Preis der einzelnen Nummer mit Beilage 6 kr. oder 2 Ngr. für ganz Deutschland.
Reichsrath und Ministerium.
Deutsches Reich. München: Dr. Döllinger. Darmstadt: Orden an Bismarck und Moltke. Das Leib = Grenadierregiment. Der Kaiser. Die hessische Division. Berlin: Rückblick auf den Krieg. Die franzö - sische Occupation. Bundesraths = Ausschüsse. Frankfurt a. M.: Reise des Kaisers. Dresden: Zu den Reichstagswahlen. Rückkehr des Kronprinzen Albert. Ein Beglückwünschungstelegramm an den König von Bayern.
Oesterreichisch = ungarische Monarchie. Wien: Schlußsitzung der Londoner Conferenz. Die angebliche Verfassungswidrigkeit und die tschechisirenden Tendenzen des Cabinets. Graf Andrassy. Die künf - tigen Botschafter in Berlin und Wien. Die Nationalbank. Erzherzogin Maria Annunziata. Prag: Ausgleichsverhandlungen. Friedensfeier. Von der Universität. Hr. Habietinek.
Schweiz. Zürich und Schaffhausen: Die Franzosen. Aus der Schweiz: Die Anstifter der Excesse in Zürich.
Frankreich. Ordensverleihungen. Die Kanonen des Montmartre. Die Nationalgarden. Garibaldi. Die Nationalversammlung. Von den Forts. Vor Bitsch. Abzug aus Tours. Aus der Nationalversammlung. Vor Paris: Die Garnisonen in Elsaß = Lothringen.
Jtalien. Rom: Zum Consistorium. Berichtigung. Erstes Expropria - tions = Edict.
Verschiedenes.
Jndustrie, Handel und Verkehr.
Außerordentliche Beilage. Nr. 41.
* Berlin, 14 März. Die „ Spen. Ztg. “bestätigt daß zu den Friedensverhandlungen in Brüssel preußischerseits die HH. v. Balan und v. Arnim bestimmt worden sind. Der erstere hat bereits seine Jnstruc - tionen erhalten, der letztere wird sie in der heute stattfindenden Sitzung des Ministerraths bekommen. Die Vollmachten beider sind an den Kaiser abgegangen und werden von da unmittelbar nach Brüssel gesandt werden.
* Saarbrücken, 14 März. Aus Ferrières vom 11 März wird berichtet: Das Befinden des Kaisers hat sich gebessert. Der Kronprinz ist heute früh nach Amiens und Rouen abgereist, ihn begleitet General - lieutenant v. Tresckow. Die Abreise des großen Hauptquartiers ist bis jetzt auf den 13 März festgesetzt. Abends erfolgt die Ankunft in Nancy, wo am 14 Ruhetag ist, am 15 erfolgt die Reise über Metz und Saar - brücken nach Frankfurt. Der Kronprinz trifft am 14 von Amiens in Nancy ein, und reist von dort mit dem Kaiser weiter. Die Ankunft in Berlin erfolgt spätestens am 18. Heute ist Jules Favre hier eingetroffen um mit General v. Stosch über den Verpflegungsmodus der deutschen Occupationstruppen zu unterhandeln, da sich mehrere Schwierigkeiten herausgestellt haben deren Lösung nicht bis zum definitiven Friedensschluß aufschiebbar erschien.
* London, 13 März. Granville macht im Oberhaus, Enfield im Unterhause folgende Mittheilung: Die Pontus = Conferenz, einschließlich des französischen Gesandten, unterzeichnete heute einen Vertrag welcher die Clauseln bezüglich der Neutralisirung des Schwarzen Meeres abschafft. Die bisherigen Beschränkungen des Sultans betreffs Schließung der Dardanellen und des Bosporus wurden dahin modificirt daß die Pforte dieselben auch in Friedenszeiten den Kriegsschiffen befreundeter Mächte erschließen darf, wenn sie dieß zur Durchführung der Pariser Stipula - tionen nöthig erachten sollte. Der Tractat bestimmt zwölfjährige Fort - dauer der bestehenden Donau = Commission, fortgesetzte Neutralisation der geschaffenen und noch zu schaffenden Arbeiten, und behält der Pforte die Berechtigung vor als Territorialmacht Kriegsschiffe in die Donau abzu - senden. Die Conferenz unterzeichnete ferner ein Specialprotokoll des Jn - halts: daß vermöge des Völkerrechts keine Macht einseitig Verträge lösen oder modificiren dürfe. Die Conferenz hält morgen ihre formelle Schluß - sitzung.
* Paris, 13 März. Wie versichert wird, ersuchte die National - garde, welche die Kanonen auf dem Montmartre bewachte, die Militär - behörde um die nöthige Bespannung um die Kanonen nach dem Artillerie - park zurückzubringen. Ein Theil dieser Kanonen ist bereits diesen Morgen dorthin zurückgeschafft worden. Der Maire Clémenceau übte in dieser An - gelegenheit einen sehr versöhnlichen Einfluß aus. Die „ Amtszeitung “ent - hält ein Decret, wodurch Hr. v. Banneville zum Botschafter am Wiener Hof ernannt wird. Wie mehrere Blätter wissen wollen, hat sich die Regie - rung im Princip für Absetzung der Unterpräfecten entschieden. Eine kleine Zahl derselben soll provisorisch beibehalten werden. Thiers wird morgen hier erwartet.
⁑ Stuttgart, 13 März. Landesproductenbörse sehr flau. Ungarischer Weizen ungehandelt. Bayerischer 7 fl. 27 bis 48 kr. ; Kern 6 fl. 30 kr. bis 7 fl. 18 kr. ; Roggen 5 fl. 24 kr. ; Hafer 4 fl 40 kr. bis 5 fl. Mehlpreise wie in voriger Woche.
sym11 Frankfurt a. M., 13 März. Die Subscription auf die russische Anleihe bei Rothschild hier mußte wegen kolossalen Andrangs geschlossen werden. Die Obligationen werden mit 3 / 4 Procent Agio gehandelt.
* Wien, 14 März. Staatsbahn = Ausweis: Einnahme vom 5 bis 11 März 773,531 fl., Mehreinnahme gegen Vorjahrswoche 259,595 fl.
* London. 13 März. Schlußcurse: 3proc. Consols91 11 / 16; 1882er Amerikaner91 3 / 4; Türken 42 9 / 16.
⁑ Liverpool, 13 März. Baumwollenbericht. (Verspätet. ) Tagesumsatz 12,000 B. zur Ausfuhr verkauft 3000 B. Stimmung unverändert. Orleans7 3 / 8, Middling7 1 / 8, fair Dhollerah5 7 / 8 -- 6, middl. fair Dhollerah5 1 / 8, good middl. Dhollerah4 1 / 2, fair Bengal5 3 / 8, fair Oomra6 1 / 4, good fair Oomra6 5 / 8, Per - nam 7 5 / 8, Smyrne 7, Egyptian7 3 / 4. Tagesimport 13 000 B., davon indische keine, amerikanische 11,000 B
* New = York, 13 März. Goldagio111 3 / 8; Wechsel in Gold109 3 / 4; 1882er Bonds112 1 / 2; 1885er112 1 / 8; 1904er 109; Baumwolle14 7 / 8; Petro - leum in Philadelphia 24.
SHY Wien, 12 März. Fast schien es als sollte, nachdem die Steuer - bewilligung für den Monat März ausgesprochen worden war, durch einige Zeit Waffenruhe herrschen zwischen dem Ministerium und der Reichsraths - mehrheit. Jn den letzten Tagen begann es jedoch erneuert wieder zu sieden in dem politischen Kessel. Der Reihe nach folgten: die Erklärungen im Recrutirungsausschuß, wo die leidenschaftliche Heftigkeit Giskra's es dem Grafen Hohenwart leicht machte für sich den Ruf staatsmännischer Ruhe und Mäßigung zu erwerben; die Confiscirung des vorzüglichsten Organs der verfassungstreuen Mehrheit (der „ N. Fr. Presse “), das einen geharnisch - ten Artikel für die gänzliche Ablehnung der Recrutirungsvorlage gebracht; schließlich das Verbot der deutschen Siegesfeier hier wie in Graz und Villach, das zu einer scharfen Jnterpellation im Abgeordnetenhaus Anlaß gegeben hat. Nimmt man dazu noch die Abwesenheit Riegers und anderer Declaranten, die das Gerücht Conferenzen mit den Ministern halten läßt, so begreift man daß es Zündstoff genug gab um die Flammen wieder anzufachen.
Das Ministerium kann sich wohl nicht rühmen positiv nach irgend - einer Richtung erheblich Boden gewonnen zu haben; negativ jedoch, in - sofern die zunehmende Schwäche seiner Gegner ein Zuwachs seiner Stärke wird, hat sich die Lage desselben gebessert. Was die Reichsrathsmehrheit aus freiem Willen gethan hat, und was sie durch Verhältnisse gezwungen indirect thun mußte, beides hat zur Stärkung des Ministeriums beige - tragen. Jn letztere Kategorie gehört die Jnterpellation in Betreff der deutschen Siegesfeier. Die Reichsrathsmehrheit konnte wohl nicht anders als diese Jnterpellation stellen; nun ist es aber ein öffentliches Geheimniß daß die Abhaltung der Siegesfeier hier wie in Graz nicht darum verboten wurde weil man in derselben eine Demonstration für Deutschland sieht, sondern weil man sich für berechtigt hält das Fest als eine Demonstration gegen Oesterreich aufzufassen. Die Führer der Partei fühlten das Miß - liche ihrer Lage, und wie sie dem jüngst abgehaltenen Parteitag hier fern - geblieben sind, so ließen sie auch die Jnterpellation durch ein untergeord - netes Mitglied einbringen, statt selbst dafür einzutreten.
1242Nicht viel besser geht es der Partei mit ihrer Stellung in Betreff der Recrutirungsvorlage. Daß der Reichsrath die Recruten bewilligen könne oder nicht, ist sein klares Recht, und Giskra hätte in der Ausschußsitzung nicht nöthig gehabt ganz inconstitutionell den Monarchen, der ihm einmal gesagt: der Reichsrath habe in dem Recrutenbewilligungsrecht eine wirk - same Waffe zum Sturz einer mißliebigen Regierung, in die Debatte hin - einzuziehen: wenn aber die Führer der verfassungstreuen Partei Lust haben die Sache weiter zu verfolgen und einen Conflict in diesem Punkt herbei - zuführen, so wählen sie einen für sie höchst unvortheilhaften Anlaß. Sie überwerfen sich gänzlich mit der für jede die Armee betreffende Frage em - pfindlichen Hof = und Militärpartei, wahrscheinlich auch mit der ungarischen Reichshälfte, und bringen schließlich eine Spaltung in ihre eigenen Reihen.
Schon bei den ersten Verhandlungen über die Steuerbewilligung konnte es dem aufmerksamen Beobachter nicht entgehen daß die Reichsraths - mehrheit durchaus nicht homogen sei, sondern sehr deutlich eine Theilung in zwei Fractionen erkennen lasse. Ein Theil unter Führung von Giskra und Rechbauer -- während Herbst sich vorsichtig zurückhält -- bildet die Linke, der sogenannte verfassungstreue Großgrundbesitz, von Frhrn. v. Lasser ge - führt, eine Art von Centrum. Jene sind entschiedener in ihrer Opposition gegen das Ministerium, sie sehen ein daß zwischen ihnen und dem Grafen Hohenwart jetzt nur noch ein Kampf möglich, sowie in ruhigen Augen - blicken auch daß sie in demselben den kürzeren ziehen werden; sie möchten daher einen Conflict rasch und scharf herbeiführen, der eine Reichsraths - auflösung zur Folge hätte, da es besser sei im Kampf unterzugehen als auf dem Krankenbett einer Vertagung dahin zu siechen. Gleiches Miß - trauen in die Absichten des Ministeriums wie die Linke hat wohl auch das Centrum, doch ist es in allem gemäßigter; es wünscht im Princip auch einen Conflict, aber bei gut gewähltem Anlaß mit parlamentarischem und mildem Verlauf, denn es hofft dieses Ministerium noch im parlamentari - schen Wege (etwa noch mit Hülfe des Herrenhauses) zu stürzen und dann aus den eigenen Reihen die Regierung zu bilden. Wie die Fraction des Centrums die absolute Verweigerung der Steuern nicht gutgeheißen hat, so würde sie auch einer Abweisung der Recrutirungsvorlage nicht zustim - men, und sie mag auch entschiedenen Antheil daran haben daß nicht gleich bei Eröffnung des Reichsraths eine Adresse an die Krone mit einem offenen Mißtrauensvotum für das Ministerium beschlossen worden.
Daß eine solche innere Spaltung für die Stellung des Ministeriums von Vortheil sei, ist klar: wenn zwar dieses sich über den Parteien stehend nennt, so sieht man doch schon heute daß es im Abgeordnetenhause nicht ohne Partei sei, denn in den Ausschüssen wie im Hause findet es auf der Rechten stets ausgiebige Unterstützung. Rechte und Linke sind aber nu - merisch fast gleich, so daß die Entscheidung stets im Centrum liegt, das wohl nur 30 Stimmen zählt, aber in Folge seiner Stellung vermehrte po - litische Bedeutung erhält. Solang 'es nur im allgemeinen ein Mißtrauen auszudrücken und Opposition „ in Bausch und Bogen “zu machen gilt, reichen sich die beiden Fractionen die Hände, jeder weitere Schritt wird aber zur Streitfrage unter ihnen. Wir glauben übrigens daß auch eine völlige Uebereinstimmung am Gange der Dinge nicht viel ändern würde, da eben das gegenwärtige Ministerium auf parlamentarischem Wege, d. h. durch den jetzigen Reichsrath, nicht zu stürzen ist, und wir geben jener Taktik den Vorzug die ein Durchschlagen der politischen Lage mit einem Stoß zur Folge haben würde. Wenn man schon nicht im Beginn den Plan fassen konnte gute Miene zum bösen Spiel zu machen, dem Ministerium entgegenzukommen, es an sich heranzuziehen und dadurch, gegenüber den Parteien die auf das - selbe ihre Hoffnungen setzen, zu compromittiren, dann dessen Plane zu beein - flussen und es in dem was es allenfalls vorgehabt schwankend zu machen, was alles gegenüber Neulingen in der politischen Action, wie es die gegen - wärtigen Minister sind, nicht allzu schwer gewesen wäre -- wenn man, wie gesagt, diesen Plan, welcher freilich viel Partei = Disciplin voraussetzt, nicht befolgen wollte, so bot jedenfalls der Gegensatz, d. i. ein scharfes Auftre - ten und die Herbeiführung der Reichsrathsauflösung, mehr Vortheile für die verfassungstreue Partei als das Abwarten und Laviren, verbunden mit dem Guerrillakrieg in den Ausschüssen, welchem Graf Hohenwart voll - kommen gewachsen zu sein scheint.
Eine Auflösung des Reichsraths selbst noch in diesem Augenblick wäre für das Ministerium eine arge Verlegenheit, und darum wird es auch keine Mühe scheuen sich mit dem Abgeordnetenhause zu vertragen; der verfas - sungstreuen Partei wäre aber ein glänzenderer Abgang gesichert gewesen, denn sie hätte einmal politischen Muth gezeigt, während sie jetzt nur pein - liche Eindrücke erweckt wenn sie die Minister bestürmt ihren „ Plan “darzu - legen, und an jeder Action Anstoß nimmt, weil sie angeblich nicht weiß was die Minister wollen. Ganz mit Unrecht wirft man dem Ministerium Hohenwart Unaufrichtigkeit vor, und dasselbe braucht den jüngst von Kaiserfeld ausgesprochenen Satz: „ daß das größte Unglück für die Staaten unaufrichtige Regierungen sind, “nicht auf sich zu beziehen. Was die End -aufgabe des Grafen Hohenwart sei, das muß doch schon jedermann klar geworden sein; daß er verfassungsmäßig regieren wolle, damit ist es ihm voller Ernst; daß er sich selbst mit diesem Reichsrath bestmöglich stellen wolle, folgt aus obigem. Ebenso klar ist es aber daß er mit dem gegen - wärtigen Reichsrath in keine weitere Action einzugehen im Stande sein werde, und denselben daher jedenfalls, wenn das Budget bewilligt ist, auf - lösen müsse. Das ist alles klar und offen für jeden der sehen will, und unklar ist nur wie die verfassungstreue Mehrheit dem begegnen wird, nachdem sie bereits gespalten und dadurch dem Ergreifen von halben Maßregeln zu - gänglich geworden ist.
s München, 12 März. Am 9 März hielt Stiftspropst v. Döllinger seine letzte Vorlesung im Wintersemester 1870 / 71. Jn den tief bewegten Schluß - worten erwähnte er: wie er gerne noch vor seinem Auditorium die letzten Perioden der Kirchengeschichte behandelt hätte, aber vielfach sei ihm bedeu - tet worden daß seinen Hörern wohl das Verbot zugehen würde weiterhin seine Vorlesungen zu besuchen. Stets habe er sich bemüht die kirchlichen Ereignisse so wiederzugeben wie nach langen Erfahrungen und Studien dieselben sich ihm dargestellt. Mit Aengstlichkeit habe er vermieden die neuesten Ereignisse zu berühren; wenn manches was er gesagt gleichwohl darauf bezogen worden, so sei das in einer kirchlich aufgeregten Zeit un - vermeidlich, und es liege zu nahe überall Anknüpfungspunkte an die Gegen - wart zu suchen. Man stehe am Anfang einer großen Entwicklung, deren Ende noch nicht abzusehen; das Studium der Kirchengeschichte werde es schließlich sein welches den Ariadne = Faden biete, um in dem Labyrinth der gegenwärtigen Wirren sich zurecht zu finden. Eine Partei sei hervor - getreten bestrebt das Studium der Kirchengeschichte und Exe - gese vom Plan der theologischen Studien auszuschließen. Dem gegenüber sei sein dringendster Rath eben diesen beiden hochwichtigen Disciplinen vor allen sich hinzugeben. Niemals habe er selbst seinen Schü - lern als Autorität sich aufdrängen wollen; er wünsche selbst daß man mit Mißtrauen, nur prüfend, ihm entgegenkomme. Oft stehe der Kirchen - historiker auf einem Boden, unterminirt von Täuschungen und Fictionen, die weitgehende Verirrungen veranlaßten: doch häufig sei es selbst dem Einzelnen leicht einen klaren selbständigen Blick zu gewinnen. So dürfe man, um die ganze Tragweite dadurch hervorgerufener Veränderungen zu durchschauen, nur etwa die pseudo = isidorischen Decretalen dem echten Codex Papst Leo's an Kaiser Karl entgegenhalten, oder in Erwägung ziehen welchen Quellen Thomas von Aquino bei seinen Auseinandersetzungen über die Kirche gefolgt sei. Darum vor allem Klarheit und Unbefangen - heit! Schließlich rief er seinem Auditorium, wahrscheinlich für immer, sein Lebewohl zu. Diese Abschiedsrede des Seniors aller theologischen Professoren, welcher den größeren Theil der bayerischen, um nicht zu sagen deutschen Theologen gebildet, macht nicht bloß im engeren Kreise von sich reden. Jedermann ist gespannt auf die Jdus des März. Ob der hohe Episkopat den Klerikern den Besuch dieses und anderer Collegien fortan untersagen wird oder nicht, eines ist gewiß: daß die nächste Wahl im Herbst Döllinger als Rector Magnificus an die Spitze der Hochschule stellen wird. Will dann die eigene Facultät sich gegen ihn auflehnen oder sich völlig isoliren? Die Dinge verwickeln sich immer mehr, und mag das Ministerium des Cultus noch so vorsichtig zu Werke gehen, es kann nicht verhüten daß die Kammer Einsprache erheben wird. Jnzwischen ist von der Curie gegen widerspänstige Bischöfe die Sperrung der Quinquennalien verfügt.
Darmstadt, 13 März. Der Großherzog hat den Grafen Bismarck und Moltke das Großkreuz des Ludwigs = Ordens verliehen. -- Die „ Darmst. Zeitung “bringt eine Ansprache des Großherzogs an sein Leibgrenadier - Regiment, durch welche der Großherzog, der vor 50 Jahren in dieses Regi - ment getreten, als Mitglied und Kriegsherr dem Regiment seine Anerken - nung ausspricht, und den Fahnen des Regiments das Militärverdienst - kreuz verleiht. -- Der Großherzog wird, wie die „ D. Z. “hört, sich am Mitt - woch zur Begrüßung des Kaisers nach Bingen begeben. -- Ueber eine neue Formation der großherzoglichen Division sind, wie der „ D. Z. “ver - sichert wird, noch keine Verhandlungen eingeleitet, und ist also auch die Auflösung dieses oder jenes Truppentheils noch nicht in Betracht gezogen.
