwechslung von Plebs und Pöbel Einspruch erhoben. Patrizier und Plebejer sind vielmehr wie zwei Mächte in dem einen Staate, die eine freilich vielfach politisch bevorzugt, die andere vielfach politisch zurückgesetzt (wenigstens in früherer Zeit), beide aber doch aus freien, unabhängigen, durchaus selbständigen Landsassen zusammengesetzt. Und darum kann Sallust selbst von den alten Zeiten schreiben: » die höchste Autorität lag wohl bei den Patriziern, die Kraft jedoch ganz gewiss bei den Plebejern « (Bf. an Caesar I, 5); auch sehen wir von jeher die Plebejer eine grosse Rolle im Staate spielen und ihre Familien sich vielfach mit den patrizischen verbinden. Der ungelehrte Mann unter uns wird also durchaus irregeführt, wenn er die Vorstellung empfängt, es habe sich in Rom um eine Aristokratie und einen Pöbel gehandelt. Die Eigentümlichkeit, das merk - würdig Lebensvolle des römischen Staates hat seinen Grund darin, dass er von Anfang an zwei unterschiedliche Teile enthielt (die manche Analogie in der politischen Wirksamkeit mit Whigs und Tories zeigen, nur dass es sich um » ge - borene Parteien « handelt), die aber beide durch genau dieselben Interessen des Besitzes, des Rechtes und der Freiheit mit dem Staate gleichmässig verwachsen waren: daher beständig frisches Leben im Innern, daher beständig eiserne Ein - mütigkeit nach aussen. Von den plebejischen Bestandteilen des Heeres berichtet Cato, sie seien: » viri fortissimi et milites strenuissimi «; es waren eben freie Männer, die für eigenes Heim und eigenen Herd kämpften; im alten Rom durften über - haupt nur Grundbesitzer den Heerdienst leisten, und Plebejer bekleideten Offiziers - stellen ebenso gut wie Patrizier! (siehe Mommsen: Abriss des römischen Staats - rechtes, 1893, S. 258 und Esmarch: Römische Rechtsgeschichte, 3. Aufl., S. 28 ff.).Caesar wurde inmitten einer dieser schweren Krisen127Römisches Recht.geboren; vielleicht erscheint sie uns aber nur darum schlimmer als alle früheren, weil sie uns in der Zeit näher steht; wir daher am ausführlichsten über sie benachrichtigt sind, auch weil wir den von Caesar herbeigeführten Ausgang kennen. Ich meinesteils halte aber die geschichtsphilosophische Auslegung dieser Vorfälle für ein pures Gedankending. Weder die rauhe Faust des ungestümen, von der Leidenschaft hingerissenen Plebejers Marius, noch die tigermässige Grausamkeit des kühl berechnenden Patriziers Sulla hätten der römischen Verfassung tötliche Wunden beigebracht. Selbst das Allerbedenklichste: die Befreiung vieler Tausende von Sklaven und die Verleihung der Bürgerwürde an viele Tausende von Freigesprochenen (und zwar aus politischen, unmoralischen Gründen) hätte Rom in kurzer Zeit über - wunden. Rom besass die Lebenskraft, das Sklavenblut zu adeln, das heisst, ihm den bestimmten römischen Charakter mitzuteilen. Einzig eine ganz gewaltige Persönlichkeit, einer jener abnormen Willenshelden, wie die Welt sie in einem Jahrtausend kaum einmal hervorbringt, vermochte es, einen solchen Staat zu Grunde zu richten. Man sagt, Caesar sei ein Retter Roms gewesen, nur zu früh hinweggerafft, ehe er sein Werk vollenden konnte: das ist falsch. Als der grosse Mann mit seinem Heere an den Ufern des Rubicon angelangt war, soll er unentschlossen Halt geboten und die Tragweite seines Thuns noch einmal sich überlegt haben: setze er nicht hinüber, so gerate er selber in Gefahr, überschreite er die ihm vom heiligen Gesetz gesteckte Grenze, so rufe er Gefahr herauf über die ganze Welt (d. h. über den römischen Staat); er entschied für seinen Ehrgeiz und gegen Rom. Die Anekdote mag erfunden sein, Caesar wenigstens lässt uns in seinem » Bürgerkrieg « keinen derartigen inneren Gewissenskampf schauen; die Situation aber wird dadurch genau bezeichnet. Ein Mann kann noch so gross sein, frei ist er nie, seine Vergangenheit schreibt seiner Gegenwart gebieterisch die Richtung vor; hat er einmal das Schlechtere erwählt, so muss er fortan schaden, er mag wollen oder nicht, und schwingt er sich auch zum Alleinherrscher auf, im Wahne nunmehr lauter Gutes wirken zu können, so wird er an sich selber erfahren, dass » die Macht der Könige am wirksamsten in der Zerstörung ist. « An Pompejus hatte Caesar noch von Ariminum aus geschrieben: das Interesse der Republik liege ihm mehr am Herzen als das eigene Leben;1)De bello civili, I, 9. Nebenbei gesagt, echt römisch, in einem solchen Augenblick einen so platten Ausdruck zu gebrauchen! noch nicht lange jedoch war Caesar Gutes128Das Erbe der alten Welt.zu wirken allmächtig, als Sallust, sein treuer Freund, ihn schon fragen musste: ob er denn eigentlich die Republik gerettet oder ge - raubt habe? 1)Zweiter Brief an Caesar.Im besten Falle hatte er sie gerettet wie Virginius seine Tochter. Pompejus, erzählen mehrere zeitgenössische Schrift - steller, wollte keinen neben sich, Caesar keinen über sich dulden. Man stelle sich vor, was aus Rom noch hätte werden können, wenn zwei solche Männer, anstatt Politiker zu sein, als Diener des Vaterlandes gehandelt hätten, wie das bisher römische Art gewesen war!

Es kann nicht meine Aufgabe sein, das hier flüchtig Angedeutete näher auszuführen; mir lag einzig daran, fühlbar zu machen, wie wenig man das Wesentliche an einem Volk erkennt, wenn man sich einzig und allein mit der Geschichte seiner Politiker und Feldherren abgiebt. Ganz besonders ist das bei Rom der Fall. Wer Rom lediglich von diesem Standpunkt aus betrachtet, und hielte er dabei auch noch so fleissig historische und pragmatisierende Umschau, kann gewiss zu keinem anderen Ergebnis als Herder gelangen, dessen Darstellung darum auch klassisch bleiben wird. Für diesen genialen Mann ist römische Geschichte » Dämonengeschichte «, Rom eine » Räuberhöhle «; was die Römer der Welt schenken, ist, » verwüstende Nacht «, ihre » grossen, edlen Seelen, Scipionen und Caesar « bringen ihr Leben mit Morden zu, je mehr Menschen sie in ihren Kriegszügen hingeschlachtet haben, umso feuriger das Lob, das ihnen gespendet wird 2)Ideen zur Geschichte der Menschheit, Buch 14. Das ist von einem gewissen Standpunkt aus voll - kommen richtig; doch haben die Forschungen der Niebuhr, Duruy und Mommsen (besonders die des zuletzt genannten), zugleich mit denen der glänzenden » romanistischen « Rechtshistoriker unseres Jahr - hunderts, Savigny, Jhering und vieler anderer, zugleich ein anderes Rom aufgedeckt, auf dessen Dasein zuerst Montesquieu die Auf - merksamkeit gelenkt hatte. Hier galt es, dasjenige aufzufinden und ins rechte Licht zu stellen, was die alten römischen Geschichtsschreiber, beschäftigt, Schlachten zu feiern, Verschwörungen zu schildern, gut zahlenden Politikern zu schmeicheln, Feinde zu verleumden, gar nicht bemerkt oder wenigstens niemals nach Verdienst gewürdigt hatten. Eine Nation wird nicht, was Rom in der Geschichte der Menschheit geworden ist, durch Raub und Mord, sondern trotz Raub und Mord; kein Volk bringt Staatsmänner und Krieger von so129Römisches Recht.bewunderungswürdig starkem Charakter hervor wie Rom, wenn es nicht selber eine breite, feste und gesunde Grundlage für Charakter - stärke abgiebt. Was Herder, und mit ihm so viele, Rom nennen, kann also nur ein Teil von Rom sein, und zwar nicht der wichtigste. Viel treffender finde ich die Ausführungen des Augustinus in dem fünften Buch seines De civitate Dei; er macht hier besonders auf die Abwesenheit der Habgier und des Eigennutzes bei den Römern auf - merksam und wie so ihr ganzes Wollen sich in dem einen Entschluss kundgegeben habe: » entweder frei zu leben, oder tapfer zu Grunde zu gehen « (aut fortiter emori, aut liberos vivere); die Grösse der römischen Macht und ihre Dauer schreibt Augustinus dieser moralischen Grösse zu.

In der allgemeinen Einleitung zu diesem Buche sprach ich von anonymen Kräften, welche das Leben der Völker gestalten; davon haben wir in Rom ein leuchtendes Beispiel. Ich glaube, man könnte ohne zu übertreiben sagen, Roms ganze wahre Grösse war eine solche anonyme » Volksgrösse «. Schlug bei den Athenern der Geist in die Krone, so schlug er hier in Stamm und Wurzeln; Rom war das wurzelhafteste aller Völker. Daher trotzte es auch so vielen Stürmen, und die Weltgeschichte bedurfte fast eines halben Jahrtausends, um den morschen Stamm auszurotten. Daher aber auch das eigentümliche Grau in Grau dieser Geschichte. Bei dem römischen Baum schoss alles ins Holz, wie die Gärtner sagen; er trug wenig Blätter, noch weniger Blüten, der Stamm war aber unvergleichlich stark; an ihm schlangen sich spätere Völker in die Höhe. Der Dichter und der Philosoph konnten in dieser Atmosphäre nicht gedeihen, dieses Volk liebte nur jene Persönlichkeiten, in denen es sich selbst erkannte, jedes Ungewöhnliche erweckte sein Misstrauen; » wer anders sein wollte als die Genossen, hiess in Rom ein schlechter Bürger. « 1)Mommsen: Römische Geschichte, 8. Aufl., I, 24.Das Volk hatte Recht; der beste Staatsmann für Rom war derjenige, der sich nicht eine Haaresbreite von dem entfernte, was die Allgemeinheit wollte, ein Mann, der es verstand, einmal hier, einmal dort das Sicherheitsventil zu öffnen, den wachsenden Kräften durch verlängerte Kolben, durch die Einrichtung entsprechender Centrifugalkugeln und Drosselklappen zu begegnen, bis die Staatsmaschine sich quasi auto - matisch erweitert und administrativ ergänzt hatte, kurz, ein zuver - lässiger Maschinist: das war der Idealpolitiker für dieses starke, be -Chamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 9130Das Erbe der alten Welt.wusste, durchaus nur den praktischen Lebensinteressen zugewandte Volk. Sobald Einer über dieses Mass hinaus wollte, wurde er, not - gedrungen, Verbrecher am Gemeinwesen.

Rom, ich wiederhole es, denn dies ist die Grunderkenntnis, aus der jede andere erst entfliesst, Rom ist nicht die Schöpfung einzelner Männer, sondern eines ganzen Volkes; im Gegensatz zu Hellas ist hier alles wahrhaft Grosse » anonym «; keiner seiner grossen Männer ragt an die Grösse des gesamten römischen Volkes heran. Sehr richtig und beherzigenswert ist darum, was Cicero sagt (Republik, II, 1): » Aus folgendem Grunde ist die Verfassung unseres Staates anderen Staaten überlegen: anderwärts waren es einzelne Männer, welche durch Gesetze und Institute die Staatsordnung begründeten, wie z. B. auf Kreta Minos, in Lakedämonien Lykurg, in Athen (wo gar häufiger Wechsel stattfand) das eine Mal Theseus, das andere Mal Drako, dann wieder Solon, Kleisthenes und noch viele andere; dagegen gründet sich unser römisches Gemeinwesen auf das Genie nicht eines einzelnen Mannes, sondern vieler Männer, noch genügte zu seiner Errichtung die Spanne eines flüchtigen Menschenlebens, sondern es ist das Werk von Jahrhunderten und von aufeinander folgenden Gene - rationen. « Selbst der Feldherr brauchte in Rom nur die Tugenden, die seine ganze Armee besass, frei gewähren zu lassen Geduld, Ausdauer, Selbstlosigkeit, Todesverachtung, den praktischen Sinn, vor allem das hohe Bewusstsein der staatlichen Verantwortlichkeit und er war des Sieges sicher, wenn nicht heute, dann morgen. Ebenso wie die Truppen aus Bürgern bestanden, waren ihre Befehls - haber Magistrate, die nur vorübergehend das Amt eines Administrators oder eines Gesetzberaters und Rechtssprechers mit dem eines Feld - herrn vertauschten; im allgemeinen machte es auch wenig Unterschied, wenn im regelmässigen Wechsel der Ämter der eine Beamte den anderen im Kommando ablöste; der Begriff » Soldat « kam erst in der Zeit des Verfalles auf. Nicht als Abenteurer, als die sesshaftesten aller Bürger und Bauern haben die Römer die Welt erobert.

Römische Ideale.
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Ja, hier drängt sich die Frage auf: ist es überhaupt zulässig, bei den Römern von » Eroberern « zu reden? Ich glaube kaum. Er - oberer waren die Germanen, die Araber, die Türken; die Römer dagegen, von dem Tag an, wo sie in die Geschichte als individuell gesonderte Nation eintreten, zeichnen sich durch ihre fanatische, warmherzige und wenn man will, engherzige Liebe für ihr Vaterland aus; sie sind an diesen Fleck Erde kein hervorragend gesunder,131Römisches Recht.kein ungewöhnlich reicher durch unzerreissbare Herzensbande ge - kettet, und was sie in den Krieg treibt, was ihnen die unbezwingbare Macht verleiht, das ist zunächst und vor allem die Liebe zur Heimat, der verzweifelte Entschluss, den unabhängigen Besitz dieser Scholle nur mit dem Leben aufzugeben. Dass dieses Prinzip zur allmählichen Erweiterung des Staates führen musste, bezeugt nicht Eroberungslust, sondern es war eine Zwangslage. Selbst heute ist die Macht der wichtigste Faktor im internationalen Völkerrecht, und wir sahen, dass in unserem Jahrhundert die friedfertigsten Nationen, wie Deutschland, ihren Waffenstand unaufhörlich vergrössern mussten, doch einzig im Interesse ihrer Unabhängigkeit. Wie viel schwieriger war die Lage Roms, umringt von einem konfusen Durcheinander von Völkchen und Völkern, in nächster Nähe die Menge der verwandten, ewig sich bekämpfenden Stämme, im weiteren Kreise das unerforschte, gewitterschwangere Chaos der Barbaren, der Asiaten und der Afrikaner! Verteidigung genügte nicht; wollte Rom Ruhe geniessen, so musste es das Friedenswerk der Organisation und Verwaltung von einem Land zum andern ausdehnen. Wohin unter den Zeitgenossen Roms jene kleinen Völker es brachten, die keinen politischen Blick be - sassen, das sehen wir an der Geschichte aller hellenischen Staaten; Rom dagegen besass diesen Blick wie nie ein Volk vor ihm oder nach ihm. Seine Leiter handelten nicht nach theoretischen Einsichten, wie wir beim Anblick einer so streng logischen Entwickelung heute fast glauben möchten; vielmehr folgten sie einem fast unfehlbaren Instinkte; dies ist aber auch der sicherste aller Kompasse, wohl dem, der ihn besitzt! Nun hören wir viel von römischer Härte, römischem Eigennutz, römischer Gier; ja! war es denn möglich, inmitten einer solchen Welt für Unabhängigkeit und Freiheit zu streiten, ohne hart zu sein? kann man im Kampf ums Leben seinen Platz behaupten, ohne in erster Linie an sich selbst zu denken? ist nicht Besitz Kraft? Was man aber wenig oder gar nicht beachtet, ist, dass der beispiellose Erfolg der Römer nicht als ein Erfolg der Härte, des Eigennutzes, der Gier aufgefasst werden kann diese wüteten ringsherum in einem mindestens eben so hohen Grade wie unter den Römern, auch heute ist es nicht viel anders geworden , nein, die Erfolge der Römer beruhen auf einer geistigen und sittlichen Überlegenheit. Freilich eine einseitige Überlegenheit; was ist aber auf dieser Welt nicht einseitig? Und es kann nicht geleugnet werden, dass in gewissen Beziehungen die Römer tiefer empfunden und9*132Das Erbe der alten Welt.schärfer gedacht haben, als jemals andere Menschen, wozu die Eigen - tümlichkeit kam, dass bei ihnen das Fühlen und das Denken ergänzend zusammenwirkten.

Ich nannte schon ihre Liebe zur Heimat. Das war ein Grund - zug des altrömischen Wesens. Es war nicht die rein intellektuelle Liebe der Hellenen, sangeslustig und überschäumend, doch leicht den verräterischen Eingebungen des Eigennutzes erliegend, auch nicht die wortreiche der Juden: man weiss, wie die Juden die » babylonische Gefangenschaft « so rührend besingen, von dem grossherzigen Darius aber mit Schätzen in die Heimat zurückgeschickt, lieber Geldopfer bringen und bloss die Ärmsten zur Rückkehr zwingen, als dass sie das fremde Land, wo es ihnen so gut geht, verlassen; nein, bei den Römern war es eine treue, wortkarge, durchaus unsentimentale, dabei aber zu jedem Opfer bereite Liebe; kein Mann und kein Weib unter ihnen zögerte je, das Leben für das Vaterland zu opfern. Wie erklärt man nun eine so übermässige Liebe? Rom war (in alten Zeiten) keine reiche Stadt; ohne die Grenzen Italiens zu überschreiten, konnte man weit fruchtreichere Gegenden sehen. Was Rom aber gab und sicherte, das war ein in sittlicher Beziehung menschenwürdiges Dasein. Die Römer haben nicht die Ehe erfunden, sie haben nicht das Recht erfunden, sie haben nicht den geordneten, Freiheit gewährenden Staat erfunden: das alles erwächst aus der menschlichen Natur und findet sich überall in irgend einer Form |und in irgend einem Grade; was aber die arischen Stämme unter diesen Begriffen als Grundlagen aller Sittlichkeit und Kultur sich vorstellten, hatte bis auf die Römer nirgends festen Fuss gefasst. 1)Für die arischen Stämme speziell vergl. Leist’s vortreffliche: Gräco - italische Rechtsgeschichte (1884) und sein noch nicht beendetes Altarisches Jus civile, auch Jherings: Vorgeschichte der Indoeuropäer. Die ethnischen Forschungen der letzten Jahre haben aber mehr und mehr gezeigt, dass Ehe, Recht und Staat in irgend einer Form überall, auch bei den geistig zumindest entwickelten Wilden bestehen. Und das muss scharf betont werden, denn die Entwickelungsmanie und der pseudowissenschaftliche Dogmatismus unseres Jahrhunderts haben in die meisten populären Bücher durchaus erfundene Darstellungen hineingebracht, die, trotz der sicheren Resultate genauer Forschungen, gar nicht mehr hinauszubringen sind; diese Darstellungen dringen ausserdem von dort aus in wertvolle ernste Werke ein. In Lamprecht’s vielgenannter Deutscher Geschichte, Band I, z. B. finden wir eine angebliche Schilderung der gesellschaftlichen Zustände der alten Germanen, entworfen » unter den Auspizien der vergleichenden Völkerkunde «; hier wird von einer Zeit berichtet, in der bei den Germanen » eine durch keinerlei UnterschiedeWaren die Hellenen zu nahe an Asien133Römisches Recht.geraten, zu plötzlich civilisiert worden? Hatten die fast ebenso feurig begabten Kelten im wilden Norden sich selber so verwildert, dass sie darum nichts mehr bilden, nichts mehr organisieren, keinen Staat mehr1)begrenzte Geschlechtsgemeinschaft herrschte, alle Geschwister untereinander Gatten waren, alle ihre Kinder untereinander Brüder und Schwestern u. s. w. «; daraus soll sich dann im weiteren Verlauf der Zeiten das sogenannte Matriarchat, das Mutterrecht, als erster Fortschritt herausgebildet haben und so geht das Märchen seitenlang weiter; man glaubt dem ersten Stottern einer neuen Mythologie zu lauschen. Was das Mutterrecht anbelangt (d. h. Familiennamen und Erbrecht nach der Mutter, da die Vaterschaft stets eine gemeinschaftliche war), so hat Jhering überzeugend dargethan, dass es schon den ältesten Ariern, noch vor der Ablösung eines Germanenstammes, » gänzlich fremd « war (Vorgeschichte, S. 61 ff); und die urältesten Bestandteile der arischen Sprache deuten schon auf » die Herren - stellung des Gatten und Hausvaters « (Leist: Gräco-ital. Rechtsgeschichte, S. 58); jene Annahme entbehrt folglich jeder wissenschaftlichen Grundlage. Wichtiger noch ist es, festzustellen, dass die von Lamprecht angerufene » vergleichende Völkerkunde « nirgends auf der ganzen Welt Geschlechtsgemeinschaft unter Menschen gefunden hat. Im Jahre 1896 ist ein kleines Werk erschienen, welches in streng objektiver Weise alle hierher gehörigen Forschungen zusammenfasst, Ernst Grosse’s: Die Formen der Familie und die Formen der Wirtschaft, und da sieht man, wie die angeblich empirischen Philosophen, Herbert Spencer an der Spitze, und die angeblich streng empirischen, als » Autoritäten « verehrten Anthropologen und Ethnologen (mit rühmlichen Ausnahmen, wie Lubbock) einfach von der a priori Voraussetzung ausgingen, es müsse bei einfacheren Völkern Geschlechtsgemeinschaft geben, da die Entwickelungslehre es erfordere, und wie sie dann überall Bestätigungen fanden. Jetzt aber ergeben genauere und unvoreingenommene Studien für einen Stamm nach dem anderen, dass die Ge - schlechtsgemeinschaft dort nicht existiert, und Grosse darf die apodiktische Be - hauptung aufstellen: » Es giebt schlechterdings kein einziges primitives Volk, dessen Geschlechtsverhältnisse sich einem Zustande von Promiscuität näherten oder auch nur auf ihn hindeuteten. Die festgefügte Einzelfamilie ist keineswegs erst eine späte Errungenschaft der Civilisation, sondern sie besteht schon auf der untersten Kulturstufe als Regel ohne Ausnahme « (S. 42). Die genauen Belege findet man bei Grosse; im übrigen bezeugen alle anthropologischen und ethnologischen Berichte der letzten Jahre, wie sehr wir die sogenanten Wilden unterschätzt, wie oberflächlich wir beobachtet, wie unbesonnen wir auf Urzustände geschlossen hatten, von denen wir nicht das Geringste sicher wissen. Da dieser Gegenstand prinzipiell ungemein wichtig ist und auch auf die wissenschaftliche Denkkraft und Denkmethode unsers Jahrhunderts ein eigentümliches, sehr be - merkenswertes Streiflicht wirft, so möchte ich noch ein lehrreiches Beispiel be - sonders anführen. Die Urbewohner von Zentralaustralien sollen bekanntlich zu den geistig zurückgebliebensten aller Menschen gehören; Lubbock nennt sie: » elende Wilde, die nicht ihre eigenen Finger, selbst nicht einmal die an einer Hand, zählen können «. (Die vorgeschichtliche Zeit, deutsche Üb., II, 151). Man kann sich denken, mit welcher Geringschätzung der Reisende Eyre über die » höchst134Das Erbe der alten Welt.gründen konnten? 1)Thierry, Mommsen etc.Oder wirkten nicht vielmehr in Rom Blut - mischungen innerhalb des gemeinsamen Mutterstammes, zugleich mit der durch geographische und historische Verhältnisse bedingten Zucht - wahl zur Hervorbringung abnormer Begabungen (natürlich mit be -1)eigentümlichen Eheverbote « dieser elenden Rasse berichtete, wo » ein Mann kein Weib heiraten darf, die denselben Namen trägt wie er, und sei sie mit ihm auch gar nicht verwandt «. Merkwürdig! Und wie konnten diese Menschen, deren Pflicht es nach der Evolutionstheorie gewesen wäre, in unbeschränktester Geschlechts - gemeinschaft zu leben, sich so unerklärliche Grillen gestatten? Nunmehr haben zwei englische Beamte, die jahrelang unter diesen wilden Völkern lebten und ihr Vertrauen sich erwarben, uns ausführlich über sie berichtet (Royal Society of Victoria, April 1897, Auszug in » Nature « vom 10. Juni 1897) und es stellt sich heraus, dass ihr ganzes geistiges Leben, ihr » Vorstellungsleben « (wenn ich so sagen darf), von einer so fabelhaften Kompliziertheit ist, dass unsereiner ihm schwer folgen kann. So haben z. B. diese Menschen, die angeblich nicht bis 5 zählen können, einen verwickelteren Seelenwanderungsglauben als Plato und dieser Glaube giebt die Grundlage ihrer Religion ab! Nun aber ihre Ehegesetze. In der besonderen Gegend, von der hier die Rede ist, wohnt ein ethnisch ein - heitlicher Stamm, die Aruntas. Jede eheliche Verbindung mit fremden Stämmen ist verboten; dadurch wird also die Rasse rein erhalten. Den so äusserst schäd - lichen Folgen einer langanhaltenden Inzucht aber (Lamprecht’s Germanen wären ja längst, ehe sie in die Geschichte eintraten, alle Cretins gewesen!) begegnen die Australneger durch folgende sinnreiche Kombination: den ganzen Stamm teilen sie (in Gedanken) in vier Gruppen ein; ich bezeichne sie zur Vereinfachung als a, b, c und d. Ein Jüngling aus der Gruppe a darf nur ein Mädchen aus der Gruppe d heiraten, der männliche b nur die weibliche c, der männliche c nur die weibliche b, der männliche d nur die weibliche a. Die Kinder von a und d bilden wiederum die Gruppe b, die von b und c die Gruppe a, die von c und b die Gruppe d, die von d und a die Gruppe c. Ich vereinfache sehr und gebe nur das Gerippe, denn ich fürchte, mein europäischer Leser käme sonst bald in die Lage, ebenfalls nicht bis 5 zählen zu können. Dass die Rechte des Herzens bedeutende Einschränkungen nach diesem System sich gefallen lassen müssen, das lässt sich nicht leugnen, aber ich frage, wie hätte ein wissenschaftlich gebildeter Züchter etwas Sinnreicheres erdenken können, um den beiden, auf strenger Be - obachtung fussenden Grundgesetzen der Züchtung zu entsprechen, die da sind: 1. die Rasse ist rein zu bewahren; 2. andauernde Inzucht ist zu vermeiden? (siehe Kap. 4). Eine derartige Erscheinung fordert Ehrfurcht und Schweigen. Bei ihrem Anblick schweigt man auch gern über solche Konstruktionen wie die vorhin genannten aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Wie jedoch, wenn man von den so unendlich mühsamen Versuchen dieser guten australischen Aruntas den Blick auf Rom wirft und hier aus dem Herzen des Volkes (erst viel später in eherne Tafeln gesetzlich eingegraben) die Heiligkeit der Ehe, die Rechtlichkeit der Familie, die Freiheit des Hausherrn inmitten einer entsetzlichen Welt ent - stehen sieht?135Römisches Recht.gleitendenden Rückbildungserscheinungen)? 1)Bis vor Kurzem war es sehr beliebt, die Bevölkerung Roms als eine Art von Plaid nebeneinander lebender Völkerschaften darzustellen: von hellenischen Bestandteilen hätte sie ihre Traditionen, von etruskischen ihre Verwaltung, von sabinischen ihr Recht, von samenitischen ihren Geist u. s. w. Rom wäre gewisser - massen also ein blosses Wort gewesen, ein Name, die gemeinsame Bezeichnung für ein internationales Stelldichein. Auch diese Seifenblase, aufgestiegen aus dem Gehirnschaum blasser Gelehrten, ist, wie so manche andere, in Mommsen’s Händen zerplatzt. Thatsachen und Vernunft, beide beweisen die Widersinnigkeit einer derartigen Hypothese, » die sich bemüht, das Volk, das wie wenig andere seine Sprache, seinen Staat und seine Religion rein und volkstümlich entwickelt hat, in ein wüstes Gerölle etruskischer und sabinischer, hellenischer und leider sogar pelasgischer Trümmer zu verwandeln « (Röm. Gesch. I, 43). Dass aber dieses durch - aus einheitliche, eigenartige Volk aus einer ursprünglichen Kreuzung verschiedener verwandter Stämme hervorging, ist sicher und wird von Mommsen selber klar entwickelt; er nimmt zwei latinische und einen sabellischen Stamm an; später trat noch allerhand dazu, aber erst, als der römische Nationalcharakter fest ausgebildet war, so dass er sich das Fremde assimilierte. Es wäre jedoch lächerlich, » Rom darum den Mischvölkern beizuzählen « (a. a. O., S. 44). Etwas ganz anderes ist es, festzustellen, dass die ausserordentlichsten, individuellsten Begabungen und die stämmigste Kraft aus Kreuzungen hervorgehen: Athen war ein glänzendes Beispiel, Rom ein zweites, das Italien und Spanien des Mittelalters weitere, wie es heute Preussen und England sind. (Näheres bringt Kap. 4.) In dieser Beziehung ist wohl die hellenische Mythe, die Latiner entstammten einer Verbindung zwischen Hercules und einem hyperboräischen Mädchen, sehr bemerkenswert, als einer jener unbegreiflichen Züge angeborener Weisheit; wogegen die verzweifelten Versuche des Dionysius von Halikarnass (der zur Zeit von Christi Geburt lebte), die Abstammung der Römer von Hellenen nachzuweisen, » da sie doch unmöglich barbarischen Ursprungs sein könnten «, in recht rührend naiver Art zeigen, wie gefährlich eine Verbindung von grosser Gelehrsamkeit mit vorgefassten Meinungen und Vernunftschlüssen werden kann!Ich weiss es nicht. Sicher ist aber, dass es vor der römischen keine heilige, würdige und zugleich praktische Regelung der Ehe - und Familienverhältnisse gab; ebensowenig ein rationelles Recht auf sicherer, ausbildungsfähiger Grund - lage ruhend, und eine den Stürmen einer chaotischen Zeit gewachsene staatliche Organisation. Mochte das einfach gezimmerte Räderwerk des alten römischen Staates häufig noch unbeholfen arbeiten und gründliche Reparaturen erfordern, es war ein prächtiges, zeit - und zweckgemässes Gebäude. Das Recht war dort von Anfang an un - endlich fein empfunden und gedacht, und seine Beschränkung ent - sprach den Verhältnissen. Und endlich die Familie! die gab es einzig und allein in Rom, und zwar so schön, wie sie die Welt nie wieder gesehen hat! Jeder römische Bürger, gleichviel ob Patrizier oder Plebejer,136Das Erbe der alten Welt.war Herr, ja König in seinem Hause: sein Wille reichte über den Tod hinaus durch die unbedingte Freiheit des Testierens und die Heiligkeit des Testaments; sein Heim war gegen behördliche Ein - mischung durch festere Rechte geschützt als das unsere; im Gegensatz zum semitischen Patriarchat hatte er das Prinzip der Agnation1)Die Familie auf Vaterverwandtschaft allein beruhend, so dass nur die Ab - stammung von der Vaterseite durch Mannspersonen eine rechtliche Verwandtschaft begründet, dagegen nicht die von der Mutterseite. Nur eine in den richtigen Formen geschlossene Ehe erzeugt Kinder, die zur agnatischen Familie gehören. ein - geführt und dadurch die ganze Schwiegermutter - und überhaupt Weiber - wirtschaft von vornherein abgeschafft; dagegen wurde die mater familias wie eine Königin geehrt, geschätzt, geliebt! Wo sah man Ähn - liches in der damaligen Welt? Jenseits der Civilisation vielleicht; inner - halb ihrer nirgends. Und darum liebte der Römer seine Heimat mit so zäher Liebe und vergoss er für sie sein Herzensblut. Rom war für ihn die Familie und das Recht, ein ragender Fels der Menschenwürde inmitten wilder Brandung.

