by J. G. 〈…〉〈…〉Printed in Germany
Äußere Rückſichten und noch mehr der Wunſch, die Leſer des erſten Bandes nicht zu lange auf die Fortſetzung warten zu laſſen, haben mich bewogen, den zweiten Band zu teilen. Dabei war es unvermeidlich, die Nachweiſe in die zweite Hälfte zu verweiſen, die in Jahresfriſt folgen ſoll. Bis dahin werden alſo die ſich ſchon gedulden müſſen, die für einige von der her - kömmlichen Auffaſſung abweichende Stellen die Begründung erwarten.
Stuttgart, im November 1936 J. H.
Die Wandlung, die das ſtaatliche Bild Jtaliens im Laufe des achten Jahrhunderts erfahren hatte, war am meiſten dem Biſchof von Rom zuſtatten gekommen. Landesfürſt war er geworden, zu ſeiner geiſt - lichen Würde hatte er einen weltlichen Staat erworben. Wer jedoch darin ſchlechthin einen Gewinn ſähe, würde den Tatſachen ſchwerlich gerecht. Der erſte unter den Biſchöfen war jetzt unter den Fürſten der letzte. Das Gebiet, das er ſein eigen nannte, beherrſchte er nur zum Teil, und als gewähltes Oberhaupt eines Staates, in dem die Parteigegen - ſätze ſcharf und leidenſchaftlich und die wichtigſten Machtmittel in den Händen eines gewalttätigen Adels waren, ſaß er nicht allzu feſt auf ſei - nem Thron. Sein Land war klein, ſeine Macht gering, und ſeine Nach - barn waren Großmächte: der König der Franken und Langobarden auf der einen, der griechiſche Kaiſer auf der andern Seite. Mit beiden hatte er zu rechnen. War der Franke der nähere und ſtärkere und als römi - ſcher Patritius der unmittelbare Herr, von dem das Schickſal Roms im Guten wie im Böſen abhing, ſo durfte auch der ferne Kaiſer in Konſtantinopel nicht außer acht gelaſſen werden, war er doch dem Rechte nach noch immer der Oberherr, den Papſt und Kirchenſtaat als ſolchen anerkannten. Zwar gehörte ihm auf dem Feſtland Jtaliens nur wenig: im Süden beſtand neben dem Zipfel von Kalabrien ein Kommandobezirk um Otranto mit dem ſtolzen Namen Langobardia, die Küſtenſtädte im Weſten, Amalfi, Neapel und Gaeta, ſtanden dem Namen nach unter kaiſerlichen Befehlshabern, und Venedig betrachtete ſich bei aller tatſächlichen Unabhängigkeit als zum römiſchen Reich ge -Haller, Das Papſttum II1 12〈…〉〈…〉hörig. Um ſo wichtiger war der Beſitz Siziliens. Es bot, wenn einmal in Konſtantinopel wieder an Rückeroberung des Verlorenen gedacht wurde, den bequemſten Stützpunkt, und erſtorben waren ſolche Gedanken keineswegs, ſie ſchlummerten nur und konnten jeden Augenblick erwachen. Kam es aber zum Krieg zwiſchen Griechen und Franken, ſo drohte dem Papſt das Los, zwiſchen die kämpfenden Reihen zu geraten. Daß die Griechen ſiegten, konnte er nicht wünſchen, weil ihn das ſeinen neu - erworbenen Staat koſten mußte. Und doch zogen alte Überlieferungen, die geſamte Grundlage der Geſittung den Römer bei allem Abſtand vom Oſten immer noch mehr auf die Seite der Griechen, während die Franken ihm in jeder Hinſicht als Fremde, nach altrömiſcher Vorſtellung als Barbaren erſchienen, deren Herrſchaft man, ſeit ſie die Erben der Langobarden geworden waren, notgedrungen, doch nicht gern ertrug. Aber auch eine völlige Ausſöhnung zwiſchen ihnen und dem Kaiſer barg für den Papſt unter Umſtänden eine Gefahr. Noch beſtand ja die Spal - tung zwiſchen Rom und Konſtantinopel in der Frage der Bilderver - ehrung, die kirchlichen Beziehungen waren abgebrochen, gegenſeitig be - drohte man ſich mit dem Vorwurf der Ketzerei. Jn Rom aber kannte man die Franken genug, um zu wiſſen, daß ſie nach ihrer ganzen Art, bei ihrer ausgeſprochenen Gleichgültigkeit, wenn nicht Abneigung gegen die religiöſe Verehrung der toten Bilder viel eher als das bilderan - betende Rom mit der bilderfeindlichen Soldatenregierung des Oſtens ſich würden zuſammenfinden können. Der volle und aufrichtige Friede zwiſchen den beiden Großmächten konnte alſo leicht auf Koſten Roms und ſeines kirchlichen Anſehens geſchloſſen werden, und dem vereinten Willen von Oſt und Weſt hätte auch ein Papſt ſich fügen müſſen.
Dieſe Gefahr rückte ſchon zu Pippins Lebzeiten näher. Jn Kon - ſtantinopel fand man ſich, ſelbſt bedroht im Norden von den Bulgaren, im Oſten von Arabo-Perſern, mit der Geſtalt, die die Dinge in Jtalien anzunehmen begannen, vorläufig ab und ſuchte anſtatt ausſichtsloſen Kampfes, zu dem die Kräfte fehlten, vielmehr die Verſtändigung mit der neuen Vormacht des Weſtens. Man ging darin ſehr weit. Eine griechiſche Geſandtſchaft erſchien am fränkiſchen Hof, bot ein Bündnis an und warb für den Thronfolger um die Hand von Pippins Tochter. Für fränkiſche Gemüter eine hohe Auszeichnung! Man begreift, daß Pippin nicht ablehnte. Seine Geſandten begleiteten den heimkehrenden Griechen nach Konſtantinopel. Was der Kaiſer bot, was er forderte,3〈…〉〈…〉wiſſen wir nicht. Nur eines wiſſen wir: wenn die Verbindung zuſtande kommen ſollte, mußte man kirchlich einig ſein. Darüber wurde nun ver - handelt, und in Rom herrſchte ernſte Beſorgnis, daß man ſich verſtän - digen werde. Die Sorge war unnötig, Pippin erwies ſich als ehrlicher Schutzherr. Den fränkiſchen Geſandten nach Konſtantinopel durfte der Papſt ſeine eigenen mitgeben, und als die Griechen wiederkamen, nahmen päpſtliche Legaten an den Verhandlungen teil. Wir kennen davon nur das unbefriedigende Ende: daß in Gentilly bei Paris im Jahre 767 eine fränkiſche Synode zuſammentrat, auf der zwiſchen Römern und Grie - chen „ über die heilige Dreieinigkeit und die heiligen Bilder “geſtritten wurde, und daß die geplante Heirat nicht zuſtande kam. Die Lage blieb unverändert und ungeklärt. Als zwei Jahre ſpäter der Sturz des unglück - lichen Papſtes Konſtantin und die Erhebung Stefans III. durch eine Syn - ode in Rom beſiegelt wurde, an der zwölf fränkiſche Biſchöfe teilnahmen*)Siehe Bd. 1, S. 415., wurde auch die Bilderfrage eingehend erörtert und der Satz zum Be - ſchluß erhoben, daß, wer in die Gemeinſchaft der Heiligen zu gelangen wünſche, nicht nur ihre Überreſte, ſeien es Leiber oder Kleider, und die ihnen geweihten Kirchen, ſondern auch ihre Bildniſſe zwar nicht wie Teile der Gottheit anbeten, aber auf das feierlichſte verehren müſſe, widrigenfalls ihn der Fluch treffe. Die Stimmung, in der dieſer Beſchluß gefaßt wurde, ver - rät eine Äußerlichkeit. Anſtatt der üblichen Datierung nach dem Kaiſer - jahr bediente ſich das Protokoll zum erſtenmal der Formel „ unter der Re - gierung Jeſu Chriſti gemeinſam mit dem Vater und dem heiligen Geiſt “.
Die Dinge änderten ſich zunächſt nicht, als Karl der Selbſtändigkeit des langobardiſchen Reiches ein Ende machte. Dann aber trat in Kon - ſtantinopel ein Umſchwung ein, der alsbald auf die Verhältniſſe im Weſten zurückwirkte.
Die gewalttätige Kirchenpolitik des Soldatenkaiſers Konſtantin V., der die Bilder zerſtören, ihre Verteidiger hinrichten ließ und den Ein - fluß der Mönche zu brechen ſuchte, hatte ſchon unter ſeinem Nachfolger Leo IV. (775 ‒ 780) eine Milderung erfahren. Die Bilder indeſſen blie - ben gemäß dem Beſchluß der Synode von 754 verboten. Erſt der Tod Leos und die Übernahme der Regentſchaft für den Knaben Konſtantin VI. durch deſſen Mutter Jrene brachte die Wendung. Die Athenerin hatte ihre Hinneigung zu den Bilderfreunden ſchon früher verraten. Jetzt tat ſie, kaum zur Regierung gelangt, die einleitenden Schritte zur Umkehr[4]〈…〉〈…〉von der bisherigen Bahn. Sie nahm Verbindung mit dem Weſten auf, und zwar zuerſt mit dem, deſſen Wille dort entſchied, mit König Karl.
Zwiſchen dem fränkiſch-langobardiſchen und dem griechiſchen Reich hatte der unklare Zuſtand, der weder Krieg noch Friede heißen konnte, zu mancherlei Reibungen und Feindſeligkeiten geführt. Dem ſollte ein Ende gemacht werden. Jrene in ihrer unſicheren Stellung als Regentin ſuchte den Frieden und die Freundſchaft des mächtigen Nachbarn. Als Karl zu Anfang 781 in Rom war, erſchien bei ihm ein kaiſerlicher Wür - denträger. Er brachte ihm die gleichen Anträge wie einſt ſeinem Vater: Friede und Bündnis und die Hand einer Königstochter für den jungen Kaiſer. Diesmal einigte man ſich raſch. Karls älteſte Tochter Rotrud wurde mit Konſtantin VI. verlobt, ſie acht, er zwölf Jahre alt. Ein Grieche blieb zurück, um die Prinzeſſin auf ihre künftige Würde vor - zubereiten, und einige Biſchöfe, die ſie begleiten ſollten, nahmen griechi - ſchen Unterricht. Es war alſo ernſt gemeint. Papſt Hadrian kann nichts da - gegen gehabt haben. Er war, als der Vertrag geſchloſſen wurde, mit Karl in beſtem Einvernehmen — wir erinnern uns, daß 781 das Jahr iſt, wo er die große Abfindung für den Verzicht auf das Verſprechen von Quierzy erhielt*)Siehe Bd. 1, S. 428 f. — und der Friede zwiſchen Franken und Griechen eröffnete ihm die Ausſicht, daß in der Bilderfrage ſein Standpunkt ſiegen werde.
So kam es auch. Nur den Rücktritt des Patriarchen Paulus, der durch ſeine bisherige Haltung gebunden war, wartete Jrene ab, dann machte ſie einen ihrer Vertrauten, den geheimen Rat Taraſios, zum Patriarchen, und dieſer beeilte ſich, die Hand zur Wiederherſtellung der Bilder zu bieten (784).
Jhre Bekämpfung war immer auf die Grenzen des griechiſchen Rei - ches beſchränkt geblieben. Jn den unter arabiſcher Herrſchaft liegenden Patriarchaten Alexandria, Antiochia, Jeruſalem hatte man ſie ebenſo - wenig mitgemacht wie in Jtalien. Auf der römiſchen Synode 769 war das kundgeworden, als eine Erklärung des ägyptiſchen Patriarchen zugunſten der Bilder verleſen wurde, abgegeben zugleich im Namen von Antiochia und Jeruſalem. Vor dieſen ſich zu beugen, wäre dem Reichspatriarchen ſchwergefallen, für ein Nachgeben gegenüber Rom, dem erſten der fünf großen Stühle, gab es mehr als einen Vorgang. Wieder wie ein Jahrhundert früher in der Willensfrage**)Siehe Bd. 1, S. 310 ff. ſollte die5BilderfrageAutorität der alten Hauptſtadt einen Wechſel der Reichspolitik decken. Jm Herbſt 785 erhielt Papſt Hadrian von Kaiſer und Patriarch, von dieſem zugleich mit der altüblichen Anzeige ſeiner Thronbeſteigung, die Mitteilung, daß ſie entſchloſſen ſeien, den Bildern die ihnen zukommende Verehrung wiederzugeben und zu dieſem Zweck eine allgemeine Synode in der Reichshauptſtadt abzuhalten. Sie luden den Papſt dazu ein.
Hadrian beeilte ſich ſehr mit der Antwort. Das Schreiben des Kaiſers kann er früheſtens um den 1. Oktober 785 erhalten haben, und ſchon vom 26. desſelben Monats ſind ſeine Antworten datiert. Sie ſind von einem leiſen Mißklang durchzogen. Hadrian kann nicht ganz ungerügt laſſen, daß Taraſios, entgegen den alten Vorſchriften, als Laie auf den Pa - triarchenſtuhl gelangt iſt. Aber in Anbetracht der guten Abſichten will er ein Auge zudrücken. Er nimmt auch — wie einſt Gregor I. — an dem Titel des „ Geſamtpatriarchen “(oikumenikós patriarches) Anſtoß, den der Kaiſer für Taraſios gebraucht hat, unterſtreicht dafür um ſo ſtärker den eigenen Vorrang und das Erbe Sankt Peters, das ihn zum Ober - haupt aller Kirchen mache. Aber er läßt es bei einem platoniſchen Widerſpruch bewenden und zieht keine Folgerungen. Bei ihm überwiegt die freudige Anerkennung dafür, daß nun auch die Griechen nach langer Verirrung zu römiſchem Glauben und Brauch ſich bekehren wollen, der allzeit der rechte und für alle maßgebend ſei. Dies für den vorliegenden Fall aus der Überlieferung darzutun, macht Hadrian wohl einen Ver - ſuch, aber man hat allen Grund zu bezweifeln, ob die wenigen Beiſpiele aus dem Alten Teſtament und Ausſprüche von Kirchenvätern, die er für die Bilderverehrung anzuführen weiß, den Griechen großen Eindruck gemacht, geſchweige denn als unwiderlegliche Beweiſe genügt haben werden. Die Rolle des unfehlbaren Lehrers in Glauben und Brauch hat Hadrian hier nicht gut geſpielt, ſeine großen Vorgänger Leo, Gelaſius, Hormisda würden anders geſprochen haben. Dem Kaiſer gegenüber iſt ſein Ton geradezu demütig. Anſtatt anzuordnen und zu befehlen, bittet er, fleht den Herrſcher an, ja beſchwört ihn, die Verehrung der Bilder überall herzuſtellen. Er verlangt nicht Gehorſam als unbedingte Pflicht, er lockt mit Verheißung von Triumph und Sieg über alle Barbaren und ſtellt Karl als leuchtendes Beiſpiel hin, den ſeine Ergebenheit gegen Sankt Peter zum Herrn über alle weſtlichen Völker gemacht, der der römiſchen Kirche Länder und Städte geſchenkt und ſie bereichert habe. Was die angekündigte Synode betrifft, ſo iſt Hadrian bereit, ſie zu be -6Siebente Synodeſchicken, wenn für den zu faſſenden Beſchluß und die Freiheit der Ver - handlungen im voraus eidliche Sicherheit geleiſtet werde. Vom Vorſitz der Legaten iſt nicht ausdrücklich die Rede. Man muß ſchon ſagen, weniger anſpruchsvoll hatte noch nie ein Papſt in ähnlicher Lage zum Kaiſer geſprochen. Dazu paßt, daß Hadrian nicht daran denkt, die Rückgabe deſſen, was ſeinen Vorgängern beim Ausbruch der Spaltung genommen wurde, zur Bedingung zu machen. Er „ fordert “wohl (pos - cimus), daß der römiſchen Kirche die eingezogenen Patrimonien und die Oberhoheit über die Biſchöfe Siziliens und Jllyriens wiedergegeben würden, aber daß er auf der Forderung beſtehen werde, hört man aus ſeinen Worten nicht heraus.
Überbringer dieſer Antwort waren der Erzprieſter der römiſchen Kirche und der Abt eines römiſchen Griechenkloſters. Die Abſicht war nicht, daß ſie Rom auf der bevorſtehenden Synode vertreten ſollten. Dazu hätte man wohl auch diesmal, wie früher ſtets, eine anſehnlichere Ge - ſandtſchaft gewählt. Auch iſt in dem ihnen mitgegebenen Schreiben mit keinem Wort von einer Vollmacht zur Vertretung die Rede. Die beiden Geiſtlichen ſollten vielmehr nur vorbereitende Verhandlungen führen, die erwähnten Sicherheiten in Empfang nehmen und heimkehrend be - richten. Ob ſie nun ihren Auftrag bewußt überſchritten, oder ob ſie ſich überrumpeln ließen, ſie beteiligten ſich an der Synode, die die Kaiſerin im Auguſt 786 in Konſtantinopel eröffnete, ohne mit dem Papſt vorher in engeres Benehmen getreten zu ſein.
Jrene hatte ihre Macht überſchätzt. Eine Schilderhebung der haupt - ſtädtiſchen Truppen, die an den Überlieferungen Konſtantins V. feſt - halten wollten, ſprengte die Verſammlung, und die Römer reiſten heim. Aber auf Sizilien wurden ſie von einem kaiſerlichen Kurier eingeholt, der ihnen den Befehl zur Umkehr brachte. Sie gehorchten und fuhren nach Konſtantinopel zurück. Jrene war es gelungen, die unbotmäßige Garde unter dem Vorwand eines Feldzugs aus der Hauptſtadt zu ent - fernen, ungehindert konnte die Synode wieder zuſammentreten, aber der Vorſicht halber und zugleich, um ihr ein beſonderes Anſehen zu geben, nicht in Konſtantinopel, ſondern im gegenüberliegenden Nikäa, dem Ort der erſten hochheiligen Reichsſynode. Hier tagte die Verſamm - lung ſeit dem 27. September 787, nur für die feierliche Schlußſitzung am 23. Oktober, an der Konſtantin und Jrene teilnahmen, wurde ſie in den Kaiſerpalaſt nach Konſtantinopel verlegt. Den erſten Platz gab man7Siebente Synodeden römiſchen Vertretern, die aber, ſoweit die Akten erkennen laſſen, nachdem ſie die päpſtlichen Schreiben überreicht hatten, ſich nur als ſtumme Perſonen beteiligten, während die Leitung ganz in der Hand des Patriarchen Taraſios lag.
Mit den Verhandlungen brauchen wir uns nicht aufzuhalten. Sie ſind ſo ermüdend und leer wie irgend Konzilsverhandlungen, um ſo mehr da das Ergebnis im voraus feſtſtand. Uns geht es nichts an, wie die Biſchöfe, die bis dahin der vorgeſchriebenen Linie gefolgt waren — es war ſogar einer der Führer darunter — ihr neuentdecktes bilderfrohes Herz eröffneten und ſich damit Gnade verdienten. Wir brauchen auch die lange Reihe der Bibelſtellen, Väterworte und Wundergeſchichten nicht zu kennen, mit denen die Verehrung der Bilder als gottwohlgefällig, rechtgläubig und für jedermann vorgeſchrieben erwieſen werden ſollte. Uns genügt der Kern, der in dieſen vielfältigen Umhüllungen ſteckt, der Beſchluß vom 13. Oktober 787. Er beſagte, nachdem ſchon früher die Teilnehmer einſtimmig und namentlich ihr Einverſtändnis mit dem Schreiben Hadrians an den Kaiſer erklärt hatten: den Bildern des Heilands, Marias, der Märtyrer und Heiligen iſt zwar nicht die „ echte Anbetung “(alethiné latreia), die nur der Gottheit zukommt, wohl aber „ ehrfürchtige Verehrung “(timetiké proskýnesis) zu erweiſen, und zwar mit Kerzen, Weihrauch und Niederknien, was aber nicht dem Bilde, ſondern der in ihm dargeſtellten Perſon gelten ſoll. Wer den Bildern dieſe Verehrung nicht erweiſt oder ſie verwirft, der ſei ver - flucht! Ausdrücklich wurde der Beſchluß der Synode von 754 aufge - hoben und verdammt, ihre Akten vernichtet und alles, was in ihrem Sinn geſchrieben war, verboten und zur Zerſtörung eingefordert.
Mit den übrigen etwa dreihundert Teilnehmern unterſchrieben das Protokoll an erſter Stelle die beiden Römer. Nach ihrer Vollmacht waren ſie nicht gefragt worden, denn man hatte es eilig, und ſie ihrerſeits hatten kein Arg gehabt, auch ohne ausdrücklichen Auftrag mitzumachen. Sie wußten, daß ſie im Sinn ihres Herrn handelten, wenn ſie unter - zeichneten, ſogar ohne Vorbehalt päpſtlicher Gutheißung unterzeichneten. Denn was in Nikäa und Konſtantinopel beſchloſſen wurde, deckte ſich mit dem, was die römiſch-fränkiſche Synode im Jahre 769 erklärt hatte.
Ob man in Rom von dem Geſchehenen ſehr befriedigt geweſen iſt, wiſſen wir nicht. Mit der ſtummen Rolle willenloſer Werkzeuge, die die eigenen Vertreter dabei geſpielt hatten, konnte man ſich abfinden, da die8Bruch zwiſchen Karl und den GriechenForm äußerlich gewahrt worden und ſachlich an dem Ergebnis nichts auszuſetzen war. Daß die Schreiben des Papſtes der Synode in teils verſtümmelter, teils abgeänderter Faſſung vorgelegt waren, hat man in Rom vermutlich gar nicht bemerkt. Aber man vermißte etwas: auf die römiſchen Wünſche nach Rückgabe des vor fünfundfünfzig Jahren Entzogenen war die Kaiſerin nicht eingegangen, wenn ſie den Geſandten überhaupt Gelegenheit gegeben hat, dergleichen vorzubringen. Jndeſſen, ſo beſcheiden war man allmählich geworden, daß man auch dies ſchwei - gend hinnahm. Hadrian ließ die Akten der Synode, die ſich ſtolz als die Siebente Allgemeine den früheren von Nikäa bis Konſtantinopel an - reihte, ins Lateiniſche überſetzen und ſandte ſie an Karl zur Kenntnis - nahme, vermutlich — denn ſein Begleitſchreiben iſt nicht erhalten — als Trophäe eines römiſchen Sieges.
Da kam er aber ſchlecht an. Während im Oſten die Synode zu - ſammentrat, auseinanderſtob und wieder zuſammentrat, war im Weſten etwas geſchehen, was die Geſamtlage vollſtändig verſchob und den ge - planten Friedensſchluß zum Ausgangspunkt neuen Streites, den Triumph des Papſtes zu einer Quelle peinlicher Sorgen für ihn machte. Wir ſind freilich weit davon entfernt, klar zu ſehen. So einſilbig iſt die Überlieferung, daß man nur mit allem Vorbehalt wagen kann, die Zu - ſammenhänge vermutend zu erraten.
Als Karl im Herbſt 786 nach Jtalien kam, herbeigerufen durch das ſchwierig gewordene Verhältnis zum Herzogtum Benevent*)Siehe Bd. 1, S. 429., war es unter anderm auch Zeit, den vor bald ſechs Jahren geſchloſſenen Ver - trag mit dem Kaiſer zu erfüllen. Ein fränkiſcher Mönch, der das Jahr vorher im Auftrag des Königs nach Konſtantinopel gereiſt war, hatte wahrſcheinlich dieſes Geſchäft vorbereiten ſollen. Drüben muß man ge - meint haben, alles ſei im reinen, denn als Karl im Sommer 787 während des Feldzugs gegen Benevent in Capua ſtand, erſchienen Ge - ſandte des Kaiſers vor ihm, um die Prinzeſſin Rotrud in Empfang zu nehmen und ihrem Bräutigam zuzuführen. Karl aber ließ ſie unver - richteter Dinge abziehen. Das war der Bruch. Schon das nächſte Jahr brachte den Verſuch der Griechen, den langobardiſchen Kronprinzen Adelgis, den man bis dahin in Konſtantinopel als Kronprätendenten für vorkommende Fälle beherbergt hatte, mit Gewalt in ſein Königreich zurückzuführen. Wir wiſſen, daß der Verſuch ſcheiterte, aber zwiſchen9Bruch zwiſchen Karl und den GriechenFranken und Griechen waren Friede und Freundſchaft einſtweilen dahin.
So ſicher es iſt, daß Karl es war, der durch Kündigung des Ver - löbniſſes den Bruch heraufbeſchworen hatte, ſo unklar iſt, was ihn dazu bewogen hat. Einhards, ſeines Biographen, Erklärung, der König habe es als zärtlicher Vater nicht über ſich gebracht, ſich von ſeinen Töchtern zu trennen, mag im allgemeinen richtig ſein, genügt aber in dieſem Falle nicht. Die Folgen des Schrittes, die man vorausſehen konnte, waren zu ſchwer, als daß an ihm neben dem Vater nicht auch der König ſein Teil gehabt haben ſollte. Sucht man aber nach Beweggründen politiſcher Art, ſo bietet ſich nur ein Feld, auf dem ſie gewachſen ſein könnten: das kirchliche.
Wieweit Karl über die Verhandlungen zwiſchen Kaiſer und Papſt unterrichtet worden iſt, die der Synode vorausgingen, iſt unbekannt. Faſt hat es den Anſchein, als ob Hadrian ihm nichts davon gemeldet hätte, und da es ja nach ſeiner Auffaſſung nur Vorverhandlungen waren, die ihn noch nicht banden, ſo könnte ſein Schweigen als entſchuldigt gelten. Durch ſeine zurückkehrenden Geſandten wird Karl erfahren haben, was in Konſtantinopel geplant und geſchehen war: Zuſammen - tritt und Scheitern einer allgemeinen Synode, vielleicht auch ſchon Vor - bereitungen zu einer neuen, ohne daß man für nötig gehalten hatte, ihn teilnehmen zu laſſen. Anderes mag hinzugekommen ſein, was wir nicht wiſſen, aber die eine Tatſache konnte genügen, ihm zu zeigen, wie das Verhältnis zu ihm auf griechiſcher Seite aufgefaßt wurde. Nicht als gleichberechtigte Macht, als Nachgeordneter, gleichſam als Vaſſall des Kaiſers ſah der König der Franken ſich behandelt. Das nahm ihm, ab - geſehen von der Kränkung ſeines Selbſtgefühls, das Vertrauen zur Aufrichtigkeit der griechiſchen Bündnistreue, und mit der raſchen Ent - ſchloſſenheit, die ihn auszeichnete, brach er die Beziehungen ab.
Etwa ein Jahr mochte ſeitdem vergangen ſein, fränkiſche Truppen ſtanden bereits zuſammen mit den Beneventern im Felde gegen die Grie - chen, da erhielt Karl vom Papſt die Akten der Synode, auf der die Frage der Bilderverehrung in allgemein gültiger Weiſe entſchieden war, ohne daß die Landeskirchen des Weſtens, allen voran ſeine fränkiſche Kirche, auch nur zur Äußerung aufgefordert worden wären. Wenn ſchon dies ihn aufbrachte, ſo rief der Jnhalt der Akten, ſo wie ſie ihm vorlagen, erſt recht ſeinen entſchiedenen Widerſpruch wach. Da las er nichts an -10Karl und Hadrian in der Bilderfragederes, als daß es Pflicht jedes Gläubigen ſei, die Bilder als göttlich an - zubeten, und wenn das Übergangenſein ihm politiſch unerträglich er - ſchien, ſo empörte ſich gegen dieſe Forderung ſein religiöſes Empfinden und Denken. Nun hat man oft behauptet, Karl ſei durch eine falſche Überſetzung irregeführt worden und habe ſich gegen etwas aufgelehnt, was die Synode gar nicht gewollt hatte, da ſie ja ausdrücklich den Unter - ſchied zwiſchen Anbetung Gottes und bloßer Verehrung der Bilder be - tont hatte. Dieſen Unterſchied hatte die Überſetzung, in jeder Hinſicht ein ſtümperhaftes Machwerk, verwiſcht, indem ſie dort, wo von den Bildern die Rede war, das griechiſche proskýnesis mit adoratio, An - betung, anſtatt mit veneratio, Verehrung, wiedergab. Aber wer näher zuſieht, findet doch, daß Karl recht hatte, wenn er ſich auf dieſe feine Begriffsunterſcheidung nicht einließ. Denn die Art, wie die Griechen die „ Verehrung “der Bilder verſtanden wiſſen wollten — „ mit Nieder - knien, Weihrauch und Kerzen “— war in den Augen des Franken nichts anderes als Anbetung. Darin ſah er Götzendienſt, und wer die Formen kennt, die die „ Verehrung “der Bilder in der volkstümlichen Praxis der orthodoxen Kirche bis heute annimmt, und die Wirkungen, die das zeitigt, der kann ihm nicht unrecht geben.
Mit ſeiner Denkweiſe ſtand Karl nicht allein, ſie war Gemeingut der fränkiſchen Kirche. Einſt (769) war allerdings auf einer römiſchen Synode die gleiche Lehre verkündigt worden, die nun in Nikäa geſiegt hatte, und zwölf fränkiſche Biſchöfe hatten dem beigewohnt, wahrſchein - lich ohne recht zu verſtehen, um was es ſich handelte. Darüber jedoch waren zwanzig Jahre vergangen, die fränkiſche Geiſtlichkeit war dank den Bemühungen des Königs eine andere geworden, ſie ſtand, wenn auch nicht im ganzen, ſo doch in einzelnen Vertretern, den Römern eben - bürtig, ja überlegen gegenüber. Karl hatte es daher nicht ſchwer, die Lehre der Griechen durch ſeine Theologen bekämpfen zu laſſen. Er legte ihnen die Akten von Nikäa-Konſtantinopel vor und ließ ſie in einer Denkſchrift Punkt für Punkt widerlegen. Den Entwurf ſchickte er durch einen ſeiner vertrauteſten Räte, den jungen Engelbert, nach Rom und forderte Hadrian auf, ihm zuzuſtimmen, die Griechenſynode zu verdam - men und die Gemeinſchaft mit Kaiſer und Patriarchen aufzuheben.
Hadrian war in nicht geringer Verlegenheit. Wenn er auch die förm - liche Zuſtimmung zum Beſchluß von Nikäa noch nicht ausgeſprochen hatte, ſo konnte er ihn doch unmöglich verdammen. Seine Vertreter,11Karl und Hadrian in der Bilderfragedie ohne eigentlichen Auftrag an der Synode teilgenommen hatten, hätte er wohl verleugnen können, aber das Beſchloſſene ſtimmte zu ſehr mit dem überein, was ſein Vorgänger 769 auf dem römiſchen Konzil und er ſelbſt im Schreiben an den Kaiſer erklärt hatte. Es war nichts anderes, als was die römiſche Kirche lehrte, was den Glauben des italiſchen Volkes bildete, wofür man ſeit mehr als fünfzig Jahren gegen Konſtantinopel gekämpft und Verluſte erlitten hatte. Zum Überfluß war Hadrians eigener Brief an den Kaiſer dem Beſchluß der Synode aus - drücklich zugrunde gelegt worden. Er hätte Selbſtmord begangen, hätte er Karl den Willen getan. Er erwiderte auf die Sendung Engelberts mit einem umfangreichen Schreiben, in dem er ſeinen Standpunkt wahrte und Karls Einwände in fünfundachtzig Punkten zu widerlegen ſuchte.
Man merkt dem Schriftſtück die Verlegenheit an, aus der es ent - ſtanden iſt. Hadrian beginnt zwar mit der üblichen Betonung des römi - ſchen Vorrangs vor allen Kirchen unter Anführung der drei bekannten Evangelienſtellen, auf die ſeit Leo I. die Päpſte ſich zu berufen pflegten*)Siehe Bd. 1, S. 145.. Aber er vermeidet jeden noch ſo leiſen Ton der Autorität, verwahrt ſich dagegen, irgend jemand zu verteidigen, und will lediglich für die alte Überlieferung der römiſchen Kirche eintreten. Dem Willen des Königs zu widerſtehen, fühlt er ſich zu ſchwach. Zwar die griechiſche Synode zu verdammen und ihrethalben dem Kaiſer und ſeiner Mutter wegen Ketzerei die Gemeinſchaft zu kündigen, lehnt er ab, aber des Königs Wunſch einfach unerfüllt zu laſſen, bringt er doch nicht über ſich. Er kommt ihm mit einem Vorſchlag entgegen, der ſeiner diplomatiſchen Biegſamkeit und Erfindungsgabe alle Ehre macht, aber zugleich verrät, wie äußerlich und oberflächlich er die Angelegenheit angeſehen hat. Konſtantinopel hat dem Verlangen nach Rückgabe der eingezogenen Patrimonien und der Oberhoheit über die Kirchen von Sizilien und Jllyrien nicht entſprochen; damit hat es gezeigt, daß es am ketzeriſchen Jrrtum feſthält, und um deswillen kann die Gemeinſchaft aufgeſagt werden!
Auch bei dem Verſuch, die Einwände der Franken Punkt für Punkt zu widerlegen, hat ſich Hadrian nicht mit Ruhm bedeckt. Er befand ſich dabei in beſonderer Verlegenheit, denn einiges, was die Franken mit Schärfe bekämpften, hatte er ſelbſt in ſeinem Schreiben an den Kaiſer vorgebracht. Mit Schärfe zu erwidern, wagte er nicht, und ſo wurde12Karl und Hadrian in der Bilderfrageſeine Polemik matt und kraftlos. Jn keiner Hinſicht ſteht ſie auf der Höhe ihrer Aufgabe. Jn fehlerhafter, oft ſchwer verſtändlicher Sprache redete der Papſt an den Dingen vorbei, führte Belegſtellen an, die mit der Sache nichts zu tun hatten, verriet, daß er Einwände, die er er - ledigen wollte, gar nicht begriffen hatte, und offenbarte für die Denk - weiſe, aus der der Widerſpruch der Franken floß, nicht das geringſte Verſtändnis. Jhren Kernſatz, daß man niemand zwingen dürfe, die Bilder zu verehren, weil ſie weder in der Schrift noch von der Kirche vorgeſchrieben und nur zum Schmuck und als Träger der Erinnerung zuläſſig ſeien, dieſen doch ſo einfachen Satz begriff er ſo wenig, daß er den Franken einen Widerſpruch gegen ihre eigene Lehre vorwerfen zu können glaubte, weil ſie die Zerſtörung der Bilder ebenſo verpönten wie er ſelbſt und neuerdings auch die Griechen. Daß man Bilder der Hei - ligen haben könne, ohne ſie zu verehren, das heißt vor ihnen das Knie zu beugen, Kerzen und Weihrauch anzuzünden, fand in ſeinem Denken keinen Platz.
Es waren zwei grundverſchiedene geiſtige Welten, die da zueinander ſprachen. Verſchieden nicht nur in der Frage der Bilder. Hadrian teilte mit den Griechen das Verfahren, Worte der Bibel und Vorgänge der Geſchichte ſinnbildlich zu deuten, um ſie als Beweiſe für etwas zu ver - werten, was nicht in ihnen geſagt oder geſchehen war. Die Franken aber warfen ihm den Satz entgegen: „ Es iſt keine geringe Verſün - digung, die heiligen Schriften anders zu verſtehen, als ſie verſtanden ſein wollen, und ihnen gewaltſam einen Sinn unterzulegen, den ſie nicht haben. “ Hadrian beſann ſich ſowenig wie die Griechen, Wunder - geſchichten und Träume als Offenbarungen der Wahrheit gelten zu laſſen. Jn den Äußerungen der Franken wurde das rundweg abgelehnt und jede derartige Erzählung grundſätzlich mit einem Fragezeichen ver - ſehen. Sie empörten ſich darüber, daß auf der Synode von des Kaiſers „ göttlichen Ohren “die Rede geweſen und der Herrſcher als „ Mit - regent Gottes “bezeichnet war, was den Römern nur eine ſelbſtverſtänd - liche Floskel der Etikette bedeutete. Aus ihren Sätzen wehte eine Luft von Nüchternheit, Vernünftigkeit, ja ſkeptiſcher Kritik, die dem Römer unbehaglich geweſen ſein muß, ſo wie ſie wiederum die dem Römer ge - läufige Verwiſchung der Grenzen zwiſchen Gott und Menſch, göttlichen und menſchlichen Dingen als Entweihung verabſcheuten. Zum erſtenmal geſchah es, daß der Religioſität der alten Welt, die das Göttliche ſicht -13Karl und Hadrian in der Bilderfragebar zu verehren verlangte, die Empfindung der neuen Völker des Nor - dens bewußt und durchdacht gegenübertrat, für die das Anzubetende un - ſichtbar iſt und bleiben ſoll.
Hadrians Erwiderung war in keiner Hinſicht geeignet, Karl umzu - ſtimmen. Unbeirrt verfolgte der König ſeinen Weg. Unter ſeiner per - ſönlichen Teilnahme wurde die begonnene Denkſchrift fertiggeſtellt, und wenn in ihr auf den Widerſpruch des Papſtes Rückſicht genommen war, ſo doch faſt nur in der Weiſe, daß die aufgeſtellte Behauptung verſtärkt, der Ausdruck verſchärft wurde. Nur an wenigen Stellen wurde den Einwendungen Hadrians Rechnung getragen, und das Ganze war und blieb eine vernichtende Kritik der hochmütigen, eitlen und törichten Griechen, die ſich herausgenommen hatten, für ſich allein eine allge - meine Synode abhalten zu wollen und der geſamten Kirche Vorſchriften zu machen, anſtatt daß die Kirchen der andern Länder, wie es ſich gehört hätte, befragt und das Urteil der meiſten zum Beſchluß erhoben wor - den wäre.
Nach wie vor ſcheint die Abſicht des Königs geweſen zu ſein, auf Grund dieſer Denkſchrift durch ein Konzil der lateiniſchen Kirchen des Weſtens, das womöglich in Rom unter dem Vorſitz des Papſtes tagen ſollte, die griechiſche Synode verdammen und ihre Urheber exkom - munizieren zu laſſen. Zu dieſem Zweck ſandte er die fertige Denkſchrift nochmals nach Rom und ließ zugleich in England durch ſeinen ver - trauten Hofgelehrten, den Engländer Alkwin, für ſeine Abſicht werben. Alkwin hatte vollen Erfolg. Als er Anfang 793 zurückkehrte, brachte er eine rückhaltloſe Zuſtimmung der engliſchen Kirche mit. Anders ging es in Rom. Die erneute Verhandlung mit dem Papſt bewirkte ſo viel, daß Karl ein maßvolleres Verfahren zugeſtand. Er wird ſich überzeugt haben, daß es mindeſtens zweiſchneidig war, Zwang gegen den Papſt an - zuwenden, hinter dem die römiſche Bevölkerung Jtaliens auch im langobardiſchen Königreich ſtand. Andererſeits hatte der politiſche Ge - genſatz gegen die Griechen an Schärfe verloren, man lebte wieder in dem ſtillſchweigenden Waffenſtillſtand mit ihnen wie vor 781. Ein offener Angriff auf ſie erſchien nicht mehr nötig. König und Papſt einigten ſich alſo auf mittlerer Linie. Karls Denkſchrift, urſprünglich für die Öffent - lichkeit beſtimmt, wurde nicht bekanntgegeben und dem Papſt die Ab - haltung der Synode in Rom erſpart. Jn Frankfurt trat ſie im Jahre 794 zuſammen, mit Ermächtigung Hadrians allerdings, deſſen Ver -14Synode zu Frankfurt 794treter ebenſo wie der König ſelbſt zugegen waren. Hier kam neben andern Dingen auch die Bilderfrage zur Entſcheidung. Der Beſchluß von Nikäa, wie man ihn aus der ſchlechten römiſchen Überſetzung kannte, wurde verleſen: Anathem über jeden, der den Heiligenbildern den Dienſt und die Anbetung wie der göttlichen Dreieinigkeit verweigert! Jm Gegenſatz dazu beſchloß nun die Verſammlung zu Frankfurt einſtimmig: Anbetung und Dienſt vor den Bildern iſt zu verwerfen und zu verdam - men. Jm fränkiſchen Reich iſt dies als Verdammung der Synode von Nikäa ſelbſt aufgefaßt worden, die weder als allgemein noch als recht - gläubig gelten ſollte. So iſt der Konzilsbeſchluß in den amtlichen Jahr - büchern verzeichnet, unrichtig inſofern, als eine ausdrückliche Verdam - mung der Synode ſelbſt nicht ausgeſprochen war, der Sache nach aber zutreffend, da ihr Werk verdammt war. Daß dabei der Wortlaut von Nikäa falſch wiedergegeben wurde, tut nichts zur Sache, da nach fränkiſcher Auffaſſung die in Nikäa geforderte „ Verehrung “der Bilder mit ihrer Anbetung gleichbedeutend war.
Wie zweideutig aber war die Haltung des Papſtes! Hadrian konnte und mußte wiſſen, daß in Nikäa dem Wortlaut nach das nicht beſchloſ - ſen war, was in Frankfurt verdammt wurde. Dennoch ließ er ſeine Vertreter an der Verdammung teilnehmen, die etwas treffen ſollte, woran er ebenfalls durch eine eigene Äußerung und durch Vertreter be - teiligt war, etwas, das er gebilligt und verteidigt hatte. Ohne die Synode von Nikäa ausdrücklich zu verdammen, gab er ſie preis. Sie iſt denn auch in Rom, im Gegenſatz zum Oſten, wo ſie als Siebente Allgemeine gezählt wurde, faſt hundert Jahre lang nicht anerkannt worden. Was immer man zu ſeiner Entſchuldigung anführen mag, Hadrians Ver - halten war alles eher als rühmlich. Er hat es verſtanden, aus einer Zwangslage ſich herauszuwinden und einer öffentlichen Demütigung zu entgehen, die ſein Anſehen aufs ſchwerſte geſchädigt haben würde, zu - gleich auch einen offenen Zuſammenſtoß mit dem übermächtigen Schutz - herrn zu vermeiden. Aber eine Niederlage war für ihn die Frankfurter Synode unter allen Umſtänden, und keine ehrenvolle. Er hatte dem Willen des Herrſchers nachgeben müſſen in einer Frage, in der viel eher er hätte fordern dürfen, daß der König ſich ihm unterwerfe, und er hatte ſich ſelbſt und ſeine feierlich kundgegebene Anſicht verleugnet.
Schon im folgenden Jahr, am Weihnachtstag, iſt Hadrian geſtorben. Wer ſein Ende mit den Anfängen vergleicht, kann den Unterſchied nicht15Hadrians Tod. Leo III. überſehen. Von der Kühnheit und Unternehmungsluſt der erſten Jahre iſt da nichts mehr zu ſpüren. Die großen politiſchen Pläne ſind längſt begraben. Wie weit auf rein kirchlichem Gebiet die Anpaſſung an den Willen des Königs ging, haben wir eben geſehen. Karl hat Hadrian perſönlich hochgeſchätzt, bei der Nachricht von ſeinem Tode Tränen ver - goſſen und ihm eine poetiſche Jnſchrift aufs Grab ſetzen laſſen, die den Tod des geliebten Freundes beklagt. Die Unterwerfung, die er fordern mußte, hat er ihm zu erleichtern geſucht. Die Abfindung für den Ver - zicht auf das Verſprechen von Quierzy war nicht karg bemeſſen, und das Verhältnis der fränkiſchen Kirche zu Rom, wie es durch Bonifaz ge - ſchaffen war, wurde unter Karl enger geknüpft. Er war es, der die Rechtsſammlung der römiſchen Kirche, das Werk des Dionyſius aus dem ſechſten Jahrhundert, zum kirchlichen Geſetzbuch ſeines Reiches machte. Wiederherſtellung und Ausbau der Provinzialverfaſſung, von der zunächſt nur dürftige Anſätze beſtanden, förderte er unter päpſtlicher Autorität. Am Ende ſeiner Regierung war ſie durchgeführt. Durch Hadrian ließ er die Erzbistümer wiederherſtellen, wo ſie vor alters be - ſtanden hatten, wie in Reims und Bourges, oder neue ſchaffen, wie in Mainz und Salzburg, und ihre Jnhaber empfingen auf ſeinen Antrag aus Rom das Pallium. Noch auf dem Konzil zu Frankfurt gab er Ha - drian einen Beweis rückſichtsvollen Entgegenkommens, indem er ihm die Abgrenzung der Sprengel in der Provence überließ. Aber alles das konnte an der Tatſache nichts ändern, daß der Papſt einen Herrn hatte, ſeit der König der Franken in Jtalien regierte, und daß die Hand dieſes Herrn drücken konnte, wenn er Karl der Große hieß.
Hadrians Nachfolger Leo III. ſcheint nicht dem Adel angehört zu haben. Ein aufgedienter Geiſtlicher, hatte er zuletzt das Schatzamt ver - waltet. Da ſeine Wahl und Weihe ſogleich erfolgte, wird er von den Anhängern Hadrians erhoben ſein. Dieſe behielten einige der vor - nehmſten Ämter. Aber mit der Zeit enttäuſchte der Papſt ſeine Wähler ſo ſehr, daß nach vier Jahren eine Verſchwörung zu ſeinem Sturz ſich bildete, an deren Spitze ein Neffe Hadrians mit andern Verwandten ſtand. Am 25. April 799 ſchritten ſie zur Ausführung. An dieſem Tage feierte Rom das uralte Feſt der Robigalien, den Bittgang zum Schutz der Saatfluren, ins Chriſtliche umgeſtaltet als Prozeſſion, die vom Lateran mitten durch die Stadt nach Sankt Peter führte. Der Papſt16Anſchlag auf Leomit ſeinem ganzen Hofſtaat nahm teil. Als der Zug beim Kloſter Sankt Silveſters um die Ecke bog, brachen die Verſchworenen, die ihn dort erwarteten, aus ihrem Verſteck, ſtürzten ſich auf Leo, warfen ihn, wäh - rend das Gefolge auseinanderſtob, vom Pferde und ſchickten ſich an, ihm Augen und Zunge auszureißen. Dann ſchleiften ſie den, wie ſie meinten, Blinden und Sprachloſen in die Kirche, brachten ihn von da in das Griechenkloſter Sankt Erasmus, deſſen Abt im Komplott war, und be - wachten ihn hier. Aber die Verſtümmelung war entweder mißlungen oder von den Beauftragten nur zum Schein ausgeführt worden, und die Bewachung war ungenügend. Leos Anhängern gelang es, ihn zu befreien und nächtlicherweile nach Sankt Peter zu bringen. Während nun in der Stadt der Kampf der Parteien ausbrach, eilte der benachbarte fränkiſche Herzog, von Leos Freunden benachrichtigt, mit Truppen her - bei und führte den Papſt nach Spoleto, wo ſein Anhang, Biſchöfe und Geiſtliche und die Häupter der Städte des Kirchenſtaats, ſich um ihn ſammelte. Stadt und Land waren offenbar in Händen der Gegner, und nur der König-Patritius konnte helfen. Zu ihm machte ſich Leo in großer Begleitung auf den Weg. Unterwegs ſchloß ſich Pippin, der Vize - könig von Jtalien, dem Zuge an.
Karl befand ſich im Sachſenland, als er vom Kommen des Papſtes erfuhr. Sofort ſandte er ihm den vornehmſten Prälaten des Hofes, Erzbiſchof Hildebold von Köln, und einen Grafen entgegen, die ihn an den Hof geleiteten. Jn Paderborn empfing er den Vertriebenen mit all den Ehren, die einem Papſt gebühren. Aber nach einiger Zeit traf eine Abordnung der Gegner ein. Sie erhoben ſchwere Anklagen gegen Leo, und es erwies ſich als notwendig, den Fall zu unterſuchen. Karl verfügte zunächſt Wiedereinſetzung des Papſtes und gab ihm ein ſtattliches Geleite mit, die Erzbiſchöfe von Köln und Salzburg, fünf Biſchöfe und drei Grafen, die ihn zurückführen ſollten, während die Ankläger feſt - gehalten wurden. Am 29. November 799, nach ſiebenmonatiger Ab - weſenheit, konnte Leo unter dem Schutz der fränkiſchen Herren in Rom einziehen. Hier aber mußte er ſich einer Unterſuchung unterwerfen. Worauf die Anklagen beruhten, wiſſen wir nicht genau — Ehebruch und Meineid, heißt es, ſeien ihm vorgeworfen worden — aber die Prüfung muß belaſtende Dinge ergeben haben, über die der Erzbiſchof von Salzburg in vertrauten Briefen klagte. Die Königsboten ſahen ſich außerſtande, den Fall zu entſcheiden, Karl mußte perſönlich ein -17Karl in Rom. Leos Prozeßgreifen. Jm Auguſt 800 machte er ſich nach Jtalien auf, wohin ihn wohl ohnedies die Unbotmäßigkeit des Herzogs von Benevent rief. Ende November traf er vor Rom ein.
Er hatte zu Leo nicht in demſelben perſönlichen Verhältnis geſtanden wie zu deſſen Vorgänger. Leo hatte ihm gleich nach ſeiner Erhebung ausdrucksvoll gehuldigt, indem er ihm, weiter gehend als ſeine Vor - gänger, die Schlüſſel vom Grabe Petri und die Fahnen der Stadt über - ſandte, und Karl hatte ihn durch eine Geſandtſchaft begrüßt, deren Träger Engelbert war. Er überbrachte neben mündlichen Ermahnungen zu geſetzlichem Verfahren und Abſtellung der Käuflichkeit eine erbau - liche Epiſtel, wie es der höfiſche Stil erforderte, worin die Aufgaben beider Teile gekennzeichnet waren: Sache des Königs iſt es, die Kirche nach außen gegen Heiden und Ungläubige zu ſchützen, im Jnnern ihren Glauben zu befeſtigen; Sache des Papſtes, durch ſein Gebet für den Sieg des Königs über die Feinde Chriſti zu wirken. Das Bündnis, das ſeit 754 Karolinger und Päpſte verband, wurde natürlich erneuert. Jm übrigen war Karl dieſem Papſt bisher fremd geweſen. Nun ſollte er Richter über ihn ſein.
Leo unterließ nicht, dem Herrſcher, von dem ſein Schickſal abhing, mehr als die ſchuldigen Ehren zu erweiſen. Am Tag vor dem Einzug, am 23. November, ging er ihm bis nach Mentana entgegen, um ihn zu begrüßen, am nächſten Tag empfingen den König die Scharen der Rö - mer, Volk und Geiſtlichkeit, mit Fahnen und Lobgeſängen, während der Papſt ihn an den Stufen von Sankt Peter erwartete. Die feierlich glänzende Etikette verdeckte nur ſchlecht das peinliche Geſchäft, das nun ſeinen Anfang nahm. Was die Unterſuchung tatſächlich ergeben hat, wiſſen wir nicht, aber an eine Verurteilung des Papſtes kann Karl von vornherein nicht gedacht haben. Das Anſehen des römiſchen Stuhles mußte gewahrt, den Aufſtandsgelüſten durfte kein Vorſchub geleiſtet werden. Dennoch verging ein ganzer Monat, bis man zum Schluſſe kam. Die Schwierigkeit lag darin, daß es keinen Richter gab. Über den Papſt als ihren Vorgeſetzten zu urteilen, weigerten ſich die Biſchöfe. Schließlich fand man den Ausweg an der Hand der Legende. Wir er - innern uns, daß dreihundert Jahre früher, als es ſich darum handelte, die Niederſchlagung der Anklagen gegen Symmachus zu rechtfertigen, neben andern Fälſchungen zwei Geſchichten erfunden wurden, wo an - geklagte römiſche Biſchöfe ſich ſelbſt das Urteil, der eine ein Schuldig,Haller, Das Papſttum II1 218Kaiſerkrönungder andere ein Unſchuldig, geſprochen haben ſollten*)Siehe Bd. I. S. 222 f.. Danach verfuhr man jetzt. Am 23. Dezember betrat Leo III. in feierlicher Verſammlung den Ambo in Sankt Peter, das Evangelienbuch in den Händen, und ſchwor aus freien Stücken und ohne ſeine Nachfolger und Amtsbrüder damit binden zu wollen, vor Gott, ſeinen Engeln und dem Apoſtelfürſten, daß er die Verbrechen, die ſeine Gegner ihm vorwarfen, nicht begangen noch veranlaßt habe. Jhm antwortete die Litanei zu allen Heiligen. Er war gerechtfertigt.
Damit aber war erſt die Hälfte des Falles erledigt. Die Reinigung des Papſtes war nicht viel wert, wenn die Gegner ſtraflos blieben, und da wiederholte es ſich, daß der zuſtändige Richter fehlte. Auf ihrem Vergehen, das ein Majeſtätsverbrechen war, ſtand der Tod, die Todes - ſtrafe aber konnte in ſolchem Fall nach römiſchem Recht nur der Kaiſer verhängen. Wo war er? Den Herrſcher in Konſtantinopel hatte man bisher als Oberherrn anerkannt. Wohl hatte ſchon Hadrian angefangen, die Datierung ſeiner Urkunden nach Kaiſerjahren zu unterlaſſen und dafür die eigenen zu ſetzen, hatte auch Münzen ohne das Kaiſerbild prägen laſſen. Dennoch hatte auch er bei Gelegenheit der Synode 786 / 787 zum Kaiſer ſich geſtellt wie zu ſeinem Herrn. Sollte man noch daran feſthalten, die Verſchwörer gegen den Papſt zur Aburteilung nach Konſtantinopel ſchicken? Dort regierte ſeit drei Jahren Kaiſerin Jrene allein, nachdem ihr Sohn bei dem Verſuch, ſich von ihrer Mitregent - ſchaft zu befreien, den kürzeren gezogen hatte, geblendet worden und geſtorben war. Ob eine Frau allein als rechtmäßige Kaiſerin gelten durfte, war zweifelhaft, ein Urteil von ihr hätte leicht angefochten wer - den können. Der Weg nach Konſtantinopel empfahl ſich alſo nicht, wenn man der Sache wirklich ein Ende machen, die offenbar recht ſtarke Gegnerſchaft gegen Leos Regiment in Rom wirkſam unterdrücken wollte.
Jn dieſer Verlegenheit verfiel man in der Umgebung des Papſtes auf den Gedanken, Karl ſelbſt zum Kaiſer zu erheben. Das Recht dazu ſtand nach alter Überlieferung dem römiſchen Volk unzweifelhaft zu, und gar ſo lange war es nicht einmal her, daß man es zu gebrauchen verſucht hatte**)Siehe Bd. I, S. 322.. Vollends wenn man die Rechtmäßigkeit des griechiſchen Frauen - regiments beſtritt, war gegen den Plan nichts einzuwenden. Das Reich19Kaiſerkrönunghatte keinen Kaiſer, niemand konnte den Römern verwehren, ſich einen zu ſetzen. Eine Schwierigkeit lag nur in der Perſon Karls. Noch nie war ein Nichtrömer Kaiſer geweſen, und von Karl wußte man, daß er kein Römer ſein wollte und gegen die Kaiſerwürde eine ſtarke Abneigung hegte. Jn der Denkſchrift gegen die Bilderverehrung war das offen ausgeſprochen: das Kaiſertum weckte in ihm Erinnerungen an Heiden - tum und Chriſtenverfolgung, als König glaubte er mehr und Beſſeres zu ſein. Aber das ſtörte die Urheber des Planes nicht. Über Karls fehlendes Römertum kamen ſie leicht hinweg, und ſeinen Widerwillen beſiegten ſie durch Überraſchung. Als am Weihnachtsmorgen nach der Meſſe in Sankt Peter, die der Papſt ſelber gefeiert hatte, der König ſich vom Gebet erhob, ſetzte Leo ihm ein Kaiſerdiadem aufs Haupt. Das war das Zeichen für die verſammelten Römer, die natürlich vorbereitet waren, in den Ruf auszubrechen, der den Herrſcher mit ſeinem neuen Titel be - grüßte: „ Karl, dem Auguſtus, dem gottgekrönten großen und fried - reichen Jmperator der Römer Heil und Sieg! “ Worauf Leo die An - erkennung des neuen Kaiſers vollzog, indem er vor ihm, wie es einem Kaiſer zukam, das Knie beugte.
Es war eine Handlung römiſchen Staatsrechts, was ſich da abge - ſpielt hatte, von Römern ausgeführt und nur auf Rom und die Römer bezogen, aus einem augenblicklichen Bedürfnis hervorgegangen und auf den Augenblick berechnet, ohne Überlegung der Folgen, vollends ohne einen Gedanken an ſpätere Zeiten. Aber nicht erſt die Nachwelt hat mehr darin geſehen. Aus fränkiſchem Kreiſe hören wir eine gleichzeitige Stimme, die in Karl als dem Herrn über die Länder, die einſt den Römern gehorcht hatten, ſchon vor dem 25. Dezember 800 den tatſäch - lichen Kaiſer erkennen will, dem nur der Titel bisher gefehlt habe. Der ſo ſchrieb, hat bald nicht allein geſtanden. Einflußreiche Kreiſe haben ähnlich gedacht, haben Karl als den Mann gefeiert „ deſſen Tatkraft — nach den Worten eines ſpäteren Papſtes — römiſches und fränkiſches Reich zu einem Körper vereinigte “, und haben die Kaiſerwürde als Herrſchertitel auf den geſamten Umfang fränkiſcher Macht zu über - tragen geſucht. Der Verſuch iſt zunächſt geſcheitert, aber der Gedanke iſt nicht untergegangen. Er iſt in ſpäterer Zeit zu neuem Leben erwacht, und das Reich des großen Karl, gedacht als Erneuerung des römiſchen Weltreichs, iſt zu einer Jdee geworden, von der die ſtaatlichen Vor - ſtellungen des Abendlands jahrhundertelang beherrſcht werden. Aber20Weſen des fränkiſchen Kaiſertumsnicht aus dieſer Jdee iſt das Kaiſertum Karls hervorgegangen, ſie ſelbſt vielmehr iſt erſt von ihm erzeugt worden.
Karl hat nichts ferner gelegen als ſolche Gedanken. Auch ohne das beſtimmte Zeugnis Einhards, des Eingeweihten, daß ihm die Sache un - willkommen war und er trotz des hohen Feſtes die Kirche nicht betreten haben würde, wenn er gewußt hätte, was ihn dort erwartete, auch ohne dieſes Zeugnis ſprechen ſeine eigenen Handlungen laut genug. Zwar von der Befugnis, die ihm die neue Würde verlieh, hat er ſogleich Gebrauch gemacht, indem er die römiſchen Verſchwörer zum Tode verurteilte. Auf ſeine wahre Meinung über Schuld und Unſchuld des Papſtes wirft es ein eigentümliches Licht, daß er die Verurteilten zur Verbannung ins Fränkiſche begnadigte, von wo ſie unter Leos Nachfolger nach Rom zurückkehren durften. Aber den Kaiſertitel zu führen, hat Karl ſich ſchwer entſchloſſen und ſich noch zu Anfang März 801 in einer Urkunde König nennen laſſen. Dann hat er ſich der Form wohl gefügt und ſich fortan „ Kaiſer der Römer, König der Franken und Langobarden “tituliert, die Verſchiedenheit ſeines Herrſchertums in den drei Reichen deutlich be - tonend. Aber die Rechte des Kaiſers hat er ſo ſelten wie möglich ausgeübt und eine Vererbung der Kaiſerwürde auf ſeine Nachfolger lange noch nicht erwogen. Als er im Jahre 806 ſein Reich für den Fall ſeines Todes unter ſeine drei Söhne teilte, hat er des Kaiſertums mit keinem Worte gedacht, vielmehr beſtimmt, daß der Schutz der römiſchen Kirche von den drei Brüdern gemeinſam wahrzunehmen ſei. Dieſe Verfügung ließ er auch durch den Papſt ausdrücklich beſtätigen. Damals alſo meinte er noch, daß mit ſeinem Tode das fränkiſch-römiſche Kaiſertum aufhören und an deſſen Stelle der Patritiat, wie ihn Stefan II. und Pippin 754 geſchaffen hatten, ausgeübt vom geſamten Königshaus, wieder in Kraft treten ſollte. Erſt als ſeine beiden älteren Söhne geſtorben waren und er ſelbſt ſein Ende nahen fühlte, hat er ſich (813) bewegen laſſen, den jüngſten Sohn Ludwig in den Formen des römiſchen Staatsrechts zum Mitkaiſer und Thronfolger zu erheben. Nachdem dieſer dem Vater ge - folgt war (814), ſiegte bald die Richtung, von der eben die Rede war, die das Geſamtreich als Einheit unter einem Kaiſer auffaßte und erhalten wollte. Auf einem Reichstag in Aachen im Jahre 817 wurde das über - lieferte Erbrecht des Königshauſes dahin abgeändert, daß die drei Söhne Ludwigs nach dem Tode des Vaters zwar jeder ſeinen eigenen Reichsteil verwalten ſollten, die beiden jüngeren aber unter Oberhoheit und Auf -21Weſen des fränkiſchen Kaiſertumsſicht des zum Kaiſer erhobenen Älteſten. Welche Folgen dies hatte, als Ludwig ſelbſt, einem nachgeborenen vierten Sohne, Karl dem Kahlen, zuliebe, die Teilung änderte, wie ſich die älteren, der Mitkaiſer Lothar, Pippin und Ludwig der Deutſche, bald miteinander gegen den Vater erhoben, bald untereinander bekriegten und nach des Vaters Tode durch ihren Bruderkrieg das Reich zu zerreißen drohten, bis die Großen ſich ins Mittel legten und im Vertrag von Verdun (843) eine Erbteilung nach altem fränkiſchem Königsrecht durchführten — das alles haben wir hier nicht zu erzählen. Weſentlich für die Geſchichte des Papſttums iſt daran nur, daß der Gedanke des Einheitsreichs aufgegeben war. Lothar I., dem bei der Teilung außer dem Mittelreich an Rhein und Rhone das Königreich Jtalien zufiel, war daneben wohl Kaiſer der Römer, wie es der Vater geweſen war, aber den Anſpruch auf Oberhoheit über die Brüder, den er gemäß dem Thronfolgegeſetz von 817 feſtzuhalten ver - ſucht hatte, mußte er aufgeben, und Rom blieb, was es unter Karl geweſen war, die Hauptſtadt des „ Jmperiums “, das heißt des römiſchen Gebiets in Jtalien, das ſich mit dem Staat des heiligen Petrus deckte. Hier war der Kaiſer der weltliche Oberherr, auf die Reiche der Franken und Langobarden erſtreckten ſeine kaiſerlichen Rechte ſich nicht. Was er von dieſen beſaß, war nur in ſeiner Perſon mit dem Kaiſertum ver - bunden. Auch in der Thronfolge unterſcheidet ſich das Kaiſertum deutlich vom fränkiſchen Königtum. Während dieſes erblich iſt und allen Königs - ſöhnen zuſteht, wird die Nachfolge im Kaiſertum nach römiſchem Recht in der Form geregelt, daß der regierende Kaiſer ſeinen Sohn zum Mit - regenten annimmt. Die nachfolgende Krönung durch den Papſt iſt ledig - lich eine ſchmückende Feierlichkeit ohne rechtliche Wirkung. So iſt Ludwig I. durch Karl (813), Lothar I. durch Ludwig (817) zum Mit - kaiſer ernannt worden, und in der gleichen Weiſe hat Lothar ſeinen älteſten Sohn Ludwig II. (850) erhoben. Als im Jahre 844 ein Verſuch gemacht wurde, die Trennungslinie zwiſchen italiſchem Königtum und römiſchem Kaiſertum zu verwiſchen, indem man für den jungen Lud - wig II., der noch nicht Kaiſer war, die Huldigung der Römer verlangte, da erfolgte eine runde Ablehnung: Lothar allein wurde der Eid geleiſtet, nicht Ludwig.
Karl der Große hatte recht, die Kaiſerwürde für ein unerwünſchtes Geſchenk zu halten. Es war vorauszuſehen, daß ſie ihm Verwicklungen mit den Griechen zuziehen würde, die denn auch nicht ausblieben. Von22Auseinanderſetzung mit den GriechenKonſtantinopel aus geſehen war das, was am Weihnachtstag 800 in Rom geſchehen war, nichts anderes als Staatsſtreich und Revolution. Sowenig tatſächlichen Einfluß der griechiſche Kaiſer dort bisher geübt hatte, ſo war doch die Erhebung eines Mitkaiſers ohne ſeine Teilnahme ein Eingriff in ſeine Rechte, und wenn dieſer Mitkaiſer gar als Gegen - kaiſer auftrat, ließen die Folgen ſich nicht überſehen. Wer vermochte zu ſagen, in welchem Umfang der neue Auguſtus im Weſten die Anſprüche, die in ſeinem Titel lagen, würde geltend machen wollen? Würde er viel - leicht nach den Reſten byzantiniſcher Beſitzungen in Unteritalien greifen, ſein Auge auf Sizilien werfen, vielleicht gar mit andern Mächten im Bunde — mit dem Khalifen von Bagdad ſtand er bereits in freund - ſchaftlichen Beziehungen — Konſtantinopel angreifen? Wie auch immer, das neue Kaiſertum im alten Rom war eine Herausforderung und unter Umſtänden eine Gefahr. Demgegenüber tat Jrene, die ſich auf ihrem Throne niemals ſicher fühlte, das Klügſte, was der Schwächere tun kann: ſie ſuchte die Freundſchaft des Mächtigeren. Geſandte gingen hin und her, man ſtand im Begriff, ſich zu einigen, und zwar — wie in Kon - ſtantinopel geglaubt wurde — in der merkwürdigen Form, daß Jrene mit Karl eine Ehe einging. Aber eben dies ſoll zu ihrem Sturz geführt haben; ſie wurde entthront und verbannt. Nikephoros, der an ihre Stelle trat, ſetzte die Verhandlungen zwar fort, ſeine Geſandten trugen ſogar einen ſchriftlichen Vertragsentwurf heim, dann aber ſiegte in Kon - ſtantinopel die Richtung, die dem Franken die Anerkennung als Kaiſer verweigerte, und die Verhandlung wurde abgebrochen.