Berlin, 11 März. Der „ Staats = Anz. “schreibt: „ Der jetzt be - endete deutsch = französische Krieg bietet in seinem siebenmonatlichen Verlauf ein reiches militärisch = statistisches Jnteresse, bezüglich dessen wir nachstehend einige wesentlichere Momente hervorheben. Der Krieg wurde am 19 Juli 1870 von Paris aus erklärt, am 28 Januar 1871 durch die Capitulation von Paris auf den meisten seiner Schauplätze, am 16 Februar auch für das letzte der Kriegstheater beendet; er hat somit eine Dauer von im ganzen 210 Tagen gehabt. Jn den ersten Tagen dieses Zeitraums, nämlich bis zum 26 Juli, wurde die Mobilmachung der gesammten nord - deutschen Armee, in derselben Zeit auch die der Truppen der süddeutschen1243Staaten bewirkt, während der strategische Aufmarsch der gesammten deut - schen Heere in der Linie Trier = Landau in etwa 13 Tagen stattfand. Bei der Stärke dieser Armee von 500,000 bis 600,000 Mann fand demnach zur Effectuirung dieser Aufstellung auf den verschiedenen deutschen Bahnen eine tägliche Beförderung von durchschnittlich 42,000 Mann statt; diese Truppenzahl vertheilt sich auf fünf Hauptbahnen, von denen jedoch nur drei als in erster Linie in Anspruch genommen betrachtet werden können. Um diese ungeheuern militärischen, wie Eisenbahnleistungen ihrer wahren Bedeutung nach beurtheilen zu können, muß man ferner der ungeheuern Transporte an Pferden, Geschützen, Munition und Fahrzeugen gedenken, welche gleichzeitig zur Beförderung gelangten, sowie des Umstandes daß bis vor Jahresfrist ein Bataillon, eine Schwadron oder eine Batterie als die reglementsmäßige Belastung eines Eisenbahnzugs erachtet wurden, und endlich daß vier preußische Armeecorps von ihren Standquartieren bis zur französischen Gränze auf 80 bis 120 Meilen herangeführt und während dieser mehrtägigen Eisenbahnfahrt Mann und Roß verpflegt werden mußten. Jn Folge dieser wahrhaft wunderbaren Schnelligkeit der Mobilmachung wie der Aufstellung der Armeen, in welchen Beziehungen zwei der Hauptbedingungen der errungenen Erfolge erkannt werden müssen, sowie der vom 28 Januar 1871 ab in Versailles geführten Unterhand - lungen, sind von der oben berechneten 210tägigen Dauer des Kriegs rund 30 Tage in Abzug zu bringen, so daß für die großartigen weiter unten zu erwähnenden Erfolge ein Zeitraum von 180 Tagen zur Verrechnung kommt. Jn diesen 180 Tagen haben die deutschen Heere 156 mehr oder minder bedeutende Gefechte bestanden, 17 größere Schlachten geschlagen, 26 feste Plätze genommen, 11,650 Officiere, 363,000 Mann Gefangene gemacht, über 6700 Geschütze und 120 Adler oder Fahnen erbeutet. Eine genauere Berechnung ergibt demnach daß die deutschen Heere in jedem der sechs Monate wirklicher Kriegführung durchschnittlich 26 Gefechte und 3 Schlachten durchkämpft, 4 Festungen genommen, 1950 Officiere und 60,500 Mann gefangen und 1110 Geschütze und 20 Adler oder Fahnen erbeutet haben. Es kommt somit beinahe auf jeden Tag des Kriegs ein Gefecht, auf jeden neunten Tag eine Schlacht, auf jeden sechsten Tag eine eingenommene Festung; ferner auf jeden Tag an Kriegsgefangenen 65 Officiere und 2070 Mann, an Geschützen 38 Stück, an Fahnen oder Adlern eine, bezw. einer, auf je zwei von drei Tagen. Thatsächlich vertheilen sich die Gefechte und Schlachten auf die einzelnen Monate wie folgt: es kommen auf die Zeit bis zu Capitulation von Sedan 13 Gefechte, 8 Schlachten -- bei Weißenburg, Wörth, Spicheren, Courcelles, Vionville, Gravelotte, Noisseville und Beaumont = Sedan -- und die Einnahme von vier festen Plätzen, Lützelstein, Lichtenberg, Marsal und Vitry. Jn den Monat September fallen 13 Gefechte und die Einnahme der Festungen Sedan, Laon, Toul und Straßburg, in den Monat October 37 Gefechte und der Fall der Festungen Soissons, Schlettstadt und Metz, in den Monat November 15 Gefechte, zwei Schlachttage -- die von Amiens und Beaune la Rolande -- und die Einnahme der Festungen Verdun, Montbéliard, Neu = Breisach, Ham, Diedenhofen, la Fère und der Citadelle von Amiens, in den Monat December 30 Gefechte, die Schlachten vor und bei Orleans und an der Hallue, sowie der Fall von Pfalzburg und Montmédy, in den Monat Januar endlich 48 Gefechte, die Schlachten bei Le Mans, Mont - b éliard und St. Quentin und der Fall der Festungen Mézières, Rocroy, Peronne, Longwy und Paris. Jm Monat Februar wurde endlich Belfort den deutschen Truppen vorläufig übergeben. Der Zeitabschnitt der Cerni - rung von Paris währte vom 19 September bis zum 28 Januar, also 130 Tage, innerhalb deren 22 größere Ausfallsgefechte stattfanden, welche bei vorstehender Berechnung durchweg der Zahl der Gefechte hinzugezählt worden sind, obgleich ein Theil derselben ihrer Ausdehnung wie Bedeu - tung nach wohl den Schlachten des Kriegs anzureihen sein dürfte. Die Ziffer von 22 Ausfallsgefechten auf 130 Tage ergibt für den Monat fünf bis sechs, und zwar fallen auf den September deren drei, auf den October acht, auf den November zwei, auf den December vier und fünf auf den Januar. An die hier angeführten Gefechts =, Schlachttage u. s. w. reihen sich noch der 19 und der 21 September, sowie der 12 October, an welchem die Seegefechte bei Hiddense, in der Putziger Bucht und in der Havana stattfanden. “
Berlin, 11 März. Ueber das neueste Stadium der Occupation der in unserer Gewalt befindlichen französischen Gebiete theilt die „ Schlesische Ztg. “folgendes mit. Nach den Anordnungen darüber wird zunächst die Nordarmee unter Göben ihre Stellung im Norden der Seine einnehmen. An die Linie derselben werden sich im mittleren Frankreich südöstlich von ihr die Maas = Armee und die 3. Armee unter dem Oberbefehl der Kron - prinzen von Sachsen und Preußen anschließen. Von dem Einflusse der Aube in die Seine bis zur Côte d'Or wird die Armee des Prinzen Fried - rich Karl ihre Aufstellung haben; den linken Flügel wird die Südarmee unter Manteuffel bilden. Das meist aus Landwehren gebildete 14. Ar - meecorps wird aufgelöst. Das 5. Armeecorps wird der Südarmee zur Ergänzung beigegeben. Das 7. und 12. Armeecorps sind zur Disposition des großen Hauptquartiers gestellt und sollen östlich im Centrum der ganzen Aufstellung ihre Position nehmen. Die Strecke welche durch diese Auf - stellung besetzt wird beginnt bei Rouen und endet bei Dijon. -- Die Er - nennung der Mitglieder für die beiden ersten Ausschüsse des Bundesraths ist nunmehr erfolgt, und dieselben sind in nachstehender Weise zusammen - gesetzt: 1) Ausschuß für das Landheer und die Festungen. Preüßen: derStaats = und Kriegsminister v. Roon, und in dessen Behinderung der Ge - neralmajor Klotz. Bayern: der Oberst des Generalquartiermeisterstabs Fries. Sachsen: der Major Frhr. v. Holleben. Württemberg: der außer - ordentliche Gesandte und bevollmächtigte Minister Geh. Legationsrath Frhr. v. Spitzemberg. Mecklenburg = Schwerin: der Staatsminister v. Bü - low. Sachsen = Coburg: der Staatsminister Frhr. v. Seebach. Anhalt: der Staatsminister v. Larisch. 2) Ausschuß für das Seewesen. Preußen: der Vice = Admiral Jachmann, und in dessen Behinderung der General - major Klotz. Mecklenburg = Schwerin: der Staatsminister v. Bülow. Ol - denburg: der Staatsminister v. Rössing. Lübeck: der Minister = Resident Dr. Krüger. Bremen: der Senator Gildemeister.
ll. Frankfurt a. M., 13 März. Kaiser Wilhelm wird, wie verlautet, übermorgen von Karlsruhe hierher kommen und die Nacht hier im Hôtel Westendhalle zubringen, um dann am andern Morgen die Reise nach Berlin fortzusetzen. Der Magistrat unserer Stadt fordert die Bür - gerschaft in einer Bekanntmachung auf dem sieggekrönten Oberhaupte des neuen Reiches einen glänzenden Empfang zu bereiten und am Abend die Häuser festlich zu beleuchten.
△ Dresden, 11 März. Die sächsischen Reichstagswahlen haben das eigenthümliche Ergebniß geliefert daß in nicht weniger als sechs Wahl - kreisen (darunter Dresden = Altstadt) Stichwahlen stattfinden müssen. Der Triumph den sich die Nationalliberalen zuschreiben scheint ein sehr zwei - felhafter, denn eine ganze Reihe freisinniger Abgeordneten (Dr. Schaffrath, Dr. Minckwitz, Oehmigen = Choren, Prof. Dr. Köchly, Bürgermeister Hirsch - berg in Meissen, Advocat Eysoldt in Pirna) zählen zur Fortschrittspartei, und sind unbedingte Gegner des Unitarismus. Gegenüber dieser brennend - sten Frage sind eigentlich alle Parteiunterschiede verschwindend, und es ist ganz sicher ein Mißgriff der „ Conservativen “daß sie nicht in allen Fällen die Taktik befolgt haben die Minckwitz und Schaffrath gegenüber angewen - det ward. Wo man des Jnteresses an der Existenz Sachsens und der Gegnerschaft gegen nivellirende Centralisation bei einem Candidaten sicher war, hätte man ihm keinen Gegencandidaten gegenüberstellen sollen. Denn was kann sächsischer „ Conservatismus “heute für einen andern Sinn haben als den für eine freie, würdige, geachtete und einflußreiche Stellung Sachsens im neuen Reich wirken zu wollen? Jn diesem Sinn aber sind die obengenannten Fortschrittsmänner unzweifelhaft gute Sachsen, und ge - hören nicht zu denen die nur dann an Deutsche glauben wenn zuvor alle Deutschen Preußen geworden sind.
sym25 Dresden, 12 März. Wie in Bayern und Württemberg, so haben auch in Sachsen die jüngsten Reichtagswahlen einen großartigen Umschwung der öffentlichen Meinung zu Gunsten der nationalen und der freisinnigen Bestrebungen dargethan. Zum Reichstag des Norddeutschen Bundes wurden abgegeben 155,757 Stimmen für Bundesstaatlich = Con - stitutionelle, bezw. Conservative, 117,252 für National = Liberale und Fort - schrittsmänner, 32,849 für Socialdemokraten. Die Socialdemokraten und die Liberalen zusammen gewannen also noch nicht so viel Stimmen wie die Conservativen. Bei der Wahl zum ersten deutschen Reichstag fielen 107,278 Stimmen auf Liberale, die ja alle auch entschiedene Freunde der neu gewonnenen Einigung Deutschlands sind, 58,235 auf Bundesstaat - liche und 42,323 auf Socialdemokraten. Mithin hat sich dießmal das Verhältniß vollständig umgekehrt: die Stimmen für die Conservativen und Socialdemokraten zusammen betrugen nicht so viel wie die Stimmen für die Liberalen. Zugleich erhellt freilich auch aus dieser Vergleichung wie gering dießmal die Betheiligung an den Wahlen war, was nicht genug beklagt werden kann. Endgültig gewählt sind bis jetzt 12 Liberale (darun - ter 5 National = Liberale), 3 Conservative und 2 Socialisten. Die Stich - wahlen werden jedenfalls noch 3 Conservativen (Advocat Deumer in Ka - menz, Minister v. Nostitz = Wallwitz und Amtshauptmann Graf zu Münster in Plauen) und 3 Liberalen (Professor Dr. Wigard, Professor Dr. Bieder - mann und Buchhändler Dr. Ed. Brockhaus) zum Sieg verhelfen. Auch den Socialisten gegenüber sind die Wahlen dießmal günstiger ausgefallen, wenn sie auch im allgemeinen mehr Stimmen erhalten haben. 1867 wur - den 5 Socialisten gewählt, zu denen 1869 durch die Ergänzungswahlen noch ein 6, Hr. Mende, kam. Zum deutschen Reichstag dagegen wurden nur Drechslermeister Bebel (im 17. Wahlkreis) und Advocat Schraps (im 18.) gewählt. Des letztern Wahl wird überdieß wegen dabei vorgekom - mener Ungehörigkeiten angefochten werden. Die Stichwahlen sind auf den 18 März ausgeschrieben. -- Heute Mittag trifft unser Kronprinz hier ein. Seine Gemahlin ist ihm bereits gestern früh mittelst eines ihr von der Direction der Leipzig = Dresdener Eisenbahn zur Verfügung gestellten Extrazuges bis Corbetha, der König heute Vormittag bis Riesa entgegen - gefahren. Wie in Leipzig wird der Kronprinz auch hier festlich empfangen werden. Zu diesem Behufe werden sich insbesondere der Rath und die Stadt - verordneten auf dem Leipziger Bahnhof versammeln, und wird unser Ober - bürgermeister dem ruhmgekrönten Feldherrn, mit Bezug auf dessen Abschieds - worte am 29 Juli: „ er hoffe daß der (ihm damals überreichte) Eichenkranz1244in fränkischen Lorbeer sich verwandeln werde, “einen goldenen Lorbeerkranz überreichen. Am Abend sollen auch die Gasdecorationen am Rathhause, auf der Hauptstraße ec. ec. nochmals angezündet werden. -- Unser 6. Jnf. - Regiment Nr. 105 (nicht Nr. 106) ist schon am 9 März von Le = Vert = galant nach dem Elsaß abgegangen. Der Regimentsstab, das 1. u. 2. Bataillon kommen nach Schlettstadt, das 3. Bataillon nach Straßburg. -- Am 10 d. Mts. hat der hiesige Advocat Fränzel zugleich im Namen und Auftrage seiner politischen Freunde folgendes Beglückwünschungs = Telegramm an den König von Bayern gerichtet: „ Dem deutschen unter Deutschlands Fürsten -- Jhm, der zuerst Sein Banner erhob um Sich der Sache Seiner kriegsbedrohten deutschen Brüder wider französischen Uebermuth anzuschließen und Seine hochtapfere Streitmacht in Deutschlands Wagschale mit einzulegen -- Jhm, dem aufgeklärten Denker, der, Seinen Unmuth über päpstliches Unfehlbarkeitsdogma offen bekundend, Vernunftlehre, Wissen - schafts - und Gewissensfreiheit energisch in Schutz nahm und ihre Verfech - ter ermuthigte -- Jhm, dem sinnigen, jugendlich begeisterten Freunde jeg - licher Kunst und Dichtung -- Sr. Maj. dem König Ludwig II von Bayern, dem wesentlichen Förderer von Deutschlands Größe und Einheit, zum heu - tigen 7. Jahrestage Seiner Thronbesteigung widmen wir aus aufrichtigem Herzen und innigst gefühlter Bewunderung aller Seiner hervorragenden Verdienste und Vorzüge ein dankbares Hoch! “ Darauf traf umgehend nachstehende Antwort ein: „ Hrn. Adv. Fränzel, Dresden. Freudig berührt von dem beredten Jnhalt Jhres Telegramms, das Sie zum 7. Jahrestag Meiner Thronbesteigung an Mich richteten, sende Jch Jhnen und Jhren Freunden Meinen königlichen Gruß und freundlichen Dank. Ludwig. “
sym13 Wien, 12 März. Die Schlußsitzung der Londoner Con - ferenz ist auf morgen anberaumt. Die Pontus =, sowohl als die Donau = Frage werden darin ihre Erledigung finden. -- Die Monotonie der Anklagen gegen das Ministerium wirkt nachgerade nicht bloß ermüdend, sondern auch ernüchternd. Das Ministerium soll verfassungswidrige Hintergedanken haben; bis jetzt ist die Thatsache unbestreitbar und unbe - stritten daß seine Thätigkeit nicht bloß keinen verfassungswidrigen, sondern daß sie umgekehrt mehr als einen verfassungsmäßigen Act aufweist, der zu der directen Folgerung berechtigt: die ganze von ihm versuchte Lösung werde denjenigen verfassungsmäßigen Weg innehalten der ihm ausdrück - lich vorgezeichnet worden ist, und zu dem es sich ebenso ausdrücklich be - kannt hat. Das Ministerium soll Oesterreich den Tschechen überantwor - ten wollen; bis jetzt weiß man nur daß es, um die Tschechen zur Betheili - gung an der Reichsvertretung heranzuziehen, Verhandlungen mit ihnen angeknüpft hat, wie es das Ministerium Potozki, wie es sogar das Bürger - ministerium auch gethan, und wenn es allerdings nicht bloß möglich, son - dern wahrscheinlich ist daß die jetzt den Tschechen gebotenen Concessionen reicher als früher bemessen sind, so wird man doch festhalten müssen einer - seits daß die frühern Concessionen den Starrsinn der Tschechen nicht ge - beugt, und andrerseits daß das Ministerium ihnen wohl Concessionen in Aussicht stellen, aber nur der Reichsrath dieselben gewähren kann. Die Verhandlung mit den Tschechen ist, mehr noch als durch irgendein Mini - sterprogramm, durch die zwingende Natur der Verhältnisse nicht bloß an - gezeigt, sondern direct geboten, und solange das Cabinet nicht beargwöhnt werden kann das Resultat dieser Verhandlungen mit Umgehung des Reichsraths lebendig zu machen, so lange ist sicher kein Grund der Beun - ruhigung vorhanden. Wie gewissenhaft aber das Ministerium bis jetzt die verfassungsmäßige Competenz des Reichsraths achtet, erhellt in unan - fechtbarer Weise aus einem vom Finanzministerium an sämmtliche Finanzlandesdirectionen erlassenen Schreiben, welches, obschon die Steuer - gesetze eine andere Auslegung gestatten, dieselben anweist, nachdem der Reichsrath die Forterhebung der Steuern nur bis Ende März bewilligt, nur die bis Ende März fälligen Steuern auszuschreiben, resp. einzutreiben.