Man glaube doch nicht, dass irgend etwas Grosses auf dieser Welt vollbracht werden könne, ohne dass eine rein ideale Kraft mit - wirke. Die Idee allein wird es freilich nicht thun; ein handgreifliches Interesse muss ebenfalls dabei sein, und wäre es auch nur, wie bei den Glaubensmärtyrern, ein jenseitiges Interesse; ohne ideale Beigabe besitzt jedoch der Kampf, bloss um Gewinn, wenig Widerstandskraft; höhere Leistungsfähigkeit giebt einzig ein Glaube, und das eben nenne ich, im Gegensatz zum unmittelbaren Interesse des Augenblickes sei es Gelüste, Besitz oder was noch einen idealen Trieb. Wie Dionysius von den alten Römern sagt: » Sie dachten gross von sich selbst und durften daher nichts ihrer Voreltern Unwürdiges thun « (I, 6); mit anderen Worten, sie hielten sich ein Ideal von sich selbst vor. Ich meine das Wort » Ideal « nicht in dem verkommenen, ver - schwommenen Sinne der romantischen » blauen Blume «, sondern in dem Sinne jener Kraft, welche den hellenischen Bildner dazu antrieb, aus dem Steine heraus den Gott zu bilden, und welche den Römer lehrte, seine Freiheit, seine Rechte, seine Verbindung mit einem Weibe zur Ehe, seine Verbindung mit anderen Männern zu einem Gemein - wesen als etwas Heiliges zu betrachten, als das Kostbarste, was das Leben schenken kann. Ein Fels, sagte ich, nicht ein Wolkenkuckucks - heim. Als Traum bestand das ja mehr oder weniger bei allen Indo - europäern: die heilige Scheu, den heiligen Ernst treffen wir in ver -137Römisches Recht.schiedenen Gestaltungen bei allen Mitgliedern dieser Familie an; die hartnäckige Kraft der Verwirklichung auf praktischem Gebiete war aber Keinem so gegeben, wie den Römern. Man glaube doch nicht, dass » Räuber « die Thaten vollbringen können, welche der römische Staat, der Welt zum Heil, vollbrachte. Und wenn man die Absurdität einer solchen Auffassung erst eingesehen hat, dann suche man tiefer, und man wird finden, dass diese Römer eine civilisatorische Macht ohnegleichen waren, und dass sie das nur sein konnten, weil sie, neben grossen Fehlern und auffallenden intellektuellen Lücken, hohe geistige und sittliche Eigenschaften besassen.

Mommsen erzählt (I, 321) von dem Bündnis zwischen denDer Kampf gegen die Semiten. Babyloniern und den Phöniziern, um Griechenland und Italien zu unter - werfen, und meint: » mit einem Schlag wäre die Freiheit und die Civilisation vom Angesicht der Erde vertilgt gewesen «. Man über - lege sich recht, was diese Worte in dem Mund eines Mannes, der wie kein zweiter den gesamten Stoff übersieht, bedeuten; die Freiheit und die Civilisation (ich würde eher die Kultur gesagt haben, denn wie kann man den Babyloniern und den Phöniziern oder auch den Chinesen Civilisation absprechen?) wären vertilgt, also auf ewig ver - tilgt gewesen! Und dann nehme man die Bücher zur Hand, die eine ausführliche, wissenschaftliche Beschreibung der phönizischen und babylonischen Civilisation geben, damit man sich klar werde, worauf ein Urteil von dieser Tragweite sich gründet. Man wird bald ein - sehen, was eine hellenische » Kolonie « von einer phönizischen » Faktorei « unterscheidet; man wird auch bald an dem Unterschied zwischen Rom und Karthago erkennen lernen, was das ist, eine ideale Kraft, selbst auf dem Gebiete der trockensten, eigensüchtigsten Interessen - politik. Wie viel giebt uns z. B. Jhering zu denken, wenn er (Vorgeschichte S. 176) uns lehrt, zwischen den » Handelsstrassen « der Semiten und den » Heeresstrassen « der Römer zu unterscheiden: jene dem Hang nach Ausdehnung und Besitz, diese dem Bedürfnis nach Kon - zentration und Verteidigung der Heimat entsprungen. Man wird auch unterscheiden lernen zwischen authentischen » Räubern «, die nur insofern civilisieren, als sie mit beneidenswerter Intelligenz alle praktisch ver - wertbaren Erfindungen aufzugreifen und zu verarbeiten, und bei fremden Völkern im Interesse ihres Handels künstliche Bedürfnisse grosszuziehen verstehen, sonst aber selbst ihren nächsten Stammesangehörigen jedes menschliche Recht rauben, die nirgends etwas organisieren, ausser Steuern und unbedingte Knechtschaft, die überhaupt, gleichviel wo sie138Das Erbe der alten Welt.auch Fuss fassen, niemals ein ganzes Land ordnend zu beherrschen trachten, sondern stets nur auf Handelsobjekte fahnden, sonst aber alles so barbarisch lassen, wie es ist: man wird, sage ich, von solchen echten Räubern die Römer zu unterscheiden lernen, die um den unverrück - baren heimatlichen Mittelpunkt herum langsam und notgedrungen, um sich die Segnungen ihrer eigenen Ordnung daheim zu bewahren, ihren ordnenden, klärenden Einfluss auch nach aussen ausbreiten müssen, niemals eigentlich erobernd (wenn sie es vermeiden können), jede Eigenart mit Verehrung schonend, dabei aber so vorzüglich organi - sierend, dass Völker mit der Bitte zu ihnen kommen, an dem Segen dieser Ordnung teilnehmen zu dürfen,1)Eines der letzten Beispiele sind die Juden, welche mit der flehenden Bitte nach Rom kamen (um das Jahr 1) sie von ihrem semitischen Königtum zu erlösen und als römische Provinz aufzunehmen. Welche Dankbarkeit sie dem mild und nachsichtig regierenden Rom später bewiesen, ist bekannt. ihr eigenes, vortreffliches, » römisches Recht « in liberalster Weise vielen, nach und nach immer zahlreicheren zugänglich machend, zugleich die verschiedenen fremden Rechte mit Zugrundelegung des römischen zu einem allmählich sich klärenden » allgemeinen Weltrecht «2)Über das häufig sehr unklar entwickelte und definierte » jus gentium « schreibt Esmarch in seiner » Römischen Rechtsgeschichte «, 3. Aufl., S. 185: » Dieses Recht ist im römischen Sinne weder als ein aus der Vergleichung der bei allen den Römern bekannten Völkern geltenden Rechte gewonnenes Aggregat zufällig gemeinsamer Rechtssätze, noch als ein objektiv bestehendes, vom römischen Staate anerkanntes und rezipiertes Handelsrecht, sondern seiner wesentlichen Substanz nach als eine dem Kerne des römischen Volksbewusstseins ent - sprungene Ordnung für die internationalen privatrechtlichen Beziehungen auf - zufassen. « Innerhalb der einzelnen Länder blieben die Rechtsverhältnisse von den Römern möglichst unangetastet, einer der überraschendsten Beweise von dem grossen Respekt, den sie jeder Eigenart zollten. vereinigend: das alles ist doch wahrlich kein Räuberhandwerk! Vielmehr haben wir darin die Vor - arbeiten zu erblicken für die dauernde Einführung indoeuropäischer Freiheits - und Civilisationsideale. Mit Recht sagt Livius: » Nicht unsere Waffen allein, auch die römische Gesetzgebung eroberte uns weithinreichenden Einfluss «.

Man sieht, die übliche Auffassung Roms, als der erobernden Nation par excellence, ist eine durchaus falsche. Sogar als es sich selber untreu geworden oder vielmehr, als das römische Volk eigent - lich von der Erde ganz und gar verschwunden war und nur die Idee desselben noch über seinem Grabe schwebte, sogar dann noch konnte es von diesem grossen Prinzip seines Lebens nicht weit ab -139Römisches Recht.weichen: selbst die rohen Soldatenkaiser vermochten es nicht, diese Tradition zu brechen. Darum kommt auch der wahre Schlachtenheld als einzelne Erscheinung unter den Römern gar nicht vor. Ich will nicht erst Alexander, Karl XII. oder Napoleon zum Vergleich heran - ziehen, ich frage aber, ob nicht der eine Hannibal als erfindungsreicher, verwegener, eigenmächtiger Kriegsfürst mehr eigentliche Genialität an den Tag gelegt hat, als alle römische Imperatoren zusammen?

Dass Rom nicht für ein zukünftiges Europa, dass es nicht im Interesse einer fernhinreichenden Kulturaufgabe, sondern für sich selbst gekämpft hat, das braucht kaum gesagt zu werden; gerade dadurch aber, dass es seine eigenen Interessen mit der rücksichtslosen Energie eines moralisch starken Volkes verfocht, hat es jene » geistige Entwickelung der Menschheit, die auf dem indogermanischen Stamm beruht «, vor sicherem Untergang bewahrt. Das sieht man am besten in dem entscheidensten aller seiner Kämpfe, dem mit Karthago. Wäre Roms politische Entwickelung nicht bis dahin so streng logisch gewesen, hätte es nicht bei Zeiten das übrige Italien sich unterordnet und diszipliniert, so wäre jener vorhin genannte tötliche Schlag auf Freiheit und Civilisation von den verbündeten Asiaten und Puniern noch ausgeführt worden. Und wie wenig ein einzelner Held solchen weltgeschichtlichen Lagen gegenüber vermag, trotzdem er allein sie vielleicht überblickt, zeigt uns das Schicksal Alexander’s, der Tyrus vernichtet hatte und gegen Karthago zu ziehen gedachte, bei seinem frühen Tode aber nichts hinterliess, als die Erinnerung an sein Genie. Das langlebige römische Volk dagegen war jener grossen Aufgabe gewachsen, welche es zuletzt in die lapidaren Worte zusammenfasste: delenda est Carthago.

Wie viel hat man nicht über die Vertilgung Karthagos durch die Römer gewehklagt und moralisiert, von Polybius bis zu Mommsen! Erfrischend wirkt es, wenn man einmal einem Schriftsteller begegnet, der, wie Bossuet, einfach meldet: » Karthago wurde eingenommen und vertilgt von Scipio, der sich hierin würdig seines grossen Ahnen erwies «, ohne jede moralische Entrüstung, ohne die übliche Phrase: aller Jammer, der später über Rom hereinbrach, sei eine Vergeltung für diese Missethat. Ich schreibe nicht eine Geschichte Roms und habe folglich auch nicht über die Römer zu Gericht zu sitzen; Eines aber ist so klar wie die Sonne am Mittag: wäre das phönicische Volk nicht ausgerottet, wären seine Überreste nicht durch die spurlose Vertilgung seiner letzten Hauptstadt eines Vereinigungspunktes beraubt140Das Erbe der alten Welt.und zum Aufgehen in andere Nationen gezwungen worden, so hätte die Menschheit dieses 19. Jahrhundert, auf welches wir jetzt, bei aller demütigen Anerkennung unserer Schwächen und Narrheiten, doch mit Stolz und zu Hoffnungen berechtigt zurückblicken, niemals erlebt. Bei der unvergleichlichen Zähigkeit der Semiten hätte die geringste Schonung genügt, damit die phönicische Nation von neuem wieder entstehe; in einem nur halbverbrannten Karthago hätte ihre Lebens - fackel unter der Asche weiter geglimmt, um, sobald das römische Kaiserreich seiner Auflösung entgegenging, von Neuem hell aufzulodern. Mit den Arabern, die unsere Existenz lange arg bedrohten, sind wir bis heute noch nicht fertig geworden,1)Der Kampf, der in den letzten Jahren in Zentralafrika zwischen dem Congo-Freistaat und den Arabern wütete (ohne das er in Europa viel Beachtung gefunden hätte), ist ein neues Kapitel in dem alten Krieg zwischen Semiten und Indoeuropäern um die Weltherrschaft. Erst seit etwa 50 Jahren sind die Araber von der Ostküste Afrikas aus weit ins Innere und bis nahe an den atlantischen Ozean vorgedrungen; der berühmte Hamed ben Mohammed ben Juna, genannt Tippu-Tib, war lange Zeit unumschränkter Herrscher über ein gewaltiges Reich, welches fast quer durch ganz Afrika in einer Breite von etwa 20 Grad reichte. Zahllose Völkerschaften, die noch Livingstone glücklich und friedliebend angetroffen hatte, sind inzwischen teils gänzlich vernichtet da der Sklavenhandel nach aussen der Haupterwerb der Araber ist und niemals im Laufe der Geschichte der Menschheit in einem solchen Masse betrieben wurde wie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts , teils haben die Eingeborenen durch den Kontakt mit den semitischen Herrschern eine merkwürdige moralische Umwandlung durchgemacht: sie sind Menschenfresser geworden und damit zugleich aus grossen dummen Kindern zu wilden Bestien. Bemerkenswert ist es, dass die Araber nichtsdesto - weniger dort, wo sie es für lohnend fanden, als gebildete, kenntnisreiche, kluge Leute grossartige Kulturen angelegt haben, so dass es Teile vom Congo-Fluss - gebiete giebt, die fast so schön bebaut sein sollen, wie ein elsässisches Gut. In Kassongo, der Hauptstadt dieser reichen Gegend, fanden die belgischen Truppen grossartige arabische Häuser mit seidenen Vorhängen, Bettdecken von Atlas, prächtig geschnitzten Möbeln, Silbergeschirr u. s. w.; die Ureinwohner dieser selben Gebiete sind aber inzwischen hinabgesunken zu Sklaven und zu Menschenfressern. Ein recht handgreifliches Beispiel des Unterschiedes zwischen civilisieren und Kultur spenden! (Siehe namentlich Dr. Hinde: The fall of the Congo Arabs, 1897, S. 66 ff., 184 ff. etc.) und ihre Schöpfung, der Mohammedanismus, bildet ein Hindernis, wie kein zweites, für jeden Fortschritt der Civilisation und hängt in Europa, Asien und Afrika als Damoklesschwert über unserer mühsam aufstrebenden Kultur; die Juden stehen sittlich so hoch über allen anderen Semiten, dass man sie kaum mit jenen (von jeher übrigens ihre Erbfeinde) zugleich nennen141Römisches Recht.mag, und doch müsste man blind oder unehrlich sein, wollte man nicht bekennen, dass das Problem des Judentums in unserer Mitte zu den schwierigsten und gefährlichsten der Gegenwart gehört; nun denke man sich dazu noch eine phönicische Nation, von frühester Zeit an alle Häfen besetzt haltend, allen Handel monopolisierend, im Besitze der reichsten Metropole der Welt und einer uralten nationalen Religion (gewissermassen Juden, die niemals Propheten gekannt hätten) ! Es ist kein phantastisches Geschichtsphilosophieren, sondern eine objektiv beweisbare Thatsache, dass unter solchen Be - dingungen das, was wir heute Europa nennen, niemals hätte entstehen können. Von Neuem verweise ich auf die gelehrten Werke über die Phöni - cier, vor Allem aber, weil Jedermann zugänglich, auf die meisterhafte Zusammenfassung in Mommsen’s Römische Geschichte, drittes Buch, Kapitel I » Karthago «. Die geistige Unfruchtbarkeit dieses Volkes war geradezu entsetzenerregend. Trotzdem das Schicksal die Phönicier zu Maklern der Civilisation gemacht, hat sie dies nie dazu angeregt, auch nur das Geringste selber zu erfinden; die Civilisation blieb überhaupt für sie etwas ganz Äusserliches; was wir » Kultur « nennen, haben sie bis zuletzt nie geahnt: in den herrlichsten Stoffen gekleidet, von Kunstwerken umgeben, im Besitze alles Wissens ihrer Zeit, trieben sie nach wie vor Zauberei, brachten Menschenopfer, und lebten in einem solchen Pfuhl unnennbarer Laster, dass die verdorbensten Orien - talen sich mit Abscheu von ihnen abwandten. Über ihr Wirken zur Verbreitung der Civilisation urteilt Mommsen: » Das haben sie mehr wie der Vogel das Samenkorn,1)Jeder Leser weiss wohl, durch welchen automatischen Prozess der Vogel unwissend zur Verbreitung der Pflanzen beiträgt? als wie der Ackersmann die Saat ausgestreut. Die Kraft, die bildungsfähigen Völker, mit denen sie sich berührten, zu civilisieren und sich zu assimilieren, wie sie die Hellenen und selbst die Italiker besitzen, fehlt den Phönikern gänzlich. Im Eroberungsgebiet der Römer sind vor der romanischen Zunge die iberischen und die keltischen Sprachen verschollen; die Berbern Afrikas reden heute noch dieselbe Sprache wie zu den Zeiten der Hannos und der Barkiden. Aber vor Allem mangelt den Phönikern, wie allen aramäischen Nationen im Gegensatz zu den indogermanischen, der staatenbildende Trieb, der geniale Gedanke der sich selber regierenden Freiheit. « Wo die Phönicier sich niederliessen, war ihre Verfassung im letzten Grunde einfach » ein Kapitalistenregiment, bestehend142Das Erbe der alten Welt.einerseits aus einer besitzlosen, von der Hand in den Mund lebenden städtischen Menge (auf dem Lande die unterworfenen, als rechtloses Sklavenvieh behandelten Völker), andrerseits aus Grosshändlern, Plan - tagenbesitzern und vornehmen Vögten. « Das sind die Menschen, das ist der verhängnisvolle Zweig aus der semitischen Verwandtschaft, vor dem wir durch das brutale delenda est Carthago gerettet worden sind. Und sollte es wahr sein, dass die Römer in diesem Falle, mehr als sonst bei ihnen üblich, den niedrigeren Ein - gebungen der Rache, vielleicht sogar der Eifersucht gefolgt sind, so muss ich umsomehr die unfehlbare Sicherheit des Instinktes bewundern, welche sie, selbst dort, wo sie von bösen Leidenschaften verblendet waren, dasjenige treffen liess, was nur irgend ein kühl berechnender, mit prophetischem Blick begabter Politiker zum Heil der Menschheit von ihnen hätte fordern müssen. 1)Mommsen, der das römische Verfahren gegen Karthago streng verurteilen zu müssen glaubt, giebt doch an einer späteren Stelle (V, 623) zu, dass weder Herrsch - noch Habsucht es bestimmt habe, sondern, meint er, Furcht und Neid. Für die prinzipielle Auffassung der Rolle Roms in der Weltgeschichte ist gerade diese Unterscheidung von Wichtigkeit. Kann man inmitten einer Welt, welche als Norm für das internationale Recht einzig die Macht anerkennt, von einem starken Volk feststellen, es sei nicht habsüchtig und nicht herrschsüchtig, so hat man, dünkt mich, seinem sittlichen Charakter ein Zeugnis ausgestellt, wodurch es über alle zeitgenössischen Völker erhaben emporragt. Was die » Furcht « jedoch anbelangt, so war sie durchaus berechtigt, und es ist wohl gestattet, zu meinen, dass der römische Senat die Situation richtiger beurteilt hat, als Herr Mommsen. Caesar, der eigenmächtige, von dem selbst sein eifriger Freund Celius sagen muss, er opfere die Interessen des Staates seinen persönlichen Plänen, baute ja später Karthago wieder auf; und was wurde daraus? Die berüchtigtste Lasterhöhle der Welt, in der alle, die ihr Schicksal dahin warf, Römer, Griechen, Vandalen, bis auf das Mark der Knochen verkamen; solche verheerende Zauberkraft besass noch, auf der Stätte, wo ein halbes Jahrtausend lang phönicische Greuel gewaltet hatten, der auf ihm lastende Fluch! Dass aus seinen Lupanaren ein mächtiger Schrei der Empörung gegen alles, was Civilisation hiess, hervorging: Tertullian und Augustinus, das ist das Einzige, was wir der kurzsichtigen und kurzlebigen Schöpfung Caesar’s als Verdienst anrechnen können. Zur Charakterisierung des 19. Jahr - hunderts sei das Urteil seines angeblich grössten Historikers angeführt. Herr Leopold von Ranke urteilt: » Das phönicische Element hat durch Handel, Kolonisation undzuletzt auch durch Krieg einen doch in der Hauptsache belebenden Einfluss auf den Occident ausgeübt. « (Weltgeschichte I, 542.)

Ein zweites römisches delenda hat für die Weltgeschichte eine vielleicht ebenso unermessliche Bedeutung: das delenda est Hierosolyma. Ohne diese That (welche wir allerdings den ewig gegen jede Staats -143Römisches Recht.Ordnung sich auflehnenden Juden mehr als den langmütigen Römern zu verdanken haben), hätte das Christentum sich schwerlich jemals vom Judentum losgerissen, sondern wäre zunächst eine Sekte unter Sekten geblieben. Die Gewalt der religiösen Idee hätte aber gesiegt, das kann gar nicht in Frage gezogen werden; die enorme und zu - nehmende Ausbreitung der jüdischen Diaspora vor Christi Zeiten be - zeugt es; wir hätten also ein durch christliche Anregung reformiertes, weltbeherrschendes Judentum erhalten. 1)Die Diaspora nennt man die erweiterte jüdische Gemeinde. Ursprünglich verstand man darunter diejenigen Juden, die es vorgezogen hatten, aus der baby - lonischen » Gefangenschaft « nicht heimzukehren, weil es ihnen dort viel besser ging, als in ihrer Heimat. Bald war keine wohlhabende Stadt der Welt ohne jüdische Gemeinde; nichts ist falscher als die verbreitete Vorstellung, erst die Zer - störung Jerusalems habe die Juden über die Welt zerstreut. In Alexandrien und Umgebung allein rechnete man unter den ersten römischen Kaisern eine Million Juden, und schon Kaiser Tiberius erkannte diesen theokratischen Staat inmitten des Rechtsstaates für eine grosse Gefahr. Die Diaspora machte eifrig und mit grossem Erfolge Propaganda, wobei die Liberalität, mit der sie Männer als » Halbjuden « mit Nachsicht der peinlichen Einweihungszeremonie aufnahmen, ihr sehr zu statten kam; ausserdem sprachen noch materielle Vorteile mit, da die Juden ihre Religion be - nutzt hatten, um vom Militärdienst und von einer Reihe anderer lästiger, bürger - licher Pflichten sich freisprechen zu lassen; den grössten Erfolg hatten jedoch die hebräischen Missionäre bei den Weibern. Bemerkenswert ist nun vor allem die Thatsache, dass diese internationale Gemeinde, welche Hebräer und Nichthebräer enthielt und in der alle Schattierungen des Glaubens vertreten waren, vom bigottesten Pharisäertum bis zur offen höhnenden Irreligion, wie ein Mann zusammenhielt, sobald es um die Privilegien und die Interessen der gemeinsamen Judenschaft ging: der jüdische Freidenker hätte um nichts in der Welt es versäumt, seinen jährlichen Beitrag für die Tempelopfer nach Jerusalem einzusenden; Philon, der berühmte Neoplatoniker, der an Jahve ebensowenig glaubte wie an Jupiter, vertrat dennoch die jüdische Gemeinde von Alexandrien in Rom, zu Gunsten der durch Caligula bedrohten Synagogen; Poppaea Sabina, die Geliebte und später die Gemahlin Nero’s, keine Hebräerin, aber ein eifriges Mitglied der jüdischen Diaspora, unter - stützte die Bitten von Nero’s Liebling, dem jüdischen Schauspieler Alityrus, die Sekte der Christen auszurotten, und wurde dadurch höchst wahrscheinlich die moralische Urheberin jener grässlichen Verfolgung des Jahres 64, bei welcher an. geblich auch die Apostel Peter und Paul ihr Ende fanden. Die Thatsache, dass die Römer, die sonst zu jener Zeit Christen von orthodoxen Juden nicht zu trennen wussten, sie bei dieser Gelegenheit ganz genau unterschieden, betrachtet Renan als endgültige Bestätigung dieser Anklage, die schon im 1. Jahrhundert gegen die Diaspora erhoben wurde (in Tertullian’s Apologeticus, Kap. XXI z. B. etwas verblümt, aber doch deutlich, siehe auch Renan: L’Antéchrist, ch. VII). Neuere zwingende Beweise, dass bis zu Domitian, also bis lange nach Nero’s Tod, die Römer die Christen als jüdische Sekte betrachteten, findet man in Neumann’s:Vielleicht wendet man ein:144Das Erbe der alten Welt.das sei ja eingetreten, das sei ja unsere christliche Kirche. Gewiss, zum Teil ist der Einwand berechtigt; kein gerecht denkender Mann wird den Anteil leugnen wollen, der dem Judentum an ihr zufällt. Wenn man aber sieht, wie in der frühesten Zeit die Anhänger Christi die strenge Befolgung des jüdischen » Gesetzes « forderten, wie sie sogar, weniger liberal als die Juden der Diaspora, keine » Heiden « in ihre Gemeinschaft aufnahmen, die nicht das allen Semiten gemeinsame Mal der circumcisio sich hatten aufdrücken lassen, wenn man die Kämpfe bedenkt, die der Apostel Paulus (der Heiden-Apostel) bis an seinen Tod gegen die Juden-Christen zu bestehen hatte, und dass selbst noch viel später, in der Offenbarung Johannis (III, 9) er und die Seinen geschmäht werden als: » die aus Satanas Schule, die da sagen, sie sind Juden und sind es nicht, sondern lügen «, wenn man die Autorität Jerusalems und seines Tempels auch innerhalb des paulinischen Christentums als ein - fach unüberwindbar weiter bestehen sieht, solange beide überhaupt noch standen,1)Vergl. hierüber z. B. Graetz: Volksth. Geschichte der Juden, I, 653. so kann man nicht bezweifeln, dass die Religion der civilisierten Welt unter dem rein jüdischen Primat der Stadt Jerusalem geschmachtet hätte, wäre Jerusalem nicht von den Römern vernichtet worden. Ernest Renan, gewiss kein Feind der Juden, hat in seinen Origines du Christianisme (Band IV, Kap. 20) in beredten Worten ge - zeigt, welche » immense Gefahr « darin gelegen hätte. 2)In seinen Discours et Conférences, 3e ed. p. 350 nennt er die Zerstörung Jerusalems: » un immense bonheur «.Schlimmer noch als das Handelsmonopol der Phönicier wäre das Religionsmonopol der Juden gewesen; unter dem bleiernen Druck dieser geborenen Dogmatiker und Fanatiker wäre jede Denk - und Glaubensfreiheit aus der Welt entschwunden; die platt-materialistische Auffassung Gottes wäre unsere Religion, die Rabulistik unsere Philosophie gewesen. Auch dies ist kein Phantasiebild, es reden hier nur zu viele That - sachen; denn was ist jenes starre, engherzige, geistig beschränkte Dog - matisieren der christlichen Kirche, desgleichen kein arisches Volk sich jemals austräumte, was ist jener alle Jahrhunderte bis auf unser 19. hinab schändende blutgierige Fanatismus, jener der Religion der1)Der römische Staat und die allgemeine Kirche (1890) S. 5 ff. und 14 ff. Dass Tacitus genau zwischen Juden und Christen unterschied, beweist in dieser Sache offenbar gar nichts, da er 50 Jahre nach Nero’s Verfolgung schrieb, und das Wissen einer späteren Zeit in seiner Erzählung auf die frühere übertrug. Siehe auch über die » jüdische Eifersucht « Paul Allard: Le Christianisme et l’Empire romain de Néron à Théodose, ch. I.145Römisches Recht.Liebe von Anfang an anhaftende Fluch des Hasses, von denen Grieche und Römer, Inder und Chinese, Perser und Germane schaudernd sich abwenden? was denn, wenn nicht der Schatten jenes Tempels, in welchem dem Gott des Zornes und der Rache geopfert wurde, ein dunkler Schatten, hingeworfen über das jugendliche Heldengeschlecht, » das aus dem Dunkeln ins Helle strebt? «

Ohne Rom, das ist sicher, wäre Europa eine blosse Fortsetzung des asiatischen Chaos geblieben. Griechenland hat stets nach Asien gravitiert, bis Rom es losriss. Dass der Schwerpunkt der Kultur end - gültig nach Westen verlegt, dass der semitisch-asiatische Bann gebrochen und wenigstens teilweise abgeworfen wurde, dass das vorwiegend indogermanische Europa nunmehr das schlagende Herz und das sinnende Hirn der ganzen Menschheit wurde, das ist das Werk Roms. Indem dieser Staat sein eigenes praktisches (aber, wie wir sahen, durchaus nicht unideales) Interesse, rücksichtslos eigennützig, oft grausam, immer hart, selten unedel verfocht, hat es das Haus bereitet, die starke Burg, in welchem sich dieses Geschlecht nach langen, ziellosen Wanderungen niederlassen und zum Heil der Menschheit organisieren sollte.

Zu diesem Werke Roms waren so viele Jahrhunderte vonnöten und ein so hoher Grad jenes unfehlbaren, eigensinnigen Instinktes, der das Richtige trifft, auch wo es das Unvernünftige scheinen muss, der Gutes schafft selbst dort, wo es Böses will, dass hier nicht das flüchtige Dasein hervorragender Individuen, sondern die widerstands - fähige und fast wie eine Naturmacht wirkende Einheit eines hartgestählten Volkes das Richtige und einzig Wirksame war. Darum ist die sogenannte » politische Geschichtsschreibung «, diejenige, heisst das, welche aus den Biographien vielgenannter Männer, den Kriegsannalen und den diplo - matischen Archiven das Leben eines Volkes aufzubauen unternimmt, für Rom so besonders wenig am Platze; sie verzerrt hier nicht allein, sondern das Wesentliche enthüllt sie dem Blicke überhaupt nicht. Denn was wir heute, zurückblickend und philosophierend, als das Amt oder als die Aufgabe Roms in der Weltgeschichte auffassen, ist doch nichts weiter, als ein Ausdruck für das aus der Vogelschau gewonnene Bild des Gesamtcharakters dieses Volkes. Und da müssen wir wohl sagen, die Politik Roms bewegt sich in einer geraden und wie spätere Zeiten gezeigt haben durchaus richtigen Linie, so lange sie nicht von fachmässigen Politikern getrieben wird. Die Periode um Caesar herum ist die verworrenste und unheilvollste; jetzt starb beides: Volk und Instinkt; das Werk blieb aber einstweilen bestehen und, inChamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 10146Das Erbe der alten Welt.ihm verkörpert, die Idee des Werkes, doch nirgends als Formel herausschälbar und für künftige Handlungen eine Norm, und zwar darum nicht, weil das Werk nicht ein vernünftiges, überlegtes, bewusstes, sondern ein unbewusstes, aus Not vollbrachtes gewesen war.

