Die Jahre 1815 bis 1819, die dieſer vorletzte Briefband um - ſpannt, ſind hauptſächlich durch die längeren Reiſen nach Regens - burg, Heidelberg, Frankfurt, Stuttgart und Löbichau gekennzeichnet, durch die Jean Pauls ſchon etwas eingetrocknetes Leben neuen Auf - ſchwung erhielt und ſein Bekannten - und Freundeskreis und damit auch ſein Briefwechſel ſich ſtark erweiterte. Da er ſtets allein reiſte, nur von ſeinem Hunde begleitet, wird der intenſive Briefwechſel mit der daheimgebliebenen Gattin zur ergiebigſten Quelle. Unter den neugewonnenen Freunden ſteht Heinrich Voß an erſter Stelle; Jean Pauls Briefe an ihn ſind uns nahezu vollſtändig, wenn auch nicht immer im Original, erhalten, während die ſehr zahlreichen und aus - führlichen Briefe von Voß, die Jean Paul nach dem frühen Tode des Freundes der Familie zurückgab, meiſt nur in ſtark gekürzten, unzuverläſſigen Drucken vorliegen. Die Freundſchaft mit Sophie Paulus in Heidelberg, eine ſpäte Nachblüte der vorehelichen Lieb - ſchaften, dauerte nur ein Jahr und führte zu keiner intenſiven Kor - reſpondenz, da Sophie eine ſchlechte Briefſchreiberin war und Jean Paul auf ſeine eiferſüchtige Frau Rückſicht nehmen mußte. Der Briefwechſel mit der ſympathiſchen Frau von Ende wurde meiſt von Karoline geführt. Das Verhältnis zu Emanuel, der ſich in dieſen Jahren eine Familie gründet, wird womöglich noch inniger, während das zu Otto ſich merklich abkühlt. Der Briefwechſel mit Jacobi ſchläft ſchon einige Jahre vor deſſen Tode (1819) faſt ganz ein. Neben dem Hauptverleger Cotta tritt jetzt Reimer mehr und mehr in den Vordergrund. Die Penſionsangelegenheit, die den Dichter anfangs noch ſtark beſchäftigt, findet ſchon nach einem Jahre einen glücklichen Abſchluß. Gegen Ende des Bandes beginnt der Brief - wechſel mit dem in München ſtudierenden Sohn und mit der nach Berlin verreiſten Gattin.
VIDie Briefe an Cotta und Reimer, an Heinrich Voß, an Karoline und Max Richter, an die Familie Paulus ſind in der vorliegenden Ausgabe zum erſtenmal vollſtändig abgedruckt. Ganz ungedruckt waren bisher der größte Teil der Billette an Emanuel und Otto, die Stammbuchblätter und Briefe an Frau von Ende, ſowie zahl - reiche einzelne Originalbriefe und Kopien, wie aus den Anmer - kungen genauer zu erſehen iſt.
Schriftſtelleriſch finden wir Jean Paul in dieſen Jahren mit den Neuauflagen des Siebenkäs und des Heſperus, ſowie mit der Unter - ſuchung über die Doppelwörter beſchäftigt, während der große komiſche Roman nur langſam reift und die Selbſtbiographie nach kurzem Anlauf abgebrochen wird. Für Cottas Morgenblatt und Damenkalender liefert Jean Paul nach wie vor regelmäßige, zum Teil umfangreiche Aufſätze, während er die häufig an ihn er - gehenden Aufforderungen zur Mitarbeit an andern Zeitſchriften durchweg ablehnt. Ältere Aufſätze werden in der Herbſt-Blumine und den Faſtenpredigten geſammelt und zum Teil vermehrt.
Auch bei dieſem Bande haben mich wieder ſo viele Privatperſonen und öffentliche Stellen mit Materialien und Auskünften unter - ſtützt, daß ihre Aufzählung hier zu weit führen würde. Sie mögen mir verzeihen, wenn ich mich an dieſer Stelle mit einem ſehr herz - lichen Generaldank begnüge.
Genf, im Juni 1953Eduard Berend
Gutes, hebendes, mildes, entwölktes Neujahr!
Das im Umſchlag eingeſchloßne Finanzliche lies, um mir einen Rath zu geben.
Das Übrige lies nach der Lagen-Reihe. Es wird dich erſchüttern wie mich, aber doch weder mehr noch weniger. Froh bin ich, daß ich ſtrengern Rathgebungen für meine Antworten an Mariane nicht gefolgt; zumal da ſogar meine mildern jetzo mir erbärmlich für dieſe nun ſeelige Seele vorkommen, wiewol in meiner unwiſſenden Lage keine andern möglich waren. Übergeh in Müllers geiſtreichem Be - richte bei dem erſten Leſen die oft pedantiſchen philoſophiſchen Ein - ſchaltungen und eile zum großen Charakter.
Ich muß dir und E [manuel] einmal ihre gehefteten Briefe mit meinen eingeſchalteten Briefen wieder zum Leſen geben. Gute Nacht!
Guten Morgen, lieber Emanuel! Ich komme mit Freuden. — Beikommendes Paquet leſen Sie nach Bequemlichkeit. Es wird Sie erſchüttern durch das Gemälde der heiligen einzigen Mariane L [ux].
Guten Morgen, Alter! Irgend ein Beiwort, etwas ornans muß doch vor Gouvernement — denn an dieſes halt ich zu ſchreiben für beſſer — ſtehen. Schreib das Wort mir nur mit Einem Wort.
Ein höchſtpreisliches Generalgou vernement geruhe, ſich eine lang verſchobene Bitte vortragen zu laſſen. Im Jahre 1808 wurde mir von des vorigen Großherzogs und Fürſten Primas Königlicher Ho - heit eine jährliche Penſion von 1000 fl. rh. bewilligt, welche ſpäter auf die Civilliſte angewieſen wurde. Sie wurde lange Zeit alle Monate, dann vierteljährig bezahlt. Das letzte Penſions-Quartal wurde im Jahre 1813 Ende Dezembers von dem höchſtlöblichen Gouvernement berichtigt, und alſo durch die That ſelber die Fort - ſetzung der Penſion im Namen der hohen Verbündeten als Recht anerkannt und verſprochen. In der am 1ten Februar 1814 erlaſſenen Bekanntmachung erklärte ein höchſtpreisliches Generalgouverne - ment im Art. 6: „ Alle Civilpenſionen von 600 fl. und darunter wer - den vollſtändig, die übrigen aber überhaupt zur Hälfte, jedoch nach namlichen in Art. 3 beſtimmten Maaßſtabe, bezahlt. Tauſend Gulden ſind das Maximum, welches vor der Hand auf Penſionen entrichtet wird ꝛc. ꝛc. “ Nach dem Art. 1. wurden alle auf die Civilliſte angewieſene Gehalte, wenn ſie monatlich waren, ſogar ganz zu be - zahlen verſprochen. Noch hab’ ich die Penſion für das Jahr 1814, ungeachtet meiner an Herrn Staatsrath Steitz abgeſandten Anwei - ſungen, weder ganz noch halb bezahlt erhalten.
Einem höchſtpreislichen Generalgouvernement brauche ich keine Gründe für die Gerechtigkeit meiner Bitte vorzutragen, da daſſelbe ſie alle in der angeführten Verordnung ſelber ausgeſprochen hat. Die Belohnung und Aufmunterung, welche der Fürſt Primas den Wiſſenſchaften in einem von Deuſchland lange und mit nachſichtiger Liebe geleſenen Schriftſteller geben wollte, werden die hohen verbün - deten Mächte am wenigſten zurück nehmen, da Sie Wiſſenſchaft wie Gerechtigkeit gleich ſehr beſchirmen und lieben und beide für Deutſch - land mit den Waffen gleichſam zurück erobert haben.
Mit ſolchen Hoffnungen und mit tiefem Reſpekt für ein höchſt - preisliches Generalgouvernement verharrt
Baireuth d. 4 Jenn. 1815unterthänigſt Jean Paul Friedrich Richter Legazionsrath
Guten Morgen, Geliebter! Ich habe geſtern etwas bei Ihnen verloren, was Sie nie verlieren werden, weil Sie es nie gebrauchen werden — meine Brille. Aber das Andenken an den ſprach - und freudenreichen Abend, der immer ſchneller zu fliegen ſchien, je länger er flog, hab’ ich mitgenommen.
Ich thue an Sie eine Frage, die ich Sie für keine Bitte zu halten [er] ſuche (über die 2 Aufſätze im Kriegskalender). 2 Fragen: ob der Abſatz nicht durch dieſen Wiederdruck jetzo leidet, 2) ob Sie ſolche nicht ſelber herausgeben wollen. Im letzten Falle will [ich] eine etwas veränderte Auflage zu liefern verſprechen. Leben Sie wol unter jeder Regierung, und wär’ es die — ſächſiſche.
Guten Morgen, Theuerſter! Ich werde eine Leſebibliothek für Sie allein errichten, um zu etwas zu kommen. Herzlichen Dank da - für! Wenn es nur [nicht] gar zu viel wäre. — Ich dachte daran, daß Jettens Korreſponde [n] tin durchaus nicht den Titan ſelber, ſondern nur deſſen Anhang, die Schilderung eines Menſchenfeinds muß gemeint haben.
Guten Tag, Lieber! Ich habe nun die Antwort von Frankfurt erhalten, die ich gewiß voraus ſah und woran mich nichts wundert als die Schnelle; denn den 4ten ſchrieb ich. — Jetzo iſt wol ein Gang zu Stein der beſte, mit Beilage des Briefs an Alexander.
Soll ich in meine Biographie ſchreiben (und ich ſchreib’ es hier im voraus): nicht einmal der Kongreß erhielt mich, ſondern er nahm1*4mir das Gegebne von den kleinen Fürſten? — Können die verbün - deten Mächte Verſprechungen des Primas blos für die Wiſſenſchaft, zu den gemeinen Penſionen rechnen? — Die Nachwelt wird meinen Namen am leichteſten leſen in meinen Werken. — Sollten die Alliier - ten verſchieden von England bleiben? — Es gibt Punkte, die nicht der Kameralgeiſt entſcheidet, weil er eben öfter Kameralkörper iſt.
Guten Morgen, Freund! Käm’ auch meine Bitte zu ſpät: ſo thu ich ſie doch der bittenden Kinder wegen, die gern auf Ihrem Schlit - ten ſo lange bis zum Rollwenzel hin ſitzen möchten. Um 3½ Uhr wär’ ich raſiert und bereit.
Das Bändchen gäbe 16 Bogen nach Goethe’s Druck; zu 4 Ld’or 1500 Auflage. — Die Wintermonate werden trotz aller typogra - phiſchen und metallnen Hebebäume zu heben ſchwer und ſauer wer - den, da es ſo wenig witzige Erzähler und ſo viele Erzähler-Bühnen gibt. — Jedes Jahr mach’ ich mir ein Paar gute — Feinde, welche für ihre Taſchenbücher etwas haben wollen und nicht bekommen.
Guten Morgen, mein geliebter Emanuel! — Ich nehme alſo Ihre Güte an und ſitze um 3¼ Uhr auf dem Schlitten und dann in Meiersberg. — Wie ſchön iſt Ihr Gedanke „ menſchliches Jehova “!
Hier kehrt endlich der lang verreiſete Don Quixote zurück. Er hat auf Reiſen nicht an Gewand gewonnen; aber bedenken Sie, daß er vorher auch in weiblichen Händen war, die keinen Einband ſchonen als den ihres Körpers. — Haben Sie nicht Novalis Werke und von Tieck etwas anders als den Sternbald? Ich bäte darum.
Ich habe, lieber alter Freund, den 30 Dez. einen langen Brief an Sie nach Wien geſchrieben. Ihr Schweigen droht faſt deſſen5 Nicht-Empfang. Hier ſein abgekürzter Inhalt: ich bat Sie um die ganze Abrechnung des vorigen Jahrs und zugleich für dieſes um 6 Ldor für den Aufſatz im Beobachter, und um 30 L. für die „ ehe - liche Wahlkapitulazion “, damit wir bei der Herbſtblumine rein zu rechnen anfangen können. — Ein ganzes Vierteljahr arbeitete ich blos für Morgenblatt und den Beobachter. — Geld — nur aber kein vorausbezahltes, ſondern vorausverdientes — kann ich jetzo ge - brauchen, da ſeit 1 Jahre meine Primas-Penſion von 1000 fl. ausbleibt. — Der Himmel habe nur verhütet, daß Ihr Schweigen nicht vom Krankenbette befohlen war.
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Der Kongreß, der wie eine Pilgerwallfahrt jeden Progreß mit einem Regreß erkauft.
Guten Morgen, Alter! Auf Cotta’s Brief wartete ich, um an Staegemann und Metternich zu ſchreiben, um deſſen innern und äußern Titel ich dich gelegentlich bitte. Dießmal foderte ich ſtark von Cotta; 6 Ld. für die Hamburger 10 □ Seiten und 30 L. für 50 vulkaniſche; er macht ſich aber nichts daraus. — Endlich ſind die 3 Bände von J. v. Müller auch angelangt, meiſtens Briefe, aber weit in die Gegenwart reichende.
Der Graf wird ſchwerlich einen zweiten ſo witzigen Brief bekommen, er müßte denn von Ihnen ſein. Die Schärfe und Schneide wird durch den Glanz derſelben gemildert und alſo gewiß gern verziehen.
Herzlichſter! — Hier alles zurück. — Die Voigt findet jedes und ich auch heute trefflich getroffen. — Arme Goldſchmidt! — Entweder6 ein Zögling oder noch gewiſſer die Magd iſt wenigſtens Helfershelfer. Daß eine Magd weinen, ſchreien, die Hände ringen, ſich verfluchen und vermeſſen und doch den Wein geſtohlen haben kann, erfuhr ich auf der Dürschnitz und bei Fischer. — Dank für Geſtern und die Hoffnung des Heute.
Guten Morgen, Alter! Ich folge dir doch und ſchreibe übermorgen nach Endigung der Herbſtblumine über den Nachdruck; aber nicht in langer philoſophiſcher, oder gar ironiſcher Dedukzion, ſondern in kurzen ernſten Stechgedanken, wovon ich vorgeſtern an 40 hinge - worfen. Du ſchriebſt mir von einigen datis, die du mir dare könnteſt.
Guten Morgen, Alter! Ich danke dir für das Büchelchen, das ich nur wieder las, damit ich nicht aus Vergeßlichkeit etwas daraus ſtähle. Ich halt’ es gar nicht für geiſtlos; nur ſollt’ es entweder beredter oder für hohe Häupter kürzer und franzöſiſcher geſchrieben ſein. — Ich misverſtand deine „ data “. Deinen Aufſatz über Nach - druck, den ich daher erſt nach meinem gebrauchen kann, weil ich ſonſt nach — ſchreiben müßte, übereile alſo nicht, ſondern arbeit ihn für den Druck aus. Meiner ſoll blos popular ſein.
Mein guter Emanuel! Über alles — und über das mich ent - zückende und rührende Bild O [tto] ’s, eine Mumie bei Lebzeit — und über den Münchner Brief übermorgen — — Bis dahin hab ich mit der Abſendung des 2ten Theils meiner Blumine ſehr zu arbeiten.
Ich kann dir nicht ſagen, lieber Otto, was ich geſtern für eine Freude der Rührung gehabt, da ich dein Meiſterbild bekommen und7 dich endlich einmal in meiner Stube geſehen. Nur weniges iſt ver - fehlt und verquollen, verflüchtigt oder vergißt ſich aber wieder bei längerem Anſehen. — Wenn er mich nur zum Theil ſo trift: ſo ſchick’ ich mich meinem Käſe-Mäzen in der Schweiz. — Kannſt du mir nicht von meinem Anti-Mäzen Kr [ause] die Schrift über den Nachdruck verſchaffen? Ich will mich recht zwingen, daß das Auf - ſätzchen eines wird und kein Büchelchen.
Ich hatte dich nicht verſtanden und das Bild an Emanuel ge - ſchickt auf eine Minute, der es nachher zurück ſchickte und dann auf ſeine Bitte wieder bekam von mir, mit der Anweiſung, es an dich zu ſchicken, da du mir in deinem Billet die Freiheit ließeſt. Du haſt um 12 Uhr 50 Minuten ſtärker geſchrieben als ich ſonſt ſchreibe, nämlich an Freunde. Irrthum, aber nicht Unrecht iſt bei mir möglich.
Herzlich gerne; ich bin dir ohnehin vielen Dank für deine ſo wich - tigen Anmerkungen ſchuldig, die ich ohne große Verſchiebungen benützen konnte. Nur komm’ Er nicht heute; nicht vor drei; aber Morgen etwa ſitz ich ihm.
Hier folgt der 2te Theil der Herbſtblumine, den H. D. Cotta für die O [ſter] M [eſſe] 1815 zu drucken verſprach, wenn ſie anders jetzo nicht zu ſpät anlangt. Antwort von ihm bekam ich gerade einen Tag ſpäter, als ich an Sie geſchrieben hatte. Wahrſcheinlich wird jetzo die Anweiſung auf Frankfurt, die er mir verſprochen, auf dem Wege ſein.
Da in meiner Rechtſchreibung kein y bei deutſchen Wörtern gilt: ſo wird der Setzer fremde Falſchſchreibung wie z. B. bey von ſelber berichtigen.
Jean Paul Fr. Richter
Mitten in der erhabnen Zeit, da Euere Kaiſerliche Majeſtät der Schiedsrichter Europas ſind, wie vorher der Befreier deſſelben, und Sie aus dem Schutzgeiſte des Siegs der Schutzgott des Friedens werden, tritt eine kleine Angelegenheit vor Ihren Thron.
Doch wie dem Geiſte nichts zu groß iſt, ſo iſt der Güte nichts zu klein.
Über fünf und zwanzig Jahre lange hatt’ ich als Schriftſteller für die Muſen und die Philoſophie gearbeitet, als mir ein einziger deut - ſcher Fürſt, der vormalige Großherzog von Frankfurt, im Jahr 1808 eine jährliche Penſion von 1000 fl. bewilligte, um den Arm - gebornen zu unterſtützen, deſſen Körper blos von ſeinem Geiſte lebte.
Nach der ſegenreichen Beſetzung des Großherzogthums wurde mir von 1814 an die Fortſetzung der Penſion vom Generalgouvernement verweigert bis auf höhere Entſcheidung.
Werden die hohen Verbündeten, welche für deutſche Freiheit und deutſche Wiſſenſchaft zugleich gekämpft, die fürſtliche Unterſtützung eines Schriftſtellers zurück zu nehmen gebieten, welcher zu einer Zeit für europäiſche Freiheit geſchrieben, wo er ſeine eigne einem Davoust bloßſtellte?
Ich wende mich hier an das Herz Alexanders, da die wolwollende Vorſehung gerade im Jahrhunderte des Egoiſmus die Menſchen - liebe auf den höchſten Thron Europas geſetzt.
Ich wende mich hier an Seinen Geiſt, der Geiſter beſchützt und welcher, da er kein anderes großes Reich mehr zu vergrößern hat, als das größte gränzenloſe, das der Wiſſenſchaften, dem Norden auch geiſtig-längſte Tage zu den geographiſchen geben will.
Möge der Herrſcher, deſſen Zepter dem Magnete ähnlich iſt, welcher zugleich liebend anzieht und lehrend die Gegenden des Him - mels zeigt, die Kühnheit der Hoffnungen verzeihen, zu welchen Er Individuen wie Länder erhebt!
Genießen Euere Majeſtät lange die einzige dauerhafte Univerſal - monarchie, die durch Liebe — nachdem Sie die haſſende und gehaßte9 geſtürzt — und lange weine die Freude vor Ihnen und erſt ſpät die Trauer um Sie!
Baireuth d. 9 Febr. 1815.Euerer Kaiſerlichen Majeſtät allerunterthänigſter Jean Paul Friedr. Richter
Es iſt kühn, aber nicht zu kühn, vor Ew. D [urchlaucht], während Sie die Wage halten, worin ganzen Ländern Glück und Zukunft zugewogen wird, die kleine Angelegenheit eines Einzelnen zu bringen. Wie dem Geiſte nichts zu groß iſt, ſo iſt der Güte nichts zu klein.
An die Ihrige richtet ſich meine Bitte und Hoffnung.
Im Jahre 1808 erhielt ich nach einem faſt dreißigjährigen Schriftſtelleramte die erſte und letzte Aufmunterung von einem Fürſten, nämlich eine Penſion von 1000 fl. jährlich, von des vorigen Frankfurtiſchen Großherzogs königlicher Hoheit.
Noch das letzte Quartal des Jahrs 1813 nach der Beglückung Deutſchlands wurde bezahlt; darauf aber wurde die weitere Bezah - lung von dem höchſtpreislichen Generalgouvernement bis auf höhere Entſcheidung verweigert.
An dieſe höhere Entſcheidung wend’ ich mich hier bittend und hoffend. Euer Durchlaucht werden, als Günſtling der Muſen, gewiß auch deren Gönner bleiben; und der geiſtige Nepotiſmus, wenn Sie am meiſten befördern, was Ihrem Geiſte am nächſten anverwandt iſt, nämlich die Wiſſenſchaft, iſt die ſchönſte Partei - lichkeit, welche ein ſo großer Staatsmann wie Euer Durchlaucht zeigt.
Die hohen Verbündeten, welche eben ſo wol für deutſche Wiſſen - ſchaft als für deutſche Freiheit und zugleich für Parnaß und Thronen geſtritten, werden gewiß die Unterſtützung eines Schriftſtellers, der auch in den gefährlichſten Zeiten immer nur für Deutſche geſchrieben zurückzunehmen und aufzuheben nicht gebieten.
Möge die Güte E [uer] D [urchlaucht] es verzeihen, daß ich ein Auge, das jetzo nur auf der großen Länderkarte ruht und mißt, auf das kaum ſichtbare Pünktchen einer Einſiedelei zu leiten gewagt!
10Empfangen Sie hier den Ausdruck der tiefen Verehrung, womit ich bin
Jean Paul Fr. Richter
Guten Abend, Alter! Endlich hab ich die 2 Briefe fertig; du ſollſt ſie mehr loben als tadeln, weil [ich ſie] aus Ekel an der Sache und an der nöthigen Schönſchreiberei unmöglich wieder abſchreiben kann. In dem verkürzten an den Kaiſer ſagt ich nichts von ſeinem vorausgegangnen Zwilling; denn hatt’ er ihn bekommen, ſo iſt das Schweigen auch eine Bitte; und aus andern Gründen. An Stein ſchrieb ich [nicht] aus obigem Ekel; auch weil ich ſonſt an Harden - berg, mit [dem] er etwa darüber ſpräche, ſchmieren müßte. Wenn nur Metternich ſeinen Brief und den kaiſerlichen nicht vergleicht, weil derſelbe locus communis in beiden vorkommt. Die Variante der Jahre iſt blos ein Euphemiſmus der Kürze und des Klangs; die Wahrheit in der Mitte. — Wenn ich alles nur morgen wieder habe. — Moniteur N. 30 wird dir wegen Bign ons Auszug wichtig ſein. — Du haſt noch zweierlei franzöſiſche Zeitungen von mir.
Ich dank’ Ihnen, werthgeſchätzter und vielgeplagter Freund, für die den 4ten d. erhaltenen 600 fl. — Den 3ten d. ging der zweite Theil der Herbſtblumine fertig nach Stuttgart ab. Gott und Sie geben, daß er noch zur O [ſter] M [eſſe] erſcheint.
Ich wollte noch die 2 erzählenden Aufſätze aus dem Göschenschen Kriegkalender dazu fügen; aber das Bändchen war ohne dieſe dick genug. Göſchen überläßt ſie mir — will aber für ſeine kahlen Winter - monate künftig einen Aufſatz —; ich kann ſie alſo in der Michaelis M [eſſe] mit neuen politiſchen, ernſten Noten vermehrt, als ein 14, oder 16 Bogen ſtarkes Bändchen beſonders drucken laſſen; und biete ſie Ihnen hier zum Verlage an. —
Ich habe mich doch zu einem kleinen Aufſatze gegen den Nach - druck für das Morgenblatt entſchloſſen, aber zu einem ernſten, weil die Ironie in deutſchen Köpfen leicht ihr eignes Ziel umrennt.
11Leider zu Ihrem Porto-Schaden, den ich gern vergüten möchte, folgen dieſe Inlagen, welche niemand ſo gut als Sie an die Behör - den*)Die rußiſche iſt mir die wichtigſte und Ihnen vielleicht die unzu - gänglichſte. zu bringen vermag. Sie betreffen meine Penſion. An Har - denberg ſchrieb ich nicht, erſtlich weil ich mich auf den vortrefflichen Staegemann verlaſſe, zweitens weil ich von ſeinem König ſchon im Jahr 1801 und dann 1810 die verſprechende Kabinetunterſchrift einer Präbende erhalten.
Grüßen Sie mir herzlich dieſen unſichtbaren Schutzgeiſt meiner Sache. Ich möchte wiſſen, ob er und der treffliche Vaterlanddichter deſſelben Namens Eine Perſon ſind; was mich jedoch der Werth ſeiner Briefe und die Schilderungen ſeiner Bekannten hoffen laſſen. Durch Schlegel hab’ ich im vorigen Jahr an ihn ein Briefchen geſandt.
Ihr deutſcher Beobachter hat ſogar das Verdienſt eines Muſter - deutſch, obwol den Fehler Ihrer Freigebigkeit, nämlich, wie das Morgenblatt, ſo gar viel auf einem Bogen.
Es geh’ Ihnen wol unter Ihren Mühlrädern und Mühlgängen von Arbeiten!
Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, mein alter lieber Emanuel! Was machen Sie? C [aroline] ſagt mir, Sie hätten Katarrh, den auch die jetzige Wech - ſelwitterung leicht voraus ſchickt dem erſehnten Frühling. — Ich weiß nicht, ob Sie dieſe Briefe ſchon von Otto gehabt. — Der über meinen Vater erfreuet mich am meiſten. In meiner Lebenbeſchrei - bung ſind nur die Stellen über meine Eltern mir die liebſten. Denn ich bin faſt wie Sie.
Guten Morgen, Alter! Lies doch Spaßes halber den guten Aufſatz über den Nachdruck, den ich heute gefunden. — Die Sache der Regemann bleibe blos bei dir.
Verehrteſter Freund! Nicht blos mir, auch einer Freundin zu Gefallen ſchreib’ ich dieſes Blättchen. Fr. v. Regemann wünſcht, daß ich Ihnen bezeuge, daß ſie in ihrem heutigen Briefe die Sache gerade ſo erzählt habe wie ſie mir ſolche vor 1½ Jahren vorgetragen. Auch damals überzeugte ſie mich, daß nicht Eigennutz, ſondern falſche Berechnung und Großmuth ſie ſo unangenehm verwickelt habe. Ihr wird hier nur der Vorwurf der Liberalität und Großmuth gemacht; es gehören aber mehre Tugenden dazu einen ſolchen Vorwurf zu verdienen als zu vermeiden. Am weheſten that ihrem Ehr - und Verwandten-Gefühl, daß nicht Ihre Hand geſchrieben. — Und jetzo hab’ ich mein Verſprechen gehalten; und ſtelle vertrauend den Erfolg Ihrem edeln Gemüthe anheim.
— Neulich hatt’ ich die Freude, 1½ Stunden lang von Ihnen mit Fr. v. Knebel zu reden. Aber wann werd’ ich das größere haben, mit Ihnen zu ſprechen? Gibt es denn keinen Sommer und keinen Wagen mehr, der Sie hieher brächte? — Wär’ ich bei Ihnen, ſo würd ich Sie — wie ich bei Thümmel gethan — aus Ihrem äſthe - tiſch-genießenden Farniente wecken und zur Sammlung Ihrer Werke ſtimmen oder quälen, damit unſer Goetz-Properz nicht ſpäter in die Hände und ſineſiſchen Fingernägel eines Ramlers falle. Denn geſammelt werden Ihre Gedichte doch einmal.
Seit vielen Jahren arbeit ich am Plane zu einem großen komiſchen Werke, verſplittere mich aber immer in die verdammten Zeitſchrift - Stücke. Ich habe ſo viel zu ſchreiben und habe noch ſo wenig zu leben; geht’s ſo fort: ſo fahr’ ich aus der Welt und habe nichts darin geſagt.
Leben Sie wol, mein alter werther Freund! Ihr Leben bleibe immer ein ſüdliches Land, wo man Winter und Sommer wenig unterſcheiden kann. Ich grüße die Ihrigen.
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Göthe und Einſiedel ſeien gegrüßt. Hier iſt meine ganze Drei - einigkeit Ihrer Gegend genannt.
Guten Morgen, Alter! Magſt du dieſes Schriftchen, im anſtän - digſten Tone geſchrieben, bis morgen durchleſen? Der preußiſcht Generaladjutant Bursky — ganz mit Orden bedeckt, ſogar dem Annaorden — brachte mirs geſtern. — Müllers Geſchichte hat Wagner nicht von dir, denn ſie iſt in der Kanzleibibliothek; ich auch nicht mehr; vielleicht aber Krause.
Guten Morgen, Emanuel! Leider will das Schickſal, daß Sie auf keine Art zweimal da ſein ſollen, da es bei andern Leuten, wo einmal zu viel iſt, gar nicht aufhört. Sogar die Kinder ergriff die Unähnlichkeit. Max: der Mund iſt gar nicht da. — Caroline: alles Liebende fehlt — und ich: alles Kräftige. — Mich und Sie nahm er ſehr bei der Naſe, doch Sie am meiſten. — Die Saale wird vor dem 1. März flüßig; aber kann das Schrön wiſſen? Gibt es ſo viele Wetterpropheten? In ganz Hof nur einen, als ich da war. — Und dieſes Abderitendekret müſſen Sie doch bezahlen? — Ein preu - ßiſcher Generaladjutant v. Bursky — mit Orden, eiſernen und edel - ſteinernen beſetzt — gab mir ein treffliches Werkchen: Preußens Recht gegen den ſächſiſchen Hof, vom Staatsrath Niebuhr. Ich kenne nichts Schöneres über Preußen. Es iſt nur 100 Seiten ſtark. Leider iſts mit ihm abgereiſet.
Das Zerrbild — — „ wie der gemalte Saufbruder auf dem Markte ſiehts aus “ſagt die Magd. Das ganze Haushalten iſt über die Ungleichheit eins. Schreiben Sie — der Folgen in der Zukunft wegen — irgend einen falſchen Namen auf den Rücken. Ich bedau - ere nur Sie. — Sie gar zu Guter! wie leicht machen Sie eine ge - gebne Freude zu einer wiedergegebnen — Wär’ es nur überall ſo leicht, froh zu machen und zu ſein als bei Ihnen. — Geſtern war unſer Otto einmal bei mir und ſehr vergnügt.
14Renz findet das Bild ähnlich, aber alle Theile verzeichnet, aus - genommen das Auge.
Wie thut es mir wehe, mein theuerer Emanuel, daß Sie ſich eines Theils mit fremder Schwäche, andern Theils mit fremder Schlechtigkeit beſudeln müßen! — Daß Sie Recht haben, weiß ich wol, aber nicht wie. — Der elende M ...
Guten Abend, Alter! Wahrſcheinlich gab deine Magd aus Einfalt der meinigen den Anzeiger. — In der allg. Zeitung ſteht ein Bericht voll Hoffnung über den Buchhändler - und Nachdruckerkrieg; auch die Erzählung der neuen Spitzbübereien und Konvulſionen der letzten. Die Sache ſteht gut.
Guten Morgen, Guter! Geſtern erſt bekam ich den herzigen Müller vom Buchbinder. Ich will ihn rückwärts leſen und bitte dich alſo um den 18ten Band zuerſt.
Hier, Alter, das verflucht lange Ding! — Erſt am Montage abends gehts ab. Leider kreuz ich um deine Staaten ſehr nahe herum und fürchte dein Schießen. Aber andere Verbeſſerungen als weg - ſtreichende kann ich nicht annehmen. Leider war Wiedergeſagtes gar nicht zu umgehen. — Schicke mir durch den Expreſſen ſogleich deine Arbeit. — Hundertmal fehlte mir der juriſtiſche Terminus; aber leider hab ich mein juriſtiſches Minimum längſt ausgeſchwitzt. — Zwei Zeitungnummern waren bisher bei Emanuel eingeſperrt; daher ſo viele aufeinmal.
Schreibfehler beſſere lieber gleich als daß du dir die längere Mühe der Anzeige machſt.
Ich werde Ihre Poſt-Hoffnung ſo oft getäuſcht haben, bis Sie endlich dann keine mehr hatten, da ſie erfüllt wurde. So wenig Zeit mir zu Briefen bleibt, ſo gewinnt mir doch die Erinnerung an meine einſamen Jünglingjahre Briefe an Jünglinge ab, welche durch ihre innere Aufmunterung äußere verdienen wie Sie.
Dichtend nehmen Sie die Welt in ſich auf; nur aber gehört noch dazu, daß Sie ſie dichtend aus ſich herausſtellen.
Am meiſten — um mit der Sonnenſeite anzufangen — gelangen Ihnen die Elegien und Epigramme, worunter ich die Elegie Seite 222 am höchſten auszeichne, dann auch die Seite 230 bis 232, 238 und 239; — darauf die Romanzen und Balladen, worunter die auf S. 187 die trefflichſte, dann S. 202 und „ die Nachtfahrt “S. 171, — Schwächer ſind die Lieder; doch iſt „ der Bergmann “, Seite 106, kräftig, dann Seite 21, 116, 109, 6, 123, 96 (letztes nach einigen Verkürzungen).
Einem Briefe und meinem Zeitmangel iſt keine motivierte Kritik möglich. Kürzen Sie künftig Ihre Lieder mehr ab — denn ein ewiges iſt Proſe — ringen Sie bei Ihrer Korrektheit, bei Ihrem dichteriſchen Sinne und Ihrer Verskunſt nach noch größerer Ge - danken - und Bilderfülle — und ahmen Sie nicht Einem nach (Göthe), ſondern allen großen Dichtern, weil eine allſeitige Nachahmung alles Schönen zur Selberſtändigkeit reift — und leben Sie dadurch für die Dichtkunſt, daß Sie auch für das Leben leben und für die Wiſſenſchaften, welche beide die unſcheinbaren, bedeckten, ſchweren Wurzeln der leichten bunten Blüten der Dichtkunſt ſind; ſo wird das Schickſal künftig Ihre Dichtkunſt eben ſo belohnen, wie jetzo Sie der Genuß derſelben.
Dieß ſind meine herzlichſten Wünſche für Sie und Ihr Leben!
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Hier, mein guter Cotta, ſchon wieder etwas für das Morgenblatt. Man wird doch nicht den Angriff des Nachdrucks in St-t für einen16 Angriff der Privilegien halten? Ich bitte Sie, mir dafür ein und zwanzig Louisdor gut zu ſchreiben.
Den Aufſchub der Herbstblumine hatt’ ich vorausſetzen müßen. Herzlichen Dank für Ihre gütige Beſorgung meiner Briefe. Deſto mehr ſchmerzt das Porto mich, das ich und der Zufall Ihnen aufge - laden. Aber in Wien hatt’ ich keinen zugleich ſo gewandten und ſo hinauflangenden Freund wie Sie. — Leben Sie froh!
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Immer mach’ ich Sie zum negativen Mitarbeiter meiner Mſpte. Ich bitte Sie auf der erſten Seite meiner Vorrede zur Herbſt - blumine den Satz: „ Schriftſteller ſind hierin ſehr zu empfehlen ꝛc. ꝛc. — „ als meine Lage. “auszuſtreichen. Ein edler Menſch könnte durch Auslegungen unedler Menſchen dadurch gekränkt werden.
Zweitens bitte ich Sie für einen Freund, dem N. 50, 51 und 52 des Morgenblatts verbrannt wurde, dieſe den hieſigen Poſtliefe - rungen wieder beizulegen und mir den Betrag zu berechnen.
Du alter guter Hans! Du denkſt ſo früh an mich. Dieſe Vigilien ſind mir wie alle des Lebens, faſt lieber als der Feſttag. — Habe herzlichen Dank! — Das Andenken deines Bruders macht mir mehr Freude als er denkt. — Ich werd’ ihm einmal, da ich doch noch einmal früher nach Hof als in den Himmel komme, recht danken, und danke du ihm voraus.
Guten Morgen, mein Geliebter! Meine eigentlich ſchönſte Minute war (mit der häuslichen) geſtern bei Ihnen. Ich ſah Sie den ganzen Tag und am meiſten im blauen Himmel, der mir recht zu Hülfe kam. Dank für das Viel zu Viele was Sie geben, Körper - liches und Geiſtiges.
Verehrteſter H. Oberkirchenrath! Sie haben meine Briefe eigentlich weniger mir als denen zu verzeihen, die mich durch ihre Wünſche und Hoffnungen dazu bereden. Im gegenwärtigen bin ich blos ein Zeuge deſſen mehr, was Ihnen das Rektorat wird vorge - tragen haben; die Bitte und Ihre Erfüllung derſelben kommen dann von ſelber. Leider iſts wahr und außer dem Gymnaſium noch mehr anerkannt als in ihm, daß wenn man ihm den jetzigen spiritus rector — welches nicht der Rektor Degen, ſondern Wagner iſt — nähme, es zerfallen müßte. Sie können ihm aber durch die Beſetzung des Mittelgymnaſiums neue Wurzeln geben. Es iſt durchaus ein kräftiger mit klaſſiſchem Geiſte ausgerüſteter Mann eilig noth - wendig, der den Oberklaſſen reife Lehrlinge zuſchickt; ja ſogar einer von einigem literariſchen Rufe, der nach Außen auf das Vertrauen der Eltern wirkt. Wenn das Rektorat ſo eifrig einen berühmten Mitlehrer wünſcht: ſo ſetzt dieſer Wunſch zum wenigſten nicht Neid und Eigennutz voraus. Die Zukunft der Schule ruht nun in Ihrer Hand; und ich hoffe, dieſe wird als handelnde ſo ſegenreich für die Wiſſenſchaften eingreifen als ſie es längſt als ſchreibende gethan.
— Grüßen Sie unſern Jacobi. Leider könnt’ er für mich eben ſo gut in Elyſium ſein, ſo wenig hör’ ich, ſeh’ ich, bekomm’ ich von ihm; denn nicht einmal ſein verſprochner zweiter Theil iſt erſchienen.
Leben Sie wol in der ſtürmiſchen Tag - und Nachtgleiche, wo zu Oſtern in Frankreich nicht Chriſtus auferſtanden iſt, ſondern der unbußfertige Schächer! — Mit innigſter Hochachtung
Ihr ergebenſter Jean Paul Fr. Richter
Mein guter Emanuel! Schön iſt jedes Wort Ihres Briefs, zu - mal da jedes ein Stück Ihres Lebens iſt. Das einzige Mittel, die Erde zu genießen, iſt ſie zu überbieten.
Meine geſtrige Beſtürzung hat ſich in klare ja tröſtende Anſicht aufgelöſet; 1) daß der Moniteur jetzo wieder nur große Lügen und kleine Wahrheiten ſagt und b) daß die andern Marſchälle hinter2 Jean Paul Briefe. VII. 18ihm gar nicht als abfallende erwähnt ſind und c) daß wie in der Revoluzion, Norddepart [ements] noch königlich bleiben.
Am 13ten März ſchickte ich für das Morgenblatt eine Abhandlung gegen den Nachdruck ein. Da ich gleichwol nichts von ihr in jenem gedruckt finde: ſo bitte ich Sie — da H. D. Cotta wahrſcheinlich jetzo in Leipzig iſt — mir einige Nachricht über das Schickſal des Auf - ſatzes zu geben oder H. D. Cotta dazu zu veranlaßen.
Ihr ergebner Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, Alter! Hier ein kurzer Spaß für das Morgen - blatt! — Wie erbärmlich werden mir alle Rezenſionen, wenn man den Namen erräth! Kr [ause] hat überall das rechte Rezenſenten - Air, das recht viel verſpricht und fodert. Er turniert auch in der Halliſchen L [iteratur] Z [eitung] und hat eben den Verfaſſer der Divinität mehre Bogen hindurch geärgert, der ihn wieder auf einigen zu ärgern geſonnen iſt. — Auch die Bonapart [iſten] letzen mich jetzo, weil ſie unter zwei widerſprechenden Lügen eine aufopfern müßen, nämlich zwiſchen der Zahl der Royaliſten und zwiſchen der eignen Tapferkeit.
Guten Morgen, mein Emanuel! Nach Niethammers Brief hat alſo der Pfarrer Weiß erhalten, und was? — Könnt ich nicht in die - ſem Blütenwetter auch etwas erhalten, nämlich einen Sitz in Ihrem Wagen um 3 Uhr für Eremitage? — Wie geht es Ihnen unter dieſem hellen Himmel und auf dieſer ſturmwolkigen Erde?
Guten Morgen, mein lieber Emanuel! Wie gehts Ihnen in der närriſchen Zeit, die immer den Frühling verſpricht und ſtiehlt? —19 Sie wollten die Güte haben — oder haben ſie ſchon gehabt —, die 20 fl. an Kunz in Bamberg bezahlen zu laſſen. Hier ſend’ ich ſie. — Die Unkaiſerin Louise iſt in ein Nonnenkloſter in Ungarn gebracht worden. Wäre ſie nur ein Jahrzehend eher in eines gegangen!
Guten Morgen, mein Emanuel! Ich höre leider, daß Krankſein gerade in Ihre Feſtzeit fällt. Schonen Sie ſich ja in Ihrem Katarrh, da in dieſem Jahre die K [atarrhe] ſo bösartig ſind wie N [apoleon]. — Hier ſchick’ ich zu einiger Erheiterung dieſes Büchlein, wovon Sie nur die Theateranekdoten und die Reiſe wider willen zu leſen haben.
Immer mein alter Geber, der nicht ſatt kriegt, zu geben, wie andere nicht ſatt, zu nehmen. Aber eben von Ihnen, da ich Ihre Freude an fremdem Genuße kenne, nehm ich alles am liebſten an und ſage blos: Gott geb es Ihm in ſchöner Geſtalt wieder.
Gnädige Frau! Gäb’ es keine höhere Pflicht als die der Dank - barkeit, ſo würd’ ich Ihren Wunſch mit Freuden erfüllen. Aber Wahrhaftigkeit iſt eine noch höhere. Zum erſten male in meinem Leben müßt’ ich gegen eine edle Seele Wärme und Unabſichtlichkeit heucheln, um jene zu einem Mittel meines Ziels zu verbrauchen, gerade gegen eine Seele, der ich ſelber Dank ſchuldig bin. Ich müßte alſo ihr Vertrauen und meinen Namen zur Lockſpeiſe und Schlinge meiner Abſicht misbrauchen. Denken Sie ſich, wie ich vor ihr ſtände, wenn ſie mich erriethe. Sogar das Errathen iſt wahrſcheinlich. Aber auch ohne dieſes, und ſogar, wenn ich durch dieſes Mittel das Un - wahrſcheinliche wirklich durchſetzte, würde ich es nicht thun, weil ich nie auf dieſe Weiſe täuſchen kann und darf. Dazu kommt vollends auf der andern Seite, daß meine Einmengung als die eines entfernten bürgerlichen Privatmannes in eine ſo bedeutende Entſchließung eine2*20wahre unſchickliche Anmaßung, ja Beleidigung ſcheinen müßte, oder eine grobe Predigt, die die bewußte Perſon erſt an ihre Pflichten erinnern wollte. Heb’ ich denn durch meine Worte die Gründe auf, die ſie zu ihrem Zögern beſtimmen?
Wäre vollends Ihr Verdacht über die Urſachen der Zögerung gegründet — wiewol ich andere muthmaße —: ſo hälfe kein Brief und kein Zudringen und Zureden, geſchadet aber könnte damit werden.
Ich bitte Sie daher überhaupt nicht eifrig anzudringen, ſondern lieber — um am Ende nicht das Ganze zu verlieren — Zeit aufzu - opfern, zumal da die Zeit am leichteſten den bewußten Verdacht zer - ſtören kann. Erſtürmen läßt ſich hierin nichts.
Bedenken Sie noch das Schwanken der jetzigen großen Welt - verhältniſſe, welches entſchiedene Entſchlüſſe erſchwert und verſchiebt.
Durch Wenigthun werden Sie vielleicht am meiſten thun, be - ſonders gegen die von Ihnen vermuthete Beſorgnis.
Ich und m [eine] Fr [au] grüßen Sie und alle Ihrige, beſonders die Fr. Gr [äfin] und H. G [eheim] R [ath] v. M [ann]. Leben Sie wol und ſuchen Sie das Erdenglück nicht in Einem Ereignis oder in Einem Menſchen.
Ihr ꝛc.
Der Sicherheit der Ankunft wegen hab’ ich nicht frankiert.
Guten Abend, Alter! Wenn Sie meinen Verlooſungs Spaß leſen wollen: ſo brauch’ ich ihn erſt Montags Vormittags wieder.
Sie waren vorhin nicht zu Hauſe. Eben hab’ ich den Brief an die L — vollendet, der mitkommt.
Guten Morgen, Emanuel! Ich hätte geſtern, da der Lochneri - sche Brief ankam, meinen auf die Poſt geſchickten wieder abholen laſſen können; aber ihr ſollte ihr Recht geſchehen und mir meines. — Im Kalender gefällt mir das Wort Niſan ſehr; es ſollte in jedem Monate ſtehen.
Ihr Schweigen über meinen Aufſatz gegen den Nachdruck war mir faſt lieber als das Schreiben. Denn jenes entſtand durch Ihr Sprechen auf dem Landtag, welches mich, ſogar in den zu kurzen Auszügen in Zeitungen, durch Kraft und Muth und Durchblick erfreuete, zumal da Sie alles, wie einer meiner Freunde ſchreibt, nicht an luftige Theorien ſondern an das alte urkundliche Recht und Beſitzthum anzuſchließen ſcheinen.
Bei dem Aufſatze über den Nachdruck hab’ ich mich nicht „ „ in der Bogenzahl überſchätzt ““, ſondern ich rechnete ſo: nach unſerem ſchon lange beſtehenden Vertrage wird der Druckbogen des Morgenblattes auf Druckbogen des Schmelzle zurückgeführt, von welchen jener etwa 3 oder 3½ enthalten mag und für deren jeden Sie mir 5 Ld. bisher gegeben. Nun machen 12 Quartſeiten einen Schmelzle - Druckbogen; ich glaubte Ihnen alſo in den 40 oder 42 Quartſeiten ungefähr 3½ Druckbogen*)Nach Ihrem Briefe machen dieſe 40 Quartſeiten im Morgenblatte 1 Bogen zu 5 Ld. Kaum die leere Wüſten-Breite eines Launs oder die Fauſt eines franzöſiſchen Überſetzers wäre damit bezahlt, würd’ ich ſagen, wenn überhaupt Sie nicht ſchon längſt anders mit mir gerechnet hätten, und wenn Sie nicht auf Koſten Ihrer Kaſſe und fremder Leſe-Augen den Käufern Geſchenke machten. zu ſchicken, foderte aber ſtatt der bis - herigen 5 L. d’or bei der beſſern Zeit 6 wie für den Damenkalender, zumal da Sie dieſelbe Rechnung bei der „ Wahlkapitulazion “hatten gelten laſſen.
Jetzo aber, da der Aufſatz ſchon gedruckt iſt, überlaſſ’ ichs Ihnen, ihn nach dem Schmelzle’s Konvenzionfuß zu berechnen, oder nach dem neuern. — Den beifolgenden Aufſatz hingegen reduzieren Sie blos auf den gedachten Konvenzionfuß nach unſerem alten Kommer - zientraktat, den ich Ihnen ſchon einmal zur Wiederanſicht zurück - geſchickt, wiewol Sie nichts vergeſſen.
Ich bitte Sie, dieſen Aufſatz recht bald zu geben, weil der Scherz in der nahen Zukunft des 30ten Juny liegt. Auch wär’ es gut, wenn er blos in 2 Hälften getheilt gegeben würde. — Übrigens iſt jetzo meine alte Abneigung gegen das Zeit und Plane freſſende Aus - arbeiten einzelner Aufſätze dermaſſen geſteigert, daß das Morgen -22 blatt, in welchem ich mich bisher zu breit gelagert, in Langem nichts von mir zu beſorgen hat.
Ich bitte Sie mir von Ihrem trefflichen „ Beobachter “, von welchem ich ungeachtet ſeines doppelten Daſeins allhier doch meinen Traum über den 18ten Oktober nicht erhalten kann, dieſen für Geld und gute Worte zu ſchicken.
Sehr dringend erſuch’ ich Sie, mir meine bei Ihrer Ordnung ſo leichte Rechnung über alles Gelieferte (exclusive der Herbſtblumine, welche Sie übrigens früher unter die Preſſe gegeben als Napoleon die Jungfer Europa und die alſo nicht unter die neuen Werke gehören kann, die Sie vor Ende des heiligen Krieges nicht anfangen wollen) zu ſchicken und mir das Wenige, was ich noch bekomme, in einer Anweiſung auf Augsburg oder Frankfurt zu übermachen.
Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Beſorgung meiner Briefe. Jetzo erſt weiß ich, daß unter allen Dichtern, die bisher über unſern Schlachtfeldern ſangen und flogen, Stegemann am höchſten geflogen und geſungen.
Leben Sie wol und ſchreiben Sie bald!
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, Alter, an dieſem Sonnentag! — Sie ſollten alle Teſtamente machen, Ihres ausgenommen; ſo juriſtiſch-beſtimmt iſt auch das Kleinſte vorhergeſehen und feſtgeſetzt. — Deſto weher that mir der Brief an Th [ürheim], ſo wie ein ſolcher unter allen Ihnen am ſchmerzlichſten werden muß. Warum wiederholen Sie immer Exz [ellenz]? Wer es nicht wüßte, hielt’ es für Parodie eines Titelſtolzen.
Guten Tag, lieber Otto! Endlich iſt die Vorrede — abgeſchrieben. Ich will lieber zu 10 eignen Büchern als zu 1 fremden Vorreden machen. Schon Rezenſionen ſind ſchwer; ſolche Vorreden, auch eine Art Rezenſionen aber lobende, darum noch ſchwerer. Es wird23 wenig für und wider dieſe zu ſagen ſein. — Haſt du ſchon den frühern Monat der L [iteratur] Zeitung durch? — Drei Oberoffiziere wurden gehangen, 10 oder 20 Gemeine erſchoſſen, nach Siberien geſchickt der Reſt der wahren Majeſtätverbrecher an Deutſchland. Mein alter Groll gegen die Sachſen ſchwillt durch guten neuen Sauerteig.
Guten Abend, mein guter Emanuel! Mögen Sie geneſen zurück gekommen ſein! — Hier iſt die Vorrede zu Dobenecks „ Volksſagen des Mittelalters “. Ernſtes leſen Sie doch am liebſten, zumal in der ernſten Zeit. Sie können mir ſie übermorgen wiederſchicken. — Napoleon wird immer von 4 Menſchen aufs Pferd gehoben; der Wort - und Bundbrüchige hat auch am Bauche 2 Brüche und hinten noch eine Afterfiſtel. Ich bin ſchon damit zufrieden.
Guten Morgen, mein Theuerer, den ich auch einmal wieder zu ſehen die Freude gehabt! Hier die Vorrede zu den „ Volksſagen aus dem Mittelalter “von Dobeneck.
Dieſer bloße flüchtige Schein des Empfangs bringt noch nicht den Dank für Ihr zartes Geſchenk. Ich hebe ihn dem Wiederſehen auf.
Jean Paul Fr. Richter
Die Kunſt verſchönert nicht nur die Gemeinheit des Lebens ſondern ſogar die Schönheit des Lebens. So macht es die Perlenmuſchel; wirf ein Steinchen in ihre Schaale und es wird eine Perle daraus, oder eine kleine Perle und es wird eine größere.
24@Dieß ſetzt’ ich mir geſtern Abend vor in Ihr Stammbuch zu ſchreiben, als mich Ihr Muſterſpiel und Muſterdichten in der ſchwä - biſchen Bäuerin ins halbe Schwaben — nämlich ins ganze weibliche verliebt machte.
Baireuth d. 30ten Mai 1815Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, Alter! Ich ſchicke dir hier einen ſchönen Abend in dieſem Buche, eines der beſten ſeit langer Zeit trotz ſeinem Über - ſchwange. Leſet es ſchnell durch, damit ich vom Grafen Münſter den zweiten Theil kann abholen laſſen. Seit geſtern hatten ich und C [aroline] es durch. — Für meine Anweiſung hab ich ſchon Münch, freilich mit einem Verluſt von ½ pc.
Guten Morgen, Alter! Dieſer Band wird dich noch mehr hin - reißen. Wenn ich ihn nur Sonntags wieder habe — und da kaum. — Diſkurſe könnten wir jetzo halten von hier bis Berneck. Könnten wir denn nicht wenigſtens einige abthun in meiner Stube — z. B. heute abends?
Guten Morgen, Alter! Hier kommt unſer alter Thieriot zurück bis aufs kleinſte Läppchen. — Er mag ſich und andere mit ſeinem Stile quälen wie er will: er erfreuet doch. Von ſeiner Naturdich - terin verſteht ſichs ohnehin, die gerade ſo leicht findet als er ſchwer ſucht.
Guten Morgen, Emanuel! 10,000 mal beſſer iſt dieſes Ebenbild als das vorige Unebenbild. Ihr ganzer Ernſt iſt zwar nicht darin,25 aber Ihre ganze Schalkhaftigkeit. Das ſämmtliche Haus findet es ähnlich; nur Odilie (die immer geſünder wird) will an dem Munde vermiſſen. Das Geſicht des Malers verſpricht, daß er jedes andere trifft.
Eben bittet meine Frau, Sie möchten doch zur Vergleichung das Mißbild auf einen Augenblick ablaſſen.
C [aroline] ſchauderte ordentlich zurück vor der zerfloßnen Un - geſtalt. Er greift bei Ihnen, wie bei mir, gleich Raubvögeln die Augen an; ordentlich lebendig zerfaulen und zerfließen läßt er das Geſicht. Ich weiß daher nicht, ob Sie meines in die Schweiz ſchicken ſollen.
Wenn man ſich in Sie verlieben ſoll, ſo muß man beide Gemälde ſehen, weil einem das ähnliche liebenswürdige Ge - ſicht ordentlich zum Mitleid bewegt, daß es zu einer ſolchen Verunſtal - tung gemisbraucht wurde. Alſo thun Sie ſehr wohl es nicht zu zeigen, weil Sie ſonſt das ganze weibliche Geſchlecht unglücklich machen, denn nur Eine kann Sie beſitzen.
Guten Morgen, lieber Emanuel! Der Malers Brief iſt freilich gemein; aber Ihre zarte Empfindlichkeit für Recht und Ehre wird immer ſo beleidigt werden, weil die wenigſten eine ſolche ahnen und wirklich auch bei den meiſten nicht voraus zu ſetzen brauchen. Der Jüdin Brief iſt etwas dumm und unnütz. Vom Schatze aber, deſſen Stelle Sie nicht zu finden ſchreiben, beſitzen Sie ſchon 2 / 3 ſelber in Ihre [n] eignen Kräften; Sie brauchen nur noch das dritte Drittel zu ſuchen.
Guten Morgen, mein Emanuel! Eine faſt ſchmerzhafte Empfin - dung unſerer allgemeinen Flucht über die Erde geben mir ſolche Briefe an Vermeintlich-Lebende, worin noch dazu dieſen Dahin -26 gegangnen von noch lebenden Kranken vorgeſprochen wird. Wie mag erſt der Schreiberin ſelber bei Ihrer Antwort werden! — Was thut es aber, in der Poſtadreſſe gefehlt und Baireuth ſtatt Himmel geſchrieben zu haben! Ich denke, der Brief kommt doch an, und wär’ es mit poste restante.
Guten Tag, lieber Emanuel! Hier der Aufſatz für den Frauen - kalender, den ich erſt Sonntags wieder brauche. Der Kunſtrichter kann nicht halb ſo zufrieden damit ſein als der Menſch; aber ich konnte den Gegenſtand nicht zur Hälfte mit den Flammen und Farben außer mir heraus ſtellen, womit er mir zum erſten mal in mir in Miedels Garten erſchienen.
Mein hochgeſchätzter Freund! Hier erhalten Sie den Aufſatz für den Damenkalender; ferner einen (ſchon vor 4 Wochen fertigen) komiſchen für das Morgenblatt, den ich Sie bei ſeiner Kürze un - zerſchnitten zu geben bitte. Auch folgen mit meinem Danke hier die geliehenen Morgenblätter.
Ich danke Ihnen herzlich für die 607 fl. (vom 20ten Mai), deren Anweiſung ich jedoch, da Sie ſolche nicht in Augsburger Kurrent ausgefertigt, nur mit dem Verluſt von 1 Prozent anbrachte.
Ihr Wunſch in Ihrem letzten vom 20ten Mai „ daß Ihnen bei „ dem Wiederdruck der ſchon nach Schmelzles Maßſtab bezahlten „ Aufſätze in der Blumine ein kleiner Wiedererſatz werde “iſt zwar an ſich ſehr billig, aber er kommt etwas zu ſpät. Denn vor dem Abdrucke des erſten Theils der Blumine wurde er ſchon — antizipiert und erfüllt. Es iſt nämlich zwiſchen uns beiden Hohen Mächten in dem den 27. Jul. 1810 über die Blumine geſchloßnen Vertrage aus - drücklich feſtgeſetzt worden, daß die von Ihnen ſchon einmal be - zahlten Aufſätze nur 3 Ld’or zu erheben hätten, blos die übrigen aber 5 L. Jedoch iſt bei dieſer zweiten Herbſtblumine der geheime Artikel noch nachzutragen, daß nur ſolche Aufſätze des Morgen -27 blattes, welche erſt ſeit dem 11ten Aug. 1809 nach Schmelzle*)bei Überſendung des Aufſatzes über Orient und Occident, worauf Sie mir ſtatt gewünſchten 4 L. ſogar 5 bewilligten. honoriert worden, ſo wie auch die Ihres Damenkalenders das Recht der 3 Ld’or genießen, keinesweges aber die vorhergehenden, wofür ich nur 1½ L. d’or erhalten, oder auch die beiden aus der Urania meiner Schwägerin, wofür ich gar keinen bekommen. —
Aber in welcher Jahrzeit erſcheint denn endlich dieſe Spät - herbſt blumine? Ob ich gleich dieſe Frage ſchon einige mal gethan: ſo ſoll mir doch eine Einzige Antwort genug ſein.
Da die Entſcheidung über meine Penſion ſich wieder in einen neuen Frieden hinein zu verſchieben droht: ſo thäten Sie mir wol mit der Nachricht einen großen Gefallen, wo der edle Stägemann jetzo arbeitet, damit ich ihn über das Schickſal meiner beiden Abgebe - Briefe befrage.
Beiliegende Druckfehler bitten um den zweiten Druck.
Ich bitte Sie noch, daß Sie die Güte haben möchten, mir künftig von jedem Morgenblatte, worin eine Arbeit von mir iſt, Ein Exemplar den Sendungen an die hieſige Harmonie beizulegen, damit ich Freunden, die die ganze Wochenſchrift ſpät bekommen, dienen kann.
Leben Sie ſo wol als jetzo Europa, wenn man 28 Millionen ausnimmt.
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Mein geliebteſter Emanuel! Am ſchönſten Tage, wo man einen ſo geliebten theuern Menſchen ans Herz drücken möchte, bleiben Sie unſichtbar und begeben ſich in Ihre Sonnenfinſternis. Und nicht einmal weiß man den Tag recht beſtimmt. — Er iſt aber doch in dieſer Woche dageweſen; — und ſo nimm denn, du von mir innigſt geliebter, innigſt hochgeachteter Menſch, meine heißen Wünſche für dich freudig an und nie fehle deiner himmliſchen Liebe eine Gegenliebe!
Richter
Guten Morgen, mein Emanuel! Hier der alte Göthe mit Dank, der wie die Sonne auch bei Jahren das Feuer nicht verliert. — Wie trifft meine 2 in der doppelten Abdankung und Einziehung und dem 18-Feſte ein!
Sei recht willkommen, Alter! Wenn du nur recht froh geweſen biſt! Und ſchöneres Wetter gehabt hätteſt! — Du ſiehſt die Länge deiner Abweſenheit aus dem Aktenrotul über den dießjährigen großen Weltdualiſmus vom 18ten. — Ich wünſche dich recht bald zu hören. Briefe von dir ſind mir nicht zugekommen, ausgenommen der heutige.
Wie ſoll ich dich nennen, alter guter Schweiger, gegen welchen ich, wenigſtens mit Druck Buchſtaben, der ewige Sprecher bin? Aber jetzo hab’ ich einen Plan, dich zum Sprechen zu zwingen — ich will nämlich ſelber kommen und folglich mit dir reden. Schon ſeit 2 Jahren trag’ ich mich mit dem Entwurfe, nach R [egensburg] zu reiſen und da 1 Monat zu verleben — und zwar ſo, wie ich es früher in Erlangen und Nürnberg gemacht: ich miethe mir nämlich, um ganz frei zu bleiben, ein Zimmerchen mit einem ſchlechten Kanapee und guten Bette und eſſe im Gaſthof und — damit gut. — Nur muß ich vorher von dir wiſſen — alſo wirſt du doch ein Paar Worte früher ſchrift - als mündlich zu ſprechen haben —, ob der Fürſt ꝛc. nicht jetzo die verdammten Badreiſen gemacht, die einem monatlang jedes Reiſen verleiden, Badreiſen ausgenommen. Wär’ es indeß und wären beide nicht zu Hauſe und überhaupt manche bedeutende Menſchen nicht (z. B. die Gräfin Schlitz), welche ich ſo gern öfters zu ſehen wünſche: ſo verſchieb’ ich meine Reiſe bis in den Wein - leſemonat hinein, um den Himmel und die Trauben in der Donau zu beſchauen ... Meine ganze Familie grüßt dich. Sie knoſpet und blüht; ich aber werde leider nichts anders als fett.
Guten Morgen, mein lieber Emanuel! Hier ein Stückchen Kaiſerleben, das Sie bald durchhaben werden. Hätte man vor einem, der ſo leicht zittert, ſelber zittern [ſollen] und ſo wahnſinnig iſt? Ich antworte: eben deßwegen.
Darf ich Sie nicht für den Oestreicher um Ihren Epimenides wieder bitten?
Mein guter Emanuel! Dank für den Foliokuchen, der in die Ebbezeit fiel. Sie halten mich ordentlich kuchenfrei, was mehr iſt als koſtfrei, weil ich hier die Koſt für Geld haben kann. — Meine wichtige Frage bring’ ich ſogleich: kann ich dem Kutſcher Schatz die Zurückbringung meiner Emma anvertrauen?
Guten Morgen, lieber Otto! Ich danke dir recht ſehr. Geſtern Nachmittags las ich alles auf Einem Sitze. Ich lobe ſowol den Hauptgedanken als ſeine Ausformung. Allerdings iſts keine bloße luftige Ironie, ſondern ein wahrhafter Paralleliſmus der europä - iſchen Sündhaftigkeit, der eben zwei Raubbienen mit Einer Klappe trifft. Nur S. 446 und S. 450 geräthſt du aus der anfänglichen Haltung heraus. Auch die beiden andern Aufſätze waren mir will - kommen. — Warum ſteht wieder nicht dein ganzer Name darunter? Freilich freimüthig biſt du ziemlich.
Guten Morgen, Alter! Haſt du meine letzten Briefe noch, oder Emanuel? — Einsiedel, der Nicht-Einsiedler, will durch Hagen ſeinen Aufſatz zurück. — Die Antwort der würtenbergiſchen Land - ſtände auf ihre Vertagung iſt das freieſte ſchönſte Deutſch in dieſem Jahrhundert.
Verehrteſter H. Kirchenrath! Hier ſchick’ ich Ihnen mit dem größten Danke das Inventarium Ihrer reichen Bibliothek zurück, die Sie noch dazu als Doublette beſitzen, einmal auf dem Bret, einmal im Kopfe. — Darf ich Sie um zwei libri rari bitten? In Duodez No 68 Facetiae und No 183 Venus physique.
Mit Verehrung Ihr gehorſamſter J. P. F. Richter
Lieber Bruder aus der jungfrohen Zeit! Wirſt du es übel nehmen, daß ich deiner eleganten Zeitung nichts gebe als was der Zenſorhaſe nicht ins Morgenblatt eingelaſſen? — Haſenöhrchen — ... Das Publikum erkauft ſich die elegante Zeitung ſehr theuer durch die Meßferien ſo ſchöner poetiſcher Kräfte in dir.
Im warmen Klima bezaubert die Schönheit der Vögel; im kalten der Geſang derſelben. Ich kenne aber eine Ehe, welche die Zauber beider Klimas vereinigt.
Baireuth d. 12. Aug. 1815Zum Andenken Jean Paul Fr. Richter
In Paris bekämpfen ſich die Blumen .... aber im Leben ſoll keine Blume der Freude mit der andern ſtreiten ...
Baireuth d. 12. Aug. 1815Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, Alter! Der Auszug aus dem herrlichen Col - quhoun wird dich wieder zu Auszügen nöthigen; du kannſt ihn aber ganz gelaſſen benützen und behalten. — Sei ſo gut und ſuche mir — bei Gelegenheit — das „ heimliche Klaglied “heraus, das ich irgend einem größern Liebhaber deſſelben als du, muß geliehen haben.
Ich ſchwitze an den baierſchen Bittſchriften. In der an Montgelas iſt wol Erwähnung der 2ten nicht nöthig.
Da die Huld Ew. M [ajeſtät] an allen Lebens-Verhältniſſen Ihrer Unterthanen beglückend Theil nimmt: ſo darf ich auch die meinigen vertrauend vor das landesväterliche Auge zu bringen wagen. Im Jahre 1808 wurde mir von dem vormaligen Fürſten Primas und von Aſchaffenburg eine jährliche Penſion von 1000 fl. rh. aus der Zivilliſte bewilligt, um den armgebornen [Schriftſteller] — nach 25 Jahren ſchriftſtelleriſcher Arbeiten für Religion, Dichtkunſt und Philoſophie — in armmachenden Zeiten zu unterſtützen.
Nach der Abdankung des Großherzogs von Frankfurt wurde mir von dem proviſoriſchen Gouvernement die Penſion blos bis Endes J. 1813 ausgezahlt; und ich mußte ſeitdem die Laſten der Zeit, beſonders des Kriegs allein und ohne andere Hülfe als die geringe tragen, welche der geſunkne Buchhandel geben konnte.
Da nun das Fürſtenthum Aſchaffenburg aus der Hand eines Fürſten, der ſo eifrig die Wiſſenſchaften belohnte, in die Hand eines Königs übergegangen, welcher die Sonne der Wiſſenſchaft und Kunſt über alle ſeine Länder aufgehen läßt: ſo darf ich als einge - borner Unterthan Ew. k [öniglichen] M [ajeſtät] um ſo mehr hoffen und bitten, daß Aller Höchſt-Dieſelben die unterbrochne Unter - ſtützung eines Schriftſtellers allergnädigſt erneuern werden, welcher 30 Jahre lang für die Wiſſenſchaft (ohne eine andere als die ſeit anderthalb Jahren verlorne) arbeitete und welcher für die Tage des nahenden Alters, worin die ſchriftſtelleriſche Fruchtbarkeit abwelkt, die Hand der Güte zum Aufrechtbleiben bedarf. —
32Und dieſe gütige, dieſe mächtige Hand wird ihm ſein Landes Vater reichen. Mit tiefſter Ehrfurcht
Eurer Königlichen Majeſtät allerunterthänigſt-treugehorſamer Jean Paul Fr. Richter
Ew. Ex [zellenz] bitt’ ich um die Gnade, unter der Menge ſo vieler wichtigen Angelegenheiten, welche Ihren Blick erwarten, auch einen flüchtigen auf eine kleine zu werfen. Möcht’ ich meine Bittſchrift ſo kurz machen als eine Antwort auf eine iſt!