sym13 Wien, 13 März. Der ungarische Ministerpräsident ist in Wien eingetroffen. Das ist schon öfter vorgekommen, und würde eben nicht nothwendig eine ganz besondere Bedeutung haben müssen; aber dießmal ist ihm ein Artikel des „ Pester Lloyd, “des Vertrauten der Deak = Partei, unmittelbar vorausgegangen, der eine nahezu formelle Kriegserklärung an das Ministerium Hohenwart enthält, und dem Grafen Andrassy die Absicht unterstellt direct beim Kaiser auf die gefährlichen Verwicklungen aufmerk - sam zu machen, welche sich ergeben könnten wenn etwa zu der Zeit wo das gemeinsame Budget in Angriff zu nehmen eine Delegation des Reichsraths in „ untadelhaft correcter Form “nicht vorhanden sein sollte. Vorderhand wird man freilich gut thun den Artikel nicht zu einer zu hohen Bedeutung hinaufzuschrauben: der „ Pester Lloyd “treibt Deak = Politik nicht selten auf seine eigene Manier; er hat sich namentlich in letzter Zeit schon wiederholt auf Ab = und Jrrwegen ertappen lassen, und Graf Andrassy ist zu sehr Staatsmann um den Krieg, wenn er ihn wollen sollte, sofort mit einem Faustschlag zu beginnen. Aber unbeachtet darf die Auslassungdes einflußreichen ungarischen Blattes doch nicht bleiben, denn sie hat jedenfalls den Werth eines Stimmungsausdruckes, und sie wäre sicher zu - rückgehalten worden wenn man in Ungarn nicht bereits in eigentlich poli - tischen Kreisen begonnen hätte die Lage der Dinge diesseits der Leitha und ihre möglichen Folgen mit allem Ernst ins Auge zu fassen. -- Die Verhandlungen zwischen Wien und Berlin über die Erhebung der bisheri - gen Gesandtschaften zum Rang einer Botschaft dürften abgeschlossen sein. Von deutscher Seite wird dazu die Jnitiative ergriffen und dem nahen Reichstage die bezügliche Vorlage gemacht werden; Oesterreich, welches seine Delegationen nicht so schnell zur Hand hat, wird mit Eifer auch die - sen Anlaß benutzen, um zu bekunden welchen Werth es den Beziehungen zu Deutschland beilegt. -- Durch Verordnung des Finanzministeriums ist, nachdem die Umstände sich vollständig geändert, die seiner Zeit der National - bank ertheilte Ermächtigung in die Metallbedeckung ihres Notenumlaufes auch, und zwar bis zur Höhe von 33 Mill., die in ihrem Besitz befindlichen Wechsel auf auswärtige Plätze einzurechnen, wieder aufgehoben worden. -- Die Kräfte der Erzherzogin Annunciata, der Gemahlin des Erzherzogs Karl Ludwig, sind in den letzten Tagen bis zur völligen Erschöpfung geschwunden, und zugleich macht ihr Lungenleiden bedenkliche Fortschritte. Die Aerzte sollen das schlimmste in Aussicht stellen.
sym15 Prag, 10 März. Von Tag zu Tag mehren sich die Anzeichen daß Cisleithanien demnächst eine neue „ Schwerpunkt = Verlegung “erleben dürfte, nämlich die von der „ Provincialstadt an der Donau “nach dem „ caput regni “Prag. Es läßt sich unschwer voraussagen daß sich in den nächsten Monaten nach Auflösung oder Vertagung des Reichsraths das allgemeine Jnteresse dem Zusammentritt des böhmischen Landtags zuwen - den wird, dem natürlich bei der in dem Programm der Regierung gelegenen Action der Landtage die Hauptrolle zufällt. Eine andere als die bereits im Vorjahre von ihm behauptete Haltung kann natürlich niemand erwarten; die an ihn gerichtete Aufforderung die „ speciellen Landesbedürfnisse “zum formellen Ausdruck zu bringen, schließt somit nur die Erhebung der be - kannten tschechischen Declaration zum formellen Landtagsbeschluß ein. Welche Wege die Regierung weiter zu wandeln gedenkt, und ob sie wirk - lich einen Reichsrath zu Stande zu bringen hofft, dessen Mehrheit sich willig zeigt die Verfassung zu Gunsten der „ Landesbedürfnisse “umzu - äudern, muß vorläufig ebenso dahingestellt bleiben wie die Richtigkeit der Details die man über die Unterhandlungen des Grafen Hohenwart mit Dr. Rieger meldet. Daß ein eventueller „ Ausgleich “mit dem Eintritt Riegers -- wir wollen nicht sagen in dieses, sondern nur in ein Mini - sterium besiegelt würde, steht außer Zweifel; sehr unwahrscheinlich aber klingt es daß man dem Tschechenführer bereits jetzt ein Portefeuille ange - boten. Jmmerhin ist es ein interessantes Zeichen der Zeit daß der Ver - fasser des an Napoleon gerichteten berüchtigten Memorandums der Held der Lage ist in dem Augenblicke da man die deutschen Friedensfeste ver - bietet, verfassungstreue Blätter confiscirt, liberale Bestimmungen der Staatsgrundgesetze im Verordnungswege illusorisch macht, dabei mit den Arbeitern cokettirt und durch die Erweiterung des Wahlrechts den Einfluß des Klerus auf dem Lande stärken will. Hier in Prag brauchte die Be - hörde die deutsche Friedensfeier nicht zu verbieten, da sie gestern im deut - schen Casino ohnedieß nur im privaten Kreise begangen wurde. Man schloß die Oeffentlichkeit aus, um die Excesse zu vermeiden welche von na - tionaler Seite angedroht waren, und die leicht einen noch bösartigeren Charakter hätten annehmen können als seiner Zeit die bekannten Herbst - Scandale. Die Ungarn sind freilich auch warme Franzosenfreunde, und die Pester Deutschen halten doch ruhig ihre öffentliche Siegesfeier ab; dafür stehen aber auch die Magyaren in der Cultur weit hinter unseren Nationalen zurück, und dafür sind auch die Deutschen in Böhmen als der „ herrschende und unterdrückungslustige “Stamm bestens verlästert. Bei uns begieng nur ein deutscher Universitätsprofessor, der Philologe Dr. Linker, das Verbrechen in einer lateinischen Ode, die er im Freundes - kreise vertheilte, den Sieg und die Einigung Deutschlands zu feiern, und als dieß unter unserer tschechischen Universitätsjugend bekannt wurde, er - hielt er dafür gestern in seinem Hörsaal eine solenne Katzenmusik, und wurde unter Jnsulten an der Abhaltung seines Vortrags gehindert und aus dem Collegium vertrieben. Und da sage man noch: die Universität Prag habe keinen „ nationalen Charakter. “-- Gestatten Sie mir zum Schlusse noch, gegenüber einer Anmerkung zu meinem Universitäts = Artikel (in Nr. 68, Beilage), ausdrücklich zu betonen daß Justizminister Dr. Ha - bietinek nicht ein Deutschböhme, sondern ein richtiger und wirklicher Tscheche (von Geburt ein Prager) ist, sich auch stets als Tscheche gerirte und nur von den extremen seiner Landsleute sich fern hielt.
* Zürich, 12 März. Der Telegraph hat bereits gemeldet daß sich die abscheulichen Ruhestörungen in Zürich welche -- allen Anzeichen nach von der „ Jnternationalen Association, “also den vorgeschrittensten und1245staatsgefährlichsten Socialdemokraten, mit Hülfe des Züricher Mob und der internirten Franzosen in Scene gesetzt -- am 9 Abends mit dem Sturm auf die deutsche Friedensfest = Versammlung in der „ Tonhalle “begannen, vorgestern verstärkte Fortsetzung genommen haben. Die „ N. Z. Z. “bringt hierüber folgenden weiteren Bericht eines Augenzeugen. „ Unser Pöbel, der in Außersihl und der Enden förmlich aufgeboten worden sein soll, hat gestern Nacht den Angriff gegen die Strafanstalt, in deren neuem Weiberhaus nebst 2 Compagnien Jnternirter, die sich ganz tadellos verhielten, auch etwa 30 der Ruhestörer von Donnerstag Nachts verwahrt werden, wirklich ge - wagt. Die Zusammenrottungen, wobei eine große Zahl Gamins, began - nen mit einbrechender Nacht, nachdem zur Abwehr der Wachtposten um etwa 100 Mann verstärkt und auf alle Begegnisse hin das Nöthige vorbereitet worden war. Nach 8 Uhr hörte man eine Anrede an die Massen, die etwa die Hälfte des Hofes und einen Theil der anstoßenden Gassen füllten. Ein Mann der auf einem der daliegenden Steinhaufen stand, erklärte im Schweizerdeutsch: man müsse Gewalt brauchen wenn die Arrestanten nicht freiwillig herausgegeben werden. Später kam noch ein „ Hochdeutscher “und schwatzte von Tyrannen. Die Aufrührer bewegten sich mit Gebrüll gegen den Eingang des Weiberhauses und warfen zu ihrem Vergnügen und zum Verdruß der Staatscasse etwa 20 Scheiben an den Fenstern der Bureaux der Anstalt ein. Das Militär im Hause war zum Aeußersten ent - schlossen, ließ sich aber von seinen Officieren zurückhalten und gab keinen Schuß ab. Als einige Trainsoldaten zu Pferd anrückten, leerte sich der Platz fast ganz; aber wie sie sich wandten, traf sie ein Hagel von Steinen. Jm gleichen Augenblick kam ein kleines Detaschement Jnfanterie von der Bahnhofstraße herauf, sah dieß und gab etwa 6 Schüsse ab, zwar nur in die Luft, aber doch mit dem Erfolg daß ein Zuschauer am Fenster im dritten Stock eines benachbarten Hauses sofort, durchs Herz getroffen, getödtet wurde. Die Pöbelmassen wogten noch mehrmals hin und her, verliefen sich aber bald nach Mitternacht gänzlich, nicht ohne vielfache Drohungen Waffen zu holen und Feuer anzulegen. “ Jn der folgenden Nacht erneuerten sich die tumultuarischen Auftritte. Gegen 11 Uhr wälzte sich eine Volksmasse durch den Rennweg der Strafanstalt zu. Bei der Schmiede daselbst wurde die Menge haranguirt und zum Angriff angefeuert. Eine Abtheilung zog sich durch die Oetenbacher Gasse der Strafanstalt zu, eine andere durch die Hofgasse. Ein ziemlicher Theil scheint aus Neugierigen bestanden zu haben; beim Angriff auf die Strafanstalt blieben wenigstens viele in respectvoller Entfernung, und drückten sich an die gegenüberstehende Häuserreihe. Die Absicht der Bewegungsmänner scheint nun entschieden gegen die Regierung gerichtet zu sein. Ein Arbeiter, welchen der Berichterstatter der „ N. Z. Z. “ganz genau hören konnte, sagte dem Sinne nach folgendes: „ Wir haben 1868 die alte Regierung gestürzt, die neue muß auch herunter, sie hat uns größern Lohn versprochen, und wir haben nicht mehr bekommen. Wir sind von ihr betrogen worden. “ Alle Erscheinungen deuten immer entschiedener darauf hin daß der hiesige internationale Verein die Triebfeder der Be - wegung ist, und daß die Friedensfeier der Deutschen nur als passend er - scheinender Anlaß, sowie die betheiligten französischen Officiere als Krawall - handlanger benutzt wurden. “ „ Bis tief in die Nacht hinein, “berichtet die „ N. Z. Z. “ferner, „ dauerte ein ungeheures Gedränge in den Straßen der Stadt und führte an verschiedenen Orten zu Zusammenstößen. Auch vor unserer Druckerei dauerte die Zusammenrottung bis nach Mitternacht, und es wurde nothwendig die Zeitungspakete unter polizeilicher Escorte zur Post zu liefern. Doch können wir beifügen daß ein ernstlicher Angriff hier nicht versucht wurde und die Zuschauermasse sich ziemlich inoffensiv verhielt; die Cavallerie that übrigens hier wie auch anderwärts ihre Schuldigkeit in rühmlichster Weise, und sprengte die Massen von Zeit zu Zeit durch Chargen auseinander. Leider gieng es an anderen Stellen blutiger zu. Am Rathhaus = Quai, also in unserer nächsten Nähe, fand ein blutiger Zusammen - stoß gegen Mitternacht mit der Cavallerie statt, wobei ein Mann aus der Menge todt auf dem Platze blieb. Ein förmlicher Angriff richtete sich abermals und zwar ebenfalls in späterer Nacht gegen die Strafanstalt. Die Truppen waren hier genöthigt, nachdem die Angreifer mit einem Sturm - bock die Thüre gesprengt, Feuerwaffen zu verwenden und, nachdem sie zuerst ohne Erfolg in die Luft gefeuert hatten, das Feuer auf die stürmende Menge selbst zu richten; die Zahl der Todten stieg an dieser Stelle auf 3, nebst einer größern Zahl von Verwundeten. Neben der Cavallerie verhielt sich auch das übrige Militär tadellos, und zeigte ebensoviel Ruhe als Festig - keit. Mitten aus der lärmenden Menge holte es sich eine Anzahl der schlimm - sten Rädelsführer heraus; bei der Verhaftanstalt allein wurden gegen 40 verhaftet. “ Der eidgenössische Commissär hat folgende Proclamation erlassen: „ Bewohner von Zürich! Seit einigen Tagen haben beklagenswerthe Ruhe - störungen hier stattgefunden. Der schweizerische Bundesrath, von der Re - gierung des Standes Zürich um seine Dazwischenkunft angegangen, hat den Unterzeichneten zum eidgenössischen Commissär ernannt, und eine an - sehnliche Truppenmacht zu seiner Verfügung gestellt. Jndem ich, diesem Ruf Folge gebend, in eurer Mitte erscheine, spreche ich die Hoffnung aus daß ich nicht in den Fall werde gesetzt werden von den Mitteln der Gewalt irgendwelchen Gebrauch zu machen; es würde dieß nur mit größtem Wi - derstreben und im äußersten Nothfall geschehen; es könnte aber nicht ver - mieden werden, wenn die Auftritte der drei letzten Abende sich nochmals wiederholen sollten. Bewohner von Zürich! Jch rechne vor allen Dingen auf eure Einsicht und Vaterlandsliebe. Die Schweiz sucht ihren Ruhm darin daß sie ein Gemeinwesen ist in welchem Freiheit und Ordnung Handin Hand gehen. Sie kann diesen ihren guten Ruf, welchem sie zum großen Theil ihre geachtete Stellung in der Welt verdankt, nicht durch einige Ruhe - störer in Frage stellen lassen. Jch zähle daher mit aller Sicherheit darauf daß alle guten Bürger den Behörden zur Seite treten, und daß es ihren vereinigten Bemühungen gelingen werde ohne weiteres Blutvergießen die Rückkehr zu geordneten Verhältnissen zu bewirken. Der eidgenössische Commissär: Dr. J. Heer, Mitglied des schweizerischen Nationalraths. “ Dem „ Schw. M. “schildert man das Handgemenge in der Tonhalle am 9 d. folgendermaßen: „ Der Kampf mit den französischen Officieren in der Tonhalle war ein kurzer. Jn fünf Minuten war er abgethan. Eine im Saal der Halle nicht sichtbare Treppe führt vom Restaurationslocal, das dem Publicum offen blieb, zu der Tribüne wo die Sänger, die Musiker und die Damen saßen. Die Thüre zu jener Treppe, ebenfalls unsichtbar im Saal, wurde von den Franzosen gesprengt, ihre Füllung eingetreten. Plötzlich sahen die Sänger blanke Säbel durch die Thüre blinken, denen das Franzosengesindel folgte. Aber ehe die Franzosen die kurze Treppe erstiegen hatten, waren die Stuhlfüße und Notenpultstücke der Deutschen bereit die feigen Angreifer zu empfangen. Furchtbar wurden die franzö - zösischen Schädel bearbeitet, in einem Augenblick waren die Bursche ent - waffnet, blutig wurden sie die Treppe hinunter =, blutend zum Restaurations - local hinausgeschmissen. Jn diesem kurzen Kampf haben sich auch zwei Schweizer hervorgethan. Mit dem Rufe: „ Die Ehre der Schweizer ist es welche auf dem Spiel steht, “stürzten der Eisenbahnbeamte Schlatter und Prof. Kym (Thurgauer) auf die Eindringlinge los und hieben sie unbarm - herzig. Jn der Tonhalle also, Mann gegen Mann, siegten die Deutschen, draußen der schweizerische Pöbel, beschützt von den Milizen. Die Polen sollen unschuldig sein. Nur ein Franzose ist todt. Sechs ihrer „ Zahnstocher “und einige Käppis ließen sie auf der Walstatt. Der bei dem Sturm auf die Strafanstalt erschossene Württemberger heißt Teufel und ist Schneider in Tuttlingen. Derselbe war auf Besuch bei seiner Braut, sah aus dem dritten Stock eines Hauses dem Scandal zu als gegen das an - stürmende Gesindel eine Salve gegeben wurde. Eine Kugel traf ihn mitten ins Herz. “ Es muß anerkannt werden daß die öffentliche Meinung in Zürich, wie in der gesammten Schweiz, soweit sie von den anständigen Elementen der Bevölkerung getragen wird, sich mit Abscheu und Entrüstung von diesen Ent - weihungen des Asylrechts abwendet, und daß die Schweiz und die Stadt Zürich insbesondere die Schmach lebhaft empfindet welche der eidgenössi - schen Ehre dadurch zugefügt worden. Es ist eine Adresse an den Bundesrath im Umlauf und bedeckt sich mit zahlreichen Unterschriften. Die „ N. Z. Z. “gibt dieser Stimmung in einem Leitartikel energischen Ausdruck. Auch der Züricher Polenverein veröffentlicht eine Erklärung, worin er seine Mit - glieder gegen die wohl etwas leichtfertig erhobene Beschuldigung der thä - tigen Theilnahme an den Excessen verwahrt. Wie aus den bishertgen Be - richten erkennbar, ist das Element der Jnternirten, das beim Angriff auf die Tonhalle in erster Linie stand, bei den spätern Schandscenen zurückgetreten, theils in Folge von Verhaftung und schleuniger Eva - cuirung, theils indem die eigentliche Pöbelmasse, die Trunkenbolde der „ Jnternationalen “voran, die Oberhand ergriffen, nachdem einmal die Ruhe mit Erfolg gestört und für die gemeinschädlichen Tendenzen des Bundes freie Bahn gebrochen schien.
Aus Schaffhausen enthält die „ N. Z. Ztg. “folgende Correspon - denz vom 9 März: „ Heute Nachmittags hat hier eine eigenthümliche Fest - lichkeit stattgefunden. Man gab den 500 in der Stadt internirten Fran - zosen ein Banketr auf der Zinne des Munoths, des alten jetzt nur noch Friedens = und besonders Festzwecken dienenden Bollwerks. Vom schönsten Wetter begünstigt marschirte die Mannschaft Nachmittags um 2 Uhr fest - lich herausgewichst auf den Munoth, wo sie die Zinne mit Tischen besetzt fand, und sich nicht zweimal einladen ließ dieselben zu occupiren. Es war ein ungewohnter Anblick die vielen in steter Bewegung sich befinden - den rothen Käppis an den langen Tischen wohl geordnet zu sehen, wo sie sich das Mahl schmecken ließen und den in reichem Maße gespendeten Schaffhauser Wein nicht minder. Reden wurden gewechselt, die Stadt - musik spielte kriegerische und fröhliche Weisen, die Franzosen gaben die Marseillaise zum Besten, es wurde getanzt -- kurz es war so eine Art kleines Volksfest, zu dessen Verschönerung insbesondere auch die Frauen - welt beitrug. Der unermüdliche Chef des freiwilligen Sanitätscorps hatte alle seine Leute, männlich und weiblich, um sich versammelt, und man sah es den fröhlichen Gesichtern an daß sie sich für den langen Aufenthalt in dumpfen Krankensälen und für das viele Nachtwachen durch zeitweili - ges Aufathmen in Gottes frischer Luft ein klein wenig entschädigen woll - ten, und daß die ungebundene Fröhlichkeit ihren sonst mit Stöhnen und Seufzen der Kranken erfüllten Ohren eine sehr wohlthätige Abwechslung darbot. Um 6 Uhr wurde für die Franzosen Retraite geschlagen, und sie begaben sich um einen fröhlichen Tag reicher wieder in ihre Casernen. “
b Aus der Schweiz, 12 März. Sie werden von den Vorgän - gen in Zürich bereits unterrichtet sein. Jch möchte noch hervorheben daß man schon zur Zeit als die deutsche Siegesfeier zum erstenmal angekün - digt wurde und nur in Folge der Katastrophe der französischen Ostarmee zeitweilig unterblieb, Gelegenheit hatte sich von einer feindseligen Stim - mung zu überzeugen. So z. B. hatte eine gewisse Clique sich in einem Wirthshause dieser Stadt heftig schimpfend dahin ausgesprochen diese Zu - samenkunft der Deutschen nicht dulden zu wollen. Jn der „ Neuen Züri -1246cher Zeitung “findet sich über jene Ruhestörer unter andern eine Bemer - kung welche dieselben als „ bornirte Franzosenfreunde und Deutschen - hasser “bezeichnet. Das ist endlich einmal ein richtiges Urtheil in einem Schweizer Blatte, freilich wurden solche Eingeständnisse bisher immer von Seiten der Schweizer Presse sorgfältig vermieden. Wahrlich, dieser Theil des Schweizer Volkes ist es welcher gar häufig einem Deutschen das Leben in der viel gepriesenen schönen Schweiz widerwärtig macht; es sind dieselben Leute die auf den deutschen Michel schimpfen und sich dabei selbst als die größten „ Michel “zeigen. Wenn dagegen verschiedene deut - sche Blätter, namentlich die an der Gränze, Ausfälle auf die Schweiz im verflossenen Winter und überhaupt während des Krieges machten, so waren solche um so weniger gerechtfertigt, insofern die Schweiz in ihrer staatlichen Vertretung sowohl als auch in Privatkreisen in der verflosse - nen Periode manches Rühmenswerthe auch für Deutschland geleistet hat; abgesehen davon daß sie ihre Neutralität in stricter Weise aufrecht erhielt. Man konnte deßhalb oft in letzter Zeit bedauern in hiesigen Blättern lesen zu müssen daß wieder da und dort sich Vorwürfe gegen die Schweiz und immer nur gegen die Schweiz in deutschen Blättern vorfänden, und zu gleicher Zeit zu vernehmen wie sich Süddeutschland bereisende Schwei - zer über üble Behandlung daselbst beklagten, während doch die Deutschen in der Schweiz längst an dergleichen Feindseligkeiten gewöhnt sind. Wenn in Deutschland die Vorgänge in Zürich bekannt werden, so möge man sich daran erinnern daß es eben nur die vorhin genannte Classe der Schweizer Bevölkerung ist welche solche veranlaßte -- eine Classe die vielfach zum Pöbel gehört und welcher sich dann noch Socialdemokraten zugesellen. Ein Verständniß für deutsches Nationalgefühl und Einheitsbestreben ist bei der jetzigen Wendung der Dinge natürlich nur bei wenigen Schwei - zern zu erwarten, aber immerhin ist es nur ein Bruchtheil des Volkes der sich zu solchen Ungerechtigkeiten und Brutalitäten geneigt findet. Wenn nun gegenwärtig die Ruhestörung in Zürich den Charakter von social - demokratischen Excessen annimmt, so ist dennoch die Veranlassung dazu in oben geschildertem Charakter eines Theils der Bevölkerung zu suchen, in welchen noch ein anderes Motiv, das des Neides und der Mißgunst gegen deutsche Niederlassung und Concurrenz, vorherrscht, und worüber sich eine eigene Abhandlung schreiben ließe, wobei die besondere Stellung der Schweiz in ihren Erwerbsverhältnissen in Betracht käme.