Das kaiser - liche Rom.
129

Nach dem Untergang des echten römischen Volkes, lebte nun diese Idee die Idee des römischen Staates in den Hirnen ver - schiedener einzelner zu Macht berufener Männer sehr verschieden wieder auf. Augustus z. B. scheint wirklich der Meinung gewesen zu sein, dass er die römische Republik wieder hergestellt habe, sonst würde Horaz sich sicher nicht gestattet haben, ihn dafür zu loben. Tiberius, der die schon früher bestrafte Beleidigung der Majestät des römischen Volkes (das crimen majestatis) zu dem Begriff eines ganz neuen Verbrechens, der Majestätsbeleidigung seiner caesarischen Person umwandelte, machte hiermit einen gewaltigen Schritt weiter auf dem Wege zur Verflüchtigung des thatsächlichen, durch das Volk Roms erschaffenen freien Staates zu einer blossen Idee, (einen Schritt, von dem wir im 19. Jahrhundert noch nicht zurückgekommen sind). So fest sass aber dennoch in allen Herzen der römische Gedanke, dass ein Nero sich selbst tötete, weil der Senat ihn als » Feind der Republik « gebrandmarkt hatte. Bald jedoch fand sich die stolze Patrizierversammlung Männern gegenüber, die vor dem magischen Worte senatus populusque romanus nicht erblassten: die Soldaten wählten den Träger des römischen Imperiums; es währte nicht lange und die Römer, sowie überhaupt die Italer, waren auf ewig von dieser Würde ausgeschlossen: Spanier, Gallier, Afrikaner, Syrier, Goten, Araber, Illyrier folgten einander; nicht Einer wahrscheinlich war auch nur entfernt mit jenen Männern verwandt, die mit sicherem Instinkte den römischen Staat geschaffen. Und doch, die Idee lebte weiter. In dem Spanier Trajan erreichte sie sogar einen Höhepunkt des Glanzes und wirkte unter ihm und seinen unmittelbaren Nachfolgern so nachdrücklich im Sinne einer ordnenden, civilisierenden Macht, die nur dort erobernd sich ausdehnt, wo die Konsolidierung des Friedens es unbedingt erheischt, dass man wohl sagen kann, während des antoninischen Jahrhunderts sei der römische Weltgedanke der im früheren Volke nur als Trieb, nicht als Absicht gelebt hatte zum Bewusstsein seiner selbst gekommen, und zwar in einer Art, wie das nur im Geiste edeldenkender Aus - länder möglich war, die sich einem Fremden gegenüber fanden, welches sie nunmehr mit voller Objektivität auffassten, um es mit Treue und Verstand ins Werk zu setzen. Für alle Zukunft hatte147Römisches Recht.diese Zeit einen grossen Einfluss; wo immer in edler Absicht an die Idee eines römischen Reiches später angeknüpft wurde, geschah es fortan unter dem Eindruck und in Nachahmung von Trajan, Hadrian, Antoninus Pius und Marc Aurel. Und doch liegt eine eigentümliche Seelenlosigkeit in dieser ganzen Periode. Es waltet hier die Herr - schaft des Verstandes, das Herz schweigt; der leidenschaftslose Mechanis - mus greift bis in die Seele hinein, die nicht aus Liebe, sondern aus Vernunft das Rechte thut: Marc Aurel’s » Selbstgespräche « sind das Spiegelbild dieser Geistesverfassung, Faustina’s, seiner Gemahlin, sinn - liche Verirrungen die unausbleibliche Reaktion. Die Wurzel Roms, die leidenschaftliche Liebe der Familie, des Heims, war ausgerottet; nicht einmal das berühmte Gesetz gegen die Junggesellen, mit Prämien für Kindererzeugung (Lex Julia et Papia Poppaea), hatte die Ehe wieder beliebt machen können. Wo das Herz nicht gebietet, ist nichts von Bestand. Und nun ergriffen andere Ausländer die Gewalt, diesmal freilich leidenschaftsvolle, aber ohne Verstand, afrikanische Mestizen, Soldatenkaiser, die in dem römischen Staatsgedanken vor allem eine riesige Weltkaserne erblickten und nicht begriffen, warum gerade Rom das permanente Hauptquartier sein sollte. Gleich der zweite von ihnen, Caracalla, verlieh das römische Bürgerrecht an sämtliche Einwohner des Reiches: hierdurch hörte Rom auf, Rom zu sein. Genau tausend Jahre lang hatten die Bürger Roms (denen nach und nach auch die der übrigen Städte Italiens und anderer besonders verdienter Städte gleichgestellt worden waren) gewisse Vorrechte genossen, sie hatten sie aber durch die Last der Verantwortlichkeit, sowie durch rastlose, unvergleichlich erfolgreiche, harte Arbeit verdient; von nun an war Rom überall, das heisst nirgends. Wo der Kaiser sich gerade befand, da war der Mittelpunkt des römischen Reiches. Diocletian verlegte denn auch seine Residenz nach Sirmium, Konstantin nach Byzanz, und selbst als ein getrenntes » weströmisches Reich « später entstand, war die Hauptstadt Ravenna oder Mailand, Paris, Aachen, Wien, nie mehr Rom. Die Verleihung des Bürgerrechtes an alle hatte noch eine zweite Folge: es gab nun überhaupt gar keine Bürger mehr. Man hat Caracalla, die mörderische, pseudo-punische Bestie, für seine That früher gepriesen, es kommt sogar heute noch vor (siehe Leopold von Ranke, Weltgeschichte II, 195); in Wahrheit hatte er, indem er den letzten Faden der historischen Tradition, mit anderen Worten der geschichtlichen Wahrheit zerschnitt, auch die letzte Spur jener Freiheit vertilgt, deren unbändige, aufopferungsvolle, durch und durch10*148Das Erbe der alten Welt.ideale Kraft die Stadt Rom und mit ihr Europa geschaffen hatte. Das politische Recht war freilich nunmehr für alle gleich geworden; es war die Gleichheit der absoluten Rechtlosigkeit. Das Wort civis (Bürger) wich jetzt dem Ausdruck subjectus (Unterthan): umso be - merkenswerter, als allen Zweigen der Indoeuropäer der Begriff des Unterthanenseins ebenso fremd war, wie der des Grosskönigtums, so dass wir schon in dieser einen Umwandlung des Rechtsbegriffes den unwiderlegbaren Beweis semitischen Einflusses besitzen (nach Leist: Gräco-italische Rechtsgeschichte, S. 106 u. 108). Der römische Ge - danke bestand allerdings noch immer, er hatte sich aber in einer einzigen Person, dem Kaiser, konzentriert oder, wenn man will, sich in sie verflüchtigt; die Privilegien Roms und ihre Machtvoll - kommenheiten waren nicht etwa aus der Welt entschwunden, sie waren aber alle auf einen einzigen Mann übergegangen: das ist der Verlauf von Augustus bis Diocletian und Konstantin. Der erste Caesar hatte sich begnügt, alle wichtigsten Staatsämter in seinen Händen zu. vereinen1)Augustus war zugleich: 1. Princeps, das heisst erster Bürger, damals eigentlich nur ein Ehrentitel, 2. Imperator, oberster Kriegsherr, 3. lebenslänglicher Volkstribun, 4. Pontifex maximus, das höchste, religiöse, von jeher lebenslängliche Amt, 5. zwar nicht lebenslänglicher Consul, doch im dauernden Besitz der kon - sularischen Gewalt, 6. desgleichen der prokonsularischen, welche die Regierung sämtlicher Provinzen umfasste, 7. desgleichen der censorischen, welche die Sittenkontrolle und die Befugnis, Senatoren, Ritter u. s. w. zu ernennen und zu kassieren, umfasste., und das war ihm nur zu einem bestimmten, zeitlich be - schränkten Zweck bewilligt worden, zur Wiederherstellung der recht - lichen Ordnung in der civilisierten Welt (restauratio orbis); innerhalb dreier Jahrhunderte war man nun auf diesem Wege dahin gekommen, nicht allein alle Ämter, sondern auch alle Rechte sämtlicher Bürger einem einzigen zu verleihen. Wie schon in frühen Zeiten (bei dem. ersten Nachfolger des Augustus) die Majestät vom Volk auf den einen übergegangen war, so nach und nach alle und jede Gewalt, alles und jedes Recht. Augustus hatte noch, wie jeder andere Bürger, in den Komitien seine Stimme abgegeben; jetzt sitzt auf dem Thron ein Monarch, dem man nur auf den Knieen » anbetend « nahen darf, und vor ihm sind alle Menschen gleich, denn alle, vom ersten Staats - minister bis zum letzten Bauern, sind seine Unterthanen. Und während so der » Grosskönig « und mit ihm alles, was zu seinem Hofe gehörte, an Reichtum und Würden immer höher stieg, sanken alle übrigen149Römisches Recht.immer tiefer: der Bürger durfte sich nicht einmal seinen Beruf mehr wählen, der Bauer, früher freier Besitzer seines Erbgutes, war Leib - eigener eines Herrn und an die Scholle gebunden; der Tod jedoch löst alle Bande, und es kam ein Tag, wo die Steuereinnehmer die ehedem blühendsten Gegenden des Reiches in ihren Berichten auf - führen mussten als agri deserti.

Es ist nicht meine Absicht, die Idee des römischen Staates hier historisch weiter zu verfolgen; Einiges wird in einem späteren Kapitel noch darüber zu sagen sein; ich begnüge mich, daran zu erinnern, dass ein römisches Reich dem Begriffe nach eine unmittelbare Fort - setzung des alten bis zum 6. August 1806 zu Recht bestand, und dass das allerälteste schon von Numa bekleidete römische Amt, das des Pontifex maximus, noch heute besteht; das Papsttum ist das letzte Bruchstück der uralten heidnischen vergangenen Welt, welches sich bis in die Gegenwart lebendig erhalten hat. 1)Hierüber Ausführliches im 7. Kapitel.Wenn ich aber Allbekanntes zusammenfassend andeutete, so geschah es in der Hoff - nung, dass ich die eigentümlich verwickelte Form der politischen Erbschaft, die unser Jahrhundert von Rom übernahm, hierdurch leb - hafter und anregender entwickeln könnte, als durch theoretische Auseinandersetzungen. Hier, wie in den anderen Teilen dieses Buches, handelt es sich nicht um gelehrte Betrachtungen, diese findet man in Geschichten des Staatsrechtes, sondern um allgemeine Ein - sichten, die Jedem zugänglich und auch für Jeden förderlich sind. In rein politischer Hinsicht erbten wir nun von Rom nicht eine ein - fache Idee, nicht einmal etwas so Einfaches, wie das, was z. B. in dem Wort » hellenische Kunst «, wie reichhaltig das Wort auch sein mag, zusammengefasst wird, sondern wir erbten ein merkwürdiges Gemisch von allerrealstem Besitz: Civilisation, Recht, Organisation, Verwaltung u. s. w., und zugleich von unfassbaren und dennoch übermächtigen Ideen, von Begriffen, denen kein Mensch beikommen kann und die nichtsdestoweniger, zum Guten und zum Schlimmen, auch heute noch unser öffentliches Leben beeinflussen. Sicherlich können wir unser eigenes Jahrhundert nicht gründlich und kritisch begreifen, wenn wir nicht über diese doppelte politische Erbschaft klare Vorstellungen besitzen.

Nachdem wir also jetzt das im engeren Sinn Politische be -Staatsrecht - liches Erbe. sprochen haben, werfen wir nun einen Blick auf das allgemein Staats -150Das Erbe der alten Welt.rechtliche und Ideelle, ehe wir zu der Betrachtung des Privatrechts übergehen.

So lange Rom positiv schöpferisch wirksam war über ein halbes Jahrtausend bis zu Caesar, und dann noch über ein Jahrhundert in der Agonie1)Der Erlass des Edictum perpetuum durch Hadrian ist vielleicht die letzte grosse schöpferische Wohlthat? könnte es uns als gänzlich ideenlos erscheinen; es schafft nur, es denkt nicht. Es schafft Europa, und es vernichtet, so weit möglich, die nächsten und gefährlichsten Feinde Europas. Das ist die positive Erbschaft dieser Zeit. Auch die Länder, die Rom niemals unterjocht hat, wie z. B. der grösste Teil Germaniens, haben doch alle Keime staatlicher Ordnung als Grundbedingung jeder Civilisation von ihm empfangen. Unsere Sprachen zeigen noch heute, wie alle Verwaltung auf römische Belehrung oder Anregung zurückgeht. Wir leben heute in so fest geordneten Zuständen, dass wir uns kaum vorstellen können, es sei jemals anders gewesen; nicht ein Mensch von zehntausend unter uns hat die geringste Ahnung von der Organisation der Staatsmaschine; alles dünkt uns notwendig und angeboren: das Recht, die Moral, die Religion, im Grunde auch der Staat. Und doch war der geordnete, feste und zugleich freier Menschen würdige Staat die gesamte Geschichte der Menschheit beweist es das schwierigste aller Werke zu erfinden und durchzuführen; die herrlichste Religion hatte man in Indien, eine vollendete Kunst in Athen, erstaunliche Civilisation in Babylonien, alles, ohne dass es gelungen wäre, einen freien und zugleich stabilen, rechtliche Zustände verbürgenden Staat zu gründen; für diese Heraklesarbeit reichte nicht ein einzelner Held, nur ein ganzes Volk von Helden konnte sie voll - bringen, ein jeder stark genug zum befehlen, ein jeder stolz genug zum gehorchen, alle einig im Wollen, ein jeder sein eigenes persön - liches Recht verfechtend. Lese ich römische Geschichte, so muss ich schaudernd mich abwenden; betrachte ich die zwei unvergleichlichen Schöpfungen dieses Volkes, den geordneten Staat und das Privatrecht, so kann ich nur in stummer Verehrung mich vor einer solchen geistigen Grösse verneigen.

Dieses Heldenvolk jedoch starb aus, und nach seinem gänzlichen Erlöschen kam, wie wir sahen, eine zweite Periode römischer Politik. Fremde Herrscher regierten und fremde Rechtsgelehrte bemächtigten sich, wie des unvergleichlichen, lebendig gewachsenen Privatrechts151Römisches Recht.(das sie in Spiritus thaten in der weisen Einsicht, dass es nunmehr nicht weiter sich vervollkommnen liess, sondern höchstens hätte entarten können), so auch des öffentlichen und des Staatsrechtes. Diese Ratgeber der Krone waren zumeist Kleinasiaten, Griechen und Semiten, also die anerkannten Meister in der Handhabung abstrakter Gedankendinge und juristischer Tüfteleien. Und nun entstand eine Auffassung des römischen Staates, in der nichts ganz neu erfunden, das Meiste aber umgedeutet, zu Prinzipien sublimiert und dann zu starren Dogmen krystallisiert wurde. Der Vorgang ist dem im Ab - schnitt über hellenische Kunst und Philosophie beschriebenen sehr analog. Die römische Republik war ein lebendiger Organismus ge - wesen, an dem das Volk ununterbrochen arbeitete und änderte; niemals war die formale Frage nach leitenden » Prinzipien « aufgetaucht, nie hatte der gegenwärtige Augenblick die Zukunft bannen wollen. Das ging sogar so weit, dass die höchsten Gerichtsbeamten, die Prätoren, auf ein Jahr ernannt, beim Antritt ihres Amtes, ein jeder ein sogenanntes » prätorisches Edict « erliess, in welchem er die Grund - sätze kundmachte, welchen er in der Rechtspflege zu folgen gedachte; dadurch war es möglich gewesen, wechselnden Zeiten und Umständen gerecht zu werden. Und in ähnlicher Weise war in diesem Staate alles elastisch, blieb alles in Fühlung mit den Bedürfnissen des Lebens. Genau aber wie die poetischen Eingebungen der griechischen Philo - sophen und ihre mystischen Deutungen des Unerkennbaren im helleno - semitischen Alexandrien zu Glaubensdogmen umgearbeitet wurden, so wurden auch hier Staat und Recht zu Dogmen, und ungefähr durch dieselben Leute. Diese Dogmen erbten wir, und es ist für uns nicht unwichtig, zu wissen, woher sie kommen und wie sie entstanden.

Ein Beispiel. Unser Begriff des Monarchen stammt weder von den Germanen, noch von den orientalischen Despoten, sondern von den gelehrten Juristen, die im Dienste des illyrischen Schafhirten Diocletian, des illyrischen Rinderhirten Galerius, des illyrischen Schweine - hirten Maximinus u. s. w. standen, und ist eine direkte Parodie wenn ich die Wahrheit reden darf der grössten römischen Staatsgedanken. » Der Staatsbegriff der Römer «, schreibt Mommsen, » beruht auf der idealen Übertragung der Handlungsfähigkeit des Einzelnen auf die Gesamtheit, die Bürgerschaft, den populus, und auf der Unter - ordnung des Einzelwillens aller der Gesamtheit angehörigen, physischen Personen unter diesen Gesamtwillen. Die Aufhebung der individuellen Selbständigkeit gegenüber dem Gesamtwillen ist das152Das Erbe der alten Welt.Kriterium der staatlichen Gemeinschaft «. 1)Ich citiere nach der gekürzten Ausgabe des Römischen Staatsrechts in Binding’s Systematisches Handbuch der deutschen Rechtswissenschaft, S. 81 ff.Um sich vorzustellen, was es mit dieser » Übertragung «, mit dieser » Aufhebung der individuellen Selbständigkeit « auf sich hat, muss man sich die unbändige individuelle Freiheitsliebe des einzelnen Römers ins Gedächtnis zurückrufen. Von dem ältesten rechtlichen Monument der Römer, den berühmten zwölf ehernen Tafeln (450 vor Chr.) sagt Esmarch: » Was zum präg - nantesten Ausdruck darin kommt, sind die Gewährleistungen der privatrechtlichen Selbstherrlichkeit der römischen Bürger «,2)Römische Rechtsgeschichte, 3. Aufl., S. 218. und als 350 Jahre später das erste ausführliche Rechtssystem in schriftlicher Form verfasst wurde, da hatten alle Stürme der Zwischenzeit in diesem einen Punkte keinen Unterschied veranlasst. 3)Allerdings bildeten gewisse Beschränkungen der Freiheit des Testierens ein erstes Anzeichen künftiger Zeiten.Als freier, » selbstherr - licher « Mann überträgt also der Römer an den Gesamtwillen, dessen selbstthätiges Glied er ist, so viel von seiner Freiheit, als zur Ver - teidigung dieser Freiheit vonnöten ist. » Der Gesamtwille ist nun an sich, wenn es gestattet ist, einen Ausdruck des römischen Privatrechts darauf anzuwenden, eine staatsrechtliche Fiktion. Thatsächlich wird dafür Vertretung erfordert. Als Willenshandlung der Gesamtheit gilt staatsrechtlich diejenige eines in dem bestimmten Fall für sie ein - tretenden Mannes. Immer ist die staatliche Willenshandlung in Rom die Handlung eines einzelnen Mannes, da das Wollen und Handeln an sich unteilbar ist; Gemeindehandlung durch Majoritäts - beschluss ist nach römischer Auffassung ein Widerspruch im Beisatz. « In jedem Satz dieses römischen Staatsrechtes sieht man ein Volk von starken, freien Männern: die Vertretung der ge - meinsamen Sache, d. h. des Staates, wird einzelnen Männern (Konsuln, Prätoren, Censoren u. s. w.) auf bestimmte Zeit anvertraut, sie haben dabei grösste Vollmacht und tragen volle Verantwortlichkeit. Im Not - falle geht diese Vollmachtserteilung so weit, dass sich die Bürger einen Diktator ernennen; alles im Interesse des Gemeinwesens und damit die Freiheit eines jeden unverletzt bleibe. Die späteren Kaiser nun, oder vielmehr ihre Ratgeber, haben nicht etwa diesen Staatsbegriff umgestossen; nein, auf ihn haben sie die monarchische Allgewalt rechtlich gegründet, was in der Geschichte der Welt noch niemals geschehen war. Anderwärts hatten einige Despoten als Götter -153Römisches Recht.söhne regiert, wie z. B. die ägyptischen und heute noch die japanischen, einige, früher und noch heute, als Vertreter Gottes, ich nenne nur die jüdischen Könige und die Kalifen, wieder andere durch das so - genannte jus gladii, das Recht des Schwertes. Dagegen gründeten die Soldaten, die sich des weiland römischen Reiches bemächtigt hatten, ihre Ansprüche, als absolute Autokraten zu herrschen, auf das römische Staatsrecht! Nicht wie ein griechischer Tyrann hätten sie die Gewalt usurpiert und die rechtmässige Ordnung gestürzt; im Gegenteil, der allgewaltige Monarch sei die Blüte, die Vollendung der ganzen recht - lichen Entwickelung Roms: das hatten die orientalischen Rechtslehrer herausgeklügelt. Mit Hilfe der soeben erläuterten Übertragungs - theorie war das Taschenkunststück vollbracht worden und zwar (den Hauptlinien nach) folgendermassen. Eine der Tragsäulen des römischen Staatsrechtes ist, dass keine Verordnung Gesetzeskraft hat, wenn sie nicht vom Volke genehmigt wird. Unter den ersten Kaisern bleibt auch der Schein in dieser Beziehung bewahrt. Nach Caracalla war aber » Rom « die ganze civilisierte Welt geworden. Und da wurden alle Rechte des Volkes zur Mitwirkung bei der Erlassung neuer Gesetze u. s. w. an den Senat » übertragen «. Es heisst im Corpus juris: » Da das römische Volk dermassen angewachsen ist, dass es schwer wäre, es an einen Ort zusammenzuberufen behufs Bestätigung der Gesetze, wurde es für gerecht erachtet, den Senat an Stelle des Volkes zu befragen. « Wie wir heute von einem Vice - könig reden, so hiess der Senat nunmehr vice populi. War auch die Zustimmung des Senats ebenfalls eine reine Formsache geworden, einmal im Besitze eines so schönen abstrakten Prinzips, konnte man nicht auf halbem Wege stehen bleiben; und darum heisst es dann auch weiter: » Aber auch das, was dem Fürsten anzuordnen gefällt, hat Gesetzeskraft, denn das Volk hat ihm seine ganze Machtfülle und alle seine Rechte übertragen. « 1)§ 5 und § 6 J. de jure naturali I, 2. Die letzten Worte des zweiten Auszuges habe ich einigermassen frei übersetzen müssen; es heisst im Original: omne suum imperium et potestatem; wie schwer es ist, diese Worte im genauen juristischen Sinne des alten Roms wiederzugeben, kann man bei Mommsen sehen, S. 85. Das imperium heisst ursprünglich » die Kundgebung des Gemeinde - willens «; daher der Träger dieses absoluten Gemeindewillens imperator hiess; beschränkter und mehr das Gebiet des Privatrechts bezeichnend ist das Wort potestas. Daher übersetzte ich durch Machtfülle und Rechte, und glaube damit den Sinn getroffen zu haben.Wir haben also hier die streng rechtliche Ableitung einer absoluten Monarchie, und zwar wie sie154Das Erbe der alten Welt.gewiss einzig aus der römischen Verfassung mit ihrer Ablehnung des Majoritätsprinzips und mit ihrem System, Vollmachten an einzelne Männer zu übertragen entwickelt werden konnte. 1)Als nicht unwichtig sei nebenbei bemerkt, dass eine Regierung durch Majoritätsbeschlüsse ebenso wenig hellenisch und germanisch, wie römisch war (worüber namentlich Leist: Gräco-italische Rechtsgeschichte S. 129, 133 ff., 727).Und dieses römische » Principat « (wie man es nennt, den Titel König hat kein Caesar getragen) bildet bis zum heutigen Tage die Grundlage alles europäischen Königtums! Durch die Einführung des Konstitutionalismus, noch mehr durch die Handhabung des Rechtes, findet allerdings in vielen Ländern jetzt eine Bewegung statt, zurück auf den freiheitlichen Standpunkt der alten Römer; prinzipiell ist aber der Monarch überall noch das, was die Rechtsautoritäten des verfallenden römischen Staates aus ihm gemacht hatten, ein Gebilde, heisst das, welches dem wahren Geiste des echten Römertums direkt widerspricht. Die Armee ist bei uns heute noch immer nicht das Volksheer, das seine Heimat ver - teidigt, sondern sie ist überall (selbst in England) des Königs Armee; die Beamten sind nicht Erwählte und Bevollmächtigte des Gesamt - willens, sondern Diener des Königs u. s. w., u. s. w. Das ist alles römisch, aber, wie gesagt, römisches aus der Rinder -, Schaf - und Schweinehirtenzeit. Ich kann das leider hier nicht näher ausführen, verweise aber zur Bestätigung auf die klassischen Werke von Savigny: Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter, und Sybel: Ent - stehung des deutschen Königtums, sowie auch auf Schulte: Deutsche Reichs - und Rechtsgeschichte. Überall bei uns ist die absolute Monarchie erst durch die Berührung mit dem römischen Reich entstanden. Überall hatten früher die germanischen Könige sehr beschränkte Rechte; die Majestätsbeleidigung (dieser Prüfstein) wurde entweder gar nicht als Verbrechen anerkannt oder durch ein einfaches » Wehrgeld « bestraft (Sybel, 2. Aufl. S. 352); die Ernennung der Grafen als Beamte des Königs kommt erst nach der Eroberung römischer Länder vor, ja, es giebt eine lange Zeit, wo die germanischen Könige grössere Rechte gegen ihre römischen Unterthanen, als gegen ihre freien Franken besitzen (Savigny I, Kap. IV, Abt. 3). Vor Allem ist der Begriff eines Unterthanen, des römischen subjectus, eine uns noch fest anhaftende Erbschaft, die uns recht deutlich empfinden lassen müsste, was uns noch alles mit dem römischen Reiche in der Zeit seines Verfalles verknüpft, und was uns noch alles von dem echten Heldenvolk der Römer scheidet.

155Römisches Recht.

Hiermit will ich aber keineswegs tendenziös moralisieren. Die altrömischen Regierungsformen wären für neue Verhältnisse und neue Menschen nicht verwendbar gewesen, reichten sie doch schon für das erweiterte Rom nicht mehr aus. Dazu war das Christentum gekommen, und mit ihm die Abschaffung der Sklaverei ein offen - bares Gebot geworden. Das alles machte ein starkes Königtum nötig. Ohne die Könige wäre das Sklaventum niemals in Europa abgeschafft worden, nie hätte der Adel seine Sklaven freigegeben, vielmehr machte er die freigeborenen Männer zu Leibeigenen. Das Erstarken des Königtums ist seit tausend Jahren überall eine Vorbedingung für das Erstarken geordneter gesellschaftlicher Verhältnisse und bürgerlicher Freiheit gewesen, und auch heute würde vielleicht in keinem einzigen Lande Europas ein ganz freies Plebiscit eine andere Regierungsform denn die monarchische als Gesamtwillen kundgeben. Immer klarer erfasst auch das öffentliche Bewusstsein durch die trügerischen Um - hüllungen hindurch, welche Rabulisten und Sophisten ihm umhingen, den echten Rechtsgehalt des Königtumes, nämlich die alte römische Auffassung eines obersten Staatsbeamten, vermehrt jedoch um ein Element, welches die Juristen ein » sacrales « nennen, und welches einen nicht unpassenden mystischen Ausdruck in den Worten findet: von Gottes Gnaden. Manches was wir in unserm lieben neunzehnten Jahrhundert um uns her beobachteten, berechtigt wohl zur Über - zeugung, dass wir ohne Königtum und ohne eine besondere Gnade Gottes uns noch heute nicht zu regieren verstehen würden. Dazu gehörten vielleicht nicht allein die Tugenden der Römer, sondern auch ihre Mängel, vor allem ihre übergrosse geistige Nüchternheit.

Wie dem auch sei, man sieht, das von Rom auf uns über - kommene politische und staatsrechtliche Erbe bildet eine ziemlich ver - wickelte und verworrene Masse, und zwar hauptsächlich aus zwei Gründen: erstens, weil Rom anstatt wie Athen kurz zu blühen und dann ganz zu verschwinden, 2500 Jahre lang bestand, zunächst als weltbeherrschender Staat, später als mächtige Staatsidee, wodurch die Einheit des Impulses sich in eine ganze Reihe von Anstössen auflöste, die sich häufig gegenseitig aufhoben; zweitens, weil das Werk eines unvergleichlich thatkräftigen, indoeuropäischen Volkes später von den subtilsten Geistern der westasiatischen Mischvölker bearbeitet und gehandhabt wurde, was abermals die Einheit des Charakters verwischte.

Ich hoffe, meine spärlichen Andeutungen über ungemein ver - wickelte weltgeschichtliche Verhältnisse werden genügt haben, um156Das Erbe der alten Welt.dem Leser als Richtungspfeile zu dienen. Damit man klar denke und deutlich vorstelle, ist es vor Allem nötig, richtig zu trennen und richtig zu verbinden. Das war mein Bestreben; darauf musste ich mich beschränken.

Juristische Technik.
137

Neben dieser mehr oder weniger unbewusst fortgeführten Erb - schaft besitzen wir Europäer ein Vermächtnis Roms, das wie kein zweites aus dem Altertum zu einem wesentlichen Bestandteil unseres Lebens und unserer Wissenschaft geworden ist: das römische Recht. Darunter ist sowohl das öffentliche Recht (jus publicum), wie auch das Privatrecht (jus privatum) zu verstehen. 1)Dass das öffentliche Recht der Römer auf uns Spätere nicht denselben Einfluss ausübt wie das Privatrecht, gestattet doch nicht, es ungenannt zu lassen, da ein mustergültiges Privatrecht nicht ohne ein vortreffliches öffentliches Recht entstehen konnte.Hierüber zu berichten, ist insofern ein Leichtes, als dieses Recht uns in einer sehr späten zusammenfassenden Kodifikation, der des Kaisers Justinian, aus der Mitte des 6. Jahrhunderts nach Christus, vorliegt und es ausserdem den Bemühungen der Juristen und Historiker gelungen ist, den Spuren des allmählichen Werdens dieses Rechtes bis weit hinauf nachzugehen, in letzter Zeit sogar, den Zusammenhang seiner Ursprünge mit dem altarischen Recht darzuthun, andrerseits die Schicksale dieses Rechtes in den verschiedenen Ländern Europas durch die Jahrhunderte der dunkeln Gährung hindurch bis auf den heutigen Tag zu verfolgen. Hier liegt also ein bestimmtes, klar gesichtetes Material vor und der Rechtsgelehrte kann leicht nachweisen, wie viel römisches Recht in den Gesetzbüchern unserer heutigen Staaten enthalten ist; leicht muss ihm der Nachweis auch fallen, dass die genaue Kenntnis des römischen Rechtes auf unabsehbare Zeiten hin die hohe Schule alles streng juridischen Denkens bleiben wird. Auch hier wieder ist in dem römischen Erbe ein doppeltes zu unterscheiden: thatsächliche Rechts - sätze, die Jahrhunderte lang bestanden haben und zum Teil noch heute bestehen, ausserdem aber ein Schatz an Ideen und Methoden. Das alles kann der Rechtsgelehrte leicht auseinandersetzen; jedoch nur, wenn er zu Rechtskundigen redet. Nun bin ich aber kein Rechtsgelehrter (wenn ich auch mit Fleiss und Liebe die Grund - prinzipien des Rechtes und den allgemeinen Gang seiner Geschichte studiert habe), noch darf ich Rechtskunde bei meinem Leser voraus -157Römisches Recht.setzen; meine Aufgabe ist also eine andere, durch den Zweck dieses Buches genau bestimmte. Nur von einem umfassenden, allgemein menschlichen Standpunkt aus darf ich kurz andeuten, wie so das römische Recht in der Geschichte der indoeuropäischen Völker eine so unvergleichliche Erscheinung war, dass sie bis auf den heutigen Tag ein Bestandteil unserer Kultur geblieben ist.

Warum ist es ganz unmöglich, über Jurisprudenz zu berichten, wenn der Hörer nicht über eine grosse Masse technischen juristischen Wissens verfügt? Diese vorläufige Frage wird uns gleich in medias res führen und zu einer, wenn nicht ausführlichen, so doch genauen Zergliederung dessen, was die Römer auf diesem Felde geleistet haben, den Weg weisen.

Die Jurisprudenz ist eine Technik: hierin liegt die Antwort eingeschlossen. Der Medizin vergleichbar, ist sie weder reine Wissen - schaft, noch reine Kunst; und während jede Wissenschaft in ihren Ergebnissen, jede Kunst durch ihre Wirkung allen begabten Menschen mitteilbar, in ihrem wesentlichsten Teile mithin Gemeingut ist, bleibt eine Technik einzig dem Techniker zugänglich. Freilich vergleicht Cicero die Jurisprudenz mit der Astronomie und der Geometrie, und meint: » alle diese Studien gelten der Erforschung der Wahr - heit «:1)De officiis I, 6. doch ist dies das Muster eines logisch falschen Vergleichs! Denn die Astronomie und die Geometrie erforschen thatsächliche, feste, unverrückbare Verhältnisse, die einen ausserhalb, die anderen innerhalb unseres Geistes,2)Dies sage ich ohne metaphysischen Hintergedanken; ob die mathematischen Begriffe Urteile a priori sind (wie Kant es behauptet) oder nicht, Jeder wird zu - geben, dass Geometrie eine rein formelle Bethätigung unseres Geistes ist, im Gegen - satz zur Erforschung der Himmelsräume. wogegen Rechtssätze zunächst aus der Beobachtung von wechselnden, widersprechenden, nirgends fest abzu - grenzenden Anlagen, Gewohnheiten, Sitten und Meinungen gewonnen werden, und die Jurisprudenz als Disziplin sich der Natur der Dinge nach darauf beschränken muss, das Vorhandene fester zu formulieren, genauer zu fassen, durch Zusammenstellung übersichtlich zu gestalten, und vor allem durch feinste Analyse genau zu gliedern und praktischen Bedürfnissen anzupassen. Das Recht ist, wie der Staat, eine menschliche, künstliche Schöpfung, eine neue systematische An - ordnung der durch die Natur des Menschen und durch seine gesell - schaftlichen Instinkte gegebenen Bedingungen. Die Fortschritte der158Das Erbe der alten Welt.Jurisprudenz bedeuten also keineswegs eine Zunahme des Wissens (was eine Wissenschaft doch bewirken muss), sondern lediglich eine Vervollkommnung der Technik; das ist aber sehr viel und kann hohe Gaben voraussetzen. Ein in grossen Mengen vorhandener Stoff wird nunmehr in konsequenter Weise und mit steigender Kunstfertigkeit vom menschlichen Willen dem menschlichen Lebenszweck gewidmet.