Im Jahre 1808 wurde mir vom Fürſten-Primas eine jährliche Penſion von 1000 fl. rh. aus der Zivilliſte bewilligt, um den arm - gebornen Schriftſteller nach 25 Jahren ſchriftſtelleriſcher Arbeiten in armmachenden Zeiten zu unterſtützen.
Nach der Abdankung des Großherzogs von Frankfurt wurde mir die Penſion von dem proviſoriſchen Gouvernement blos bis Ende J. 1813 ausgezahlt; und ich mußte ſeitdem die Laſten der Zeit, beſonders des Kriegs allein und ohne andere Hülfe als die geringe tragen, welche der geſunkene Buchhandel geben konnte.
Nach anderthalb Jahren Verluſt darf ich mir vielleicht aus fol - genden Gründen die kühne Hoffnung und Bitte der wiederkehrenden Unterſtützung durch meinen Landes Vater erlauben.
Ich bin ein gebornes Landes Kind Seiner königlichen M [ajeſtät] aus Wonſiedel gebürtig. Nie hab’ ich, nachdem ich 30 Jahre lang für Religion, Dichtkunſt und Philoſophie mit einiger Zufriedenheit Deutſchlands gearbeitet, von meinem Vaterlande eine Unter - ſtützung erhalten, ſondern blos in ihm die auswärtige und meinen ſchriftſtelleriſchen Erwerb verwandt.
Da nun jetzo das Fürſtenthum, deſſen Fürſt mir die erſte und ein - zige gegönnt, auch ein Theil meines Vaterlandes geworden: ſo hab’ ich vor E [uer] Ex [zellenz], die Sie das Licht - und Sonnenſyſtem der Wiſſenſchaften von den Akademien an bis zu den Landſchulen herab gleichſam als eine geiſtige Milchſtraße heruntergeführt und mit unermüdeter Kraft feſt erhalten, vielleicht meine Hoffnungen mehr vorzutragen als zu entſchuldigen nöthig.
33— So überlaſſ’ ich denn ſchweigend meine Zukunft dem mäch - tigſten und beredteſten Vertreter meiner Sache — dem Auge eines großen Staatsmannes.
Mit ſchuldigſtem tiefſten Reſpekt Ew. Exzellenz Jean Paul Friedrich Richter
Aus Dankenden werden immer wieder Bittende — dieß erfahren Königinnen oft, und Ew. K [önigliche] M [ajeſtät] am meiſten, je öfter Sie dieſe in jene verwandelt; und der, welcher dieſen Fehler der Dankbarkeit hier bemerkt, begeht ihn ſogleich darauf.
Ich habe heute gewagt, Seiner K [öniglichen] Majeſtät die Bitte um die Erneuerung der unterbrochenen Penſion von 1000 fl. rh., welche mir der Fürſt Primas ſo lange gegeben als er Fürſt von Aſchaffenburg war, vorzutragen, und mich als ein eingebornes Landes Kind, das während dreißigjähriger ſchriftſtelleriſcher An - ſtrengungen immer nur außerhalb des Vaterlandes unterſtützt worden, meinem gnädigſten Landes Vater darzuſtellen.
Wenn Güte die warme helle Morgen - und Sonnenſeite des Thrones iſt: ſo ruht der Thron, worauf die gütigſte Gemahlin des gütigſten Gemahles regiert, im vollſten Glanze.
Weiter geb’ ich meiner Bitte und Hoffnung keine Worte mehr. Das Herz meiner Königin kann ſchöner für mich ſprechen als ich ſelber. — —
Möge die ſchöne Seele, welche, wie jener Engel, vor dem Para - dieſe ſteht, aber nicht um, wie er, es zu verſchließen, ſondern um es zu öffnen, nie andere Stunden erleben als ſolche, die ſie belohnen!
Mit tiefſter Ehrfurcht
Ich kann nicht.
Verſe werden bei ſolchen Überreichungen leichter gemacht und erlaubt als Proſa, wozu große Einkleidungen gehören.
(Geburttag) Am heutigen Tag war mir nichts erwünſchter als der Oſtwind, der Bote ſchöner Zeit. Sein [?] Geburttag, das Zei - chen der ſchönen Zukunft. Vierzahl von Leuchtern, der Sie wie bei der Tetralogie des Heid [elberger] Wagners, nichts zu geben brauchen als das Licht.
Guten Morgen, lieber Emanuel! Eh ich noch für das reiche Geſtern gedankt: kommt wieder ein gebendes Heute. Ihr Rieſen - rettig ſieht wie eine Vignette zu meinem dicken ſatiriſchen Roman aus. Wenn Sie nur ſelber jagen könnten, was noch mehr werth iſt als das Wildpret! Noch einmal herzlichen Dank!
Wenn das Räthſel aufgegeben würde: „ wer ſchreibt jährlich 1 Brief im Herbſtäquinokzium “: ſo könnteſt du es errathen; denn der Brief wäre an dich und von mir.
Denn der Fortſchreiber J [ean P [aul] braucht gute Bindlocher Kartoffeln.
Guten Morgen, lieber Otto! Hier das Briefchen von der Lochner mit Queervorſchlägen. Ich zeigte ihr natürlich nur meine Bitt - abſendungen an, um etwa frühere Nachrichten durch ſie zu erhalten; denn ſie und ihre Tochter konnt’ ich natürlich zu nichts beſtellen. — Sogar an Jacobi mag ich nicht ſchreiben, der nie ſehr hülfreich für mich gehandelt. — Geſtern ſtand ich endlich bei der Rollwenzel alles aus, was erbärmlichſte Honorazioren von Langweile geben können — ein Weiß, Wolter, Zehelein, Ehrlicher, Deahna, Heinel der Ältere, Lützenberger und noch einer. — Ich hatte auf dich gehofft;35 jetzo iſts mir deinetwegen lieb. — In der Berlin. Zeitung wird die Fortſetzung deines Aufſatzes über Nachdruck fort gelobt.
Zum Proſit des neuen Jahrs, wozu ich Ihnen heute dieſe Blumen aus Wonsiedel mit dem Briefe der Überſenderin ſchicken wollte, gehört nun auch der Th. sche Brief, wenn er redlich iſt und keinen Aufſchub erſchleichen will. Otto hatte die 2 Briefe noch nicht. Gute Nacht, gutes Jahr.
Guten Morgen, mein Emanuel! Deutſche Blüten bezahlen Sie mit italieniſchen. — Haben Sie nicht Tiecks Werke (nicht den Sternbald) oder Novalis?
Alter! Oeſtreicher, der mir Kannens Umänderung erzählte — ich beneide dieſem ſeine Bekehrung — ſagte, daß ſeine Schweſter das Paquet von ihm an dich, worin auch ein Exemplar ſeiner Leben - beſchreibung an mich liegt, ſchon gebracht oder bringe. Daher ſchick’ ich. — Montgelas Sekretär ſagte vor 3 Wochen zu ihm in Betreff meiner Bittſchrift: „ die Milchſtraſſe (meine Vergleichung des Schulweſens) wird Milch geben “. M. beſtand ſogleich auf Erkundigung-Schreiben nach Aſchaffenburg wegen Zeit und Be - dingung der Penſion. Gute Nacht!
Täglich hofft’ ich auf Briefe und Bücher. Der Meßkatalog verſprach die Herbſtblumine. Gleichwol hab’ ich die ſo nöthigen Aushängebogen nicht erhalten.
Ich bitte Sie, mich recht bald aus meiner Unwiſſenheit zu erlöſen. 3*36Auch erſuche ich Sie, mir eine Anweiſung von 500 fl. auf Frankfurt oder Augsburg (aber in dortigem current) gefällig mitzuſchicken.
Leben Sie wol. Ich grüße die Landſtände.
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, mein guter Emanuel! Ich will Ihnen ſogleich alles ſenden; nur vorher den Brief der Königin leſen.
Vielen Dank Ihnen in allem ſo Beſtimmten. — Die arme Königin! Wie wehe muß es thun, ſich das Wolthun verleidet oder doch erſchwert zu finden.
„ Wie kann doch ein Mann, ſagt’ ich mir oft, deſſen Buchſtaben „ ſeinen Freunden und deſſen Ziffern ſeinen Handelsfreunden und Han - „ delsfeinden ſo wichtig ſind, mit ſo elender grauer Dinte ſchreiben. “ Daher wart’ ich mit einem Glaſe ſchwarzer auf. Mit dieſem Freu - denöl können Sie viele Glückliche machen. — Geſtern am 14ten Oktober, auch ein langer Tag für Deutſche, dacht’ ich oft an — Sie. Ob Sie gleich ihn ertragen, ſo doch ich nicht Ihrentwegen.
Guten Morgen, Lieber! Hier nur einige hergeworfne Titel, deren Kombinazionen du wieder kombinieren magſt. Du kannſt mehr haben. — Ich bitte dich auch um Titel, nämlich um den der Herzogin von Oldenburg, die jetzo den Kaiſer in Frankfurt erwartet. Meine Frau meint, ich könne an ſie, da ich ſie geſprochen, wieder ſchreiben; und es will mir einleuchten. — Geben denn baierſche37 Finanz - und Gnadenkammern ihr Nein blos durch Schweigen zu erkennen? Und wie lange muß ein ſolches Schweigen dauern?
Zeitwinke für Finanzminiſter < - kammern >, beſonders in Rückſicht des Handels und der Geſetze für ihn < von neueſten Thatſachen der Politik und des Handels gegeben > — (Neueſte) Sammlungen für Finanz - und Handelsweſen in wechſelſeitiger Beziehung — Theoretiſche Staatspapiere, oder neueſte Thatſachen (Zeitmagazin) des Finanz - und Handelsweſens —
Sonnenobeliſkus — [gestr. Fee Wünſche] — die Schönheit gibt den Muth, den der hohe Stand nimmt; und der Glanz der Krone wird durch ein ſchönes Antlitz gemildert — Erinnern Sie ſich meiner, ſo vergißt mich der Kaiſer nicht — und über ein ſchönes Angeſicht vergißt man die Krone.
Ich habe ſo oft die Schönheit gemalt, daß Sie parteiiſch für mich ſein ſollten. —
Im Vertrauen auf die Fortdauer der Güte, womit Sie bisher die Zuſendung meiner Werke aufnahmen, ſend’ ich Ihnen mein neueſtes. Wenn es einige Sonnenblicke durch die Wolken der Jahrzeit fallen läßt: ſo bin [ich] belohnt. Der Herbſt verſprach mir die Freude, den Fürſt von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen, den ich ſchon als ein Jüngling liebte und ehrte, eh ich ihm noch einen nähern Dank ſchuldig war als den, den ihm die leſende Welt brachte. Der Herbſt hielt ſein Wort nicht; aber der Frühling ſoll es ſtatt ſeiner erfüllen.
Willkommen, guter Emanuel! Mögen Sie mir etwas von Be - lohnung Ihrer Reiſe ſagen können! — Dieſes Exemplar hat der38 Hund rezenſiert. Ich könnte Ihnen zwar ein unbeflecktes geben, aber es wäre nur eines von ſchlechterem Papier. Der Buchbinder des dritten Bändchens wird ja das zweite ſchon reinigen. — Zum Überfluße ſend ich einen reinen Bogen, damit Sie wählen können.
Guten Morgen, mein Emanuel! Hier iſt das abgeriebene arme Taſchenbuch wieder, dem die innere Einkleidung die äußere nahm.
... Das hieſige Gymnaſium war für den philoſophiſchen Tempel, worin er Sie aufzuſuchen hat, kein Heidenvorhof ſondern ein Vorhof — politiſche Zeit, wo leichter die unwahrſcheinlichen Hoffnungen eintreffen als die wahrſcheinlichen und man leichter Paris gewinnt als Elſaß.
Guten Morgen, mein Emanuel! Nur auf einige Stunden bitt ich um den Damenkalender zum Ausziehen der ſchwarzen Druck - fehler. Dank für Beilage.
Ich danke Ihnen, mein guter Cotta, für die ſo ſchnell geſandten Freiexemplare und die 600 fl. Hier leg’ ich die Honorar-Berechnung der 2ten Herbſtblumine bei. Ich bitte Sie um den noch kleinen, ſehr kleinen Reſt und um das Honorar des Damenkalenders. Man ſpürt es immer, wenn man 1000 fl. jährlich weniger einnimmt, zumal wenn man wie ich, außer der eben gedachten primatiſchen Penſion weiter keine Hülfquelle hat als das Dintenfaß. Da Ihre Ordnung ſo groß iſt wie Ihre Geſchäfte — beide ſind eben correlata — ſo kann es Ihnen nicht ſchwer werden, meine Bitte zu erfüllen, nämlich nachzuſehen, ob 500 Exemplare von der Levana oder 500 von39 der Vorschule abgeſetzt ſind; in welchem Falle ich dann nach unſerer Übereinkunft (vid. meinen Brief vom 22. Dec. 1811 und den andern vom 10. Jul. 1812) für jeden Druckbogen noch 1 Ld’or nachgezahlt erhalte. Verzeihen Sie meine Geld-Vorrechnungen; Sie wiſſen, ich zögere oft Jahre damit.
— Zur Oſtermeſſe wird mich meine Arbeitſamkeit an meinem großen komiſchen Roman ſchwerlich etwas geben laſſen.
Die Druckfehler des Aufſatzes im Damenkalender bitt ich im Morgenblatte anzeigen zu laſſen. Sie zerdrucken und zerdrücken den Sinn zu ſehr. Mit unveränderlicher Liebe und Hochachtung
Ihr J. P. F. Richter
Guten Morgen, mein Emanuel! Für den Haſen dank’ ich recht ſehr; ich feiere an ihm, wenn ich ihn eſſe, ordentlich ein Stückchen eignen Geburttages. — Aber für die andern Geſchenke, die jährlich noch ſtärker wachſen, als die drittelswüchſigen Empfänger ſelber, weiß ich wahrlich keine Dankworte zu finden, zumal wenn ich die Zahl derer bedenke, deren Geburttage wie, ja als jüdiſche Feſte Ihren Kalender durchziehen. So mög’ Ihnen denn der Himmel danken.
Guten Morgen, ewig lange Ungeſehener! Ich will dich daher dieſe Woche ordentlich auf einen Abend bitten. — Schicke mir mit den Briefen etwa abends die Antworten auf meine Fragen: zahlte mir Mohr nicht vielleicht weniger Honorar als ausgemacht war? — Die Levana wurde 1814 gedruckt, die Vorſchule 1813 (von der ich einen ſchönen öſterreichiſchen Nachdruck von 1815 zu 2 fl. geſehen. Alles Meinige wird jetzo dort wieder gedruckt). — Leider hat der mit Geſchäften ringende Cotta mir einen Augſpurg [iſchen] Wechſel in 24 fl. Fuß geſchickt; weißt du etwa jemand, der ihn beſſer annimmt als Enzel? — Den Kameralkorreſpondenten haſt du noch. Halte alle ſolche Erinnerungen nur für Vorbauungen gegen die Magd. — Willſt du das ſtarke Druckfehler-Verzeichnis der Herbſtblumine?
Guten Morgen, mein Emanuel! Endlich leuchtet doch einmal wieder Ihr Fenſternachthimmel. — Wagner hatte mich ſchon für den vorigen Montag um den Damenkalender gebeten zu einer Re - ligionſtunde für ſeine Primaner. Er bittet wieder für den nächſten. Wieder haben können Sie ihn ja allemal.
Guten Tag, Alter! Wagner plagt mich durch Schicken. „ Er habe den Aufſatz ſeinen Schülern auf Morgen verſprochen und ſie freueten ſich darauf und morgen Nachmittags könnt’ ich den Kalender ſogleich wieder haben. “ Alſo, lieber Emanuel, ſchicken Sie mir ihn, auch unvollendet-abgeſchrieben, zumal da ich ihn W. und ſeinen Schülern ſchon am vorigen Montag verſprochen.
Guten Morgen, Alter! Wiegt im beifolgenden Briefe das Ja oder das Nein vor? — H. v. Mann, der geſtern aus Würzburg bei mir war, glaubt ſehr an ein künftiges Ja; und will (ohne mein Bitten) ſelber mit ſchieben helfen. Wie viele Räder, bis endlich der Stunden - zeiger die rechte Stunde zeigt! — Zuletzt laſſ ich meinen Penſion - Briefwechſel drucken, um doch etwas zu ziehen bei dem Verleger.
Guten Morgen, Alter! Willſt du nicht heute um 1 Uhr — denn Nachmittags reiſet v. Oertel ſchon wieder ab, der auch den Georgius ſehen will — mit mir eſſen? — Sei ſo gut und gib dir die alte Mühe und gib mir die Titel von Hardenberg und Schuckmann, bei welchen endlich gebeten werden ſoll.
Guten Morgen, Alter! Willſt du mir die Titel ſchicken? — Willſt du mir nicht aber auch — wenn du vor Kälte ſchreiben kannſt, deren41 Vermehrung erſt morgen aufhört — nicht die Titel des Königs und Thürheims ſchnell hinwerfen, damit deine und meine Plage auf einmal abgethan iſt?
Ein Eimer alten Franzwein. Mein Wein verſiegt als wär’ ich damit in Frankreich. Ich bitte um einen Aufguß von 1 Eimer. ꝛc.
Guten Morgen, mein ſo lange ungeſehener Emanuel! Um nur ein Paar Worte zu Ihnen zu bringen, ſchick ich dieſes Buch und den Brief von Primas. Sind Sie ſo geſund als fleißig?
Hier, mein guter Cotta, folgt der Neujahranfang für das Morgenblatt. Einige Zenſurwunden verträgt der Aufſatz; nur müſſen die Gedankenwegſtriche durch Gedankenſtriche dem Leſer angedeutet werden.
Für die erhaltenen 242 fl. dank’ ich. — Eine Frage aber thu’ ich, die Sie — nach Ihrem gütigen Anerbieten — in eine Bitte ver - wandeln könnten, ob Sie nicht den Abſatz der Levana, dem zu 500 nur noch 60 Expl. fehlen, ſchon für vollſtändig und den 4ten Louisd. für nachzahlbar anſehen möchten, doch ſo, daß ich, im Falle die 60 noch nicht zur Oſtermeſſe würden abgeſetzt ſein, zur Entſchädigung durch Intereſſen oder ſonſt verpflichtet wäre. Die Anweiſungen erbät’ ich mir nach Frankfurt oder Augsburg (in augsburg. Current).
Noch eine, aber leichtere Frage, die blos Wahl unter Titeln betrifft. Ich will nämlich meine beiden luſtigen Erzählungen im Kriegskalender, dann meine ernſten Aufſätze in Schlegels und in Perthes Muſeum und höchſtens noch zwei poetiſche Aufſätze im Morgenblatte zu Einem blos politiſchen Bändchen von 14 oder 16 Bogen ſammeln, mit neuen Anmerkungen vermehrt — alſo zu42 einem Büchlein von 3 Beſtandtheilen, Scherz-Geſchichten, Betrach - tungen und Phantaſien. Soll ich nun daſſelbe — dieß iſt die Frage, die Sie als Buchhändler zu entſcheiden haben — als drittes der Herbſtblumine oder als ein eignes privatiſierendes mit einem Titel geben, der ſeine politiſche Richtung ausſpricht? Ich folge Ihnen.
Ihr lieblicher vorſiebenwöchentlicher Neujahrwunſch iſt freilich nicht in der Zeit einzuholen — vielleicht nicht einmal in der Zahl, wenn Sie mir in dieſem Jahre wieder ſchreiben — aber doch in der Wärme, mit welcher ich meine Wünſche für das Wol eines für die Literatur und mich gleich wichtigen Mannes und Freundes thue. Es geh’ Ihnen gut in der gelehrten Republik und in der landſtändi - ſchen Monarchie!
J. P. F. Richter
Ein Exemplar des abgedruckten Aufſatzes bitt’ ich für mich dem Morgenblatte für die hieſige Harmonie beizulegen.
Guten Morgen, Emanuel! Glückwunſch, Glückwunſch zum ge - bornen Knaben! Ich that einen Freudenſprung. Sagen Sie es Enzel und ihr. Gott ſei Dank, der auch Sie unter dem Winter - ſchnee der Geſchäfte eine Blume finden ließ.
Eure K [önigliche] M [ajeſtät] haben mir auf meine allerunter - thänigſte Bitte, für meine ſeit einigen Jahrzehnden fortdauernden literariſchen Anſtrengungen, deren Ziel und zuweilen deren Lohn höhere ſittliche Bildung war, zuerſt im Jahre 1801 d. 12ten Mai eine Anwartſchaft auf eine Präbende allergnädigſt zu ertheilen, und dann im Jahr 1805 den 18ten März ſolche auf meine erneuerte Bitte zu beſtätigen geruht.
Der Verfluß von 14 Jahren — die vermehrten Bedürfniſſe durch verfallenen Buchhandel und ertragne Kriege — das ununterbrochene Ausarbeiten äſthetiſcher und wiſſenſchaftlicher Werke — und die befeſtigten Hoffnungen und die Huld E [urer] K [öniglichen]43 M [ajeſtät] werden mich entſchuldigen, wenn ich es wage, die Bitte um die allergnädigſte Ertheilung der Präbende bei einem König zu erneuern, welcher Glück und Wiſſenſchaft noch über den glücklichen Kreis ſeiner Länder hinaus zu verbreiten ſucht und vermag u. ſ.w.
Der Glanz, der Sie und das Königreich umgibt, wird doch Ihr gutes Auge nicht hindern, in die dunkle Zeit hineinzuſehen, wo Sie mich gefunden. Auch werden Sie Ihrer gütigen Erinnerung an mich im September 1811, wo Sie mir die leider vom Kriege auf - gehaltene Unterſtützung verſprachen, ſich wieder erinnern. Schon im Jahre 1801 den 11ten Mai gaben Seine Königliche Majeſtät die erſte Verſicherung einer Präbende — und auf meine Bitten, im J [ahre] 1805 den 18ten März die zweite. Seit dieſen 14 Jahren, wo ich 7 Jahr um die Lea und 7 Jahr um die Rahel literariſch ge - dient, darf ich mir leicht Hoffnung auf die Präbende-Rahel machen, da zumal meine beſſern Werke nach dem Verſprechen der königlichen Gnade erſchienen ſind. Ja unter dieſer Zeit hat mir der König durch ſeine Siege eine Präbende ſogar — genommen. Ich verlor nämlich durch die Thron-Abdankung des Fürſten Primas meine auf deſſen Zivilliſte fundierte Penſion von 1000 fl., die erſte und einzige Fürſten - Unterſtützung meines vielſchreibenden und vielbändigen Lebens. Was mir nun zum Fortleben geblieben, iſt blos meine Schreibfeder, die aber in der buchhändleriſchen ecclesia pressa mehr Haarröhrchen als Saftröhre iſt. Ihrer Kraft und Güte übergeb’ ich denn ver - trauend meine Präbenden-Zukunft. Auch vor dem Könige hab’ ich meine Bittſchrift wieder erneuert. Zur vollendeten Geneſung Ihres Körpers, deren Nachricht mir Ihre Fräulein Schweſtern gaben, wünſch’ ich nicht nur Ihnen Glück, auch dem Staate u. ſ.w.
Auf dem großen Wege, wo Ihro D [urchlaucht] Länder retten, vergrößern und beglücken und wo mit Ihrem Glanze zugleich der Glanz eines Königreichs wächſt, wagt doch eine kleine Bittſchrift Ihnen zu begegnen und Sie um einen Blick zu bitten. Seine Ma -44 jeſtät der König haben mir im Jahr 1801 eine Anwartſchaft auf eine Präbende allergnädigſt zu ertheilen, und ſolche im Jahre 1805 auf meine erneuerte Bitte zu beſtätigen geruht, wie beiliegende Abſchriften bezeugen. Heute wagt’ ich es, vor S [ein] e Königliche Majeſtät mit der wiederholten Bittſchrift zu treten. Während des Abfluſſes der 14 Jahre haben weder Verfall des Buchhandels noch Druck der Kriege mich im Baue wiſſenſchaftlicher und äſthetiſcher Werke unterbrochen: eine Hoffnung, welche unter ſo ſchwierigen Verhältniſſen 14 Jahre alt geworden, darf ſich vielleicht ohne Vor - wurf zu großer Jugend dem großen Staatsmann nahen, welcher zugleich der Gönner und der Günſtling der Muſen in ſo ſchönem Grade iſt. Wenn es nicht zu großes Vertrauen auf die verzeihende Geduld Ihrer D [urchlaucht] iſt, ſo füg’ ich noch hinzu, daß ich die einzige fremde Unterſtützung meines blos ſchreibenden Lebens, eine Penſion von 1000 fl. aus der Zivilliſte des Fürſt-Primas, ſeit deſſen Thronentſagung verloren habe; und daß deren Erſatz noch auf die Entſcheidung der hohen Verbündeten wartet, welche zugleich für Gerechtigkeit und Wiſſenſchaft geſtritten. Mög’ es die überflie - ßende Güte eines warmen, auf politiſchen Höhen ſeltnen Herzens verzeihen, daß ich von meiner kleinen Angelegenheit zu einem ganz Europa angehörenden Staatsmanne geſprochen, deſſen, verdunkelte Zeiten durchblickender Geiſt zuerſt den Ariadnens Faden ſpann und reichte, an welchem man den europäiſchen Minotaurus beſiegte, und der jetzo die Ableitungkette europäiſcher Gewitter wurde! —
Mit tiefer Ehrfurcht u. ſ.w.
Guten Morgen, mein Alter! Hätt’ ich Sie doch geſtern geſehen! Nichts erquickt unter der Muſik — beſonders der erhabenen Orgel — ſo ſehr als der Blick in ein Freundes Geſicht. — Iſt Otto’s Geburttag am 9ten oder 10ten? — Woher haben Sie Ihre herrliche Dinte? Ich ſollte denken, von mir.
Guten Morgen, Alter! Ich habe dir nichts zu ſchicken als zum flüchtigen Anſehen des neulichen Zitats aus dem vortrefflichen Aufſatz45 über den Adel. — Abends kommt das Leibregiment des Königs zurück und bleibt bis Dienſtags.
Guten Morgen, Alter! Ihr ſchöner Brief war ſehr nothwendig; wenn er nur eben ſo verſtändlich geweſen iſt! — Doppelte Eheloſig - keit macht, wegen der weiblichen Hoffnungen, jede Freundſchaft recht ſchwer. Leſen Sie doch in meiner zweiten Herbſtblumine den Aufſatz über die Briefe der Lespinasse. — Dank für die recht brave Sulamith.
Das Leben iſt kurz — die Zeit eines Staatsmannes iſt noch kürzer — Bittſchriften ſollten daher am kürzeſten — und meine ſoll die allerkürzeſte ſein. Im September trug ich S [einer] K [öniglichen] M [ajeſtät] die Bitte um die Penſion von 1000 fl. vor, welche ich aus der Zivilliſte des Großherzogs von Frankfurt und Aſchaffenburg 1808 bis 1813 als die einzige fürſtliche Unterſtützung eines blos von der Feder und für die Feder lebenden Lebens empfangen habe. Darf ein Landeskind eine Penſion hoffen, welche aus einer ausländiſchen eine inländiſche durch Aſchaffenburgs Szepter-Wechſel wird? Ew. E [xzellenz] bitt’ ich um nichts als um recht ſtarke Partei - lichkeit oder um geiſtigen Nepotiſmus; denn Sie können keinen größern zeigen als wenn Sie die am meiſten befördern, welche die nächſten Anverwandten Ihres Geiſtes ſind, die Muſen. Möge der eben ſo gelehrte als wolwollende Staatsmann meine Bitte ver - zeihen und unterſtützen und dieſen Briefbogen zu den vielen Druck - bogen geſellen, die Er mit ſo vieler Nachricht geleſen! u. ſ.w.
Wenn Ew. [Exzellenz] meine erſte Bitte verziehen haben: ſo werden Sie auch deren Wiederholung vergeben. Vielleicht hab’ ich mir zu große Hoffnungen ſchuld zu geben, aber von dieſen iſt niemand ſo ſehr Urſache als Ew. [Exzellenz] ſelbſt, da Sie als Mäzen einer46 Akademie und nicht nur vaterländiſcher, auch ausländiſcher Gelehrten die ſchönſten einem Schriftſteller einflößen müſſen, der eben ſo viele Bücher geſchrieben als Jahre gelebt, nämlich 53, und welcher arm - geboren nicht mehr als Eine Feder zu Flug und Decke hat, nämlich die Schreibfeder. Möge die Güte Ew. [Exzellenz] es verzeihen, daß ich ein Auge, das auf der großen Länderkarte eines Königreichs meſſend und ordnend ruht, auf das kaum ſichtbare Pünktchen einer Einſiedelei zu leiten gewagt, um die Entſcheidung zu erfahren, mit welchen Hoffnungen ſich mein Jahr beſchließen ſoll, mit unerfüllten oder mit erfüllten.
Mit ſchuldigſtem Reſpekt
Wie wird ſich mein Emanuel freuen!
Guten Morgen, Alter! Geſtern bekam ich Jacobis Schriften und die Minerva; heute gar die Penſion. Könnteſt du mir auch eine ſolche Freude machen als ich dir hier mache! —
Dießmal muß ich dich noch einmal plagen, nämlich um Machen der Quittungen und überall um nähere Beſtimmungen, zu wem ich zu gehen habe ꝛc. ꝛc. ; es hat aber mehre Tage noch Zeit.
Dieſe Bouteille von meinem beſten ungariſchen Probe-Wein ſollſt du auf das Wol deines frühern Glaubens trinken.
Muß ich Dankſchreiben an König und Montgelas machen?
Leider gingen gerade vorgeſtern die Doppelbitten nach München ab.
Ich werde wol bei Hardenberg und Schuckmann die Erwähnung der Nicht-bezahlten Penſion widerrufen müſſen.
— Quittungen, worunter Sie ſetzen ſollen, daß ich weder ſeelig noch verdammt bin ſondern noch lebe und ſündige.
Ew. [Exzellenz] wiſſen die Furcht zugleich am Stärkſten und am Angenehmſten zu beſchämen und die Wiederholung einer Bitte durch die frühere Erfüllung derſelben zu beſtrafen. Empfangen Sie hier meinen gerührteſten Dank für nicht blos erhörte, ſondern ſogar übertroffene Hoffnungen. Aber am beſten dank’ ich Ihnen, wenn ich Ihnen — ſo weit der Abſtand der Kraft verſtattet — nachahme, nämlich wenn ich das Licht, das Sie durch Akademien und Schulen, durch Vereinigung und Belohnung heller Köpfe in die dunkeln und jungen ſenden, mit meiner kleinen Feder fortpflanzen helfe; das Licht, das, moraliſch wie phyſiſch, das köſtlichſte und kräftigſte Element der Erde bleibt, ohne welches jedes andere Element erſtirbt.
J. P. F. Richter
Ew. K [önigliche] M [ajeſtät] haben mich durch die allergnädigſte Erhörung meiner Bitte um die Wiederherſtellung der Fürſt-prima - tiſchen Penſion mit Dankbarkeit, mit Freude, mit Rührung erfüllt.
Wenn ich ſchon als Bürger des Königreichs die allgemeinen Wol - thaten der Gnade Ew. M [ajeſtät] dankend mit der Menge theile, ſo wird mein Herz noch tiefer durch die beſondere ergriffen, deren Sie mich einzelnen würdigen, und welche für die frühern Arbeiten in der Wiſſenſchaft belohnt und zu den zukünftigen befeuert.
Ein neuer Eifer und Dank widmet daher den Reſt meines Lebens dem huldvollen Landes Vater — dem Vaterlande — der Wiſſenſchaft — und der Welt.
Mit tiefſter Ehrfurcht
So vertrauend die Bitte vor Ew. K [önigliche] M [ajeſtät] tritt, ſo naht ſich Ihnen doch noch zuverſichtlicher der Dank, weil jene Ihr menſchenliebendes Herz oft betrüben, dieſer aber es allezeit48 erfreuen kann. Und meiner allergnädigſten Königin kann ich eine Freude bringen, nämlich den gerührteſten Dank für die huldreichſte Aufnahme und Erhörung meiner Wünſche einer Penſion. — Güte wie Schönheit können nur von ihren Ebenbildern belohnt werden; wo kann aber eine Königin dieſe näher finden als in ihren Kindern? Mögen Ew. [Majeſtät] noch lange und ohne die Trübungen des Zufalls in die verjüngten Spiegel Ihres Glanzes ſchauen.
Aus dem Verzeichnis ſoll er mir wieder mein Bücherſchmuck - käſtchen füllen, damit ich zu Weihnachten ein anderes beſſeres Schwarz auf Weiß ſehe als Koth auf Schnee — Die Brützeit der Kreuzſchnäbel, die jetzo beſſeres Futter haben, iſt meine Leſezeit.
Ihrer Durchlaucht bin ich zu berichten verpflichtet, daß in meiner Bittſchrift vom 5. Dec. l. J. die mit dem Präbendengeſuche nicht un - mittelbar zuſammenhängende Bemerkung über das Ausbleiben des Erſatzes der Fürſtprimatiſchen Penſion, einige Tage nachher zum Glücke ihre Wahrheit verloren hat, indem der König von Baiern die Fortſetzung dieſer Penſion wenigſtens „ bis auf weitere Verfü - gungen “übernommen haben.
Der Güte, der Weisheit, der Gerechtigkeit Ihrer Durchlaucht, — eine Triple-alliance, welcher Europa ſo viele Ausgleichungen des Erſatzes zumuthet und verdankt, — wird dadurch jede kleinere erſpart.
Nur die eigentliche und nähere Bitte um die von Ihrer K [önig - lichen] Majeſtät von Preußen zweimal zugeſicherte Präbende bleibt mit ihren Hoffnungen unverändert vor dem Fürſten ſtehen, [welcher] früher ſchon meine Bitten erfüllte, wenn ich ſie blos für andere gethan.
Guten Morgen, mein alter Emanuel! Nicht wahr, dieſes ſo höfliche Schreiben mit der närriſchen Geheimſchrift unten iſt von Montgelas? — Anbei folgt ein Nußknacker, den ich ſchon ſeit Jahren Ihnen zurück zu geben vorhabe; aber ſo iſt der Menſch.
Um den Brief bitt ich Sie wieder.
— Schon im Sommer erhielt ich ein Briefchen, welches — wie ſonſt Zwerge auf Ritterſchlößern den Rieſen — das Folio ankün - digte, das aber nicht eher kam als Ende Nov. mit einem 2ten Brief - chen — — Zueignung eines berühmten Arztes und Anatomen an einen dichtenden und ſcherzenden Schreiber, der Ihre beiden Titel nur in ſehr fernem und figürlichem Sinn zu erwerben vermag — daß wir die Wege der Natur am ſchärfſten auf ihren Irrwegen oder vielmehr Auswegen berechnen und überſehen können, wie Bewe - gungen der Himmelkörper aus ihren Anomalien. Gäb’ es lauter Geſunde, ſo wäre niemand unwiſſender als der Phyſiolog; und gingen nicht, würde Katzenberger fortfahren, mit den Krankheiten die beſten Pathologien unter und nur die elenden blieben lebendig?
Rathen Sie mir zu keinen Satiren gegen modiſche d. h. fliegende Thorheiten. Sie ſind vorüber gefahren, ehe man nur zum Bogen E oder gar zur Vorrede ſich hingeſchrieben. Die Wurzeln, nicht die Blätter der Narrheit muß man abreißen, da dieſe von ſelber fallen, jene von ſelber bleiben.
Empfangen Sie hier nicht blos meinen Dank für Ihr mich ſo belehrendes Geſchenk, ſondern auch den Ausdruck meiner Achtung für den Mann, der ſo ſchön die Gegenſätze des Wiſſens und des Dichtens nicht etwa in einem bloßen Indifferenz -, ſondern Durch - dringpunkt vereinigt. Denn ſeltſam genug iſt die neuere Theorie, welche gerade die Zuſammenſtrömung zweier Kräfte mechaniſch als Aufhebpunkte, anſtatt als wechſelſeitige Hebpunkte annimmt. In der Geiſterwelt iſt ja gerade der ſogenannte Indifferenzpunkt der höchſt-wirkende überall hin; und an den Polen gibts nur Geſchöpfe, in der Mitte nur einen Schöpfer.
4 Jean Paul Briefe. VII. 50Sie ſehen, ich wollte auf der vorigen Seite gehorſamer Diener ſagen; und kam doch in die jetzige herüber.
Ihrem Briefe ... fehlt nichts als zuweilen Kommata; ein fran - zöſiſcher Fehler. Das Streben nach Gutem iſt ſelber ein Gut und Sie haben, weil Sie ſuchen; nur wollen Sie nie das Gute, wornach Ihre Natur trachtet, es ſei Wiſſen oder Thun, um des Glanzes willen, der es begleitet. Das Höchſte muß für ſich ſelber und als Zweck erwählt und nur das Gemeine als Mittel gebraucht werden. Alles Gute muß geliebt werden wie eine Geliebte, der man an und für ſich, nicht aber weil ſie andern gefällt, oder weil mit ihrem Beſitz zu glänzen iſt, Herz und Leben weiht. Zur Stärkung gegen den glanzſüchtigen Zeitgeiſt gebrauchen Sie die Eiſenkur von Plutarchs Biographien. Bei den Alten war „ Verſtand nicht von Gemüth “geſondert. Sprechen Sie von keinem „ Mangel an genialer Leichtig - keit “. Der größte Genius hat etwas das ihm ſchwer wird und ſogar ſeine ſcheinbare Leichtigkeit iſt oft die heimliche Tochter einer langen Mühe. Leſen Sie nur, wie furchtſam und mühſam ſich Göthe hinaufgebildet oder wie Rouſſeau oder wie Friedrich II. Früh - zeitige Leichtigkeit wird ſpätere Schwerfälligkeit ... Verzagen und übereilen Sie nicht; eine fleißige Jugend iſt lang, nur eine faule überkurz.
Hier, mein Guter! — Aber Geld ſchicken Sie mir nicht. Wir wollen ſchon darüber reden. — Schon in der vorigen Woche macht’ ich C [aroline] die große Freude mit dem ſo lange erwarteten Meſſias oder Schreibſchrank. Sie hatte ſchon mit dem Langendorfer einen zu 25 fl. beſprochen; und jetzo hört ſie gar von einem à 3 Carolin ... Sie kann glücklich ſein. Ihre Maxime über Nützlichkeit der Möbeln leuchtet mir immer ſtärker ein; nämlich wahrhaft nützlicher, die das Leben erleichtern, nicht blos ſchminken.
Belehre mich doch, ob ich, wenn das Penſiongeld kommt — das auch da ſein könnte — Emanuel oder lieber Enzel etwas auf ½ Jahr zu nehmen anbiete. Mach’ ich jenem nicht zu viele Ge - ſchäfte, oder kann ers eben zu dieſen gebrauchen? — Da ich merke, daß der Menſch ausgeliehenes Geld gar nicht mehr anſchlägt, ſon - dern nur die Zinſen, und mithin dadurch verflucht geizig wird: ſo will ich weniger verleihen und mehr auf Sachen wenden. — Ich bringe eine ſchon lange gepflegte Bitte. Du kannſt zwar zwiſchen mir und Emanuel wählen; aber eben darum könnteſt du auch mich wählen, wenn ein Fall einträte, wo deine geizigen Empfänger dir durch Zögern unwillkürliche Anlehen abnähmen. Meine Kaſſe ſteht dir zu jeder Zeit und Summe offen, da ſtets 500 fl. ganz unnütz da liegen, ſo daß ich gar kein Verdienſt habe bei dieſem Platzwechſel, aber wol den Genuß. Thu’ es alſo, alter Herzens Freund! — Das mitkommende, zu ſpät vor deinem Geburttage angefangene Uhrband will dir Emma, weil es ihr mislungen ſcheint, nicht geben. Aber ihr Wille verdient ſchon, daß du es annimmſt. — Thürheims Brief haſt du noch.
N. S. Mit Mühe hab’ ich den Weibern das ſehr unſcheinbare Uhrband abgequält; denn ich kenne dich beſſer.
Guten Morgen, mein Emanuel! Was helfen Ihnen Wälder und Felder, wenn ich dieſe ab -, jene ausweide? Rechten Dank! — Aber ſehen möcht ich Sie wol endlich!
Sei froh, daß ich dir lange nicht geſchrieben; denn in meinen Briefen will ich immer etwas haben, z. B. in dieſem einen Höfer Stollen ... du aus meiner Höfer Vergangenheit Stammhalter und Nachflor ... Es gehe dir wol und die Einquartierung bleibe in der4*52Kaſerne! (Ich muß jedes Jahr — ſo dick werd’ ich — ein Pferd mehr vorſpannen laſſen.)
Guten Morgen, Otto! Hier ſchick ich dir aus der Harmonie Krauſens Verſündigung an den Fantaſieſtücken, denen ich, nach der Leipziger L [iteratur] Zeitung, ſogar nicht Lob genug ertheilt haben ſoll, wie nach jenem zu viel. Den vierten Theil (die drei erſten hatt’ er von mir) haſt du erſt und er will ihn übergehen, ſagt der Redliche.
Guten Morgen, gutes Neujahr, Alter! Am Ende iſts mir lieb; denn zu viel Geld wäre doch vielleicht meinem Schreibfleiße ſchädlich geweſen. — Den 16ten Dec. ging mein zweiter Brief an Hardenberg mit der Penſionnachricht ab; den 21ten wurde dekretiert. — Ein Baier zu ſein, konnte auch nicht viel für mich ſprechen.
Sei doch ſo gut und antworte mir mit Einem Worte auf meine neuliche Frage: ob Emanuel es übelnimmt, wenn ich zwar ihm, aber auch Enzel leihe.
Guten Morgen, Spaßvogel und Ernſtphönix! Es iſt das Wit - zigſte und Wahreſte, was ich ſeit langen von Ihnen geleſen. Oestrei - cher kann nichts übelnehmen, ſondern blos Sie näher und ſo kennen lernen, wie ich Sie immer geſchildert.
Preußen hat mir die Penſion abgeſchlagen; aber aus vielen Gründen bin ich mehr zufrieden damit als unzufrieden. Zu viel Geld ſchadet mehr als zu wenig.
Guten Morgen, Alter! Hier allerlei Briefe, wovon Sie die Verfaſſ [erin] vielleicht ſo wenig errathen können als ich, ob gleich53 Ihr Name darin vorkommt. Sie muß in der Schweiz oder bei Thieriot geweſen ſein. — Dieſer Stollen iſt trotz ſeines Umwegs über Nürnberg (denn Sonnabends war er hier) doch ſo gut, daß man Ihnen ihn vorſetzen darf.
Guten Abend, Lieber! Der Dankbrief iſt recht — geben Sie mir nur recht viele der Art —, aber der Klagbrief iſt zu verächtlich von einem Schullehrer; doch Ihre Antwort die kürzeſte und beſte. — Wollen Sie zu dem Augsburger Wechſel noch ſo viel annehmen, daß 1000 fl. rh. daraus werden? Oder ſonſt einen Ihrer Wechſel in eine runde Summe verwandeln? Ich ſtehe zu allem froh bereit; wage nur aber ſchwer, Ihrem Geldtragen noch ein Pfund aufzu - bürden.
Guten Morgen, Nachbar der Gaſſe, des Herzens und der Ge - danken! Denn ich meine eben das Verleihen. Hier 1000 fl.*)10 fl. bekomm’ ich wieder heraus. Ja wol geben Sie Otto die Briefe. auf ½ Jahr. — Ihre über die Liebe ſind witzig und treffend.
Guten Morgen, ungedruckter Armenfreund! Hier beides Ver - langte! — Was für einen Kreuzerſtempel (und wo) nehm’ ich für die Quartalquittung der Penſion? Kann ich nicht die 3 Monate in Einer Quittung abthun? Der immer im halben Trunk ſprechende Dieterich hat mich nur halb belehrt.
Ideal - und Normal-Stollen. — Die meinige — ſonſt die ſchärfſte Rezenſentin und Fiſkalin des Gebäcks — kann nichts ſagen als: köſtlich!
Guten Morgen und Dank, mein Emanuel! Die Unterhaltung - blätter ſchickte mir bisher der Verleger unbegehrt; ich ſchrieb ſie aber geſtern ab, weil er mich zum Mitarbeiter beſtechen will. — Nun jetzo führt der gute Seligsberg ſeinen Namen doppelt. —
C [aroline] bittet Sie um die Nachricht, ob und wann die Schwendler kommt.
Hier, mein guter alter nach jeder Abendunterredung mehr ge - liebter Emanuel, folgt alles zurück. Wie Recht haben Sie über den Erbärmlichen. Der Brief von Jette iſt mir der innig-wärmſte. Etwas heilig - und warm-Zartes liegt im Du-Antrage bei dem Lenetten-Antrage. Sie werden ſehr geliebt überall. Gute Nacht.
Guten Morgen, mein Emanuel! Darf man denn den Ruhetag mit einem Unruhabend beſchließen helfen? — Nur im gewiſſeſten Falle, daß wir heute nicht ſtören, will die Familie um 6 erſcheinen, und ich, damit ich auch zum Worte komme, um 7. Sie können ja aber, Guter, ſo gut verſchieben als wir es gethan.
Guten Morgen, mein beglückter Beglückender! Es iſt zweimal ſchön und ſelten, ein ſolches Teſtament vorzuſchlagen und es zu genehmigen. Trefflich ſind N. 4. 5. 6. 1. 8. 9. Nur den Art. 10 verſteh ich nicht ganz. — Meiner ganzen Familie hat die Nacht ſo gut bekommen wie der Abend; — ſogar mir. Dank!
Guten Morgen, Lieber! Hier den ſehr reichen Kronos, worin ſogar du Kenner den Aufſatz über Staatpapiere ſo finden wirſt. 55Nur muß ich dich leider um die Zurückgabe nach einigen Tagen bitten. — Die Ergänzblätter hab’ ich; aber du noch die L [iteratur] Zeitung.
Geliebter Heinrich! Welch’ ein ſtummer Sünder bin ich, zumal nach der Freude über die erſte bis vierte Leſung deiner Einleitung! Aber die Sünde des Schweigens iſt wie jede andere, ſchon, gleich der Blattlaus, mit einer langen Generazion ohne neue Befruchtung trächtig. — Und doch könnt’ ich mich mit den Leuten etwas ent - ſchuldigen, welche mir faſt jedes Vierteljahr Manuſkripte ſchicken und dafür Urtheile, Vorreden und Verleger verlangen.
Durchaus und innigſt eins bin ich mit deiner Einleitung und ich hänge dir von Jahr zu Jahr blos immer dichter an. (Schon aus der Nebenſtellung Baaders an Klopſtock, gegen welchen letzten du mich gewiß keiner Dulie und Hyperdulie beſchuldigen wirſt, hätteſt du mein Lob blos auf beider Kürze der Worte und Werke beziehen ſollen; wiewol ich den dunkeln, oft barbariſch-redenden Baader an den Stellen des Einleuchtens ſehr hoch achte.)
Rein und ſcharf haſt du von deinem Berge herab den Lauf der verſchiedenen Syſteme geſchieden und verfolgt. Hätten wir nur ein anderes Wort ſtatt der Vernunft, welche bald, ſubjektiv, Vernehmen und Anſchauen, bald, objektiv, Vernommenes und Angeſchauetes oder Idee bedeutet! Eigentlich glauben wir doch nicht an das Göttliche (Freiheit, Gott, Tugend ꝛc. ꝛc. ) ſondern wir ſchauen es wirklich als ſchon Gegeben oder Sich-Gebend; und dieſes Schauen iſt eben ein Wiſſen, nur ein höheres; indeß das Wiſſen des Ver - ſtandes ſich blos auf ein niedriges Schauen bezieht. — Man könnte die Vernunft das Bewußtſein des alleinigen Poſitiven nennen (denn alles Poſitive der Sinnlichkeit löſet ſich zuletzt in das der Geiſtigkeit auf und der Verſtand treibt ſein Weſen ewig blos mit dem Rela - tiven*)Dieſe Längen-Note ſetz’ ich nur ſo dumm her: die Indifferenzial - rechnung ſucht ja auch wie durch Gewalt, aus der endlichen 〈 relativen 〉 Differenz z. B. des Bogens und der Sehne in die abſolute Indifferenz beider zu kommen und rechnet nach dieſer; und am Zirkel als unendlichem Vieleck fällt die Sehne in den Bogen., das an ſich nichts iſt; daher vor Gott das Mehr und Minder56 und alle Vergleichſtufen wegfallen). — Sogar die Zufälligkeit muß ſich der Verſtand erſt von der Vernunft erborgen, denn jene ſetzt ſchon die Nothwendigkeit als ihren Gegenſatz, den aber nur die Vernunft feſtſtellt 〈 gebiert 〉, voraus, und der Zufall iſt blos eine Verſchleierung der Freiheit; oder die Nothwendigkeit wäre ſelber ein Zufall von Ewigkeit.
Treffend ſind deine Apollons Schüſſe auf den neueſten Schelling.
Genug! Leider ſag’ ich dir kein anderes wahres Wort mit allem als höchſtens dein eignes. So wollt’ ich z. B. noch ſchreiben, daß ohne göttliche Perſönlichkeit ja gar keine endliche, die doch keiner läugnet, zu Stande käme, oder dieſe wäre dann ſelber jene, oder eine Weltſeele, da jedes Selbbewußtſein höher und mächtiger iſt als ein ganzes blindes taubes Spinoza-All.
Die größte Beſchämung der Philoſophie des Verſtandes iſt die Scholaſtik — dieſe größere kantiſche Antinomiſtik — aus welcher man den ſchärfſten Skeptiziſmus als aus einer kritiſchen Eſſigmutter bereiten könnte. — Mein alter Haß gegen die Wortwelt-Weisheit ruht auf den Seiten 26, 27 etc. meines Clavis Fichtiana, die du ſammt der Zueignung an dich wiederleſen ſollteſt. — Iſt man ge - gründet wie du, oder durch dich: ſo findet man wahrlich mehr Po - ſitives — als bei jenen Wortweltweiſen — in analogiſchen Schlüßen wie die Herd [erſchen] vom Schmetterling auf die Unſterblichkeit, oder wie meine auf dieſe aus dem organiſchen Magnetiſmus. Wir ſollten eine ſolche Anthropologie des göttlichen Anthropomorphiſmus verſuchen. Iſt denn A [ltes] und N [eues] Teſtament etwas anderes als eine analogiſche Schlußkette des Poſitiven?
Die Form deiner Einleitung iſt klaſſiſches Philoſophen-Deutſch und für mich Ohrenzauber; deine philoſophiſche Sprache reift immer blühender und fruchtbarer an deinen Jahren. Reife ſie noch lange fort! — Eben ſo iſt dein franzöſiſcher Brief an la Harpe ein Sprach - wie Sachmeiſterſtück (Zum Glück war er mir noch ein neuer Reichthum) (Überhaupt iſt die franzöſiſche Sprache durch ihre feſte Wortfolge und ihr lateiniſch-ſcholaſtiſches Wörterbuch der Philo - ſophie gerade ſo dienſam wie der Dichtkunſt unfolgſam). Nur 2 mal ſtieß ich an. P. 517 erwartet man nach den Partizipien Ne regar -57 dant, ne connaissant etc., da ſie ſich auf raison, nicht auf désir beziehen, nach der Regel ſtatt notre désir etc., vielmehr elle est si peu touchée de notre désir etc. — Zweitens p. 520: Cet apperçu saisi, si: wie viele s-Laute und si-Laute und faſt zwei gleiche Partizipien!
Am Namenfeſte der lieben Königin [28. Jan.], die ich ſo gern wie eine Madonna im Engel - Nimbus ihrer ſchönen Kinderchen ſehen möchte.
Es iſt beſſer, ich ſchicke morgen den Brief fort, wenn anders das Geſchwätz einer iſt. Ich freue mich auf deinen 3ten Band. Traue dir lieber zu viel als zu wenig zu: ſo irrſt du weniger; und gib uns allen deine von mir geleſenen Aphoriſmen, welche wie Minerva ja ſo gleich feſt bekleidet aus deinem Kopfe gekommen ſind. In deinen Jahren muß man auf keine Jahre warten; ſogar ich thu’ es in den meinigen nicht, ſondern arbeite und leſe, in der Berechnung meines noch kurzen Lebenreſtes, wie toll fort, um nur endlich an meine opera omnia zu kommen. Ach Gott! erſt im 53ten Jahre ſieht man ein, wie wenig Zeit man für die Wiſſenſchaften hat. Geſchichte allein — Mathematik allein — Phyſik allein fodern ein ganzes Leben, und dann kommt noch vollends das, was man nebenher ſchreiben will. Und doch gehör’ ich noch dazu unter die, welche ohne Amt von Auf - bis Untergang ſaßen und laſen.
Ich war nicht in Regensburg; in ſolcher Nähe hätt’ ich dem ziehen - den Magneten gewiß wenigſtens geſchrieben, wenn nicht gar gefolgt.
Dein Buch bekam ich erſt im Dezember.
Ein beſonderes Glück und Talent haſt du im philoſophiſchen Namengeben, z. B. das Weder-Noch, Weiſen Be-Weiſen ꝛc. Du ſollteſt öfter bei Feinden zu Gevatter ſtehen.
Im Frühjahr komm ich gewiß nach Regensburg.
Ich erwarte von dir keine Antwort, da du mir ohnehin ſchon die zweite ſeit heute ſchuldig biſt. Schreibe nur ſonſt.
Und ſo geh’ es dir denn recht wol in deinem hellen Abendrothe, geliebter Geiſt! Ich grüße herzlich deine beiden Deinigen.
Dein J. P. F. Richter
Guten Morgen, mein Emanuel! Am letzten Tage ihres vorigen Jahrs ſchrieb mir die gute Königin; und gerade heute macht Hilde - brand meine Büſte für ſie. Welden rieth es ihm. Andere Leute hier wollen mich, wie ich höre, auch auf, wenn auch nicht an ihren Tiſchen haben.
Guten Morgen, lieber Otto! Willſt du ſo gut ſein und mir heute — nicht eben jetzo — den Kronos ſchicken, den Oeſtreicher wieder - fodert. Die L [iteratur] Zeitungen kannſt du noch 8 Tage behalten. — Die Zwei: die Königin ſchrieb mir am letzten Tage ihres Jahres für heute, und heute fing Hildebrand meinen Kopf auf Welden’s Rath für ſie zu machen an.
Nürnberg allein bietet Ihnen deutſche Antiken genug an.
Mein guter Heim! Ich drücke Ihnen meinen Schmerz über den Ihrigen nicht aus. Nur die Zeichen meiner Theilnahme will ich Ihnen auf Ihr hartes, hartes Lager zuſchicken; — und dann zweitens meinen heiligen Glauben, daß, wenn ein Menſch große weder durch Herz noch Kopf verſchuldete Schmerzen trägt, derſelbe unendliche Geiſt, der in uns das Verbot, unverſchuldete zu geben, gelegt, auch ſelber dieſes anerſchaffne Geſetz befolgen müße — zumal da er nur allein, aber kein Endlicher die vergütende Zukunft in der Gewalt hat, — und daß daher Ihre lange Folterleiter nur eine ſpätere Himmel - leiter zum Erſatze und Lohne werden müße. Und ſo ſcheid’ ich von Ihnen, hochgeachteter und leidender Mann, zwar weinend, doch hoffend; und ganz gewiß wird es einen Ort im All künftig geben, wo Sie mir das Eintreffen meiner Hoffnung berichten.
59Richter
P. S. Und hat die Vorſehung Ihnen nicht früher die Tröſterin geſchickt als den Schmerz? Eine ſolche Tochter — Welcher Vater hat Ihre Freude? Sie ſelber wird gar nicht fragen: Welche Tochter hat meinen Schmerz? Denn alles löſet ſich auf in Ein Herz und ein Vertrauen der Zukunft.
Welche Schuld hätt’ ich durch mein Zögern auf mich geladen, wenn Sie mir nicht ſelber durch das Ihrige im Briefe vom 15ten März das Muſter oder die Entſchuldigung gegeben hätten, und wenn zweitens durch die größere Pünktlichkeit noch ein Abdruck für die Oſtermeſſe buchhändleriſch möglich geweſen wäre — Für die Michaelismeſſe hingegen iſt noch reichliche Zeit übrig, ſogar bei Verſtärkung des Werkes. —
Mit Freude und Schmerz bin ich Ihnen in Ihre Zeiten des kind - lichen Flors zurück gefolgt, ein ohne Wortſpiel doppelſinniger Flor, der der Blüte und der andere Flor, womit Gärtner oft ſeltne Blumen bedecken, damit keine Inſekten gemeinen Blumenſtaub auf ſie tragen. —
Am meiſten bewundere ich Ihre — gewiß für Ihr ſpäteres Glück zu übermächtige — Kraft der Reflexion, die ſogar durch das dicke Dunkel der erſten Jahre dringt. Hier iſt Ihr Buch völlig dem Leben Anton Reiſers (Moriz) ähnlich, und eben ſo nützlich. Eine ſolche misverſtandene Kindheit iſt das beſte Predigtbuch für den Erzieher. Freilich jedes Kind wird anders misverſtanden und verzogen und zerzogen; aber Ihre Geſchichte weckt und ſchärft überhaupt den Sinn für die Kinderherzen, was ſo nöthig iſt und ſelten; denn man fühlt ſich leichter voraus und hinauf als zurück und hinab; die Knoſpe fühlt ſich der Blume näher als dem Blatte. — Ihre Darſtellung ſelber iſt — einige grammatiſche Dintenflecken abgerechnet — rein, klar und ergreifend und die Geſchichte erfreuet mit allem Intereſſe eines Romans. — Vor Ihren ſpätern Jahren, beſonders denen der Liebe, fürchtet man ſich ordentlich; Ihr Leben muß ein tropiſches geworden ſein, voll Tages Brand und Nachtfroſt. Nur Ihre Reflexion wird60 zuweilen Ihre Leiden erleuchtet haben. Ein erhellter Schmerz aber wird ein begränzter; nur die Nacht iſt unendlich. — Gleichwol ſollten Sie nicht fragen: „ was hätte ich alles werden können? “ Jeder Menſch ohne Ausnahme kann dieſe Frage thun, ſogar ein ſo viel gewordner wie Goethe, wie Ihnen ſein Leben beweiſet. Im gewöhnlichen Menſchen liegen ſchon ſo viele und weit umher wach - ſende Kräfte, geſchweige im ungewöhnlichen, daß zum Vollwuchs aller Zweige und Aufbruch aller Blüten und Reifen aller Früchte ein ganzes Menſchenall und alle vier Jahrzeiten für ihn beſonders eingerichtet ſich um ihn ſtellen müßten. —
An Ihrer Erzählung wünſcht’ ich nichts geändert, nur an Ihren Noten die Zahl derſelben, da dieſe ſo trefflich ſind. —
Der Vorreden muß ein Autor nicht zu viele machen. Jedes Jahr ſchlage ich einige ab. Statt einer Vorrede zu Ihrem Werkchen will ich ſogleich nach deſſen Erſcheinung im Morgenblatt ein Lob deſſel - ben geben, was es noch ſchneller in Umlauf bringt, und von welchem Sie bei Ihrem Verleger im Voraus Gebrauch machen können.
Seit Jahren antworte ich keinen Unbenannten, weil ihr Vortheil über mich wirklich zu ſtark iſt, da ſie in der Nacht herausſehen auf mich im Tage und ich ins Blaue und Dunkle hinein antworten ſoll. Gleichwol hab’ ich Ihnen mit offnem Herzen geantwortet, weil das Ihrige, und Ihr Geiſt und Ihr Zweck mich zur Hingebung begeiſter - ten. Leben Sie wol. Möge ich bald mehr von Ihnen leſen. Gedruckt oder geſchrieben.
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Meinen Dank für Ihre Zellernüſſe — die aber Ihr guter Wein nicht als Folie nöthig hat — blieb ich ſo lange ſchuldig wie die Be - zahlung Ihres Weins, die ich erſt vorgeſtern — weil ich den Preis nicht wußte — an Ihren Reiſediener abgetragen .... Statt des Eimers immer vorher 12 Flaſchen dieſes anonymen oder unge - tauften Weins zu ſchicken, damit ich ihn meiner Geſundheit und meinem Geiſte — da ich nur des Schreibens wegen trinke — erſt anprobiere, eh ich den ganzen Eimer verſchreibe.
Guten Morgen, lieber Otto! Die Dobeneck ſetzt mich durch ihre Bezahlung in Geld faſt in Verlegenheit. Meine C [aroline] meint, ich ſoll gar nichts annehmen als künftig ein Geſchenk. Aber dadurch gewänne ſie nicht und ich verlöre. Hingegen will ich — da ſie mir zwei Rollen, jede mit 25 fl., und eine mit 22 fl. 45 kr. geſchickt und die Vorrede nur 24 Seiten beträgt — ihr die letzte Rolle (von 22 fl.) zurück ſenden, um nur 5 Ld. für den Bogen zu rechnen. Was ſagſt du? — Du brauchſt es erſt Nachmittags zu ſagen, wo ich ohnehin erſt ſchreibe.
Verzeihen Sie, daß ich Ihnen meinen Dank für das eben ſo er - freuliche als ſchmerzliche Geſchenk eines Buchs, das zugleich das bleibende aber leider auch letzte Denkmal unſers Verewigten iſt, erſt heute bringe. Aber noch dringender wend’ ich mich an Ihre Güte, mir die Zurückſendung eines Theils Ihrer Gabe zu verzeihen. Mein Beitrag beträgt nur 24 Seiten. Wahrſcheinlich nahmen Sie die Seitenzahl beider Vorreden für die meinige. Denn mit dem, was ich von Ihrer allzugütigen Sendung behalten, iſt dem Verhält - nis, das ich ſelber mit einem Verleger wie Cotta haben kann, mehr als reichlich genug gethan und mein Gewiſſen ſelber gebietet mir, ſogar auf die Gefahr Ihnen zu misfallen, die Zurückſendung des Überſchuſſes. Deſto herzlicher muß ich Sie bitten, Ihrer Güte nicht etwa eine neue Einkleidung zu geben. Die Vorrede [des] verewigten Geliebten wird Ihrem Herzen ein Abendroth des ſchönen vergan - genen Tages ſein.
Guten Morgen, treuer Alter! Wenn nur meine Freunde mich nicht mit Gaben zu ſehr überſchütteten, als wenn ich am Tage und ihrer Mit-Feier nicht mehr hätte als ſo viele hundert Menſchen! 62Denke die Spiele des Geſchicks: den 22. März 1768 ſtarb mein größter komiſcher Lehrer Sterne. —
Herzlich freue ich mich, guter Otto, dich abends bei der Schubert zu finden. Es gehe dir wol!
R.
Mein geliebteſter Emanuel! Wie ſchön leben und bleiben wir beiſammen! Vor vielen Jahren hätt’ ich an jenem dunkeln Abend am Krankenbette nicht eine ſolche Welt von Freuden und Liebe in der Knoſpe zu finden gehofft. Dank, altes Herz und ſchlage immer froher; und — wie ich ſehe — erfüllt auch Gott unſerer aller Wünſche für dieſes Herz.
R.
Guten Morgen, mein freundlichſter Emanuel! Unter allen an - kommenden Briefen ſind die Ihrer Seelenſchweſter mir die ſchön - ſten, hellſten, reinſten, ächteſten und wärmſten. Ich ſehne mich ordentlich nach ihrem Auge und Tone. Kann ſie keinen Stiefbruder gebrauchen? Sie könnte mich haben. — Und gerade ſo wie Sie, lieber Alter, mit der unbefangnen Ergießung, die an nichts denkt als an das Herz, in das ſie fließt, muß man an ſie ſchreiben. Gott hebt Ihnen einen reichen Frühling auf. — Die arme Renata! Solche Mutterſchmerzen hat ſie nicht verdient.
Im zurückgeſchickten Käſtchen war freilich nicht viel neues, wenn ich den ſchönen Dachziegel ausnehme. Viele Stillingiana ſind Dachziegel-Surrogate. Indeß brauchen wir vielleicht den Stein gar nicht, da das Käſtchen ſchon mit 16 Pfunden — ich hätte beinahe 16 Ahnen geſchrieben — fuhrwagenfähig wird. Auf der einen Seite begreif ich es leicht, daß Sie mir gar nichts Neues geſchickt, weil ich es für den ſchnellen Umtrieb allerdings immer viel zu lange be - halte; und ich werde am Ende meinen alten Vorſatz ausführen,63 1 Monat im ſchönen Bamberg zuzubringen, blos um, ohne den Fuhrmann und Tafeldecker Weber, friſches Manna zu genießen aus erſter, Ihrer Hand.
Übrigens können Sie, wenn nicht vom Schwer - ſondern vom Vollmachen die Rede iſt, ja ſtatt des Ziegels mit ziegelſteiner [n] en Büchern*)Z. B. mit den 4 letzten Bänden von Nikolais Reiſen und überhaupt mit Reiſen. das Dach decken. Ich bitte Sie, mir die Bücher nach der Priorität des Aufſchreibens zu wählen und mir die zuletzt ſtehenden nur zuletzt in der Noth zu ſchicken: ſo 〈 dann 〉 wird mein Tafeldecker kein Dachdecker ſein.
Ich grüße Sie und Ihre Gattin. Ihr ergebener Jean Paul Fr. Richter
Gibt es noch keine 6te Fortſetzung des Katalogs?
Möge der Jüngling — von welchem ich ſo viel hoffe — ſeines edlen Vaters würdig, aus der Nazionalſtadt Deutſchlands zurück - kehren mit unveränderter Wärme des Herzens und blos mit er - höhetem Lichte des Geiſtes.
Mein guter Alter! Lange hab ich Sie nicht geſehen. Ich ſchicke Ihnen — damit doch Sie etwas ſehen — den ſchönen frommen Brief Schuberts, den ich in Weimar an Herders Tiſche ſitzen ſah, als er glaub’ ich noch Primaner war.
Guten Morgen, mein Emanuel! Leider wird es mit dem guten Th [ieriot] ſo bleiben, daß alle ſeine vielen ſtarken Pferde theils64 hinter, theils vor, theils neben den Wagen geſpannt ſind und er nach allen Seiten hin fährt. Jugend-Armuth, die ihn nach Einem Geſchäfte hingedrängt hätte, wäre ſpäter Reichthum geworden. Es iſt nur noch ein Wunder, daß er den entſcheidenden Ziel-Schritt that, zu heirathen.
Spaßes halber — Guten Tag! — ſchick ich dir zum ſofortigen Wiederſchicken den langen Hagen’s Bericht, deſſen Abdruck Welden verbot — doch einen kurzen mit einem kurzen Lob erlaubte — und mein Blättchen an Hagen, worin ich ihm einen ſolchen kurzen Be - richt vorſpiele. Odilie ſoll warten auf dich.
Endlich einmal doch werd’ ich auf der Donaubrücke mich umſehen und zwar in der Mitte Maies. Nur muß vor allen Dingen in Regensburg daſein Du — als Oberhofmarſchall der Stadt, der mich überall einführt, beſonders bei dem Primas und der Taxis — folglich müßen beide auch da ſein; ſonſt können viele Leute fehlen ... Magd zum Kaffee - und Bettmachen und Bier - und Waſſerholen. Nur liege das Zimmerchen nicht dem Sonnenbrande gegenüber, ſondern lieber einem Speiſehauſe, wo öffentliche Tafel iſt; und wo möglich, ohne beſondern Lärm in den Morgenſchlafſtunden ... Einen Monat lang ungefähr werd’ ich dir um 2 Tagereiſen näher bleiben .... Langes Bleiben erſpart langes Schreiben. Daher ſchnapp’ ich hier ab, ohne viel noch zu reden von Staat und Kirche und Literatur und dem Teufel und ſeiner Großmutter.