Paris, 8 März.
Die „ Amtszeitung “veröffentlicht eine ziemlich bedeutende Anzahl von Ordensverleihungen und ehrenvollen Erwähnungen, welche der Chef der executiven Gewalt unter dem 2 und 3 März decretirt hat. Die Aus - gezeichneten sind theils Officiere der Linienarmee, theils der Mobilgarde und des Freicorps der Vogesen, theils endlich Telegraphenbeamte, die sich während des Kriegs durch Muth vor dem Feinde hervorgethan haben. Man bemerkt unter andern eine Reihe von Officieren der mobilen Legion des Elsaßes, welche für ihre Haltung in dem Kampfe bei Héricourt zu Offi - cieren, beziehungsweise Rittern der Ehrenlegion ernannt werden.
Die Angelegenheit der Kanonen von Montmartre wurde neben an - dern Fragen in einer Versammlung besprochen welche vorgestern im Ministerium des Jnnern unter dem Vorsitz des Hrn. Picard ab - gehalten ward, und der mit dem Maire von Paris, Hrn. Jules Ferry die Maires der 20 Arrondissements der Hauptstadt beiwohnten. Es ergab sich, berichtet der „ Temps, “aus den von den Maires und Adjuncten gege - benen Aufklärungen daß die Nationalgarde die Kanonen welche sie fort - nahm, und noch in ihrer Obhut behält, lediglich den deutschen Truppen habe entziehen wollen. Die Maires zweifeln nicht daß die Nationalgar - den darein willigen werden die Geschütze in die von der Verwaltung be - zeichneten besondern Parks abzuführen, deren Wache man ohne Bedenken der Reihe nach sämmtlichen Bataillonen der Hauptstadt anvertrauen könnte. Was die Comités betrifft die sich im Schooße der Nationalgarde gebildet haben, und noch täglich bilden, so äußerte die Mehrheit der Mai - res die Ansicht: daß dieselben nicht im Stande seien die Wirksamkeit der obersten Behörde zu beeinträchtigen, da die Nationalgarde noch keinen Augenblick aufgehört habe den Befehlen der Commandanten der Sectio - nen zu gehorchen. Die Bevölkerung fühlt nach der Ansicht der meisten Maires recht gut daß unser Unglück nur durch Einigkeit und Eintracht, durch Achtung vor den Gesetzen werde gut gemacht werden können. Man unterhielt sich auch über den Sold der Nationalgarde. Der Minister des Jnnern erklärte: „ Es ist gewiß unerläßlich unsere Finanzen so bald als möglich von einer so schweren Last zu befreien; aber diese Maßregel kann nur progressiv durchgeführt werden. Allen denjenigen welche arbeiten wollen, oder arbeiten können, wird der Sold entzogen werden, und so wird, in dem Maß als die Arbeit wieder aufgenommen ist, eine bedeutende täg - liche Ausgabe nach und nach erlöschen. “ Der Minister des Jnnern sprach es laut aus daß die Regierung republicanisch sei, und es immer bleiben wolle, daß sie in dieser Hinsicht in voller Uebereinstimmung mit der Be - völkerung von Paris sei; aber er betonte mit Nachdruck den Gedanken daß eine republicanische und freie Regierung mehr als jede andere dieJdeen der öffentlichen Ordnung zur Geltung bringen müsse, ohne welche keine Regierung möglich ist.
Aus einer Versammlung der Nationalgarden von Belleville und Montmartre theilt das „ J. des Débats “folgendes mit: „ Die Frage der 30 Sous wird sehr lebhaft erörtert. Ein Nationalgardist scheint sehr er - regt, und erklärt mit gehobener Stimme daß ihm die Summe von 1 Fr. 50 C. nicht mehr genüge; er brauche 3 Fr. Diese Ansicht erregt großen Lärm in der Gruppe; ein Bürger tritt heran und sagt zu dem National - gardisten: „ 3 Fr. würden Jhnen ebensowenig genügen als 30 Sous, wenn Sie Frau und Kinder haben. Wissen Sie wie Sie mehr verdienen können? Wenn Sie wieder an die Arbeit gehen. “ Ferner bespricht man die Art wie das Lösegeld von 5 Milliarden rasch durch eine patriotische Subscription gezahlt werden könnte. Wenn man nur wollte, sagt ein Bürger, so wäre es bald bezahlt! Diejenigen, bemerkt ein anderer, welche den Vertrag geschlossen haben, mögen auch das Geld hergeben; wir haben gegen die Capitulation protestirt, wir zahlen nichts. Diese Ansicht scheint nicht die Mehrheit der Gruppe für sich zu gewinnen. Jm ganzen haben aber diese Besprechungen ein ziemlich friedliches Ansehen gehabt. “
Das „ Mot d'Ordre “ist „ in der angenehmen Lage “folgenden Brief mitzutheilen, welchen der General Garibaldi an einen seiner Freunde in Paris gerichtet hat: „ Mein lieber Sardina! Sagen Sie den Parisern daß ich bei ihnen sein werde an dem Tage da sie den Boden ihres schönen Vaterlandes von dem Schmutze des Despotismus und des Priesters werden rein waschen wollen, und daß ich sie in ihrer Noth nur noch mehr liebe. Caprera, 1 März 1871. Jhr ergebener G. Garibaldi. “
Wie die „ Libert é “mittheilt, hat Hr. Thiers kürzlich die Aufgabe der Nationalversammlung dahin präcisirt: daß sie sich darauf beschränken müsse den dringendsten Bedürfnissen der Lage abzuhelfen und ein neues Wahlge - setz zu erlassen. Jm Princip habe er sich für das Zweikammersystem und für Herabsetzung der Mitgliederzahl der künftigen Constituante, sowie der gesetzgebenden Versammlung, auf 450 ausgesprochen.
Vor Paris, 10 März, meldet man dem „ Schw. M.: “„ Gestern Nachmittags um halb 3 Uhr erschien Se. Maj. der Kaiser auf dem Fort Nogent. Derselbe besichtigte in Begleitung des Grafen v. Moltke das im Casernenhof aufgestellte 2. württembergische Jnfanterieregiment. Se. Majestät unterhielt sich aufs freundlichste mit mehreren Officieren und einigen Soldaten. Nach einem halbstündigen Aufenthalt und ohne das Fort selbst einer näheren Besichtigung unterworfen zu haben, verabschiedete sich der Kaiser, dem Regiment ein lautes: Adieu Cameraden! zurufend. Se. Majestät begab sich zu Wagen nach Rosny und Romainville, um dort Besichtigung der Forts vorzunehmen. -- Alle württembergischen Truppen richten sich zum Abmarsch. Morgen Vormittags um 11 Uhr wird der - selbe stattfinden, jedoch zunächst nicht nach Hause, sondern nach der Cham - pagne. Die württembergische Division hat Reims, Châlons, Vitry ec. zu besetzen bis die ablösenden Preußen eintreffen. Das Hauptquartier nimmt seinen Sitz in Reims. Der Transport wird von Lagny per Bahn gehen, bis dahin wird marschirt, und es sind bereits Quartiere daselbst bestellt. Fort Nogent und Redoute La Faisanderie werden von den Sachsen besetzt, welche morgen Vormittags daselbst eintreffen. Das 8. württembergische Jnfanterieregiment ist bereits an seinen neuen Garni - sonsort Straßburg abgegangen (und am 12 d. daselbst eingetroffen). “
Vom Fort Charenton (im Südosten von Paris) schreibt unter dem 23 Febr. ein bayerischer Officier der „ Allg. Militär = Ztg.: “Nach unserm Einmarsch wurden die Minen geöffnet und die Wälle besetzt, während die Musik unseres 12. Jnf. = Reg. die „ Wacht am Rhein “spielte. Jnzwischen ist, wie bei allen Forts, so auch hier bei Charenton die Front gegen Paris gekehrt, und alles in besten Stand gesetzt worden. Seit einigen Tagen hat die Vernichtung der schweren Schiffsgeschütze und ihrer Munition, sowie die Entladung der Minen in allen Forts begonnen, so daß man noch im - mer den Donner der Detonationen hört. -- Am 27 Febr. passirte leider ein sehr beklagenswerthes Unglück: mehrere bayerische Kanoniere wurden durch eine Mine in die Luft gesprengt. Die Armen hatten alle Gefahren des Feldzugs glücklich überstanden, und mußten noch jetzt auf eine so be - dauernswerthe Weise ihr Leben lassen!
Das „ Frankf. J. “erhält von seinem Correspondenten vor Bitsch, 12 März, folgende etwas wunderliche Mittheilung: „ Die Uebergabe der Festung war, wie gemeldet, eine ausgemachte Sache. Der Commandant soll nun aber, abweichend von seinen früheren Versprechungen, allen Ern - stes die Uebergabe verweigert und die definitive Entscheidung in die Hand des Kaisers Napoleon (! ) gelegt haben. Noch sollen übrigens die Ver - handlungen zwischen den beiderseitigen Commandanten schweben. Der freundschaftliche Verkehr zwischen den Soldaten, der noch ununterbrochen fortdauert, läßt darauf schließen daß Hoffnung vorhanden ist die Ange - legenheit auf friedlichem Wege zum Abschluß zu bringen. “
Der preußische Präfect von Tours hat folgende Proclamation er - lassen: „ Da die Friedenspräliminarien ratisicirt sind und die deutschen Truppen das Departement verlassen, so werden die französischen Civilbe - hörden ihre Functionen wieder übernehmen. Jch beglückwünsche mich in dem Departement die Würde und die gute Haltung gefunden zu haben, welche viel dazu beigetragen haben die Kriegslasten zu verringern. Jn den Verhältnissen in welchen wir uns befinden, bin ich glücklich euch zu ver - lassen ohne die Erinnerung an feindliche Handlungen seitens der Bewohner1247mit mir nehmen zu müssen, und ich hoffe daß meine Administrirten in mir die Gerëchtigkeit und Loyalität gefunden haben welche sie zu erwarten das Recht hatten. Tours, 7 März 1871. Der Präfect: Graf v. Königs - marck. “
* Sitzung der Nationalversammlung vom 9 März. (Fortsetzung. ) Costa de Beaure gard (Nizza) will das Wort ergreifen; von allen Seiten der Ruf: Zur Abstimmung! Es gelingt ihm aber sich Gehör zu verschaffen. Ungeachtet er der französischen Sprache vollständig mäch - tig ist, empfindet er doch eine gewisse Verlegenheit, eine gewisse Furcht zum erstenmal vor der imposantesten Versammlung der Welt zu sprechen. Er will gegen das Trennungsproject protestiren welches man Nizza zu - schreibt. Jhm zufolge hat Nizza seine Sympathien für das Haus Sa - voyen und Jtalien bewahrt, aber diese Sympathien würde es auch für Frankreich empfinden, wenn man es von demselben trennen sollte. (Bewe - gung. ) Der Redner selbst ist gegen die Trennung. Wenn eine solche Partei sich in Nizza zur Geltung habe bringen können, so habe man dieß dem willkürlichen Auftreten der Vorgänger von Marc Dufraisse und diesem selbst zu verdanken. Was die Wahl des letzteren anbelangt, so bekämpft der Redner dieselbe. Gavini eilt nach der Tribüne. Er behauptet das Recht zu haben zu sprechen, da er das Departement zehn Jahre lang ver - waltet habe. Er erklärt daß, wenn man das Departement nicht gut ver - walte, es italienisch bleiben werde. Ein anderes Mitglied will sprechen. Man verlangt mit Ungestüm den Schluß der Debatte. Schließ - lich wird dann die Wahl Marc Dufraisse's annullirt. Beul é legt auf den Tisch des Hauses den Bericht über die Verlegung der Na - tionalversammlung nieder. Der Bericht erinnert daran wie sehr der Chef der Executivgewalt auf der Lösung dieser Frage bestanden habe. Hr. Thiers habe übrigens nicht über diese Frage im voraus aburtheilen wollen, und sie der Beurtheilung der Versammlung anheimgestellt. Die Commission glaubt daß eine der Expedition der Geschäfte schädliche Ent - fernung aufhören müsse. Drei Städte seien bezeichnet worden: Versailles, Fontainebleau und Orleans. Die Commission habe Versailles, ungeachtet des Wunsches der Regierung, mit 10 gegen 5 Stimmen beseitigt, da dieß auf eine Anbahnung nach Paris schließen lasse. Orleans würde die mei - sten Stimmen erhalten haben, aber Hr. Thiers habe sich widersetzt. Man habe sich alsdann für Fontainebleau entschlossen. Die Versammlung werde jedoch Bordeaux nicht verlassen, wenn nicht festgestellt sei daß alle Jn - stallationsarbeiten beendet und alle Sanitätsbedingungen verwirklicht seien. Ein Amendement des Hrn. de Mornay, welcher beantrage daß die Ver - sammlung Bordeaux nicht verlasse ehe der Feind das Land geräumt, sei auch angenommen, wie das Project darthue, welches folgendermaßen laute: Art. 1) Der Sitz der Nationalversammlung ist nach Fontainebleau verlegt. (Brisson: Man muß der französischen Nationalität Lebewohl sagen. ) Art. 2) Die Nationalversammlung wird Bordeaux erst dann ver - lassen wenn aus den Berichten hervorgeht daß die Deutschen das Land verlassen haben, und wenn die Jnstallationsarbeiten beendet sind. Lan - glois: Es lebe die Republik! (Gelächter auf der Rechten. ) Thiers verlangt daß die Discussion über das Project auf morgen vertagt werde. Er fügt hinzu daß die Regierung dabei bleibe nach Versailles zu gehen.
Sitzung vom 10 März. Die Sitzung wird um12 1 / 2 Uhr Mittags eröffnet. Bergondi verlangt die Regierung zu interpelliren über die gegen die Freiheit der Presse und der Person in den See = Alpen ergriffenen Maßregeln. Dufaure will antworten wenn das Gesetz über die Unab - setzbarkeit der Richter berathen sei. Jules Simon ermahnt zuerst Be - schluß über Verlegung der Versammlung zu fassen. Greppo: Jch ver - lange daß das Kaiserreich und seine Mitschuldigen in Anklagestand versetzt werden. Die Versammlung nimmt ohne Debatte das Gesetz über Ver - längerung der Verfallzeit der Handelseffecten an. Es folgt Berathung des Gesetzentwurfs über Verlegung der Versammlung. Zwei Amende - ments schlagen Paris und Versailles vor. Louis Blanc erklärt mit tiefer Erregung das Wort zu ergreifen, er wünscht ein neues Unglück vermieden zu sehen. Bleiben wir in Bordeaux, oder, wenn es nothwendig ist zu gehen, warum nicht nach Paris, warum nicht nach Orleans? Warum Ver - sailles, wo eben noch eine preußische Majestät thronte? Warum der Na - tion das Schauspiel einer herumirrenden Versammlung, die einen Zufluchts - ort sucht, geben? Flößt etwa Paris Furcht ein? Stimmen rechts: Nein, nein! Blanc: Sehr gut, ich würde diese Furcht nicht verstehen. Redner citirt eine Stelle aus Machiavelli, worin er sagt: wenn man eine Stadt zu regieren habe vor der man sich fürchte, so sei es das beste sich dahin zu be - geben. Er schildert sodann die Ruhe in Paris, das nur Trauer und ge - schlossene Fenster für den Feind gehabt, der Zorn von Paris sei ein stum - mer Zorn gewesen. Paris habe nichts furchterregendes, keine Stadt sei ruhiger. Auch die preußischen Kanonen seien kein Hinderniß, die Ver - sammlung habe für ihre Würde nicht nöthig sich in größerer oder geringe - rer Entfernung davon zu halten, die Würde erheische vielmehr diese Nach - barschaft zu verachten. Ueberall, in Bordeaux wie in Paris, verfolge sie die Erniedrigung und der Schmerz über die Besetzung der Forts von Paris. Glaube man nicht daß die Würde der Versammlung besser in Fontaine - bleau als in Paris geschützt sei. Auch die Regierung sei der Verlegung nach Paris nicht durchaus entgegen. Die Regierung möge sich über diesen Punkt bestimmt aussprechen. Möge man lieber heute die Frage vertagen, und aussprechen daß Paris die Hauptstadt Frankreichs bleibt. Verdäch -tigen wir nicht die Würde von Paris, von Paris welches der Graf v. Chambord selbst seine gute Stadt Paris nannte, die Stadt seiner Geburt ebenso wie die seiner Vorfahren; es ist unmöglich zu glau - ben daß Paris ohne Erregung bleiben werde vor einem solchen Angriff auf seine politische Würde, und das würde schreckliche Leiden - schaften aufregen. Jch zittere an einen so verhängnißvollen Jrrthum nur zu denken. Paris den Titel der Hauptstadt nehmen würde die Provinz gegen Paris in Aufruhr setzen, würde durch französische Hände die Zer - stückelung unseres Landes vollenden, und die Schrecken des Bürgerkriegs auferstehen lassen -- schrecklicher noch als der Krieg gegen den Feind. Redner erinnert an die Geschichte von Paris. Können wir vergessen daß Paris die geborne Hauptstadt von Frankreich ist durch seinen Herd, seine Einsicht, sein Prästigium, seine Tradition, seine Majestät? Können wir vergessen daß Paris das Centrum der Provinz ist, daß alle Departements ihre Wogen dahin senden? Und jetzt verdächtigt man Paris. Am Tage nachdem die ganze Bevölkerung ein Beispiel so patriotischen Muthes gegeben hat, Män - ner, Greise, Weiber und Kinder; nachdem die Frauen sich so bewundernswerth gezeigt haben wie die Frauen von Sparta; nachdem sie noch bewunderns - werther gewesen sind, denn sie haben ohne Klage, ohne Murren gelitten, was man unmöglich gehalten hätte daß es die Menschheit leiden könnte. Am Tage nach diesem Augenblick, wo Paris das Beispiel aller Tugenden ge - geben hat, sollte eine französische Nationalversammlung erklären daß Paris verdient nicht mehr die Hauptstadt zu sein welche es so viele Jahrhun - derte hindurch gewesen ist? Nein, Paris wird nicht seiner Krone beraubt, und wir müssen dahin gehen, weil es die einzige mögliche Hauptstadt unseres Landes ist. Giraud: Es handle sich nicht um eine endgültige Maßregel, son - dern vor allem um die Sicherheit der Versammlung. Das Mandat welches sie erhalten, könnte die Versammlung am besten erfüllen wenn sie weder unter den preußischen Kanonen noch auf dem Pflaster der Emeute berathe. Redner weist das Citat aus Machiavelli zurück, der einen Cäsar Borgia gemacht. Paris empfange seine Gesetze von der stürmischen Minderheit. Die Nationalversammlung sei der letzte Zufluchtsort. die letzte Planke des Heils von Frankreich. Wenn wir erdrosselt sind, wird nichts mehr bleiben! Wir müssen eine Stadt frei wählen, die uns in Uebereinstimmung mit der Regierung bringen kann. Redner ist für Versailles, nachdem es geräumt sei von den Preußen. Sylvain (Savoyen) spricht sich energisch für Paris aus, wohin das Jnteresse der Versammlung und das Jnteresse Frankreichs rufen. Ein Mitglied der Rechten bekämpft die Verlegung nach Paris, es erinnert an den Juni 1848, den 31 Oct., Frankreich wolle und könne sich nicht mehr so in Aufregung bringen lassen. Paris sei der Mittelpunkt der organisirten Revolte, die Hauptstadt der revolutionären Jdeen. Uebrigens handle es sich heute gar nicht um die Frage nach der Hauptstadt, diese Frage sei vorbehalten. Heute die Versammlung nach Paris verlegen, wäre die Drohung mit einem nationalen Unglück, vor dem die Regierung nicht schützen könne und wofür die Versammlung die Ver - antwortlichkeit vor dem Land auf sich nehmen müsse. Millière sucht die vorgebrachten Einwürfe zu widerlegen. Die Sitzung dauert fort.