Jn Rom wurde die Lage für ernſt genug gehalten, daß Papſt Leo ſich entſchloß, den Kaiſer aufzuſuchen. Um Weihnachten 804 weilte er als Karls Gaſt einige Wochen in Quierzy und Aachen. Was zwiſchen ihnen beſprochen und beſchloſſen wurde, iſt Geheimnis geblieben, aber im nächſten Jahre brach der Krieg zwiſchen Franken und Griechen aus. Er ſpielte an der Adria, um Venedig und Dalmatien, wo eine Partei zu den Franken hielt. Die Lagunenſtadt wurde gewonnen, ging verloren und wurde wie - der erobert. Träger dieſer kriegeriſchen Politik war der junge König von Jtalien, Karls glänzender zweiter Sohn Pippin. Als dieſer 810 ſtarb und Kaiſer Nikephoros, von den Bulgaren aufs ſchwerſte bedrängt, Frieden anbot, zögerte Karl, bei dem das Alter ſich geltend machte — im Jahr 811 hat er ſein Teſtament aufgeſetzt — nicht länger, ſeine Anerkennung als Kaiſer durch Herausgabe des Eroberten zu erkaufen. Schon 811 kam23Kaiſerliche und päpſtliche Regierung in Romder Vorfriede zuſtande, und im nächſten Jahr erfolgte der Abſchluß in Aachen. Eine Geſandtſchaft Kaiſer Michaels I. — Nikephoros hatte im Bulgarenkrieg den Untergang gefunden — vollzog die Anerkennung Karls, indem ſie ihn mit dem gleichen Zuruf begrüßte, der ihn einſt in Rom zum Kaiſer gemacht hatte. Dieſer Friede iſt nach Ludwigs I. Regierungsantritt ſogleich erneuert und ſpäter in ein Bündnis ver - wandelt worden, das von da an die Grundlage der Beziehungen zwiſchen den Kaiſern des Oſtens und des Weſtens und ihren Reichen bildete.
Die Kaiſerwürde hat an dem Verhältnis des fränkiſchen Herrſchers zu Stadt und Kirchenſtaat zunächſt nichts geändert. Herr in Rom war ſchon der Patritius geweſen, und weder Karl noch Ludwig in ſeinen An - fängen haben als Kaiſer ihre Rechte ſtärker geltend gemacht. Leo III. ſcheint bei ihnen nicht hoch in Gunſt geſtanden zu ſein. Obwohl er gegenüber dem Kaiſer gern ſeine Unterwürfigkeit betonte, ſo gab es doch Reibungen mit dem König von Jtalien. Leo beſchwerte ſich über Ein - griffe in die Verwaltung des Kirchenſtaats, Karl antwortete ziemlich ungehalten. Wenn er dem Papſt ſchreiben konnte, er werde bald nie - mand mehr finden, der eine Geſandtſchaft nach Rom anders als aus Gehorſam übernehme, ſo muß das Verhältnis unfreundlich geweſen ſein. Zu ſeiner Trübung mag beigetragen haben, daß die Landesregierung Leos zu ernſten Bedenken Anlaß gab. Wie ſeine Anfänge, ſo war ſein Ende durch häßliche Vorgänge entſtellt. Jm Jahre 815 wurden einige Häupter des Adels ermordet, weil ſie gegen das Leben des Papſtes ſich verſchworen haben ſollten. Kaiſer Ludwig ließ die Sache durch den König von Jtalien, ſeinen Neffen Bernhard, unterſuchen, aber Leo wußte ſich durch eine Geſandtſchaft bei Ludwig zu rechtfertigen. Noch im gleichen Jahr, als der Papſt krank darniederlag und man wohl ſchon ſein Ende erwartete, erhob ſich im Kirchenſtaat ein Bauernaufſtand. Die Gutshöfe, die Leo hatte anlegen laſſen, wurden geplündert und ver - brannt, die Aufſtändiſchen rückten gegen Rom vor, um ihr Eigentum zurückzufordern. Der fränkiſche Herzog von Spoleto mußte eingreifen und die Ruhe wiederherſtellen. Dem Kaiſer wurde darüber berichtet, aber ehe er eingreifen konnte, war Leo am 12. Juni 816 geſtorben.
Mit den letzten Ereigniſſen wird es zuſammenhängen, daß der Nach - folger erſt nach zehn Tagen geweiht werden konnte. Stefan IV. gehörte einer vornehmen Familie an, die im Laufe des Jahrhunderts noch zwei24Kaiſerliche und päpſtliche Regierung in RomPäpſte geſtellt hat. Er beeilte ſich, die geſtörten Beziehungen zum Kaiſer wiederherzuſtellen. Nachdem er die Römer auf Ludwig vereidigt hatte, begab er ſich ſelbſt über die Alpen und erreichte ſeinen Zweck. Jn Reims empfing ihn Ludwig, ließ ſich von ihm die Krone aufſetzen, erneuerte den Bund von 754 und ſchenkte der römiſchen Kirche ein Landgut in der Champagne. Mehr iſt von dieſem Papſt nicht zu melden, denn keine drei Monate nach ſeiner Heimkehr iſt er am 24. Januar 817 geſtorben. Tags darauf weihte man Paſchalis I., der es ſich angelegen ſein ließ, das Verhältnis des Kirchenſtaats zum Kaiſer in feſte Form zu bringen. Nachdem er ſeine Thronbeſteigung angezeigt, ordnete er einen Ge - ſandten an Ludwig ab, der mit einem beurkundeten Vertrag zurückkehrte. Ludwig hatte nicht gezögert, der römiſchen Kirche ihren Staat in dem Umfang zu beſtätigen, wie Pippin und Karl ihn geſchaffen hatten. Er hatte außerdem verſprochen, dieſen Staat gegen jeden Angriff zu ſchützen, ohne ſich in die Verwaltung anders als vom Papſt gerufen einzumiſchen. Flüchtlinge ſollten ausgeliefert werden, wenn der Kaiſer ſich nicht für ſie verwenden wollte, und die Papſtwahl ſollte den Römern allein, ohne Einmiſchung von Franken oder Langobarden, zuſtehen. Der Kirchenſtaat erhielt damit den Vorzug voller Selbſtregierung unter kaiſerlichem Schutz und verbriefte Unabhängigkeit gegenüber dem italiſchen Königreich.
Von dieſem Vorrecht ſcheint Paſchalis keinen guten Gebrauch ge - macht zu haben. Was die wiederholten Geſandtſchaften bezweckten, die er an den Kaiſer richtete, bleibt dunkel. Schließlich aber wurde es offen - bar, daß in Rom die Neigung herrſchte, ſich von der fränkiſchen Ober - hoheit ganz frei zu machen. Paſchalis war eine gewalttätige Natur. Die Mönche von Fulda hatten es zu erfahren, als ſie ihm ein Geſuch ihres Abtes betreffend die Rechte des Kloſters überbrachten (Fulda ſtand, wie wir uns erinnern, ſeit ſeiner Gründung durch Bonifatius unter unmittel - barem Schutz der römiſchen Kirche). Was die Bitte enthielt, wiſſen wir nicht, aber der Papſt nahm ſie ſo übel auf, daß er die Boten ein - kerkern ließ, in Anweſenheit fränkiſcher Biſchöfe gegen den Abt, den berühmten Theologen Raban, wetterte und ihn zu exkommunizieren drohte. Den jungen Kaiſer Lothar hatte er wohl bei erſter Gelegenheit nach Rom eingeladen und am Oſterfeſt 823 in Sankt Peter als Kaiſer gekrönt, wie einſt der Großvater gekrönt worden war. Dabei hatte er es aber ſo eingerichtet, als ſei ihm jetzt erſt ſeine Würde übertragen, wäh -25Kaiſerliche und päpſtliche Regierung in Romrend er doch ſchon vor ſechs Jahren vom Vater zum Mitkaiſer erhoben war. Die Unabhängigkeit, die Rom ſeit 817 genoß, wurde damit aufs ſtärkſte betont.
Bei dieſer Gelegenheit muß es zu Reibungen oder Zuſammenſtößen gekommen ſein. Ein Zufall der Überlieferung läßt uns wiſſen, daß der Papſt damals einen wichtigen Prozeß verloren hat. Es handelte ſich um das Kloſter Farfa im Sabinerland, wohl die größte und reichſte der kirchlichen Grundherrſchaften Jtaliens nächſt Sankt Peter von Rom. Farfa ſuchte der Papſt ſich zu unterwerfen kraft ſeiner Landeshoheit über die Sabina, ungeachtet das Kloſter die Reichsunmittelbarkeit beſaß. Darüber kam es nun zur Verhandlung vor dem Richterſtuhl Kaiſer Lothars, und das Urteil fiel gegen den Papſt aus. Es war vielleicht nicht das einzige, was ihn und die Seinen verſtimmte. Noch im gleichen Jahr geſchah es, daß zwei der höchſten päpſtlichen Beamten, die noch vor zwei Jahren als Geſandte am fränkiſchen Hof erſchienen waren, im päpſtlichen Palaſt geblendet und geköpft wurden, weil ſie für Lothar Partei ergriffen haben ſollten. Die Schuld daran gab man dem Papſt ſelber. Den Boten, die Ludwig zur Unterſuchung des Falles abordnete, ſuchte Paſchalis ſeinerſeits durch eine Geſandtſchaft zuvorzukommen, die ihn entſchuldigen ſollte. Ludwig nahm das zwar nicht an, aber ſeine Vertreter brachten in Rom nichts heraus, da der Papſt — nach dem Vorbild Leos III. — in öffentlicher Verſammlung jede Mitſchuld an dem Verbrechen abſchwor, die Täter jedoch als Untertanen Sankt Peters gegen Beſtrafung ſchützte und dabei blieb, die Ermordeten hätten als Majeſtätsverbrecher ihr Schickſal verdient. Ludwig, ſchwach und kurzſichtig wie immer, gab ſich damit zufrieden.
Aber nicht alle dachten ſo. Es gab noch Staatsmänner aus der Schule Karls des Großen, mit ſtärkerem Bewußtſein der Rechte und Pflichten eines fränkiſchen Herrſchers. Zu ihnen gehörte Wala, ein Vetter Karls, von dieſem hochgeſchätzt und von Ludwig nach vorübergehender Un - gnade nunmehr dem jungen Thronfolger und König Lothar von Jtalien zur Stütze beigegeben. Die Gelegenheit, daß Paſchalis zu Anfang 824 ſtarb und ſein Tod einen erbitterten Kampf zwiſchen Volk und Adel entfeſſelte, benutzte Wala, um die römiſchen Verhältniſſe neu zu ordnen. Seinem Eingreifen war es zu danken, daß der Wahlkampf nach etwa drei Monaten mit dem Siege der Adelspartei und Erhebung Eugens II. endete. Die Anzeige ſeiner Thronbeſteigung erwiderte Ludwig durch26Kaiſerliche und päpſtliche Regierung in RomSendung des Thronfolgers, der im Einvernehmen mit Papſt und Volk von Rom den Folgen der bisherigen Mißregierung ein Ende machen ſollte. Es geſchah noch vor Ablauf des Jahres durch ein Geſetz, das den Namen Lothars, des jungen Kaiſers, trägt. Da enthüllen ſich ſchlimme Zuſtände. Es wird Rückgabe von Gütern angeordnet, die im Namen der Päpſte widerrechtlich enteignet ſind. Plünderungen, wie ſie bisher im Parteikampf vorgekommen, ſollen künftig verboten ſein, für angerich - teten Schaden ſoll Erſatz geleiſtet werden. Alle Beamten werden zur Vermahnung vorgeladen. Um aber der Wiederholung ſolcher Miß - ſtände vorzubeugen, wird die Unabhängigkeit des Kirchenſtaats aufge - hoben. Künftig ſoll ein Vertreter des Kaiſers mit einem ſolchen des Papſtes gemeinſam die Verwaltung beaufſichtigen und überall da, wo der Papſt ein Unrecht nicht ſelbſt abſtellen will oder kann, der Kaiſer einſchreiten. Endlich verliert auch der Papſt ſeine Selbſtändigkeit. Eugen II. hatte dem Kaiſer — es heißt, freiwillig — ein ſchriftliches Treueverſprechen gegeben. Jetzt wurden die Römer eidlich verpflichtet, in Zukunft keinen Papſt zu weihen, der nicht das gleiche Gelöbnis vor dem kaiſerlichen Vertreter abgelegt habe. Damit trat in veränderter Form wieder in Kraft, was ſeit Juſtinian und bis zur Losſagung Jta - liens von Konſtantinopel Rechtens geweſen war: daß der Papſt vor ſeiner Weihe die Beſtätigung, urſprünglich vom Kaiſer, ſpäter vom Exarchen, erhalten haben mußte. Denn wenn auch in dem Geſetz Lothars von Beſtätigung nicht ausdrücklich geſprochen wird, ſo bedeutete die Vereidigung des Gewählten vor der Weihe doch dasſelbe: wurde die Entgegennahme des Eides abgelehnt, ſo war die Weihe unmöglich.
Für das Verhältnis des Kaiſers zu Papſt, Römern und Kirchenſtaat hat das Geſetz von 824 die Richtſchnur gebildet, von römiſcher Seite widerwillig ertragen und mehrfach übertreten, von kaiſerlicher feſtge - halten und als Handhabe zur völligen Unterwerfung des Papſtes benutzt, bis mit der Auflöſung der fränkiſchen Macht am Ende des Jahrhunderts alles ſich änderte. Die Überlieferung, ſo ſpärlich ſie iſt, zeigt doch kaiſer - liche Bevollmächtigte in Rom Gericht haltend und Urteile fällend, wie man nach dem neuen Geſetz erwarten muß.
Der Punkt, an dem das römiſche Streben nach Unabhängigkeit und der kaiſerliche Wille zur Herrſchaft immer aufeinanderſtießen, war die Papſtwahl. Sie liegt in dieſer Zeit unbeſtritten in den Händen des römi - ſchen Adels. Wenn alles regelmäßig zugeht, ſo verſammeln ſich nach dem27PapſtwahlenTode eines Papſtes an ſeiner Leiche die Biſchöfe der Nachbarſchaft mit dem Klerus und den Vornehmen der Stadt und vollziehen im Angeſicht der Volksmenge die Wahl des Nachfolgers, der ſogleich vom Palaſt im Lateran Beſitz ergreift und von dort, nach Vereidigung durch den kaiſerlichen Vertreter, zur Weihe nach Sankt Peter geleitet wird. Jn dieſer Form wird der alten Vorſchrift genügt, daß ein Biſchof von ſeinen Amtsbrüdern im Verein mit Klerus und Volk der Gemeinde er - hoben werde. Aber das iſt auch nur die Form: die Perſon des zu Wählen - den — in dieſer Zeit iſt es ſtets ein älterer Geiſtlicher, etwa der Erzprieſter oder Erzdiakon — beſtimmen die Häupter des Adels. Darüber läßt die amtliche Papſtgeſchichte keinen Zweifel, wenn ſie die vornehme Geburt des Gewählten betont oder zu ſeinem Lobe bemerkt, daß unter ihm „ der geſamte vornehme Stand des Senats “ein geordnetes Leben habe führen dürfen, oder gar von der Wahl ſelbſt als von einer Handlung der „ römiſchen Fürſten “ſpricht, ohne der andern Beteiligten zu ge - denken. Jſt der Adel einig, ſo rollt das Bild in aller Regelmäßigkeit ab. Aber wenn Spaltungen eintreten, ſo brechen Kämpfe aus, und dann gewinnen die Rechte des Kaiſers beſondere Bedeutung. Eine unter - liegende Partei hat es leicht, ſich ſeiner zu bedienen, indem ſie ſich als kaiſerlich geſinnt empfiehlt, und der Kaiſer, zumal wenn er ſeinen Sitz dauernd in Jtalien nimmt, hat ein zu großes Jntereſſe daran, wer in Stadt und Kirchenſtaat regiert, als daß er nicht die Gelegenheit benutzen ſollte, ſeinen Einfluß zur Geltung zu bringen, womöglich die Wahlen zu beherrſchen. Dies wiederum ſteigert in Rom das Streben nach Un - abhängigkeit, und ſo werden mit der Zeit die Papſtwahlen zu Kämpfen, in denen die Adelsparteien untereinander und mit dem Kaiſer ihre Kräfte meſſen.
Nachdem (827) zweimal alles regelmäßig verlaufen war und man die Weihe bis zur Ankunft eines kaiſerlichen Vertreters aufgeſchoben hatte, gab es ſiebzehn Jahre ſpäter beim Tode Gregors IV. (844) den erſten Zwieſpalt. Bevor noch der herrſchende Adel ſeinen Kandidaten, den Erzprieſter Sergius, hatte wählen können, war es einem Diakon Johannes mit Hilfe einer Volksmenge gelungen, den Palaſt zu beſetzen. Er konnte ſich hier nicht lange behaupten, Sergius II. durfte Beſitz er - greifen und wurde ſogleich geweiht. Der kaiſerliche Vertreter jedoch muß nicht zum Zuge gekommen ſein, und der Kaiſer ſelbſt wurde angerufen. Lothar I., der ſich in ſeinen rheiniſchen Landen aufhielt, bemühte ſich28Sergius II. und Ludwig II.nicht in Perſon, aber er beauftragte ſeinen in Pavia reſidierenden älteſten Sohn Ludwig II., den König der Langobarden, an ſeiner Stelle zum Rechten zu ſehen, und ſtellte dem Jüngling als Berater den vornehmſten ſeiner Landesbiſchöfe, Drogo von Metz, einen natürlichen Sohn Karls des Großen, zur Seite. Mit ſtarkem Gefolge von Biſchöfen und Laien und ziemlichem Aufgebot von Truppen erſchien Ludwig im November 844 vor Rom und wurde in herkömmlicher Weiſe feierlich empfangen. Sergius war ein kranker Mann, an Händen und Füßen von der Gicht gelähmt, aber willensſtark und leidenſchaftlich. Er verſtand es, den jungen König von vornherein einzuſchüchtern. Den Schrecken darüber, daß ein Ritter aus dem königlichen Gefolge vor den Stufen von Sankt Peter von Krämpfen befallen wurde, benutzte er, um von Ludwig, ehe er ihm die Kirche öffnen ließ, die Verſicherung zu fordern, daß er nichts Böſes im Schilde führe. Ludwig aber bewies ſchon hier die Unſicherheit und Abhängigkeit von geiſtlichen Einflüſſen, die ihn zeitlebens gehemmt hat: er gab die geforderte Erklärung. Dennoch verwehrte ihm Sergius den Eintritt in die Stadt, ließ die Tore ſchließen und befeſtigen und zwang ihn — Ludwig war ja nicht Kaiſer und hatte darum in Rom nicht zu befehlen — als Gaſt draußen bei Sankt Peter zu verweilen. Nach ſolcher Einleitung hatte der König das Heft ſchon aus der Hand gegeben, als er die Unterſuchung der Wahl und eigenmächtigen Weihe des Papſtes aufnahm. Sie zog ſich über eine Woche hin und endete mit einem Ver - gleich. Sergius erkaufte ſeine Anerkennung, indem er Drogo zum päpſt - lichen Vikar für das geſamte fränkiſche Reich ernannte; die Biſchöfe, die Ludwig begleiteten, zweiundzwanzig an Zahl — ſie entſtammten außer dem Erzbiſchof von Ravenna ſämtlich dem langobardiſchen Reich — traten zur Synode zuſammen, billigten die Wahl des Papſtes, und dieſer ſalbte den jungen König der Langobarden. Die Führer des römiſchen Volkes aber ſchworen Kaiſer Lothar die Treue.
Später hat Sergius es verſtanden, den Kaiſer für ſich zu gewinnen, ſo daß er in Rom nach Belieben ſchalten konnte. Dabei wirkte für ihn ſein Bruder Benedikt, den eine feindliche Feder in der amtlichen Papſt - geſchichte in unerfreulichſten Farben geſchildert hat. Von lockeren Sitten, Schürzenjäger und habgierig, habe er Bistümer öffentlich an die Meiſtbietenden verkauft und Stadt und Staat zugrunde gerichtet. Jmmerhin kann auch dieſer Gegner nicht leugnen, daß für eine der dringendſten Aufgaben unter Sergius II. eifrig geſorgt worden iſt. Die29Sarazenen vor Romkirchlichen Angelegenheiten, heißt es, wurden vernachläſſigt, dafür Tag und Nacht an den Stadtbefeſtigungen gearbeitet.
Das war ſehr nötig, denn ſeit einigen Jahren ſchwebte Rom mit dem übrigen Jtalien in ſteter Gefahr vor den Arabern. Sie hatten im Jahre 827 von Afrika aus auf Sizilien Fuß gefaßt und die Jnſel zu erobern begonnen. Schon nach vier Jahren war Palermo ihnen zur Beute ge - worden. Dann hatte der Streit zwiſchen Prätendenten um das lango - bardiſche Herzogtum Benevent ihnen den Weg auf das Feſtland ge - öffnet. Als gemietete Hilfstruppen waren ſie herübergekommen, hatten ſich Tarents und Baris bemächtigt (840), an verſchiedenen Stellen im Süden, zeitweilig ſogar in der Hauptſtadt Benevent, ſich feſtgeſetzt und ſuchten nun von dort aus als verwegene Räuber zu Lande und zu Waſſer Binnenland und Küſtenſtädte heim. Dieſer Gefahr Herr zu werden, hätte es gemeinſamer Abwehr durch die vereinten Kräfte der ganzen Halbinſel bedurft. Daran aber war nicht zu denken. Wie Bene - vent in ſich geſpalten war, ſo ſtanden ſeine Herrſcher den griechiſchen Städten des Weſtens und dem byzantiniſchen Statthalter in Otranto mit Mißtrauen gegenüber. Eine Macht, die die Einheit des Handelns hätte erzwingen können, gab es nicht, da der fränkiſche Kaiſer fern im Rheinland weilte und der König von Jtalien im Süden ein unerwünſchter Fremder war. Nicht einmal zwiſchen Rom und dem Königreich herrſchte wirkſames Einverſtändnis, und es bedurfte einer demütigenden Erfah - rung, um die Römer darüber zu belehren, daß ſie auf die Franken angewieſen waren.
Am 23. Auguſt 846 erſchien eine ſtarke Sarazenenflotte — man ſchätzte ſie auf dreiundſiebzig Schiffe — vor der Tibermündung und landete Truppen, angeblich 11000 Mann mit 500 Pferden. Die Römer waren von Korſika aus gewarnt worden, hatten aber keine Vorkehrungen getroffen. Ohne Widerſtand wurden die feſten Plätze Porto und Oſtia, die den Tiber ſperren ſollten, vom Feinde genommen, und als die Bürgerwehren von Rom zu ſpät ausrückten, wurden ſie zurückgeworfen, ihre Nachzügler niedergemacht. Ungehindert ſtürmten die Sarazenen bis vor die Mauern der Hauptſtadt, überfielen — es war am 26. Auguſt — Sankt Peter, plünderten die Kirche aus und führten, was nicht geflüchtet war, gefangen weg. Den Rückweg nahmen ſie zu Lande bis Gaeta und jagten hier eine nachſetzende fränkiſche Truppe in die Flucht. Nur ein Haufe, der die Kirche von Sankt Paul vor den30Leo IV. Mauern von Rom überfallen hatte, wurde von dem herbeigeeilten Her - zog von Spoleto gefaßt und vernichtet. Der Schlag war hart, und eine ſchwache Genugtuung bildete es, daß die Flotte mit den geraubten Schätzen auf der Rückfahrt unterging. Wenn nicht einmal das Heilig - tum des Apoſtelfürſten vor den Ungläubigen ſicher war, ſo war Jtalien, war die Chriſtenheit wehrlos.
Unter dem Zeichen dieſes ſchreckhaften Erlebniſſes ſtanden die nächſten Jahre. Als Sergius II. Ende Januar 847 ſtarb, erwies man dem Kaiſer, obwohl ungern genug, die Ehre, ihm die Wahl des Nachfolgers vor der Weihe anzuzeigen. Aber die weite Entfernung — Lothar weilte wie immer nördlich der Alpen — verzögerte die Antwort, es ſiegten Stolz und Ungeduld, und ohne den Willen des Kaiſers zu kennen, weihte man am 12. April 847 Leo IV. Lothar gegenüber entſchuldigte man ſich mit der Sarazenengefahr, die keinen längeren Aufſchub geduldet habe, und er ließ es gelten.
Die Hauptſorge des neuen Papſtes war die Befeſtigung ſeiner Stadt und der Schutz der Küſten. Er hat Feſtungen anlegen, vor allem aber die Vorſtadt Roms auf dem rechten Ufer des Tiber, wo die Kirche Sankt Peters liegt, mit Mauern umgeben laſſen. Mit dieſem Werk hat er ſeinen Namen verewigt, der Stadtteil heißt bis heute die Leoſtadt. Auf Befehl des Kaiſers wurde die Ummauerung begonnen und dank ſeiner Hilfe in ſechs Jahren vollendet.
Lothar hatte ſogleich nach dem Unglück vom 26. Auguſt 846 große Entſchlüſſe gefaßt. Sein Sohn Ludwig ſollte mit Truppen aus allen Teilen des Reiches gegen die Araber in Unteritalien vorgehen, um ihnen ihre Stützpunkte zu entreißen. Zugleich wurde eine Steuer und frei - willige Sammlung im ganzen Reich angeordnet, damit Rom geſchützt und Sankt Peters Kirche wieder ausgeſtattet werde. Mit dieſem Gelde und dem, was ihm der eigene Staat lieferte, konnte der Papſt bauen. Die Notwendigkeit hatte ein neuer Angriff der Sarazenen inzwiſchen be - wieſen. Jm Jahre 849 erſchienen ſie wieder vor der Tibermündung, dies - mal aber ſtießen ſie auf überlegene Abwehr. Allerdings waren es nicht die Römer ſelbſt, die ihre Stadt verteidigten, auch nicht die Truppen des Kaiſers. Die Griechenſtädte Neapel, Amalfi und Gaeta waren mit ihren Kriegsſchiffen zu Hilfe gekommen. Der Papſt hatte ihre Truppen beſucht, den Leuten das Abendmahl gereicht. Als tags darauf die Sara - zenen kamen, wurden ſie gebührend empfangen. Während die Schlacht31Rom und Konſtantinopel nach 787im Gange war, erhob ſich ein Sturm, den die griechiſchen Schiffe aus - hielten, während die leichteren Fahrzeuge der Araber größtenteils unter - gingen. Seitdem ſind Rom und ſeine nächſte Umgebung von Überfällen verſchont geblieben.
Der Fürſt des Kirchenſtaats, mit dem wir es bisher zu tun hatten, brauchte ſeit dem Friedensſchluß zwiſchen Franken und Griechen über die Politik des Kaiſers in Konſtantinopel ſich keine Sorgen zu machen. Anders der erſte Biſchof der Kirche. Jhm mußte der alte Oſten noch immer ebenſo wichtig ſein wie der junge Weſten, vollends wenn dort Dinge geſchahen, die ihn mittelbar oder unmittelbar angingen. Dies aber war der Fall in eben den Jahren, nachdem die ſtaatlichen Be - ziehungen zwiſchen Oſt und Weſt für die Dauer geregelt waren. Eine merkwürdige Fügung hat bewirkt, daß dem weltlichen Frieden eine er - neute kirchliche Spannung auf dem Fuße folgte, und mehr als einmal hat es geſchienen, als ſollte die Spaltung, die im Oſten herrſchte, auch den Weſten ergreifen.
Die Epoche, die mit der Synode von Nikäa (787) anhob, iſt für Kon - ſtantinopel nicht glücklich geweſen. Gekennzeichnet iſt ſie durch eine Kette von Thronrevolutionen und durch das Emporkommen des bulgariſchen Reiches, das ſeit 802 ſeine Herrſchaft im Süden der Donau bis an den Balkan ausdehnte, ohne daß das Entgegentreten der Kaiſer zu anderem als zu ſchweren Niederlagen geführt hätte. Dieſes Verſagen der ſeit fünfundzwanzig Jahren herrſchenden Partei wirkte mit zu einer Umkehr der Kirchenpolitik. Der Armenier Leo V., der im Jahre 813 den erfolg - loſen Michael I. beſeitigte und erſetzte, kehrte in die Bahn ſeiner bilder - feindlichen Vorgänger zurück, ließ die Synode von Nikäa aufheben, die Bilder verbieten und verfolgte ihre Verehrer mit ähnlicher Strenge wie einſt Konſtantin V. Leos Sturz und die Thronbeſteigung Mi - chaels II. (820) machten zwar der Verfolgung ein Ende, aber mehr als ſtillſchweigende Duldung wurde den Bildern auch jetzt nicht gewährt. Geſetzlich blieben ſie abgeſchafft. Beide Herrſcher ſtießen auf den er - bitterten Widerſtand vor allem der Mönche, die von jeher die Bilder - verehrung am eifrigſten gepflegt hatten. Unter ihnen ragt die Geſtalt des Abtes Theodor von Studion († 826) hervor, der die Partei in Wort und Schrift vertrat, unerſchüttert durch Verfolgung und Mißhandlung, unbeugſam, ja trotzig in ſeinem Widerſtand. Schon vor dem Bilder -32Rom und Konſtantinopel nach 787verbot hatte er einen Zuſammenſtoß mit Kaiſer und Patriarch gehabt, bei dem bereits deutlich wurde, was auch ſpäter die letzte Wurzel ſeiner Auflehnung war: er ſcheute ſich nicht, vom Kaiſer Gehorſam gegen die Kirche, das heißt gegen die Forderungen ſeiner Partei zu verlangen. Schon damals hat er die Autorität des Biſchofs von Rom auszuſpielen verſucht.
Zwiſchen den Kirchen von Konſtantinopel und Rom war der amtliche Verkehr aufgehoben, ſeit die Kaiſerkrönung Karls den Bruch zwiſchen Franken und Griechen herbeigeführt hatte. Erſt der politiſche Friede ſtellte auch die kirchlichen Beziehungen wieder her. Damals (811) erſt zeigte der Patriarch Nikephoros, obwohl ſchon vor fünf Jahren erhoben, dem Papſt ſeinen Amtsantritt in der altüblichen Form an. Nun ſtand auch nichts mehr im Wege, daß die kirchliche Oppoſition der Griechen in Rom um Unterſtützung warb. Anlaß des Streites war zu jener Zeit, daß Kaiſer Nikephoros (809), mit Berufung auf das Recht der Biſchofs - ſynode, von kanoniſchen Strafen zu dispenſieren, die Wiedereinſetzung eines Prieſters bewirkte, der einſt vor dreizehn Jahren den Sohn Jre - nens nach Scheidung von ſeiner erſten Gemahlin mit einer zweiten ge - traut hatte und deswegen der Prieſterwürde entkleidet war. Gegen dieſe Maßregel und den Grundſatz, der ſie rechtfertigen ſollte, rief Abt Theodor den Beiſtand Leos III. an. Ebenſo ſpäter gegen das Bilderverbot. Durch wiederholte Briefe und Boten drängte er erſt Leo, dann Paſchalis zum Eingreifen, erflehte er Hilfe und Rettung. Er ſparte dabei nicht mit Worten der Huldigung vor der „ alleroberſten “Kirche (koryphaiotáte), dem Stuhl Petri, auf den der Herr die Schlüſſel des Glaubens gelegt, vor dem Nachfolger des Apoſtelhauptes, das er zum Torwart des Him - melreichs gemacht, dem er das höchſte Hirtenamt übertragen habe. Paſchalis redete er an als Träger der Himmelsſchlüſſel, Fels des Glau - bens, auf den die allgemeine Kirche gebaut iſt, ja als Petrus ſelbſt, zu dem der Herr geſagt hat: „ Stärke die Brüder! “. „ Jhr ſeid “, ſo rief er ihm zu, „ die reine und ungetrübte Quelle des wahren Glaubens von Anbeginn, der ſchützende Hafen der geſamten Kirche gegen den Sturm der Ketzerei, Jhr die von Gott erwählte Zufluchtſtätte des Heils. “ Von jeher, meinte er, iſt es Brauch, daß der Nachfolger Petri jeden Streit entſcheide, über jeden Jrrtum richte; ohne Wiſſen Roms dürfe keine Synode gehalten werden, und wer ſich von Rom trenne, der gehöre dem Leibe Chriſti nicht mehr an. Jn den Anfängen des Streites mutete33Theodor von StudionTheodor dem Papſte zu, eine Synode zu berufen, die Beſchlüſſe von Konſtantinopel aufzuheben, über den, der ſie vertreten — gemeint iſt der Kaiſer — den Fluch auszuſprechen. Als Michael II. in der Bilderfrage Duldung zu üben begann, verlangte er von ihm, daß er den Papſt ent - ſcheiden laſſe — ein leidenſchaftlicher, beredter Anwalt römiſcher An - ſprüche, wie es im Oſten keinen zweiten gegeben hat, von den Vor - kämpfern des ſpäteren römiſchen Primates mit Vorliebe als Kronzeuge aufgerufen. Aber dieſes Zeugnis nicht zu überſchätzen, mahnt doch alles. Denn ſelbſt wenn man nicht unterſucht, inwieweit der Sprecher einer kämpfenden Partei befugt iſt, für die geſamte Kirche des Oſtens das Wort zu führen; wenn man auch die naheliegende Frage unterdrückt, ob er ebenſo geſprochen haben würde, wäre ſeine Anſicht in Rom nicht gebilligt worden: ſo liegen von ihm ſelbſt Äußerungen vor, die beweiſen, wie wenig buchſtäblich ſeine überſchwenglichen Huldigungen vor der römiſchen Autorität genommen ſein wollen, wie wenig man weitere Schlüſſe aus ihnen ziehen darf. Dieſelben Ausdrücke, mit denen er den Papſt verherrlicht, wendet er in einem Gedicht zum Lobe des heiligen Baſilios auf dieſen an, läßt ihn als neuen Petrus die Schlüſſel emp - fangen, nennt ihn den Hüter der ganzen Kirche. Anderswo bezeichnet er als Nachfolger der Apoſtel die Patriarchen von Rom, Konſtantinopel, Alexandria, Antiochia und Jeruſalem, denen es zukomme, die Kirche zu vertreten, die über die Lehren des Gottesglaubens zu urteilen haben. Von einem ausſchließlichen Rechte Roms auf Glaubensentſcheid und Kirchenregierung weiß auch dieſer römiſchſte aller Theologen des Oſtens nichts. Seine Begeiſterung für Rom iſt weniger perſönliches Bekennt - nis als kirchenpolitiſche Taktik, und keinesfalls Bekenntnis ſeiner Kirche.
Theodor hat mit ſeiner Berufung auf Rom kein Glück gehabt. Der Kaiſer dachte nicht daran, ſeiner Forderung nachzugeben, aber auch in Rom fand er wenig Gegenliebe. Weder Leo noch Paſchalis haben ein lautes Wort für ihn in die Wagſchale gelegt. Die Wiedereinſetzung eines abgeſetzten Prieſters war wirklich eine zu geringfügige Sache, als daß man deswegen mit Kaiſer und Kirche des Oſtens hätte Streit an - fangen dürfen, und in den Machtkampf zwiſchen Staat und Kirche, beſſer Regierung und Kloſter, der ſich dahinter verbarg, hatte Rom einzugreifen keinen Anlaß. Jn der Bilderfrage aber hat Paſchalis wohl ſeine Übereinſtimmung mit der Partei Theodors durch ein Schreiben an den Kaiſer zu erkennen gegeben, auch den Geſandten der Gegner denHaller, Das Papſttum II1 334Streit um das FilioqueEmpfang verweigert, aber weiter iſt er nicht gegangen. Er hatte allen Grund, behutſam aufzutreten, da ihm in dieſer Frage die Deckung durch die fränkiſche Macht fehlte.
Die Verhandlungen über die Siebente Synode und das Frankfurter Konzil waren in Rom in friſcher Erinnerung, ſie wieder aufleben zu laſſen konnte niemand wünſchen. Seitdem hatte ein anderer Fall gezeigt, welche Brüche und Lücken die kirchliche Gemeinſchaft von Römern und Franken aufwies. Es handelte ſich um nichts Geringeres als die Formel des Glaubensbekenntniſſes. Schon in den Erörterungen über die Siebente Synode war darüber eine Meinungsverſchiedenheit nebenher aufge - taucht. Karl hatte es ſcharf gerügt, daß der Patriarch Taraſios in ſeiner Glaubenserklärung den Heiligen Geiſt nur vom Vater hatte ausgehen laſſen anſtatt vom Vater und vom Sohne. Hadrian hatte widerſprochen: auch die römiſche Kirche bekenne ſo. Hinter der Hauptfrage, der Bilder - verehrung, war dieſer Punkt damals zurückgetreten, in Frankfurt ſcheint er nicht berührt worden zu ſein. Dagegen iſt er unter Leo III. einmal Gegenſtand eingehender Erörterung geweſen. Mönche des fränkiſchen Kloſters am Ölberg bei Jeruſalem, das Karls Schutz genoß, waren von ihren griechiſchen Nachbarn der Ketzerei beſchuldigt worden, weil ſie die fränkiſche Formel brauchten. Sie hatten ſich deswegen an den Papſt gewandt und ſich auf den Brauch des fränkiſchen Hofes berufen. Leo berichtete darüber an Karl, dieſer ließ die Frage von ſeinen Theologen bearbeiten und forderte vom Papſt, daß er den fränkiſchen Brauch billige. Leo war in Verlegenheit. Dem Verlangen Karls nachkommen konnte er nicht, denn im Glaubensbekenntnis der römiſchen Kirche fehlten die Worte „ und vom Sohne “(filioque) ebenſo wie bei den Griechen. Sie waren zuerſt in Spanien am Ende des ſechſten Jahrhunderts aufgekom - men und von dorther in den Zeiten, als Rom noch keinen Einfluß auf die Franken übte, durch dieſe übernommen worden. Leo hatte alſo vom Standpunkt römiſcher Überlieferung doppelt recht, wenn er Karls Wunſch verwarf; aber ſich offen zu weigern, wagte er nicht. Er mußte ſich den Geſandten Karls zu förmlicher Disputation ſtellen und wurde dabei arg in die Enge getrieben. Denn daß die fränkiſche Formel recht - gläubig ſei, konnte er nicht beſtreiten: alle maßgebenden Theologen des Oſtens und des Weſtens lehrten übereinſtimmend, daß der Heilige Geiſt „ vom Vater und vom Sohne “ausgehe. Nur war das in dem Glaubens - bekenntnis, das im Jahr 381 in Konſtantinopel aufgeſtellt wurde, noch35Fränkiſch-griechiſche Annäherungnicht ausgeſprochen, und an dieſer altehrwürdigen Formel etwas zu ändern, ſchien gefährlich. Leo wollte ſich darauf ſo wenig einlaſſen, wie die Franken davon hören wollten, in der Bekenntnisformel etwas zu unterdrücken, was auch nach der Erklärung des Papſtes zum ſeligmachen - den Glauben gehörte. Um einen Ausweg zu finden, ſchlug Leo vor, das Ab - ſingen des Glaubens bei der Meſſe, dieſen fränkiſchen Brauch, den die römiſche Kirche nicht kannte, einzuſtellen, und ſo die bisherige Formel allmählich in Vergeſſenheit geraten zu laſſen. Das hat man am fränki - ſchen Hof abgelehnt und nach wie vor das Glaubensbekenntnis in der gewohnten Form, mit dem filioque, geſungen. Als offenen Widerſpruch hiergegen ließ Leo in der Kirche Sankt Peters zwei ſilberne Tafeln aufſtellen, auf denen das Credo griechiſch und lateiniſch ohne filioque ein - gegraben war. Römer und Franken gingen alſo, obwohl in der Lehre einig, in der Bekenntnisformel auseinander.
Daß ſie in der Bilderfrage nicht einig waren, wird man in Kon - ſtantinopel gewußt haben, und es hat ganz den Anſchein, als hätte man ſich das einmal zunutze zu machen verſucht.
Zwiſchen den beiden Kaiſerhöfen beſtanden ſeit dem Aachener Frieden von 812 freundliche, aber keine engeren Beziehungen. Da erſchien im November 824 eine ſtattliche griechiſche Geſandtſchaft, darunter der Patriarch von Venedig, bei Ludwig dem Frommen. Jhr offener Auftrag war, den beſtehenden Frieden in ein Bündnis zu verwandeln. Daneben tru - gen ſie einen Wunſch vor, der den geheimen Zweck ihrer Sendung verriet. Sie wollten auch nach Rom gehen und dort unter Darbietung reicher Geſchenke die Ausweiſung der griechiſchen Auswanderer fordern. Dieſes Begehren ſollte Ludwig unterſtützen als Beweis dafür, daß die Einig - keit zwiſchen ihm und dem Oſten nicht nur im Weltlichen, auch in Glauben und Kirche beſtehe. Jn einem langen, ſehr freundlichen Schrei - ben unterrichtete Kaiſer Michael II. ſeinen Kollegen über den Unfug, der aus der Anbetung der Bilder entſtanden ſei, und meldete den jüngſt in Konſtantinopel gefaßten Beſchluß, ſie zwar nicht mehr zu zerſtören, aber ſie höher zu hängen, ſo daß ſie wohl die Schrift erſetzen könnten, aber der Anbetung entzogen ſeien. Was erwartet und wohl nur mündlich vorgetragen wurde, errät man leicht und wird durch die Schritte er - wieſen, die Ludwig ſogleich tat. Er gab den Griechen zwei Geſandte nach Rom mit, die vom Papſt die Ermächtigung erbitten ſollten, die Bilder - frage durch eine fränkiſche Synode prüfen zu laſſen. Eugen II., ohne36Fränkiſch-griechiſche Annäherungdem Begehren der Griechen zu willfahren, genehmigte Ludwigs Wunſch, und im November 825 trat in Paris das geforderte Konzil zuſammen.
Es knüpfte an die Verhandlungen an, die unter Karl über dieſe Frage geführt worden waren, und ſprach ſich in einer Denkſchrift in gleichem Sinne aus. Dabei wurde an Hadrian I. mit überraſchender Schärfe Kritik geübt — „ urteilslos, abergläubiſch, ſinnlos, unpaſſend, tadelns - wert “. Seine einzige Entſchuldigung iſt, daß er „ nicht ſo ſehr mit Be - wußtſein wie aus Unwiſſenheit vom rechten Wege abgewichen “iſt. Mit der herkömmlichen Verſicherung ſchuldiger Ehrfurcht vor dem apoſtoliſchen Stuhl und ſeinen Jnhabern verträgt ſich ebenſo ſchlecht die bittere Klage, daß dort, wo der Jrrtum verbeſſert werden ſollte, „ die Peſt des Aberglaubens teils aus Unkenntnis der Wahrheit, teils aus übelſter Gewohnheit “nicht nur gepflegt, ſondern auch „ gegen die göttliche Autorität und die Ausſprüche der heiligen Väter “verteidigt werde. Wie es dort — nämlich in Rom — gehalten wird, wiſſen die fränkiſchen Biſchöfe, einige aus eigener Anſchauung, alle aus den Be - richten anderer. Die Denkſchrift zielt auf nichts Geringeres als ein Zu - ſammengehen von Franken und Griechen gegen Rom. Man legte ſogar ſchon die Entwürfe der Schreiben vor, die an den griechiſchen Kaiſer und an den Papſt zu richten ſeien. Ludwig benutzte dieſe nicht, ließ viel - mehr aus der Denkſchrift einen Auszug herſtellen und ſchickte ihn nach Rom durch zwei Biſchöfe, die er anwies, den Papſt recht ſchonend zu behandeln, um ihn womöglich für den eigenen Standpunkt zu gewinnen. Sollte das am „ römiſchen Starrſinn “ſcheitern und der Papſt eine Geſandtſchaft nach Konſtantinopel zu ſchicken wünſchen, ſo möchte Lud - wig mit ſeiner Erlaubnis ihnen ſeine eigenen Geſandten mitgeben.
Papſt Eugen war bei Ankunft der Franken (Anfang 826) ſterbens - krank, muß ſich aber wieder erholt haben, da er im Herbſt eine Synode abhalten konnte. Er hat auch die Geſandtſchaft Ludwigs noch durch eine eigene erwidert, dann iſt er im Auguſt 827 geſtorben. Ob die geplante Doppelſendung nach Konſtantinopel erfolgt iſt, bleibt zweifelhaft. Aber im September 827 iſt ein griechiſcher Geſandter bei Ludwig eingetroffen, „ angeblich um das Bündnis zu bekräftigen “, wie die fränkiſchen Reichs - annalen ſagen; und in der erſten Hälfte des Jahres 828 iſt der Biſchof von Cambrai, der beim Pariſer Konzil im Vordergrund geſtanden hatte, von einer Sendung an den griechiſchen Hof zurückgekehrt. Man geht alſo nicht fehl, wenn man annimmt, daß die Bilderfrage Gegenſtand37Fränkiſch-griechiſche Annäherunglängerer Verhandlungen zwiſchen den beiden Kaiſern geweſen iſt, daß die Griechen gehofft haben, durch fränkiſchen Einfluß den Widerſtand Roms zu beſiegen, und daß man auf fränkiſcher Seite dasſelbe minde - ſtens gewünſcht hat. Jn der Sache war die im Oſten zur Zeit herrſchende Richtung mit den Franken einig. Jhre Ausſichten wären beſſere geweſen, wenn im Weſten ein Herrſcher wie Karl regiert hätte an Stelle des un - ſicheren, beſtimmbaren, ja unſelbſtändigen Ludwig. Seit 828 verlautet von der Sache nichts mehr. Die Verhandlungen müſſen abgebrochen worden ſein, ſei es daß der Tod Kaiſer Michaels II. (829) ihr Ende herbeiführte, oder daß der bald darauf folgende Ausbruch des Bürger - kriegs im Frankenreich ſie ausſichtslos machte.
Stellen wir uns vor, die Richtung, die ſchon unter Karl danach ſtrebte, das ganze Gebiet fränkiſcher Herrſchaft als wiederhergeſtelltes römiſches Reich zu einem Geſamtſtaat zuſammenzufaſſen, hätte unter Ludwig und ſeinen Söhnen ſich durchgeſetzt, ſo wie es in der Erbfolgeordnung von 817 vorgeſehen war; ein römiſcher Kaiſer als höchſter Herrſcher über Jtalien, Frankreich und Deutſchland hätte von Kalabrien bis Holſtein, vom Ebro und Atlantiſchen Ozean bis zur Elbe, zur Raab und zum Karſt geboten, und dieſes mächtige Reich hätte ſeine Einheit ein, zwei Men - ſchenalter bewahrt: kann man zweifeln, daß dann in ſeinem Rahmen eine einzige Reichskirche, vom römiſchen Biſchof in feſten Formen regiert, ſich gebildet haben würde? Es iſt anders gekommen. Der Traum eines römiſch-fränkiſchen Geſamtreichs hat ſich nicht erfüllt, er verſank für immer, als am 25. Juni 841 bei Fontenoye Kaiſer Lothar von ſeinen Brüdern geſchlagen wurde, und ſo konnte auch die geeinte Papſtkirche, der römiſche Patriarchat an der Seite des fränkiſchen Kaiſers, nicht ent - ſtehen. Wohl hat Lothar verſucht, ſeinem Reichsteil wenigſtens die kirchliche Führung zu verſchaffen, indem er einen ſeiner Landes - biſchöfe zum Vorgeſetzten aller fränkiſchen Biſchöfe machen ließ. Die Ernennung Drogos von Metz zum Erzbiſchof des ganzen Reiches und Vikar und Legaten des Papſtes, der Preis, den Sergius II., wie wir ſahen, für ſeine Anerkennung zahlen mußte (844), hätte, wenn wirkſam geworden, wenigſtens die fränkiſche Kirche nördlich der Alpen zur ge - ſchloſſenen Körperſchaft über die Grenzen der Reichsteile hinweg zu - ſammengefaßt. Die Befugniſſe, die Sergius dem neuen Legaten ver - lieh, bis ins einzelne genau geregelt, gingen weit genug, ſie hätten ihm die Herrſchaft über alle fränkiſchen Kirchen unter päpſtlicher Oberhoheit verſchafft. Daß das Papſttum dabei gewonnen haben würde, iſt freilich nicht geſagt; recht wohl hätte ein fränkiſcher Patriarchat ſich entwickeln können, der mehr die Unabhängigkeit der fränkiſchen Reichskirche von39Anſehen des Papſtes. EnglandRom als ihre Unterwerfung unter Rom dargeſtellt haben würde. Doch das ſind müßige Betrachtungen. Der Vikariat des Erzbiſchofs von Metz iſt nicht in Kraft getreten, die fränkiſchen Biſchöfe lehnten die Neuerung ab, und Drogo ebenſo wie Lothar nahmen die Zurückweiſung ruhig hin. Der Papſt aber ſah keinen Grund, auf einer Anordnung zu beſtehen, die er nur auf Verlangen des Kaiſers getroffen hatte. Noch einen Verſuch machte Lothar, auf einem Umweg zum Ziel zu gelangen, indem er — Drogo war noch am Leben — das gleiche Amt für Hinkmar, den Erz - biſchof von Reims, erbat, der mit einem Teil ſeines Sprengels auch ſein Untertan war. Aber dieſe Zumutung verwarf ſchon Papſt Leo IV. (851). Als Karl der Kahle fünfundzwanzig Jahre ſpäter, ſoeben römi - ſcher Kaiſer geworden (876), den Verſuch zugunſten des Erzbiſchofs von Sens wiederholte, ſcheiterte er ebenſo wie Lothar am Widerſtand ſeiner eigenen Biſchöfe. Seitdem iſt von ſolchen Plänen nie mehr die Rede geweſen.
So iſt es zu einer Geſamtverfaſſung der weſtlichen Landeskirchen im neunten Jahrhundert nicht gekommen. Daß der Papſt ihr Führer, ihr Vertreter nach außen war, verſtand ſich von ſelbſt, und die Ergebenheit, die man ihm als Amtserben des Himmelspförtners entgegenbrachte, ſicherte ihm ein großes Maß von Einfluß. Aber wie weit ſeine Befug - niſſe gingen, welchen Gehorſam er fordern durfte, ob es nicht auch Rechte unabhängig von ihm und gegen ihn gab, war keineswegs geklärt. Länder und Perſonen verhielten ſich darin verſchieden.
Am weiteſten in der Unterwürfigkeit ging England, das Urſprungs - land des neuen Petrusglaubens. Dort ſah man nach wie vor in Rom die Quelle und den Hüter kirchlicher Ordnung. Päpſtliche Legaten, die im Jahre 786 ins Land kamen, um zum Rechten zu ſehen, fanden die ehren - vollſte Aufnahme und willigen Gehorſam. Hadernde Könige gelobten Beſſerung, Biſchöfe und Laien nahmen ohne Widerſpruch die Vor - ſchriften entgegen, die ihnen nicht nur für kirchliche Dinge gegeben wur - den, darunter einſchneidende Beſtimmungen über Ehe und Erbrecht, Zehntenzahlung, Bekämpfung heidniſcher Bräuche und ein Verbot, die Steuern zu erhöhen. Eine jährliche Abgabe von ſeinem Reich, für jeden Tag ein Goldſtück, hat König Offa von Mercia damals dem Papſt verſprochen — es iſt der Urſprung des ſpäteren Peterspfennigs — ſein Nachfolger gelobte ſchriftlich, wenigſtens die gleiche Ergebenheit wie ſeine Vorgänger. Der Gehorſam lohnte ſich: König Offa zuliebe hat40AlkwinHadrian ein eigenes Erzbistum für Mercia geſchaffen, Leo III. auf Wunſch des Nachfolgers es wieder beſeitigt, den alleinigen Primat von Canterbury wiederhergeſtellt und gegen einen Aufſtand die geiſtlichen Waffen der Kirche hergeliehen. Um die Mitte des Jahrhunderts konnte Leo IV. den Königsſohn und ſpäteren großen König Alfred in Rom empfangen und von ihm das Gelübde zum Dienſt Sankt Peters ent - gegennehmen. Zwei Jahre ſpäter erſchien der Prinz nochmals, diesmal in Begleitung des Vaters. Sie brachten reiche Geſchenke dem Apoſtel - fürſten als Dank für einen Sieg über die Dänen. Jm Jahr 874 endlich ereignete es ſich zum letzten Male, daß ein König des Landes Reich und Krone verließ, um in Rom zu ſterben. An der Ergebenheit Englands gegen Rom und Sankt Peter war nicht zu zweifeln.
Die fränkiſche Kirche hat nach dem Tode des Bonifatius noch lange unter der Einwirkung angelſächſiſchen Geiſtes geſtanden. Sein Haupt - träger war Alkwin aus York. Der große Gelehrte, der am Hofe Karls, dann als Abt von St. Martin in Tours die vornehme Jugend der Franken unterrichtete — er ſtarb 804 — war nach ſeiner Geſinnung das, was man in neueren Zeiten einen Ultramontanen nennen würde. Mehr noch durch die Sprache als durch den Jnhalt ſeiner Äußerungen verrät er es. Von den Päpſten erbittet er immer aufs neue „ fußfällig “und mit überſchwenglichen Worten Losſprechung von ſeinen Sünden, ihrer Fürbitte empfiehlt er ſich, durch ſie will er unter die Schafe Chriſti aufgenommen werden, die dem heiligen Petrus zur Hut anvertraut ſind, überzeugt, daß eines Papſtes Gebet bei Gott alles erreicht. Rom ſteht ihm ſo ſehr im Vordergrund aller Dinge, daß er auf die Nachricht von der Vertreibung Leos III. den König ungeduldig drängt, den Krieg gegen die Sachſen abzubrechen und ſchleunigſt nach Rom zu eilen. Der Gedanke, Leo könnte vor ſeinen Anklägern weichen und ſich in ein Kloſter zurückziehen, empört ihn. Das dürfe unter keinen Umſtänden geſchehen; denn welcher Biſchof wäre noch ſicher, wenn das Haupt der Kirche ge - ſtürzt würde? Ob Leo wirklich unſchuldig iſt, bekümmert ihn wenig, um jeden Preis will er ihn retten und holt dazu den angeblichen Erlaß Silveſters, eine der Erfindungen aus dem Prozeß des Symmachus, her - vor, daß es zweiundſiebzig Zeugen bedürfe, um die Schuld eines Biſchofs zu erweiſen; desgleichen den Satz, daß der apoſtoliſche Stuhl wohl richte, aber nicht gerichtet werde. Gegen Rom hätte Alkwin niemals Waffen gehabt.
41Fränkiſche AnſchauungenEs müßte mit ſonderbaren Dingen zugegangen ſein, wenn er dieſe Denkweiſe nicht ſeinen Schülern mitgeteilt hätte. Jn der Tat begegnet ſie uns, wenn auch nicht in der gefühlvoll geſteigerten Ausdrucksweiſe des Meiſters, bei fränkiſchen Theologen des folgenden Menſchenalters in Oſt und Weſt. Walafried, der gelehrte Abt der Reichenau, ſieht den Papſt auf dem römiſchen Stuhl als Amtswalter Sankt Peters an der Spitze der ganzen Kirche über den Patriarchen ſtehen wie den Kaiſer über den Patritiern, und verdreht den Beſchluß der Synode von Serdika dahin, alle Anordnungen müßten in Rom vorgelegt und jede römiſche Verfügung beobachtet werden. Nach ihm iſt keine andere Kirche ſo wie die römiſche in aller Vergangenheit frei geblieben vom Schmutz der Ketzerei. Darum richte man ſich auch in äußeren Bräuchen am beſten nach ihr. Die demütige Ergebenheit, mit der die Äbte von Fulda jeweilen an die Päpſte ihrer Zeit ſchrieben, hat ihnen von dem Vater der proteſtantiſchen Kirchengeſchichte im ſechzehnten Jahr - hundert, Mathias Flacius, entrüſteten Tadel eingetragen. Abt Lupus von Ferrières holte ſich für den Gottesdienſt die Richtſchnur aus Rom, „ von wo die Anfänge des Glaubens überallhin ausgegangen ſind “. Als er für zweiundzwanzig fränkiſche Biſchöfe ein Schreiben an den Fürſten der Bretagne zu verfaſſen hatte, das dieſem mit Aufhebung der Gemein - ſchaft und Fluch drohte, warf er ihm nach anderen Schandtaten als ſchlimmſtes Vergehen vor, daß er gewagt hatte, die Entgegennahme eines Mahnſchreibens vom Papſt zu verweigern, vom Papſt, „ dem Gott den erſten Platz (primatum) im ganzen Erdkreis gegeben hat “.
Freilich dachten nicht alle ſo. Die Erfahrung, wie ſehr in Rom Geld und Gut geſchätzt wurde, die Tatſache, daß man, wie auch Lupus feſtſtellen mußte, zum Papſt nur mit Geſchenken gelangen konnte, hat die überzeugt Gläubigen damals ſo wenig wie ſpäter irre gemacht. Aber es gab Erzbiſchöfe, Biſchöfe und Theologen, die gegenüber dem römiſchen Stuhl eine grundſätzlich andere Stellung einnahmen. Man würde es nicht glauben, wenn nicht Papſt Hadrian ſelbſt in einer Beſtätigung von Rechten des Kloſters St. Denis mit ſtarken Worten darüber ſich ereiferte, daß ein Erzbiſchof von Mailand, ein Patriarch von Aquileja und ein Biſchof von Como „ die heilige katholiſche und apoſtoliſche Kirche, die doch das Haupt der ganzen Welt iſt, von der ſie ſelbſt, wie man weiß, ihren Urſprung herleiten, mit hündiſchem Gebell anzugreifen wagten “, indem ſie, was noch kein Ketzer getan, ſich gleichen Rechtes mit Rom42Spaniſcher Einflußvermaßen. Daß ein Prieſter, der in päpſtlichem Auftrag reiſte, von einem Biſchof in fernem Land gefangengenommen und von Unbekannten erſchlagen wurde, wird mit der Wildheit eines neubekehrten Volkes — es ſcheint im Norden geſchehen — zu erklären ſein. Wie aber wäre das Selbſtgefühl, wie wäre der ſchroffe, ja geringſchätzige Ton, mit dem in der Bilderfrage und im Streit um die Glaubensformel die fränkiſche Kirche der römiſchen widerſprach, wie wären ſie möglich geweſen, wenn alle Welt die bedingungsloſe Unterwerfung unter römiſche Entſchei - dungen, die Bonifatius einſt bekannt und gelehrt hatte, für religiöſe Pflicht gehalten hätte?
Neben dem angelſächſiſchen Einfluß wirkte im fränkiſchen Klerus ſeit der Jahrhundertwende ein anderer, der ſpaniſche. Die ſpaniſche Kirche hatte bei hoher Geiſtesbildung ihre Unabhängigkeit von Rom immer gewahrt. Seit dem Ende des achten Jahrhunderts hatte ſie ſo - gar in der Glaubenslehre eigene Wege zu gehen verſucht. Der Erzbiſchof Elipand von Toledo, unter arabiſcher Herrſchaft lebend, hatte den Satz aufgeſtellt, Jeſus als Menſch ſei von Gott Vater zum Sohne ange - nommen. Mit dieſer Lehre hatte er weithin Anklang gefunden, auch in dem von Karl eroberten Gebiet, wo der Biſchof Felix von Urgel ſie vertrat. Daß der Papſt ſie verurteilte, hatte keine erkennbare Wir - kung, ihm billigte man ſo wenig ein Vorzugsrecht der Entſcheidung zu, daß der Erzbiſchof von Toledo es ſchlechtweg für ketzeriſch erklären konnte, wenn jemand die angeblichen Herrenworte bei Matthäus vom Felſen der Kirche und den Himmelsſchlüſſeln nur auf Rom bezog, da ſie doch der ganzen Kirche und allen Biſchöfen gälten. Die „ adoptianiſche “Lehre iſt in Spanien erſt allmählich ausgeſtorben, nachdem Felix in Rom (788) und Frankfurt (794) verurteilt, in die Verbannung abge - führt und zum Widerruf bewogen war.
Zwiſchen der ſpaniſchen Kirche und der fränkiſchen hatten ſich, ſeit ein Teil Spaniens dem Reiche Karls einverleibt war, enge Beziehungen gebildet. Spanier waren ins Frankenland eingewandert und hatten hohe kirchliche Stellungen erreicht. So die Biſchöfe Prudentius von Troyes, Theodulf von Orleans, Agobard von Lyon und Claudius von Turin, bedeutende und ſelbſtändige Theologen. Was die drei letzten eint — von Prudentius iſt es nicht bekannt — iſt ihre Gegnerſchaft gegen die Bilderverehrung. Wenn Theodulf, wie man vermutet hat, der Ver - faſſer von Karls Denkſchrift über dieſe Frage war, würde deren freie43Gregor IV. im fränkiſchen BürgerkriegSprache gegen den Papſt aus ſeiner Herkunft ſich erklären. Claudius hat durch Eifern gegen die Bilder und durch rückſichtsloſe Bekämpfung jedes Aberglaubens ſich Gegnerſchaften zugezogen. Jm Zuſammenhang damit ging er ſo weit, ſogar die Wallfahrt nach Rom als nutzlos und überflüſſig zu verurteilen. Agobard endlich hat in kritiſcher Stunde offen bekannt, man ſolle dem Papſt nur gehorchen, wenn er das Rechte wolle, andernfalls ſei ihm Widerſtand zu leiſten. Die Ereigniſſe bewieſen, daß gar nicht wenige ſo dachten und danach zu handeln bereit waren.
Es war im Jahre 833. Gegen Ludwig I. hatte ein Aufſtand ſich er - hoben, weil der Kaiſer dem nachgeborenen Sohne Karl zuliebe die Erb - folgeordnung von 817 geändert hatte. Dem Vater traten die älteren Söhne entgegen und mit ihnen viele, die durch das Abweichen von der Ordnung von 817 die Reichseinheit für gefährdet hielten. Dies war es auch, was Papſt Gregor IV. bewog, dem jungen Kaiſer Lothar ſich zur Verfügung zu ſtellen. Mit ihm kam er über die Alpen, um ſein Wort und Anſehen für die Aufſtändiſchen in die Wagſchale zu legen, und ſchrieb in dieſem Sinn an die fränkiſchen Biſchöfe. Doch fand er bei ihnen ſchlechten Empfang. Jhre große Mehrheit hielt zu Ludwig und ſchickte dem „ Bruder Papſt “einen mehr als deutlichen Brief. Jhm wurde vorgeworfen, er vergeſſe in ſeiner Überhebung des Hirtenamtes, und offen drohte man ihm und ſeinem Anhang mit Kündigung der Gemeinſchaft, falls er zu Maßregeln gegen den alten Kaiſer ſchritte. Aber es gab auch ſolche, die anders dachten. Jm Kloſter Corbie in der Pikardie hat man ſich ſpäter gerühmt, den Papſt in ſeinem Vorſatz beſtärkt zu haben, indem man ihn an die Ausſprüche ſeiner Vorgänger erinnerte, wonach er befugt ſei, im Namen Gottes und Sankt Peters überall einzugreifen; daß in ihm Sankt Peters Vollmacht fortlebe, über jedermann zu richten, ſelbſt aber von niemand gerichtet zu werden. Gregor, der zunächſt beſorgt geweſen ſein ſoll, faßte wieder Zuverſicht. Den Biſchöfen antwortete er hochfahrend, ſie vergäßen, daß das geiſt - liche Amt höher ſtehe als weltliche Herrſchaft, ſie, die alles um weltlichen Vorteils willen täten, Schilf, das vom Winde bewegt werde. Es ſcheint, daß er Eindruck machte, die angedrohten Schritte unterblieben; er konnte ſeinen Weg in Begleitung Lothars fortſetzen, erreichte auch, daß Ludwig, obwohl widerſtrebend, ſeine Vermittlung annahm, als die Heere beider Parteien bei Kolmar einander gegenüber lagerten. Ob er wußte, daß, während er verhandelnd bei Ludwig ſich aufhielt, die Trup -44Papſt und Kirchenverfaſſungpen des alten Kaiſers bewogen wurden, zu den Söhnen überzugehen? Das Ergebnis, Gefangennahme und Entthronung Ludwigs durch Lothar, ſoll gar nicht nach ſeinem Sinn geweſen ſein und er die Heimreiſe an - getreten haben, bereuend, daß er gekommen war. Er war wohl ſelbſt von denen, die ihn benutzten, hintergangen worden. Erfolg hatte er nicht gehabt, da der ſogleich einſetzende Streit der Kaiſerſöhne die Reichs - einheit noch gründlicher zerſtörte, als die Maßregeln Ludwigs es getan hätten; und Ehre hatte ihm ſeine Einmiſchung bei den Franken erſt recht nicht gebracht.