Kann man beſſer zuſammen treffen als ich und Sie, nämlich mein Wein und Ihrer, welcher gerade ankam als ich von Ihrem letzten die halbe Flaſche vor mich geſtellt? .... Drücken Sie unſerm65 Flötenſpieler die Hand, die uns ſo viele Freude gegeben als manche kriegeriſche uns abgemäht.
Wenn Sie ſich nur unſers Geſprächs über Wolke und ſeine Kriegknechte erinnern, die ihn kreuzigen — aber nur zu ſchönerem Auferſtehen — wenn Sie nur meines Grußes an den ſinn - und herz - reichen Fr [anz] Horn — wenn, wenn: ſo brauch’ ich keine ſinne - reichere Sentenz zum Andenken herzuſchreiben als meinen Wunſch: es gehe Ihnen ſo wol als Sie ſelber wol gehen.
Den kleinen Nebel, der zwiſchen uns ſtand und der wie jeder Nebel vergrößerte, nur nicht das Beſte, blaſ’ ich leicht weg. Nicht das geringſte hab ich von jemand gegen Sie erfahren oder ich von Ihnen gegen mich; nur glaubt’ ich, meine Theilnahme an Grasers Siegen mache Ihnen keine ſonderliche Luſt, mich zum Sprechen aufzuſuchen; und dann ſucht’ ich, wie natürlich, [Sie] auch nicht auf. Hätten Sie aber nur etwas mit mir angefangen, etwa einen Zank — nämlich freilich nur einen metaphyſiſchen oder literariſchen — ſo hätt’ ich freundlich mitgezankt und Sie hätten gefunden, daß er — der Nebel — gefallen ſei. Nun jetzo liegt er auch und bedeutet demnach ſchö - nes Wetter.
Ihr ergebenſter J. P. F. Richter
N. S. Hier folgen mit Dank die Journale; noch 4 Stücke aber hab’ ich. Am Sonnabende eſſ’ ich mit Graser auf dem Branden - burger. Sind Sie auch dabei?
Guten Morgen, mein Emanuel! Immer erfahr’ ich von Ihrer Abreiſe an Tagen, die ich für die Ihrer Ankunft halte. Sie brauchen5 Jean Paul Briefe. VII. 66keinen Segen an den Orten, wohin Sie einen bringen. — Ach Ver - zeihung, Guter! Kanne gefällt mir gar zu wol und ich habe ihn noch nicht durch ſo wie auch die Sulamith nicht. Kanne hat außer - ordentliche Schreibkräfte und es iſt recht Schade, daß er jetzo einige davon ans chriſtliche Kreuz ſchlägt. Reiſen Sie ſeelig!
Guten Morgen, Alter! Ob es gleich für die Unſichtbarkeit einerlei iſt, ob Sie Eine Meile oder 30 M. entfernt ſind: ſo ſpür’ ich doch Ihre Reiſe ſchon voraus. Wie lange bleiben Sie fern? Nach vielen Anzeigen bereitet ſich das Wetter zu einer langen Schönheit, obwol langſam. — Dank für Kanne, der gegen das Ende etwas ermattet aber doch ſeine chriſtlichen Zwecke erreicht. — Wollen Sie das Hingeſchmierte für Hagen durchfahren?
Hier, mein guter Emanuel, ſend’ ich Ihnen, noch ehe Sie im immer ſchöner aufblühenden Wetter die Flügel aufſpannen, dieſen erfreulichen Brief, um welchen ich Sie heute zurück bitte zur frühern Antwort. So lieb mir die Folgen meines Briefs ſind, ſo ſchreib ich jetzo eben darum ſelten einen, weil man einen falſchen, nämlich einen größern Werth darauf legt als ich. Am Ende ſoll ein Verfaſſer des Titans ſein Waſſer 5 Akte lang im Schauſpielhauſe halten und keine Blaſe haben.
Ihr Brief hat mich ſehr erfreuet auf doppelte Weiſe, durch die Menge angenehmer Nachrichten und angenehmer Einfälle zugleich; er iſt eine Schöne im ſchönen Kleide .... Gern erlaub’ ich dem Verleger einen diſkreten Gebrauch meines Urtheils über Ihr Buch; denn meine Wahrheiten in Briefen nehm’ ich nicht vor dem Publi - kum zurück und Ein Menſch iſt ſo viel als die Welt ... wünſch’ ich Ihrem Leben heitern Himmel, aber blos viel Morgenſonne,67 die Sie ohnehin durch Ihre Brenngläſer zu einer Mittagſonne machen werden.
Dem Napoleons Muſeum nahm man die Werke und ließ ihm die Rahmen, und das mit Recht; denn er wie ſein Volk iſt doch nur lauter Rahme.
Zum Andenken unſerer geſtrigen Stunden, lieber Burſy, ſchriebs Jean Paul
Mein Alter, dem ich ſeit einigen Tagen noch eine längere Lobrede ſchreibe obwol eine ungehörte! Gut! Das kirſchhölzerne Tiſchchen von 4 fl. nehm’ ich, wenn es in Ihren Augen geſchmackvoll iſt. — Aber wie könnt’ ich Ihnen über die alte mir ſo unbekannte, ungeſehene Jungfer auch nur den kleinſten Vor - oder Nachwink geben? —
Guten Morgen, mein Emanuel! Alles recht und faſt zu gut geſchrieben bei ſo vielem Schreiben. Noch beſſer iſts, daß Sie Ihre Briefe kopieren. So können Sie künftig Ihr Leben ſo oft wieder - holen als Sie wollen. Ich weiß keine genauere Lebengeſchichte. Kanne’s Brief hatten Sie mir ſchon geſchickt. Hätten Sie lieber das ganze Billet eingerückt. — Sonntags reiſe ich. Sie wiſſen alſo das Wetter; aber ich noch nicht den Fuhrmann.
Hier, mein Alter, haſt du den Beitrag für den Cottaschen Kalender. Die Leſer wie gewöhnlich werden ſagen: „ nun im heurigen Jahre liefert er noch etwas Herrlicheres als im vorigen. “ Nicht einmal das von weitem ähnliche war zu geben. Es laufe denn in ſeiner Dünnheit hinaus. Gebrauche aber alle Strenge des Urtheils. Am Sonnabend muß es fort; am Sonntage ich nach Regensburg. Daher ſchicke mir morgen auch Wolke wieder.
Verehrter Deutſcher! Ihre drei Briefe hab’ ich erhalten, alſo drei Freuden (Ihre frühere Schrift an Alexander aber nicht). Vor allen Dingen die nähere Nachricht über Ihren und meinen Rezen - ſenten in der Jenaischen Literatur-Zeitung! Er heißt Christ. Sigism und Krause, und iſt hier als „ quieſzierter “Kammeraſſeſſor. Seine Schriftchen (nicht Schriften), von Meusel aufgezählt, ſind alle knurrenden Inhalts, er iſt ein Kampfhahn, der nur hackt (in England werden die Kampfhähne mit Feder meſſerklingen bewaffnet), aber nicht zeugt. Ihren Anleit hatt’ er von mir, der ich ihm Dienſte aller Art erwieſen — wechſelte lange Streitbriefe mit mir darüber*)wiewol ich übrigens nicht in allen Punkten ſein Gegner bin, aber überall in ſeiner Keifweiſe, ſie auszuſprechen. — foderte endlich alle zurück und ließ ſie drucken. Darüber brach ich mit ihm. Dieſer Bruch ſagte ihm das Urtheil über mein Museum in die Rabenfeder. Das Billet eines Jemands über den „ Befrucht - hut “(was alles in der Rezenſion vorkommt) iſt das meinige und meine botaniſche Schutzwehr in dieſem Pünktchen iſt Blumenbach. Ich könnte folglich dieſen Krause, der überall das Bittere noch mit Perſönlichkeiten vergiftet, geradezu nennen und ſatiriſch zerreiben, wenn die gelehrte Welt etwas dabei gewänne. Ich erduld’ es aber ruhig. **)Nur in einer Note im 2ten Theil meiner Herbſtblumine und in einer im Morgenblatte hab’ ich öffentlich gegen ihn und für Sie geſprochen. Übrigens iſt er ein leidenſchaftlicher Liebhaber meiner Werke, noch mehr aber Adelungs, der Franzoſen, der Glattſchreiber,69 und — Napoleons, ein Feind aller Wunder, Geiſter, ein ꝛc. ꝛc. pro - ſaiſcher Proſaiſt, wie man „ poetiſche Poeten “hat. Wie die Männ - chen aus Hollundermark am Kopfe mit Blei bedachet, ſo können Sie ihn heute ſo oft aufſtellen (nämlich widerlegen) als Sie wollen, morgen ſteht das Männchen doch wieder auf dem ſchweren Kopfe. Übrigens iſt er nur im Schreiben biſſig — daher ich zuletzt kein Handbriefchen mehr von ihm annahm —, aber im Leben und Sprechen ſanft, gemäßigt und von vielen Seiten ſeines Gemüths ſehr achtbar. Er hat zwar Kenntniſſe mehrer Sprachen, aber nirgend tiefe, ſondern mäßige, doch nicht ſeichte ... Nur Ihnen zu Liebe ſchrieb ich dieſe langweilige Nachricht. Übrigens aber ſteht Ihnen das Nennen ſeines Namen frei; ſeine Unſichtbarkeit hat er durch ſeine perſönlichen Anſpielungen verwirkt. *)Er ſelber behält ſich den Alleinhandel des Neuerns vor: ſo ſchreibt er blos mit lateiniſchen Buchſtaben — kein ph, kein ß, kein th ſondern Tât, Rât, muſſ, mü ſen, daſſ.
— Ach wie viel hätt’ ich nun erſt zu antworten! — Das Unken der deutſchen Sprache (die ungs, wovon uns im Lateiniſchen das einzige quincunx ſo auffällt) werf’ ich, aber mit beſcheidener Frei - heit und mit eben ſo hoher Ehrfurcht für Wirkung, Ausdruck und Dichtkunſt als für Sprache, in allen meinen Werken heraus (zumal in den künftigen op. omn.), ſo auch Fremdwörter; nur aber ſolche nicht wie z. B. Antike, um welche ſich ein ganzer Bienenſchwarm nicht anders zu erſetzender Nebenbegriffe hängt. Statt Ihres „ Höchſtſchön “oder „ Denkſchönbild “für „ Ideal “würd’ ich lieber Höchſtbild oder Höchſtdenkbild vorſchlagen, da es ja Ideale auch im Wiſſen, Handeln und Teufeln gibt. Der Dichter muß am meiſten das Ohr ſchonen und kann alſo ſchwer ſagen, z. B. die „ Hoffe “(warum nicht lieber Hoffnis); weniger hat es nöthig und mehr kann wagen und einführen der Wiſſenſchafter, der Scherzmacher.
Im künftigen Monat bin ich in Regensburg. Lieber ſollt’ ich zu Ihnen reiſen als Sie zu mir, da ich in Ihrem Sprachſchatzberg - werke nur den Haſpel drehen kann, Sie aber das Erz finden und födern. Beſſer reiſeten Sie vielmehr nach Freiberg zum trefflichen Werner, welcher (ſeltſam genug) für die vorige Allegorie zugleich das Bildliche und das Unbildliche hergab; denn ich brachte einmal einen ganzen Abend mit ihm im Zuhören ſeiner Abhandlung über70 die geiſtige und mimiſche Bedeutung der Lauter und Mitlauter nach Fuldaiſcher Anſicht zu. — — Mein Papier iſt zu Ende und kaum bin ich am Anfange. — Fahren Sie nur fort, Deutſch-Begeiſterter! Wie wurden Campe’s Sprachreinigungen verlacht und verunreinigt! — Und doch ſiegt er jetzo weiter. Sie werden noch weiter und breiter ſiegen und auf Ihrem Grabe werden einſt deutſche Eichen ſtehen und wurzeln. Jetzo aber kann Sie niemand belohnen als der Gott in Ihnen und Gott über Ihnen.
Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, mein Emanuel! Wollen Sie mir nicht Wolkens Brief und Zorn zurück ſchicken? — Geſtern hab’ ich an ihn geſchrie - ben und ihm Krause genannt.
Guten Morgen, Lieber! — Hier meinen Wetterpropheten, worin Scherz und Ernſt ſchnell durcheinander laufen. Die mit grüner [Dinte] durchſtrichne Nachſchrift hat meine Emma hinzugethan, deren Funken - und Bildergeiſt du im beigelegten Briefe noch ſtärker findeſt. Max ſollt ihn lieber haben. — Den Merc. surv. kannſt du ſogar ſtehlen, ſo wenig bemerkt Hagen etwas; daher findet er auch nichts. Ich will ſehen, ob er das verlangte Blatt findet. — Um den Kronos will ich den Pfarrer bitten. — Bei Rollwenzel war ich noch nicht. — In Culmbach iſt eine magnetiſche Prophetin.
Was iſt einem Prieſter zweier Göttinnen, der Dichtkunſt, welche die Seelenwelt, und der Malerei, welche die Körperwelt verklärend wiederholt, noch zu wünſchen? Blos ein Tempel, wo er ihnen un - geſtört opfern darf.
Schönheit iſt Goldſtaub und 〈 der 〉 ſchimmert und ſchmückt; Geiſt iſt Blütenſtaub und 〈 der 〉 fliegt unſcheinbar und erſchafft Ernten.
Die Tonkunſt iſt die Heilige, die Madonna unter den Künſten; ſie kann nichts gebären und darſtellen als das Sittliche. Seelig iſt eine Prieſterin dieſer Madonna und ihr Geſang iſt nur ein anderes Gebet.
Noch ſchöner als die weichſten Rührungen ſind feſte Grundſätze; der Thautropfe iſt ſo glänzend wie der Diamant; doch ziehen wir dieſen vor, weil er dauert und fortglänzt.
Baireuth d. 14. Jun. 1816Zum Andenken für die vortreffliche Mutter, die nach dieſer Anſicht er - zieht. — Von Jean Paul Fr. Richter
Guten Abend, Alter! Sei ſo gut und ſchicke mir morgen den Aufſatz zurück; er ſoll morgen fort, ſchon des Junius wegen; auch geht erſt mit ihm der Taſchenbuchaufſatz. — Oestreicher will den Kronos vom Gr [afen] Giech für dich verlangen. — Vom Blatt des Merc. surv. muß ich dir einen mündlichen Auszug verſchaffen, weil Hagen (mit myſteriöſer Mine) mir ſagte, gewiſſe Blätter (worunter auch meines für den Beobachter gehörte) bekomm’ er von einem Gewiſſen nicht zurück. — Haſt du nicht noch Schuberts Brief?
Guten Morgen, Alter! Habe Dank! Du haſt mir in Rückſicht Kretſchmanns ein Geſchenk gemacht. Glücklicher Weiſe wurd’ ich72 von Wangenheim hinlänglich ausgelacht. Ich ſetze ihn denn ſo hinein: „ und meinen großherzigen Freund, den damaligen Kammer - präſidenten W. ꝛc. “ Er kann jetzo ein Lob ſchon gebrauchen.
— Alle deine Verbeſſerungen konnt’ ich verwenden.
Endlich einmal, guter Cotta, finden wir uns wieder auf der Papier - diele. Der Aufſatz für das Taſchenbuch mußte auf den Propheten für das Morgenblatt warten.
Letzten wünſcht’ ich recht ſehr ſo abgedruckt, daß man ihn un - zerſtückt in Einer Sendung erhielte. Auch möcht ich wol um Ein Exemplar (den Sendungen hieher beizulegen) bitten, wenn Sie es nicht vergäßen. Doch will ich deßhalb eine Nachſchrift machen. —
Zu Oſtern wünſch’ ich — Sie müßten es denn zu Michaelis möglich machen können — einmal wieder etwas Kleines von 14 Bo - gen zu geben, da das Große noch nicht fertig iſt, nämlich unter einem neuen Titel die Sammlung meiner politiſchen Aufſätze in Perthes und Schlegels Muſeum, und die beiden Erzählungen im Kriegs - kalender. Neues könnt ich allerlei dazu thun. Ich bitte Sie um Ihr Antworten.
Leben Sie wol, lieber Cotta! Ihr Jean Paul Fr. Richter
N. S. Ich brauche vielleicht gar keine Nachſchrift wegen des Be - wußten zu machen.
Guten Tag — wenn einer zu haben iſt — Alter! Sei doch ſo gut und ſuche mir die Baireuther Zeitung, auf deren zweiten Blatte die Weiſſagung des Erdendes ſteht, die jetzo ſammt dem Regen die Leute peinigt. Der Rektor Seemaus ſchreibt darüber im Morgen - blatt an mich. Es iſt möglich, daß man lacht.
Willkommen, guten Morgen und alles, mein Emanuel! Ihren Brief hab ich leider nicht erhalten. Meine Reiſe verſchob der Wolkenhimmel auf dieſe Woche oder die künftige ſpäteſtens. — Den Eschenmair ſchenkte mir Cotta. Herrlich, daß Sie froh geweſen.
Guten Morgen, mein Emanuel! Hier ſchick’ ich Ihnen meinen Kunſtriemen zum Probieren, der meine Federmeſſer ſo gut macht wie Ihre Federn ſind. — Reichard iſt mir recht lieb, weniger zum Reiſen als zum äſthetiſchen Exzerpieren. — Wangenheims Büchel - chen hatten Sie mir ſelber an Otto zu ſchicken geſchrieben. — Sie ſollten ſich für unſere nächſte Zuſammenkunft einen Diſkurszettel machen.
Guten Morgen, mein Emanuel! Ich bitte Sie — ſo fang’ ich immer an — um den 1ten Theil des Siebenkäſes auf 1 Tag. Killinger, der mir ſehr gefällt, will die Rede des Todten Chriſtus leſen, wovon gerade einige Blätter in meinem Exemplare fehlen, weil die Lochner ſie ins Franzöſiſche übertragen wollte. Das Verlieren iſt auch ein Übertragen. — Wann ungefähr waren Sie in Stuttgart (da mir Cotta ſo lange Antwort ſchuldig iſt)?
Guten Morgen, Otto! Du wirſt mir ſchon den Gefallen thun und mir den erſten Theil deines Siebenkäs heraus graben und zu Tage födern, da meiner bei Leſerinnen eine kleine Blättermauſe gehabt.
Guten Morgen, mein Alter! Herzens Dank für die Herzens Denkſchrift, die mich ſehr gerührt. G. hätte verdient, mit Ihnen zuſammen gelebt zu haben. — Jetzo will wieder die Knebel den ſchon oft begehrten Siebenkäs. Darf ich denn auch meine Bitte wieder - holen? — Wir beide halten uns lange in Frankfurt auf; nächſtens will [ich] zu Ihnen, damit wir von da fortfahren.
Guten Abend! Lieber Alter, faſt morgen abend möcht’ ich lieber kommen, da ich geſtern in der Eremitage war und heute in die Harmonie faſt muß. Können Sie aber morgen [nicht]: ſo nehm ich jeden andern Tag mit Vorausdank an.
Meinen Dank für Ihr Schauſpiel muß ich mit der Bitte um Verzeihung des langen Behaltens anfangen. Denken Sie ſich die Sommer - und zugleich meine Arbeittage: ſo bin ich entſchuldigt.
Legen Sie wenigen Werth auf mein Urtheil, das eigentlich nur eine Empfindung iſt, da das Drama weit von meinen Anlagen und Kenntniſſen abliegt.
Zu loben iſt an Ihrem Werke leicht; — z. B. der ungekünſtelte, leichte Sprach - und Versbau — der ungezwungene Auseinandergang der Geſchichte — die Darſtellung mancher zuſammengeſetzten Hand - lung, z. B. S. 57 — ſogar Ihr Scarron, den ich nicht ganz heraus - wünſchte, wie Ihre Abkürzungen — Ihr lyriſches Feuer an ſo vielen Stellen — und das Schönſte, das Sterben der Heldin, beſonders die Erſcheinung der Pilgerin.
Darum aber ſind die nachherigen Engel und das Glänzen, ſo wie ſpäter die erſt andern Geſchichten abgeborgte Taube, ſammt Cranmer’s unverſehrtem Herzen, Überladungen. Das einzige eiſerne Kreuz auf der Bühne muß die Phantaſie ächt tragiſch ergreifen.
75So überbietet die Zeile „ er wirds wol machen “S. 119 die längſten Reden der Heldin. An dieſen eben ſtieß ich mich faſt überall; faſt überall ſpricht (auch hinter Ihren ſpätern Abbreviaturen) Jeanne viel zu lang — und viel zu lang ſind alle Unterredungen der Fürſten und ihrer Leute, welche eine öffentliche Aufführung ſehr erſchweren oder ihrer Wirkung berauben. Auch kommt die Handlung mehr immer nur als vergangen denn als geſchehend vor die Seele. Den Nachtheil des vielen Erzählens müſſen Sie durch Abkürzungen wenigſtens mindern. Gegen das Ende hin wächſt von ſelber das Intereſſe; um ſo mehr iſt dem Anfange durch forteilende Kürze eines zu geben.
Zu einzelnem Lobe und Tadel fehlt mir Zeit und Recht. Wenig - ſtens hab’ ich, ſo gut ich gekonnt, hier Ihren Wunſch erfüllt.
Ihr poetiſcher Genius bleibe Ihnen immer nahe und reiche Ihnen ſeine Blumen und Früchte in ſo manchen Wüſten des Lebens!
Mit wahrer Hochachtung Ihr ergebenſter Jean Paul Fr. Richter
Mein alter guter Emanuel! Den Nachtiſch meines geſtrigen Tages darf ich doch nicht wieder zum heutigen machen. Geh’ ich in die Harmonie — wie ich der Nachleſen wegen muß und auch wegen eines Wortes an Ammon — ſo komm ich (nämlich bei Ihnen) zu ſpät und gehe zu ſpät. Ich will mir unſere Freudenreiſe nicht ſo bänglich zuſchneiden, ſondern einmal gerade zu um 7 Uhr anlangen und gemächlich ſitzen bis 9. Und dann können Sie es ja auch wieder ſo machen. Dank für die Blätter, zu deren Durchblättern mir nicht Zeit genug blieb.
Nicht die Gluth allein, ſondern die Ausdauer brütet der Welt die rechten fortlebenden Thaten aus; aber ſo Manche mit der76 tugendhaften Brutwärme haben den Fehler, daß ſie Eier kalt werden laſſen, um nach Nahrung herum zu fliegen.
Dem freundſchaftlichen Dreiklang Ammon Grahl Zeschau der ſich wechſelſeitig 3 Feiertage oder 3 Himmel bereitet, geb’ ich hier auf deſſen Wunſch meine Handſchrift und meine Hand dazu zum Angedenken.
Mein Theuerſter! Wie hat mich Ihre Nachricht ergriffen, die eine ganze neue Welt aufthut! Geahnet hatt ich wol und daher ging ich immer mit Ihnen auf Reiſen. In dieſem Jahre hab ich alſo die freudigſte Nachricht gehört. Rührung und Liebe empfind ich für die Unbekannte, die meinen Emanuel belohnen ſoll für ſein Leben der Liebe. Und der, der bisher Sie durch ſo viele gekrümmte Wege auf die Höhen der Freude geführt, wird es ſchon thun und durch ſie belohnen.
Eine einfältigere Frage an dich gab es wol nie als die, deren Antwort ich für mein Buch nöthig habe: nämlich wie geht das Kinderlied weiter: Nikolaus, fang’ die Maus ....
Guten Morgen, mein Geliebter! Wollen Sie mir nicht die luſtigen Weiber von Shakespeare auf einen Tag leihen, weil ich ſie mit der neuen Voßiſchen Überſetzung vergleichen möchte. — Ich wollte, der Herbſt wäre da! Doch bei meinem nächſtwöchentlichen Verreiſen werd ich mir den Zwiſchenraum ſchon abkürzen. — Dem Briefe der Braun, dem ich neulich blos Ihre Gegenwart vorzog hab’ ich jetzo nichts vorzuziehen.
Guten Morgen, mein Emanuel! Hier ſchick ich Ihnen meinen Wetterpropheten, den Sie ſogar unter Wegs leſen können. — Den Wunſch meiner Frau, Ihnen dieſe Kalbischen Briefe zu ſchicken, hab’ ich nicht ſchon vorgeſtern erfüllen wollen, weil ich ohnehin zu viele Geſchäfte bei Ihnen vorausſetzen mußte.
Welch ein Briefwechſel ſtatt eines Pferdewechſels! So ſitzen wir noch immer 2 Tagreiſen weit auseinander — und werden noch etwas ſitzen. Nicht die Abreiſe der Fürſtin — wende nur der Himmel die des Primas ab — verzögert die meinige, ſondern ein Wetter, wo man einen Monat lang jeden Tag eine Wetterlüge ſagt als Prophet. Jetzo hat nun gar wieder der Neumond, der eine Neuſonne bringen ſollte, das Heidelberger Regenfaß noch tiefer unten ange - bohrt ..... Wär’ es dir möglich, bald zu antworten: ſo würd’ ich beinahe noch ſtärker danken als ſtaunen.
Guten Morgen, Alter! Benzenberg lebt nun ſchon ſeit dem 3ten Tag mit mir zuſammen. Vorher kannt ich ihn nur als herrlichen Mathematiker; er iſt aber ein Polyſoph und köſtlich. Auch er focht bei Waterlo mit. — Ich bitte dich, blättere in ſeinen noch nicht fertig gedruckten Vorſchlägen für eine preußiſche Konſtituzion bis gegen Abend, wenigſtens in der Mitte und hinten. Morgen reiſet er dem Gneisenau, der ihn unendlich ſchätzt, nach Böhmen zu Berg - meſſungen nach.
Lieber Otto! Anlangend den Brief vom Uhrmacher: ſollſt du rathen. Ein gewiſſer D. Paulsen aus Bamberg, mit dem ich zer - fallen mußte, hatte, hieher ziehend, ſeine Käſten an mich adreſſiert. 78Davon wäre eine Stunde zu reden. Rathe, ob die Doſe mit ihm zuſammen hängt. — Lies Roberts Tochter des Jephta; es iſt ein tragiſches Meiſterſtück, das ich, mit allen Urtheilen und Vorur - theilen gegen ihn, doch als eines erfunden. — Das Schickſal ſpielt mit mir und meiner Reiſe; ich wußte wol, daß morgen ein Gewitter kommt.
Guten Morgen, mein Emanuel! Um den Uhrmachers Brief bitt ich Sie noch auf Vormittag; die Uhr gehört dem über alle Be - ſchreibung indiſkreten Paulsen, der zur Fortſetzung 2 mal hinter einander gegen mich unhöflich war. — Die andern Briefe hatte Otto auch. — Sie wohnen doch noch auf Ihrem alten ſchönen Morgenroth, Emanuel?
Ew. [Hoheit] verzeihen der Eile und der Freude die Mängel der Form. Gott belohne Sie für die Abendſtunden, womit Sie mich wie mit einer Abendaurora erquicken wollen. Ich beneide die glück - liche Vergangenheit Ihrer frühern Freunde. Es iſt ein glücklicher und ſeltener Verein, zu einem Herzen, das immer den Zepter führen, einen Geiſt zu beſitzen, der immer die Feder führen ſollte. Ich ver - ehre Sie nicht nur, ſondern — was für Fürſten ſeltener iſt — ich liebe Sie mit innigem warmem treuem Herzen.
Ihr lieben zwei Guten! Ich hatte mir zwar einiges Gute voraus - gedacht, doch nicht ſo vieles. Sogar der Weg nach Regensburg war nicht ſo leer als ihn der alles ausleerende F ... mir vorgemalt; aber vollends auf die Höhe von Schwandorf zu kommen und im Mittaglichte den fernen Höhenzirkel und alles Dörfer-Blühende unter ſich zu ſehen! — Aber ich kann nicht chronologiſch beſchreiben. 79Die Hauptſache bleibt der Fürſt Primas. Ein langer, etwas vor - gebogener Mann mit einem Kraftprofil, zumal der Naſe — nur das linke Auge immer aus Schwäche ſchließend — übrigens im Reden wie in allem mehr Gelehrter als Fürſt. Am erſten Tag von 11 bis 12 — wo er nach meiner Frau fragte (Abends nimmt er niemand an) — und bei dem Mittageſſen — wo er ihre Geſundheit trank — bis Abends, wo er mich zum preußiſchen Geſandten Grafen Goerz brachte, war unſere Bekanntſchaft ſo entſchieden, daß ich ſeit Herders Tode das erſte Gaſtmal dieſer Art genoſſen. Nie hatt’ ich in ſo kurzer Zeit einen Fürſten nur ⅛ ſo lieb gewonnen. Seitdem geht jeden Tag pünktlich um 6 Uhr die Landkutſche oder Journaliere von ihm ab nach dem Gaſthof zum goldnen Kreuze und bringt mich nach 7¾ Uhr wieder zurück. So ſitzen wir beide oft bis ins Dunkle bei einer nur halb austropfenden Weinflaſche und die Geſpräche ſind über Religion — Phyſik — Philoſophie — und alles Wiſſen - ſchaftliche. Im Glauben und Streben iſt er ein Geiſtlicher im würdigſten Wortes Sinn. Wiſſenſchaftliche Geſpräche laſſen kaum politiſchen oder individuellen Platz; gleichwol entdeckt er mir offen die Irrwege ſeiner Jugend, kurz hundert Dinge, die ich nur mündlich euch, Otto und Emanuel, erzählen kann. — Sein Arbeittag hat 10 Stunden, und er zeigte mir ſelber den Zettel, wo um 7 Uhr der beifolgende Brief an mich als Arbeit vorkam — 2 Stunden lieſet er Akten — 2 Stunden arbeitet er an ſeinem Werke über den „ Christianisme “u. ſ.w. Nach geiſtiger Erſchöpfung ſei ihm, ſagt er, Beten Wiederſtärkung. Seine Grundſätze ſind die der höchſten Anbetung Gottes und der Selbdemüthigung. Gegen mein Unter - ſtellen Chriſti unter Gott ſagte er — blos ſanft: Nein! — Er verlangt meine Urtheile und that die große Frage des Pilatus an mich: Was iſt Wahrheit? Meine nicht leichte Antwort befriedigte ihn; aber ihr ſollt ſie — hören. — Ich ſchone den guten alten Mann von 74 Jahren im Diſputieren. Bei der erſten Malzeit, wo nur Gelehrte waren, nannte er mich wegen des Kampfes mit dem aſtro - nomiſchen Profeſſor Placidus über das Verhältnis der Philoſophie zur Mathematik den Negazionrath; eine Würde, die ein Ehemann ſchon vorher von ſeiner Gattin erhält und mitbringt. Auf die Ge - ſundheit meiner Kinder trank er geſtern in der Abendauroraſtunde, da ich von ihnen erzählen müſſen. Er fragte mich, ob mir Oertel80 geſagt, daß er für meine Frau etwas nach meinem Abfahren aus - ſetzen werde, wenn er die 200 000 fl., die der Kongreß ihm, ohne Unterſuchung auszahlbar, beſtimmt, bekomme ꝛc. Auch ſprach er von ſeinem Teſtament — ich weiß nicht, ſagte er, er mach’ es oder hab’ es gemacht —, worin ſeine Freunde vorkommen und ich mit. Ein großes franzöſiſches Werk (es iſt die Palingeneſie ſeines frühern kleinern über das Univerſum), worin er die Körperwelt, dann die moraliſche, dann die himmliſche behandelt, hab’ ich von ihm in der Handſchrift; und jeden Abend bring’ ich meine Bemerkungen, deren Tadel er gern annimmt .... Der Bediente kommt eben und ſagt, der Wagen ſei gekommen. Eiligſt etwas zu ſchreiben, iſt für mich viel langweiliger als ruhig auseinander ſtellend. Gebt daher dieſen Brief meiner C [aroline], da ich unmöglich ...
dieſelben Hiſtorien wieder erzählen kann. — Ich ſchicke ihr lieber den Brief eröffnet. Nimm es nur nicht übel, Otto, daß einmal ein Brief an dich in meinem Hauſe geleſen wird. — Auch bei der jetzo abgereiſeten Fürſtin hab’ ich gegeſſen, ſo wie bei dem trefflichen ruhigen, feinen, ehrwürdigen Grafen Goerz. Bei jener trug mich der Aufſchreiber der Tiſchgäſte unter dem Namen John Bull ein, was eine artige Satire wäre, wenn es nicht Unwiſſenheit wäre. — Eine Stazion vor Regensburg hindurch fand ich eine Menge ſchöner Weiber. — Geſtern nach der Abendſtunde fuhr der Primas mit mir zum Goerz, und um 8 Uhr zum Grafen Weſterhold*)Heute Abends wollt’ er mich wieder zu beiden mitnehmen, die er täglich beſucht; aber meine Briefe waren ihm genugſam Entſchuldigung. Er iſt weder geniert, noch genierend., einem Freunde Lavaters, der wegen ſeiner Arbeiten und ſeiner 10jährigen Gicht niemand früher annimmt. Kommt man in ſeine Stube, ſo iſt man ſchon vor Jahren da geweſen. Denkt euch einen Tiſch mit einer beſondern Lampe, die ich nicht zu nennen weiß, ihn oben daran, auf dem Kanapee ſeine milde Frau, der Fürſt neben ihr, ihr gegenüber die älteſte Tochter, die eben, ungeachtet des Primas, des täglichen Gaſtes, im Federnſchneiden fortfuhr für zwei kleinere Schweſtern, welche an einem fernen Tiſchen ihre Arbeiten für ihren Lehrer niederſchrieben; und den großen Arbeit - tiſch des Grafen an einem andern Kanapee. Eine ſolche himmliſche81 heimliche Häuslichkeit ſah ich noch in keiner Stube von Adel. Auch waren wir alle ſeelig, beſonders der Fürſt und die Eltern, und ich war ein alter ausgedienter Pudel, ders auf ſeinem Stuhle gut hatte. — Blos da wurde Thee mit Rack und nachher wahrer (Erz -) Biſchoff gegeben. Abendeſſen und Thees wie bei uns ſind hier ungewöhnlich. Goerz gibt um 7 — 8 den Männern kahlen Thee, keinen Tropfen und Biſſen weiter; nach 8 ſah ich den Zug von Spielern und noch mehren Spielerinnen kommen, welche außer Karten und Stühlen nichts erhalten.
Allerdings werfen alle dieſe Geſtalten und Sachen auch ihre kurzen und langen Schatten; dieſe will ich aber nicht auf dieſem Poſt-Papier auffangen, ſondern in Emanuels Stube. — Das erſte - mal ausgenommen, komm’ ich immerfort in Stiefeln; (ſogar bei der Taxis ſah ich einige Stiefel). Ihr ſeht, zu welcher Kühnheit ein Welden einen an ſich ſtillen Mann wie ich bildet; man ſagt zu ſich: „ wagteſt du einmal, zweimal bei dem Kommiſſarius eines ganzen Kreiſes geſtiefelt aufzutreten, warum nicht noch mehr bei bloßen Fürſten und Geſandten? “
Ich wollte, der hieſige Gelehrtenſtand wäre bedeutender. — Die Gaſſen ſind hier ſo breit, daß in einer, welche die breite heißt, eine Kutſche nicht eher umkehren kann, als bis ſie in eine andere gefahren iſt. — Nie war ich ſo gemäßigt im Sprechen (wenige Sprüche aus - genommen) als hier; — Oertel iſt mein Zeuge und Wächter; und im Trinken bin ichs vollends zum Verwundern. — Den 4. September reiſ’ ich ab; das ſchöne Herbſtwetter weiß ich ſo gewiß voraus, als ich Montags in Baireuth ſagte: erſt Donnerſtags donnerts in Regensburg. Gerade die Güte des Fürſten kürzet mein Bleiben um eine Woche ab. — Sie, mein lieber Emanuel, hätten alſo wol noch Zeit — und Stoff noch mehr — mir hieher etwas zu ſchreiben. Auch du, Otto, ſollteſt mir wenigſtens in einem Billet antworten, wenn ich zurück bin. Verzeiht alſo die wahrhafte Schmiererei der Eile; man könnte ſich bald verderben und verwöhnen, wenn man öfter ſo fliegend ſchriebe ohne Flug. Lebt recht froh, meine guten Menſchen!
Richter
Meine gute Caroline! Ich danke dir für dein ſo frühes Blättchen. Im Briefe an Emanuel — Otto findeſt du meine Hauptneuigkeiten; daher ließ [!] ihn und den beiliegenden von Primas vorher durch, ehe du beide abſchickſt. — Mein alter Himmel dauert fort. Aber eben darum ſoll er nur 3 Feiertage, nämlich 3 Wochen haben; und am 4ten Sept. werd’ ich abreiſen, dir es aber vorher noch einmal ſchreiben. Täglich werd’ ich dem Fürſten 3 bis 4 fl. koſten, was zwar in ſeinen Augen wenig iſt, aber nicht in meinen. Das Eſſen hier iſt ſo trefflich wie das hohe prächtige Himmelbett, das mir (ob wol Matrazen) ſogleich das erſte mal recht gemacht wurde. Der Gaſthof übertrifft ein paarmal unſere Sonne. — Adreſſiere alles unfrankiert. — Auch bemerke mir den Tag des Empfangs dieſes Briefs und ſchicke deinen — auf den ich recht ſehnſüchtig paſſe — nur an den 2 Tagen, wo die Poſt nicht über Nürnberg geht. — Nimm dir ja Wein aus dem Keller nach deinem Bedürfnis. — Grüße die Lochner; der Primas trank in der Abendſtunde ihre Ge - ſundheit mit mir; auch hat die Taxis und Görz ſich mit Theil - nahme nach ihren Leiden und Freuden erkundigt. Ihre Lucretia konnt’ ich wegen zu ſpäter Ankunft nicht beſuchen; thu’ es aber auf der Rückkehr. — Emma darf nicht länger als 14 Tage weg bleiben, deinet wegen und ſonſt. Sie verwöhnt ſich zu ſehr (jetzo das 3temal) an das Auswärts. Max empfand die Ferne des elterlichen Hauſes viel ſchmerzlicher. —
Schreibe mir alles Vorgegangne — Kinder — Stuben — Leute — Sachen — Magd — Fremde betreffend. — Im Briefe an E. und O. findeſt du das Rechte. Der Fürſt ſagte mir ſogleich in der erſten Audienz vor vielen, er habe ſo viel Gutes von dir gehört; ſpäter ſprach er auch von dem Schlaf - und Kuß-Mährchen unſerer erſten Bekanntſchaft. — Die Soldatenſtube kannſt du nicht entbehren. Laſſe die Kinder den Garten ſchonen und andere ihn bepflanzen, da der Herbſt ſehr ſchön und befruchtend ſein wird. — Wie himmliſch - ſchön iſt das Bild der Gräfin Schlitz im Zimmer ihres Vaters! Wie verklärt-ſchön das ſieche ihrer Mutter! — So lebe denn wol, meine liebe Caroline, nach der ich mich wieder ſo ſehne wie ſonſt83 bei meinen kurzen Abweſenheiten. Müßt’ ich nur nicht mitten unter meinen Freuden dich in bloßen Arbeiten denken! Aber wahrlich ich will deine Gegenwart — und vollends die Vergangenheit dazu — dir ſo gut zu vergüten ſuchen als ich mit neuen Entſchließen nur kann.
R.
N. S. Seelig machen würdeſt du mich, wenn du ein Bettgeſtelle nach deinem Geſchmacke beſtellen und es an meines rücken wollteſt bis wenigſtens zu den langen Nächten, wo die Kinder ſchwer ohne dich zu bleiben hätten. Sei wieder verzeihend und thu’ es. Eben komm’ ich von meinem lieben warmen Primas.
Mein gutes Emmalein! Habe Dank für deinen lieben, mit der Feder und dem Kopfe ſchön geſchriebnen Brief. Ich hab’ ihn dem Primas vorgeleſen und auch geſagt, daß du deine Puppe recht or - dentlich hältſt. — Sei ja mit dem Abſchreiben fertig. — Guten Tag, Odilia und Max!
Meine gute Odilia! Du haſt mir eine rechte Freude, einen ordentlichen Morgenkuß gegeben durch dein langes Briefchen! Sei nur recht gut gegen die Mutter und den Bruder. Ich bringe dir etwas mit. Jetzo iſts abends kurz vor dem Eſſen und du liebes Kind biſt nicht neben mir auf dem Kanapee und ich möchte dich heute abends noch einmal küſſen und muß ſo lange warten.
Mein alter Max! Ich habe dem Primas geſagt, daß du fleißig biſt und etwas kannſt. — Auch dir bring’ ich etwas mit, ſage mir aber was. Bleibe ja ſo gut gegen die Mutter als ſie mir ſelber geſchrieben; und ſei es auch gegen die Schweſtern. Dieſe und du ſollen mir, wenn ich komme, eine ½ Stunde entgegen gehen, damit ihr fahren könnt.
Hier, lieber Cotta, ſend’ ich Ihnen zwei Beilagen vom vortreff - lichen Primas. Ein großes, aber franzöſiſches Werk, gleichſam die Verklärung ſeines frühern kleinern „ über das Univerſum “hat er ſchon vollendet.
6*84Ihre Antwort an ihn adreſſieren [Sie] hieher; denn ich bin nach kurzem wieder in Baireuth.
Ihr J. P. F. Richter
(Auf ein rothes Blatt)
Dieſes viereckige Roſenblatt bringt freilich keine Dornen — aber dieſe Papier-Aurora bringt auch keinen Phöbus: — was bringt denn dieſes Schwarz auf — Roth oder dieſes rouge & noir-Spiel? Meinen Dank für 1 Abend; und meine Wünſche für alle Ihre Abende und für die übrigen Tagzeiten dazu.
Ihr beſſer als Genz liebender J. P. F. R.
Am Morgen um 9 Uhr.
Meine geliebte Karoline! Geſtern abends als ich mit meinem guten Oertel vom himmliſchen Garten in Prüflingen zurück kam, erhielt ich deine köſtlichen Worte, die mir noch ſchöneres Eden mitbrachten als das verlaſſene. Vor lauter Bewegung ſchwieg ich geſtern, weil dieſe auch das Wahreſte nicht richtig ausſpricht. Ach hätt’ ich lieber ſtatt des blaſſen Gedankenbildes deine warmen liebenden Augen vor mir!
Freitags (den 6ten Sept.) reiſ’ ich hier ab und komme Sonnabends gegen 7 an. Die Kinder können eine halbe Stunde vorausgehen, um zu fahren; damit ich dich dann allein habe. — Käm’ ich wider alles Vermuthen doch nicht: ſo ſetze kein Unglück voraus, höchſtens etwas ſehr Gutes, das ſich oft bei Abreiſen anhäuft. — Hier nehm’ ich aus vielen Gründen den Wagen. — Warum willſt du deine nöthigen Ausgaben entſchuldigen? Ich fürchte blos, du ſchoneſt das Geld zu ſehr. — (Ich ſchreibe alles durch einander. ) — In der künf - tigen Woche ſchreib ich wieder. — Auf der rechten Poſt läuft ein Brief nur 1½ Tag. Vergiß ja nicht ans goldne Kreuz zu adreſſieren. — Meinen guten Kindern kann ich heute nicht ſchreiben. 85— Stelle Stühle vor die Repoſitorien, damit keines durch Umfallen beſchädigt. Alle meine Stuben-Reliquien, den großen Kaſten ꝛc. ꝛc. laſſe mich beim Eintritt finden. — Die Vorfenſter ſind noch nicht nöthig. — Immer heftiger liebt mich mein Primas; Einen Tag Ab - weſenheit ſpüren unſere Herzen. Er umarmt mich ſo warm wie Herder. Deine und der Kinder Geſundheit trinken wir jeden Abend. — Der erſt verheirathete geheime Rath Poſch kann mir nicht genug Grüße an deine Stiefmutter auftragen, die er anbetet.
— Iſt das vorälteſte Bier zu Ende, was ich wünſche: ſo laſſe nur abziehen. — Wir werden, Geliebte, wieder ſchöne Tage verleben. Die zwei Tage der Rückreiſe werd ich blos mit moraliſchen Betrach - tungen — wozu ich ein beſonderes Buch mir geſchrieben, das ich ſonſt auch in B [aireuth] an jedem Morgen ſtudierte, ſo wenig du mir es anſaheſt — zubringen, um mein geändertes Herz zu befeſtigen. Gegen die harte Unart — die ich ganz von meinem Vater geerbt — Abends mir überall falſche Schatten und Lichter zu machen, muß ich beſonders ankämpfen. Grüße mir meine beiden geliebten Freunde und die Lochner. Ein ſolches Herz voll lauter lauter Liebe ohne alle Nebenblicke hat nur mein Primas. Du ſänkeſt ihm weinend an die Bruſt. — Nun ſo lebe wol, meine geliebte Seele, und handle frei und ſorge dich nicht.
Dein Richter
Meine theuere Karoline! Geſtern erhielt ich deinen lieben Brief; und meinen am Sonnabend abgeſchickten langen wirſt du Sonntags bekommen haben. Es thut mir ordentlich wehe, daß ich jetzo keinen mehr von dir bekommen kann, da ich am Sonnabende um 7 Uhr anlange. Die Kinder ſollen mir, wie ich ſchon geſchrieben, um 6 entgegenziehen. Mitten unter allen Zerſtreuungen ſehn ich mich unſäglich in meine alte Einſamkeit und zumal zu dir und meinen lieben Kindern. Ungeachtet der vielen Speiſen — abends hab ich auf meinem Zimmer 4, und Mittags bei Goerz, Primas ꝛc. ſind etwa 12 — hab’ ich doch noch nie zu viel gegeſſen; auch nirgends zu viel getrunken. (Eben unterbrach mich Stackelberg; und die Poſt86 läßt mir ſo wenig Zeit) — In der Stube brauchſt du blos die beölten Flecke behobeln zu laſſen. — Einen herrlichen rothſeidnen Regen - ſchirm zu 13½ fl. — weiter nichts — bring’ ich dir mit; und nicht etwa wie Amöne denken könnte, mir auch; denn der alte wäre mir genug geweſen. —
Gott gebe nur, daß mein Brief nicht verloren ging, worin ich deiner Liebe ſo viel von meiner geſchrieben. Lebe froh, Geliebte! Ich freue mich aus den hieſigen Freuden auf und in deine hinein.
Richter
Guten Morgen, mein Emanuel! Die erſte hieſige Zeile nach 3½ Wochen iſt an meinen lieben Herznachbar. Gott hat mich überall, ſogar unterwegs beglückt, am meiſten zu Hauſe durch Liebe und Neuſchaffung. — Mein Fürſt hat ſogar die Reiſekoſten bezahlt. — Hier das Felleiſen! — Wie freue ich mich, an die alte warme Bruſt zu kommen.
Guten Morgen, Alter! So ſitz’ ich denn wieder an meinem Schreibtiſche, der aber wie die Stube etwas ſauberer ausſieht. Wollt’ ich reiſen, ſo könnt’ ich viel Freude und viel Einfälle haben. Es war hübſch; ich berechnete dem Kutſcher jede Stunde und Wolke ſo, daß er ſtarr wurde vor Staunen. Nachmittags ein Gewitter.
Guten Morgen, Alter! Geſtern wurd’ ich in der Harmonie immer wieder zum 2ten, 3ten male aufgehalten: ſonſt wär’ ich bei Ihnen erſchienen. Heute um 7 Uhr erſchien’ ich gern, wenn Sie es zuließen. Wäre Otto dabei, ſo hörte er vieles mit.
Guten Morgen, lieber Otto! Hier der Cott. Brief, der dir wieder recht ſein wird —; dann das Spaßbuch, das mir wenigſtens87 recht iſt. — Suche doch deinen Aufſatz über den Buchhandel auf, den ich — nächſtens ſelber abhole.
Erſt nachdem Ihr heutiger Feſttag — für Sie faſt weniger einer als für Ihre Freunde und Schüler — faſt vorüber iſt: erfahr’ ich ſein Daſein. Ich wünſche Ihnen nichts anderes als was an dieſem Tage im Kalender ſteht: nämlich Kreuzes Erhöhung; und zwar in vielfach gutem Sinn (denn in Einem ſchlimmen wiſſen die Be - hörden ſchon für Kreuzes Erhöhung zu ſorgen), nämlich Erhöhung des Schulkreuzes, d. h. immer mehre Zuhörer, und des eiſernen Ehrenkreuzes, das ein Schulmann am erſten verdient, und Erleuch - tung dieſes h [eiligen] Kreuzes.
Der heutige ſchöne Himmel halte Ihnen ſein Verſprechen ſchöner Tage.
Ihr dankender J. P. F. Richter
Dieſe Hand werden Sie noch von alten Zeiten her kennen, wo ſie Ihnen jede Woche ein paar mal zu danken hatte für Ihre lite - rariſchen Gaben und Darlehne. Der Überbringer meines Blättchen iſt ein Profeſſor Wagner von hier, der wol durch ſeine philologiſchen und pädagogiſchen Verdienſte das Glück einer Empfehlung an Sie verdient. (In meiner Levana hab’ ich ihm eine an das Publikum gegeben.) Ich komme eben aus einem Examen, wo 11 — 13jährige Knaben (worunter mein Sohn) ſich nach täglichen 2 Privatſtunden bei Wagner (ohne eine andere Schule) ſo philologiſch gerüſtet im Homer und Ovid ꝛc. ꝛc. herumtummelten, daß es tauſend heutige Autoren gibt, denen ſolche Waffenſtücke der alten Kenntniſſe zu wünſchen wären. Wagners Begleiter iſt ein katholiſcher Pfarrer, Oestreicher, ein Kunſtanbeter; — alſo ein Bilderanbeter Dresdens.
Nun wollt’ ich, ich wäre unter den Empfohlnen und käme mit. Ich hätte vielerlei von Ihnen zu verlangen — nämlich Belehrungen. 88Indeß erſt nach 3, 4 Jahren, wo ich meine ſämmtlichen Werke bei Cotta heraus zu geben anfangen will, werd’ ich Sie näher fragen, wie dieß zu machen iſt, bei ſo manchen Verlegern, gegen welche ich als junger Autor zu dumm und die als Seelenkäufer gegen mich zu pfiffig waren und denen ich bei dem magerſten Honorar (Sie riethen mir zuerſt in Weimar zur Erhöhung deſſelben) keine Anzahl der Abdrücke vorſchrieb. Mein heroiſches Mittel iſt mein Be - wußtſein meines Rechts und ihres Gewinns — und dann, nach ihnen und ihren Exemplaren nichts zu fragen, ſondern heraus zu geben.
Sie haben durch den Ausgang aus Weimar mehr vertauſcht als verloren; ich aber leider nur letztes. —
Sie ſollten am erſten wenigſtens Ihre opuscula omnia ſammeln, da gerade dieſe ſich wieder an ſo zerſtreuete opuscula gehängt wie antike Siegelringe an Modeuhrbänder.
Dem verehrten Wolke ſchrieb ich nach Dresden den 24ten Mai, aber ohne Nachricht des Empfangs.
Sie haben gewiß etwas Beſſeres von Wieland als ſeine ge - druckten Briefe — ſeine Briefchen mein’ ich; können Sie dieſe geben?
Der Himmel gewähre Ihrer unbegreiflichen Thätigkeit und Ihrem gelehrten Erntleben einen Körper, der das Bücken und Tragen auf den weiten Schnitterfeldern aushält.
Ihr fortdankender Jean Paul Fr. Richter
Das ſchönſte, reinſte und ſtärkſte Feuer legte die Gottheit nur dem Jüngling ins Herz, damit es darin das Gold für das ganze Leben von den Schlacken löſe — Scheide nie dieſe Jugendgluth etwas anderes ab als das Edelſte vom Gemeinen, den Himmel vom Erd - boden ... Dieſen Wunſch ſchick’ ich gern und voll lauter Hoffnung dem ungeſehenen Jüngling entgegen, der ſeine Mutter ſo ſchön liebt und lohnt wie ſie ihn.
Guten Morgen, mein Emanuel! Ich hatte dieſes Loos ganz vergeſſen oder verſchmäht. Taugt es etwas? — Muß ich meine Wein-Bezahlung frankiert einſchicken?
Eben ſchreibt mir mein geliebter Primas, an welchen ich leider erſt heute ſchreibe.
Lieber! Ich ſündigte unſchuldig; denn ich dachte gar nicht daran, daß man ſchreiben müſſe, bis C [aroline] mir es heute ſagte. — Iſt das Loos noch 7 fl. werth: ſo behalt’ ich es; denn es kann noch viel gewinnen.
Wenn Sie ſich meiner noch erinnern und beſonders Ihrer, da Sie mich einmal an Ihrem Büchertiſche freigehalten: ſo wird Sie meine neue Bitte um ein neues Buch nicht ſehr befremden ... Nicht als ob es unter die libri rariores gehörte, ſondern weil über - haupt alle Bücher hier rariores ſind ... unſerer Freude fehlte damals nichts als die Inſel Helena, das Patmos des Anti-Johannes, welcher ſtatt des: „ Kinder, liebt euch “an alle Fürſten blos ſchrieb: „ HH. Brüder, HH. Vettern, haſſet euch. “... freue mich auf die Zeit, wo ich das gute treue Nürnberg wieder betreten werde, aber mit Einem geſunden Fuße mehr.
Schicke mir nur, Alter, das Geſchichtliche ja ſogar mit Titel und Namen und ich will dir die 2te Mühe abnehmen. Geſtern ſprach mir Graser von deiner, und heute ich ihm von meiner wahrſcheinlichen. — Dintenſätze würden ein Bischen zu hoch mit einem neuen Kruge honoriert. Ich habe eines guten alten Dintenkrugs Satz ausgelaugt90 und brauche alſo deinen nur bei Gelegenheit ſeiner Reinigung. — Wohin dachte Emanuel, daß er mir 7 fl. für das Loos ungebeten anbot? — Ich gab es aber nicht her, weil ich ein wenig Hoffnung behalten wollte.
Gute Nacht!
Guten Tag, Alter! Nach deiner Arbeit war die meinige ſehr leicht; ich brauchte nur zu kürzen und zu ſtehlen; — und thats redlich. An ſich hätteſt du recht gut mir meine Mühe erſparen können durch deine ſchon gehabte; und ohne dieſe hätt ichs zehnmal ſchlechter gemacht; denn mir wird dergleichen ſchwerer als dir, ſchon wegen meiner wankenden Unwiſſenheit der Verhältniſſe. — Das matte Baireut iſt nicht Deutſchland; alſo gehört für das Morgen - blatt etwas Wichtigeres. Das an ſich Wichtige könnte ja eben ſo gut umgekehrt das Morgenblatt aus der bair [euter] Zeitung entlehnen. Die Hauptſache aber iſt, daß die Bürger ſelber eine Freude haben ſollen, die ſie im Morgenblatt ſchon blos darum nicht bekommen, weil ſie es ſelber nicht bekommen. — Ich ſuche mich immer aus meiner ärmlichen Nachbarſchaft, wenn ich etwas ſchreibe, dadurch zu erheben, daß ich mir denke, wie dieſe Nachbarſchaft ungefähr in Weimar oder Berlin ausſehen möchte. — Noch etwas: Graser ſagte mir vorgeſtern: was der Oberſt ſchickt, muß die Zeitung ohne Weiteres aufnehmen.
Guten Morgen, Alter! Graſer und Fritſch hatten in der Har - monie große Freude über den Bericht, deſſen größeres Verdienſt ich bei Ihnen gerade zu dir zuſchrieb. — F. ging ſogleich fort, um alles zu beſorgen. Begierig bin ich, ob der heutige Bericht in der Zeitung unſern verdrängen wird.
Seelig iſt das arme Land, das alte Geſetze umwachen — noch ſeeliger das reiche, das ſie befeſtigen — Ungarn, warum biſt du nicht in Europa drei mal, vier mal und noch öfter da?
Baireut d. 2. Okt. 1816Jean Paul Fr. Richter
Sie verlängern meine Himmels Stunden von Regensburg bis nach Baireut herab durch Ihre Blätter voll Liebe und voll Beleh - rung. Ich glaubte nicht, daß meine Dankbarkeit und Verehrung für Sie ſteigen könnte, wenn ich das Glück hätte, Sie zu ſehen; aber ſie ſtiegen doch; und ich bereue es jetzo, daß mein Mistrauen in die Wirkung meiner perſönlichen Erſcheinung mir die Seeligkeit ent - ziehen durfte, den Fürſten, der ſo ſchön über Herz und Geiſt regiert, ſchon in Aſchaffenburg zu ſehen. — Ihre mathematiſche ſinnreiche wechſelſeitige Verwandlung des Zirkels und Vierecks. Ob gleich z. B. die Diagonale als die Quadratwurzel des Vierecks beſtehet, ſo bleibt doch die Wurzel irrazional und unausgedrückt als razio - n [ale], wenn [Sie] nicht in Ihrem Aufſatz über die irrazionale Zahl ſie razional finden wie die Wurzel der 2. — Die Regensburger Freuden mach’ ich durch Erzählung zu Baireut [iſchen]; repetitio est mater — gaudiorum. — Meine Frau betet den Fürſten an, von welchem ihr Gatte beglückt worden wie ſo viele Glückliche und Unglückliche dazu ... Möge die Abendſonne des Lebens warm ſcheinen auf ein ſo warmes Herz, und hell ſcheinen auf einen ſo hellen Geiſt.
Guten Abend, mein geliebter Emanuel! Auch ich habe die Blätter (heute am Morgen) mit naſſen, aber freudenaſſen Augen geleſen. An die Vorſehung hab’ ich dankend gedacht, daß einer eben ſo weichen als feſten und reinen Seele, für welche nicht ihre proſai - ſche Ehe, ja vielleicht keine hinreichte, zur Entſchädigung und Über - belohnung eine Freundſchaft geſchenkt, die höher iſt als alle Ehe92 und die ihr nun das Leben poetiſch erhält, bis in und über die Jahre, wo die Frau grau wird oder der Mann kahl. So bleib’ es zwiſchen euch beiden; und mein Herz erquickt ſich an euern beiden Herzen.
Euer [Hoheit] empfangen hier meinen innigſten Dank für Über - ſendung der mathematiſchen Abendſtunde von 6 — 7 .... Benzel verdiente, Ihr Miniſter zu ſein; ein Lob, das wenige Miniſter verdienen. — Meinem Oertel will ich, wenn er hierdurch fliegt, Dankgrüße der Erinnerung an ꝛc. mitgeben. — Mögen Sie ſich der Welt erhalten und bedenken, daß Sie ſich [nicht] aufopfern können, ohne ſo viele Menſchen mit, weil Sie ſich fragen können: wer wird nach mir ſo lieben und opfern? Nämlich welcher Fürſt.
Herzlichen Dank, Geliebter, für die Freuden! Herzlichen Gruß an die Ungeſehene, die ſie gibt und theilt! Und Gott ſei Dank für die Öffnung der ſchönſten Zukunft!
Länger will ich nicht ſündigen, ſondern antworten. Ihr Holo - fernes im Morgenblatt war neulich ſchon meine Judith und ſetzte meinen Kopf zurecht und an den Schreibtiſch — und doch dank’ ich Ihnen für Ihr Geſchenk an mich und an die Welt erſt heute. (Meine einzige Entſchuldigung, daß ich Ihnen ſo ſpät antworte, iſt blos die, daß ich andern gar nicht antworte, weil ich entweder lange oder keine Briefe ſchreiben will, ſo wie lieber Bücher als Taſchenbüchleintheilchen.)
Die Weiber von Windſor, die mir in ſo verſchiedenen Kleidungen gefallen, haben mich in der Ihrigen am höchſten ergötzt; denn der ganze Lear iſt leichter zu überſetzen als z. B. der franzöſiſche Doktor ſo wie der Schulmeiſter Holofernes. Darauf kam von einer andern ſchönen Seite die Cleopatra.
93Das Überſetzen muß ein Feen-Angebinde Ihrer Familie ſein. Daher freu’ ich mich unbeſchreiblich auf den Voßischen Aristo - phanes. Der von Welcker iſt mir nicht nur lieber als der von Wieland, ſondern ſogar als der von Wolf (drei W’s, die ein V oder von brauchen); denn Wolf vergaß, daß zum Überſetzen mehr als Eine Sprache gehöre, nämlich durchaus zwei Sprachen. Und dieſe zweite, nämlich die deutſche, hat ihren Sprachſchatz als Mitgift dem Dichter ächtdeutſcher Idyllen und dem Überſetzer des Homers und Ovids gegeben. Er ſei hier von mir gegrüßt, dieſer ſprachreiche Überſetzer, welcher (zufolge einer Probe im Morgenblatte) anders und höher als Adelung und Campe den ganzen verzauberten deut - ſchen Sprachſchatz heben könnte. Möchte er wollen oder fortwollen!
Um Ihnen weiter zu antworten: Fouqué (unſern Schlachten = Arioſt) brauch’ und vermag ich nicht mehr zu rezenſieren; die Welt und ſeine Werke thun es ſtatt meiner, auch eine gewiſſe Einförmig - keit in dieſen. Dramatiſch prägt er ſich heller und glänzender aus, nämlich kürzer, als epiſch. Eine Rezenſion koſtet mir mehr Mühe als manchem Autor ſein dickes Buch, da ſie kein Flugurtheil am Theetiſch ſein ſoll, ſondern eine äſthetiſche Ergründung und Dar - ſtellung des ganzen Menſchen und Buchs zugleich. Als ich Md. Stael rezenſiert hatte, war mir ordentlich, als hätt’ ich ſie geheirathet, ſo oft hatt’ ich ſie leſen müſſen. — Bitten Sie die Buchhandlung, mir die Jahrbücher nicht mehr zu ſchenken, da ich ſie ohnehin hier mehr - mal zum Leſen vorfinde.
Was mich an dieſem Briefe am meiſten erfreuet, iſt die Anzeige, daß ich im Frühling einen zweiten ſchreiben werde, um durch ihn mir eine Monatwohnung in Heidelberg zu erbitten. Mein ganzes Herz ſehnt und drängt ſich nach dieſem Augen-Eden. Ich grüße hier alle Ihrige und Schwarz und Fr. v. Ende, will aber im Frühlinge noch mehre grüßen, z. B. Helmine, die Topographin des Eden.
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Auch meine Frau grüßt die Fr. v. Ende. Mit einem Ablaß - briefe werden Sie mir eine Freude machen.
Willſt du nicht — lieber Alter —, wir haben uns gar zu lange nicht geſehen — heute abends mich ſehen, gerade an Emanuels Freudentag? Wir dächten an ihn; und vernünftige Diſkurſe ſtellten ſich von ſelber ein.
Otto dankt Ihnen, H. Profeſſor, recht ſehr für das „ Staats - archiv “, das er ſo lange andern Leſern nicht entziehen will bis er die Kongreßakten-Hefte, ohne welche jenes weniger brauchbar iſt, nur auf 2 Tage bekommt. Auch ich will Ihnen hiemit meine Ge - neral-Dankſagung für den ganzen literariſchen Futterkaſten bringen, zu welchem gern Krause den Schlüſſel allein hätte, ob er gleich mit allen Muſen nichts mehr zeugt als mit ſeiner Magd — nämlich Inkognitos. Haben Sie Bouterwecks neueſte Aeſthetik zum Überblättern?
Guten Morgen, lieber Emanuel! Mein armer Bruder, der Balbier, fand nach langem Herumirren endlich auf die ſanfteſte Art in Meiernberg die längſte Ruhe. Emma wird das Übrige er - zählen. Am Donnerſtag laſſ’ ich ihn begraben. — Beiliegende Blätter bitt ich Sie mir morgen wieder zu geben.
Wie erquicken Sie mich, guter Emanuel, durch ſolche Briefe — und Geldgaben! Die letzte wurde an zwei Wittwen reich an — Kindern ſchnell vertheilt, weil man keine Stunde die Noth länger ſoll dauern laſſen. — Nach der Freude, ſelber zu geben, kommt ſo - gleich die, in fremdem Namen zu geben. — Meine Emma ſoll Ihnen das letzte Leben und Sterben Adams erzählen. — Wann können heute meine 3 Kinder zu Ihnen kommen?
Lieber H. Profeſſor! Von dieſer Woche an muß Max mit ſeinen Schweſtern wöchentlich drei Religionſtunden beſuchen. Ich kann ihm daher nicht mehr durch Sie ſchenken laſſen als Eine Privatſtunde und zwar die, worin Sie die Alterthümer vortragen; daher ich Sie ſolche zu beſtimmen bitte. Ohnehin iſt ein zu groſſes Übergewicht des lateiniſchen Unterrichts gegen griechiſchen oder gegen den ma - thematiſchen oder gar den hiſtoriſchen. Die Arbeit erdrückt ſeinen Körper; wenigſtens im Winter. Der Sommer gibt körperlichen und geiſtigen Kräften wieder Spielraum. Im Lateiniſchen iſt er ohnehin ſchon 17½ Jahr alt und im Griechiſchen über 15. Gute Nacht!
Richter
Guten Morgen, Alter! Hier ein Brief-Chaos, das du nach Ge - fallen der Ordnung und der Zeit leſen kannſt. — Lies nur Barth vor mir. — Ich ſtecke bis über den Kopf in Arbeiten.
Guten Morgen, Alter! Mich wundert bei Konſtanz weiter nichts als daß nicht einer aus Peru oder Mexiko ſich an Ihre Kaſſe wendet, da er recht gut anführen kann, daß ſo viel Gold jährlich aus Amerika fortgeht. — Ich wollte, Kanne wohnte hier. — Gruß an das Mit-Ich.
Sie werden mir wahrſcheinlich mehr danken als zürnen, wenn ich Ihnen berichte, daß ich dreizehn Tage vorher, alſo eh’ ich den 23ten Nov. Ihren Brief erhalten, ſchon den Aufſatz (für das Morgen - blatt) angefangen, an welchem ich noch heute fortfuhr, betitelt: Landnachtverhandlungen in zehn Präliminarkonferenzen mit dem Mann im Monde. — Ich hatte ſo gewiß gehofft, ihn früher endigen96 zu können als das Jahr! Dennoch erſt in der Jenner-Mitte langt er bei Ihnen und vor der Welt an, leider vielleicht 60 Oktavdruck - ſeiten ſtark. — Gleichwol hab’ ich jeden Vormittag ſeit 2 Monaten daran gearbeitet. Freilich wär’ es mir leichter und lieber geweſen, ſtatt des Aufſatzes ein Büchlein aus demſelben Marmorblöckchen zu hauen.
In derſelben Jenner-Mitte kommt auch meine Sammlung poli - tiſcher Aufſätze „ Faſtenpredigten, oder ꝛc. ꝛc. “bei Ihnen an, welche Sie drucken zu laſſen verſprochen und zu deren kleinen Bogenzahl (von 16 Druckbogen) gewiß noch Zeit genug, wenigſtens für die Kräfte Ihrer Druckereien, vorhanden iſt. Schon im Oktober war alles nicht blos geſchrieben, ſondern ſogar abgeſchrieben, nur aber noch nicht durchſehen [!].
Glauben Sie künftig mehr nicht blos mir, ſondern auch an mich.
J. P. F. Richter
Eiligſt —
denn das Leben, und noch mehr meine Leben-Zeit eilt ....
Guten Morgen, mein Geliebter! Sie geben mir für Briefe beſſere Briefchen. — Einen zweiten Morgen an die, die jedes Wort erfüllt, das Sie in ihrem Namen verſprachen. Ich möchte recht lange über ſie und mit ihr reden.