⁑ Vor Paris, 8 März. Ueber die Bestimmungen der kaiserlichen Kriegsverwaltung in Berlin bezüglich der in den wiedererworbenen Pro - vinzen Elsaß = Lothringen zu haltenden Garnisonen und deren Stärke kann ich Jhnen folgende authentische Angaben machen. Als Garnisonen sind be - stimmt: Diedenhofen mit 2 Bataillonen Jnfanterie, 5 Escadronen Cavallerie, 2 Festungs = Artillerie = Compagnien; Metz: 12 Bat. Jnf. (darunter eine bayerische Jnf. = Brigade), 5 Escadr., 4 Batt., 8 Fuß = Art. = Comp., 1 Pionier - Bat.; St. Avold: 2 Escadr. (Bayern); Saargemünd: 2 Escadr. (Bayern); Hagenau: 3 reitende Batterien; Weißenburg: 1 Bat. Jnf.; Bitsch: 1 Bat. Jnf.; Dieuze = Marsal: 1 Bat. Jnf.; Pfalzburg: 2 Bat. Jnf.; Saarburg: 1 Bat. Jnf.; Straßburg: 9 Bat. Jnf., 5 Escadr., 4 Batt., 4 Festungs - Comp., 1 Pionier = Bat.; Schlettstadt: 2 Bat. Jnf., 5 Escadr. ; Colmar: 2 Bat. Jnf., 3 Escadr. ; Neu = Breisach: 2 Bat. Jnf., 2 Escadr., 1 Festungs - Comp.; endlich Mülhausen: 2 Bat. Jnf.
= = Rom, 10 März. Jn dem Verzeichniß der am Montag bestätig - ten Bischöfe begegnen wir, außer einer Versetzung von drei Cardinälen auf ebenso viele Suburbicarsitze, keinem italienischen, obwohl 18 vacante Pfrün - den zu versehen gewesen wären, und man in Florenz nicht undeutlich hatte merken lassen daß man, auf jederlei Beaufsichtigung oder Reserve dießmal verzichtend, Sr. Heiligkeit völlige Freiheit dabei zu lassen gewillt sei. Unter diesen Aussichten war ein Theil der Ernennungen vorbereitet, das Consistorium selber aber wollte der Papst mit einer auf die gegenwärtige Lage der Kirche in ihrer Hauptstadt eingehenden Ansprache an das Cardinal - collegium eröffnen. Doch die auf der andern Seite inzwischen gestiegene Verstimmung über die klerikalen Provocationen und eine ruhige Revision des Concepts der Allocution ließen schlimme Folgen voraussehen, die sie mit den angedrohten Strafgerichten hervorrufen würde, so daß es räthlicher schien, ungeachtet sie den voraufgegangenen Andeutungen nach allgemein erwartet wurde, sie für jetzt beiseite zu lassen. Der thatsächliche Protest wider die Lage ist die Unterlassung der Wiederbesetzung der vacanten ita - lienischen Bisthümer, und er wird nicht weniger wirksam sein als Worte1248Das letzte Consistorium ist noch des größern Antheils halber bemerkens - werth welcher dem Secretariat der Breven an seinen Acten eingeräumt war. Unter den 26 präconisirten Bischöfen wurden nur 10 nach der Präsentation vom Papste den Cardinälen zur Präconisation vorgeschlagen, näm - lich die von Elvas, Portoviejo, Martinique, Würzburg, Aguapo (Tamaulipas), Philadelphia in part., Gerasa in part., Arsinoe in part., Joppe in part., Dora in part. ; die übrigen 16, unter denen die Cardinäle Patrizi, Amat, Sacconi, der Bischof von Agen, von Brünn ec., ernannte ein Breve oder die Propaganda, der sonst nur zusteht die Sitze in den von ihr abhängigen Missionen in und außer Europa zu versehen. Ueber den Bischof Reißmann von Würzburg liest man in den Consistorial - acten: Vir doctrina, gravitate, prudentia, morum honestate, rerum - que usu præditus, dignus eapropter censendus, qui memoratæ Herbi - polen. Ecclesiæ in Episcopum præficiatur. -- Das in Florentiner Blät - tern mitgetheilte Telegramm der Agenzia Stefani mit dem Jnhalt einer Allocution, welche der Papst am Montag im Consistorium gehalten habe, macht seinem Verfasser keine Ehre, denn die Allocution existirt nicht. Der gestrige „ Osservatore Romano “ist ermächtigt sie durchweg für eine Erfindung zu erklären. -- Die officielle Zeitung veröffentlichte das erste kgl. Expropria - tionsdecret, das acht der größten Klöster trifft (Philippiner, Minoriten, Augustiner, Dominicaner, Theatiner, Signori della Missione, Clarissin - nen, Augustinerinnen). Rom hat 32 geistliche Körperschaften, deren jed - wede 2 -- 6 oft sehr geräumige Klöster besitzt. Unter diesen wurde aus - gewählt. Binnen 14 Tagen müssen jene acht zu Staatsgebäuden be - stimmten Klöster geräumt sein, ihre Rente wird in die öffentliche Schuld zu Gunsten der bisherigen Eigenthümer notirt. Diese siedeln in andere Convente derselben Regel über. Jhre Kirchen und Bibliotheken werden erhalten.
: München, 13 März. Der bayerische Landeshülfsverein hat durch seinen Delegirten Grafen v. Drechsel, auf Grund der von den HH. Filchner und Rosenthal persönlich an Ort und Stelle gepflogenen Erhebungen, die Er - richtung passender Gedenksäulen über den Massen = Grabstätten gefallener Bayern zu Beaumont und bei der Ferme von Beauvilliers bei Loigny vermittelt.
k Erlangen. 13 März. Heute Nachmittags wurden auf dem hiesi - gen Friedhofe die irdischen Ueberreste des vorgestern in der Frühe hier verstor - benen Hofraths August Boden beigesetzt. Er war ein Mann von edlem Cha - rakter, von gründlichem und reichem Wissen und von großer Herzensgüte. Als Schriftsteller (er war auch vieljähriger Mitarbeiter der „ Allg. Ztg. “), hat er sich einen sehr geachteten Namen in weiten Kreisen erworben, und durch sein aufrichtiges Wohlwollen gegen jedermann sich auch hier viele Herzen gewon - nen. Wiewohl er schon vor seinem Aufenthalt hierselbst, der nur die letzten schwereren Jahre seines Lebens umfaßte, von einem langwierigen körperlichen Leiden, das ihm das Ausgehen unmöglich machte, befallen und daher an seine Wohnung beständig gefesselt war, hatte er sich doch in kurzer Zeit einen gro - ßen Kreis achtbarer Männer an hiesigem Orte zu Freunden erworben. Das gründliche umfassende Wissen das er besaß, der scharfe Verstand der ihm bei aller Gebrechlichkeit zu eigen blieb, die reiche Erfahrung die aus ihm sprach, vor allem sein unbestechlicher Rechtssinn und sein milder friedliebender Geist sicherten ihm bleibend den Umgang seiner theilnehmenden Freunde. Mit gro - ßer Geduld hat er sein langes Leiden bis ans Ende getragen, und einen sanf - ten und friedlichen Ausgang aus dieser Welt genommen.
* Berlin. Deutsche Jnvaliden = Stiftung. Die „ Vlks = Ztg. “bringt folgende ebenso beunruhigende als befremdende Notiz: „ Zur Erweiterung und resp. Ausführung des Statuts der deutschen Jnvaliden = Stiftung waren, wie wir hören, bereits in diesen Tagen Deputirte des Centralcomit é's, des geschäfts - führenden Ausschusses der Victoria = National = Jnvaliden = Stiftung und aus den süddeutschen Staaten hier zusammengetreten. Man ist jedoch weder in jener noch in dieser Beziehung zu einem Ergebniß gelangt, sondern unverrichteter Sache auseinander gegangen. Unrichtig ist somit auch die Annahme daß das Statut über die mitgetheilten äußeren oder persönlichen Arrangements hinaus, überhaupt die ganze Organisation der Stiftung schon eine vollendete durch Ge - nehmigung des Kaisers abgeschlossene Thatsache sei. “
sym10 Wien, 10 März. Heute hat das Plaidoyer in dem Preßprocesse der Zeitschrift „ Oeconomist “wegen der berufenen Artikel begonnen, welcher sich, dadurch daß die Person des Grafen Beust hineingezogen und eine Menge bekannter Persönlichkeiten als Zeugen vorgeladen worden, zu einer cause célèbre gestaltet hat. Der Proceß nahm einen interessanten Verlauf, denn der Beklagte, Herausgeber der „ Volkswirthschaftlichen Presse, “hatte behauptet: die Artikel welche Kläger Sommerfeld in dem „ Oeconomist “gegen den Grafen Beust und über dessen Stellung zum türkischen Bahnbau brachte, und welche seiner Zeit viel von sich reden machten, seien erlogen und „ mit preußischem Gelde bezahlt “worden, und hatte nun den Beweis für seine Behauptung anzutreten, während der Kläger seinerseits beweisen sollte daß die Artikel auf Wahrheit beruhen. Es ergab sich aus dem Zeugenverhör, wenn auch die Hrn. Sommerfeld ge - machte schmutzige Unterstellung, daß er nämlich Geld genommen, als unbe - gründet wegfiel, daß der Jnhalt all der gegen den Grafen Beust gerichteten Artikel auf Erfindungen und Klatschereien beruhte, welche Hrn. Sommerfeld von dem Mitherausgeber des „ Oeconomist, “Frhrn. v. Sommaruga, zugetra - gen worden, der sich im Verhör in grelle Widersprüche verwickelte, und z. B. von Regierungsrath Dr. v. Orges überwiesen wurde daß ein Gespräch mit ihm, aus welchem Sommaruga thatsächliche Angaben geschöpft haben will, erst nach dem Erscheinen der Artikel im „ Occonomist “auf der Straße stattgefunden habe. Kurz, der Verlauf des Processes gestaltete sich für den Reichskanzler vielmehr zu einer Ehrenrettung. (Uns hat der Proceß den Eindruck gemacht als sei hier ein ganz ehrenwerther, aber krankhaft reizbarer und verbissener Mann -- Re - dacteur Sommerfeld -- von dritten Personen, welche deutlich genug durch den Schleier des Zeugenverhörs erkennbar sind, in gewissenlosester Weise zum Käm - pen für eine gemeine aus politischer Gegnerschast und persönlichem Hasse zu - sammengesponnene Jntrigue mißbraucht worden, und müsse jetzt mit Ruf und Stellung die Zeche zahlen, während die Faiseurs den Kopf aus der Schlinge ziehen. D. R.)
Paris, 10 März. Der „ Figaro “theilt über das Eisenbahnunglück welches auf der Westbahn stattfand folgende Einzelheiten mit: „ Ein Zug preu - ßischer Kranker und Verwundeter, welcher von französischen Beamten der West - bahn geführt wurde, begab sich von Mans nach Pantin um von dort nach Deutschland abgeführt zu werden. Der Zug bestand aus 32 Wagen, und in jedem Wagen waren 20 bis 25 Mann. Um 7 Uhr, im Augenblicke wo der Zug in den Eisenbahnhof von Puteaux einlief, sah der Zugführer daß ein Zug des Weichbildes von Paris, der zu spät angekommen war, schon die Bahn besetzt hielt. Er hielt sofort an, und der Eisenbahn = Jnspector gab das Signal daß die Bahn besetzt sei. Jn dem nämlichen Augenblicke kam ein Waarenzug, der dem Krankenzuge folgte, mit voller Dampfkraft angefahren. Was sich er - eignete wissen wir nicht! Waren die Signale noch nicht gemacht, oder hatten sie die Maschinisten nicht verstanden? Wir wissen es nicht. Jmmerhin fuhr der Waarenzug mit aller Gewalt gegen die letzten Wagen des preußischen Zuges an; der Stoß war furchtbar. Von 32 Wagen wurden 19, mit den Unglück - lichen die sich in denselben befanden, zertrümmert. (Nach dem Berichte des „ Dresd. Journ. “sind diese Angaben glücklicherweise sehr übertrieben. D. R.) Die Loco - motive des Waarenzuges gieng ebenfalls in Stücke, wie auch die sechs ersten Wagen desselben. Die französischen Beamten welche den preußischen Zug führten wurden nicht verwundet. Sobald die Nachricht von diesem Unfalle nach Paris gelangte, sandte der Director sofort einen Rettungszug ab, in welchem er Platz nahm. “-- Die Direction der Westbahn hat über diesen Unglücksfall folgende Note veröffentlicht: „ Nach dem Wortlaute des zwischen der französischen Regie - rung und den deutschen Behörden am 28 Jan. abgeschlossenen Vertrages wird die Circulation der Züge in der occupirten Zone von den deutschen Behörden geregelt, und die Circulation findet auf Verantwortlichkeit der Regierung statt welcher der Zug angehört. Gestern Abends gegen 7 Uhr wurde ein Zug mit deutschen Verwundeten, der von Mans kam, in dem Bahnhofe von Puteaux von einem deutschen Waarenzug erreicht der von Versailles abgegangen war. Ein Zusammenstoß fand statt, bei welchem ernste Unglücksfälle zu bedauern sind. Die Versailler Bahn wird dem Verkehr heute wieder übergeben werden. “
sym5 München, 13 März. Jn der heutigen ordentlichen Generalversamm - lung der bayerischen Hypotheken - und Wechselbank waren 30 Actionäre mit 286 Stimmen vertreten. Der vorgetragene Rechenschaftsbericht für 1870 lieferte, der kriegerischen Zeitverhältnisse ungeachtet, ein sehr befriedigendes Ergebniß. Die Erträgnisse der Bank sind auch seit 4 Jahren im Voranschreiten begriffen. So betrugen dieselben per Actie im Jahre 1867 39 fl., 1868 40 fl., 1869 42 fl. und 1870 44 fl. Die statutarischen Bestimmungen über den Pfandbriefs-Special - reservefonds erhielten mit Genehmigung der Staatsregierung eine, von der Gene - ralversammlung allseitig gebilligte, Aenderung dahin: daß zwar das Soll dieses Reservefonds (5 Proc. der jeweiligen Pfandbriefecirculation) unverändert bei - behalten, dagegen der Modus der Ansammlung dahin abgeändert wird daß anstatt einer fixen Beitragsquote, nämlich der Hälfte des jährlichen Erträgnisses, eine ver - änderliche, dem jeweiligen Ermessen der Bankverwaltung anheimgegebene solche Quote und nur eine Minimalgränze in der Art statuirt werde daß der jährliche Beitrag nicht weniger als 40,000 fl. betragen dürfe. Am Schlusse des Jahres 1870 hat dieser Specialreservefonds 634,147 fl. 34 kr. betragen, welchem übri - gens ein für das Geschäft im allgemeinen bestimmter älterer Reservefonds von1 1 / 2 Mill. Gulden zur Seite steht, um das eingezahlte Aetiencapital von 20 Mill. auch in der schlimmsten Zeit vor Gefährdung sicherzustellen. Von den Mitgliedern des Di - rectoriums welche nach dem Turnus auszutreten hatten, wurden die HH. v. Bron - berger und Dr. Ruhwandl wiedergewählt, und für Hrn. Aug. Zenetti, der eine Wiederwahl ablehnte, dann für den verlebten Grafen v. Montgelas, wurden die HH. Staatsrath v. Daxenberger und Otto v. Maffei neu gewählt.
Frankfurt a. M., 13 März. Württ. 5proc. Oblig 100 P.; 4 1 / 2 proc. 94 5 / 8 bez. ; 4proc. 86 3 / 4 G.; 3 1 / 2 proc. 84 G.; bad. 5proc. Obl. 99 7 / 8 bez. ; 4 1 / 2 proc. 94 1 / 2 bez. ; 4proc. 88 1 / 2 G.; 3 1 / 2 proc. 83 1 / 2 G.; pfälz. Max = B112 1 / 4 bez. ; 4proc. hess. Ludwigs = B. 141 bez. ; bad. 35fl. = L. 60 bez. ; kurh. 40Thlr. = L.64 1 / 2 P.; nass. 25fl. = L.37 1 / 2 G.; gr. hess. 50fl. = L.169 1 / 2 P.; 25fl. = L. 49 P.; Ansbach - Gunzenh. 7fl. = L.12 1 / 8 G.; Pistolen fl. 9.44 -- 46; doppelte fl. 9.45 -- 47; preuß. Friedrichsd'or fl. 9.58 -- 59; holl. 10fl. = St. fl. 9.54 -- 56; Ducaten fl. 536 -- 38; Ducaten al marco fl. 5.37 -- 39; Napoleonsd'or fl. 9.26 1 / 2 -- 27 1 / 2; engl. Sover. fl. 11.54 -- 58. (Cursbl. d. Ver. Frkf. Ztgen.)
St. Petersburg, 13 März. Bei der heutigen Ziehung der russischen zweiten Prämien = Anleihe vom Jahr 1866 fielen auf Serie 14 525 Nr. 9 200,000 Rubel; Serie 4542 Nr. 1 75,000 R.; Serie 1103 Nr. 1 40,000 R.; Serie 6686 Nr. 39 25,000 R.; Serie 11,740 Nr. 12, Serie 8061 Nr. 33 und Serie 8364 Nr. 19 je 10,000 R.; Serie 18,658 Nr. 37, Serie 8610 Nr. 33, Serie 15,426 Nr. 49, Serie 18,663 Nr. 27 und Serie 7069 Nr. 3 je 8000 R.; Serie 12,695 Nr. 2, Serie 2490 Nr. 49, Serie 1569 Nr. 37, Serie 462 Nr. 38, Serie 19,401 Nr. 33, Serie 14,505 Nr. 27 und Serie 4965 Nr. 21 je 5000 Rubel.
Correspondenzen sind an die Redaction, Jnserate dagegen an die Expedition der Allgemeinen Zeitung zu adressiren. ANZEIGEN werden von der Expedition aufgenommen und der Raum einer dreigespaltenen Colonelzeile berechnet: im Hauptblatt mit 12 kr., in der Beilage, welcher das Montagsblatt gleich geachtet wird, mit 9 kr. ; ausserdem ist zu Ermöglichung der Seibstausrechnung des Insertionspreises durch den Tit. Auftraggeber und der Anhersendung des Betrags in Papiergeld und Briefmarken eine wortweise Berechnung eingeführt, bei welcher eine Anzeige (Aufschrift, Firma etc. durch fette Lettern ausgezeichnet) um „ baar und franco 4 kr. südd. (auch 7 Nkr. ö. W., 1 1 / 4 Ngr., 15 Cent.) für jedes Wort oder Zahl “in der Beilage Aufnahme findet: bezüglich der Collectivanzeige vid. am Schluss der Beilage.
Faustina. Drama von Ada Christen. -- Moritz v. Schwind. (III. Schluß.)