Die Frage, vor die der fränkiſche hohe Klerus bei dieſem Anlaß ge - ſtellt war, iſt eine von denen, die nie entſchieden worden ſind: Wieweit ſteht dem Papſt kraft ſeiner von Petrus ererbten religiöſen Amtsgewalt ein Recht zu, in Angelegenheiten des Staates zu befehlen? Darauf haben alle Jahrhunderte verſchiedene Antworten gehört, kein Wunder alſo, daß ſie auch damals widerſprechend lauteten. Aber wußte man denn, wie innerhalb der Kirche ſelbſt die Befugniſſe des Papſtes gegen die der Landesbiſchöfe ſich abgrenzten? Gab es da überhaupt eine Grenze? Wenn man ihm zuerkannte, daß in ihm die Vollmacht Petri, zu binden und zu löſen, fortwirkte, und wenn man dieſe Vollmacht ſo verſtand, wie Bonifatius und die Angelſachſen gelehrt hatten, daß ſein Wort jedem einzelnen den Himmel öffnete und ſchloß, gab es dann ihm gegenüber noch ein ſelbſtändiges Recht in der Kirche? War nicht die unvermeidliche Folgerung die, daß die Befehle Roms widerſpruchsloſen Gehorſam ver - langten, gleichviel wem ſie galten und was ſie enthielten? Mit andern Worten, daß der Papſt unumſchränkter Herr und Gebieter über Biſchöfe und Geiſtliche jeden Ranges ſei? Dieſe Folgerung iſt bis zur Mitte des Jahrhunderts nicht gezogen worden, weder in der Lehre noch im Leben. Daß die Erzbiſchöfe, um ihr Amt ausüben zu können, das Pal - lium von Rom zu empfangen hatten, war ſeit der Wiederherſtellung des Provinzialverbandes gewohnheitsmäßig anerkannter Rechtsſatz. Daß neue Kirchenbezirke durch päpſtliche Verfügung geſchaffen werden müß - ten, war es nicht weniger. Als Erzbiſchof Ebo von Reims, dem Beiſpiel des Bonifatius folgend, als Miſſionar zu den heidniſchen Dänen und Schweden zog (822), ließ er ſich Auftrag und Vollmacht am Grabe Sankt Peters erteilen, und durch päpſtliche Verordnung wurde in ſeinem Wirkungsfeld das Erzbistum Hamburg geſchaffen. Während des Krie - ges gegen die Griechen im Anfang des Jahrhunderts war der fränkiſch45Papſt und Kirchenverfaſſunggeſinnte Patriarch von Grado vertrieben worden. Auf Karls Antrag verfügte Leo III., er dürfe bis zu ſeiner Zurückführung das Bistum Pola verwalten. Die Beiſpiele zeigen, daß dem Papſt ein oberſtes Recht der Verwaltung über alle Kirchen zugeſtanden wurde. Aber doch nur ein oberſtes, kein unmittelbares. Wer ein ſolches in Anſpruch genommen hätte, würde ſich in Widerſpruch geſetzt haben mit eingelebter Gewohn - heit. Und nicht nur dies. Seit Karl die Geſetzſammlung des Dionyſius von Hadrian I. erbeten und erhalten hatte, beſaß die fränkiſche Kirche ein geſchriebenes Recht, ein altehrwürdiges Recht, das in der römiſchen Kirche von jeher galt. Danach war ihre Verfaſſung neu geordnet wor - den, danach verwaltete ſie ſich. Organe ihrer Selbſtverwaltung waren wie im Altertum ſeit Nikäa die Synoden, des Biſchofs mit den Geiſt - lichen der Diözeſe, des Metropoliten, nunmehr Erzbiſchof genannt, mit den Biſchöfen der Provinz. Nach Bedarf traten auch mehrere Pro - vinzen zu einer allgemeinen Synode, einem Concilium generale zuſam - men, das dann als kirchliche Vertretung des Reiches galt. Als Führer und Regenten erſcheinen die Erzbiſchöfe; ſie ſetzen die Biſchöfe ein, be - rufen und leiten die Synoden, an deren Mitwirkung ſie gebunden ſind. Wieweit ſie ihre Provinz beherrſchen, hängt von perſönlichen Eigen - ſchaften ab. Unbeſtimmt iſt demgegenüber die Stellung des Papſtes. Wichtige Angelegenheiten (causae maiores) ſind ihm vorzulegen; ſo las man in einem Schreiben Jnnozenz 'I. Aber was „ wichtig “ſei, war nirgends geſagt. Nach der Auffaſſung früherer Zeiten durfte man dar - unter ſolche Dinge verſtehen, die für die ganze Kirche, ſei es unmittelbar oder mittelbar, von Bedeutung waren, nicht mehr. Durch die Beſchlüſſe der Synode von Serdika (342) war dem verurteilten Biſchof die Be - rufung an den Papſt freigeſtellt, der dann ein neues Verfahren anordnen und dazu nach Belieben ſeine Vertreter entſenden konnte. Jm übrigen erſchien ſeine Stellung an der Spitze der Kirchen vorzugsweiſe als die eines Beraters in ſchwierigen Fragen, eines Hüters echter Überlieferung in Glauben, Recht und Sitte. Allzuoft iſt er nicht in die Lage gekommen, dieſe Rolle zu ſpielen. Wir kennen aus den zwei Menſchenaltern ſeit dem Tode Hadrians I. kaum ein halbes Dutzend ſolcher Responsa, in denen der Papſt, wie in alter Zeit, auf Anfrage Auskunft erteilt. Die kaiſerlichen Erlaſſe des vierten und fünften Jahrhunderts, die ihm weitergehende Befugniſſe verliehen, kannte man nicht, ſie ſtanden nicht im Geſetzbuch des Dionyſius und waren längſt in Vergeſſenheit geraten. 46König und BiſchöfeDem entſprach die Übung. Was ſeit Bonifaz durch Gewohnheit hinzu - gekommen war, beſchränkte ſich auf das, was wir ſoeben kennengelernt haben: Palliumverleihung, Neuordnung von Kirchenbezirken und — wohl das wichtigſte, aber, wie wir im Falle Drogos von Metz ſahen, nicht unbeſtritten — Beſtellung von bevollmächtigten Vertretern.
Soweit das Recht. Man ſieht, wie ſehr es hinter dem zurückblieb, was aus den religiöſen Vorſtellungen ſich ergab, mit denen ſeit der Wirkſamkeit des Bonifatius der Nachfolger des heiligen Petrus um - kleidet war. Da zeigt ſich, wie fremd der alten Kirche dieſe Vorſtellungen geweſen waren, wie wenig der neue Glaube dem alten Recht entſprach. Der Widerſpruch mußte empfunden werden, ſobald der Verſuch ge - macht wurde, die Macht des Papſtes im Sinne der herrſchenden Vor - ſtellungen zu beſonderen Zwecken innerhalb des Rechtes und der Ver - waltung der Kirche zu benutzen. Das iſt geſchehen und hat zu den merk - würdigſten Folgen geführt; es gab den Anſtoß zu dem Wagnis, das geltende, auf alte Gewohnheit und ſchriftliche Satzung gegründete Recht zu verdrängen durch Erfindung einer noch älteren Gewohnheit und noch älterer ſchriftlicher Satzungen.
Angeſehen und einflußreich wie nirgends ſonſt war der Stand der Biſchöfe im Reiche Karls des Kahlen. Anfangs hatte die Wage noch geſchwankt zwiſchen ihnen und den Laienfürſten. Bald aber begriff der junge König, wo ſeine feſtere Stütze ſei, und ſchloß den Bund mit den Biſchöfen, der den Bedürfniſſen beider Teile entſprach. Wohl opferte die Kirche dabei ihre Freiheit, da der König die Beſetzung der Bistümer beherrſchte, ſich manchen Eingriff in das Kirchengut erlaubte und den Verkehr mit der Außenwelt ſtreng überwachte, ſo daß man die Biſchöfe ebenſogut für Staatsdiener wie für Diener der Kirche halten konnte. Aber ſie gewannen dafür, was ihnen vor allem wichtig war, Schutz gegen die Laienfürſten, von denen ſie noch gründlicher beherrſcht und aus - genutzt und ihrer Beſitzungen beraubt worden wären. Gegenüber dieſer Gefahr war Anſchluß an die Krone und Unterwerfung unter ſie das Ge - gebene. Dem Laienadel hätten die Biſchöfe dienen müſſen ohne Entgelt, im Dienſt des Königs hatten ſie Anteil an der Regierung des Staates, zumal wenn der Herrſcher ihnen durch perſönliche Teilnahme am geiſtigen Leben, an Wiſſenſchaft und Schrifttum ſo nahe ſtand wie Karl der Kahle, wenigſtens in dieſem einen Zuge an den Großvater erinnernd.
47Hinkmar von ReimsManchen bedeutenden Kopf zählte die Geiſtlichkeit des Weſtreichs in ihren Reihen, manchen Gelehrten und Schriftſteller von Rang. An ihrer Spitze ſtand als erſter Erzbiſchof Hinkmar von Reims. An Wiſſen nahm er es mit jedem der Zeitgenoſſen auf und zeigte es gern in ſeinen Schriften, in denen er die Belegſtellen mit vollen Händen auszuſchütten liebte. Eigene, ſelbſtändige Gedanken darf man bei ihm nicht ſuchen, die Gabe anmutiger Form ging ihm ab. Dafür ragte er hervor durch Kraft und Geſchicklichkeit, ruhige Sicherheit und Geſchmeidigkeit im Handeln und eine perſönliche Uneigennützigkeit, die in dieſer Zeit vereinzelt da - ſteht. Hervorgegangen aus dem Kloſter St. Denis, war er früh an den Hof gekommen und ſchon von Ludwig I. ins Vertrauen gezogen worden, Karl dem Kahlen hat er ebenſo treu und ſelbſtlos wie erfolgreich gedient. Sein Verdienſt war es, daß der Verſuch Ludwigs des Deutſchen, das Weſtreich mit Unterſtützung des Laienadels zu erobern (858 / 859), an der Treue der Biſchöfe ſcheiterte, die mit einer einzigen Ausnahme ge - ſchloſſen unter Hinkmars Führung an Karl feſthielten. Auch als dieſer ihm mit Undank gelohnt, ihn einem Gegner preisgegeben und auf ſeinen Sturz hingearbeitet hatte, hat Hinkmar nicht mit gleicher Münze ge - zahlt, iſt dem König nicht untreu geworden und hat noch deſſen Nach - folgern wertvolle Dienſte geleiſtet. Gegenüber Rom war er zunächſt von der gleichen Geſinnung erfüllt, die ſeit einem Jahrhundert bei den Fran - ken vorherrſchte. Jm Nachfolger Petri ſah er den Regenten der Kirche und Richter der Biſchöfe, deſſen Wort zu gehorchen ihm Pflicht war. Und doch iſt gerade er dazu geführt worden, nach wiederholter Beugung unter den Willen eines herrſchluſtigen Papſtes, ſchließlich auf das Recht des Widerſtands gegen unbegründete Anſprüche ſich zu beſinnen, und gegenüber Verſuchen, die Verfaſſung der Kirche gemäß der neuen Lehre von der Allgewalt Petri und ſeiner Nachfolger umzuwälzen, hat er die alte Ordnung und das geltende Recht mit Nachdruck und Erfolg ver - teidigt, der erſte, der die Verehrung für die päpſtliche Würde mit Selb - ſtändigkeit der Biſchöfe in den Grenzen ihres Amtes zu vereinigen ſuchte.
Seiner Erhebung auf den Stuhl von Reims waren Kämpfe voraus - gegangen, unter deren Nachwirkung er durch länger als zwei Jahrzehnte hat leiden müſſen. Sie hingen zuſammen mit den Bürgerkriegen, die zwiſchen 833 und 843 das fränkiſche Reich erſchüttert hatten. An dem Sturz und der Selbſtdemütigung Ludwigs I. (833) hatte Erzbiſchof Ebo von Reims mit wenigen anderen Biſchöfen in hervorragender Weiſe48Ebos Abſetzung und Hinkmars Erhebungteilgenommen und war dafür von dem wieder zur Macht gelangten Kaiſer (835) vor eine Biſchofsſynode in Diedenhofen geſtellt, zum Be - kenntnis ſeiner Unwürdigkeit und zur Abdankung genötigt worden. Was alles man ihm vorwarf, wer die Ankläger waren, iſt wohl nicht ohne Abſicht in Dunkel gehüllt, und es iſt nicht zweifelhaft, daß die Synode unter dem Druck des anweſenden Kaiſers ſtand. Als Ludwig geſtorben war, befreite ſich Ebo aus der Haft, in der er gehalten wurde, und ſchloß ſich Lothar an, der ihn durch eine Synode von zwanzig Biſchöfen in Jngelheim wiedereinſetzen ließ (840). Etwa ein Jahr verwaltete er da - nach ſein Erzbistum, dann vertrieb ihn aufs neue die Niederlage Lothars. Umſonſt ſuchte er durch den Papſt wiedereingeſetzt zu werden und ſchloß ſich im Jahr 844 der Romfahrt Ludwigs II. an*)Siehe oben S. 28.: Sergius II., obwohl dem Kaiſer für ſeine eigene Anerkennung verpflichtet, weigerte ſich und behandelte Ebo als Laien, erkannte alſo die Abſetzung als rechtmäßig an. Einen Nachfolger hatte man noch nicht beſtellt, die kirchliche Ver - waltung in Reims wurde einſtweilen von Chorbiſchöfen verſehen. Erſt jetzt (845) wurde Hinkmar eingeſetzt unter einhelliger Beteiligung der Biſchöfe ſeiner Provinz. Ebo antwortete mit einem erneuten Anlauf in Rom. Durch Verwendung Kaiſer Lothars erreichte er auch, daß Papſt Sergius eine Unterſuchung anordnete. Päpſtliche Geſandte ſollten ſie zuſammen mit einigen fränkiſchen Erzbiſchöfen zu Oſtern 847 in Trier führen. Aber ſie blieben aus, und auf einer Synode des weſtfränkiſchen Reichs in Paris erſchien Ebo nicht, obwohl er im Namen des Papſtes geladen war. Die Synode beſtätigte ſeine Abſetzung und verbot ihm, ſeine einſtige Provinz zu betreten. Bei Lothar in Ungnade gefallen, fand er Unterkunft bei Ludwig dem Deutſchen, der ihm das Bistum Hildes - heim verlieh. Von hier aus ſoll er noch einen vergeblichen Verſuch gemacht haben, Karl den Kahlen zu gewinnen; zu Anfang 851 iſt er geſtorben. Hinkmar aber hatte ſchon vorher das Pallium aus Rom er - halten mit dem ungewöhnlichen Vorrecht, es nicht nur an den höchſten Feſttagen, ſondern ſooft er wolle zu tragen. Er verdankte das der Für - bitte Lothars, deſſen Zorn über Ebo in Vorliebe für ſeinen Gegner ſich äußerte.
Die Angelegenheit hätte erledigt ſein können, hätte nicht Ebo in Reims ſeinem Nachfolger eine unbequeme Erbſchaft hinterlaſſen. Er hatte in der Zeit ſeiner vorübergehenden Rückkehr mehrere Geiſtliche49Synode zu Soiſſons 853geweiht, Prieſter und Diakone, und darunter einige Domherren, Hink - mar aber hatte dieſe Weihen nicht anerkannt und die Geiſtlichen, vier - zehn an Zahl, ihrer Stellen enthoben. Nach dem Tode Ebos beantragten ſie ihre Wiedereinſetzung. Sie hätte auf dem Wege der Begnadigung erfolgen können, Hinkmar aber zog es vor — warum, wiſſen wir nicht — das Recht walten zu laſſen. Er zwang die Antragſteller, eine förmliche Klage gegen ihn einzureichen, und ließ eine Reichsſynode in Soiſſons in Gegenwart des Königs das Urteil fällen (April 853). Ebos Abſetzung wurde für rechtskräftig, ſeine Wiedereinſetzung und demgemäß auch die von ihm nachher erteilten Weihen für ungültig, Hinkmars Einſetzung für ordnungsgemäß erklärt. Die Kläger hatten ihre Sache vollends ver - dorben, indem ſie ſie mit unwahren Angaben, die ſofort widerlegt werden konnten, ſogar mit einer gefälſchten Urkunde zu vertreten ſuchten.
Der Fall hätte erledigt ſein müſſen, die Verurteilten jedoch beruhigten ſich nicht bei dem Spruch. Entgegen allem Recht und Herkommen wandten ſie ſich nach Rom und ſuchten dort ihr Recht. War es die Ant - wort hierauf, oder war es ein Zeichen, daß man ſich nicht ganz ſicher fühlte, die Synode beſchritt den gleichen Weg: ſie bemühte ſich beim Papſt um Beſtätigung ihrer Beſchlüſſe. Leo IV. lehnte ab. Dem Geſuch fehle die kaiſerliche Empfehlung, die Akten ſeien ihm nicht vorgelegt, und die Verurteilten hätten Berufung eingelegt. Er focht überdies die Rechtmäßigkeit des Urteils an, befahl nochmalige Unterſuchung durch eine Synode, zu der er einen Legaten entſandte, und ſtellte von deren Urteil die Berufung nach Rom frei. Kein Zweifel, daß er damit dem Wunſche Lothars nachkam, der inzwiſchen wieder Hinkmar feind ge - worden war und, aus perſönlichem Anlaß ſelbſt aufgebracht, auch den Papſt aufzubringen gewußt hatte, ſo daß dieſer an die weſtfränkiſchen Biſchöfe ein Schreiben erließ, in dem er Hinkmar „ hochmütig “, „ un - gehorſam “, „ Vater der Überheblichkeit “und „ Erſtling der Anmaßung “nannte, ihn des Bruches ſeines Mönchsgelübdes zieh und ihm ſogar rechtswidrige Beſteigung des Stuhles von Reims vorwarf. Jndeſſen, es gelang, Lothar umzuſtimmen, und in Begleitung kaiſerlicher Ge - ſandten machten ſich Hinkmars Boten auf nach Rom, um die Zurück - nahme der früheren Anordnungen zu erwirken. Sie fanden Leo nicht mehr am Leben, und ſein Nachfolger, Benedikt III., machte keine Schwierigkeiten. Er hatte — warum, werden wir ſpäter ſehen — allen Grund, den Wünſchen des Kaiſers entgegenzukommen. Der BerufungHaller, Das Papſttum II1 450Synode zu Soiſſons 853der Reimſer Geiſtlichen wurde keine Folge gegeben, die anbefohlene Synode des Legaten fand nicht ſtatt, Hinkmar aber erhielt zugleich mit der Beſtätigung der Beſchlüſſe von Soiſſons eine Beſtätigung ſeiner Rechte als Metropolit der Reimſer Kirchenprovinz, mit dem Vorrecht, nur vor dem Papſt verklagt zu werden. Die Sache ſchien wirklich be - endet, und ſchwerlich hat damals jemand geahnt, daß aus ihr noch einmal ein ernſter Zwiſchenfall entſtehen würde.
Ob bei dieſen Vorgängen die Vorſchriften des Rechts immer beob - achtet worden ſind, das zu beurteilen reicht die Überlieferung nicht aus. Anlaß zu Zweifeln kann die Abſetzung oder richtiger die erzwungene Ab - dankung Ebos wohl bieten. Deſſen iſt man ſich offenbar bewußt geweſen, und es iſt ein Zeichen der Zeit, daß das Mittel, mit dem man die Mängel zu heilen ſuchte, die päpſtliche Beſtätigung war. Dem Nachfolger Petri als höchſter Autorität und letzter Quelle allen Rechtes erkannte man da - mit die Befugnis zu, Fehler und Lücken eines Verfahrens durch ſeinen Spruch auszugleichen. Denn was Rom gebilligt hatte, mußte unan - fechtbar ſein. Das war zwar in keiner Satzung begründet, durch keinen Vorgang nahegelegt, aber es ergab ſich aus der herrſchenden Denkweiſe. Daß Benedikt III. die erbetene Beſtätigung der Beſchlüſſe von Soiſ - ſons gewährte, hat nichts Befremdliches, zumal er es mit dem Vorbehalt tat: „ wenn es ſich ſo, wie berichtet, verhielte “. Abgeſehen von der not - gedrungenen Rückſicht auf den Kaiſer war man in Rom ſchon gewohnt, Rechte zu verleihen und Beſitzungen zu beſtätigen, an Bistümer und be - ſonders an Klöſter. Trotz aller Verluſte der Überlieferung kennen wir aus der erſten Hälfte des Jahrhunderts ein gutes Dutzend ſolcher Rechts - verbriefungen durch den Papſt. Und ließ ſich nicht Hinkmar ſelbſt ſoeben vom Papſt beſondere Vorrechte erteilen? Wenn nun auch eine Synode um Beſtätigung bat, ſo konnte das dem Papſt nur willkommen ſein als wertvoller Vorgang für künftige Fälle.
Anders ſteht es mit dem Verhalten Leos IV. Daß er die Beſtätigung verweigerte und gegen Hinkmar den Vorwurf widerrechtlicher Erhebung ſchleuderte, obwohl er ſelbſt ihm das Pallium, noch dazu mit beſonderer Auszeichnung, verliehen hatte, mag man aus dem Einfluß des Kaiſers erklären, dem er ſich nicht widerſetzen konnte oder wollte. Dennoch iſt der Schritt ungewöhnlich. Die Beſchwerde von einfachen Geiſtlichen — nicht Biſchöfen — über ein Synodalurteil nahm er an. Jm geſchriebe - nen Recht der Kirche gab es keine Beſtimmung, die ihn dazu berechtigt51Pſeudoiſidorhätte, und der Gewohnheit entſprach es ſo wenig, daß man um mehr als vierhundert Jahre zurückgehen muß, um in der Einmiſchung des Zoſimus in Angelegenheiten der afrikaniſchen Kirche einen Vorgang zu finden, der zudem in ſeinem Verlauf nichts weniger als zugunſten des Papſtes ſprach*)Siehe Bd. 1, S. 116 f.. Man konnte zwar einwenden, in Soiſſons habe es ſich eigent - lich nicht um die Sache der Reimſer Geiſtlichen, ſondern um die Ab - ſetzung eines Erzbiſchofs, Ebos, gehandelt. Aber ein Satz in der Be - gründung, die Leo ſeiner Antwort gab, fordert doch die Aufmerkſamkeit heraus. Er beſtritt die Rechtmäßigkeit der Synode, weil kein päpſtlicher Vertreter an ihr teilgenommen hatte. Das war ſchlechthin neu, ebenſo neu wie der Vorbehalt, daß auch nach wiederholter Unterſuchung an ihn ſollte appelliert werden dürfen. Niemals früher hatte Rom den Anſpruch erhoben, daß nur ſeine eigene Teilnahme den Beſchlüſſen der Provinz - ſynoden Rechtskraft gebe. Niemals hatte es ſich das letzte Urteil gegen - über einer Synode vorbehalten. Neun Jahre war es erſt her, daß Sergius II. abgelehnt hatte, die Abſetzung Ebos rückgängig zu machen. Daß er ein Recht dazu habe, weil der päpſtliche Stuhl auf der Synode in Diedenhofen nicht vertreten geweſen war, hat er offenbar nicht ge - wußt, und als er ſpäter nochmalige Unterſuchung des Falles anordnete, hat er von der Möglichkeit einer Berufung nach Rom nicht geſprochen.
Den fränkiſchen Biſchöfen, mochten ſie auch überraſcht ſein, daß ein Papſt ſie ſich aneignete, waren ſolche Gedanken ſeit kurzem vielleicht nicht mehr fremd. Eben in jenen Jahren, als man in Reims um die Rechtmäßigkeit der Vertreibung Ebos und die Gültigkeit ſeiner Weihen ſtritt, wurden drei Bücher verfaßt, deren gemeinſames Ziel eine gründ - liche Umwälzung der beſtehenden Kirchenverfaſſung war. Jn allen dreien fand ſich mit andern Neuerungen auch der eben erwähnte Satz, daß über einen Biſchof nur mit päpſtlicher Ermächtigung gerichtet werden könne, in häufiger Wiederholung. Das erſte, kürzeſte der Bücher behauptete eine Sammlung von Rechtsſätzen aus päpſtlichen und kaiſer - lichen Verfügungen zu ſein, die Papſt Hadrian dem Biſchof Engelram von Metz am 14. September 786 übergeben habe. Das zweite gab ſich für eine Sammlung von Geſetzen Karls des Großen und Ludwigs I. aus, verfaßt im Auftrag des 847 verſtorbenen Otgar von Mainz von deſſen „ Leviten “d. h. Diakon Benedikt. Das dritte, umfangreichſte52Pſeudoiſidorund wichtigſte ſtellte ſich dar als vollſtändiges Geſetzbuch der Kirche, beſtehend aus Kanones der Synoden ſeit Nikäa und rechtſetzenden Ver - fügungen, Dekretalen der römiſchen Biſchöfe von Klemens, dem Nach - folger Petri, bis herab auf Gregor II., zuſammengeſtellt von einem nicht näher gekennzeichneten Jſidor Mercator. Alle drei zeigen die Hand eines und desſelben Verfaſſers, und alle drei ſind nach Form und Jnhalt Fälſchungen, die größten, die dreiſteſten, die folgenreichſten Fälſchungen, die jemals gewagt wurden. Sie ſtützen einander gegenſeitig, indem ſie in verſchiedener Faſſung häufig dasſelbe ſagen, doch verraten ſich der an - gebliche Hadrian-Engelram und der angebliche Levit Benedikt als Vorarbeiten zum Hauptwerk, dem Jſidor Mercator. Auf dieſen dürfen wir uns beſchränken, wenn wir ihren gemeinſamen Jnhalt und Zweck erfahren wollen.
Er iſt ein Gewebe von Wahrheit und Dichtung. Man fand in ihm das ganze damals gebräuchliche Rechtsbuch des Dionys, aber untermiſcht und vermehrt durch gegen hundert erfundene Stücke, zumeiſt der römi - ſchen Biſchöfe aus den erſten dreihundert Jahren, in lückenloſer Reihe vom angeblichen Klemens bis auf Damaſus, einer Zeit, aus der man irgendwelche römiſche Dekretalen bis dahin nicht gekannt hatte.
Das Staunen über die ungeheure Kühnheit des Unterfangens läßt nach, wenn man gewahr wird, mit welcher durchtriebenen Schlauheit der Verfaſſer ſeinen Betrug vor den Blicken der Zeitgenoſſen zu ver - decken gewußt hat. Die falſchen Stücke ſind nicht frei erfunden, ſondern aus echten Briefen ſpäterer Päpſte, aus Synodalakten und Schrift - ſtellern ſind einzelne Sätze ausgehoben und moſaikartig zuſammengeſetzt, ſo daß der Leſer überall die ihm bekannten Stimmen der Vergangenheit zu hören glaubte, während es ſehr ausgebreiteter und genauer Kennt - niſſe, großer Mühe und noch größerer Geduld bedarf, um die Entlehnung im einzelnen aufzudecken. Wer ſolche Kenntniſſe nicht hatte, die er - forderliche Mühe und Geduld nicht daran wandte, hatte nur den Geſamt - eindruck altertümlicher Echtheit. Dazu kamen die Namen der angeb - lichen Briefſchreiber, vor denen den frommgläubigen Leſer Schauer der Ehrfurcht erfaßten, jede Regung des Zweifels von vornherein er - ſtickend, und endlich als wirkſamſte Einführung der Verfaſſername Jſidor. Er weckte die Erinnerung an den großen Erzbiſchof von Sevilla († 636), deſſen Schriften zu den landläufigen Quellen der Belehrung gehörten, von dem man wußte, daß er ein Rechtsbuch hinterlaſſen habe53Pſeudoiſidorvon größerem Umfang und anderem Jnhalt als der gebräuchliche Dio - nys. So war alles geſchehen, um einer unwiſſenden, aber um ſo glaubens - freudigeren Zeit die Vorſtellung beizubringen, ſie habe es mit einer neu entdeckten echten Quelle kirchlichen Rechts zu tun, ungleich reichhaltiger als die, die man bisher gekannt hatte, und wertvoller, weil älter als ſie.
Jn dieſer Vorſtellung wurde man beſtärkt durch die bunte Mannig - faltigkeit des Jnhalts. Vor ſich hatte man das Bild der Kirche, wie man im neunten Jahrhundert meinen konnte, daß ſie einſt in ihrer beſten Zeit geweſen ſein müſſe, ein Jdealbild von Glauben und Sitten, Verfaſſung und Recht, das ſich für urſprüngliche Wirklichkeit ausgab. Da las man neben erbaulichen Ergüſſen dogmatiſche Abhandlungen über Fragen, die das neunte Jahrhundert beſchäftigten; neben Anweiſungen für Gottes - dienſt und Leben ſtanden Verordnungen zum Schutz des Kirchenguts. Den breiteſten Raum aber nahmen Recht und Verfaſſung ein. Der falſche Jſidor bemüht ſich um ein geſchloſſenes Syſtem geiſtlicher Rang - ordnung von Biſchöfen, Erzbiſchöfen, Primaten und Patriarchen bis hinauf zur einheitlichen Spitze, dem römiſchen Papſt. Dabei laufen ihm Widerſprüche und Unklarheiten unter, weil er manche außer Gebrauch gekommene Ausdrücke ſeiner Quellen nicht mehr verſteht. Jn den Mit - telpunkt ſtellt er den Biſchof, über allem Volk und allen Fürſten der Erde ſtehend, unantaſtbar, nur von Gott zu richten. Jhn gegen jeden Angriff, von wo er auch komme, zu ſchützen, ſeine Entfernung aus dem Amt, ſei es Abſetzung oder Verſetzung, ſo gut wie unmöglich zu machen, iſt ſein vornehmſter Zweck. Man wüßte es, auch wenn nicht das Vorwort ſich ausdrücklich dazu bekennte, denn die Beſtimmungen hierüber wieder - holen ſich beſtändig. Schon die Anklage gegen einen Biſchof iſt auf jede denkbare Art erſchwert. Soll ſie verfolgt werden, ſo muß der Angeklagte vor allen Dingen frei und im vollen Beſitz ſeiner Würde ſein. Als ſeine Richter kommen nur die ſämtlichen Amtsbrüder der eigenen Provinz in Frage, aber von ihrem Gericht darf er nicht nur jederzeit, auch ſchon vor dem Urteil, nach Rom Berufung einlegen, ihr Spruch iſt in keinem Fall endgültig, er unterliegt immer der Beſtätigung durch den Papſt. Ja — hier tritt der Satz, von dem wir ausgingen, in mehrfacher Wie - derholung auf — die Synode der Biſchöfe bedarf ſelbſt der päpſtlichen Ermächtigung, ohne dieſe iſt ſie zu handeln nicht befugt.
Eine doppelte Aufgabe war in dieſem Syſtem dem Papſte zugedacht. Unter ſeiner Autorität ſtand das Ganze, es beruhte auf der Befugnis des54Der Papſt bei Pſeudoiſidorrömiſchen Stuhles, zu lehren und zu befehlen. Päpſten waren die ein - zelnen Beſtimmungen, und gerade die einſchneidendſten, in den Mund gelegt, auf eine Anweiſung des Apoſtels Petrus ſelbſt, die ſein angeblicher Nachfolger angeblich verkündigt habe, ſollte die geſamte Verfaſſung der Kirche zurückgehen. Jhr Haupt iſt Rom, die Mutterkirche aller andern, es hat insbeſondere alle Bistümer in Gallien, Spanien, Ger - manien und Jtalien gegründet. Dagegen treten die allgemeinen Syno - den als Rechtsquelle ſehr zurück. Jhre Kanones hatten bisher in der Hauptſache die Ordnung der Kirche geregelt, die päpſtlichen Erlaſſe ver - halten ſich zu ihnen wie die Ausführungsbeſtimmungen zum Geſetz. Auch dem Umfang nach überwogen in der Sammlung des Dionys die Syno - dalbeſchlüſſe (Kanones) die päpſtlichen Erlaſſe (Dekretalen) um mehr als das Doppelte. Bei Jſidor iſt das Verhältnis umgekehrt, und den Dekretalen wird die höhere Autorität zuerkannt. Damit wandte ſich der Fälſcher an den Glauben der Zeitgenoſſen, die im römiſchen Biſchof die maßgebende Stelle ſahen und gewohnt waren, ſich nach ihm zu richten, während man von allgemeinen Synoden keine eigene Erfahrung beſaß. Die, von denen man wußte, hatten vor langer Zeit und in fremden Ländern getagt, teilgenommen hatte man an keiner. Zudem hat der Fälſcher durch Änderungen, Fortlaſſungen und Zuſätze, die er am Wort - laut ſeiner Quellen vornahm, ſchon den Päpſten der älteſten Zeit eine rechtliche Stellung über der geſamten Kirche zugewieſen, die weder ſie ſelbſt noch ihre Nachfolger tatſächlich beſeſſen hatten. Jndem er ihnen dort, wo er ſie zur Geſamtkirche reden ließ, die Sprache in den Mund legte, die ſie gegenüber den Biſchöfen ihres Sprengels geführt hatten, erweckte er die Vorſtellung, Rom habe von jeher die ganze Kirche in Weſt und Oſt unmittelbar regiert. Jndem er ſie behaupten ließ, römi - ſcher Brauch ſei überall verpflichtend, ging er ſogar über das hinaus, was in Wirklichkeit bisher in Rom gefordert worden war. Der An - ſpruch, niemals geirrt zu haben, noch künftig je zu irren, war im Munde römiſcher Biſchöfe nichts Neues; aber etwas Neues war es, daß dieſer Satz in das Recht der Kirche aufgenommen wurde. Er wurde dadurch, vollends wenn man ihn ſchon in den älteſten Zeiten aufgeſtellt ſein ließ, verpflichtend für jedermann, und ein Widerſpruch, wie ihn erſt vor kurzem die fränkiſche Kirche gegen den Papſt in der Bilderfrage erhoben hatte, war danach nicht mehr erlaubt. Das iſt es überhaupt, worin man die Bedeutung dieſes künſtlichen Machwerks, der „ Pſeudoiſidoriſchen55Der Papſt bei PſeudoiſidorDekretalen “, zu ſehen hat: was bisher Anſpruch, Behauptung, Ziel des Strebens geweſen war, ſollte Tatſache geweſen ſein ſchon in der Zeit, die als vorbildlich zu gelten hatte. Meinungen, die, ob auch verbreitet und Anerkennung heiſchend, doch niemals unwiderſprochen geweſen waren, wurden zu bindenden Vorſchriften geſtempelt, und das flüſſige Element religiöſer Überzeugungen und Gefühle, die unter allen Um - ſtänden etwas von der Freiheit perſönlicher Entſcheidung behielten, er - ſchien verdichtet zum feſten Metall und ausgeprägt zur gangbaren Münze überall anwendbarer, jedermann verpflichtender Rechtsſätze.
Eine zweite Aufgabe hat das Papſttum im Syſtem Pſeudo - iſidors: es bildet den ſtärkſten Schutzwall für die Biſchöfe gegenüber ihren natürlichen Vorgeſetzten und Richtern, der Provinzſynode und dem Erzbiſchof-Metropoliten. Deſſen Stellung iſt außerordentlich ein - geengt, im Grunde auf ein bloßes Recht des Vorſitzes beſchränkt. Er muß von ſämtlichen Biſchöfen der Provinz geweiht werden — beim Biſchof genügen ihrer drei — darf in ihre Sprengel mit keiner Amts - handlung eingreifen, iſt bei jedem Schritt an ihre Mitwirkung gebunden und ſteht ſelbſt unter der Aufſicht des Papſtes. Die Befugniſſe, die dieſem zugewieſen werden, beſeitigen im Grunde jedes eigene Recht ſo - wohl des Erzbiſchofs wie der Provinzſynode. Jedes Verfahren gegen einen Biſchof iſt abhängig von ſeiner Ermächtigung, verweigert er ſie, ſo iſt die Synode nicht handlungsfähig, und auch wenn er ſie erteilt, ſteht ihr doch nicht mehr zu als Vorunterſuchung und Bericht; in Rom erſt wird das Urteil geſprochen. Abgeſehen davon, daß der Beklagte jeden Augenblick durch Berufung die Verhandlung nach Rom verlegen kann, hat auch der Papſt ſeinerſeits die Möglichkeit, den Prozeß jederzeit in die eigene Hand zu nehmen. Man vergleiche damit die beſcheidenen Befugniſſe, die das Konzil von Serdika ihm als Berufungsrichter ein - geräumt hatte! Dort war ihm anheimgeſtellt, die Beſchwerde eines Verurteilten an eine Provinzſynode zu erneuter Verhandlung zu über - weiſen, zu der er nach Belieben einen Vertreter entſenden konnte. Richter war er in keinem Fall, Richter blieb die Synode. Jetzt iſt es umgekehrt: eigentlicher Richter iſt immer der Papſt, von ihm hängt es ab, ob und wieweit die Synode überhaupt in Tätigkeit tritt, und wenn ſie es tun darf, ſo iſt ihr Beſchluß noch nicht das Urteil. Damit iſt der Papſt zum unmittelbaren Vorgeſetzten der Biſchöfe gemacht, die alte Provinzial - verfaſſung, um deren Wiederaufrichtung Bonifaz und Karl der Große56Die Perſon des Fälſchersſich bemüht hatten, iſt zwar nicht aufgelöſt, aber ihrer Bedeutung entkleidet.
Wer war der Mann, der den Mut hatte, dies zu verlangen? Wer iſt der Verfaſſer der Fälſchung? Jn einer Pfarrordnung für ſeinen Sprengel führt Hinkmar von Reims ſpäteſtens 855, vielleicht ſchon 852 einige Stellen aus Pſeudoiſidor an; Stücke aus ihm und ſeinem Vor - läufer, dem Leviten Benedikt, tauchen im Anſchluß an Beſchlüſſe eines Reichstags zu Anfang 857 auf. Gleichzeitig ſchöpft der Geſchichts - ſchreiber des Bistums Le Mans aus dem unechten Vorrat. Jm folgen - den Jahr erkundigt ſich die Provinzſynode von Sens in Rom nach dem echten Text einer angeblichen Dekretale. Dann iſt es wiederum Hink - mar, der im Jahr 860 dreimal ſeine Schriften mit unechten päpſtlichen Ausſprüchen ſchmückt. Seit Mitte der ſechziger Jahre häufen ſich die Erwähnungen, und bald nach 870 konnte Hinkmar ſchreiben, die Samm - lung ſei überall verbreitet. Jn den fünfziger Jahren alſo muß ſie all - mählich bekannt geworden ſein, ob zunächſt nur teilweiſe und in einzelnen Stücken oder von Anfang an als Ganzes, iſt nicht zu erkennen. Der Ver - faſſer aber hat ſeine Spur ſo gut verdeckt, daß ſeine Perſon trotz eifriger und ſcharfſinniger Nachforſchung bis heute nicht feſtgeſtellt werden konnte. Jmmerhin iſt es möglich, ſeinen Standort zu beſtimmen, wenn man auf den Zweck achtet, den er verfolgt. Es iſt nicht der Umſturz der beſtehenden Kirchenverfaſſung und Aufrichtung einer neuen: beides iſt ihm nur Mittel zu einem viel beſchränkteren Zweck, dem Nachweis, daß die Verdrängung Ebos von Reims unrechtmäßig, ihre Folgen un - gültig ſind. Was er im einzelnen über die Bedingungen eines Biſchofs - prozeſſes ſagt, paßt auf die Umſtände von Ebos Vertreibung ſo genau, daß die Abſicht unverkennbar iſt. Die Ankläger, heißt es, müſſen in jeder Hinſicht unbeſcholten ſein und perſönlich auftreten; im Prozeß Ebos liegt darüber ein Schleier. Niemand darf vor ein auswärtiges Gericht geſtellt werden, kein Laie Richter über den Biſchof ſein; Ebos Prozeß war außerhalb ſeiner Provinz vor auswärtigen Biſchöfen und zum Teil in Gegenwart des Kaiſers geführt worden. Erzwungene Selbſtverurteilung iſt ungültig; bei Ebo lag ſie vor. Verſetzung eines Biſchofs iſt nicht er - laubt, außer er ſei aus ſeiner Kirche vertrieben und es geſchehe zum all - gemeinen Nutzen — genau Ebos Fall. Eine Beſtimmung, die häufig wiederkehrt: ſoll über einen Biſchof verhandelt werden, ſo muß er im Beſitz ſeines Amtes ſein; Ebo war als Gefangener und Vertriebener57Charakter und Bedeutung der Fälſchungvorgeführt worden. Endlich die Hauptſache: Abſetzung eines Biſchofs iſt Vorrecht des Papſtes; kein Papſt war in Diedenhofen vertreten geweſen, keiner hatte das Urteil formell beſtätigt.
Pſeudoiſidor war ein ſehr gelehrter Mann, an Kenntnis der altkirch - lichen Literatur dem gelehrteſten der Zeitgenoſſen, Hinkmar, kaum nach - ſtehend. War es Ebo ſelbſt, der mit dieſen Beweismitteln ſeine Wieder - einſetzung zu erreichen gedachte? Er müßte dann, da die Fälſchungen erſt nach ſeinem Tode bekannt wurden, vor dem Abſchluß der Arbeit geſtorben ſein, und ein Begleiter und Gehilfe, vielleicht einer der Geiſtlichen, die er geweiht und ſein Nachfolger abgeſetzt hatte, würde das Werk beendet und nach ſeiner Rückkehr verbreitet haben. Wie er hieß, wer er war, fragen wir vergeblich. Den Reimſer Domherrn Wulfhad, der uns noch beſchäftigen wird, hat man zu Unrecht in Verdacht genommen, die gründliche Verſchiedenheit ſeiner Schreibweiſe von der Pſeudoiſidors ſpricht ihn frei. Wir werden uns wohl damit beſcheiden müſſen, daß Pſeudoiſidor der große Unbekannte iſt und bleibt, der er ſchon für die Zeitgenoſſen war.
Man hat oft behauptet, Pſeudoiſidor habe nur in die Form uralter päpſtlicher Erlaſſe gekleidet, was ſeine Zeit ohnehin für recht hielt. Man iſt daraufhin ſo weit gegangen, ihn vom Vorwurf eigentlicher Fälſchung freizuſprechen und ſein Werk als Dichtung zu bezeichnen, die die Wahrheit ſage. Das iſt grundfalſch. Selbſt wenn man den Ver - faſſer für den Verkünder von Überzeugungen ſeiner Zeit halten dürfte, ſo wäre ſeine Schuld gegenüber ſpäteren Geſchlechtern nicht geringer, die an den Glauben des neunten Jahrhunderts nicht gebunden waren. Als Bekenntnis dieſes Zeitglaubens hätte ſeine „ Dichtung “keine bin - dende Kraft für Nachlebende gehabt; erſt indem er ſie für älteſte Wahr - heit ausgab, erhob er ſie zur Richtſchnur für jeden, der ſich nicht dem Vor - wurf ausſetzen wollte, von der echten Überlieferung der Kirche abgefallen zu ſein. Eben dies iſt das Gefährliche an ſeinem Machwerk und hat ihm ſo verhängnisvolle Wirkung verſchafft, daß es mit dem Glorienſchein der Kirche der Märtyrer und Heiligen auftritt. Es iſt aber auch keines - wegs richtig, daß man zu ſeiner Zeit ſchon für wahr gehalten habe, was Pſeudoiſidor lehrte, ſo daß er gleichſam nur das Siegel der Geſchichte — ein gefälſchtes Siegel — unter den Glauben ſeiner Zeit gedrückt haben würde. Wir wiſſen, daß noch im vorausgehenden Menſchenalter ganz andere Meinungen über das Papſttum in der fränkiſchen Kirche laut -58Pſeudoiſidor in Romgeworden waren, und wir haben kein Recht, ohne ausdrückliche Zeugniſſe anzunehmen, die Geſinnung habe ſich inzwiſchen ſo gründlich gewandelt, daß ein Pſeudoiſidor ohne Vorbehalt als Wortführer ſeines Zeitalters gelten dürfte. Wir werden ſogar ſehen, daß das Gegenteil der Fall war: die fränkiſche Kirche hat den Pſeudoiſidor als einen Verſuch empfunden, das geltende Recht zu beſeitigen, und hat ſich dagegen gewehrt. Wenn er nicht allgemein als unecht erkannt wurde, ſo iſt das bei dem damaligen Stande des Wiſſens nicht zu verwundern. Hat es doch in einer Zeit, die mit reicheren Hilfsmitteln und kritiſcher Erfahrung arbeiten konnte, über zwei Menſchenalter gedauert, nachdem Mathias Flacius (1559) zuerſt den Betrug aufgedeckt hatte, bis die Rettungsverſuche, mit ſchwerem gelehrtem Rüſtzeug unternommen, ein für allemal verſtumm - ten. Den Beweis der Fälſchung kann man vom neunten Jahrhundert nicht verlangen, aber Verdacht hat ſchon mehr als ein Zeitgenoſſe ge - ſchöpft und offen geäußert. Von blinder Anerkennung vollends iſt keine Rede, im Gegenteil: der Verſuch, der fränkiſchen Kirche an Stelle ihres echten Geſetzbuchs ein erfundenes aufzunötigen, iſt an allgemeiner Ablehnung geſcheitert.
Ob die klagenden Reimſer Geiſtlichen auf der Synode in Soiſſons, die ihre Abſetzung ausſprach, von den gefälſchten Dekretalen Gebrauch gemacht haben, wiſſen wir nicht, aber als ſie ihre Berufung in Rom be - trieben, haben ſie es getan. Sie hatten inſofern Erfolg, als Leo IV., indem er es ablehnte, das Urteil der Synode zu beſtätigen, ſich unter anderem auf einen Rechtsſatz berief, den die Kirche bis dahin nicht ge - kannt hatte, während er einen Eckſtein des pſeudoiſidoriſchen Gebäudes bildete: daß die Synode zu urteilen nicht befugt geweſen ſei, weil kein Vertreter des Papſtes an ihr teilgenommen habe. Dieſen Satz kann der Papſt nur aus Pſeudoiſidor übernommen haben; die Reimſer Geiſtlichen haben ihm die Fälſchung, ſei es ganz, ſei es in einzelnen Stücken, vor - gelegt, und Leo hat kein Bedenken getragen, ſie zu benutzen. Er tat es, augenſcheinlich ohne ſich der Folgerungen bewußt zu ſein, die ſich daraus ergeben konnten. Welche Machtfülle für den Papſt in den Sätzen Pſeudoiſidors ſteckte, kann er ſchwerlich erkannt haben, da er im gleichen Schriftſtück die verweigerte Beſtätigung der Synode auch darauf grün - dete, dem Geſuch fehle das kaiſerliche Fürwort. Wer ſich ſo ſehr als Diener des Kaiſers fühlte, hatte gewiß keine Neigung, die Rolle des unmittelbaren Beherrſchers jeder Kirche und jedes Biſchofs nach der59Verbreitung PſeudoiſidorsAuffaſſung Pſeudoiſidors zu übernehmen. Das vereinzelte Gewand - ſtück aus der Kleiderkammer des Fälſchers ſtand ihm ſchlecht.
Nur weil er ſich durch den Kaiſer gedeckt wußte, hatte Leo den Ein - bruch in das geſchichtliche Recht der Biſchofsſynode gewagt. Als Lothar, wie wir oben hörten, ſeinen Sinn geändert hatte, würde auch Leo bei längerem Leben den Rückzug angetreten haben. Sein Nachfolger brach das Gefecht ſofort ab, und zehn Jahre lang war von dergleichen nicht mehr die Rede. Jnzwiſchen kamen die unechten Schriften im weſt - fränkiſchen Reich in Umlauf, wurden immer öfter benutzt und galten als wertvolle Bereicherung des Wiſſens von den älteſten Zeiten der Kirche. Auch Hinkmar hat, wie wir ſahen, kein Arg gehabt, ſich ihrer zu be - dienen, wo ſie ihm willkommen waren. Sie enthielten ja ſo vieles und ſo Verſchiedenartiges, daß unbeſchadet ihres umſtürzleriſchen Zweckes faſt jeder in ihnen finden konnte, was er brauchte. Das änderte ſich, als nach einigen Jahren ein Papſt, in der ausgeſprochenen Abſicht, die Unab - hängigkeit der Biſchöfe zu zerſtören und ihren Widerſtand zu brechen, die vergiftete Waffe zur Hand nahm.
Seit 850 hatte Rom einen Kaiſer mit ſtändigem Sitz in Jtalien. Ludwig II., längſt ſchon König und Regent des langobardiſchen Reichs, vom Vater zum Mitkaiſer erhoben und nunmehr in Rom gekrönt wie ſein Urgroßvater, der große Karl, hielt Hof zu Pavia und übte von dorther die Oberhoheit über Stadt und Staat Sankt Peters. Seine Erhebung zum regierenden Kaiſer hatte den Zweck, die Kräfte Jtaliens beſſer als bisher zuſammenzufaſſen zur Löſung der Aufgabe, deren Dring - lichkeit die Erfahrungen der letzten Jahre erwieſen hatten. Entſchloſſene Abwehr der Araber war nicht länger aufzuſchieben, nachdem ein Feld - zug im Jahr 848, trotz Zuzugs aus dem Rheinland und Burgund, wohl zu einem Sieg, aber zu keinem dauernden Erfolg geführt hatte. Nun aber war gerade das Verhältnis eingetreten, dem die Päpſte hundert Jahre früher hatten entgehen wollen, als ſie ihre Zuflucht zu den Franken nahmen: der König des langobardiſchen Jtalien übte als Kaiſer die Herr - ſchaft über Rom. Was Liutprand, Aiſtulf, Deſiderius erſtrebt, Pippin und Karl verhindert hatten, war unter Ludwig II. Tatſache geworden. Wie viel blieb da noch von der Selbſtändigkeit übrig, die der Papſt als Landesherr dank der weiten Entfernung des Kaiſerhofs bisher genoſſen hatte? Bei der Krönung Ludwigs II. (850) war ſein Verhältnis zum Kaiſer gemäß früheren Verträgen und dem Geſetz von 824 neu geregelt und ſchriftlich feſtgeſetzt worden. Ludwig beſtätigte ihm ſeine Rechte und Beſitzungen unter Vorbehalt ſeiner eigenen Rechte bei der Papſtwahl. Der Treueid, den Leo IV. bei ſeiner Erhebung ſchuldig geblieben war, wurde nachgeholt; in Zukunft ſollte jeder Papſt ihn vor der Weihe leiſten. Wieder ſollte, wie 824 angeordnet war, ein ſtändiger Vertreter des Kaiſers die Verwaltung in Rom beaufſichtigen und der Kaiſer ſelbſt, wo nötig, eingreifen.
Was ſich daraus ergeben konnte, lag auf der Hand und iſt bald ein - getreten. Reibungen hatte es ſchon vorher gegeben, jetzt erreichten ſie einen gefährlichen Grad. Die ſpärlichen Bruchſtücke der Überlieferung61Papſt und Kaiſer nach 850erlauben kaum, den wahren Sachverhalt zu erraten. Zwei kaiſerliche Sendboten hatte Leo ſich dringend verbeten, weil er bei ihnen ſeines Lebens nicht ſicher ſei. Sie waren der Ermordung eines päpſtlichen Geſandten beſchuldigt, auch zum Tode verurteilt worden, aber unbeſtraft geblieben. Bitter beſchwerte ſich der Papſt, daß dabei das römiſche Recht verletzt worden ſei. Dann ſcheint ihm einer ſeiner vornehmſten Beamten, der Oberhofmeiſter, Rat und Milizführer Gratian, zu mächtig geworden zu ſein. Um ihn loszuwerden, verklagte er ihn auf Anzeige eines anderen Milizführers bei Ludwig, er ſei Gegner des fränkiſchen Kaiſertums und wolle es mit Hilfe der Griechen ſtürzen. Ludwig eilte unangemeldet her - bei und hielt perſönlich Gericht. Die Anklage erwies ſich als falſch, der Anzeiger geſtand ihre Unwahrheit und wurde — wiederum nach fränki - ſchem Recht — dem Beſchuldigten ausgeliefert, der ihm auf Verwen - dung des Kaiſers das Leben ſchenken mußte. Welche Rolle der eigent - liche Verurteilte, der Papſt mit ſeiner falſchen Anklage, geſpielt hat, verſchweigt die Überlieferung. Jm Vertrauen des Kaiſers iſt er keines - falls befeſtigt aus der Sache hervorgegangen, hat ſich ſogar veranlaßt geſehen, einen Antrag auf Unterſuchung gegen ſich ſelbſt zu ſtellen. Ob dem ſtattgegeben worden, und mit welchem Erfolg, wiſſen wir nicht.
Dies iſt die Farbe, die damals die Beziehungen zwiſchen Papſt und Kaiſer trugen. Dennoch wußte man in Rom, daß man auf den Kaiſer angewieſen war. Da war zum Beiſpiel der Erzbiſchof von Ravenna mit ſeinen alten, wiederholt geſcheiterten, aber nie aufgegebenen Wünſchen nach Unabhängigkeit von der päpſtlichen Oberhoheit. Mit ihm hatte es ſchon unter Leo III. Streit gegeben, Klagen waren zu Kaiſer Karl gedrungen, auch Ludwig I. hatte vermitteln müſſen. Schwieriger wurden die Beziehungen wieder, als um die Mitte des Jahrhunderts ein Johannes den Stuhl in Ravenna beſtieg, dem ſein Bruder Georgius als weltliches Haupt (dux) des Gebietes zur Seite ſtand. Über ihn beklagte ſich Leo IV. bei Ludwig II., anſcheinend mit Erfolg, da wir bald darauf den Papſt in Anweſenheit des Kaiſers in Ravenna eine Synode halten ſehen. Hätte der Kaiſer die Partei der Ravennaten ergriffen, die päpſt - liche Oberherrlichkeit in dieſem Teil des Kirchenſtaats wäre bald er - loſchen. Vor allem andern aber war es doch die arabiſche Gefahr, die den Papſt an die Seite des Kaiſers drängte, ohne deſſen tatkräftige Hilfe Rom keinen Tag ſicher war. Als Ludwig II. im Jahr 852 wieder einen Feldzug gegen die Sarazenen unternahm, der auch — wenn wir dem62Anaſtaſiusfränkiſchen Bericht glauben dürfen — um ein Haar zur Einnahme der arabiſchen Hauptſtadt Bari geführt hätte, aber wieder ohne dauernden Erfolg blieb, kam ihm Leo mit geiſtlichen Waffen zu Hilfe. Er erließ einen Aufruf „ an das fränkiſche Heer “zum Kampf gegen die Feinde des Glaubens und verhieß jedem, der dabei den Tod finden würde, Aufnahme ins Himmelreich. „ Denn der Allmächtige weiß, wenn einer von euch umkommen ſollte, daß er für die Wahrheit des Glaubens, die Erlöſung ſeiner Seele und für die Verteidigung des chriſtlichen Landes gefallen iſt. Darum wird er den erwähnten Lohn erhalten. “
Unter den Geſchlechtern der römiſchen Ariſtokratie, die an der Regie - rung von Kirche und Kirchenſtaat teilhatten, war eines, das man nach dem Namen ſeiner Angehörigen für urſprünglich griechiſch halten möchte, das ſich aber durchaus als römiſch fühlte. Das Familienhaupt war Arſenius, Biſchof in dem Städtchen Orte, wo der Kirchenſtaat an das Herzogtum Toskana grenzte. Sein Sohn Eleutherius — die Biſchöfe dieſer Zeit waren öfters verheiratet und durften es ſein, wenn ſie nach Empfang der höheren Weihen die Ehe nicht fortſetzten — iſt erſt ſpäter in unrühmlichſter Weiſe hervorgetreten. Um ſo mehr be - deutete von jeher der Neffe Anaſtaſius. Jn der römiſchen Geſellſchaft war die ſeit langem verlorengegangene wiſſenſchaftliche Bildung wieder zu Ehren gekommen, ſeit im Jahr 826 eine Synode in Nachahmung des Beiſpiels, das Karl der Große in ſeinem Reich gegeben, neben an - deren Vorſchriften über kirchliche Zucht und Ordnung die Forderung aufgeſtellt hatte, daß die Biſchöfe ſelbſt unterrichtet ſein und für die Bildung ihrer Geiſtlichen mit Strenge ſorgen ſollten. An allen Kirchen ſollten dementſprechend Lehrer für weltlichen und kirchlichen Unterricht angeſtellt werden. Die Wirkung dieſer Maßregel iſt nicht ausgeblieben. Um die Mitte des Jahrhunderts iſt die ſprachliche Roheit aus den Brie - fen der Päpſte und ihrer amtlichen Geſchichtſchreibung verſchwunden, wo ſie ſeit dem Ende des ſiebenten Jahrhunderts geherrſcht hatte. Damit zugleich waren auch Selbſtbewußtſein und Stolz auf die eigene Ver - gangenheit erwacht, man lebte wieder in Erinnerungen an die Vorzeit und fühlte ſich als Erben einſtiger Größe. Der glänzendſte Vertreter dieſer neuen Strömung war Anaſtaſius. Die Geſchichte der Kirche kannte er wie kein zweiter, wobei ihm die Beherrſchung der griechiſchen Sprache zuſtatten kam. Sie zu erlernen, war im Rom des neunten Jahr -63Anaſtaſiushunderts mit ſeinen zahlreichen Flüchtlingen aus dem Oſten reichlich Gelegenheit. Überſetzungen aus dem Griechiſchen, Erbauliches und Ge - ſchichtliches, bildeten den größten Teil von Anaſtaſius 'Schriftſtellerei. Das Lateiniſche handhabte er zwar nicht nach den Regeln der klaſſiſchen Zeit, aber doch mit überraſchender Fülle und Klarheit. Alles in allem die letzte Geſtalt von Format unter den literariſchen Nachzüglern des kirchlichen Altertums. Jndes Anaſtaſius hatte noch andere Eigenſchaften, in dem Gelehrten ſteckte der Ehrgeiz, zu herrſchen. Leo IV. hatte ihn im Beginn ſeiner Regierung zum Prieſter an der Kirche des heiligen Marcellus geweiht. Bald aber muß Anaſtaſius zur regierenden Gruppe in Gegenſatz getreten ſein und Grund gehabt haben, ihre Rache zu fürchten. Er kehrte dem Kirchenſtaat den Rücken und nahm ſeinen dauernden Aufenthalt unter dem Schutz des Königs von Jtalien in Friaul, ſcheint auch zum Kaiſerhaus in nähere Beziehungen getreten zu ſein. Wegen Verlaſſens ſeiner Kirche wurde ihm der Prozeß gemacht, er wurde von Leo IV. abgeſetzt, aus der Kirche ausgeſchloſſen und die Maßregel auf zwei Synoden in Ravenna und Rom wiederholt. Daß man in ihm mehr ſah als einen pflichtvergeſſenen Prieſter, verrät die Verhängung des Ausſchluſſes über alle, die ihm irgendwie zum Biſchofs - amt verhelfen würden. Sogar ein Verſuch, ſeine Auslieferung zu erwirken, wurde beim Kaiſer gemacht, aber vergeblich. Offenbar war Anaſtaſius der regierenden Gruppe gefährlich als Kandidat für die Papſtwürde beim Tode Leos IV. Für ſo wichtig hielt man den Fall, daß man in der Kirche Sankt Peters ſeine Verurteilung durch Bild und Jnſchrift verewigte.
Jm Dezember 853 war das Verfahren gegen Anaſtaſius zum Ab - ſchluß gekommen; anderthalb Jahre ſpäter trat das Befürchtete ein: Leo IV. ſtarb, und bei der Neuwahl erſchien die Partei des Arſenius mit ihren Anſprüchen auf dem Plan. Jn Rom drang ſie nicht durch, gewählt wurde Benedikt, Prieſter der Kirche des heiligen Calixtus. Aber die Geſandten, die dem Kaiſer die Anzeige überbrachten, begeg〈…〉〈…〉 ten unter - wegs Arſenius, der ſie umzuſtimmen wußte, ſo daß ſie ſich begnügten, ihren Auftrag ohne Nachdruck auszurichten und mit der ablehnenden Antwort des Kaiſers heimzukehren. Eine kaiſerliche Geſandtſchaft, zu der neben zwei Grafen auch Anaſtaſius gehörte, folgte ihnen auf dem Fuß. Jhnen kamen in Orte, dem Biſchofsſitz des Arſenius, jene erſten römiſchen Geſandten entgegen, umgeben von zahlreichen Herren aus64Anaſtaſius. Benedikt III. Klerus und Adel, an der Spitze der Biſchof Radwald von Porto. Es war die Partei des Arſenius, die jetzt als die kaiſerliche auftreten konnte. Zwei Geſandtſchaften, die Benedikt ihnen entgegenſchickte, wurden ver - haftet, der Zug auf Rom angetreten und Anaſtaſius auf Befehl der kaiſerlichen Vertreter in feierlicher Weiſe an der Milviſchen Brücke vom Volk als Papſt begrüßt. Mit Gewalt ließ er ſich die Kirche Sankt Peters öffnen und die Jnſchrift, die von ſeiner Verurteilung zeugte, zerſtören, mit Gewalt bemächtigte er ſich des Laterans und ließ Benedikt verhaften.
So weit ſchien alles nach Wunſch zu gehen und Rom dem Papſt, den der Kaiſer befohlen hatte, ſich zu fügen. Erſt ſeine Weihe ſtieß auf Widerſtand. Die Biſchöfe von Oſtia und Albano, die ſie nach dem Her - kommen zuſammen mit dem von Porto zu vollziehen hatten, weigerten ſich, dem Befehl der kaiſerlichen Geſandten zum Trotz. Gleichzeitig ſammelte ſich vor dem Lateran eine empörte Volksmenge. Nach drei Tagen ſahen auch die fränkiſchen Grafen ein, daß es unmöglich ſei, die Weihe ihres Kandidaten zu erzwingen, und traten den Rückzug an. Ein Waffenſtillſtand von weiteren drei Tagen mit allgemeinem Faſten ſchuf Zeit zum Verhandeln, und das Ende war ein Vergleich. Die Kaiſerlichen ließen ihren Mann fallen und gaben Benedikts Weihe zu, Anaſtaſius und ſein Anhang erhielten Verzeihung. Arſenius, Radwald und wer ſonſt beteiligt war, behielten ihre Würden und Ämter, ſo daß der neue Papſt unter der Aufſicht ſeiner früheren Gegner ſtand und dieſe an ſeiner Regierung teilnahmen. Für das Jntereſſe des Kaiſers war damit geſorgt. Anaſtaſius wurde zwar von dem auf ihm laſtenden Fluch befreit und in die kirchliche Gemeinſchaft wieder aufgenommen, aber nur als Laie, und der Weg zu geiſtlichen Würden war ihm verſperrt, da Bene - dikt die Jnſchrift in Sankt Peter, die von ſeiner Verfluchung erzählte, wiederherſtellen ließ. Als Entſchädigung erhielt er Verwaltung und Einkünfte des Kloſters der Heiligen Jungfrau jenſeits des Tibers. Ob ihm das genügt hat, darf man bezweifeln; er war es ja, der die Koſten des Vergleichs zu tragen hatte, und es wäre nur natürlich, wenn er darob gegen den Oheim, Radwald und wohl auch den Kaiſer, die ihn geopfert hatten, einen ſtillen Groll genährt hätte.
Etwas über zweieinhalb Jahre hat Benedikt III. regiert, am 17. Auguſt 858 iſt er geſtorben. Sein letztes Erlebnis war ein Oſter - beſuch des Kaiſers geweſen. Ludwig erhielt die Todesnachricht, kaum65Nikolaus I. daß er die Stadt verlaſſen hatte. Sogleich machte er kehrt, um die Wahl perſönlich zu leiten. Sie fiel, „ mehr infolge der Anweſenheit und Gunſt des Kaiſers und ſeines Hofes als durch die Stimmen der Geiſt - lichkeit “, wie die fränkiſchen Annalen ſagen, auf den Diakon Nikolaus. Der war der Sohn eines ſtädtiſchen Bezirksvorſtehers, alſo ſchwerlich ſelbſt Mitglied der herrſchenden Ariſtokratie, ſoll aber ſchon unter Bene - dikt den größten Einfluß, mehr ſogar als die Verwandten des Papſtes, beſeſſen haben. Seine Regierung durfte als Fortſetzung der vorigen und er ſelbſt als Geſchöpf des Kaiſers gelten. Jhr Verlauf freilich hat dieſer Annahme nicht entſprochen.
Man hat in Nikolaus I. meiſt eine ſtolze, ſelbſtbewußte Perſönlichkeit geſehen, die erſte große Herrſcherfigur auf Petri Stuhl ſeit Jahrhunder - ten und die letzte für Jahrhunderte, einen Papſt, der, ganz erfüllt von der einzigartigen Höhe ſeines Amtes, in der Vertretung deſſen, was er ſein Recht nannte, furchtlos und rückſichtslos jeden Kampf mit anderen Mächten aufgenommen und der Welt zum erſtenmal gezeigt habe, was ein römiſcher Papſt ſei. So ſehr ſticht ſeine Regierung ab von der ſeiner Vorgänger, daß es nicht an Stimmen fehlt, die ihn geradezu den erſten Papſt nennen. Die Väter der proteſtantiſchen Kirchengeſchichte im ſechzehnten Jahrhundert, die Verfaſſer der „ Magdeburger Centurien “, haben dieſes Urteil nach der Denkweiſe ihrer Zeit in die Formel ge - kleidet, zu ſeiner Zeit habe der Antichriſt die lang vorbereitete Herrſchaft über die Kirche ergriffen. Andererſeits hat es in neuerer Zeit Forſcher gegeben, die Nikolaus jede perſönliche Bedeutung abſprechen und in ihm nur das Werkzeug, ja die Puppe in den Händen ſeiner Umgebung, vor allem des Anaſtaſius, ſehen wollten. Die Entſcheidung iſt nicht leicht. Zwar der Eindruck, den ſeine Regierung ſchon auf die Zeitgenoſſen ge - macht hat, iſt auch beim ſpäteren Betrachter ſtark. Fragt man aber nach dem perſönlichen Anteil des Papſtes an dem, was unter ihm und in ſeinem Namen geſchah, ſo bleibt man auf Vermutungen angewieſen.
Eine Null iſt Nikolaus I. keinesfalls geweſen. Dagegen ſprechen nicht ſo ſehr die über das übliche Maß hinausgehenden Verherr - lichungen, die ihm gleich nach ſeinem Tod und noch mehr im nächſten Menſchenalter geſpendet worden ſind. Sie würden allein nicht viel be - weiſen; literariſcher Weihrauch für die Regierenden war und iſt zu allen Zeiten billig. Was in Nikolaus die ungewöhnliche PerſönlichkeitHaller, Das Papſttum II1 566Anfänge des Streits mit Konſtantinopelerraten läßt, ſind ſeine Handlungen. Dies freilich nicht ſogleich. Erſt mit der Zeit hat er ſich von ſeiner Umgebung unabhängig zu machen und eine perſönliche Regierung zu führen vermocht. Auch mag er dabei dem ſtarken Einfluß eines Beraters Raum gegeben haben, doch war es einer, der mit ihm innerlich übereinſtimmte. Seine Anfänge zeigen ihn als den Vertreter der Partei, die ihn erhoben hat. Am meiſten tritt dabei der Biſchof Radwald von Porto hervor, der ſchon in der zwieſpältigen Papſtwahl 855 eine Rolle geſpielt hatte. Die Art, wie er von Nikolaus in den wichtigſten Geſchäften verwendet wird, erlaubt uns, in ihm einen der maßgebenden Männer der neuen Regierung zu ſehen. Das währt etwa fünf Jahre, dann tritt ein völliger Umſchwung ein: Radwald wird geſtürzt und verſchwindet von der Bühne, an ſeine Stelle tritt Anaſtaſius als Wortführer und Berater. Dieſer Wechſel der Perſonen gibt der geſamten Regierung des Papſtes einen veränderten Charakter. War ſie bis dahin in gewohnten Bahnen verlaufen, ohne Geräuſch und Aufſehen zu erregen, ſo gerät ſie jetzt in einen Strudel dramatiſcher Verwicklungen, die ſie von den vorausgegangenen aufs ſchärfſte unter - ſcheiden. Neue, hohe Ziele werden verfolgt, unerhörte Anſprüche er - hoben, beides mit einem Maß von Selbſtgefühl und einer heraus - fordernden Kampfluſt, die man an den Biſchöfen Roms noch nicht ge - kannt hatte.