Guten Morgen, lieber Otto! Hier ſend’ ich dir etwas aus der brieflichen Erbſchaft meines armen Bruders; die übrige hat der Schuſter in Maienberg [!] ſich ſelber teſtiert. An 15 verſiegelte Bettelbriefe hinterließ er. — Lies wenigſtens die treffliche Vorrede von Barths Buch und blicke nur hinein; morgen will ichs ihm wiederſchicken. — Ich muß bald einmal zu dir, Alter; die Sachen97 häufen ſich. Habe rechten Dank für dein reiches Ausſteuern mit Steuern.
Hier ſend’ ich Ihnen nach dem mündlichen Dank mit dem ſchrift - lichen den Anfang Ihres trefflichen Werkes zurück. Wenn Sie wie Sie ſagten [?] anfangs nur die älteſte Geſchichte des Geldes geſucht und darüber die älteſte Deutſchlands gefunden, ſo ſind Sie auf die ſchönſte Weiſe der umgekehrte Böttiger, welcher blos das Porzellan - machen gefunden, indem er das Goldmachen geſucht. Gönnen Sie mir bald einige Fortſetzung.
Ihr höchſtachtender
Ein artiger Zufall für mich und Sie! Ich ſuche alle Vorräthe der Jahrbücher heute 〈 d. 13ten 〉 durch; finde den Dezember 1816 nicht; glaub’ ihn verliehen oder verloren — Und eben bringt mir ihn erſt die Poſt.
R.
Guten Abend, lieber Otto! Gebe der Himmel, daß meine Bitte in keine peremptoriſche Arbeit fällt. Wegſtreichen will ich aus dieſem fatalen — über 2 Monate koſtenden — Aufſatz gern, nur nicht dazu thun; morgen kommt der Reſt nach. Mit ihm ſoll auch das Buch für die Oſtermeſſe abgehen, worin ich dich nur die neuen Zuſätze, die ich bezeichne, zu leſen bitten werde. Wenigſtens den Mondmann mußt du leſen, weniger des Aeſthetiſchen als Politi - ſchen wegen, weil ich ſo oft anſpiele, ohne es zu wiſſen. Gott weiß, ob viel daran iſt. Was konnt’ ich nicht in einer andern Darſtell - Wahl unter der Zeit gemacht haben! — Dank für den guten Krug, der hält, und auch — durch Dinte — bald halten müßte. Meinen beifolgenden Satztopf brauch’ ich daher nicht zurück.
Hier, Alter, der Reſt! Das barbariſche Wort Präliminarkonfe - renz will ich Einmal gebrauchen und dann dafür immer das bundes - taglangweilige ſetzen: zweite vorläufige Beſprechung, dritte ꝛc. — Noch zwei gefundne Jahrbücher.
Guten Morgen, lieber Otto! Nach dem Dualiſmus gingen Müller und der Taſchenkalender den 7ten Sept. in Stuttgart ab, kamen den 19ten Dez. an; und geſtern kam jener vom Buchbinder — nimm mir ja ſeine Dummheit nicht übel — und der Kalender vom Wagner zurück. — Der gute Barth verlegt ſein Buch ſelber, 1000 Exemplare ſtark, jedes zu 40 Bogen, zu Michaelis erſcheinend. Er hofft, des Beſſerns wegen auf eine 2te Auflage. Ich ſagte ihm aber, daß du ihm guten Rath geben könnteſt.
Guten Morgen, lieber Alter! Hier ſend’ ich dir eine Probier - phiole von altem Graves Wein, wovon ich von Mumm 1 Eimer zu 75 fl. erhalten, ſo wie 1 Eimer Sauterne Wein zu 54 fl. Wollteſt du etwa vom einen oder dem andern etwas haben: ſo würd ich dir die Berechnungen vorlegen, damit du ſäheſt, daß ich dich nicht be - tröge. — Vergiß den Wunſch für Primas, nicht an Emanuel zu ſchicken.
Für den achten Februar, den Geburttag des menſchen - liebendſten Fürſten!
Nie hat Er der Unglücklichen vergeſſen, darum wird auch Er nie vergeſſen, nicht einmal von den Glücklichen.
99Seine vergangenen Tage ſind Alpenhöhen; wie Hirtenflöten von dieſen, tönen Dankſagungen von jenen zu Ihm herüber.
Die Gebete ſind die Flügel des Alters; auf ihnen hebt und ſenkt ſich ſanft der lebenmüde Menſch und erblickt oben mehr Sterne und unten mehr Blumen.
Auch durch Seine ſpätern Jahre dauern Seine Schöpfungtage fort und noch täglich ſagt Sein Geiſt: es werde Licht! — Und Er wird es fortſagen, bis Er ſich ſelber mit der unendlichen Sonne vereinigt.
Geiſt und Herz zugleich richtet Er nach oben, wie die Zypreſſe nicht blos den Gipfel, ſondern auch den kleinſten Zweig gen Himmel hebt — Aber noch lange bleibe die irdiſche Wurzel auf unſerer Erde!
J. P. F. Richter
... Am Geburttage des Primas ſtecke beiliegenden Brief in die Taſche ... Deine Übergabe verdoppelt meine Gabe. Ich kann dir nicht ſagen, wie lieb du meinem Herzen in der letzten Zeit geworden biſt. Wie näher würde ſich jetzo dein Bruder mit dir verbrüdern. Du brauchſt faſt nichts mehr zu werden als verdammt kühn gegen deinen Leib, der von dir auf den Händen getragen ſein will und nur an ſeine Ordnung denkt, nicht an die der Bücher und an keinen Aufſchub des Aufſchubs.
... Goerz heiterer Nachſommer aus Friedrichs II Sommer, in dem ſo manche Geiſtes Kraft blüht, die bei andern ſchon im Frühling verwelkte. Die liebliche Fr. v. Poſch ſollt’ ich gar nicht grüßen; denn ich muß öfter an ſie denken als ein Katholik an die h [eilige] Maria, weil ich jeden Tag ein Paarmal die Federn an ihrem in Saffian gefaſſeten Flore abſtreife ... Meine ganze Familie liebt und grüßt dich; thäte beides aber noch lieber, wenn du wenigſtens Einmal mit ihr gegeſſen hätteſt. Haſt du noch eine von mir ge -7*100ſchnittene Feder? Nimm ſie und ſtumpfe ſie ab in einem baldigſten Briefe an mich.
Endlich kann ich auf Ihre faſt jahralte Frage über eine neue Ausgabe des Siebenkäs antworten; denn ich habe an ihr ſchon zu arbeiten angefangen.
Leben Sie wol und geben Sie mir eine beſchleunigte Antwort und wo möglich ein Ultimatum dazu, da mein Zeitmangel und Berlins Ferne keinen langen Briefwechſel gut vertragen.
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Verzeihen Sie den ältern Titel, da ich einen neuern zwar gewiß vorausſetze, aber nicht weiß. Nur eine einzige Tagreiſe trennt unſer Jetzo und Sonſt; und doch ſind Sie mir ſo unſichtbar. Ihr Bücher - ſchreiben wäre freilich die ſchönſte Sichtbarkeit.
Leider komm’ ich mit einer Bitte zu Ihnen, mit der ich in Coburg niemand anders zu plagen finde. Nämlich mein Sohn Maximilian bedarf am erſten März, um unter die Kommunikanten eingeſchrieben zu werden, einen Taufſchein von dem Geiſtlichen, der ihn 1803 im November getauft, und deſſen Namen ich rein vergeſſen habe. Sogar einen Impfſchein — den körperlichen Taufſchein — hab’ ich vom Doktor Sommer nöthig — So viele Scheine brauchten die Apoſtel bei dem erſten Abendmale nicht.
Darf ich Sie bitten, die Scheinausſteller zu veranlaſſen?
Mit Genuß erinnere ich mich unſerer vergangenen Krieg - und Kreuzzüge auf dem Adamiberg. Möcht’ ich Sie hier einmal ſehen, gleichgültig ob in Krieg oder Friede. Leben Sie recht wol!
Mein geliebter und geehrter Präſident! Ich bin ordentlich froh, daß ich eine Bitte an Sie in einer Zeit zu thun habe, wo ich nicht einmal mehr Ihr Jäckchen, geſchweige den, der darin über die Gaſſe zu mir hinüberſprang, zu ſehen bekomme. Meine Emma bedarf nämlich am 1. März, um unter die Kommunikanten eingeſchrieben zu werden, einen Taufſchein von dem Geiſtlichen, der ſie 1802 im September getauft, und deſſen Namen ich rein vergeſſen habe. Sogar einen Impfſchein — dieſen körperlichen Taufſchein — hab’ ich vom Chirurg Marschall nöthig. — So viele Scheine brauchten die Apoſtel bei dem erſten Abendmale nicht.
Darf ich Sie bitten, jetzo die Scheinausſteller zu veranlaſſen?
Welche ſchwere, nächtliche und dann glänzende Zeiten ſind vor uns vorüber gezogen, ſeit wir von einander gegangen! Ganze Folianten könnt’ ich in Einer Stunde mit Ihnen ſprechen. Anch verzweifle ich nicht ganz an meiner Erſcheinung bei Ihnen; in und um Meinungen liegt eine zu ſchöne Vergangenheit für mich.
Grüßen Sie von mir und meiner Frau Ihre treffliche Luiſe und ungenannt die andern, die ich liebe, und genannt den, der mir auf dieſes Blättchen antworten wird, von
Ihrem Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, mein guter Emanuel! Schicke [n] Sie mir doch meinen Geburttagwunſch für den Primas. Er traf auf eine höhere Weiſe ein; denn zwei Tage darauf iſt Er verſchieden. Wär’ er blos mein Wolthäter geweſen, ich verſchmerzte ſeinen Verluſt leichter; aber ich hab ihn leider in den Dämmerungſtunden gehört!
Mein Alter! Es will mir nicht ſcheinen, daß Ihre Billets ſchwärzer ausgefallen. Schicken Sie mir doch Ihr Dintengläschen,103 — da ich eben März-Dinte braue — es iſt leichter zu füllen als die Flaſchen, die ich bei Ihnen leere.
Guten Mittag! Mein alter Emanuel! Haben Sie wol Zeit, meinen langen Aufſatz — der ſo lang wie das ſchlechte Wetter iſt — bis gegen 3 oder 4 Uhr durchzuleſen? — Schwerlich! — Im Buche Ihres Glaubengenoſſens können Sie länger blättern und auf - ſchneiden. Dafür erbitt’ ich mir einmal von Ihnen die Andacht - ſtunden.
Guten Morgen, liebe Flora! Schon auf, und die Sonne iſt noch nicht einmal da?
Mein lieber Doktor und Hofrath und Cotta! Für Ihre vorig. Monats in Nürnberg bezahlten 600 fl. dank’ ich Ihnen. — Hier folgen einige Druckfehler, wovon der letzte durch Ein Und einen ganzen Einfall verſchlang. Herzlich fleh ich Sie an, mir ſchon in der Druckmitte oder im letzten Druckviertel der Faſtenpredigten Aushängebogen zu ſchicken, damit ich doch einigen Jammer — den freilich die Abſchreibhand leicht durch die Setzerhand austheilt — wieder wegnehme. Dieſer Abſendung könnte dann ſogar das neulich gewünſchte Freiexemplar der Landnachtverhandlungen beigelegt werden. Ich möchte wiſſen, wie dieſe beſonders Ihnen und Wan - genheim gefallen.
Eine Schütz in Jena, in Lydie ſich überſetzend, hat mir im vorigen Jahre eine treffliche pſychologiſche Erzieh - und Verzieh - Geſchichte eines genialen Mädchens — natürlich Lydiens ſelber — geſchickt, welche ich ihr mit der Erlaubnis, mein kurzes Brief-Lob derſelben drucken zu laſſen, und mit dem Verſprechen, im Morgen - blatte ein längeres nachzubringen, zurück gegeben habe. Sie wird das Mſpt Ihnen ſchicken: möchten Sie es in ein Buch verwandeln laſſen.
Leben Sie wol am Fuße Ihrer Bücher-Alpen!
104Ihr J. P. F. Richter
N. S. Rückerts Gedicht an den König hat den rechten beſten Herzenton; einige Länge und einige Nachläßigkeiten abgerechnet. Keiner ſollte ſich gehen laſſen, der gut gehen kann und fliegen dazu.
— daß Ihnen ein Buch ſchwerer anzubringen als hervorzubringen wird und daß es leichter aus dem Kopfe als in die Köpfe kommt. Es iſt dieſes aber leider das Schickſal jeder geiſtigen Erſtgeburt, die wie bei den Juden eine körperliche, immer geopfert wird. — Ihren Vierbogenbrief entziehen Sie mir ja nicht, wenn er auch für mich mehr ein Steck - als Adelbrief ſein ſollte. Ich leſe oft genug, daß ich nicht genützt; aber nie recht, wo und wie ich geſchadet, wenn gleich mit dem frömmſten Willen. Indeß ohne Wehthun an ein - zelnen iſt kein Wolthun an vielen möglich. Leben Sie hoffend! Der einzige rechte Wunſch für Sterbliche.
Guten Morgen, Alter! Der neueſte Verbrennprozeß wundert mich am wenigſten, da C. allerlei frohe Träume, wenigſtens früher, in ihrem Bette gehabt haben mag. Das Herrlichſte iſt, daß Sie doch Ihre herrlichen Briefe aufbewahret haben, für deren Veran - laſſen allen Korreſpondentinnen zu danken iſt. — Hätt’ ich einem Fürſten in einem Romane eine Rede anzudichten: eine beſſere als die des Würt [embergiſchen] Königs fiele mir nicht ein. — Hier iſt mein Freiexemplar des Morgenblattes, das Sie nun zugleich bequem und unzertheilt leſen können — und das Sie ſchon heuer noch hindurchbringen.
Ach mein lieber Emanuel, den ich jedes Jahr mehr lieben muß, zumal da die Jahre dazu auf der Erde immer knapper werden, die Menſchen machen aus mir armen Sterblichen zu viel und Sie am meiſten. Dank Ihnen und Ihrer Flora; ſie belohne Sie für das105 Wünſchen und Geben und Sie ſie! — So freudig feierte ich keinen Geburttag, wie Sie aus der Beilage ſehen. Jemand ſitzt bei mir. Mündlich mehr.
Ach! ich armer Teufel bin nur der reichen Liebe um mich her nicht recht werth. Es iſt zu viel von allen Seiten. Und du Alter ſteigerſt ſogar das äußere Geben jährlich zu ſehr. Habe Dank! Ich bin jetzo zu ergriffen von den zwanzig Kindern, die die Primaner heut ſpeiſen.
Mein guter Emanuel! Darf denn nicht auch meine Caroline ein wenig ſeelig mit uns beiden weinen über die herrliche Mut - ter, die Ihnen das Blatt geſchickt? Ich bitte Sie um die Er - laubnis.
Mein lieber Cotta! Dieſes mal bitt ich Sie um die einzige Sache, woran Sie nicht reich ſind — um Zeit, nämlich um ½ Stunde, damit Sie beiliegende Verleger-Akten und hinter ihnen dieſen Brief zu Ende leſen. Wenden Sie alſo jetzo um und leſen Sie erſt nach den Abſchriften folgende
folgende Fortſetzung.
Was iſt nun Ihr Rath? Dieſe Frage wird mir allerdings wegen des Scheins eine [r] Indiſkrezion*)Damit ich mich nicht ſelber beleidige, ſetz’ ich dazu: neben dem Schein der Indiſkrezion ſteht der Beweis des Vertrauens. nicht leicht, da ich Sie künftig zum Verleger meiner opera ſo ſehr zu erhalten wünſche. — Allerdings gäb’ ich Ihnen am liebſten den Siebenkäs zum Verlage. Die we - nigen dann noch reſtierenden Exemplare wären leicht abzukaufen. — Über opp. omn. verordnet das Landrecht nichts. Rathen Sie106 mir alſo, was ich zu thun und zu unterlaſſen habe, wenn Sie den Siebenkäs nicht annehmen; und was zu thun, wenn Sie ihn verlegen. — Noch hab’ ich keine Zeile zu antworten vermocht, da ich ſeit 15, 18 Jahren ganz von dem Ekel entwöhnt worden, bei dem Geiſtigen lange über das Metalliſche briefwechſeln zu müſſen. Antworten Sie baldgefälligſt.
Die Ihnen den 7ten März angezeigten Druckfehler des Mond - manns fand ich in voriger Woche noch nicht im Morgenblatte. — — Vergeſſen Sie ¾ Aushängebogen der Faſtenpredigten zu ſchicken nicht.
Noch einmal bitt ich Sie um baldige Belehrung; und verſichere Sie meiner höchſten Diſkrezion. Gott ſchenke Ihnen dazu eine leſerliche — Dinte!
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Mein guter Emanuel! Man könnte Sie und Ihr ſchmutziges Widerbild nicht beſſer malen als durch Ihre beiden Briefchen an den erbärmlichen Höfer, der nie ein Hofer werden wird. Und doch hat die juriſtiſche Schwielenhaut Ihre moraliſche Schneide nicht tief genug empfunden. Gute Nacht! — Guten Morgen werd ich Ihrer Flora morgen zunicken, wenn ich nicht gar zu bald in Miedels Garten gehe, ſondern erſt um 9 Uhr.
Guten Abend, mein Emanuel! Den Schmerz des ſehr weltein - ſichtigen Bruders über Thieriot trag’ ich ſchon lange herum. Niemand kann ihm helfen als er ſelber. Inzwiſchen iſt er doch glücklich. — Jetzo werd’ ich mich alſo nicht mehr vergeblich nach 8 Uhr nach Ihren Fenſtern umwenden. Die hinter den Vorhängen ſei auch gegrüßt!
Guten Morgen, mein Emanuel! Das lange Gedicht von der Adeline hat noch Otto; aber iſts nicht zu lang für Ihre Feder? Lieber hier das zweizeilige von der Rollwenzel. — Hufeland fand ich noch nicht; aber Sie bekommen ihn gewiß. — Max hat die größte Freude an ſeinem Lexikon und hat hier blos mit eigenen Kräften griechiſch gedankt. An Thieriot werd’ ich durch Cotta einige Bücher ſenden laſſen. Guten Morgen, Flora!
Geliebter Verehrter! Ich benütze die ſichere Gelegenheit des H. v. Raumer aus Berlin, dir den herrlichen Hamann zurückzu - ſchicken. Schöner konnte dieſe Sonne nicht untergehen, wiewol ich mehr die Glanzwolken des Stils meine, als die Stralen, die ſie auf oder hinter „ Golgatha “häufiger wirft. Sage auch dem Direktor Roth meinen herzlichſten Dank für ſein ſchönes Worthalten.
Und dir ſage einen noch größern für deine Aphoriſmen in der Minerva. Fahre nur fort und — wie ich dir längſt gerathen — gib alle deine zerſtreueten Perlen ungebohrt oder ungereiht der Welt. Wer jene nur las, fand ſie vortrefflich.
Den dritten Theil deiner Werke hab’ ich in der Meinung, dein Buchhändler ſchicke mir ihn wie die beiden andern, noch nicht mir angeſchafft. Halte dieß für keine Bitte — denn du beſchenkteſt mich ohnehin ſo oft — ſondern nur für eine Entſchuldigung.
In Regensburg wurd’ ich vom Primas ſo liebend eingefangen gehalten, daß ich nicht einmal die Umgegenden beſuchen konnte. Damals war auch noch Montgelas am Ruder, welchen ich aus manchen Gründen nicht gern beſuchen wollte.
Ich dachte ſeit einem Vierteljahr oft an deine Kränklichkeit. In 2 Monaten hab’ ich ein ganz nervenſchwaches, von ewigen Kopf - ſchmerzen gefoltertes Mädchen von 20 Jahren; und in 14 Tagen den 77jährigen Kirchenrath Kapp, der 8 [?] Wochen auf dem Krankenbette und zweimal nahe am Grabes Rande lag, durch tägliches ein maliges Magnetiſieren ganz hergeſtellt, ja den letzten108 verjüngt. Wahrlich deine Kopf - und Augenleiden könnte ein halb ſo ſtarker Magnetiſör als du in deiner Jugend geweſen wäreſt, heben, oder doch mildern. Bitte deine guten Schweſtern, die ich mit Liebe grüße, daß ſie dir zureden. Ach mit welcher Begeiſterung und alſo tauſendfach ſtärkerer Eingreifung würde eine Hand — meine gar vollends — über ein ſo hohes und geiſtiges Angeſicht wie deines ſich hinbewegen und deine Gifte ausſaugen wie altdeutſche Weiber ihren Männern.
Laſſe mir doch ein Bischen antworten, geliebter Heinrich! Lebe wol, wol, wol!
Dein alter Jean Paul Fr. Richter
Auf Ihre Antwort vom 18ten Febr. hätt’ ich — da ich alle Ihre Wünſche erfülle — längſt geantwortet, wenn ich nicht erſt meine Gefühle bei der Stelle: „ ſollten wir uns nicht vereinigen, ſo werd’ „ ich dem anderweitigen Druck oder wenigſtens dem Vertrieb einer „ neuen Auflage ꝛc. ꝛc. mit denjenigen Mitteln zu begegnen ſuchen ꝛc. ꝛc.ꝛc. “hätte wollen erkalten laſſen. Welcher Fürſt könnte oder würde mir 10 oder 15 Bogen neuer Arbeit verbieten oder dem Publikum? Ihre Entſchädigung könnte er mir blos gebieten, wenn ich ſie ver - weigerte. Geſetzt, Sie wären nicht der Mann von Billigkeit, wofür ich und der allgemeine Ruf Sie anerkennen, ſo brauchten Sie ja nur auf einer unveränderten Auflage oder auf unannehmlichen Bedin - gungen zu beſtehen: ſo wären mein Geiſt und meine Leſewelt unter das merkantiliſche Interdikt eines Einzelnen gelegt. *)Wie würde aber dieſer Einzelne vor der Welt, die mich liebt, da - ſtehen, wenn ich ihn mit ſeinem Interdikte hinſtellte? — Auch ver - mengen Sie in Ihrem Briefe Auflage mit Ausgabe. Pr [eußiſches] Landr [echt] Th. 1. Tit. 11. § 1012: „ Wenn aber eine Schrift in verändertem Formate (was ich aber hier zu günſtig für den Autor finde) oder mit Veränderungen im Inhalte neu gedruckt wird,109 ſo wird ſolches eine neue Ausgabe genannt. “ Und dann § 1019: „ Können Verf. und Buchhändler ſich wegen der neuen Ausgabe nicht vereinigen, ſo muß erſtere [r], wenn er dieſelbe in einem andern Verlage herausgeben will, zuvorderſt dem vorigen Verleger alle noch vorräthigen Exemplare der erſten Ausgabe gegen baare Be - zahlung des Buchhändler-Preiſes abnehmen. “ Und dieß wären hier 50 Ex. — Jetzo ſind in der Vorrede und in den 3 erſten Manipeln (bis S. 132) (exclus. der Blumenſtücke) ſtellenweiſe an 18 Seiten ausgeſtrichen und über 68 neue Quartſeiten eingeſchaltet. — Doch ich will ja meine Gefühle nicht wieder aufwärmen.
1. Der 4te Ld’or bleibt alſo weg. Nach Abdruck jedes einzelnen Bändchens zahlen Sie verſprochner maſſen das Honorar für daſſelbe. (Beiläufig! Nur 7 rtl. pr. foderte ich von Matzdorf in Gold, welches letzte er aber zum Erſparen des Agio abſchlug. Ich fand dieß erſt in ſeinen Briefen, da ich aus meinen früher nur Einfälle, und keine einzige kaufmänniſche Bedingung kopierte.)
2. In die Herausgabe der ſämmtlichen Werke nehm’ ich den neuen Siebenkäs auf, wenn ich Ihnen die noch reſtierenden Vorräthe deſſelben um die Selbſtkoſten abgenommen.
3. Zu Oſtern 1818 erſcheinen alle 4 Bändchen auf einmal; was eigentlich auch mir das Liebſte iſt; nur glaubt’ ich Ihnen durch Theilung mehr Abſatz zu verſchaffen.
4. Aber das Langoktav des alten Siebenkäſes kann ich nicht aus - ſtehen — der Hesperus iſt noch abſcheulicher gedruckt — Zu was ſoll unten der leere breite Rand? Sie nehmen alſo zur neuen Ausgabe ganz das Format und den Druck wie bei Cotta die neue Levana, neue Vorſchule oder das Muſeum haben. Von dieſem kleinen Punkte kann ich nicht abſtehen, ſo gern ich Ihnen jeden großen opferte.
Jetzo melden Sie mir gütig, zu welcher Zeit Sie das erſte Bändchen haben müſſen und wann darauf das zweite. Ich wünſchte, es würde, wie Dobenecks Buch, mir näher gedruckt, damit ich jedem Bändchen bequemer die Druckfehler-Angabe beifügen könnte.
Der übrige Theil Ihres Briefs (über den Buchhandel) hat mich ſehr erfreuet*)Denn mein innigſter Wunſch iſt eben, daß der Verleger gewinne bei Lotto-Opfern, da der Autor wenigſtens den Gewinn der Schaffenfreude hat. und belehrt und beruhigt, wiewol Sie und Perthes110 die Druckkoſten vielleicht zu hoch und zu lokal anſetzen. Leben Sie wol und antworten Sie mir pünktlicher als ich leider dieſes mal — denn ſonſt bin ich ſo pünktlich wie ein Kaufmann — habe thun können — —
Ihr ergebner Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, mein Otto! Beſieh doch dieſen Brief an den Buchhändler, der abends fortgeht. Ich bin dir ſehr gefolgt. Ich habe nie ſo kräftig an einen Verleger geſchrieben; denn ich bin immer zu ſampft. — Aber der fremde Widerſpruch wird dich wundern und mich beſtätigen.
Guten Morgen, lieber Otto! Es iſt mir recht lieb, daß ich in der Buchhändlers Sache immer deiner Meinung bin und war. Zum Beweiſe ſchick ich dir die längſt geſchriebene Antwort, der ich geſtern nur noch die vergeßne Oberrandnote beifügte. Schicke mirs mit der Diner-Poſt wieder.
Guten Morgen, mein Emanuel! Den guten Abend, den Sie mir geſtern bringen wollten, will ich mir heute um 7 ſelber holen. Geht es? — Soll man ſich über den Eigennutz oder über die Grobheit der Dummheit mehr ärgern? Ich thue das letzte und bin dem eingeſchränkten aufgeblaſenen Konſulenten, der noch mit dem Namenzug grobwitzig ſein wollte, ordentlich feind.
Guten Morgen, mein alter guter Emanuel! Meinen Morgen - dank für die Abendluſt! Und doch auch die Bitte um den Schach -111 unterricht. — Von heute Nachmittag fängt meine geſtrige Propeh - zeiung trocknes Wetters bis tief in den Mai ſchon einzutreffen an. — Einen Gruß an meine Nachbarin!
Guten Morgen, Emanuel! Freilich iſts zu dumm, da Über - laſſen der Zimmer ja gerade Verkaufen des Schloſſes ausſchließt; aber, doch gefällt mir S. mit ſeiner Genugthuung beſſer als Wächter mit ſeiner Fortſünde. — Nächſtens werd ich einmal abends in Ihre Stube hineinfahren, ohne lange Laufzettel vorher zu ſchicken. Guten Morgen, Hoffende!
Endlich hab’ ich die Freude, Sie um zwanzig bis dreißig Dinge zu bitten, welche indeß alle auf die Stube hinauslaufen, in der ich Ihnen dafür danken will. Ich brauche nämlich — etwa von der Pfingſtwoche an bis zum längſten Tage — ein Stübchen zur Miethe (nicht einmal ein Kämmerchen dazu) — ferner ein Bette — ein ſchlechtes Kanapee, weil ich nur auf einem leſe und ſchreibe — jemand zum Kaffee - und Bettmachen und Getränkholen — gar keine Möbeln außer den aller unentbehrlichſten. — Nur liege das Zimmerchen nicht dem Sonnenbrande gegenüber, ſondern lieber der Abendſonne, oder dem Muſeum, oder der Wirthtafel, wo ich eſſe; und, wenn möglich, ohne beſondern Lärmen in der Morgen ſchlaf ſtunde, die für mich mehr Gold im Munde hat als die Wachſtunde. Auch außer der Stadt kann mein (herrnhutiſches) Seitenhölchen oder meine Brut - zelle liegen. Ein Mittelpunkt braucht ja nicht groß zu ſein, wenn nur der Umkreis es iſt; dieſer bildet jenen, nicht jener dieſen. Durchaus muß ich alles miethen und bezahlen dürfen; ſo lebt’ ich in Erlangen, Nürnberg, und wollt’ es auch in Regensburg, hätt’ es der Primas nicht für mich bezahlt. Als Gaſt hätt’ ich nur halbe Freude d. h. Freiheit.
Nach meinem geſchwinden Wetterpropheten bekommen wir we - nigſtens 1½ zu trockne Monate. Vielleicht feier’ ich ſchon die112 h [eilige] Pfingſtausgießung bei Ihnen. — Ihren Gegenwolf hat mir der Buchhändler noch nicht geſchickt. — —
Übrigens will ich Büchern mehr ent - als zufliehen; ſie wol, aber nicht Menſchen, Berge und Ströme kann man ſich verſchreiben.
Langes Bleiben erſpart langes Schreiben. Daher ſchnapp’ ich hier ab, ohne viel noch zu reden von Heidelberger Handſchriften und von neuen Überchriſten und Landſtänden und von Allem. Ich grüße herzlich alle ſchon Gegrüßte; künftig grüß’ ich auch die Geſehenen noch dazu.
Ihr Jean Paul Fr. Richter
N. S. Ich allein komme; aber meine Frau holt mich vielleicht ab. — Verzeihen Sie, daß ich Ihnen für ſo viel anbietende und vorſor - gende Liebe in Ihrem letzten Briefe noch nicht gedankt.
Der erſte ſchönſte [!] Tag dieſes Jahres fällt gerade auf den Tag Ihrer Feier, theuere Freundin. Jener verſpricht nach meiner Weiſſagung ein ganzes Mai-Paradies; möge der Ihrige nach meinem Wunſche Ihnen noch 11 Paradieſe dazu geben und Sie unter keine Wolke führen, die nicht wenigſtens einen Regenbogen hat.
Schließe noch eine kleine Haube bei, die ich als Clairvoyant im magnetiſchen Schlafe genäht; denn im Wachen wär’ ich dergleichen nicht im Stande.
Guten Abend, Guter! — Hier ein mir werther Brief. — Graſer ſagte mir, daß er den von Ihnen präſentierten Schullehrer zwar gern angenommen habe, daß er aber von der Regierung unter dem Vorwande Ihres Glaubenbekenntniſſes ein Nein erhalten. — Gute Nacht! Ich wollte, ich ginge bald zu Ihnen, zumal da ich ſchon nach Heidelberg um Quartier geſchrieben.
Guten Morgen, mein guter Emanuel! Ob ich gleich noch Reichards Paſſagier von Ihnen habe: ſo bitt’ ich Sie doch auf 1 Tag um deſſen Guide des Voyageurs meiner dummen Reiſe wegen, die mich geſtern um die beſten Geſpräche gebracht.
Auf die Autorität Ihrer Berechnung, daß Siebenkäs, gedruckt wie die Levana, um ½ mal ſtärker und theuerer ausfalle, nehm’ ich herzlich gern die Bedingung eines ſolchen Drucks zurück. So nehmen Sie alſo — denn das Langoktav muß durchaus weg — die unſichtbare Loge zum Typus, unter allen Matzd [orffiſchen] Drucken mir der liebſte, der in Rückſicht der Bogen - und der Louis [d’or -] Zahl und des Preiſes eine Diagonale zwiſchen unſern beiderſeitigen Rich - tungen beſchreiben wird. Das Publikum ſamt dem Bücherverleiher wird doch auch bedenken, daß es 4 B [ände] bekommt. So lieb es mir iſt, Sie vielleicht im Auguſt zu ſehen, ſo wär’ es mir zehnmal lieber geweſen, Sie im Februar geſehen zu haben um eines frühern Friedens willen. Komiſch komm’ ich mir ordentlich vor, daß ich ſo ſiegend auf dieſem Blättchen ſtehe, da Sie mir jeden Punkt abge - fochten und keinen einzigen gewonnen gegeben haben. Inzwiſchen ſind wir doch endlich ganz aufs Reine gekommen und Sie brauchen Ihr Bejahen dieſes Blättchens nur durch Schweigen auszudrücken; — ſo wie ich, wenn Sie gleichwol gegen dieſen letzten bloßen halben Punkt unſerer Punktazion noch ein Nein des Honorars wegen mir ſchreiben wollen, Ihr Nein gleichfalls durch Schweigen unterſchrei - ben werde, damit endlich etwas anders anfängt — nämlich der Druck ... Eine ſehende Fortuna wache und walte über Ihre ſo vielſeitigen Ziele und Arbeiten.
Guten Morgen, mein Alter und Freudiger! Ich ſchreibe hier auf das Blättchen, das zwiſchen dem beifolgenden Briefe und der8 Jean Paul Briefe. VII. 114Oblate gelegen. — Ich antworte der freundlichen Seele ſchon darum, weil ſie eine Anverwandte meines mir unvergeßlichen Malers iſt. Auch einen guten Morgen an Ihre liebenden und geliebten „ En - virons “.
Laſſen Sie doch Ihre liebe Flora erſtlich mit der Glasplatte, von der blos die Seide abgenommen wird, mehrmal an die leidenden Kinnbacken ſtreichen und andrücken; und dann die Mündung der geöffneten Flaſche langſam daran vorüber führen und auch ver - weilen.
Guten Morgen, mein alter lieber Emanuel! Hier die Büchelchen für den Aſtralgeiſt. — Geſtern war es wirklich hübſch genug bei Ihnen und wir ſprachen mit einander.
Ihr ganz aus dem Herzen kunſtlos hervorgetriebnes Blättchen, liebe Julie, — das aber eben wie ein Roſen - und ein Lilienblatt keiner rothen und weißen Schminke bedarf — hat mir recht viel Freude gebracht. Es thut gar nichts, wenn Sie mich viel zu ſehr loben und lieben; Sie haben doch Genuß dabei, und ich brauche nur vernünftig zu bleiben und dieſe ganze Anmerkung zu machen. Ich wollte, ich hätte wenigſtens ein Paar Dutzend Menſchen, gegen welche ich in Ihren ſchönen Fehler fallen könnte.
Mit den Erinnerungen an meinen guten Meier haben Sie mir ein ſchmerzliches Geſchenk gemacht. Sein Bild von mir — das einzige treffende, indeſſen alle Kupferſtiche Verläumdungen oder Verwandlungen meines Geſichts ſind — ſeh’ ich ſeit dem Kriege115 nie ohne Wehmuth an und es iſt mir eigentlich weniger meines als ſeines. Ein edles Herz, ein ächtes Talent hat nun die dürftige Erde weniger und der reiche Himmel mehr. Aber ſeiner würdig war der tapfere Tod. Nie werd’ ich den feurigen Jüngling und die frohen Stunden mit ihm und ſeinem gefühlreichen Begleiter G [erlach] vergeſſen. Grüßen Sie herzlich von mir ſeine (beſonders Ihnen nächſten) Verwandten. Leben Sie wol — behalten Sie Ihr warmes Herz — und laſſen Sie mich bei Ihrer kindlichen Liebe jetzo auch ein - mal zu Ihnen ſagen: Du.
Jean Paul Richter
Guten Abend, lieber Emanuel, liebe Flora! Meine Kinder wollen heute an ihrem wichtigen Abend Sie nur noch ſehen, grüßen und küſſen und dann wie ich ſagen: gute Nacht!
R.
Guten Morgen, lieber Otto! Meine lieben Kinder kommen und wollen dich heute zur Feier ihres Feſtes grüßen und küſſen; ich weiß, du freueſt dich innig darüber.
Um noch vor meiner Abreiſe nach Heidelberg meine Pflicht abzutragen, ſchreib’ ich lieber nur ein flüchtiges Blättchen, ohne Ihre, eben vom Buchbinder zurückkehrenden Gedichte ordentlich geleſen zu haben. Aber in dem Wenigen, was ich geleſen, ſtellte ſich mir die klare, beſonnene, unbefangne, warme und des gefällig - ſten Versbaues mächtige Dichterin dar. Leben und dichten Sie freu - dig fort. Ich grüße Ihre Freunde.
Jean Paul Fr. Richter
d. 9. Jun.
Die Neckarſündfluth ſtellte ſich mir in den Weg. Um die Poſt in keinem falſchen Lichte zu laſſen, bemerk’ ich nach, daß dieſes Blättchen erſt heute abging.
Was hilft mein poſttägliches Paſſen? Endlich muß ich doch fragen. Ich dachte mir viele Anläſſe des Schweigens und Aus - bleibens — die Meße — Nebenreiſen — Landſchalttage — Kan - ſtädter Sündfluten, welche das Paket Faſtenpredigten an mich erſäuften — —
Endlich ſteht von den letzten im Morgenblatte eine Probe aus den „ angekündigten “Faſtenpredigten. — —
Sind dieſe denn nicht auf Oſtern gedruckt worden, wie Sie mir verſprochen?
Haben Sie meine Druckfehleranzeige und fernerer Druckfehler Bitte nicht erhalten? —
Ich bitte Sie, lieber Cotta, um baldige Antwort und — wo möglich — um Bücherfracht — und um Geld.
In meinem Briefchen vom 31ten Jenner, der die Predigten be - gleitete, zeigte ich Ihnen die Aufſätze im Morgenblatte des vorigen Jahrs ſo wie den im Damenkalender, als Reſte an. Sie ſandten mir 600 fl., ohne Berechnung mit den Aufſätzen oder den Predigten. Vielleicht ſind dieſe endlich fertig und alſo iſt die ganze Rechnung zu vollenden.
Leben Sie wol und laſſen Sie ſich die Mühe der Berechnung nicht verdrießen.
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Eine größere Freude — nur Ihre Geneſung ausgenommen — konnten Sie, Verehrungwürdigſter, mir nicht machen als mit dem Geſchenke Ihres herrlichen Eben - ja Gleichbildes, das der Hand einer kunſt - und liebevollen Tochter würdig wäre, ja vielleicht aus ihr kommt. Sonſt verſchone ich gerade das Koſtbare nicht mit dem Gebrauchen, aber dieſe Taſſe ſoll nur eine Sonntagtaſſe werden, um das koſtbare Bild mehr zu ſchonen und des geliebten Urbildes ſchöner zu gedenken, das ja gerade am ſiebenten Tage — und noch jetzo —117 von ſeinem Schaffen nicht ausruht, ſondern noch ſegnender fortfährt. Nehmen Sie hier gütig meinen Dank, meine Liebe und meine Ver - ehrung auf.
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Das erſte was ich hier nach dem Stuhle genommen, iſt eine Feder, um dir zu ſchreiben, daß freilich mein Regensburger Kutſcher ſehr gut war, aber mein jetziger und ſein Gaul zehnmal beſſer. Gegen 5 Uhr reiſete ich von Baireut d.h. von dir ab und kam um 8¼ in Holfeld an — ein ſechs Stunden-Weg — und um 11¼ in Würg - gau, von wo aus noch zwei Flugſtunden nach Bamberg ſind. Extra - poſt iſt Schneckenpoſt dagegen. Mein Kutſcher, der wie der vorige in preußiſchen und franzöſiſchen Dienſten geweſen, übertrifft dieſen. Das Wetter ſinnt ordentlich darauf, ſeinen Schönmaler und Sil - houetteur in etwas zu belohnen. Schon morgen werd’ ich in Würz - burg ankommen, um nicht doppelte Wirthshäuſer zu bezahlen. In Holfeld ließ der edle Kutſcher weder ſich noch ſeinem Pferde geben, aber ich gab beiden zu eſſen und zu freſſen und der Bach und mein Krug zu ſaufen.
Und doch neckte mich wieder das Morgen-Schickſal, daß mein Kutſcher durch meine Mixturen von Wein und Likör zwar vernünftig blieb, bis er in Würgau vom Bocke ſtieg; aber nachher erkrankte und zuletzt neben mir im Wagen ſitzen mußte. Jetzo haben wir uns beide etwas Geſcheiteres vorgeſetzt; und eben ſchläft er.
Schon heute um 6½ Uhr langt’ ich hier an, ob ich gleich um 5 Uhr ausgefahren. Denn der Gaul macht 4 Poſtſtunden ſtets in 2, ja zuweilen in 1⅔. Das Wetter iſt kühl, hell und göttlich. Aber hier neckte mich wieder das Schickſal ſo gar arg und unerwartet — und doch bleib ich bei meiner alten Hoffnung auf ganz beſondere Freuden — daß ich morgen Nachmittag abfliege, alſo ſchon Sonnabends in Heidelberg abſteige. Erſtlich durch eine falſche Empfehlung unter - wegs gerieth ich in einen ſchlechten Gaſthof (zum Adler), der gleich -118 wol ſo beſetzt iſt (des Marktes wegen) daß ich nur ein hinteres Zimmerchen mit Ausſicht auf Hof und Windeln bekommen. Seit ein tauſend Jahren hab ich keine ſo erbärmliche und ſo nahe Ausſicht gehabt; denn eine nahe iſt eben die ſchlechte. — Vollert beſuchte ich; alles grüßt dich und ſeine Kinder die Kinder.
Der Gaſthof iſt eigentlich mit Aufwartung und Eſſen und Möbeln gut; nur ſitz’ ich leider in deſſen Hintertheile. — Ich werde doch erſt am Sonntage ankommen können. — Odilie ſoll 1 Seidel Weineſſig in die neue Dinte gießen. — Der Kronprinz iſt nicht hier. — Im goldnen Hecht laſſe demnach an mich abgeben.
Wie haſt du für mich ſo mütterlich geſorgt, gute Seele! Jeder Biſſen erinnerte mich an deine Hand. — Es geh’ euch allen recht wol! Grüße Emanuel.
R.
Meine theuere Karoline! Eben bin ich angekommen — ganz geſund — ohne Verluſt, ausgenommen durch Wirthrechnungen. Heidelberg göttlich in Umgebung und ſchön im Innern. Nur den wahren deutſchen Voß hab’ ich geſehen. Mein Zimmer iſt faſt zu gut. Nächſtens alles ordentlich. Ich habe keine Zeit mehr als den Kutſcher zu bezahlen und zu Bette zu gehen. Schreibe recht bald. Küſſe meine lieben Kinderlein und ſie ſollen ihr liebes Mütterchen küſſen und ihr gehorchen und gefallen.
R.
Hochgeehrte und geliebte Freundin! Nicht blos viel holen ſondern auch viel bringen möcht’ ich heute, wenn ich nicht für dieſen Abend bei Hegel verſagt wäre. Wollen Sie mir morgen Ihre Stubenthüre offen laſſen? — Ich habe bisher in ſo großen Freuden mich immer nach Ihnen umgeſehen, damit Sie ſie theilten, d. h. alſo vermehrten.
Jean Paul Fr. Richter
In den Niederungen und Tiefen ohne Gott und Herz dauern alle Qualen lange; auf den Höhen der Religion hat der Menſch auch noch Schmerzen, aber nur kurze. So verlängern die Nächte ſich in den Thälern; aber auf den Bergen werden ſie abgekürzt und immer leuchtet ein kleines Roth am Himmel dem Tage entgegen oder nach.
Dieß mußt’ ich heute denken, da ich an die edle Freundin dachte, um ſie an mich durch ihr Stammbuch zu erinnern.
Heidelberg d. 17ten Jul. 1817Jean Paul Friedr. Richter
Wertheſter! Ich habe Ihnen viele Abſätzchen zu ſchreiben.
Hier folgt der Aufſatz für den Damenkalender.
Ihre 600 fl. hab’ ich erhalten. Koehler ſchickte mir aber eine Rolle mit 50 Konvenzionthalern ſtatt einer mit Kronthalern; ich ſchrieb ihm ſeine Verwechslung; aber er antwortete nicht. (Die Nachſchrift widerlegts.)
Die Exemplare der Faſtenpredigten mit Ihrer Abrechnung bekam ich immer noch nicht; ich ſchrieb deßhalb an Felsecker in Nürnberg; aber er antwortete nicht. (Die Nachſchrift widerlegts.)
Hier überſchickt ein anderer ein Werk über den Magnetiſmus, das eine treffliche naturphiloſophiſche Erklärung deſſelben mit neuen praktiſchen Regeln enthält. Daneben liegen einige magnetiſche Krankheitgeſchichten, die vielleicht Eschenmeier in ſein Archiv auf - nimmt. Senden Sie es in 10 bis 12 Tagen wieder zurück: ſo findet es mich noch hier im Paradieſe.
Die Druckfehler in den Faſtenpredigten wie in ſo vielen andern Werkchen weiß ich nicht anders zu heilen als daß ich das ein Paar120 Bogen ſtarke „ Ergänzungsblatt zur Levana “mit einer zweiten luſtigen Vorrede und einem neuen Erraten-Verzeichnis verſehen neu auflegen laſſe. Ich weiß ſchon, daß Sie mir und den Leſern zu Ge - fallen dieſe Kleinigkeit zu Michaelis geben, zumal da ich nur Honorar für die Vorreden begehre, nicht für die Druckfehler, welches den Verfaſſern derſelben gehört.
Der ſcharfe Weißer ſollte den Nachdrucker-Parentator und Leichen - redner Krause in Baireut — derſelbe, der in den „ Landnachtver - handlungen “vorkommt — im Morgenblatte weißerisch belohnen und bekränzen.
Könnten Sie mir Ihre Abrechnung mit mir nicht noch einmal ſchicken? Denn die 400 fl., welche ich, wie Sie zuletzt ſchrieben, vor Ihrer letzten Zahlung gut behalten, wären zu viel, wenn Sie nur die Faſtenpredigten berechnet hätten; und zu wenig, wenn die kleinen Aufſätze von 1816 mit gemeint wären. (vide Nachſchrift)
Ich bitte Sie, meine Paragraphen recht bald zu beantworten.
— und recht froh zu leben.
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Nachſchrift um 11 Uhr.
Seltſam genug läuft von meiner Frau eben die Nachricht ein, daß die Exemplare und Köhlers Nachtrag angekommen.
Ihre Abrechnung iſt an ſich ganz richtig; nur haben Sie darin die drei im Jahre 1816 ins Morgenblatt gelieferten Aufſätze ver - geſſen, deren Titel und Nummern ich Ihnen im vorvorigen Briefe angegeben. Freilich iſt jetzo, da Sie mir 600 fl. ſtatt 430 fl. geſandt, der Nachſchuß nur unbedeutend. —
Und doch glaub’ ich, bin ich nicht ſo viele Müllersche Lieferungen ſchuldig ſondern blos die letzte; aber zu Hauſe kann ich erſt nachſehen. Vale atque vale.
Gerade heute, mein geliebtes theueres Herz, wo ich Doktor der Philoſophie geworden, will ich an dich ſchreiben. Meinen Ahnung - Schluß aus den Schwierigkeiten der Abreiſe auf das Glück meiner hieſigen Tage hat der Himmel überreichlich wahr gemacht. Nur ſind der Sachen zum Schreiben zu viel, bei den ewigen Ausgängen und Zuſprechern. Z. B. am Dienſtag (d. 8ten) Mittageſſen bei Kirchenrath Schwarz — an welchen du künftig deine Briefe abgeben laſſe, weil ich Montags zu ihm ziehe unter der Bedingung des Be - zahlens —
Am Mittwoch bei der Frau von Ende — an der ich nicht genug Güte, Ausbildung und Originalität loben kann und welche mir, dir und den Kindern niedliche Geſchenkchen aus Paris mitgegeben —
abends bei D. v. Ditmar, der mir wie Voß alles zuträgt und beſorgt.
Donnerſtags abends Thee (wozu immer ein Abendeſſen und Punſch geſchlagen wird) bei Kirchenrath Paulus —
Freitag bei Voß abends Thee (zu welchem wie zu jedem Mittag - male immer fünf, ſechs Profeſſoren zu ſchlagen ſind)
Sonnabends Mittags gab die Ende auf dem göttlichen Schloß - garten einen Thee und 50 Perſonen dazu —
— abends miethete ſie im Gaſthof ein Zimmer, um die Studenten zu ſehen, die mir ein Vivat brachten (Siehe die Beilage) —
Am Sonntage fuhr ein Luſtſchiff mit 80 Perſonen auf dem Neckar fünf Stunden weit nach Hirſchhorn (Siehe die Beſchreibung, die ich nachher für Emanuel machen will)
Montags abends wieder bei Paulus
Dienſtag Mittags bei Schwarz, und abends bei Profeſſor Hegel
Mittwoch abends bei der Ende —
Donnerſtags abends blos zu Thee und Singakademie bei Hofrath Thibaut
— Heute abends bei Hofrath Kreuzer. Vor der Hand iſt noch nichts weiter beſtellt als für den Sonntag Abends ein Thee-Eſſen von Dütenberger, für den Dienſtag eines von Emilie Heinse zu ihrem blühenden Töchter-Inſtitut und Mittwochs von dem Ober -122 forſtrath Gatterer und für Donnerſtags die Singakademie von Thibaut und Eſſen.
Wie ſoll ich die Liebe und Achtung malen, womit ich hier bis zur Übertreibung geſucht werde? Der Hund allein könnt’ es, weil der nie ſo gut gefüttert wurde von ſchönen Händen als hier.
Heute brachten mir der Profeſſor Hegel und der Hofrath Kreuzer mit den Pedellen hinter ſich im Namen der Univerſität das perga - mentene Doktordiplom in einer langen rothen Kapſel. Max ſoll dir das papierne überſetzen. Du kannſt es dann überall herumgeben. — Du mußt aus dieſem Briefe an dich vorleſen und ihn Emanuel und Otto geben und*)Auch den von der Ende gib ihnen. den an Emanuel nachleſen; denn es iſt mir ſchlechterdings unmöglich, ſo manches zweimal, ja kaum einmal zu ſchreiben.
Ich habe hier Stunden erlebt, wie ich ſie nie unter dem ſchönſten Himmel meines Lebens gefunden, beſonders die Waſſerfahrt, das Studentenvivat und die geſtrigen Geſänge aus der altital [ieniſchen] Muſik; aber ich danke auch dem Allgütigen ſo viel ich kann, durch Milde, Stille, Beſcheidenheit, Liebe und Rechtſein gegen jeder - mann.
Apropos! Der Dachdecker ſoll hieher auf der Poſt nach den [!] D. von Ditmar zwei Büſten von mir, jede aber beſonders gepackt — weil die eine noch weiter geht — und an den Kirchenrath Schwarz eine ſenden. Findet man ſie hier ähnlich: kann er viel abſetzen.
Mit Menſchen verweb’ ich mich, von welchen ich früher Ent - fernen gefürchtet, z. B. mit Paulus, mit ſeiner Frau — welche gar nichts von dem Jenaischen Rufe einer vordringlichen Literatur - koketten hat, ſondern eine klare tiefe Hausfrau iſt — und mit ſeiner ſchönen Tochter Sophie, die faſt nur mich und die Bibel lieſet, auch das Schwerſte verſteht oder ſich erklären läßt und die ich nach dem Wunſche der Mutter zum Heirathen bereden ſoll, weil ſie alle Männer ausſchlägt, um nicht in der Ehe ihre Mutter weniger zu lieben.
Der geſellige Ton hier iſt Leichtigkeit, Anſtand und Freude; vier ausgetrunkne Punſchbowlen bei Voß und 100 ausgetrunkne Wein -123 flaſchen auf dem Schiff ließen doch dieſen Ton beſtehen. — Von der Gegend laſſe mich um Gottes Willen nichts ſagen, ausgenommen abends, wenn ich dir wieder gegenüber ſitze.
Dem herzigen urdeutſchen liebereichen und kraftreichen Voß hab’ ich auf dem Schiffe das Sie genommen und habe nun in ſo alten Jahren ein neues Du mehr gemacht.
Max muß mir in Heidelberg ſtudieren; lauter Schutzgeiſter um - geben ihn in Geſtalt meiner Freunde.
Sehr theuer iſt es hier. Die erſte Woche zahlt’ ich im Gaſthofe 22 fl.*)die 2te zahlte ich 13 fl.; aber ein Misverſtändnis des Kellners war Miturſache; für einen Schoppen Wein zu 48 Kreuzer hielt ich eine Flaſche, die eben 2 Schoppen iſt; ferner den Tiſchwein für darein gegeben wie bei uns das Bier, der jedoch 20 kr. koſtete. In Würzburg zahlt’ ich für 1 Abend -, 1 Mittageſſen und 2 Frühſtücke (den mäßigen Kutſcher eingerechnet) 8 fl. — Der Krug Bier koſtet 12 kr., ein Mittag - eſſen 40 kr. Die engliſchen Waren ſind hier theuerer als in Frankfurt.
Nach Manheim werd’ ich mit Geſellſchaft reiſen, beſonders da Sternberg bei mir geweſen. — Geſund bin ich unglaublich, ich mag trinken, reden und wachen wie ich will. — Deine Briefe kamen an. — Wie iſt euere Ernte? — Hier wechſelt der Himmel und ſtört ſie; indeß gibt es hier ſelten Bettler und kein krüpelhaftes Haus. Am Montage wird jedoch das beſſere Wetter kommen.
Welcher herrliche Abendzirkel und Regenbogen geſtern um den Tiſch, gemacht aus lauter Profeſſoren und Künſtlern, Hirt (zurück kommend aus Italien) — Aerzten — Philoſophen — Philologen — Theologen — Juriſten — Phyſiker [n] — Kunſtkennern 〈 inhabern 〉 wie Boiſſeret — und dem jovialen Kreuzer! —
Jetzo allerlei durch einander, weil jemand neben mir ſitzt — Trinke erſtlich recht viel Bier aus und ziehe neues ab, ſobald Rerehni gutes hat. Den Wein ziehſt du in der Woche meiner Ankunft ab und auf lauter Krüge, und auf die Paar dünnen Bouteillen. — Deine beiden Herzbriefe hab’ ich erhalten; vermehre ſie ja bald. — Schreibe mir den Tag des Empfangs jedes meinigen, damit ich darnach aufgebe. 124— Ob ich nach Frankfurt gehe, iſt mir der Koſten wegen noch unent - ſchieden; und doch reizen mich dazu die Bergſtraſſe und dein Wunſch, Dimity und Garn einzukaufen. — Da ich der Magd etwas mitzu - bringen habe: könnten es nicht die 2 geſtohlnen Schnupftücher ſein? Und wie heiſſen ſie? — Bezahle den Hauszins. — Sei du in keiner Angſt über das Haus; ich bin in keiner; bleibt doch der reiche Emanuel Wochenlang aus. Mache mir ja die Freude und mache dir mehr Freude, damit ich nicht allein genieße. —
Reimer aus Berlin (Apropos! Emanuel hat doch auch ſein Exemplar von den Faſtenpredigten erhalten?) beſuchte und gewann mich; ſein redliches Geſicht iſt das Siegel ſeines Werths. — Grüße die lieben Kinderlein. Emma hat mir die ſchöne Freude über ihren ſchönen Brief doch durch die Buchſtaben ein Bischen beſchnitten. Sieh zuweilen ihrem Abſchreiben nach, damit mein künftiges Nach - ſehen mir nicht zu ſauer wird. — Und du, lieber Max, wirſt doch gegen deine Mutter wieder wie in den heiligen Tagen deines Abend - mals ſein und mich nicht in der Ferne betrüben, da ich ſo gern an dich denke; und es wäre hart, wenn ich bei meiner Ankunft dich nicht freudig umfaſſen könnte wie die andern.
Ich denke recht oft an dich, Theuere, und in den Nachmittagen oft mit ſchneidender Sehnſucht, nach welcher ich indeß doch nichts fragen darf, da ich einmal eine ſo lange, nie wiederkommende Reiſe gemacht. — Wie würdeſt du hier von der Schwarz, der Hegel, der Paulus und vielen ganz anders geliebt werden als in Baireut, wo man dich noch mehr verkennt als mich ſelber. — Schreibe mir alles Vorfallende, z. B. über die Said. — Fodere doch dem unhöflichen Reizenſtein den 3ten Theil des Hesperus ab, den er außer Baireut verliehen. — Die Penſion iſt doch angekommen? — Und ſo lebe denn wol, geliebtes Herz, und mache dir nie einen Kummer über mich, auch bei dem längſten Schweigen unter ſo vielen empfangnen und gegebnen Beſuchen!
R.
Montags den 21. Jul. ſchick’ ich dieſe Briefe ab aus dem Edenſtübchen bei Schwarz.
So bin ich denn hier wider mein Verdienſt ſo ſeelig geworden, als ich kaum in einer Stadt geweſen, Berlin ausgenommen. Aber wie iſt dieß ohne ein Papier-Ries zu ſchildern? Ich vertröſte daher Sie auf meine Frau, und dieſe auf Sie, und Otto auf beide, damit doch eine Art von Nachricht herauskommt, bevor ich auf dem rechten Rednerſtuhl ſitze — auf Ihrem Kanapee.
Einer der wichtigſten Männer hier iſt mir der Hofrath Thibaut, in der römiſchen Jurisprudenz noch größer als Savigny — voll Kraft und Trotz und Überſicht — ſarkaſtiſch — poetiſch und witzig im Sprechen — und der Stifter einer donnerſtägigen — Singaka - demie in ſeinem Hauſe. Eine kleine Anzahl Weiber, Jungfrauen und Jünglinge tragen die Kirchenſtücke der alten italieniſchen Meiſter, des Paleſtrina, Leo, Durante ꝛc. ꝛc. vor. Ohne Krankheit darf keine wegbleiben — niemand darf zuhören oder dabei ſein, nicht einmal die Eltern, damit die Muſik heilige und die Eitel - keit ſie nicht entheilige. Ich gewann ihn durch meine Worte über die Muſik, daß er mir nicht nur den einen Donnerſtag mit italieni - ſcher Muſik gab, ſondern jetzo für den zweiten mit Händel’scher mich mehrmal ordentlich bittet, als könnt’ ich einen Himmel ver - ſäumen. Caroline verſteht es, wenn ich ſage, hier iſt Fasch wieder. Das Aushalten der Töne war oft wie das von Glocken und man glaubte durchaus verborgne Glocken zu hören. Aber ich werde ja einmal ein Blatt finden, welchem ich dieſe ewigtönende Edenſtunde mitgebe. —
Mir war, als würden meine Romane lebendig und nähmen mich mit, als das lange, halb bedeckte Schiff mit 80 Perſonen — bekränzt mit Eichenlaub bis an die bunten Bänder-Wimpel — begleitet von einem Beiſchiffchen voll Muſiker — vor den Burgen und Bergen dahin fuhr. — Der größte Theil der Frauen und Männer ſaß an der langen von dem einen Ende des Schiffes zum andern langenden Tafel. Studenten — Profeſſoren ꝛc. ꝛc. — ſchöne Mädchen und Frauen — der Kronprinz von Schweden — ein ſchöner Engländer — ein junger Prinz von Waldeck ꝛc. ꝛc., alles lebte in unſchuldiger Freude. Meine Kappe und des Prinzen Hut (den aber die meiſten126 nicht hinzu gewünſcht hatten) wurden ans andere Ende der Tafel hinunter gefodert und zwei ſchöne Mädchen brachten ſie mit Eichen - kränzen umfaßt wieder zurück und ich und der Prinz ſtanden damit da. Der Überfluß an Eſſen und Wein konnte kaum in einem ganzen Tage aufgezehrt werden. Der Himmel legte eine Wolke nach der andern ab. Auf einem alten Burgfelſen wehte eine Fahne und Schnupf - tücher herunter, und junge Leute riefen Vivats. In unſerm Schiffe wurden Lieder geſungen. Ein Nachen nach dem andern fuhr uns mit Muſik und Gruß nach; abends ſogar einer mit einer Guitarre, wo ein Jüngling mein angebliches Leiblied: „ Namen nennen dich nicht “ſang. — Im fortziehenden Schiffe wurde gegeſſen und ſeltſam ſchifften die himmliſchen Ufer und Thäler vor uns vorüber, als ob wir ſtänden. Die Freude der Rührung ergriff mich ſehr; und mit großer Gewalt und mit Denken an ganz tolle und dumme Sachen mußt’ ich mein Übermaß bezwingen. Nach dem Eſſen ſpielten wir jungen Leute Spiele (die Wittwe u. ſ.w. ) auf einer Wieſe, woraus ich für eine Goulon aus Weimar einen langen Scherz ſpann. Darauf tanzte man 1 Stunde lang in einer Ritterburg. Und ſo zog denn am ſchönen Abend die ganze kleine Freudenwelt ohne das kleinſte Stören, Misverſtändnis und Abbruch mit unverſchütteten Freuden - bechern nach Hauſe. — Verzeihen Sie die nachläſſig durch einander geworfne Schilderung; zu einer andern gehören Bogen.
Und eben ſo ſeelig und faſt zu ſchwer tragend an den Gaben des Unendlichen ſtand ich in der dunkeln Nacht im Kreiſe der ſingenden Vivat-Studenten und gab hundert Händen meine Hand und ſah dankend gen Himmel. Was ich geſagt, erfuhr ich erſt ſpäter aus einem Briefe der v. Ende.
— Ich mag nicht mehr ſchildern; es nimmt kein Ende. Alle Profeſſoren und Studenten erfreueten ſich über mein Doktor - Werden, was mich freilich wahrhafter ehrt als die Legazionrätherei. — Die Schwarz (eine wirklich treffliche Seele) und die v. Ende (die mir jetzo als eine der bedeutendſten Frauen erſcheint) grüßen Sie liebend. Reitzenſtein iſt in den Bädern. — Ich grüße hier Otto, da ich nicht an ihn mit ſchreiben konnte.
Ihr langes Bleiben in Döhlau hat mich voraus erfreuet, denn es ſetzt einige Himmel voraus. — Eben hat mich mein Buchhändler Reimer aus Berlin unterbrochen; — ich ſagte bei dem Abſchiede zu127 ihm, hätt’ er mir ſtatt ſeines Briefs ſein Geſicht geſchickt, ſo wären wir auf der Stelle einig geweſen. Kurz ich lieb’ ihn recht herzlich, ſo redlich iſt ſein Auge und Außen. Auch vom Hesperus und von den Mumien iſt, wie er ſagt, bald eine neue Auflage nöthig.
Vor lauter Menſchen und Regen hab’ ich hier noch nicht viel von der Natur ausgenoſſen.
Leben Sie nun wol, geliebter Emanuel! Und recht gegrüßet ſei Ihre Frau.
D. Richter
Sophie! (Mit dieſem wahren und weiſſagenden Namen würd’ ich Sie nach allen möglichen Veränderungen Ihres Namens ſtets nennen.) Guten Morgen! Theilen Sie den guten Morgen in zwei Stücken aus und doch behalten Sie ihn ganz. Weiter wollt’ ich auf meiner Anhöhe nichts ſchreiben und ſchicken. Aber lange dauert es mir, bis ich wieder am runden Liebesmal-Tiſchen ſitze.
D. Richter
Meine Geliebte! Ich ſchreibe wieder, obgleich mein letzter Brief erſt morgen ankommen kann. Schreibe nur du viel öfter, bei deinem Reichthum an Zeit. Noch iſt die erſte Runde der Einladungen nicht vollendet; einige Hoffnung hab’ ich aber immer, daß wenigſtens der nächſte Sonnabend-Abend mich zu Hauſe läßt.
Seit ich vorgeſtern in Schwarzens Haus eingezogen, thu’ ich als ſei ich erſt in Heidelberg angelangt und ſage zu mir: du haſt doch einige Wochen vor dir, denn die vorigen gelten nicht.
Eſſen und Trinken darf ich hier zum Glück bezahlen; aber was iſt dieß gegen die Geſchenke des guten Gevatters? Meine Stube (ſonſt eine kleine Gaſtſtube, wiewol jetzo ja wieder) mit einem kleinen Balkon gegen das nahe herrliche Gebirge — Bett und alles vortreff - lich, ſogar ein Wachslicht, das ich nur annehme, weil ich weiß, daß ich nur die Hälfte verbrenne — Am Morgen um 7 Uhr den Orgelgeſang der Zöglinge, etwas ſpäter das Singen der ſchönen und128 frommen Tochter zu Thibauts Akademie ſich übend, und ihr Harfen - ſpielen dazu. Gerade mir gegenüber liegt eine Bergſtelle (in 8 Mi - nuten erſtiegen) wo ich geſtern arbeitete und vor und unter mir hatte die zierliche Stadt — den Neckar bis nach Mannheim — die Gebirge, die an die Vogeſen ſtoßen — neben mir das auf und ab ſich hügelnde Weingebirge —
Das einheimiſche Gefühl, in eine ſo gute Familie eingewebt zu ſein, macht ordentlich, daß ich das Hierſein erſt von dem Tage des Einzugs datiere. Gewänn’ ich nur wenigſtens 1 freien Abend! Aber bis den Sonntag — nur den Sonnabend noch ausgenommen — iſt jeder beſetzt. In dieſer Minute (9 Uhr Donnerſtags) iſt mir ordent - lich, als müßte [ſt] du eben meine Briefe bekommen haben. Ich kann dieſe deine Freude gar nicht erwarten. (Dienſtags den 29ten: meine Hoffnung iſt heute durch deinen Brief realiſiert worden. ) —
So wenig bringt man fertig. Unmöglich kann ich mit der Feder meinen Beſuchen nachlaufen. Ich hebe daher nur aus. Die er - quickende Liebe aller gegen mich nimmt immer mehr zu und ich werde traurig ſcheiden. Den herrlichen Thibaut mit ſeiner Kraft und Liebe verehr’ ich ordentlich. Geſtern gab er vor dem Eß-Thée durch ſeine Singakademie Stücke aus 3 großen Werken von Händel, die durch mein ganzes Leben wirken ſollen. Sogar den Hund — der überhaupt nichts frißt als Schinken und Zunge — haben ſeine Kinder ſo lieb, daß der eine Knabe ſich Haare zum Andenken von ihm geſchnitten und daß ich ihn ihnen auf 1 Tag zum Lieben leihen ſoll.
Vorgeſtern machten an 12 Profeſſoren eine Luſtreiſe — der größere Theil zu Fuß — nach Schwetzingen; und von dem geiſtreichen Tiſch - geſpräche und vom Garten will ich dir einmal erzählen. — Wären die Lebenmittel und die Miethen wolfeiler: ich wüßte keinen beſſern Ort für dich und mich als Heidelberg.
Zum erſten male hab ich einen Abend frei. Heute bekam ich meines Emanuels Brief, wofür ich ſeiner Seele danke. Gott weiß, ob ich nach Karlsruhe gehe, wiewol es ſehr lockt. — Nun weiß ich129 doch, daß ihr alle bis zum 20ten wol geblieben. — Morgen geht es mit 2 Wagen nach Weinheim, drei Stunden von hier, an der Bergſtraſſe hin. Denke dir das Schönſte. — Eben waren die beiden guten Schwarzischen hier und baten mich, dich recht zu grüßen: „ wenn wir ſie nur hier hätten “. — In der ganzen Stadt hätt ich kein beſſeres und frömmeres Haus finden können als dieſes, da die Schwarz eine Tochter von Stilling iſt. Eben ſingt ihre Tochter mit dem Bruder unter Orgel und Flötenſpiel einen wahren Sonn - abendsgeſang. — Überhaupt ſcheint in dieſer heitern ſchönen Stadt weniger Unmoralität, wenigſtens des Geſchlechts zu herrſchen und mehr Häuslichkeit als z. B. bei uns. — Von meinen Lob Geſchichten will ich, da ich deren müde bin, nur noch die eine erzählen, daß ich bei dem Pfarrer Dietenberger, der an 30 Mann zuſammengebeten, mich mußte von jungen Mädchen anſingen — das überreichte Gedicht bring’ ich dir — und darauf be - und umkränzen laſſen. — Wie mich die Studenten lieben, zeigt: die, die bei dem Zuge unter dem An - drange keine Hand von mir bekommen, erinnern daran und holen ſie nach in der Geſellſchaft. Es iſt ſchön, geliebt zu werden, und man lernt Liebe verdienen, wenn man ſie geſchenkt bekommt.