Neueste Posten. München: S. M. der König. Ordensverleihungen. Gerichtsvollzieher sind keine Staatsbeamten. Bayerisches und deutsches Heimathrecht. Geburtsfest des Königs von Jtalien. Militärisches. Stuttgart: Dr. Niemeyer †. Wien: Zur Londoner Conferenz. Bern: Die Dinge in Zürich. Paris: Zur Lage. Thiers'sche Republik.
* Wien, 14 März. Abgeordnetenhaus. Der Ministerpräsident beantwortet die Jnterpellation betreffs des Verbotes der Siegesfeier. Dasselbe sei vom Ministerpräsidenten im Einverständniß mit dem Ge - sammtministerium ausgegangen, und sei begründet in der Verpflichtung der Sicherheitsbehörden, für Aufrechthaltung der öffentlichen Ordnung zu sorgen, und in den bestehenden Gesetzen. Die öffentliche Meinung in der Presse sowie die Bevölkerung habe sich entschieden gegen die Feier ausgesprochen. Gegendemonstrationen seien angesagt gewesen, und es liegen genügende Erfahrungen vor wohin derlei nationale Demon - strationen in unserm von so verschiedenen Volksstämmen bewohnten Staate führen. Die Regierung erklärte es als ihre Hauptaufgabe das österreichische Bewußtsein der Bevölkerung zu kräftigen und werde jedem Versuch entgegentreten die öffentliche Meinung künstlich in ent - gegengesetzter Richtung zu leiten. Die Deutung welche die Jnter - pellanten der Depesche vom 26 Dec. 1870 geben, sei unrichtig. Der Ministerpräsident habe sich mit dem Minister des Aeußern ins Einvernehmen gesetzt; die erklärte Neutralität habe nur dann inneren Werth, wenn ihr eine gewisse Thätigkeit über die Kriegsdauer hinaus verliehen werde. Jn diesem Sinne gebe die Depesche vom 26 Dec. dem Gedanken Ausdruck, daß das Selbstbestimmungsrecht Deutschlands bezüglich seiner Neugestal - tung anzuerkennen sei und mit Deutschland die besten Beziehungen anzu - bahnen und zu befestigen seien. Diese Beziehungen können die Wah - rung der Pflichten der staatlichen Jndividualität nicht stören, sie for - dern sogar die zarteste Auffassung des Neutralitätsprincips, die allein die Einigung an Stelle des politischen Widerspruchs zu setzen vermöge. Die Regierung habe sich nur von der Vorsorge für den innern Frieden leiten lassen. Die Regierung sei überzeugt, die Regierung des deutschen Reichs lege höhern Werth auf die Freundschaft des Staats der sich selbst zu achten wisse, als auf die Sympathien der Regierung die dieser ersten Aufgabe gegenüber sich zu schwach erweise.
* Wien, 14 März. Abgeordnetenhaus. Der Ministerpräsident beantwortet weiters eine Jnterpellation wegen Ausweisung Zimmermanns dahin daß das Gesetz in keiner Weise verletzt wurde. Die Ausweisung sei gesetzlich begründet, die Gesetzgebung aller Staaten gestatte die Auswei - sung Fremder aus öffentlichen Rücksichten. Was das Staatswohl erfordere, sei überall dem Ermessen der Regierung anheimgestellt. Der Justizminister beantwortet dieselbe Jnterpellation vom judiciellen Standpunkte.
* Nancy, 14 März. Der Kaiser ist gestern Abends um 7 Uhr in Begleitung des Prinzen Karl hier angekommen, der Kronprinz wird heut erwartet. Morgen früh erfolgt die Abreise nach Metz.
K. v. T. Wien, im März. Wie ein schmerzliches Trauerlied klingt die Oedipussage durch das griechische Alterthum. Der leidvolle Mann, der, trotz aller Vorsicht mit welcher die Eltern den Schicksalsspruch der Göt - ter abzuwehren trachten, sein furchtbares Verhängniß erfüllt, den Vater tödtet, der Gatte der eigenen Mutter wird, und zuletzt als blinder Bettler, auf die Schulter der treuen Tochter Antigone gestützt, durch Griechenland irrt, bleibt für alle Zeiten ein Musterbild tragischer Größe und Schuld. Jn wechselnden Gestalten, vielfach verändert und abgeschwächt, kehrt die Sage in der Literatur immer wieder: an die Stelle der Mutter tritt manchmal die Schwester, die großartige Härte der ursprünglichen Dich - tung wird gemildert und abgeschliffen, aber sie erneuert sich noch bei moder - nen Poeten. Nicht die Jahrtausende, nicht Platens geniale Parodie habensie zu zerstören vermocht, und aus mehr als einem neueren Drama blicken uns, wenn man nur schärfer hinsieht, die bekannten Züge des unglück - lichen Thebanerfürsten entgegen!
Auch das interessante Werk welches wir hier anzeigen wollen, auch „ Faustina “wurzelt, der Verfasserin selbst unbewußt, in der Oedipus - sage. Der Kern der Handlung ist das Liebesverhältniß zwischen Mutter und Sohn, aus diesem heraus entwickelt sich die Tragik des Stücks. Ada Christen hat jedoch den Stoff originell behandelt und ihm eine neue Seite abgewonnen. Die Rache ist es welche Mutter und Sohn dem Verderben entgegentreibt. Faustina will sich an dem Vater rächen der sie einst verführt und betrogen, indem sie seine Kinder zu Grunde richtet. Das gelingt ihr bei dem Sohne, und sie selbst ereilt die Strafe durch die Entdeckung daß sie ihr eigenes Kind geopfert. Faustina hat die Doppelrolle der Jokaste und der Sphinx, die Lösung des Räthsels tödtet sie.
Erzählen wir in kurzen Worten die Handlung. Die berühmte Sän - gerin Faustina kommt aus Amerika, wo sie große Triumphe gefeiert, nach einer deutschen Residenz. Sie singt in den Salons des reichen Kauf - herrn Warren, und dessen zwanzigjähriger Sohn Heinrich wird von einer glühenden Leidenschaft für sie erfaßt. Sie spielt mit dem jungen Bur - schen wie eine große schöne Katze mit einer armen kleinen Maus. Sie weist ihn nicht lächelnd zurück, sondern sie facht seine Liebe durch wohl - berechnete Coketterie an. Wir erfahren warum. Sie will Rache an Warren nehmen, und während fie dem Sohn einredet er habe eine schöne Stimme und müsse zur Bühne gehen, trachtet ihr Begleiter, Capitän Norrent, ein ganz erbärmliches Subject, Warrens Tochter Marianne zu verführen. Der Vater, ein stolzer und harter Mann, behandelt Heinrich mit der äußersten Strenge. Er will ihn nach England schicken, um ihn der gefährlichen Nähe der Sängerin zu entziehen, für welche der Alte selbst ein ihm unerklärliches Gefühl empfindet. Als Heinrich Widerstand leistet und dennoch zur Bühne geht, nennt ihn der Vater einen Bastard und stößt ihn aus dem Hause. Am Abend desselben Tags singt Heinrich den „ Trovatore, “wird schmählich ausgepfiffen, und verliert darüber den Verstand. Nun faßt Faustina Reue, sie pflegt den Kranken, und weigert sich ihn zu verlassen, trotz der Aufforderungen Norrents, der mit seinem Anschlag auf Marianne verunglückt und durch den Hausfreund Major Kulmer als gemeiner Spitzbube entlarvt worden ist. An Heinrichs Lager treffen sich Warren und Faustina. Der Vater klagt sie als Urheberin alles Unheils an. Sie antwortet, indem sie die Geschichte ihrer Jugend und Warrens eigene erzählt, wie die arme schöne Lise von ihm betrogen wor - den, wie die Mutter vor Gram und Schmerz gestorben, und das Mädchen, nachdem es ein todtes Kind geboren, in die weite Welt gegangen. „ Das Kind lebte, “erwiedert ihr Warren, „ und um meine Schuld zu sühnen, nahm ich es auf ... ich wollte einen wackern Mann aus ihm machen, wenn Sie mir nicht ins Handwerk gepfuscht hätten, Madame. Dort liegt Lise's Sohn. “ Nun erkennt Faustina daß sie ihres Kindes Elend mit verschuldet hat, und in der Verzweiflung vergiftet sie sich, ein Opfer der eigenen Rache, die auf ihr Haupt zurückgefallen.
Aus dieser kleinen Skizze sieht man bereits daß das Drama im gan - zen gut angelegt und wirkungsvoll durchgeführt ist. Man erkennt zugleich daß der Verfasserin ursprünglich eine schärfere Fassung des Conflictes vor - schwebte, daß sie aber davor zurückschreckte dieselbe festzuhalten. Daraus erklärt es sich warum der Tod Faustina's dem Leser nicht unumgänglich nothwendig erscheint. Denn eigentlich hat sie an dem Unglück Heinrichs doch nur eine mittelbare Schuld, und die tiefe Reue die sie im fünften Act entwickelt läßt ihr Vergehen schon halb gesühnt erscheinen. Das gilt von dem Stück wie es vorliegt, nicht wie es sich in der Phantasie der Dichterin gestaltete. Da sah die Handlung viel wilder, aber auch viel großartiger aus. Da gelang der Racheplan nicht halb, sondern ganz. Marianne ward von Norrent verführt, und das Liebesverhältniß zwischen Mutter und Sohn gedieh bis zur innigsten Hingebung. Da war es denn auch nothwendig und selbstverständlich daß sich Faustina den Tod gibt nachdem sie die gräßliche Wahrheit entdeckt, und Heinrich brauchte nicht über die Lappalie wahnsinnig zu werden daß sein Debüt mit einem Mißerfolg endet, sondern er hatte einen triftigeren Grund. Noch im ersten Druck war die Leidenschaft Heinrichs weit stärker betont und trug1250ein viel sinnlicheres Gepräge. Aber Ada Christen fühlte daß ihr Drama, wenn sie die anfängliche Jdee nackt und scharf herauskehrte, den Zugang zur Bühne für immer verschlossen finden mußte. Das heutige Geschlecht erträgt das nicht was die alte griechische Tragödie ihren Zuschauern bieten konnte; kein Theaterdirector würde ein Stück zu geben wagen in welchem die Mutter die Geliebte des Sohnes ist. So verzichtete die Verfasserin dar - auf den Gedanken der ihr vorschwebte unbedingt zu entwickeln, und machte auf halbem Wege Halt. So wie das Stück jetzt vorliegt, hat es nicht eine einzige Scene, ja kaum ein Wort welches von der Bühne herab verletzen könnte. Trotz der Milderung des ersten Entwurfs ist es kein schwaches Drama geworden, sondern bietet noch immer starke Effecte und einige wahrhaft ergreifende Stellen.
Obwohl ein Erstlingswerk, weist „ Faustina “nur wenige Schwächen eines solchen auf. Es kam der Dichterin wohl zu statten daß sie Schau - spielerin war, und somit die Bedürfnisse des Theaters kennt. Von jener dramatischen Unbeholfenheit die so leicht einem ersten Versuch anklebt, ist bei Ada Christen kaum eine Spur zu entdecken. Auch die Charakterzeich - nung ist gut, und hat etwas von männlicher Bestimmtheit an sich. Vor - züglich sind Faustina und der harte in seinen Standesvorurtheilen be - fangene Kaufherr Warren, auch der gute alte Major Kulmer ist eine natur - wahre, aus dem Leben gegriffene Figur. Der Schuft Norrent, obwohl individuell gezeichnet, kann den herkömmlichen Theaterbösewicht nicht ver - läugnen; auch ist seine Liebe für Faustina nicht recht verständlich. Pla - tonische Sentimentalität paßt nicht zu seinem cynischen Wesen. Denken wir uns aber andere Beziehungen zwischen ihm und Faustina, so fällt die Heldin stark in unserer Achtung. Heinrich ist mit Geschick von Anfang an als eine so reizbare, überspannte Natur angelegt, daß die Katastrophe we - nigstens möglich erscheint. Die schwächste Gestalt des Stückes ist die 16jährige Marianne. Jhre Unschuld ist mit einer Dosis Albernheit versetzt, deren Nothwendigkeit uns nicht einleuchten will. Aber man begreift warum Ada Christen ein solches Gänschen aus der „ Jngénue “macht. Frauen von Geist und Talent halten den Backfisch immer für einfältiger als er in Wirklichkeit ist; das Unfertige, Unreife einer halberschlossenen Mädchen - knospe widerstrebt dem klaren Sinne des Weibes.
Man mag es aufrichtig bedauern daß Ada Christen von der Kühnheit mit der sie in ihren ersten Liedern aufgetreten, bei ihrem Drama keinen Gebrauch machen wollte. Gerade sie hatte das Zeug das Furchtbare des Oedipusstoffes in moderner Gestalt voll und unverkümmert durchzuführen. Es hätte freilich viel Kopfschütteln und Händezusammenschlagen darüber gegeben. Daß die Verfasserin sich davor scheute, daß sie lieber anständig als gewaltig sein wollte, macht ihr als Frau alle Ehre. „ Faustina “ist nicht nur ein neues Zeugniß ihres Talents, sondern auch ein Beweis dafür daß jene sich geirrt haben die in den „ Liedern einer Verlorenen “nur die Geständnisse einer Emancipirten sahen, und glaubten Ada Christen werde auf diesem Wege fortfahren und ihre Dichtungen stets mit Pfeffer beizen. Je weniger dieß bei ihrem Drama der Fall ist, desto freundlicher kann es die Bühne aufnehmen. Es ist für die Bretter geschrieben, und wo die Titelrolle eine bedeutende Darstellerin findet, wird es kaum an einem guten Erfolg fehlen.
*** Wie überaus herrlich dieser obendrein mit Farbenzauber ausgeführte (in den Besitz des Baron v. Frankenstein gekommene, von Jul. Thäter in Kupfer gestochene) Bildercyclus auch war: -- Schwind übertraf sich selbst mit einem zweiten, zu dem Märchen von den „ Sieben Raben, “das den Glanzpunkt der allgemeinen deutschen Kunstausstellung in München im Jahr 1858 bildete. Die einzelnen Vorgänge der Erzählung scheidet er durch Arcaden, vor denen eine Vorhalle sich befindet, in welcher eine Ge - sellschaft Kinder und Menschen kindlichen Gemüths vereinigt sind, wie er sie sich zur rechten Freude an der Märchenwelt befähigt denkt: es ist seine eigene um ihn versammelte Familie, ein Bild des rührendsten und ent - zückendsten häuslichen Glücks! Jn diesem Raum ist die Vorgeschichte des Märchens in Glasgemälden der Fenster angebracht. Und nun beginnt die Geschichte mit der Jagd des Prinzen, auf der er das Mädchen, die ihren in Raben verwandelten Brüdern nachgelaufen, in dem hohlen Baum entdeckt, in welchen sie von einer Fee zur Rettung ihrer Brüder aufgehoben ist, und sie aus der ungemüthlichen Wohnstätte weg und mit sich auf sein Schloß nimmt. Schwind erreicht in dieser Darstellung eine Höhe bis zu welcher sich vor ihm -- meines Wissens -- kein anderer Künstler empor - geschwungen. Jn nichts als in ihr reich wallendes Haar gekleidet sitzt die Jungfrau im hohlen Baum; so sinkt sie von da herab hingebend in die Arme des mit herzinniger Liebe sie umfassenden Jünglings; eine Scene, obgleich von beiden kein Antlitz zu sehen, indem ihr Kuß sich unter derFülle der Locken birgt, so keusch und rein wie ein Heiligenbild! Jm Fürsten - schloß wird sie von des Fürsten Schwester als Braut geschmückt; er geht ihr in die Kirche voran; die sieben Raben fliegen vorüber, als Mahnung daß sie sieben Jahre stumm bleiben muß; ein Bild, in welchem Schönheit, Anmuth und Heiterkeit mit Pracht und Glanz um den Vorrang streiten; als Fürstin ist sie Wohlthäterin der Armen und Kranken; arbeitet aber noch heimlich bei nächtlicher Weile an dem letzten der 7 Hemden für ihre verwunschenen Brüder, wodurch sie im Herzen ihres Gemahls, der sie be - lauscht, Mißtrauen erweckt. Sie kommt mit Zwillingen nieder, die sich aber in den Händen der Hebamme, die dem fürstlichen Vater die Kinder dar - reichen will, in Raben verwandeln und davon fliegen. Wie groß auch das Unglück ist, die komische Wirkung auf die Hebamme und Dienerschaft hat der Künstler doch darstellen müssen! Für die Rettung ihrer Brüder von der Fee zu siebenjährigem Schweigen gezwungen, gibt die Fürstin keinen Aufschluß und wird als Hexe zum Scheiterhaufen verurtheilt. Wie - derum nur in ihr reiches Haar gehüllt, mit Stricken gebunden wird sie aus dem Kerker zum Feuertode geführt. Noch auf dem letzten Gange be - weist sie der Fee ausdauernden Gehorsam, da nur noch eine Stunde fehlt am Ablauf der 7 Jahre. Da werfen sich alle die Armen und Elenden, denen sie Helferin und Trösterin gewesen, den Henkern in den Weg, und verzögern damit die Execution. Die Stunde ist verronnen; die Fee scheucht die sieben Raben auf, die nun als schmucke Ritter herankommen und die Schwester die bereits auf dem Holzstoß steht, befreien, während ihr die Fee zwei liebliche Knaben, ihre Zwillinge, bringt, der Fürst ihre Füße küßt, das Volk jubelt, und sie selbst, des Zaubers bar, frohlockt. Dieses in Aquarell ausgeführte Gemälde, einer der größten Schätze der neuen deut - schen Kunst, ist im Besitze der Frau Großherzogin von Weimar; und so sind Schwinds (bis zu dieser Zeit) bedeutendste Leistungen in Thüringen zu suchen.
Aber wie herrlich und jedes Ruhmes werth sie auch sind: Schwind hatte noch Kraft und Freudigkeit zu einem höhern Flug, und er hat ihn mit dem glücklichsten Erfolg gethan, mit seiner (ebenfalls in Aquarell ausge - führten) bildlichen Darstellung des Märchens von der „ schönen Melusine. “ Jm Grunde genommen ist sie die Ausführung des tiefsinnigen bedeutungs - vollen Gedankens: „ Das Leben ein Traum! “ Versunken in innere Anschau - ungen liegt Melusine in ihrer Felsengrotte. Da erscheint ihrem liebebe - dürftigen Herzen der Ritte, der um den Austausch mit dem seinigen bittet; zaudernd und von ihren Nymphen gewarnt schlägt sie ein, und kommt, in Begleitung ihrer auf muthigen Rossen einhersprengenden Gespielinnen, zum Ritter, der sie vom Zelter hebt und zum Traualtar führt, wohin ihr bereits feindselige Blicke eines Verwandten folgen. Einen Grottentempel hat sie sich erbaut und nimmt ihrem Gatten den Schwur ab nie -- wenn sie darin ist -- eindringen zu wollen; ewige Trennung würde die unmit - telbare Folge sein. Jn diesem Grottentempel vereinigt sie sich mit ihren Nymphen allmonatlich zum verjüngenden Wellenbad; sie erlebt mit dem Gatten und reizenden Kindern ein ungetrübtes Familienglück, bis ein Mönch bei den Bauern Verdacht erregt über den geheimnißvollen Grotten - tempel, und der heimtückische Verwandte die Kinder argwöhnisch gegen die Mutter macht, und letztlich selbst den Ritter veranlaßt in den Grotten - tempel einzudringen, worauf augenblicklich Melusine zurückstürzt und ihre Nymphen in den Wellen verschwinden. Das Unglück ist geschehen; der Grotten empel zerfällt; Melusine ist verschwunden; aber bei Nachtzeit naht sie dem Fenster, durch das sie ihre Kinder schlafen sehen kann. Ruhe - los zieht der Ritter durch öde Fluren, Felsenthäler und Wälder, die geliebte Gattin aufzusuchen; er findet sie, sinkt Vergebung flehend in ihren Schooß und wird von ihr zu Tode geküßt. Klagend in schmerzlichem Mitgefühl nahen die Freundinnen ihr; aber die Feenkönigin ruft ihr das vorausge - sagte Ende ihrer Liebe ins Gedächtniß, und sie kehrt in ihre Grotte zurück, wo sie erwachend inne wird daß alles nur ein Traum war!