Einen Streit mit Konſtantinopel fand Nikolaus bei ſeiner Thron - beſteigung vor. Er ſchwebte ſchon ſeit Jahren und ſchleppte ſich zunächſt noch einige Jahre hin, bis ihm Nikolaus die Wendung gab, die ihm ſeine beſondere Bedeutung in der Kirchengeſchichte verliehen hat.
Jn der griechiſchen Kirche war der Bilderſtreit bereits im Jahr 843 zum zweitenmal und für immer beendet worden, wieder, wie unter Jrene, durch eine Frau. Theodora, durch den Tod des Kaiſers Theo - philos († 842) Regentin für den erſt dreijährigen Michael III. gewor - den, vollzog im Lauf eines Jahres die Wendung. Der bisherige Pa - triarch mußte weichen, und eine Synode faßte im März 843 den er - forderlichen Beſchluß, daß die Bilder, wie in Nikäa 787 verkündet war, zu verehren ſeien. Der neue Patriarch Methodios, ein Sizilianer, hatte die letzten Jahre als Flüchtling in Rom gelebt und hegte beſondere Verehrung für den heiligen Petrus, dem er, wie man erzählte, wunder - bare Heilung von fleiſchlicher Brunſt zu verdanken glaubte. Nikolaus I. 67Anfänge des Streits mit Konſtantinopelhat ſich ſpäter im Streit mit den Griechen nicht verſagt, dies Verhält - nis zu betonen: mit römiſcher Muttermilch ſollte Methodios zur Be - kämpfung des bilderſtürmeriſchen Jrrtums geſtärkt worden ſein, von Rom die Ermächtigung zur Predigt der Wahrheit und das Abzeichen ſeiner Würde, die biſchöfliche Mitra, erhalten haben. Das iſt freilich alles, was von römiſchem Anteil an dieſem Ereignis ſich ſagen läßt. Zum Entſchluß hat Rom nicht mitgewirkt, zur Synode iſt es nicht zu - gezogen worden, und nicht einmal Nikolaus, der doch die Ruhmestaten ſeiner Kirche nicht zu vergeſſen pflegte, hat die Rückkehr der Griechen zur Verehrung der Bilder als römiſchen Erfolg hinzuſtellen gewagt.
Jn der Bilderfrage hatte es ſich um mehr als gewiſſe Äußerlichkeiten der Religionsübung gehandelt. Unter dieſem Zeichen bekämpften ein - ander zwei geiſtige Richtungen, die um die Herrſchaft in Kirche und Staat rangen. Für die Bilderverehrung ſtritten vor allem die Mönche, die den Klerus dem Eindringen profaner Wiſſenſchaft, Literatur und Kunſt verſchließen wollten. Sie hatten auf der Synode 843 geſiegt, aber die Frucht des Sieges nicht geerntet. Nicht einer der Jhren erhielt die Zügel der Kirchenregierung. Methodios war zwar auch Mönch, gehörte aber einer gemäßigten Richtung an, die den Abſcheu gegen weltliche Bildungselemente nicht teilte und mit den Männern zuſam - menging, unter deren Händen das Reich eben damals im Gegenſatz zur asketiſchen Geiſtesart einen neuen Aufſchwung auf geiſtigem wie auf ſtaatlichem Gebiete nahm. Die Mönchspartei fügte ſich nicht gutwillig; obgleich ihrer wirkſamſten Loſung durch die Wiederherſtellung der Bilder beraubt, hat ſie den Kampf um die Herrſchaft in Kirche und Staat fortgeſetzt und dem neuen Patriarchen Schwierigkeiten gemacht. Nach ſeinem Tode ſcheint die Regierung ein perſönliches Zugeſtändnis für angebracht gehalten zu haben: ſie bewirkte, und zwar muß es in un - regelmäßiger Form geſchehen ſein, die Erhebung des Mönchs Jgnatios, der ein Sohn des 813 geſtürzten Kaiſers Michael I. war. Wenn man von ihm erwartet hatte, er werde die Gegenſätze verſöhnen, ſo hatte man ſich geirrt. Er ſtieß ſogleich mit einigen Biſchöfen der andern Richtung zuſammen, die ihm den Gehorſam verweigerten und abgeſetzt wurden. Der angeſehenſte war Gregor, Erzbiſchof von Syrakus, bewundert als Gelehrter und Künſtler. Mit ihm traf noch zwei das gleiche Los. Sie ergaben ſich nicht in ihr Schickſal, fochten das Urteil an und klagten in Rom. Jgnatios muß ſich unſicher gefühlt haben, denn er ſuchte nun68Jgnatios und Photiosauch ſeinerſeits den Papſt zu gewinnen. Jndem er um Beſtätigung ſeines Urteils bat, bot er — ein noch nicht dageweſener Fall — dem Römer das Pallium an. Leo IV. antwortete auf beides ablehnend: der Biſchof von Rom als Haupt aller Kirchen könne das Pallium wohl jedem verleihen, aber es von keinem andern annehmen. Die Abſetzung von Biſchöfen ohne Mitwirkung Roms ſei ungültig und ein Verſtoß gegen älteſten Brauch. Denn ſeit die Kirche beſtehe, hätten die Pa - triarchen alle auftauchenden Streitfälle nach Rom gemeldet und nur mit Rat und Einverſtändnis der Päpſte gehandelt. Geſtützt auf dieſe kühne Behauptung, für die der geſchichtliche Nachweis ſchwer zu führen war, erhob Leo die Forderung, beide Parteien ſollten in Rom erſcheinen, um ihr Urteil in Empfang zu nehmen. Benedikt III. ging noch weiter, er ſetzte Jgnatios eine Friſt, bis zu der er ſeine Vertreter nach Rom zu ſchicken hätte. Der Antwort ſah ſich Jgnatios überhoben, denn kaum daß er das römiſche Schreiben erhalten hatte, wurde er geſtürzt. Bardas, der Bruder und Mitregent der Kaiſerin Theodora, hatte die Schweſter verdrängt, als Cäſar führte er höchſt ſelbſtändig die Regierung im Namen des Jünglings Michael III., deſſen geſchichtlicher Beiname „ der Trinker “über ſeinen Wert als Herrſcher genug ausſagt. Als Gönner und Förderer wiſſenſchaftlicher Bildung, der er war — die Hochſchule in der Hauptſtadt, in deren Hörſälen man ihn öfters ſah, war ſeine Schöpfung — war Bardas kein Freund der Mönche, die ihm dafür mit ihrem Haß zahlten. Jgnatios ſoll überdies durch verweigerte Unterſtützung und Anwendung kirchlicher Strafe ſeinen Zorn gereizt haben. Bald zwang ihn der nun allmächtige Cäſar, vom Patriarchen - ſtuhl zu weichen, und erhob auf ſeinen Platz Photios, den berühmteſten der damals lebenden Gelehrten, den vielſeitigſten und verdienteſten unter allen, die das Griechentum des frühen Mittelalters hervorgebracht hat. Das geſchah im gleichen Jahr 858, in dem Nikolaus Papſt wurde.
Photios war noch Laie. Aus vornehmſter Familie, dem Kaiſerhaus verwandt, hatte er bisher als Staatsſekretär mit dem Rang eines Garde - generals am Hofe gedient. Die Wahl eines Laien zum Biſchof, obwohl mehrfach vorgekommen, war ſtrenggenommen unzuläſſig. Auch ſonſt bot ſeine Erhebung Blößen. Die Weihe hatte er von dem abgeſetzten Gregor von Syrakus empfangen. Erſt nachträglich beſann man ſich auf die Formen, ließ eine Synode zuſammentreten und Jgnatios abſetzen. Aber ſo viel der Mängel waren, man hoffte den Kritikern den Mund69Jgnatios und Photioszu ſchließen, wenn es gelang, den römiſchen Papſt zur Anerkennung des Geſchehenen zu beſtimmen. Das war keineswegs ausſichtslos, ja es war eigentlich kaum anders zu erwarten. Jgnatios war ja in Rom ſchon ver - klagt, und Photios gehörte zu der Richtung, deren Leo und Benedikt ſich angenommen hatten. Jm Vertrauen auf ſicheren Erfolg erſchien eine Geſandtſchaft, ſtattlicher als je, im Spätſommer 860 in Rom: drei Metropoliten und ein Biſchof unter Führung eines Gardeoffiziers und kaiſerlichen Verwandten. Sie überbrachten reiche Geſchenke und je ein Schreiben vom Kaiſer und von Photios, worin für dieſen die An - erkennung erbeten wurde, nachdem Jgnatios freiwillig verzichtet habe. Zugleich luden ſie zu einer Synode ein, für die die Bilderfrage den Vor - wand abgab. Die Antwort, die ſie am 25. September erhielten, war eine Enttäuſchung. Nikolaus erklärte, die Anerkennung des Photios einſtweilen nicht ausſprechen zu können, da die Erhebung eines Laien unerlaubt ſei und ohne Zuſtimmung Roms nichts hätte beſchloſſen werden dürfen. Darum ſende er zwei Biſchöfe nach Konſtantinopel, um gegen Jgnatios Unterſuchung zu führen, warum er ſeine Herde verlaſſen, die Vorladungen Leos und Benedikts mißachtet habe, und ob ſeine Ab - ſetzung rechtsgültig ſei. Zugleich forderte er den Kaiſer auf, der römiſchen Kirche den Vikariat von Theſſalonich, die Güter in Sizilien und Kalabrien und das Recht der Weihe des Erzbiſchofs von Syrakus zurückzugeben. Man braucht kein Zeichendeuter zu ſein, um zu wiſſen, was mit dieſen Schreiben gemeint war. Nikolaus gedachte die Gelegen - heit zu benützen, um einmal ſeinen richterlichen Vorrang über Kon - ſtantinopel handgreiflich darzutun, ſodann, um die im Anfang des Bil - derſtreits verlorengegangenen Güter und Rechte der römiſchen Kirche wiederzuerlangen, wie ſchon Hadrian I. aus Anlaß der Bilderſynode verſucht hatte. Tat man ihm hierin den Willen, ſo würde er mit der Anerkennung des Photios nicht zögern.
Dieſes große Geſchäft auszuführen, machten ſich ſeine Legaten auf den Weg nach Konſtantinopel. Der eine war niemand anders als Radwald von Porto, der andere Biſchof Zacharias von Anagni. Sie ſpielten ihre Rolle, als die Synode unter dem Vorſitz des Kaiſers, angeblich 318 Köpfe ſtark, am 3. April 861 zuſammentrat, mit Würde und Feſtigkeit, zur Rechten der Majeſtät an der Spitze der Biſchöfe ſitzend, während zur Linken zahlreiche Senatoren Platz nahmen. Sie beſtanden darauf, daß das Urteil über Jgnatios erſt70Jgnatios durch römiſche Legaten abgeſetztrechtskräftig würde, wenn es von Rom geprüft und beſtätigt wäre. Man tat ihnen den Willen, erkannte die päpſtlichen Legaten ausdrück - lich als Richter im Namen Sankt Peters an und geſtattete ihnen ſogar, nach römiſchem Recht zu verfahren. Jgnatios wurde vorgeführt und trat ſehr ſelbſtbewußt, ja trotzig auf. Gegenüber den Römern, die ſich auf Sankt Peter beriefen, ſpielte er die Apoſtel Johannes und Andreas den Erſtberufenen aus, deren Nachfolger er ſei. Um ſcharfe Erwide - rungen war er nicht verlegen, warf den Legaten vor, ſie hätten ihn ſchon im voraus verurteilt, weigerte ſich, ſie als Richter anzuerkennen, und erſchien in der Schlußſitzung erſt auf die dritte Ladung und gezwungen. Das Protokoll, nur unvollſtändig erhalten, läßt den Gang der Verhand - lung nicht genau verfolgen, doch erkennt man, daß dem Angeklagten zwei Vergehen vorgeworfen wurden: einmal widerrechtliche Abſetzung Gregors von Syrakus und ſeiner Genoſſen, ſodann ſeine eigene unregel - mäßige Erhebung unter dem Zwang der Staatsgewalt. Das zweite wurde durch eidliches Zeugnis von zweiundſiebzig Patriziern und Sena - toren erwieſen. So hatten es die römiſchen Legaten verlangt mit Be - rufung auf die unechten Akten des Papſtes Silveſter*)Siehe oben S. 40 und Bd. 1, S. 223., in denen dieſe Zeugenzahl für die Verurteilung gefordert war. Man hatte ihnen auch hierin nachgegeben, obwohl das Recht der Kirche des Oſtens dieſe Be - ſtimmung nicht kannte. Der Kaiſer hatte ſogar befohlen, daß die Pa - tritier, die ſonſt nicht zu ſchwören pflegten, „ zu Ehren des Papſtes Nikolaus “den Eid leiſteten. Darauf ſprachen die Legaten das Urteil, Jgnatios verdiene abgeſetzt zu werden, und in ihrem Auftrag wurde er ſeiner Abzeichen entkleidet und ausgeſtoßen. Mit den üblichen Heilrufen für Nikolaus, Photios und die Legaten ging die Synode auseinander.
Wie am Schluß, ſo hatten von Anfang an die Römer die Verhand - lung geführt, nur zuweilen durch Bemerkungen des Kaiſers, eines Biſchofs oder eines weltlichen Würdenträgers unterbrochen. Es war eine kaiſerliche Reichsſynode geweſen, abgehalten in der griechiſchen Hauptſtadt von Vertretern des römiſchen Papſtes, die das Urteil einer vorausgegangenen griechiſchen Synode nachprüften und einen griechi - ſchen Patriarchen im Namen des Papſtes abſetzten. Noch nie hatte man in Konſtantinopel den römiſchen Anſprüchen, auch in den Formen, ſo weit nachgegeben, ein Zeichen, wieviel der Regierung daran lag, Rom auf ihrer Seite zu haben. Es kann alſo nicht davon die Rede ſein, die71Nikolaus gegen Photios und für JgnatiosLegaten hätten, wie ſpäter behauptet wurde, ſich täuſchen und zu Schrit - ten zwingen laſſen, die ſie nicht verſtanden. Aber ſie waren allerdings weiter gegangen, als ihr Auftrag lautete. Sie ſollten — ſo hatte Niko - laus dem Kaiſer geſchrieben — die Abſetzung des Jgnatios nachprüfen, damit der Papſt entſcheiden könne. Statt deſſen hatten ſie die Abſetzung ſelbſt vollzogen. Um der Synode dieſe Eigenmächtigkeit zu verbergen, war in ihrem Beglaubigungsſchreiben der diesbezügliche Satz verfälſcht worden. Was die Legaten ſelbſt betrifft, ſo wird man annehmen dürfen, ſie ſeien überzeugt geweſen, im Sinne ihres Gebieters zu handeln, in - dem ſie ſeinen Triumph über Konſtantinopel durch eine Überſchreitung ihrer Befugniſſe erkauften. Vollends ein Mann wie Radwald, ſelbſt zu den Maßgebenden der päpſtlichen Regierung gehörend, mag geglaubt haben, dieſe eigenmächtige Erweiterung ſeines Auftrags ſich erlauben zu dürfen, ebenſogut, ja viel eher noch als einſt die Geſandten Hadrians auf der Bilderſynode zu Nikäa*)Oben S. 6 f.. Die letzte Folgerung hatte er übrigens nicht gezogen, die Anerkennung des Photios nicht ausgeſprochen — das Protokoll hätte das ſicher nicht verſchwiegen — und damit blieb der Ab - ſchluß des Geſchäfts, an dem der Regierung am meiſten liegen mußte, immer noch dem Papſt vorbehalten.
Den zurückkehrenden Legaten folgte auf dem Fuße ein kaiſerlicher Geheimer Rat, der ihren mündlichen Bericht durch die Akten ergänzte. Zugleich bemühte ſich Photios in einem ſehr langen, ſehr geſchickt ab - gefaßten und ſehr verbindlich gehaltenen Schreiben um ſeine Anerken - nung. Dahinter aber ſtand etwas anderes. So wie man in Konſtanti - nopel auf die Entſcheidung des Papſtes wartete, ſo wartete Nikolaus auf Erfüllung deſſen, was er gefordert hatte: Wiederherſtellung des römi - ſchen Patriarchates und Rückgabe der entzogenen Güter. Wie es damit werden ſollte, mußte zwiſchen ihm und dem Geſandten des Kaiſers geklärt werden. Die Verhandlung zog ſich hin und war noch nicht abge - ſchloſſen, als die ſchlechte Jahreszeit den Schiffsverkehr unterbrach und den Griechen nötigte, in Rom zu überwintern. Der Beſcheid, den er endlich am 18. März 862 erhielt, wird ihn nicht erfreut und manchen überraſcht haben. Nikolaus weigerte ſich, Photios anzuerkennen. Er ging weiter, verleugnete, was ſeine Vertreter im Widerſpruch zu ihrer Weiſung, wie er ſagte, getan hätten, verwarf die Abſetzung des Jgna - tios und erklärte ihn für den rechtmäßigen Patriarchen. Daß dieſer bei72Nikolaus 'Beweggründeden zwei letzten Päpſten und bis dahin auch bei Nikolaus als Angeklagter gegolten hatte, hielt ihn nicht ab, ſein Lob in allen Tönen zu ſingen. Den ſeit langem ſchwebenden Prozeß wegen widerrechtlicher Abſetzung von drei Biſchöfen ſchob er ſtillſchweigend beiſeite, und die wiederholten früheren Fälle, wo Laien zu Biſchöfen erhoben waren, Fälle, die laut zugunſten des Photios ſprachen, ließ er nicht gelten. Seine Entſcheidung teilte er ſogleich außer dem Kaiſer und Photios auch den Kirchen von Alexandria, Antiochia und Jeruſalem in einem Rundſchreiben mit, das freilich kaum ſeine Beſtimmung erreicht haben dürfte.
Es war klar, der päpſtliche Stuhl hatte in der orientaliſchen Frage die Partei gewechſelt. Damit war ein Streit entfeſſelt, dem, ungeachtet ſeiner kurzen Dauer, eine außerordentliche Bedeutung in der Geſchichte von Kirche und Papſttum zukommt. Welches waren die Beweg - gründe, die Nikolaus dazu trieben? Daß er nach der Richtſchnur des Rechts zu verfahren behauptete, verſteht ſich von ſelbſt. Zu allen Zeiten haben Herrſcher und Staatsmänner das Bedürfnis gefühlt, der Welt zu beweiſen, daß ſie im Namen des Rechts handelten, wo ſie Politik trieben. Nikolaus I. macht davon keine Ausnahme. Gewiß ſtanden ihm in dieſem Fall Rechtsgründe zur Verfügung; wann haben ſie je gefehlt? Aber ob ſie ſtark genug waren, einen Entſchluß von ſolcher Tragweite zu rechtfertigen? Jedem der Sätze, auf die er ſich berief, ſtand ein Bedenken gegenüber, das mindeſtens ebenſo ſchwer wog. Die Verdrängung des Jgnatios war eine Tat der Willkür, von politiſchen und perſönlichen Beweggründen eingegeben. Aber wie oft war der - gleichen in der Kirche des Oſtens vorgekommen, ohne daß Rom einen Kriegsfall daraus gemacht hätte! Auf die Art ſeiner Erhebung zurück - zukommen, nachdem er zwölf Jahre unangefochten regiert hatte, war in jedem Fall bedenklich, auch wenn die Zeugenausſagen darüber nicht zu Zweifeln Anlaß gäben. Jgnatios war nicht vorwurfsfrei, und ob das Verfahren, das gegen ihn in Rom anhängig gemacht war, ſeine Ab - ſetzung nicht rechtfertigte, wäre noch zu entſcheiden geweſen. Daß Photios als Laie erhoben war, bedeutete ohne Zweifel einen Fehler. Aber auch das war nichts Neues, einige der bedeutendſten Kirchenfürſten des Oſtens und Weſtens, Nektarios, der Begründer des Patriarchates von Konſtantinopel, Taraſios, der Wiederherſteller der Bilder, und ſeine beiden Nachfolger, waren im gleichen Fall, von Ambroſius von Mailand zu ſchweigen, der bei ſeiner Wahl noch nicht einmal getauft73Bulgarienwar. Rom hat ſie alle anerkannt, und ſo gut wie Hadrian über den Mangel bei Taraſios hinweggeſehen hatte, konnte Nikolaus es bei Photios tun, deſſen hohe perſönliche Würdigkeit im übrigen unbeſtritten war. Anderweitige Gründe, den Bruch zu rechtfertigen, gab es nicht, in der einzigen Frage, die die Gemüter noch hätte erregen können, der Bilderfrage, waren Rom und Konſtantinopel einig wie nur je und wurde ihre Einigkeit bei eben dieſer Gelegenheit entſchieden betont. Die all - gemeine Geiſtesrichtung endlich, die Photios vertrat, ſprach für ihn, ſie war dieſelbe, die in Rom herrſchte, Photios und Anaſtaſius ſind ver - wandte Erſcheinungen. So ließen ſich Gründe genug für Duldung der vollendeten Tatſachen anführen, und ein Gewährenlaſſen, eine Bekräf - tigung des Geſchehenen, wenn dafür der Vorrang, die Oberhoheit Roms in unzweideutiger Form anerkannt wurde, konnte recht wohl als weiſe Zweckmäßigkeit gelten, wie die Päpſte ſie oft genug zu üben gewußt haben.
Ein politiſcher Beweggrund war es, dem Nikolaus folgte. Er hat geglaubt, bei dieſer Gelegenheit alte, ſeit mehr als hundert Jahren ver - lorene, aber nie aufgegebene Rechte wiedererlangen zu können und durch ſeinen Einſpruch gegen den Wechſel im Patriarchat den Kaiſer zum Nachgeben zu bringen. Die unteritaliſchen Güter waren zwar angeſichts der fortſchreitenden arabiſchen Eroberung von zweifelhaftem Wert. Um ſo mehr bedeutete gerade damals die Möglichkeit, die Balkanhalb - inſel wieder der kirchlichen Oberhoheit Roms zu unterwerfen. Dort hatte das Reich der Bulgaren, in ſiegreichen Kämpfen gegen die Griechen ſeit Anfang des Jahrhunderts emporgekommen, ſeine blutige Gründungs - zeit hinter ſich und begann, ſich der Geſittung zu öffnen. Noch war es heidniſch, aber ſein Übertritt zum Chriſtentum, die Vorausſetzung für alle weitere Entwicklung, war nur eine Frage der Zeit. Welch ein Er - folg, wenn es gelang, dieſes neue Volk für die römiſche Kirche zu gewin - nen! Unmöglich war es nicht. Jm ganzen Südoſten, bei Böhmen und Mähren, Kroaten und Serben, hatte die fränkiſche Miſſion bereits Fuß gefaßt, und Bulgarien war der Verbündete des deutſchen Königs gegenüber dem gemeinſamen Nachbarn und Gegner, dem großmähri - ſchen Reich. Aber auch in Konſtantinopel ſtreckte man die Hände aus. Auch dort war mit dem allgemeinen Aufſchwung des Reiches die kirch - liche Miſſion in großem Zuge aufgelebt; bei den benachbarten Slawen wirkten griechiſche Prediger, im mähriſchen Reich traten ſie den Franken74Jgnatios klagt in Romin den Weg, und jenſeits des Schwarzen Meeres, im Reich der Warä - ger von Kijew, begannen ſie ein Werk, das Größtes hoffen ließ. Überall breitete das Griechentum ſeine Arme aus, um mit der Herrſchaft ſeiner Kirche den beſtimmenden geiſtigen und politiſchen Einfluß ſich zu ſichern, es konnte am wenigſten ſeine nächſten und gefährlichſten Nachbarn frem - der Führung überlaſſen. Der ausbrechende Streit zwiſchen Rom und Konſtantinopel, dem Anſchein nach eine kirchenpolitiſche Rechts - und Perſonenfrage, war im letzten Grunde ein Kampf zwiſchen Oſt und Weſt um das Miſſionsgebiet am Balkan. So iſt er von Nikolaus eröffnet worden, und wer will beſtreiten, daß der Preis den Aufwand lohnte? Ein römiſcher Sieg würde das Antlitz Europas anders geſtaltet haben.
Der Entſchluß des Papſtes wäre vielleicht nicht ſo ausgefallen, wäre der Hauptbeteiligte zugegen geweſen. Radwald von Porto, den Nikolaus verleugnete, ſeit Ende November 862 auf einer wichtigen Sendung im fränkiſchen Reich abweſend, hat ſein Werk nicht verteidigen können. Dafür wirkten in den folgenden Monaten Einflüſſe, die den Papſt noch weiter in die entgegengeſetzte Richtung drängten. Jgnatios, der noch eben den Römern ſo ſtolz entgegengetreten war und ihr Urteil als be - fangen abgelehnt hatte, warf ſich Nikolaus in die Arme. Aus ſeiner Haft fand er Mittel und Wege, einen Vertreter nach Rom zu ſchicken, der dem Papſt ſeine Klage übergab. Gleichzeitig ſammelten ſich hier Flüchtlinge aus dem Oſten, die die Ereigniſſe auf ihre Art dar - ſtellten: Jgnatios war das bejammernswerte Opfer ruchloſer Ver - folgung, und die Legaten des Papſtes hatten ſich von Photios beſtechen laſſen, dazu die Hand zu bieten. Ob dieſe Erzählungen allein bewirkt haben würden, was jetzt geſchah, darf man bezweifeln. Aber am Hof des Papſtes gab es Leute, denen der Einfluß des Biſchofs von Porto im Wege war. Sie benützten die Anklagen der Griechen, um den Papſt gegen einen ſeiner erſten Berater einzunehmen. Schließlich lieferte dieſer ſelbſt ihnen die Waffe, mit der ſie ihn ſtürzen konnten.
Jn den Jahren, da Nikolaus die römiſche Kirche regierte, war das fränkiſche Reich von einer ſchleichenden Kriſe bedroht, die jeden Augen - blick offen ausbrechen und den Frieden zerſtören konnte. Es handelte ſich um die Erbſchaft der älteſten Linie des Königshauſes. Lothar I. war im September 855 geſtorben, nachdem er gerade noch Zeit gehabt, ſein Reich unter drei Söhne zu teilen. Der älteſte, Ludwig II., war ſchon75Lothars II. EheſcheidungKönig von Jtalien und Kaiſer der Römer, der jüngſte, Karl, erhielt Burgund und die Provence. Ludwig II. hatte nur eine Tochter, Karl war epileptiſch und verhieß weder Nachkommenſchaft noch langes Leben, iſt auch ſchon nach etwas mehr als ſieben Jahren geſtorben. So ruhte die Zukunft des Geſchlechtes von Anfang an auf dem mittleren, Lo - thar II., der die rheiniſchen Lande zwiſchen Alpen und Nordſee regierte und auch den jüngſten Bruder beerbt hat. Lothar war beim Tode des Vaters noch nicht zwanzig Jahre alt und von den großen Geſchlechtern des Landes abhängig. Von dieſen ließ er ſich ſogleich zur Heirat mit Dietburg beſtimmen, deren einer Bruder, Boſo, in der Provence mächtig war, während der andere, Hubert, als Abt von St. Maurice im Wallis das obere Rhonetal und die Verbindung nach Jtalien beherrſchte. Aber ſchon nach zwei Jahren trennte ſich der junge König von ſeiner Gemahlin und nahm ältere Beziehungen wieder auf. Waldrad, mit der er früher gelebt hatte, gehörte dem Adel an, und wenn ſie dem König nicht, wie man erſt nach Jahren entdeckt haben wollte, ſchon vom Vater als recht - mäßige Gattin angetraut war, ſo war ſie doch mehr als eine gewöhnliche Konkubine. Sie hat ihm mit der Zeit einen Sohn und zwei Töchter geboren, die ſpäter als völlig ebenbürtig gegolten haben. Sein dringender Wunſch war, ſie zur Königin zu machen. Daß er dabei einzig auf die Stimme der Leidenſchaft gehört habe, iſt kaum zu glauben. Vielmehr muß er, gleichviel aus welcher phyſiologiſchen Urſache, daran verzweifelt haben, von Dietburg Nachkommen zu erhalten. Nicht um romantiſche Herzensträume oder Befriedigung ſinnlicher Triebe, mindeſtens nicht darum allein, ſondern vor allem um die Fortpflanzung der älteſten Linie des Königshauſes und die Erhaltung ihres Reiches, ihrer Herrſchaft am Rhein, in Burgund, der Provence und Jtalien handelte es ſich. Wäre es anders geweſen, Lothar hätte in ſeinem Land und bei ſeinem kaiſerlichen Bruder nicht ſo viel Unterſtützung für ſeinen Wunſch und ſo gar keinen Widerſpruch gegen die nichtswürdigen Mittel gefunden, mit denen er ihn zu befriedigen ſuchte.
Einſt hatten Karl der Große und ſein Bruder Karlmann aus eigener Machtvollkommenheit das Band der Ehe gelöſt und eine neue geſchloſ - ſen, und niemand hatte ſie gehindert. Das konnte Lothar ſich nicht er - lauben; die Zeiten hatten ſich geändert, und die Verwandten der Königin waren mächtig. Es bedurfte zwingender Gründe, um Dietburg zu ent - laſſen und die Friedelehe mit Waldrad in eine vollgültige zu verwandeln. 76Lothars II. EheſcheidungEr trat alſo mit Beſchuldigungen gegen ſeine Gemahlin hervor, Be - ſchuldigungen unerhörter Art, die im einzelnen zu wiederholen man ſich ſchämt. Blutſchande ſollte ſie getrieben haben mit dem eigenen Bruder Hubert. Der war ein verrufener Menſch, ein Geiſtlicher, der an Sitten - loſigkeit viele Laien übertraf, aber was ihm da zur Laſt gelegt wurde, iſt nicht nur ſo abſcheulich, es iſt auch ſo unſinnig, daß man nicht zu zweifeln braucht: die Beſchuldigung war erlogen. Sie wurde aber nicht etwa entrüſtet zurückgewieſen; nur daß ſie in förmlichem Gerichtsverfahren erhärtet würde, verlangten die Vornehmen des Reichs. Noch war da - mals die Gerichtsbarkeit in Eheſachen nicht der Kirche vorbehalten, darum brachte Lothar ſeine Klage vor das Hofgericht, das ein Gottes - urteil anordnete. Da geſchah das Unerwartete: Dietburgs Vertreter beſtand die Waſſerprobe, die Beklagte hatte den Prozeß gewonnen, und Lothar mußte ſich fügen. Er tat es nicht für lange. Was auf dem geraden Weg durch das weltliche Gericht mißlungen war, konnte auf dem Um - weg durch die Kirche erreicht werden. Da waren die Biſchöfe Richter, und mit denen ließ ſich reden, waren ſie doch alle vom Landesherrn mehr oder weniger abhängig. Der vornehmſte von ihnen, Erzbiſchof Günther von Köln, königlicher Erzkaplan, war ruchlos genug, ſich zur Ver - fügung zu ſtellen und den unbedeutenden Dietgaud von Trier nach ſich zu ziehen. Jm Januar 860 offenbarte der König einigen Biſchöfen, was er über ſeine Gemahlin erfahren haben wollte, ſie ſelbſt wurde gezwungen zu geſtehen, und Günther beſtätigte, ſie habe ihm in der Beichte ihre Schuld bekannt. Eiligſt wurde eine Synode berufen, Mitte Februar trat ſie in Aachen zuſammen. Sie war ſpärlich beſucht, außer dem Köl - ner und Trierer hatten ſich nur fünf Biſchöfe eingefunden, davon zwei Gäſte aus Weſtfranken und einer aus Burgund. Die Königin wurde verhört und legte ein Geſtändnis ab, das natürlich ebenſo unwahr wie erzwungen war. Sie hat es bald widerrufen, aber zunächſt galt ſie als ſchuldig und wurde zur Trennung vom Gemahl, enger Kloſterhaft und ſtrenger Buße verurteilt.
Dem König konnte das nicht genügen, er brauchte die Scheidung, ſeine Ehe mußte null und nichtig ſein, damit Waldrad Königin werde. Da ſtieß er auf ein Hindernis. Zu den Biſchöfen ſeines Reichs gehörte als Metropolit und mit einem Zipfel ſeines eigenen Bistums Hinkmar von Reims. An der Aachener Synode hatte er nicht teilgenommen, und gegen ihren Beſchluß erhob er ſeine Stimme. Jn zwei Gutachten, die er77Lothars II. Eheſcheidungauf Verlangen einiger Lothariſcher Biſchöfe abgab — die Meinungen waren offenbar geteilt — vertrat er den Standpunkt, es handle ſich um eine Angelegenheit des Geſamtreichs, darum könne, nachdem die Sache einmal vor kirchliches Gericht gebracht worden, nur eine Reichsſynode das Urteil fällen. Hinkmars Wort hatte großes Gewicht, und man wußte, daß hinter ihm König Karl der Kahle ſtand. Für dieſen handelte es ſich um die Ausſicht auf eine fette Erbſchaft, da bei Fortdauer von Lothars kinderloſer Ehe deſſen Reich früher oder ſpäter zur Verteilung kommen mußte. Es galt alſo, zu verhindern, daß Waldrad Königin werde und ihr Sohn rechtmäßiger Erbe des väterlichen Reiches ſei. Die gleiche Berechnung konnte auch Ludwig der Deutſche anſtellen, doch war bei ihm die Luſt zu erben nicht ſo ſtark, auch wirkten verwandtſchaft - liche Bande zwiſchen ſeinem Hof und dem Lothars — ſein Kanzler war ein Bruder des Trierer Erzbiſchofs — zugunſten ſeines Neffen. Mit um ſo größerem Eifer ergriff Karl die Partei Dietburgs. Als es ihr gelang, aus der Haft zu entkommen, bot er ihr Zuflucht, auch ihren Bruder Hubert, der aus ſeinem Beſitz vertrieben war, nahm er auf und entſchädigte ihn für den Verluſt von St. Maurice durch die vornehmſte Abtei ſeines Reiches, St. Martin in Tours. Kam das von Hinkmar geforderte Reichskonzil unter ſolchen Verhältniſſen zuſtande, ſo konnte man ſicher ſein, daß die Biſchöfe aus Karls Reichsteil den Beſchluß, den Lothar brauchte, verhindern würden. Dazu trat die Nachricht, daß Dietburg und in ihrem Namen Hubert das Urteil des Papſtes ange - rufen hatten.
Lothar und ſeine Ratgeber beſchloſſen zuvorzukommen. Ein Oheim des Königs und ein Graf wurden mit zwei Biſchöfen nach Rom geſchickt, Briefe vom König und den Landesbiſchöfen eilten ihnen voraus. Jn unterwürfigem Ton verſicherte Lothar dem Papſt ſeine Ergebenheit, bedauerte, nicht ſelbſt kommen zu können, und ſtellte ſich zum Schutze Roms gegen die Araber zur Verfügung. Verleumdungen möge man nicht glauben. Ebenſo die Biſchöfe; ſie beteuerten, noch nichts End - gültiges beſchloſſen zu haben, und erbaten den Rat des Papſtes. Am Hofe Lothars rechnete man auf Unterſtützung durch den Kaiſer, auf den der Papſt Rückſicht zu nehmen hatte. Seine Verwendung kann auch nicht ohne Erfolg geweſen ſein: nach Rückkehr der Geſandtſchaft beſchloß eine Synode zu Aachen Ende April 862, die Ehe des Königs mit Diet - burg ſei nichtig und eine andere Heirat zuläſſig. Aber dieſer Beſchluß78Lothars II. Eheſcheidung. Nikolaus greift einbot keine feſte Grundlage, er war in einer Verſammlung von nur acht Biſchöfen und von dieſen nicht einmal einſtimmig gefaßt. Mehr noch als vorher bedurfte man der Deckung durch das päpſtliche Anſehen. Wieder ging alſo eine Geſandtſchaft nach Rom, diesmal zugleich im Namen Ludwigs des Deutſchen, den Lothar durch die Ausſicht auf Ab - tretung des Elſaß gewonnen hatte. Durch die Ränke Karls bedroht, der ihre Untertanen aufwiegele, baten die beiden Könige um nichts Geringeres als um perſönliches Erſcheinen des Papſtes nach dem Bei - ſpiel ſeiner Vorgänger, die dadurch viel Unheil abgewandt hätten. Jn einer Nachſchrift entſchuldigten ſich die Biſchöfe, daß ſie wegen der Eile kein eigenes Schreiben abſandten. Die Gefahr, daß der Papſt durch die Gegenſeite ſich gewinnen laſſe, ſchien ihnen dringend.
Der Bericht der Geſandten muß zu dem Glauben geführt haben, wenn man eine vollendete Tatſache ſchaffe, ſo werde man den Papſt, ſchon um des Kaiſers willen, nicht auf der Gegenſeite finden. So wagte Lothar den entſcheidenden Schritt: am Weihnachtstag 862 ließ er Waldrad als rechtmäßige Königin krönen. Die Handlung vollzog ein Biſchof aus dem italiſchen Reich, Hagen von Bergamo, offenbar der Verbindungsmann zwiſchen Lothar und ſeinem kaiſerlichen Bruder. Aber auch Karl der Kahle rechnete auf die Hilfe des Papſtes, als er — nachdem die Vermittlung Ludwigs des Deutſchen geſcheitert war — offen gegen Lothar Stellung nahm, ihm die kirchliche Gemeinſchaft ver - ſagte und ſogar ſein Königtum anzweifelte. Man konnte voraus - ſehen, daß er nur auf den Spruch des Papſtes wartete, um unter kirch - lichem Vorwand den Neffen ſeines Reiches zu berauben.
Nikolaus hatte ſich bis dahin jeder Einmiſchung enthalten, Diet - burgs wiederholte Hilferufe überhört und ſich damit ſchon Vorwürfe zugezogen. Als nun aber von der einen Seite Karl der Kahle ſich der Bedrängten annahm, von der andern Lothar ſelbſt und ſeine Biſchöfe, unterſtützt von Ludwig dem Deutſchen, ſein perſönliches Einſchreiten verlangten, gab er ſeine Zurückhaltung auf. Selbſt über die Alpen zu ziehen, gedachte er allerdings nicht, aber er ſandte zwei Vertreter ab, die er als ſeine „ vertrauten Ratgeber “empfahl, Radwald von Porto und einen Biſchof aus der Romagna. Am 23. November 862 erhielten ſie Beglaubigung und Auftrag. Sie ſollten in Metz die Biſchöfe aus Lothars Reich mit je zwei Vertretern aus Oſt - und Weſtfranken und der Provence verſammeln und mit ihnen feſtſtellen, ob Lothar wirklich, wie79Synode in Metz 863er behauptete, ſchon von ſeinem Vater mit Waldrad rechtsgültig ver - mählt worden und die zweite Ehe mit Dietburg nur gezwungen ein - gegangen ſei. Jn dieſem Fall ſei er zu rügen und das Urteil dem Rechte gemäß zu fällen, das heißt die Ehe Dietburgs für nichtig zu erklären. Erweiſe ſich dagegen Lothars Darſtellung als falſch, ſo ſei er zu veran - laſſen, daß er Dietburg in ihre Rechte wieder einſetze. Wenn ſie ſodann dabei bleibe, daß ihr Geſtändnis erzwungen und falſch und die Richter ihr feind geweſen ſeien, ſo ſolle der Prozeß nach Recht und Billigkeit wiederholt werden.
Die Weiſung war von ſtrengſter Unparteilichkeit; Sache der Legaten war es, ſie auszuführen. Während dieſe, begleitet von Geſandten des Kaiſers, ins Fränkiſche zogen und hier das Zuſammentreten der Synode erwarteten — es verzögerte ſich, weil Lothar durch den Tod ſeines Bru - ders in die Provence abgerufen war — ſchlug in Rom das Wetter um. Erſt nachträglich erfuhr der Papſt, daß Lothar ſeinem Urteil durch die Krönung Waldrads zuvorgekommen war. Daß ihn das aufbrachte, iſt begreiflich. Dazu erſchien jetzt — es war gegen Ende April 863 — ein Vertreter der weſtfränkiſchen Biſchöfe, die ſich offen über ſeine Lauheit beſchwerten und neue Klagen gegen Lothar vorbrachten. Jn ſeiner Ant - wort zog Nikolaus zum erſtenmal ſtrenge Saiten gegen Lothar auf, ſprach von ihm, als wäre ſeine Schuld erwieſen, und nannte ſeine Hand - lungsweiſe verbrecheriſch. Jm übrigen verwies er auf die angeordnete Reichsſynode zu Metz, die nach dem Recht der Kirche richten werde. Seinen Legaten gab er keine neue Weiſung, ſchärfte ihnen nur die frühere ein. Sie behielten alſo nach wie vor freie Hand in der Aus - führung.
Jhr Verfahren gleicht dem, das Radwald ſeinerzeit in Konſtantinopel ſich erlaubt hatte. Abweichend von ihrem Auftrag, eröffneten ſie am 15. Juni 863 die Synode in Metz in Gegenwart des Königs lediglich mit deſſen Biſchöfen. Von auswärts war nur der Biſchof von Bergamo, offenbar im Auftrag des Kaiſers erſchienen, andere waren nicht geladen. Das war nicht das Konzil des Geſamtreichs, das Nikolaus angeordnet hatte, und es war das Gegenteil eines unparteiiſchen Gerichts. Daß die Verſammelten gegen ihren König urteilen würden, war nicht zu er - warten, zumal da an ihrer Spitze die Erzbiſchöfe von Trier und Köln ſtanden, die damit ſich ſelbſt verurteilt haben würden. Es war alſo von vornherein alles darauf angelegt, daß Lothar recht behalten ſollte, und80Synode in Metz 863ſo geſchah es. Durch Zeugenausſagen wurde feſtgeſtellt, er ſei mit Waldrad rechtskräftig vermählt geweſen, ehe er Dietburg heiratete, und dieſe habe ungezwungen und freiwillig ihre Schuld geſtanden. Daraufhin wurde ihre Ehe einſtimmig für nichtig erklärt.
Was hat die Legaten zu dieſem Verfahren bewogen, das mit einem wirklichen Gericht nicht einmal die Formen gemein hatte? Denn zu allem andern war Dietburg nicht erſchienen und nicht gehört worden. Die Gegner ſind ſogleich mit dem Vorwurf der Beſtechung bei der Hand geweſen; aber das reicht zur Erklärung nicht aus. Jn Wahrheit werden ſie den Fall als politiſchen angeſehen und behandelt haben, was er ja auch war, und da ſie ſelbſt zur kaiſerlichen Partei gehörten und es für ſie das gegebene war, daß der Papſt kaiſerliche Politik mache, ſo trafen ſie eine Entſcheidung, die des Kaiſers Beifall finden mußte. Das Gegen - teil, eine Synode, auf der die weſtfränkiſchen Biſchöfe mitredeten, hätte unabſehbare Verwicklungen heraufbeſchworen, darum war es beſſer, den Fall in einem Scheinverfahren zu erſticken. Dem Papſt erſparte man damit eine mindeſtens unbequeme Lage. War es denn nicht genug an der Ehre, daß er zum erſtenmal, ſeit es eine Kirche gab, über einen König hatte richten laſſen und — auch das war noch nicht vorgekommen — fränkiſche Biſchöfe zu einer Synode hatte befehlen dürfen? Das letzte Wort blieb ihm immer noch vorbehalten, denn die Synode beſchloß, obwohl Nikolaus das nicht gefordert hatte, für ihr Urteil ſeine Beſtä - tigung einzuholen. Zu dieſem Zweck ließen die Legaten auf ihrer Rück - reiſe nach Rom ſich von den Erzbiſchöfen von Köln und Trier begleiten. Sie wußten nichts von dem Umſchwung, der ſoeben am päpſtlichen Hof eingetreten war, dem ſie ſelbſt zum Opfer gefallen waren. Den Ver - lauf kann man nur vermuten. Radwalds lange Abweſenheit hatte ſeinen Gegnern wohl die Möglichkeit geboten, ſeine Stellung zu untergraben. Die Nachrichten über die erneute Eigenmächtigkeit, die er ſoeben ſich erlaubt hatte, mögen dazu beigetragen, ein Geſandter Karls des Kahlen Öl ins Feuer gegoſſen haben — Nikolaus wurde bewogen, Radwald zu opfern und ſeiner Politik eine vollſtändige Wendung zu geben.
Um dies nach außen zu rechtfertigen, bedurfte es ſtarker Mittel. Nikolaus griff alſo auf die Vorgänge in Konſtantinopel zurück und er - öffnete gegen ſeine eigenen Legaten ein Strafverfahren wegen Unge - horſams und Untreue. Den Stoff zur Anklage lieferten die Erzählungen der griechiſchen Flüchtlinge: Radwald und ſein Genoſſe ſollten beſtochen81Bruch mit Konſtantinopelworden ſein und Photios als Patriarchen anerkannt haben. Beides war falſch, aber es diente dem Zweck und wurde für Tatſache ausgegeben. Radwald ſelbſt war noch nicht erreichbar, aber ſein damaliger Genoſſe, Zacharias von Anagni, wurde — im Hochſommer 863 — vor eine Synode geſtellt, zum Geſtändnis gezwungen, abgeſetzt und ausgeſchloſſen. Dann ging es gegen Photios. Unter Aufzählung ſeiner Miſſetaten wurde er der angemaßten Biſchofswürde entkleidet und, falls er nach Empfang dieſes Spruches ſein Amt auszuüben fortführe, mit Ausſchluß und Fluch be - droht. Sein Schickſal teilten Gregor von Syrakus, der ihn geweiht, und alle Biſchöfe, die von ihm die Weihe empfangen hatten. Jgnatios da - gegen wurde kraft der Vollmacht, die dem heiligen Petrus durch Gottes Wort verliehen, von allen Strafen befreit und in ſeine Würde wieder eingeſetzt, desgleichen alle Biſchöfe und Geiſtlichen, die als ſeine An - hänger abgeſetzt und verbannt waren.
Der Bruch mit Konſtantinopel war vollzogen. Jm März hatte Nikolaus dieſen äußerſten Schritt nicht getan, inzwiſchen aber war nichts vorgefallen, was ihn notwendig gemacht hätte. Es fällt auch auf, wie milde der verurteilte Zacharias von Anagni behandelt worden iſt: er erhielt Verwaltung und Einkünfte des angeſehenen Kloſters Sankt Gregor, ſein Bistum blieb unbeſetzt, er hat es ſpäter wieder eingenom - men. Die Strenge des Rechtsverfahrens war alſo Schein, ſie ſollte einen politiſchen Entſchluß decken: der Papſt hatte ſich von ſeinem hauptſächlichſten Berater losgeſagt und deſſen Politik verlaſſen. Um dieſe Wendung zu erklären, mußte das Verſchulden ſo ſchwer wie möglich dargeſtellt werden, eine Eigenmächtigkeit, die ſich rechtfertigen ließ, wurde zum Verbrechen des Ungehorſams und der Beſtechlichkeit geſtempelt. Radwald hat ſich dem Gericht, das auf ihn wartete, nicht geſtellt, iſt ſpäter in Abweſenheit verurteilt worden und nicht mehr her - vorgetreten. Sein Sturz war gelungen. Das traf die ganze Partei, die zum Kaiſer hielt. Statt ihrer führten jetzt andere Männer das Wort im Rate des Papſtes und gaben ſeiner Politik eine andere Richtung. Nikolaus I., das Geſchöpf des Kaiſers, wagte es, Wege einzuſchlagen, die denen des Kaiſers zuwiderliefen.
Das bekamen alsbald die beiden Erzbiſchöfe, Günther von Köln und Dietgaud von Trier, zu fühlen, als ſie, offenbar noch in Unkenntnis der eingetretenen Wendung, in Rom eintrafen, um ſich die Beſtätigung der Metzer Synode zu holen. Nikolaus ließ ſie erſt drei Wochen warten,Haller, Das Papſttum II1 682Abſetzung der Erzbiſchöfe von Köln und Trierdann wurden ſie eines Tages — es war um den 1. November 863 — vor die Synode geladen, um aus ſeinem Munde ihr Urteil zu er - fahren: ſie waren abgeſetzt. Sie verließen Rom und wandten ſich dort - hin, von wo ſie Hilfe erwarten konnten, und wohin Radwald ihnen vor - ausgegangen war, zu Kaiſer Ludwig. Nikolaus aber erließ in ſtolzer Sprache ein Rundſchreiben an die Biſchöfe aller fränkiſchen Reiche und Jtaliens, teilte ihnen die Abſetzung Günthers und Dietgauds mit, weil ſie erwieſenermaßen Lothar bei ſeinem ſündigen Gehaben Vorſchub geleiſtet hätten, und machte die Beſchlüſſe der römiſchen Synode be - kannt. Sie beſagten: die Metzer Synode iſt ungültig und der Räuber - ſynode von Epheſus gleichzuachten. Die beiden Erzbiſchöfe ſind ab - geſetzt und verlieren die Ausſicht, wieder eingeſetzt zu werden, wenn ſie ſich nicht unterwerfen. Jhre Mitſchuldigen verfallen derſelben Strafe. Den Schluß macht der Satz: „ Verflucht iſt, wer Lehren, Befehle, Verbote, Anordnungen oder Beſchlüſſe des apoſtoliſchen Stuhles in Sachen des Glaubens, der Kirchenordnung, der Zucht der Gläubigen, der Beſtrafung von Verbrechern oder Verhütung gegenwärtigen und künftigen Unheils mißachtet. “ An Lothar erging ein ſtrafendes Schreiben mit dem Verbot, in Köln und Trier eine Neubeſetzung ohne Wiſſen des Papſtes vorzunehmen.
Jndem Nikolaus in dieſer Weiſe gegen Lothar und ſeine knechtiſchen Biſchöfe einſchritt, trat er auf die Seite, wo Recht und Wahrheit waren. Die Art, wie der König von ſeiner Gemahlin ſich zu befreien gewußt hatte, war empörend, und der Mißbrauch, der dabei mit den Formen des Rechts getrieben wurde, war es nicht weniger. Für Biſchöfe wie Günther von Köln, denen das Beichtgeheimnis nicht zu heilig war, um die ſchimpflichſte Lüge darauf zu gründen, die das Gericht der Kirche zum dienſtwilligen Werkzeug fürſtlicher Wünſche herabwürdigten und in der Maske des Richters ſchamloſem Betrug zum Siege verhalfen, für ſolche Biſchöfe konnte die bloße Abſetzung als gelinde Strafe er - ſcheinen. Nikolaus war ſehr nachſichtig, als er ihnen ſogar die Rückkehr ins Amt offenhielt. Aber es fragt ſich, ob Recht und Wahrheit allein ihn veranlaßt haben würden, ſo zu reden und zu handeln. Warum hat er nicht früher geſprochen und gehandelt? Sein Schweigen hatte gute Gründe gehabt; er durfte nicht vergeſſen, daß die Ehe Lothars eine hoch - politiſche Angelegenheit war, die Gefahren in ſich barg und mit Vor - ſicht behandelt ſein wollte. Darin muß man ihm beipflichten, aber man83Wendung zu Karl dem Kahlen. Nikolaus I. und Anaſtaſiusdarf ihn auch nicht preiſen als uneigennützigen Wahrer des Rechts. Denn auch jetzt war ſein Verhalten Politik. Wenn er für Dietburg eintrat, ſo begünſtigte er offenbar die Pläne Karls des Kahlen auf die Erbſchaft des Neffen, ja noch mehr, er zeigte Karl die Möglichkeit, unter Umſtänden ſchon bei Lothars Lebzeiten die Hand auf ſein Reich zu legen. Jn einer der päpſtlichen Erklärungen wurde Lothar nur noch mit Vorbehalt der Königstitel gegeben — „ König, wenn ſo jemand noch König zu heißen verdient “— und die Zeitgenoſſen werden gewußt haben, welche Schlüſſe daraus zu ziehen ſeien. Wenn Lothar ſich nicht fügte, konnte man im Namen der Kirche ſeine Untertanen zum Abfall bringen und ihn vertreiben. Die ſpäteren Ereigniſſe machen es kaum zweifelhaft, daß darauf in der Tat die Berechnungen Karls und ſeiner Leute zielten. Solchen Abſichten leiſtete Nikolaus Vorſchub, und er wird gewußt haben, was er tat. Unter den eiferſüchtig einander beobachtenden Linien des Königshauſes hatte er bisher zur älteſten gehalten, nun ging er zur jüngſten über; in die Sprache ſpäterer Zeiten überſetzt: aus einem kaiſer - lichen Papſt wurde er ein franzöſiſcher Papſt.
Daß Leute, denen die Unabhängigkeit Roms am Herzen lag, Laien ſo gut wie Geiſtliche, die Zwiſtigkeiten der Könige benutzten, um beim entfernteren Anlehnung gegen den benachbarten zu ſuchen, bedarf keiner Erklärung. Jnſofern war die Wendung von Ludwig II. zu Karl dem Kahlen nur eine abgeſchwächte Wiederholung deſſen, was frühere Päpſte getan hatten, als ſie gegen den König der Langobarden den Fran - ken herbeiriefen. Aber der Vorgang bedeutet mehr durch die Perſönlich - keit deſſen, der beim Sturz der Kaiſertreuen die einflußreichſte Stelle errang. Bei der Abſetzung der Lothariſchen Erzbiſchöfe hatte Anaſtaſius, neben dem Thron des Papſtes ſtehend, dieſem das Blatt gereicht, von dem Nikolaus das Urteil ablas. Eine Szene von ſinnbildlicher Bedeu - tung: Nikolaus ſpricht aus, was Anaſtaſius erſonnen hat. Schon die erſten Schreiben an die Griechen hatte er verfaßt, von jetzt an ſind alle wichtigen Äußerungen des Papſtes aus ſeiner Feder gefloſſen. Sein Verdienſt ſind die Gelehrſamkeit und üppige Beredſamkeit, mit denen die Briefe Nikolaus I., nicht ſelten zu kleinen Büchern anſchwellend, auf Zeit und Nachwelt ſo ſtarken Eindruck gemacht haben. Und mehr als das. Wenn in dieſen Schriftſtücken ein Selbſtbewußtſein, ein Stolz zum Ausdruck kommen, die alles Frühere hinter ſich laſſen, wenn An - ſprüche von einer Kühnheit erhoben werden, wie man ſie noch nicht ge -84Nikolaus I. und Anaſtaſius über das Papſttumkannt hatte, ſo hat auch daran Anaſtaſius ſeinen Anteil. Es kann kein Zufall ſein, daß in den Äußerungen des Papſtes dieſe Tonart herrſcht — zum erſtenmal geſchah es in der Antwort an die Griechen vom 25. März 862 — ſeit Anaſtaſius ihm zur Seite getreten iſt. Er hat ihm nicht nur ſeine Feder und ſeine Kenntniſſe, er hat ihm auch ſeine Gedanken ge - liehen. Wie er ſelbſt über Stellung und Rechte des Papſtes dachte, hat er in der Widmung einer ſeiner Schriften an Nikolaus mit gehäuften Worten zu erkennen gegeben. „ Schlüſſelwart des Himmels, Wagen - lenker des geiſtlichen Jſrael, Allbiſchof, einziger Vater, Allrichter, der du die Schlüſſel der Erkenntnis empfangen haſt und im Schrein deines Buſens die Geſetzestafeln des Bundes und das himmliſch ſüße Manna bewahrſt “, ſo ſpricht er von ſeinem Herrn. „ Was du bindeſt, löſt nie - mand, niemand bindet, was du löſeſt; du öffneſt, und niemand ſchließt, du ſchließeſt, und niemand öffnet, denn du führſt auf Erden die Ver - tretung Gottes. “ Wer den Papſt ſo anredete, muß gewußt haben, daß ſolche Sprache angebracht war. Auch andere Zeitgenoſſen haben ähn - lich geſchrieben, wenn ſie Nikolaus zu gewinnen ſuchten. Es war offen - bar das, was er hören wollte. Eben dadurch mag Anaſtaſius den bevor - zugten Platz an ſeiner Seite erobert haben, daß er ihm zeigte, was ein Papſt ſei und dürfe, und ſich ihm dafür als Werkzeug darbot. Seitdem hört man aus den Äußerungen Nikolaus 'I., ſooft ſich Gelegenheit bietet, ſtets die gleiche ſtolze Sprache; aus ſeinem Munde ſchallt die Stimme des Anaſtaſius.
Was immer frühere Päpſte von der Würde und den Vorrechten ihres Amtes ausgeſagt hatten, kehrt bei Nikolaus in häufiger Wiederholung wieder. Rom iſt Haupt, Mutter, Urſprung und Lehrmeiſterin der Kirchen. Seinen Vorrang hat es von Gott ſelbſt durch Chriſti Wort empfangen, der die göttliche Macht des biſchöflichen Amtes auf Petrus und die Feſtigkeit ſeines Glaubens gründete. Darum liegt auf dem Biſchof von Rom die Fürſorge für die ganze Kirche und alle Einzelnen. Darum iſt es ſeine Hirtenpflicht, die Kirche makellos zu erhalten, die Laſten aller zu tragen, den Bedrängten zu helfen, Geſtürzte aufzurichten, Gefeſſelte zu befreien, Zuflucht aller zu ſein wie ein Eckſtein, an dem die ſchwellenden Fluten der Feinde ſich brechen. An den Überlieferungen der Väter hält er immerdar feſt, zeigt den andern die Richtſchnur des Glau - bens und führt die Jrrenden auf den rechten Weg. Als das große Licht am Himmel ſeiner Kirche hat der Gottesſohn ihn geſetzt; wer ihm nicht85Nikolaus I. und Anaſtaſius über das Papſttumfolgt, dem iſt die Sonne ſchon am Mittag untergegangen, mit offenen Augen ſieht er nicht den rechten Weg und ſtürzt geblendet in den Ab - grund. Sein Urteil gilt für alle: wen er verdammt, der iſt verdammt, wen er freiſpricht, der iſt frei, in allen Streitfragen haben ſeine Ent - ſcheidungen geſiegt und Geltung erlangt. Er richtet über Biſchöfe, Erz - biſchöfe und ſogar über Patriarchen, ja über die ganze Kirche. Aus aller Welt kann er jeden vor ſeinen Stuhl laden, ſeine Urteile ſind unwider - ſprechlich und unumſtößlich, wenn er ſelbſt ſie nicht abändert, denn es gibt keine Autorität, die höher wäre als die ſeine. Durch fremde Rechte iſt er nicht gebunden, Roms Vorrechte gehen jedem andern Rechte vor, unvergänglich, weil von Gott ſelbſt verliehen, das Heil der Kirche und ihre Wehr gegen alles Böſe.
Neu iſt die Vorſtellung, die ſich in dieſen Sätzen ausſpricht, im Grunde nicht. Schon die Päpſte des fünften Jahrhunderts, Jnnozenz, Boni - fatius und Coeleſtin, vollends Leo und Gelaſius hatten ähnlich geſprochen, auf ſie beruft ſich Nikolaus, ihre Worte eignet er ſich an. Neu iſt bei ihm die fühlbare Steigerung im Ausdruck, neu die Zuſammenfaſſung der zerſtreuten Ausſprüche: was früher einzelne Töne geweſen waren, erklingt hier zu mächtigem Akkord vereinigt, wie wenn alle Regiſter gezogen ſind.
Jn der häufigen Berufung auf die Vorgänger verrät ſich der gelehrte Kenner des kirchlichen Altertums, der Anaſtaſius war. Seine Vor - ſtellung vom Papſt, wie er ſein ſoll, hat er aus der Geſchichte geſchöpft. Freilich nicht aus der wirklichen Geſchichte. Von den Päpſten der Vor - zeit kannte er nur die Worte, in denen ſie von ſich und ihren Rechten geſprochen hatten. Daß dieſe Worte niemals mehr geweſen waren als Anſprüche, mit denen die Wirklichkeit ſich nicht deckte, wußte er nicht, wollte er nicht wiſſen. Die Auferſtehung literariſcher Bildung, deren beſter Vertreter Anaſtaſius war, von der Kirche und zu kirchlichen Zwecken hervorgerufen, hatte einen Römerſtolz geweckt, der ſich an dem Bilde ehemaliger Größe des geiſtlichen Rom nährte, einem Bilde, das mehr den Wünſchen der Beſchauer als den Tatſachen entſprach, My - thus, nicht Geſchichte. Jn den Staatsſchriften, die Anaſtaſius für Niko - laus verfaßte, ſehen wir es vor uns, dieſes Trugbild hiſtoriſcher Romantik, in dem das Papſttum erſcheint, wie es geweſen ſein ſollte und doch nie geweſen war. Das ideale Papſttum der Vergangenheit, in Nikolaus I. ſollte es als Wirklichkeit wiedererſtehen. Darin liegt ſeine Bedeutung86Glaube der Zeitgenoſſenin der Geſchichte, daß er in dieſem Sinn nicht nur geſprochen und ge - ſchrieben — das hatten andere vor ihm getan — daß er danach gehandelt hat. Er hat Ernſt gemacht mit der Vorſtellung, daß der römiſche Biſchof unmittelbarer Vorgeſetzter aller Biſchöfe und Chriſten, Richter über alle und in allen Fällen ſei, an kein Recht gebunden, unumſchränkter Herr und Herrſcher der ganzen Kirche und aller Gläubigen. Mit lapi - darer Kürze tritt der Anſpruch auf in dem vorhin erwähnten Beſchluß der römiſchen Synode von der unbedingten Verbindlichkeit aller Ver - fügungen des römiſchen Stuhles für jedermann, handle es ſich um Glaubenslehre oder Sittenzucht. Die Sätze brauchen nur wenig in der Faſſung geändert zu werden, um ſich mit dem Vatikaniſchen Dogma von der Jrrtumsloſigkeit des Papſtes und Unumſchränktheit ſeiner Re - gierung zu decken. Um dieſes Dogma zu verkünden, berief Pius IX. ein Konzil aus der ganzen Welt, für Nikolaus I. genügte dazu die Synode des römiſchen Sprengels.
Jhm kamen die Vorſtellungen, der Glaube ſeiner Zeit ein gut Stück Weges entgegen. Nach wie vor ſtand in der Sprache der Gläubigen der Apoſtelfürſt unmittelbar neben Gott. Ein ſchuldbewußter Biſchof ſucht die Gnade des Papſtes, indem er ſchreibt: „ Dem allmächtigen Gott und Sankt Peter und der unvergleichlichen Milde Eurer Hoheit empfehle ich meine Wenigkeit, der Jhr Gottes Vertretung führt und auf dem ehrwürdigſten Stuhl des höchſten Fürſten als wahrer Apoſtel ſitzt ... Eurem Befehl will ich in allen Stücken gehorchen wie Gott, an deſſen Statt und in deſſen Namen Jhr alles verrichtet. “ Wo das Chriſtentum neuen Eingang fand, hielt auch Petrus ſeinen Einzug, in ſeinem und ſeines Stellvertreters Namen wurde es den nordiſchen Völ - kern gepredigt. Gott und Sankt Peter gelobt ſich ein König von Däne - mark, da er die Abſicht hat, Chriſt zu werden. Welche übernatürliche Macht man dem irdiſchen Stellvertreter des himmliſchen Torwarts zu - ſchrieb, hat uns ſchon der Aufruf Leos IV. an das Heer der Franken gezeigt: geradezu das Himmelreich durfte er jedem verſprechen, der im Kampf gegen die Ungläubigen fallen würde. Mit berechtigtem Stolz, wenn auch mit gewohnter redneriſcher Übertreibung, konnte Nikolaus dem griechiſchen Kaiſer vorhalten, wie viele Tauſende aus allen Teilen der Welt täglich herbeieilten, um ſich dem Schutz und der Fürbitte Sankt Peters zu empfehlen und bis zum Lebensende an ſeiner Schwelle zu ver - weilen. Dorthin wandte man ſich in Fällen, für die der eigene Biſchof87Päpſtliche Eingriffe in die örtliche Kirchenverwaltungkeinen Rat wußte, in Rom gab es Gnade und Verſöhnung für alle, auch für einen, der ſeine drei Söhne, für einen andern, der einen Mönch und Geiſtlichen erſchlagen hatte, und ſogar für einen Muttermörder. Jn Rom war die Buße unter Umſtänden billiger. Einem Brudermörder, der zum Verluſt ſeines Eigentums und Trennung ſeiner Ehe verurteilt war, gewährte Nikolaus, „ weil er vorziehe, ſeine Schuld aus dem Trä - nenquell abzuwaſchen “, die Rückgabe von Weib und Gut, damit ihn die Armut nicht zu Schlimmerem treibe. Wenn unter Nikolaus die urkundlichen Zeugniſſe für den Anteil des Papſtes an der Verwaltung auswärtiger Kirchen häufiger werden, ſo kann das nicht Zufall der Über - lieferung ſein, von der Macht, die man ihm zuſchrieb, hat er ſtärkeren Gebrauch gemacht als ſeine Vorgänger. Man verlangte danach, man bediente ſich ſeiner, ja man fälſchte auf ſeinen Namen. Es war keine Redensart, wenn er wiederholt hat, den Geſandten, die man ihm ſchickte, Zeit zu laſſen, da er von allen Seiten überlaufen werde.