Endlich heute fielen deine lang erhofften Blütenblätter wie vom Himmel auf mich herab. Habe recht Dank dafür, und für die Be - ruhigungen aller Art darin. Ich will alles beantworten, obwol durch - einander. Schreibe deiner Schweſter: dir und ihr zu Liebe mach’ ich eine mir ſonſt ſchwere Ausnahme und gebe etwas für eine Samm - lung, obwol nur was ich kann unter ſo vielen Arbeiten, nämlich keine Erzählung, ſondern Satiren oder Einfälle. Der Punkt des Honorars iſt der gleichgültigſte bei ſo kleinem Beitrag. — Ginge heute Poſt anſtatt Donnerſtags, ſo hätteſt du unerwartet-ſchnell Antwort. — Ich hoffe doch, du haſt endlich deinen Brief Emanuel gegeben und er dir ſeinen; denn beide müſſen ſich ergänzen. Von dieſem Briefe gib ſo viel du willſt. —
Ich war in Weinheim mit großer Geſellſchaft bei der liebe-über - fließenden Falk. Der Weg dahin, die Bergſtraße, iſt weniger ſchön (wie alle Gegenden) als man mir ſie vorgemalt; blos die Anhöhe vor dem Städtchen umzingelt mit Fern-Paradieſen. Darauf nach9 Jean Paul Briefe. VII. 130dem Eſſen durchgingen wir ein Tempethal (das Birkenauer genannt), worin uns am Sonntage die zurückkehrenden Kirchweihleute in langen Reihen begegneten. Auf den Bergen wächſt — ſage es zu Emanuel — die ſeltene, nur auf den Alpen zu findende kryptogamiſche Blume Osmunda lunaria. —
Die beiden Mädchen brauchen ihre ſchön geſchriebenen Briefe (jedes in anderem Sinne ſchön) nicht zu ſiegeln, des Portos wegen, und Max braucht gar keine zu ſchreiben, des Schmierens wegen. — Emma ſchreibe ja recht ab, da mein Buch bei meiner Ankunft fort muß. Ich bekomme ſehr viel in Baireut zu thun, da ich hier vor Menſchen und Freuden gar nicht recht ins Schreiben kommen kann, blos ins Leſen. — Du biſt gar zu ſparſam, meine gute Seele; und haſt bei mir überhaupt keine Vorrechnung nöthig. — Den Kauf der Schnupftücher für die Magd überlaſſ ich dir recht gern. — Kaufe ja kein Getraide; es muß über alle Maßen fallen. — Die Imhof kam mir noch nicht vor. — Die Menſchen hier beſſern mich, oder wecken vielmehr mein Beſtes; Scherze, wie ich im verdorbnen B [aireut] wol gegen Weiber gewagt, wären ſchon für Männer auffallend. Und wie hoch ſteht und ſtellt vollends Sophie Paulus! Sie und du wären innigſte Freundinnen. Sie lebt nur bei der Mutter, nie für außerhalb*)Die Pauliſchen fand ich faſt in keinen Zirkeln, nicht einmal bei der Waſſerfahrt., ob ſie gleich Klavier ſo ſpielt wie in B [aireut] Eck. Sie trinkt Kaffee, Thee, Wein, Milch — nicht, nur Waſſer; Kochen, Klavierſpielen, der Mutter-Vorleſen ſind ihre 3 Tagräume. Ich höre vom kleinen tollen Bruder, daß ſie mir Geſchenkchen für unſere Töchter mitgeben will. —
Die Kalb erdrückt mich mit Aufträgen. — Schreibe recht bald und viel (nur von fremden Briefen gib blos Auszug) und kümmere dich nicht um mein zweifelhaftes Bleiben; alles kommt mir richtig nach. — Auch dieſe ganze Woche iſt wieder mit Einladungen beſetzt. — Morgen geht dieſer Brief ab; und doch fang ich morgen einen neuen an dich in freien Abſätzen an. Geh es dir nur recht wol, geliebte Karoline. Wir wollen ſchöne Jahrzeiten durch uns erleben, wiewol ja auch die vorigen es geweſen!
131N. S. Nach Karlsruhe geh’ ich nicht. — Retourfuhren werden hier ausgeklingelt.
Der warme urdeutſche Sohn, der ſeiner vielgeliebten Mutter — wie ſeines berühmten Vaters — würdig iſt, wünſcht für dieſe ein Blättchen von mir Ungeſehenem. Und hier iſt es mit der Klage über die Entbehrung zwei edler Menſchen und mit der Freude über das Doppelſchöne, was hier liebt und was hier grünt. Möge das Abendroth des verehrten Paars, mit ſeinem hellen Stern der Liebe in der Mitte, noch lange, lange glänzen bis nahe an die ewige Morgenſonne hinan!
Jean Paul Fr. Richter
Guten Nachmittag! Nur um Ein einſylbiges Wort bitt’ ich Sie, um das Ja oder Nein ob Sie und die Ihrigen heute abends bei Munke ſind. Schicken Sie ein Nein: ſo kann ichs nach ſo langer Abweſenheit nicht unterlaſſen, mich nachmittags ein wenig an Ihr rundes Tiſchchen zu ſetzen, das auch die Meinungen ründet, etwa magnetiſche ausgenommen.
Dr. Richter
Mit dieſem Schwarz auf Roth — aber kein rouge et noir-Spiel — muß ich auf Ihren Wunſch Ihren rothen Feſttag voraus feiern. Aber viel lieber brächt’ ich am Sonnabende dieſes glatte Roſen - blättchen ohne Dornen ſelber und mein Auge voll Wünſche für eine gleich edle und feurige Seele — für ein Herz, deſſen Glück nur Be - glücken iſt — für eine ſo helle Mutter — für eine ſo heiſſe Freundin — für eine ſo ſeltene Frau, die an jedem Tage die Wünſche eines Ge - burttags verdient .... Nun eben darum bring’ ich ſchon heute am Dienſtage alle meine.
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Mein geſtern abgelaufnes Paket muß Montags bei dir ankom - men, du liebe Karoline; ich möchte wenigſtens den Briefen Flügel geben. Wie lange werd’ ich wieder zu paſſen haben, wenn du nur immer nach antworteſt und nicht voraus! Mein Plan iſt nun zu - folge meiner Magnetnadel, die mir immer den rechten Ort anzeigt — die Frau v. Ende, die mich auch zu Schwarz herzeigte —, nach Manheim mit Paulus zu gehen, da bei Sternberg (wovon ſogleich mehres) einige Tage zu bleiben und dann nach Mainz (nie nach dem kaufmänniſchen Frankfurt), wohin ich heute an Jung deßhalb geſchrieben — dann einige Wellen des Rheins zu befahren — und darauf wieder auf wenige Tage hieher zurückzukommen, um dann über Aschaffenburg heimzukehren, wenn ich mich vorher durch Pauli dort der Anweſenheit des Kronprinzen verſichert habe.
— Trotz der Menge der Einladungen erhalt’ ich doch immer nur neue; beſuch’ ich einen Profeſſor ꝛc. ꝛc., ſo folgt ſtets ein Theetiſch auf dem Fuß nach, z. B. heute bei dem Profeſſor der Phyſik, Munke. — Beiliegendes Blättchen der Ende*)Es iſt ein Reſtchen aus einem Briefe an die Herzogin von Kurland; bemerke aber, wie ihr franzöſiſcher Stil ſogar noch beſſer iſt als ihr deutſcher. (der du mit deinem Briefe wahre Freude gemacht) verliere ja nicht — zeigen kannſt du’s —, ſondern heb’ es in deinem Schreibſchranke auf, den du, Liebe, mir jetzo ſchon ſo ordnen wirſt wie ich ſo lange gewünſcht, die Briefe der Nie-mehr Antwortenden in Ein Fach, die Scheine beſonders, die Schreib-Nothwendigkeiten beſonders und überhaupt alles recht be - quem blos für dich. Ihr übertreibendes Lob meiner hieſigen Äußer - lichkeit — in Vergleich mit der baireuter — erkläre dir daraus, daß ich eben hier nur zu lieben habe, nichts Anfeindendes anzufeinden und ſehr Gebildeten gegenüber zu ſtehen.
In der ganzen Stadt trägt niemand Rücken oder Buſen unbedeckt; nur eine gemein ausſehende Engländerin ſah ich geſtern bei Munke anders. Es gibt viel ſchöne Geſichter hier, auch unter dem Volke. —
Guten Morgen, Gute, am hellen Sonntage auf dem Berge unter dem Glockengeläute.
Geſtern gaben die Profeſſoren und andere im Hecht ein Eſſen, wozu mich der Prorektor abholte; über 60 Männer, worunter auch der herrliche General Dörenberg war. — Man treibts wirklich ſo närriſch, daß mir Thibaut lachend erzählte, es ſeien unter der Hand einige Haare nach Manheim geſchickt worden von meinem — Hunde, (der ſich überhaupt keines ähnlichen Lebens erinnert; und den viele für den Spizius Hofmann im Hesperus halten, in welchem Irrthum er ſie auch läßt); an meine wagt man ſich nicht, ausgenommen der treffliche Ditmar für ſeine Mutter in Liefland. — Vorgeſtern ſuchte mich Sternberg mit ſeinen 2 ſehr ſchönen Kindern in der Harmonie auf und bat mich ins Ohr zu Gevatter für das Kind, auf welches Rosalie in 8 oder 14 Tagen aufſieht; denn in der Harmonie ſtand ſie — noch ſelber dabei. Ihr Anſehen iſt kräftig, aber die feinern Blüten ſind verwelkt unter der Hand der Harms, die ihren eignen Mann zum epileptiſchen halb wahnſinnigen Greiſe gemacht. Sternberg iſt ein ſchöner, blühender, feingebildeter, freundlicher und liebevoller Mann von Zartheit und Achtung für ſeine Gattin.
Mein Hierſein koſtet mich faſt weniger als das Leben zu Hauſe; nur aber das Arbeiten und das Sehnen nach euch allen und nach meinen Häuslichkeiten treiben mich früher fort. Das Laden zu Thee und Eſſen läßt nicht nach. — Meine Kinder werden einmal außerhalb Baireut nach meinem Tode durch meinen Namen zumal bei ihrem Werthe eine hülfreichere Welt finden als ihr Vater; — auch wird dieſer Name ſie wie ein zweites Gewiſſen begleiten 〈 bewachen 〉 und reiner bewahren. —
Da der Auguſt ein heimtückiſcher Monat iſt: ſo wär’ es wol möglich, daß ich nur nach Manheim ginge und den Rheinbeſchau auf ein anderes Jahr verſchöbe. Auch ſehn’ ich mich zu ſehr, ſogar end - lich nach dem alten Leiblichen. Denn die angenehme Zubereitung und Wahl und den Wechſel aller meiner Hausſpeiſen muß ich in134 dieſem Hauſe entbehren; aber ohne daß ich es den guten Schwar - zischen, welche meinetwegen nicht eine lange Tafel voll Zöglinge ändern ſollen, auch nur merken ließe. Ich freue mich kindlich auf unſer Wiederbeiſammenleben. — Luiſe Imhof ging als glückliche Gattin eines ſehr ſchönen Mannes Klock auf ein Gut Maſſen bei Breslau. — Ach warum ſchreibſt du ſo gar ſelten? — Daß ja Emma das Manuſkript bei meiner Ankunft zu Ende hat. — Jung ſchrieb an mich ſchon vor meinem Briefe. — Iſt etwas verloren oder verdorben worden zu Hauſe: ſo ſchreibe mirs vorher, damit ich die Ankunft ohne Trübung habe.
Das Wetter hat ſich verſchönert und Morgen geh ich nach Man - heim. Deine Briefe richte immer hieher; ich werde ohnehin eher hier ankommen als deine Antworten. Ich ſchreibe dieß wieder auf dem Berge, vom Glanze der Gegend umgeben; wie froh könnt’ ich ſein, wenn ich euch gar hier hätte und den langen Rückweg nicht vor mir. Auf deine Geſundheit wurde ſchon oft getrunken. Unbegreiflich iſts, wie man über ſich ſelber — den [man] doch mitnimmt — erſt die rechte Überſicht gewinnt und die eignen Fehler einſieht, wenn man blos in andere Verhältniſſe und Gegenden kommt; inzwiſchen gehts mir ſo und ich werde daher in einer neuen ſehr verbeſſerten Auflage zu dir, du Gute, zurückkommen. — Wende ja ein Bischen Geld auf deine und der Kinder Freuden und willſt du aus Hausfurcht nicht weit fahren: ſo bitte dir öfter die zu, die deiner werth ſind. — Ich bin übermäßig geſund, ob ich gleich jeden Abend Thee, Wein und Punſch genießen muß, vom Sprechen nicht einmal zu ſprechen, z. B. bei der herrlichen Fahrt nach Weinheim, wo das Sprechen von 8 Uhr morgens dauerte bis 10 Uhr abends ohne andern Abſatz als den des Hörens. [Lücke]84
Lebe wol, Geliebteſte! Dein Brief, der gewis morgen kommen muß, wird mir nach Manheim nachgeſchickt. — Mein Emanuel und ſeine Em [an] uela ſeien recht gegrüßt — und Otto — und die guten Kinderlein, die bald wieder um mein Kanapee ſtehen werden.
R.
Meine Sophie! Das erſte hier geſchriebne Wort iſt an Sie. In Mannheim konnt’ ich mich abends aus dem Zimmer, worin ſo viel Liebes geweſen, nicht heraus bringen; morgends konnt’ ich eben darum nicht mehr darin bleiben, ſondern ging (für den ganzen Tag) zu Sternberg, deſſen Gattin anſtatt im Wochenbette (wie das Gerücht geſagt) blos einige Stunden auf Spaziergängen geweſen war. Dieſer Sternberg bietet mir nun einen halben Himmel und — wenn Sie ihn theilen — einen ganzen an. Er und andere meiner Freunde wollen nämlich für den nächſten Sonntag (den 17ten) die Aufführung der Oper Veſtale von Spontini veranſtalten, welche die h [eilige] Madonna unter den Opern (die andern ſind dagegen nur Nonnen) ſein ſoll. Sonnabends käm’ ich in Mannheim an — Sonntags kämen Sie mit den Ihrigen an — bis um 9 Uhr hörten wir die Sphären - töne — nachher führ’ ich mit Ihnen nach Heidelberg zurück und die Sphärentöne klängen fort — und in der Geiſterſtunde ſtiegen wir mit Herzen voll Tönen und Geiſtern aus. Ich hätte freilich des Guten zu viel; aber Gott hat mich auf meiner Reiſe daran gewöhnt.
Schreiben Sie mir das Ja oder Nein nach Mainz. Jetzo haben Sie doch den erſten Stoff zu einem Briefe — den zweiten können Sie aus der bisherigen heidelb. Geſchichte nehmen und den dritten aus Ihrer oder meiner Seele. Ihre wäre mir aber lieber. Sie und der Rhein gehören nun in meinem Herzen zuſammen und wo ich ihm auch begegne, wird Ihr Bild wie das eines Geſtirns auf ihm ſchwimmen. Die Stunde des erſten Sehens wird ihn verſchatten oder überglänzen überall, wo er auch noch ſchöner ſtröme.
Wie oft ſetzt’ ich mich geſtern in meinem einſamen Wagen rück - wärts, um nach den theuern heidelberger Bergen zu ſchauen, welche in der Ferne glänzten, als über der Gegend um mich die Wolken ſtanden!
Ihre geliebte Mutter, Ihr lachender Vater und Ihr dienſtge - fälliger Wilhelm ſeien gegrüßt! — Lebe wol, Sophie!
Jean Paul Fr. Richter
Den Brief nach Mainz adreſſieren Sie: „ abzugeben an H. Hof - rath Jung auf der hintern Bleiche “. Ihre Ankunft in Mannheim136 laſſen Sie mir ſagen an Baron Ungern-Sternberg wohnhaft bei der Kapuziner Kirche.
Mein guter Bruder! Sophie wird oder kann dir den offnen Himmel malen, in welchen ich ſah, als ſich mir der Rhein aufthat. Auf einer ſolchen Reiſe wie meine hat man keine Zeit, die Finger zuſammen zu halten und damit einen Pinſel langſam zu führen. Warte auf das Mündliche! — Aber die Hauptſache jetzo iſt, daß am nächſten Sonntag die Oper Veſtale von Spontini gegeben werden — du und Sophie und andere kommen ſollen — und ich Sonntags nachts mit euch wieder zurück will. [gestrichen und wiederhergestellt: Darauf]*)Darauf — wollt ich ſchreiben — werd ich noch drei heidelberg. Tage haben und dann addio. Sophie wird dir mehr ſagen. Im Falle ich alſo in der Nacht abreiſen könnte: ſo ſage den theuern Schwarz meine ſpäte Ankunft und überhaupt meine herzlichſten Grüße. Sage ihnen noch, ſie ſollen alle Briefe an mich hieher laufen laſſen.
Deinen Brief adreſſierſt du hieher „ bei Hofrath Jung in der hintern Bleiche abzugeben “.
Schreibe mir tauſend Sachen von den Heidelbergern, von Sophie und von dir und flicht noch 1000 andere ein.
Auch meine Fr. v. Ende mußt du grüßen und fragen, wie ihr Geburttag abgelaufen und wie ſie ſeitdem ſich befindet als ein Neujahrweſen. —
Sternberg ſoll mir auch den Fall ſchreiben, wenn aus der ganzen Zauberoper nichts wird als ein Zauberpallaſt der Hoffnung; dann ſchriebe ich es euch auch.
.... Eben will ein Kaufmann meine Briefe ſchneller beſtellen — Lebe wol!
Richter
[Unter einem Brief von Heinrich Voß, Heidelberg, 16. Aug. 1817, der mit den Worten ſchließt: „ Den (Jean Paul) bitt’ ich, daß er auf den übrigen Raum dieſer Seite einen Gruß für dich hinſetze; und du ſollſt ſehen, er ſchlägts nicht ab. “]
137Freilich nicht, antwort’ ich (den 19 Aug.) der letzten Frage, die allein ich blos geleſen. Und wie ſollt’ ich von zwei Brüdern, die ein - ander ſo lieben, nicht auch den unſichtbaren lieben und grüßen, da ich dem ſichtbaren das Du des Herzens gegeben? So ſei denn der un - geſehene achtend und liebend gegrüßt und er erſcheine mir auch einmal! —
Dr. Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, liebe Sophie! Auf Verlangen der Fr. Kirchen - räthin ſoll ich Ihnen ſchreiben, was ſich von ſelber verſteht — daß Sie nämlich Ihren Gaſt mitbringen möchten. Da ſie den Thée zum Theil mir zur Freude gibt: ſo weiß ſie recht gut, wer nicht weg - bleiben darf, wenn dieſe ganz ſein ſoll. — Der geſtrige Abend bei Dapping war ein Feſtabend; warum aber müſſen wir beide unſere Feſte abgeſondert feiern als wären wir verſchiedene Religionpar - teien? — Wollen Sie mir nicht einige Federn ſchicken, damit ich ſie [für] die baireuter Briefe fertig ſchneide? — Noch zwei andere gute Morgen!
Richter
Theuere! Ich ſchreibe wieder auf meinem heiligen Berge. Geſtern kam ich aus Mainz zurück. Sonnabends reiſ ich von hier ab zu — dir. Sollt’ ich Dienſtags nicht pünktlich eintreffen: ſo ſchreibe ja die Zögerung nur den wechſelnden Kutſchern zu. Schöne Wunder nach Wunder hab’ ich erlebt! Bis Bingen bin ich gekommen — der er - habene Rhein ſtrömt nun ewig vor mir — In allen*)Ich kenne ja nur Mainz und Mannheim; aber ich dachte an Frankfurt, wo man auch allerlei ſchon vorbereitet. Städten wurd’ ich auf gleiche Weiſe aufgenommen — Am Abend meiner Rückkehr und Wohnung bei Sternberg gebar Roſalie ohne Auf - wand von Geſundheit einen Sohn, der das Kraftmodell aller Neu - gebornen ſein könnte — Mit der Schweſter der Marianne Lux, die138 vor mir hier auf dieſem Berge früher ungenannt vorbeigegangen, fuhr ich von Mainz nach Worms zu ihrem unglücklich — machenden Manne; freilich iſt ſie kaum die halbe Schweſter, aber doch gut — Es iſt unmöglich, nur ¼ zu erzählen. Hier nur ein Regiſter der künftigen Erzählungen. Sonnabends vor 8 Tagen fuhr ich mit der Familie Paulus nach Mannheim, wo die treffliche Mutter deinen Dimitty ſo klug einhandelte wie du. — Abends erſte Rheinſchau, eine unſterbliche Stunde — Am andern Tage bei Sternberg; — die frohe Roſalie — abends bei dem General Vincenti zu Thee, und einer Muſik aus einem wahren Nachtigallenneſte — Sonntags nach Mainz; der edle Jung, dein Verehrer und Liebhaber, hat drei edle Söhne um ſich und eine faſt noch edlere aber kränkliche Tochter — Zuſammenleben mit dem Präſident Jacobi (der Sohn des alten Jacobi) und ſeiner mir auch unvergeßlichen Frau, der Gott ſtatt der Schönheit und des einzigen im 24 Jahre verſtorbnen Sohnes Ehehimmel gab — Zuſammenleben mit dem liebenwürdigſten preu - ßiſchen General Krauſeneck aus Baireut, der in dieſem Herbſt nach Baireut*)Auch Sternberg geht vielleicht im Herbſte durch Baireut über Dresden nach Liefland. reiſet ſeinem Bruder zu — Fahrt nach Wiesbaden,
zu Schuckmann, der aber gerade zwei Stunden vorher geneſen nach Kölln abgeſchifft war .... Bei dieſer Stelle kam geſtern dein lieber Brief. Hier Antwörtchen: in Aschaffenburg war ich nicht — Wie könnt’ ich jetzo Noten aus Karlsruhe bekommen? — Appel - ſinen gibts hier nicht. — Wie kannſt du von Bezahlen des Dimitty ſchreiben? Es iſt das einzige was ich dir mitbringen kann; — das andere war zu theuer gegen deine Angabe; aber manche fremde Geſchenke für dich und die Kinder bring’ ich ..... In Mannheim veranſtaltete der General Vincentini [!] und andere Freunde (ſo wie abends ein Ständchen) die Aufführung der Oper Veſtalin, von Spontini, welche mich durch ihre Schönheiten ordentlich auflöſete und entkräftete; ich hätte auf den Tönen davon ſchwimmen mögen aus dem Leben. — Welche liebe weibliche Geſtalten kamen nicht vor mich! Ich habe ſeit 10 Jahren nicht ſo viel und ſo viele und ſo jugendlich empfindend geküßt als bisher; aber ich fühlte dabei das139 Feſte und Hohe und Durchwurzelnde der ehelichen Liebe, die ſich gegen jene Blumenliebe etwa verhält, wie das Umarmen eigner Kinder gegen das der fremden oder wie die Trauer über der einen Sterben gegen die über das der andern. — Die Zuſammentreffungen mit der Appollonia und mit der Geburt des unbeſchreiblich-herr - lichen Sternbergs-Kindes ſind ordentlich romantiſch. — Apropos! Iſt Geld genug da (denn ich greife morgen ſchon das Gold an) ſo gib der Reizenstein auf Otto’s Empfehlung die 200 fl. — Mache meine Ankunft nicht ſehr ruchtbar [!], damit ich einen Ausruhtag habe. Dem katholiſchen Pfarrer laſſe ſagen, Cotta habe das Manuſkript nicht angenommen. — In meiner Schlafſtube iſt doch alles ordentlich eingerichtet? — Ich weiß entſchieden, daß mein häuslicher Himmel nichts ſein wird und kann als die Wieder - holung des jetzigen außerhäuslichen; noch dazu wird er ihn an Dauer übertreffen, und dieß ſoll dir wol thun, meine Treue und Gute! —
In dieſe letzten mir ordentlich abgepreßten Tage drängen die Leute alles Erfreuliche noch gar zuſammen; und der neuen Bekannt - ſchaften werden immer mehr. — Lebt mein guter Kapp noch: ſo ſtell ich ihn gewis her. Ich habe vorgeſtern in einer großen Geſellſchaft eine Frau v. Krüdner, die Schelver in ſeiner magnetiſchen Kur hat, durch bloßes feſtwollendes Anblicken, wovon niemand wußte, zweimal beinahe in Schlaf gebracht und vorher zu Herzklopfen, Er - bleichen ꝛc. ꝛc., bis ihr Schelver helfen mußte, was manche Scherze gab. — Ja wol, Liebe, bekomm’ ich ungeheuer viel zu thun, ob ich gleich auch hier oft der Freude die ſchönſten Stunden für die Arbeit abſtahl. Wenn mich nur nicht die Baireuter nach ihrer Weiſe zu ſehr ſtören! Ich will jetzo viel arbeiten, viel wachen, weniger aus - gehen und mäßiger leben und öfter zum Körper ſagen: du mußt. — Alle deine Briefe hab’ ich richtig in Mainz und Mannheim erhalten. — Eben ſah ich zu den Holzhauern hinab. Wie ſchnell hackt das ſüdliche Feuer, und jeder ſägt nur allein und mit 1 Arme. — Ich ſchwöre voraus, nachdem ich das Lieben und Auffaſſen der Leute hier kenne, daß du hier und weiter alle bezaubern würdeſt und dich in einen Kreis von lauter Herzen einſchlößeſt; den ich inzwiſchen 〈 freilich 〉 durchbräche, um deines zu haben. —
Heute geht das letzte Blättchen an dich ab. Ich bin ſchon voll lauter Abſchieds Gefühle. Grüße Emanuel, Flora, Otto, Amöne, die Schubart und meinen Bruder mit Frau. Lebe wol. Von allen den hellen Tagen iſt nun bald nichts mehr da als ein ſchöner Traum; und ich werde zu weich ſcheiden.
Küſſe die Kinderlein. Für die Mädchen wird viel mitgegeben.
Für ſeinen guten Dittmar in der Stunde des Abſchieds.
Heidelberg d. 22. Aug. 1817Jean Paul Fr. Richter
Denke, liebes Pathchen, auch dann an mich, wenn der Kalender nicht mehr gilt.
Jean Paul
Guten Morgen, mein guter Alter! Endlich bin ich wieder ſo ſeelig in der Häuslichkeit als vorher in der Außerhäuslichkeit. Ich ſchicke dir den Verkündigung-Brief, der leider erſt nach mir eintraf. Bald [ſollſt] du einen Stoß Heidelberger Briefakten erhalten. Ach, mein Kapp! — Es möge dir recht wol ergangen ſein! Bald ſeh’ ich dich.
So ungern ich meine gröſſern Arbeiten durch kleinere unterbreche, ſo werd’ ich doch aus Liebe und Achtung für meine Frau Schwägerin einen Aufſatz für die Zeitſchrift „ Singrün “geben; und ihn pünktlich141 im November liefern. Das Honorar mögen Sie ſelber nach einer Geſellſchaftrechnung Ihrer und meiner Verhältniſſe zugleich ge - fällig beſtimmen.
Ihr ergebener Dr. Jean Paul Fr. Richter
Eben komm’ ich von meiner Himmelfahrt zurück. Zu Ihnen, theuerer Freund, konnte ſie ſich dießmal nicht ausbreiten; der Himmel wären zu viele geworden und der Arbeittage zu wenige geblieben. — Vor allen bitt’ ich Sie um ſchnellen Abdruck der Ergänzlevana, da die Faſtenpredigten und die 2te Blumine ſo arge Druckfehler haben. Das Werkchen iſt zugleich ein ſtilles Verzeichnis mancher Schriften von mir, die nicht jeder kennt. Der Druck iſt natürlich wie der der Levana. Das Honorar iſt 5 Ldor für Bogen; natürlicher Weiſe die Bogen der Druckfehler ausgeſchloſſen, für welche der Ehrenlohn unter die verſchiedenen Setzer und Korrektoren auszutheilen iſt; wobei, hoff’ ich, die Ihrigen das Meiſte ziehen ſollen.
In der Eile hab’ ich in Ihren Briefen noch nicht nachſehen können, ob ich Ihnen 4 Lieferungen Müllers ſchuldig bin. Laſſen wir denn die Abrechnung bis Ende des Jahrs, wo die Morgenblattaufſätze für das vorige Jahr — der für das jetzige — der für den dießjährigen Damenkalender und die Ergänzlevana zuſammen gerechnet werden können.
Noch einmal wiederhol ich die Bitte um 10 Setz - und Drucktage; denn mehr wird die E [rgänz] Levana nicht koſten.
Im künftigen Jahre ſuch ich meine Himmel näher bei Ihnen.
Ihr Dr. Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, Lieber! Kannſt du mir nicht von Krause Ade - lungs Sprachlehre bei Gelegenheit verſchaffen? — Vergiß dein142 mediziniſches Urtheil über den Wein nicht. — Aus den Ephemeriden ſiehſt du, daß auch das fremde über deinen Aufſatz ſo iſt wie meines. — Eben kommt Max aus Prüfung und Anſtellung als Obermittel - „ klaſſer “zurück, alſo der nächſte nach der 1ten Klaſſe.
Mein geliebter Heinrich! Der Überbringer dieſes iſt der auch um das Griechiſche und Lateiniſche meines Sohns ſo verdiente Pro - feſſor Wagner. Er arbeitet an einer Geſchichte der Philoſophie, worin eine Widerlegung des letzten philoſophiſchen Triumvirats vorkommt.
— Aber ich eile zu dir! Wie oft mußt’ ich deiner in und außer mir gedenken bei deinem prachtvollen Sohne in Mainz, der deiner ſo würdig iſt ſo wie ſeine Frau ſeiner. Verjüngende Tage hab’ ich überall am Rheine durchlebt; und er wird mich wol künftiges Jahr wieder wegſchwemmen und weiter ziehen. Dann genieß’ ich das herrliche Paar länger und wohne vielleicht unter deſſen Dache.
Neeb in ſeiner Pachter-Inkruſtierung wird dir ſchwerlich mehr gefallen als mir oder ich ihm. Seine neuern Schriften gefallen mir — den Spaß abgerechnet — beſſer, ob ſie gleich der Tiefe der ältern ermangeln.
Dein dritter Band — den leider der Teufels Buchhändler noch nicht geſchickt — war meine erſte Lektüre in Heidelberg. Ich ent - ſinne mich — nach zweimaligem Leſen — weiter nichts als meiner Beiſtimmung und Bewunderung; jedoch wenn ich ihn wieder habe, kann ich ins Einzelne gehen. Hegel iſt dir viel näher gekommen, nur Einen Punkt über den Willen abgerechnet.
Verzeih dieſen magern bloßen Gelegenheitbrief. Laſſe dir den Überbringer einen Sporn zu einer Antwort ſein. —
Wenn deine Augen kalmierend (mit der flachen Hand) und dein Kopf potenziierend mit den Fingerſpitzen und der ganze Körper à grands courants magnetiſiert würde: ſo müßteſt du Beſſerung ge - winnen, obwol nicht ſogleich ſpüren. Bei Fällen wie deiner bleibt die [Wirkung] oft Monate lang aus; kommt aber entſchieden. Glaube mir und Schelver und allen, die es noch beſſer verſtehen. 143[kleine Lücke] 4 Wochen lang magnetiſierte ich z. B. eine Frau, die ſeit Jahrzehnden gräßliche Kopfſchmerzen litt, und vermochte nur wenig und nur augenblicklich ein Weniges — ſeit meiner aus - ſetzenden Abreiſe keimte doch die Beſſerung heraus.
Wenn ich dich wieder ſpräche, mein Geliebter: würd’ ich dir beſſer und artiger erſcheinen als in Nürnberg. Auch Troſt würd’ ich bei dir gegen das marternde Gefühl, wogegen das Gefühl der Sterblichkeit nichts iſt, abholen, daß alles Daſein nur in Terzien erſcheint und ſo immer vertröpfelt und ſo alles hinter mir nur ein Punkt wird und daß ſo meine ganze Endlichkeit aus einem ſolchen Punkt-Leben beſtehen ſoll, was durchaus nicht ſein kann, denn der Teufel muß künftig die Zeit holen. Jetzo aber ſteh’ ich nicht auf dem Leben, ſondern ſchwebe nur auf ihm und verſchwebe — ich rede vom Ich der Freude, nicht vom Ich des Herzens und der Ver - nunft.*)Auch hier wandelt die ganze abſolute Ewigkeit durch eine erbärmliche endvolle Zeitlichkeit. —
Deine Deinigen ſeien innig von mir gegrüßt! Aber ſchreibe mir, Geliebter!
N. S. Mit Freuden fügt hier der Mann Gruß und Dank für die Treffliche hinzu. Ihrer reichen Hand werden die Blumen unter dem Vertheilen wachſen und ſie wird immer einen üppigen Schmuck für das Herz behalten, wenn ſie auch noch ſo viele weggegeben. J. P.
Hier folgt das erſte Bändchen des Siebenkaes, vor deſſen Ab - druck das zweite nachkommen wird. Der Setzer ſchaltet die mit Zahlen bezeichneten Schreibſtellen ſtatt der ausgeſtrichnen Druck - ſtellen ein. Bei Zweifeln wird ihm der Profeſſor Voß gern zurecht helfen.
144Ich bitte Sie, die Zeilen im Siebenkäs ſo weit auseinander zu rücken als in der unſichtbaren Loge geſchehen, um dem Auge das Leſen des kleinen Drucks zu erleichtern.
Haben Sie die Güte, beiliegende Briefe recht bald abgeben zu laſſen.
Ihren Wunſch, einen beſchreibenden Text zu Ihren Kupferſtichen zu geben, konnt’ ich aus Mangel an Zeit nicht erfüllen; wozu noch die Schwierigkeit trat, beſtimmte Gegenden zu ſchildern, da ich bisher nur ſelber geſchaffne darzuſtellen gewohnt war.
Leben Sie wol!
Ihr ergebner Dr. Jean Paul Fr. Richter
Mein guter Voß! Dein Blättchen war mir der letzte ſchöne Nachhall vom geliebten Heidelberg und ich danke dir recht. Du kannſt mich leichter erfreuen als ich dich; da du Bekanntes fort - und ich nur Unbekanntes anſpinne.
Der 1te B [and] des Siebenkaes bringt dieſes Blättchen mit.
Mein gelehrtes Heidelberg kann ich mir hier nicht erſetzen; blos das geliebte durch das Leben in der Familie.
Im Sturm des Abſchieds vergaß ich ganz die Rechnung des Graves 〈 Franz 〉 weins von Paulus zu fodern; quäle ſie ihnen doch ab.
Wie wird mich nach einem ½ Jahre oder im Frühling das Sehnen nach eueren Strömen und Bergen und Herzen quälen! Jetzo hör’ ich noch gar von einem 2ten Wege über Anspach dahin, der mich den verdrüßlichen alten nicht berühren läßt.
Habe Dank, du guter warmer Menſch, für alle deine Liebe und deren Thaten. Es begegne dir recht oft dein Ebenbild! — Grüße den herzvollen Dittmar und den Dichter Carové — auch Hegel und Frau, Thieleman und Frau, und Kreuzer und Daub! Lebe wol!
Dein Jean Paul Fr. Richter
Grüße außer der Heinze auch die Dapping und frage die Mädchen über die Freuden des Pauls-Tanzes.
Meine gute Sophie! Sie und Ihre herrliche Mutter haben mir innig wolgethan mit Ihren Blättchen. Unſer ganzer Schauplatz, unſere Berge und unſere Thäler und unſer Neckar, alles hat ſich nun in dürftiges Poſtpapier verwandelt und es gibt keine Stimme und kein Auge mehr. —
Am Son [n] tage vor 8 Tagen ging eben die Sonne unter, als ich in Würzburg einfuhr, und ich blickte lange in ſie; aber ſie ging allein unter, und unſere Tage nicht. So bleib’ es! Außer uns iſt ohnehin ewiges Vergehen: deſto feſter ſei in uns das Beſtehen der Stunden, die ſich von Außen ins Innere geflüchtet!
Meine Tochter Emma dankt Ihnen in ihrem eigenthümlichen Stile. — Ihrer ſo innig von mir geliebten Mutter dankt meine Frau — eine Caroline der andern — für die ſchöne Wahl des Dimitty.
Herzlich grüß’ ich Ihren Vater, dem ich doch noch einen Morgen - abſchied während Ihrer Träume zum Fenſter hinauf ſchicken konnte.
Und ſo lebe denn wol, unvergeßliche Sophie und ſchreibe mir vor allen Dingen jeden Schmerz, den du haſt; denn deine Freuden kenn’ ich.
Jean Paul
Uns ſcheidet nichts; kein körperlicher Abſchied, auch das höchſte Glück nicht, das ich dir ſo innig wünſche.
Mein recht von Herzen geliebter und geehrter Kirchenrath!
Die Handſchrift der Ausgabe des Siebenkäs nimmt dieſes Blätt - chen eilig mit.
Endlich wird mein Kopf aus Gips bei Ihnen angekommen ſein; ich bitte Sie aber, dem Nachſchöpfer des Kopfes nicht zu antworten, ſondern mir die Freude zu laſſen, daß ich ſelber ein todtes Drittel von mir auf immer in das Haus einquartiere, in welchem die drei lebendigen Drittel ſo frohe Monate genoſſen.
10 Jean Paul Briefe. VII. 146Ohnehin bleib’ ich leider ein ewiger Schuldner meines Wortes und Ihrer Güte, da Ihre Gattin mir ſo vielen Schmerz über meinen Wunſch einer Rechnung gezeigt, daß ich — zumal in den weichen Stunden des Verſchwindens — nicht den Muth behielt, auf eine zu dringen, wiewol ſie mir ſolche verſprochen.
À propos! Im Stammblättchen Ihres H. Sohnes hab’ ich in der Enge des Abzeichnens Thabor ſtatt Tabor geſchrieben. Sie werden jetzo daraus — obwol falſch — auf meine Erinnerung und meine Rechtſchreibung vortheilhaft ſchließen. —
Wie ſoll ich alle die Geliebten grüßen in Ihrem Hauſe? — Brächten mir doch Morgenträume die Morgentöne der theuern Henriette wieder zurück! — Könnt’ ich Mittags mit Ihnen doch öfter einig ſein als uneinig! — Und hätt’ ich abends Ihre weiche zarte Gattin zu irgend einer Freundin zu führen und unter Wegs zu ihr zu ſagen: ſie ſolle ſich weniger kümmern! — Alles iſt vorüber; aber wieder kommen wird es doch. — Alle Kinder ſeien gegrüßt und der Phyſiker neben mir. — Meine Frau dankt den Freudengebern ihres Mannes. —
Arbeiten Sie ſich nicht um Ihre Geſundheit und um das Glück der Ihrigen. Das iſt mein Schlußwort, lieber Schwarz!
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Guten Abend! Willſt du mir nicht, alter Finanzmann, bei Gele - genheit rathen, wie ichs mit 20 oder 25 Bonaparte’sd’or zu machen, die mir Enzel bei der letzten Primatiſchen Penſion zu 30 kr. abge - laſſen und die jetzo 12, oder 17 gelten? Sollen ſie fortliegen oder fortfliegen? — Das Juliusheft will ich ſchon verſchaffen. — Vergiß nicht Adelung. — Von Kanne’s Leben ꝛc. haſt du mein Exemplar, das ich wegen der hinten eingeſchriebnen Exzerpt-Pagina’s brauche, und ich deines.
Guten Abend, mein Emanuel! Gott gebe nur, daß es der heutige iſt und Sie da ſind. Am Dienſtage vor 8 Tagen kam ich an; und ſogleich am Tage darauf dieſer Brief an C [aroline], der mich hatte einführen ſollen. Nach der Leſung ſollen Sie ein ganzes Paquet Heidelberger Briefakten erhalten. Wie geht es Ihnen und Ihrem Doppel-Ich? Könnten Sie mir doch heute antworten.
Einer höchſtpreislichen Königlich Baierſchen abgeordneten Appellazionsgerichts Lokal Kommiſſion
hab’ ich auf die geſchehene Anfrage zu berichten, daß ich von dem Höchſtſeeligen Fürſten Primas blos Briefe (einige über die Mathe - matik) in Händen habe, aber keine biographiſchen Notizen, ſo ſehr ſie von einem für Deutſche und Gelehrte ſo wichtigen Leben auch zu wünſchen wären. Er verſicherte mich ſelber, aus bedeutenden Grün - den niemals ſein Leben beſchreiben zu wollen.
Meine lange Abreiſe möge die Verſpätung dieſer Antwort entſchuldigen.
Baireut d. 15. Sept. 1817.Deroſelbenergebenſter Dr. Jean Paul Fr. Richter
Ihr Werthes vom 17ten Jul. d. J. erhielt ich in Heidelberg: das Schickſal brachte am Abende vor meiner Abreiſe gerade Tiek aus England auch dahin, und unter andern mit darum, damit er mit Hamanns Bücher-Buche, das Reichard mir geliehen, aber nachher ihm geſchenkt hatte, am Tiſche des Kirchenrath Schwarz mir wieder ein Geſchenk machen ſollte und zwar ungebeten. Indeß ſammeln Sie immer ſo viele glänzende Flügelfedern, als dieſem in die Sonne ſelber entflognen Phönix ausgefallen, mit Hülfe ſeiner10*148Freunde auf. Findet ſich endlich der lange gewünſchte Herausgeber, ſo leih ich ihm freudig mein Exemplar dazu. Fänd’ ich ſelber Zeit zur Herausgabe — welche freilich nicht im bloßen Abdruckenlaſſen, ſondern auch in literar-hiſtoriſchen Erläuterungen beſtehen muß — ſo würd’ ich Sie um Ihre Hülfe bitten. — Jacobi beſitzt eigentlich den vollſtändigen Schatz. —
Möge Ihr ſchöner Eifer für den Verklärten belohnet werden!
Ihr ergebner Dr. Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, mein Emanuel! Und eiligſt, denn ich will nach Meiernberg. — Thieriot laufe doch ja endlich in den Hafen ein, in welchem er mehr Freiheit zum Umherſchiffen hat als auf ſeinem hohen Meere. — Nach Stuttgart konnt’ ich nicht, da ich nicht einmal 2 Tagreiſen aufopfern, geſchweige dort 1 Woche lang (denn kürzer könnt’ ich da nicht bleiben) genießen könnte. Ging ich ja aus Zeit - armuth nicht einmal von dem nahen Bingen nach dem herrlichen Koblenz. — Aber im Frühjahr reiſe ich geradezu nach Stuttgart. — Hier liebe Briefe, die Sie an Otto geben; meinen Aufſatz aber an mich, der für Minnas Zeitſchrift „ Sinngrün “gehört. Sie hat während meiner prophetiſchen Ausarbeitung einen braven Mann geheirathet.
Guten Morgen, mein Emanuel! Wollen Sie mir nicht die Summe von 40 fl. rheiniſch vorſtrecken? Ich will ſie Ihnen näch - ſtens z. B. heute — da ſchon geſtern dieſe Zinnsſumme bei Bülow [?] fällig war — wieder zurück zahlen. Leider bin ich jetzo auf Gold herab gebracht. — Hier wieder ein ſchöner Voß, worin Sie auch vor - kommen. — Ihre Worte über das „ Immergrün “haben mich ſchön belohnt.
Hier, mein Alter, das Kapital mit Dank-Zins! — Nach meinem Gleichnis für Flora als Frühling und Herbſt zugleich, brachten Sie mir das ſchönere zweite, die Orangerie, die zugleich Blüte und Frucht iſt.
Guten eiligſten Morgen, Emanuel! Ich bitte um Voßens Briefe zum Beantworten. Gehen Sie mit der Dintenflaſche ſo um wie ich mit Ihrer Biſchoffflaſche.
Mein alter guter lieber Heinrich! Dieſen Namen lieb’ ich be - ſonders; auch weil mein beſter (verſtorbner) Bruder ſo hieß. — Durch deine Briefe wohn’ ich ordentlich bei dir und folglich in Heidelberg noch fort, deſſen Vielgeſtirn mir niemal untergehen ſoll. — Ich wollte nur, du hätteſt ſineſiſches Seidenpapier den Bogen zu 10¼ frankf. Ellen, worauf die Zeitung gedruckt wird, damit du dich weniger kurz zu faſſen brauchteſt. Deine Urtheile und Menſchen - abſchattungen ſind immer treffend. — Der niedrige Krause ſoll mich nie wie ein Taucher die Seeenten, zu ſich hinunter ziehen. Was ich gegen den Nachdruck zu ſagen wußte, hab’ ich ja ſchon im vorjährigen Morgenblatt weitläuftig geſagt. Krause antwortet, wie oft Weiber, meiſtens auf etwas anderes. — Erſchüttert hat mich der im Wiſſen barbareſke Hartung mit der Nachrede von Barbarſein gegen meine Kinder, gegen ſie, dieſe ſeeligſten der Kinder. Nie übrigens durfte der Unbedeutende mich ſeinen Freund nennen; aber zu meinem Feinde hab’ ich den Zudringlichen durch meine ſtrenge Weigerung gegen die Wagnersche Philoſophie gemacht, die er vor mir nach - und vorbeten wollte; und ich ließ ihn zuletzt ergrimmt abziehen. — Sage der guten Hofräthin Dapping meinen herzlichen Dank für den abendrothen Abend — und der guten Sophie für Suppe und150 Blumen — und den übrigen lieben Weſen für das, was ich ihnen unter dem Tanze geſtohlen. Du kannſt ſogar dieſes Brief-Winkel - chen für die Freundlichen herausſchneiden, wenn du Freude damit zu machen glaubſt.
Dein am Sonnabend abgegangner Brief kam ſchon am Mittwoch an. — Dem vortrefflichen Dittmar ſage, daß ich die zweite Büſte an ihn abzugehen hindere, weil ich ſein eignes Abreiſen fürchte und daß ich alſo auf ſeine nähern Worte warten laſſe. — Bemerke, jeder Gedankenſtrich bedeutet in meinen Briefen einen Gedanken-Abſprung. — Vor den Paulus halte ihr monatliches Schweigen bei ein Paar Beſuchen zuſammen mit deinem Fortſchreiben bei deinen Dekanaten, Profeſſuren, Überſetzungen und 32 Kompaßbriefſchreibereien und ſage Sophien, es habe mir nicht ſonderlich wol gethan, ſondern vielmehr weh. Dem dienſtfreundlichen Wilhelm bringe einen Gruß, den ich neulich vergeſſen. — Meine Dioſkuren-Herzen, Otto und Emanuel, lieben dich unendlich voraus, ſo wie meine Caroline, deren Handſchrift ſogar deiner ähnlicht. — Stuttgart hol’ ich im künftigen Frühling gewis ein, oder mich der Tod. — Und ſo lebe denn wol, du ächter biederer Menſch!
Richter
Wer auf jede Feder acht’t, nie das Bette fertig macht.
Dieſe Zeilen mögen Sie erinnern
Baireut d. 1 Oct. 1817.an Ihren Dr. Jean Paul Fr. Richter
Hier, mein Alter, die Scheine! Meinem bisherigen armen Leben von Dukaten helfen die Thaler recht ſchön ab. — Könnten Sie doch [den] trefflichen General Krauſeneck ſehen! Leider wieder glückliche Reiſe!
Meine Geſchäfte können mein Schweigen nicht ganz entſchuldigen. Aber Schreiben wird ſchwer, wenn es der dürftige Erſatz oder Nach - hall ſo lebendiger Stunden ſein ſoll, als ich bei Ihnen zu Waſſer und zu Land durchlebt. Sie ziehen und ziehen an mir, bis ſie mich endlich wieder zu dem ſo liebenden und geliebten Ehepaar werden hingezogen haben — und darauf bis nach Bingen zu und zuletzt nach Koblenz hin. Hier folgen die Stammbuchblätter, auf denen ich nur ſchwach ein Paar Tropfen meines übervollen Herzens ausdrücken konnte. Möge mir der Himmel das Glück Ihres Wiederſehens gönnen, um Ihnen recht warm für das Glück des erſten Sehens zu danken. Es gehe Ihnen beiden wol! das heißt, Gott erhalte Sie lange neben und für einander!
Ein Herz, das innig und edel liebt, läßt Gott nie verarmen. Wer hat mehr verloren und wer hat mehr gewonnen als die für welche in warmer Erinnerung frommer Stunden dieſes ſchreibt
J. P.
Der rechte Mann gibt wie Veſuv alles, Feuer und Schnee; Lava des Zorns und Thränenchriſtiwein der Liebe; Fruchtb [arkeit?] und Aſche; und einen weiten Himmel zur Ausſicht, und wenn die Erde bebt, kann er ſtill bleiben und ausruhen.
Kräftiger Jacobi, erkennſt du in dieſem Bilde den Sohn deines Vaters? —
Zum Briefe meiner Frau ſchreibe [ich] Ihnen nur ein Nach - briefchen, wiewol eigentlich alle Schreiberei nur Poſtſkriptſchreiberei152 iſt. Gedankt hab’ ich Ihnen indeß, vortrefflicher H. Hof - und Aus - ſichtenrath, bisher in Einem fort im Innern. Nur meine zwei - monatliche Abweſenheit hat neben meinen Freuden meine Arbeiten verdoppelt, und ich hatte zu keinem Schreiben Zeit als zum Bücher - Schreiben. Schöner konnt’ ich nicht an Mainz erinnert werden als durch Krauſenek. Der loyale General — dieſes Beiwort gehört ihm — hat hier ſo viel Liebe gefunden als er mitgebracht, und dieß iſt viel und doch nicht zuviel.
Ich hoffte, Sie würden mir einen Brief erſparen durch das größere Vergnügen, Sie ſelber hier zu ſehen. Der Himmel gebe, daß Sie nicht um uns umgeflogen. Mit der Geſchichte meines Pathchens — wenn es anders nicht noch eines in partibus infidelium iſt — hab’ ich Md. Lenz ein wahres Pathengeſchenk gemacht. Aber Sie hätten mit der Fortſetzung ſeiner Geſchichte mich wieder ſo be - ſchenken können, wie Sie es in den kurzen Zaubertagen meines Manheimer Aufenthalts gethan ...
Hier hat die Aufführung der Veſtalin allgemein entzückt und ſogar mich halb; ob es gleich ein gerupfter Phönix war.
Ihr liebender und auf die Theatrik hoffender Dr. Jean Paul Fr. Richter
Das ſchöne Herz bleibt in jeder Tagzeit des Lebens ſchön; die Aurora iſt eben ſo reizend, wenn ſie am Abend die Sonne begleitet, als wenn ſie am Morgen ſie verkündigt.
Zum Andenken zu kurzer Minuten
Haſt du geſehen und recht geliebt: ſo gibts keinen Abſchied mehr; denn kannſt du von deinen eignen Gedanken ſcheiden? —
Das Innere thront über dem Äuſſern; auch im kalten Norden glüht das Herz.
Damit ich meinem guten Emanuel einen guten Morgen zube - reite — denn einen guten Abend geb’ ich ſchon hier —, ſo ſchick’ ich Voßens (von Otto geleſenen) Brief und die elegante Zeitung. Dieſes Exemplar mach’ ich Ihnen zu einem Geſchenk, da ich noch eines habe und Sie doch die größere Freude daran finden. Gute Nacht für euch Beide!
Haben Sie Dank, mein guter Emanuel! Gegrüßt wie geliebt ſei die Karlsruher! — Aber die Erziehung iſt viel leichter, wenn Vater und Mutter gut ſind; alles übrige gelehrte Gute wirkt zufällig. — Können Sie mir nicht meinen Heidelberger Brief von der Neckarfahrt ſuchen und ſenden? — Gute Nacht!
Auf Ihren heutigen Brief, hochgeachte [t] ſter H. Hofrath, ant - wort’ ich in Eile und mit Dank.
Ihr Richter
Warum muß nach ſo langem Schweigen das erſte Briefchen gerade in ein Brieffelleiſen fallen, das ich in dieſer Woche abzu - ſchicken habe mit einem Manuſkript dazu? Glücklicher Weiſe geht dieſes am Freitage auch nach Heidelberg. Dort holen Sie nur bei dem Buchhändler Engelmann einen Brief an Hofrath Thibaut ab, worin ich Sie ſo ſehr als nöthig lobe bei dieſem köſtlichen Singakade - miſten und Kraftkopfe. Auch zum Kirchenrathe Paulus gehen Sie und ſagen nur, Sie wären der, den ich im Briefe an ſeine Tochter — eine Klaviervirtuoſin und meine beſte Leſerin und Freundin zu - gleich — ſo ſehr geprieſen hätte, wenn nicht zu ſehr. Bei dem Kir -155 chenrath Schwarz richten Sie blos einen ſchriftlichen Gruß mündlich aus und übernehmen das Loben ſelber, was Sie ja ſo gut können als ich, ſobald Sie einige Beſcheidenheit daran ſetzen. — Mein herrlicher Dutzbruder, der jüngere Profeſſor Voß, liefe freilich für Sie als meinen Freund durchs Feuer — aber in dieſes haben Sie leider früher ſeinen Vater ſelber geſetzt. — Gut wird es Ihnen in Heidelberg gehen. Auch mich werden Sie da zu ſprechen zwar nicht bekommen, aber zu ſehen und zwar einmal ohne Naſe; denn die andere Büſte von mir gleicht mir darin mehr und hat ſie noch.
Ein ganzes Herz voll Grüße an Ihre herrliche luſt -, kopf -, herz - und ſcherzreiche Eva, für welche Sie als tugendhafte und unver - führeriſche Schlange oben auf dem Ehebaume ſitzen.
Dr. Jean Paul Fr. Richter
Du lieber Heinrich! Die Buchhändlergelegenheit, die dir den Brief zubringt, beweiſet dir zugleich, wie wenig ich jetzo etwas anderes ſchreiben kann als Bücher. Nimm daher vorlieb mit dem eiligſten Durcheinander, obgleich deine köſtlichen Briefe — dieſe wahren zweiten, dritten ꝛc. ꝛc. Bände meines Heidelberger Lebens — etwas Beſſeres und Längeres verdienen. Nur, Guter, ſchone mehr deine Augen als Porto und Papier. In 2 Jahren kannſt du deine Briefe, in 3 das Griechiſche nicht mehr leſen und ſpäter nichts mehr als ein gutes Herz. Ich flehe dich an, ſchreib weitläuftiger; auch Emanuel, der dich ſo liebt und lieſt, bittet mit; und du, bitte deine Seelenmutter, dich darum zu bitten. — Jetzo das Durcheinander! Im künftigen Frühling, wenn mich nicht der ewige weg - und aufge - zogen, drück’ ich gewiß zwei theuere, warme und reiche Hände an mich, die deiner Eltern; und dieſes helle Zwillinggeſtirn ſoll mir noch mit in den Heidelberger Sternenhimmel aufſteigen. — Kein Puterhahn war ſo gut gemäſtet und gebraten als der, den mir deine Mutter vorgeſetzt — ſag’ und dank’ ihrs und ich nähre mich noch davon*)Auch dein Pappkäſtchen gehört zur Bundes Lade unſere [r] Freundſchaft. . — Deine Beſchreibung des Dappingschen Tanzſonntags156 verdient zwar keine Verzeihung, aber deſto mehr Lob. — Der innigſte Dank gehört dir für die Korrektur, da mich immer die Druckfehler als Läuſe wie einen Herodes und Sulla freſſen und du ſo ſcharf kämmeſt. „ Eckig beweglich “war freilich recht; und ſo ſolltet ihr auch bei den Alten immer die barokere Lesart vorziehen, da die Ab - ſchreiber nur die gemeinere wählen. Reichstag ꝛc. ꝛc. iſt recht; da vom Reiche nichts geblieben als dieſes s (wie ein s. sanctum) und es nun zu einem nomen proprium gediehen. Du triffſt immer meinen Wunſch und Sinn; aber deine Arbeit und deine Augen ſchmerzen mich. — Schumachers Darſtellung in der eleganten Zei - tung iſt (ſeine Paulolatrie abgerechnet, die auch deine Ketzerei ausmacht) vortrefflich und die Farben des Witzes und der Phantaſie und die Gewandtheit in der Anordnung verrathen den Dichter. Dank’ ihm. Seinem Geſichte ſah ich eine verwickelte, ja ſchwere Vergangenheit an. — Schreibe mir doch mehr von der briefſtummen Sophie P [aulus] und bitte ſie um die Erlaubnis, ſie unter der Hand auszuſpionieren für mich. An ſich übrigens misfällt ſie mir gar nicht. — — Der treffliche Geiger und Humaniſt Thieriot wird nach Heidel - berg kommen. Hätt’ er nur nicht das Cento (obwol ohne allen Zorn) gegen deinen Vater geſchrieben: — ich würd’ ihn deiner Liebe emp - fehlen. — Den Eſel von Horlitz haſt du zu einem guten Palmeſel zuge - ritten. Mein Wörterbuch reicht dir mit dem Zeitwort meiſtens zugleich auch das Substantivum; wend’ es mithin auch von dieſer Seite an. Leicht wäre nach meinen logiſchen Klaſſen ein lateiniſches und grie - chiſches zu fertigen. — Wie werd’ ich das zweite mal in den Heidel - berger Herzen ſchwelgen, da gar zwei neue ſchönſte dazu kommen und ich auch manche geſehene Menſchen wie Munke und den Pro - rektor und andere zu wenig geſehen! Gott gebe mir dieſe Freude nur zum zweiten male; zum dritten verlang’ ichs nach meinem Dualis-Glauben ohnehin nicht. Wenn ein Menſch ſehr, oder gar zu ſehr geliebt wird: ſo thut ihm ſein künftiges Sterben ordentlich weh, weil er weiß, daß er damit größere Schmerzen gibt als er mit dem Leben Freuden geben konnte. Man ſollte unbemerkt verſchwin - den können. — Grüße alle, bei denen ich geweſen; hier fehlt Zeit und Platz zu ihren Namen. — Soll denn die Büſte für oder nur an Schwarz? — Emanuel will mit mir und Otto deine Geburtfeier nachfeiern. — Ich arbeite an „ Saturnalien “für das Morgenblatt157 1818 und bin umſtrickt, ja durchwachſen von Arbeiten. — Herzlich ſeien Vater und Mutter gegrüßt. Lange bleibe dir das größte Glück! —
Dein Richter
Wenn Sie ſich noch des Seeligen erinnern, der an Donnerſtagen in einem Nebenzimmer ſeinen Himmel fand: ſo werden Sie es ihm leicht verzeihen, daß er dahin gern einen zweiten ſchicken oder laſſen will. Thieriot, ein Meiſter auf den Geigenſaiten und in den alten Sprachen und voll Geiſt, wenn er — ſchweigt und ſchreibt —, verdient — wenn man das Idiotikon ſeiner Äußerlichkeiten verzeiht — dieſes Briefchen an Sie.
Den mündlichen Dank, mit welchem ich von Ihnen ſcheiden wollte, muß ich leider hier ſpät als einen ſchriftlichen nachholen. Aber nie werd’ ich den Mann zu lieben und zu ſchätzen aufhören, deſſen Kraft ſo groß und deſſen Kräfte ſo viele ſind.
Der theuern Caroline, Sophie, Charlotte, Eberhardine, Amalie Paullus gewidmet vom Verfaſſer, weil er in Heidelberg geweſen.
Ich eigne Ihnen das kleinſte meiner Bücher zu,
erſtlich weil daſſelbe an den großen, die Sie haben, die Druckfehler zeigt, wie wir Kleinen an den Großen die Fehler eines ſchärfern Drucks;
zweitens, weil das Schönſte darin, die neue Vorrede, in Heidel - berg geſchrieben worden;
drittens ſchenk’ ich Ihnen das Unbedeutendſte, weil ich das Beſte, was ich zu geben habe, Ihnen ſchon früher geſchenkt, ewige Freund - ſchaft.
Und für dieſe wünſch’ ich nichts als Ihre zeitliche, ſo lange das Leben dauert. Im zweiten will ich ſchon Beſſeres zueignen.
Baireut d. 7. Nov. 1817.Dr. Jean Paul Fr. Richter
Die erſte oder alte Vorrede wird — denn die neue gehört auch der Frau Kirchenräthin — wegen der Gelehrſamkeit und Fehlerrüge dem Herrn Kirchenrathe als Rezenſenten der Bücher der Fürſten be - ſonders zugeeignet.
Dem lieben Wilhelm dedizier’ ich die Druckfehler ſelber, um ſeine Geduld und ſeinen Reformatorgeiſt zu üben, wenn er ſie in den größern Werken aufſucht und ausſtreicht.
Ich brauchte kaum ein Briefchen zu ſchreiben, da eine Zueignung eines Werks ja auch eines iſt. Aber iſt dieſes — ich meine letztes — nicht nett, oder — mit Ihnen reimend zu reden — net 〈 nöt 〉 nett? ... Aber geben Sie mir bald ein Paar Seelenworte, die doch halb ſo viel ſind als ſäh’ ich Sie. Mein ſchönſter Dank an die von uns beiden ſo geliebte Mutter ſei Ihre Umarmung in meinem Namen. Meinen guten Taufnamenvetter bitten Sie, zu lächeln. — Und ſo lebe wol und liebe mich recht fort — und dieß kannſt du am ſtärkſten thun, wenn du in meinem Namen recht viele Menſchen liebſt d. h. liebend erträgſt oder ertragend liebſt.
Guten Morgen, mein Emanuel! Wie kann ich Ihnen danken für die Freuden, womit Sie jährlich meine Kinder übergießen und die Sie ordentlich mit dieſen wachſen laſſen? — Zum Glücke hat Gott eine zweifache Gelegenheit, Sie zu belohnen oder fortzube - lohnen. — Meine Frau iſt ausgegangen; dieſe wird mehr ſchreiben.
Mein guter Emanuel! Hier wieder vielerlei Leſerei! — Aber leſen Sie doch vorn im 2ten Bande meiner neu aufgelegten Levana, die Sie gewiß haben einbinden laſſen, das Kapitel über phyſiſche159 Erziehung der Kinder, das Sie jetzo noch mehr intereſſieren muß. Gute [Nacht] für 3 Herzen!
Mein guter Cotta, warum muß ich Sie ſo plagen und Ihr Feder - perpetuum mobile noch ſtärker beſchleunigen? — Doch Ihre Güte und Geduld, womit Sie jede Einwendung beantworten, wird meinem Rechte noch einen letzten Epilog verzeihen. Mit dem Neujahr - aufſatze des Morgenblattes für 1816 (die Geſichter des Ja - nus) ſind wir jetzo auf das Reine. Noch aber fehlen die beiden andern deſſelben Jahrs, und der für dieſes. Auf der Seite gegen über hab’ ich mit größter Genauigkeit und im Nothfalle lieber mit einem Minus die Spalten der reſtierenden Aufſätze aufgezeichnet. Die Spalten der Titelblätter, wo Titel und Motto ſo viel Raum einnehmen, hab’ ich aus Unkenntnis ihrer Be 〈 Ab 〉 rechnung be - ſonders aufgeführt, wie Sie hier mit Ihrem rechten Auge längſt geſehen haben. Ihre Abweſenheit und Vortheile der Ausgleichung laſſen mich wünſchen, daß wir aus dieſem Jahre mit völlig abge - thaner Abrechnung in ein neues übergehen.
Dreiviertel meines Aufſatzes für 1818 ſind ins Reine vollendet.
Niemand kann Ihnen wärmere Wünſche ins Land der Schönheit, in welchem Sie die Länder der Arbeit verſchmerzen wollen, nach - ſchicken als ich! Es geh’ Ihnen wol; nur kommen Sie auch bald wieder zurück!
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Koehler hat beide Poſten, 98 fl. und 114 fl., ordentlich überſandt.
Guten Morgen, mein Guter! Den 7ten Nov. 〈 Freitags 〉 gab ich auf die fahrende Nürnberger Poſt um 3 Uhr ein Buch nach Heidel - berg mit einem Einſchluß an Voß. Den 19ten hatt’ er ihn noch nicht. Beruhigen Sie mich durch Belehrung. — Nachmittags ſollen Sie ſeinen herrlichen, von mir erſt überflognen Brief erhalten.
Guten Abend, lieber Emanuel! In ſo fern Sie meine Stimme wollen: ſo iſt ſie dieſe: nehmen Sie eine Amme, wenn Sie eine phyſiſch reine und überhaupt unſchwächliche finden, wenigſtens auf ¼ Jahr. Verdaulicher bleibt dem Kinde Menſchenmilch. Erſetzen läßt ſich alles, jede Nahrung, wie auch meine zwei erſten Kinder beweiſen; aber Kaffee-Surrogat iſt doch kein Kaffee. Gute Nacht an Sie beide!
Eilen Sie aber nicht. Was ſchadet es, wenn das Kind eine Woche lang unter Ihrem Suchen der beſten Milch, ohne dieſe lebt?
Guten Morgen, gute Flora! Ein kleineres Geſchenk iſt Ihnen wol in Ihrem ganzen Leben nicht gemacht worden als dieſes Büch - lein iſt; und doch können Sie daraus ein ſehr großes für Ihre Ge - liebten machen, wenn Sie das Büchlein glaubig leſen.
Guten Morgen, mein Alter! Eben wollt ich an Voß ſchreiben, als ſein Brief ankam, den Sie Nachmittags ſogleich nach mir leſen ſollen. Wie iſt Cotta’s Pfötchen zu leſen?
Unvergeßlicher Vergeßlicher! Da von Ihnen keine Antwort zu erhalten iſt als vielleicht eine mediziniſche: ſo ſuch’ ich durch einen geſunden Krankenbericht eine abzugewinnen. Aber dann werden Sie mir ſchon mehr ſagen. Ich habe wol eine Vorſtellung von Ihrer innern Thätigkeit, aber nicht von Ihrer jetzigen äußern oder von den Erdlag [en] umher, die Ihre magnetiſche Axe überdecken oder gar rücken. Ich bin weit mehr von Ihnen geſchieden als Sie von mir, da meine Gegenwart faſt noch die alte Vergangenheit iſt ... Übrigens wird Baireut halbjährlich um einen guten Kopf kürzer161 gemacht. Bei Ihnen fing dieſes geiſtige Köpfen an. Jetzo fänden Sie beinahe eine Harmonie aus Rümpfen. — Sie könnten mir von magnetiſchen Streich - und den politiſchen Ausſtreichärzten viel ſchreiben, wenn es nicht zu viel würde. Preußens Ehre lebt jetzo [von] den Zinſen des Kriegruhms. Wir quetſchen uns dumpf und ſtumpf durch unſere Maulwurfgänge durch und ſuchen nur unſere [?] Regenwürmer und ſind ſie zugleich. Aber das kräftige punctum saliens wird ſchon wachſen und das Eiweis verzehren und die Ei - ſchale zerbeißen.
Ihrem gefeierten Tag häng’ ich hier blos eine elende viereckige Papier Aurora an — und meine Frau blos einen halben Gürtel, an dem ſie noch wie an einem Roſenkranze betet und wünſcht [?]. — — Was bringen wir aber Ihnen denn ganz heute? Das, woraus das Halbe kommt, das Herz in duplo; behalten Sie dieſes; Sie werden darin an jedem Tage, der auch kein heutiger iſt, die wärmſten Wünſche für Sie finden.
Ich gebe Ihnen hier, hochgeehrteſter Herr Graf, blos die halbe Schuld, nämlich den halben Tristram zurück und bitte Sie für die andere Hälfte noch um ein Moratorium auf einige Winterwochen.