Jn diesem Werke beanspruchen dichterische Erfindung, Schönheit der Composition, Reinheit und Größe des Styls, Lebendigkeit, Wahrheit, Zartheit und Kraft der Darstellung mit einem leichten, natürlichen und alles Einzelne richtig betonenden Vortrag das gleiche Recht. Reizender und zugleich reiner und unschuldvoller ist nie die Mädchenfreude im erfri - schenden Bade geschildert worden; schöner sah man kaum irgendwo ein Bild des Familienglücks; ergreifender nirgend sein urplötzliches Ende; aber keine Künstlerhand hat das tragische Ende inbrünstiger Liebe uns in einer gleich erschütternden Weise vor Augen gestellt als Schwind, wo er Melusinen uns zeigt wie sie ihren Gatten in bitterem Liebesleid mit ihren Küssen tödtet.
Durch eine eigenthümliche Verkettung von Umständen ward Schwind mit seinen letzten großen Kunstaufgaben in sein Jugendland, zu seinen er - sten heitern Jugendeindrücken und zu einem seiner ältesten Jugendfreunde, zurückgeführt. Zwar kehrte er noch einmal, wenn auch nur auf einen kurzen Besuch, in der Romantik ein, indem er für die Gemäldesammlung1251des Frhrn. v. Schack die Rückkehr des Ritters v. Gleichen aus dem ge - lobten Lande malte, für welches ihm jedenfalls, da er versucht hat die Freude der Gattin beim Wiedersehen des Gatten mit ihrer Freude über die zweite Gattin die er mitgebracht, zu einem wahrhaftigen Ausdruck zu bringen, ein in früherer Zeit von Grillparzer gegen ihn ausgesprochenes Wort: „ Wer wird denn das Mögliche machen wollen! “zum Leitstern ge - dient hat.
Und wohl kann es sein daß das flackernde Wort mit seinem paradoxen Schimmer ihm noch manchmal zum verlockenden Jrrlicht geworden ist. So sieht man in derselben Gemäldesammlung nebst mehreren andern treffli - chen Bildern Schwinds einen Berg dessen höchste Spitze in ein weibliches Wesen ausgeht, das sich in einen Schleier hüllt, und unter welcher ein Adler die vergebliche Anstrengung macht emporzuschweben. Es ist die „ Jungfrau “in der Schweiz, die ihr Haupt mit Nebel deckt, daß selbst der Adler die Höhe nicht erreicht. „ Wer wird denn auch das Mögliche machen wollen? “mag der Künstler gedacht haben als ihm das Bild in einen Ge - dankenkreis „ der Liebe Schicksal “paßte, in welchem er den kalten Stolz der unnahbaren Jungfrau schildern wollte, nachdem er dem Liebenden die Geliebte in Gefangenschaft eines Riesen gezeigt; Resignation im Einsiedler - Leben und Liebesende im gemeinschaftlichen Tode von Hero und Leander dargestellt; alles in Gemälden die im Besitze des Frhrn. v. Schack sind.
Schwinds große und kenntnißvolle Liebe zur Musik, zu welcher wir die Keime schon in seinen Kinderjahren wahrgenommen, hatte entschiedenen Einfluß auf seine malerische Phantasie. Nicht nur die Eintheilung, auch der Charakter einer Symphonie erschien ihm in Bildern, deren Linien = und Massenbildung, wie deren Ausdruck. Aehnlicher Weise übersetzte er sich Opernscenen und deren handelnde Personen -- und zwar ganz unabhängig von der theatralischen Darstellung -- in seine Kunst. Welche schönere Gelegenheit diese seine Lust zu büßen, konnte ihm geboten werden als die Aufforderung in dem von seinem Jugendfreunde van der Nüll in seiner Vatersiadt Wien neuerbauten großen Opernhaus den Foyer und die offene Loggia mit Fresken auszumalen? Er griff mit beiden Händen zu.
Jm Foyer, wo die Büsten der bedeutendsten Tonkünftler aufgestellt sind, hat Schwind einem jeden ein Frescobild gewidmet, oder auch mehrere: für Schubert wählte er die Oper den häuslichen Krieg und von seinen Lie - dern den Erlkönig und den Fischer; für Gluck die Armide; für Mozart die Zauberflöte, Figaro's Hochzeit und Don Juan; alles freilich nur mit flüch - tigen Andeutungen, so für den Don Juan den steinernen Gast, für Figaro den Pagen, der durchs Fenster steigt, für die Zauberflöte die Feuerprobe von Tamino und Pamina. Für Haydn wählte er die „ Schöpfung, “das erste Menschenpaar zwischen zahmen und wilden Thieren, in Betrachtung der frühlingsfrischen Erde, unter dem Schutz eines Engelchors; für Beet - hoven Fidelio, die Sinfonia eroica und die Pastorale; für Weber den Frei - schütz, für Rossini den Barbier von Sevilla; für Cherubini den Wasser - träger; für Boieldieu die weiße Dame und Rothkäppchen; für Marschner Hans Heiling; sodann für Meyerbeer die Hugenotten; für Spontini die Vestalin; für Dittersdorf Doctor und Apotheker; für Spohr die Jessonda.
Für das so inhaltreiche Thema war der Raum viel zu beschränkt als daß es vom Künstler hätte erschöpft werden können. Jch kann aber auch überhaupt den Zweifel nicht unterdrücken ob es in der Macht der Malerei liegt in ihren Darstellungen von in Musik ge - setzten Dichtungen mehr die Musik als die Dichtkunst zu betonen. Der Zweifel wächst wenn die Musik die ihr zu Grunde liegende Dichtung weit übertrifft, wie bei der „ Zauberflöte, “welcher Schwind die offene Loggia gewidmet hat. Wie sehr er sich anstrengt die Königin der Nacht feierlich, die drei Knaben lieblich, Tamino und Pamina jugendlich und schön, Papageno lustig darzustellen -- er bringt die Wirkung nicht einer einzigen von Mozarts unsterblichen Melodien hervor, und kommt über Schickaneder nicht hinaus, der nun freilich der doppelten Unsterblichkeit, durch Musik und durch Malerei, sich erfreuen mag.
Schwind hatte sich indeß zu tief eingelassen in die Veranschaulichung der Musik, als daß er nach Beendigung der Wiener Arbeiten schon Lust zur Umkehr gehabt hätte. Jetzt griff er den Don Juan an, und skizzirte Scenen auf Scenen, und zwar nun in einer so selbständigen Weise, daß das Ganze eine neue freie Bearbeitung des Stoffs geworden sein würde, bei welcher der Geist Mozarts ihm treulich zur Seite stand. Leider sind es nur flüchtige Entwürfe auf welche dieses Urtheil sich gründet.
Vollkommen ausgeführt dagegen sind vier Scenen aus „ Fidelio, “welche -- gestochen von Merz und Gonzenbach -- einer Prachtausgabe dieser Oper, für die Jubelfeier Beethovens am 16 Dec. 1870 veranstaltet, einge - fügt sind: Fidelio neben dem Schließer die Ketten des Gefangenen weh - müthig betrachtend; Fidelio sieht den Gefangenen im Kerker schlafend; Fidelio setzt dem Gouverneur die Pistole auf die Brust; endlich Befreiung aller Gefangenen.
Mit besonderer Lust gieng Schwind noch an eine große Unterneh -mung, an eine Bilderfolge zu sämmtlichen Dramen seines von ihm hoch - und dankbar verehrten Freundes Grillparzer. Doch hat er es nicht über vorbereitende Studien und flüchtige Versuche gebracht. Dagegen widmete er seine letzten gesunden Kräfte, und zwar mit bestem Erfolg, seinem und unserm Lieblingswerk: der „ schönen Melusine, “indem er für einen von ihm besonders gern und oft besuchten Waldplatz am Starenberger See eine offene runde Halle entwarf, in welcher ihre Geschichte von ihm ge - malt werden sollte. Auch hat er sich, als mit der Ausführung beschäftigt, in den Entwurf aufgenommen, und Franz Lachner als treu theilnehmen - den Freund in die Halle gestellt.
Es war der letzte Zug seiner kunstbegabten Hand. Ein eingetretenes Augenübel des Doppelsehens legte sie in Bande, die nun der Tod unlös - lich gemacht hat.
Um politische Tagesfragen hat er sich wenig bekümmert. Als ihm aber am Tage vor seinem Tod ein Glas Champagner zur Stärkung ge - reicht wurde, erhob er sich vom Lager mit den Worten: „ Jch bin in der Kaiserstadt Wien geboren noch unter der Herrschaft des Kaisers vom alten deutschen Reich. Wir haben ein neues deutsches Reich und einen neuen Kaiser. Es lebe der deutsche Kaiser! “ Und so konnte der Großherzog von Weimar in seinem theilnahmvollen Brief an die Wittwe Schwinds aus Versailles mit Recht schreiben: „ den deutschesten der Künstler in dem Mo - ment zu verlieren wo das deutsche Vaterland in alter Herrlichkeit sich zeigt, ist mir ein tief ergreifendes Gefühl. “
Wenn ein vielbegabter Mensch auf immer von uns scheidet, so em - pfindet die ganze Gegenwart den Verlust, und der Schmerz dringt ins Herz aller Zeitgenossen in Näh 'und Ferne. Wien und Dresden haben Todtenfeiern für Schwind veranstaltet; Wien bereitet eine Ausstellung seiner Werke vor; Frankfurt hat sie veranstaltet. Und München? Ja, der Verein für christliche Kunst hat ihm eine Gedächtnißfeier gehalten. Aber die Akademie, an der er seit 1847 als Lehrer gewirkt, aber die deutsche und die Münchner Künstlergenossenschaft, deren Mitglied er war? -- stumm und still wie das Grab, in das man ihn, den begeisterten Freund der Tonkunst, ohne Sang und Klang gesenkt, gleich einem Fremden, Unbekannten! Und doch ist man nicht karg hier mit Zeichen der Theil - nahme in der Stunde der Trennung. Und doch hätten unsere Künstler sich selbst geehrt, wenn sie ihrem unsterblichen Kunstgenossen die Ehre er - wiesen hätten!
Suchen wir keine Erklärung dieser auffallenden Erscheinung; wen - den wir uns lieber zu dem Geschiedenen zurück, dessen Umgang wohl keiner ohne reichen Gewinn für seine Anschauungen von Kunst und Poesie genossen hat. Wohl waren seine Reden scharf wie Schwerthiebe und derb wie Hammerschläge; aber nie gegen das Gute und Echte in der Kunst gerichtet. Mit unerbittlicher Strenge verurtheilte er den nichtigen Schein, den aufgeputzten Nihilismus, die geistlose Virtuosität. Kein Wunder daß er sich -- zumal bei der seit längerer Zeit in München herrschen - den Kunstrichtung -- durch seine oft vernichtenden Bemerkungen hier manchen offenen oder versteckten Feind zugezogen; aber wahr auch daß er durch die Unabhängigkeit und treffende Wahrheit seines Urtheils und durch den Ernst des eigenen künstlerischen Strebens nach den höchsten Zielen, sowie durch seine classischen Werke, einen heilsamen Damm gegen die über - fluthende Strömung des Modegeschmacks aufgeworfen hat. Jnzwischen ver - hehlte er sich nicht daß er in letzter Zeit den meisten seiner Kunstgenossen gegenüber immer auf dem Kampfplatze sich befand; was ihn bestimmte sich mehr und mehr von ihnen zurückzuziehen. Gern verkehrte er mit seinem Landsmann, dem Bildhauer Schaller, mit dem Maler G. König, dem Kupferstecher Thäter -- sie sind ihm vorausgegangen in den Tod! Liebe - voll und mittheilend bewies er sich gegen seine Schüler, namentlich gegen Naue, den Maler von König Heinrich und der Nymphe Else, und gegen Moßdorf, der ihm auf der Wartburg, in Reichenhall und im Wiener Opernhaus treulich Hülfe geleistet. Am liebsten suchte er einen Umgang der ihm musikalische Freuden bot, wie er sie namentlich bei dem Freund aus seiner Jugendzeit, bei Franz Lachner, in vollem Maße fand; oder mit einem Kenner der Musik und musikalischen Literatur, wie dem Bibliothekar Dr. Mayer, oder dem treu bewährten Freunde, dem Erzgießer F. v. Miller. Darf ich aber sagen wo er sich am wohlsten fühlte, wo sein Verlangen nach einem liebreichen, Geist und Herz befriedigenden, gemüthlichen Dasein volle Befriedigung fand -- es war im Schooße seiner Familie! Und wer ihn auf dem Gipfel seines Glücks, in der rosigsten Laune seiner Phantasie, in regster Schaffenslust sehen wollte, der mußte ihn in der reizenden länd - lichen Villa auffuchen die er sich auf grünumlaubtem Plan am Uferabhang des Starenberger Sees erbaut hatte! -- Weithin im Vaterlande sind seine Werke zerstreut: in Westen und Osten, in Norden und Süden müssen wir sie aufsuchen. Aber die herrlichste Blüthe seines schöpferischen Geistes, sein liebstes Seelenkind, die schöne Melusine, soll, darf sie eine andere Heimath haben als die Stätte ihrer Geburt, als München?
× München, 14 März. Se. Maj. der König hat gestern den Vortrag des k. Staatsministers des Handels und der öffentlichen Arbeiten, v. Schlör, entgegengenommen. S. M. der König hat dem Generallieutenant und Artilleriecorps = Commandanten Ritter v. Brodesser das Großkreuz; dem charakterisirten Generallieutenant v. Hagens, ad latus des General - Commando 's Würzburg, den Generallieutenants Hütz, Gouverneur der Festung Jngolstadt, v. Steinle, ad latus des General = Commando's Mün - chen, Ritter v. Buz, Commandant des Geniecorps, den Generalmajoren Buz, Gouverneur der Festung Germersheim, Dietl, Commandanten der Festung Ulm, das Großcomthurkreuz; dann dem Generalmajor v. Nessel - rode = Hugenpoet, Commandant der Stadt München, dem Obersten Graf Tattenbach, Commandant der Stadt und Festung Landau, das Comthurkreuz, und außerdem noch 10 Stabs = und Oberofficieren das Ritterkreuz 1. Classe, und 3 Oberofficieren das Ritterkreuz 2. Cl. des Militär = Verdienst = Ordens ver - liehen. -- Der Kronprinz von Preußen hat abermals drei bayerischen Stabs - und Oberofficieren das Eiserne Kreuz 2. Cl., ferner dem Regierungsrath und Civilcommissär, M. Frhrn. v. Feilitzsch, den Regimentsärzten Dr. Buxbaum und Dr. Baumüller, und dem Bataillonsarzt Dr. Vischof das Eiserne Kreuz für Nichtcombattanten am weißen Bande verliehen. -- Ein〈…〉〈…〉 Erkenniß des obersten Gerichtshofes vom 10 März d. J., erlassen in einer Anklage wegen Gewaltthätigkeit, die an einem Gerichtsvollzieher in Ausübung seines Berufs verübt worden war, stellt den Satz auf daß die Gerichtsvoll - zieher den Staats beamten nicht beizuzählen seien. -- Jn der heutigen Sitzung des Magistrats der Stadt München wurde gelegentlich eines Ge - suchs um Verleihung des Heimathsrechts die Frage aufgeworfen, ob es angesichts des durch Art. 3 der Reichsverfassung statuirten allgemeinen deutschen Jndigenats noch zulässig sei von einem nichtbayerischen Deutschen eine höhere Heimathsgebühr zu fordern als von einem Bayern. Die Frage wurde an den Verwaltungsausschuß verwiesen.
sym5 München, 14 März. Zur Feier des heutigen Geburtsfestes seines Monarchen gibt der Gesandte Jtaliens, Marchese Migliorati, diesen Nachmittag ein großes Festmahl, zu welchem die fremden Gesandten, sowie unsere höchsten Hof = und Staatsbeamten geladen sind. -- Der bisherige bayerische Militärbevollmächtigte in Berlin, Major Frhr. v. Freyberg, ist abberufen und der Oberst Fries vom Generalquartiermeisterstab, Mitglied des deutschen Bundesraths, unter Enthebung von seiner bisher bekleideten Stelle als Referent im Kriegsministerium, zugleich zum k. Militärbevoll - mächtigten in Berlin ernannt.
Stuttgart, 14 März. Heute Nacht ist der consultirende k. Leib - arzt Professor Dr. v. Niemeyer in Tübingen seinen Leiden erlegen. JJ. MM. der König und die Königin bedauern den Hingang dieses als Arzt wie als Gelehrter gleich ausgezeichneten Mannes, dessen Ableben für sie selbst, wie für die Wissenschaft, insbesondere die Universität Tübingen, ein schwerer Verlust ist.
** Wien, 13 März. Zu den Stipulationen im Art. 7 der Lon - doner Conferenz = Notes über die Fortdauer der Neutralisirung der Etablisse - ments an den Donaumündungen, wie dieselbe im Note public von 1865 neuerdings definirt worden, hat die Pforte das bedeutungsvolle Amende - ment durchgesetzt: daß ihr allezeit gestattet sei mit Kriegsschiffen in die Mündungen einzufahren. -- Es wird nunmehr eine Specialverhandlung unter den Donauuferstaaten zur Lösung der Frage wegen der Stromregu - lirung am Eisernen Thor stattzufinden haben. Serbien beharrt noch bei seinem Widerstande.
⨁ Bern, 13 März. Nach Berichten des nach Zürich gesandten eidgenössischen Commissärs, des Landammanns Dr. Heer, an den Bundes - rath ist die Ruhe daselbst zurückgekehrt und soll seit dem Eintreffen der Bun - destruppen eine Wiederholung der während der letzten drei Tage vorgekom - menen Ruhestörnngen nicht zu befürchten sein. Die vom Bundesrath einge - leitete strafrechtliche Unterschung von Bundeswegen wird hoffentlich die Ur - sachen der bedauernswerthen Auftritte, von denen es sich immer mehr heraus - stellt daß sie gegen das bestehende Regiment, welches jetzt erntet was es ge - säet hat, gerichtet waren, in das rechte Licht setzen, so daß ein billiges und ge - rechtes Urtheil nach allen Seiten hin möglich sein wird. Daß vorletzten Abend vor dem Angriff auf die Strafanstalt, in Folge dessen nicht nur Verwun - dete, sondern auch 4 Todte auf dem Platze blieben, eine Liste für eine neu zu wählende Regierung mit dem Namen des Dr. Locher an der Spitze ver - theilt wurde, scheint allerdings einen gewissen Zusammenhang zwischen ihm und der Bewegung zu bestätigen.
sym12 Paris, 9 März. Drei Fragen sind es welche in diesem Augen - blick die Geister in besonderm Grade beschäftigen, und zwar erstens die Frage der Uebersiedlung der Nationalversammlung von Bordeaux in eine Paris näher gelegene Stadt wie Versailles oder Fontainebleau oder nach Paris selbst; dann die fortdauernde Bewegung in der Nationalgarde, de - ren republicanisch gesinnte Theile noch immer einen coups d'état befürch - ten, und aus diesem Grund den Montmartre mit Kanonen und Mitrailleu - sen besetzt halten; und endlich die Lügen und Uebertreibungen welche durch die „ Agence Havas “über den Zustand in Paris, in Bordeaux und in derProvinz verbreitet worden sind. Alle diese drei Fragen, obwohl sie durch - aus verschiedene Dinge betreffen, hängen doch innerlich zusammen, und lassen sich auf den Hauptpunkt zurückführen daß die Nationalversamm - lung auf jeden Fall nach oder in die Nähe von Paris übersiedeln müsse. Wäre die Nationalversammlung in Paris, und handelte im Sinne ihres Mandats, d. h. daß sie das Gedeihen und die Befestigung der bestehen - den und anerkannten Staatsform im Auge hätte und daran arbeitete, würden sich die Pariser und die Nationalgarden nicht in ihrer Ruhe und in dem Bestehen der Republik bedroht fühlen, und vor allen Dingen wäre es unmöglich daß lügnerische Berichte von reactionärer Seite eine Stimmung in der Nationalversammlung hervorriefen die zu der Republik gefährlichen Gewaltsmaßregeln, und in Folge dessen zum Bürgerkrieg zu führen im Stande sind. Wenn es allerdings nicht zu läugnen ist daß Paris in der letzten Zeit der Schauplatz von Auftritten war die man gewaltsam nennen muß, so ist doch auf der andern Seite anzuerkennen daß angesichts der außerordentlich schwierigen Lage -- einer Lage wie sie Frankreich und Paris noch nicht schlimmer erlebt haben, diese Auftritte von keiner großen Bedeutung sind. Man kann dieselben nur als eine natürliche Folge der aufgeregten und in ihrem nationalen Selbstgefühl schmerzlich betroffenen Gemüther betrachten, welche, wenn sie die Regierung mit Wohlwollen und Schonung behandelt, sich bald wieder legen wird. Von vielen Seiten verlangt man eine Untersuchung, um die Verbreiter der falschen Nachrich - ten zu bestrafen. Doch wird man von Seiten der Regierung schwerlich hierauf eingehen, indem dieselbe wahrscheinlich selbst dahinter steckt. We - nigstens hat der General Lefl ô eine Depesche nach Bordeaux geschickt welche die übertriebenen Gerüchte nur verschlimmern konnte. Man ist bei der herankommenden heißen Jahreszeit sehr besorgt hinsichtlich der vielen schlechtbegrabenen Leichen der während der Belagerung um Paris gefalle - nen Soldaten, und fürchtet sehr für ansteckende Krankheiten. Es ist eine Commission niedergesetzt welche schleunige Vorsichtsmaßregeln treffen soll, und man hat schon seit zwei Tagen Militärs nach Le Bourget, Châtillon und Montretout geschickt, welche die von den Deutschen nur eben mit Erde zugedeckten Leichen tiefer einscharren sollen.