Seine Eingriffe gehen auch in der Sache tiefer, als man es bisher gewohnt war. Über die herkömmliche Beſtätigung von Privilegien, Ver - leihung des Palliums, Errichtung von Bistümern, Erſetzung unfähiger Biſchöfe und Erteilung von Rechtsbelehrungen — dieſe ſind beſonders häufig und umfaſſend — geht es ſchon hinaus, wenn dem neuen Erz - biſchof von Sens das erbetene Pallium nicht verweigert, aber die Wahl des Mönchs gerügt wird: ſie ſei nicht geſtattet und dürfe ſich nicht wie - derholen. Jn die Amtsbefugnis des Erzbiſchofs von Salzburg greift Nikolaus ein mit der Weiſung, den Biſchof von Säben wegen an - ſtößiger Lebensführung zur Verantwortung zu ziehen. Jn einem Prozeß zwiſchen dem Biſchof von Le Mans und den Mönchen von St. Calais behält er ſich die letzte Entſcheidung vor, gibt aber zugleich dem Biſchof im voraus recht. Wiederholt kommt es vor, daß die Wiedereinſetzung eines abgeſetzten Prieſters kurzweg befohlen, einmal, daß die Befreiung eines zwangsweiſe ins Kloſter Geſteckten angeordnet wird. Die Grenzen des rein kirchlichen Gebiets ſind mindeſtens geſtreift, wenn dem Grafen der Auvergne die ſofortige Wiedereinſetzung eines vertriebenen Biſchofs in ſchärfſtem Ton befohlen oder Kaiſer Ludwig II. auf Befragen ver - ſichert wird, es ſei keine Sünde, mit Ungläubigen Verträge zu ſchließen. Überſchritten iſt ſie durch die Mahnung an Adel und Volk von Aqui - tanien, Kirchengüter, die der König zu Lehen gegeben hat, bei Gefahr des Ausſchluſſes zurückzugeben. Was das bedeutet, verſteht man, wenn88Umſturz der Kirchenverfaſſung gemäß Pſeudoiſidorman weiß, daß Belehnung mit Kirchengut auf königlichen Befehl ſeit mehr als hundert Jahren zum Gewohnheitsrecht des fränkiſchen Reichs gehörte und eine weſentliche Grundlage ſeiner Kriegsrüſtung bildete. Ein Fall, für den es keinen Vorgang gab, wiewohl Nikolaus ſich auf das Herkommen berief, war es, daß er König Karl den Kahlen aufforderte, eine Überſetzung aus dem Griechiſchen, die ein königlicher Hofgelehrter verfaßt hatte, zur Beurteilung ihm vorzulegen.
Doch das alles kann ſich nicht vergleichen mit der Tat, durch die Nikolaus im November 863 die Welt in Erſtaunen ſetzte. Das Straf - gericht über die beiden Erzbiſchöfe hatte in der Kirchengeſchichte des Abendlands keinen Vorgang, und die Art, wie es abgehalten wurde, war unerhört. Allem Herkommen widerſprach es, daß fränkiſche Prä - laten von einer römiſchen Synode gerichtet wurden; daß ſie es unge - hört und unverteidigt wurden, war ein Bruch der Rechtsordnung, zumal ſie ſich darauf berufen durften, daß ſie unter Führung päpſtlicher Legaten, alſo unter der Autorität der römiſchen Kirche gehandelt hatten. Da hat Nikolaus deutlicher als ſonſt irgendwo bewieſen, daß er als unum - ſchränkter Herrſcher ſich an kein fremdes Recht gebunden erachtete. Das Recht aber, über das er ſich ſo rückſichtslos hinwegſetzte, war nichts anderes als die ſeit alters überlieferte, die geltende Verfaſſung der Kirche.
Bei dem einen Fall iſt es nicht geblieben, ähnliche ſind ihm gefolgt und laſſen keinen Zweifel übrig, daß es dieſem Papſt allen Ernſtes um Beſeitigung der alten und Einbürgerung einer neuen Verfaſſung zu tun war, nach der er ſelbſt der unmittelbare Vorgeſetzte jedes Biſchofs und die geſamte Kirche ſeiner Verwaltung nicht anders unterworfen ſein ſollte, als der engere römiſche Sprengel italiſcher Bistümer es von jeher war. Ohne weiteres erkennt man darin den Plan Pſeudoiſidors. Das iſt nicht etwa zufällige Übereinſtimmung, Nikolaus iſt nicht von unge - fähr auf die Gedanken Pſeudoiſidors verfallen. Wir wiſſen, daß dieſer in Rom ſchon früher aufgetaucht war. Nikolaus hat ihn gekannt und ſich einmal ausdrücklich, wenn auch ohne den Namen zu nennen, auf ihn bezogen, wobei ihm Anaſtaſius wie in allen wichtigen Fällen die Hand geführt hat. Es iſt nicht abzuweiſen, daß zu dem unechten Bilde der Ver - gangenheit, auf das die Anſprüche des Papſtes ſich ſtützten, die Fäl - ſchungen Pſeudoiſidors einen nicht unweſentlichen Beitrag geliefert haben. Durch ſie wurden ja die Vorſtellungen, die römiſcher Prieſter - ſtolz ſchon in die echte Überlieferung hineinzuleſen verſtand, aufs will -89Feindſchaft Ravennas. Ludwig II. in Romkommenſte beſtätigt und ergänzt, ſie zeigten den Weg, auf dem man den römiſchen Biſchof zum unumſchränkten Beherrſcher der Kirche machen konnte.
Die beſtehende Kirchenverfaſſung umzuſtürzen und ein Papſt nach den Vorſchriften Pſeudoiſidors zu ſein, hat Nikolaus verſucht. Damit iſt er geſcheitert, aber der Verſuch wie das Scheitern ſind gleich bezeichnend für ſeine Zeit.
Nikolaus wagte viel, als er ſich von den Freunden des Kaiſers in Rom losmachte und offen gegen des Kaiſers Bruder Partei ergriff. Zu allem andern hatte er in Jtalien einen Feind, der auf Rache ſann, im Erz - biſchof von Ravenna. Derſelbe Johannes, der ſchon mit Leo IV. zu - ſammengeſtoßen war, hatte im Vertrauen auf den Kaiſer, deſſen be - ſondere Gunſt er genoß, den Verſuch erneuert, ſich von Rom unab - hängig zu machen, hatte Güter der römiſchen Kirche in Beſitz genommen und ſeine Biſchöfe am Verkehr mit dem Papſt gehindert. Er zog den kürzeren, da der Kaiſer ihn im Stiche ließ. Nikolaus ſchloß ihn aus der Gemeinſchaft aus, kam ſelbſt nach Ravenna, um Ordnung zu ſchaffen, und nötigte den Erzbiſchof zu vollſtändiger Unterwerfung: fortan durfte er in ſeiner eigenen Provinz keinen Biſchof ohne päpſtliche Genehmigung weihen. Daß der Gedemütigte auf den Tag der Vergeltung wartete, kann man ſich denken, und beim Kaiſer vermochte er viel. Um dieſen ſammelten ſich nun alle Gekränkten und trieben ihn zum Vorgehen.
Jn der Umgebung des Papſtes kannte man Ludwig. Oft genug und erſt jüngſt im Falle Ravennas hatte er gezeigt, wie leicht er zum Weichen zu bringen und einzuſchüchtern ſei. Trotzdem blieb es ein Wagnis, ſeinen Zorn herauszufordern. Denn über andere Waffen als ſein geiſtliches Anſehen verfügte Nikolaus nicht, und zunächſt ſah es wirklich aus, als wollte der Kaiſer ihn ſeine Macht fühlen laſſen. Von Benevent, wo er gerade im Felde lag, erſchien er in den erſten Tagen des Jahres 864 vor Rom, „ faſſungslos vor Zorn “, wie Hinkmar in ſeinen Aufzeich - nungen bemerkt. Bei der Kirche Sankt Peters, draußen vor der Stadt, nahm er zunächſt Quartier. Er verlangte, daß die Erzbiſchöfe von Köln und Trier wiedereingeſetzt würden. Nikolaus ordnete allgemeines Faſten und einen Bittgang an, „ damit Gott den Sinn des Kaiſers bekehre “. An den Stufen der Peterskirche ſtieß der Zug auf Soldaten des Kaiſers, die auf die Leute einhieben, ſie zu Boden warfen und auseinanderjagten und ihre Fahnen und Kreuze zerbrachen. Darunter war ein beſonders90Ludwig II. in Romwertvolles, ein Geſchenk der Gemahlin Konſtantins des Großen, das ein Stück vom Kreuz von Golgatha enthalten ſollte. Es wurde zertrümmert, und das heilige Holz in den Kot getreten. Übrigens gehen ſo koſtbare Heiligtümer bekanntlich nie verloren; auch dieſes wurde von einem Eng - länder aufgeleſen und zurückgegeben. Jm Volk war die Empörung über den Vorfall natürlich groß. Nikolaus wartete derweilen im Lateran der Dinge, die da kommen ſollten, und als er erfuhr, der Kaiſer rücke in die Stadt, um ihn zu fangen, ergriff er die Flucht. Heimlich eilte er zum Tiber hinab, beſtieg einen Kahn und ließ ſich nach Sankt Peter bringen, wo er wußte, daß man ihn nicht antaſten würde. Zwei Tage und zwei Nächte verbrachte er hier ohne Speiſe und Trank, da trat die Wendung ein, auf die er im ſtillen wohl gehofft hatte. Der Mann, der das heilige Kreuz zerſchlagen hatte, ſtarb plötzlich, der Kaiſer erkrankte — Zeichen des Himmels, daß er auf falſchem Wege war. Auch wirklichere Dinge werden ihn zur Beſinnung gemahnt haben. Gegen die Erregung des Volkes war er machtlos, die große Stadt zu beherrſchen reichten ſeine Truppen ſchwerlich aus, und gegen den Papſt Gewalt zu brauchen durfte er aus äußeren und inneren Gründen nicht wagen. Er beſchloß einzu - lenken und eröffnete Verhandlungen. Die Kaiſerin, klüger und tat - kräftiger als ihr Gemahl, nahm die Sache in die Hand und brachte einen Vergleich zuſtande. Die abgeſetzten Erzbiſchöfe wurden ſich ſelbſt über - laſſen, Nikolaus durfte in den Lateran zurückkehren, mußte aber für ſein weiteres Wohlverhalten Bürgſchaft ſtellen. Sie beſtand darin, daß er ſich in der Perſon des Arſenius von Orte einen „ Apokriſiar “, einen be - vollmächtigten Vertreter, wir würden ſagen einen Generalvikar, ge - fallen ließ, neben dem ein toskaniſcher Biſchof den Kaiſer dauernd vertrat. Damit war die Herrſchaft der kaiſerlichen Partei in Rom wiederhergeſtellt, und nach zweimonatigem Aufenthalt, während deſſen ſeine Truppen es an Ausſchreitungen aller Art nicht hatten fehlen laſſen, konnte Ludwig abziehen. Er hatte erreicht, worauf es ihm ankam.
Die Koſten des Friedens hatten die Erzbiſchöfe von Köln und Trier zu tragen. Sie fügten ſich nicht in ihr Schickſal, erhoben Klage beim Papſt und ließen ſie ſchriftlich mit Gewalt auf dem Grabe Sankt Peters niederlegen, wobei einer der Wächter des Grabes erſchlagen wurde. Das Schriftſtück ließ in der Form die einfachſte Achtung ver - miſſen. Es begann nach unpaſſender Anrede — „ Höre, Herr Papſt91Haltung Lothars und ſeiner BiſchöfeNikolaus “— mit einer kurzen Darſtellung des rechtſwidrigen Ver - fahrens, deſſen Opfer die Kläger geworden ſeien, ſchloß daran die Zurück - weiſung des „ verwünſchten Spruches, dem väterliche Güte fremd, brü - derliche Liebe fern, der zu Unrecht und gegen Vernunft und kanoniſches Recht ergangen “ſei, ein „ wirkungsloſer Fluch “. Es klagte den Papſt an, daß er mit verdammten und verfluchten Verächtern des Glaubens Verbindung halte — offenbar eine Anſpielung auf ſeine Beziehungen zu Anaſtaſius, dem ehedem dreimal Verfluchten — und ging dann zur offenen Kündigung der Gemeinſchaft über, da Nikolaus „ in anmaßen - der Selbſtüberhebung “, „ in geſchwollenem Hochmut als ein Unwürdiger “ſich ſelbſt von der Gemeinſchaft der ganzen Kirche getrennt habe. „ Jn deiner leichtſinnigen Vermeſſenheit — ſo hieß es weiter — haſt du dir durch deinen eigenen Spruch die Peſt der Verfluchung zugezogen, da du ausrufſt: ‚ Wer apoſtoliſche Weiſungen nicht befolgt, der ſei verflucht!‘ Du haſt ſie vielfach verletzt, haſt göttliche Geſetze und heilige Kanones, ſoviel du konnteſt, aufgehoben. “ Dieſe Schmähſchrift — man kann ſie nicht anders nennen — wurde den Biſchöfen in Lothars Reich überſandt mit der Mahnung, ſich nicht einſchüchtern zu laſſen durch den, „ der Papſt genannt wird und ſich als Apoſtel unter die Apoſtel zählt und zum Herrſcher der ganzen Welt aufwirft “. Sie ſollten dem König Mut zu - ſprechen, Ludwig den Deutſchen gewinnen, von dem alles abhänge, und im übrigen guter Zuverſicht ſein.
Mit der Zuverſicht war es nicht weit her, ſchon begann unter dem Schlage des Papſtes die Phalanx der Biſchöfe zu wanken. Metz, Lüttich und Straßburg wurden von Angſt ergriffen und warfen ſich Nikolaus zu Füßen. Dieſer nahm die Unterwerfung huldvoll entgegen und ge - währte mit ſtrafenden Worten Verzeihung. Auch einer der Haupt - ſchuldigen wurde unſicher: Dietgaud von Trier fügte ſich ſo weit, daß er ſein Amt nicht mehr ausübte. Vor allem Lothar ſelbſt verlor alle Haltung. Jn einem langen Schreiben verſicherte er mit weitſchweifigen Redens - arten dem Papſt ſeine Ergebenheit und ſchämte ſich nicht, Günther zu verleugnen. Ja, er benützte deſſen Abſetzung zu dem Verſuch, einem andern durch Verleihung des Kölner Erzbistums gefällig zu ſein. Dar - über war nun Günther ſo empört, daß er den Kirchenſchatz zuſammen - raffte und nach Jtalien eilte, um mit dem Geld und dem Anerbieten von Enthüllungen die Gnade des Papſtes zu erkaufen. Wirklich iſt er nach Rom gegangen, hat aber bei Nikolaus kein Entgegenkommen gefunden. 92Arſenius Legat im fränkiſchen ReichSo würdelos zeigten ſich die, die ſoeben erſt dem Papſt mit dreiſter Stirn Trotz zu bieten gewagt hatten.
Freilich, ſie hatten Grund, beſorgt zu ſein, da auch der, von dem nach ihrer Auffaſſung alles abhing, ſich von ihnen abwandte: Ludwig der Deutſche näherte ſich dem Papſt. Gegen das Verſprechen unbedingten Gehorſams — „ wie der Sohn dem Vater oder der Jünger dem Mei - ſter “— ließ er ſich eine Reihe von kirchlichen Wünſchen erfüllen, wor - unter der wichtigſte war, daß Bremen aus dem Metropolitanverband von Köln gelöſt und zum Erzbistum für Dänemark und Schweden er - hoben wurde. Nikolaus verſprach ihm außerdem ſeine Fürbitte, „ auf daß er nicht nur in dieſer Welt glücklich und lange regiere, ſondern auch im Jenſeits mit Chriſtus ohne Ende ſelig lebe “, erwartete aber dafür, befahl es ſogar „ im Namen Gottes und des heiligen Petrus und Pau - lus “, daß Ludwig die Beziehungen mit Lothar, Günther und Dietgaud abbreche.
Die Erwartungen des Papſtes erfüllten ſich nicht ganz. Zwar ver - einigten ſich Ludwig der Deutſche und Karl der Kahle anfangs 865 zu einer Aufforderung an Lothar, das Ärgernis, das er der Kirche gegeben, abzuſtellen und ſich perſönlich in Rom Verzeihung zu holen. Der er - ſchreckte Lothar zeigte ſich auch ſcheinbar dazu willig, rief aber zugleich den Kaiſer um Hilfe an, und Ludwig II. trat für den Bruder ein. Er bewirkte, daß zur Regelung der Angelegenheit ein Vertreter des Papſtes über die Alpen ging, der niemand anderes war als Arſenius, des Papſtes Stellvertreter und des Kaiſers Vertrauensmann. Nikolaus hat ſich ungern dazu verſtanden, er hatte anderes vorgehabt. Auf einer Synode in Rom, zu der er die Biſchöfe des fränkiſchen Reiches aufbot, ſollte die Entſcheidung gefällt werden. Zweimal, zum November 864, dann noch - mals zum Mai 865, erließ er die Aufforderung, beide Male vergeblich. Auch die fränkiſchen Biſchöfe zogen vor, die Entſcheidung nicht in Rom, ſondern im eigenen Lande gefällt zu ſehen. Außerdem waren ſie ver - ſtimmt durch die Art, wie Nikolaus die beiden Erzbiſchöfe behandelt hatte. Wenn mit den vornehmſten Kirchenfürſten, mochten ſie ſonſt ſein, was ſie wollten, in dieſer formloſen Weiſe, unter Verletzung des Rechts und Nichtachtung der Verfaſſung umgeſprungen wurde, war kein Biſchof mehr ſeiner Stellung ſicher. Sie erhoben Vorwürfe gegen das Verfahren des Papſtes, und Nikolaus mußte ſich in einem längeren Schreiben rechtfertigen, in dem er ſeine von Gott verliehene Befugnis,93Arſenius Legat im fränkiſchen Reichüber alle Biſchöfe zu richten, nachdrücklich behauptete und zu erweiſen ſuchte. Wie viele er überzeugt hat, wiſſen wir nicht; ſeinen wiederholten Ladungen iſt kein fränkiſcher Biſchof gefolgt, das römiſche Konzil iſt nicht zuſtande gekommen, und Nikolaus hat die erſtrebte Rolle des Richters über einen König vor den Augen von Hauptſtadt und Welt nicht ſpielen können.
Statt deſſen kam nun Arſenius im Sommer 865 über die Alpen, um im Namen des Papſtes die Entſcheidung zu treffen. Der ſtolze Römer führte ſeine Sache mit vollendeter Überlegenheit, ſicherte ſich zuerſt die Unterſtützung Ludwigs des Deutſchen und Karls des Kahlen, ſtiftete ſodann zwiſchen Karl und Lothar Verſöhnung und nötigte ſchließlich Lothar, ihm Waldrad auszuliefern und Dietburg als Königin in ihre Rechte wieder einzuſetzen, erſparte ihm aber jede Buße und jede äußere Demütigung. Mit ſtaatsmänniſcher Großzügigkeit war der Fall er - ledigt, und Sieger war der Papſt, in deſſen Namen und Auftrag es geſchah.
Aber der Lorbeer des Arſenius welkte raſch. Waldrad, die er nach Rom bringen ſollte, entwiſchte ihm unterwegs und kehrte in die Nähe Lothars zurück, und Dietburgs Stellung als Königin war mehr als frag - lich. Sie hat binnen kurzem ſelbſt die Scheidung ihrer Ehe beantragt. Jn Köln und Trier hatte Arſenius gar nichts getan, die abgeſetzten Erz - biſchöfe behaupteten ſich. Man konnte fragen, ob es dem Legaten über - haupt Ernſt mit ſeinen Maßregeln geweſen war. Auf jeden Fall hatte er mehr nach dem Sinne des Kaiſers als des Papſtes gehandelt. Begreif - lich, daß er nach ſeiner Rückkehr nicht mehr den früheren Einfluß hatte. Schließlich zerfiel er offen mit dem Papſt und ſchloß ſich ganz dem Kaiſer an.
Wir können es uns erſparen, die heimlichen und verſchlungenen Wege der fränkiſchen und päpſtlichen Diplomatie weiter im einzelnen zu ver - folgen. Nikolaus hat zwar nach außen hin den Anſchein zu wahren geſucht, als wäre er der ſtrenge, unbeſtechliche Richter, der dem Recht zum Siege verhilft. Waldrad ſchloß er aus der Gemeinſchaft aus, lehnte das Scheidungsgeſuch Dietburgs ab, denn nicht um ihre Sache, ſon - dern um die Sache des apoſtoliſchen Stuhles handle es ſich. Seine Sprache war ſo herriſch und hart wie nur je. Dahinter jedoch verbarg ſich Unſicherheit, ja Verlegenheit. Den unmittelbaren Verkehr mit Lothar, den er vor der Sendung des Arſenius ſchon als Ausgeſchloſſenen94Karl der Kahle und Ludwig der Deutſche im Vertrag von Metz 867behandelt hatte, nahm er wieder auf und zögerte, die letzten Folgerungen zu ziehen, ſo daß Lothar ſchon anſpruchsvoller aufzutreten wagte. Nikolaus, ſo ſtolz und gebieteriſch er ſich ſtellte, beherrſchte ja das Spiel keineswegs, er war auf den Eifer angewieſen, den Karl der Kahle ent - wickelte, und der ließ zeitweilig viel zu wünſchen übrig. Ja, es ſah einmal ſo aus, als hätte er ſich von Lothar gewinnen laſſen. Erſt im Sommer 867 klärte ſich nach vielen Winkelzügen die Lage, als Ludwig der Deutſche und Karl der Kahle in Metz zuſammentrafen und ſich zu gemeinſamer Aufteilung der Länder ihrer Neffen, Ludwigs II. und Lothars, ver - banden. Wann die Teilung vor ſich gehen ſollte, ob erſt nach dem Tode eines oder beider Neffen, ob früher, wurde nicht ausgemacht; es konnte jeden Augenblick geſchehen, und ſo hat es Nikolaus I. aufgefaßt und ſo - gleich Anſtalten gemacht, gegen den hartnäckig ungehorſamen König den letzten Schlag zu führen. Jn ſeinen Augen war es Zeit, die älteſte Linie der Karolinger zu ſtürzen und eine neue Reichsteilung vorzunehmen. Was dabei aus dem Kaiſertum werden ſollte, war eine offene Frage. Nach dem Vertrag von Metz ſollte es aufhören und eine gemeinſame Schutzherrſchaft beider Könige an die Stelle treten, der Papſt dagegen hat Karl dem Kahlen Ausſichten auf die Kaiſerwürde gemacht. Das eine war für die Unabhängigkeit Roms ſo günſtig wie das andere. Der Bruderkrieg im Hauſe Karls des Großen, Karl der Kahle und Ludwig der Deutſche im Einverſtändnis mit dem Papſt gegen Ludwig II. und Lothar, war alſo im Anzug.
Nikolaus hat in der Sache Lothars die Politik Karls des Kahlen zur ſeinigen gemacht, weil er dadurch ſein Anſehen und ſeine Macht zu ſtärken glaubte. Aus dem gleichen Grunde — und das iſt bezeichnend für ſeine Regierung — hat er zur ſelben Zeit eine zweite Angelegenheit mit nicht geringerem Nachdruck betrieben, obgleich er damit die Abſichten Karls durchkreuzte und die Ergebenheit des Königs und ſeiner Biſchöfe auf eine harte Probe ſtellte. Biſchof Rothad von Soiſſons, der beim König wegen früherer Vorgänge in Ungnade ſtand, war mit ſeinem Metropoliten Hinkmar zuſammengeſtoßen, wegen Widerſetzlichkeit von einer Reichsſynode im Herbſt 862 abgeſetzt und in ein Kloſter verwieſen worden. Er fügte ſich zunächſt, verfolgte auch eine Berufung an den Papſt nicht weiter, die er ſchon vor dem Urteil eingelegt haben wollte. Aber im Reiche Lothars nahm man ſich ſeiner an und erſtattete Anzeige95Nikolaus I. und Rothad von Soiſſonsin Rom, um Hinkmar, den Hauptgegner der Scheidung Lothars, durch die Anklage außer Gefecht zu ſetzen. Nikolaus griff die Sache eilig auf, befahl Hinkmar, Rothad entweder ſofort wieder einzuſetzen oder ihn nach Rom zu ſchicken und ſich ſelbſt perſönlich oder durch Vertreter zur Unterſuchung und Entſcheidung des Falles zu ſtellen. Als die Wieder - einſetzung nicht erfolgte, wiederholte er ſeine Vorladung in verſchärfter Form und wandte ſich zugleich an den König mit der Drohung, ihn im Stich zu laſſen, wenn er in ſeinem Reich eine Herabſetzung des päpſt - lichen Stuhles dulde, dem ſeine Vorfahren „ ihr ganzes Emporkommen und allen Ruhm “verdankt hätten. Jm Rate Karls des Kahlen fürchtete man, die Unterſtützung des Papſtes gegen Lothar zu verlieren, und be - ſchloß zu gehorchen. Nach längerem Zögern wurde Rothad nach Rom entlaſſen, wo er im Mai oder Juni 864 eintraf. Nikolaus wartete ab, bis er Karls ſicher war. Als er erfuhr, daß Karl und Ludwig der Deutſche ſich gegen Lothar verbunden hätten, nahm er das Verfahren auf, gab zu Weihnachten 864 Rothad ſeine Biſchofswürde wieder, hob einen Monat ſpäter das abſetzende Urteil der fränkiſchen Reichsſynode auf und gab dem Abgeſetzten ſein Bistum zurück. Für die Ausführung des Spruches ſorgte Arſenius, als er im Sommer 865 bei Karl dem Kahlen eintraf. Ohne Widerſpruch nahm Rothad ſeinen Platz in Soiſſons wieder ein.
Das Vorgehen des Papſtes war ohne jedes Beiſpiel und hat bei den fränkiſchen Biſchöfen Befremden und Widerſpruch geweckt, dem Hink - mar in einem ausführlichen Schriftſtück-Ausdruck verlieh. Das gab Nikolaus Gelegenheit, ſein Verfahren eingehend zu begründen. Rothads Abſetzung, erklärte er, ſei ungültig, gleichviel ob er Berufung einge - legt habe oder nicht, denn die frankiſche Reichsſynode ſei nicht befugt geweſen, ohne Ermächtigung durch den Papſt zu beſchließen, und über einen Biſchof zu urteilen ſei Vorrecht des Papſtes, ohne deſſen Befra - gung keine wichtigere Angelegenheit (causa maior) entſchieden werden dürfe. Darum ſei die Abſetzung Rothads eine Beleidigung des römiſchen Stuhles. Dem hielt Hinkmar das geltende Recht entgegen, wie es in den Kanones, dem Geſetzbuch des Dionyſius, enthalten war. Dieſes wußte nichts von den Sätzen, auf die der Papſt ſich berief. Wohl hatte die Synode von Serdika einem verurteilten Biſchof freigeſtellt, Berufung nach Rom einzulegen, und dem Papſt überlaſſen, ein neues Verfahren anzuordnen und durch ſeine Vertreter daran teilzunehmen, aber immer in96Nikolaus I. und Rothad von Soiſſonsder Provinz und vor dem Gericht der Nachbarbiſchöfe, niemals in Rom. Nicht ein Wort fand man im geltenden Recht davon, daß ohne päpſt - liche Ermächtigung keine Synode rechtskräftig beſchließen dürfe, und die Behauptung, der Prozeß eines Biſchofs könne nur in Rom entſchie - den werden, war eine willkürliche Umdeutung des Begriffes causa maior, den bisher niemand in dieſem Sinn verſtanden hatte.
Hinkmar, daran kann kein Zweifel ſein, hatte für ſich die Gewohnheit und das geſchriebene Recht, mit dem die Anſprüche, die Nikolaus erhob, ſich nicht vertrugen. Er war im Recht, wenn er dem Papſt entgegenhielt, ſein Verfahren mache die Provinzſynode überflüſſig und löſe alle geſetz - liche Ordnung auf. Nikolaus 'Anſprüche zielten wirklich auf Zerſtörung der beſtehenden Kirchenverfaſſung. Wir wiſſen, woher ſie ſtammten: aus Pſeudoiſidor. Mit deſſen Sätzen ſtimmen ſowohl die Behauptungen wie das Verfahren des Papſtes überein. Daß keine Synode ohne päpſt - liche Ermächtigung tagen und beſchließen dürfe, daß ihr Urteil, um rechts - kräftig zu werden, durch den Papſt beſtätigt werden müſſe, war die Lehre Pſeudoiſidors, und wenn Nikolaus dem abgeſetzten Rothad ſeine Würde wiedergab, ehe er ſeinen Prozeß aufnahm, ſo entſprach auch das der Forderung Pſeudoiſidors, daß der Angeklagte bis zum Urteilsſpruch im Vollbeſitz ſeines Rechtes bleiben müſſe. Was Nikolaus meinte, wenn er ſich auf „ Satzungen der Väter “berief, hat man im fränkiſchen Reich leicht erraten. Die Fälſchung hat man nicht erkannt, die Echtheit der angeblichen Dekretalen nicht beſtritten, wohl aber ihre Geltung als Rechtsvorſchriften, weil ſie im anerkannten Geſetzbuch der Kirche nicht enthalten und mit den Satzungen von Nikäa und Serdika nicht ver - einbar ſeien. Dieſe allein wollte man als verbindlich anerkennen; was vorher römiſche Biſchöfe verfügt hätten, ſei durch die Kanones der Synoden überholt und aufgehoben. Nikolaus antwortete im Bruſtton der Entrüſtung: „ Ferne ſei es, daß wir die Verfügungen eines von denen, die bis zum Ende ihres Lebens im katholiſchen Glauben beharrten, nicht mit gebührender Ehrfurcht aufnehmen ſollten, jene Schriften, welche die heilige römiſche Kirche ſeit alters überliefert, uns zur Auf - bewahrung übergeben hat und in ihren Archiven und alten Urkunden hütet. Ferne ſei es, daß wir die Schriften derer irgend geringſchätzen, mit deren roſenrotem Blut, taufließendem Schweiß und heilkräftiger Beredſamkeit wir die heilige Kirche blühen und ſich ſchmücken ſehen. “ Daß Nikolaus — oder Anaſtaſius, der für ihn ſchrieb — hier die falſchen97Nikolaus I. und Rothad von SoiſſonsDekretalen im Auge hatte, indem er, um jeden Zweifel niederzuſchlagen, die Lüge in die Welt gehen ließ, ſie würden ſeit alters im Archiv der römiſchen Kirche aufbewahrt, iſt für niemand zweifelhaft, der die Worte mit unbefangenem Auge lieſt, mögen andere ſich noch ſo ſehr bemühen, ihn von dem Vorwurf reinzuwaſchen, daß er ſich auf Fälſchungen be - rufen und ihnen durch eine nackte Unwahrheit das Anſehen der Echtheit und Verbindlichkeit zu ſichern geſucht hat. Jm fränkiſchen Reich hat man dazu geſchwiegen und die Entſcheidung des Papſtes hingenommen, aber als rechtmäßig hat man ſie nicht anerkannt. Das hatte Hinkmar im voraus erklärt. „ Wir alle “, ſchrieb er dem Papſt, „ jung und alt, wiſſen, daß unſere Kirchen der römiſchen Kirche und wir Biſchöfe dem römiſchen Biſchof unterſtehen, und darum müſſen wir, des Glaubens unbeſchadet, Deiner und der apoſtoliſchen Autorität gehorchen. “ Jn ſeinen Annalen aber verzeichnete er kurz und klar: „ Rothad wurde von Papſt Nikolaus wieder eingeſetzt nicht nach Recht, ſondern kraft ſeiner Macht (non regulariter, sed potentialiter). “ Einem Machtſpruch des Papſtes fügte ſich die fränkiſche Kirche, an ihrem Recht hielt ſie feſt. Die Fügſamkeit kam nicht einmal aus der Überzeugung, Rückſicht auf die Umſtände zwang dazu. Einige Jahre ſpäter hat eine fränkiſche Synode, als ſie eine ähnliche eigenmächtige Wiedereinſetzung zurückwies, geſtanden, im Falle Rothads würde man ebenſo gehandelt haben, wenn es damals möglich geweſen wäre. Es war unmöglich, weil man den Papſt brauchte.
Wenn es Nikolaus im Falle Rothads darum zu tun geweſen war, ſein Recht, wie er es auffaßte, gegenüber der fränkiſchen Landeskirche durch die Tat zu beweiſen, ſo bot ſich ihm ſchon bald eine zweite, noch bequemere Gelegenheit, den angeſehenſten der fränkiſchen Prälaten, Hinkmar von Reims, zu demütigen, vielleicht zu ſtürzen, mindeſtens ihn ſeine Abhängigkeit fühlen zu laſſen und dadurch den Anſpruch, daß der Papſt die fränkiſche Kirche unmittelbar regiere, erneut zur Anerkennung zu bringen. Er hatte dabei den König, Karl den Kahlen, auf ſeiner Seite.
Erinnern wir uns der Kämpfe, die Hinkmars Erhebung vorausge - gangen waren und ſeine erſten Jahre erfüllten. Sie fanden ihren Ab - ſchluß, als die Reichsſynode (853) die von Ebo in der Zeit ſeiner vorüber - gehenden Rückkehr erteilten Weihen für ungültig, die Erhebung Hink - mars für rechtmäßig erklärte und Benedikt III. dieſen Beſchluß be - ſtätigte. Unter den Betroffenen befand ſich Wulfhad, ehemals DomherrHaller, Das Papſttum II1 798Nikolaus I. und Wulfhad von Bourgesvon Reims, ein hervorragender, hochgebildeter und ehrgeiziger Mann. Durch Urteil der Synode war ihm der Weg zu kirchlichen Ehren ver - ſperrt, auf die er ſonſt einen Anſpruch gehabt hätte. Jndeſſen, er ver - ſtand die Gunſt Karls des Kahlen, des Freundes der Gelehrten, zu gewin - nen, ſo daß er ihm die Erziehung eines Prinzen anvertraute und ihn mit dem Erzbistum Bourges belohnen wollte. Die Biſchöfe, Hinkmar voran, widerſprachen. Karl, mit fürſtlicher Undankbarkeit, zürnte darob dem Erzbiſchof, der ſo viel für ihn getan hatte, und wandte ſich an den Papſt. Nikolaus aber bot gern die Hand dazu, daß die Abſetzung Ebos mit all ihren Folgen, obwohl ſchon dreißig Jahre darüber vergangen waren, wieder aufgerollt wurde. Jm April 866 befahl er, die vor dreizehn Jahren abgeſetzten Geiſtlichen in ihre Ämter wieder einzuſetzen oder ihre Sache einer erneuten Unterſuchung auf einer Synode zu unterziehen, die er auf den 18. Auguſt nach Soiſſons befahl. Beſtätigung des Beſchluſſes und letztes Urteil behielt er ſich vor. Die Biſchöfe gehorchten dem König zuliebe, aber ſie wichen den zu befürchtenden Folgen aus, indem ſie beim Papſt Wiedereinſetzung der Abgeſetzten auf dem Gnadenweg beantrag - ten. Karl war es zufrieden, verlieh Wulfhad das Erzbistum, das er ihm zugedacht hatte, und ließ ihn weihen. Den Beſchluß der Synode be - gründete Hinkmar dem Papſt gegenüber, wobei er einen warnenden Hinweis darauf nicht unterdrückte, welcher Erſchütterung das Anſehen der Biſchöfe, aber auch des Papſtes ſelbſt ausgeſetzt wäre, daß künftig niemand mehr um ihre Urteile und Strafen ſich kümmern und nur noch der Wille des Königs und die Begehrlichkeit eines jeden Geltung haben werde, wenn rechtmäßig gefaßte Beſchlüſſe umgeſtoßen würden. Niko - laus aber ließ ſich nicht beirren, er wollte unter allen Umſtänden über Hinkmar zu Gericht ſitzen. Gegen ihn fuhr er mit ungeheuchelter Feind - ſeligkeit los, nannte ihn einen „ tückiſchen Lügner “und „ Fälſcher “, warf ihm Hochmut und Unehrerbietigkeit vor, beſchuldigte ihn, durch unwahre Berichte Vorrechte erſchlichen zu haben, und befahl ihm, zur Prüfung ſeiner Wahl binnen Jahresfriſt ſich in Rom zu ſtellen. Seine Abſicht war wohl, ihn ins Unrecht zu ſetzen, um ihn zu begnadigen, die Demü - tigung des erſten fränkiſchen Prälaten war ſein Ziel. Daß Hinkmar ernſte Befürchtungen hegte, zeigen die Schritte, die er tat. Er reichte eine ausführliche Verteidigungsſchrift ein, in der er alle Beſchuldigungen mit vornehmer Ruhe widerlegte, nahm aber zugleich die Vermittlung des Anaſtaſius in Anſpruch. Auf der nächſten Reichsſynode, in Troyes99Verſchärfter Streit mit Konſtantinopelzu Ende Oktober 867, erreichte er dem ausgeſprochenen Willen des Königs zum Trotz, daß dem Papſt eine aktenmäßige Darſtellung ein - gereicht wurde, die die Rechtmäßigkeit von Ebos Abſetzung und Hinkmars Erhebung klar dartat. Am Schluß des Schreibens, das Hinkmar ſelbſt verfaßt hatte, wurde der Papſt gebeten, die Verfügungen der Väter über die Stellung der Biſchöfe durch eine ewig gültige Satzung zu erneuern, „ ſo daß in Zukunft ohne Spruch des römiſchen Biſchofs kein Biſchof ſeines Amtes entſetzt werde, wie in vielfältigen Verfügungen und zahl - reichen Privilegien früherer Päpſte in wunderbarer Weiſe feſtgeſetzt iſt “. Was waren das für Verfügungen und Privilegien? Was meinte die Synode damit? Wollte ſie ſich auf den Standpunkt Pſeudoiſidors ſtellen, wünſchte ſie eine ausdrückliche Beglaubigung der falſchen De - kretalen? Daß dies der Sinn ihrer Bitte ſei, iſt durch Hinkmars frühere und ſpätere Äußerungen und durch die nachfolgende Haltung der fränki - ſchen Biſchöfe ausgeſchloſſen. Die Abſicht kann nur geweſen ſein, dem Papſt die Frage vorzulegen, ob er ſich zu den neu aufgetauchten Rechts - ſätzen im Widerſpruch zu den bisher geltenden Geſetzen der älteſten Synoden bekennen wolle. Daß er dies tun werde, hat man ſchwerlich geglaubt, er hätte damit den offenen Widerſtand nicht bloß der Biſchöfe, auch der Könige herausgefordert, und darauf durfte er es nicht ankom - men laſſen. Denn inzwiſchen hatte ſich die Lage der Dinge verſchoben, er ſah ſich aufs ernſtlichſte bedroht und völlig angewieſen auf die einhellige und kraftvolle Unterſtützung der Biſchöfe und Herrſcher von Frankreich und Deutſchland.
Seit dem Hochſommer 863, wo Nikolaus die Abſetzung des Photios und Anerkennung des Jgnatios ausſprach, hatte die griechiſche Frage geruht. Die römiſchen und fränkiſchen Synoden, auf denen ſie (864 / 865) neben der Sache Lothars behandelt werden ſollte, waren nicht zuſtande gekommen, in Konſtantinopel aber hatte man das Schreiben des Papſtes geheimgehalten und mit der Antwort gezögert. Erſt nach zwei Jahren erfolgte ſie, im Sommer 865 überbrachte ein vornehmer Geſandter ein Schreiben des Kaiſers in ſchroffſter Faſſung — „ mit Drachenblut ge - ſchrieben “nannte es Nikolaus — das die Maßregel des Papſtes für belanglos erklärte, ihre Zurücknahme forderte und ſich über den verkom - menen Weſten, ſeine herabgeſunkene Hauptſtadt und die lateiniſche Sprache mit Geringſchätzung äußerte. Jn der Erwiderung — ſie füllt100Verſchärfter Streit mit Konſtantinopelim neueſten Abdruck etwa dreißig große Quartſeiten — ließ Anaſtaſius ſeiner Feder freien Lauf. An polemiſcher Schärfe blieb er dem Kaiſer nichts ſchuldig, erinnerte ihn an die Fälſchergewohnheit der Griechen und an die Chriſtenverfolgungen ſeiner Vorgänger, nannte die Ver - achtung der lateiniſchen Sprache eine Beleidigung Gottes, der ſie ge - ſchaffen, und fragte ironiſch, warum der Kaiſer ſich denn noch „ römiſch “nenne. Unter reichlichen Anleihen bei Leo und Gelaſius ſtimmte er einen Hymnus an auf die unantaſtbaren, unverrückbaren, weil von Gott ver - liehenen Vorrechte Roms, das, mit Antiochia und Alexandria durch die Perſon Petri und den Petrusſchüler Markus verbunden, die ganze Kirche regiere, und beſtritt Konſtantinopel, das nur von den Kaiſern erhoben und gewaltſam mit Reliquien ausgeſtattet ſei, den Platz unter den Oberhäuptern der Kirche. Nach ſo gewaltigem Donner der Bered - ſamkeit überraſcht der Schluß des Schreibens: er enthält einen Antrag, der nur als Rückzug verſtanden werden kann. Der Papſt hält den vor zwei Jahren verkündeten Spruch nicht aufrecht, erbietet ſich zu un - parteiiſchem Urteil, wenn Photios und Jgnatios perſönlich oder durch Vertreter ſich in Rom ſtellen wollen, benennt ſogar die Perſonen, die er für die Vertretung im Auge hat, und gibt zu verſtehen, daß die Aner - kennung des Photios nicht ausgeſchloſſen ſei. Die verblüffende Wendung erklärt ſich aus der Lage am Balkan. Wie ſich der ganze Streit im letzten Grunde um die Miſſion bei den Bulgaren drehte, ſo iſt auch die veränderte Haltung des Papſtes eingegeben von Ausſichten, die ſich an dieſer Stelle ſoeben eröffneten.
Jm Jahr zuvor (864) hatte Nikolaus von Ludwig dem Deutſchen die Meldung erhalten, der Fürſt von Bulgarien, Boris, ſei bereit, Chriſt zu werden, und freudig hatte er der Miſſion der Franken ſeinen Segen gegeben. Aber Konſtantinopel kam zuvor. Ein ſtarker militäri - ſcher Druck nötigte noch im Jahr 865 den Fürſten, die Taufe zu nehmen, Photios ſelbſt erteilte ſie, der Kaiſer war Pate, und Michael nannte ſich jetzt nach ihm der Fürſt. Griechiſche Geiſtliche kamen ins Land und be - gannen die Bekehrung des Volkes, die Richtſchnur erteilte Photios in einer langen erbaulich-lehrhaften Epiſtel. Das hat man in Rom noch nicht wiſſen können, als man um dieſelbe Zeit mit dem kaiſerlichen Ge - ſandten verhandelte. Damals wird Nikolaus noch geglaubt haben, Bul - garien durch die Franken gewinnen zu können und den Widerſpruch Konſtantinopels durch Anerkennung des Photios zum Schweigen zu101Ausſichten in Bulgarienbringen. Ein Jahr darauf erhielt er noch erfreulichere Kunde. Boris - Michael hatte für die Kirche ſeines Landes Selbſtändigkeit und ein eigenes Oberhaupt, einen Patriarchen gewünſcht, Photios ihn ver - weigert, die entſtehende bulgariſche Kirche ſollte von Konſtantinopel ab - hängig bleiben. Darauf ließ der Fürſt ſich von lateiniſchen Chriſten, die es in ſeinem Volk ſchon gab, beſtimmen, das, was die Griechen ihm vorenthielten, von Rom ſich geben zu laſſen. Jm Auguſt 866 traten ſeine Geſandten vor Nikolaus, baten ihn um Beſtellung eines Pa - triarchen, um Auskunft über eine lange Reihe von Fragen, die ſich keines - wegs nur auf kirchliche Dinge bezogen, und um Überſendung eines fertigen Geſetzbuches.
Wir müſſen es uns verſagen, bei der Antwort des Papſtes zu ver - weilen, ſo feſſelnd dieſes Zeugnis für den Sittenzuſtand eines ſoeben aus roher Natürlichkeit emportauchenden Volkes wie für die Überlegen - heit römiſcher Bildung iſt. Das Schriftſtück, das in 106 Punkten die Fragen der Bulgaren beantwortet, darf ein Muſter praktiſcher, er - zieheriſcher Weisheit heißen. Glänzend ſticht es ab von der weltfrem - den, hier beſonders unangebrachten Dogmatik, mit der Photios die Neu - bekehrten überſchüttet hatte, weitherzig und doch von aller bequemen Nachgiebigkeit fern, erhebt es ſich auch über die Anweiſungen, die Gre - gor I. in ähnlicher Lage nach England hatte ergehen laſſen. *)Vergl. Bd. I. S. 341 f.Das Weſent - liche für den Augenblick war, daß vor griechiſchen Bräuchen gewarnt, Anſchluß und Unterwerfung unter Rom eingeſchärft wurde, von dem die Biſchofswürde und das Apoſtelamt ausgegangen, deſſen Kirche von Flecken immer rein geblieben ſei. Den Landespatriarchen lehnte auch Nikolaus ab, weil dieſe Würde Rom, Alexandria und Antiochia allein zukomme, aber einen Erzbiſchof, der nur das Pallium von Rom erhalten müſſe, ſtellte er in Ausſicht, ſobald es im Lande mehrere Bistümer geben werde. Bei Worten und Verheißungen ließ er es nicht bewenden. Noch im Herbſt 866 machten ſich zwei Biſchöfe, von denen einer, Formoſus von Porto, uns noch oft begegnen wird, auf den Weg, um im Auftrag des römiſchen Stuhles den Aufbau der bulgariſchen Kirche in Angriff zu nehmen. Sie hatten alsbald die Genugtuung, daß der Fürſt öffentlich und in feierlicher Form ſeine Unterwerfung unter Rom erklärte: „ Alle Führer und das ganze Volk der Bulgaren ſollen wiſſen, daß ich von heute an der Knecht nächſt Gott des heiligen Petrus und ſeines Stell -102Höhepunkt des Streitsvertreters ſein werde. “ Die griechiſchen Prieſter wurden ausgewieſen, die bulgariſche Kirche ſchickte ſich an, römiſch zu werden.
Der Einbruch Roms in ein Gebiet, in dem die griechiſche Miſſion bereits mit Erfolg tätig war, ließ ſich durch nichts rechtfertigen, nicht einmal durch Zurückgreifen auf die ehemalige Zugehörigkeit Jllyriens zum Weſten, abgeſehen davon, daß dieſe ſeit mehr als 130 Jahren aufgehört hatte. Denn das bulgariſche Reich erſtreckte ſich über Land - ſchaften, die wie Möſien und Thrakien niemals römiſch, immer byzan - tiniſch geweſen waren. Zudem hatte die Synode zu Chalkedon (451) die Kirchen der Barbaren an den Grenzen des Reiches ausdrücklich dem Patriarchen von Konſtantinopel unterſtellt. Rechtsanſprüche hatte Rom hier alſo nicht. Wenn Nikolaus trotzdem eingriff, ſo mußte er ſich ſagen, daß er die Griechen zugleich an der verwundbarſten Stelle traf. Auch abgeſehen von allen Geſichtspunkten der Überlieferung und des Anſehens konnten Patriarch und Kaiſer, Kirche und Volk der Griechen das Ent - ſtehen einer römiſchen Kirchenprovinz vor den Toren Konſtantinopels niemals dulden. Jhre gefährlichſten Feinde waren die Bulgaren, mehr - mals ſchon hatten ſie die Hauptſtadt ſelbſt angegriffen. Sollte man es darauf ankommen laſſen, daß der Verſuch eines Tages unter der Loſung des wahren Glaubens, mit dem Segen Sankt Peters und Unterſtützung durch die Franken, mit beſſerem Erfolg wiederholt würde? Nikolaus muß gewußt haben, daß er viel unternahm, als er dieſen Angriffskrieg eröffnete.
Wenn nicht alles trügt, ſo erſtrebte er ein hohes Ziel. Den Geſandten nach Bulgarien folgten auf dem Fuß ein Biſchof und je ein Prieſter und Diakon, die nach Konſtantinopel beſtimmt waren. Am 13. November 866 abgefertigt, konnten ſie trotz der Jahreszeit ſogleich aufbrechen, da der Landweg durch Bulgarien jetzt offen ſtand. Ein ganzes Bündel von Briefen führten ſie mit ſich: an Kaiſer und Kaiſerin, an den Cäſar Bardas, an Senatoren und Klerus. Den Kirchen des außergriechiſchen Oſtens wurden die Akten des Streites ſeit ſeinen Anfängen mitgeteilt, dem Kaiſer mit einer abendländiſchen Synode gedroht, die ſein letztes, für den Weſten ſo beleidigendes Schreiben verfluchen und verbrennen laſſen werde. Andere wurden mit Überredung oder Schmeichelei um - worben, Photios erhielt Sündenregiſter und erneute Verurteilung, Jgnatios Troſt und Ermutigung. Zugleich wurde der Antrag vom vorigen Jahr erneuert: billiges Gericht in Rom, dem die Parteien ſich103Höhepunkt des Streitsſtellen ſollten. Der Zweck des Aufwands kann nur geweſen ſein, Photios 'Stellung zu untergraben, womöglich ihn zu ſtürzen. Er hatte — das konnte man in Rom wiſſen — viele Gegner, die Verhältniſſe in der Regierung waren nicht geſund: der Kaiſer verachtet, Bardas von Fein - den umgeben, durch einen kaiſerlichen Günſtling, den aufgedienten make - doniſchen Reitknecht Baſileios, heimlich bedroht. Die Ausſichten auf eine Umwälzung werden die in Rom lebenden Flüchtlinge aus dem Oſten nach Art aller Emigranten in lebhaften Farben geſchildert haben.
Daß ſie nicht ganz unrecht hatten, dafür lag bereits ein Anzeichen vor, das Nikolaus, als er ſeine Geſandten ausſchickte, infolge der ſchlechten Verbindungen nur noch nicht kannte. Ein halbes Jahr war es ſchon her, daß in Konſtantinopel eine der häufigen Palaſtrevolutionen geſpielt hatte: Bardas war auf Veranlaſſung des Baſileios ermordet und dieſer zum Mitregenten erhoben worden. Auf die Kirchenpolitik war das zunächſt noch ohne Einfluß, Photios behauptete ſich und behielt freie Hand, den Schlag, zu dem Nikolaus ausholte, aufzufangen. Die römiſchen Legaten ließ er an der Grenze feſthalten, forderte ein Glaubensbekenntnis und ſeine Anerkennung als Patriarch. Sie weigerten ſich und mußten um - kehren. Photios aber ſchritt zum Gegenangriff. Hatte er bisher geſchwie - gen oder höflich und verbindlich geſchrieben, ſo ließ er jetzt alle Rückſicht fallen. Zu handgreiflich war die Herausforderung, ja Bedrohung, die Nikolaus durch das Eingreifen in Bulgarien ſich erlaubt hatte, und an Waffen zur Abwehr fehlte es nicht. Den Angriff auf ſeine eigene Stel - lung beantwortete Photios, indem er ſeinerſeits Nikolaus zu ſtürzen unternahm. Auch er glaubte zu wiſſen, daß die Ausſichten günſtig ſeien.
So locker waren die Beziehungen zwiſchen Oſt und Weſt doch nicht, daß man in Konſtantinopel nicht längſt erfahren hätte, wie viele Feinde Nikolaus ſich gemacht hatte, welche Stimmung gegen ihn in weiten Kreiſen Jtaliens und des fränkiſchen Reiches bei Königen, Biſchöfen und Laien herrſchte, was zwiſchen ihm und den Erzbiſchöfen von Ra - venna, Köln und Trier vorgefallen war und daß ſein Verhältnis zum eigenen Kaiſer ſchon faſt ein Zerwürfnis war. Darüber lagen ſchriftliche Zeugniſſe vor, Briefe der Betroffenen, die ſich über den Papſt bitter beklagten und den Eindruck erweckten, als würde ein Stoß von außen genügen, um ihn zu Fall zu bringen.
Zu dieſem Zweck berief Photios eine Synode nach Konſtantinopel, lud auch die andern Patriarchen des Oſtens dazu ein. Jn dem Rund -104Synode in Konſtantinopel. Abſetzung des Papſtesſchreiben, in dem nun auch er ſein Wiſſen und ſeine Beredſamkeit leuch - ten ließ, ſcheute er ſich nicht, die Kluft, die ſich zwiſchen den Kirchen des Oſtens und des Weſtens längſt gebildet hatte, in ihrer ganzen Breite und Tiefe aufzudecken. Das Schriftſtück wurde zu einer flammenden Anklage gegen Rom und die Abendländer. Konſtantinopel, ſo hieß es da, iſt es geweſen, das auf den großen Synoden alle Ketzereien über - wunden hat, von wo die Quellen des rechten Glaubens ſich ergießen, um, wie Bäche das dürre Land, die trocken und unfruchtbar gewordene Menſchenſeele bis ans Ende der Welt neu zu beleben. So ſind die Armenier von ihrer Ketzerei, ſo iſt vor zwei Jahren das barbariſche und chriſtenfeindliche Volk der Bulgaren vom Heidentum bekehrt worden. Da aber haben Fremde aus Jtalien, die behaupten Biſchöfe zu ſein, ſich eingeſchlichen und Mißbräuche und Jrrlehren verbreitet. Sie laſſen am Samstag faſten, in der erſten Woche der Frühjahrsfaſten Milch und Käſe genießen, verbieten den Prieſtern die Ehe, erlauben nur den Biſchöfen, die Getauften zu ſalben, und — was allein tauſend Flüche rechtfertigen würde — laſſen im Glaubensbekenntnis den Geiſt vom Vater und vom Sohn ausgehen. Um dagegen Stellung zu nehmen, ſollen Vertreter aller Kirchen in Konſtantinopel zuſammenkommen. Von den Bulgaren iſt zu hoffen, daß ſie umkehren und den ihnen be - ſtimmten rechtgläubigen Biſchof annehmen werden. Aber es handelt ſich um mehr: der Weſten erwartet von Konſtantinopel Befreiung von der Tyrannei des eigenen Biſchofs, der ſich über die heiligen Geſetze hin - wegſetzt und die kirchliche Ordnung zerrüttet. Wohl nicht ohne Über - treibung ſpricht Photios von den Klagen, die ihm ſchon ſeit längerer Zeit und jüngſt wieder aus Jtalien zugegangen ſind, Abſchrift der er - haltenen Briefe legt er bei und läßt deutlich das Ziel erkennen: den Sturz des römiſchen Papſtes.
Jn dieſer Abſicht trat im Sommer 867 die Synode in Konſtantinopel zuſammen. Über ihrer Geſchichte liegt ein Schleier, den keine Hand zu heben vermag, da die Akten bei der nächſten Wendung der byzantiniſchen Kirchenpolitik vernichtet worden ſind. Nur das Ergebnis kennen wir: Abſetzung des Papſtes Nikolaus und Ausſchluß aller, die weiterhin zu ihm halten würden. Wie dieſer Beſchluß zuſtande gekommen iſt, wiſſen wir nicht. Die Gegner des Photios haben behauptet, Namen und Unter - ſchriften ſeien gefälſcht worden, in Wirklichkeit hätten nur einund - zwanzig Biſchöfe unterzeichnet, eine Synode habe überhaupt nicht ſtatt -105Abſetzung des Papſtesgefunden, und das Ganze ſei ein großer Betrug geweſen. Daß man Photios an Fälſchungskünſten viel zutrauen kann, hat er ſchon auf der Synode 861, noch mehr bei ſpäterer Gelegenheit bewieſen, von der wir noch hören werden. Aber ſeine Gegner verdienen kein größeres Ver - trauen, ihre Behauptungen gehen über das Glaubhafte weit hinaus. Die Wahrheit wird ſein, daß auch auf dieſer Synode wie auf ſo vielen früheren und ſpäteren der Knechtsſinn der Biſchöfe unter dem Druck der Staatsgewalt, über die der Patriarch verfügte, beſchloſſen hat, was gefordert war, und Fehlendes durch geeignete Korrektur der Akten ergänzt wurde. So war ein Beſchluß zuſtande gekommen, wie man ihn noch nicht erlebt hatte. Niemals hatte ein Konzil des Oſtens ſich zum Richter über einen römiſchen Biſchof aufgeworfen. Das hätte ja be - deutet, daß ihm der Vorrang vor den andern Patriarchen abgeſprochen wurde. Die Synode von 867 hat ſich nicht geſcheut, dies zu tun. Die Erläuterung zu ihrem Schritt bietet eine Abhandlung, die unter dem Namen des Photios geht und, wenn nicht von ihm verfaßt, doch ſeine Anſicht wiedergibt. Da wird der Anſpruch Roms auf irgendwelchen Primat offen beſtritten. Auf das Herrenwort bei Matthäus könne Rom ſich nicht berufen, denn der Fels der Kirche ſei nicht Petrus, ſondern der Glaube, den Petrus bekannte. Auch würde Antiochia als erſter Biſchofs - ſitz Petri, Jeruſalem als Wiege der Kirche und Konſtantinopel als Gründung des Andreas, des Erſtberufenen unter den Apoſteln, ein beſſeres Recht haben. Seinen Vorrang habe Rom zuerſt dem Kaiſer Aurelian zu verdanken gehabt, der ſich bei Entſcheidung des Streits um Antiochia zur Zeit Pauls von Samoſata nach dem Biſchof von Rom gerichtet habe*)Bd. 1, S. 39 und 42.. Die Synoden von Konſtantinopel 381 und Chalkedon 451 hätten ſich, als ſie Rom den erſten, Konſtantinopel den zweiten Platz gaben, an den hauptſtädtiſchen Charakter der beiden Orte gehalten, dieſen Charakter aber — ſo darf man aus andern Äußerungen von Photios ergänzen — hatte Rom verloren, ſeit es ſo tief geſunken und tatſächlich nicht mehr Hauptſtadt des Reiches war.
Das Abſetzungsdekret der Synode von Konſtantinopel war nicht als leerer Proteſt gemeint, ihm ſollte die Tat folgen, Nikolaus im eigenen Hauſe angegriffen und geſtürzt werden. Dazu wollte man ſich Kaiſer Ludwigs II. bedienen. Der erſte Schritt zu einer engen Verbindung der beiden Kaiſer war es, daß beim Schluß der Synode der Name Ludwigs106Drohende Gefahrenneben dem Michaels III. in die herkömmliche Huldigung aufgenommen wurde. Jhm wurde damit die Anerkennung als Mitregent des römiſchen Reiches zuteil, die, ſoviel wir wiſſen, ſeit Karl dem Großen kein fränki - ſcher Herrſcher erhalten hatte. Für Ludwig aber war nicht nur die Ehre wertvoll, er brauchte das Bündnis mit dem Oſten gegen die Araber, deren Bekämpfung ſeine vornehmſte Aufgabe war. Jhre Hauptſtadt Bari konnte er ohne die Hilfe der griechiſchen Flotte nicht nehmen. Aus dem Bündnis, ſo meinte man in Konſtantinopel, ſollte gemeinſames Vorgehen gegen den Papſt ſich ergeben. Darum wurden die Akten der Synode Ludwig zugeſandt.
Über die Vorgänge im Oſten wurde Nikolaus ſogleich von Bulgarien aus unterrichtet, er erhielt das Schreiben, in dem Photios den Fürſten zu gewinnen ſuchte. Wir wiſſen, in welcher Lage er ſich ohnehin befand: in Erwartung des Angriffs von Karl und Ludwig dem Deutſchen auf Lothar und den Kaiſer, deſſen Gegnerſchaft er ſich zugezogen hatte. Wenn nun Ludwig ſich vollends von den Griechen zum Vorgehen gegen ihn beſtimmen ließ, war höchſte Gefahr, zumal da Ludwig der Deutſche ſich den päpſtlichen Wünſchen verſagen zu wollen ſchien. Jm Verein mit ſeinen Biſchöfen hatte er ſich ſoeben für Lothar verwandt. Nikolaus machte die größte Anſtrengung, ihn davon abzubringen, aber welche Wirkung ſeine langen Briefe haben würden — einer füllt nicht weniger als zwölf Quartſeiten — war nicht ſicher. Sicherer war immer noch der Beiſtand der fränkiſchen Biſchöfe. Das Stichwort, ſie zu gewinnen, hatte Photios ſelbſt geliefert mit ſeinen Angriffen auf Rechtgläubigkeit, Kirchenbrauch und Kirchenſprache der Abendländer. Das traf die Fran - ken ebenſo wie die Römer, und mit guter Zuverſicht konnte Nikolaus ſie zur Unterſtützung in ſeinem Kampf aufrufen. Jn Erwartung einer allgemeinen Synode des Abendlands forderte er ſie auf, ſich gemeinſam und ſchriftlich gegen die Vorwürfe der Griechen zu erklären. Zugleich beeilte er ſich, mit Hinkmar Frieden zu ſchließen. Auf deſſen Recht - fertigung erwiderte er in verbindlichſter Form, verſicherte ihn ſeiner fortdauernden Gnade und ließ das aufgenommene Verfahren ſtill - ſchweigend fallen. Ein großer Waffengang von höchſt ungewiſſem Aus - gang ſchien bevorzuſtehen, in dem neben Wort und Schrift das Schwert nicht in der Scheide bleiben und vorausſichtlich den Ausſchlag geben würde.
Aber dazu ſollte es nicht kommen. Es kam vielmehr, wie wenn im107Nikolaus ſtirbtTrauerſpiel vor dem letzten Akt die Vorſtellung abgebrochen wird. Der Aufruf an die fränkiſchen Biſchöfe trägt das Datum des 23. Oktober, die Mahnungen an Ludwig den Deutſchen und ſeine Biſchöfe ſind acht Tage jünger. Zwei Wochen ſpäter war Nikolaus nicht mehr am Leben. Seit einiger Zeit ſchon ſchwer leidend, iſt er am 13. November 867 geſtorben, am Jahrestag ſeiner Kriegserklärung an Konſtantinopel.
Er ſtarb, ohne zu wiſſen, daß er einen Sieg erfochten hatte, bevor der Krieg begonnen war. Jn Konſtantinopel hatte es wieder eine Palaſt - revolution gegeben, Baſileios hatte ſeinen Gönner Michael III. er - mordet und ſich ſelbſt auf den leeren Thron geſetzt (25. September). Längſt mag der neue Alleinherrſcher der gewagten Kirchenpolitik ſeines Vorgängers mißbilligend zugeſehen haben; er beeilte ſich, ſie aufzugeben. Am Tage nach ſeiner Thronbeſteigung nötigte er Photios zum Rücktritt, zwei Monate ſpäter (23. November) wurde Jgnatios als Patriarch wieder eingeſetzt. Damit war der Gegenſtand, aus dem der Streit mit Rom entſprungen war, aus dem Weg geräumt; ein Kurier rief die Geſandten eilends zurück, die ſchon nach Jtalien aufgebrochen waren. Nur darum handelte es ſich noch, in welcher Weiſe der Friede mit Rom würde geſchloſſen werden. Die Gefahr, daß die Griechen einen Angriff auf den Papſt betreiben oder unterſtützen würden, beſtand nicht mehr.
So endete die ſtürmiſche Regierung Nikolaus 'I. Was hat ſie be - deutet, und welches war ihr Ertrag für die Entwicklung des Papſttums in Jdee und Wirklichkeit?
Wenig über ein Menſchenalter nach ſeinem To[d]e, als von ſeiner Regierung nichts mehr übrig war außer den Briefen, die Anaſtaſius für ihn verfaßt hatte, konnte der Abt Regino im Kloſter Prüm in der Eifel von ihm ſagen, Königen und Tyrannen habe er geboten und über ihnen geſtanden wie der Herr des Erdkreiſes, ein zweiter Elias. So lebt er fort und iſt er bis in unſere Tage oft geſchildert worden, als Eiferer für Recht und Sitte, einzig in ſeiner Zeit und auf lange hinaus. Dem fränkiſchen Abt mochte dieſes Bild ſich aufdrängen aus der Erinnerung an die gebieteriſche Sprache, mit der Nikolaus König Lothar und ſeinen geiſtlichen Helfershelfern begegnet war. Spätere haben ihn ebenſo nach ſeinen Worten beurteilt und ſich von ihrem Vollklang betäuben laſſen, ohne zu prüfen, was hinter den Worten ſtand und wie die Taten zu ihnen ſich verhielten. Wer dieſen Fehler vermeidet, der findet in108Nikolaus 'I. Platz in der GeſchichteNikolaus nicht den uneigennützigen und unerſchütterlichen Vorkämpfer des Rechts und der guten Sitte, für den man ihn ſo gerne erklärt. Er findet einen Politiker, der den eignen Vorteil wahrnimmt und ſeine Schritte nach den Umſtänden richtet; der zu offenkundigem Unrecht jahrelang ſchweigt, wie im Fall der Königin Dietburg; der mit zweierlei Maß zu meſſen weiß, wie gegenüber Karl dem Kahlen, dem er die vor - greifende Einſetzung Wulfhads zum Erzbiſchof von Bourges nicht übel - genommen hat; der die Billigkeit ſo ſehr vergißt, daß er einem Prä - laten wie Hinkmar nach zwanzigjähriger verdienſtvoller Amtsführung aus den unklaren Umſtänden vor ſeiner Erhebung einen Strick zu drehen ſucht, während er bei Jgnatios die gleichen Mängel ſchon nach zwölf Jahren verjährt ſein läßt; der ſogar im Falle des Photios ſich bereit zeigt, gegen entſprechenden Preis fünf gerade ſein zu laſſen.