Dem Danke für eine Güte folgt ſogleich die Bitte um eine neue nach, mir nämlich 1 Flaſche von Ihrem Graves-Wein zur Probe, ob ſie meiner Geſundheit ſo zuſagt als ſie dem Gaumen gefallen wird, zukommen zu laſſen. Auch bitt’ ich Sie noch um die Gefälligkeit der Preisbeſtimmung, da ich Ihren beſſern Wein nicht durch meinen ſchlechtern zu erſetzen vermag.
Ihr ergebenſter Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, mein Emanuel! Voß wird Sie wieder laben; wie ich ihn mit Ihrem Blättchen, das erſt leider morgen abgeht, da ich bisher durchaus dazu ſchreiben wollte und nicht konnte. — Thieriot iſt auch ſchon da. Ich habe weder von ſeinem Ehe Glück noch Unglück einen Begriff. Einen Morgengruß an die Wieder - auferſtandne!
Mein geliebter Heinrich! Etwas muß ich doch deinen ſchönen Briefen beantworten — wenn ich auch in der Eile ihren äſthetiſchen Werth nicht vergelte —, nämlich die Fragen. Thieriot ſchrieb als ein noch 18jähriger Anhänger 〈 Schüler 〉 Hermanns wirklich den Homer und ſeine Scholiaſten. Er iſt mehr als Liebhaber in der griechiſchen und in der engliſchen Sprache, welcher letzten er ſchon als Jüngling einen ſtückweiſen deutſchen Shakſpeare abzwang, übrigens voll Liebe, Reinheit, Redlichkeit, Eitelkeit, Unbeſonnenheit und Außen-Idiotiſmen. — Calderon ſpielte auf den alten Glauben an, daß nur Bockblut den Diamanten weich mache. — Übrigens iſt ſpaniſche Klang-Poeſie uns unüberſetzbar; und zum Theil die italie - niſche; der Dante von Bachenſchwanz iſt mir in anderer Hinſicht 1000 [mal] lieber als der von Kannegießer. Aber den Homer und Virgil brachte doch dein Vater mit ſchweren klingenden Schätzen zu uns herüber. — Yngur [d] iſt im böſen Sinne eine Müllners Schuld ſelber; iſt weder zu ſehen, noch zu leſen; aber er rechnet wie all’ das neue Schreibvolk ſeinen Schatten zu ſeiner Statur. — Roberts Gedichte gegen Napoleon ſind mir ein leeres Sonnetten-Feuerwerk ohne Wärme; aber ſeine Jephta ſcheint mir trefflich. Rückert ſteht lyriſch hoch über ihm; nur übertäubt die Inſtrumentalmuſik der Sonnette ſeine dichteriſche Vokalmuſik. Die meiſten jetzigen Sangvögel ſingen nach einer Drehorgel von Muſtern, nicht aus heiſſem Bruttrieb, wie die Nachtigall. — Dem lieben Geib kann ich nichts geben. Mit jeder neuen Monat - ꝛc. ꝛc. ſchrift bekomm’ ich einen neuen Feind, weil ich Mitarbeiter ſein ſoll und nie kann und163 darf, wenn ich nicht alle Kräfte und Genüße höherer Arbeiten zer - ſplittern will. —
An Ungern-Sternberg hab’ ich ſchon den 14ten Oktober einen beantworteten Brief mit den Stammbuchblättchen für Vin - centi geſchickt. — Meine Bitte, Sophie P [aulus] auszuſpionieren, war blos die ſcherzhaft geſagte, mir damals von dieſer Stummen kleine Fata zu ſchreiben; denn über ihr Inneres braucht’ ich niemand zu fragen als ſie ſelber, ſo offen-wahr iſt ſie und ſie würde mir die eine Hälfte eines Gedankens zeigen, eh’ ſie noch wüßte, wie die andere nur ausſähe. — Sophie Dapping gewinn’ ich immer lieber durch deine ſo ſchönen faſt con amore entworfnen Gemälde. — Rezenſiere immerhin meinen 2ten Siebenkäs, aber in der Jenaer L [iteratur] Zeitung, um meinem darin geifernden Feind Krause den Platz zum Wider-Bellen zu nehmen, das ich nach meinen Saturnalien von ihm erwarte. Sonderbar genug! kann niemand die zweite Auflage beſſer beurtheilen als der, welcher die Verbeſſe - rungen früher erfuhr als die Fehler der erſten, — nämlich du. — Dittmar iſt dem Künſtler noch meine Büſte ſchuldig. Sage Schwarz, er ſolle, wenn er einmal in einem Käſtchen nichts bekomme als eine lange Naſe, es verzeihen, weil es meine eigne ſei, die der Künſtler wie ein Tagliacozzo meinem Kopfe nachſchicken wolle und die man mir dann in Heidelberg ſo leicht aufſetzen kann wie eine Brille. — Bei der Mutter der ſchönen Koch würd’ ich am Ende wohnen, wenn ich rechte Freiheit, zu bezahlen behielte — am allererſten mein Ge - tränk —; aber zwiſchen mir und euch liegen noch viele Berge und Monate. — Laſſe doch einmal die ewig-bewegliche Bachſtelze aus deinen Briefen hinausfliegen! Nicht eine halbe Minute lang war ich über das winzige Ding verdrüßlich. — Wie ſpät komm’ ich in dieſem Briefe auf deine wahrhaft poetiſche Muſik, welche du vom alten Jahre in das neue verknüpfend überklingen läßeſt, und auf die Seelenworte der herrlichen Mutter, deren Hand das Schönſchreiben ſo leicht wird wie Schönhandeln! Dieſe Hand möcht’ ich lange halten und drücken. Sie hat mich und meine Frau wie der Abend - geſang einer fernen Beterin erquickt. Gott laſſe ſie dir und dem hochwürdigen Vater und euch alle ſich einander im künftigen Jahre! So viel kannſt du mir leider nicht wünſchen, denn ich habe ſo gar11*164lange keine Eltern mehr. Bewahre dir, du treuer Bruder, dein warmes, feſtes, reines Herz; dann brauchſt du keinen Neujahr - wunſch weiter. Grüße alle, die dich und mich lieben und folglich alle Grüßende, von
deinem J. P. F. Richter
N.S. Jetzo kann ich dir nicht eher ſchreiben, als bis ich entweder den 3ten Theil des Siebenkäs oder meine Naſe ſchicke. Aus Mangel an Zeit, meines Emanuels Brief an dich zu begleiten, hielt ich ihn ſo ſündlich lange zurück.
II N.S. Hüte dich vor Brockhaus; ſchon das große Honorar iſt bedenklich. Einen edeln Freund von mir hat er ſehr getäuſcht. Wenigſtens verſchiebt und mäkelt er ſtark.
Ich danke Ihnen recht für die lebendigen Blumen, in welche Sie die kleine abgeſchiedene eingefaßt, und für die Beſchreibung des Chriſtgeſchenks, die ſelber eines iſt. — Jetzo bedauer’ ich, daß ich in Ihrem Hauſe ſo ſpät und alſo nur Einmal geweſen. Grüßen Sie Ihre Frau Mutter und dann alle die Lieblichen, welche an jenem meinen Freudenabende entweder Tänzer oder nur Theetaſſen in der Hand gehabt. Es geh’ Ihnen recht wol, recht wol, gute Sophie!
Baireut d. 16. Dez. 1817Dr. Richter
Guten Morgen, meine liebe Sophie —
Guten Tag, liebe Fr. Kirchenräthin —
Guten Abend, lieber H. Kirchenrath —
Gute Nacht, lieber mit allem ſich reimender Schelm Wilhelm.
Richter
Mein guter Emanuel! Anſtatt eine gute Nacht zu ſagen, wie ich wollte, ſchreib’ ich ſie blos; denn ſogar das Beſcheeren ermüdet. Haben Sie noch Voßens Brief? C [aroline] hatt ihn noch nicht geleſen. Doppelt dreifach gute Nacht.
Guten Morgen, mein Alter! Hier mach’ ich Ihnen ein kleines Weihnachtgeſchenk mit einer ganzen wolerhaltenen Feder, die in Baireut ihres Gleichen ſucht, aber vergeblich —, deßgleichen hier mit einem Stückchen treffliches Briefpapier, das ich von Ihrem abgeſchnitten. — Meinen Krankenbericht mag Pfeffer bei Ihnen, oder doch zu Hauſe ſo ſchnell leſen, daß er nicht in der Stadt umläuft und neue Lügen heckt. — Wie Recht hatt ich leider vor 2 Monaten mit der Prophezeiung der kalten Chriſtwoche, die ohne den rothen Fingerhut für mein Leben wirklich eine Ruprechtwoche ſein würde!
Guten Morgen, Emanuel! — Mit der baireuter Zeitung lief auch beifolgendes Blatt. — Schneiden Sie nur an Ihrer herrlichen brittiſchen Feder ein [en] langen Schnabel: Sie werden ſich wundern, wie männlich ſie ſchreibt. — Hufelands Brief hatte Otto noch nicht. — Ich gebrauche das lange Rezept nicht, ſondern meinen Fingerhut fort und befinde mich trefflich. Einen Gruß an die Freundliche!
Gebe Gott, liebe Lotte, daß meine beklommene Antwort auf Ihren beklemmenden Brief Sie noch findet — (Der letzte Brief in dieſem Jahr — die Kälte zu Weihnachten iſt der Ruprecht des Chriſtkindes — Aber der weibliche Körper hat ſo viele Kraft, Er - mattungen auszuhalten und nur langſam zu ſterben, als das weib -166 liche Herz. ) — Möge Sie der Unendliche ſchon hier belohnen, wo der Menſch den überirdiſchen Lohn ſich erſt verdienen muß.
Lieber Alter! Jetzo thut mir das Geſtern auf eine umgekehrte Weiſe weh, daß ich nämlich dir Unſchuldigen einen Tag — wenn auch ſelber unſchuldig — zerſtört und zerriſſen habe. Ich hätt’ es nämlich nicht glauben ſollen — da du ewige Beweiſe des Gegentheils gegeben — aber ich glaubt’ es auch nur Halb und dieß Halb gehälftet wieder durch Nachgeben für andere. *)Hätt’ ich doch geſtern, wie ich bei deinem zweiten Weggange gewollt, ſogleich mit dir geſprochen!— Jeder Ort ſelber iſt mir übrigens einerlei; ſo iſt die neue Stelle in deinem Garten mir einerlei, ja, ſeitdem ich die ſchöne Einſamkeit und die Ausſicht auf den Himmel meiner Wetterprophezeiungen da gefunden, ſogar nicht mehr einerlei ſondern lieber. — Du haſt vor der Emma die Abende bei der Rollwenzel ſo gelobt. Kommen wieder lichtere Abende, ſogar mit Mondſicheln, ſo wollen wir mit einander zum Bier und Eierkuchen hinaus und die getödtete Freude wieder verklärt auferwecken. Vergib, alter Freund, und ſchlafe in ſchönern Träumen als mein geſtriger Tagtraum war.
Guten Morgen! Es iſt immer beſſer, wenn man ſpäter antwortet. Für dich iſt: die Analogie von Hader, hadern, Haderer, ſo Lager, lagern, (Be) Lagerer; ſogar, inſofern es ein fremdes Wort iſt, die von Kammer, kammern, Kämmerer; — aber weniger das ohnehin räthſelhafte Wort Abentheuer, Abenteuer, Ebentheuer, Abend - theuer von avanture. — Aber gegen dich iſt: als fremdes Wort geht es ganz wie Pilgern (peregr. ), Pilger; alſo Negerſchiff, Pilgerhut; Doktorhut ꝛc. 〈 Kaperbriefe, doktorn, doktert 〉 Auch müßte man dann wie Negerei, ſo Kapererei ſagen. Endlich eine Delphinen - Fiſchart heißt der Nordkaper; und dieſer Fiſch allein entſcheidet die167 Sache. Kaperſchiff = Räuberſchiff, Korſarenſchiff. Kaper iſt hier nicht das abgekürzte Verbum.
Ihrer [Exzellenz] hätt’ ich ſo gern die Wünſche des neuen Jahrs dargebracht; aber ich mußte als ein einfüßiges Weſen aus dem alten in das neue treten und ein rheumatiſcher Fuß tiſchte mir ſtatt der Théefreuden ſeine Schmerzen auf. Da ich mich entſchuldigt habe, daß ich ein Vergnügen — verloren: ſo wird mich Ihre Güte gewiß künftig nicht mit einem zweiten Verluſte ſtrafen.
Zum wärmſten Wunſche für Ihr neues Jahr bring’ ich noch den herzlichſten Dank für das alte, in welchem Sie meine Bitte um das Einholen ärztlicher Rathgebungen unter ſo wichtigen Geſchäften mit Ihrer gewöhnlichen Pünktlichkeit erfüllten, die den Reichs Gerichten und den bairiſchen Landgerichten kein Neujahrwunſch geben kann, ſo nöthig ſie ihnen war und iſt. — Ich habe in meinem Krankenbericht den höchſten Maßſtab meines Übels blos aus frühern Jahren genommen; daher reicht’ ich im jetzigen mit der bloßen Digitalis (2 Gran nur täglich) aus und ſeit einigen Tagen mit dem Tranke von den H. Hufeland und Heim, für deſſen Wirkung ich beiden zu danken habe. Das Tropfenrezept heb’ ich, aus Furcht vor der Einwirkung der Schwefelmilch auf fremde Naſen, für ſchlimmere Zeiten auf. Ich würde Sie nicht mit dieſen körperlichen Gering - fügigkeiten hier beläſtigen, wenn ich nicht vorausſetzte, daß Sie mit der Nachricht davon meinen Dank an beide Aerzte, wovon ich den einen in ſeinen beiden Journalen ſo oft leſe als er mich — wenn er nur ſelber öfter gäbe als blos herausgäbe — begleiten würden.
Ich hätte Ihnen noch für vieles zu danken, wofür meine Frau bisher ſo oft in ihrem Namen unter der Vorausſetzung des meinigen gedankt; aber die Eile gebietet den Schluß. Es gehe Ihnen und168 Ihrer Frau Gemahlin wol in der ſchönen Stadt der Sprech - und Les -, wenn auch nicht Druck-Freiheit!
Ihr ergebenſter Sohn J. P. F. Richter
Ordentlich als ſollt’ ich immer bei Ihnen im Quartier liegen, muß ich meinem Kopf meine Naſe — nach der rhetoriſchen Figur pars pro toto — nachſchicken. Irgend ein Künſtler wird ſie ja wol dem zerbrochnen Geſichte ſo gut aufzuſetzen wiſſen als ein neuer Taglia - cozzo eine lebendige einem lebendigen; und ſie darf gerade in dem Zimmer nicht fehlen, wo das Urbild täglich unter neuen Blumen gelebt. Wo ſind nun deren Stäubchen geblieben? In meinem Alter thut alles Verwelken wehe; darum lieb’ ich das Palingeneſieren und komme im künftigen Frühling oder Sommer wieder, obwol nicht als feſter Plaggeiſt ſondern als flüchtiger Zugwind oder Zugzephyr. Mein ganzes Herz grüßt jedes Herz, ꝛc. und die Choralphilomele und alles was Sie lieben.
— Und doch werd’ ich dir einen langen hiſtoriſchen Brief ſchreiben müſſen. Zuerſt wie ging es mit Thieriot? — Hat er ein Empfehl - Briefchen an Thibaut nicht abgefodert von Engelmann: ſo ſoll dieſer es ohne ihn zu letztem ſchicken. — Ich bitte dich inſtändig, mir dieſen Engel-Mann ins rechte etymologiſche Licht zu ſetzen. Schon vor Monaten foderte er den zweiten Theil des Siebenkäs, weil er zwei Setzer zu beſchäftigen habe — und erſt neulich den vierten, weil er Ende Februars das Werk zu liefern verſprochen; — — und jetzo hat er erſt den 7ten Bogen fertig. Dring’ ihm eine klare Erklärung ab und die Löſung des Räthſels, wie er alles zu beendigen gedenke, wenn ich ihm Ende Januars das 3te Bändchen ſchicke. — Ich kann dir nicht genug danken für deine dritte Auflage meiner zweiten. Die von meiner Emma wahrſcheinlich ausgelaßne Zeile heißt: „ die169 „ zweite war, daß Klopſtock die Prachtausgabe ſeines Meſſias an „ die Schulpforte mit dem Wunſche abgeſchickt, der würdigſte „ Schulpförtner werde ꝛc. ꝛc. “— — Deine engliſchen Verſe mit ihrem little und hither und thither und wither und pismires ſind köſtlich - komiſch. — Nicht Härte, ſondern Ungewohnheit hat mein S-Angli - ſieren gegen ſich; denn Geburz-tag iſt härter als Geburt-tag. Kommunionsbuch klingt ſo fremd als Legazionrath. Überall nur Ohr-Fremde: z. B. alles umgekehrt Kindkopf und Kindsbett — Wolfſchwanz und Zahnslücke — Bundtag und Mundstaſſe. So - gleich nach dem Siebenkäs geb’ ich im Morgenblatt die Regeln. In unſerer Schweſterſprache, in der engliſchen ſind alle Samm - wörter ohne s. Kannſt du nicht in holländiſchen, ſchwediſchen und däniſchen Wörterbüchern nachſehen, ob nicht auch hier auf Engliſch - Deutſch zuſammengeſetzt wird? — Wie dich mein Emanuel liebt, ſiehe hier. Schreib’ ihm ja. Eine ſolche warm-ſtarke Seele gab es unter Juden nie. Ich bin gekommen in dieſe Schein-Welt 1763 in der Nacht um 1½ Uhr den 21ten März, mithin mit dem Frühling - Anfang. Rechneſt du drei Monate weiter meinem Entſtehen nach, ſo bin ich gegen den Herkules an Nächten wie an Thaten gerade der Gegenherkules. —
Du machſt zuletzt, daß ich an niemand ſchreibe, blos weil ich an dich zu viel ſchreibe. Aber daran ſind deine erquickenden Briefe ſchuld, in welche du noch vollends mütterliche einwebſt. Auch andere Männer als du haben über die mütterliche Weihnacht-Stelle ge - weint, wiewol ſie an jenem Abende faſt zu ſtark war. — Grüße die herzige Sophie Dapping. — Der ſeelenguten Sophie Paulus und ihrer Mutter ſage grüßend meinen Dank für die Zukunft; aber je größer ihre Güte, deſto ſtärker iſt mein Nein; jedoch will ich mich bei ihnen einquartieren und zwar ganze Eden-Stunden lang, nur nicht Tage. — Grüße jedes Herz, das ſchlägt wie deines und für deines. Addio!
Richter
Den Geiſt Titans bezeichnet S. 544 des 2ten B [andes] der neuen Vorſchule. Auch Liane weicht von der griechiſchen gleichſchwebenden Temperatur und iſt alſo mit titaniſch.
Guten Morgen, Emanuel! Wie wird Sie dieſer Brief erfreuen, der vor Ankunft der Naſe abging! — Dioſkuren (d. h. Kaſtor und Pollux) hatt’ ich Sie und Otto bei ihm genannt. — Hier erbittert, dort erquickt meine Morgenblattgabe.
Guten Morgen, mein Emanuel! Hier allerlei Erfreuliches! — Blos Otto’s wegen, der von Ihnen mit mir dieſelbe Güte der Mittheilung genießt, und der die Montags und Mittwochs Zeitung der vorigen Woche verlangte, bemerk’ ich, daß ich ſie (wie ich in der Harmonie fand) auch nicht geleſen, alſo nicht bekommen.
Den Aufſatz über den Nachdruck will ich Ihnen nach der Leſung der Saturnalien ſenden, um Ihre Güte nicht zu misbrauchen.
Du Lieber! Alle meine Briefe ſind gegen deine vollen nur dürftige Geſchäftbriefe; — und doch kann ich nicht anders. Aber in Heidel - berg will ich vor dir ſtehen und ein ganzes Pack mündlicher Briefe an dich machen. Jetzo mein Durcheinander! — Allerdings werd’ ich künftig deinem Ohre gemäß öfter ſagen: jetzt. Tadle mich nur überhaupt recht oft; du ſiehſt ja am Siebenkäs, wie ich mich ſelber amputiere, operiere, kauteriſiere. Sammle ein beſonderes Sünden - regiſter für künftige „ vertrauliche Beſprechungen “unſeres zwei - einigen Bundtages. — Es befödert unſer gegenſeitiges Poſtweſen, wenn ich das Ankommen deiner Briefe bemerke: dein am 24ten Jenner abgegangner Brief kam am 29ten hier an; der vom 18ten ſchon am 21ten. Meine Naſe ſaß am 13ten auf der fahrenden Poſt ein und ſtieg am 20ten ab. Dein Traum über den Buchdrucker ließe ſich für eine magnetiſche Einwirkung meines bei euch in der Nacht angelang - ten Wunſches nehmen. — Aber, du Seelenguter, wie quält mich deine Korrektorqual! Mühſam hab’ ich meine Erbitterung gegen den eigennützig-misbrauchenden Engel-Mann unterdrückt. —
171In dieſem Jahre hab’ ich, eine Druckfehleranzeige für Cotta ausgenommen, nur nach Heidelberg geſchrieben. — Vorrede und Noten zu Shakespeare von dir ſind meiner Erwartung faſt wichtiger als die Überſetzung ſelber. — An Lotte Schütz in Jena, deren erſtes und letztes Buch unter dem Titel Lydiens Kinderjahre durch meine Hülfe herausgekommen und in deren Erdenleben das deinige manche Verklärung gebracht, war gerade den Tag vorher geſtorben, als ich die letzte Antwort an ſie ſchrieb. Wie viel hab’ ich dir von ihr zu ſagen! — Nun grüße, grüße, Heinrich! deine geliebte Mutter, deinen geliebten Vater — dich auch — jetzt beſonders Hegel und Frau, an ihr die ſchönen Augen, an ihm die ſcharfen — und alles, was uns beide liebt!
Dein Richter
N. S. Nächſtens kommt das vierte Bändchen. — Wo du Schreib - oder Auslaßfehler von mir oder Emma findeſt: da beſſere keck.
Hier haben Sie ſchon den dritten Theil. Daß der Druck noch im erſten fortſchleicht, könnt’ ich mir weder mit dem Verſprechen und Vertrage des Verlegers, noch mit Ihrem eigenen vereinigen, in jeder Woche 4 Bogen zu geben, wenn ich nicht annehmen dürfte, daß Sie künftig 2 Setzer auf einmal am Buche arbeiten laſſen. Nur bitt’ ich Sie, wenn Sie dieß Ihrem gegebenen Worte zufolge thun, meinem theuern Freund Voß die Korrekturmühe zu erleichtern durch Zumuthen blos der letzten Korrektur. Am 7. Novemb. ſandt’ ich ſchon das zweite Bändchen; jetzo ſchon, ehe deſſen Druck begann das 3te; und ſo wird unverzüglich das 4te leichter zu früh eintreffen als zu ſpät. Ich bitte Sie daher, mein ſo feſtes Vertrauen auf Ihr Wort — das Sie auch jetzo wieder H. Voß gegeben, das Buch zur O [ſter] Meſſe zu liefern — zu rechtfertigen und zu belohnen, zumal da ich Ihnen jeden Wunſch einer ſchnellen Sendung erfüllte.
172Im Frühlinge werd’ ich das Vergnügen haben, manche Fragen Ihrer Briefe in Heidelberg ſelber zu beantworten.
Ihr ergebner Dr. J. P. F. Richter
Warum hab’ ich Ihnen denn nicht ſchon längſt gedankt, gute freundliche Sophie, für ein ſo beſchwerliches Amt, da Sie leichter die Heldin als die Korrektorin eines Romans ſein könnten? Ich kann Ihnen wenig vergelten, da ich höchſtens der Korrektor des mündlichen Druckfehlers net zu werden vermag. —
Für das angebotene Geſchenk einer Wohnung ſei Ihnen und den Ihrigen der Dank eines gerührten Herzens, das ſchon von der Wolthat, nicht erſt zu ihr kommt, geſagt. Ihr rundes Tiſchchen mit der Familiendrei [ei] nigkeit beſetzt, iſt ja mehr als alles was Sie mir von Ihrer Wohnung geben können. Und ach an dieſem Tiſch - chen werd’ ich bei der Kürze meines Aufenthaltes nicht lange bleiben dürfen! Herzlich grüß’ ich durch Sie alle Ihre Geliebten, Mutter und Vater und Wilhelm.
Ihr unveränderlicher Richter
N. S. Sie ſollten, höchſtgeſchätzte Freundin, das ganze Jahr nichts thun als ſchenken — wiewol Sie es auch thun —, weil niemand mit ſolcher gefälligen Wahl zu ſchenken weiß als Sie. Ihre Federn ſind für mich einem Paradiesvogel aus den Flügeln gezogen; ſie ſind meine einzigen Brieffedern und meine andern theuerſten bleiben blos dem gemeinen Gebrauche. — Im Frühjahr werd’ ich Heidel - berg wiederſehen und einige neue Menſchen dazu; aber dieß wird173 mir die Sehnſucht nicht nehmen, womit ich nach Ihren leeren Wohnzimmern aufblicken werde. — Ich grüße theilnehmend einen Sohn, der ſeine helle und warme Mutter zugleich mit Erfüllen und Geben von Hoffnungen belohnt. Und auch von andern werde Ihr ſchönes Herz, liebe Freundin, belohnt und erfreuet.
J. P. F. Richter
Nach langem Harren auf ein Blättchen von Ihnen, worin Sie über den Buchdrucker des Siebenkäses klagen, ſchreib’ ich endlich eines, um daſſelbe zu thun. Engelmann hatte dem Profeſſor Voß und mir verſprochen, wöchentlich 4 Bogen zu liefern. Jetzo ſchleicht der Druck noch im 12ten oder 13ten des erſten Bändchens. Am 7ten Novemb. ſandt’ ich ihm das zweite*)mein viertes wird eher fertig als ſein zweites., weil er zwei Setzer zu beſchäftigen wünſchte; — geſtern das dritte, ſammt meiner Ermahnung ſein Wort und dadurch Ihres zu halten. Ich bitte Sie daher, ihn mit Ihrer ſtärkern Kraft an den Vertrag mit Ihnen ſelber zu erinnern.
Sie haben in Ihrem letzten Briefe einen förmlichen Vertrag über unſern Siebenkäs gewünſcht. Ich habe nie einen förmlichern gemacht und gebraucht als blos der gegenſeitige Briefwechſel war; und ſo nehmen Sie denn auch hier für einen ordentlichen Kontrakt dieſe Stelle: „ daß Sie die zweite Auflage des Siebenkäs zu 1500 Exemplaren, „ den Druckbogen für drei Louisd’or Honorar, nach Abdruck „ jedes Bändchens zahlbar, zur Erſcheinung in der Oſter Meſſe 1818 „ von mir zu verlegen bekommen, mit der Bedingung, daß ich, „ wenn ich dieſe zweite Auflage in die Geſammtwerke hineinnehme, „ Ihnen alle noch übrig gebliebnen Exemplare nach dem Druck - „ preis abzunehmen verbunden bin. “
Indeß bitt’ ich Sie — damit ich doch nicht gar zu unjuriſtiſch verfahre — obige ganze ſchöne Stelle mit Gänſefüßen auch Ihrem nächſten Schreiben einzuverleiben.
174Über Hesperus Auflage künftig! Und über die der Mumien noch künftiger!
Hätte Ihnen und Ihrer Gattin auf einer ſo ſchönen Rheinerde der Himmel ſich doch ſelber gegönnt, nämlich ſein Blau! Leben Sie wol! Ihr
ergebenſter Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, Emanuel! Der Tod erhörte ja die Bitte vorn um „ zwo abgereichte Scheid-Holz “als wäre ſie richtig für ihn geſchrieben. — Blos um Sie nicht vielleicht in einem zufälligen Irrthum zu laſſen, zeig’ ich Ihnen nur an, daß ich geſtern und heute keine baireuter Zeitung bekommen. — Das Konkordat wird den Zeitungen zufolge ſuſpendiert, es iſt nämlich noch nicht ratifiziert.
Einen zweiten Morgen an meine Pazientin, die hoff’ ich doch heute kein [e] iſt.
Schönſten Morgen, mein Emanuel! Wie ſteht Ihre Geſund - heit? — Meine feſt. — Wollen Sie nicht die Güte haben, mir Schleiermachers Monologen für Vikar. Kapp zu borgen, der Ihnen ſehr dafür danken wird? — Sollt’ ich in Geldnoth kommen — blos weil mir jetzo ſchon über 1500 fl. eingegangen ſein ſollten — ſo darf ich doch um ein vierteljähriges Darlehn auf Zinſen bitten, die Sie mir ja auch geben?
Aus Ihrem werthen vom 26. Jenn. erſeh’ ich, daß Herders Werke die 9te Lieferung, den 22ten Dezemb. v. J. über Nürnberg an mich abgegangen.
Angekommen iſt ſie indeß noch nicht.
175Wahrſcheinlich iſts dieſelbe Buchhändlergelegenheit, die mich im vorigen Jahre ohne Ihre Schuld ſo lange auf die Faſtenpredigten warten ließ.
Ich erkenne Ihre gütige Schonung meiner Koſten; gleichwol bitt’ ich Sie, mir künftig lieber alles durch den Poſtwagen direkte zu übermachen.
Ihr ergebner Dr. Jean Paul Fr. Richter
Ihrer [Exzellenz] wurde gewiß niemals ein ſo kleines Geſchenk [gemacht] als dieſes Büchelchen iſt; und doch werd’ ich es nicht be - reuen, es Ihnen gemacht zu haben, wenn es Ihre ernſten und arbeit - ſchweren Stunden mit einigen leichten heitern Augenblicken zu unter - brechen und zu erleichtern vermag. Mögen Sie es mit demſelben Wolwollen aufnehmen wie bisher den Verfaſſer. Mit ſchuldigſter Ehrerbietung
So ſpielen wir denn die Menächmen eines wechſelſeitigen Irr - thums. Denn ich wußte in der ſchönen Verwirrung des Heidel - berger Reichthums nichts als Ihren Namen, aber nicht dieß, daß Sie der Verfaſſer der Herbſtreiſe ſind; ſonſt hätt’ ich meine Freude über dieſe, die ich andern mittheilte, natürlicher ihrem Geber ſelber bezeigt. Denn Ihr Geſchenk hab’ ich wirklich doppelt erhalten, ſo wie Sie vom Schickſal die Reiſe ſelber.
In Ihrem Buche lebt ein ganzer Menſch mit allen ſchönſten Gliedern von Witz, Laune, Gefühl und Einſicht. Für einen Reich - thum ſo mancher Art iſt ein Reiſewagen das beſte Vehikel, um ihn zu den Leſern zu bringen und auszupacken. Daß mich Ihre poli - tiſche Wärme, deren Sonne das Alterthum iſt, am meiſten erquickte, können Sie aus meinen eignen Werken errathen. Wie ins Gedicht nicht der Verfaſſer, ſo gehört gerade in die Reiſebeſchreibung dieſer176 als das Menſchliche, wodurch eine Reiſe ſich über eine Geographie erhebt.
Das einzige, was ich von Ihnen nicht geſchrieben wünſche, iſt Ihr hiſtoriſches Werk — ſondern ich wünſche dieſes blos — gedruckt. Denn wahrlich bei meinen ſo ärmlichen hiſtoriſchen Kenntniſſen könnt’ ich Ihnen nichts ſagen, was des Briefportos oder gar des Fahrportos werth wäre. Schicken Sie aber nur dafür deſto früher das Buch dem — Publikum.
Gott erhalt’ Ihnen Ihre kräftige Jugend auf einer ſchon ſo weit durchlaufnen Siegerbahn! Meinen doppelten Dank für die Doppel - gabe.
Ihr liebender und ehrender Dr. Jean Paul Fr. Richter
Meine Frau grüßt mit warmer Erinnerung der vorigen Zeit.
Mein geliebter Heinrich! Dein Schweigen ſeit dem 13ten Febr. beklemmt mich faſt; ſei alles, was du willſt, nur nicht krank. Aber ich hoffe, du leideſt an nichts als an der Oſtermeſſe. Hätte man nur bald deine Vorrede und Notenbordüre zu Shakespeare, von welchen mir deine Briefe ſo vielen Genuß ahnen laſſen, z. B. deine Bemer - kung über Desdemona. — Wenn du freilich den D. Dapping dir gleich ordneſt: ſo kann ich in Einſichten und Wolwollen keinen beſſern Rezenſenten bekommen; und ich danke dir im Voraus für deinen Koadjutor. Könnte mir nicht ſeine gute Schweſter ſein von dir ſo gelobtes Urtheil über den Titan abſchreiben, dem noch immer wie uns Menſchen, das beſte oder jüngſte Gericht fehlt? Wie ſehr ich ſtrenge Urtheile liebe und ſuche, ſiehſt du aus meinem eignen exeku - tierten über den Siebenkäs. — Daß du dieſen erſt auf Korrektur - bogen kennen lernſt, iſt ein großer Verluſt für ihn und für den Schoppe im Titan. — Lieblicher Lindenhonigſeim waren mir in der Minerva deines H. Vaters überſetzte Shakespeare Liederchen. Ach wollte er doch uns das Liedchen: take, o take away etc. von der Inſel auf das Feſtland herüber hauchen! — Im Frühling komm’177 ich und will mit euern Bergen, ihr Geliebten, blühen, wenn auch nur mit meiner Nachſommerblüte. Nur nach Manheim geh’ ich noch dem Rhein nach; übrigens von euch nach Stuttgart oder umgekehrt; höchſtens nach Frankfurt noch. Wenige Tage heiſſen bei mir, wenn ich von Heidelberg ſpreche, wenigſtens 14 Tage, wenn nicht d’rüber. Ach, ich habe ſo viele Natur-Ausſichten und ſo viele Be - lehrungen nachzuholen! z. B. von Munke Antworten auf lange zuſammengeſparte Fragen, ſo von Daub, Paulus. — Frau von Ende wird in der Oſterwoche durch euer und ihr Eden ziehen. — Dieſen Brief bringt der 4te Band des Siebenkäs (bis auf ¼) mit. — Hier will ich abſchnappen, weil ich noch 3 Poſttage vor mir ſehe, an denen du mir gewiß etwas zum Beantworten ſchicken wirſt.
— und nichts geſchickt haſt; denn gerade morgen, wenn das Buch fort iſt, wird etwas von dir anlangen. Aber die Antwort darauf ſoll über 8 Tage mit den letzten Schwanzfedern des Siebenkäs abgehen. Gott gebe nur, daß ihr alle geſund geblieben und bleibt, damit ich mich nicht zu vergeblich auf meinen Frühling gefreuet. — Grüße mir herzlich die rechte und linke Herzkammer an deiner Bruſt, Mutter und Vater; und meine Sophie und Mutter und Vater; und bleibe mein Heinrich.
Dein J. P. F. Richter
Grüße mir doch auch deinen lieben Bruder Abraham. Welches ſchöne Drei hab’ ich noch durch dich zu kennen und zu bekommen!
Mit Vergnügen empfing ich von H. Profeſſor Voß Ihre Ver - ſicherung, daß Sie durch den Beiſtand von 2 Setzern den Siebenkäs auf die Oſtermeſſe vollenden werden. Hier folgt deſſen letzter Theil, dem nur noch vier Druckbogen fehlen, welche heute über 8 Tage — denn die nähere fahrende Poſt nach Heidelberg geht wöchentlich nur einmal — unfehlbar nachkommen. Leben Sie wol und machen Sie mir und dem Verleger und — vielleicht — dem Publikum die12 Jean Paul Briefe. VII. 178Freude, im Frühling das Werk ganz und nicht in gebrochner Zahl zu erblicken.
Jean Paul Fr. Richter
Ich bitte um die Güte, den Brief an Voß bald abgeben zu laſſen; deßgleichen, mir mit der fahrenden Poſt 1 Freiexemplar des 1ten Bandes zu ſchicken.
Guten Morgen, mein Emanuel! Endlich bin ich bis auf die Hefe herunter, nämlich aufs Gold, das ich angreifen muß, wenn Sie nicht die Güte haben, mir 200 fl. auf 1 Vierteljahr zu leihen. Hätte nur eine nicht wieder 1 Vierteljahr Aufſchub der Bezahlung verlangt: ſo hätt’ ich dann Geld genug behalten. — Dieſes mal bin ich auch leer an Briefen. — Was macht in dieſem Nachwinter — der aber am Montage aus ſein wird — Ihr Körper?
Grüße [an] die Magnetiſierte und Magnetiſche. R.
Guten Morgen, mein Alter! Langens Reiſe war mir eigentlich nur bis auf geſtern abend geliehen. Denn heute will es Oeſterreicher noch Wagner geben und doch abends an den Urverleiher zurück - liefern. Sie verzeihen alſo meine Bitte.
Ich grüße blos, Sie und Ihren Geliebteſten; und freue mich, es mündlich wiederholen zu können. Der ganze Himmel lügt, oder er ſieht dieſes mal blau auf unſern Frühling hernieder.
R.
Guten Morgen, Guter! Nehmen Sie es ja nicht übel, daß mein Haushalten das Intelligenzblatt noch ſucht. — Thieriots Briefe ſind ſchön und er der alte Paſſer.
Hier folgt endlich das verſprochne Ende des 4ten Bändchens. Die größere den 10ten abgegangne Sendung werden Sie gerade heute ſammt meinen Bitten empfangen. Ich erſuche Sie, mir immer ſo wie ein Bändchen abgedruckt iſt, 1 Exemplar davon auf der fah - renden Poſt zu ſenden. Ich vertraue Ihrem Worte und der Thätig - keit und Zahl Ihrer Setzer bei der Hoffnung, daß das Werk zu Oſtern erſcheinen werde. Leben Sie wol!
Dr. Jean Paul Fr. Richter
Mein guter Heinrich! So hab’ ich alſo nichts zu beantworten, denn die Hoffnungen meines Briefes vom 10ten auf deine Briefe dauern und leben noch immer fort, eben weil ſie nicht erfüllt wurden. An einen ſo großen Brief-Luxus haſt du mich verwöhnt! — Zum Glücke kann ich deinem Schweigen recht viele Urſachen leihen, die alle keine traurigen ſind; und in dieſer Woche, weiß ich, brichſt du es ohnehin. Daher kürz’ ich dieſen Brief ab. Der April oder der Mai bringt mich ohnehin unter eure Blüten. Ich grüße herzlich deine geliebten Eltern und Sophie P [aulus]. Ich mag kaum mehr mit Dinte grüßen, da ich den lebendigen Gruß mit Augen und Lippen ſo nahe vor mir habe, wenn Gott meine Hoffnung ſegnet. —
Lebe wol, du warmer klarer Rechter!
Dein J. P. F. Richter
Die liebe Frau von Piatoli hab’ ich noch gar nicht grüßen laſſen; daher grüße ſie recht liebend. —
Gib ſobald als möglich dem Dr. Dapping jeden fertigen Band des Siebenkäs (als Freiexemplar) ſammt Manuſkript und Übrigem.
N. S. Ich habe den Brief wieder geöffnet, um dir eine neue Siebenkäs Mühe zu machen. Sei nämlich ſo gut und ſtreiche im Inhaltregiſter im 23ten Kapitel weg: „ Eröffnung der 6 Siegel “und ſetze im 24. Kap. dafür „ Eröffnung der 7 Siegel “.
Bleibe nur mein bis ans Ende meiner Tage! Und du bleibſt es, weiß ich unter allem am gewiſſeſten! Dank!
Und Dank der, die den Frühlings Anfang macht und Blumen gibt.
Richter
Die Antwort auf Ihren werthen Brief hab’ ich bis auf die Ankunft der Aushängbogen verſchieben müſſen. Der vollendete erſte Theil beträgt 16 Bogen; am zweiten waren den 17. März ſchon 10 Bogen, und am dritten 5 fertig. Engelmann verſpricht die Vollendung des ganzen Werks auf die Meſſe. Mein herrlicher Prof. Voß iſt letzter Korrektor und erſter Treiber zugleich. Bei dieſer Eile iſt nun gewiß heute der 2te Theil vollendet und der 4te ange - fangen. Meine Bitte an Sie iſt jetzt dieſe, daß Sie die Güte haben, mir Honorar für 30 Bogen recht bald — da ich den Frühling wieder am Rhein aufſuchen will — auf welche Weiſe es Ihnen am bequemſten iſt, zu übermachen. Ich kann hier Anweiſungen auf Frankfurt am Main, auf Augsburg (in Augſpurg. Währung) und auf Leipzig gebrauchen. Den Reſt des Honorars können Sie mir dann nach Vollendung des ganzen Werks auf ähnlichen Wegen an - weiſen.
Über den Hesperus bitt’ ich Sie um beſtimmte Nachricht, zu welcher Zeit Sie den Druck angefangen zu ſehen wünſchen. Das Hineinarbeiten des Neuen und das Herausarbeiten des Alten ent - zieht ganz neuen Arbeiten ſo viele Zeit — durch Siebenkäs acht Monate —, daß ich noch unentſchloſſen bin, ob ich auf meinem Abendſtern nur das niedrigſte Unkraut ausrotte oder ob ich neue Pflanzungen anlege.
Da Druck und Briefe und alles ſich bisher verſpätet hat: ſo werden Sie gern meine Bitte erfüllen, Ihre Antwort zu beſchleu - nigen.
Möcht’ ich Sie am Neckar wieder finden! Leben Sie wol!
Ihr ergebner Dr. Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, mein Emanuel! Hier blos das Ihrige, die Zeitung. — Ja ich bitte noch um ein Ihriges, um die 3 Theile des Siebenkäſes, weil ich darin wegen der Druckfehler der neuen Ausgabe nachzuſehen habe. Iſt alles, was ich hier grüße, geſund?
R.
Guten Morgen, mein lieber Emanuel! Ich wünſche recht ſehr, daß Sie heute guten Tag zu uns ſagen, Sie und Ihre Gattin, um 2 Uhr, damit wir alle zuſammen ſpeiſen. Außer den Sachſen iſt niemand weiter dabei. — Hier mach ich Ihnen das Geſchenk mit einem viel längern Kiele als der vorige war; den eingeſteckten Holzſtift ſchlag’ ich gar nicht an.
Mein Emanuel! Ihr Briefchen entſchädigt ein Bißchen; aber nicht viel, wegen Ihrer allgemeinen Regel. — Nach dem Eſſen muß meine C [aroline] die Ende zu einigen Weibern begleiten. Gönnen Sie uns alſo die verſpätete Freude gegen die Theezeit hin.
Wenn ich nur gleich hundert Dinge auf einmal ſagen könnte! Wie ſoll ich euch köſtlichen Menſchen für euere Herzen danken? Ihr müßt eben mit meinem einzigen vorlieb nehmen. — Für deine gute Mutter ließ ich einen Aufſatz abſchreiben, der in Heidelberg gezeugt und in Baireut geboren wurde, ſogleich als ich da angekommen war, und welcher im Sommer in einer Aufſatz -182 ſammlung der Spazier erſcheinen wird. Du kannſt ihn jeden leſen laſſen, der ihn nicht drucken läßt.
Dir ſchick’ ich einen andern mediziniſchen, den ich über meinen Körper an einen Berliner Freund und Arzt geſchrieben, weil ich mir eine größere Kälte geweißagt hatte als eintraf. Sorge dich aber nicht; meine halbe Arzeneikunde hilft mir mehr als ein ganzer Arzt. Was hilft mir indeß das längſte Leben? Mit den Jahren wachſen meine Exzerpte und Entwürfe und ich komme unter die Erde, eh’ ich ſie nur halb beſchrieben und ausgelacht. — Da die herrliche Ende — die dich, was kaum glaublich, beinahe ſo ſehr liebt wie ich und die noch dazu immer mit zwei Herzen zugleich liebt, mit ihrem und des Sohnes ſeinem — das Päckchen in den Himmel mitnimmt, in welchen ſie morgen fährt: ſo kann ich einigen Gönnerinnen meines Geburttages nicht ſchriftlich danken, wie ich wol anfangs gewollt; weiſſage alſo meinen Dank der trefflichen ſeltenen Bürgermeiſterin — der geſchickten Tiedemann und der kunſtreichen Harscher, deren Bitte ich auf eine beſſere Art als ſie will erfüllen werde — der Morgennachtigall Schwarz — der ſchönaugigen Hegel et Com - pagnie, welche letzte du, Alter, biſt — der herzvollen Dapping — und dem Dichter Schuhmacher, der in ſchalkhaften naiven Gedichten zumal bei ſolcher Herrſchaft über den Versbau ein Meiſter werden kann und häufig iſt. Euere Pathengeſchenke, ihr gar zu Guten, kamen gerade an meinem Tauftage (den 22ten) an. Kurz ich hatte mein Vorfeſt der künftigen Heidelberger Feiertage. — Mein Monplaisir und Sans-Souci in Heidelberg will ich mir im Gaſthofe an deiner Hand auswählen, wenn ich darf. Iſt das Gartenſtübchen von Paulus im Hauſe oder wirklich im Garten? — Grüße mir recht warm meine Sophie*)Apropos! grüße ſie mir doch noch einmal. #)Das dritte mal kann auch nicht ſchaden. und ihre Mutter und den Vater. — Erſchrick nicht, du Hülfreicher, über das lange Druckfehler-Verzeichnis, das ſogar durch ein doppeltes Augenpaar der Liebe nicht dem Buche zu erſparen geweſen bei der Unleſerlichkeit und häufigen Fehler - haftigkeit des Manuſkriptes. Aber deſto wichtiger iſts, daß Engel - mann mir die übrigen Aushängebogen — vom 11ten des 2ten Theils an, und vom 6ten des dritten — übermacht. — Gerade 3 Wochen ſchönes Wetter kommt mit heute.
183— Und ſo lebe denn wol, du lieber Geliebter! Morgen hab ich gewiß einen Brief von dir in der Hand. Der ehrwürdige Vater mit der Mutter ſei noch beſonders gegrüßt.
Dein J. P. F. Richter
empfangen hier die verſprochene Lady’s pen, welche als das Geſchenk von einer Dame an eine Dame durch die zweite Hand erſt etwas geworden. Sie wird viele ſchöne Stunden austheilen und mancher Leſerin Flügel geben, da Sie in Ihren Briefen nichts zu ſchreiben haben und ſuchen können als etwas Angenehmes.
Baireut d. 2. Apr. 1818Mit größter Verehrung Ihrer Exzellenz ergebenſter Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, mein Emanuel! Wie froh bin ich, daß endlich Feiertage Ihnen an der Laſt der Arbeittage werden tragen helfen! — Beide Briefe hatte Otto ſchon. — Vor 8 Tagen ſagte ich der Ende: drei Wochen lang bekommen [wir] im veränderlichen April ſchönes Wetter! Und ſehe täglich, wie Recht ich gehabt.
Guten Morgen, Meiner mit! Ich habe Sie heute ſchon mit Briefen — verfehlt. — Die Note im R [eichs] Anzeiger würd’ ich für Spott halten, wenn ſie nicht vielleicht das Komiſch-Klingende des Namens meint, weßwegen ich ihn auch wirklich gewählt. — Die Handzeichnungen ſind gut und wahr, weil ich einige früher ſo machen hören.
Erfahren lehrt Fahren.
Baireut d. 11 Apr. 1818Dieſe Zeilen mögen Sie erinnern an Jean Paul Fr. Richter
Feuer im Herzen bringt Rauch in Kopf.
Baireut d. 11 Apr. 1818Dieſe Zeilen mögen Sie erinnern an IhrenDr. Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, Emanuel! Ich freue mich auf Ihr herzliches Lachen über den Spitzbuben Voß, deſſen Spottbrief über eine lange fünfzigjährige Jungfer ich wieder beilege.
Glänzend iſt dein Parodierbrief auf der äſthetiſchen Seite; etwas anlaufen möcht’ er aber auf der moraliſchen.
— erhalten die Kopie der Nachricht von dem verzögerten Bezahlen der Penſion. Sie errathen leicht, daß dieſes mich, da ich deren Er - hebung durch mehre kaufmänniſche Hände gehen laſſe, bei der Pünkt - lichkeit der Kaufleute in einige Verlegenheit ſetzen müſſen, zumal bei einer ſo großen Unbeſtimmtheit des Zahltermins. Der Dank, den ich Ihnen ſeit ſo vielen Jahren für Ihre Theilnahme an meinen Intereſſen ſchuldig bin, wird das Vertrauen rechtfertigen, womit ich mich mit der Bitte an Sie wende, die Bezahlung noch vor der letzten Woche dieſes Monats zu verfügen.
Seine mannigfachen Kenntniſſe — zumal in einer ſolchen kör - perlichen Einkleidung der Noth — verdienen wol die Belohnung durch die kleine Stelle, die er ſucht. — Er Flügelmann der Dekane.
Zur Antwort auf .. gehört ein Buch; und ich habe nicht einmal Zeit zu Briefen. Den Geſchmack des Publikums lernen Sie bei Bücherverleihern und Rezenſenten kennen; — den guten bei den Muſtern aller Völker; — und die Mittel, ihn zu befriedigen, muß die eigne Begeiſterung darreichen. In Ihren Briefen find’ ich Phantaſie, Witz und Kenntniſſe. Ahmen Sie damit allen Muſtern nach, nur keinem einzigen allein — mich ohnehin am wenigſten — ſo wird es Ihnen gelingen.
Zuerſt das längere Lob und dann der kürzere Tadel! — Die Kro - kodilleier haben mich faſt meiſtens durch Wahrheit, Gemüth, Phantaſie, Fülle und Hülle erfreuet, und ich könnte mehre beſonders auszeichnen als blos: 22. 20. 18. 34. 46. 55. 56. 78. ꝛc. Auch die Nebenblätter ſchließen würdig die Reihe. Den Streckverſen fehlt etwas Klang. Nachahmerei habe ich wenig gefunden, Anſichten und Bilder gehören dem Verfaſſer.
Dieſes Blatt iſt leider keines an den Verfaſſer der Urgeſchichte, ſondern an den Abfaſſer der Finanzverordnungen. Und in die Finanzkammer bin ich auch mit meiner Penſion eingepfarrt .... Bisher mußte der Gehalt erſt eine Reiſe um das halbe Land machen nach Frankfurt an einen Kaufmann und dann in Briefe verwandelt wieder an einen hieſigen. Kurz ich erhielt ihn erſt durch ſo viele186 Hände wie die Wahrheit erſt durch viele Köpfe. — Bei der dieß - jährigen Penſion hat ſich gar der Zahlmeiſter ſelber ein Indult ausgefertigt und ich warte noch heute auf deſſen Ablauf. Emanuel zieht Ihnen nun meine Bitte durch ſeine Verſicherung zu, daß Sie ſie am beſten erfüllen könnten und wollten. Geben Sie ihm Recht! — Jetzo eben mit dem Regen werd’ ich daran erinnert, daß ich mir vielleicht um Sie und andere in München — welche aus Mangel eines guten Wetterpropheten den reichen Verſprechungen des Frühlings zu mistrauen anfangen — ein kleines Verdienſt erwerbe, wenn ich Sie verſichere, daß Juny, July ſchön bis zur Gluth und Dürre ausfallen werden. — Laſſen Sie ja der Clio, die Ihnen eine ſo reichliche Morgengabe eingebracht, ſich nicht durch den Finanz - merkur untreu machen ... N. S. Kommt (Cloeter) zu Ihnen: ſo wird er, ungewohnt und unkundig der juriſtiſchen Wendeltreppen, Ihnen ſeine Jammergeſchichte erzählen. Möchten Sie ſie endigen helfen.
Endlich werd’ ich die Freude haben, Sie nach einer ſo langen an Himmeln und Höllen fruchtbaren Vergangenheit wiederzuſehen und zwar in ſchönſter Gegend ꝛc. Mein Reiſen bedeutet wie das Fliegen der Fledermäuſe, allzeit ſchönes Wetter. Vielleicht mach’ ich Ihnen — und dem ganzen corps diplomatique, das in die Bäder geht — durch die gewiſſe Nachricht eine Freude, daß die beiden Monate ꝛc. ꝛc. — Ich freue mich auf das Wiederſehen und Wiederhören eines Mannes, der mir durch älteſte und neueſte Vergangenheit ſo werth und bedeutend geworden. Aber eben darum wünſcht’ ich — da die Heilbäder gleich den Blutbädern des Kriegs immer die Geſandten entfernen — nur 3 Worte von Ihnen (wenn Sie für mich ſo viele vom wortreichen Bundestag übrigbehalten), welche mir Ihre Gegenwart verſprechen.
Guten Morgen, lieber Otto! Das Ausziehen — für mich ein [e] Folter-Terrizion, und wenn es eines aus Aegypten wäre — hat187 zuweilen das Gute, daß man manches findet. Ich ſoll von der Har - monie die Nemeſis von Luden, das 2te Heft des 11ten Bandes haben. Wenn ich meine Bibliothek bei meiner Rückkehr einmal ordne — ein neues Büchergeſtell paßt ſchon ¼ Jahr darauf — ſo werd’ ich das Heft wol finden. Aber vielleicht haſt und findeſt du es. — Eine neue Wohnung verjüngt am beſten; deine thu’ es auch.
Verzeihen Sie, daß ich meine Bitte um einen neuen Paß mit einem abgenützten begleite, um mir durch dieſen die perſönliche Sitzung zu erſparen, da der alte nur in einem Punkte irrend mir ſchon graue Haare gab und ſo der Zeit vorgriff. Den neuen bitt’ ich Sie auf meine Reiſe nach Frankfurt am Main, auf dem ge - wöhnlichen Weg über Bamberg ꝛc. zu ſtellen und mir ihn wo möglich bis Montag [25. Mai] Morgen ausfertigen zu laſſen.
Meine geliebte Karoline! Ich gehe lieber heute weder zu Roten - hahn, noch zu Hake, noch zu Kunz, damit ich dir nur ſchreibe. Zehn - mal mehr hab’ ich heute an dich gedacht als du an mich, und zwar darum, weil die Zeit unterwegs ſich mehr zertheilt und ein durch - reiſeter Vormittag zehnmal länger iſt als ein einheimiſcher. — Zu Hauſe glaubt man bei der Freude über eine Wieſe an Wunder - thaten mehrer Wieſen hinter einander. Es iſt nichts. Unterwegs wird man kälter und fodernder. Die ſchönſte Ausſicht war mir Nachmittags in deine Stube neben unſern Kindern. O du Liebe! Du haſt doch das Unſrige neben dir, ich aber jetzt nichts als den Gedanken des Schreibens. Aber morgen wird dein Auge und Herz mich immer umſchweben und mich an einen Tag erinnern, der heute mir noch heiliger geweſen als bei ſeiner Erſtgeburt. Sei froh und hoffend, wie ich, ſo brauchen wir beide nichts weiter. — Ihr Kinder, wollt ihr eurem Vater in der Ferne aus Sehnſucht eine Freude188 machen, ſo macht der Mutter eine: da wird euch der Vater recht lieben.
Meine geliebte Karoline! Eben um Viertel auf 9 Uhr ſteig ich aus und ſetze mich wieder nieder, um dir nur zu ſchreiben, daß ich geſund angekommen. Morgen in Frankfurt ſchreib ich mehr. Jetzo hab ich zweimal hinter einander täglich 18 Stunden gemacht. In meinen Jahren bekommt man doch eine ſolche Kutſcheneinſamkeit ſatt. Künftig reiſ’ ich weniger allein oder doch weniger weit. Hätte mein Kutſcher nur das halbe Feuer ſeines Pferds: ich wäre froh geweſen. Noch nie hat er bei allen Gaben von Wein, Schinken, Gebacknem, oder bei Bezahlen ſeiner Rechnung nur geliſpelt: ich danke. Bis jetzt hat er noch nicht geſagt: guten Morgen! Und er hat nur noch morgen dazu übrig; wo ich dirs melden würde mit umgehender Poſt, wenn ers thäte. — Vielleicht hab’ ich unſern geſtrigen heiligen Tag mit einer heilbringenden Handlung geſchloſſen oder geweiht. Ich war nämlich in Würzburg — wegen der Ver - ſetzung meiner Penſion — bei dem Finanzdirektor von Hornberg, ſprach aber kein Wort von der Verſetzung. Denn er hat eine ſchwindſüchtige Tochter von 16 Jahren, die der Hausarzt aufgibt. Ich ſchlug dieſem, der an den Magnetiſmus nicht glaubt, den letzten als den einzigen Nothanker vor. Es wird mir das Erzählen zu lange. Kurz mit ſeiner Einwilligung magnetiſiert ich die Tochter im Bette und erweckte ſie zu einem feſten — Schlafe. Jetzt wird ein anderer Arzt, ein trefflicher Jüngling, der auch in Berlin bei Wolfart ge - lernt, zum Magnetiſieren angeſtellt, und er kam deßwegen noch ſpät abends zu mir. Ich habe der guten Mutter wenigſtens voreilige Thränen genommen.
Ohne Magnetiſmus muß die Tochter ſterben; ihr Geſicht iſt ſchon ein weißes Marmorbild auf einem Grabſtein.
Heute mußt du meinen vorgeſtrigen Brief aus Bamberg erhalten haben. Dieſen geb’ ich der freundlichen Wirthin zur Beſorgung auf die Poſt. Eine Ehefrau thut gern einer andern Ehefrau in der Ferne etwas zu Gefallen und denkt: dieß wäre mein Mann.
189Mein einziger Troſt geſtern war, da ich nichts mit meinen Armen an mich zu drücken hatte, als die dummen leeren Arme ſelber, der war, daß du gewiß irgend eine kleine Freude dir und den Kindern gemacht, um an dem Tage der kleinen Trennung dich an den Tag der ewigen Verbindung zu erinnern. Ich habe wehmüthig an dich gedacht; und ich hätt es gern gehabt, wenn hinter mir Berge ge - weſen wären, die immer ſo ſchön erinnern. Lebe wol, meine Ge - liebteſte! Und alle meine Kinder küßt meine Seele. Hätt ich doch von den 6 oder 8 Augen ein einziges hier!
Emanuel ſei gegrüßt vor der Hand.
Richter
Meine gute Karoline! Heute bekam ich ſchon deinen Mittwochs Brief. Du wirſt meinen Bamberger und meinen Aſchaffenburger auch haben. Geſtern Mittags kam ich unter dem kälteſten Wolken - wetter in der großen prächtigen Stadt an. Der ihm ähnliche Kutſcher hat mich ordentlich auf einige Tage erkältet. Ich wohne im größten Gaſthofe (zum weiſſen Schwan) drei Stockwerke oder 6 lange Treppen hoch, weil ich mit meinem Einſpänner nicht Glanz genug warf; es iſt ordentlich eine kleine Stadt, die Mittagtafel mit 40 Menſchen beſetzt; mir aber gar nicht gemüthlich. Das Mittageſſen 1 fl., der Lehnbediente täglich 1 rtl., 1 Tag Wohnung 1 fl., die Maß Porterbier 24 kr. — Heute wollt’ ich zu einem Schneider ziehen, was aber bei ihm nicht ging. Jetzo, da einige meinen Namen wiſſen, ſorgt alles für eine Wohnung, und ich werde wol eine nehmen müſſen, die man mir umſonſt gibt. Geſtern war ich bei dem noch immer alten jugendlichen Wangenheim zu Thée und Eſſen und wurde in ſeinem Wagen nach Hauſe gebracht, weil er ſo weit abwohnt. Heute abends iſts derſelbe Fall. Nun wird mich das Gewühl drücken, wie anfangs die Einſamkeit. Ich wollte, ich ſäße bald wieder bequem neben den Vogeleiern. Eine große Stadt erſchwert den Genuß oder Beſuch der Menſchen und Gegenden zu ſehr. Unter Wegs hab ich am rechten Ohre eine ganze graue Locke bekommen und am linken grauet es auch. Nicht dem mich mehr als190 ſich bekümmernden Kutſcher, ſondern der Kälte oder auch der Mütze verdank’ ich dieſen Naturpuder. — Sollte mir auf meiner Reiſe einmal dicker Rahm vorkommen oder erträglicher Kaffee, will ich dirs ſogleich melden. — Die Theuerung treibt mich ſchon nach 14 Tagen fort. — Die Adreſſe an mich bleibt vor der Hand dieſelbe. — Auf deine Geſundheit wurde bei Wangenheim getrunken und die Frau erinnerte ſich deiner liebend. — Max ſoll nur in den Prima - ner - und Kreuzerklub eintreten und zeigen, daß er etwas iſt. — Ich hätte dir geſtern durch den Kutſcher geſchrieben, wenn das lebhafte feurige Schaf nicht zu bald fortgeritten wäre. — Jetzt wäre die rechte Zeit, wo ich meinen alten blauen Pelz wieder nützen könnte. Schreibe mir euer Wetter. —
— — Wieder geſtört, obwol durch Quartiermeiſter! —
Sei nur recht froh! Die Stelle in deinem Briefe, wo du von alten mir verborgnen Schmerzen ſprachſt, that mir ſehr wehe. Könnt’ ich nur ſolche Täuſchungen verhüten! Ich bin ja nicht blos der Alte, ſondern der noch Beſſere! Halte dich ewig an dieſes Wort feſt. Leb wol!
R.
Die gute Odilie ſoll ja recht Acht geben. —
Briefe ohne bedeutenden Inhalt ſende mir nicht, ſondern nur deren Extrakt.
Meine gute Sophie! Nun brauch ich nur noch einen Schritt von 6 Meilen zu meiner Frühlingfreude. Wie viele himmliſche Stunden werden in der erſten Minute ſtecken, die ich mir verewigen will, damit ſie immer friſch bleibt! — Es verlohnt jetzo kaum der Mühe, daß ich nur ein vernünftiges Wort oder ein freudiges ſage; das Wiederſehen ſteht ja ſo nahe.
Mit eigner Freude fand ich Ihren Brief von anno 11 wieder, zu welchem Sie die Hand und Ihre geliebte Mutter die Gedanken geliehen und worin dieſe ihrer theuerſten Tochter mit ſchönem Lobe gedachte. — Sie haben bisher ſo lange geſchwiegen, daß es wol gut wäre, wenn Sie ſprächen, eh’ ich Sie hörte, und alſo nach Frankfurt ſchrieben.
191Sie thäten meiner Seele damit wol und beſſer als ſie es bisher durch ihr äußerliches Schweigen verdiente. Ihre geliebte Mutter ſei recht gegrüßt und Ihren kräftigen Vater grüßt noch mit mir der Senator Schmidt aus Bremen.
Lebe wol, meine Sophie! Richter
Mein guter Heinrich! Nur eine Tagreiſe trennt uns ſeit vorgeſtern noch, und eine Zeit von zwei Wochen. Alle meine Prophezeiungen des ſchönſten Himmels treffen ein und er wird ſich erſt trüben, wenn ich euch verlaſſen habe. Haſt du mir während meiner Reiſe geſchrie - ben, ſo bekommſt du die Antwort mündlich. An mich adreſſiere: abzugeben bei Herrn Buchhändler Wenner in Frankfurt in der Münzgaſſe, der mit ſeiner trefflichen Frau mir erſt das weite Frankfurt gemüthlich macht. Dieſer Brief ſoll weiter nichts ſein als eine Adreßkarte. Dir jetzo in dieſer Nähe einen ordentlichen Brief zu ſchreiben, wäre mir eben ſo unmöglich als es auf deinem Schreibtiſch zu thun deinem Auge gegenüber. —
Schreibe mir ja bald, wenn auch wenig. Du wareſt ſo lange ſtumm.
Um dem Zeitverluſt einer Hin - und Her-Fahrt zu entgehen, reiſ ich erſt aus der Glanzſtadt zu euch und dann nach Hauſe, ein Bischen Manheim ausgenommen, das dazwiſchen kommt. — Der Himmel gebe, daß ich euch nicht nur alle geſund, ſondern auch Schelvers Hellſeher noch krank finde, um ihn zu hören. — Am Ende bleib’ ich wenig über 8 Tage hier von heute an. — Fängt freilich das Ge - dränge der Bekanntſchaften erſt an: wird es ſchwer werden, ſchnell durchzukommen. — Grüße alle meine Liebenden und deine geliebten Eltern zuerſt.
Dein Richter
Über die Bezahlung der Penſion ſtatt aus der Aſchaffenburger Kaſſe in die Baireuter. Grüße an die mitleidige Gemahlin und an die leidende Tochter.
Meine Karoline! Jetzo geht es ganz anders. Am Sonntag zog ich, weil ein Bekannter Jungs mich erkannte, auf deſſen Einladung in das Haus des reichen Buchhändler Wenners. Hier iſt nun an kein Zahlen zu denken; mit Mühe hab’ ich das Bezahlen des Biers und Weins durchgeſetzt. Seine kränkliche, nicht ſchöne, aber edle beſcheidne kinderloſe Frau — eine Zeichnerin 〈 auch Sängerin 〉 —, die mit ihm deßhalb in Rom war — meine wärmſte Leſerin — hat bis auf die kleinſten Bequemlichkeiten herab geſorgt. *)Eben find ich unvermuthet einen Baro - und Thermometer in meiner Schlaf - ſtube hängen, blos weil ich geſtern mich über dem Eſſen ſcherzhaft wunderte, daß er keinen im Hauſe habe.Drei herr - liche Zimmer hinter einander — meine beſondere Treppe zum Aus - gange und doch den geraden Übergang in die Zimmer des andern Flügels — neben dem Schreibkanapée die Klingel für den Bedienten — ſogar Wachslichter und ſilberne Leuchter — die freieſte Einſam - keit — Sie weinte vor Freude, daß ich einzog; und er hat viel Ge - fälliges und Gutes und immer That ohne viel Worte und im Geſicht Aehnlichkeit mit Göthe. — Der liberale Wangenheim entführt mich jeden Nachmittag und Abend entweder zu ſich oder zu andern. Der bremiſche Senator Schmidt war mittags im ſchönen Forſthaus (ein Luſtort) und abends in ſeinem Hauſe mein Wirth. Aber die Bildergallerie der Tiſche und der Legazionräthe und Bundes - Abgeſandten**)Jetzo freilich beſteht die ganze Zahl in einigen wenigen erſt; und von den Frankfurtern ſelber erwart’ ich nichts. erlaſſe mir, bis ich ſtatt der Feder einen Mund dazu nehme. Da kam auch die Himly und ihr Mann zum Thee, welche nach dir nicht genug fragen konnte. Du haſt dein Geſicht beſſer und jünger bewahrt als ſie ihres.
193Hehndrich mit ſeiner Frau (die franzöſiſche Erzieherin) ſprach ich geſtern, die ihm zwei Kinder gegeben. Das achtjährige Mädchen iſt ſehr lieblich. Du wirſt ſehr von ihnen gegrüßt. Auf deine Ge - ſundheit wurde geſtern im Luſtdorfe Bornheim mehr male getrunken. — Der Erzieher Engelmann iſt um ſeine von dir aus dem Waſſer gezogne Wallenfels (dieſen Umſtand wußt’ er) ſehr bekümmert, weil er vom unſittlichen Beiſpiele der Mutter gehört. Kannſt du mir und ihm es nicht widerlegen? —
Meine Adreſſe mache: abzugeben bei Herrn Buchhändler Wenner in der Münzgaſſe.