. Paris, 9 März. Der Commandant der Nationalgarde hatte gestern Abends eine lange Unterredung mit dem Maire und den National - garde = Officieren des Montmartre, wo ein paar hundert Nationalgardisten noch immer mit einer Jnsurrection zu drohen scheinen. Das Ergebniß der Unterredung war die Gewißheit die Bande werde sich heute auflösen, widri - genfalls die Verhaftung ihrer Führer morgen stattfinden würde. Damit wird der letzte Vorwand zu Ruhestörungen beseitigt. Auf dieses Ereigniß bezieht sich das heutige Manifest im „ Amtsblatt, “welches eine entschie - dene Haltung der Regierung gegen die Emeutiers wie gegen die Jntri - ganten in Aussicht stellt. Das von Thiers verfaßte Manifest ist ein Pro - gramm welches der Kammermehrheit in Bordeaux wenig behagen wird; denn es greift der einer künftigen Constituante vorbehaltenen Frage vor. Wenn es sagt: die Regierung setze ihre Ehre darein die Republik zu grün - den und sie kräftig zu vertheidigen, so ist dieß ein Eingeständniß des Hrn. Thiers daß er den patriotischen Ehrgeiz besitzt der Präsident und der Washington der Republik zu werden. Trotz der aus dem allgemeinen Frie - densbedürfniß hervorgegangenen Wahlergebnisse bezeichnet das Manifest die Anarchisten wie die Monarchisten als eine Minderheit welche ein Ver - brechen am Lande begeht wenn sie durch Jntriguen oder Gewaltthätig - keiten die Republik angreift. Es ist dieß um so seltsamer als im Cabinet des Hrn. Thiers der ultra = legitimistische Baron Larcy als Minister der öffentlichen Arbeiten sitzt. Der Grundgedanke der Thiers'schen Politik ist daß die Republik allein allen Parteien und Jnteressen einen hinreichenden, patriotischen Spielraum gewährt, und daß sie allein den Bürgerkrieg hint - anhalten, die Versöhnung der Geister erstreben, mithin die definitiven Friedensunterhandlungen und die Creditoperationen ermöglichen kann. Darüber besteht für niemanden ein Zweifel daß jegliche monarchische Re - stauration erst einen Bürgerkrieg siegreich zu bestehen haben wird. Schon die Aussicht auf eine solche Eventualität würde hinreichen den französischen Friedensunterhändlern in Brüssel jegliche Autorität und Bürgschaft zu beneh - men, die Zahlungsunfähigkeit Frankreichs und mithin eine neue, feindliche Occupation herbeizuführen. Auch will die Kammermehrheit in Bordeaux der Regierung der Republik die Unpopularität des Brüsseler Friedens und die Ehre überlassen Anlehen im Betrage von Milliarden aufzunehmen. Erst nach - dem das Terrain so gesäubert wurde, soll die Restauration der Monarchie unternommen werden. Die Kammermehrheit erwartet von Thiers, und sie hält ihn dazu auch verpflichtet, er werde einer solchen Restauration die Wege bahnen und jedenfalls die monarchischen Parteien nicht verhindern als Mehrheit der Constituante den König zu proclamiren. Legitimisten und Orleanisten begreifen jetzt die Nothwendigkeit sich in eine einzige große monarchische Partei zu verschmelzen, welche dem Grafen Chambord und dem Grafen von Paris die Fusion aufdringt und alsdann Heinrich V auf1253den Thron erhebt. Mit diesen Absichten hat Thiers offen gebrochen, und er hat seine letzten orleanistischen Reminiscenzen abgestreift. Aus oben er - wähnten Gründen ist Thiers der Ansicht eine gegen monarchische Restau - rationsumtriebe und gegen die rothe Anarchie geschützte Republik habe hinreichende Aussichten auf Bestand um Vertrauen und Sympathien ein - zuflößen, Bürgschaften zu geben und sich Credit zu verschaffen. Die Unter - handlungen mit der Finanzwelt sind schon weit genug vorgeschritten um Hrn. Thiers keinen Zweifel darüber zu belassen was das Capital von der Republik denkt. Das Manifest will die Republik auf dem Credit aufbauen, ihr den Credit als Grundlage geben. Dergleichen kommt wohl zum ersten - mal in der Geschichte vor. Es kann damit wohl nur gemeint werden wenn die Republik für mehrere Milliarden Obligationen unterzeichnet und in Umlauf setzt, so solidarisirt sie sich, identificirt sie sich mit dem Staats - credit und dem Vermögen wie mit der Ehre Frankreichs. Mehrere Organe der Kammermehrheit greifen Hrn. Thiers schon heute sehr lebhaft an. Hingegen beweist das Manifest daß Thiers mit seinem Cabinet, Hrn. v. Larcy vielleicht ausgenommen, vollkommen einig ist. Jn diesem Falle rechnet er mit Zuverlässigkeit auf die Stimmen der republicanischen Linken und der mindestens 300 Abgeordneten welche unter allen Umständen mit ihm stimmen, weil er die Macht und der Staatsschatz ist.
fr. Speyer, 11 März. Das war ein herrlicher Tag! Die alte Kaiser - stadt Speyer feierte ihr Friedensfest, und dieser Dom dessen Bild sich schon drei - mal im Flammenkleide des Krieges im Rhein gespiegelt, breitete grüßend nach allen Seiten seine Flaggen aus! Die unter Montclars und Davoust geschmol - zenen Glocken feierten ihr Auferstehungsfest und verkündeten es laut weithin! Jn unabsehbaren Zügen zogen die jubelnden Landleute der Pfalz zu Fuß und zu Wagen in die Stadt. Es war ein Fest in jeder Brust! Nicht der Tausende der Fahnen und Fähnchen, der Kränze und Gewinde bedurfte es, um die hohe Bedeutung dieses Tages für Speyer, für die Pfalz zu erkennen -- sie stund auf〈…〉〈…〉 jedem Angesicht. Böllerschüsse, Geläute und Musik brachten ihren Morgen - gruß dar, dann aber zog es alle in die Kirchen, da zu danken, wo man so oft gefleht! Unterdessen sammelten sich bereits die Jnnungen und Corporatio - nen zum allgemeinen Festzuge, welcher zur ehrwürdigen Alta Porta, dem einzig noch stehenden Thore sich hereinbewegte. Ein Wald von Fahnen kam daher, freilich alle neu bis auf eine aus dem Jahre 1813; die ursprünglichen waren ja alle von den Franzosen verbrannt worden! Musterhaft fügte sich Glied an Glied in den Riesenzug. Besonders verdient eine Gruppe Erwähnung. Jn einem lieblichen Kranze weißgekleideter Mädchen als Repräsentanten des Frauen - vereins, denen die Fahne der Barmherzigkeit -- das Genfer Kreuz -- voran - getragen wurde, marschierte ein kleines Häuflein verwundeter Krieger mit Krücken und Binden, denen ein Wagen mit vier weitern Cameraden nachfolgte, die noch nicht gehen konnten. Mit einem Blumenregen wurden diese Braven von den Fenstern überschüttet. Vor dem Stadthause stellte sich der Zug um eine herrlich geschmückte Festtribüne, von welcher aus begeisterte Reden und die herrlichen Choräle: „ Nun danket alle Gott “und „ Großer Gott dich loben wir “erklangen. Unter Absingung der Königshymne bewegte sich der Zug weiter an die vor dem Dom errichtete Siegessäule und von da zum Königsplatze, wo auf grün um - rankten Sockel eine Königskrone sich erhob, gestützt auf die Namen der hervor - ragendsten Feldherrn Bayerns. Tausend und aber tausend Stimmen brachten hier ihrem König ein jubelndes Hoch. Nachmittags begann das Festmahl in reizend geschmücktem Saale. Den Reigen der Toaste eröffnete Hr. Regierungs - präsident v. Pfeufer. Jn schwungvoller Rede gedachte er der frühern Kriege, und brachte, übergehend auf die Neuzeit und die herrliche deutsche Haltung un - seres Königs Ludwig II hervorhebend, ein begeistertes Hoch auf denselben aus. Die übrigen Trinksprüche galten dem Deutschen Kaiser, dem Kronprinzen von Preußen als Heerführer der dritten Armee, dem deutschen Heere und seinen Führern, den bayerischen Truppen und seinen Führern v. d. Tann und Hart - mann u. s. w. Jnzwischen hatte sich in der Stadt ein buntes Regen und Leben entfaltet. Ein reich geschmückter Vierspänner brachte ein Stückfaß Wein vor den Dom, wo nach altdeutscher Sitte der Domnapf gefüllt und der Wein ver - theilt wurde. Es ist unmöglich diesen Jubel und dieß Treiben zu beschreiben. Da stund sie wieder an ihrem rechtmäßigen Platze, die alt = ehrwürdige Schüssel welche einstens, von frecher Feindeshand verdrängt, dem Freiheitsbaum hatte Platz machen müssen. Nach Pflanzung der Friedenseiche aber begann Licht an Licht sich zu reihen, und bald prangte die Stadt gleich einem Weihnachtsbaum im Lichterglanz. Mächtige Gasbogen überspannten die Hauptstraße, und vom Dom bis zum volkthümlich genannten „ Altpörtel “(Alta Porta) schien man un - ter einem Feuerdach zu wandeln. Unter Glockengeläute, Kanonenschlägen und Musik schloß der Tag mit einem Feuerwerk sinnigster Art. Es stellte die frühern furchtbaren Brände der Stadt dar, und zahllose Leuchtkugeln, Schwärmer und Raketen sprangen auf und nieder an dem hohen alten Stadtthore, dessen oberste Giebel im Feuer erglühend ein Bild der traurigen Vergangenheit boten. Riesig erschien die Zahl 1689 um im Brillantfeuer der siegreichen Jahre 1871 Platz zu machen. Hiemit schloß diese denkwürdige Siegesfeier.
§ Paris, 9 März. Das Geschäft war heute etwas belebter, aber die Curse erfuhren nur geringe Veränderungen. Wie man hört, haben die Lyoner Bankiers eine Berathung gehalten, um der Regierung Vorschläge zur Lösung der Finanz - frage zu machen. Auf den Antrag des Hrn. Arl ès Dufour sollte in einer Adresse an die Abgeordneten des Rh ône = Departements empfohlen werden, die ganzen fünfMilliarden, gleichviel zu welchem Zinsfuß, durch ein einziges Anlehen aufzubringen, da dieß noch immer die für den französischen Handel am wenigsten empfindliche Methode wäre. Leichter gesagt als durchgeführt. Rente 51,05, 1870er Anlehen 51,80, Jtaliener 53,70 noch 53,50. Autrichiens 780, Cr é dit Foncier 950. Alle übrigen Curse nominal.
* Berlin, 14 März. Betreffs der Frage: ob die französische Re - gierung das Decret welches die Deutschen auswies als aufgehoben ansehe, hat Jules Favre, da Thiers erst heute zurückkommt, eine 48stündige Be - denkzeit erbeten. Die aus Belgien heimkehrenden französischen Kriegs - gefangenen werden die Waffen zurücklassen, welche von der belgischen Regierung bis nach dem definitiven Friedensschluß aufbewahrt werden sollen.
⨁ Bern, 14 März. Der Bundesrath beschloß, da die Ruhe in Zürich nicht mehr gestört sei, die Entlassung der aufgebotenen Bundes - truppen mit Ausnahme von 2 Bataillonen und 1 Dragoner = Compagnie.
* Berlin, 14 März. Die „ Kreuzztg. “bestätigt daß zum Chef der Civilverwaltung in Frankreich, soweit dieselbe in den besetzt bleibenden Departements von deutschen Behörden gehandhabt wird, der sächsische Kriegsminister v. Fabrice ernannt worden ist, wogegen die bisherigen Generalgouvernements aufgelöst werden sollen.
* Berlin, 14 März. Schlußcurse: Bayer. 5proc. Anl. v. 187099 3 / 4; bayer. 4 1 / 2 proc. Anl. 96; 4proc. Präm. = Anl. 107 1 / 2; bad. Präm. = Anl. 107 1 / 4; 4 1 / 2 proc. preuß. Anl. 94 3 / 8; 1882er Amerikaner97 3 / 8; österr. Silberrente55 1 / 4; Papierrente47 1 / 4; österr. L. v. 186077 3 / 8; v. 186466 1 / 4; Creditactien141 1 / 4; Lombarden97 1 / 4; österr. = franz. Staatsbahn215 3 / 4; Prior. 279 1 / 2; Galizier103 1 / 4; Türken 42; Schatzanweisungen100 1 / 8; Köln = Mindener Loose 95 Wechsel: Augsburg 56.22; Frankfurt a. M. 56.24; London 6.23 3 / 8; Paris80 3 / 4; Wien+ 80 7 / 8. Tendenz: Schluß fest, ruhig.
⁑ Berlin, 14 März. Schlußcurse: Creditactien141 1 / 4; Staatsbahnactien 215 3 / 4; Lombarden97 1 / 4; Galizier103 1 / 4; 1882er Amerikaner97 3 / 8; Bundes - Anleihe 100 1 / 4; Rumänier45 1 / 4; South = Missouri68 1 / 8; Rockford58 3 / 8; Peninsular 61 1 / 2. Tendenz: fest.
⁑ Berlin, 14 März. Productenmarkt. Roggen lauf. Monat52 3 / 8; per März = April52 5 / 8, per Mai = Juni53 1 / 4, per Juni = Juli54 3 / 8, Tendenz: --. Weizen lauf. M. 76 3 / 4, per April = Mai77 1 / 8. Tendenz: fester. -- Rüböl lauf. M. 28 1 / 2, per April = Mai28 3 / 4, Tendenz: still. Spiritus: loco eff. 17 Thlr. 6 Sgr., per März = April 17 Thlr. 13 Sgr., per April = Mai 17 Thlr. 17 Sgr., per Mai = Juni 17 Thlr. 20 Sgr. Tendenz: --.
⁑ Köln, 14 März. Producteumarlt. Weizen eff. hiesiger8 1 / 2 Thlr., fremder8 1 / 6 Thlr., per April 7 Thlr. 2 1 / 2 Sgr.. per Mai 8 Thlr. 4 Sgr., per Juni 8 Thlr. 6 1 / 2 Sgr. per Jnli 8 Thlr. 8 1 / 2 Sgr. Tendenz: höher. -- Roggen eff. 6 2 / 3 Thlr., per April 6 Thlr. 4 Sgr., per Mai 6 Thlr. 5 1 / 2 Sgr., per Juni 6 Thlr,6 1 / 2 Sgr. Tendenz: behauptet. -- Rüböl eff. 15 3 / 10 Thlr., per Mai15 5 / 10 Thlr., per Oct. 14 9 / 10 Thlr. Tendenz: unverändert. -- Leinöl per 100 Pfd. 12 1 / 10 Thlr. Wetter: kühl.
* Frankfurt a. M., 14 März. Eröffnungscurse. Oesterr. Creditactien 248; Staatsbahn375 1 / 4; 1860er L. --; 1882er Amerikaner96 5 / 8; Lombarden 170 3 / 4; Galizier --; span. ausl. Schuld --. Fest.
* Frankfurt a. M., 14 März. Schlußcurse: Bayer. 5proc. Anl. v. 1870 99 7 / 8; bayer. 4 1 / 2 proc. Anl. 96 3 / 8; 4proc. bayer. Präm. = Anl. 107 5 / 8; 4 1 / 2 proc. bayer. Ostbahn128 1 / 4; neue Emission --; mit 15 Procent Einz. --; 4proc. Alsenzbahn93 1 / 4; 4proc. bad. Prämien = Anl. 107 3 / 4; 1882er Amerikaner96 1 / 2; österr. Silberrente55 3 / 8; Papierrente47 1 / 2; 1860er L.77 1 / 2; 1864er L.116 1 / 2; Bankactien 690; Creditactien248 1 / 2; Lombarden170 1 / 4; österr. = franz. Staatsdahn 377 1 / 2; Köln = Mindener Loose95 1 / 8; Galizier --; Elisabeth 212; Franz = Joseph - Bahn 78; Rudolfsbahn72 3 / 8; Ungarn. Ostbahn68 5 / 8; 3proc. Span. 29 7 / 8; Napoleons --. Wechsel: London119 3 / 4; Paris94 3 / 8; Wien95 1 / 4. Tendenz: fest.
* Frankfurt a. M., 14 März. Nachbörse. Creditactien 248; Staats - bahn 377 3 / 4; 1860er L.77 1 / 2; 1882er Amerikaner96 9 / 16;〈…〉〈…〉 Lombarden 170 1 / 2; Silber - rente 55 1 / 4; Galizier 241; Elisabeth212 1 / 4; Spanier29 13 / 16 Tendenz: fest, still.
* Wien, 14 März. Schlußcurse: Silberrente 68; Papierrente 58.30; 1860er L. 95 80; 1864er L. 122; Bankactien 725; Creditactien 258.70; Lombarden 177 10; Staatsbahn 394; Anglo = Austrian 227; Franco = Austrian 106.80; Galizier 252.50; Franz = Joseph 194; Prior. 95; Rudolf 161.75; Prior. 89.20; Elisabeth 222.50; Napoleons 9.94. Wechsel: Augsburg 103.60; Frankfurt 104; London 124 85. Tendenz: flau.
* Wien, 14 März. Abend = Privatverkehr: Creditactien 259.20; 1860er L. 95.75; 1864er L. 122; Staatsbahn 396 50; Lombarden 179; Napoleons 9.93 1 / 2; Papierrente 58.25; Franco = Austrian 107; Anglo = Austrian 227.30. Ziemlich fest.
⁑ Wien, 14 März. Getreideverkehr geschäftslos. Unbedeutende Hafer - umsätze zu 470 bis 485. -- Prag = Duxer Actiensubsciption anticipando vielfach überzeichnet.
⁑ London, 14 März. Börse: 3proc. Consols91 13 / 16; 5proc. Türken42 5 / 8; 1882er Amerikaner91 7 / 8; 5proc. Jtaliener53 3 / 8; Lombarden14 5 / 8; 3proc. Spanier 29 7 / 8. Tendenz: günstig. Prämie für russische Anleihe 1 3 / 8.
⁑ London, 14 März. Waarenmarkt. Rohzucker ruhig, raffinirter billiger und käuflich. Kaffee leblos und ohne Veränderung. Reis kleines Ge - schäft. Manchester stetig, Freitagsraten.
* Paris, 13 März. Schlußcurse: 3proc. Rente 51.12; österr. = franz. Staatsbahn 792.50; Lombarden 362.50; 5proc. ital. Anl. 54. Tendenz: fest, ziemlich belebt.
⁑ Paris, 14 März. Rente 51.
⁑ Liverpool, 14 März. Baumwollenbericht. Tagesumsatz 10,000 B. Tagesimport 50,000 B. Preise unverändert, schwimmende fest.
Institut für Deutsche Sprache, MannheimNote: Bereitstellung der Bilddigitalisate und TEI Transkription Peter FankhauserNote: Transformation von TUSTEP nach TEI P5. Transformation von TEI P5 in das DTA TEI P5 Format. CLARIN-DNote: Langfristige Bereitstellung der DTA-Ausgabe
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