Zur grösseren Deutlichkeit ein Vergleich.

Wie sehr bedingt und darum wenig treffend wäre es, wenn man behaupten wollte: der Gott, der Eisen wachsen liess, habe auch die Schmiede wachsen lassen! In einem gewissen Sinne wäre die Aussage unleugbar richtig: ohne bestimmte Anlagen, die ihn trieben, ewig weiter zu forschen, ohne bestimmte Fähigkeiten zum Erfinden und zum Handhaben, wäre der Mensch niemals dazu gelangt, Eisen zu schmieden; er hat auch lange auf Erden gelebt, ehe er es soweit brachte. Durch Scharfsinn und Geduld gelang es ihm endlich; das harte Metall wusste er sich geschmeidig und dienstbar zu machen. Hierbei handelte es sich jedoch offenbar nicht um die Auffindung irgend einer ewigen Wahrheit, wie bei der Astronomie und bei jeder echten Wissenschaft, sondern einerseits um Scharfsinn und Geschick, andrerseits um An - gemessenheit dem praktischen Zwecke gegenüber; kurz, das Schmieden ist keine Wissenschaft, sondern im wahren Sinn des griechischen Wortes eine Technik, d. h. eine Geschicklichkeit. Und die Bedingungen dieser Technik, da sie vom menschlichen Willen abhängen (hier die Verwandtschaft mit Kunst), wechseln mit den Zeiten, mit den An - lagen und Gewohnheiten der Völker, sowie sie auch andrerseits von den Fortschritten des Wissens beeinflusst werden (hier die Verwandt - schaft mit Wissenschaft). In unserm Jahrhundert z. B. hat das Stahl - schmieden grosse Umwälzungen erfahren, die ohne die Fortschritte der Chemie, der Physik, der Mechanik und der Mathematik nicht denkbar gewesen wären; insofern kann es auch vorkommen, dass eine Technik vielfache wissenschaftliche Kenntnisse von ihren Beflissenen fordert, sie hört aber darum nicht auf, eine Technik zu sein. Und weil sie eine Technik ist, bleibt sie jedem noch so unbegabten Menschen erlernbar, wenn er nur einiges Geschick besitzt, enthält aber nichts, was selbst dem Begabtesten mitteilbar wäre, wenn dieser sich nicht eingehend mit ihren Methoden beschäftigt hat. Denn während Wissenschaft und Kunst durch ihren Inhalt selber jedem intelligenten Menschen Interesse bieten, ist eine Technik lediglich eine Methode, ein Verfahren, eine Handhabung, ein Künstliches, nicht ein159Römisches Recht.Künstlerisches, eine Anwendung des Wissens, nicht eigentlich selbst ein Wissen, ein Können, nicht ein Schaffen, und daher kann erst das von ihr Erzeugte allgemeines Interesse fordern, der fertige Gegenstand, heisst das, von dem sich die Technik nunmehr zurückgezogen hat.

Genau ebenso verhält es sich mit der Jurisprudenz, bis auf den Unterschied, dass der zu bearbeitende Stoff ein rein geistiger ist. Prinzipiell ist und bleibt die Jurisprudenz eine Technik, und manches fast unausrottbare Missverständnis wäre vermieden worden, wenn auch die Fachgelehrten diese einfache Grundwahrheit nicht aus den Augen verloren hätten. Von Cicero an bis zum heutigen Tage1)Siehe z. B. Holland: Jurisprudence, 6. Aufl., S. 5. haben tüchtige Juristen nur zu oft es für ihre Pflicht gehalten, ihrem Fach, koste was es wolle, die Bezeichnung » Wissenschaft « zu sichern; sie scheinen eine Herabsetzung zu fürchten, wenn man die Nichtigkeit ihrer Ansprüche behauptet. Natürlich wird man fortfahren, von einer » Rechtswissenschaft « zu reden; nur aber im abgeleiteten Sinne; die Masse des Materials über Recht, Rechtsgeschichte u. s. w. ist so riesig gross, dass sie gewissermassen eine kleine Welt für sich bildet, in welcher geforscht wird, und diese Forschung heisst dann Wissenschaft. Offenbar ist dies jedoch ein uneigentlicher Gebrauch des Wortes. Die Wurzel » vid « bedeutet im Sanskrit finden; soll die Sprache nicht zu farbloser Mehrdeutigkeit verblassen, so müssen wir dafür sorgen, dass ein Wissen immer ein Finden bezeichne. Ein Finden setzt nun zweierlei voraus: erstens einen Gegenstand, der da ist und besteht, ehe wir ihn finden, zweitens die Thatsache, dass dieser Gegenstand noch nicht gefunden und aufgedeckt wurde; beides trifft für die Jurisprudenz nicht zu; denn » Recht « giebt es erst, wenn die Menschen es machen, es existiert nicht als Gegenstand ausserhalb unseres Be - wusstseins, ausserdem deckt die Rechtswissenschaft nichts anderes auf, findet sie nichts anderes, als sich selbst. Daher hatten diejenigen unter den Alten vollkommen Recht, die anstatt von einer juris scientia zu reden, lieber juris notitia, juris peritia, juris prudentia sagten, also etwa: Kenntnisse, Geschick, Erfahrung in der Handhabung des Rechtes.

Diese Unterscheidung ist von grosser Tragweite. Denn erstNaturrecht. wenn man sich Klarheit darüber verschafft hat, was Recht seiner Natur nach ist, kann man mit Verständnis dessen Geschichte verfolgen und begreifen, welche Rolle Rom in der Entwickelung dieser Technik gespielt hat. Jetzt erst kann man jenen gordischen Knoten, die Frage160Das Erbe der alten Welt.nach einem Naturrecht (oder natürlichen Recht) nicht zerhauen, sondern lösen. Diese grosse Frage, über welche seit Jahrhunderten gestritten wird, entsteht überhaupt lediglich aus dem Missverständnis über die Natur des Rechtes; ob man sie dann mit ja oder mit nein beantwortet, man kommt nie aus der Verwirrung heraus. Crcero hat, in der ihm eigentümlichen konfusen Art, allerhand oratorische Floskeln über diesen Gegenstand gemacht; das eine Mal schreibt er: um das Recht zu erklären, müsse man die Natur des Menschen unter - suchen, da schien er auf der rechten Spur zu sein; gleich darauf heisst es, das Recht sei » eine allerhöchste Vernunft «, die ausserhalb von uns existiere und uns » eingepflanzt « werde; dann hören wir wieder, das Recht » gehe aus der Natur der Dinge hervor «; schliess - lich, es sei » zugleich mit Gott geboren, älter als die Menschen «. 1)De legibus I, 5 u. 6, II, 4 u. s. w.Warum man überall diese rechtsanwältlichen Platitüden citiert, weiss ich nicht; ich thue es bloss, um dem Vorwurf vorzubeugen, dass ich unaufmerksam an solchem berühmten Weisheitsborn vorübergegangen wäre; im übrigen errinnere ich an Mommsen’s Urteil: » Cicero war eine Journalistennatur im schlechtesten Sinne des Wortes, an Worten, wie er selber sagt, überreich, an Gedanken über alle Begriffe arm «. 2)Römische Geschichte, III, 620.Schlimmer war es, als ihre asiatische Vorliebe für Prinzipien - reiterei und Dogmatik die hochbedeutenden Rechtslehrer der soge - nannten » klassischen Jurisprudenz « dazu bestimmte, den durchaus unrömischen Begriff eines Naturrechtes klar zu formulieren und grund - sätzlich einzuführen. Ulpian nennt das Naturrecht dasjenige, » welches Tieren und Menschen gemeinsam ist «. Ein monströser Gedanke! Nicht einzig in der Kunst ist der Mensch ein freier Schöpfer, auch im Recht bewährt er sich als herrlicher Erfinder, als unvergleichlich geschickter, besonnener Werkmann, als seines Glückes Schmied. Das römische Recht ist eine ebenso charakteristische Schöpfung des einen einzigen menschlichen Geistes, wie die hellenische Kunst. Was würde das heissen, wenn ich von einer » natürlichen Kunst « sprechen, und somit irgend eine, wenn auch noch so entfernte Parallele zwischen dem naturnotwendigen Zirpen eines Vogels und einer Tragödie des Sophokles ziehen wollte? Weil die Juristen eine technische Gilde bilden, haben viele von ihnen solchen Unsinn, ohne dass die Welt es merkte, Jahrhunderte lang reden dürfen. Gaius, eine andere161Römisches Recht.klassische Autorität, den die Juden als Landsmann beanspruchen, und von dem die Geschichtswerke berichten, er sei » nicht tief, aber sehr beliebt « gewesen, giebt eine minder extravagante, aber ebenso wenig stichhaltige Definition des Naturrechtes: er identifiziert es mit dem sogenannten jus gentium, d. h. mit dem aus den Rechten der ver - schiedenen Völker der römischen Provinzen entstandenen » gemein - samen Recht «; in zweideutigen Worten setzt er auseinander, dieses Recht sei » allen Völkern der Erde « gemeinsam: eine haarsträubende Behauptung, da das jus gentium ebenso das Werk Roms ist, wie dessen eigenes jus civile und nur das Ergebnis der ordnenden Thätig - keit römischer Jurisprudenz inmitten des Wirrwarrs widersprechender und widerstreitender Rechte darstellt. 1)Siehe S. 138.Gerade das Dasein des jus gentium neben und im Gegensatz zu dem römischen jus civile, sowie die bunte Entstehungsgeschichte dieses » Rechts der Völker « hätte dem blödesten Auge zeigen müssen, dass es nicht ein Recht giebt, sondern viele; auch dass das Recht nicht eine Entität ist, die wissen - schaftlich erforscht wird, sondern ein Erzeugnis der menschlichen Geschicklichkeit, welches in sehr verschiedener Weise aufgefasst und durchgeführt werden kann. Das natürliche Recht spukt aber in den meisten Köpfen lustig weiter; so fern auseinandergehende Rechts - theoretiker wie Hobbes und Rousseau z. B. finden sich in dieser einen Annahme zusammen; das Höchste leistete der berühmte Hugo Grotius mit seiner Einteilung in natürliches, historisches und gött - liches Recht, bei welcher man sich fragt, ob denn das göttliche Recht ein unnatürliches sei? oder das natürliche ein Werk des Teufels? Man musste den leuchtenden Geist und die freiheitliebende Keckheit eines Voltaire besitzen, um schreiben zu dürfen: rien ne contribue peut - être plus à rendre un esprit faux, obscur, confus, incertain, que la lecture de Grotius et de Puffendorf . 2)Dictionnaire philosophique. Auch J. J. Rousseau nennt Grotius: » un enfant, et, que pis est, un enfant de mauvaise foi «. (Emile V.)Im unserem Jahrhundert jedoch ist man dem blassen Gedankending scharf auf den Leib ge - rückt; die Historiker des Rechtes und mit ihnen der geniale Theoretiker Jhering haben ihm den Garaus gemacht. Hierzu genügt aber eben - falls die blosse Einsicht, dass das Recht eine Technik ist.

Von diesem Standpunkt aus betrachtet, begreift man nämlich: dass in Wahrheit der Begriff » Naturrecht « (jus naturae) eine flagrante contradictio in adjecto enthält. Sobald es zwischen Menschen ein recht -Chamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 11162Das Erbe der alten Welt.liches Abkommen giebt es braucht durchaus kein schriftliches zu sein, eine mündliche oder auch eine stillschweigende Konvention ist prinzipiell dasselbe, wie ein dickleibiges bürgerliches Gesetzbuch so hat der Naturzustand aufgehört; herrscht aber der reine Natur - trieb, so giebt es eo ipso kein Recht. Denn lebten auch solche Natur - menschen in Gruppen zusammen, und wären sie gegeneinander mild und human, das wäre noch immer kein Recht, kein jus; es wäre genau ebensowenig ein Recht, wie wenn die brutale Faustgewalt bei ihnen allein den Ausschlag gäbe. Recht ist eine künstlich geordnete und zwangsweise von der Gesamtheit dem Einzelnen auferlegte Regelung seiner Beziehungen zu Anderen. Es ist eine Nutzbarmachung jener Instinkte, welche den Menschen zum gesellschaftlichen Zusammenleben treiben, zugleich jener Not, welche ihn nolens volens zwingt, mit seinesgleichen sich zu verbinden: Liebe und Furcht, Geselligkeit und Feindseligkeit. Lesen wir bei den dogmatischen Metaphysikern: » Das Recht ist der abstrakte Ausdruck des allgemeinen, an und für sich seienden Willens «,1)Hegel: Propädeutik, Kursus I, § 26. so fühlen wir, dass man uns Luft statt Brot zu essen giebt; sagt uns der grosse Kant: » Das Recht ist der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des Einen mit der Willkür des Anderen nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden kann «,2)Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre, Einleitung, § B. so müssen wir gleich einsehen: das ist die Definition eines Ideals, die Definition eines möglichen, oder wenigstens denkbaren Rechtszustandes, nicht aber eine umfassende Definition des Rechtes im allgemeinen, wie es uns vor Augen liegt; ausserdem ent - hält sie einen bedenklichen Irrtum. Es ist nämlich ein eigentümlicher Denkfehler, die Willkür in die Seele des Einzelnen zu verlegen und das Recht als eine Gegenwirkung hiergegen herauszukonstruieren; vielmehr handelt offenbar jedes Individuum nach der Notwendigkeit seiner Natur und tritt das Element der Willkür erst mit den Ver - fügungen ein, wodurch dieses natürliche Handeln eingedämmt wird; nicht der Naturmensch ist willkürlich, der Rechtsmensch ist es. Wollten wir eine Definition mit Zugrundelegung von Kant’s Begriffen versuchen, wir müssten sagen: Recht ist der Inbegriff der willkür - lichen Bedingungen, welche in eine menschliche Gesellschaft einge - führt werden, damit das notwendige Handeln des Einen mit dem notwendigen Handeln des Anderen ausgeglichen und zu einem mög -163Römisches Recht.lichen Masse der Freiheit vereinigt werde. Die einfachste Begriffs - formulierung wäre: Willkür an Stelle von Instinkt in den Beziehungen zwischen den Menschen ist Recht. Wozu erläuternd hinzugefügt werden müsste, das non plus ultra der Willkür bestehe darin, dass man eine willkürlich festgesetzte Form (für Strafe, Kauf, Ehe, Testieren u. s. w.) für nunmehr ewig unveränderlich er - klärt, so dass alle betreffenden Handlungen ungültig und ohne recht - lichen Schutz sind, sobald die vorgeschriebene Form nicht innege - halten wurde. Recht ist also die dauernde Herrschaft bestimmter willkürlicher Beziehungen zwischen den Menschen. Wir brauchen übrigens nicht über gänzlich unbekannte Vorzeiten Spekulationen an - zustellen, um Jus in einfachen Gestaltungen zu erblicken, wo dann dieses zentrale Element der Willkür deutlich hervortritt; man sehe nur die heutigen Bewohner des Kongogebietes an. Jedes Völkchen hat seinen Häuptling; er allein entscheidet unwiderruflich über alle Rechts - fälle; diese sind bei so einfachen Verhältnissen sehr einfacher Natur, sie betreffen zumeist Vergehen am Leben oder am Eigentum; die Strafe ist Tod, selten Sklaverei; hat der Häuptling durch eine Hand - bewegung das Urteil gegen den Angeklagten gefällt, so wird dieser von den Umstehenden in hundert Stücke zerhackt und aufgegessen. Die Rechtsbegriffe sind, wie man sieht, am Kongo sehr elementar; dennoch sind es Rechtsbegriffe; der natürliche Mensch, d. h. der un - willkürlich handelnde, würde den vermeintlichen Mörder oder Dieb selber umbringen; hier thut er das nicht, der Verbrecher wird zum Hauptort geschleppt und gerichtet. Ebenso entscheidet der Häuptling über Erbschaftsstreitigkeiten und Grenzregulierungen. Die unbe - schränkte Willkür des Häuptlings ist also das » Recht « des Landes,1)Dass auch dort gewisse Sätze durch den Gebrauch geheiligt und insofern auch für den Häuptling bindend sind, bezweifle ich nicht, juristisch ist er aber voll - kommen frei; nur die Furcht, selber gebraten und aufgegessen zu werden, kann ihn von jeder beliebigen Willkür abhalten. ist der Kitt, wodurch die Gesellschaft zusammengehalten wird, anstatt dass sie in einem regellosen Naturzustand auseinanderstiebe. Der Fort - schritt des Rechtes besteht in dem praktischen Ausbau und in der sittlichen Verklärung dieses willkürlichen Elementes.

Jetzt haben wir, glaube ich, alles beisammen, was nötig ist, umRömisches Recht. ohne technische Erörterungen und zugleich ohne Phrasenmacherei die besonderen Verdienste des römischen Volkes um das Recht zu ver -11*164Das Erbe der alten Welt.stehen, wenigstens die besondere Art dieser Verdienste; zugleich wird damit die Natur der Erbschaft genau bezeichnet.

Ist das Recht nicht ein eingeborenes Prinzip, nicht eine erforsch - bare, sichere Wissenschaft, sondern eine zweckdienliche Verwendung menschlicher Anlagen zum Ausbau einer civilisationsfähigen Gesell - schaft, so ist es von vornherein klar, dass es sehr verschiedenwertige Rechte geben wird und muss. Im letzten Grunde wird ein Recht hauptsächlich von zwei Dingen beeinflusst werden, und somit von ihnen seine bezeichnende Farbe erhalten: von dem moralischen Charakter des Volkes, in welchem es entsteht, und von dessen analytischem Scharfsinn. Aus einem glücklichen Gemisch beider, wie es bisher nur einmal in der Weltgeschichte vorkam,1)Die Behauptung, die Geschichte wiederhole sich stets, gehört zu den unzähligen Unwahrheiten, die als Weisheit unter uns » Nonocentisten « im Umlauf sind. Nie hat sich in der Geschichte etwas wiederholt, niemals! Wo ist die Wiederholung von Athen und Sparta? von Rom? von Ägypten? wo hat der zweite Alexander geblüht? wo ein neuer Homer? Weder die Völker, noch ihre grossen Männer kehren wieder. Darum wird auch die Menschheit nicht » aus Erfahrung « weiser; für die Gegenwart besitzt sie in der Vergangenheit kein Paradigma, an dem sie ihr Urteil bilden könnte; besser oder schlechter, weiser oder dümmer wird sie einzig durch das, was auf ihren Geist und ihren Charakter gewirkt hat. Gutzkow’s Ben Akiba täuschte sich gründlich mit seinem berühmten: » Alles schon dagewesen! « so ein Esel wie er selber war noch nicht da, und wird hoffentlich nie wiederkommen. Und wenn auch, es wäre nur die Wiederholung des Individuums, das unter neuen Verhältnissen andere Dummheiten zum Besten geben würde. ergab sich für das römische Volk die Möglichkeit, ein rechtliches Gebäude von grosser Vollkommenheit aufzuführen. Der blosse Egoismus, die Gier nach Besitz, wird niemals hinreichen, um ein dauerhaftes Recht zu be - gründen; vielmehr haben wir durch die Römer erfahren, dass die unverbrüchliche Achtung vor den Ansprüchen Anderer auf Freiheit und Besitz die moralische Grundlage ist, auf der allein für die Ewigkeit gebaut werden kann. Einer der bedeutendsten Kenner des römischen Rechtes und Volkes, Karl Esmarch, schreibt: » Das Gewissen für Recht und Unrecht ist bei den italischen Ariern ein starkes, un - verfälschtes; in der Selbstbeherrschung und, wenn es sein muss, Selbstaufopferung gipfelt sich ihre innerem Drang entquellende und durch innerstes Wesen getragene Tugend «. Dadurch, dass er sich selbst zu beherrschen wusste, war der Römer berufen, die Welt zu beherrschen und die Idee des Staates kraftvoll zu entwickeln;165Römisches Recht.dadurch, dass er sein eigenes dem allgemeinen Wohl zu opfern wusste, bewies er seine Befähigung, über die Rechte des Privat - eigentums und der individuellen Freiheit gültige Grundsätze auf - zustellen. Zu den hohen moralischen Eigenschaften mussten aber auch ungewöhnliche geistige hinzutreten. Der Römer, als Philosoph ohne jegliche Bedeutung, war der grösste Meister in der Abstraktion fester Prinzipien aus den Erfahrungen des Lebens, eine Meister - schaft, die besonders durch den Vergleich mit anderen Völkern her - vortritt, z. B. mit den Athenern, welche, so fabelhaft begabt, so grosse Liebhaber der Rechtshändel und der sophistischen Rechtsrätsel sie auch waren, doch gerade in diesem Punkte ewig Stümper blieben. 1)Vergl. Leist: Gräco-ital. Rechtsgeschichte, S. 694, und für das folgende Citat S. 682.Diese eigentümliche Fähigkeit, bestimmte praktische Verhältnisse zu fest umschriebenen » Begriffen « zu erheben, bedeutet eine grosse Geistesthat; jetzt erst kommt Ordnung und Übersichtlichkeit in die gesellschaftlichen Verhältnisse, ähnlich wie erst durch die Bildung abstrakter Sammelworte die Sprache ein höheres, geordnetes Denken ermöglicht hatte. Jetzt handelt es sich nicht mehr um dunkle Instinkte, auch nicht um unklare, wechselnde Vorstellungen von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, sondern in klaren » Gattungen « geordnet stehen die Verhältnisse alle vor unseren Augen, welche durch die Erfindung neuer Rechtsnormen oder den weiteren Ausbau schon vorhandener geregelt werden sollen. Und da das Leben die Erfahrung allmählich mehrt oder selber verwickeltere Formen annimmt, entdeckt der römische Scharfsinn nach und nach innerhalb der einzelnen Gattungen die » Arten «. » In Betreff feiner durchdachter Rechtsbegriffe ist das römische Recht der immerwährende Lehrmeister für die civilisierte Welt und wird es bleiben «, sagt Professor Leist, also gerade der Mann, der mehr als irgend ein anderer gethan hat, um nachzuweisen, dass die Hochschulen den jetzigen einseitig römischen Standpunkt der Rechtsgeschichte aufgeben und römisches Recht als ein Glied in der Kette zu erkennen lehren sollten, als eine der Stufen, » die der arische Geist in der Klärung der Rechtsbegriffe erstiegen hat «. Je genauer man die zahlreichen Versuche zu einer Rechtsbildung vor und neben dem römischen studiert, um so mehr sieht man eben die unvergleichlichen Verdienste des römischen ein und lernt erkennen, dass es nicht vom Himmel fiel, sondern von prächtigen, wackeren166Das Erbe der alten Welt.Männern als Schöpfung ihres eigenen Geistes geschaffen wurde. Denn das darf nicht übergangen werden: zu den Fähigkeiten der Selbst - beherrschung, der Abstraktion und der feinsten Analyse kommt als drittes bei den Römern eine besondere Gabe der plastischen Gestaltung. Hierin zeigt sich die Verwandtschaft mit dem Hellenentum, nach der man sonst vergeblich Umschau hält. Auch der Römer ist ein ge - staltungsmächtiger Künstler: er ist es in der klaren, plastischen Ge - staltung der verwickelten Staatsmaschine kein Theoretiker der Welt hätte sich einen solchen Staatsorganismus erdacht, der vielleicht eher als Kunstwerk, denn als Werk der Vernunft zu deuten wäre; er ist noch mehr Künstler in der plastischen Ausbildung seiner Rechts - begriffe. Und höchst charakteristisch ist ebenfalls die Art, wie der Römer darnach strebt, seiner Begriffsplastik auch in den rechtlichen Handlungen sichtbaren Ausdruck zu geben, überall » die innerliche Verschiedenheit äusserlich darzustellen, das Innere gewissermassen an die Oberfläche zu rücken «. 1)Behufs Beispiele lese man den prächtigen Abschnitt » Plastik des Rechtes « in Jhering’s: Geist des römischen Rechtes § 23. Von dem modernen undramatischen Rechtsleben meint Jhering: » Man hätte unserer Justiz statt des Schwertes eine Feder zum Attribut geben mögen, denn einem Vogel waren die Federn kaum nötiger als ihr, nur dass sie bei ihr die entgegengesetzten Wirkungen hervor - brachten, die Schnelligkeit im umgekehrten Verhältnis zum Federnaufwand stand. «Das ist ein ausgesprochen künstlerischer Instinkt, der Ausfluss spezifisch indoeuropäischer Anlagen. In diesem künstlerischen Element liegt auch die magische Kraft der römischen Erbschaft; das ist das Unverwüstliche und das ewig Unvergleichliche.

Denn darüber müssen wir uns klar werden: römisches Recht ist ebenso unvergleichlich und unnachahmlich, wie hellenische Kunst. Daran wird die lächerliche Deutschtümelei nichts ändern. Man erzählt Wunder von einem » deutschen Recht «, welches uns durch die Ein - führung des römischen geraubt worden sei; es hat aber nie ein deutsches Recht gegeben, sondern lediglich ein Chaos von wider - streitenden, rohen Rechten, ein besonderes für jeden Stamm. Es ist auch durchaus ungenau, wenn man von einer » Recipierung « des römischen Rechtes zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert spricht, denn die Germanen haben von ihrer ersten Berührung mit dem römischen Reich an ununterbrochen » recipiert «. Bur - gunder und Ostgoten haben bereits im 5. christlichen Jahrhundert (oder ganz zu Anfang des 6.) Bearbeitungen (Verrohungen) des167Römisches Recht.römischen Rechtes eingeführt1)Savigny: Geschichte des römischen Rechtes im Mittelalter, Kap. 1. und die ältesten Quellen zu sächsischem, fränkischem, bayerischem, alemannischem Recht u. s. w. sind so ge - spickt mit lateinischen Wörtern und halbverstandenen Begriffen, dass das Bedürfnis nach vernünftigerer Rechtsgestaltung sich in ihnen deutlich ausspricht. Wohl könnte man ein deutsches Recht als Ideal in die Zukunft verlegen, es aber in der Vergangenheit suchen, ist unredliches Geschwätz. 2)Ich weiss keinen schlagenderen Beweis von der ursprünglichen Unfähig - keit der Germanen, in Rechtsfragen scharf zu urteilen, als dass noch ein solcher Mann, wie Otto der Grosse, die prinzipielle Frage, ob Enkel erben oder nicht, nicht anders als durch einen Waffenkampf zu entscheiden wusste; dieses Gottes - urteil wurde dann durch ein pactum sempiternum ins bleibende Recht aufgenommen! (Siehe Grimm: Rechtsaltertümer, 3. Ausg., S. 471). Ein anderes Hindernis für die gerechte Würdigung des römischen Rechtes bietet der Taumel des Entwicke - lungsdogmas, der in unserm Jahrhundert die Begriffe so arg verwirrte. Der Sinn für das Individuelle, die Einsicht, dass das Individuelle allein ewige Bedeutung besitzt, ist hierdurch sehr beeinträchtigt worden. Obwohl die Geschichte uns als wirkende Mächte lauter durch und durch individualisierte Völker und grosse, nie wiederkehrende Persön - lichkeiten zeigt, führt die Evolutionstheorie zu der Vorstellung, die Anlagen und Anfänge seien überall identische, und es müssten sich aus diesen selben Keimen wesentlich analoge Gebilde » entwickeln «. Dass das nirgends geschieht und dass z. B. römisches Recht nur ein einziges Mal entstand, geniert unsere Dogmatiker nicht im Geringsten. Damit hängt die weitere Vorstellung der unaufhörlichen » Vervoll - kommnung « zusammen, in Folge welcher unser Recht ohne weiteres das römische überragen muss, weil es ein späteres ist, und doch bietet die Natur nirgends ein Beispiel dafür, dass an irgend etwas Lebendigem eine Entwickelung stattfände, ohne durch entsprechende Einbusse erkauft zu werden. 3)Den ausführlichen Beweis, dass den Begriffen eines Fortschrittes und eines Verfalles der Menschheit keine konkrete Bedeutung zukomme, bringt das neunte Kapitel.Unsere Civilisation steht hoch über der römischen; in Bezug auf lebendiges Rechtsgefühl kann sich dagegen ein gebildeter Mann des 19. Jahrhunderts mit einem römischen Bauern aus dem Jahre 500 vor Christus gewiss nicht vergleichen. Keiner, der Denk - kraft und Wissen besitzt, wird das in Abrede stellen. Ich sagte in Bezug auf Recht, nicht auf Gerechtigkeit. Wenn Leist schreibt: » Der unbefangen Prüfende wird nicht finden, als habe unsere Gegen -168Das Erbe der alten Welt.wart es gegenüber der Römerzeit in der Übung oder auch nur Er - kennung der wirklichen Gerechtigkeit schon gar herrlich weit ge - bracht «,1)Gräco-italische Rechtsgeschichte S. 441. so spricht er etwas Beherzigenswertes aus; ich citiere aber diese Worte, um recht fühlbar zu machen, dass ich an dieser Stelle nicht von Gerechtigkeit spreche, sondern von Recht, und damit der Unterschied klar hervortrete. Unsere edle Vorstellung der Pflichten der Humanität bedeutet doch wohl eine Klärung der Vorstellungen in Bezug auf Gerechtigkeit; das juristische Rechtsgefühl ist dagegen ein ganz anderes Ding und wird auch durch den Besitz der vervoll - kommnetsten, doch importierten Rechtssysteme weder bewährt noch gefördert.