Einen Kirchenpolitiker finden wir von unerhörter Kühnheit, ja Ver - wegenheit. Den uralten Machtkampf mit dem Oſten in äußerſter Schärfe zu erneuern wagt er, während er gleichzeitig das Seine dazu beiträgt, daß der Weſten bis an die Schwelle des Bruderkriegs ſich ſpalte. Es iſt ihm nicht genug, von den Reichen der Franken die eine Hälfte zu Feinden zu haben, er ſcheut ſich nicht, zu gleicher Zeit die Biſchöfe gegen ſich aufzubringen, indem er ſie behandelt, als hätten ſie nur ſeine gehorſamen Diener ohne eigenes Recht zu ſein. Über Formen und Jnhalt des geltenden Rechts ſetzt er ſich hinweg, bedient ſich einer Sprache, als verfüge er über unbegrenzte Machtmittel und könne jeden Widerſtand mühelos niederſchlagen. Jn Wirklichkeit iſt er dem Sturz einmal, zu Anfang 864, nur durch günſtige Fügung entgangen und gegen - über den Gegnerſchaften, die er wachrief, ohne eigene Macht abhängig geblieben vom guten Willen von Herrſchern wie Karl dem Kahlen und Ludwig dem Deutſchen, deren Unzuverläſſigkeit er erfahren hatte. Am Ende ſeiner Regierung ſchwebt er in ernſter Gefahr, aus der ihn und den römiſchen Stuhl vielleicht nur ſein Tod befreit hat.
Was neben der Verwegenheit ſeiner Politik am meiſten auffällt, iſt ihre herausfordernde Streitluſt. Jeden ſeiner Kämpfe hat Nikolaus als Angreifer begonnen, den gegen Lothar ebenſo wie den zweimaligen gegen Hinkmar und die weſtfränkiſchen Biſchöfe und am meiſten den gegen Photios. Man hat dieſem vorgeworfen, daß er durch Aufdeckung der trennenden Unterſchiede die dauernde Spaltung der Kirche eingeleitet habe. Wenn die unmittelbaren Folgen vielleicht überſchätzt werden, ſo109Nikolaus 'I. Platz in der Geſchichteiſt doch unleugbar, daß Photios aus der perſönlichen Streitfrage um den Stuhl von Konſtantinopel eine grundſätzliche zwiſchen den Kirchen des Abendlands und Morgenlands gemacht hat, die ſeitdem wohl zweihundert Jahre ſchlummern konnte, aber ſchließlich einmal zum offenen Bruch führen mußte. Man ſollte aber nicht vergeſſen, daß Photios der Angegriffene war, angegriffen in ſeiner Perſon, angegriffen in den Rechten ſeines Amtes als Bekehrer und geiſtlicher Leiter des bulgariſchen Volkes. Angreifer war Nikolaus und mehr als Angreifer, er war Eroberer. Dazu paßt der Ton ſeiner Äußerungen, gebieteriſch, herriſch, hochfahrend und verletzend, „ weit entfernt von der Beſcheiden - heit ſeiner Vorgänger “, wie Hinkmar meinte und mit ihm gewiß die meiſten fanden. Endlich die übereilte Gewaltſamkeit ſeines Vorgehens! Der plötzliche Sturz Radwalds, die formloſe Abſetzung der Erzbiſchöfe von Köln und Trier, die unvermittelt ſchroffe Wendung gegen Kon - ſtantinopel, die ſchon nach Jahresfriſt zum halben Rückzug führte, alle dieſe Schritte ſind mit wenig Überlegung unternommen, von der Leiden - ſchaft eingegeben.
Ohne Zweifel hat Nikolaus eine höchſt perſönliche Politik getrieben; ob es ſeine eigene Natur war, die darin zum Ausdruck kam, oder die Art des Anaſtaſius, dürfte ſchwerlich zu entſcheiden ſein. Der Mangel an Augenmaß, die Gewaltſamkeit des Verfahrens ſprechen für Anaſtaſius, den Mann, der es verſucht hatte, als dreimal Verfluchter, von der Gemeinſchaft Ausgeſchloſſener ſich des Papſttums mit Gewalt zu be - mächtigen. Aber nur bei weitgehender Weſensverwandtſchaft konnte dieſer Einfluß ſo mächtig werden und ſo tief wurzeln, daß er, einmal zur Geltung gekommen, auch nach der vorübergehenden Unterbrechung durch das Apokriſiariat des Arſenius, wieder obſiegte. Auf den Einfluß des Altertumsfreundes darf man es zurückführen, wenn die Regierung Nikolaus 'I. ausgerichtet erſcheint nach dem Jdeal einer eingebildeten Vergangenheit, was gelegentlich bis zu äußerlicher Nachahmung führt. Die Behandlung Radwalds von Porto iſt ſogar bewußte Nachahmung deſſen, was ſich im Jahre 484 im Kampf zwiſchen Felix III. und Aka - kios zugetragen hatte*)Siehe Bd. 1, S. 134.. Jſt es zu gewagt, wenn man den Mangel an Augenmaß, der die Regierung Nikolaus 'I. ſeit 863 kennzeichnet, im allgemeinen dem Einfluß des Gelehrten zuſchreibt, der mit allen Ge - danken in der Vergangenheit lebte?
110Nikolaus 'I. Platz in der GeſchichteJm Mittelpunkt dieſes Beſtrebens, die Wirklichkeit nach einem er - träumten Vorzeitbild umzuformen, ſteht der Verſuch, die Verfaſſung der Kirche durch eine angeblich urſprüngliche, in Wahrheit neuerdings erfundene zu verdrängen. Nikolaus I. reicht Pſeudoiſidor die Hand, der Papſt dem Fälſcher. Er hat damit ſo wenig Erfolg gehabt wie mit ſeiner ganzen Politik. Gegen Lothar hat er mit all ſeinen Urteilsſprüchen und Drohungen nichts erreicht; der König hielt an der Abſicht feſt, Waldrad zur rechtmäßigen Königin zu machen, und die abgeſetzten Erzbiſchöfe behaupteten ihre Plätze. Noch offenkundiger war die Niederlage in einem ähnlich gearteten geringeren Fall. Eine Gräfin Engeltrud war ihrem Gemahl Boſo, dem Bruder Dietburgs, mit einem Vaſſallen davongegangen und lebte mit dieſem im Reiche Lothars. Mit allen Strafen der Kirche gelang es Nikolaus nicht, ſie zur Rückkehr zu ihrem Gatten zu bewegen, offen trotzte ihm das Paar. Der poſtume Sieg über Photios war einem Glücksfall zu verdanken, auf den Nikolaus vielleicht gerechnet hatte, aber doch nicht mit beſſerem Grund, als der Spieler auf den Gewinn ſeines Loſes rechnet. Der Sieg hat ſich auch nicht behaupten laſſen, ſchon nach zehn Jahren war alles wieder verloren. Jm Falle Rothads hat Nikolaus zwar ſeinen Willen durchgeſetzt, aber nur dank beſonderen Umſtänden, die die fränkiſchen Biſchöfe nötigten, ſich ſeinem Machtſpruch zu fügen, den ſie nicht für recht hielten. Jm Falle Wulf - hads mußte er ſelbſt einſehen, daß er zu weit gegangen war, und vor dem feſten Widerſtand der Biſchöfe den Rückzug antreten, obgleich er den König für ſich hatte. Wie wenig die Neigung zum Gehorſam gegen Rom durch ſein Auftreten verſtärkt worden war, haben ſeine Nachfolger bald zu ſpüren gehabt. Der erſte Verſuch, die Kirche des Abendlandes der ſchrankenloſen Alleinherrſchaft des römiſchen Biſchofs zu unter - werfen, iſt nicht gelungen, ein päpſtliches Regiment nach den Grund - ſätzen Pſeudoiſidors iſt damals als widerrechtlich abgelehnt worden. Mit dem, was er erſtrebte, hatte Nikolaus ſeiner Zeit zuviel zugemutet, der Rückſchlag war vorauszuſehen, und das Schickſal, dem das Papſt - tum nach ſeinem Tode verfiel, ſpricht deutlich genug dafür, daß auch ihm bei längerem Leben kein bleibender Erfolg zuteil geworden wäre.
Kaum war Nikolaus tot, ſo entlud ſich die Spannung der Gegenſätze in einem Wahlkampf von ungewöhnlicher Heftigkeit und Dauer. Ein Monat verging, während deſſen es zu Verhaftungen von Perſonen kam, die dem Kaiſer als Verräter bezeichnet waren, andere flüchteten, und noch am letzten Tage brach der Herzog von Spoleto mit Truppen in die Stadt, die ſich jede Art von Ausſchreitungen erlaubten. Faſt ſcheint es, als hätte Anaſtaſius noch einmal nach der höchſten Würde geſtrebt. Ob er wirklich, wie man ihm ſpäter ſchuld gab, die Blendung eines Prie - ſters veranlaßt hat, muß auf ſich beruhen. Er benutzte die herrſchende Verwirrung zu einem Verſuch, die Zeugniſſe ſeiner einſtigen Verdam - mung zu beſeitigen; die Akten darüber entfernte er aus dem Archiv. Die Jnſchrift in Sankt Peter hat er freilich nicht beſeitigen können. Schließ - lich einigten ſich die Parteien, deren keine den Sieg zu erringen ſich zu - traute, auf Hadrian, den Prieſter von Sankt Markus. Er war der Sohn eines Biſchofs aus vornehmer Familie, die im Laufe des Jahr - hunderts ſchon zwei Päpſte, Stefan IV. und Sergius II., geſtellt hatte, und ſtand im Ruf großer Freigebigkeit. Die Vertreter des Kaiſers ſcheinen nicht für ihn geweſen zu ſein, da man ſie a[n]ſeiner Einführung in den Palaſt nicht teilnehmen ließ, Ludwig II. aber genehmigte die Weihe, die am 12. Dezember vollzogen wurde.
Hadrian II., wenn nicht alles trügt, ein unbedeutender, ja ſchwacher Mann, ſah ſich in eine der ſchwierigſten Lagen geſtellt. Ein ſolches Maß von Erbitterung hatte Nikolaus hinterlaſſen, daß man vom Nachfolger nichts mehr und nichts weniger verlangte als ſeine förmliche Verdam - mung. Seine Maßregeln ſollten aufgehoben, ſeine Erlaſſe vernichtet werden. Das forderten die Freunde des Kaiſers im Hinblick auf die Sache König Lothars, und es hieß, Ludwig ſelbſt ſtehe hinter ihnen. Auch in der Griechenfrage ſollte kehrtgemacht werden, ſchon fürchteten die Anhänger des Jgnatios, die in Rom eine Zuflucht gefunden hatten, Hadrian werde Photios anerkennen. Die Gefahr muß ernſt geweſen112Hadrian II. lenkt einſein, da Anaſtaſius für nötig hielt, die Biſchöfe des fränkiſchen Reiches zu Hilfe zu rufen: ſie ſollten nicht dulden, daß das Anſehen der Kirche zerſtört werde. Er arbeitete damit wohl nicht weniger für ſich und ſeine Partei als für ſeinen toten Herrn. Des Papſtes ſelbſt, dem er das Zeug - nis vortrefflicher Sitten nicht vorenthielt, zeigte er ſich keineswegs ſicher. Er ſei ganz abhängig von Arſenius, und dieſem mißtraute der eigene Neffe.
Das Mißtrauen war unbegründet. Arſenius, der ſein Amt als Apokriſiar nun in vollem Umfang ausüben konnte, hielt ſich von ein - ſeitiger Parteinahme frei und zeigte ſtaatsmänniſches Geſchick. Unter ſeinem Einfluß ſchlug Hadrian eine Politik der Vermittlung ein, die die Gegenſätze verſöhnen ſollte. Man mag ſie ſchwach nennen, aber in der damaligen Lage war ſie wohl das einzig Mögliche, wollte man nicht den offenen Krieg heraufbeſchwören, bei dem Kirche und Stadt nur zu verlieren hatten. Wie unſicher Hadrian ſich gefühlt haben muß, zeigt eine Rede, die er in den erſten Tagen an die um ihn verſammelten Biſchöfe gehalten hat. Er bekämpft darin das Verlangen, daß die Ur - teile ſeines Vorgängers über Lothar und die abgeſetzten Biſchöfe um - geſtoßen würden, denn Urteile des römiſchen Stuhles ſeien unwiderruf - lich, und Zurücknahme verhängter Strafen ſetze wenigſtens Buße vor - aus. Gleichwohl will er ſich einem einhelligen Beſchluß nicht widerſetzen, warnt aber vor den Folgen und bittet flehentlich, ja beſchwört die Ver - ſammelten hoch und heilig, die Aufhebung eines apoſtoliſchen Urteils nur in Gemeinſchaft mit den Biſchöfen aller Königreiche, ja womöglich auch des Oſtens zu betreiben und auf den Kaiſer zu wirken, daß er die römiſche Kirche ſchütze und erhöhe und ſie nicht in den Abgrund ſtürzen laſſe. Zur Stütze ſeines Anſpruchs verlas er eine Reihe von Äußerungen der „ Väter “, die von den Befugniſſen des römiſchen Biſchofs handelten und die Vermeſſenheit derer widerlegen ſollten, die ihm kein größeres Recht als jedem Metropoliten oder Erzbiſchof einräumen wollten. Die Sätze, einundzwanzig an Zahl, waren ſämtlich aus Pſeudoiſidor ent - nommen, der im letzten ſogar mit ſeinem vollen Namen, Jſidoru[ſ]Mercator, genannt wurde. Das muß Eindruck gemacht haben. Man beſtand nicht auf der urſprünglichen Forderung, aber zu Zugeſtändniſſen ſah Hadrian ſich doch genötigt. Er ließ es geſchehen, daß an der Meſſe, die er feierte, zwei von den fünf Biſchöfen, die Nikolaus abgeſetzt hatte, Dietgaud von Trier und Zacharias von Anagni, unter den Geiſtlichen113Hadrian II. lenkt einteilnahmen. Jhnen ſchloß ſich von der andern Seite Anaſtaſius an; er war damit, ebenſo wie jene, in ſeine Prieſterwürde wiedereingeſetzt. Daß er gleichzeitig zum Bibliothekar ernannt wurde, verrät, daß Oheim und Neffe ſich wiedergefunden hatten, um gemeinſam den neuen Papſt zu beraten. Die Griechen gewann Hadrian, indem er ſie zu Tiſche lud und die Gelegenheit zu einer eindrucksvollen Huldigung für ſeinen Vorgänger benutzte. Der Rückzug gegenüber Hinkmar, den ſchon Niko - laus eingeleitet hatte, wurde unverhüllt ausgeführt. Die Synode von Troyes erhielt auf ihr Schreiben eine Antwort, wie ſie entgegenkom - mender nicht lauten konnte. Jhre Beſchlüſſe wurden beſtätigt, von der Sache Ebos ſollte nicht mehr geſprochen werden, und über den unbe - quemen Antrag, die Rechtsfrage durch Erneuerung der angeblichen alten Dekretalen zu klären, wurde mit Stillſchweigen hinweggegangen. Der König und Hinkmar bekamen hohes Lob zu hören, Hinkmar überdies die Aufforderung, in ſeinem Eifer nicht nachzulaſſen, und die Ver - ſicherung, der Papſt werde in der Sache Lothars der Haltung ſeines Vorgängers treu bleiben. Daraufhin glaubte Hinkmar ſchon in dieſer Angelegenheit ſich für den Vertreter des Papſtes halten zu dürfen.
Darin täuſchte er ſich wohl; Hadrian hatte ſchon begonnen, auch gegenüber Lothar einzulenken.
Kaum war die Nachricht vom Wechſel auf dem päpſtlichen Thron über die Alpen gelangt, ſo hatte Lothar ſich beeilt, ſeinen Kanzler nach Rom zu ſchicken mit einem Schreiben, worin er ſeinen Wunſch nach perſönlicher Begegnung ausſprach. Es heißt, Arſenius ſelbſt habe ihn zu dieſem Schritt aufgefordert. Gleichzeitig erſchien Dietburg in Rom, um im Einverſtändnis mit dem König ihre Scheidung zu betreiben. Dieſe lehnte Hadrian ab, aber ſchon aus der Vertröſtung auf ein künf - tiges Konzil, auch aus der Anrede „ erhabener König “, mit der er beehrt wurde, konnte Lothar erſehen, daß der Wind umgeſchlagen war. Das wichtigſte aber war: die Exkommunikation Waldrads wurde aufge - hoben und ſowohl Karl wie Ludwig der Deutſche vor jedem Angriff auf den Kaiſer oder ſeinen Bruder dringend gewarnt. Die Politik Niko - laus 'I. war aufgegeben. Ein kleines, aber deutliches Zeichen dafür: früher hatte der Papſt mit Lothar durch Vermittlung Karls verkehrt, jetzt war es Lothars Kanzler, der Karl die päpſtlichen Schreiben über - brachte.
Die letzten waren vom 8. März 868 datiert. Zwei Tage ſpäterHaller, Das Papſttum II1 8114Arſenius und Anaſtaſius geſtürztgeſchah etwas Ungeheuerliches, das uns einen Blick in die Sitten des römiſchen Adels jener Tage tun läßt. Hadrian war verheiratet geweſen, ſeine Gattin lebte noch, und eine Tochter aus dieſer Ehe wurde, gleich - viel ob aus Leidenſchaft oder Berechnung, von Eleutherius, dem Sohn des Arſenius, zur Frau begehrt. Das Hindernis, daß ſie bereits einem andern verlobt war, beſeitigte der ſtürmiſche Werber, indem er ſie ent - führte. Arſenius, den man für den Anſtifter der Tat hielt, konnte ſich in Rom nun nicht halten. Seine Schätze — er galt für äußerſt habgierig — packte er zuſammen und begab ſich zum Kaiſer. Dort muß er Erfolg gehabt haben, denn er befand ſich ſchon auf dem Rückweg nach Rom, als ihn in Monte Caſſino der Tod ereilte. Von ſeinem ſchrecklichen Ende erzählte der Haß ſeiner Feinde bald eine Schauermär, die ſogar Hink - mar in ſeinen Annalen ſich nicht verſagt hat zu erwähnen. Nun rief Hadrian ſeinerſeits den Kaiſer zu Hilfe, und Ludwig ſandte Boten, den Entführer zu ſtrafen. Dieſer aber ging in der Wut über das Scheitern ſeiner Pläne ſo weit, die Geraubte ſamt deren Mutter, des Papſtes Gemahlin, umzubringen. Er wurde hingerichtet. Jn den Sturz des Hauſes wurde auch Anaſtaſius verwickelt. Man beſchuldigte ihn, den Vetter zu ſeinem Verbrechen getrieben zu haben. Hadrian ſtellte ihn vor Gericht und verurteilte ihn zu erneutem Verluſt der Prieſterwürde, ent - zog ihm bis auf weiteres auch die Laienkommunion und ließ ihn bei Strafe der Ausſtoßung aus der Kirche ſchwören, das endgültige Urteil einer Synode in Rom zu erwarten. Dieſes muß zugunſten des Be - ſchuldigten ausgefallen ſein, denn wir finden Anaſtaſius ſchon im nächſten Jahr im Dienſt des Kaiſers an hervorragender Stelle tätig, und ſpäter beim Nachfolger Hadrians in Gnaden. Sein Amt als Bibliothekar hat er bis zu ſeinem Tode behalten. Unter Hadrian jedoch hatten er und ſeine Sippe keinen Einfluß mehr. Wer an ihre Stelle getreten iſt, bleibt dunkel, dem Papſt aus ſeinen Verlegenheiten zu helfen haben ſie nicht vermocht.
Einen äußeren Triumph brachte ihm, ohne ſein Zutun, die Wendung, die ſchon zu Lebzeiten Nikolaus 'im Oſten eingetreten war. Wann man in Rom die erſte Kunde davon erhalten hat, daß Michael III. tot, Baſileios Kaiſer, Photios geſtürzt und Jgnatios wieder eingeſetzt ſei, wiſſen wir nicht. Die amtliche Anzeige des Geſchehenen überbrachte erſt im Som - mer 868 ein Offizier der Leibwache; am 1. Auguſt konnte Hadrian ſie unter Lobpreiſungen für den neuen Kaiſer mit der Verſicherung beant -115Friede mit Konſtantinopelworten, er werde nie von den Entſcheidungen ſeines Vorgängers ab - weichen. Wenig ſpäter muß die feierliche Geſandtſchaft der Griechen, ein Metropolit und ein Offizier, in Rom eingetroffen ſein. Jhnen hätten Vertreter der Partei des Photios gegenübertreten ſollen, die gleichzeitig abgereiſt waren, um — ſo wollte es der Kaiſer — dem Urteil des Papſtes ſich zu unterwerfen — eben das, was Nikolaus verlangt hatte. Aber das Schiff, das ſie beförderte, ging unter, ſie ertranken alle bis auf einen Mönch, der nicht aufzutreten wagte. So fanden die Kaiſerlichen keinen Gegner, als ſie im Spätſommer 868 vor dem Papſt erſchienen. Jhr Geſchäft hätte bald abgemacht ſein können, wären nicht gleichzeitig zwi - ſchen den beiden Kaiſern, dem Griechen und dem Franken, Verhand - lungen über ein enges Bündnis zum Kriege gegen die Araber geführt worden, deren Ergebnis der Papſt abwarten mußte. So kam es, daß die Synode, auf der er den Griechen antworten wollte, erſt Anfang Juni 869 zuſammentrat. Sie beſchloß, wie zu erwarten war: Photios und ſein Konzil ſind verdammt wegen gottesläſterlicher Auflehnung gegen den apoſtoliſchen Stuhl von Rom; die Akten des Konzils wie auch alle andern Schriften gegen Rom und Nikolaus ſind auszuliefern und zu ver - brennen; Photios trifft die Ausſtoßung aus der Kirche mit Ausſicht auf Zulaſſung zur Laienkommunion im Fall reuiger Unterwerfung, ſeine Mitſchuldigen erhalten Verzeihung, ſofern auch ſie das Konzil ver - dammen und die Akten ausliefern. Mit der Ausführung wurde ſogleich begonnen: die griechiſchen Geſandten übergaben einen Band, enthaltend das Protokoll der letzten Synode von Konſtantinopel, warfen ihn zu Boden, traten ihn mit Füßen und zerſtachen ihn. Die Fetzen wurden auf der Treppe zu Sankt Peter verbrannt, während der Lobgeſang auf Hadrian und Nikolaus in beiden Sprachen erſcholl.
Mit dem Bericht hierüber machte ſich alsbald eine päpſtliche Ge - ſandtſchaft, die Biſchöfe von Oſtia und Nepi und der Diakon Marinus, auf den Weg nach Konſtantinopel. Sie waren angewieſen, eine all - gemeine Synode unter ihrem Vorſitz zu fordern und auf ihr die ſchweben - den Fragen gemäß den in Rom gefaßten Beſchlüſſen zu entſcheiden. Am 25. September waren ſie am Ziel, feierlich und glänzend empfangen, zwei Tage ſpäter durften ſie den Kaiſer begrüßen, der ihnen erklärte, er erwarte von ihnen Frieden und Einheit der Kirche nach den Ver - fügungen Nikolaus 'hergeſtellt zu ſehen. Am 5. Oktober wurde die Synode eröffnet, die dieſes Geſchäft abſchließen ſollte. Der Kaiſer war116Achte Synodemit ſeinen Söhnen ſelbſt zugegen, umgeben von zahlreichen hohen Wür - denträgern, und griff wie dieſe wiederholt perſönlich ein. Den Römern wurde nicht nur der erſte Platz eingeräumt, ſie leiteten durchaus die Ver - handlungen. Neben ihnen ſaßen als Vertreter von Antiochia und Jeru - ſalem der Erzbiſchof von Tyrus und ein Mönch. Sie ließen von Anfang an keinen Zweifel darüber, daß Photios bei ihnen ſowenig wie in Rom jemals anerkannt worden ſei. Anſcheinend herrſchte alſo vollkommene Einigkeit, und doch zogen ſich die Verhandlungen noch lange hin, ſteiger - ten ſich wiederholt zu ſcharfem Wortgefecht und endeten ſchließlich mit einem kaum verdeckten Mißklang. Erſchwert waren ſie von Anfang an dadurch, daß über das einzuſchlagende Verfahren zwiſchen den Römern einerſeits, dem Kaiſer und den Griechen andererſeits keine Übereinſtim - mung beſtand. Darüber hatte man ſich ſchon in Rom nicht einigen kön - nen. Die Römer verlangten, daß das päpſtliche Verdammungsurteil über Photios und ſeinen Anhang einfach zur Kenntnis genommen und von allen Biſchöfen, die irgendwie mit Photios in Verbindung geſtanden hatten, wenn ſie im Amt bleiben wollten, durch eine vorgeſchriebene Erklärung ſchriftlich anerkannt werde. Die Griechen dagegen wollten die Schuldigen vor der Synode zu Wort kommen laſſen, alſo ſelbſtändig unterſuchen und urteilen. Nach einigem Hin und Her einigte man ſich, daß Photios und ſeine Anhänger vorgeführt werden ſollten, aber nur, um ihr Urteil zu vernehmen. Jndeſſen konnten die Römer nicht verhin - dern, daß es dabei doch zu langen und erregten Reden und Gegenreden kam, die ſchon ſtark an ein richtiges Verhör erinnerten. Photios benahm ſich ſtandhaft und würdig, lehnte zunächſt ab zu erſcheinen, verweigerte, als er dazu gezwungen wurde, jede Auskunft, jede Antwort und begnügte ſich mit der ſtolzen Erklärung: „ Mein Urteil wird nicht in dieſer Welt geſprochen. “ So traf ihn der Spruch, der im voraus feſtſtand: Aus - ſtoßung aus der Kirche. Sein Schickſal teilte, der ihn geweiht hatte, Gregor von Syrakus; desgleichen ſeine Anhänger, ſoweit ſie ſich nicht dazu verſtanden, die Verdammung ihres Führers und der letzten Synode von Konſtantinopel zu unterſchreiben. Die Akten dieſer Synode wurden verbrannt, ihre Einziehung und Vernichtung im ganzen Reich und im Orient befohlen. Das iſt ſo gründlich durchgeführt worden, daß nicht eine Zeile von ihnen auf die Nachwelt gekommen iſt. Jn acht Sitzungen war man am 5. November ſo weit gelangt, der Schluß der Synode wurde über den Winter hinaus vertagt. Erſt am 12. Februar 870 trat117Römiſcher Triumphſie wieder zuſammen. Jnzwiſchen war die Zahl der Anweſenden, die anfangs nur zwölf betragen hatte, auf 102 geſtiegen, offenbar durch Übertritt zahlreicher Photianer. Außerdem war ein Vertreter des Patriarchen von Alexandria eingetroffen, der ſein Einverſtändnis mit den Beſchlüſſen erklärte. An der Sitzung nahmen Geſandte Kaiſer Ludwigs II. teil, zwei fränkiſche Herren und Anaſtaſius, der Biblio - thekar der römiſchen Kirche. Es wurden einige Würdenträger vernom - men, die im Jahre 861 die widerrechtliche Erhebung des Jgnatios be - ſchworen hatten. Sie geſtanden, auf Befehl des Kaiſers falſch geſchworen zu haben. Damit war auch die Wiedereinſetzung des Jgnatios gerecht - fertigt, und am 28. Februar konnte die Synode nach Austauſch der üb - lichen feierlichen Wechſelreden auseinandergehen. Unter den Geſetzen, die ſie in der letzten Sitzung beſchloſſen hatte, bezogen ſich drei auf den abgeſchloſſenen Streit: daß die Erlaſſe der Päpſte Nikolaus und Hadrian in Sachen des Photios aufzubewahren, alle Weihen des Photios un - gültig ſeien und in Zukunft kein Laie zum Patriarchen gewählt werden dürfe.
Der Friede war geſchloſſen unter Führung Roms und nach den Richt - linien, die in Rom gezogen waren. Nikolaus hatte im Tode geſiegt. Das war während der Verhandlungen immer wieder gefliſſentlich betont worden, vom Kaiſer, von den Vertretern des Orients wie von den Grie - chen. Jn jeder Hinſicht, nach Jnhalt und Form, war die Synode ein römiſcher Triumph. Daß die päpſtlichen Vertreter das Protokoll mit dem Vorbehalt „ bis zur Entſcheidung meines Biſchofs “unterzeichneten, machte es vollends deutlich: Konſtantinopel hatte ſich Rom unterworfen. Das empfanden die Griechen, und nicht nur die Biſchöfe; auch der Kaiſer war unzufrieden. Er erlaubte, daß denen, die als ehemalige Photianer die vorgeſchriebene Unterwerfung unterzeichnet hatten, ihre Urkunden heimlich ausgeliefert wurden, um die Spur dieſer Beugung unter Rom zu zerſtören. Aber die Römer merkten es, verlangten und erreichten die Rückgabe der entwendeten Stücke. Der Kaiſer war ohne - hin durch den Ausgang der Synode verſtimmt. Er hätte gewünſcht, durch eine allgemeine bedingungsloſe Begnadigung den Frieden in ſeiner Reichskirche zu beſiegeln und für die Dauer zu ſichern. Das hatten die Römer gemäß ihren Weiſungen verhindert: wer nicht unterſchrieb, ſollte ſeine Würde verlieren. Dem Kaiſer blieb nur übrig, den Papſt nach - träglich um Begnadigung zu bitten. Aber auch Hadrian mußte zuletzt118Bulgarien verloreneine Pille ſchlucken, die ſeinem Triumph einen bittern Nachgeſchmack gab. Es handelte ſich um Bulgarien.
Jn dieſem Lande hatten römiſche Legaten, allen voran Formoſus von Porto, ſeit 867 die Kirche eingerichtet. Nur eines fehlte noch, das eigene einheimiſche Oberhaupt, der Patriarch oder Erzbiſchof. Fürſt Boris - Michael hatte wiederholt um ihn gebeten, hätte am liebſten Formoſus in dieſer Eigenſchaft behalten, aber auch einen andern von den Legaten. Jn Rom wurde das ſtandhaft verweigert und ſtatt deſſen nur ein Sub - diakon geſandt, den man im Lande nicht kannte und ſogleich heimſchickte, da er offenbar ſchon zu ſpät gekommen war. Durch die Ablehnung ſeiner Wünſche hatte der Fürſt ſich abgeſchreckt gefühlt und ſich nun wieder nach Konſtantinopel gewandt, wo man ihm ohne Zweifel beſſere Aus - ſichten gemacht hat. So kam es drei Tage nach Schluß der Synode in Konſtantinopel zu einem Nachſpiel. Die Römer wurden zum Kaiſer gerufen und fanden hier außer den Vertretern der Patriarchen des Oſtens Geſandte des Bulgarenfürſten, die zu wiſſen verlangten, ob ihre Kirche von Rechts wegen zu Rom oder zu Konſtantinopel gehöre. Die Vertreter von Alexandria, Antiochia und Jeruſalem, um ihr Urteil erſucht, ſtellten feſt, daß das Land bis zu ſeiner Eroberung griechiſch geweſen ſei und darum jetzt, da es chriſtlich geworden, wiederum grie - chiſch ſein müſſe. Es nützte den Römern nichts, daß ſie auf die ehemalige Zugehörigkeit Jllyriens zum Weſten, auf die freiwillige Wendung der Bulgaren zu Rom und die Einrichtung ihrer Kirchen durch Rom ver - wieſen, auch den Orientalen die Befugnis abſprachen, über römiſche Rechte zu Gericht zu ſitzen. Sie mußten hören, es ſei durchaus unſtatthaft, daß ſie, die dem griechiſchen Reich untreu geworden und ſich den Franken verbunden hätten, auf griechiſchem Boden Weihen erteilen ſollten. Da - bei blieb es.
Der Groll über den Abfall Roms zu den Franken war ſchon auf der Synode in einer Formfrage zum Ausdruck gekommen. Jm Protokoll der letzten Sitzungen war die Anweſenheit der Geſandten Ludwigs II. wohl vermerkt, Ludwig aber nur mit dem Beiwort „ der erlauchte Franke “, ohne jeden Herrſchertitel, genannt, als ob man ſich auch darin ſo ſcharf wie möglich von Photios hätte unterſcheiden wollen, auf deſſen Synode dem Franken der Kaiſertitel zuerkannt worden war. Die Ver - ſtimmung der Griechen war überhaupt tief, tiefer als ſolche Äußerlich - keiten verrieten, und der Rückſchlag der Demütigung, die man notge -119Verſtimmung beiderſeits. Lothar II. in Romdrungen auf ſich genommen hatte, iſt nicht ausgeblieben. Wer zunächſt darunter zu leiden hatte, waren die heimkehrenden Vertreter des Papſtes. Jn ſeinem Ärger unterließ der Kaiſer, ihr Schiff durch Kriegsſchiffe geleiten zu laſſen, ſie wurden in der Adria von kroatiſchen Seeräubern überfallen, ausgeplündert, ihrer Papiere beraubt und erhielten erſt auf Verwendung Kaiſer Ludwigs die Freiheit. Zum Glück hatte Anaſtaſius von den Akten der Synode ein Exemplar erhalten, das nun als Erſatz dienen konnte. Hadrian hatte allen Grund, in ſeiner Antwort an den Kaiſer über dieſe Rückſichtsloſigkeit ſich bitter zu beklagen. Er rächte ſich, indem er dem Kaiſer die Bitte um Begnadigung der Photianer abſchlug. Aber Baſileios war nicht der Mann, ſich dadurch in ſeinen Abſichten beirren zu laſſen, er ging über die Weigerung des Papſtes hinweg und ließ den Beſchluß der Synode in dieſem Punkt unausgeführt. Damit verriet er, daß er ſich die Rückkehr zu Photios offen halten wollte, wozu auch die zuvorkommende Behandlung des geſtürzten Patriarchen paßte: er wurde zum Lehrer der kaiſerlichen Prinzen beſtellt. Hadrian aber hatte kein Mittel, das zu ändern, und mußte ſich darein finden, ſtillſchweigend beiſeitegeſchoben zu ſein. Wenn er Gewinn und Unkoſten des abge - ſchloſſenen Geſchäfts berechnete, ſo konnte er wohl zweifelhaft werden, ob der äußere Triumph, den ihm die Synode gebracht hatte, nicht mehr als aufgewogen war durch den Verluſt Bulgariens und die gegenſeitige Verſtimmung, die jetzt zwiſchen Rom und Konſtantinopel herrſchte.
Wenden wir uns den fränkiſchen Angelegenheiten zu. Das halbe Entgegenkommen, das ihm der Papſt zeigte, hatte Lothar den Mut gegeben, den Plan, von dem er ſo oft geſprochen, nun endlich ins Werk zu ſetzen und ſeine Sache perſönlich in Rom zu führen. Von Ludwig dem Deutſchen brauchte er nichts zu fürchten, der Oheim verſprach ihm ſo - gar, einer Anerkennung Waldrads als Königin kein Hindernis zu berei - ten. Karl der Kahle ſoll ſich zwar zu nichts verpflichtet haben, aber auch von dieſer Seite fühlte ſich Lothar ſicher genug, um zu Anfang des Jahres 869 die Reiſe anzutreten. Seinem kaiſerlichen Bruder, auf deſſen Unterſtützung er angewieſen war, kam er höchſt ungelegen. Lud - wig, mitten im Krieg gegen die Araber begriffen, mit der Belagerung von Bari beſchäftigt, für die er auf die Mitwirkung der griechiſchen Flotte hoffte, ließ den Bruder wiſſen, er könne ihn nicht empfangen und befehle ihm, in ſein Reich zurückzukehren. Aber Lothar ließ ſich nicht120Lothar II. in Rom. Sein Todabſchrecken, begab ſich zur Kaiſerin Engelburg, die in Benevent den Fortgang des Feldzugs abwartete, und erreichte durch ihre Vermittlung, daß Ludwig dem Papſt Weiſung zugehen ließ, nach Monte Caſſino zu kommen, wo er Lothar und die Kaiſerin treffen werde. Es kennzeichnet die Lage, in der Hadrian ſich befand, daß er ohne Widerrede gehorchte. Am 1. Juli fand die Begegnung ſtatt. Lothar leiſtete den geforderten Eid — den nicht wenige für falſch hielten — daß er mit Waldrad ſeit ihrer Ausſchließung keine Gemeinſchaft gehabt, ſie nicht einmal ge - ſprochen habe, durfte daraufhin der Meſſe des Papſtes beiwohnen und empfing von ihm das Abendmahl. Auch Günther von Köln, der in ſeinem Gefolge gekommen war, wurde als Laie in die kirchliche Gemeinſchaft wieder aufgenommen gegen die ſchriftliche Erklärung, daß er ſeine Ab - ſetzung anerkenne, keine geiſtliche Würde mehr erſtreben und gegen die römiſche Kirche nichts unternehmen werde. Dem zurückkehrenden Papſt folgte Lothar auf dem Fuße nach Rom, wo er bei Sankt Peter Woh - nung nahm. Jhm wurde ein kalter Empfang zuteil, zu ſeiner Begrüßung war niemand erſchienen und die Herberge nicht gerüſtet. Vor ihm in Sankt Peter Meſſe zu leſen, weigerte ſich Hadrian, alles, was der König für die reichen Gaben erhielt, die er in Monte Caſſino und jetzt dem Papſt darbrachte, war eine Einladung zum Eſſen und einige un - bedeutende Geſchenke. Wenn er geglaubt hatte, die Feſtung im Sturm erobern zu können, ſo hatte er ſich geirrt. Hadrian blieb vielmehr dabei, die Entſcheidung der Hauptfrage dem Konzil zu überlaſſen, das er im März in Rom unter Teilnahme von je vier Biſchöfen aus den Reichen Ludwigs des Deutſchen und Karls des Kahlen nebſt einigen Lothariſchen abzuhalten gedachte. Zur Vorbereitung ſollte Biſchof Formoſus von Porto ins Fränkiſche gehen.
Es bedurfte deſſen nicht mehr. Lothar hatte während ſeines Ver - weilens in dem gefährlichen Monat Juli in Rom nicht die nötige Vor - ſicht beobachtet. Als er kaum die Stadt verlaſſen hatte, brach in ſeinem Gefolge die Malaria aus und forderte viele Opfer. Jn Lucca erkrankte der König ſelbſt, ſetzte aber trotzdem die Reiſe fort. Jn Piacenza ver - ſchlimmerte ſich ſein Zuſtand, und in der Frühe des 8. Auguſt war er eine Leiche. Jn einem benachbarten kleinen Kloſter beſtatteten ihn die wenigen überlebenden Begleiter.
Wenn Hadrian etwa geglaubt haben ſollte, durch dieſe unerwartete Schickſalswendung aus Verlegenheiten befreit zu ſein, ſo würde er ſich121Hadrian und Karl der Kahlegetäuſcht haben. Die Verlegenheiten traten jetzt vollends an ihn heran. Auf die Todesnachricht hin hatte Karl der Kahle ſich ſogleich aufge - macht, um Lothars Reich in Beſitz zu nehmen, war aber nach anfäng - lichen Erfolgen auf den Einſpruch Ludwigs des Deutſchen geſtoßen, der ihn an den Vertrag von Metz (867) erinnerte und Teilung der Beute verlangte. Sie erfolgte, nachdem ſchon im März ein Vorvertrag ge - ſchloſſen war, zu Meerſſen am 8. Auguſt 870, genau ein Jahr nach dem Tode Lothars. Der Leidtragende dabei war Kaiſer Ludwig, der recht - mäßige Erbe. Umſonſt hatte er ſeine Anſprüche angemeldet, ſie blieben unbeachtet, und da er, durch den Krieg in Unteritalien gefeſſelt, nichts unternehmen konnte, hatte er das Nachſehen. Er hatte aber nicht ver - fehlt, den Papſt für die Unterſtützung ſeines Rechts in Anſpruch zu nehmen, und Hadrian hatte ſich dem nicht verſagen können.
So erſchienen denn ſchon im November 869 am Hofe Karls in Be - gleitung eines kaiſerlichen Geſandten zwei Biſchöfe als Vertreter des Papſtes mit Schreiben an den König, an die lothringiſchen und weſt - fränkiſchen Biſchöfe und weltlichen Herren insgemein und an Hinkmar von Reims beſonders. Die Briefe enthielten ein Verbot, das Reich Lothars anzugreifen, und drohten mit Aufhebung der kirchlichen Ge - meinſchaft und Fluch. Karl entließ die Biſchöfe ohne Antwort. Wieder - holte Mahnung hatte ebenſowenig Erfolg. Noch einen dritten Anſturm verſuchte der Papſt: gemeinſam in ſeiner und des Kaiſers Vertretung wurden nicht weniger als vier Biſchöfe und ein Prieſter Ende Juni 870 ausgeſandt, um Karl und die Seinen zu bearbeiten. Die ſchärfſten Vor - würfe erhielt der König: er habe gezeigt, daß er nur mit den Lippen, nicht mit dem Herzen der römiſchen Kirche ergeben ſei, und möge ſich hüten, daß er nicht mit dem widerrechtlich Erworbenen auch das rechtmäßig Beſeſſene verliere. Gehorche er nicht, ſo werde der Papſt ſich durch nichts abhalten laſſen, perſönlich herbeizukommen und zu tun, was ſeines Amtes ſei. Die Drohung kam zu ſpät. Als die Geſandtſchaft im Oktober 870 am weſtfränkiſchen Hof empfangen wurde, war die Teilung von Lothars Reich zwiſchen Karl und Ludwig ſeit zwei Monaten vollzogen und jeder Einſpruch vergeblich. Hadrian konnte auch nicht mehr daran denken, ſeine Drohungen wahr zu machen. Wer hätte ihm dabei Rückhalt geboten? Kaiſer Ludwig, tiefer als je in den Krieg gegen die Araber verſtrickt, fiel außer Betracht, und Ludwig der Deutſche ließ es ſich zwar gern gefallen, daß der Papſt von ſeiner Teilnahme an der Beraubung122Hadrian und Karl der Kahledes rechtmäßigen Erben nichts zu wiſſen ſchien, ihn ſogar mit Lob bedachte und gegen die Neubeſetzung von Köln — Günther ſelbſt erleichterte ſie durch gänzlichen Verzicht — keinen offenen Widerſpruch erhob. Aber gegen Karl ſich gebrauchen zu laſſen, wäre ihm nicht eingefallen. Dieſer dagegen ließ die päpſtlichen Geſandten mit ihrer Forderung vor einen Reichstag in Reims treten, wo ſie bei den weltlichen Großen helle Ent - rüſtung erregten. Solch ein Befehl, hieß es, ſei noch nie vorgekommen, nicht einmal nach dem Tode Ludwigs I., als Bürgerkrieg im Reiche herrſchte. Man erinnerte die Römer an alles, was die Franken ſeit Pippin für den römiſchen Stuhl getan, an den Empfang, den Stefan IV. und Gregor IV. bei ihnen gefunden hätten; man ſagte ihnen ins Geſicht, König - reiche würden durch Krieg erworben und durch Siege vergrößert, nicht durch geiſtliche Machtſprüche von Päpſten oder Biſchöfen. Der Hinweis auf die Macht Sankt Peters, zu binden und zu löſen, erhielt zur Ant - wort: „ So verteidigt doch das Reich allein mit Gebeten gegen Dänen und andere Feinde und ſuchet nicht unſern Schutz! “ Der Papſt ſollte nicht zugleich auch König ſein und den Franken nicht ein neues Joch auflegen wollen, das ſie nicht ertragen würden, da in den heiligen Büchern geſchrieben ſtehe, für Freiheit und Eigentum müſſe man bis zum Tode kämpfen. Und was der bittern und anzüglichen Reden mehr waren, die die römiſchen Geſandten anhören und daheim wiedergeben mußten. Karl ſcheute ſich nicht, während er ſich mit Heeresmacht zur Eroberung der Provence aufmachte, die dem Kaiſer gehörte, den Papſt um Vermittlung bei dieſem zu erſuchen. Davon war nun Hadrian ſo weit entfernt, daß er, um den König ſeine Feindſchaft fühlen zu laſſen, deſſen innern Feinden die Hand reichte.
Es waren keine großen Mächte, mit denen Karl zu tun hatte; daß Hadrian ſich überhaupt mit ihnen einließ, verrät den ohnmächtigen Zorn, dem er gehorchte. Da hatte ſich Karlmann, des Königs Sohn, gegen den Vater erhoben und leiſtete trotzig Widerſtand. Ernſthaft gefährlich konnte das Räuberdaſein nicht werden, das der Rebell in engem Umkreis führte. Hadrian aber ſtellte den König zur Rede: er verfahre gegen den Sohn ſchlimmer als die wilden Tiere. Mehr bedeutete die Auflehnung des Biſchofs Hinkmar von Laon gegen die Krone und gegen ſeinen Erz - biſchof und Oheim, Hinkmar von Reims.
Der jüngere Hinkmar war vielleicht einer von den Menſchen, die aus gekränktem Rechtsgefühl zu Verbrechern werden. Urſprünglich Günſt -123Hinkmar von Laonling des Oheims wie des Königs, war er mit dieſem in Streit geraten, weil — ſo hat er ſpäter behauptet — ſein Bistum durch Verleihung von Lehen an königliche Vaſſallen bis zur Verarmung belaſtet war. Die Einzelheiten des dramatiſchen Verlaufs übergehen wir. Jn ſeinem Widerſtand gegen den König ging der Biſchof ſo weit, über ſeinen Sprengel ein Verbot geiſtlicher Handlungen zu verhängen, eine damals noch unerhörte Maßregel, die vom älteren Hinkmar kraft ſeiner Metro - politangewalt aufgehoben wurde. Das Recht hierzu beſtritt ihm der Neffe, und ſo wurde aus ſeinem Zwiſt mit dem König ein Kampf gegen den Oheim und die Rechte des Erzbiſchofs. Dabei bediente ſich der Neffe als Hauptwaffe der Pſeudoiſidoriſchen Dekretalen, aus denen er einen Auszug herſtellte und von den Geiſtlichen ſeines Sprengels beſchwören ließ. Der Oheim antwortete mit einer ausführlichen Widerlegung und errang den Sieg. Auf einer Reichsſynode in Douzy im Auguſt und September 871 wurde der Jüngere gewaltſam vorgeführt und auf die Klage von König und Erzbiſchof zur Abſetzung verurteilt. Das Recht, gemäß den Beſtimmungen von Serdika an den Papſt Berufung einzu - legen, blieb ihm vorbehalten. Ob und wie er davon Gebrauch gemacht hat, iſt nicht ganz klar, aber er hatte ſchon früher gefordert, daß ihm erlaubt werde, perſönlich nach Rom zu reiſen. Er hatte auch verſtanden, den Papſt für ſeine Sache einzunehmen, und Hadrian hatte darin ein willkommenes Mittel geſehen, auf den König zu drücken. Jn mehreren Schreiben, die er an dieſen und Hinkmar von Reims richtete, ſteigerte er den Ton ſchließlich bis zu den ſchärfſten Vorwürfen: Eidbruch, Ge - walttätigkeit, Treuloſigkeit und Verſchleuderung v[o]n Kirchengut. Er verlangte, daß der Biſchof von Laon mit einem einwandfreien Ankläger nach Rom geſchickt werde zur Unterſuchung und Entſcheidung des Falles. Den Erzbiſchof aber klagte der Papſt an, Urheber von Karls Hand - lungen ſowohl in dieſer Sache wie bei der Aneignung der Lothariſchen Erbſchaft zu ſein. Gleichzeitig benutzte er die Klage eines wegen ver - ſuchten Totſchlags abgeſetzten Pfarrers, um Hinkmar wegen ſchlechter Verwaltung ſeines Sprengels zur Rechenſchaft zu ziehen. Hadrian ſchien ganz in die Fußtapfen ſeines Vorgängers treten zu wollen. Die Ant - worten, die er vom König, von Hinkmar und von der Synode zu Douzy erhielt, konnten ihn darüber belehren, wie ſehr die Beachtung, die Nikolaus mit ſeinen Drohungen und Machtſprüchen gefunden hatte, der Rückſicht auf äußere Umſtände zuzuſchreiben geweſen war. Entrüſtet124Synode zu Douzywies Karl die noch nie gehörte Zumutung zurück, einen rechtmäßig ver - urteilten Verbrecher unter ſeinem Schutz nach Rom ziehen zu laſſen. Das heiße weltlichen Hochmut in die Kirche einführen. Nicht Haus - meiſter der Biſchöfe ſeien die Könige der Franken, ſondern Herren des Landes. „ Welche Hölle hat dieſes naturwidrige Recht ausgeſpien, welche Unterwelt es aus ihren verborgenen und finſtern Maulwurfs - gängen ausgeſtoßen? “ So rief er aus und verbat ſich für die Zukunft derartige Befehle. Wolle der Papſt ihm freien Durchzug beim Kaiſer verſchaffen, ſo werde er ſelbſt nach Rom kommen, um ſein Recht darzu - tun. Eine Wiederholung ſolcher für ihn und ſein Reich entehrender Schreiben würde ihn zwingen, dem Papſte die Achtung zu verſagen, die er ihm als dem Stellvertreter Petri zu erweiſen wünſche.
Verfaſſer dieſer geharniſchten Erklärung war niemand anders als Hinkmar von Reims. Jm eigenen Namen ſchrieb er im Ausdruck ge - meſſen, in der Sache nicht weniger ſcharf. Die erhaltenen Vorwürfe wies er ruhig, aber beſtimmt zurück, berief ſich darauf, daß er auf dem Reichstag in Reims wegen ſeines Eintretens für den Papſt angegriffen, ja bedroht worden ſei, verſchwieg auch nicht, was für Reden dort von den Laien geführt worden waren, und verbat ſich Befehle, die den Frieden zwiſchen Kirche und Staat zum Schaden des Glaubens ſtören würden. Was der Neffe in Rom habe vorbringen laſſen, ſei gelogen, und der Papſt würde gut tun, in ähnlichen Fällen künftig ſeinen Schrei - ben den Vorbehalt „ wenn es ſich ſo verhält “einzufügen. Vielleicht die bitterſte Pille reichte dieſem die Synode. Jn ehrerbietigſter Form, aber mit unerbittlicher Beſtimmtheit in der Sache ſetzte ſie ihm den Prozeß des jüngeren Hinkmar auseinander, legte die Akten vor und bat um Beſtätigung ihres Beſchluſſes. Einer nochmaligen Verhandlung gemäß den Vorſchriften von Serdika wollte ſie nicht entgegen ſein, ſowenig ſie ſie wünſchen könne, erſuchte aber auch in dieſem Fall um Beachtung der kirchlichen Rechtsvorſchrift, nämlich daß eine Wiedereinſetzung des Verurteilten nur nach erneuter Prüfung und Beurteilung in der Pro - vinz erfolgen dürfe. Noch nie ſei dieſes Recht den fränkiſchen Kirchen geſchmälert worden, und ſo wie ſie ſelbſt nach beſtem Wiſſen und Können das Vorrecht des römiſchen Stuhles zu wahren wünſchten, ſo möge auch der Papſt den ihm unterſtellten Biſchöfen ihre Rechte laſſen. Ja, man gab ihm zu verſtehen, daß eine willkürliche Wiedereinſetzung Hinkmars von den andern Biſchöfen nicht würde anerkannt werden,125Kaiſer Ludwigs II. Sturzund fügte, um jeden Zweifel auszuſchließen, das Geſtändnis hinzu, man würde es ſeinerzeit bei Rothad von Soiſſons ebenſo gemacht haben, wenn die Umſtände es erlaubt hätten.
Die Synode, die den Papſt ſo unverblümt in die Schranken des Rechts verwies, war von zehn Kirchenprovinzen beſchickt und von dreißig Biſchöfen oder deren Vertretern beſucht; daß ſie die Auffaſſung der fränkiſchen Reichskirche vertrat, konnte alſo niemand bezweifeln. Kann ſchon das nach allem, was zu Nikolaus 'Zeiten geſchehen war, ebenſo wie die offene Sprache überraſchen, ſo überraſcht noch mehr die Antwort, die der Papſt darauf erteilte. Karl der Kahle hat ſpäter gelegentlich bemerkt, jenes ſcheltende Schreiben, das er zurückweiſen mußte, ſei ſo ungewöhnlich geweſen, daß man zweifeln dürfe, ob es vom Papſte ſelbſt ausgegangen ſei. Der Zweifel war inſoweit gewiß berechtigt, als Hadrian ohne den Druck, den der Kaiſer auf ihn aus - übte, ſchwerlich ſo geſchrieben, vielleicht überhaupt eine andere Haltung eingenommen haben würde. Das bewies er ſogleich, als er von dieſem Druck entlaſtet war.
Jn denſelben Tagen, als in Douzy bei Sedan fränkiſche Biſchöfe dem Papſt offen entgegentraten, wurde in Süditalien Kaiſer Ludwig II. vom eben erſtiegenen Gipfel der Macht jäh herabgeſtürzt. Jm Februar war ihm die lang erſtrebte Einnahme von Bari geglückt, ſchon durfte er ſeine Gedanken weiter richten, auf gänzliche Vertreibung der Sara - zenen vom Feſtland, ja auf Eroberung Siziliens. Eine Nebenfrucht dieſer Erfolge war die völlige Unterwerfung des Fürſtentums Benevent. Herzog Adelgis ſah ſich durch den ſtändig anweſenden Kaiſer aus der Regierung ſeines Landes verdrängt. Aber Ludwig hatte für ſeine eigene Sicherheit ſchlecht geſorgt, und ſo geſchah es, daß er eines Tages (13. Auguſt 871) im Handſtreich von Adelgis gefangengenommen wurde. Die Freiheit erhielt er erſt nach fünf Wochen, nachdem er geſchworen, ſich nicht zu rächen und das Beneventer Land mit Truppen nie mehr zu betreten. Er hat ſich zwar von dem erzwungenen Eide bald befreit; dieſen Dienſt konnte ihm der Papſt nicht verſagen, bereitete ihm auch (im Mai 872) einen feierlichen Empfang mit allen kaiſer - lichen Ehren in Rom, und Ludwig nahm den Kampf um die Wieder - herſtellung ſeiner Macht in Unteritalien entſchloſſen auf. Aber ein voller Erfolg blieb ihm verſagt, und die beherrſchende Stellung der frühern Jahre hat er nicht mehr eingenommen.
126Rückzug HadriansDas erklärt die plötzliche Wendung Hadrians in ſeinem Verhältnis zu Karl dem Kahlen, von der ſeine Antworten an König und Biſchöfe Zeugnis geben. Der Synode erwiderte er in verbindlichem Ton, be - merkte nur nebenbei, Hinkmar von Laon hätte nicht abgeſetzt werden dürfen, da er an den Papſt ſich zu wenden beabſichtigte, und verlangte, daß man ihn nebſt einem Vertreter der Anklage nach Rom ziehen laſſe, zur Prüfung und Entſcheidung der Angelegenheit. Das gleiche ſtand in einem Brief an den König zu leſen mit dem Zuſatz: „ Der Abſetzung werden wir zeitlebens nie zuſtimmen, es ſei denn daß Hinkmar vor uns erſcheine und ſein Prozeß gründlich unterſucht und entſchieden werde. “ Das klang, als wollte Hadrian Anſprüche im Geiſte Pſeudoiſidors ſtellen. Aber ſo war es nicht gemeint. Die richtige Deutung fand ſich in einem zweiten vertraulichen Brief an den König. Da trat der Papſt in aller Form den Rückzug an, verleugnete ſein früheres Schreiben, das entweder erſchlichen oder während ſeiner Krankheit von der Um - gebung erpreßt, vielleicht auch von irgend jemand gefälſcht ſei. Jn den höchſten Tönen ſang er das Lob Karls, pries ſeine weltbekannte Weisheit, ſeine Klugheit, Stärke und Frömmigkeit und eröffnete ihm in ſtrengſtem Geheimnis, daß er ihn allein und keinen andern zum Nachfolger Lud - wigs II. in Königreich und Kaiſertum im Einverſtändnis mit der ganzen Geiſtlichkeit, Volk und Adel von Stadt und Land auserſehen habe. Betreffend den Biſchof von Laon will er ſich ſtreng an die Geſetze der Kirche halten und den Metropoliten ihre Rechte laſſen. Wenn der jüngere Hinkmar nach Rom komme, ſollten ihm, ohne daß er vorher in ſeine Würde eingeſetzt ſei, Richter beſtellt oder es ſollten päpſtliche Legaten entſandt werden, die den Fall nochmals prüfen und in der Provinz, in der er entſtanden ſei, nach Recht beenden würden. Es war das, was die Synode gefordert hatte: Entſcheidung nicht in Rom, ſondern in der Provinz, gemäß den Beſtimmungen von Serdika. Alle weiter gehenden Anſprüche waren fallen gelaſſen, der Standpunkt Pſeudoiſidors und Nikolaus 'I. aufgegeben, aufgegeben beim erſten ent - ſchloſſenen Widerſpruch von demſelben Papſt, der beim Antritt ſeiner Regierung mit ſo vollen Händen wie vor und nach ihm keiner aus dem Vorrat der unechten Dekretalen geſchöpft hatte. Damals hatte Hadrian wohl nach dem Diktat des Anaſtaſius geſprochen, ſpäter unter dem Einfluß der Kaiſerlichen gegen die Weſtfranken pſeudoiſidoriſche For - derungen geltend gemacht. Nun, da der Kaiſer ihn nicht mehr beherrſchte,127Hinkmar von Reims und Pſeudoiſidoropferte er ſie ſchnell, überhörte auch alle Vorwürfe und bittern Worte und ſuchte durch dicke Schmeichelei ein enges Einverſtändnis mit dem König zu erreichen, der ihm eben erſt ſo ſcharf die Wahrheit geſagt hatte. Das Urteil über dieſe unwürdige Haltloſigkeit wird nicht milder, wenn man bemerkt, daß in den Tagen, wo ein heimkehrender fränkiſcher Biſchof Karl dem Kahlen die mehr als dienſtwilligen Eröffnungen des Papſtes überbrachte, Vertreter desſelben Papſtes an Verhandlungen zwiſchen der Kaiſerin und Ludwig dem Deutſchen teilnahmen, aus denen ein Bündnis zwiſchen dem Kaiſer und dem Deutſchen gegen Karl hervorging. Jn kirchlichen wie in weltlichen Dingen verſagte dem Schifflein Petri die Steuerung.
Was im fränkiſchen Reich geſchehen war, bedeutete mehr als eine augenblickliche Wendung in einem einzelnen Fall. Jahrelang war hier um die Rechte des Erzbiſchofs-Metropoliten, die das Rückgrat der beſtehenden Kirchenverfaſſung bildeten, mit Wort und Schrift ge - kämpft worden. Dem aufſäſſigen Biſchof, der ſich mit Berufung auf die gefälſchten Dekretalen von der Aufſicht des nächſten Vorgeſetzten freizumachen ſuchte, war der Papſt zu Hilfe gekommen und war nicht durchgedrungen. Der Angriff auf die geltende Ordnung der Dinge, der unter Nikolaus zu halbem Erfolg geführt hatte, war abgeſchlagen, der Papſt hatte ſich genötigt geſehen, das überlieferte Recht der frän - kiſchen Kirche anzuerkennen. Hinkmar von Reims hatte über Pſeudo - iſidor geſiegt. Der Federſtreit mit dem Neffen hatte ihm Gelegenheit gegeben, die neue Dekretalenſammlung eingehend zu prüfen. Dabei hatte er bei einzelnen Stücken die Unechtheit erkannt und ſie mit dem Aufgebot ſeiner Gelehrſamkeit und glänzendem Scharfſinn in zwingender Be - weisführung dargetan. Die Sammlung als Ganzes für Betrug zu erklären, hat er nicht gewagt, obwohl ſie ihm Zweifel einflößte, die er nicht verſchwieg. Aber als geltendes Geſetzbuch der Kirche erkannte er ſie nicht an, lehnte vielmehr die Verbindlichkeit vornikäniſcher päpſt - licher Erlaſſe in Bauſch und Bogen ab. Soweit ſie mit den Satzungen der Konzilien übereinſtimmten, hat er kein Bedenken getragen, ſich ihrer zu bedienen, dagegen wo ſie dem überlieferten Recht widerſprachen, ver - ſagte er ihnen die Anerkennung. Dieſen Standpunkt hatte er ſchon gegenüber Nikolaus eingenommen, aber unter dem Zwang der politi - ſchen Verhältniſſe praktiſch nicht durchſetzen können. Gegenüber Hadrian lagen die Dinge anders, die Rückſichten fielen fort, die politiſche Lage128Hinkmar von Reims und Pſeudoiſidorforderte ſogar zum Widerſpruch auf, und der Erfolg blieb nicht aus. Diesmal war es der Papſt, der ſich fügte und ſeinen Anſpruch fallen ließ. Die Frage war erledigt, Pſeudoiſidor als Geſetzbuch von der fränkiſchen Kirche verworfen.
Wie vertrug ſich das mit dem Glauben, den dieſelbe Kirche ſeit Bonifatius bekannte, daß man dem Papſt zu Rom als Erben des Apoſtel - fürſten, der vom Heiland zum Torwart des Himmelreichs beſtellt und mit der Vollmacht, zu binden und zu löſen, ausgeſtattet ſei, in allen Stücken Gehorſam ſchulde? Wie konnte man vom römiſchen Biſchof letzte Entſcheidungen erwarten, von ihm ſich Rechte beſtätigen und Vor - rechte verleihen laſſen und doch römiſchen Verfügungen aus älteſter Zeit die bindende Kraft verſagen? Nicht erſt wir empfinden den inneren Widerſpruch, ſchon unter den Zeitgenoſſen ſind dieſerhalb Bedenken laut - geworden. Wenn im nächſten Menſchenalter Abt Regino von Prüm der Taten Nikolaus 'I. voll Bewunderung gedenkt, darf man darin wohl einen Nachklang von Stimmungen aus den Jahren des Kampfes ſehen, die nicht durchgedrungen waren. Der jüngere Hinkmar hat dem Oheim ins Geſicht geſagt, er lehre, daß eine päpſtliche Exkommuni - kation nicht zu beachten und ſinnlos ſei. Es mag ihrer mehr gegeben haben, denen die Haltung des Erzbiſchofs Bedenken einflößte, denn er hat ſich veranlaßt gefühlt, auf der Synode in Douzy ein ausführliches Bekenntnis abzulegen. Jm Anſchluß an Worte Leos I. unter Berufung auf Auguſtin und Gregor I. führte er aus: Daß Petrus vor den andern Apoſteln die Himmelsſchlüſſel empfangen hat, ſoll jedem klarmachen, daß ohne das Bekenntnis und den Glauben Petri niemand ins Himmel - reich gelangen kann. Die Schlüſſel des Himmels bedeuten die Gabe der Unterſcheidung und die Vollmacht zu richten, kraft deren Würdige ins Reich aufzunehmen, Unwürdige auszuſchließen ſind. Dieſe Vollmacht, zu binden und zu löſen, obwohl Petrus zuerſt verliehen, haben auch die übrigen Apoſtel empfangen. Denn wie Petrus auf die an alle gerichtete Frage des Herrn für alle geantwortet, ſo hat auch die Antwort des Herrn allen gegolten, deren Amt in den Biſchöfen und Prieſtern fort - dauert. Petrus und ſeinen Nachfolgern ſind in beſonderer Weiſe die Himmelsſchlüſſel, der Vorrang der Richtergewalt und die Hut der Schafe des Herrn übertragen, damit alle Gläubigen wiſſen, daß nie - mand, der ſich von der Glaubensgemeinſchaft mit ihm trennt, der Sün - denfeſſeln ledig werden und durch die Tür des Himmelreichs eintreten129Glaube von Kirche und Volkkann. Eine furchtbare Verantwortung iſt damit den Biſchöfen auferlegt, denn nur zu leicht — es ſind Worte Gregors — läßt einer ſich von eigenen Trieben, ſtatt von ſachlicher Erwägung leiten und beraubt damit ſich ſelbſt der Vollmacht, zu löſen und zu binden. Fehlſprüche aber binden niemand. Auf ihren Kern zurückgeführt, beſagen dieſe Sätze nichts anderes als: das Recht, zu binden und zu löſen, ſteht allen Biſchöfen in gleicher Weiſe wie dem Papſte zu, ſie alle und ebenſo auch er, können dabei fehlgreifen, und tun ſie es, ſo gilt ihr Urteil nicht. Der Vorrang des Papſtes ſoll nur die Einheit des biſchöflichen Standes und die Not - wendigkeit der Übereinſtimmung mit dieſem zur Anſchauung bringen.
Was Hinkmar hier vortrug, war die Lehre der alten Kirche, wieder - erſtanden aus den Studien, die ſeit Karl dem Großen in der fränkiſchen Geiſtlichkeit aufgeblüht waren und in dem gelehrten Erzbiſchof von Reims ihren größten Vertreter gefunden hatten. Der primitive Glaube, der in Petrus den einzigen Türhüter des Himmelreichs ſah und ſeinem römiſchen Amtserben die beſondere Macht zuſchrieb, jedem Einzelnen das Paradies zu öffnen oder zu verſchließen, fand in Hinkmars Lehre, die von der großen Mehrheit der fränkiſchen Biſchöfe als die ihre bekannt wurde, keine Stütze. Wie ſtand es mit dem Glauben des Volkes, der Laien? Darüber hören wir nur ein Zeugnis, und auch dieſes nur über - ſetzt in die Sprache des Theologen. Hinkmar berichtet, auf dem Reichs - tag zu Reims hätten die Laienfürſten den Einſpruch des Papſtes gegen die Eroberung Lotharingiens unter anderm damit zurückgewieſen, daß ſie erklärten: Wenn ein Biſchof einen Chriſten widerrechtlich aus der Ge - meinſchaft ausſchließt, ſo beraubt er ſich ſelbſt ſeiner Vollmacht; nie - mandem kann er das Leben nehmen, dem es die eigenen Sünden nicht nehmen. Auch darf kein Biſchof ſagen, er wolle einen Chriſten, der nicht unbußfertig iſt, nicht wegen eigener Vergehen, ſondern wegen Eroberung eines irdiſchen Reiches des Chriſtennamens berauben und ihn dem Teufel überantworten. Will der Papſt den Frieden, ſo ſuche er ihn ſo, daß kein Streit daraus entſtehe. Denn wir würden nicht glauben, anders nicht ins Reich Gottes zu gelangen, als indem wir den zum irdiſchen König haben, den der Papſt uns empfiehlt. Die Faſſung dieſer Sätze trägt unverkennbar den Stempel Hinkmars, aber ihr Jnhalt entſpricht — das lehren die Tatſachen — den Gedanken, die in der Laienſchaft vor - herrſchten. Eroberung hielt der fränkiſche Krieger für ſein gutes Recht und empörte ſich dagegen, daß ein Papſt es ihm ſtreitig machen wollte. Haller, Das Papſttum II1 9130Glaube von Kirche und VolkEs gab alſo eine Grenze, wo ſein Gehorſam gegen den irdiſchen Träger der Himmelsſchlüſſel endete.