So viele ja noch mehre ſchöne weibliche Geſichter es in Mainz gibt, ſo viele häßliche und zwar recht breithäßliche gibt es hier. Doch ſind mir fünf oder ſieben auf den Gaſſen aufgeſtoßen, welche etwa von weitem ſich ziemlich mit unſerer Eliſabet meſſen dürften. — Jede Klavier -, Zeichnen - ꝛc. ꝛc. Stunde für Kinder koſtet 1 fl. 6 kr. ; Wangenheims bel Etage über 4000 fl. Miethe. — Die innere Pracht der Zimmer übertrifft jede baireuter; ſo wie die äußere der großen Häuſer. Ich habe nicht das Herz, in die großen Kaufhallen zu gehen und da etwa für einige Batzen etwas zu kaufen. — Frage doch Otto, wie mich die Mauth auf der Gränze (auf dem Wege über Anſpach) behandeln wird, wenn ich etwas, z. B. deine verlang - ten Meſſer im Koffer habe. — So ſehr hang’ ich an meinem Häus - lichen, daß ich ordentlich den Alert, den ich in die Kur gegeben, mitten unter allen Genüßen vermiſſe. — Betty Gleim will uns gewiß in Baireut beſuchen. — Morgen muß ich Briefe von dir haben; du aber von mir ſchon drei außer dieſem.
Heute kam der ſo ſehnlich erwartete Brief, aber dein Rückfall in deine mich folternden Zweifel und in allerlei Härten hat meinen Nachmittag bewölkt. Ich wollte noch viel ſchreiben, aber ich muß warten, bis ein zweiter Brief mich wieder erheitert. So gar glücklich bin ich überhaupt nicht; und meine herrliche Wohnung iſt mir am Ende das Liebſte. — Nach Heidelberg ſchrieb ich erſt Sonntags. — Veranſtalte, daß der Ofen neu gemacht wird. Ich weiß nicht, wie ich etwas zu den Stubendielen geben ſoll. Daß nur meine Repoſi - torien, wenn nicht unverrückt, doch ungeändert bleiben. — Dein13 Jean Paul Briefe. VII. 194Vater vergißt, daß er ja eine Frau hat und du Kinder und Mann. — Ich hatte heute viel ſchreiben wollen. Aber ich kann es in dieſer Woche nur thun, wenn dein neueſter Brief kommt. — Thieriot kommt nicht hieher und ich nicht hin, obgleich der über alles gütige und brüderliche Wangenheim ſelber mich nach Mainz bringen wollte. Sei wie du in den letzten Tagen meiner Abreiſe warſt; weiter kann ich dir nichts wünſchen und — mir!
R.
Odilie ſoll ja die Vögel von Erſchütterung und lauten Schlägen entfernen. Mit Schubert bin ich zufrieden.
Dem Kutſcher ließ ich durch einen Kellner 5 fl. zuſtellen; laß ihn doch fragen, wie viel er bekommen.
Guten Morgen, mein Heinrich! Geſtern abends erhielt ich deinen zweiten Brief. Iſts nicht ſchön, daß wir uns über die Chauſſee hinüber einen guten Morgen zurufen können? Deinen Brief kann ich aus Baireut erſt morgen bekommen; und dann werd’ ich dir mit der Antwort auf ihn noch die Antwort auf deine nächſten künftigen und zugleich auf deine Frage geben können: wann ich hier abreiſe. Den erſten Nachmittag geh ich nur bis Darmstadt, um mir die Bergſtraße für den Vormittag aufzuheben, wo ich ſtets die Natur träumeriſcher und poetiſcher genieße und eintrinke. Gern will ich dir, Lieber, die Zeit der Ankunft bezeichnen, wenn du mich mit nichts zu überraſchen verſprichſt als etwa — mit dir und — Sophie, was freilich köſtlich wäre. Auf allen meinen Spaziergängen ſehe ich mich nach der Bergſtraße um, an deſſen [!] Fuße mein gelobtes Land liegt. — Wangenheim grüßt dich herzlich. Deine Mutter verehrt er. — Nach Manheim geh ich auf keine Weiſe anders als am Sonn - abend, auch ſchon der Oper wegen. — Dir und deinem H. Vater (wenn ers leſen will) bring ich eine ſchon kopierte 60 Seiten lange Abhandlung über die Doppelwörter (Sammwörter) mit, welche dann ans Morgenblatt abgeht. — Das corps diplomatique iſt hier mein esprit de corps, nämlich des ſonſt todten merkantiliſchen corps. Wangenheim iſt mein frankfurter Heinrich Voß und hilft195 mir überall. — Engelmann muß durchaus in den 14 Tagen meines Dortſeins mein Buch vollenden, wenn ich ihm die bisherigen Folter - ſpannungen verzeihen ſoll; denn ich will die Freiexemplare ſelber mitnehmen, und muß auch die Bogenzahl wiſſen, weil der Verleger mit der Zahlung mich in Baireut beſuchen will. So lebe wol, Getreuer! Grüße Vater und Mutter! Und meine Sophie und die ihrigen!
Richter
Auch ihr werd’ ich noch einmal ſchreiben; und ſie ſolls vorher auch noch einmal. Wenner und ſeine Frau ſind zwei edle Menſchen, deren Gaſt man freudig iſt.
Meine Koroline! Dein guter (geſtriger) Brief hat viel vom vorigen ausgelöſcht. Wie konnteſt du aber am Sonntage von Aschaffenburg einen Brief erwarten, da ich erſt gegen 8 Uhr Donnerſtags da ankommen und er alſo erſt Freitags abgehen konnte? Des Briefs wegen hab ich daher auch den geheimen Rath Vogt nicht beſucht. Berechne nur immer die Poſt-Möglichkeiten, ehe du Unmöglichkeiten erwarteſt oder fürchteſt. — Laſſe mich alles durch - einander ſchreiben, da ich zumal hier noch weniger freie Zeit habe als ſonſt in Heidelberg; denn die Beſuche der großen Stadt, die Beſuche außer ihr nehmen immer halbe Tage weg. —
Jetzo fängt ſchon die Menſchenmaſſe — ſo wie außen die Gluth — drückend zu werden an. Geſtern war ich mit Wangenheim in Wilhelmsbad, 4 Stunden von hier, der meklenburgiſche Geſandte v. Plessen brachte mich zurück. Seine ältliche Frau ſo wie die des bremiſchen und meine herrliche Wirthin ſind deiner Freundſchaft werth. Mein Wirths Paar iſt ein edles Menſchen-Paar und ich freue mich am meiſten auf den Morgen, wo ich beide auf einige Augenblicke ruhig ſehe. Mir und ihnen iſts lieb, wenn ich ſie einmal mit einem Mittag - oder Abendeſſen freihalte, d. h. eines zu mir nehme; und ſchon 2 Tage hab’ ichs gethan und mich bei ihnen zu Hauſe gehalten; nur verderben ſie dann wieder die ſchöne Einſamkeit, daß ſie immer neues Volk zum Eſſen bitten, wenn ich ihr am Morgen13*196das Daſpeiſen zuſage. Für die kleinſte Sache um mich her iſt geſorgt. Im Heidelberger Gaſthofe muß ich das Glück dieſes Familienlebens vermiſſen. Bis jetzo hab ich nur Matronen geſprochen und verehrt, zwei alte Jungfern, die reichen Servière ausgenommen, wovon die humoriſtiſche (Göthens frühere Liebſchaft) mich heute auf Morgen zu Brentano und ſeiner Frau (eine reichſte Birkenstock aus Wien) zum Eſſen eingeladen. Alles iſt geſtrige Bekanntſchaft. Die bishe - rigen Eſſereien und Thées erlaſſe mir ja, bitt ich dich. — Der köſtliche Wangenheim iſt mein hieſiger Heinrich Voß und hilft mir überall zurecht. — Ohne den Bundes Tag mögt’ ich das Handels Frankfurt nicht geſehen haben. Deſto ergiebiger an vielgewandten Geſprä - chen iſt das Zuſammenſein und Zuſammenreden mit ſo vielen Gebil - deten aus allen Reichs Ecken. — Unterwegs fehlte mir nichts als Mangel an Katzenjammer und an Durchfall und an Nervenbeben; aber hier iſt alles hergeſtellt und mein Hunger unendlich. — Den himmliſchen Himmel und Erdboden genießt man aber doch nicht recht, da ich keinen Garten außerhalb der breiten Stadt beſuchen kann. Dumm iſts, daß der Menſch ſich nach dem Widerſprechenden ſehnt, nach dem Hausweſen, das ohne die Reiſe weniger glänzte, und doch wieder nach dem Glanzweſen. Euch Geliebten ſelber hab ich doch wenigſtens in der Seele bei mir. Ich muß mir immer fort vorhalten, Baireut behältſt du lange genug; und Frankfurt, das dich auf dem Wege daher ſo viel koſtet, nur kurze Zeit. Du ſollteſt mir alſo wol eine längere gönnen und mir nicht die Verkürzung anrathen. Ich komme ohnehin nie mehr wieder hieher. Und doch wünſch’ ich mich ſchon der Arbeiten wegen ins ſtille Zimmerchen zurück. Hier iſt wenig zu thun. So froh am Morgen, ſo verdrüßlich in der Nacht bin ich, weil ich vor 12 Uhr nicht ins Bett komme; und mir grauſet, wenn ich auf die lange Reihe von Thées in Heidel - berg hinblicke. Einmal abends wenigſtens muß ich in Heidelberg trinken bei 1) Voß 2) Paulus 3) Daub 4) Thibaut 5) Schelver 6) Hegel 7) Panatoli [!] 8) Dapping 9) Schwarz 10) Fries 11) Kreuzer 12) Thielemann 13) Tiedeman 14) Munke 15) Boiße - rée 16) Heinſe — Zweimal iſt ohnehin unmöglich. Dann rechne, daß ich ankommend 16 mal laufen muß aus Höflichkeit und abgehend auch 16 mal. Beim Henker, ich habe zu viel zu thun und mögte gern ein Bischen ruhen. So lächerlich dir es klingen mag, mich197 quält oft bei meiner Raſt-Sucht dieſe unerlaßliche Marſch-Pflicht. — Morgen bekomm ich gewiß wieder einen Brief von dir, der mir wol thun wird.
Wie oft dacht’ ich geſtern abends auf dem Waſſer unter dem Nachthimmel an dich und wünſchte, könnte doch meine Karoline dieſen Vorabend ihres Feſtes mit genießen. Und heute erwacht ich traurig, daß du Gute immer allein, nur mit den Kindern dein Leben feierſt. Aber glaube mir, ich brauche keine heiligen Feſttage des Lebens, um an dich und deine Liebe zu denken. Die Wäſchkommode, die ſorgfältig zubereiteten und eingewickelten Wäſchſtücke und ſogar die neuen Bändchen an den Hemden zeigen mir jeden Morgen die gute fromme Hand, die alles ſo liebend geordnet und mitgegeben. Mögen die lieben Kinder und meine Freunde dir mich erſetzen und deinen Tag verſchönern.
Jetzo will ich dir die geſtrige Überraſchung malen. Wenners fragten mich einige Tage vorher, ob es abends ſchön bliebe, damit man ein wenig auf dem Waſſer führe. Wir gingen um 6½ Uhr in ein großes Haus eines Verwandten, wo wir eine Menge junge Leute abholten, ein langer Zug von Anverwandten, Frauen, Jung - frauen, Kaufmanndienern, zwei Aerzten ꝛc. ꝛc. Über eine Stunde lang gingen wir durch herrliche Saaten — die Glanz-Stadt und den Main immer unten zur Linken — nach einem Dorfe Großrad, um einzuſteigen und vom hinabgehenden Main uns heimführen zu laſſen. Gegen 9 Uhr ruderte ſich endlich unſer Schiff (eigentlich war noch eines angemacht und ein Nachen dazu) am dunkeln Ufer herauf. Es war mit Epheuzweigen überlaubt — hängende Laternen — auf dem einen Nachen Proviant — auf dem andern Schiffe Muſik - anſtalten. Ich mußte mich mitten unter die Frauen ſetzen und erſt dann errieth ich die nähere Beziehung auf mich. Mit Einem Worte: das Heidelberg wiederholte ſich. Ein herrlicher Tenoriſt ſang wie ein Arion auf der Schiffſpitze — meine Hausfrau im andern Schiffe — Violinen — Guitarren — Wein — Eſſen — die Mondſichel neben dem Abendſtern — der Rheinbreite Main von der ſpäten Abendröthe nachſchillernd — Im Schiffe Pechfackeln, welche die Überlaubung zu einer Zauberwohnung erleuchteten — Allgemeiner Geſang —198 Nach 11 Uhr umkreiſete uns ein neues Schiff mit Lichtern, Flöten und Weibern und Jünglingen, das uns nachgezogen war und zum Plane des Feſtes gehörte — Ich konnte über den Mittelnachen 〈 Nebennachen 〉 doch die Hände hinüberreichen zum Drücken*)Komiſch genug und doch in der Freude verzeihlich bat man mich, mehr das Geſicht herauszuhalten, damit das neue Weiberſchiff mein mitſchiffendes Geſicht ſähe als eine neue Inſel. — Und ſo glitt es, mehr ſchwebend und ruhend, auf den Wellen der Stadt zu. Da ſah ich oft zu den Sternen hinauf und dankte Gott.
Die Muſiker und Menſchen unſeres Schiffs begleiteten uns bis in den Hof des Wennerschen Hauſes und ich bekam, nachdem ich ſchon Abſchied genommen, wieder ein geſungnes und geſpieltes Ständchen und mußte wieder hinunter, um neu zu danken und neu zu ſcheiden. Von einem Mädchen, das ich nicht kenne, bekam ich einen ſo herzlichen Kuß nach dem meinigen als ſei es meine Tochter. Nach 12½ Uhr war die ſchöne Geiſternacht vorüber. — Verzeih die wilde Schilderung, die eigentlich doch nur das halbe ſagt. Nun wirſt du begreifen, warum ich an deinen heutigen Tag dachte; und beinahe hätt’ ich etwas davon geſagt, wäre die Feiergeſellſchaft nicht zu groß geweſen. —
Die Weiber ſind hier mehr ausgebildet, als in Mainz. Meine neulichen Berichte der weiblichen Häßlichkeit beziehen ſich nur auf die untern, nicht auf die mittlern Klaſſen.
Der geiſtig und leiblich-fein gebildete und ſchön geformte Wenner — der keinen Zug von einem Buchhändler hat, auch keiner mehr iſt, aber ſehr reich; denn ſein Haus beſteht aus 2 aneinander gereiheten Häuſern — hatte mich zum ganzen mir zubereiteten Feſtabend nur ſo nebenher eingeladen.
Ich ſchmachte ſehr nach einem Blatte von dir und habe dich den ganzen Morgen im Sinne, zumal da mir in der Nacht geträumt, ich ſähe dich krank im Bette, was Gott verhüte. — Setze auf deine Briefe: Frankfurt am Main. — Auch frankiere ſie hieher, bis ich in Heidelberg bin, damit ich Wenner nicht etwa von dort aus zu be - zahlen brauche. Dieſe Woche bleib ich freilich noch hier, da ich zum Eſſen mit dem hieſigen Gelehrtenverein geladen bin, — und199 noch etwas darüber, da ich manche Beſuche ſchuldig bin. Schreibe ja bald, liebes Herz. Schreib’ ich doch ſogar Vormittags vor dem Arbeiten, weil mir die Nachmittage ſelten ſicher bleiben. — Da ich faſt nichts zu bezahlen brauche als Bier und Wein: ſo leb ich faſt wolfeiler als in Baireut. — Sei ſo gut und tauſche mein Rouleaux - Grün in Weiß um. — Geſtern war ich mit den Brentanos und Servière’s auf ihrem Landhaus. Der Frankfurter Reichthum und Zierde bewohnen dieſe Landhäuſer. Die Spaziergänge um die Stadt ſind ſchöner als die irgend einer andern; in der Ferne Bergreihen, in der Nähe den Main, gerade neben dir lange Gänge blos von Akazien, dann wieder blos von Roſen, dann blos von Jasmin; und hinter dir die Prachtſtadt, welche dir überall nur Palläſte zukehrt. Ganz glücklich wär’ ich, wenn mich mein dummes Sehnen nicht immer befiele und wenn ich euch hier hätte.
— Ich will jetzo ſchließen, ſollte auch nach einer Stunde dein Brief ankommen. Grüße die Ottos, die Emanuels, meinen Bruder und meine innigſt geliebten guten Kleinen. Und es gehe dir wol, geliebteſte Seele!
R.
Für die Muſikanten und für die Flaſchen — jene voll jugendlichen, dieſe voll alten Geiſt — dank’ ich Ihnen recht herzlich. Es iſt Güte und Schmeichelei für mich, daß Sie meine Wünſche nicht überhörten und vergaßen. Hätten Sie nur auch Wünſche! Vergeſſen würd’ ich ſie wenigſtens nicht, wenn ich ſie auch nicht erfüllen könnte!
Ihr ergebenſter Dr. Jean Paul Fr. Richter
Ich will jetzo aus meiner Morgenſtube in deine herrliche Dämmer - ſtube des letzten Abends hineinſchreiben. Meine Fata zu Waſſer200 und zu Land kannſt du aus dem Bericht an Karoline erfahren. Ich bringe blos einige andere nach, womit auch du die begierige Welt beſchenken kannſt.
Zu Wangenheim kam Schlegel — den ich, weil man bei der Vorſtellung dumpf hört und dumpf ſpricht — für den Auguſt Wil - helm nahm, zumal der Dicke wegen, und mit welchem ich zwar viel, aber nicht ſo freundſchaftlich ſprach, als die vorigen Ver - hältniſſe mit Friedrich fodern durften. Geſtern beſuchte mich der wahre, aber dünnere Wilhelm, und wir hatten eine ſo herrliche harmonierende Stunde, daß ich mich auf Heidelberg freue, wo ich ihn wieder treffe. Er ſprach ſogar von ſeinen zu jugendlichen An - ſichten meiner und anderer.
Ich bekannte ihm nun auch, daß ich ſeinen ſich beklagenden Bruder blos darum ſo miſerabel behandelt, weil ich ihn für den Auguſt Wilhelm gehalten. Du kannſt dir denken, daß artige Einkleidung hier nöthig war und auch nicht fehlte, zumal bei meiner bekannten Politeſſe.
Ich genöſſe hier ein Götterleben, gingen mir nicht immer ganze Arbeittage darauf, und hätt’ ich die Meinigen hier. Einmal nehm’ ich künftig lebendiges Sack und Pack mit und ſehe, wie es ſich dann leben läßt.
Das linke Rheinufer iſt wild über die Veränderungen.
Der Bundestag iſt in ſeinen vertraulichen Beſprechungen gerade am glänzendſten, muß aber ſeine Glanz - und Kraftſeite vor der Hand durch Verbergen aufopfern. Durch W [angenheim] kenn’ ich und ehr’ ich ihn beſſer.
Sage mir doch, wie viel ich für den neuen Heſperus, woran ich nur Sprachſachen beſſere, im Ganzen fodern ſoll, wenn du dich noch der Briefe Reimers erinnerſt.
Geſtern Abends fragte mich der baierſche Geſandte, bei deſſen Thee ich war, nach dir, oder vielmehr Georgius, und ſprach mit ſchönem Lobe von dir und deiner Finanzpandora. Er las uns auch Langens zweite ſatiriſche Reiſe mit vieler Luſt vor.
Lebe recht wol, mein guter Otto, grüße Amöne und ſchreibe mir.
R.
Mein geliebter Emanuel! Ich habe bisher natürlicher Weiſe immer an Sie und meine Frau zugleich geſchrieben. Sie kennen alſo das ſchöne Nachtfeſt auf dem Main. Aber beinahe hätt’ es mit Gräbern geſchloſſen. Das Schiff, das unſerem mit Flöten und Frauen nachgekommen war, fuhr vor uns in großer Weite voraus, und unter der Sachſenhäuſer Brücke lenkte der vom Lichte des Noten - pultes geblendete Schiffer falſch — es ſtieß an, Waſſer war im Schiff, die Lichter aus — und nur die Kaltblütigkeit der Weiber, die ſitzen blieben, rettete vor dem Umſchwanken, wodurch ſo viele herrliche Mädchen und Jünglinge ohne Rettung ertrunken wären. *)Die Männer ſprangen auf einen Brückenabſatz und hielten ſo ſich und Schiff feſt, bis Hülfe kam.In ihrer Todes Gefahr ſahen ſie fürchterlich oben unſer ſingendes und leuchtendes Schiff ziehen. Aber ich weiß ſchon voraus, daß Gott eine ſo große allgemeine Freude mit einem ſolchen Schmerze verſchont.
Geſtern war auf dem Forſthauſe das erſte große Eſſen des Ge - lehrtenvereines von mehr als 80 Menſchen, wo ich mich nach der Suppe und dem Rindfleiſche mußte anſingen laſſen von der Geſell - ſchaft, und von einem herrlichen Vorſänger ſammt Fortepiano, Pauken und Reſt. Das Gedicht an ſich, ohne Beziehung auf ſeine Wahrheit, iſt ſehr gut. Was noch vorging und welche Geſundheiten getrunken wurden — z. B. auf Preßfreiheit, deutſche Sprache**)Der tief ſinnige köſtliche deutſche Sprachgelehrte Radlof lebt hier als halber Bettler. Gott gab es mir ein, daß ich bei der Geſundheit „ auf deutſche Sprache “aufſtand und Radlof nannte und ſagte, wie er leben würde, wenn er auch nur wenig zu leben hätte. Heute ſchon wird durch Geſandte und Geſellſchaften für ſein Glück gebauet. Nun kennt ihn die Stadt. Geſehen hab’ ich ihn noch nicht. — und meine Antworten und die vortrefflichen Geſundheiten und Ant - worten Wangenheims, alles ſoll mündlich erzählt werden. — Wangenheim grüßte Sie ſchon längſt und erkennt Sie mit ſeinen hohen Jugendflammen, womit er dem diplomatiſchen Corps manche Haare verſengt, auf die ſchönſte richtigſte Weiſe. —
Das Unglück bei allen dieſen Überhäufungen mit Menſchen und Genüſſen iſt nur, daß ich gerne wieder in Ruhe und zu Hauſe ſein möchte unter den Meinigen. Ich fürchte mich jetzo ordentlich vor Heidelberg und deſſen Abend-Trink-Runds.
202Glauben Sie mir, man wird dieſes ſogenannte „ Verehren “doch ſatt und will zu Bette gehen. — Das weibliche Frankfurt iſt nicht kaufmänniſch, ſondern ſehr gut. Ich gewinne alles; Jünglinge und Männer drängen ſich an mein Herz, und die Weiblein heb’ ich Neſterweiſe aus.
Ich wollte nur, mein geliebter Emanuel, Ihnen ſchreiben, aber nichts erſchöpfen. Daher iſt der Brief ein Briefchen. Wol geh’ es meinem Geliebten, und ſeiner Geliebten und dem Kinde!
Richter
werden von mir, ob Sie mir gleich einen Paß für 4 Tagreiſen und auf ein ½ Jahr gegeben, doch mit Bitten beſchwert. Die gegen - wärtige, die ich Ihrer Gerechtigkeit und Ihrer Güte zugleich vorlege, iſt eigentlich die meines Bruders, des Unteraufſchlägers. Seit nämlich der Bierpfennig, deſſen Erhebung er ſeit 4 Jahren redlich verwaltet, in Keſſelgeld verwandelt worden: erging von der Regie - rung ein Reſkript an die Munizipalität, die fernere Erhebung ent - weder ihm oder dem Adminiſtrator Neubeck zu vertrauen. Wie ich nun von meinem Bruder höre, ſoll er mit ſeinem Vorrechte der frühern Verwaltung dem Adminiſtrator nachgeſetzt werden. Euer Exzellenz werden entſcheiden.
Mein Ausfliegen bedeutet, wie das Fliegen der Fledermäuſe, ſchönes Wetter; ſchon lange vor der Abreiſe verkündigte ich Ihrer Frau Gemahlin, daß die Monate Juny und July ſchön ſein würden bis zur Gluth und Dürre.
Aber einen noch ſchönern Himmel gab ſeit meiner Abreiſe unſer König dem Vaterlande durch die Verfaſſungs Urkunde; und ich wünſchte, Zeuge bei der Freude des Empfangs geweſen zu ſein.
Verzeihen Sie, daß ich ſogar in der Ferne das Vergnügen ſuche, Ihnen näher zu ſein durch Worte. Mit vollkommenſter Verehrung
Frankfurt am Main d. 12ten Jun. 1818Euer Exzellenz ergebenſter Dr. Jean Paul Fr. Richter
Meine geliebte Karoline! Dein Brief an deinem lieben Geburt - tage hat mich unter allen deinen Briefen am meiſten erfreuet. Hier ſiehſt du, wie ich immer an Baireut denke und ſchreibe, und ſogar Vormittags, weil mir ſelten ein Nachmittag gelaſſen wird. — Immer ketten mich, wenn ich [mich] auch auf Abreiſe vorbereite, neue Ein - ladungen wieder an, ſo z. B. die Eßladung des baierſchen Geſandten. — Ich kann dir nicht ſagen, wie ich mich wieder nach Hauſe ſehne. — Der Hofrath Jung, dein Liebhaber, iſt hier. Das beiliegende Gedicht, wovon ich noch 12 Exemplare habe, wurde in einem Eß - kongreß von 80 Menſchen mit vorgeſungen. Das Mehre ſieh in Emanuels Brief. — Meine Penſion iſt bezahlt worden. Haſt du ſie von Münch bekommen? Er muß dir aber gerade 250 fl. geben, denn die Proviſion (1 rtl. ) hatt’ er ſchon neulich abgezogen. — Sage mir doch, welche Muſikalien ich der Emma kaufen ſoll — dann was Odilien — dann was dem Max — ja was der Magd. Sitzt dieſe noch auf ihrem alten moraliſchen Dienſt-Thron? — Das Trankgeld hab ich dem Fuhrmann geben laſſen. Aber das Fuhrlohn von 18 fl. ſchicke lieber zu Schaller, mit welchem ich ja eigentlich kontrahiert habe. — Bei der Verrückung des Repoſitoriums bringt ja mein Wetterglas an einen ſichern Ort. — Nie hab’ ich einen ſo reizenden Junius erlebt. Aber ſo geſchmückt die Gegend iſt, kann ich alles doch nicht ſo wie in Baireut genießen, aus Mangel eines Garten am Morgen. — Den Brief an Welden gib meinem Bruder. — Odilie iſt doch wieder hergeſtellt? Die ungewöhnliche Witterung brütet Krankheiten aus, z. B. in Heidelberg bösartige Maſern. Im Falle jeder nur halb bedenklichen Krankheit rufe den Doktor, weil ich fehle. — Meinen dicken Brief mit dem Waſſerfeſte haſt du doch erhalten? — Du kannſt dir denken, liebes Weib, wie meinem Herzen und Auge mitten in der großen Geſellſchaft bei der 7ten Strophe des Jungiſchen Liedes war; und doch mußt’ ich Herr über die ſtärkſten Gefühle und Erinnerungen bleiben. —
N. S. Odilie ſoll mir über die Vögel ſchreiben.
Gibt es denn kein Mittel — keine Bitte — keinen Wunſch — keine Noth — keine Zauberformel — gar nichts, womit und damit mein Siebenkäs, an [dem] Sie länger druckten als ſeine Frau an ihm drückte, reiſefertig daſtände und einzupacken wäre, wenn ich in H [eidelberg] ſelber reiſefertig abgehe und einpacke? Jawol, ſogar 2 Mittel muß es geben, das erſte: Ihr Wort; das zweite Ihre Gattin, welche Ihnen jeden Morgen die Bitte wiederholen [ſoll], die meinige zu erfüllen.
Mad. Engel
Ich bitte Sie, bitten Sie — und hilft dieß nichts — grollen Sie, damit endlich das ſchleichende Werk ans Ziel geſchoben wird und ich in H [eidelberg] die Druckfehler ꝛc. ausfertigen kann. Leben Sie wol.
Der Ihrige
Deßgleichen auch der Ihrige, H. Engelmann; aber glauben Sie mir, unter allen Druckfehlern iſt der ſtärkſte und längſte das Drucke - fehlenlaſſen.
N. S. Schließlich bemerk’ ich noch, daß mein Aufenthalt in H [eidelberg], während welchem ich Sie den Siebenkäs auszu - drucken gebeten, nur 14 Tage dauert, aber ganz und gar nicht etwan eben ſo viel Jahre. Indeß Sie haben ja, dieß kann mich und Sie ermutigen, nicht einmal eben ſo viel Bogen drucken zu laſſen, da der dritte Theil ſchon am Ende ſteht und der 4te ſchon an der Mitte.
Mein guter Heinrich! Ich will vor der Hand nur ein Bischen ſchreiben, eh ich am rechten Tage dir auf dieſem Bogen Ankunft und alles melde. Die Frankfurterinnen und die Bundtagwerker um - ſpinnen mich immer von neuem mit ihren weichen Fäden, wenn ich205 auch noch ſo viele durchgebiſſen, um zu euch zu fliegen. Der Ge - lehrtenverein hat mich mit einem ſchönen Feſte und Gedichte (vom edlen Hofrath Jung aus Mainz) angeſungen. Ich will dir ein Exemplar ſchenken — und überhaupt viele Berichte von meinen hieſigen Freunden. Hier erſchöpfen die Nachtwachen der Freude ſchon meine Kräfte; wie ſoll ich damit bei euch auslangen? — Meine Frau kommt nicht zu euch, es iſt nicht zu machen, und damit begnügt ſich jeder. — Frankfurt iſt von Himmeln der Gegend umzogen; aber Nachts, wenn ich draußen zum träumeriſch faſt warmen Mond aufſehe, fährt eine ordentlich quälende Sehnſucht nach euch in mich. Der Anfang der künftigen Woche ſtillt ſie ſchon. — Den Scherzbrief an Engelmann lies und ſiegle und gib. — Ich habe die Nachtfreuden und Mittag - und Abendeſſen und Nachtwachen bis ein Uhr und die Lobreden ſo ſatt, daß ich lieber zu meiner theueren Familie um - kehrte, wenn ich nicht in Heidelberg innig geliebteſte Menſchen hätte, worunter freilich Heinrich und Sophie voranſtehen. Das Un - glück bei allem iſt nur, daß ich wieder von da aus nach Manheim muß; aber des Glücks dabei iſt doch wieder, daß ich da nicht länger bleibe als einen Sonnabend und Sonntag. — Wilhelm Schlegel kommt in der künftigen Woche auf 14 Tage zu euch. Er beſuchte mich und hat ſich aus der jugendlichen Zeit ſchön enthülſet.
Schon lange war es beſtimmt, daß ich den 15ten Mittags hier abreiſen und etwa in Auerbach übernachten und dann am Morgen darauf an eueren Herzen ankommen wollte. — Und dabei bleibt es jetzo aus einem neuen Grunde.
Nämlich die Herzogin von Kurland (ſchreibt mir die Ende), welche mich in Baireut ſehen wollte, kommt den 13ten oder 14ten in Heidelberg an, bleibt einen Tag und will ſogar im Karlsberg wohnen. Mach es ja, daß ſie auf irgendeine Weiſe meine Ankunft erfährt. Die Stunde werden die Heidelberger leichter berechnen als ich.
Und ſo lebe denn wol, Getreuer, Geliebter! Gegrüßt ſei das Haus.
Richter
Meine Sophie! Dienſtags drück’ ich dich an mein Herz. Gegrüßt ſeien deine Geliebten.
Richter
Verehrte Freundin! Ich bitte Sie um 6 Flaſchen von dem Weine, den Sie ſo gütig für mich verſch [r] ieben haben. ... Beinahe ſo weit war ich als Sie mitten in der Bitte ſie ſchon erhörten, Sie Gute! — Vor 4 Augen iſt ſchwer Briefe zu machen, die etwas Tieferes und Wärmeres ausſprechen ſollen als ein Paar Gedanken. Gott ſegne Sie und Ihre innigſt geliebte Tochter für alles.
Ihr Richter
Die erſten Zeilen, die ich auf dem alten Schreibberge ſchreibe, ſind an dich, liebe Karoline. Montags Mittags reiſete ich ab, Dienſtags Mittags kam ich an. Mein treuer Voß war mir 2 Stunden ent - gegen gegangen. Die Herzogin fand ich nicht mehr. Bei Voß mußt’ ich Mittags eſſen; auf ein Paar Stunden war ich mit ihm bei Paulus, aß aber zu Hauſe nur eine Suppe. Ich bin hier nicht halb ſo froh als früher, aus vielen Gründen. Die guten Menſchen ſind noch die Alten; aber das Neue kann nicht zweimal kommen; und manche alte fehlen auch, die Ende, die Piatoli, Sophie D [apping], die Hegel, auch die Tochter der Koch, bei der ich zwar ſehr gut, doch nicht ganz ſo herrlich wie in Frankfurt wohne. Das Familienleben fehlt mir auch im prächtigen Gaſthofe. Geſtern gab der Mann (den der Schlag getroffen und der mich eben ſo ehrt wie ſie) mir und einigen Profeſſoren (worunter auch Wilhelm Schlegel) ein Mittagmal. Mir wurde eine Blumenvaſe, aus lauter Konfituren gebacken, vorgeſetzt und ſie ſteht jetzt unberührt neben meinem Spiegel. Dem207 guten Max wünſcht’ ich wenigſtens die beiden Henkel zum Anbeißen. — Gleichwol drückt mich nicht nur meine alte Melancholie — die ſalomoniſche Hektik — ſondern auch die Sehnſucht nach Hauſe und nach Stille. Große Reiſen mach’ ich künftig nie mehr ohne etwas Lebendiges aus dem Hauſe. Vorgeſtern und geſtern war ich nicht recht froh; nur jetzo labt mich hier oben der freie blaue Tag*)Von heute an hab’ ich nun die Regel: daß ich gegen mein drückendes Sehnen an der freien Natur meine Heilkünſtlerin finde. Eine ſchöne Mondſcheinnacht halt’ ich kaum im Zimmer aus.. Frankfurt hatte mich durch Liebe und Mitternächte 〈 Nachtwachen 〉 erſchöpft. Hier erſt ſchafft’ ich das morgendliche Erbrechen wieder ab, ob ich gleich auch dort zehnmal mäßiger getrunken (aber nicht ge - ſprochen) als bei euch oder als Wangenheim. Die Wennersche Familie iſt eine ſeelenherrliche; der Mann weinte, und ein Lotto - direktor Malz; Weiber 〈 Mütter 〉 kamen auf mein Zimmer zum Scheiden. Emanuel muß einſt unter dieſe Seelen hinein. In Offenbach trat eine ſchöne Mutter von 6 Kindern mir bei meiner Ankunft (zu einem Konzert bei dem ſchlaggelähmten Ewald ((Nachfolger des Bertrand)), dem nichts vom Leben noch geblieben als das Ohr) geradezu entgegen und drückte mir ein Blatt des Danks für die Levana in die Hand und nie blickten weibliche Augen mich liebender an — nur deine ausgenommen — als ihre. Sie war eine Freundin von Villers. Mündlich zehnmal mehr. Welche offne ſchöne Geſichter in dieſem Offenbach! — Das Lieben der Menſchen iſt der einzige Thau noch für meine Seelendürre. — Gerade unter jene liebenden Scheidungen in Frankfurt traf dein letzter Brief, der mit ſeinem erfreuenden Anfange und Mittel (von der Herzogin und deinem Frohſein) mich nicht auf die Schmerzen des letzten Blattes vorbereitete, wo du auf einmal von der unmöglichen Möglichkeit ſprachſt ohne dich und meine Kinder und mit den nachgeſchickten Sachen in der Fremde zu leben. Ich nahm die Schmerzen auf meinem ganzen Nachmittags-Weg mit. Es iſt zu hart, wenn ein Mund, der nie unwahr geweſen gegen dich, nur einen kurzen und immer unterbrochnen Glauben findet. — Schwerlich bleib ich hier ſo lange wie in Fr [ankfurt]; vielleicht geh ich nicht einmal nach Manheim, weil die Oper 〈 der Geſang 〉 ſchlechter ſein ſoll. — Frage doch nach, ob das Pferd des Einſpänners Krotsch wiederhergeſtellt iſt, und208 frage nach andern Einſpännern, und ob ſie gegen Ende des Monats nicht auf lange verdungen ſind. Nur das kaltmachende Schaf Ham mag ich nicht, das noch dazu auf meine Rechnung vor dem Abfahren in meiner Abweſenheit verſchluckt hat. — Sophie P [aulus] iſt auf dem Wege einer Abblüte wie die Said, mit der ſie auch phyſiogno - miſche Aehnlichkeit hat; und ich ſagte es ihr und der Mutter, welche daſſelbe fürchtet. Sie zerſetzt ſich durch ihr übermäßiges Klavier - ſpielen, ſeit Hommel hier geweſen, den ſie erreichen will. Voßens Mutter .... aber endlich muß ich aufhören, wenn ich an dieſem Morgen noch etwas für Cotta machen will.
Heute hab’ ich bei Schelver dem wahren magnetiſchen Gottes - dienſte von 11 bis 2 Uhr beigewohnt. In einem Saale verſammeln ſich an 27 Menſchen beiderlei Geſchlechts — im Kreiſe auf Stühlen ſitzend, alles durcheinander, Mädchen von 13 Jahren und alte Mütterchen, gemeine arme Bürgerweiber, daneben ein kräftiger Student, ein fetter Landamtmann, Offiziere, vornehme Frauen — alles ſitzt zufällig durcheinander, Alter und Blüte und Stand und Geſchlecht und fäßt ſich rechts und links an der Hand — der blinde Aut ſitzt in der Saalecke des Kreiſes und fäßt auch — Schelver magnetiſiert mit wenigen Strichen jeden Einzelnen, im Kreiſe um - gehend — dann wieder mit einem Eiſenſtäbchen. Dieß wird mehrmal wiederholt — ſo ſinkt ein Kopf nach dem andern in Schlaf — nur einige Neuangekommene blieben wach — Ich war im Tempel des Weltgeiſtes. Wie der Kirchhof und die Kirche alles gleichmachte, ſo hier der Saal. Zuſchauer ſind auf dem Kanapee oder unter der Thüre. Nach 2 Stunden ſtehen die Schlafenden wieder auf, die blos vorbereitet werden. Der Blinde in der Ecke bleibt in ſeinem Schlafe. Dann kommt Md. Schelver mit Papier und Dinte und allmählig fängt er an, für die Kranken, die er wählt oder die ihm genannt oder verbunden werden, die Rezepte zu diktieren mit der höchſten Pünkt - lichkeit der Doſen, aber mit ſchrecklichen herauswürgenden Gebehr - den, im Wachen immer freundlich, aber im Schlafen wild und alles hervorknirſchend, und doch mit frommen Äußerungen überall. Ein Offizier mit Orden kam und noch ein Fremder und Schelver verband die 4 oder 6 Hände und er entſchied. Gewöhnlich verſchiebt er die209 volle Entſcheidung auf den nächſten Tag. — — — Wenn ich nur nicht ſo viel ſchreiben müßte ... Die Schelver hält er für ſeine Frau und ſagt ihr, ſie ſolle alles dem H. Profeſſor ſagen, er habe nicht das Herz; denn er weiß deſſen Danebenſitzen nicht. Sein Aufwachen iſt fürchterlich-krampfhaft und langſam; alsdann iſt er ungemein freundlich und beſcheiden, was er alles im Schlafe nicht iſt. Und doch halten einige Aerzte hier alles für Betrügerei, trotz der auf - fallendſten Heilungen. Ich ſtand vor dem Abgrunde der Geiſter - welt. Für 5 oder 6 unheilbare Kranke wurden heute die Rezepte eingeholt. Die Krüdner ſetzt ſich immer auch neben ihn ohne Urſache 〈 Noth 〉 und bekommt ſtarke (von Schelver bald geheilte) Zuckungen und Schlaf; ſie ſagte mir aber, es ſchade ihr nichts; und ſie blüht auch. Von 12½ bis 2 Uhr, wo der Blinde zu reden anfängt, füllt ſich der Saal. Nicht ſein Ton und ſeine Ausſprache, aber ſeine Sprache erhebt ſich, z. B. Gott iſt der allgemeine Weltarzt, oder die Weiber alle ſind „ wehleidig “. Mir grauſet jetzo nur vor den Diſputazionen für ihn — —
Du haſt doch meine Briefchen an Emanuel, Otto, Welden ꝛc. erhalten?
Voßens Mutter ſtößt eigentlich mit dem eckigen kalten Geſicht und Auge ab; aber ihr ganzes Betragen zeigt die altdeutſche Haus - frau, die ohne Rede und Widerrede den Mann beglückt und befolgt und alles um ſich her erfreuen will. Voß hat Kraft und Stolz des ſtarken gebognen Nackens wie ein kühner Pegaſus. Aber beide lieben mich. —
Warum ſchreiben mir denn meine lieben Kinderlein ſo wenig?
Deine Briefe adreſſierſt du: abzugeben im Karlsberg.
Schreibe mir von euerem Wetter und unſerem Haushalten. Lege Jetzo Bier ein; nur müßt ihr das zu alte und ſtarke vorher wegtrinken. — Vergiß ja nicht, mir auch die Fragen des vorigen Briefes zu beantworten.
Geſtern abends ſchickte Hufeland aus Berlin eine Karte. Mit ihm, ſeinen Töchtern und ſeiner zweiten Frau und einer großen Geſellſchaft beſtieg ich wieder die große Ruine. Die Frau — eine deiner alten Freundinnen — konnte nicht genug von dir hören.
14 Jean Paul Briefe. VII. 210Heute wird mir und Schlegel zugleich ein Vivat gebracht. — Ich muß ſchließen. Berechne immer den doppelten Laufraum der Briefe. — Mein letzter Brief mit Briefchen kann erſt Mittwochs bei dir eingelaufen ſein; deine Antwort kann, ſogar wenn du am ſelben Tage ſchriebſt (aber du ſollteſt daher wie ich an jedem Tage etwas ſchreiben und ſammeln), nicht eher wegen des Umwegs anlangen als künftigen Montag. Möchteſt du nur darin mich nicht wieder mit Fieberträumen unglücklich machen! —
Ich gehe dieſes mal ganz anders von Heidelberg fort als das vorige mal, wiewol auch da nichts in mir war, was dir unlieb hätte ſein ſollen. Faſt gar zu proſaiſch ſeh ich jetzo alles an und die „ poe - tiſche Blumenliebe des vorigen Jahrs “iſt leider (denn ſie war ſo unſchuldig) ganz und gar verflogen, eben weil ſie ihrer Natur nach keine Dauer und Wiederholung kennt. Was ich mir aber immer wärmer ausmale, ſind unſere Abendmalzeiten. Ach wahrlich wir ſollten dieſe Freuden eines noch unzerbrochnen Kreiſes höher halten und genießen. Wie lange währt es, ſo zieht Max fort! Allmählig ziehen ihm die andern nach und dann ſitzen wir beide allein da und zuletzt du ganz allein! Ach laßt uns lieben, ſo lange noch Zeit zu lieben iſt. Ewig der
Deinige Grüße Emanuels, Ottos und meinen Bruder und ſeine Frau.
N. S. Unſer vortrefflicher Freund leiht mir den Platz zum herz - lichſten Gruße (leider aber auch zum benachbarten Klecks) und zum Dank für die Freude, die Sie meiner Frau durch die Herzogin ge - macht. Die Verſpätung der meinigen bedauer’ ich nicht; eine Her - zogin von Kurland iſt mir gerade in Baireut am nöthigſten. — Auch der edle Sohn ſei innigſt gegrüßt! Und der Himmel ſegne Ihr anfangendes Heilen!
Richter
Sie als Mittelpunkt, der manche ſchöne Kreiſe um ſich bildete, vermiſſ’ ich hier ſehr.
Längſt geliebter Dichter! Mit Freuden nehm’ ich dieſes Plätzchen an, das mein Heinrich mir gibt, und bilde mir ein, es ſei ein Achtels Zoll von Ihrem Lübeck, wo die Menſchen ſo ſchön lieben können. Ihnen kann ich nach allem, was ich weiß, nichts wünſchen — Fort - dauer ausgenommen —, aber wol mir die Stunde, wo ich die Freuden ſo guter, ſo liebender Menſchen ganz warm aus der erſten Hand und Bruſt erhalten und in die meinigen verwandeln könnte. Es geh’ euch ächten Deutſchen immer, immer wol!
Jean Paul
Wie oft hab’ ich Ihnen bisher meinen Dank geſagt, eh ich ihn auf die Poſt ſchickte! Und unter allen ſchönen Stunden bei Ihnen war gerade die letzte die ſchönſte, wenn auch ſchmerzl [ichſte], weil ſie mir unter dem Trennen alles geiſtig-doppelt gab, was ich ver - laſſen mußte. Ich habe ſelten einen ſolchen Vormittag erlebt wie den am 15 Jun. 1818 ... Möge das Schickſal Sie nie anders überraſchen als Sie mich immer!
Beiliegend wird Ihnen, meine theuere Sophie, die hier für den Damenkalender vollendete Kleinigkeit geſchickt. Möge ſie bei Ihnen und bei Ihrer von mir immer wärmer geliebten Mutter einige meiner böſen Druck - oder Sprechfehler entſündigen! Leider hab’ ich von Ihnen allen — auch Ihren H. Vater mit eingerechnet — immer einige Verzeihung nöthig; und doch iſt mein innerſtes Innere nichts als Dank und Liebe für Sie alle.
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, verehrte Freundin! Darf ich mir den ſchönen Tag noch verſchönern und Ihre gütige Erlaubnis benützen, einmal Mittags bei Ihnen zu eſſen? In einigen Tagen bin ich ohnehin verſchwunden und wohne nur noch in Ihren Bücherſchränken. Meinen Morgengruß an H. Kirchenrath und Sophie.
Ihr Dr. Jean Paul Fr. Richter
Gute Karaline! Dein letzter Brief — am vorvorigen Montag den 15ten abgegangen und erſt am vorigen Sonntag eingelaufen — brachte mir einen ganzen frohen Tag mit. Ich hange hier faſt mehr von dir ab als in der Nähe, weil zuviel Zeit zum Gutmachen gehört. — Laſſe ja meine Stube — die Fenſtergebrechen gehören auch dazu — bald vollenden, weil ich wol einmal kommen könnte unverſehends, da ich Rückfuhren auflauere. Denn ſo gar viel hab’ ich hier nicht mehr zu thun und mein Schreibtiſch bleibt mir zu lange brach. (Treibe doch Otto um ſchnelle Nachricht über die Mauth oder ſchreibe mir ſeine Antwort. Du haſt doch meine Briefe an ihn und Emanuel geleſen?) Es werden nicht wie im vorigen Jahre Landfahrten gemacht. Nur 3 mal*)Nein; ſondern 4 mal, nämlich auch 1 mal bei Schwarz. hab ich Mittags außer Hauſe gegeſſen, und immer bei Voß**)Zwar bin ich von Paulus für jeden Mittag geladen, aber noch nie ge - kommen, ſondern nur abends mit meinem Schlegel. (wenn ich nämlich auch morgen dazu rechne). Glaube aber ja an keine Erkältung der Menſchen gegen mich. In mir ſelber kann ſich nur nicht das Wiederholte dem Neuen ähnlich erneuern. Auch mache ich meine Antrittbeſuche in zu großen Zwiſchenräumen, z. B. erſt geſtern bei Hegel und Creuzer; aber noch nicht bei der kranken Dapping. Dieſen Morgen beſuchte mich der ſchöne edle Engländer Pickfort und lud mich für Abend auf ſein Landhaus. — Wirth und Wirthin und ſogar die Aufwärter213 tragen mich auf den Händen. Sie ſind aber auch überhaupt gegen andere Leute von einigem Rufe ſo, z. B. gegen Canova. — Schelver ſagt über die Rau: ſie werde ganz gewis, aber langſam her - geſtellt; bei einer ähnlich Gelähmten dauerte die Kur 3 Jahre; Schlaf aber ſei nicht nöthig und daher ſei nur der Arm, nicht der Leib zu magnetiſieren; komm’ er indeß nach bloßer Berührung des Arms: ſo ſei er gut. —
— Die Thiedemann ſah ich; aber ſie iſt nicht halb ſo ſchön als Voß ſie verſprach, nur das Auge iſts. — Das Wetter iſt ſo ſchön als ich vorausgeſehen; und bei euch gewis auch ſo. Schreibe mir von eueren Feldhoffnungen. — Den Maler Maier und Frau aus Weimar fand ich geſtern hier an der Abend Wirthtafel. — Nach Möglichkeit*)Unter der Möglichkeit verſteh’ ich nicht das Geld, ſondern den Platz im Koffer. will ich alles von dir Vorgeſchlagne einkaufen. — Gib deine Briefe Mittwochs und Sonntags auf: ſo kommen ſie in 4 Tagen an. — Warum haſt du in ſo langer Zeit nicht mehr Wein verbraucht? Ich bitte dich herzlich, genieße doch mehr davon. Auch iſts mir gar nicht recht, daß du in meiner Abweſenheit das Eſſen herunterſetzeſt. Wie ſoll mir dann hier meines ſchmecken?
In künftiger Woche will ich ankommen. Hätt ich nur erſt deine Antwort! Wegen des langen Hin - und Herſchreibens werd’ ich doch einen Kutſcher von hier nehmen müſſen. Noch nie ſehnt’ ich mich ſo ſehr in meine Heimath zurück. — Wenn ich oben aus Scherz ſagte mein Schlegel: ſo meint’ ich, daß wir beide gutmüthig uns beſuchen (ihn trennt von meiner Stube wie früher den Merkel in Eiſenach nur eine dünne Stubenwand) und unten am Tiſche neben einander ſitzen und daß er meine etwannigen Scherze höflich erträgt. — Vom Frankfurter Erbrechen hab ich mich hier durch frühes Niederlegen (um 10 Uhr) wieder hergeſtellt. — Heute will ich den Hellſeher Auth über mich fragen. — „ Drei Monate ausbleiben “wie Oestreicher vermuthete, würde mich tödten vor Sehnſucht nach dir, Kindern, Ruhe, Häuslichkeit und Arbeit.
Odilie ſoll jetzo alle Eier zerbrechen.
Endlich kann ich fort. Am 30ten Jun. oder am 1. Jul. geht eine Rückfuhre nach Würzburg. Am Sonnabende komm’ ich demnach an. *)Sei aber auch am Freitage für den unwahrſcheinlichen Fall zu Hauſe. Bis Sonntags will ich mit der Abſendung dieſer Blätter auf deine warten. — Emanuel hat mir geſchrieben; aber Otto noch nicht, und ſo kommt er mit ſeiner Mauth-Belehrung mir zu ſpät. — Nach Manheim geh ich aus Mangel einer Oper nicht, und aus Müdigkeit des Treibens 〈 meines Abhetzens 〉 .... Eben ſchickt die gerade angekommene Sternberg herauf (Solcher ſeltſamen Zu - ſammenpaarungen der Sachen mit den Gedanken will ich dir mehre erzählen). Ihr Mann iſt auf einer 3 monatlichen Reiſe nach Liefland. Sie will mich nach Manheim locken. Mein zu Hauſe ge - bliebnes Pathchen erfüllt alle Verſprechungen ſeiner Geſtalt. Sie will mit ihm wiederkommen. Sie hat ſeit dem Wochenbette viel jungfräuliche Blüte angeſetzt.
Geſtern kam der ſchon am Montag abgegangne Brief Odiliens an. Hätt’ ich hier alle Freuden des vorigen Jahrs genoſſen: die Stimmung in einigen deiner Briefe hätte ſie alle entzaubert 〈 ge - tödtet 〉. Aber wie muß ich jetzo davon leiden, da ich keinen einzigen rein frohen Tag hier erlebt, gar keinen! Überall nahm mir das Schickſal etwas und wär’ es durch Krankmachen oder auch verreiſen laſſen. Nie möcht’ ich dieſe Zeit zum zweiten male durch leben. — So wurde auch keine einzige Landpartie gemacht, und kein Spaziergang außer dem mit Hufeland. Du wirſt mich ſehr be - dauern, wenn ich dir alles erzähle, aber auch es ſehr bereuen, daß du mir noch ſo große Schmerzen nachgeſchickt. Ich will jetzo ab - brechen, da vielleicht in einigen Stunden ein beſſerer Brief**)der mir meinen gewiß am Mittwoche den 24ten angekommenen beantwortet. von dir ankommen kann. Du bedenkſt nicht, daß ich jeden Tag ſchreibe und alſo ſo viel und daß du die Poſten falſch berechneſt.
Dieß iſt der letzte Brief aus Heidelberg. Lebe wol!
R.
Meine gute Odilie habe recht Dank.
Grüße an die Ottos und Emanuels.
215N S
Gerade kommt dein Brief, der mich wieder erheitert und doch erzürnt. Denn ich muß zürnen, wenn ich eine beſchworne Behaup - tung wiederholen ſoll, daß meinem Herzen Sophie nicht mehr iſt als jede gute weibliche Seele, die ich als Autor kenne; ſogar ſchönere und wärmere Freundinnen fand ich in Frankfurt. Hier haben wir beide nicht einmal den kleinſten Briefwechſel gehabt; kein Blättchen ſchrieb ſie an mich. Die alte Paulus zürnt auf die Voßischen*)ſo kam geſtern zu unſerm T@ée bei Voß nur der Vater, die eingeladenen Weiber aber entſchuldigten ſich auf die nichtigſte Weiſe bei jenem., weil ich bei dieſen öfter war als bei ihr. Überhaupt kümmern S. und ich dieſes mal uns zehn mal weniger um einander. — Gern nähm ich den Einſpänner; aber ich wende doch lieber mehr Geld auf, um 4 Tage früher bei dir zu ſein. Eine Woche lang könnt’ ich hier nicht mehr aushalten. Habe Dank für deine himmliſche Liebe, der nichts fehlt als das eben ſo himmliſche Vertrauen.
Auch Emma habe Dank. — Verrücke nur meine Papiere und Bücher nicht. Das Repoſitorium werde ja am alten Orte einbe - feſtigt.
Hier, höchſtgeſchätzter Herr Hofrath, ſend’ ich Ihnen einen zu kurzen Aufſatz für den Damenkalender und einen zu langen für das Morgenblatt, welchem Sie indeß durch die Menge der Abbre - chungen unſchädlicher den Schein der Länge benehmen können als einem kleinen Romane. Sogar der alte Voß iſt ſehr für den Aufſatz. Dem jungen (Heinrich V.) bitt’ ich Sie von den beiden Freiexem - plaren, die Sie mir gewöhnlich ſenden, das eine zuzufertigen.
Blos Wangenheim hab’ ich in Frankfurt geſucht; und blos durch ihn (und den Buchhändler Wenner) hab’ ich ein Frankfurt ge - funden, und zwar dritthalb Wochen lang. Mit Freuden fand ich das vorige veſtaliſche Jugendfeuer auf ſeinem Altare wieder, das er frei in die Höhe brennen läßt, unbekümmert welche diplomatiſche Perücken oder Ordenbänder er damit verſenge oder wohin der Wind216 der jetzigen Zeit es abwehe. Aber Feuer kann man in den diploma - tiſchen Polarzirkeln immer gebrauchen.
Sonach aber hab’ ich freilich mein Verſprechen, Sie zu ſehen, nur zur Hälfte, nämlich blos an Ihrem Freunde erfüllt; denn ich gehe in künftiger Woche nach Hauſe, wohin ich Sie auch Ihre Antwort zu ſenden bitte. In dieſem Jahre hab’ ich für die Zukunft den Grundſatz gelernt, nie zwei Städte mehr hinter einander genießen zu wollen.
Mithin werd’ ich einmal Stuttgart drei Wochen hinter einander bewohnen und blos dieſes und dann anſpannen laſſen.
Möge Sie der Himmel mit reichen Erinnerungen aus den reichen Paradieſen Europas heimkommen laſſen!
Meine zwei vorigen Perioden reimen ſich; aber mir iſt es lieb, wenn ich mich auf Sie reime; beſonders meine Reiſen auf die Ihrigen.
Der Ihrige Dr. Jean Paul Fr. Richter
Verehrte Freundin! Furchtſam dankend ſend’ ich Ihnen den un - gefähren Betrag der 6 Flaſchen Wein, die Sie für mich mit ſo gütiger Willigkeit verſchrieben. Die leeren Flaſchen laſſ’ ich im Gaſthofe zum Abholen zurück. Zum mündlichen Beſprechen iſt dieß kein Gegenſtand für uns beide. —
Morgen hab’ ich nicht nur die Freude, Sie zu ſehen, ſondern auch den Schmerz, denn es iſt die letzte. Meinen innigſten Morgengruß an Sie und den Klaviervirtuoſen und an den H. Kirchenrath.
Ihr Dr. Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, mein lieber guter Otto! Geſtern abends kam ich freudig hier an; was aber der Teufel, dem meine Rechnung einer217 zu großen Freude nicht gefiel, für Striche durch ſie gemacht — die aber meiſtens wiederausgelöſcht ſind — wird dir Odilie erzählen. Deinen lieben Brief werd’ ich recht nächſtens mündlich beantworten; vorher aber ein [en] dicken fremden Briefbeutel auspacken. Gruß an Amoene!
Ich will Sie durch dieſes Blatt zu nichts machen als zu einem Mitarbeiter an meinem neueſten Buche. (Bitten um Nachricht von meinem Großvater) Ihnen wird man gern die Einſicht in die Schul - und Kirchenakten gönnen — am hohen Naturthron, dem Kulm.
Immer bringt mich jemand von der Lotterie zu Ihnen und dann bekomm’ ich niemals eine Niete ... Da ich nun bisher d. h. im vorigen Monat in Fr [ankfurt] Gewinnſt und Prämie gezogen: ſo verſuch’ ich zum 2ten mal mein Glück und ſende Ihnen die 6 fl., die Sie ſchon an den rechten Mann abzugeben wiſſen werden oder durch den rechten Mann, H. Mals. Iſt der Bitterklee noch an der Morgenordnung? Und iſt er von Mittag - und Abendfolgen?
Schon aus Heidelberg hätt’ ich an Sie ſchreiben ſollen; aber ich hatte da faſt zu nichts Luſt als zur — Abreiſe. Frankfurt hatte mir Heidelberg verſalzen. Aber ohne Sie hätt’ ich auch kein Frankfurt gehabt, wenigſtens kein diplomatiſches. Ich genieße jede bedeutende Fremdſtadt nur durch eine mir früher einheimiſche Seele; die befreun - dete verſöhnt und vermählt mit den Befremdeten. Frankfurt hat jetzo 2 Seelen — und zwar gute — eine weibliche, die eben aus Wei - bern der Kaufmänner, welche vor ihrem Comptoir Pult gern die Bildung und Freiheit an ihre Gattinnen abtreten — und zweitens eine männliche, den deutſchen Bundestag, zu welchem Deutſchland218 aus allen ſeinen Kompaßecken das [?] Seelenkontingent liefert. — Freunden-Kreiſe, der kein diplomatiſches Vieleck war. ... Möge der Himmel Ihrer jugendlichen Sonnenwärme immer die beſten Pflanzen und Früchte zuführen, damit ſie an ihr wachſen und reifen! Aber was auch um Sie kalt werde, in Ihnen wird es nie kalt; und mehr braucht die rechte Seele nicht zum Glück.
Mein immer mehr geliebter Heinrich, denn daran ſind deine Briefe und Thaten ſchuld!
Glücklich bin ich angekommen und noch glücklicher geworden unter den Meinigen. Im nächſten Briefe will ich mir Zeit nehmen und dir ein ernſtes warmes Wort über oder für Ehe, Frau und Kinder ſagen, wiewol die nächſte Nachbarſchaft deines Herzens dir täglich daſſelbe Wort durch Thaten predigt. — Laße mich zuerſt die Ge - ſchäfte abthun. Daß mir um des Himmels und der Leſer Willen ja nicht der Setzer die Druckfehler, die er ſo gut und reichlich gegeben, zum zweiten male wieder zu ſetzen und anzuzeigen vergeſſe! Ich bitte dich, Heinrich. — Ferner laſſe dir vom Engelmann ſelber buch - händleriſch ſagen bis auf den Viertelbogen, wie ſtark der 3te und der 4te Theil ausgefallen, damit ich es eben ſo buchhändleriſch an meinen Verleger ſchreiben kann, der ohne ſeine Schuld mir noch über die Hälfte des Ehrenſolds ſchuldet. — Betreibe endlich die ſchnelle Abſendung der Freiexemplare. — Und dann biſt du, wenn du noch das Geld für den engliſchen Einband des Siebenkäſes der guten Koch ausgelegt, aus deinem Siebenkäſiſchen Fegefeuer heraus und du geheſt dann geradezu in den Siebenkäſiſchen Himmel, indem du nämlich das Werk ſelber von vornen herein ordentlich lieſeſt; — was ich ſtark fodere, weil du für deine übergroße Korrektor-Liebe gegen mich wenigſtens wenn nicht einen Grund, doch einen Lohn finden ſollſt. — —
Weiter wüßt’ ich nichts, was ich dir von Plagen und Handlungen noch anzuſinnen hätte.
Aber wegzulaſſen bekommſt du einige, nämlich deine für deine Zeit zu lange Schreiberei über Schlegel und Sophie Paulus. Du219 thuſt beiden Unrecht, nicht im Allgemeinen ſondern in Rückſicht meiner. Wie ſoll Schlegel auch nur irgend einen Antheil an mir nehmen, da ich ihn immer ohne einen und mit lauter Scherzen be - handelt und nicht einmal Abſchied genommen habe, freilich auch weil ich und er nie recht bei einander angekommen waren? Ich vergäbe ihm auch jede pedantiſche Geckerei und Glanzſucht, wäre nur ſein Innen und Außen nicht ein langes Eisfeld ſelbſüchtiger Kälte gegen Menſchen und Wahrheiten und Wärme; er will nichts hören [gestrichen: (nicht einmal Gott)]*)Nie werde dieſer Brief gedruckt, auch nach meinem Tode; nur Worte über einzelne blos an einzelne braucht man nicht auf die Wage zu legen. als ſich ſelber und im Meere der Ewigkeit will er nichts ſehen als ſein Spiegelbild — Übrigens legſt du ſeinem Äußern bei der Waſſerfahrt gewiß mehr Anmaßung unter als da war; warum ertrug er denn mein kleines Necken ſo lammhaft? —
Dein gutgemeinter Ärger über Sophie — aber nicht die Liebe - quelle deſſelben — hat mich halb komiſch ergözt: Laſſe ſie doch die Ellbogen aufſtemmen und ſie zärtlich anhören, wen ſie will: was geht es uns an? — Ich habe ſelber ſie in der erſten Stunde (was die Mutter dem Frankfurt unrichtig zuſchrieb) nicht ſo behandelt und gefunden wie ſonſt. Soll ſie denn am alten Hausfreund ihrer Mutter keinen Antheil nehmen? Aber ſeltſam genug hat ſie ihn nie mit Einem Worte gegen meine Ausfälle gedeckt; liebt ſie nun auch nur mäßig: ſo kann ſie wenig Freude an mir gefunden haben. Freilich ſo wie du, konnte nicht ſie mir zum zweiten male vorkommen; denn für dich hat die Abweſenheit mich noch mehr erwärmt, für ſie faſt abgekühlt, da ich gar zu wenig Liebe und Nachſicht für andere Menſchen bei ihr finde. Zu reden und zu ſchreiben verſucht und ver - mag ſie auch nicht ſehr; aber was könnt’ ich ihr vollends ſeit der Abreiſe je mehr zu ſchreiben haben? Eine Freundin büßt man leichter ein als einen Freund. — Gerade dir entgegengeſetzt, vergeb’ ich ihr 10 mal lieber das Lieben als das Heirathen des Schlegel. Er freilich wird, wenn ſie auch nur mit Einem Flügel an ſeinen Spinnenfäden klebt, ſie ſo lange darin umdrehen bis er ſie umſtrickt in die Kanker - höle ziehen kann; aber einen ihres Charakters und ihrer Begeiſterung220 für mich unwürdigern 53jährigen Gatten voll Eis und Schaum wüßt’ ich nicht für ſie, der ich gern einen Voß, einen Carové zuge - führt hätte; aber dann ſollte ſie mir nicht mehr Paula (von Vater und mir her) ſondern Saula heißen. — Künftig ſchreibe mir lieber recht viel von Auth; welchen zu ſehen ſogar deine Pflicht der Wahr - heitliebe iſt.
Thiedeman — den und deſſen liebe Gattin grüße — gefiel mir ſehr von ſeinem Geſichte an bis zu ſeiner Vielkenntnis. Die magne - tiſche Ketzerei ſtört mich an ihm nicht, wenn er nicht ein Verfolger wird. — Drei Paar Weiberhandſchuhe hab’ ich im Gaſthofe gelaſſen; ſchwerlich aber hat ſie die wiedergebende Hand gefunden. — Deiner guten Mutter drücke die Hand, die ſo ſchön gibt und ſchreibt, und die kräftige deines Vaters. — Grüße die Boie’s ſehr. — Grüße in Paulus Hauſe Eltern und Tochter, und danke der Mutter beſonders für ihre letzten Gefälligkeiten gegen mich. Du lebe wol, mein alter unverändert-warm fortgeliebter Menſch!
Richter
Grüße mir Schuhmacher recht; ich fürchte, ich habe in der Eile der Abfahrt nicht warm genug für ſeine Mühen und Geſinnungen Abſchied genommen. Sein Gedicht über die Künſtler iſt des Künſtlers würdig und er fahre nur fort.
Der Verf. gibt dieſes Buch der Frau Koch, Beſitzerin des Gaſthofs zum Karlsberg, damit ſie ſich ſo daran erinnere, mit welchem Wol - wollen ſie ihn im vorigen Monat darin aufgenommen.
.. Lieber das Geld in Ldors mit der Poſt zu ſchicken, wenn er ſelber nicht in dieſem Monat kommt — Vom Heſperus will ich bis zu Oſtern nur 2 Bände geben — Von Matzdorf bekam ich für die erſte Auflage die etwas ſtarke Summe von 200 rtl. mit dem Ver - ſprechen, es bei einer zweiten bis zu 1 ganzen Ld. für den Bogen zu221 treiben. Aber ſogar damit begnügt’ er ſich ſpäter nicht, ſondern er gab mir wirklich für die 4 Bände Hesperus mit Verbeſſerungen und Vorrede 1000 rtl., wozu vielleicht die Erwartung des Titans und eine kleine Scham über die erſte Bezahlung mögen beigetragen haben. Hätt’ ich mich nun mit ihm über die 3te Auflage abzufinden: ſo hätt’ ich ein kleines Recht an Vergüten des Vergangnen. Indeß haben Sie zum Theil ſeine Rechte übernommen. Sie werden daher nur eine halbe Anwendung dieſes Rechts finden, wenn ich für den Bogen jetzigen Drucks 2 Ld. bei einer Auflage von 1000 Exemplaren verlange ſo wie 12 Freiexemplare auf Schreibpapier — Bezahlen des Honorars unmittelbar nach dem Abdruck jedes einzelnen Bandes. — Leben Sie wol, ſag’ ich; aber noch lieber würd’ ich ſagen: ſein Sie willkommen.
Ich will nach dem A nicht blos B ſagen ſondern auch C D E — Z; ich will Sie nämlich um eine wiederholte Güte bitten — obs die florentiniſche oder deutſche Iris ſein ſoll. — Nicht blos Ihre Tage, auch Ihre Stunden ſind koſtbar; Sie ſollen daher von einer nicht mehr als die Hälfte darauf verwenden, um mir auf einem — Voß zu gebenden — Blättchen ohne Briefumſchweife die Belehrung zu ſenden: ... Ich grüße Ihre eheliche und magnetiſche Hälfte, Ihre mediziniſche Mitbelehnte. Der Verf. des ſeeligen Lebens, der für ſo manchen Unſeeligen der Anlaß eines frohern wird, empfange nicht blos die innere Erwiederung ſondern vom Schickſal auch die äußere.