Um die Unvergleichlichkeit der römischen Leistung zu begreifen, darf allerdings ein Umstand nicht übersehen werden: das uns geläufige justinianische corpus juris ist nur die einbalsamierte Leiche des römischen Rechtes. 2)Wie sehr das corpus juris des Justinian dem echten römischen Recht nachsteht, hebt schon Francis Bacon hervor und tadelt es, dass eine so » dunkle Zeit « sich gestattet habe, an das Werk einer so » glänzenden Zeit « verbessernd die Hand anzulegen (siehe die Widmung der Law Tracts).Jahrhundertelang wurde sie von geschickten Fachmännern auf galvanischem Wege im Scheinleben erhalten; jetzt haben sich alle gesitteten Völker ein eigenes Recht ausgearbeitet; ohne das römische wäre das aber nicht möglich gewesen, uns allen geht die nötige Be - gabung ab. Eine einzige Beobachtung genügt, um den Abstand fühl - bar zu machen: das römische Recht der echten Heldenzeit, fest wie ein Fels, war nichtsdestoweniger unglaublich elastisch, » unglaublich « meine ich, für unsere modernen, ängstlichen Vorstellungen, denn wir haben jenem Rechte alles entnommen, nur nicht seinen lebensvollen Charakter. Das römische Recht war ein unaufhörlich » Werdendes «, durch besondere, geniale Einrichtungen befähigt, den wechselnden Bedürfnissen der Zeiten sich anzupassen. Das Recht, welches im 5. Jahrhundert vor Christus von den dazu ernannten Decemvirn seinen allgemeinen Umrissen nach in eherne Tafeln eingegraben wurde, war nicht ein neues, improvisiertes, von nun an unbewegliches, sondern im Wesentlichen eine Kodifikation des schon vorhandenen, historisch ge - wachsenen; die Römer wussten sich Mittel und Wege zu ersinnen, damit es auch dann nicht krystallisiere. An den zwölf Tafeln z. B. machte sich zunächst der » interpretierende « Scharfsinn der Beamten verdient, nicht um das Gesetz zu verdrehen, sondern um es erweiterten169Römisches Recht.Verhältnissen halbautomatisch anzupassen; geniale Erfindungen, wie z. B. die der juristischen » Fiktion «, wodurch ein Mittel gefunden war (wenn ich mich laienhaft ausdrücken darf), um fehlende Rechtsnormen durch vorhandene zu ersetzen; staatliche Einrichtungen, wie diejenige der Prätoren, durch welche dem in einem lebendigen Organismus so nötigen Gewohnheitsrecht ein Platz gesichert wurde, bis aus der Praxis das beste Recht sich ergeben hatte, durch welche auch das jus gentium nach und nach in naher Fühlung mit dem engeren römischen jus civile entstand das alles bewirkte ein frisches, pulsierendes Rechts - leben, wie Keiner es sich vorstellen kann, der Jurisprudenz nicht studiert hat, denn um uns herum giebt es nichts derartiges, gar nichts. 1)Namentlich von den Jahresedikten der Prätoren sagt Leist, sie seien » das Hauptmoment in der feineren Ausbildung des römischen Rechtes geworden « (a. a. O., S. 622).Nun bedenke man aber noch, um den Abstand zwischen uns und den Römern zu ermessen, dass eigentliche gelernte und gelehrte Juristen erst sehr spät, gegen Ende der Republik aufkamen, und dass dieses herrliche, in den meisten Teilen unendlich fein ciselierte Erzeugnis rechtlicher Technik das Werk eines Volkes von Bauern und rauhen Kriegern ist! Man versuche es doch, einem heutigen Durchschnitts - philister den juristischen Unterschied zwischen Eigentum und Besitz klar zu machen, ihm beizubringen, der Dieb sei der juristische Be - sitzer der gestohlenen Sache und geniesse als solcher rechtlichen Be - sitzesschutz, der Pfandgläubiger ebenfalls und auch der Erbpächter; es wird nicht gelingen, ich weiss es aus Erfahrung. Und ich wähle absichtlich ein einfaches Beispiel. Der römische Bauer dagegen, der weder schreiben noch lesen konnte, wusste das alles ganz genau schon ein halbes Jahrtausend vor Christo. 2)Siehe die scharfe Unterscheidung zwischen Eigentum und Besitz, Tafel VII, Satz 11.Er wusste allerdings nicht viel mehr, sein Recht aber kannte und handhabte er mit ebenso genauer Sachkenntnis wie seinen Pflug und seine Ochsen; und indem er es kannte und darüber nachdachte,3)Noch zu Cicero’s Zeiten lernte jeder Knabe die zwölf Tafeln auswendig. indem er für sich und das Seine und die Seinigen immer festeren, bestimmteren Rechtsschutz erstrebte, er - richtete er thatsächlich jenes Rechtsgebäude, in welchem spätere Völker in schwierigsten Zeiten Schutz fanden, und welches wir jetzt mit mehr oder weniger Glück, mit mehr oder weniger Veränderungen nach - bauen, ausbauen, zu vervollkommnen trachten. Es von selbst erfinden170Das Erbe der alten Welt.und aufführen, das hätte kein anderes Volk vermocht, denn nirgends war die nötige Verbindung von Charaktereigenschaften und Geistes - gaben vorhanden, und dieses Recht musste gelebt werden, ehe es gedacht wurde, ehe die Herren kamen, welche von einem » natürlichen Recht « so erbauliches zu melden wussten und vermeinten, es sei der Geometrie vergleichbar, die der einsame Gelehrte in seiner Kammer ausklügelt.

Später haben sich Hellenen und Semiten als Dogmatiker und Advokaten grosse Verdienste erworben, Italiener als Rechtslehrer, Franzosen als Systematiker, Deutsche als Historiker; bei keinem der genannten Volksstämme wäre jedoch der Boden zu finden gewesen, fähig jenen Baum zur Reife zu bringen. Bei den Semiten z. B. fehlte der moralische Untergrund, bei den Deutschen der Scharfsinn. Die Semiten haben grosse moralische Eigenschaften, nicht aber diejenigen, aus denen ein Recht für civilisierte Völker hätte hervorgehen können. Denn die Missachtung der rechtlichen Ansprüche und der Freiheit Anderer ist ein in allen mit semitischem Blute stark durchsetzten Völkern wiederkehrender Zug. Schon im uralten Babylonien hatten sie ein feinausgearbeitetes Handels - und Obligationsrecht; aber selbst auf diesem beschränkten Gebiet geschah nichts, um dem grässlichen Zins - wucher zu steuern, und an die Wahrung menschlicher Rechte, etwa der Freiheit, hat man dort nie auch nur gedacht. 1)Vergleiche die sehr eingehenden Mitteilungen in Jhering’s Vorgeschichte der Indoeuropäer, S. 233 ff. Der gewöhnliche Zinssatz betrug in Babylon 20 % bis 25 %. Jhering behauptet, die Zinsen seien eine babylonische, semitische (nicht turanische) Erfindung; er sagt: » Alle anderen Völker verdanken ihre Bekanntschaft damit den Babyloniern «. Ehre wem Ehre gebührt! Auch die raffiniertesten Formen des Wuchers, z. B. der noch heute beliebte Ausweg, Geld ohne Zinsen zu leihen, sie dafür aber gleich vom Kapital abzuziehen, waren im alten Babylon, noch ehe Homer Verse zu dichten begonnen hatte, wohl bekannt. Wann wird man uns denn endlich mit der alten erlogenen Märe in Ruhe lassen, die Semiten seien erst in den letzten Jahrhunderten infolge christlicher Bedrückungen zu Zinswucherern geworden?Aber auch unter günstigeren Bedingungen, z. B. bei den Juden, hat sich nie auch nur ein Ansatz zu einer echten Rechtsbildung gezeigt; das scheint sonderbar; ein einziger Blick auf die Rechtssätze des grössten jüdischen Denkers, Spinoza, löst das Rätsel. Im politischen Traktat (II, 4 und 8) lesen wir: » Ein Jeder hat soviel Recht, als er Macht besitzt «: hier könnte man allenfalls glauben, es handle sich lediglich um eine Fest - stellung thatsächlicher Verhältnisse, denn dieses zweite Kapitel ist über -171Römisches Recht.schrieben » Vom Naturrechte «. 1)Was für Augen hätten Cicero und Seneca, Scaevola und Papinian zu einer derartigen Auffassung des Naturrechtes gemacht!In der Ethik jedoch (T. IV, Anhang, 8) steht schwarz auf weiss: » Nach dem höchsten Recht der Natur ist einem jeden Menschen unbeschränkt das zu thun gestattet, was nach seinem Urteil zu seinem Nutzen gereichen wird «; und in der Ab - handlung Von der wahren Freiheit heisst es: » Um das, was wir zu unsrem Heil und zu unserer Ruhe fordern, zu erlangen, bedürfen wir keiner anderen Grundsätze, als allein, dass wir das beherzigen, was zu unsrem eigenen Vorteil gereicht «. 2)Die Ähnlichkeit zwischen den Prinzipien (nicht den Folgerungen) Spinoza’s und Nietzsche’s ist auffallend genug, um die Aufmerksamkeit zu erregen.Dass ein so edler Mann nicht verlegen ist, auf derartigen Grundlagen eine reine Morallehre aufzubauen, stellt seinen angeborenen kasuistischen Gaben das schönste Zeugnis aus; man sieht aber, auf jüdischem Boden hätte römisches Recht nicht wachsen können, sondern höchstens ein simplifiziertes Gesetz - buch, wie es etwa König Tippu Tib am Kongo brauchen mag. 3)Vor wenigen Jahren traf ich in Gesellschaft einen gebildeten Juden, Besitzer von Petroleumquellen und Mitglied des verruchten Petroleumringes; kein Argument vermochte es, den ehrenhaften Mann, der keine Fliege getötet hätte, von der moralischen Verwerflichkeit eines solchen Ringes zu überzeugen; seine beständige Antwort war: » ich kann’s, folglich darf ich es! « Buchstäblich Spinoza, wie man sieht. Hiermit hängt jene schwere Frage zusammen, ob es in germa - nischen Ländern gestattet sein sollte, Männer jüdischen Stammes zu Richtern zu ernennen. Ohne jede Leidenschaftlichkeit und Voreingenommenheit, ohne das Wissen und die fleckenlose Ehrenhaftigkeit der Betreffenden anzuzweifeln, sollte man sich auf Grund historischer und ethischer Ergebnisse fragen, ob es denn vorauszusetzen sei, dass jene Männer die Fähigkeit besitzen, eine Rechtsauffassung sich vollkommen zu assimilieren, die ihren eingeborenen Anlagen so tief wider - spricht? ob sie dieses Recht, welches sie meisterhaft handhaben, auch wirklich verstehen und fühlen? Wer die scharf ausgesprochene Individualität der verschiedenen Menschenrassen erkennen gelernt hat, kann im tiefsten Ernst und ohne jede Ge - hässigkeit eine derartige Frage aufwerfen.Erst auf der Grundlage eines von Indoeuropäern erfundenen und bis ins Einzelne ausgeführten Rechtes konnte der Jude seine staunens - werten juristischen Fähigkeiten entdecken. Ganz anders verhält es sich mit den Deutschen. Die Selbstaufopferung, der Drang, » von innen nach aussen zu bauen «, die Betonung des ethischen Momentes, der unbändige Freiheitssinn, kurz, die moralischen Eigenschaften hätten sie schon in reicher Fülle besessen. Nicht dagegen die geistigen. Der Scharfsinn war nie ein Nationalbesitz der Teutonen; das liegt so172Das Erbe der alten Welt.offenbar vor aller Augen, dass jeder Nachweis überflüssig ist. Schopen - hauer behauptet: » Der wahre Nationalcharakter der Deutschen ist Schwerfälligkeit «. Dem deutschen Geist stehen für die Rechtsbildung seine grosse Gaben ebenfalls im Wege: seine unvergleichliche Phantasie (im Gegensatz zur platten Empirie der römischen Vorstellungswelt), die schöpferische Leidenschaftlichkeit seines Gemütes (im Gegensatz zur kühlen Nüchternheit des Römers), seine wissenschaftliche Tiefe (im Gegensatz zu den praktisch politischen Tendenzen des geborenen Rechtsvolkes), sein lebhaftes Gefühl für Billigkeit (immer in gesell - schaftlicher Beziehung ein schwankes Rohr im Vergleich zur streng - rechtlichen Auffassung der Römer). Nein, dieses Volk wäre nicht befähigt gewesen, die Technik des Rechtes zu hoher Vollkommenheit auszubilden; es gleicht zu sehr den alten Indoariern, deren » gänzlicher Mangel des juristischen Unterscheidungsvermögens « von Jhering in seiner Vorgeschichte der Indoeuropäer, § 15, dargethan wird.

Die Familie.
163

Noch einen solchen nationalen Vergleich in Bezug auf Rechts - bildung möchte ich anstellen, den zwischen Hellenen und Römern. Er deckt den Kernpunkt des römischen Rechtes auf, den einzigen, auf den ich hier, in diesem Buche, die besondere Aufmerksamkeit lenken darf, was aber schon genügen wird, um fühlbar zu machen, wie tief innerlich unsere Civilisation der römischen Erbschaft ver - pflichtet ist. Zugleich wird diese kurze Betrachtung, die bei den Ur - anfängen anknüpft, uns in die brennenden Fragen unsrer unmittel - baren Gegenwart hineinführen.

Jeder Gebildete weiss, dass die Griechen nicht allein grosse Politiker, sondern ebenfalls grosse Rechtstheoretiker waren. Der » Prozess um des Esels Schatten «1)Ein Athener mietet einen Esel, um sein Gepäck nach Megara zu tragen; bei einer Rast setzt er sich in des Esels Schatten nieder; der Eseltreiber will es ohne Extrabezahlung nicht zugeben, er habe den Esel, nicht aber des Esels Schatten vermietet. ist ein uralter attischer Witz, der die Vorliebe dieses leichtsinnigen, händelsüchtigen Volkes für gericht - liche Klagen trefflich verhöhnt; ich erinnere auch an die Wespen des Aristophanes mit den herzzerreissenden Bitten des von seinem Sohne eingeschlossenen Philokleon: » Lasst mich hinaus, lasst mich hinaus zum Richten! « Man sehe sich aber noch weiter um. Homer lässt auf dem Schilde des Achilleus eine Gerichtsszene ab - gebildet sein (Ilias, XVIII, Vers 497 ff. ), Plato’s umfangreichste Werke sind politische und rechtstheoretische (Die Republik und die Ge -173Römisches Recht.setze), die Rhetorik des Aristoteles ist stellenweise einfach ein Hand - buch für angehende Rechtsanwälte, man sehe z. B., wie er im 15. Kapitel des ersten Buches eine ausführliche Theorie betrügerischer Sophistik für Winkeladvokaten aufstellt, ihnen Andeutungen giebt, wie sie das Gesetz zum Vorteil ihres Klienten verdrehen können, und ihnen rät, vor Gericht, sobald es Vorteil bringt, falsche Eide schwören zu lassen. 1)Dies gehört, nach dem grossen Philosophen, zu den » ausserhalb der Kunst liegenden Überzeugungsmitteln «. Man sieht, ausserhalb Spartas (wo es nach Plutarch’s Versicherung gar keine Prozesse gegeben haben soll) war die hellenische Luft von Rechtsfragen geschwängert. Die Römer, stets bereit, fremdes Verdienst anzuerkennen, wandten sich behufs Ratschläge für den Ausbau ihres Rechtes seit Alters her an die Griechen, namentlich an die Athener. Schon als sie das erste Mal ihre rechtlichen Grundprinzipien schriftlich fixieren wollten (in den zwölf Tafeln), entsandten sie eine Kommission nach Griechenland, und bei der endgültigen Redaktion dieses frühesten Monumentes soll ein aus seiner Vaterstadt verbannter Ephesier, Hermodorus, wesentliche Dienste geleistet haben. Hieran änderte die Zeit nichts. Die grossen Rechtsautoritäten, ein Mucius Scaevola, ein Servius Sulpicius sind genaue Kenner hellenischer Rechtseinrichtungen; Cicero und was alles an diesem Namen drum und dran hängt, zieht seine un - klaren Äusserungen über göttliche Gerechtigkeit, natürliches Recht u. s. w. aus griechischen Philosophen: in dem pseudo-platonischen Minos hatte er lesen können, das Recht sei die Entdeckung eines ausserhalb Liegenden, nicht eine menschliche Erfindung, und von Aristoteles citiert er die Worte: » das allgemeine Gesetz, weil es das natürliche ist, wechselt nie, dagegen geschieht das oft beim geschriebenen «;2)Noch bis zum heutigen Tage findet man diese Stelle in juristischen Werken citiert, jedoch mit wenig Recht, da Aristoteles hier bloss einen rhetorischen Kniff zum Gebrauch vor Gericht angiebt und auf der nächsten Seite die An - wendung der gegenteiligen Behauptung lehrt. Noch weniger zur Sache ist die Stelle aus der Nikomachischen Ethik V, 7, die in dem Satze gipfelt: » Das Recht ist die Mitte zwischen einem gewissen Vorteil und einem gewissen Nachteil «. Wie gross erscheint nicht hier wie immer Demokrit mit seiner klaren Einsicht: die Gesetze seien Früchte menschlichen Sinnens im Gegensatze zu den Dingen der Natur (Diogenes Laer. IX, 45)! in der späteren Zeit kaiserlicher Dekadenz, als das römische Volk von der Erdfläche verschwunden war, wird die sogenannte » klassische Jurisprudenz « fast ausschliesslich von Griechen (mehr oder weniger174Das Erbe der alten Welt.semitischer Abstammung) begründet und durchgeführt. Es herrscht merkwürdiges Dunkel über Herkunft und Geschichte der berühmtesten Rechtslehrer der späteren römischen Zeit; sie sind auf einmal da, in Amt und Würden, niemand weiss, woher sie kamen. Wahrhaft er - greifend ist aber am Beginn des kaiserlichen Regimentes und seines unausbleiblichen Einflusses auf das Rechtsleben der leidenschaftliche Kampf zwischen Labeo, dem unbändig freien Altplebejer, und Capito, dem nach Geld und Ehren strebenden Neuling, der Kampf für organische freie Weiterentwickelung gegen Autoritätenglauben und Dogma. Das Dogma siegte, wie auf religiösem, so auch auf rechtlichem Gebiete. Inzwischen hatten aber, wie gesagt, die praktischen Römer gar viel in Griechenland gelernt, namentlich von Solon, der als Staatenbildner wenig Dauerhaftes geleistet hatte, umsomehr aber auf dem Gebiete des Rechtes. Ob Solon die schriftliche Rechtsgesetzgebung und das folgenreiche Prinzip der actiones (der Einteilung der Klagen nach be - stimmten Grundsätzen) erfunden oder ob er sie nur systematisiert und fixiert hat, weiss ich nicht, jedenfalls stammt beides aus Athen. 1)Leist: Gräco-italische Rechtsgeschichte, S. 585.Dies nur als Beispiel der grossen Bedeutung Griechenland’s für den Ausbau des römischen Rechtes. Später, als alle hellenischen Länder unter römischer Verwaltung standen, trugen die griechischen Städte zur Ausbildung des jus gentium (und somit auch zur Vervoll - kommnung des römischen Rechtes) das Meiste bei. Und da fragt man sich: wie kommt es denn, dass die Hellenen, den Römern geistig so sehr überlegen, nichts Dauerhaftes und auch nichts Vollendetes auf diesem Gebiete schufen, sondern lediglich durch Vermittelung der Römer an dem grossen Civilisationswerke der Ausgestaltung des Rechtes teilnahmen?

Hier lag ein einziger, jedoch ein folgenschwerer Fehler zu Grunde: der Römer ging von der Familie aus, auf Grundlage der Familie errichtete er Staat und Recht; der Grieche dagegen nahm als Ausgangspunkt den Staat, immer ist die Organisation der » Polis « sein Ideal, ihm bleiben Familie und Recht untergeordnet. Die ge - samte griechische Geschichte und Litteratur beweist die Richtigkeit dieser Behauptung, und die Thatsache, dass der grösste aller Hellenen nachhomerischer Zeiten, Plato, die gänzliche Abschaffung der Familie in den leitenden Kreisen) für ein erstrebenswertes Ziel erachtete, zeigt, zu welchen heillosen Verirrungen ein solcher Fundamentalirrtum175Römisches Recht.mit der Zeit führen musste. Mit vollem Recht sagt einmal Giordano Bruno (wo, ist mir entfallen): » Der allergeringste Irrtum in der Art und Weise, eine Sache anzufassen, verursacht schliesslich die erheb - lichsten irrtümlichen Abweichungen; da kann das kleinste Versehen in der Verzweigung des Gedankenganges heranwachsen, wie eine Eichel zur Eiche. « Und das war hier kein » allergeringster Irrtum «, sondern ein gewaltiger; hier liegt alles Elend der hellenischen Völker eingeschlossen; hier ist der Grund zu suchen, warum sie weder Staat noch Recht in dauerhafter, mustergültiger Weise auszubauen ver - mochten. Nimmt man eine sorgfältige Einzeldarstellung zur Hand, z. B. die vor wenigen Jahren aufgefundene Schrift des Aristoteles: Vom Staatswesen der Athener, man wird von dieser Aufeinanderfolge verschiedener Verfassungen, die jede einen wesentlich verschiedenen Geist atmen, schwindlig: die vordrakonische Verfassung, die Ver - fassungen Drako’s, Solon’s, des Kleisthenes, des Aristeides, des Perikles, der Vierhundert u. s. w., u. s. w., alles innerhalb zwei - einhalb Jahrhunderte! Bei festgefügtem Familienleben wäre das un - denkbar gewesen. Ohne dieses gelangten die Hellenen leicht zu ihrer so charakteristisch unhistorischen Auffassung: das Recht sei ein Gegenstand der freien Spekulation; und so verloren sie das Gefühl dafür, dass es, um leben zu können, aus thatsächlichen Verhältnissen hervorwachsen muss. 1)Trefflich ist in dieser Beziehung eine Bemerkung Jean Jacques Rousseau’s: » Si quelquefois les lois influent sur les moeurs, c’est quand elles en tirent leur force « (Lettre à d’Alembert). Und wie auffallend ist es, dass gerade die wichtigsten Fragen des Familienrechtes als ein Nebensächliches be - handelt werden, Solon z. B., der bedeutendste Athenienser auf recht - lichem Gebiet, das Erbrecht so dunkel lässt, dass die Auslegung der Willkür der Gerichte überlassen bleibt (Aristoteles, a. a. O., Ab - schnitt 9). Ganz anders Rom. Der starke Drang nach Disciplin findet einen Ausdruck hier zunächst in der festen Organisation der Familie. Die Söhne bleiben nicht bloss bis zum 14. Lebensjahre, wie bei den Griechen, unter väterlicher Gewalt, sondern bis zum Tod des Vaters; durch Ausschliessung der Verwandtschaft auf mütter - licher Seite, durch rechtliche Anerkennung der unbegrenzten Gewalt des Paterfamilias, selbst über Leben und Tod der Seinigen (und wäre sein Sohn inzwischen auch zu den höchsten Staatsämtern hinauf - gestiegen), durch grösste Freiheit und genaueste Einzelbestimmungen in Bezug auf das Testier - und das Erbrecht, durch striktesten Schutz176Das Erbe der alten Welt.aller Eigentums - und Forderungsrechte des Hausvaters (welcher allein ein Vermögensrecht besass und eine persona sui juris, d. h. eine freie, juristische Person war) durch alle diese Dinge und noch manche andere, wurde in Rom die Familie zu einer unerschütter - lich festen, unzersetzlichen Einheit, und diese Einheiten sind es, denen man im letzten Grunde die besondere Gestaltung des römischen Staates und des römischen Rechtes zu verdanken hat. Man begreift unschwer, wie eine so strenge Auffassung der Familie auf das gesamte Leben zurückwirken musste: auf die Moral der Männer, auf die Beschaffen - heit der Kinder, auf die Sorge, das Erworbene zu erhalten und zu vererben, auf die Vaterlandsliebe, die nicht, wie in Griechenland, künstlich geschürt zu werden brauchte, kämpfte doch der Bürger für das dauernd gesicherte Eigene, für sein heiliges Heim, für Frieden und Ordnung.

Die Ehe.
168

Hiermit hängt natürlich die innerliche Auffassung der Ehe und die Stellung des Weibes in der Gesellschaft zusammen: dies ist offenbar das positive Element in der Gestaltung der römischen Familie, dasjenige, welches nicht durch Gesetze bestimmt werden konnte, welches dagegen die Gesetze bestimmt hat. Schon bei den alten Ariern wurde die Ehe als » eine göttliche Einrichtung « betrachtet, und wenn die junge Frau die Schwelle des neuen Heims betrat, wurde ihr zugerufen: » Ziehe hin ins Haus des Gatten, dass du Haus - herrin heissest; als Gebieterin schalte daselbst! « 1)Zimmer: Indisches Leben, S. 313 ff.Gerade in diesem Punkte zweigten Hellenen und Römer, sonst so vielfach verwandt, von einander ab. Zu Homer’s Zeiten sehen wir allerdings das Weih von den Griechen noch hochgeachtet, die Genossin des Mannes; die nach Kleinasien ausgewanderten Ionier nahmen jedoch fremde Frauen, » die den hellenischen Mann nicht bei seinem Namen, sondern nur Herr nennen durften, diese Entartung der kleinasiatischen Ionier hat auf Athen zurückgewirkt «. 2)Etfried Müller: Dorier, 2. Ausg. I, 78, II, 282 (nach Leist citiert).Der Römer dagegen » be - trachtete die Frau als seine ebenbürtige Genossin, seine Lebensgefährtin, die Alles mit ihm zu teilen hat: Göttliches wie Menschliches Die Ehefrau hat aber diese Stellung in Rom, nicht weil sie Ehefrau, sondern weil sie Weib ist, d. h. wegen der Achtung, welche der Römer dem weiblichen Geschlecht als solchem zollt. In allen Be - ziehungen, wo nicht der natürliche Unterschied des Geschlechts eine177Römisches Recht.Verschiedenheit bedingt, stellt der Römer das Weib mit sich auf eine Linie. Es giebt keinen schlagenderen Beleg dafür, als das altrömische Erbrecht, welches zwischen beiden Geschlechtern gar keinen Unter - schied macht: die Tochter hat genau dasselbe wie der Sohn, die Agnatin wie der Agnat; sind keine Kinder da, so erhält die Witwe den ganzen Nachlass und schliesst den Mannesstamm aus, ebenso, wenn auch sie nicht vorhanden ist, die Schwester. Man muss die Zurücksetzung, welche das weibliche Geschlecht in den Rechten so vieler anderer Völker erfahren hat, kennen, um die Bedeutsamkeit dieses Punktes einzusehen; in Griechenland z. B. schloss der nähere männliche Verwandte das Weib gänzlich aus, und das Los einer Erb - tochter war ein geradezu beklagenswertes, der nächste männliche Ver - wandte konnte sie ihrem Ehemann entziehen. « 1)Jhering: Entwickelungsgeschichte des römischen Rechts, S. 55. Bei den Germanen sah es nicht besser aus. » Das Erbrecht ist allen Weibern nach den ältesten deutschen Gesetzen entweder versagt oder beschränkt «, meldet Grimm: Deutsche Rechtsaltertümer, 3. Ausg., S. 407. Die Milderungen, die nach und nach eintraten, sind auf römischen Einfluss zurückzuführen; wo dieser nicht oder wenig hinreichte, enthalten noch im Mittelalter die deutschen Rechtsbücher » völlige Hintansetzung «; ganz im Norden, in Skandinavien und im ältesten Friesland, konnte ein weibliches Wesen überhaupt nichts erben, weder fahrendes, noch liegendes Gut: » der Mann geht zum Erbe, das Weib davon «; erst im 13. Jahr - hundert wurde letzterem dort ein beschränktes Erbrecht zugestanden. (Grimm, S. 473.) Das sind die Rechtsverhältnisse, nach denen die Deutschtümler sich zurücksehnen!Als Fürstin, princeps familiae, wurde die römische Ehefrau im Hause verehrt, und das römische Gesetz spricht von der matronarum sanctitas, der Heiligkeit der mit Kindern gesegneten Frauen. Kinder, die sich irgendwie gegen ihre Eltern vergingen, traf die » Sacertät «, d. h. die Ächtung vor Göttern und Menschen; auf dem Vatermord lag keine Strafe, weil (so erzählt Plutarch) man dieses Verbrechen für undenkbar hielt, in der That währte es über ein halbes Jahrtausend, bis das erste Parricidium begangen wurde. 2)(Romulus, XXIX.) Zum Kontrast diene, dass es bei den Deutschen bis zur Einführung des Christentums (bei den Wenden sogar bis zum 17. Jahrhundert) Sitte war, alte, schwache Eltern zu erschlagen! (siehe Grimm: Rechtsaltertümer, S. 486 490).Um sich diese altrömische Familie richtig vorzustellen, muss man sich noch eines gegenwärtig machen: dass nämlich im römischen Leben das sakrale Element, d. h. die Achtung vor göttlichen Geboten, eine grosse Rolle spielte. War der Paterfamilias dem menschlichen Rechte nach ein unbeschränkter DespotChamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 12178Das Erbe der alten Welt.in seinem Hause, so verwehrte ihm das göttliche Gebot, dieses Recht zu missbrauchen. 1)Ausserdem unterlag er der » censorischen Rüge «, sowohl für zu grosse Strenge in der Ausübung seiner väterlichen Rechte wie auch für Nachlässigkeit; siehe Jhering: Geist des römischen Rechtes, § 32.Das Familienhaus war ja ein Heiligtum, sein Herd einem Altar gleichwertig; und wenn es auch für unser heutiges Gefühl etwas Grauenhaftes hat, davon zu hören, dass bei sehr grosser Armut Eltern bisweilen ihre Kinder in die Sklaverei verkauften, so wird man doch aus allen Rechtsgeschichten die Überzeugung ge - winnen, dass irgend eine Grausamkeit (nach damaligen Begriffen) gegen Frau oder Kinder fast oder ganz unbekannt war. Zwar ist die Gattin ihrem Manne gegenüber juristisch filiae loco (einer Tochter gleich), ihren eigenen Kindern gegenüber sororis loco (einer Schwester gleich): das geschieht aber im Interesse der Einheit der Familie und damit, sowohl in staatsrechtlicher wie in privatrechtlicher Beziehung, die Familie als scharf abgegrenztes, von einer einzigen Person juristisch vertretenes, autonomes, organisches Gebilde auftrete, nicht als ein mehr oder minder festes Konglomerat von lauter einzelnen Frag - menten. Schon im politischen Teile dieses Abschnittes sahen wir, dass der Römer es liebte, die Gewalt einzelnen Männern zu übergeben, vertrauend, dass aus Freiheit gepaart mit Verantwortlichkeit, beides im Brennpunkt einer ihrer Individualität bewussten Persönlichkeit vereint, massvolle und zugleich energische, weise Handlung hervor - gehen würde. So auch hier. Später entartete dieses Familienleben; es wurden schlaue Mittel ersonnen, um Surrogate für die wahre Ehe aufzubringen, damit die Frau nicht mehr in die juristische Gewalt des Mannes käme; » die Ehe wurde zu einem Geldgeschäft wie jedes andere; nicht um Familien zu gründen, sondern um die zerrütteten Vermögensverhältnisse durch Heiratsgüter aufzubessern, wurden Ehen geschlossen, und geschlossene getrennt, um neue zu schliessen «;2)Esmarch: Römische Rechtsgeschichte, S. 317. aber trotzdem konnte noch zu Caesar’s Zeiten Publius Syrus als römische Auffassung der Ehe die Zeile schreiben:

Perenne animus conjugium, non corpus facit.

Die Seele, nicht der Körper, macht die Ehe zu einer immerwährenden.