Als Stefan II. die Franken bei Verluſt ihrer Seligkeit mahnte, der römiſchen Herde Sankt Peters zu Hilfe zu kommen, hatten ſie dem Ge - bot zweimal Folge geleiſtet. Freilich ſpornte damals die Stimme des Papſtes zu Eroberung und Beute, jetzt ſuchte ſie dem natürlichen Triebe Zügel anzulegen. Dennoch iſt der Wandel der Anſchauungen deutlich. Auch Stefan hatte Widerſtand gefunden bei vielen, denen ein Krieg gegen die verbündeten Langobarden zuwider war, aber er hatte ihn über - wunden, und auch die Widerſtrebenden waren ſchließlich dem König gefolgt. Jetzt fand der Befehl des Papſtes nur trotzige Ablehnung bei König und Fürſten. Es war nicht mehr wie einſt, Karl der Kahle und ſeine Vaſſallen fühlten und dachten anders als ihre Vorfahren.
Vielleicht hätten ſie weniger laut und deutlich geſprochen, wären ſie nicht zuſtimmenden Widerhalls an der Stelle ſicher geweſen, wo ſolche Töne am eheſten Dämpfung hätten finden können: bei den Geiſtlichen. Auch bei dieſen herrſchte nicht mehr die frühere Unterwürfigkeit unter den römiſchen Stuhl, Hinkmars Schriften und die Synode von Douzy ſind dafür nicht die einzigen Zeugniſſe. Jſt es Zufall der Überlieferung, daß Verleihungen und Beſtätigungen von Rechten für Klöſter durch den Papſt, wie ſie in letzter Zeit aufgekommen waren, aus den fünf Regierungsjahren Hadrians faſt ganz fehlen, während Verbriefungen der gleichen Art durch fränkiſche Landesſynoden, wie ſchon vorher ge - legentlich, auch jetzt mehrfach vorkommen? Sieht es nicht eher aus, als getraute man ſich, den Rechtsſchutz ſelbſt zu leiſten, den man ſonſt von der Furcht vor der Macht des Apoſtelfürſten erwartete? Ja, dieſe Macht nehmen fränkiſche Biſchöfe ungeſcheut für ſich ſelbſt in Anſpruch, wenn ſie bei Beſtätigungen einer Güterſchenkung über Zuwiderhandelnde den Fluch ausſprechen, „ kraft der Vollmacht, die wir in Sankt Peter empfangen haben durch das Wort des Herrn: was du auf Erden bindeſt, ſoll gebunden ſein im Himmel “uſw. Ein Zeichen erhöhten Selbſtgefühls iſt das ohne Zweifel, aber ebenſoſehr ein Zeichen ver - änderter Geiſteshaltung gegenüber Rom. Das war die Rückwirkung der Angriffe auf die eigene Selbſtändigkeit, die man unter Nikolaus erlebt hatte. Der bitterſcharfe Ton, den Hinkmar in dem Antwortſchreiben Karls an Hadrian anſchlägt, bleibt unverſtändlich, wenn man ihn nicht als Ausdruck verhaltener Empörung über die notgedrungene Unter -131Ende Hadrians II. Johannes VIII. und ſeine Umgebungwerfung unter die harte Hand Nikolaus 'I. anſieht. Nicht anders wird man die neue Sitte des Selbſtſchutzes anzuſehen haben, mit dem die fränkiſche Reichskirche einen Platz einnahm, der bisher dem Papſt allein gehört hatte. Auch das iſt eine Rückwirkung auf die vorausgegangenen Verſuche, das Frankenreich in den kirchlichen Bezirk einzubeziehen, der von Rom aus unmittelbar regiert wurde.
Hadrian II. iſt nach genau fünfjähriger Amtszeit im Dezember 872 geſtorben. Jm Ergebnis ſtellt ſeine Regierung ſich dar als Abbau der Politik ſeines Vorgängers. Was von deſſen Taten übrigblieb, iſt wenig. Der äußere Triumph über Konſtantinopel, die Anerkennung der Ab - ſetzungen im Weſten genügte nicht, darüber zu täuſchen, daß die prak - tiſchen Ziele, denen Nikolaus zugeſtrebt hatte, aufgegeben waren. Jm Oſten war die Eroberung des bulgariſchen Neulands geſcheitert, im Weſten der Verſuch, die überlieferte Kirchenverfaſſung zu ſprengen, nach einem verfehlten Anlauf aufgegeben. So endete mit Hadrian II., was unter Nikolaus I. ſo kühn begonnen war, deſſen Regierung wie ein kurzes Zwiſchenſpiel erſcheint, mit Vorausgehendem und Folgendem in keinem innern Zuſammenhang ſtehend. Der Fluß der Dinge kehrte ins alte Bett zurück, und was von den hochgeſpannten Kämpfen allein übrig - blieb, waren die Abſchriften des falſchen Jſidorus Mercator, die ſich im Fränkiſchen erhielten, giftige Saatkörner, die erſt zwei Jahrhunderte ſpäter ihre Keimkraft entfalten ſollten.
Ohne Schwierigkeiten ging nach Hadrians Tode die Neuwahl vor ſich; ſie traf den langjährigen Archidiakonus Johannes. Seine Regie - rung kündigte ſich als Fortſetzung der vorigen an, da die bisher leitenden Männer an ihren Plätzen blieben. Es war eine Gruppe vornehmer Römer; wenn man alles glauben darf, was der Papſt ſelber ihnen ſpäter vorgeworfen hat, eine üble Geſellſchaft. Obgleich Laien und Befehls - haber in der Miliz, haben ſie die wichtigſten Ämter des päpſtlichen Hofes in Händen und hängen untereinander durch Verſchwägerung oder gemeinſames Verſchulden zuſammen. An der Spitze ſtand Gregorius, der Zeremonienmeiſter, der unter Hadrian ſein Amt zu jeder Art von Be - reicherung ausgenutzt hatte und jetzt — vermutlich nicht erſt jetzt — als Apokriſiar den Papſt vertrat. Neben ihm ſein Schwiegerſohn Georgius, genannt „ vom Aventin “, ein Menſch von erbaulichſtem Vor - leben. Den eigenen Bruder hat er im Streit um ein Weibsbild um - gebracht, ſeine zerrütteten Vermögensverhältniſſe durch Heirat mit einer132Johannes 'VIII. Umgebung und PolitikNichte Benedikts III. geordnet, dann dieſe Frau nahezu öffentlich ermordet, aber durch Betrügereien ſich der Strafe zu entziehen gewußt, um die Tochter des Gregorius zu heiraten. Jetzt iſt er Schatzmeiſter und als ſolcher Herr der päpſtlichen Gelder, vielleicht der ganzen Verwaltung in Stadt und Land. Weitere Geſtalten aus dieſem lebenden Sittenbild eines verwilderten Geſchlechts werden uns noch begegnen. Johannes VIII. hat bald bewieſen, daß er dieſe Leute nur ertrug, ſeinen eigenſten Kreis bildeten andere Männer: Anaſtaſius, der Bibliothekar, Zacharias von Anagni, der jenen (879) im Amte ablöſen ſollte, der Diakon Johannes Hymonides, gleichfalls ein fruchtbarer Schriftſteller, und Biſchof Gau - derich von Velletri. Auch Formoſus von Porto, der Gründer der bul - gariſchen Kirche, gehört dazu. An den Arbeiten dieſer Männer nimmt der Papſt perſönlichen Anteil, empfängt Widmungen, gibt Anregung und Aufträge, lebendiger Mittelpunkt eines Kreiſes, in dem ſpät - römiſche Bildung noch einmal vor der tiefen Nacht der folgenden Jahr - hunderte aufleuchtet. Den beherrſchenden Gedanken bildet dabei die Größe des kirchlichen Rom, ſei es daß Anaſtaſius die Akten der Achten Synode überſetzt, auf der Rom über Konſtantinopel triumphieren durfte, daß Johannes Hymonides das Leben Gregors I. erzählt und mit Ana - ſtaſius zuſammen an einer großangelegten Kirchengeſchichte arbeitet, die nicht fertig geworden iſt, oder daß Gauderich die von jenem begonnene Legende des angeblichen Petruserben Klemens beendet.
Wenn die regierenden Männer die gleichen ſind, ändert die Politik ſich nicht. Sie war unter Hadrian II. die längſte Zeit dem Kaiſer gehor - ſam geweſen und blieb es jetzt faſt noch mehr, ſolange Ludwig II. lebte. Das bekamen die andern Karolinger zu fühlen. Da Ludwig die Teilung des Lothariſchen Erbes nicht anerkannte, mußte Johannes einen Verſuch unternehmen, die vollendete Tatſache rückgängig zu machen. Unter An - drohung von Kirchenſtrafen wurden die Könige gemahnt, ihren Raub herauszugeben. Mit Karl dem Kahlen kam es darüber ſogar zu offenem Zerwürfnis: päpſtliche Geſandte wurden nicht vorgelaſſen, worauf Jo - hannes den Geſandten Karls, als wäre ihr Herr bereits ausgeſchloſſen, den kirchlichen Empfang verſagte.
Wenn Johannes VIII. ſich ſo dem Kaiſer zur Verfügung ſtellte, ſo war er doch das Gegenteil einer unſelbſtändigen Natur. Raſtlos tätig, ja vielgeſchäftig und unternehmend, liebte er es, die eigene Perſon ein - zuſetzen. Keiner ſeiner Vorgänger hat ſich ſo oft aufgemacht, um wich -133Johannes 'VIII. Politik. Unteritalientige Geſchäfte in mündlicher Verhandlung ſelbſt abzuſchließen. An die Südgrenze ſeines Gebietes und bis nach Neapel und Capua ſehen wir ihn mehrfach eilen, nach Ravenna und Piemont und einmal ſogar über die Alpen ziehen. Johannes VIII. iſt durchaus ein politiſcher Papſt. Seine ſtets rege Teilnahme gehört den Staatsgeſchäften, der Diplo - matie und nicht zuletzt dem Kriege. Er rüſtet Truppen aus, bemannt Kriegsſchiffe, erbittet vom König von Galicien kampfgeübte mauriſche Reiter und geht ſelbſt an Bord, um mit ſeiner kleinen Flotte die plün - dernden Sarazenen von der Küſte des Kirchenſtaats zu vertreiben. Wenn er einmal auf einer römiſchen Synode eine redneriſche Anleihe bei Pſeudoiſidor macht, auch gelegentlich einen Anlauf nimmt, in der weſtfränkiſchen Kirche im Geiſte Nikolaus 'I. zu regieren, ſo beſagt das nicht viel, es geſchieht unter fremder Einwirkung, ohne Nachdruck und Folge. Kein anderer Papſt hat ſo leichthin aus politiſcher Berechnung das Anſehen ſeiner Kirche preisgegeben; bei ihm ſteht der Hoheprieſter im Schatten und läßt dem Fürſten des Kirchenſtaats den Vortritt.
Was ihn am meiſten anging, waren die Ereigniſſe an ſeiner Süd - grenze. Hier ſah er ſich von der gleichen Gefahr bedroht wie ſeine Vor - gänger um die Mitte des Jahrhunderts. Der Zuſammenbruch von Kaiſer Ludwigs Macht hatte die ſiziliſchen Araber zu erneutem Vordringen ermutigt, doch richteten ſie ihre Angriffe weniger auf Apulien, wo den leergewordenen Platz des fränkiſchen Kaiſers mehr und mehr die Macht der Griechen einnahm. Jhr bevorzugtes Ziel war jetzt die Weſtküſte. Da lag ein Bündel Kleinſtaaten vor ihnen, zu gemeinſamer Ab - wehr unfähig, weil untereinander verfeindet. Gegen das Fürſtentum Salerno, das ſich ſeit 840 von Benevent abgeſondert hatte, ſtand die in dieſen Kämpfen unabhängig gewordene Grafſchaft Capua, die Küſte beherrſchten die Seeſtädte Neapel, Amalfi und Gaeta, dem Namen nach dem griechiſchen Kaiſer untertan, in Wirklichkeit ſelbſtändig, ab - geſchnürt vom Hinterland durch die langobardiſchen Herrſchaften und für dieſe wiederum Gegenſtand der Eroberungsluſt. Ludwigs II. Bemühun - gen, von Capua aus, wo er ſich zum Herrn gemacht hatte, die Nachbarn zur Gefolgſchaft, womöglich zur Unterwerfung zu bringen, trieb jene dazu, ſich den Arabern in die Arme zu werfen, Verträge mit ihnen zu ſchließen und Söldner bei ihnen zu werben, die ſich im Lande feſtſetzten und für eigene Rechnung plünderten und raubten. Daß ſie auch den Kirchenſtaat nicht verſchonten, nötigte den Papſt, noch mehr, als er ohne -134Tod Ludwigs II. hin getan hätte, an den Kämpfen des Kaiſers teilzunehmen. Mit ſeinem geiſtlichen Anſehen ſuchte er ihm beizuſtehen, nicht eben mit beſtem Er - folg. Es fruchtete wenig, daß er die Leute von Salerno und Amalfi mit bibliſchen Schlagworten vom Bündnis mit den Ungläubigen abmahnte und den Biſchof von Capua, der es gleichfalls mit den Feinden Chriſti hielt, aus der Gemeinſchaft ausſchloß und mit Abſetzung bedrohte. Der Stadtherr von Gaeta vollends zerriß den Brief, der ihm die Gemein - ſchaft aufſagte, und fluchte dem Papſt. Ob Johannes 'Eifer ganz frei von eigennützigen Beweggründen war? An der Südgrenze, jenſeits des Garigliano, hatte er alte unerfüllte, aber unvergeſſene Anſprüche, die Schenkungen Karls des Großen und Ludwigs I. nannten Capua und Teano und ſprachen von Landgütern in den Gebieten von Benevent, Salerno und Neapel. Jhren Beſitz konnte der Sieg des Kaiſers dem Papſt verſchaffen.
Das Bild verſchob ſich, als Ludwig II., ein rüſtiger Fünfziger, am 12. Auguſt 875 mitten aus raſtloſem Streben abberufen wurde. Jtalien hatte keinen König, Rom keinen Kaiſer, und die Nachfolge war hier wie dort ungewiß, denn Ludwig hinterließ nur eine noch unvermählte Tochter. Da war es der Papſt, der mit raſchem Entſchluß die Führung übernahm. So wie er es tat, bewies er, daß ſeine bisherige Politik nur von der Rück - ſicht auf den Kaiſer eingegeben geweſen war. Ludwig hatte die italiſche Königskrone einem ſeiner deutſchen Vettern zugedacht, und ſeine Witwe, die tatkräftige Engelburg, ſamt ihrem Anhang verſuchten den Willen des Gemahls zu vollſtrecken. Bei den Verhandlungen, die im Jahr vorher zwiſchen Ludwig dem Deutſchen und dem verſtorbenen Kaiſer in Verona geführt wurden, war Johannes VIII. perſönlich zu - gegen geweſen. Jetzt aber, kaum daß der Kaiſer tot war, entſchied er ſich für Karl den Kahlen. Jn Erinnerung an die treue Ergebenheit, ſo ſchrieb er ihm, die Karl ſeit Nikolaus 'Tagen bewieſen, ſei er mit ſeinen Amts - brüdern und dem römiſchen Adel übereingekommen, ihn zur Kaiſerwürde zu erheben, zu Ehren und Erhöhung der römiſchen Kirche und zur Sicher - heit des Chriſtenvolks. Sowenig wie einſt Leo III., oder irgendeiner ſeiner Vorgänger im gleichen Fall, handelte Johannes VIII. dabei als Oberhaupt der allgemeinen Kirche; Stadt und Kirche von Rom allein waren es — die Mitwirkung des Adels, deren der Papſt gedenkt, be - weiſt es — die dem weſtfränkiſchen König das Kaiſertum entgegentrugen. Was ſie dazu bewog, läßt ſich nur erraten. Abgeſehen von den engern135Karl der Kahle Kaiſer und König von JtalienBeziehungen, die ſeit langem zwiſchen Rom und Kirche und Hof der Weſtfranken beſtanden, mögen Karls perſönliche Eigenſchaften ſtark in die Wagſchale gefallen ſein. Unter den Enkeln und Urenkeln Karls des Großen war er unſtreitig der bedeutendſte und gebildetſte. Vor allem aber verfügte er in ſeinem Königreich über die größte geſchloſſene Macht, während das Reich des hochbetagten deutſchen Ludwig, deſſen Tage ge - zählt ſchienen, der Teilung unter drei Söhne entgegenging. Bei Karl als Kaiſer, und vollends wenn er auch König von Jtalien wurde, durfte man wie das meiſte Verſtändnis für die Bedürfniſſe Roms, ſo auch am eheſten die Macht, ſie wahrzunehmen, zu finden hoffen.
Die Ereigniſſe ſchienen das zu beſtätigen. Eine päpſtliche Geſandt - ſchaft, ſo ſtattlich wie ſelten, drei von den einflußreichſten Biſchöfen, Gauderich von Velletri, Formoſus von Porto und der bisherige kaiſer - liche Bevollmächtigte Johannes von Arezzo, überbrachte Karl die Ein - ladung, der dieſer zuvorgekommen war, indem er ſchon Ende Oktober italiſchen Boden betrat. Zwei Monate ſpäter war er in Rom, und am Weihnachtstag empfing er in Sankt Peter Titel und Krone eines römiſchen Kaiſers wie vor fünfundſiebzig Jahren ſein großer Ahnherr. Mit dem italiſchen Königtum hatte er ſich nicht aufgehalten, vielmehr den jungen Karl von Schwaben, den Ludwig der Deutſche zur Wahrung der Rechte ſeines Hauſes in die Lombardei geſchickt hatte, zum Abzug bewogen, indem er ihm den eigenen Verzicht vorſpiegelte. Das war nicht ehrlich: auf dem Rückzug, Ende Januar 876, ließ er ſich in Mai - land von einer Verſammlung italiſcher Herren und Biſchöfe zum König wählen. Jtalien und Rom hatten alſo wieder einen gemeinſamen Herr - ſcher, der hier als Kaiſer, dort als König regierte, wie es zuletzt unter Ludwig II. geweſen war, nur mit dem Unterſchied, daß der neue Herr ſeinen Sitz nicht dauernd im Lande nehmen konnte. Auf die Länge durfte das weſtfränkiſche Reich, von den Einfällen der Dänen oft genug heim - geſucht, ſtets bedroht, den eigenen König nicht entbehren. Es war alſo zu erwarten, daß Karl ſich darauf werde beſchränken müſſen, mit ſeiner Macht als Schutz und Rückhalt aus der Ferne zu wirken und in Jtalien einen Vertreter regieren zu laſſen, die günſtigſte Lage für einen Papſt, der daran dachte, die Führung der italiſchen Politik ſelbſt in die Hände zu nehmen. Das hat Johannes VIII. getan; es kennzeichnet ſeine Regierung, daß er es tat, und es wurde ſein Schickſal und das Schickſal Roms, daß ſein erſter Schritt auf dieſer Bahn ein Fehlſchritt war.
136Johannes VIII. in Unteritalien. Umwälzung in RomWegen Verbindung mit dem aufſtändiſchen Beneventer war Lam - bert, der Herzog von Spoleto, von Ludwig II. ſeiner Würde beraubt worden. Unter dem Einfluß des Papſtes geſchah es, daß er ſein Herzog - tum wiedererhielt. Karl, der den Mann beſſer zu kennen glaubte — Lambert gehörte zu einem angeſehenen weſtfränkiſchen Geſchlecht — hatte umſonſt gewarnt. Er ſollte recht behalten. Die Folgezeit hat be - wieſen, daß Johannes mit der Erhöhung Lamberts ſich und ſeinen Nach - folgern die Rute gebunden hatte.
Zunächſt ließen die Dinge ſich günſtig an. Auf Weiſung des Kaiſers ſtellte Lambert ſich dem Papſt zur Verfügung und ſchloß ſich ihm an, als er ſich im Februar 876 nach Capua und Neapel aufmachte, um durch perſönliche Überredung die ſüdlichen Kleinſtaaten zum Kampf gegen die Araber zu vereinigen. Der Erfolg ließ zu wünſchen übrig. Salerno, Amalfi und Capua folgten der Mahnung und löſten ihre Verträge mit den Feinden, aber Neapel verband ſich nur noch enger mit ihnen, Bene - vent unterwarf ſich dem griechiſchen Kaiſer, und zwiſchen den beiden Gruppen entbrannte bald der Krieg, der den Sarazenen Gelegenheit gab, auch in den Kirchenſtaat einzufallen und plündernd und zerſtörend bis ins Sabinerland vorzudringen.
Der Verſuch, eine Liga der unteritaliſchen Chriſten unter der Fahne von Kaiſer und Papſt zu ſchaffen, war alſo mißlungen, und man wollte wiſſen, Herzog Lambert habe ſelbſt dahin gewirkt, indem er Benevent und Neapel zum Widerſtand riet. Heimkehrend fand Johannes ſeine Stadt im Parteikampf geſpalten. Gegen die herrſchende Gruppe hatten ſich Gegner erhoben, die ſie des Verrats am Kaiſertum und der Ver - ſchwörung zum Sturz des Papſtes anklagten. Johannes eröffnete — vielleicht nicht ungern — ein Gerichtsverfahren, in dem die bisher mäch - tigſten Herren als Angeklagte erſchienen: der Schatzmeiſter Georgius und der Apokriſiar und Zeremonienmeiſter Gregor; mit ihnen ein ge - wiſſer Stefanus, dem man willkürliche Beſteuerung der Kirchen zur Laſt legte, ein Milizführer Sergius, der eine Nichte Nikolaus 'I. um des Geldes willen geheiratet, den ſterbenden Oheim ausgeplündert, ſeine Frau verlaſſen und einer andern die Ehe verſprochen hatte; als das weibliche Gegenſtück dazu Konſtantina, die Tochter des Apokriſiars, die ihrem Mann — nachdem ſie ſein Vermögen durchgebracht hatte — untreu geworden war, um die Schwiegertochter des Schatzmeiſters zu werden und ſchließlich auch dieſen zweiten Gemahl im Stich zu laſſen. 137Streit der Könige um LotharingienDie Hauptperſon aber war Formoſus von Porto; ihm wurde außer alten Geſchichten, die ſchon unter Nikolaus geſpielt haben ſollten, nichts Geringeres vorgeworfen als Verſchwörung behufs Erlangung der päpſt - lichen Würde. Was in Wahrheit geſchehen, was geplant war und was dahinterſtand, durchſchauen wir nicht. Hat es ſich um Gegnerſchaft gegen die Politik des Papſtes und aus dieſem Grunde um ſeinen Sturz gehandelt, oder war es der Ausbruch einer Parteifehde perſönlicher Art, in der die politiſchen Beſchuldigungen dazu dienen mußten, die wahren Beweggründe zu verhüllen? Beides iſt möglich. Die Angeklagten fanden einen Weg, heimlich bei Nacht die Stadt zu verlaſſen, wobei ſie den Schatz der Kirche mitnahmen. Johannes konnte ihnen nur ſeine Flüche nachſenden und hatte es von nun ab mit einer Gruppe verbannter Tod - feinde zu tun, die ihm keine Ruhe ließen. Mehr als dies, die Vorgänge vom Frühjahr 876 ſind der Ausgangspunkt einer erbitterten Spaltung im römiſchen Adel geweſen, die durch Jahrzehnte fortgedauert und auch der Geſchichte des Papſttums dieſer Zeit ihren blutigen Stempel auf - gedrückt hat.
Die neue Ordnung der Dinge in Jtalien hatte ſchlechte Ausſichten, ſolange ihr die Anerkennung der deutſchen Karolinger fehlte, die auf Grund des Vertrages von Metz (867) ihren Anteil an dem Erbe Lud - wigs II. forderten. Um ſeinen Anſpruch geltend zu machen, war Ludwig der Deutſche in Karls Abweſenheit ins Weſtreich eingefallen und hatte keineswegs überall, nicht einmal bei allen Biſchöfen, Ablehnung gefun - den. Beim Herannahen Karls, der ſeine Rückkehr beeilte, war er ab - gezogen, aber der Kriegszuſtand war damit nicht behoben. Johan - nes VIII. hatte von Anfang an nachdrücklich die Partei Karls ergriffen, hatte mahnende und drohende Schreiben an Biſchöfe und Laien erlaſſen, jeden mit Ausſchluß, Abſetzung und Fluch bedroht, der Ludwig unter - ſtützen würde, ſein Unternehmen als Empörung wider Gott bezeichnet, ihm ſtändigen Ungehorſam vorgeworfen und ſein Königtum wie ſeine Gotteskindſchaft in Zweifel gezogen. Für Karl dagegen hatte er nur Lob und Preis: den Mann Gottes, ausgeſandt zum Heil der Kirche, den Nikolaus und Hadrian ſchon längſt erſehnten, deſſen Zug nach Rom ein Wunder geweſen war, da ſelbſt die Elemente vor ihm wichen, die Sümpfe trocken und die Flüſſe durchſchreitbar wurden. Dabei begegnete dem Papſt ein böſes Verſehen. Jn ſeinem Eifer, Ludwig anzuſchwärzen, warf er ihm vor, die Rolle des Friedensſtörers, die er in der Jugend138Streit um Lotharingien. Synode zu Ponthiongeſpielt, im Alter wieder aufzunehmen. „ Noch “, rief er aus, „ iſt das Schlachtfeld von Fontenoye nicht trocken vom Blut! “ Er vergaß, daß bei Fontenoye (841) auch Karl an der Seite Ludwigs gefochten und nur mit Ludwigs Hilfe geſiegt hatte.
Bei Ludwig fand der Papſt kein Gehör; der König empfing ſeine Boten nicht, nahm ſeine Briefe nicht entgegen. Die anfängliche Abſicht, ſelbſt über die Alpen zu kommen, um den Streit zu ſchlichten, hatte Johannes aufgeben müſſen. An ſeiner Stelle entſandte er die Biſchöfe von Arezzo und Toscanella. Auf ihren Ruf trat Ende Juni die weſt - fränkiſche Reichsſynode zuſammen: ſo zahlreich wie noch nie, fünfzig Biſchöfe und fünf Äbte. Die Stätte weckte große Erinnerungen: es war die Pfalz zu Ponthion, wo im Jahre 754 der ewige Bund zwiſchen Sankt Peter und dem Hauſe Pippins geſchloſſen wurde, aus dem der päpſtliche Landesſtaat, die fränkiſche Eroberung Jtaliens und das fränki - ſche Kaiſertum hervorgegangen waren. Auch diesmal handelte es ſich um große Dinge: wenn wir die verſchwiegene, aber andeutungsreiche Sprache der Akten richtig verſtehen, um nichts Geringeres als das Zurück - greifen auf den Plan der Einheit des fränkiſchen Geſamtreichs, der unter Ludwig I. der Verwirklichung entgegengegangen, dann fallen gelaſſen war. Etwas anderes kann es kaum bedeutet haben, wenn jetzt die ver - ſammelten Biſchöfe die römiſche Kaiſergewalt und italiſche Königs - wahl Karls bekräftigten und ihr beitraten. Es geſchah ohne Schwierig - keit und einſtimmig. Dagegen weckte das kirchliche Gegenſtück dazu leb - haften Widerſpruch. Johannes hatte ſich ſeinem Kaiſer durch eine Reihe kirchlicher Maßnahmen gefällig erwieſen, hatte den alten Streit um Laon aus der Welt geſchafft, indem er Hinkmar von Reims beauftragte, dem abgeſetzten, aber hartnäckig widerſtrebenden Neffen endlich einen Nachfolger zu geben, und hatte den Erzbiſchof Anſegis von Sens zum päpſtlichen Vikar für Gallien und Germanien beſtellt. Die Maßregel bot eine Handhabe, auch das noch unabhängige Königreich des Oſtens im Namen des Papſtes unter die kirchliche Botmäßigkeit des Weſtens zu bringen. Aber die Maßregel ſtieß in Ponthion auf zähen Widerſtand. Den Erzbiſchöfen lag weniger an der erſtrebten Reichseinheit als an Behauptung ihres eigenen Ranges: einſtimmig, Hinkmar an der Spitze, lehnten ſie es ab, ſich dem Amtsbruder von Sens zu unterſtellen. Be - mühungen des Kaiſers, ihre Zuſtimmung zu erlangen, waren umſonſt, und als der Beſchluß im Protokoll eigenmächtig gebucht war, wurde er139Geplante Vergrößerung des Kirchenſtaatsvon der Verſammlung zurückgewieſen. Der päpſtliche Vikariat des Erz - biſchofs von Sens iſt nicht in Kraft getreten. Auch die erſtrebte Ver - mittlung, womöglich Entſcheidung im Streit der Könige hat Johan - nes VIII. nicht ausüben können. Zunächſt durch den Tod Ludwigs des Deutſchen (28. Auguſt 876) gehemmt, wurde ſie von Karl ſelbſt zerſtört. Der Kaiſer hielt die Gelegenheit für günſtig, ſich des Teiles von Lotha - ringien zu bemächtigen, den er im Meerſſener Vertrag hatte aufgeben müſſen, konnte auch zuerſt bis an den Rhein vordringen. Da aber erlitt er bei Andernach eine ſchwere Niederlage und den Verluſt ſeines ganzen Schatzes. Dieſen Schlag hat er nicht verwunden. Nicht nur, daß die geplante Eroberung ſogleich aufgegeben wurde, ſein Arm war von nun ab in allen Unternehmungen wie gelähmt.
Den Schaden hatte der Papſt mitzutragen, auch ſeine Pläne ſtießen auf wachſenden Widerſtand. Johannes VIII. hatte in Ponthion neben den vorhin beſprochenen Dingen noch ein großes Geſchäft abſchließen laſſen. Während die Synode tagte, erſchienen zu den früheren Legaten noch zwei neue, zwei Biſchöfe, von denen der eine, Leo von Gabii, des Papſtes eigener Neffe war, ſeit dem Sturze des Gregorius deſſen Nach - folger als Apokriſiar. Sie erſuchten den Kaiſer um urkundliche Be - ſtätigung des Beſitzſtands und der Rechte des Kirchenſtaats und erhielten ſie auch. Was wir darüber hören — die Urkunde ſelbſt iſt verloren — enthüllt mit aller Klarheit die Ziele, die Johannes verfolgte. Jndem Karl auf ſtändige Vertretung in Rom und Aufſicht über die päpſtliche Regierung, desgleichen auf jeden Anteil an der Papſtwahl verzichtete, wurde die Unabhängigkeit und Selbſtverwaltung unter bloßem Schutz des Kaiſers wiederhergeſtellt, die Rom und der Kirchenſtaat im erſten Viertel des Jahrhunderts, vor dem Geſetz Lothars I. (824), genoſſen hatte. Dazu trat eine beträchtliche Erweiterung des Gebietes: nicht nur die immer in Anſpruch genommenen Güter im Beneventiſchen und bei Neapel wurden der römiſchen Kirche aufs neue zugeſprochen, ſie erhielt dazu als weitere Gabe die toskaniſchen Grenzfeſtungen Chiuſi und Arezzo und — das Wertvollſte — die Oberhoheit über die Herzogtümer Spo - leto und Benevent. Man wird annehmen dürfen, daß dies ſchon bei der Kaiſerkrönung verabredet war, aber erſt die veränderte Lage nach dem Sturz jener ſtädtiſchen Gruppe, die wir der Kürze halber die Partei des Formoſus nennen dürfen, mag dem Papſt die Möglichkeit gegeben haben, mit dem abgeſchloſſenen Vertrag vor die Öffentlichkeit zu treten. 140Geplante Vergrößerung des KirchenſtaatsSein Gedanke dabei war, neben möglichſter Unabhängigkeit im Jnnern ſeinem Staat mit der Verfügung über die Kräfte der beiden Herzog - tümer die Machtmittel zur politiſchen Führung in Jtalien unter kaiſer - lichem Schutz und Rückhalt zu verſchaffen.
Ein alter Gedanke, der in Rom ſchwerlich jemals ganz in Vergeſſen - heit geraten war, ſeit Stefan II. und Hadrian I. ernſtlich verſucht hatten, mit Hilfe der fränkiſchen Könige den Landesſtaat des heiligen Petrus zur beherrſchenden Macht Jtaliens zu erheben. Damals hatte ſich das als unmöglich erwieſen und war aufgegeben worden, Johan - nes VIII. glaubte es in beſcheidenerem Umfang mit mehr Erfolg wieder aufnehmen zu können. Wenn dabei von Benevent die Rede war, ſo bedeutete das beſtenfalls einen unſicheren Wechſel auf die Zukunft. Da - gegen die Oberhoheit über Spoleto zu erſtreben, hatte einen Sinn und bedeutete, wenn verwirklicht, einen ſchönen Machtzuwachs. Es iſt Johannes VIII. ſowenig gelungen wie ſeinen Vorgängern, und das klägliche Scheitern des Staatsmanns hat dieſes Mal eine blutige Beſiegelung in dem gräßlichen Lebensende des Menſchen gefunden. Aber wir wollen nicht vorgreifen.
Zunächſt hieß es, das durchzuführen, was in Ponthion beurkundet war. Mit dieſem Geſchäft hatte Karl den Erzbiſchof Anſegis von Sens und den Biſchof von Autun beauftragt. Sie ſtießen auf Widerſtand beim Herzog von Spoleto: Lambert widerſtrebte es, den Papſt als Herrn anzuerkennen. Auch Markgraf Adalbert von Toskana war nicht gewillt, ſeine Grenzſtädte abzutreten. Anſegis aber — grollte er heimlich wegen des entgangenen Vikariates? — zeigte Verſtändnis für ihren Wider - ſtand, ſo daß der Papſt ſich beim Kaiſer über ihn beſchwerte. Es hat ihm nichts genützt, die Beſtimmungen des Vertrages von Ponthion blieben nach dieſer Seite unausgeführt, der Papſt aber hatte von da an die beiden benachbarten Fürſten erſt zu heimlichen, bald zu offenen Feinden.
Um ſo ungeduldiger erwartete, erbat und heiſchte er Hilfe vom Kaiſer. Jn beredten Schriftſtücken, deren eines das andere drängte, ſchilderte er ihm ſeine Not: Sarazenen und Markgrafen*)Jn Jtalien iſt Markgraf gleichbedeutend mit Herzog. verwüſten das Land, und die verurteilten und entwichenen römiſchen Gegner ſind nicht zu faſſen. Sie hatten in Spoleto Zuflucht geſucht und gefunden. Mit Gunſt - beweiſen geizte Johannes nicht, um auf Karl zu wirken. Daß der Biſchof von Autun auf des Kaiſers Wunſch das Pallium erhielt, das141Hilferufe an Karl II. ſonſt das Vorrecht der Erzbiſchöfe war, bedeutete nicht viel. Aber auch vor einer handgreiflichen Rechtsverletzung ſchreckte der Papſt nicht zu - rück, um Karl gefällig zu ſein: er genehmigte, daß der Erzbiſchof von Bordeaux nach Bourges verſetzt wurde, weil jene Stadt von den Dänen zerſtört ſei. Übergang von einem Bistum zum andern war verpönt, der Vorwand fadenſcheinig, und die Suffragane von Bourges wider - ſprachen; aber Johannes ſetzte ſich darüber hinweg, und Karl ſah, wie einſt im Falle Wulfhads, den widerrechtlichen Eingriff gern, da er ſeinen Zwecken diente.
Das waren die kleinen Geſchenke, mit denen der Papſt des Kaiſers Freundſchaft ſich zu erhalten ſuchte. Um ihn ſeinen Abſichten ganz zu gewinnen, ſpielte er mit Nachdruck die Trümpfe aus, die ſeit alters dienen mußten, fränkiſche Herrſcher römiſchen Wünſchen willfährig zu machen. „ Bedenket “, ſchrieb er ihm, „ wenn Rom erniedrigt wird, wo wollt Jhr Hilfe finden, wo bleibt Euer Ruhm? Nicht nur die Herrlich - keit Eures Reiches käme in Gefahr, ſondern die Pflege des Chriſten - glaubens ſelbſt würde zugrunde gehen. “ Perſönliches Erſcheinen des Kaiſers konnte allein davor bewahren! Aber der Winter ging zu Ende, und Karl kam nicht. Auch Graf Boſo von Vienne, ſein Schwager, dem er die Verwaltung des italiſchen Königreichs übertragen hatte, tat trotz dringender, ja drohender Mahnungen nichts für den Papſt. Dieſem blieb nichts übrig, als aufs neue „ fußfällig “den Kaiſer anzuflehen. Die Verwendung der Kaiſerin, das Einſchreiten der Biſchöfe rief er an und fand Töne, ſehr ähnlich denen, die einſt ans Ohr Pippins gedrungen waren: die Sarazenen haben die ganze Campagna verheert, den Anio überſchritten, ſind ins Sabinerland eingedrungen; alles Vieh iſt geraubt; die Chriſten — gemeint iſt der Herzog von Spoleto — ſtatt zu helfen, rauben ſelbſt, was noch übrig iſt, und treten die päpſtliche Verwaltung im römiſchen Gebiet mit Füßen. Bringt der Kaiſer nicht die geſchuldete Hilfe, ſo bleibt nur Unterwerfung unter die Ungläubigen übrig oder der Tod. „ Petrus droht in der Perſon der ihm anvertrauten Schafe zu er - trinken; rettet ſie aus den Fluten, wenn er Euch aus dem Schlamm Eurer Verfehlungen retten und Euch die Hallen des Himmelreichs mit den Schlüſſeln ſeiner Fürbitten öffnen und die Weiden des ewigen Lebens unter den Engeln für immer anweiſen ſoll. “
Um dieſe Mahnung zu überreichen, zogen zwei Biſchöfe ins Franken - land. Es war im Februar 877, aber ein Vierteljahr ſpäter mußte142Verſuch einer unteritaliſchen LigaJohannes den Hilferuf wiederholen. Jetzt wurde es ein förmlicher Not - ſchrei. Er erinnerte Karl daran, daß er zum Kaiſer erhoben ſei, um die Kirche vor den Anfeindungen ihrer Gegner zu ſchützen: „ Nun aber iſt von der ſchon ganz entvölkerten Campagna nichts übriggeblieben, wovon wir, die Klöſter und andern frommen Stätten und der römiſche Adel ihren Unterhalt beziehen könnten. Die ganze Bannmeile Roms iſt ſo ausge - plündert, daß dort kein Bewohner, kein Anſiedler irgendwelchen Alters lebt. Bei ſo unendlichem Unglück finden wir in unſerm Jammer keinen Schlaf für die Augen, keine Speiſe für den Mund, ſtatt der Ruhe leiden wir ſtändige Drangſal, ſtatt des Wohlgeſchmacks leiblicher Nahrung die Bitterkeit der Seele. “
Der Papſt übertrieb. Mochten die Streifen ſarazeniſcher Scharen ſein Gebiet arg mitnehmen, gefährdet war er dadurch nicht und auch in ſeiner Bewegungsfreiheit keineswegs gehemmt. Jn eben dieſen Mo - naten, vom Herbſt 876 bis zum Sommer 877, ſehen wir ihn mit ge - ſteigertem Eifer an der Zuſammenfaſſung der unteritaliſchen Kräfte zur Abwehr der Sarazenen arbeiten. Brief auf Brief ſchreibt er, ſchickt Geſandte aus, kündigt ſein eigenes Kommen an und findet ſich auch wirk - lich im Juni 877 an ſeiner Südgrenze ein, bei Traetto, wo unweit Gaeta die Fähre über den Garigliano führte. Salerno, Capua und Amalfi ſind auf ſeiner Seite, aber auch im andern Lager hat er Freunde und Helfer an den Biſchöfen. Gegen den Stadtherrn von Neapel, Sergius, der durch keine Mahnung noch Drohung zum Abfall vom ſarazeniſchen Bündnis zu bringen iſt, ruft er deſſen Bruder, den Stadtbiſchof Anaſta - ſius, auf, in Benevent ſoll der Biſchof dieſelbe Rolle gegen ſeinen Bru - der, den Herzog, ſpielen. Amalfi wird durch Geld bewogen, ſeine Flotte zur Verfügung zu ſtellen, und um die Leute von Gaeta zu gewinnen, das durch ſeine Lage ebenſo wichtig iſt wie durch ſeine Schiffe, greift der Papſt noch tiefer in den Beutel. Er erweitert das Hinterland der Stadt, indem er ihr die benachbarten Beſitzungen der römiſchen Kirche, die Stadt Fondi und das Patrimonium Traetto, abtritt*)Fondi gehörte zum Kirchenſtaat, im Gebiet von Gaeta beſaß Sankt Peter Landgüter, die zum Patrimonium Traetto vereinigt waren.. Um dieſen Preis entſagt Gaeta dem Vertrag mit den Sarazenen. Noch fehlen Benevent und Neapel, aber ſchon das Erreichte iſt ein Erfolg, die unteritaliſche Liga iſt im Entſtehen.
Den Norden Jtaliens hat Johannes derweilen nicht weniger im143Oberitalien. Karls II. ErſcheinenAuge behalten. Jm langobardiſchen Königreich hielt ein Teil der Laien - großen, allen voran der mächtige Markgraf Berengar von Friaul, den Abſichten des verſtorbenen Kaiſers getreu zu den deutſchen Karolingern. Gegen ſie rief der Papſt die Biſchöfe zu Hilfe, mit geiſtlichen Waffen wollte er den Widerſtand beſiegen und Karl die Wege ebnen. Zu dieſem Zweck berief er eine Synode aus ganz Jtalien nach Ravenna. Jm Auguſt 877 trat ſie zuſammen, fünfzig Biſchöfe aus verſchiedenen Teilen der Halbinſel, vom Papſt mit einer ſchwungvollen Rede auf den neuen Kaiſer eröffnet. Nicht hoch genug konnte Johannes die Vorzüge Karls erheben, der den Vater, ſogar den Großvater übertreffe. Als den gott - geſandten Retter der Welt pries er ihn, der als ſolcher ſchon Nikolaus offenbart worden, den er ſelbſt nach einhelligem Beſchluß von Biſchöfen, Klerus, Adel und Volk von Rom alter Sitte gemäß feierlich zum Kaiſer erhoben habe. Seine Worte fanden den gewünſchten Wider - hall. Einſtimmig verſprachen die Verſammelten, Karl mit allen Mitteln zu unterſtützen, und bedrohten jeden, der ſich ihm widerſetzen würde, wes Standes er ſei, mit dem Fluch der Kirche und Verluſt von Amt und Würde. Es klang ſehr ſchön. Wer aber auf die Zuſammenſetzung der Synode ſah, dem mußten an der Wirkſamkeit des Beſchluſſes Zweifel kommen. Die meiſten Teilnehmer ſtammten aus der weſtlichen Lom - bardei, die ſich ſchon früher für Karl ausgeſprochen hatte, Friaul da - gegen, der Patriarchat Aquileja, das Machtgebiet Berengars und der deutſchen Partei, fehlte ganz. Der Widerſtand war alſo noch zu brechen, und das Beſte dazu mußte Karl ſelber tun.
Der hatte ſich endlich auch aufgemacht. Am guten Willen hatte es ihm nie gefehlt, Geſchäfte ſeines Königreichs, Auseinanderſetzung mit dem deutſchen Nachbar im Oſten, ſtets drohende Gefahr von den Dänen im Norden und die Notwendigkeit umfaſſender Vorbereitungen hatten einen früheren Aufbruch nicht erlaubt. Jetzt rechnete Karl mit längerer Abweſenheit und ordnete demgemäß die Regentſchaft Frankreichs. Daß es auf große Dinge abgeſehen war, zeigte die Rüſtung: eine Steuer von allen Grundbeſitzern wurde ausgeſchrieben, auch die Kirche entſprechend herangezogen. 5000 Pfund Silber ſollten auf dieſe Art zuſammen - kommen. Jn Begleitung der Kaiſerin, mit gewaltigen Mengen von Gold und Silber, Pferden und Vorräten aller Art, brach Karl zu An - fang September über den Mont Cenis nach Jtalien auf. Ungeduldig eilte ihm der Papſt bis Vercelli entgegen, zuſammen zogen ſie nach144Karls II. Erſcheinen und Tod. Anſprüche SpoletosPavia, der Königſtadt, wo die Kaiſerin als Königin von Jtalien gekrönt werden ſollte. Da kam die Nachricht, daß der deutſche König Karlmann von Baiern mit Heeresmacht auf Pavia heranrückte. Karl, deſſen Heer noch nicht verſammelt war, wich aus in das feſte Tortona; hier wurde, beſcheiden genug, die Krönung der Kaiſerin gefeiert. Aber der erwartete Zuzug blieb auch weiterhin aus, die Fürſten, die ihn führen ſollten, ließen ihren König im Stich. Es zeigte ſich, daß der Plan zur Unterwerfung Jtaliens in die Luft gebaut war, ein perſönliches Unternehmen des ehr - geizigen Herrſchers, dem die Zuſtimmung des Landes fehlte. Karl blieb nichts übrig, da er den Kampf mit dem Neffen nicht aufnehmen konnte, als ſchleunig den Rückzug anzutreten. Auf dem Wege, den er gekommen war, eilte er um den 1. Oktober wieder über die Alpen, Papſt Johannes aber kehrte ebenſo eilig heim nach Rom. Hier angelangt, erhielt er bald die Nachricht, die ihn belehrte, daß ſeine ganze großangelegte Politik zuſammengebrochen war wie ein Kartenhaus, das ein Hauch umge - worfen hat. Kaiſer Karl war unterwegs erkrankt und am 6. Oktober 877 in einer elenden Hütte in den Bergen der Dauphiné geſtorben.
Das Ereignis hatte ſeinen Schatten vor ſich hergeworfen. Noch war die Nachricht vom Tode des Kaiſers nicht in Rom eingetroffen, da hatte Herzog Lambert von Spoleto ſich gemeldet mit Anſprüchen, die auf Unterwerfung Roms hinausliefen. Seine demnächſtige Ankunft kün - digte er an, forderte Geiſeln aus dem römiſchen Adel, berief ſich auf an - gebliche Ermächtigung durch Karl und ließ ſich nicht abſchrecken, als der Papſt dieſe „ teufliſche Abſicht “mit Entrüſtung zurückwies. Bald ſtellte ſich heraus, was er dabei im Schilde führte: die Verbannten, die Anhänger des Formoſus, ſollten zurückkehren. Schon verſagte Lambert dem Papſt die ſchuldige Achtung, behandelte ihn als Abhängigen, redete ihn „ Deine Erlaucht “an und mutete ihm zu, ohne ſeine Genehmigung keine Geſandtſchaft abzufertigen. Johannes war machtlos; ſeine zornige Empörung wirkte auf den Herzog ebenſowenig wie der Verſuch, ihn durch ſchmeichelhafte Wendungen — „ einziger Beiſtand “, „ getreueſter Verteidiger “— milder zu ſtimmen. Zu Anfang des Jahres 878 er - ſchienen Lambert und Adalbert von Toskana vor Rom und erzwangen ſich den Eintritt. Nun wiederholte ſich, was vier Jahre früher mit Nikolaus I. geſchehen war. Einen Monat lang hauſte der Spoletiner in der Stadt, während der Papſt ohnmächtig in Sankt Peter ſaß, wo er wenigſtens für ſeine Perſon ſicher war. Denn an dem Stellvertreter145Johannes VIII. auf der Suche nach einem Kaiſerdes Apoſtelfürſten ſich zu vergreifen, brachte Herzog Lambert ſowenig fertig wie einſt Kaiſer Ludwig. Auch der Ausgang des Zwiſchenfalls ähnelte dem früheren: die Spoletiner und Toskaner zogen ab, ohne daß man ſähe, was ſie erreicht hatten. Die Zurückführung der Verbannten war jedenfalls nicht gelungen, die Partei des Papſtes war offenbar die ſtärkere, und die erſtrebte Herrſchaft über die Stadt hatte der Herzog nicht erlangt. Aber die Umgebung war in ſeiner Hand, von ihr aus bedrohte er Rom ſtändig und ſchnitt die Straßen nach Norden ab.
Unter ſolchen Umſtänden nützte es dem Papſt wenig, daß im Süden die Dinge ſich etwas günſtiger geſtalteten. Neapel war der päpſtlichen Liga beigetreten, nachdem das Stadthaupt Sergius von ſeinem Bruder, dem Biſchof Athanaſius, geſtürzt, geblendet und nach Rom ausge - liefert war, wo man ihn im Kerker elend umkommen ließ. Der Papſt, hocherfreut über dieſe „ gottgefällige Tat “, ſpendete Athanaſius alles Lob, weil er Gott mehr geliebt habe als ſein eigen Fleiſch und Blut, und begrüßte ihn als den Mann Gottes, der das Chriſtenvolk in Ge - rechtigkeit und Heiligkeit wie ein guter Hirte regiere. Er bezahlte auch die Koſten der Umwälzung. Aber was nützte ihm dieſer Erfolg in der Ferne, wenn er im eigenen Hauſe nicht ſicher war? Da konnte nur ein Kaiſer helfen, und nach einem ſolchen ſah nun Johannes ſich um. Jhm war es gleich, wer die Rolle übernehmen würde, wenn nur dem Kirchen - ſtaat die Unabhängigkeit und Ausdehnung erhalten blieb, die Karl II. ihm zugeſtanden hatte. Darum erhielt Karlmann, der in Oberitalien nach des Kaiſers Tode keinen Widerſtand mehr gefunden hatte, als er ſich zur Kaiſerkrönung meldete und der römiſchen Kirche jede Erhöhung verſprach, eine entgegenkommende Antwort und Gunſtbeweiſe für ſeinen Erzkaplan, den Erzbiſchof von Salzburg. Aber wiederum machte das Schickſal einen Strich durch die Rechnung: im Heere Karlmanns brach eine Seuche aus, er ſelbſt erkrankte ſchwer und mußte nach Deutſchland zurückkehren; wann er würde wiederkommen können, war ungewiß. Johannes mußte andere Möglichkeiten in Erwägung ziehen. Seiner Art entſprach es, daß er ſich entſchloß, die Frage in perſönlicher Ver - handlung mit den Franken zu löſen. Rom und die benachbarten Ange - legenheiten mußten einſtweilen zurücktreten. Gegen Lambert und Adal - bert als Kirchenräuber wurde der Fluch geſchleudert, von den Sara - zenen ein vorläufiger Friede für teures Geld — 25000 Silberlinge — erkauft. Ende April 878 brach der Papſt zu Schiff nach Genua und vonHaller, Das Papſttum II1 10146Reiſe nach Frankreichdort in die Provence und nach Frankreich auf. Ob er ſich damals ſchon für einen der Karolinger als künftigen Kaiſer entſchieden hatte, iſt frag - lich. Wir ſehen ihn die Angel nach allen Seiten auswerfen: Karlmann, Karl von Schwaben, Boſo von Vienne werden umworben, vor allem Karls II. Sohn und Nachfolger, Ludwig der Stammler. Darf man in dieſem widerſpruchsvollen Verhalten einen klaren Gedanken ſuchen, ſo ſcheint der Plan geweſen zu ſein, auf den Vertrag von 754 zurückzu - greifen, der das ganze fränkiſche Königshaus für alle Zeit zum Schutz der römiſchen Kirche verpflichtete. Dieſen Schutz ſollte es jetzt gemein - ſam mit den Kräften des Geſamtreichs ausüben und die Aufgaben unter ſich verteilen. Die Ausſöhnung der verfeindeten Vettern gedachte der Papſt ſelber zu vermitteln und lud darum ſämtliche Könige zu einer Synode ein, die er ſchon von Genua aus berufen hatte. Nach wieder - holtem Aufſchub wurde ſie im Auguſt 878 in Troyes eröffnet, aber nicht als das, was ſie hatte ſein ſollen. Der Kongreß des fränkiſchen Königs - hauſes war nicht zuſtande gekommen. Da die deutſchen Könige aus - blieben und nur Ludwig der Stammler mit einem Teil ſeiner Biſchöfe ſich allmählich einfand, wurde es eine einfache weſtfränkiſche Reichs - ſynode, die das nicht erfüllen konnte, was der Papſt erhoffte.
Schon unterwegs hatte Johannes Gelegenheit gehabt, ſeine Er - wartungen herabzuſtimmen. Wenn er wußte — die amtliche Geſchichte ſeiner Vorgänger wird er gekannt haben — wie Stefan II. ſeinerzeit im fränkiſchen Reich empfangen und aufgenommen war, ſo konnte ein Vergleich ihn nur trübe ſtimmen. Kein Mitglied des Königshauſes, über - haupt kein Vertreter des Herrſchers hatte ihn an der Grenze begrüßt, und das Geleite, das Boſo als Graf der Provence ihm gewährte, ſchützte ihn nicht vor kränkender Behandlung. Jn Chalon an der Saone wurden ihm nachts die Pferde, im Kloſter Flavigny ein wertvolles Gerät ge - ſtohlen. Wie nahm es ſich aus, daß er als Gaſt des Landes über die Diebe den Ausſchluß aus der Kirche verhängen mußte! Die Reiſe wurde überhaupt zur Demütigung. Wochen, ja Monate mußte er auf den Zuſammentritt der Synode warten, den Termin immer aufs neue hinausſchieben, ſie von Tours nach Lyon, von Lyon nach Langres und ſchließlich nach Troyes verlegen. Hier erſchien er als Bittender. Jn beweglicher Klage wandte er ſich Mitleid heiſchend an „ die Könige der Erde und alle Völker, an die Fürſten und alle Richter der Erde, an ſeine Mitbiſchöfe und alle Männer geweihten Standes “mit dem Antrag,147Synode zu Troyesden Ausſchluß Lamberts, Adalberts und ihrer Genoſſen und den ewigen unwiderruflichen Fluch über Formoſus, Gregor und Georg in allen Kir - chen des Reiches zu verkündigen. Es wurde ihm bewilligt. Dafür ſtellte wiederum er ſeinen Spruch in einer Anzahl von Streitigkeiten den Biſchöfen nach Wunſch zur Verfügung. Aber mit dem König glückte die Verſtändigung nicht ſo leicht. Ludwig der Stammler fühlte ſich auf ſeinem Thron nicht ſicher und wünſchte darum, vom Papſt eine Beſtäti - gung ſeines Erbrechts zu erhalten. Johannes wich aus, lehnte es auch ab, die Königin zu krönen, mit der ſich Ludwig nach Scheidung von einer erſten Frau vermählt hatte. Es dauerte lange, bis man ſich einigte: Ludwig begnügte ſich mit der Krönung für ſich allein, Johannes ſtellte ihm die Kirchenſtrafen gegen ſeine Gegner — es gab deren mehr als einen unter dem weltlichen Adel — zur Verfügung. Dann endlich kam die Hauptſache zur Sprache. Der Papſt trat vor die Biſchöfe, forderte ſie auf, ihm mit bewaffneter Hand zur Rückkehr nach Rom zu verhelfen und ſich hierüber ſofort in bindender Weiſe zu erklären. Er wandte ſich ſodann an den König, erinnerte ihn an das Gelöbnis der Befreiung und Erhöhung der römiſchen Kirche, durch das ſeine Vorfahren auch ihn gebunden hätten, und verlangte ſchleunige Hilfe, „ damit nicht Euch und Euer Reich die gleiche Verdammung treffe wie die Könige des Altertums, die die Feinde Gottes ſchonten. Gefällt's Euch anders, ſo beſchwöre ich Euch bei Gott und dem heiligen Petrus, gebt mir auf der Stelle und ohne Verzug Antwort. “
Wie die Antwort gelautet hat, iſt nicht überliefert, man erkennt ſie aber aus dem, was folgte. Ludwig der Stammler ſelbſt war nicht im - ſtande, dem Papſt zu helfen, im eigenen Reich nicht unangefochten, ein kranker Mann, ſchon vom Tode gezeichnet. Jm Jahr darauf iſt er geſtorben. Aber ungetröſtet wollte er den Papſt nicht ziehen laſſen. So beſtellte er Boſo zu ſeinem Vertreter und gab ihm Auftrag, Johannes zur Rückkehr nach Rom zu verhelfen. Boſo verband damit eigene Pläne. Er hatte die Tochter Kaiſer Ludwigs II. zur Ehe gezwungen, glaubte ſich damit einen Anſpruch auf die italiſche Königskrone verſchafft zu haben und ihn mit Hilfe der alten Anhänger Ludwigs durchſetzen zu können. Dazu ſollte der Papſt mit geiſtlichen Waffen helfen zum Dank für die Dienſte, die ihm Boſo leiſten würde. Mit dieſem verbanden ſich mehrere der mächtigſten fränkiſchen Großen, und auch den Biſchöfen wurde vom König befohlen, das Unternehmen zu unterſtützen.
148Geſcheiterte PläneEs iſt trotzdem geſcheitert. Ob die Laienfürſten ihre Schuldigkeit ge - tan haben, wiſſen wir nicht; es liegen keine Anzeichen dafür vor. Von den Biſchöfen aber kam nur einer dem Befehl des Königs nach. Dafür zeigte man ſich in Jtalien wenig geneigt, den König aus der Provence anzunehmen. Alle Bemühungen des Papſtes prallten ab. Er war im November in Piemont angelangt, hatte ſogleich die einflußreichſten Fürſten zu ſich entboten und eine oberitaliſche Synode nach Pavia be - rufen. Niemand kam. Die Ladung wurde wiederholt, zum drittenmal erlaſſen, immer mit dem gleichen Mißerfolg. Unter ſolchen Umſtänden konnte oder wollte auch Boſo ſich nicht anſtrengen. Nur ſo viel bewirkte er, daß Adalbert und Lambert den Papſt durch ihr Gebiet nach Rom zurückkehren ließen, aber um hohen Preis: Johannes mußte die An - ſprüche fallen laſſen, die ihm der Vertrag mit Karl II. gab. Einen echten Frieden hat er auch damit nicht erkauft, die Nachbarn blieben mißtrauiſch und feindſelig. Gegenüber ſeinem perſönlichſten Gegner hatte er ſchon in Troyes einen halben Rückzug angetreten. Formoſus, der in Frankreich bei einem der mächtigſten Fürſten Unterkunft gefunden hatte, war vor ihm erſchienen und hatte ungeachtet der ſoeben erſt ausge - ſprochenen ewigen und unwiderruflichen Verfluchung die Wiederauf - nahme in die Kirche als Laie erhalten gegen das eidliche Verſprechen, nach keiner kirchlichen Würde zu ſtreben und Rom für immer zu meiden. Von ſeinen Anhängern, den Gregor, Georg und Genoſſen, fehlt jede Kunde, vielleicht haben auch ſie eine teilweiſe Begnadigung erlangt. Jhre Partei jedenfalls hat weiter beſtanden und noch genug von ſich reden gemacht.
Nur allzu eifrig arbeitete der Papſt in der nächſten Zeit daran, ſich Schutz und Rückhalt gegen Nachbarn und innere Gegner zu verſchaffen. Den Gedanken, die fränkiſche Geſamtmacht aufzubieten, hatte er auf - geben müſſen, da das Königshaus in ſich nicht einig oder, wie er ſich ausdrückt, „ die Liebe erkaltet war “. Schon im März 879 hat er dem Erzbiſchof von Mailand geſtanden, daß ſein Plan geſcheitert ſei. Wie - der ſuchte er nach einem Kaiſer, ſpielte aber dabei mit allen irgend möglichen Kandidaten. Während er ſich ſtellte, als hielte er an Boſo feſt, und beteuerte, bei keinem andern Hilfe geſucht zu haben, knüpfte er ſchon mit Karl von Schwaben an und verſprach ihm jede Erhöhung, verhandelte aber noch eifriger mit Karlmann, ſendete dem ſchon ſeit Monaten vom Schlagfluß Gelähmten und der Sprache Beraubten noch149Unteritaliſche Wirrenim Sommer 879 durch zwei Biſchöfe einen Hilferuf mit der Verſiche - rung, ſonſt niemandes Beiſtand gewünſcht zu haben, ſtellte ihm Ehre und Heil in dieſem und jenem Leben in Ausſicht, ja drohte ihm mit dem Richterſtuhl Chriſti. Sogar den älteſten der deutſchen Brüder, Ludwig III. von Rheinfranken und Sachſen, alſo den entfernteſten der Karolinger, hat er mit der römiſchen Kaiſerkrone zu locken geſucht, die ihm höheren Ruhm als allen ſeinen Vorfahren bringen und alle König - reiche zu Füßen legen werde. Dabei verlangte er nach wie vor, daß man ſich im Königreich Jtalien nach ihm richte, und verbot dem Mailänder Erzbiſchof, in der Königsfrage auf eigene Fauſt zu handeln. Erreicht hat er mit all dem nichts. Er konnte nichts erreichen, denn die Könige hatten keine Möglichkeit, wohl auch wenig Neigung, ihm zu Dienſten zu ſein. Mit ſeiner zweizüngigen Vielgeſchäftigkeit bewirkte er, daß jeder von ihnen ſich vorzugsweiſe berechtigt glaubte, alle einander ſtörten und hinderten und keiner dem Papſt traute.
Jnzwiſchen hatten die Verhältniſſe im Süden ein anderes Ausſehen gewonnen. Das Jahr 878 hatte den Tod des Biſchofs Landulf von Capua gebracht, der bis dahin das Herrſcherhaus geführt hatte. Sein Neffe Pandonulf, von den Verwandten im Erbſtreit angefochten, hatte die Unterſtützung des Papſtes erkauft, indem er die Oberhoheit der römi - ſchen Kirche anerkannte. Endlich alſo war der alte Anſpruch auf dieſe Stadt verwirklicht, Capua ein Teil des Kirchenſtaats. Aber die Freude an dieſem Erfolg dauerte nicht lange. Jn den Bruderkrieg des Grafen - hauſes, in den die Nachbarn bald eingriffen, ſah der Papſt ſich ver - wickelt, und eine Entſcheidung herbeizuführen gelang ihm nicht. Die mühſam geſchaffene Liga gegen die Ungläubigen ſpaltete ſich, die Weſt - küſte Unteritaliens wurde zum Schauplatz erneuten Krieges, und die Sarazenen fanden wieder offenen Zugang auch in das Gebiet der Kirche. So nützte es wenig, daß im gleichen Jahr 878 in Benevent Herzog Adelgis von ſeinem Bruder Gaideris ermordet wurde und dieſer bereit war, ſich Rom anzuſchließen. Einzig das Eingreifen einer überlegenen Macht konnte in dieſem Strudel örtlicher Gegenſätze und perſönlicher Feindſchaften Ordnung und Ruhe ſchaffen. Daß von den fränkiſchen Königen nicht viel zu hoffen ſei, trat immer klarer hervor. Nur eine Stelle gab es, die dafür Erſatz leiſten konnte, den griechiſchen Kaiſer, und darauf eröffnete ſich eben jetzt eine Ausſicht.
150Vordringen der GriechenJn Konſtantinopel hatte man ſich ſeit dem Regierungsantritt Baſi - leios 'I. der alten Rechte des Reiches in Jtalien mehr als früher zu erinnern begonnen und den Entſchluß gefaßt, ſie wieder zur Geltung zu bringen. Je mehr die Hoffnung ſchwand, Sizilien, wo ſchon um die letzten Plätze gekämpft wurde, den Arabern zu entreißen — Syrakus, die Hauptſtadt, ging am 21. Mai 878 verloren — deſto wichtiger war es, wenigſtens die ſüdliche Oſtküſte der Halbinſel zu beſitzen, den Feinden nicht die Beherrſchung der Adria und des Weges nach Venedig zu überlaſſen und damit ſchließlich alle Verbindung mit dem Weſten zu verlieren. Von ſolchen Erwägungen war ſchon das Zuſammenwirken mit Ludwig II. beſtimmt, deſſen Frucht die Einnahme von Bari war. Ein förmliches Bündnis, obwohl vom gemeinſamen Bedürfnis gefor - dert, war zwar nicht zuſtande gekommen, und das keineswegs bloß, weil man in Konſtantinopel dem Franken den Kaiſertitel verweigerte. Hinter dem Etikettenſtreit verbarg ſich ein tiefer Gegenſatz der Anſprüche und Abſichten. Am Hof zu Pavia betrachtete man Apulien und Kalabrien als Teile des Herzogtums Benevent und dieſes als zum langobardiſchen Königreich gehörig. Ludwig II. hatte denn auch, wo immer er die Araber vertrieb, ſich ſelbſt huldigen laſſen. Jn Konſtantinopel ſah man darin Eroberungen auf Koſten des römiſchen Reiches, an deſſen Wiederher - ſtellung man dachte, und würde eine Ausdehnung der fränkiſchen Herr - ſchaft nach Süden kaum viel weniger ungern geſehen haben als das Weiterbeſtehen der arabiſchen. Zum offenen Zuſammenſtoß war es nicht gekommen, ſolange Ludwig II. lebte, aber die Gegnerſchaft der beiden Kaiſer trat doch greifbar hervor, als Herzog Adelgis von Benevent nach dem Sturze Ludwigs in Konſtantinopel Rückhalt ſuchte und fand, indem er ſich dem griechiſchen Herrſcher unterwarf. Nach Ludwigs Tode öffnete der Streit um ſein Erbe den Griechen vollends die Tore, Bari unter - warf ſich ihnen ſchon 876 und wurde der Sitz ihres Statthalters. Jhre Flotte und ihr Heer bildeten nun die natürliche Vormacht und den ein - zigen Schutz der chriſtlichen Fürſten und Städte gegen die Araber.