Hier ſend’ ich meinen Siebenkäs, der Ihnen unter dem Thier - und Stiergefecht mit dem unzahmen Staats Vieh einige Erfriſchung bringen möge. Auch Ihre liebe Gattin kann [?] ihn leſen, ob ſie gleich in dem Land des Friedens und der Harmonie wohnt. Druckfehler: Sie werden doch in Ihrer Bekanntſchaft einen Freund auftreiben, der gern Fehler ſucht und tilgt.
Meine Seele iſt ſo ſehr in deine philoſophiſche eingewurzelt, daß der Wind eigner und fremder Meinungen ſie nur beugen, nicht auswurzeln kann.
Ihr Britte, der ſich beſſer als andere Engländer erinnert, daß wir und ſie nicht zwar Wand - und Thürnachbarn, aber Blutverwandte ſind.
Guten Abend, Alter! Du mußt mir doch das Nicht-Schweigen verſtatten. Ich erwarte, da ich den 17ten Jul. an Reimer geſchrieben, jeden Poſttag die 1000 fl., die er mir noch ſchuldet; und dann könnt’ ich dir leicht die 150 fl. geben. Bedarfſt du aber für dich ſelber, nicht für einen andern Geld: ſo könnt’ ichs vorher etwa zu 50 fl. treiben. Schlafe wol!
Mein guter Heinrich! Ich will doch wenigſtens einen Schreib - anfang machen. Deine zwei Briefe hab’ ich erhalten. Meinen — ſammt einem an Schelver und einem Emma’s Briefchen — wirſt du auch bekommen haben. Ich genieße Heidelberg weit mehr auf deinem Briefpapier als auf ſeinem Stadtpflaſter. — Über die Sphärenmuſik kann ich dir nur aus dem Gedächtnis — weil mir die Stellen darüber in meinen Exzerpten nicht in die Hände fallen wollen — das was du auch ſelber weißt ſagen, daß man früher die Kreiſe, welche durch die Geſtirne um die Erde beſchrieben werden, für wol - tönend gehalten, und daß man nur aus ihrer Unaufhörlichkeit unſer taubes Ohr dagegen hergeleitet, und daß man ſpäter, als man den Geſtirnen Geiſter gegeben, dieſen die Wollaute zugeſchrieben. —
Deinen Shakeſpeare kann ich Vorrede und Noten wegen gar nicht erwarten und ſelber die beſte Überſetzung ſteht mir dagegen zurück. 223— Der nächſte Winter wird ein grimmiger Wolfmonat. Ob ich gleich nicht fürchte, daß dieſer Wolf über mein Leben Herr wird: ſo ſchreib’ ich hier doch, was ich ſchon längſt dir ſagen wollte,
meinem geiſtigen executor testamenti. Warum ich keinen nähern Freund wähle, darüber frage in deiner Antwort nicht. Alles was du thun wirſt, iſt mir ſchon hier recht, geſchweige dort. Ich hoffe aber, daß du nach Baireut als mein Gaſt früher kommſt denn als mein Executor. —
Baireut d. 31. Jul. 1818Dr. Jean Paul Fr. Richter
Rede in deinem Briefe nicht viel darüber, höchſtens ein Ja oder ein Nein.
Noch ſchweigſt du? — Nur bis morgen wart’ ich, dann geht dieſes Blatt ab. — Warum will Engelmann das Mſpt des Sieben - käs nicht dem Rezenſenten geben, da du und ich für die Rückkehr ſtehen? — Du erfreueſt und bereicherſt mich du [rch] deine Anekdoten. Heidelberg wird durch ſeine Lage für Reiſende andern eine Art von Kaleidoſkop. — Mein Aufſatz über die Doppelwörter wird nur durch die Menge anderer Fortſetzungen am Einrücken verhindert. — Gegenwärtig ſchreib ich mein Leben. Ob ich gleich jedes andere lieber und feuriger ſchriebe: ſo mußt’ ich doch daran, da meine innere Biographie niemand kennt als Gott und ich und der Teufel. Indeß wird die Form dieſer Lebenbeſchreibung anders als die aller andern bisherigen.
Wieder nichts! — Ich will mich aber doch nicht ängſtigen. Gewöhnlich verurſachen die leichteſten Zufälle Verzögerungen ſtatt der gefürchteten. — Grüße mit deinem und meinem Herzen zugleich deine geliebteſten Eltern; und unſere Gemeinfreunde und Freun - dinnen grüße.
Dein alter Richter
Aus Sehnſucht nach Ihnen ſchick’ ich Ihnen ein Pack Briefe und meinen neueſten Siebenkäs. Ich hatte mir Ihre Entfernung von hier viel ſchöner und öfter unterbrochen gedacht. Meine Baireuter Einſamkeit wächſt denn ſo jährlich. — Gebe Sie uns doch der Herbſt, und nicht erſt der Winter wieder. — In dieſem Jahre hat das Wetter einen ſolchen Gang nach Regeln genommen, daß ein Prophet, der die ſchwerern kennt, ſolches wunderbar trifft: ſo wird es z. B. noch dieſen halben Monat lang ſchön; erſt dann Regen, aber nicht mehr im September. — In meinem Hauſe iſt alles wol und froh und grüßt das Ihrige, um deſſen Nachrichten ich Sie bitte.
Jetzo arbeit’ ich an der Beſchreibung meines Lebens; ich bin aber durch die Romane ſo ſehr ans Lügen gewöhnt, daß ich zehnmal lieber jedes andere beſchriebe. — Es geh’ Ihnen wol und leicht, mein guter Emanuel, von mehr als einer Ernte beladen Gedrückter! — Ich grüße und küſſe noch beſonders Frau und Kind!
Richter
Guten Morgen, lieber Otto! Hier iſt endlich das Geld in 40 L. und in 2 Anweiſungen nach Frankfurt gekommen. Könnteſt du ſie nicht zu 36 kr. gebrauchen: ſo will ich dir Silbergeld zuſammen - ſuchen.
Die liebevollen Äußerungen Ihres Briefs ſo wie die wolthätigen Zwecke Ihres literariſchen Plans haben mich ſehr erfreuet. Nur kann ich letzte nicht mit erreichen helfen. Jede neue Wochenſchrift erwirbt mir vielleicht einen kältern Freund an ihrem Herausgeber, weil ich Beiträge abſchlagen muß, zu welchen mir Zeit, Kraft und Spielraum fehlen; und nur für das Morgenblatt mach’ ich aus vielen Gründen eine Ausnahme, unter welchen auch ſeine Zenſur -225 freiheit iſt. Die eiſernen Banden, in welche die öſterreichiſche Zenſur manchen Prometheus ſchlägt, noch eh’ er nur das Lichtfeuer vom Himmel geholt, und damit er keines hole, würden mir einengend vor - ſchweben auch bei den kleinſten tiefſten Flügen, wo ich ſtatt auf das Feuer auch nur auf ein kaltes Kaminſtück ausginge.
Für die Nachrichten von meinem edeln feuertrunknen Maier kann ich Ihnen nicht genug danken. Er allein hat mich richtig gezeichnet, obwol zu ernſt unter lauter Scherzen der Sitzſtunden. Wer gibt der Kunſt und der Freundſchaft einen ſolchen liebenden Geiſt zurück? — Mög’ er nur ſchnell geſtorben ſein!
Leben Sie recht wol! Vielleicht ſeh ich Wien einmal und Sie dann. Nehmen Sie für ein Zeichen meiner Liebe dieſes ſchriftliche Nein, da ich ſonſt nur ein ſtummes wähle.
Ihr ergebener Dr. Jean Paul Fr. Richter
Das Schlimme bei der Sache iſt eben, daß meine Bitte nicht zu ſpät kommen kann ſondern noch zu erfüllen iſt. Ich habe Ihnen nämlich, hochgeſchätzter H. Hofrath, den Aufſatz über die Doppel - wörter für das Morgenblatt mit dem Wunſche zugeſchickt, ihn in kleinen Abtheilungen zu geben. Aber jetzo find’ ich, daß er — nachdem er ohnehin vorher lange draußen warten müſſen — zwar gliederweiſe, aber in Zwiſchenräumen von 2, 3 Blättern erſcheint. Dadurch nun geht ſogar den philologiſchen Theilnehmern alles Intereſſe und alle Überſicht verloren; und am Ende würden dieſe zerhackten Glieder über den Jahr Weg durch das ganze Morgenblatt verſtreuet. Auch wünſch’ ich die Beſchleunigung des Abdrucks — durch Einrückungen in jedes Blatt — noch darum begünſtigt, weil ich gern bald ein vollſtändiges Verzeichnis der Druckfehler geben wollte. So ſteht z. B. im zweiten Briefe Grünbruſt (S. 13) ſtatt Armbruſt — pagans (S. 15) ſtatt paganus — und früher: Umlauf ſt. Umlaut (S. 9), Nachtraum ſt. Nachttraum (S. 1). — Ich bitte Sie recht ſehr um Ihre Mitwirkung.
15 Jean Paul Briefe. VII. 226Einem gewiſſen Aſſeſſor Schumacher in Heidelberg — Prinzen - hofmeiſter des Prinzen von Waldeck — verſprach ich, Ihnen ſeine Gedichte zu empfehlen, welche mit der Leichtigkeit eines Jakobiſchen Versbaues, mit Klarheit und Grazie Heiterkeit und Kraft und Scherz und jede Entfernung vom Isidorus Schwulſt verbinden. — Und hiemit wünſch’ ich ſie Ihnen empfohlen zu haben.
Endlich arbeit’ ich auch an meiner eignen Lebenbeſchreibung und ſuche das Leben, das früher oft genug unter der Preſſe des Schickſals war, unter die andere zu bringen.
Leben Sie wol!
Ihr Dr. Jean Paul Fr. Richter
— Ihr Werk, das ich ſogar in meiner äſthetiſchen Werkſtatt zu - weilen benutzen kann. Eigentlich aber iſt es für den ausgelernten Hiſtoriker, der zu den Jahren ſogar noch die Tage behalten will. Nur das Rubrikregiſter ſcheint mir mühſamer als unentbehrlich zu ſein ... Ihr politiſches Werkchen hat durch den ruhigen Sekzion - 〈 Sezier - 〉 bericht manches in meinen Anſichten verändert. Aber auch ſchon früher ſagt’ ich mir: jedes mal, wenn ein Volk ſeinen Fürſten liebt, hat es Recht; mit dem Haſſen vielleicht etwas weniger und mit dem Schelten am allerwenigſten, denn jedes ſchilt.
Mein geliebter Heinrich! De Wette mit einem philoſophiſchen Profeſſor K. war eben auf ſeiner Fußreiſe bei mir und fürchtet, deinen Vater nicht zu finden. Vielleicht wend’ ich dieſes Verfehlen ab. Weiter jetzo nichts! — Zu ſchreiben hab’ ich ſehr viel an dich — über euern herrlichen Shakspeare — über deine Perſpektiv Fragen — über Saula oder Saulina — und über alles Übrige deiner Briefe. Aber verzeih und warte nur!
Dein alter Jean Paul
Mein guter Heinrich! Zuerſt meinen warmen Dank für euere Zwillinggeburt! Deine mir blos zu kurze Vorrede verſchlang ich. Ein ſolcher Wiederherſteller des poetiſchen Textes beweiſet ſich da - durch freilich als den beſten Überſetzer deſſelben; denn deine Ver - wandlungen der Proſe in die Poeſie ſetzen viel Engliſches voraus und mehr poetiſchen Sinn als ſo viele Engländer haben. Aus deinen ſo ausgeſuchten und ſparſamen Noten hätt’ ich entbehrliche wegge - wünſcht wie S. 494 e) vom Amphion; ſelber i) — oder gar 513 u) Apollo — S. 497 b) — 500 f) und g). *)Auch bei deinen Noten über den Ariſtophanes fand ich ähnliche, bei deſſen Leſer du ohnehin viel vorausſetzen kannſt.
An deines Vaters Überſetzung hab’ ich die alte Gediegenheit be - wundert, die Silber in das kleinere Gold für den engern Raum umſetzt. Nur müſſen bei ſeinem Grundſatze, daß Text und Über - ſetzung ſich mathematiſch decken ſollen, Härten (am meiſten in Romeo) vorkommen, zumal bei Shakeſpeare’s Knoſpenhärte ſtatt der Blätterweiche. Z. B. S. 249
„ Kehr’ um, träg’ Erd’ “Die himmliſche Stelle S. 62 iſt entſtellt durch „ Ich wein’ um was mich froh macht. “
Denn nur um das Verlorne und nur über das 〈 oder auch dem 〉 Daſeiende 〈 n 〉 weint man. Lieber ſo: „ Ich weine, über was mich freu’t. “
Die nächſte Plus-Sylbe iſt ſchon wegzubringen. Einmal ſteht (wie leider auch im Siebenkaes) ein Cherubim, da dieſes doch der Plural von Cherub iſt, wie Seraphim von Seraph. Herrlich benützt und bereichert er die Sprache wie z. B. mit Gedünſt, Gelümp; unlaß, die Sprenge ꝛc. ꝛc. ; auch niederſächſiſch wie pampen. Ich freue mich unendlich auf das Fortfahren. —
Nur noch einige Tadelwörtchen! Allerdings iſt ein Murki luſtig. Yorik in ſeiner Reiſe ſagt ſchon: es wäre (nach der empfindſamen Szene) geweſen, als wenn man nach ihr ein Murki hätte ſpielen15*228wollen. — S. 557 Alle Vogelſteller haben Lockvögel bei Leimruthen; und mehre werden in ihren Antikritiken lachen und ſagen, du hätteſt es bei ihnen näher haben können als bei Shakeſpeare. — S. 374 brauchen und gebrauchen ſind ſo verſchieden (ausgenommen im Perfekt) wie egere und uti. — Das angliſierende Nachſetzen des regierten Worts ſtörte mich oft ſehr (z. B. S. 373), im Versmaße weniger, weil dieſes die größere Wichtigkeit, die man dadurch auf etwas legt, erlaubt. — Aus ſo kleinen Nachfoderungen kannſt du erſehen, welche große Vorfoderungen ihr beide erfüllt habt, wenig - ſtens für mich.
Ich gehe nun leicht auf den ältern Überſetzer über, der ſtatt des jüngſten geheirathet worden von Saulinen. Der Vermählring beider iſt Glanzſucht; er in ſeinem Alter will mit einem ſchönen Klavier - Mädchen, ſie mit einem durch Europa als Staelischer Kebsmann berühmten Ehemännlein prunken. Hätte ſie viel warmes Gemüth, ſo würde ſeine Armuth daran ſie ſehr beſtrafen. So aber können ſie vielleicht eine leidliche Ehe voll paralleler Lobjagden führen. Welch’ eine warme, ja noch wärmere, Freundſchaft wäre ihr von mir in die Ehe mit einem rechten, heiſſen, edeln Jüngling nachgefolgt! — Indeß meine Bücher bringt er ihr — wider deine Meinung — nicht aus Kopf und Herz zugleich. Vernimm doch ihr jetziges Urtheilen darüber. Auch iſt ja er nicht einmal mein ganzer Gegner. Höchſtens wird er ihr Überloben auf das Ebenmaß herunterſtimmen. — Die Zeitungen ſtellen ihn in Berlin an; iſts wahr oder Verwechslung mit Hegel? — Ihr Betragen gegen mich iſt, falls ſie ihn ſchon damals gewollt und ſie die Reiherin dieſes größern Falken geworden war, in Rückſicht auf mein ironiſches gegen ihn und ſie wirklich gut und würdig geweſen. — Gerade jetzo ſchreibe mir von ihr als einem pſychologiſchen Anagramm, ſo wie von ihm, und ärgere dich nur nicht übermäßig, ſondern mäßig.
Eh’ ich nach Mainz ging, ſchrieb ich: es bleibt ſchön Wetter bis Mitte Auguſts; dann Regen; dann vom 1 bis letzten Sept. ſchön Wetter. — Eine Betrügerei durch Auth wäre die ſchwierigſte und zweckloſeſte, da ja Schelver beſſer ſelber verſchriebe und dann gewiß anſtößige Ingredienz [i] en weglaſſen würde; — eine von ihm wäre229 ſeinem Kopfe und ſeinem Gemüthe unmöglich. Ich glaube, er iſt blos noch nicht reif genug zum Hellſehen, und wurde noch dazu in dieſem überſtrengt durch zu vieles Fragen. Gerichtliches mistrauen - des Ausfragen entkräftet auch die beſte Hellſeherin. — Für den Brief deiner herrlichen Mutter dankt Mann und Frau. Wer ſetzte in einer ſolchen haushaltenden Hand eine ſolche Feder voraus? — Der Sophie Dapping drücke die Hand, die ſo gern gibt. — Ihren Bruder treibe zur Eile; auch ſchon meiner Neugierde wegen, da ich eigentlich noch nie eine ordentliche Rezenſion des Siebenkäs erhalten. — Hier meine ſchwachen Antworten:
Das Wort Perspective iſt ſo wechſelſinnig 〈 gegenſinnig 〉 wie bei uns das Perſpektiv und die Perſpektive.
ad 1. (Was ihr wollt V, 1.) Ich würde „ Spiegelbild “〈 Spiegelweſen, - geſtalt 〉*)„ Gaukelſchein “iſt Scheinſchein und alſo falſch; denn der Schein als ſolcher iſt ja keiner. (natural perspective) überſetzen, höchſtens Vexierbild — „ Spieglung “wie in Arabien, wo die Sandwüſte als Waſſer erſcheint.
ad 2. (Ende gut alles gut V, 3.) „ Geſchwärztes Sehglas “(scornfull perspective). Eigentlich ein zylindriſcher 〈 konvexer 〉 oder metamorphotiſcher Spiegel. Für die Dichtung iſts noch genug: „ Kugelſpiegel, Kugelglas, oder Verzerrſpiegel. “
ad 3. (König Richard II. Act. II, Sc. 2.) „ Verwandel - 〈 Ver - zieh - 〉 gläſer “(Like perspectives) — Hier iſt für die Poeſie das Allgemeine, nicht das Mathematiſche das Beſte; wie es ja im Engliſchen auch iſt.
ad 4. (in Heinrich V.) „ perspectively “Fernmalerei — „ Optiſch - oder optiſcher Betrug “— „ Fernſeherei “„ Fernſicht “— „ Trugſicht “„ Täuſchferne “〈 Verwandelferne 〉. Hier bezieht ſich alles auf die Malerperſpektive, alſo auf die Ferne.
Von deinem Abraham möcht’ ich doch nur etwas mehr Äußer - liches wiſſen, und wem er gleicht. Schreibe mir von ihm; denn ich liebe ja euch alle. — Cotta lehnte, nach ſeiner Gewohnheit, den Verlag der von mir ſehr gelobten Gedichte Schuhmachers ab. — Deinen230 Eltern wünſch’ ich Glück zur Reiſe, das ohnehin ſchon der äußere Himmel zu geben anfängt. — Und ſo lebe recht froh, Lieber! Schreibe aber bald!
Dein J. P. F. Richter
Den 13ten Jul. ſchrieb ich Ihnen, daß ich den 22 Jun. geſchrieben, und heute meld’ [ich] wieder das Schreiben vom 13 Jul., in welchem 6 fl. für ein Loos ꝛc. Da Ihr Schweigen doch möglicher Weiſe von einer Reiſe konnte veranlaßt werden, auf welche Ihnen das kleine Paquet nicht nachgezogen wäre; und da [ich] dadurch die mehren 1000 fl. einbüßen könnte, die ich etwa in der Lotterie ge - wänne: ſo mach’ ich dieſe Anzeige, um durch ein zweites Schreiben Ihres Verreiſens verſichert zu ſein.
Aber Scherz und Lotterie bei Seite! Ich wünſchte wol einmal ein Antwörtchen von Ihnen.
Ihren Brief hab’ ich mit reinmenſchlicher Freude über Ihre Liebe und über Ihre Anſichten und Kräfte geleſen; — und nur deßhalb beantwort’ ich ihn, denn ſonſt laſſen mich die Menge von Briefen und die Armuth an Zeit gewöhnlich ſchweigen.
Sie ſcheinen meinen äſthetiſchen Wirkkreis mit meinem politiſchen konzentriſch zu finden. Aber dieſes iſt auch bei dem beſten Willen nicht der Fall, ich habe noch wenig für andere durch andere thun können; und mußt’ es immer ſelber thun.
Aber auch ſogar wenn Sie ſich mit Ihrem (faſt unbeſtimmt aus - gedrückten) Wunſche einer Anſtellung an einen Geſchäftmann von wirklichem Einfluſſe gewandt hätten: ſo würde er doch nicht ihn haben erfüllen können, bei dem Überfluſſe inländiſcher Mitbewerber und bei den übrigen Schwierigkeiten, welche durch die Entfernung und durch die Unbekanntſchaft entſtehen. Unbegreiflich iſt, wie Talente,231 die in Wien nicht ſo häufig ſein können, in einer weiten Kaiſerſtadt keinen Spielraum finden ſollen.
Jetzo hab’ ich meine, für mich halb traurige Pflicht erfüllt, da ich ungern ein Nein ausſpreche, wiewol ichs hier mehr im fremden Namen thue. Vertrauen Sie aber auf dieſelbe Vorſehung, die Sie bei äußerer Armuth ſo ſehr von innen bereichert hat, und welche Ihnen gewiß auch noch die kleinern Gaben ſchenken wird, wenn Sie nicht ſelber ihre Hand im Geben ſtören.
Leben Sie froh und froher!
Ihr ꝛc.
Mein guter Emanuel! Sie erlaubens ſchon, daß ich den Max für ſeinen Examenbeſtand noch zu der Schulprämie die Reiſe zu Ihnen ſetzen laſſe, um welche er mich ſo ſehr bat. — Er bringt einen Wuſt Briefe, worunter Sie vielleicht ſchon geleſene finden. — Paſſiert iſt nichts als daß Grieshammer auch paſſiert iſt. — Otto bekomme einen rechten Gruß. — Gott ſei Dank, daß der September außer der Weinleſe auch Sie wiederbringt. Ich grüße herzlich Ihre zwei Ihrigen.
Richter
Ein kleiner Repräſentant von mir, der aber doch um einige Zoll länger iſt als ich — wie zuweilen bei Repräſentanten und Geſandten der Fürſten auch geiſtig der Fall iſt —, ſoll mich wieder ins Andenken zurückrufen.
Ich danke Ihnen ſehr für Ihre Gabe, die aber nicht ſelber wie die Doppelwörter eine Doppelgabe hätte zu ſein gebraucht, da ich Sie die eine Hälfte meinem Voß in Heidelberg zu ſchicken gebeten. —232 Hiebei die Haupt-Druckfehler. — Für das ſchnellere Bekanntmachen dieſer Unterſuchung war freilich das Morgenblatt der beſte Ort; aber für das Prüfen derſelben der unbequemſte. Daher mir einige gleich anfangs zum abgeſonderten Abdruck gerathen. Können wir aber dieſen nicht zu Oſtern nachholen mit einigen Zuſätzen, zu welchen vielleicht Antworten Anlaß geben? — Übrigens hab’ ich damit wenigſtens den gemeinen Rezenſenten gezeigt, welche ernſte Rückſicht ich unter meinem Schreiben auf die deutſche Sprache nehme.
Ihr unveränderlicher [?] Jean Paul Fr. Richter
Ob ich gleich mit dem Buchſtaben D nur als Heidelberger Doktor in Verbindung ſtehe und nicht als Rheinpfälzer Glaubiger: ſo bitten mich doch viele, denen er der dießjährige Sonntagbuchſtabe iſt, bei Ihnen um die Nachricht zu bitten, wenn dieſer Buchſtabe, deſſen Regulierung in Ihre gerechten Hände gefallen, endlich ans goldene Abc ſich anreihen werde. — Halten Sie dieſen Fleck für keine Freuden - oder Trauerthräne; es iſt nur ein Nebeltropfen von der Birke, unter der ich ſchreibe. Möchten nur alle fürſtlichen, herzoglichen und königlichen Nebel ſo wol von Obligazionen als andern Verſiche - rungen als befruchtende oder als goldne Nebel niederfallen.
Der geiſt - und liebereichen Geberin des Papiers und der Feder wünſch’ ich ſchöne Sonnentage der Wirklichkeit und wenn ſie ruht, die Wiederholung derſelben im Mondſchein des Traums. Sie ſoll von Italien ſagen: auch ich war in Arkadien. Aber das ſchönſte bringt ſie in ihrem Herzen mit.
Jean Paul
NS. Zu ihrem Arkadien gehört auch ihr Sohn; und dem brauch’ ich nichts zu wünſchen als das Glück ſeiner Mutter.
Guten Morgen, Alter! Hier iſt das ungerechte Reſkript; Brand war Referent. Ich möchte wiſſen, ob keine Entſchädigung-Klage über die verlornen 350 fl. möglich wäre. Mein Bruder hat noch die unnütze Furcht, daß ihm eben ſo der Fleiſchaufſchlag, deſſen zweite Hälfte (aber ſchon ſeit Jahren) die Stadt auch bekommen, geſtohlen und er ſo parziell quieſziert und ausgehungert werde. — Thierſch ſchrieb mir einen gehaltvollen Brief über die Doppelwörter, den ich dir nach der Leſung meines Aufſatzes ſchicken will, damit du ihn daraus berichtigen kannſt. — Willſt du mir nicht gelegentlich Möſers patriotiſche Phantaſien leihen, zu denen mich ein Aufſatz über die Kornſperre wieder mächtig zieht?
Guten Abend endlich wieder einmal, lieber Emanuel! Eh’ ich Sie noch zu Geſicht bekommen, verlier’ ich Sie wieder daraus; denn ich gehe morgen nach Hof, Joditz ꝛc. ꝛc. — Hier folgt der arme alte, nun abgedankte Siebenkäs der erſten Auflage zurück. — Dabei ein Brief von Voß, dem einige Blätter fehlen, die mir F. v. Ende zurückſchicken wird. — Möge bei Ihnen jedes Herz geſund ſchlagen, bis zum kleinſten! Die Herzträgerin ſei gegrüßt! Gute Nacht!
R.
Dank für die Zugvögel!
Zu meiner größten Freude ſchickt mir eben Wagner, — nachdem ich ihm geſtern das Archiv mit deiner wünſchenden Bemerkung zurückgeſchickt — die 24 Kongreßakten, wovon jedoch No. 4 und 5. fehlen. Gute Nacht.
Mein Alter! Eben komm’ ich von deinem Alten. Er allein gab mir die einzigen ſchönen Stunden in Hof, geſtern abends an ſeinem Tiſche. Ich blieb im Gaſthofe immer allein. Dank ihm und ſeiner ſo lieblich freundlichen Frau und köſtlichen Brühen-Meiſterin noch einmal. — Anbei ein Stückchen Stollen vom Sohne des alten Back-Meiſters Zelt, welcher ihn mit Vorliebe für mich gebacken, weil er viel geleſen und auch mich — wahrſcheinlich in der Fremde. Gute Nacht!
Hier ſend’ ich Ihnen, mein wertheſter Herr Hofrath, lauter Fremdes, blos um ein ſchon lange gegebnes Wort zu halten, obwol ohne beſondere Hoffnung Ihres Aufnehmens. Immer glauben die Menſchen, ich bringe ihre Mſpte an, und zwar — was noch mehr iſt — bei Ihnen, ſo oft Sie auch dieſen Irrthum ſchon widerlegt haben. Alles iſt vom trefflichen Hofrath Jung in Mainz. Der eine Aufſatz „ Treue des Glaubens, Treue der Liebe ꝛc. ꝛc. “kam zwar ſchon vor einigen Jahren im Schreiberſchen Almanach zur Welt, aber nur mit halbem Leibe, weil politiſche Feigheit ihm die andere Hälfte abgeſchnitten.
Ich bitte Ihre Antwort oder Ihre Zurückſendung nicht an mich, ſondern auf dem kürzeren Wege an H. Jung ſelber zu übermachen durch ſichere Buchhändlergelegenheit oder Poſt.
Das iſt ſeit vielen Jahren mein erſter Brief in bloßen fremden Angelegenheiten, wiewol fremde im höhern Sinne auch eigne ſind. Leben Sie wol!
J. P. F. Richter
Guten Morgen, mein geliebter Emanuel! Glücklicher und zu - fälliger Weiſe fand ich 27 Ld’or geſammelt, zu welchen ich blos noch einen brauche, um das Dresdner Mahagonyholz zu bezahlen. 235Wollen Sie mir nicht den 28ten leihen, bis ich wieder einen einnehme? — Hab’ ich nicht der Ende Brief, den ich Otto geben wollen, bei Ihnen liegen oder fallen laſſen? — Wie ſchlief die Geplagte und Gegrüßte?
Ich hefte meine Nachſchrift einem ungeleſenen Briefe an. An Cotta hab’ ich Ihre 3 kleinen Aufſätze geſchickt, obwol ohne große Hoffnung der Aufnahme, weil ich es noch nie zu einer gebracht. Erſt in dieſem Jahre ging es mir ſo mit den ſehr geprieſnen Gedichten eines Schumachers in Heidelberg — eines Prinzenhofmeiſters — und vorher mit einem Mſpt über den Magnetiſmus. Von Verlegern anderer Wochenſchriften, denen ich ſelber nichts gebe, bekäm’ ich ſchon darum Fremdes ungenützt zurück. — Und eben dieſe Beſorgnis zwang mich, vor Ihnen, mein von mir ſo ſehr geliebter und hoch - geehrter Mann, im falſchen Lichte eines undankbaren Schweigens und Unterlaſſens zu bleiben. Wenigſtens ſicher und zeitig wird Ihnen Cotta Ihre Arbeiten zurück ſenden. — Meine Frau hat mir den Raum weggeſchrieben. — Haben Sie Dank für alle Ihre Liebe für mich im Geben und Schreiben und Wünſchen. Nie werd’ ich Ihre edle Familie, des edelſten Vaters würdige, vergeſſen. Es geh Ihnen allen wol!
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, Alter! Leihe mir ein Bißchen Thiersch Brief; Wagner will ihn leſen; und ich will vorher einige Gegennoten dazu ſchreiben, die du auch haben ſollſt.
Guten Tag, Alter! Wagner will den Klüber wiederhaben. — Ge - ſtern erhielt ich die monatliche Penſion und eine in meinem Namen236 geſchriebene Quittung; wodurch manches erleichtert wurde, aber die Geldrolle auch. Es wurden nämlich 50 Kreuzer für die Wittwen - kaſſe abgezogen. Iſt dieß für 12 Monate, oder für 1? —
Guten Morgen, Alter! Du wirſt dich geſtern über den närriſchen Wagner gewundert haben. Schon vor 14 Tagen verlangte er den Klüber; aber erſt geſtern, wo ers wieder that, ſchickte ich ſogleich den Max; und er ſchickte, ohne zu warten, den Sohn nach. Er hat aus der Rollwenzelei, ſcheint es, etwas Säuerliches gegen mich im Magen behalten; aber er hat doch nicht das Herz, mir, auch un - gebeten, nichts zu ſchicken. — Willſt du mir nicht bei Gelegen - heit den erſten Band des älteſten Heſperus ſchicken? Ich habe die Stelle von Eimans Piſſen in der 2ten Auflage zu matt bezeichnet; und muß ſie aus der erſten wieder auffriſchen.
Auch ich feiere heute meinen Sonntag. Gutes Kind, du fängſt dein Erdleben mit einem Sabbath und Ruhetage an, dem Wochen - tage genug folgen werden. Aber es gehe dir einſt wie deinem Vater, daß du wie er nach ſo vielen Arbeittagen einen ſolchen Sabbath erlebeſt!
R.
Guten Abend, lieber Alter! Sende anbei den Dintenkopf, der keiner Ausleerung bedarf, da ich einen neuen beſtellt und zwar glück - licher Weiſe bei dem Schöpfer und Töpfer dieſes alten. — Willſt du Vogels Büchlein durchfliegen? Gute Nacht!
R.
Du geliebter, fortſchreibender und fortverzeihender Heinrich! Denn leider beantwort’ ich heute drei Briefe von dir auf einmal und zwar gerührt von deinem Schweigen über meines. Arbeiten und die kurzen Tage freſſen mir die Zeit weg, noch dazu da mein Geiſt jetzo nur tröpfelt, nicht tropft und regnet. Die Fülle und die Liebe und der Witz deiner Briefe laben mich jedesmal; ich kann dir, die Liebe ausgenommen, nichts zurück geben als ein Blätterſkelet. — Cotta hat dir doch das Morgenblatt über die S-Stürmerei ge - ſchickt? Der Aufſatz muß auf einmal geleſen werden; und ich denke, er ſchlägt ſich durch, am gewiſſeſten durch ſeine 12 Klaſſen oder Regeln, welche bisher Freunden und Feinden gefehlt. Der ſeltſame Schreiber darüber im Morgenblatt iſt der befreundete Prokurator Merkel in Kaſſel, der nachher mir ſeine Zuſtimmung ſelber und die Nachricht geſchrieben, daß Grimm allda in ſeiner Grammatik mir Unrecht geben werde. Letztes hat auch Thiersch in einem Briefe an mich gethan, deſſen leichte Widerlegung ich vor der Hand nur mündlich geſagt. — Drei Profeſſoren (hieſige Schullehrer) ſind mit mir gegen Thiersch einig. Du mußt nur das Morgenblatt im Zuſammenhange auf einmal leſen; dein bisheriges Schweigen iſt Irren.
Eben leſ’ ich Kolbens neue Auflage „ über Sprachreichthum “und finde ſie trefflich. — Du thuſt mir einen wahren Gefallen mit einer Anzeige des Siebenkäs im Morgenblatt. Leſen denn die Leſerinnen den Meßkatalog? Ein neues Buch wird auch leichter bekannt als ein altes mit neuen Zuſätzen. — Der reizenden Gemeinde, die meinen Apoſteltag nach griechiſcher Sitte ſo ſchön durch Tänze gefeiert, bringe die wärmſten Grüße und außer dieſen der Andäch - tigſten, Sophie, noch meinen = deinen Handdruck und erſuche ſie um einen ſchweſterlichen Bannſtrahl gegen den wetzlariſch-zögernden Buchrichter, auf deſſen Gedanken ich mich ſchon ſo lange vergeblich gefreuet. — Fr. v. Ende auf ihrer Durchreiſe — nach Italien — erzählte mir aus Schelvers Briefen die mediziniſche Grauſamkeit, daß man den kranken Auth gefangen geſetzt, und die noch größere,238 daß man ihn durch einen fremden Arzt magnetiſieren laſſen; woraus wie natürlich, ſo lebengefährliche Zufälle entſtanden, daß man ihn nur durch Schelver retten können. Ich ſchwöre ſogar auf der Md. Schelver Unſchuld; weil ihre Schuld ſonſt auch der Mann theilen müßte. — — Murki iſt ein luſtiges Tonſtück, wo der Baß immer in Oktaven trommelt, und ich ſpielte in meiner Kindheit ſelber dergleichen. — Der Unterſchied, um und über etwas weinen, liegt deutlich in den Vorwörtern; ſo um einen klagen, der verloren iſt, und über einen, der eben quält. — Grüße die Paulusischen und ſage dem Vater, daß ich mit Bewunderung ſeines Wiſſens und Scharfſinns jetzo den Kommentar über das N [eue] T [eſtament] leſe. Schlegel hat ſich 〈 ſeiner Eitelkeit 〉 die dießmal nur ſophiſtiſche Sophie aufgeopfert, die nun weder Jungfrau, noch Ehefrau, noch Wittwe, noch Liebende, nicht einmal Geliebte iſt und die nichts Neues in ihrer Ehe erlebt hat als — Maſern, das Sinnbild des Mannes ſelber. — An deinen herzigen Bruder werd’ ich deine Briefe darüber ſchicken; nur warte noch, bis ich ſelber einen dazu zu ſchreiben Zeit bekommen. — Jetzo arbeit’ ich an einem Aufſatze für das Morgenblatt 1819. Meine Lebenbeſchreibung kommt ſpät; ſie erfreuet mich wenig, weil ich darin nichts zu dichten habe und ich von jeher ſogar in Romanen ungern bloße Geſchichte — ohne die beiden Ufer des Scherzes und der Empfindung — fließen ließ und weil ich nach niemand weniger frage als nach mir. Ich wollte, ich könnte dir mein Leben erzählen und du gäbſt es ſtiliſiert heraus. Aber ich werde ſchon noch das rechte Fahrzeug für daſſelbe finden oder zimmern. — Den Hesperus wollte Reimer in Heidelberg drucken laſſen; aber ich rieth es ihm ab, um dir 100 pharaoniſche Plagen und dem leichtſinnigen Engelmann neue Sünden aller Art zu er - ſparen. — Wenn du wüßteſt, wie tief mein 15jähriger Max in den Homer, Euripides, Horaz, den Tacitus und in die philologiſchen Vorſtädte ſchon hineingerathen: du würdeſt dich freuen, nach 1½ Jahren einen ſolchen Zuhörer zu bekommen, ſo wie ich mich auf deſſen künftigen Lehrer freue. — Erſt im Aequinokzium entſchied ſich das Wetter (und früher ſollte daher kein Wahrſager wahr - ſagen) für den lindeſten Winter. Blos der Dezember wird, zumal gerade mit den Chriſtgeſchenken, viel Eistafeln beſcheeren. Ich habe bisher nichts gelitten und auch künftig wenig zu befürchten. — Der239 Frühling wird uns hoff’ ich zuſammenbringen in Baireut, aber nicht in Heidelberg; denn meine künftigen Reiſelinien ziehen ſich ſeit - wärts, wahrſcheinlich über Stuttgart der Schweiz näher. Wie bin ich erſchrocken, Guter, daß mir deine geliebte Geburtfeier unbewußt vorübergeflogen! Aber ohne Kalendernoten gings mir von jeher mit jeder Feier ſo und die meiner Frau, den 7ten Juny, behielt ich zuletzt nur durch den ihr gebührenden Heiligennamen Lucretia. Aber in meinem Herzen haſt du bisher viele 29te Oktober erlebt, und was Wünſche anlangt, ſo braucht auch dein reiches keine mehr, ausgenommen die, welche deine himmliſche Mutter für ein — fremdes thut, damit dieſes komme und deine Bruſt ſo ſeelig erwärme wie ihres deines Vaters ſeine. — Hier grüß’ ich beide herzlich; und bringe auch Schwarz und Daub und Tiedemann und andern Grüßenden Grüße.
Dein Jean Paul Fr. Richter
Wenn ich ohne ſonderlichen Witz, ja zuweilen ohne ſonderliche Sprachreinheit ſchreibe: ſo bedenke nur, daß ich nicht blos eile, ſondern auch dich liebe.
Nachſchrift der Nachſchrift: Über Hamlet haſt du köſtlich und genial errathen; wer ſich wahnſinnig ſtellt, wars und wirds und iſts.
Ich habe nicht den Muth, Sie zu ſehen, nachdem Ihnen das Schickſal in die alte Wunde eine neue geſchlagen. Es gibt hier keinen Troſt als den, daß Sie kein ſterbliches Kind verloren, ſondern ein unſterbliches, das nicht unterging ſondern nur vorausging und das doch den kleinen Mai ſeines Lebens unter lauter Blumen — und ohne ſolche Schmerzen wie elterliche ſind — verſpielte.
Guten Tag, Alter! Da der zertrümmerte Enzel mein Loosgeld nicht aſſignieren kann und ich es ſelber ſchicken muß: muß ich es frankieren? Und trifft es den J. G. Winkler ohne weitere Beiſchrift?
Ihr Geſchenk hätte einen frühern Dank verdient. Die Eos hat nur wenige Wochenſchriften (kaum zwei) neben ſich, die mit ihr in der Gründlichkeit wetteifern können, und dieſe Aurora gibt ſchon mehr Sonnenlicht als bloßen Farbenreiz. Wenn auch nicht ihre Leſerinnen, aber gewiß ihre Leſer werden täglich zunehmen.
(Gerade vor Abſchicken des 〈 meines 〉 Brief Blättchens trifft das werthe Blättchen d [urch] E [inſchluß?] ein. Wie gern erfüllt’ ich ſchon jetzo den Wunſch eines kleinen Beitrags zur Eos, wenn nicht eine vierfache Arbeit mich und meine wenigen Kräfte, da ich meine Proſe jetzo ſo langſam ſchreibe als andere ihre Poeſie, umſtrickt hielte, nämlich die neue Ausgabe des Heſperus, Selber [leben] be - ſchreibung, ein komiſcher dazu gehöriger Roman und der ge - wöhnliche Anfang des Morgenblatts, den ich immer bisher ge - liefert und der leider immer lang ausfällt, weil ein kleiner mir zu ſchwer fällt. Dafür werd’ ich mein Ihnen gegebnes Wort, in Ihre treffliche Eos Proben aus ... mit Freuden halten, ſobald ich es für den Druck vollendet habe.)
Sobald ich von meiner Leben [be] ſchreibung die 2te Schreib - Auflage gemacht haben werde — denn jedes Buch ſchreib’ ich 2mal —
Der Aufſatz ſelber ſpielt die Wendungen des Kaleidoſkops nach.
Es war gut, daß endlich Ihr lieber Brief anlangte. In eine dreifache Arbeit verſchlungen ließ [ich] im Erwarten Ihrer nähern Erklärung den Hesperus ziemlich langſam gehen. Meine Änderungen241 daran — eben darum die langweiligern — betreffen blos die Sprache oder Sprachlehre, wozu leider jede Seite Anlaß gibt; daher ich auf den Titel ſetzte: dritte berichtigte Auflage. Denn [?] Szenenände - rungen — wie ich Ihnen ſchon geſchrieben — würden mich noch mehr Zeit und Kraft koſten als die im Siebenkäs die mir doch 8 Monate genommen. — Ihre Druckprobe gefiele mir zwar ſehr als Format; — da ich keinem langen gut bin, lieber dem breiteſten — aber lieber Himmel, dieſer mikroſkopiſche Druck! Sollen dieſe Letter Milben den Leſern die Augen ausfreſſen? — Sogar die alten wären mir lieber, oder die des Titans; kurz nur größere auf dem ſelben Formate, welche Sie wollen und mir zur Anſicht ſchicken. Würde nicht jeder Leſer ein Paar Bogen Mehr, was die größern Buchſtaben gäben, gern bezahlen, zumal da der Preis bei dem Honorar von kaum 1 L. für Bogen, den Hesperus wolfeil laſſen kann? Ich bereue jetzo, daß ich Ihre zuerſt vorgeſchlagnen größern Lettern für Siebenkäs nicht angenommen, ſo erbärmlich ſpitzig ſind die jetzigen. — Meine Antwort auf Ihre künftige mit Druckproben bringt Ihnen gewiß den 1 Band mit; und im Fall Ihnen viel daran gelegen wäre, könnt’ ich wol die vielbändige Lieferung auf Oſtern möglich machen. — Wie kamen Sie ſchon 2 oder 3 mal zur Entſchuldigung über Ihr Betiteln meines bürgerlichen Ichleins, als ob Sie um ein Jota anders an mich zu ſchreiben hätten als ich an Sie? — Blos weil das blos Mündliche mit uns beiden ſtirbt, bitt’ ich in Ihren Brief den Vertrag einfließen zu laſſen: daß Sie für die Auflage von 1000 Ex. des Heſperus 100 Ld. und zwar nach dem Abdruck jedes Bandes 25 L. zahlen und mir 10 Freiexemplare (8 auf Schreib -, 2 auf Velinpapier) geben werden. Der Vertrag iſt kurz und weit genug.
Ich habe heute abends im Mondſchein, mein alter Freund, lange an dich und deinen Morgen gedacht; nicht mit bloßen Glückwünſchen, — welche man ja für alle Menſchen thut und ich für dich an jedem Tage — ſondern mit zwei andern Wünſchen. Der kleinere iſt, daß du im nächſten Jahre, das morgen anfängt, deine gar zu große16 Jean Paul Briefe. VII. 242Begnügſamkeit mit Baireut — deren ich nicht fähig wäre — wenigſtens auf einige Wochen vergäßeſt und geradezu — reiſeteſt. Machen ließe ſichs, wenn du nur wollteſt, und verdient, mein Alter, hätteſt du es längſt. Ahme mich nach.
Der andere Wunſch aber iſt, daß du am Geburt - d. h. am Ent - ſchließtage mir folgen wollteſt, wenn ich dir rathe, unter dem — eben heute abends ausgearbeiteten — Titel: „ Geſammelte Streit - 〈 Oppoſizions - 〉 Blätter gegen neueſte Irr - „ thümer 〈 Anſichten 〉 in Geſchichte, Handel und Politik; von „ Chriſtianus und Georgius. Erſte oder hiſtoriſche Lieferung “— deine Werkchen ſammeln möchteſt.
Himmel! es ginge — deine Aufſätze ſind ſo zerſtreuet und ſo wenigen namentlich bekannt (z. B. mir) — und Reimer, Enslin, Winter, Bertuch ꝛc. ꝛc. wären gewiß behülflich.
Was die Liebe gerathen und gewünſcht, wird auch die Liebe vergeben, ſogar ohne zu erfüllen. Dein Tag werde ſchön und der Nachtrab von 364 Tagen gleichfalls.
Dein Freund Richter
Mein guter Emanuel, guten Morgen! Wird doch alles Gute ſo theuer in der Welt erkauft, wenn man es nicht blos ſelber iſt, ſondern es auch haben will. — Auch meinen Körper ſtechen [!] der Winter mit ſeinen Froſtinſekten. Meine Emma ſoll nachher fragen, was denn eigentlich Ihrer lieben Frau fehlt.
Geliebter und hochgeſchätzter Herr Schwager! Sie haben mir und meiner Frau ein ſchönes Chriſtgeſchenk durch Ihre Nachricht und durch den nähern Antheil gemacht, den Sie mich an dem Neu - geliebten durch das Weiterleihen meines Taufnamens nehmen laſſen. Hier haben Ihnen der Himmel und die herzlich geliebte Minna das243 rechte und unſterblichſte Sinngrün mitten unter dem Schnee - himmel gegeben; und Sie beide werden in daſſelbe die Errata nicht kommen laſſen, wovon Bücher und Menſchen wimmeln. Ich muß oft an Sie ehrend und dankend denken; denn ich höre ſo viel Schönes von Ihnen, Sie wiſſen wo.
Meine Wünſche der Geſundheit für die Nachleidende und für das kleine Chriſtkindchen. Es geh Ihnen allen wol!
Ihr Jean Paul Fr. Richter
So früh ich mich auch immer Monate vorher aufmache, ſo komm’ ich doch kaum vor Thor auf ſchluß des Morgenblattes für das Neujahr mit meinen Frachten an, weil ich zuviel Vergangenheit und Zukunft aufzuladen habe.
Von gegenwärtigem Aufſatze muß — wenn nur möglich — die erſte oder ernſte Abtheilung ganz in das erſte Blatt gebracht werden. Die acht andern mögen ſich dann in mehre Blätter, doch ſo zer - ſtreuen, daß einige Rückſicht auf Zuſammenhang und auf das Gedächtnis der Leſer genommen wird.
Ihre Güte hat immer das Freiexemplar verdoppelt; ich bitte Sie nur um Eines auf der fahrenden Poſt.
Den Betrag für meine vorigen Aufſätze dieſes Jahrs bitt’ ich Sie in einem Papier auf Frankfurt a / M anzuweiſen. Sie werden ſich noch erinnern, daß das Honorar nach Schmelzle’s Druck zu 5 L. d’or für 1 Bogen gerade 16 L. d’or für 1 Morgenblattbogen nach Ihrer Berechnung gab.
Da Sie leichter im künftigen Jahre mich ſelber ſehen werden als in dieſem noch eine Zeile von mir: ſo will ich dieſes mit den herz - lichſten Wünſchen für Ihre Zukunft ſchließen, von der Sie wahr - ſcheinlich nicht viel mehr nöthig haben werden als rechte Geſund - heit für ſich und die Ihrigen.
Ihr unveränderlicher Jean Paul Fr. Richter
An meinem Herzen waren viele; in ihm warſt, und bleibſt nur du, — und ſo traue mir denn durch die kleine Zeit meines Lebens gar hindurch.
Guten Morgen, lieber Emanuel! Seltſam! eben in dieſer Minute dacht’ ich an Sie und Ihre Unſichtbarkeit, gegen welche es ſogar nichts hilft, wenn ich Emma zu Ihnen ſchicke. Der Himmel gebe, daß vierfache Geſundheit bei Ihnen den Winter verbirgt! Nie that mir die Kälte weniger Schaden.
Guten Morgen, lieber Emanuel! Mögen Sie das alte Jahr mit 14 Seiten von mir beſchließen, die Sie zwar ſchon vor zwei Jahren geleſen, aber nur ungedruckt?
R.
Guten Morgen, Otto! Hier haſt du den ekel-flachen Stourdza, den man ſchon wegen der Stellen p. 19 und 24 wegwerfen ſollte und der nicht das Feuer, ſondern den Abtritt verdient. — Willſt du nicht meiner Frau den 4. Titan leihen, da meiner im Lande iſt, das er darſtellen will?
So — wie Ihre letzte Schrift - und Formatprobe — wünſcht’ ich auch den Siebenkäs und noch mehr abgedruckt; und für die Zukunft alles, über deſſen Herausgabe wir etwa übereinkämen.
245Der erſte Band meiner Biographie wird vor Einem Jahre nicht fertig; ſo wie zwei Bände eines neuen komiſchen Romans ebenfalls, ob ich gleich an dieſen ſeit mehren Jahren arbeite und mehr als 30 Bogen ſchon habe kopieren laſſen; denn ich fange immer wieder von vornen an. Noch hab’ ich an keinen Verleger gedacht; denn ich thu es nie früher als bis das Werk vollendet iſt.
Ich fand am Ende, daß ich eine dritte Auflage, wo auf jeder Seite ein Wort verbeſſert iſt, recht gut eine verbeſſerte nennen kann. Eine vermehrte wird der Heſperus ohnehin nie, weil eher aus ihm wegzunehmen als in ihn hineinzubringen iſt. Gleichwol koſtet mich dieſe Art von Arbeiten unendlich viel Zeit, Geduld und Mühe.
Hart befremdete es mich aber, guter Reimer, daß Sie eine ganz neue Bedingung — den Wiederzurückkauf des Hesperus bei einer Geſammtausgabe — in Ihr letztes Schreiben bringen, eine Bedin - gung, an welche bisher weder mündlich, noch ſchriftlich auch nur gedacht worden, wie Sie ſelber ja ſogar in Ihrem letzten ſagen: „ Die Bedingungen über den Heſperus glaube ich ſchon auf Ihren „ Wunſch in einem frühern Briefe unſere Verabredungen wieder - „ holend anerkannt zu haben ꝛc. “ Auch würd’ ich nie bei dieſer neuen Bedingung in das geringe Honorar gewilligt haben; ja nicht einmal bei einem größern, weil ich mir bei meiner Geſammtausgabe, (ſo viele Jahre ſie auch, zumal bei meinem jetzigen Überdruße, da zu beſſern, wo ich noch Kraft zu vielen und langen Werken habe, noch ausbleiben wird) nicht ſo ſehr die Hände binden will. In der Ge - ſammtausgabe wird dieſer Heſperus, ſo wie der Siebenkäs und Jubelſenior ꝛc. ꝛc. nicht vermehrt, ſondern eher verringert, nämlich die Extrablätter werden in beſondere Bände geworfen; und mancher Nichtkäufer der Geſammtwerke wird daher immer den dritten Hesperus ꝛc. ꝛc. begehren. Wozu viele Worte? Ich ſende Ihnen hier den erſten Band mit dem vollen Vertrauen, daß Sie den Druck deſſelben nur dann anfangen laſſen, wenn Sie ganz mir zuſtimmen.
Sogleich nach Ihrer bejahenden Antwort kommt auch der jetzo nicht ganz fertige zweite Band.
In jener bitt’ ich Sie auch mir recht beſtimmt zu ſchreiben, ob Sie den 3ten und 4ten noch auf die Oſter M [eſſe] liefern wollen; und mir in dieſem Falle ſcharf die Zeit zu beſtimmen, wann Sie beide246 haben müſſen. Ich würde dieſe Beſchleunigung, obwol mit einiger Aufopferung, möglich zu machen wiſſen. — —
— Und ſomit des Kaufmänniſchen mehr als zu viel! Das neue Jahr ſoll uns in neuer Eintracht finden; und möge daſſelbe Sie in Ihrem ſo weiten Kreiſe von Verdienſten um die gelehrte Welt neben den innern Belohnungen auch die äußern antreffen laſſen!
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, mein Emanuel! Laſſen Sie ſich eine unbedeu - tende Frage thun. Wie ich jetzo überhaupt auf Briefe vergeblich paſſe — z. B. auf Voßiſche ſchon einen Monat lang — ſo bekomm ich heute nicht einmal von Frankfurt über die Loosziehung einen. Bedeutet etwa Schweigen, daß man durchgefallen?
Gott ſei Dank! den 6ten Briefe erhalten.
Länger, mein Heinrich, halt’ ich mein quälendes Muthmaſſen über die Urſachen deines längſten Schweigens nicht aus. Den 17ten Novemb. ſchickte ich dir meine noch unbeantwortete Antwort auf deine 3 Briefe. Und lauter traurige Anläſſe deiner geiſtigen Unſichtbarkeit kann ich mir nur gedenken zum Erklären, worunter Geſchäft-Überhäufungen immer noch die beſſern wären. Gott ver - hüte, daß dich ein Krankenlager feſſelt, oder daß die Deinigen auf einem leiden. Ich bitte dich daher innigſt, laſſe mir wenigſtens durch eine unſerer Freundinnen z. B. Sophie Dapping, ſchreiben, damit doch nur Ein Sternchen aus der Dunkelheit herüber ſchimmere, die für mich über Heidelberg liegt. Auch meine Freunde begreifen nicht, und ſehnen ſich.
Bei dieſer ſchwankenden Vergangenheit hab’ ich ordentlich keine Kraft, dir nur von etwas anderem zu ſchreiben als von dir. Ich247 dachte nicht, daß ich ohne deinen Schreibhanddruck ins neue Jahr übertreten würde. Hätt’ ich nicht immer ſo ſehr gehofft, ich hätte ſchon im alten geklagt.
Unerwartet zogen die Eistage dieſes mal vor meiner Lunge und meinem Herzen vorbei, ohne beide feindſelig zu berühren. Ende künftiger Woche werden noch einige Schneetage nachkommen; und dann wird dieſe ruſſiſche Einquartierung friedlich vorüber ſein. Kleine Wetterſtiche muß man in dieſem winterlichen Franken nicht achten.
Von deinem zweiten Bande des Shakeſpear’s iſt mir noch nichts zugekommen. — Dein Todesurtheil über die Ahnfrau unterſchreib’ ich nicht nur, ich unterſtreich’ es mit rother Blut - und byzantiniſcher Kaiſerdinte. Blos mehre Blitze der Sprache ausgenommen, iſt mir dieſe Ahnfrau eine erbärmliche Scheintodte, die nicht einmal in den gemeinen Schauder vor einer Leiche verſetzt. —
Deine frühere Frage über das Bockblut bei Diamanten hab’ ich richtig beantwortet; ich fand in Leſſings antiquariſchen Briefen B. 11 der opp. S. 241 die Stelle aus Plinius wieder: hircino sanguine, eoque recenti calidoque, macerata (adamas).
Endlich hat das Geſtern mein Sehnen geſtillt und mir die alten Freuden wiedergegeben, du Treueſter! Wahrlich, in meiner Wolke dacht’ ich oft dich oder eines von deinen Eltern geſtorben. Doch dieß mal hatte nur eine Gaſt-Freude den Knoten des Schauſpiels geknüpft und eine andere ihn gelöſet.
Jetzt will ich dir antworten mit vieler Vernunft; nur werde jedes Durcheinander erlaubt!
Um des Himmels Willen überarbeite dich nicht, um etwan eine Reiſe machen zu können — die dann am Ende leicht über die Leben - digen hinaus gehen könnte. Nicht einmal einer Reiſe, ſondern nur einer Beſchleunigung derſelben wegen willſt du dir den Körper und am Ende auch ein Buch*)Nach 10 Jahren iſt dir gleichgültig, ob die Reiſe früher geweſen, aber nicht, ob dadurch das Buch weniger gut geworden. verderben, welche beide doch länger dauern248 ſollen? Sei mäßig, ſogar im Vorſetzen. Du biſt noch in den friſchen, kraftreichen, aber heimtückiſchen Jahren, wo der Körperbau ſich ohne Bewegung und Zeichen eine lange Untergrabung gefallen läßt, bis er plötzlich mit dem ganzen Boden hinunter bricht und nichts über ihm übrig bleibt als ein — Hügel mit dem Kreuz; indeß ältere, zärtere, empfindlichere Naturen, wie meine, ſchon vor jedem kleinſten Übermaße erzittern und jeden Misgriff des Augenblicks auf der Stelle durch Schmerzen angeben und ſo die Krankheit durch Kränklichkeit abwenden. — Daß wir beide uns dennoch ſähen, dazu könnte Gott doch Gelegenheit geben, wenn ich nach Stuttgart ginge in dieſem Jahre; denn nur zwiſchen Stuttgart, und zwiſchen Mün - chen und Weimar ſchwank’ ich noch, aber mit jenes Überſchlag.
Deine Briefaushebung ſoll bald an deinen Abraham gelangen, aber wahrlich nicht ohne ein warmes Grußwort von mir.
Cotta hat es nur vergeſſen mit den S-Aufſätzen. Lies im Mor - genblatt ja alles davon hindurch, nicht blos die 12 Briefe. Die berliniſche Geſellſchaft für deutſche Sprache dankte mir dafür, ließ mich aber um 1 Exemplar bitten. Durch das Zerſtücken des Mor - genblattes kam niemand zum rechten Anſchauen.
Mutter, Tochter und Vater Paulus grüße von mir recht herzlich und ſage dieſem, daß mein Studium ſeines Kommentars ſo wie das wiederholte von Leſſing mich immer ſtärker gegen die neuen Über - chriſten wie Kanne, Ammon, Harms, ꝛc. ꝛc. erbittern, wie es ſchon mein dießjähriger Neujahraufſatz im Morgenblatte zeigt. Ach hätten wir kein anderes Chriſtenthum als in den 4 Evangelien wörtlich ſteht — und alſo keine 3 Chriſten-Spaltungen, zumal die abſcheulichſte, die katholiſche — wie viel Blut und Nacht wäre dem armen Europa erſparet worden!
Lieber Heinrich, den größern Gefallen thäteſt du mir und den Nichtleſern des Meßkatalogs, wenn du jetzo ſchon die Anzeige des neuen Siebenkäs im Morgenblatte geben wollteſt. Sie braucht ja nur dürr den Unterſchied zwiſchen dem neuen und alten auszuſprechen. — Inwiefern glaubſt du, daß der Jubelſenior durch meine Lebens Beſchreibung Licht erhielte? — Machſt du es nicht wie ich und legſt während der Schreib-Pauſen ein Blättchen hin, auf welches du die brieflichen Materien, die der Zwiſchenraum zuführt, mit einem Worte aufzeichneſt, weil man gerade im Feuer des Briefs ſelber249 ſich aller am wenigſten entſinnt? — Nun lebe wol und grüße zuerſt deine theuern Eltern, und Overbeck und die leidenden Schwarz und Thiedemanns und alle übrigen, die mich gegrüßt.
Dein alter J. P. F. Richter
Guten Morgen, mein Emanuel! Seltſam genug trifft ſich alles. Kurz vorher ſagt’ ich Emma, daß ſie des guten Voß Briefe — ach die arme Sophie! — zuerſt zu Ihnen tragen ſollte — Auch hatt’ ich noch fragen wollen, ob Sie nicht noch alte Briefe von Reimer hätten, und dann von Welden erzählen wollen — als Ihre vortreff - liche Einladung an das Magen-Fünf anlangte. Ich kann Ihnen dann alles mündlich ſagen, ſo lang ich nicht käue oder trinke. Wir kommen mit Freuden und danken Ihnen beiden.
Haben Sie recht viel Dank, daß Sie mich für Ihre neuliche Abweſenheit durch Ihre herzlichen Briefe entſchädigen. Auch die ſchöne Stelle aus Juliens Briefe und ihr ſinnvoller zarter Gebrauch der Perlen haben mich recht erfreuet. Aber die Perlen erinnern mich an Ihre Perlſchrift voll lauter Miniaturbuchſtäbchen. Soll denn die Feder das Auge ſo entkräften wie die Nadel, zumal wenn noch dazu kommt, daß manche männliche Hand ſchwärzer iſt, als Ihre — Dinte? Glauben Sie denn, l [iebe] F [reundin], man brauche die Augen blos, um Augen zu ſehen? — Laſſen Sie mich alſo durch mein Wörtchen Ihr Augenarzt geweſen ſein für die Zukunft. Es gehe Ihrem guten Herzen immer wol!
Guten Morgen, mein Emanuel, der für ſeine eigne Liebe und Güte uns dankt. Wir danken ihm auch für jene und für den Dank250 ſelber. — Das Schwarze nur fehlt Ihnen, bei allem Umgange mit Schwarzen — nämlich rechte Dinte. Schicken Sie doch Ihr Gläs - chen.
Vorgeſtern bracht’ ich den zweiten Band zu Ende, weil ich gewiß für heute, am Tage der fahrenden Poſt Ihre Antwort erwarten konnte, für deren Liebe und Beſtimmtheit ich Ihnen recht herzlich danke, lieber Reimer. Zur Oſtermeſſe ſollen die 2 letzten Bände folgen, welche mir, da ſie mehr ernſter und lyriſcher Natur ſind, die Mühen der Beſſerung verringern werden. Eigentlich arbeit’ ich lieber ganz neue Stücke aus — wie z. B. zum Siebenkäs — als neue Zeilen oder neue Wortſtellungen und Worterfindungen, zu welchen jeder neue Zuſammenhang eine neue Anſtrengung fodert. Käufer der 2ten Auflage haben auch dieſe dritte nöthig, da in ihr eben ſo viel Verbeſſerungen ſind wie in jener, nur weniger durch große als durch kleine Stücke. Freilich gingen Ihnen die letzten Hunderte der 2ten Auflage langſam ab; aber bedenken Sie, daß vorher wenigſtens 1500 verkauft waren, ehe Sie die übrigen nur bekamen. Hingegen jetzo! — Ich ſollte überhaupt gar nicht ſoviel von meinen Geſammt - werken reden, da ich vor 6 Jahren gar nicht dazu kommen werde. — Mein „ hart befremdend “bezog ſich nicht auf Härte der Be - dingung, ſondern nur auf das ſpäte Nachkommen derſelben. — — Doch Sie haben nun alles mit ſo ſchöner und Ihrer würdigen Er - wiederung gelöſet! — Gewiß iſt dieß nicht das letzte Buch, das Sie von mir verlegen. In den komiſchen Roman will ich alles Komiſche bringen, was ich nur zu erſchaffen vermag; nur aber lang wird er dadurch werden.
Es gehe Ihnen recht wol!
Mit wahrer Achtung Ihr J. P. Fr. Richter
Im ſiebenten meiner magnetiſchen Geſichte (nicht Geſichter) iſt zu meinem Erſtaunen die ganze Satire auf den Ehebruch ausgelaſſen, und dadurch die ganze Stelle von der Megära unbegreiflich ge - worden. Schwerlich konnte die Zenſur, die mir das Politiſche ſtehen laſſen, an einer Ironie ſich ärgern, die weder mit Ernſt, noch mit perſönlichen Anſpielungen (leider! denn ſie paßt auf alle Städte) zu verwechſeln iſt. Oder konnte die Redakzion ſich eine ſolche eigen - mächtige Verſtümmlung erlauben, ohne ein Zeichen derſelben für den Leſer und ohne Anfrage bei dem Autor, zu welcher unter dem langſamen Abdruck Zeit genug geweſen? Eine Redakzion kann, wie eine Frau, das Anſtößige nur abweiſen, nicht kaſtrieren; denn wahrlich ſonſt wüßte man ja nicht, wenn man ſich einer näherte, in welcher Geſtalt man darauf der Welt erſcheinen müßte. — Mir iſt alles unbegreiflich. Übrigens bleibt mir zur Selberhülfe nichts übrig als die elegante Zeitung oder ſonſt eine, in welche ich das ab - geſchlagne Bruchſtück niederlege mit der Bemerkung ſeiner ur - ſprünglichen Stelle.
Auf mein beigelegtes Briefchen vom 21ten Dez. hab’ ich von Ihnen noch keine Antwort erhalten. Ich bat Sie darin für meine drei Arbeiten des vorigen Jahrs um eine Anweiſung nach Frankfurt. Ich wiederhole meine Bitte um dieſe, zumal da ich ſie einem hieſigen Kaufmann zu ſeiner dortigen Abſchluß-Rechnung ſchon lange ver - ſprochen. Der Himmel wende die ſchlimmſte Veranlaſſung Ihres ungewöhnlichen Schweigens, nämlich Krankſein ab! —
Noch einmal! Um ſo ſchmerzlicher empfind’ ich die Weglaſſung, da ich blos aus Liebe für Sie alle leichtern Arbeiten unterbreche und vertauſche mit der ſchweren monatlangen für Ihr Blatt, eine Mitarbeit, zu der mich andere Wochenſchriften vergeblich zu be - reden ſuchen.
Leben Sie recht wol und gedenken Sie meiner Bitte!
Ihr Jean Paul Fr. Richter
Guten Morgen, Alter! Hier ſchick ich dir das Morgenblatt mit ſeinen verbeſſerten Druckfehlern und mit der Wiederherſtellung des abgehauenen Glieds; und bitte dich, mir es Sonntags wieder zu ſchicken. Auch ſend’ ich dir mein Korreſpondenzbuch, damit du aus verſchiedenen Gründen die kopierten 2 Briefe an Reimer und den an Cotta leſen mögſt. — Hier folgt noch die erſte Todes Anzeige in ihrer Art. Die Verſtorbne ſpie noch auf dem Todtenbett dem Apo - theker ins Geſicht. Eine ſchauderhafte Ehe!
Mein guter Emanuel! Nur um Ihnen mit Buchſtaben etwas näher zu kommen und von Ihrem Leben etwas zu erfahren, ſchick’ ich und ſchreib’ ich. Die beiliegenden Briefe hatte Otto ſchon. — Wollen d. h. können Sie in dieſer Woche meinen Aufſatz im Morgenblatt, das ich nun bekommen, ſammt meiner Ergänzung des Weggeſchnittnen durchfahren?
auch Voß ſchrieb ſchon heute wieder.
Guten Morgen, mein alter Emanuel! Was mich anlangt, ſo werd’ ich meines Orts heute für meine Perſon mit Vergnügen kommen. Zu reden haben wir ohnehin genug. — Hier der kräftige Hagen, der ſich jetzo in München durch 100 Ebenbilder verviel - fältigen ſollte.
Ihr heutiger Brief hat mir Freude mitgebracht. Da ich erſt Ihre Erklärung abwartete, eh ich etwas in andern Zeitungen that: ſo brauch’ ich jetzo zum Glücke — nichts zu thun. Ihrem Unterſchiede zwiſchen einem Tagblatte und einem Buche will ich mich, bei 〈 un -253 geachtet 〉 aller Sittlichkeit meiner Abſicht und Darſtellung, gern bequemen und opfern. Nur hätte gleich zuerſt zum Zeichen des Opferns ein Auslaßzeichen geſetzt werden ſollen; und Sie werden alſo um ſo mehr, zu meiner Genugthuung, die letzten Zeilen der Druck - fehleranzeige unverändert drucken laſſen.
Ich danke für die ſaldierte Rechnung des vorigen Jahrs.
Durch den Tod Ihrer geliebt-liebenden Königin iſt Ihnen freilich ein großer Himmel eingeſtürzt, aber ein kurzer ſogar mir