Das Weib.
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Das ist der Mittelpunkt des römischen Rechtes; der Kontrast mit Griechenland (und mit Deutschland) lässt die Bedeutung eines solchen organischen Mittelpunktes ahnen. Auch hier wieder bewährt sich der Römer, wenn auch als durchaus unsentimentaler, fast peinlich179Römisches Recht.phantasieloser, so doch nichts weniger als unidealer Mensch. Er besitzt sogar eine so grosse Macht der Idee, dass dasjenige, was er recht von Herzen wollte, nie wieder ganz verschwand. Wir sahen es schon im vorigen Abschnitt: Ideen sind unsterblich. Der römische Staat wurde zu Grunde gerichtet, seine Idee lebte aber, mächtig gestaltend, durch die Säcula weiter; am Schlusse des 19. Jahrhunderts schmücken sich vier mächtige Monarchen Europas mit dem Patrony - mikon Julius Caesar’s, und der Begriff der Res publica gestaltet den grössten Staat der neuen Welt. Das römische Recht aber lebt nicht allein als justinianische Mumie, nicht allein als technisches Ge - heimnis, nur den Technikern zugänglich, weiter; nein, ich glaube, dass auch der lebenbildende Kern, aus dem jenes Recht im letzten Grunde erwachsen war, doch, trotz der Finsternis schmachvollst un - heiliger Jahrhunderte und trotz der auflösenden Gährung, die ihnen folgte, niemals zu Grunde ging, und dass er in uns als ein kost - barstes Gut weiterlebt. Wir reden noch heute von der Heiligkeit der Familie; wer sie, wie gewisse Sozialisten, leugnet, der wird aus der Liste urteilsfähiger Politiker gestrichen, und selbst wer kein gläubiger Katholik ist, wird sich hundertmal lieber mit der Vorstellung befreunden, die Ehe sei ein religiöses Sakrament (wie es ja im alten Rom war; hier wie an so vielen Orten fusst das Papsttum unmittelbar auf altrömischem Pontifikalrecht und bewährt sich als letzter offizieller Vertreter des Heidentums), als dass er zugeben wird, die Ehe sei, wie der gelehrte Anarchistenführer Elisée Reclus geschmackvoll sagt: » lediglich legale Prostitution «. Dass wir so fühlen, ist römische Erbschaft. Auch die hochgeachtete Stellung des Weibes, wodurch unsere Civilisation sich von der hellenischen und von den ver - schiedenen Abarten der semitischen und asiatischen so vorteilhaft unterscheidet, ist nicht, wie Schopenhauer und manche Andere ge - lehrt haben, » eine christlich-germanische Schöpfung «, sondern eine römische Schöpfung. So weit man urteilen kann, müssen die alten Germanen ihre Weiber nicht besonders gut behandelt haben, und hier scheint römischer Einfluss zu allererst gewirkt zu haben; die ältesten deutschen Rechtsbücher sind in Bezug auf die rechtliche Stellung der Frau voller wörtlicher Entlehnungen aus römischem Recht (siehe Grimm: Deutsche Rechtsaltertümer II, Kap. 1, B 7 u. ff.). Dass das Weib in Europa eine feste, sichere, rechtliche Stellung erlangte, das war römisches Werk. Besungen wurde das » schöne Geschlecht « aller - dings erst von Deutschen, Italienern, Franzosen, Engländern, Spaniern;12*180Das Erbe der alten Welt.daran hatten freilich die Römer nie gedacht. 1)Ich rede von dem treuen, keuschen Weibe; denn die Ehebrecherin und die Hetäre wurden von den namhaftesten Dichtern des verfallenden Roms, allen voran Catull und Virgil, hoch gefeiert.Ich frage mich aber, ob wir ohne den Scharfblick und den Gerechtigkeitssinn, vor allem ohne den unvergleichlichen staatenbildenden Instinkt der Römer jemals dahin gelangt wären, das Weib als vollgültige Genossin unseres Lebens, als Eckstein der Familie in unser politisches System auf - zunehmen? Ich glaube es bestimmt verneinen zu dürfen. Das Christentum bedeutet durchaus keine Stärkung der Idee der Familie. Im Gegenteil, sein eigentliches Wesen ist, dass es alle politischen und rechtlichen Bande zerreisst und jedes einzelne Individuum auf sich selbst stellt. Den Gnadenstoss erhielt auch die römische Familie von dem christlichen Kaiser Constantin, der die Souveränität des paterfamilias aufhob. Als Ausfluss des Judentums ist ausserdem das Christentum von Hause aus eine anarchische Macht, eine anti - politische. Dass die katholische Kirche ganz andere Wege ging und eine politische Macht erster Grösse wurde, ist einfach dem Umstand zuzuschreiben, dass sie die klare Lehre Christi verleugnete, und dafür die römische Staatsidee wieder aufgriff wenn auch nur die Idee des verkommenen römischen Staates. Für die Erhaltung des römischen Rechtes that die Kirche mehr als irgend Jemand;2)Siehe namentlich Savigny: Geschichte des römischen Rechtes im Mittelalter, Kap. 3, 15, 22 u. s. w. Papst Gregor IX .. zum Beispiel geizte einzig nach dem Titel eines » Justinian der Kirche «, mehr als Seligsprechung lag diese Anerkennung seiner juristischen Verdienste ihm am Herzen. 3)Bryce: Das heilige römische Reich, franz. Ausg., S. 131.Waren nun auch die Gründe, welche die Kirche und die Könige trieb, das römische Recht in seiner byzantinischen Aftergestalt zu erhalten und zwangsweise einzuführen, durchaus nicht immer besonders edle, das konnte doch nicht ver - hindern, dass manches Edelste an römischen Gedanken zugleich mit gerettet wurde. Und ebenso wie die Tradition des römischen Rechtes niemals aufhörte, schwand auch die römische Auffassung der Würde des Weibes und der politischen Bedeutung der Familie nie wieder ganz aus dem Bewusstsein der Menschen. Seit etlichen Jahrhunderten (hier wie an so manchen Orten bildet das 13. Jahrhundert mit Petrus Lombardus die fast mathematische Scheidelinie) sind wir der altrömischen Auffassung immer näher gekommen, namentlich181Römisches Recht.seitdem das Tridentiner Konzil und Martin Luther zu gleicher Zeit die Heiligkeit der Ehe betonten. Dass diese Annäherung in mancher Beziehung eine rein ideelle ist, thut nichts zur Sache; eine durch und durch neue Civilisation kann sich gar nicht zu gründlich von alten Formen frei machen; ohnehin giessen wir gar zu viel neuen Wein in alte Schläuche; ich glaube aber nicht, dass irgend ein vor - urteilsloser Mann leugnen wird, die römische Familie sei eine der herrlichsten Errungenschaften des Menschengeistes, einer jener Gipfel, der nicht zweimal erklommen werden kann, und zu dem noch die fernsten Jahrhunderte hinaufblicken werden voll Bewunderung, zu - gleich auch, um sicher zu sein, dass sie selber nicht zu weit von der Wahrheit abirren. Bei jedem Studium unseres Jahrhunderts, z. B. bei der Besprechung der brennenden Frauenemanzipationsfrage, wird dieser ragende Gipfel unschätzbare Dienste leisten; ebenso bei der Beurteilung jener sozialistischen Theorien, welche, im Gegensatz zu Rom, auf die Formel hinauslaufen: keine Familie, alles Staat.

Ich habe hier etwas Schwieriges versucht: über einen technischenPoesie und Sprache. Gegenstand nicht-technisch zu reden. Ich musste mich darauf be - schränken, die besondere Befähigung der Römer für die Ausbildung gerade dieser Technik nachzuweisen; was ich sodann als den weitest reichenden Erfolg für die menschliche Gesellschaft hervorzuheben be - müht war, die felsenfelste, rechtliche Begründung der Familie, das ist, wie man bemerkt haben wird, wesensgleich mit der ursprünglichen, treibenden Kraft, aus welcher die technische Meisterschaft allmählich heraufgewachsen war. Alles was dazwischen liegt, d. h. die gesamte eigentliche Technik, musste beiseite gelassen werden, ebenso wie eine Erörterung über die Vorteile und die Nachteile des vorwiegenden Einflusses des römischen Rechtes in unserm Jahrhundert in rein tech - nischer Beziehung. Auch ohne solch gefährlichen Sandboden zu be - treten, gab es für uns Laien genug anregende Betrachtungen.

Mit Absicht habe ich mich auf Politik und Recht beschränkt. Was nicht auf uns vererbt wurde, fällt nicht in den Gesichtskreis dieses Buches, und Manches, was sich erhalten hat, wie z. B. die Werke lateinischer Dichter, bildet eine Beschäftigung für Liebhaber und Ge - lehrte, nicht aber einen lebendigen Teil unseres Lebens. Griechische Poesie und lateinische Poesie zusammenthun zu dem einen Begriff » klassische Litteratur «, ist ein Beweis von unglaublicher Geschmacks - barbarei und von einer bedauerlichen Unkenntnis des Wesens und182Das Erbe der alten Welt.Wertes genialer Kunst. Wo römische Dichtung das Erhabene an - strebt, wie bei Virgil und Ovid, schliesst sie sich möglichst sklavisch an griechische Muster an im richtigen Gefühl ihrer rettungslosen Un - originalität. Wie Treitschke sagt: » Die römische Litteratur ist eine griechische, die mit lateinischen Worten geschrieben wird «. 1)Über den grossen Lucrez als Ausnahme, vergl. das S. 71, Anm. Gesagte.Was sollen unsere unseligen Knaben denken, wenn ihnen früh die Ilias des grössten dichterischen Schöpfers aller Zeiten erklärt wird, nach - mittags die auf kaiserlichen Befehl ausgearbeitete Tendenzepopöe, die Aeneis: beides als klassische Muster? Das Echte und das Unechte, das glorreiche, freie Schaffen aus höchster schöpferischer Not und die feingebildete Technik im Dienste des Goldes und des Dilettantismus, das Genie und das Talent: vorgeführt als zwei auf demselben Stock gewachsene Blumen, nur wenig unterschieden! So lange jenes blasse Gedankenunding, der Begriff der » klassischen Litteratur «, unter uns als Dogma weiterlebt, solange umfängt uns noch die Nacht des Völker - chaos, so lange sind unsere Schulen Sterilisierungsanstalten zur Ver - tilgung jeder schöpferischen Regung. Hellenische Dichtung war ein Anfang, eine Morgendämmerung, sie erschuf ein Volk, sie schenkte ihm aus verschwenderischem Herzen alles, was höchste Schönheit geben kann, um das Leben zu heiligen, alles was Poesie vermag, um arme, geplagte Menschenseelen zu verklären und mit der Ahnung unsicht - barer, freundlicher Mächte zu erfüllen, und unversiegbar quillt nunmehr dieser Lebensborn, ein Jahrhundert nach dem andern labt sich an ihm, ein Volk nach dem andern schöpft aus seinen Fluten die Begeisterungskraft, selber Schönes zu schaffen; denn das Genie ist wie Gott: zwar offenbart es sich in einer bestimmten Zeit und unter bestimmten Umständen, seinem Wesen nach ist es aber unbe - dingt, was Anderen zu Ketten wird, daraus schmiedet es sich Flügel, es entsteigt der Zeit und ihrem Todesschatten und geht lebendig ein in die Ewigkeit. In Rom dagegen, man darf es kühn behaupten, war das Genie überhaupt verboten! Rom hat keinerlei Dichtung, bis es in Verwesung kommt. Erst bei hereinbrechender Nacht, als kein Volk mehr da ist, um sie zu hören, erheben seine Sänger ihre Stimmen; Nachtfalter sind es; sie schreiben für die Boudoirs lasciver Frauen, für die Zerstreuung feingebildeter Lebemänner und für den Hof. Ob - wohl Hellenen in nächster Nähe lebten und von den frühesten Zeiten an die Samen hellenischer Kunst und Philosophie und Wissenschaft183Römisches Recht.ausstreuten (denn alle Bildung war in Rom von jeher griechisch), kein einziges Samenkorn ging auf. 500 Jahre vor Christo sandten schon die Römer nach Athen, um genaue Nachricht über griechisches Recht zu erhalten; ihre Gesandten trafen den Aischylos in der Fülle seiner Kraft, Sophokles schon schöpferisch thätig an; welche künstlerische Blüte hätte bei solcher Lebensenergie in Rom nach dieser Berührung aufgehen müssen, wenn nur die geringste Beanlagung vorhanden ge - wesen wäre. Das war aber nicht der Fall. Wie Mommsen sagt: » die Entwickelung der musischen Künste in Latium war mehr ein Ein - trocknen als ein Aufblühen «. Die Lateiner hatten vor dem Verfall überhaupt kein Wort für Dichter, der Begriff war ihnen fremd! Wenn ihre Dichter nun ohne Ausnahme ungenial waren, worin be - stand die Bedeutung derjenigen unter ihnen, die, wie Horaz und Juvenal, stets die Bewunderung der Sprachkünstler erregt haben? Offenbar, wie alles, was aus Rom stammt, in der Technik. Die Römer waren grossartige Baumeister von Kloaken und Aquädukten,1)Doch auch hier nicht Erfinder; siehe Hueppe’s Untersuchungen über die Wassertechnik der alten Griechen: Rassenhygiene der Griechen, S. 37. grossartige Maler von Zimmerdekorationen, grossartige Fabrikanten kunstgewerblicher Gegenstände; in ihren Circussen kämpften bezahlte Techniker des Fechtens und fuhren berufsmässige Wagenlenker. Der Römer konnte Virtuos werden, nicht Künstler; jede Virtuosität inter - essierte ihn, keine Kunst. Die Gedichte des Horaz sind technische Meisterstücke. Abgesehen vom historisch-pittoresken Interesse als Schilderungen eines entschwundenen Lebens, fesselt uns bei diesen Dichtungen lediglich die Virtuosität. Die » Lebensweisheit «, wirft man mir ein? Ja, wenn eine so alltägliche, nüchterne Weisheit nur nicht überall besser am Platze wäre, als im Zauberreich der Kunst, deren weit offene Kindesaugen aus jedem hellenischen Dichtwerk eine so ganz andere Weisheit künden als die, welche dem Horaz und seinen Freunden zwischen Käse und Obst einfällt. Eine der echtesten Dichternaturen, die je gelebt, Byron, sagt von Horaz:

It is a curse
To understand, not feel thy lyric flow,
To comprehend, but never love thy verse. 2)Ein Fluch ist es, deinen lyrischen Erguss mit dem Verstand allein, nicht mit dem Gefühl aufzufassen, deine Verse zwar begreifen, doch niemals lieben zu können.
184Das Erbe der alten Welt.

Was ist das für eine Kunst, die nur zum Verstand, nie zum Herzen redet? Es kann nur eine künstliche Kunst sein, eine Technik; käme sie von Herzen, sie würde auch zu Herzen gehen. In Wahrheit stehen wir hier noch unter französischer Vormundschaft, und die Franzosen unter syrisch-jüdischer (Boileau-Pseudolonginus); und ist auch wenig von dieser Erbschaft ins moderne Leben eingedrungen, wir sollten sie endlich einmal ganz abwerfen zu Gunsten unserer eigenen Dichter in Worten und in Tönen, gottbegnadeter Männer, deren Werke himmelhoch alles überragen, was auf dem Schutte des verfallenden Rom wie etiolierte Pflanzen, in ungesunder Hast, wurzel - und saftlos in die Höhe schoss.

In den Händen des Fachmannes, d. h. des Philologen, wird die lateinische Poesie ebenso sicher und zweckentsprechend aufgehoben sein, wie das corpus juris bei den Rechtsforschern. Will man aber die lateinische Sprache als allgemeines Bildungsmittel durchaus bei - behalten (anstatt dass man die griechische allein, dafür aber gründlicher, lehrte), so zeige man sie dort am Werke, wo sie Unvergleichliches leistet, wo sie, in Übereinstimmung mit der besonderen Anlage des römischen Volkes und mit seiner historischen Entwickelung das vollbringt, was nie eine andere Sprache gekonnt hat, noch können wird: beim plastischen Ausbau rechtlicher Begriffe. Man sagt, die lateinische Sprache bilde den logischen Sinn; ich will es glauben, wenn ich auch nicht umhin kann zu bemerken, dass man gerade in dieser Sprache während der scholastischen Jahrhunderte, trotz aller Logik, mehr Unsinn geschrieben hat, als je in einer anderen; wodurch hat aber die lateinische Sprache einen Charakter von so grosser, wortkarger Bestimmtheit erlangt? Dadurch, dass sie ausschliesslich als Geschäfts - und Verwaltungs - und Rechtssprache ausgebildet wurde. Diese unpoetischste aller Sprachen ist ein grossartiges Monument des folgenschweren Kampfes freier Menschen um ein gesichertes Recht. Dort zeige man sie unseren Jünglingen am Werke. Die grossen Rechtslehrer Roms haben eo ipso das schönste Lateinisch geschrieben; dazu (und nicht zum Verseschreiben) war ja diese Sprache da; die makellos durchsichtige, jede Missdeutung ausschliessende Satzbildung war ein wichtigstes Instrument juristischer Technik; aus dem Rechtsstudium allein hat Cicero seine stilistischen Vorzüge geschöpft. Schon von den ältesten Dokumenten der Ge - schäfts - und Gerichtssprache sagt Mommsen, sie zeichneten sich aus » durch Schärfe und Bestimmtheit «,1)Römische Geschichte 1, 471. und von der Sprache Papinian’s,185Römisches Recht.eines der letzten der grossen Rechtslehrer (unter Marc Aurel) berichten philologisch geschulte Männer, sie sei: » die höchste Steigerung der Fähigkeit, stets den der Tiefe und Klarheit des Gedankens vollkommen entsprechenden Ausdruck zu finden «; wie aus Marmor gemeisselt stünden seine Sätze: » kein Wort zu viel, keins zu wenig, jedes Wort am unbedingt rechten Platz, so weit es der Sprache möglich ist, jeden Doppelsinn ausschliessend «. 1)Esmarch: Römische Rechtsgeschichte, S. 400.Ein Verkehr mit derartigen Menschen wäre wirklich ein kostbarer Beitrag zu unserer Bildung. Und mich dünkt, wenn jeder römische Knabe die zwölf Tafeln auswendig wusste, unseren Jünglingen könnte es auch nur dienlich und geistig förderlich sein, wenn sie die Schule nicht lediglich als dumme gelehrte subjecti, sondern mit einigen genauen Begriffen rechtlicher und staatsrechtlicher Dinge, nicht allein formell logisch, sondern auch vernünftig und praktisch denkend, gestählt gegen hohle Schwärmerei für » deutsches Recht « und dergleichen verliessen. Inzwischen liegt in unserm Verhalten zur lateinischen Sprache eine schlecht verwaltete und darum ziemlich sterile Erbschaft vor.

Wir Männer des 19. Jahrhunderts, wir wären nicht was wir sind,Zusammen - fassung. wenn wir nicht aus diesen beiden Kulturen, der hellenischen und der römischen, ein reiches Vermächtnis angetreten hätten. Darum können wir auch unmöglich beurteilen, was wir in Wahrheit sind, und mit Bescheidenheit eingestehen, wie wenig das ist, wenn wir uns nicht eine durchaus deutliche Vorstellung von der Beschaffenheit dieser Erbstücke machen. Ich hoffe, mein Bestreben wird nach dieser Richtung hin nicht ganz ohne Erfolg gewesen sein, auch hoffe ich, dass der Leser namentlich bemerkt haben wird, wie das römische Erbe sich von Grund und Boden aus vom hellenischen unterscheidet.

In Hellas war die geniale Persönlichkeit das ausschlaggebende Moment gewesen: gleichviel ob diesseits oder jenseits des adriatischen und des ägäischen Meeres, die Griechen waren gross, so lange sie grosse Männer besassen. In Rom hat es dagegen nur insofern und nur so lange bedeutende Individualitäten gegeben, als das Volk gross war, und gross war es, so lange es physisch und moralisch unver - fälscht römisch blieb. Rom ist das extremste Beispiel einer grossen anonymen Volksmacht, die unbewusst, dafür aber um so sicherer schafft. Darum aber ist es weniger anziehend als Hellas, und darum186Das Erbe der alten Welt.wird auch die Leistung Roms für unsere Civilisation selten gerecht beurteilt. Und doch fordert Rom Bewunderung und Dankbarkeit; seine Gaben waren moralische, nicht intellektuelle; gerade dadurch jedoch war es befähigt, Grosses zu leisten. Nicht der Tod des Leoni - das konnte die asiatische Gefahr von Europa abwenden und mit der Menschenfreiheit die Menschenwürde erretten, sie künftigen Zeiten zu friedvollerer Pflege und festerem Bestand übermachend; das ver - mochte einzig ein langlebiger Staat von eiserner, unerbittlicher, politischer Konsequenz. Nicht Theorie aber, und eben so wenig Schwärmerei und Spekulation konnten diesen langlebigen Staat erschaffen; er musste in dem Charakter der Bürger wurzeln. Dieser Charakter war hart und eigensüchtig, gross jedoch durch sein hohes Pflichtgefühl, durch seine Aufopferungsfähigkeit und durch seinen Familiensinn. Indem der Römer inmitten des Chaos der damaligen Staatsversuche seinen Staat errichtete, errichtete er den Staat für alle Zeiten. Indem er sein Recht zu einer unerhörten technischen Vollkommenheit ausarbeitete, begründete er das Recht für alle Menschen. Indem er die Familie, seinem Herzensdrang folgend, zum Mittelpunkt von Recht und Staat machte und diesem Begriffe fast exorbitanten Ausdruck verlieh, hob er das Weib zu sich hinauf und schuf die Verbindung der Geschlechter um zur Heiligkeit der Ehe. Geht unsere künstlerische und wissen - schaftliche Kultur in vielen wesentlichen Momenten auf Griechenland zurück, so führt unsere gesellschaftliche Kultur auf Rom. Ich rede hier nicht von der materiellen Civilisation, die aus allerhand Ländern und Epochen, und vornehmlich aus dem Erfindungsfleiss der letzten Jahrhunderte stammt, sondern von den sicheren moralischen Grundlagen eines würdigen gesellschaftlichen Lebens; sie zu legen war eine grosse Kulturarbeit.

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DRITTES KAPITEL DIE ERSCHEINUNG CHRISTI

Durch Eines Tugend sind Alle zum wahren Heile gekommen. Mahâbhârata.
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Vor unseren Augen steht eine bestimmte, unvergleichliche Er -Einleitendes. scheinung; dieses erschaute Bild ist das Erbe, das wir von unseren Vätern überkommen haben. Die historische Bedeutung des Christen - tums kann man ohne die genaue Kenntnis dieser Erscheinung nicht ermessen und richtig beurteilen; dagegen gilt das Umgekehrte nicht, und die Gestalt Jesu Christi ist heute durch die geschichtliche Ent - wickelung der Kirchen eher verdunkelt und ferngerückt als unserem klarschauenden Auge enthüllt. Einzig durch eine örtlich und zeitlich beschränkte Kirchenlehre diese Gestalt erblicken, heisst sich freiwillig Scheuklappen auf binden und sich die Aussicht in das göttlich Ewige auf ein kleines Mass beschränken. Durch die Kirchendogmen wird ohnehin gerade die Erscheinung Christi kaum berührt; sie alle sind so abstrakt, dass sie weder dem Verstand noch dem Gefühl einen An - haltspunkt bieten; es gilt von ihnen im Allgemeinen, was ein unver - fänglicher Zeuge, der heilige Augustinus, von dem Dogma der Drei - einigkeit sagt: » Wir reden also von drei Personen, nicht weil wir wähnen, hiermit etwas ausgesagt zu haben, sondern lediglich, weil wir nicht schweigen können «. 1)» Dictum est tarnen tres personae, non ut aliquid diceretur, sed ne taceretur. « De Trinitate, lib. V, c. 9.Gewiss ist es keine Verletzung der schuldigen Ehrfurcht, wenn wir sagen: nicht die Kirchen bilden die Macht des Christentums, sondern diese bildet einzig und allein jener Quell, aus dem die Kirchen selber alle Kraft schöpfen: der Anblick des gekreuzigten Menschensohns.

Trennen wir also die Erscheinung Christi auf Erden von allem historischen Christentum.

Was sind denn auch unsere 19 Jahrhunderte für die bewusste Aufnahme eines derartigen Erlebnisses, für die alle Schichten der Menschheit durchdringende Umwandlung durch eine von Grund aus neue Weltanschauung? Man bedenke doch, dass es über zwei Jahr -190Das Erbe der alten Welt.tausende gewährt hat, ehe die mathematisch beweisbare, sinnfällig vor - stellbare Struktur des Kosmos ein fester, allgemeiner Besitz des mensch - lichen Wissens wurde! 1)Siehe S. 86.Ist nicht der Verstand mit seinen Augen und mit seinem unfehlbaren Brevier von 2 mal 2 ist 4 leichter zu modeln als das blinde, ewig durch Eigensucht bethörte Herz? Nun wird ein Mann geboren und lebt ein Leben, durch welches die Auffassung von der sittlichen Bedeutung des Menschen, die gesamte » moralische Weltanschauung « eine völlige Umwandlung erleiden wodurch zugleich das Verhältnis des Individuums zu sich selbst, sein Verhältnis zu Anderen und sein Verhältnis zur umgebenden Natur eine früher ungeahnte Beleuchtung erhalten muss, so dass alle Handlungsmotive und Ideale, alle Herzensbegehr und Hoffnung nunmehr umzugestalten und vom Fundament aus neu aufzubauen sind! Und man glaubt, das könne das Werk einiger Jahrhunderte sein? Man glaubt, das könne durch Missverständnisse und Lügen, durch politische Intriguen und ökumenische Konzilien, durch den Befehl ehrgeiztoller Könige und habgieriger Pfaffen, durch dreitausend Bände scholastischer Beweis - führung, durch den Glaubensfanatismus beschränkter Bauernseelen und den edlen Eifer vereinzelter » Fürtrefflichsten «, durch Krieg, Mord und Scheiterhaufen, durch bürgerliche Gesetzbücher und gesellschaft - liche Intoleranz bewirkt werden? Ich für mein Teil glaube es nicht. Ich glaube vielmehr, dass wir noch fern, sehr fern von dem Moment sind, wo die umbildende Macht der Erscheinung Christi sich in ihrem vollen Umfang auf die gesittete Menschheit geltend machen wird. Sollten unsere Kirchen in ihrer bisherigen Gestalt auch zu Grunde gehen, die christliche Idee wird nur umso machtvoller hervortreten. Im 9. Kapitel werde ich zeigen, wie unsere neue germanische Welt - anschauung dahin drängt. Das Christentum geht noch auf Kinder - füssen, kaum dämmert seine Mannesreife unserem blöden Blicke. Wer weiss, ob nicht ein Tag kommt, wo man die blutige Kirchen - geschichte der ersten 18 christlichen Jahrhunderte als die Geschichte der bösen Kinderkrankheiten des Christentums betrachtet?

Lassen wir uns also bei der Betrachtung der Erscheinung Christi durch keinerlei historische Vorspiegelungen und ebensowenig durch die vorübergehenden Ansichten unseres Jahrhunderts das Urteil trüben. Seien wir überzeugt, dass wir gerade von dieser einen Erbschaft bis heute nur den kleinsten Teil angetreten haben, und, wollen wir wissen,191Die Erscheinung Christi.was sie für uns Alle zu bedeuten hat gleichviel, ob wir Christen oder Juden, Gläubige oder Ungläubige, gleichviel, ob wir uns dessen be - wusst sind oder nicht so verstopfen wir uns vorläufig die Ohren gegen das Chaos der Glaubensbekenntnisse und der die Menschheit schändenden Blasphemieen, und richten wir zunächst den Blick hinauf zu der unvergleichlichsten Erscheinung aller Zeiten.

In diesem Abschnitt werde ich nicht umhin können, Manches, was die » Verstandesgrundlage « verschiedener Religionen bildet, kritisch prüfend zu betrachten. Da ich aber das, was ich selber als Heiligtum im Herzen berge, unangetastet lasse, so hoffe ich auch keinem andren vernünftigen Menschen verletzend nahe zu treten. Die historische Erscheinung Jesu Christi kann man ebenso gut von jeder ihr innewohnenden, übernatürlichen Bedeutung trennen, wie man Physik auf rein materialistischer Grundlage treiben kann und muss, ohne darum zu wähnen, man habe die Metaphysik von ihrem Throne ge - stürzt. Von Christus freilich kann man schwerlich reden, ohne hin und wieder das jenseitige Gebiet zu streifen; jedoch der Glaube, als solcher, braucht nicht berührt zu werden, und wenn ich als Historiker logisch und überzeugend verfahre, so lasse ich mir gern die einzelnen Widerlegungen gefallen, die der Leser nicht aus seinem Verstand, sondern aus seinem Gemüth schöpft. In diesem Bewusstsein werde ich im folgenden Abschnitt ebenso freimütig reden, wie in den vorangegangenen.

Der religiöse Glaube von mehr als zwei Dritteln der gesamtenDie Religion der Erfahrung. Bewohner der Erde knüpft heute an das irdische Dasein zweier Männer an: Christus und Buddha; Männer, die vor nur wenigen Jahrhunderten lebten und von denen es historisch nachgewiesen ist, dass sie that - sächlich gelebt haben und dass die Traditionen, die von ihnen be - richten wie viel sie auch an Erdichtetem, Schwankendem, Un - klarem, Widersprechendem enthalten mögen dennoch die Haupt - züge ihres wirklichen Lebens getreu wiedergeben. Auch ohne dieses sichere Ergebnis der wissenschaftlichen Forschungen unseres Jahr - hunderts1)Die Existenz Christi war nämlich bereits im 2. Jahrhundert unsrer Aera geleugnet worden, und Buddha wurde bis vor 25 Jahren von vielen Fachgelehrten für eine mythische Gestalt gehalten. Siehe z. B. die Bücher von Sénart und Kern. werden gesund und scharfsichtig urteilende Männer niemals192Das Erbe der alten Welt.an dem wirklichen Dasein dieser grossen moralischen Helden ge - zweifelt haben: denn ist das historisch-chronologische Material über sie auch äusserst dürftig und lückenhaft, so steht doch ihre sittliche und geistige Individualität so leuchtend klar vor Augen, und diese Individualität ist eine so unvergleichliche, dass sie nicht erfunden werden konnte. Die Erfindungsgabe des Menschen ist eng beschränkt; das schöpferische Gemüt kann nur mit Gegebenem arbeiten: Homer muss Menschen auf dem Olympos inthronisieren, denn was er sah und erlebte, zieht seiner Gestaltungskraft die unübersteigbare Grenze; dass er seine Götter so ganz menschlich darstellt, dass er seiner Phantasie nicht gestattet, sich ins Ungeheuerliche, Unvorstellbare (weil nie Gesehene) zu verirren, dass er sie vielmehr bändigt, um ihre ungeteilte Kraft zu einer sichtbaren Dichtung zu verwerten, das ist ein Beweis unter tausenden, und nicht der geringste, von seiner geistigen Überlegenheit. Wir vermögen es nicht einmal, eine Pflanzen - oder eine Tiergestalt zu erfinden; höchstens stellen wir bei derartigen Versuchen eine aus Bruchteilen allerhand bekannter Wesen zusammen - gestoppelte Monstruosität zusammen. Die Natur dagegen, die uner - schöpflich erfindungsreiche, zeigt uns Neues, wann es ihr beliebt; und dieses Neue ist nunmehr für unser Bewusstsein ebenso unver - tilgbar wie es ehedem unerfindbar war. Einen Buddha, geschweige einen Jesus Christus, konnte keine dichterische Menschenkraft, weder die eines Einzelnen, noch die eines Volkes, erfinden; nirgends ent - decken wir auch nur den geringsten Ansatz dazu. Weder Dichter, noch Philosophen, noch Propheten haben sich ein derartiges Phänomen erträumen können. Oft redet man freilich, anknüpfend an Jesus Christus, von Plato; ganze Bücher giebt es über das angebliche Verhältnis zwischen diesen beiden; es sei nämlich der griechische Philosoph ein Vorverkündiger der neuen Heilslehre gewesen. Ja, halten uns die gelehrten Herren denn für Narren? Wird nicht der hellenische Rationalismus öder, je höher er sich versteigt? War man jemals ent - fernter von aller Religion, von aller Möglichkeit, veredelnd auf das Leben zu wirken als in dem Augenblick, wo die Besten des begabtesten Volkes über die notwendigen Eigenschaften der Seele stritten (autonom, gottverwandt u. s. w., siehe S. 114), als sie den Menschen als Ideal die » Idee des Guten «, welche identisch sei mit der » Idee des Schönen « vorhielten und endlosen ebensolchen Firlefanz einer tollgewordenen, weil Unmögliches erstrebenden Vernunft? Sieht denn nicht Jeder ein, dass Plato dort am grössten ist, wo er das Leben berührt, in seinem193Die Erscheinung Christi.Phaidros, seinem Gastmahl, seinem Phaedon? Und nun gar Sokrates! Der kluge Urheber der Grammatik und der Logik, der biedere Ver - künder einer Philistermoral, der edle Schwätzer der atheniensischen Gymnasien, ist er nicht in allem der Gegenpart zu dem göttlichen Verkünder eines Himmelreichs der » Armen an Geist «? Ebensowenig hat man in Indien die Gestalt eines Buddha im Voraus geahnt oder durch die Sehnsucht herbeigezaubert. Alle solche Behauptungen ge - hören dem weiten Gebiete des nachträglich konstruierenden, ge - schichtsphilosophischen Irrwahnes an. Wären Christus und das Christentum eine historische Notwendigkeit gewesen, wie der Neo - scholastiker Hegel behauptet, so hätten wir nicht einen Christus, sondern tausend entstehen sehen müssen; ich möchte wirklich wissen, in welchem Jahrhundert ein Jesus nicht ebenso » notwendig « gewesen wäre wie das liebe Brot? 1)Über Christus schreibt Hegel (Philosophie der Geschichte, Th. III, A. 3. Kap. 2): » Er wurde als ein dieser Mensch geboren, in abstrakter Subjektivität, aber so, dass umgekehrt die Endlichkeit nur die Form seiner Erscheinung ist, deren Wesen und Inhalt vielmehr die Unendlichkeit, das absolute Fürsichsein aus - macht. Die Natur Gottes, reiner Geist zu sein, wird dem Menschen in der christlichen Religion offenbar. Was ist aber der Geist? Er ist das Eine, sich selbst gleiche Unendliche, die reine Identität, welche zweitens sich von sich trennt, als das Andere ihrer selbst, als das Fürsich - und Insichsein gegen das Allgemeine. Diese Trennung ist aber dadurch aufgehoben, dass die atomistische Subjektivität, als die einfache Beziehung auf sich, selbst das Allgemeine, mit sich Identische ist. « Was wohl zukünftige Jahrhunderte zu diesem Wortschwall sagen werden? Während zwei Dritteln des unsrigen wurde er für höchste Weisheit gehalten.Verwerfen wir also solche von Gedanken - blässe angekränkelte Betrachtungen, die alle den einzigen Erfolg haben, das allein Ausschlaggebende und Produktive, nämlich die Bedeutung der lebendigen, individuellen, unvergleichlichen Persönlichkeit zu verwischen. Immer wieder muss man Goethe’s grosses Wort anführen:

Höchstes Gut der Erdenkinder Ist nur die Persönlichkeit!

Wohl wird die Umgebung der Persönlichkeit, die Kenntnis ihrer allgemeinen Bedingtheit in Zeit und Raum wertvolle Beiträge liefern zu ihrer klaren Erkenntnis; durch ein solches Wissen werden wir Wichtiges von Unwichtigem, charakteristisch Individuelles von örtlich Konventionellem zu unterscheiden lernen; das heisst also, wir werden die Persönlichkeit immer klarer erblicken. Sie jedoch erklären, sie als eine logische Notwendigkeit darthun wollen, ist ein müssiges, albernesChamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 13194Das Erbe der alten Welt.Beginnen; jede Gestalt auch die eines Käfers ist für den Menschenverstand ein » Wunder «, die menschliche Persönlichkeit aber ist das mysterium magnum des Daseins, und je mehr die Kritik eine grosse Persönlichkeit von den Zuthaten der Legendenbildung reinigt, je mehr es ihr gelingt, fast einen jeden ihrer Schritte als ein Be - dingtes, als ein gewissermassen durch die Natur der Dinge Gebotenes hinzustellen, umso unbegreiflicher wird das Wunder. Das ist auch das Endresultat der Kritik, welche in unserem Jahrhundert am Leben Jesu geübt wurde. Man nennt unser Jahrhundert ein unreligiöses; noch niemals jedoch (seit den ersten christlichen Jahrhunderten) hat sich das Interesse der Menschen in so leidenschaftlicher Weise auf die Person Jesu Christi konzentriert, wie in den letzten 70 Jahren; die Werke Darwin’s, wie weit verbreitet sie auch waren, wurden nicht ein Zehntel soviel gekauft, wie die von Strauss und Renan. Und das Endergebnis ist, dass das thatsächliche Erdenleben Jesu Christi eine immer konkretere Gestalt gewonnen und man immer deutlicher hat einsehen müssen, die Entstehung der christlichen Religion sei im letzten Grund auf den schier beispiellosen Eindruck zurückzuführen, den diese eine Persönlichkeit auf ihre Umgebung gemacht und hinterlassen hatte. Bestimmter als je, und darum auch unergründlicher als je steht heute diese Erscheinung vor unseren Augen.

Das musste zunächst festgestellt werden. Die ganze Richtung unserer Zeit bringt es mit sich, dass wir uns nur für das Konkrete, Lebendige erwärmen können. Am Beginn des Jahrhunderts war es anders; die Romantik warf ihre Schatten nach allen Seiten, und so war es auch Mode geworden, Alles und Jedes » mythisch « zu erklären. Im Jahre 1835 folgte David Strauss dem ihm von allen Seiten ge - gebenen Beispiel und bot als » Schlüssel « (!) der Evangelien » den Be - griff des Mythus «! 1)Siehe erste Ausg. I, 72 fg. und Volksausgabe, 9. Aufl., S. 191 fg. Dass Strauss niemals geahnt hat, was ein Mythus ist, was Mythologie bedeutet, wie aus seinem Durcheinanderwerfen von Volksmythen, von Dichtungen und von Legenden hervorgeht, das ist wieder eine Sache für sich. Eine spätere Zeit wird überhaupt den Erfolg solcher öden, zwar gelehrten, doch jeder tieferen Einsichts - kraft, jedes schöpferischen Hauches baren Produkte wie Straussens nicht begreifen können. Es scheint als ob, ähnlich wie die Bienen und Ameisen ganzer Kohorten geschlechtsloser Arbeiter in ihren Staaten bedürfen, auch wir Menschen ohne den Fleiss und die auf kurze Zeit weit hinreichende Wirkung solcher mit dem Stempel der Sterilität gezeichneten Geister (wie sie um die Mitte unseres Jahrhunderts so üppig blühten) nicht auskommen könnten. Der Fortgang der historisch-kritischenHeute sieht ein Jeder ein, dass dieser angebliche195Die Erscheinung Christi.Schlüssel nichts weiter war, als eine neue, nebelhafte Umschreibung des ungelöst bleibenden Problems, und dass nicht ein » Begriff «, sondern einzig ein thatsächlich gelebtes Leben, einzig der mit nichts zu ver - gleichende Eindruck einer Persönlichkeit, wie sie die Welt noch niemals erlebt hatte, den » Schlüssel « giebt zur Entstehung des Christen - tums. Je mehr Ballast aufgedeckt wurde, einerseits in Gestalt pseudo - mythischer (richtiger gesprochen pseudo-historischer) Legendenbildung, andererseits in der Form philosophisch-dogmatischer Spekulation, um - somehr Lebenskraft und Widerstandsfähigkeit musste dem ursprüng - lichen, treibenden und gestaltenden Moment zuerkannt werden. Die allerneueste, streng-philologische Kritik hat das ungeahnt hohe Alter der Evangelien und die weitreichende Authenticität der uns vorliegenden Handschriften nachgewiesen; es ist nunmehr gelungen, gerade die allerfrüheste Geschichte des Christentums1)Später tritt eine noch unaufgeklärte dunkle Periode ein. streng historisch, fast Schritt für Schritt zu verfolgen; doch ist das Alles vom allgemein mensch - lichen Standpunkt aus betrachtet weit weniger belangreich als die eine Thatsache, dass in Folge dieser Ergebnisse die Erscheinung des einen göttlichen Mannes in den Vordergrund gerückt worden ist, so dass Ungläubige sowohl wie Gläubige nicht mehr umhin können, sie als Mittelpunkt und Quelle alles Christentums (dies Wort in dem denkbar umfassendsten Sinne genommen) anzuerkennen.

Buddha und Christus wurden von mir vorhin zusammengestellt. Buddha und Christus.Der Kern religiöser Vorstellungen bei allen begabteren Menschenrassen (mit einziger Ausnahme der kleinen Familie der Juden auf der einen Seite und ihrer Antipoden, der Brahmanischen Inder auf der andern) beruht seit den letzten Jahrtausenden nicht auf dem Bedürfnis einer Welterklärung, auch nicht auf mythologischer Natursymbolik, noch auf grübelndem Transcendentismus, sondern auf der Erfahrung grosser Charaktere. Wohl spukt noch unter uns das Wahngebilde einer1)Untersuchungen auf der einen Seite, auf der anderen die zunehmende Neigung, das Augenmerk nicht auf das Theologische und Nebensächliche, sondern auf das Lebendige und Bestimmende zu richten, lässt heute den Strauss’schen mythologischen Standpunkt als einen so totgeborenen empfinden, dass man in den Schriften dieses ehrlichen Mannes nicht blättern kann, ohne laut zu gähnen. Und doch muss man zugeben, dass solche Männer, wie er und wie Renan (zwei Hohlspiegel, der eine alle Linien in die Länge, der andere in die Fläche verzerrend) ein wichtiges Werk vollbracht haben, indem sie die Aufmerksamkeit von Tausenden auf das grosse Wunder der Erscheinung Christi richteten und somit für gründlichere Denker und einsichtsvollere Männer eine Zuhörerschaft bereiteten.13*196Das Erbe der alten Welt.» vernünftigen Religion «, auch war manchmal in den letzten Jahren von einem » Ersatz der Religion durch Höheres « die Rede und auf den Bergesspitzen gewisser deutscher Gaue opferten zur Zeit der Sonnen - wende neuerstandene » Wotansanbeter «; keiner dieser Bewegungen eignete jedoch bisher die geringste weltgestaltende Kraft. Ideen sind eben unsterblich; ich sagte es schon öfters und werde es immer wiederholen müssen; und in solchen Gestalten wie Buddha und Christus: erreicht eine Idee nämlich eine bestimmte Vorstellung des Menschen - daseins eine so lebendige Verkörperung, diese Idee wird so voll - kommen durchgelebt, so klar vor Aller Augen hingestellt, dass sie nie mehr aus dem menschlichen Bewusstsein entschwinden kann. Mancher mag den Gekreuzigten niemals erblickt haben, mancher kann an dieser Erscheinung stets gänzlich achtlos vorübergegangen sein, Tausenden von Menschen, auch unter uns, fehlt das, was man den inneren Sinn nennen könnte, um ihrer überhaupt gewahr zu werden, dagegen kann man nicht Jesum einmal erblickt haben, auch nur mit halbverschleierten Augen, und ihn dann wieder vergessen; es liegt nicht in unserer Macht, Erfahrenes aus unserer Vorstellung auszurotten. Man ist nicht Christ, weil man in dieser oder jener Kirche auferzogen wurde, weil man Christ sein will, sondern ist man Christ, so ist man es, weil man es sein muss, weil kein Chaos des Weltgetriebes, kein Delirium der Eigensucht, keine Dressur des Denkens die einmal gesehene Gestalt des Schmerzensreichen auszulöschen vermag. Christus, am Vorabend seines Todes von seinen Jüngern über die Bedeutung einer seiner Handlungen befragt, antwortete: » Ein Beispiel habe ich euch gegeben. « Das ist die Bedeutung nicht bloss der einen Handlung, sondern seines ganzen Lebens und Sterbens. Selbst ein so streng kirchlicher Mann wie Martin Luther schreibt: » Des Herrn Christi Beispiel ist zugleich ein Sakrament, es ist in uns kräftig, und lehret nicht allein, wie die Exempel der Väter thun, sonden wirket auch das, so es lehret, giebt das Leben, die Auferstehung und Erlösung vom Tode. « In Ähnlichem liegt die Weltmacht Buddha’s begründet. Der wahre Quell aller Religion ist, ich wiederhole es, bei der über - wiegenden Mehrzahl aller jetzt lebenden Menschen nicht eine Lehre, sondern ein Leben. In wiefern wir im Stande sind, dem Beispiel mit schwachen Kräften zu folgen, in wiefern nicht, das ist eine ganz andere Frage; das Ideal ist da, deutlich, unverkennbar, und es wirkt seit Jahrhunderten mit einer Gewalt ohnegleichen auf die Ge - danken und Handlungen der Menschen, auch der ungläubigen.

197Die Erscheinung Christi.

Hierauf komme ich in einem anderen Zusammenhange später zurück. Wenn ich nun an dieser Stelle, wo einzig die Erscheinung Christi mich beschäftigt, Buddha herangezogen habe, so geschah das besonders deswegen, weil nichts eine Gestalt so deutlich hervortreten lässt wie der Vergleich. Nur darf der Vergleich kein ungereimter sein, und ich wüsste nicht, wen die Weltgeschichte ausser Buddha als geeignet zu einem Vergleich mit Christus bietet. Beiden gemeinsam ist der göttliche Ernst; beiden gemeinsam ist die Sehnsucht, der ganzen Menschheit den Weg der Erlösung zu weisen; beiden ist eine un - erhörte Macht der Persönlichkeit eigen. Und dennoch, stellt man diese beiden Gestalten nebeneinander, so kann es nicht sein, um eine Parallele zwischen ihnen zu ziehen, sondern nur um den Kon - trast zu betonen. Christus und Buddha sind Gegensätze. Was sie einigt, ist die Erhabenheit der Gesinnung; aus dieser ging ein Leben ohne Gleichen hervor, und aus dem Leben eine weitreichende Wirkung, wie sie die Welt noch nicht erfahren hatte. Sonst aber trennt sie fast alles, und der Neobuddhismus, der sich in den letzten Jahren in gewissen Gesellschaftsschichten Europas breitmacht, angeblich im engsten Anschluss an das Christentum und über dieses hinausschreitend, ist nur ein neuer Beweis von der weitverbreiteten Oberflächlichkeit im Denken. Buddha’s Denken und Leben bildet nämlich das genaue Gegenteil von Christi Denken und Leben, das, was der Logiker die Antithese, der Physiker den Gegenpol nennt.

Buddha bedeutet den greisenhaften Ausgang einer an der GrenzeBuddha. ihres Könnens angelangten Kultur. Ein hochgebildeter, mit reicher Machtfülle begabter Fürst erkennt die Nichtigkeit seiner Bildung und seiner Macht; was Allen das Höchste dünkt, besitzt er, doch vor dem Blick des Wahrhaftigen schmilzt dieser Besitz zu einem Nichts zu - sammen. Die indische Kultur, aus der nachdenklichen Beschaulichkeit eines Hirtenlebens hervorgegangen, hatte sich mit aller Wucht einer hohen Begabung auf die Ausbildung der einen menschlichen Anlage, der kombinierenden Vernunft, geworfen; dabei verkümmerte die Ver - bindung mit der umgebenden Welt die kindliche Beobachtung, die praktisch-geschäftige Nutzbarmachung wenigstens bei den Ge - bildeteren fast völlig; Alles war systematisch auf die Entwickelung des Denkvermögens angelegt; jeder gebildete Jüngling wusste auswendig, Wort für Wort, eine ganze Litteratur von so subtilem Gedankengehalt, dass wenige Europäer heutzutage überhaupt fähig sind, demselben zu folgen; selbst die abstrakteste Vorstellungsart der konkreten Welt, die198Das Erbe der alten Welt.Geometrie, war den Indern zu handgreiflich, und sie schwelgten dafür in einer Arithmetik, welche über alle Vorstellbarkeit hinausgeht; wer hier im Ernste sich über seinen Lebenszweck befragte, wem es von Natur gegeben war, einem höchsten Ziele nachzustreben, der fand auf der einen Seite ein religiöses System, in welchem die Symbolik zu so wahnsinnigen Dimensionen angewachsen war, dass man etwa 30 Jahre brauchte, um sich darin zurecht zu finden, auf der andern, eine Philosophie, die zu so schwindligen Höhen emporführte, dass wer die letzten Sprossen dieser Himmelsleiter erklettern wollte, sich auf ewig aus der Welt in die Tiefen des lautlosen Urwaldes zurück - ziehen musste. Hier hatten offenbar das Auge und das Herz keine Rechte mehr. Wie ein sengender Wüstenwind hatte der Geist der Abstraktion über alle andern Anlagen der reichen Menschennatur, alles verdorrend, hinweggeweht. Sinne gab es freilich noch, tropisch heisse Gelüste; auf der andern Seite aber die Verleugnung der ganzen Sinnenwelt; dazwischen nichts, kein Ausgleich, nur Krieg, Krieg zwischen menschlicher Erkenntnis und menschlicher Natur, zwischen Denken und Sein. Und so musste Buddha hassen, was er liebte: Kinder, Eltern, Weib, alles Schöne und Freudenvolle, denn das waren lauter Schleier vor der Erkenntnis, Schlingen, die ihn an ein erträumtes, lügenhaftes Mayaleben ketteten. Und was sollte ihm die ganze Brah - manische Weisheit? Opferzeremonieen, die kein Mensch verstand und welche die Priester selber als lediglich symbolisch, für den Wissenden nichtig erklärten; dazu eine » Erlösung durch Erkenntnis «, die kaum Einem in hunderttausend zugänglich war? So warf denn Buddha nicht allein sein Reich und sein Wissen von sich, er riss sich alles aus dem Herzen, was ihn noch als Menschen unter Menschen fesselte, alle Liebe, alles Hoffen, zugleich zertrümmerte er den Glauben seiner Väter, entgötterte das Weltgebäude und verwarf als müssiges Wahngebilde selbst jenen höchsten Gedanken indischer Metaphysik, den an einen all-einigen Gott, unbeschreibbar, unvor - stellbar, raumlos, zeitlos, dem Denken folglich unzugänglich, doch von ihm geahnt. Nichts giebt es dies war Buddha’s Erlebnis und folglich auch seine Lehre nichts giebt es im Leben ausser » dem Leiden «; das einzig Erstrebenswerte ist » die Erlösung vom Leiden «; diese Erlösung ist der Tod, das Eingehen in das Nichts. Nun glaubte aber jeder Inder wie an eine offenkundige, nicht erst in Frage zu ziehende Sache, an die Seelenwanderung, d. h. an die unaufhörliche Neugeburt derselben Individuen. Die » Erlösung « also199Die Erscheinung Christi.spendet nicht der gewöhnliche Tod, sondern nur derjenige Tod, auf den keine Neugeburt folgt; und dieser erlösende Tod kann einzig dadurch gewonnen werden, dass der Mensch schon im Leben, also aus freien Stücken, stirbt; d. h., dass er alles, was ihn an das Leben fesselt, alle Liebe, alles Hoffen, alles Wünschen, alles Haben ab - schneidet und vernichtet, kurz, wie wir heute mit Schopenhauer sagen würden, dass er den Willen zum Leben verneint. Lebt der Mensch auf diese Weise, macht er sich selbst zur wandelnden Leiche ehe er stirbt, dann erntet der Schnitter Tod keinen Samen zur Neu - geburt. Lebend sterben: das ist die Essenz des Buddhismus. Man kann Buddha’s Leben als den gelebten Selbstmord bezeichnen. Es ist der Selbstmord in seiner denkbar höchsten Potenz: denn Buddha lebt einzig und allein, um zu sterben, um endgültig und ohne Widerruf tot zu sein, um einzugehen in das Nirwana, das Nichts.

Welchen grösseren Gegensatz kann es zu dieser ErscheinungChristus. geben, als diejenige Christi, dessen Tod den Eingang ins ewige Leben bedeutet? In der ganzen Welt erblickt Christus göttliche Vorsehung; kein Sperling fällt zur Erde, kein Haar auf eines Menschen Haupt kann gekrümmt werden, ohne dass der himmlische Vater es erlaubt. Und weit entfernt, dass dieses irdische Dasein, gelebt durch den Willen und unter dem Auge Gottes, ihm verhasst sei, preist es Christus als den Eingang in die Ewigkeit, als die enge Pforte, durch die wir ins Himmelreich eintreten. Und dieses Himmelreich, was ist es? ein Nirwana? ein erträumtes Paradies? eine zu erkaufende zukünftige Be - lohnung für hienieden vollbrachte Werke? Die Antwort giebt Christus in einem Wort, welches uns unzweifelhaft authentisch aufbewahrt worden ist, denn es war noch niemals gesprochen worden, und es wurde offenbar von keinem seiner Jünger verstanden, vielweniger er - funden, ja, es eilte der langsamen Entfaltung der menschlichen Er - kenntnis mit so mächtigem Flügelschlag voraus, dass es bis heute nur Wenigen seinen Sinn enthüllt ich sagte es schon, unser Christentum geht noch auf Kinderfüssen; Christus antwortet: » Das Reich Gottes kommt nicht mit äusserlichen Geberden. Man wird auch nicht sagen: Siehe, hier oder da ist es. Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch. « Dies ist, was Christus selber » das Geheimnis « nennt; es lässt sich nicht in Worte fassen, es lässt sich nicht begrifflich darthun; und immer wieder sucht der Heiland diese seine grosse Heilsbotschaft durch Gleichnisse seinen Zuhörern nahezulegen: das Himmelreich ist wie ein Senfkorn auf200Das Erbe der alten Welt.dem Acker, » das kleinste unter allen Samen «, wird es aber vom Landmann gepflegt, so wächst es aus zu einem Baume, » dass die Vögel unter dem Himmel kommen, und wohnen unter seinen Zweigen «; das Himmelreich ist wie der Sauerteig unter dem Mehl, nimmt das Weib auch nur ein wenig, es durchsetzt das Ganze; am deutlichsten jedoch redet folgendes Bild: » das Himmelreich ist gleich einem verborgenen Schatz im Acker «. Dass der Acker die Welt bedeutet, sagt Christus ausdrücklich (siehe Matthäus XIII, 38); in dieser Welt, d. h. also in diesem Leben, liegt der Schatz verborgen; vergraben ist das Himmel - reich inwendig in uns! Das ist » das Geheimnis des Himmelreiches «, wie Christus sagt; zugleich ist es das Geheimnis seines eigenen Lebens, das Geheimnis seiner Persönlichkeit. Eine Abwendung vom Leben (wie bei Buddha) findet bei Christus durchaus nicht statt, dagegen eine Umkehrung der Lebensrichtung, wenn ich so sagen darf; wie denn Christus zu seinen Jüngern spricht: » Wahrlich, ich sage euch, es sei denn, dass ihr euch umkehret, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen «. 1)Der Nachdruck liegt offenbar nicht auf dem Nachsatz » und werdet wie die Kinder «; vielmehr ist dies eine Erläuterung zur Umkehr. Was zeichnet denn die Kinder aus? Die unbedingte Lebenslust und die ungeschmälerte Kraft, das Leben durch eigene Gesinnung zu verklären.Später erhielt dann vielleicht von fremder Hand diese so handgreiflich fassliche » Umkehrung « den mehr mystischen Ausdruck: » Es sei denn, dass Jemand von Neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen «. Auf den Wortlaut kommt es nicht an, sondern einzig auf die zu Grunde liegende Vor - stellung, und diese Vorstellung steht leuchtend klar vor uns, denn sie gestaltete das ganze Leben Christi. Hier finden wir nicht, (wie bei Buddha) eine Lehre mit eins, zwei, drei, logisch auseinander ent - wickelt; noch findet, wie die Oberflächlichkeit so häufig behauptet hat, irgend eine organische Berührung mit jüdischer Weisheit statt: man lese nur Jesus Sirach, den am häufigsten zum Vergleich heran - gezogenen, und frage sich, ob das Geist vom selben Geiste ist? bei Sirach redet ein jüdischer Marc Aurel, und selbst seine schönsten Sprüche, wie: » Strebet nach der Wahrheit bis zum Tode, und Gott wird für dich kämpfen «, oder » Das Herz des Narren liegt ihm auf der Zunge, doch des Weisen Zunge wohnet ihm im Herzen « klingen wie aus einer andern Welt, wenn man sie neben die Sprüche Christi hält: » Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erd - reich besitzen; selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden201Die Erscheinung Christi.Gott schauen; nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht «. So hatte noch Keiner gesprochen; so sprach seitdem Keiner mehr. Diese Reden Christi haben aber, wie man sieht, nie den Charakter einer Lehre, sondern, so wie der Ton einer Stimme das, was wir aus den Gesichtszügen und den Handlungen eines Menschen über ihn wissen, durch ein geheimnisvoll Unsagbares, durch das Persönlichste seiner Persönlichkeit ergänzt, so meinen wir in diesen Reden Christi seine Stimme zu hören; was er genau sagte, wissen wir nicht, doch ein unmissverständlicher, unvergesslicher Ton schlägt an unser Ohr und dringt von dort aus in das Herz. Und da schlagen wir die Augen auf und erblicken diese Gestalt, dieses Leben! Über die Jahrtausende hinweg vernehmen wir die Worte: » Lernet von mir! « und verstehen jetzt, was das heissen soll: sein wie Christus war, leben wie Christus lebte, sterben wie Christus starb, das ist das Himmelreich, das ist das ewige Leben.

In unserem Jahrhundert, wo die Begriffe Pessimismus und Ver - neinung des Willens sehr geläufig geworden sind, hat man sie viel - fach auf Christus angewandt; sie passen aber nur für Buddha und für gewisse Erscheinungen der christlichen Kirchen und ihrer Dogmen, Christi Leben ist ihre Verleugnung. Wenn das Reich Gottes in uns wohnt, wenn der Himmel wie ein verborgener Schatz in diesem Leben einbegriffen liegt, was soll der Pessimismus? 1)Ich brauche wohl kaum zu sagen, dass ich hier den so vieler Auffassungen fähigen Begriff des Pessimismus in dem populären, oberflächlichen Sinne nehme, welcher nicht eine philosophische Erkenntnis, sondern eine moralische Stimmung bezeichnet.Wie kann der Mensch ein elendes, nur zu Jammer geborenes Wesen sein, wenn seine Brust das Göttliche birgt? wie diese Welt die schlechteste, die noch gerade möglich war (siehe Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. 2, Kap. 46), wenn sie den Himmel einschliesst? Für Christus waren das alles Trugschlüsse; wehe rief er über die Gelehrten: » die ihr das Himmelreich zuschliesst vor den Menschen; ihr kommt nicht hinein, und die hinein wollen, lasst ihr nicht hineingehen «, und er pries Gott, dass er » den Unmündigen geoffenbart, was er den Weisen und Klugen verborgen habe «. Christus, wie einer der grössten Männer unseres Jahrhunderts gesagt hat, » war nicht weise, sondern göttlich «;2)Auch Diderot, dem man Rechtgläubigkeit nicht imputieren kann, sagt in der Encyclopédie: » Christ ne fut point un philosophe, ce fut un Dieu. « das ist ein ge -202Das Erbe der alten Welt.waltiger Unterschied; und weil er göttlich war, wandte sich Christus nicht hinweg vom Leben, sondern zum Leben hin. Dies findet ein beredtes Zeugnis in dem Eindruck, den Christus auf seine Umgebung zurückliess; sie nennt ihn: den Baum des Lebens, das Brod des Lebens, das Wasser des Lebens, das Licht des Lebens, das Licht der Welt, ein Licht von oben, denen als Leuchte gesandt, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, Christus ist für sie der Fels, der Grund, auf welchem wir unser Leben aufbauen sollen u. s. w., u. s. w. Alles positiv, alles konstruktiv, alles bejahend. Ob Christus die Todten wirklich auferweckte, mag Jeder bezweifeln, der will; umso höher muss er jedoch dann den lebenspendenden Eindruck anschlagen, der von dieser Erscheinung ausstrahlte, denn wo Christus ging, glaubte man die Toten auferstehen, die Kranken geheilt von ihren Lagern sich erheben zu sehen. Überall suchte er die Leidenden, die Armen, die Schmerzbeladenen auf, rief ihnen zu: » Weinet nicht! «, und schenkte ihnen Worte des Lebens. Aus Innerasien kommend, wo es der Buddhismus zwar nicht erfunden, ihm aber den gewaltigsten Vorschub geleistet hatte, war das Ideal des weltflüchtigen Kloster - lebens (wie es später das Christentum mit genauer Befolgung ägyptischer Muster nachahmte), bereits bis in die unmittelbare Nähe des Galiläers vorgedrungen; wo sieht man aber, dass Christus monastische, welt - feindliche Lehren gepredigt hätte? Viele Religionsstifter haben in der Nahrung sich und ihren Jüngern Kasteiungen auferlegt; Christus nicht; er betont sogar ausdrücklich, dass er nicht wie Johannes ge - fastet, sondern so gelebt habe, dass ihn die Menschen » einen Fresser und einen Säufer « nannten. Alle folgende uns aus der Bibel so ge - läufigen Ausdrücke: die Gedanken der Menschen sind eitel, des Menschen Leben ist Eitelkeit, es fährt dahin wie ein Schatten, des Menschen Wirken ist eitel, es ist alles ganz eitel sie stammen aus dem alten, nicht aus dem neuen Testament. Ja, solche Worte wie z. B. die des Predigers Salomo: » Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt, die Erde aber bleibt ewiglich «, entstammen einer Weltanschauung, die derjenigen Christi direkt widerspricht; denn für diese sind Himmel und Erde durchaus vergänglich, während die Menschenbrust in ihrer Tiefe das einzige Ewige birgt. Zwar giebt uns Jesus Christus das Beispiel einer absoluten Abwendung von Vielem, was das Leben der Meisten ausfüllt; es geschieht aber um des Lebens willen; diese Abwendung ist jene » Umkehr «, von der gesagt wurde, sie führe ins Himmelreich, und sie ist durchaus keine äussere, sondern203Die Erscheinung Christi.eine rein innere. Was Buddha lehrt, ist gewissermassen ein physischer Vorgang, es ist die thatsächliche Abtötung des leiblichen und geistigen Menschen; wer erlöst werden will, muss die drei Gelübde der Keusch - heit, der Armut und des Gehorsams ablegen. Bei Christus finden wir nichts Ähnliches: er wohnt Hochzeitsfesten bei, die Ehe erklärt er für eine heilige Stiftung Gottes und auch die Verirrungen des Fleisches beurteilt er so nachsichtig, dass er selbst für die Ehebrecherin kein Wort der Verdammung hat; zwar bezeichnet er Reichtum als einen erschwerenden Umstand für jene Umkehr der Willensrichtung, der Reiche, sagt er, wird schwerer in jenes Reich Gottes, welches inwendig in uns liegt, hineingelangen, als ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen, fügt aber sofort hinzu und dies ist das Charakte - ristische und Entscheidende » was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich «. Dies ist wieder eine jener Stellen, die nicht erfunden sein können, denn nirgends in der ganzen Welt finden wir Ähnliches. Diatriben gegen den Reichtum hatte es schon früher in Hülle und Fülle gegeben (man lese nur die jüdischen Propheten), sie wurden später wiederholt (man lese z. B. die Epistel Jakobi, Kap. II); für Christus dagegen ist Reichtum etwas ganz Äusser - liches, sein Besitz kann hinderlich sein, oder auch nicht, denn ihm kommt es einzig und allein auf eine innere Umwandlung an; was gerade für diesen Fall der weitaus bedeutendste Apostel später so schön ausführt: denn hatte Christus dem reichen Jüngling geraten, » verkaufe was du hast, und gieb es den Armen «, so ergänzt Paulus diesen Ausspruch durch die Bemerkung: » und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und hätte der Liebe nicht, so wäre mir es nichts nütze «. Wer auf den Tod lossteuert, mag sich mit Armut, Keuschheit und Gehorsam begnügen, wer das Leben erwählt, hat ganz andere Dinge im Sinne.

Und da ist es nötig, auf noch einen Punkt aufmerksam zu machen, in welchem das Lebensvolle an Christi Erscheinung und Beispiel frisch und überzeugend sich kund thut: ich meine die Kampfes - lust. Die Sprüche Christi über die Demut, die Geduld, seine Er - mahnung, unsere Feinde zu lieben und diejenigen zu segnen, die uns fluchen, finden fast gleichwertige Gegenstücke bei Buddha; sie ent - springen jedoch einem durchaus anderen Motiv. Für Buddha ist jedes erduldete Unrecht eine Abtötung, für Christus ein Mittel, um die neue Anschauung des Lebens zu befördern: » Selig sind, die um Ge - rechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihr «204Das Erbe der alten Welt.(jenes Himmelreich, welches wie ein Schatz im Lebensacker vergraben liegt). Treten wir aber auf das innere Gebiet über, wird jene einzige Fundamentalfrage der Willensrichtung aufgeworfen, da vernehmen wir ganz andere Worte: » Meinet ihr, dass ich hergekommen bin, Frieden zu bringen auf Erden? Ich sage: Nein, sondern Zwietracht! Denn von nun an werden fünf in einem Hause uneins sein, drei wider zwei, und zwei wider drei. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater, und die Tochter wider ihre Mutter, und die Schnur wider ihre Schwieger; und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. « Nicht Frieden, sondern das Schwert: das ist ein Ton, den man nicht überhören darf, will man die Erscheinung Christi begreifen. Das Leben Jesu Christi ist eine offene Kriegserklärung, nicht gegen die Formen der Civilisation, der Kultur und der Religion, die er um sich her fand er beob - achtet das jüdische Religionsgesetz und lehrt: gebet Caesar was Caesar’s wohl aber gegen den inneren Geist der Menschen, gegen die Beweggründe, aus welchen ihre Handlungen hervorgehen, gegen das Ziel (auch das jenseitige), welches sie sich stecken. Die Erscheinung Jesu Christi bedeutet, vom welthistorischen Standpunkt aus, die Er - scheinung einer neuen Menschenart. Linnaeus unterschied so viele Menschenarten als es Hautfärbungen giebt; eine neue Färbung des Willens greift wahrlich tiefer in den Organismus ein, als ein Unterschied im Pigment der Epidermis! Und der Herr dieser Menschen - art, der » neue Adam «, wie ihn die Schrift so treffend nennt, will nichts von Paktieren wissen; er stellt die Wahl: Gott oder Mammon. Wer die Umkehr erwählt, wer Christi Mahnung vernimmt: » folget mir nach! «, der muss auch, wenn es notthut, Vater und Mutter, Weib und Kind verlassen; nicht aber wie Buddha’s Jünger verlässt er sie, um den Tod, sondern um das Leben zu finden. An diesem Punkte hört das Mitleid gänzlich auf; wer verloren ist, ist verloren; und mit der antiken Härte heldenhafter Gesinnung wird den Verlorenen keine Thräne nachgeweint: » lasset die Toten ihre Toten begraben «. Nicht Jeder ist fähig, das Wort Christi zu verstehen, er sagt es ja: » viele sind berufen, aber wenige sind auserwählet «, und auch hier wieder hat Paulus dieser Erkenntnis drastischen Ausdruck verliehen: » Das Wort vom Kreuz ist eine Thorheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es eine Gottes-Kraft «. Äusserlich nimmt Christus mit jeder vorhandenen Form fürlieb, was aber die Willensrichtung anbelangt, ob sie auf das Ewige oder auf das Zeit -205Die Erscheinung Christi.liche gerichtet ist, ob sie die Entfaltung der unermesslichen Lebens - macht in des Menschen Innern fördert oder hemmt, ob sie auf Ver - lebendigung jenes » Reich Gottes inwendig in uns « hinzielt, oder im Gegenteil diesen einzigen Schatz » derjenigen, die erwählet sind «, auf ewig zuschüttet da ist bei ihm von Duldsamkeit keine Rede, und kann auch keine sein. Gerade in dieser Beziehung ist seit dem vorigen Jahrhundert viel geschehen, um das hohe Antlitz des Menschensohnes aller kraftvollen Züge zu berauben. Man hat, ich weiss nicht welches Trugbild einer unbeschränkten Duldsamkeit, einer allgemein wohl - wollenden Passivität uns als Christentum hingemalt, so eine Milch - und Wasser-Religion; in den allerletzten Jahren erlebten wir sogar » interkonfessionelle Religionskongresse «, wo alle Pfaffen der Welt sich brüderlich die Hand reichten und viele Christen begrüssten das als besonders » christlich «. Kirchlich mag es sein, es mag auch recht und gut sein, Christus aber hätte zu einem derartigen Kongress keinen Apostel entsandt. Entweder ist das Wort vom Kreuz eine Thorheit oder es ist eine Gottes-Kraft; zwischen beiden hat Christus selber die gähnende Kluft der » Zwietracht « aufgerissen, und um jede Über - brückung zu vereiteln, das flammende » Schwert « gezogen. Wer die Erscheinung Christi begreift, kann sich darüber nicht wundern. Die Duldsamkeit Christi ist die eines Geistes, der himmelhoch über allen Formen schwebt, welche die Welt trennen; eine Verschmelzung dieser Formen könnte für ihn nicht die geringste Bedeutung haben sie wäre einfach die Entstehung einer neuen Form; ihm aber kommt es einzig auf » den Geist und die Wahrheit « an. Und wenn Christus lehrt: » so dir Jemand einen Streich giebt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar; und so Jemand deinen Rock nimmt, dem lass auch deinen Mantel « eine Lehre, der sein Beispiel am Kreuze ewige Bedeutung gab , wer sieht nicht ein, dass dies eng mit dem Folgenden zusammenhängt: » Liebet eure Feinde, thut wohl, denen, die euch hassen «, und dass hier jene innerliche » Umkehr « zum Ausdruck kommt, nicht aber passiv, sondern in der denkbar höchsten Form des lebendigen Handelns? Biete ich dem frechen Schläger meinen linken Backen, so geschieht es nicht seinetwegen; liebe ich meinen Feind und erweise ich ihm Wohlthaten, so geschieht es nicht seinetwegen; nach der Umkehr des Willens ist es mir nicht anders möglich, darum thue ich es. Das alte Gesetz: Aug um Auge, Hass um Hass ist eine ebenso natürliche Reflexbewegung, wie die, welche die Beine selbst eines schon toten Frosches beim Anreizen der Nerven206Das Erbe der alten Welt.zum Ausschlagen bringt. Wahrlich, es muss ein » neuer Adam « sein, der so Herr seines » alten Adam « geworden ist, dass er diesem Zwange nicht gehorcht. Blosse Selbstbeherrschung ist es jedoch nicht denn bildet Buddha den einen Gegenpol zu Christus, so bildet der Stoiker den anderen , jene Umkehr des Willens aber, jener Eintritt in das verborgene Reich Gottes, jenes von Neuem geboren werden, welches die Summe von Christi Beispiel ausmacht, bedingt ohne Weiteres eine völlige Umkehr der Empfindungen. Das ist eben das Neue. Bis auf Christus war die Blutrache das heilige Gesetz aller Menschen der verschiedensten Rassen; der Gekreuzigte aber rief: » Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun «. Wer nun hier die göttliche Stimme des Mitleids für schwächlichen Humanitarismus nimmt, der hat keinen einzigen Zug an der Erscheinung Christi verstanden. Die Stimme, die hier redet, ertönt aus jenem Reich Gottes inwendig in uns; Schmerz und Tod haben die Gewalt über sie verloren; sie reichen ebensowenig an einen Wiedergeborenen heran, wie jener Backen - streich und jene diebische Entblössung; an diesem Willen bricht sich wie eitler Meeresschaum an einem granitnen Felsen alles, was den menschlichen Halbaffen treibt und drängt und nötigt: die Selbstsucht, der Aberglaube, das Vorurteil, der Neid, der Hass; im Angesicht des Todes (d. h. für diesen Göttlichen der Ewigkeit) achtet er kaum des eigenen Schmerzes und der Angst, er sieht nur, dass die Menschen das Göttliche in ihnen ans Kreuz schlagen, dass sie den Samen des Himmelreichs zertreten, den Schatz im Acker verschütten, und voll Mitleid ruft er: sie wissen nicht was sie thun! Man durchsuche die Weltgeschichte und sehe, ob man ein Wort finde, das diesem gleich - käme an hochsinnigem Stolz! Hier redet eine Erkenntnis, die weiter geschaut hat als die indische, zugleich redet hier der stärkste Wille, das sicherste Selbstbewusstsein.

Ähnlich wie wir Letztgeborene eine Kraft, welche nur von Zeit zu Zeit in flüchtigen Wolken als Blitz aufzuckte, nunmehr in der ganzen Welt entdeckt haben, verborgen, unsichtbar, von keinem Sinne wahr - genommen, durch keine Hypothese zu erklären, doch allgegenwärtig und allgewaltig, und wie wir nunmehr im Begriff sind, von dieser Kraft die völlige Umgestaltung unserer äusseren Lebensbedingungen herzuleiten, so wies Christus auf eine verborgene Kraft hin, drinnen in der unerforschten und unerforschlichen Welt des Menschen - innern, eine Kraft, fähig den Menschen selber völlig umzugestalten, fähig, aus einem elenden, leidbedrückten Wesen, ein mächtiges, seliges207Die Erscheinung Christi.zu machen. Der Blitz war sonst lediglich ein Zerstörer gewesen, die Kraft, die er uns entdecken lehrte, dient nunmehr der friedlichen Arbeit und dem Wohlbehagen; ebenso war der menschliche Wille von jeher die Saat alles Unheils und Elends, das über das Menschen - geschlecht niederging, jetzt sollte er zur Wiedergeburt dieses Geschlechtes dienen, zur Entstehung einer neuen Menschenart. Daher, wie ich bereits in der Einleitung zu diesem Buche ausführte, die un - vergleichliche weltgeschichtliche Bedeutung des Lebens Christi. Keine politische Revolution kann dieser gleichkommen.

Weltgeschichtlich aufgefasst haben wir allen Grund, die That Christi mit den Thaten der Hellenen in Parallele zu stellen. Ich habe im ersten Kapitel ausgeführt, inwiefern Homer, Demokrit, Plato u. s. w. als wirkliche » Schöpfer « zu betrachten sind, und ich fügte hinzu: » dann erst ist ein durchaus neues Geschöpf geboren, dann erst enthält der Makrokosmos einen Mikrokosmos. Was Kultur zu heissen einzig verdient, ist die Tochter solcher schöpferischen Freiheit «. 1)Siehe S. 62.Was das Griechentum für den Intellekt, das that Christus für das sittliche Leben: eine sittliche Kultur hat die Menschheit erst durch ihn gewonnen. Vielmehr müsste ich sagen: die Mög - lichkeit einer sittlichen Kultur; denn das kulturelle Moment ist jener innere, schöpferische Vorgang, die freiwillige, herrische Umkehr des Willens, und gerade dieses Moment blieb mit wenigen Ausnahmen gänzlich unbeachtet; das Christentum wurde eine durchaus historische Religion und an den Altären seiner Kirchen fanden alle Aberglauben des Altertums und des Judentums eine geweihte Zufluchtsstätte. Dennoch bleibt die Erscheinung Christi die alleinzige Grundlage aller sittlichen Kultur, und in dem Masse, in welchem diese Erscheinung mehr oder weniger deutlich hindurchzudringen vermag, ist auch die sittliche Kultur unserer Nationen eine grössere oder geringere.

Gerade in diesem Zusammenhange können wir nun mit Recht behaupten, die Erscheinung Christi auf Erden habe die Menschheit in zwei Klassen gespalten. Sie erst schuf wahren Adel, und zwar echten Geburtsadel, denn nur, wer erwählt ist, kann Christ sein. Sie senkte aber zugleich in die Herzen ihrer Auserwählten den Keim zu neuem, bitterem Leid: sie schied sie von Vater und Mutter, sie liess sie einsam wandeln unter Menschen, die sie nicht verstanden, sie stempelte sie zu Märtyrern. Und wer ist denn ganz Herr? wer hat seine Sklaven -208Das Erbe der alten Welt.instinkte ganz überwunden? Die Zwietracht zerriss fortan die eigene Seele. Und während dem Einzelnen, der bisher im Taumel des Lebenskampfes kaum zum Bewusstsein seines » Ich « gekommen war, eine ungeahnt hohe Vorstellung seiner Würde, seiner inneren Bedeutung und Machtfülle vorgehalten wurde, wie oft musste er nicht innerlich zusammenstürzen in dem Gefühl seiner Schwäche und seiner Un - würde? Jetzt erst wurde das Leben wahrhaft tragisch. Die freie That des Menschen, der sich gegen seine eigene animalische Natur erhob, hatte das vollbracht. » Aus einem vollkommenen Zögling der Natur wurde der Mensch ein unvollkommenes moralisches Wesen, aus einem glücklichen Instrumente ein unglücklicher Künstler «, sagt Schiller. Der Mensch will aber nicht mehr ein Instrument sein; und hatte Homer sich Götter geschaffen, wie er sie wollte, so empörte sich jetzt der Mensch gegen die moralische Tyrannei der Natur und schuf sich eine erhabene Moral, wie er sie wollte; nicht mehr den blinden Trieben, und wären sie noch so schön durch Gesetzesparagraphen ein - gedämmt und eingezwängt, will er gehorchen, sondern einzig seinem eigenen Sittengesetz. In Christus erwacht der Mensch zum Bewusstsein seines moralischen Berufs, dadurch aber zugleich zur Notwendigkeit eines nach Jahrtausenden zählenden Krieges. Im Abschnitt » Weltanschauung « des neunten Kapitels werde ich zeigen, dass wir endlich, mit Kant, genau dieselbe Bahn betreten haben nach vielhundertjähriger antichristlicher Unterbrechung. » Rückkehr zur Natur «, meinten die christoabgewandten, humanitären Deisten des vergangenen Jahrhunderts: o nein! Emanzi - pierung von der Natur, ohne die wir zwar nichts können, die wir aber entschlossen sind, uns zu unterwerfen. In Kunst und Philosophie wird sich der Mensch als intellektuelles Wesen, in der Ehe und im Recht als gesellschaftliches Wesen, in Christus als sittliches Wesen seiner selbst im Gegensatz zur Natur bewusst. Er nimmt einen Kampf auf. Und da genügt nicht die Demut; wer Christo folgen will, braucht vor allem Mut, Mut in seiner geläutertsten Form, jenen täglich von Neuem geglühten und gehärteten inneren Mut, der nicht allein im sinnenberauschenden Schlachtgetöse sich bewährt, sondern im Dulden und Tragen, und in dem wortlosen, lautlosen Kampf jeder Stunde gegen die Sklaveninstinkte in der eigenen Brust. Das Beispiel ist gegeben. Denn in der Erscheinung Christi finden wir das hehrste Beispiel des Heldenmutes. Die moralische Heldenhaftigkeit ist hier so erhaben, dass wir fast achtlos an dem sonst bei Helden so viel ge - priesenen physischen Mute vorbeigehen; gewisslich können nur Helden -209Die Erscheinung Christi.gemüter Christen im wahren Sinne des Wortes sein, nur » Herren «. Und sagt Christus, » ich bin sanftmütig «, so verstehen wir wohl, das ist die Sanftmut des siegessicheren Helden; und sagt er, » ich bin von Herzen demütig «, so wissen wir, dass das nicht die Demut des Sklaven ist, sondern die Demut des Herrn, der aus der Fülle seiner Kraft sich hinabbeugt zu den Schwachen.

Als Jesus einmal nicht einfach als Herr oder Meister, sondern als » guter Meister « angerufen wurde, wies er die Bezeichnung zurück: » Was heissest du mich gut? Niemand ist gut. « Das sollte wohl zu denken geben, und sollte uns überzeugen, dass jede Darstellung Christi eine verfehlte ist, wo die himmlische Güte und die Demut und die Langmut in den Vordergrund des Charakters gedrängt werden; sie bilden nicht dessen Grundlage, sondern sind wie duftende Blumen an einem starken Baume. Was begründete die Weltmacht Buddha’s? Nicht seine Lehre, sondern sein Beispiel, seine heldenmütige That; diese war es, diese Kundgebung einer schier übermenschlichen Willenskraft, welche Millionen bannte und noch bis heute bannt. In Christus jedoch offenbarte sich ein noch höherer Wille: er brauchte nicht vor der Welt zu flüchten, das Schöne mied er nicht, den Gebrauch des Kost - baren das seine Jünger » Unrat « hiessen lobte er; nicht in die Wüste zog er sich zurück, sondern aus der Wüste heraus trat er in das Leben ein, ein Sieger, der eine frohe Botschaft zu verkünden hatte nicht Tod, sondern Erlösung! Ich sagte, Buddha bedeute den greisenhaften Ausgang einer ausgelebten, auf Irrwege geratenen Kultur; Christus dagegen bedeutet den Morgen eines neuen Tages; er gewann der alten Menschheit eine neue Jugend ab und so wurde er auch der Gott der jungen, lebensfrischen Indoeuropäer und unter dem Zeichen seines Kreuzes richtete sich auf den Trümmern der alten Welt eine neue Kultur langsam auf, an der wir noch lange zu arbeiten haben, soll sie einmal in einer fernen Zukunft den Namen » christlich « verdienen.

Dürfte ich dem eigenen Herzensdrang folgen, ich zöge hier denDie Galiläer. Schlusstrich zu diesem Kapitel. Doch ist es im Interesse vieler späterer Ausführungen geboten, die Erscheinung Christi nicht allein in ihrer aus aller Umgebung losgelösten Reine zu betrachten, sondern auch in ihrem Verhältnis zu dieser Umgebung. Viele wichtige Erscheinungen aus Vergangenheit und Gegenwart bleiben sonst unverständlich. EsChamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 14210Das Erbe der alten Welt.ist durchaus nicht gleichgültig, ob wir durch eine scharfe Analyse ge - naue Begriffe davon bekommen haben, was in dieser Gestalt jüdisch ist, was nicht. Hierüber herrscht von den Anfängen der christlichen Ära bis zum heutigen Tage und von den Niederungen der intellektuellen Welt bis zu ihren höchsten Höhen eine heillose Konfusion. Nicht allein war eine so hohe Gestalt für keinen Menschen leicht zu erfassen und in ihren organischen Beziehungen zur Mitwelt zu überblicken, sondern es traf alles zusammen um ihre wahren Züge zu verwischen und zu fälschen: jüdische religiöse Eigenart, syrischer Mysticismus, ägyptische Askese, hellenische Metaphysik, bald auch römische Staats - und Pontifikaltraditionen, dazu die Aberglauben der Barbaren: jeder Missverstand und jeder Unverstand beteiligten sich an dem Werke. In unserem Jahrhundert hat man sich nun viel mit der Entwirrung dieser Frage abgegeben, doch, so viel mir bekannt, ohne dass es irgend Einem gelungen wäre, die wenigen Hauptpunkte aus der Thatsachenmasse herauszuscheiden und vor aller Augen klar hinzustellen. Gegen Vor - urteil und Voreingenommenheit schützt eben selbst ehrliche Gelehr - samkeit nicht. Wir wollen hier versuchen, zwar leider ohne Gelehr - samkeit, doch auch ohne Vorurteil, zu erforschen, in wiefern Christus zu seiner Umgebung gehörte und ihrer Anschauungsformen sich be - diente, inwiefern er sich von ihr unterschied und sich himmelhoch über sie erhob; nur auf diese Art kann es gelingen, die Persönlichkeit in ihrer vollen autonomen Würde aus allen Zufälligkeiten heraus - zulösen.

Fragen wir uns also zunächst: war Christus ein Jude, der Stammesangehörigkeit nach?

Diese Frage hat im ersten Augenblick etwas Kleinliches. Vor einer derartigen Erscheinung schrumpfen die Eigentümlichkeiten der Rassen zu einem Nichts zusammen. Ein Jesaia, ja! wie sehr er seine Zeitgenossen auch überragen mag, er bleibt Jude durch und durch; kein Wort, das nicht aus der Geschichte und aus dem Geiste seines Volkes hervorquölle; auch dort, wo er das charakteristisch Jüdische erbarmungslos blosslegt und verdammt, bewährt er sich gerade darin als Jude: bei Christus ist hiervon keine Spur. Oder wieder ein Homer! Dieser erweckt als erster das hellenische Volk zum Be - wusstsein seiner selbst; um das zu können, musste er die Quintessenz alles Griechentums im eigenen Busen bergen. Wo aber ist das Volk, welches, von Christus zum Leben erweckt, sich dadurch das kostbare Recht erworben hätte und wohnte es auch an den Antipoden Christum211Die Erscheinung Christi.als den Seinigen zu bezeichnen? Jedenfalls nicht in Judäa! Für den Gläubigen ist Jesus der Sohn Gottes, nicht eines Menschen; für den Ungläubigen wird es schwer werden, eine Formel zu finden, welche die unleugbar vorliegende Thatsache dieser unvergleichlichen Persönlichkeit in ihrer Unerklärlichkeit so knapp und vielsagend be - zeichnet. Es giebt eben Erscheinungen, die in den Vorstellungs - komplex des Verstandes gar nicht ohne Symbol eingereiht werden können. Soviel über die prinzipielle Frage, und um jeden Verdacht von mir abzuwehren, als segelte ich im Schlepptau jener flachen » historischen « Schule, welche das Unerklärliche zu erklären unter - nimmt. Ein anderes ist es, uns über die historisch gewordene Um - gebung der Persönlichkeit zu belehren, lediglich damit wir diese noch deutlicher erschauen. Thun wir das, so ist die Antwort auf die Frage: war Christus ein Jude? keinesfalls eine einfache. Der Religion und der Erziehung nach war er es unzweifelhaft; der Rasse nach im engeren und eigentlichen Sinne des Wortes » Jude « höchst wahr - scheinlich nicht.

Der Name Galiläa (von Gelil haggoyim) bedeutet » Heidengau «. Es scheint, als ob dieser Landesteil, so sehr entfernt vom geistigen Mittelpunkt, sich nie ganz rein erhalten hätte, selbst in den alten Zeiten nicht, als Israel noch stark und einig dastand, und es den Stämmen Naphtali und Sebulon als Heimat diente. Vom Stamme Naphtali wird gemeldet, er sei von Hause aus » sehr gemischter Herkunft «, und, blieb auch die nicht-israelitische Urbevölkerung im ganzen Bereich Palästina’s bestehen, so geschah das » nirgendswo in so starken Massen wie in den nördlichen Marken «. 1)Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte, 3. Ausg. 1897, S. 16 u. 47. Vergl. ausserdem Richter I, 30 und 33 und hier weiter unten, Kap. 5.Dazu kam noch ein fernerer Um - stand. Während das übrige Palästina durch seine geographische Lage von der Welt gleichsam abgesondert ist, führte schon, als die Israeliten das Land besetzten, eine Strasse vom See Genesareth nach Damaskus, und Tyr und Sidon waren schneller als Jerusalem von dorther zu erreichen. So sehen wir denn auch Salomon ein beträchtliches Stück dieses Heidengaues (wie es schon damals hiess, I Könige IX, 11) mit zwanzig Städten dem König von Tyrus als Bezahlung für seine Lieferungen an Cedern und Tannenbäumen und für die 120 Zentner Gold abtreten, die jener für den Tempelbau geliefert hatte; so wenig lag dieses halb von Fremden bewohnte Land dem König Judäa’s am14*212Das Erbe der alten Welt.Herzen. Der tyrische König Hiram muss es überhaupt wenig be - völkert gefunden haben, da er die Gelegenheit benutzte, um verschiedene fremde Völkerschaften in Galiläa anzusiedeln. 1)Graetz: Volkstümliche Geschichte der Juden, I, 88.Dann kam, wie Jeder weiss, die Scheidung in zwei Reiche, und seit jener Zeit, d. h. seit tausend Jahren vor Christus (!) hat nur vorübergehend, hin und wieder, eine innigere, politische Verbindung zwischen Galiläa und Judäa überhaupt stattgefunden, und diese allein, nicht eine Gemein - samkeit des religiösen Glaubens, fördert eine Verschmelzung der Völker. Auch zu Christi Zeiten war Galiläa von Judäa politisch gänzlich ge - trennt, so dass es zu diesem » im Verhältnis des Auslands « stand. 2)Graetz: a. a. O., I, 567. Galiläa und Peräa hatten zusammen einen eigenen, selbständig regierenden Tetrarchen, während Judäa, Samaria und Idumäa einem römischen Prokurator unterstanden. Graetz fügt an dieser Stelle hinzu: » Durch die Feindseligkeit der Samaritaner, deren Land als Keil zwischen Judäa und Galiläa mitten um (sic) lag, war der Verkehr zwischen beiden losgetrennten Landes - teilen noch mehr gehemmt «. Dass man ausserdem kein Recht hat, die echten » Israeliten « des Nordens mit den eigentlichen » Juden « des Südens zu identifizieren, habe ich der Einfachheit halber hier unerwähnt gelassen; vergl. jedoch Kap. 5.Inzwischen war aber etwas geschehen, was den israelitischen Charakter dieses nördlichen Landstriches wohl auf alle Zeiten fast ganz vertilgt haben muss: 720 Jahre vor Christo (also etwa anderthalb Jahrhunderte vor der babylonischen Gefangenschaft der Juden) wurde das nördliche Reich Israel von den Assyriern verwüstet und seine Bevölkerung angeblich in ihrer Gesamtheit, jedenfalls zum grossen Teile deportiert, und zwar in verschiedene und entfernte Teile des Reiches, wo sie in kurzer Zeit mit den übrigen Einwohnern verschmolz und in Folge dessen gänzlich verschwand. 3)So gänzlich verschwand, dass manche Theologen, die über Musse ver - fügten, sich auch in unserem Jahrhundert den Kopf zerbrachen, was aus den Israeliten geworden sei, da sie nicht annehmen konnten, fünf Sechstel des Volkes, dem Jahve die ganze Erde versprochen hatte, sollten einfach verschwunden sein. Ein findiger Kopf brachte sogar heraus, die verloren geglaubten zehn Stämme seien die heutigen Engländer! Er war auch um die Moral dieser Entdeckung nicht verlegen: daher gehören den Briten von Rechts wegen fünf Sechstel der gesamten Erdoberfläche; das übrige Sechstel den Juden. Vergl. H. L.: Lost Israel, where are they to be found? (Edinburgh, 6. Aufl. 1877). In dieser Broschüre wird ein anderes Werk genannt, Wilson: Our Israelitish Origin. Es giebt sogar, nach diesen Autoritäten, brave Angelsachsen, die ihre Genealogie bis auf Moses zurück - geführt haben! Welchen Unsinn hätte unser liebes Neunzehnte nicht gezeitigt? (Wer es geschickt anfinge, könnte bei Späteren den Eindruck hervorbringen, das ganze Säculum sei fürs Tollhaus reif gewesen!)Zugleich wurden aus entlegenen213Die Erscheinung Christi.Gegenden fremde Stämme zur Ansiedlung nach Palästina übergeführt. Die Gelehrten vermuten freilich (ohne Gewähr dafür geben zu können), dass ein bedeutender Bruchteil der früheren gemischt-israelitischen Be - völkerung im Lande verblieben war; jedenfalls hielt sich aber dieser Rest nicht von den Fremden getrennt, sondern ging in ihre gemischte Volksart auf. 1)Wie sehr » der unterscheidende Charakter der israelitischen Nation ver - loren war « berichtet Robertson Smith: The prophets of Israel (1895), p. 153.Das Schicksal dieser Länder war also ein ganz anderes als das Judäas. Denn als später auch die Juden weggeführt wurden, blieb ihr Land sozusagen leer, nämlich nur von wenigen, dazu jüdischen Bauern be - wohnt, so dass bei der Rückkehr aus der babylonischen Gefangen - schaft, in welcher sie ausserdem ihre Stammeseinheit bewahrt hatten, die Juden diese Reinheit unschwer auch weiter aufrecht erhalten konnten. Galiläa dagegen und die angrenzenden Länder waren, wie gesagt, von den Assyriern systematisch kolonisiert worden und, wie es nach dem biblischen Berichte scheint, aus sehr verschiedenen Teilen des riesigen Reiches, unter anderm aus dem nördlichen ge - birgigen Syrien. In den Jahrhunderten vor Christi Geburt sollen nun ausserdem viele Phönicier und auch viele Griechen eingewandert sein. 2)Albert Réville: Jésus de Nazareth I, 416. Man vergesse auch nicht, dass Alexander der Grosse nach der Empörung des Jahres 331 das nahe Samarien mit Macedoniern bevölkert hatte.Es ist nach dieser letzten Thatsache wahrscheinlich, dass auch rein - arisches Blut dorthin verpflanzt wurde; sicher ist aber, dass ein kunterbuntes Durcheinander der verschiedensten Rassen stattfand, und dass die Ausländer sich am zahlreichsten in dem zugänglicheren und dazu fruchtbareren Galiläa niedergelassen haben werden. Das alte Testament selbst erzählt mit bestrickender Naivetät, wie diese Fremden ursprünglich dazu kamen, den Kultus des Jahve kennen zu lernen (II Kön. XVII, 24 fg. ): in dem entvölkerten Lande vermehrten sich die Raubtiere; man hielt diese Plage für eine Rache des vernach - lässigten » Landesgottes « (Vers 26); es war aber Niemad mehr da, der gewusst hätte, wie dieser verehrt werden wolle; und so sandten die Kolonisten zum König von Assyrien und baten sich einen israelitischen Priester aus der Gefangenschaft aus, und dieser kam, und » lehrte sie die Weise des Landesgottes «. Auf diese Art wurden die Bewohner des nördlichen Palästina, von Samaria ab, Juden dem Glauben nach, auch diejenigen unter ihnen, die keinen Tropfen israelitischen Blutes in den Adern hatten. In späteren Zeiten mögen sich allerdings214Das Erbe der alten Welt.manche echte Juden dort niedergelassen haben; aber wohl doch nur als Fremde in den grösseren Städten; denn eine der bewunderns - wertesten Eigenschaften der Juden namentlich seit ihrer Rückkehr aus der Gefangenschaft, wo auch zuerst der scharf umschriebene Begriff » Jude « als Bezeichnung für eine Religion auftritt (siehe Zacharias VIII, 23) war ihre Sorge, die Rasse reinzuerhalten; eine Ehe zwischen Jude und Galiläer war undenkbar. Jedoch, auch diese jüdischen Bestand - teile inmitten der fremden Bevölkerung wurden aus Galiläa nicht sehr lange vor Christi Geburt gänzlich ausgeschieden. Simon Tharsi, einer der Makkabäer, war es, der, nach einem erfolgreichen Feldzug in Galiläa gegen die Syrer: » die dort wohnenden Juden sammelte und sie bestimmte, auszuwandern und sich samt und sonders in Judäa niederzulassen «. 1)Graetz a. a. O. I, 400.Das Vorurteil gegen Galiläa blieb denn auch so gross bei den Juden, dass, als Herodes Antipas während der Jugend Christi die Stadt Tiberias gebaut hatte und auch Juden veranlassen wollte, sich dort niederzulassen, ihm dies weder durch Versprechungen noch durch Gewalt gelang. 2)Graetz a. a. O. I, 568. Es liegt also, wie man sieht, nicht die geringste Veranlassung zu der Annahme vor, die Eltern Jesu Christi seien, der Rasse nach, Juden gewesen.

Im ferneren Lauf der historischen Entwickelung fand nun etwas statt, wofür man manche Analogie in der Geschichte aufweisen könnte: bei den Bewohnern des südlicher gelegenen, unmittelbar an Judäa an - stossenden Samaria, die ohne Frage durch Blut und Verkehr den eigentlichen Juden viel näher standen als die Galiläer, erhielt sich die Tradition des nordisraelitischen Widerwillens und der Eifersucht gegen die Juden; die Samaritaner erkannten die kirchliche Suprematie Jerusalems nicht an und waren daher den Juden als » Irrgläubige « so verhasst, dass keinerlei Verkehr mit ihnen gestattet war; nicht ein Stück Brot durfte der Rechtgläubige aus ihren Händen nehmen, dies galt, als hätte er Schweinefleisch gegessen. 3)Aus der Mischna citiert von Renan, Vie de Jésus, 23. Aufl., S. 242.Die Galiläer dagegen, die den Juden ohne weiteres als » Ausländer « galten, und als solche allerdings verachtet und von manchen religiösen Handlungen ausge - schlossen wurden, waren dennoch streng rechtgläubige und (häufig sogar) fanatische » Juden «. Darin aber einen Beweis ihrer Abstammung erblicken zu wollen, ist einfach lächerlich. Es ist ganz genau dasselbe, als wollte man die unverfälscht slavische Bevölkerung Bosniens oder215Die Erscheinung Christi.die reinsten Indoarier Afghanistans ethnologisch mit den » Türken « identifizieren, weil sie strenggläubige Mohammedaner sind, viel frommer und viel fanatischer als die echten Osmanen. Der Ausdruck Jude bezeichnet eine bestimmte, erstaunlich rein erhaltene Menschenrasse, nur in zweiter Reihe und uneigentlich die Bekenner einer Religion. Es geht auch durchaus nicht an, den Begriff » Jude «, wie das in letzter Zeit viel geschieht, mit dem Begriff » Semit « gleichzustellen; der Nationalcharakter der Araber z. B. ist ein durchaus anderer als der der Juden. Darauf komme ich im fünften Kapitel zurück; einst - weilen mache ich darauf aufmerksam, dass auch der Nationalcharakter der Galiläer wesentlich von dem der Juden abstach. Man schlage welche Geschichte der Juden man will auf, Ewald’s oder Graetzens oder Renan’s, überall wird man finden, dass die Galiläer durch ihren Charakter sich von den anderen Bewohnern Palästinas unterschieden: sie werden als Hitzköpfe bezeichnet, als energische Idealisten, als Männer der That. In den langen Wirren mit Rom, vor und nach Christi Zeit, sind Galiläer meistens das treibende Element und das - jenige, welches der Tod allein besiegte. Während die grossen Kolonien unverfälschter Juden in Rom und Alexandrien auf vorzüglichem Fuss mit dem heidnischen Kaiserreich lebten, wo sie als Traumdeuter,1)Juvenal erzählt: Aere minuto Qualiacunque voles Judaei somnia vendunt. Trödler, Hausierer, Geldleiher, Schauspieler, Rechtsberater, Handels - herren, Gelehrte u. s. w. es sich gut gehen liessen, wagte es im fernen Galiläa, noch zu Lebzeiten Caesar’s, Ezekia der Galiläer, die Fahne der religiösen Empörung zu erheben! Auf ihn folgte der berühmte Judas der Galiläer, mit dem Spruch: » Gott allein ist Herr, der Tod gleichgültig, die Freiheit eines und alles! « 2)Mommsen: Römische Geschichte V, 515.Dann bildete sich in Galiläa die Partei der Sicarier (d. h. Messermänner), den heutigen indischen Thugs nicht unähnlich; ihr bedeutendster Führer, der Galiläer Menahem, vernichtete zu Nero’s Zeiten die römische Garnison Jerusalems und wurde zum Dank, unter dem Vorwurfe, er habe sich für den Messias ausgeben wollen, von den Juden selbst hingerichtet; auch die Söhne des Judas wurden als staatsgefährliche Aufwiegler ans Kreuz ge - schlagen (und zwar von einem jüdischen Prokurator)