Dem konnte auch der Papſt ſich nicht verſchließen. Wenn die Franken verſagten, warum ſollte er nicht bei den Griechen Hilfe ſuchen? Noch ehe er die Bittfahrt ins Fränkiſche antrat, hatte Johannes dieſen Weg ſich öffnen ſehen. Schon im Frühjahr 877, als er noch auf Karl II. hoffte, hatte er an den griechiſchen Statthalter um Entſendung von zehn Kriegsſchiffen zum Küſtenſchutz gebeten. Er ſcheint ſie nicht be -151Anknüpfung mit Romkommen zu haben. Ein Jahr ſpäter hatte ſich die Lage geändert, und Johannes zögerte nicht, ſie zu benutzen. Bis dahin war ſein Verhältnis zu Konſtantinopel nicht das beſte geweſen. Zwiſchen Rom und der grie - chiſchen Reichskirche ſtand der Streit um Bulgarien, den Nikolaus heraufbeſchworen hatte. Johannes hatte den Anſpruch auf Leitung der bulgariſchen Kirche nicht aufgegeben, Jgnatios kümmerte ſich nicht dar - um. Es kam zu einem gereizten Schriftwechſel, ſchließlich zu förmlichem Verfahren gegen den Patriarchen. Zweimal wurde Jgnatios zur Ver - antwortung wegen ſeiner Eingriffe in den römiſchen Amtsbezirk geladen. Er ließ das unbeachtet; aber ſchon ſtand der Kaiſer nicht mehr hinter ihm. Die Spaltung zwiſchen Jgnatianern und Photianern, die durch die Beſchlüſſe der Synode von 870 nichts weniger als beſeitigt war, fand der Kaiſer auf die Länge unerträglich, er ſuchte die Verſöhnung. Sie war kaum zu erreichen, ſolange Jgnatios lebte, aber der Patriarch war alt, an die achtzig Jahre, ſein baldiger Tod ſtand zu erwarten, und dann war die Bahn frei. Dann konnte man über die Vergangenheit den Schleier des Vergeſſens werfen, Photios zum Patriarchen machen und dadurch den Riß, der die griechiſche Kirche ſpaltete, ſchließen. Dazu aber brauchte man dringend die Zuſtimmung Roms. Rom hatte bei der Entfernung des Photios und Wiedereinſetzung des Jgnatios die Füh - rung gehabt, ohne Teilnahme Roms war die Rückkehr des Photios nur Anlaß zu neuem Streit. Es war keine Kleinigkeit, was dem Papſt damit zugemutet wurde. Wohl handelte es ſich nicht um Fragen von Glauben, Lehre und Gottesdienſt, nur um eine Verdammung wegen widerrecht - licher Erhebung zum Patriarchen, und das ſchloß die Begnadigung nicht aus. Dennoch war es für den Papſt nicht leicht, die feierlichen Sprüche ſeiner beiden Vorgänger aufzuheben. Nicht jeder hätte das getan. Aber die hilfsbedürftige Lage, in der Johannes ſich befand, war in Konſtanti - nopel ſowenig unbekannt wie ſeine perſönliche Fähigkeit, ſich den Um - ſtänden anzupaſſen. Zudem wußte man, womit man ihn gewinnen konnte: Ausſicht auf Unterwerfung Bulgariens mußte die letzten Be - denken überwinden.
Auf dieſer Grundlage wurden im April 878 die Verhandlungen er - öffnet. Vom Kaiſer traf in Rom ein Schreiben ein, das von ſeiner Abſicht ſprach, der Kirche den Frieden zu geben. Zugleich erſchien ein Mönch aus Bulgarien, der dem Papſt Geſchenke des Fürſten über - brachte. Johannes antwortete ſogleich; in ſeiner übergeſchäftigen Art152Johannes 'VIII. Übergang zu den Griechenmeinte er, das Spiel ſchon in der Hand zu haben. Dem Streben des Kaiſers zollte er Beifall, erklärte ſich zur Mitarbeit bereit, beglaubigte zu dieſem Zweck die Biſchöfe von Oſtia und Ancona und erbat für ſie zugleich kaiſerliches Geleit zum Fürſten der Bulgaren. An dieſen und an zwei ſeiner Vornehmſten wandte er ſich mit Mahnungen, zum Gehorſam gegen Sankt Petrus zurückzukehren, ſich von den Griechen loszuſagen, die ſo oft und leicht in Jrrtümer verfielen, und ſich an Rom, die untrüg - liche Quelle der Wahrheit, zu halten. Die Drohung, andernfalls würden ſie für „ Heiden und Zöllner “gehalten werden, blieb nicht unausge - ſprochen. An Jgnatios erging jetzt zum drittenmal die Aufforderung, bei Strafe des Ausſchluſſes aus der Gemeinſchaft ſeine Biſchöfe aus Bul - garien zurückzuziehen, dieſe ſelbſt wurden mit der gleichen Strafe be - droht, wenn ſie nicht innerhalb eines Monats das Land verließen. Dafür hoffte der Papſt, den griechiſchen Kaiſer auch für ſeine eigene unmittel - bare Not benutzen zu können. Er ließ ihm durch die beiden Biſchöfe berichten, was jüngſt gegen Kirche und Reich in Rom geſchehen ſei, und bat ihn, den er „ in alle ſeine Geheimniſſe eingeweiht zu ſehen wünſchte “, um Hilfe und Troſt. Der Brief iſt vom 28. Auguſt 878, unmittelbar vor dem Aufbruch ins Frankenreich. Er beweiſt, daß Johannes ſchon damals mit dem Gedanken umging, wenn die Franken verſagten, ins griechiſche Lager überzugehen.
Etwas über ein Jahr war verſtrichen, da meldete ſich wieder eine griechiſche Geſandtſchaft. Vom Grafen von Capua durch das unter - italiſche Kriegsgebiet geleitet, traf ſie um den 1. Juni 879 in Rom ein. Sie brachte die Einladung zu einer Synode in der griechiſchen Haupt - ſtadt. Was ſie aber ſonſt berichtete, muß für den Papſt eine unangenehme Überraſchung geweſen ſein. Jgnatios war am 23. Oktober geſtorben, drei Tage darauf hatte Photios den erledigten Stuhl wieder beſtiegen. Die beiden römiſchen Vertreter, für ſolchen Fall ohne Weiſung, hatten gezögert, ihn anzuerkennen, dann aber ſich doch bewegen laſſen, die Ge - meinſchaft mit ihm aufzunehmen. Daß ſie dabei unredlichen Einflüſſen, ſei es Drohungen oder Beſtechungen, nachgegeben hätten, wie ſpäter behauptet worden iſt, braucht man nicht anzunehmen. Es genügte wohl, daß man ihnen vorhalten konnte, die öſtlichen Patriarchen hätten die Anerkennung ſchon vollzogen, und die griechiſchen Metropoliten ſtänden einhellig zu Photios. Jmmerhin begingen ſie eine ſtarke Eigenmächtig - keit, als ſie der Entſcheidung des Papſtes vorgriffen, auch wenn ſie die153Photios als Patriarch anerkanntRichtung kannten, in der ſeine Abſichten ſich bewegten. Johannes ſah ſich vor die Zumutung geſtellt, eine Tatſache als vollendet anzuerkennen, die erſt durch ihn hätte geſchaffen werden, mindeſtens nicht ohne ſeine Teilnahme hätte zuſtande kommen dürfen. Leicht kann er ſich nicht dazu entſchloſſen haben, aber er tat es. Er mußte ſich ſagen, daß ſein Wider - ſpruch an den Dingen nichts ändern, die Lage nur verſchlimmern würde. Photios, vom Kaiſer erhoben und gehalten, wäre trotzdem Patriarch ge - blieben, die vor zehn Jahren beigelegte kirchliche Spaltung zwiſchen Rom und Konſtantinopel wäre wieder ausgebrochen, und die griechiſche Macht in Unteritalien, auf deren Beiſtand er zählte, hätte ſich gegen ihn gewandt. Daß er es darauf nicht wollte ankommen laſſen, iſt ver - ſtändlich. Um ſo vorſichtiger mußte die Form gewählt werden, in der er das Geſchehene anerkennen konnte. Sie war nicht leicht zu finden, und länger als zwei Monate iſt darüber verhandelt worden. Erſt um die Mitte des Auguſt 879 nahm der Papſt auf einer kleinen Synode der benachbarten Biſchöfe ſeine Stellung. (Zu Vertretern auf der bevor - ſtehenden Kirchenverſammlung beſtimmte er die beiden Biſchöfe, die ſchon drüben waren, obwohl er ihr bisheriges Verhalten tadeln mußte, und ſtellte ihnen einen römiſchen Prieſter zur Seite. Er heißt nach der in dieſer Zeit aufgekommenen Sitte, Prieſter und Diakone der römiſchen Hauptkirchen als Kardinäle zu bezeichnen, in den Akten ſtets der „ Kar - dinalprieſter Petrus “.
Wer erzählen will, was weiter geſchah, fühlt ſich wie der Wanderer, der nicht weiß, wohin den Fuß ſetzen, denn der Boden der Überlieferung iſt durch Verfälſchung in Sumpf verwandelt. Feſten Grund bieten einzig die Schreiben, die der Papſt ſeinem Kardinal mitgab. Dieſe ſind in ihrer urſprünglichen Geſtalt überliefert und wenden ſich, außer an den Kaiſer und Photios, an die Biſchöfe des griechiſchen Reiches, die Patriarchen des Oſtens und an die Führer der Partei, die Photios noch nicht aner - kannte. Johannes bediente ſich der Form des Befehls, er berief ſich auf die bekannten Bibelſtellen, den Auftrag des Heilands, ſeine Schafe zu weiden, und die Verleihung der Himmelsſchlüſſel, die ihm ein ſchranken - loſes Recht gäben, zu binden und zu löſen; kurz, er bemühte ſich, den Vorgeſetzten und „ oberſten Biſchof “, wie er ſich dem Kaiſer gegenüber nannte, hervorzukehren. Aber es gelang ihm ſchlecht. Seine Worte klangen matt und ſchwächlich, ihr Jnhalt konnte niemand darüber täu - ſchen, daß er ſich darauf beſchränkte, gutzuheißen, was geſchehen war154Photios als Patriarch anerkanntund was doch, wie er nur leiſe zu rügen wagte, ohne ihn nicht hätte ge - ſchehen dürfen. Mit dieſer Begründung verbeſſerte er den Eindruck nicht. Er berief ſich auf die ſchon erfolgte Anerkennung des Photios durch die griechiſche und die öſtlichen Kirchen, auf eine Reihe von Vorgängen aus der Geſchichte der römiſchen Biſchöfe. Er hatte die Schwäche, ſogar den Vorbehalt zu benutzen, mit dem die römiſchen Legaten auf der Synode von 870 die Verdammung des Photios unterſchrieben hatten*)Siehe oben S. 117., ohne zu bedenken, daß dieſer Vorbehalt belanglos geworden war, ſeit Hadrian II. den Spruch der Synode anerkannt hatte. Es waren alles nur faden - ſcheinige Mäntelchen für den wahren Beweggrund, den der Papſt ſelber mit der bequemen Formel eingeſtand: „ temporis ratione perspecta, mit Rückſicht auf die Zeitumſtände “. Nicht einmal den Schein ver - mochte er zu bannen, daß er ſich dieſen Umſtänden unterworfen hatte, indem er den von ſeinen Vorgängern mit Fluch und unwiderruflicher Abſetzung beladenen Photios als rechtmäßigen Patriarchen anerkannte, ihn als Amtsbruder begrüßte und alle, die ihm ferner widerſtreben wür - den, mit Ausſchluß bedrohte. Zwar verſuchte er in einem abſichtlich zweideutig gefaßten Satz, dieſen Schritt als eine nachträglich zu er - bittende Gnade hinzuſtellen, aber die Bitte um Verzeihung zur Be - dingung zu machen, wagte er nicht. Er verlangte ferner, daß in Zukunft nur ein Geiſtlicher der Konſtantinopeler Kirche zum Patriarchen er - hoben werde, aber auch dies, ohne es als Bedingung hinzuſtellen.
Nur eine Bedingung wurde in unzweideutiger Form ausgeſprochen: daß Photios und ſeine Nachfolger ſich nie mehr in die kirchlichen Ver - hältniſſe Bulgariens einmiſchten. Täten ſie es, ſo ſollte die Gemeinſchaft ſofort aufgehoben ſein. Auf Bulgarien machte man ſich in Rom damals größere Hoffnungen als bisher. Zwar hatten die beiden Biſchöfe, die im Vorjahr über Konſtantinopel dorthin geſandt waren, einen ſchlechten Empfang gefunden. Jetzt aber öffnete ſich ein Weg, ohne Vermittlung der Griechen, die an dem erſten Mißerfolg kaum unſchuldig waren, an die Bulgaren heranzukommen. Soeben nämlich hatte in Kroatien eine Umwälzung ſtattgefunden, ein Fürſt, der zu den Griechen hielt, war um - gebracht worden, ſein Mörder und Nachfolger, von Venezianern ge - leitet, hatte ſich Rom unterworfen. Jndem Johannes ihn höchlich dafür belobte, benutzte er ſeine Vermittlung zu einer erneuten Sendung nach Bulgarien. Schon Anfang Juni ging ein Brief dorthin ab, der den155Synode in KonſtantinopelFürſten mit beweglichen Worten an die Rückkehr zu Sankt Peter mahnte, ihm die Arme des Papſtes zum Empfang ausgebreitet zeigte und Sieg über alle ſichtbaren und unſichtbaren Feinde verhieß. Wenn von Kon - ſtantinopel aus keine Störung erfolgte, glaubte man in Rom, Bulgarien jetzt wiedergewinnen und im Hinblick darauf anderes opfern zu können. Was ſonſt mit den griechiſchen Geſandten verhandelt worden iſt, ob man ſich im geheimen noch weiteres ausbedungen hat, etwa Hilfe gegen die Sarazenen, Erfüllung alter Anſprüche in Unteritalien, wiſſen wir nicht.
Am 15. November 879 wurde in Konſtantinopel die Synode er - öffnet, an der die Legaten des Papſtes, die Biſchöfe von Oſtia und Ancona und der Kardinal Petrus, teilnehmen ſollten. Sie hat in langen Zwiſchen - räumen bis zum 23. März 880 ſieben Sitzungen abgehalten, eine höchſt ſtattliche Verſammlung, faſt 400 Teilnehmer zählend, darunter die Ver - treter der drei Patriarchen des Oſtens, Alexandria, Antiochia und Jeru - ſalem. Alſo eine allgemeine Synode im Stil der alten Kirche, aber mit einer bedeutſamen Abweichung: den erſten Platz, der ihm nach Über - lieferung und Recht zukam, nahm Rom nicht ein. Seine Vertreter haben ihn nicht in Anſpruch genommen; war es Zufall oder Abſicht, daß ihre Weiſung nichts darüber enthielt? Sie wurden erſt herein - geführt, als die Verſammlung ſchon eröffnet war, und begnügten ſich mit der zweiten Stelle, den Vorſitz führte Photios. Daß es auf eine Demütigung Roms abgeſehen war, beſtätigte der Verlauf der Ver - handlungen. Auch wenn man das Bild, das das Protokoll von ihnen gibt, nicht für echt halten will, ſo iſt doch nicht zu leugnen, daß die Rolle, die die Römer zu ſpielen hatten, bedauernswert heißen muß. Da ſie kein Griechiſch konnten, waren ſie in der griechiſchen Umgebung buchſtäblich verraten und verkauft. Die beiden Biſchöfe taten kaum den Mund auf, aber auch der Kardinal, der des Tages Laſt und Hitze zu tragen hatte, war im Wortgefecht mit den Griechen auf den Dolmetſch angewieſen. Selbſt wenn man zu ſeiner Ehre annehmen will, daß er nicht alles er - fahren hat, was zu ihm geſagt wurde, ſo war doch ſeine ganze Haltung von Anfang an von völliger Preisgabe des römiſchen Standpunkts ſchwer zu unterſcheiden. Ohne mit einem Wort auf die Vorbehalte ein - zugehen, die der Papſt in ſeinem Schreiben an den Kaiſer gemacht hatte, ſprach er ſogleich bei der Begrüßung die rückhaltloſe Anerkennung des Photios aus. Als er, damit kaum im Einklang, als Zweck ſeiner Sendung die Einigung der Kirche bezeichnete, wurde ihm ſofort widerſprochen:156Synode in Konſtantinopeldeſſen bedürfe es nicht, die Einigkeit ſei bereits hergeſtellt. Der Metro - polit Zacharias von Chalkedon ſcheute ſich nicht, in längerer Rede aus - zuführen, die Schuld an den bisherigen Spaltungen, an allen Übeln, die man zu ertragen gehabt, falle auf Rom; Aufgabe ſeiner Vertreter ſei es, ſich von den Anklagen zu reinigen, die allgemein gegen Rom erhoben würden, und die römiſche Kirche vor der Verhöhnung zu ſchützen, daß ſie die Anführerin der Unruhen ſei. Ob der Kardinal auf dieſe Unver - ſchämtheit wirklich nur mit der nichtsſagend frommen Redensart er - widert hat, die ihm das Protokoll in den Mund legt, laſſen wir dahin - geſtellt. Aber was immer er in Wirklichkeit geſagt, wie er den Verſuch, den Papſt zum Angeklagten zu machen, zurückgewieſen haben mag: auf das Amt des Richters, das Rom in allen Jahrhunderten bisher ſtets in Anſpruch genommen, hatten ſeine Vertreter für diesmal gründlich verzichtet. Erſt in der zweiten Sitzung erreichten ſie, daß die mitge - brachten Schreiben verleſen wurden. Das war ihnen in Erinnerung an frühere Fälle beſonders eingeſchärft. Aber was nützte es? Sie merkten nicht, daß eine Überſetzung vorgetragen und den Akten einverleibt wurde, die mit dem lateiniſchen Originaltext nur geringe Ähnlichkeit aufwies. Photios hatte ſich nicht geſcheut, an die Stelle deſſen, was der Papſt geſchrieben, das zu ſetzen, was er und die Synode zu hören wünſchten. Da waren auch die letzten Spuren einer richterlichen Entſcheidung ge - tilgt, der Befehl in Bitte verwandelt, alles unterdrückt, was nach Geltendmachung eines Vorrechts klingen konnte, dafür mehr als ein ganzer Abſchnitt eingeſchoben, der den Anſchauungen der Griechen, doch niemals der Römer entſprach. Es war eine Übertragung ins Griechiſche, auch in griechiſche Denkweiſe. Aber auch die Verleſung dieſes entſtellten Textes erſparte den Römern nicht die Bemerkung, Photios ſei bereits vorher allgemein anerkannt geweſen; ſie ſollten ſich an die wenigen noch Widerſtrebenden wenden, denn die einzige Urſache der Spaltung ſeien die auf der Achten Synode durch die Römer erzwungenen Unterſchriften unter die Anerkennung des Jgnatios und Verdammung des Photios. So ſcheiterte jeder Verſuch, dem Spruche des Papſtes den Charakter einer Entſcheidung zu wahren. Die Synode beſtand darauf, Photios ſei bereits rechtmäßiger Patriarch und der Beitritt Roms, ſo dankens - wert er ſei, mache dabei keinen Unterſchied. Auf Erörterung der Um - ſtände, unter denen er den Stuhl beſtiegen, ließ man ſich vollends nicht ein, die allgemeine Anerkennung genüge.
157Demütigung RomsAuch im einzelnen erreichten die Legaten nichts. Jhr Antrag, die Er - hebung eines Laien zum Patriarchen zu verbieten, wurde abgelehnt, und auf ihre wiederholte Forderung, daß Konſtantinopel ſich nicht in Bul - garien einmiſche, erwiderte Photios, er perſönlich ſei dazu, wie ſchon von jeher, gern bereit, die Synode aber erklärte ſich in dieſer Sache nicht für zuſtändig. Unter allgemeinem Beifall fiel die Bemerkung: wenn Gott dem Reich die alten Grenzen und die Herrſchaft über den Erdkreis wiedergebe, werde der Kaiſer die Kirchenbezirke feſtſetzen, und dann werde der Papſt mehr bekommen, als er verlange. Der Metropolit von Smyrna fügte dazu noch den Hohn: da Johannes und Photios ein Herz und eine Seele ſeien, bedürfe es gar keiner Grenzen, Gemeinde und Provinzen gehörten beiden zugleich. Nur ein Antrag der Römer hat nach Ausſage des Protokolls Anklang gefunden: daß die Synoden, die unter Hadrian II. in Rom und Konſtantinopel gegen Photios gehalten waren, verdammt würden. Das machte die Demütigung des Papſtes voll. Zu umgehen war es freilich nicht, und man erwies ihm am Ende noch eine Rückſicht, indem man ſeine Vertreter den Antrag ſtellen ließ.
Als Geſamteindruck bleibt, daß Rom auf dieſer Synode kaum ver - ſucht hat, den Richter zu ſpielen, und kaum dem Schickſal entgangen iſt, als Angeklagter ſich zu rechtfertigen. Das lehrte auch die Erklärung, die von den Legaten zum Schluß gefordert und unterzeichnet wurde. Sie enthielt die Anerkennung des Photios, die Verdammung der Synoden, die ihn abgeſetzt hatten, den Fluch über alle, die dem widerſprechen würden, und endlich die ausdrückliche Anerkennung der nikäniſchen Synode von 787 als der Siebenten Allgemeinen. Wir erinnern uns, daß Rom jener Synode unter dem Druck Karls des Großen die förmliche Anerkennung verſagt hatte. Jetzt, nach faſt hundert Jahren, wurde ſie nachgeholt. Ob man es als Anzeichen dafür nehmen darf, daß der Papſt ſich von der fränkiſchen Führung loszumachen begann, iſt die Frage. Die Art, wie es geſchah, auf Verlangen von Konſtantinopel, als Erfüllung einer geſtellten Forderung, zeigt Rom auch in dieſem Fall in der zweiten Rolle.
Photios konnte zufrieden ſein. Jn dem Zweikampf, zu dem ihn Niko - laus I. herausgefordert, hatte er geſiegt. Perſönlich war ihm für den Schimpf der Abſetzung volle Genugtuung geworden, und in der Sache, um die es letztlich ging, hatte Rom ſeinen Anſpruch auf Überordnung fallen laſſen, indem es ſich der Synode, auf der der Patriarch der neuen158Demütigung RomsReichshauptſtadt den Vorſitz führte, in allem fügte. Für die Demü - tigung, die ſie vor zehn Jahren auf ſich genommen, hatte die Kirche des Oſtens ihre Genugtuung erhalten. Die Grundſätze, die im Jahr 867 in Konſtantinopel zuerſt aufgeſtellt, aber bald wieder verleugnet worden waren, jetzt waren ſie verwirklicht, den Primat in der Kirche hatte die alte Reichshauptſtadt an die neue für diesmal tatſächlich abgetreten. Nur ein Punkt harrte noch der Bereinigung. Photios hatte, als er den erſten Vorſtoß gegen Rom unternahm, der weſtlichen Chriſtenheit Jrr - tum im Glauben vorgeworfen, weil ſie in der Bekenntnisformel den Heiligen Geiſt vom Vater und auch vom Sohne ausgehen ließ. Er konnte wiſſen, daß dieſer Vorwurf zwar den übrigen Weſten traf, Rom aber nicht, das in der Glaubensformel mit Konſtantinopel überein - ſtimmte. Jetzt forderte er, daß dies auch öffentlich feſtgeſtellt werde. Vielleicht trieb ihn dazu nicht nur der ſtarre Eifer des philoſophierenden Theologen, der unbedingt recht behalten will; vielleicht ſteckte dahinter die Abſicht, Rom von den Franken zu trennen und damit dem Papſt die Stützen ſeiner Macht zu entziehen. Auf der Synode erreichte er ohne Mühe, was er verlangte. Jhre beiden letzten Sitzungen, auf denen der Kaiſer ſelbſt mit ſeinen Söhnen den Vorſitz führte, waren allein die - ſer Frage gewidmet. Sie machte keine Schwierigkeit: ohne Wider - ſpruch und Verhandlung wurden die früheren ſieben allgemeinen Kirchen - verſammlungen beſtätigt, das Glaubensbekenntnis nach der Formel von 381, ohne das filioque, verleſen, jeder Zuſatz und jede Auslaſſung mit dem Fluch bedroht und dieſer Beſchluß von allen Anweſenden, auch den römiſchen Legaten, an letzter Stelle von den Kaiſern unterzeichnet. Da - mit war die Synode geſchloſſen. Ob die Römer, wie das Protokoll be - hauptet, vor dem Auseinandergehen wirklich noch ein Loblied auf Pho - tios angeſtimmt haben, deſſen Ruhm auch Jtalien und Gallien kenne, der an Gelehrſamkeit nicht ſeinesgleichen habe uſw., mag auf ſich beruhen. Es bedürfte deſſen nicht, um das Urteil zu rechtfertigen, daß dieſes Konzil, das letzte, auf dem die ganze Kirche im alten Sinn, ver - treten durch alle fünf Patriarchen des Oſtens und des Weſtens, verſam - melt war, die tiefſte Demütigung darſtellt, die Rom ſeit der Verdam - mung des Honorius hingenommen hat. Ja, es war mehr als Demüti - gung, es war Abdankung.
Mit dieſem Ergebnis kehrte der Kardinallegat im Sommer 880 nach Rom zurück. Er überbrachte mit den Akten der Synode verbind -159Verſtimmung hüben und drübenliche Schreiben vom Kaiſer und von Photios. Sichtlich bemühte dieſer ſich um Anerkennung des Geſchehenen, außer an den Papſt ſchrieb er an einflußreiche Perſonen in deſſen Umgebung. Wie wenig erfreut Johannes war, konnte ſeine Antwort nicht verhehlen. Mit ſüßſaurer Miene genehmigte er im allgemeinen die Beſchlüſſe der Synode, ſprach ſeine lebhafte Verwunderung darüber aus, daß ſeine Verfügungen ab - geändert worden ſeien, und erklärte nur in einer allgemein gehaltenen Wendung alles für ungültig, was ſeine Vertreter gegen ſeine Weiſung getan hätten. Worauf ſich das beziehe, ſagte er nicht. Es konnte nur bedeuten, daß er ſich für ſpäter einen Ausweg offen hielt. Für den Augen - blick gute Miene zum böſen Spiel zu machen, bewogen ihn wohl die Ausſichten, die der Kaiſer ihm eröffnete: Überlaſſung von Kriegsſchiffen und kirchliche Räumung von Bulgarien. Für das erſte hatte der Papſt ſchon im Jahr vorher ein Unterpfand erhalten, die griechiſche Kriegs - flotte war im Tyrrheniſchen Meer erſchienen und hatte die Sarazenen auf der Reede von Neapel geſchlagen. Das zweite bedurfte erſt der Er - füllung, und zu dieſem Zweck ſandte der Papſt den Biſchof Marinus von Caere nach Konſtantinopel. Die Wahl dieſes Mannes deutet an, daß es auf entſchiedenere Wahrung römiſcher Anſprüche abgeſehen war, denn Marinus hatte als Diakon zur Vertretung Roms auf der Achten Synode (869 / 870) gehört, auf der Photios verurteilt wurde. Wie ſein Auftrag lautete, wiſſen wir nicht, aber er hat ihn mit ſolchem Nachdruck ausgeführt, daß der Kaiſer ihn verhaften ließ, und wenn er auch nach Monatsfriſt freigelaſſen wurde, ſo hatte ſeine Sendung doch gezeigt, wie unvollkommen der geſchloſſene Friede war. Die Gegner des Photios haben ſpäter zu erzählen gewußt, Johannes VIII. habe den Patriarchen öffentlich verflucht, weil er die nach Bulgarien beſtimmten römiſchen Geſandten irregeführt hätte. Das gehört zu den Unwahr - heiten, mit denen im griechiſchen Reich wie anderswo kirchliche Streitig - keiten von jeher ausgefochten zu werden pflegen. Zum offenen Bruch iſt es damals nicht gekommen, Photios hat ſpäter ſogar mit großer Achtung von Johannes geſprochen, den er den „ Männlichen “nannte. Aber es wird richtig ſein, daß ſchon damals zwiſchen Rom und Konſtantinopel eine Entfremdung eingetreten iſt, und daß der Anlaß in der bulgariſchen Frage gelegen hat. Die Hoffnung, Bulgarien ſich Rom wieder unter - werfen zu ſehen, verwirklichte ſich nicht, wiederholte Mahnungen, die Johannes an den Fürſten richtete, auch der drohende Hinweis auf die160Ausbleiben der griechiſchen Hilfe. MißerfolgeHimmelsſchlüſſel Petri blieb ohne Wirkung, Bulgarien hielt ſich zu Konſtantinopel, und hier wird man zum mindeſten nichts getan haben, es in dieſer Haltung irre zu machen.
So rückte die Ausſicht auf den großen künftigen Gewinn, der die erlittene Demütigung aufwiegen ſollte, in immer weitere Ferne. Aber auch der augenblickliche Vorteil, auf den Johannes gehofft hatte, blieb aus: die erſehnte Unterſtützung in den unteritaliſchen Wirren haben die Griechen ihm nicht gebracht. Jhr eigenes Jntereſſe beſchränkte ſich auf die Oſtküſte, auf Apulien und Kalabrien, deren Beherrſchung für die Schiffahrt auf der Adria wichtig war. Hier haben ſie durch Er - oberung von Tarent (880) die Macht der Araber tatſächlich gebrochen. Die weſtliche Hälfte Unteritaliens war für ſie entbehrlich, und ſie haben ſie bald ihrem Schickſal überlaſſen, als ſchon ihr erſtes ſtärkeres Auf - treten auf Widerſtand ſtieß. Die kleinen Machthaber des Landes ſahen ihre Unabhängigkeit bedroht, und für die Bevölkerung waren die plün - dernden, Menſchen raubenden und mit Menſchen handelnden Griechen nicht weniger ſchlimme Feinde als die Sarazenen. Um die Unterwerfung dieſer Gegend ſich zu bemühen, hatte keinen Sinn, ſolange alle An - ſtrengungen, das hundertmal wichtigere Sizilien zurückzuerobern, ver - geblich waren.
Johannes VIII. ſah ſich bei ſeinem fortgeſetzten Beſtreben, Unter - italien zum Kampf gegen die Araber unter ſeiner eigenen Führung zu einigen, bald allein gelaſſen. Seine Verlegenheiten wuchſen, ſein Ein - fluß ſchwand. Amalfi hat die verſprochene Hilfe zur See niemals ge - leiſtet, unter dem Vorwand, der ausbedungene Preis ſei nicht voll bezahlt worden. Daß Capua, vom Papſt gedeckt, Gaeta zu unterwerfen ſuchte, trieb dieſes den Arabern in die Arme und führte zu deren dauernder Feſtſetzung an der Mündung des Garigliano, von wo aus ſie nun ein Menſchenalter lang der Schrecken der Umgegend ſein konnten, bis weit nach Norden in die Nachbarſchaft Roms. Umſonſt ſuchte Johannes wenigſtens in Capua den Erbſtreit der Brüder zu ſchlichten, indem er perſönlich herbeikam, einen Vergleich ſtiftete und zu dieſem Zweck ſogar das Bistum teilte. Er hat damit die blutige Verwirrung nur geſteigert. Der Kleinkrieg aller gegen alle nahm ſeinen Fortgang, Herren des Spiels wurden die ſarazeniſchen Söldner, um die ſich die verfeindeten Nachbarn um die Wette bewarben, unbekümmert um die Mahnungen, Drohungen und Verſprechungen des Papſtes. Sogar Biſchof Athanaſius161Mißerfolgevon Neapel verband ſich mit den Ungläubigen, erlaubte ihnen, ſich im Lande feſtzuſetzen, und mußte, da nichts anderes half, aus der Gemein - ſchaft ausgeſchloſſen werden (April 881), bis er das Bündnis löſen und die gefangenen Führer der Sarazenen ausliefern oder erwürgen laſſen würde. Die Politik des Papſtes in Unteritalien war von vollſtändigem Mißerfolg gekrönt.
Anderswo erging es ihm noch ſchlimmer. Wir kennen ſeine ehrgeizige Abſicht, den Fürſten zu beſtimmen, der das Königreich Jtalien mit dem Kaiſertum vereinigen ſollte. Jm Zuſammenhang damit übertrug er dem Biſchof von Pavia ſeine Vertretung und wies die Erzbiſchöfe von Mailand und Ravenna an, „ im Gehorſam gegen Sankt Peter “ſich dem ihnen im Range Nachſtehenden zu unterwerfen. Damit wurde nur der Widerſtand des Mailänders geweckt. Wiederholte Ladungen vor die römiſche Synode ließ er unbeachtet, wohl mit Recht, denn daß ein Nachfolger des heiligen Ambroſius vor dem Richterſtuhl Roms erſchien, war noch nie vorgekommen; päpſtliche Geſandte empfing er nicht. Daß er deswegen ausgeſchloſſen und ſchließlich abgeſetzt wurde, focht ihn nicht an. Der Zwiſt verſchärfte ſich, als der Erzbiſchof in Vercelli einen zwie - ſpältig gewählten Biſchof einſetzte, während der Papſt ſich nicht ſcheute, in die Rechte der Metropole einzugreifen und dem unterlegenen Gegner die Weihe zu geben. Es waren auch gewiß andere Beweggründe und nicht die dringenden Einladungen des Papſtes, die Karl von Schwaben ſchließlich bewogen, Ende Oktober 879 in der Lombardei zu erſcheinen. Hier fand er überall Anerkennung. Auch der Papſt ſchloß ſich an und gehorchte, als der neue König von Jtalien ihn, ſtatt ſich nach Rom zu bemühen, zu ſich nach Ravenna beſchied, wo zu Anfang 880 der Hul - digungsreichstag gehalten wurde. Johannes kam, hob die Strafen gegen den Mailänder auf, ließ ſeinen Kandidaten in Vercelli fallen und ſah zu, wie das Bistum einem Dritten zufiel, der kein anderer war als Leut - ward, der allmächtige Erzkaplan des Königs. Mit aller Fügſamkeit erreichte er dennoch nicht, daß Karl ſich ſeiner ernſtlich annahm. Karl wandte ſich vielmehr alsbald wieder nach Norden. Daß er den Schutz der römiſchen Kirche dem Herzog von Spoleto übertrug, mußte der Papſt faſt als Hohn empfinden. War es doch eben dieſer Herzog Wido, Lamberts Sohn, der in den Fußtapfen ſeines Vaters das eigene Gebiet auf Koſten des Kirchenſtaats zu vergrößern ſuchte und ſich der verbannten römiſchen Gegner des Papſtes annahm. Gegen ihn mußte JohannesHaller, Das Papſttum II1 11162Kaiſerkrönung Karls III. den König bald zu Hilfe rufen. Mit ſchmeichelhaften Worten zeigte er ihm die Kaiſerkrone, hielt ihm vor, wie weit er ihm durch ſein Er - ſcheinen in Ravenna entgegengekommen ſei, weiter als irgendeiner ſeiner Vorgänger, und erinnerte ihn daran, daß Ehre und Erhöhung der römi - ſchen Kirche ſein Schirm und Schutz gegen alle Feinde ſein werde. Karl hatte Wichtigeres zu tun. Wiederholte dringende Mahnung, nicht zu dulden, daß die römiſche Kirche durch ſeine Schuld Verkürzung erleide, brachten keine andere Frucht als Worte und Verſprechungen. Endlich, nachdem ein volles Jahr ſeit dem Tage von Ravenna verſtrichen war, kam im Januar 881 die Nachricht, Karl ſei unterwegs nach Rom, aber Freude konnte der Papſt darüber nicht empfinden. Trotz mehrfacher Abordnung von Geſandten hatte Karl ſich nicht darauf eingelaſſen, ſein künftiges Verhältnis zu Rom vor ſeiner Ankunft durch bindenden Ver - trag zu regeln. Es ſcheint ſogar, als hätte er den Gegnern des Papſtes ſein Ohr nicht ganz verſchloſſen. Mit zorniger Entrüſtung ſtellte Johan - nes ihn darob zur Rede, verbot ihm, die Grenze des Kirchenſtaats zu überſchreiten, bevor alles geordnet ſei, und beteuerte, keine Grauſamkeit, keine Drohung werde ihn jemals im Leben verhindern, das zu fordern, was zur Ehre der römiſchen Kirche gehöre. Wie die Schelte gewirkt hat, meldet kein Bericht, aber am 12. Februar 881 iſt Karl III. in der Kirche Sankt Peters zum römiſchen Kaiſer gekrönt worden. Was etwa bei dieſer Gelegenheit ausgemacht wurde, erfahren wir nicht. Es ſcheint zwar, daß Karl ſich ſeine kaiſerlichen Rechte über Rom und den Papſt vorbehalten hat, aber mehr als ein toter Buchſtabe war das ebenſo - wenig, wie es andererſeits beſtenfalls eine Verheißung war, wenn er wie Karl II. dem Papſt die Oberhoheit über Spoleto zuerkannt haben ſollte. Hätte er es getan, ſo würde ſich erklären, daß der Kirchen - ſtaat nun erſt recht unter der Feindſchaft des Herzogs zu leiden hatte, der ſich die ſüdlichen Teile der Pentapolis angeeignet haben muß. Der neue Kaiſer hatte es eilig, nach ſeinen nördlichen Reichen zurück - zukehren, und Johannes ſah ſich genötigt, dem Abziehenden mit Geſandt - ſchaften und Briefen nachzuſetzen, damit er ihm zu ſeinem Recht ver - helfe und „ dem langwierigen Übel ein Ende mache “. Er erreichte ſchließ - lich, daß Karl ihn und den Spoletiner zur Entſcheidung des Streits auf Anfang Februar 882 nach Ravenna lud. Die Entſcheidung fiel zu ſeinen Gunſten, der Gegner wurde zur Herausgabe der eingenommenen Teile des Kirchenſtaats verurteilt, aber der Ausführung des Spruches163Johannes 'VIII. Not und Todentzog er ſich, erſchien nicht einmal zum angeſetzten Verhandlungstag und ließ alle Mahnungen unbeachtet, während ſeine Beamten im Gebiet des Papſtes mit Plünderung und Verſtümmelungen wüteten. Nur per - ſönliches Erſcheinen des Kaiſers hätte dagegen helfen können, Karl aber begnügte ſich nach wie vor mit dem Kaiſertitel und Weiſungen aus der Ferne, die an Ort und Stelle nicht wirkten. Johannes hatte recht, wenn er ihm vorhielt, ſein verſprochener Schutz habe bisher nichts genützt, aber die ernſte Mahnung des päpſtlichen Geſandten erregte nur den Unwillen des Kaiſers. Umſonſt rief der Papſt die Vermittlung der Kaiſerin und des Erzkaplans an: vor Karls Ankunft habe verhältnis - mäßige Ruhe geherrſcht, jetzt ſei der Zuſtand unerträglich. Die Sara - zenen hätten das Land ausgeplündert; vom Kaiſer und von aller Welt im Stich gelaſſen, könne er ſich nicht mehr aus der Stadt herauswagen. Sein Schickſal ſieht er als verzweifelt an, auch Unterwerfung unter das Joch der vielfältig überlegenen Feinde werde ihn vor dem Untergang nicht retten.
Johannes ahnte ſchwerlich, wie bald ſeine Weisſagung ſich buchſtäb - lich erfüllen würde. Jm Sommer 882 hatte er ſeinen verzweifelten Notruf an den Kaiſerhof gerichtet, und Mitte Dezember vollzog ſich ſein Schickſal. Er hatte nirgends einen Freund, nirgends einen feſten Rückhalt mehr, nicht einmal für ſeine perſönliche Sicherheit war geſorgt. Jn ſeiner nächſten Umgebung fand man, er lebe zu lang; man gab ihm Gift, und da er daran nicht ſchnell genug ſterben wollte, ſchlug man ihm den Schädel ein. Sein Tod bedeutete den Sieg der Gegenpartei. Noch am gleichen Tage, dem 15. Dezember 882, wurde Marinus von Caere zum Papſt erhoben. Er hat nicht lange gezögert, Formoſus den biſchöf - lichen Rang wiederzugeben, und ihn ſpäter in ſein Bistum Porto wieder eingeſetzt. Die Gruppe, die vor ſechs Jahren geſtürzt und verbannt worden war, herrſchte in Stadt und Kirche.
So endete die Regierung des rührigſten, des unternehmendſten Papſtes in einem Zuſammenbruch, den man verſucht iſt für den folgerichtigen Abſchluß zu halten wie das Ende eines Shakeſpeareſchen Trauerſpiels. Mag man über die Züge kalter Grauſamkeit hinwegſehen, mit denen Johannes VIII. ſeinen Beitrag zur Kennzeichnung des Zeitalters ge - liefert hat — man denke an das Ende des Sergius von Neapel, an die geforderte Tötung der gefangenen Sarazenen als Bedingung für Wie - deraufnahme in die Kirche; mag man es für erlaubte Kunſtgriffe der164Schwäche des KirchenſtaatsDiplomatie erklären, wenn er die Kaiſerkrone zu gleicher Zeit mehreren Fürſten anbot, jedem verſichernd, er ſei der einzige, oder wenn er die ſchlauen Griechen zu überliſten ſuchte, indem er ſeine Legaten auf der Synode in Konſtantinopel das Schauſpiel völliger Einigkeit aufführen ließ, während ſie Briefe an die Bulgaren bei ſich hatten, in denen vor der Anſteckung mit griechiſcher Ketzerei gewarnt wurde. Solche Doppel - züngigkeit hätte ein Erfolg entſchuldigt, aber der Erfolg war unmöglich, dieſe ganze Politik mußte zuſammenbrechen, mußte ſich rächen, denn ſie beruhte auf einem innern Widerſpruch, ſie war eine Unwahrheit. Es war ein Widerſpruch in ſich ſelbſt, vom Kaiſer Dienſte zu fordern, indem man ihm Bedingungen machte; ihn als Schutzherrn in An - ſpruch zu nehmen und ihm die Herrſchaft vorzuenthalten. Es war eine Unwahrheit, die Großmacht zu ſpielen, Jtalien beherrſchen und ihm den Herrn geben zu wollen, während man im eigenen Hauſe nicht ſicher war.
Man wird finden, daß dieſe Unwahrheit im Weſen des Kirchen - ſtaats lag, eines Mittelſtaats von mäßiger Ausdehnung, unglücklicher Geſtalt und geringer innerer Feſtigkeit, der doch durch ſeinen Namen, durch die Erinnerung an das ewige Rom und den erſten Apoſtel beſtändig zu den höchſten Anſprüchen gedrängt wurde. Die Belaſtung, die ſich daraus ergab, hat Johannes VIII. von der Vergangenheit geerbt, aber er hat ſie vermehrt.
Um die Wende des Jahrhunderts hat ein Unbekannter, rückblickend auf die letzten Jahrzehnte, das Unglück Roms und Jtaliens darauf zurück - geführt, daß es ſeit dem Tode Ludwigs II. keinen Kaiſer mehr gegeben habe, nachdem Karl II. auf ſeine Rechte zugunſten des Papſtes ver - zichtet hätte. Man kann ihm nicht unrecht geben: Rom brauchte einen Herrn, ſtark genug, gegenüber den ſtreitenden Geſchlechtern des Adels Frieden und Recht zu wahren. Es brauchte ihn nicht weniger gegenüber den Nachbarn, für die der ſchwache Staat des heiligen Petrus eine ſtete Verführung zum Zugreifen bedeutete. Dieſen Schutzherrn hat Jo - hannes VIII. geſucht und zunächſt in Karl II. zu finden geglaubt, dabei aber die Feindſchaft des nächſten Nachbarn, des Herzogs von Spoleto, herausgefordert, indem er ſich die Oberhoheit über ihn abtreten ließ. Unter den Folgen dieſes Fehlers hat er und haben ſeine Nachfolger dauernd zu leiden gehabt. Denn nun war Spoleto ihr ſtändiger Gegner, ein Gegner, dem ſie aus eigener Kraft kaum gewachſen ſein konnten,165Schwäche des Kirchenſtaats. Schwinden der religiöſen Antriebeſelbſt wenn ſie ihren Staat ganz in der Hand hatten. Davon aber war das Gegenteil der Fall.
Wir wiſſen, wie ſehr es dem Kirchenſtaat von Anfang an an innerer Feſtigkeit gebrach, von ſtreitenden Adelsparteien beherrſcht, mit denen der Papſt als Regent immer zu rechnen hatte, wenn er ſich nicht einfach als Vertreter der einen Gruppe gegen die andere fühlte. Dazu war ſeit den Tagen Kaiſer Ludwigs II. eine weitere Schwächung getreten, das Eindringen lehnrechtlicher Begriffe und Einrichtungen. Bis dahin war das Gebiet des heiligen Petrus noch nach römiſchem Staatsrecht durch Beamte verwaltet worden, die einander in kurzen Zeiträumen ablöſten und beim Rücktritt Rechenſchaft abzulegen hatten. Unter Ludwig II. drang zuerſt im Gebiet von Ravenna der fränkiſche Brauch ein, die Ämter als Lehen auf Lebenszeit zu vergeben, wohinter ſchon der Anſpruch auf Erblichkeit ſich verbarg. Johannes VIII. hat verſucht, das zu be - kämpfen, bald aber ſich genötigt geſehen, es zu dulden, um es wenigſtens zu benutzen. Eine Verfügung der Synode von Ravenna (877) ſetzte feſt, daß im Lande des heiligen Petrus Ämter, Burgen und Güter nach Lehnrecht nur an Diener des Papſtes oder an ſolche vergeben werden dürften, die ſich zu beſonderem Dienſt verpflichteten. Damit war der Feudaliſierung des Kirchenſtaats die Tür geöffnet, nunmehr konnten ſeine führenden Adelsgeſchlechter zu ihrem Eigenbeſitz an Land und Leuten die Ämter und Beſitzungen der Kirche erblich an ſich bringen. Die Feindſchaften unter ihnen erhielten damit neue Nahrung, und noch abhängiger als bisher ſtand ihnen der Papſt gegenüber.
Einſt hatte er eine reiche Quelle der Macht beſeſſen in der Furcht vor der überirdiſchen Gewalt, die man ihm als Amtserben des heiligen Petrus zuſchrieb. Ob dieſer Zauber jemals in ſeiner nächſten Um - gebung gewirkt hatte, darf man bezweifeln, Anzeichen dafür gibt es nicht, während wir wiſſen, wie wenig die Scheu vor dem Zorn des Apoſtelfürſten die Römer abgehalten hat, ſich gelegentlich an ſeinem irdiſchen Nachfolger zu vergreifen. Um ſo ſtärker war die Wirkung in die Ferne, um ſo mächtiger der Glaube der Franken geweſen. Jhm verdankte der römiſche Biſchof ſeine Stellung als Landesfürſt. Aber wie bewährte ſich da der Satz, daß die Staaten erhalten werden durch die Kräfte, durch die ſie geſchaffen ſind, und daß ſie verfallen, wenn dieſe Kräfte verſagen! Es war das Verhängnis Johannes 'VIII., daß er, ſelbſt machtlos, geglaubt hat, über die Franken verfügen zu166Schwinden der religiöſen Antriebekönnen wie ſeine Vorgänger vor hundert und mehr Jahren. Das konnte er nicht.
Ein eigentümliches Ding iſt es um die Wirkung überſinnlicher Vor - ſtellungen auf das Handeln der Menſchen. So ſtark ſie bei ganzen Ge - nerationen ſein kann, ſie ſchwindet mit der Zeit, als verlöre eine Blume ihren Duft. Die Vorſtellungen mögen die alten ſein, ſo üben ſie doch auf das Handeln den früheren Antrieb nicht mehr, wie wenn die Spann - kraft einer Sprungfeder ſich erſchöpfte. Das hat Johannes VIII. er - fahren, als er in den Spuren Stefans II. zu den Franken zog, um die vereinte Macht ihrer Könige aufzubieten zum Dienſt der römiſchen Kirche. Auf dieſer Reiſe und auf dem Tage zu Troyes, als weder die Beſchwörung bei Gott und Sankt Peter noch die feierliche Mahnung an das ewige Gelübde der Vorfahren mehr als halbe Entſchlüſſe hervor - zurufen vermochte, die in der Ausführung ſogleich erlahmten, da konnte er ſich davon überzeugen, daß auf die religiöſe Triebkraft, die Stefan II. und Hadrian I. mit vollem Erfolg angerufen hatten, nicht mehr zu zählen war, und daß es Lockmittel anderer Art bedürfe, um den fränki - ſchen Beiſtand zu gewinnen. Er ſcheint das auch erfaßt zu haben. Jn ſeinen Briefen an die fränkiſchen Herrſcher hat er ſeitdem zwar Ruhm und Erfolge öfter verheißen, die Mahnung an das Seelenheil aber, mit der Stefan II. bei Pippin alles erreicht hatte, nur ſelten und faſt ſchüchtern einfließen laſſen.
Die Franken, mit denen er es zu tun hatte, waren andere als ihre Urgroßväter. Erkaltet war die Glut religiöſer Jnbrunſt; man erkennt es ſchon am Verſiegen des Stromes von Stiftungen und Schenkungen, der ſich einſt ſo überreichlich in den Schoß der Kirche ergoſſen hatte. Statt deſſen herrſchte jetzt das Beſtreben, ſich der kirchlichen Güter zu eigenem Nutzen zu bemächtigen. Nüchtern vernünftig ſtand die führende Schicht, ſtanden auch die höheren Geiſtlichen den kirchlichen Dingen gegenüber. Sie waren wiſſend geworden, entwachſen dem Kinderglauben ihrer Ahnen hatten ſie vieles gelernt und über manches nachgedacht und verſtanden zu unterſcheiden. Eine bezeichnende Probe davon erlebte Jo - hannes VIII. in Troyes, als die verſammelten Biſchöfe ihm die Frage vorlegten, ob des ewigen Lebens ſicher ſei, wer im Kampf für Kirche, Chriſtentum und Staat falle. Er antwortete, indem er den Tod für den Staat, pro defensione reipublicae, überging: „ Die in katholiſcher Fröm - migkeit im Kampf gegen Heiden und Ungläubige fallen, derer wartet167Schwinden der religiöſen Antriebeder Friede des ewigen Lebens. Sie ſprechen wir los, ſoweit wir dürfen, kraft des Eintretens des heiligen Apoſtels Petrus, dem die Macht zu - ſteht, zu binden und zu löſen im Himmel und auf Erden, und empfehlen ſie dem Herrn im Gebet. “ Die Anfrage bezog ſich auf die Verteidi - gungskämpfe gegen die heidniſchen Dänen, die für die Franken des Weſtreichs ſtets im Vordergrund ſtanden. Den Kreis zu erweitern und ähnliche Verheißungen an den Feldzug nach Jtalien zu Schutz und Er - rettung der römiſchen Kirche zu knüpfen, hat Johannes nicht unter - nommen, vielleicht nicht gewagt, ſo erwünſcht es ihm gerade damals hätte ſein müſſen. Denn daß ſeine Fehden mit dem Herzog von Spoleto ein Kampf gegen Heiden und Ungläubige ſeien, ließ ſich wirklich nicht be - haupten. Stefan II. hatte dieſe Unterſcheidung noch nicht zu machen brauchen, er hatte kurzweg denen, die dem Apoſtelfürſten den Kampf für ſein Recht verweigerten, das Paradies verſchloſſen. Das war es, was den Plänen Johannes 'VIII. den Boden entzog: die Welt hatte be - griffen, daß es bei dem, was er gleich ſeinen Vorgängern erſtrebte und forderte, um weltliche Rechte und irdiſche Herrſchaft, nicht um Glauben und Kirche ging, und für dieſen Kampf als ewigen Lehnsſold das Para - dies zu verheißen, hätte er nicht denken dürfen.
Die Regierung Johannes 'VIII. hatte im Zeichen einer mühſam unterdrückten Spaltung des römiſchen Adels geſtanden, ſein Tod öffnete dem Parteikampf das Tor, und während eines Menſchenalters wird die Geſchichte der Päpſte mit Blut geſchrieben. Mit Marinus (882 ‒ 884), der an der Leiche Johannes' erhoben wurde, hatte die Partei der Ver - bannten das Ruder ergriffen. Wie Formoſus ſeine biſchöfliche Würde und bald auch ſein Bistum Porto wiedererhielt, ſo durfte auch ſein An - hang zurückkehren. Gregor, der ehemalige Zeremonienmeiſter, rückte zum Oberhofmeiſter auf. Lange hat er das Amt nicht bekleidet; von einem Amtsgenoſſen wurde er in der Vorhalle von Sankt Peter erſchlagen und ſeine blutende Leiche über den Fußboden geſchleift. Jmmerhin be - hauptete ſich die Gruppe noch unter dem folgenden Papſt, Hadrian III. (884 / 885). Dann aber wurde ſie verdrängt, geſtürzt. Stefan V. (885 ‒ 891), ein Verwandter jenes Zacharias von Anagni, der zum engeren Kreiſe Johannes 'VIII. gehört hatte, räumte mit den Gegnern auf. Georg vom Aventin wurde geblendet, die Witwe Gregors, des er - mordeten Oberhofmeiſters, nackt durch die Straßen der Stadt gepeitſcht. Das war die Einleitung zu einer Fehde von unerhörter Wildheit, die die päpſtliche Würde für annähernd ein Jahrzehnt zum Zankapfel der Parteien machte und dreien ihrer Träger das Leben gekoſtet hat, bis endlich aus dem blutigen Hexenkeſſel die Herrſchaft eines mächtigen Geſchlechts emportauchte, ſtark genug, Stadt und Kirchenſtaat zu unter - werfen und für rund ein halbes Jahrhundert einen nur vorübergehend unterbrochenen Zuſtand leidlicher Ruhe und Ordnung zu ſchaffen.
169Die Nachfolger Johannes 'VIII.Unter ſolchen Umſtänden wird niemand erwarten, die hohen Anſprüche aufrechterhalten zu ſehen, die ſeit der Mitte des Jahrhunderts von den Päpſten erhoben worden waren. War es der Ehrgeiz Nikolaus 'I. ge - weſen, die unmittelbare Regierung aller Kirchen des Abendlands in die Hand zu nehmen und ſein geiſtliches Reich auf die Balkanhalbinſel und bis vor die Mauern von Konſtantinopel auszudehnen, hatte Johannes VIII. wenigſtens die politiſche Führung Jtaliens zu behaupten geſucht, ſo iſt von jetzt an weder vom einen noch vom andern mehr die Rede. Papſt und Kirche von Rom ſinken zurück in die Enge eines kleinſtaatlichen Daſeins mit beſchränkten Zielen. Sie finden ſich darein, Gegenſtand der Politik ihrer Nachbarn, zuletzt gehorſame Werkzeuge eines örtlichen Herrſcher - willens zu werden. Auch wo in die kirchlichen Verhältniſſe anderer Länder eingegriffen wird, geſchieht es nicht aus eigenem Antrieb, und dann auch ohne Folge und Nachdruck. Die alten ſtolzen Worte vom Felſen der Kirche, von der Macht zu binden und zu löſen, von der Pflicht zur Leitung aller und vom Recht über alle zu richten, bleiben zwar auch weiter im Gebrauch, aber ſie verdecken nur ſchlecht die Tatſache, daß der Papſt, der ſo ſpricht, in Wirklichkeit fremden Einflüſſen ge - horcht, die Machtmittel kirchlicher Zucht ſtaatlichen Beſtrebungen zur Verfügung ſtellt und Erfolge nur ſoweit erntet, wie eine weltliche Macht ihm dazu verhilft. Wohl wird er nach wie vor angerufen, ſoll Rechte verbriefen oder beſtätigen, mit Strafen einſchreiten und tut es auch. Aber die Wirkung bleibt nur zu oft aus.
Lebhafte Beziehungen beſtehen zwiſchen Rom und dem weſtlichen Frankenreich. Erzbiſchof Fulko von Reims, in dem Beſtreben, die Rolle Hinkmars als leitender Staatsmann weiterzuſpielen, ſucht die Unter - ſtützung der Päpſte und wird von ihnen als Vertrauensmann behandelt. Aber ſein Briefwechſel verrät, wie gering der Einfluß päpſtlicher Mah - nungen, Weiſungen und Urteile iſt. Wer nur dieſe Schriftſtücke kennte, würde glauben, die Päpſte dieſer Jahre hätten tiefer denn je in die Ver - waltung der Bistümer eingegriffen; die Tatſachen zeigen ein anderes Bild. Die franzöſiſche Kirche hat das Schickſal des Reiches zu teilen, das im Bürgerkrieg der Kronanwärter, Karls des Einfältigen und Odos von Paris, und in gleichzeitiger Dänennot zu erliegen droht: auch ſie wird das Opfer einer Verwilderung, auf die die Maßnahmen der Päpſte ohne Einfluß bleiben. Gelockert war die Provinzialverfaſſung, größere Synoden traten nicht mehr zuſammen. Dagegen kam es vor, daß Bi -170Die Nachfolger Johannes 'VIII. ſchöfe ſich in Rom um das Pallium, das Vorrecht des Erzbiſchofs, be - warben und es anſcheinend auch erhielten. Jm Namen der ganzen Kirche erhob Fulko gegen dieſe Wurzel der Unordnung Vorſtellungen. Er ſo - wenig wie andere beugte ſich dem römiſchen Anſehen, wo es ihm nicht paßte. Wiederholt wurde er ſamt den andern franzöſiſchen Biſchöfen zur Synode nach Rom geladen; keiner erſchien. Weder die beweglichen Klagen eines Papſtes über ſeine elende Lage noch der ſtrafende Zorn und die Drohungen eines andern machten in Frankreich Eindruck, und die große Synode, auf der die Schäden der Kirche geheilt werden ſollten, iſt nie zuſammen - getreten. Jn Perſonenfragen iſt der Einfluß des Papſtes ſo gut wie null.
Der Fall des Bistums Langres (889 / 900) iſt in dieſer Hinſicht der lehrreichſte, aber nicht der einzige. Ein Gewählter hatte bei ſeinem Metropoliten in Lyon die Weihe nicht erhalten und ſich klagend nach Rom gewandt. Befehle zu ſeinen Gunſten fruchteten nichts, der Erz - biſchof ſetzte einen andern ein. Der Papſt verſuchte durchzugreifen. Unter der Verſicherung, die Rechte der Biſchöfe achten zu wollen, erteilte er ſelbſt dem Verdrängten die Weihe und befahl ſeine Einſetzung. Die beteiligten Biſchöfe aber verſicherten ihm mit durchſichtiger Anſpielung ihre hohe Freude darüber, daß er ihre Rechte achten wolle, und ließen ſeinen Befehl unausgeführt. Denn ſo hatte es der König gewünſcht. Ob der Schützling Roms ſpäter doch noch zum Beſitz gelangte, iſt nicht zu erkennen, aber er hatte das Unglück, Gegnern in die Hände zu fallen, die ihn blendeten, während ſein glücklicher Nebenbuhler nach einigen Jahren in Rom anerkannt wurde. Nicht mehr Erfolg hatte Rom im Falle Frothars von Bordeaux, der unter Hadrian II. nach Bourges ver - ſetzt war. Er ſollte in ſein erſtes Bistum zurückkehren, da der Grund der Verſetzung, die Verwüſtung von Bordeaux durch die Dänen, nicht mehr beſtand. Dem angedrohten Fluch zum Trotz blieb er in Bourges. Nicht einmal den Beſitz einer durch Erbſchaft ihm zugefallenen Familien - ſtiftung konnte Fulko mit Hilfe des Papſtes erlangen, wiederholte Wei - ſungen und Strafbefehle aus Rom blieben unausgeführt. Fulko ſelbſt war auch kein gehorſamer Anhänger. Einem Bewerber um das Bistum Châlons verweigerte er die Weihe, ließ ihn, als er klagend nach Rom gehen wollte, gefangennehmen, ſetzte einen andern ein und kümmerte ſich nicht um wiederholte päpſtliche Vorladungen und Drohungen. Kein Wunder, daß der römiſchen Friedensvermittlung zwiſchen den Königen Odo und Karl kein Erfolg beſchieden war.
171Miſſion in MährenNicht anders war es im deutſchen Reich. Den alten Streit zwiſchen Köln und Bremen hat nicht der Papſt entſchieden, ſondern eine deutſche Synode nach dem Willen des Königs und entgegen einer päpſtlichen Verfügung. Die Löſung Bremens aus der Kölner Kirchenprovinz, ſeine Vereinigung mit dem Hamburger Erzbistum, die Nikolaus I. Ludwig dem Deutſchen zuliebe verfügt hatte, paßte den Nachfolgern nicht mehr. Umſonſt ver - ſuchte der um ſeine Entſcheidung angegangene Papſt durch einen ſalo - moniſchen Spruch zu vermitteln, die Synode zu Tribur (895) ging darüber hinweg und verfügte die Rückkehr Bremens in den Sprengel von Köln.
Eine vielverſprechende Ausſicht auf Erweiterung des römiſchen Machtgebiets im Wettbewerb mit dem Oſten iſt unter den Nachfolgern Nikolaus 'I. erſchienen und wieder verſchwunden. Die weitausholende Heidenpredigt, die in den Tagen des Photios von Konſtantinopel aus betrieben wurde, führte in den ſechziger Jahren das Brüderpaar Kon - ſtantin und Methodios in das Land der Slawen an der Donau und in Kärnten, der Mähren und Slowenen. Die beiden Griechen waren aber klug genug, einzuſehen, daß ihre Arbeit hier, an der Grenze und im Bannkreis des fränkiſchen Reiches, nur gelingen konnte im Anſchluß an Rom. Dorthin begaben ſie ſich alſo, um ſich Weihe und Ermächtigung geben zu laſſen. Sie brachten ein koſtbares Geſchenk, den Leichnam des heiligen Klemens, des angeblichen Schülers und dritten römiſchen Nach - folgers Petri. Konſtantin wollte ihn auf einer früheren Miſſionsreiſe zu den Chaſaren in Südrußland gefunden haben. Denn dort, an der Nordküſte des Schwarzen Meeres, ſollte ja nach der Legende Klemens geſtorben ſein. Jn dem Kreiſe der einſtigen Mitarbeiter Nikolaus' I. — er ſelbſt war bereits tot — wo man im Gedanken römiſcher Größe und Machtfülle ſchwelgte, wurde die Reliquie mit Jubel und die Aus - ſicht, die ſich an das Erſcheinen der Griechen knüpfte, mit noch größeren Hoffnungen begrüßt. Sie erhielten, was ſie begehrten. Zwar ſtarb Kon - ſtantin, ehe er die Rückkehr antreten konnte, nachdem er das Mönchs - kleid angelegt und den Namen Kyrill angenommen hatte, unter dem er in der Geſchichte fortlebt. Jn der römiſchen Kirche des heiligen Kle - mens wurde der Erfinder der ſlawiſchen Schriftzeichen beſtattet (869). Methodios, der das Miſſionswerk fortſetzte, ſtieß nach ſeiner Rück - kehr zu den Slawen alsbald auf die Gegnerſchaft der bairiſchen Biſchöfe, die in ihm einen unbefugten Eindringling ſahen. Denn kraft einer Ver - fügung Karls des Großen rechnete man Kärnten zur Salzburger Pro -172Miſſion in Mährenvinz. Methodios wurde gefangen, mißhandelt und eingekerkert. Die Freiheit brachten ihm erſt die Waffenerfolge des Fürſten Swätopolk, der im Kampf gegen die Deutſchen ſein großmähriſches Reich geſchaffen hatte. Von ihm angerufen ſandte Johannes VIII. (873) einen Legaten aus und befahl den Baiern unter Androhung ſtrenger Strafen, Me - thodios freizulaſſen. Er ſtellte dabei die kühne Behauptung auf, das ſtrittige Gebiet gehöre ſeit alters zum römiſchen Sprengel, und Rechte der römiſchen Kirche ſeien unverjährbar. Sein Befehl hätte ſchwerlich gewirkt, hätte nicht Ludwig der Deutſche ſich zum Frieden bequemt, indem er auf Unterwerfung des Landes verzichtete und ſich mit Aner - kennung ſeiner Oberhoheit begnügte. Dem ſelbſtändigen Fürſtentum konnte die ſelbſtändige Kirche nicht verſagt werden, Methodios wurde freigelaſſen und nahm ſeine Tätigkeit wieder auf. Als Grieche folgte er griechiſchem Brauch unter anderem auch darin, daß er den Gottesdienſt in der Sprache des Volkes hielt. Dadurch geriet er in Gegenſatz zu den deutſchen Geiſtlichen, die von früher im Lande und beim Fürſten nicht ohne Einfluß waren. Swätopolk mag gewußt haben, daß nur bei engem Anſchluß an den Weſten ſein Land eine Zukunft habe. Er ver - ſchloß den Klagen der Deutſchen ſein Ohr nicht ganz, ſie wurden vor den Papſt gebracht, und Johannes VIII. konnte nicht umhin, Metho - dios zur Verantwortung zu ziehen. Er lud ihn vor (879). Methodios kam nicht mit leeren Händen. Er überbrachte die Huldigung ſeines Für - ſten, der, ähnlich wie einſt Pippin, mit ſeinem ganzen Volk in den Schutz des heiligen Petrus ſich begeben hatte. Wir wiſſen, es war die Zeit, wo Johannes VIII., an der Hilfe der fränkiſchen Herrſcher verzweifelnd, ſich den Griechen zugewandt hatte. So fiel denn auch die Prüfung des Methodios günſtig aus: er wurde als rechtgläubig befunden, durfte als Erzbiſchof zurückkehren und ſich wieder im Gottesdienſt des Slawiſchen bedienen (880). Aber er mußte ſich als Suffragan einen deutſchen Bi - ſchof in Neutra gefallen laſſen, auf deſſen Mitwirkung bei der Einſetzung weiterer Biſchöfe er verwieſen wurde. Die entſtehende ſlawiſche Landes - kirche ſollte alſo zweiſprachig ſein, ein Zugeſtändnis, das dem Verlangen des Fürſten entſprochen haben wird, der ſein Reich im Frieden und geiſtigen Austauſch mit dem deutſchen Nachbarn zu entwickeln gedachte.
Solange Methodios lebte, ſcheint das gegangen zu ſein, nach ſeinem Tode aber (885) brach der Streit aus. Dem Nachfolger, den er beſtimmt hatte, wie der Name verrät einem Mähren, ſtellten die Deutſchen den173Beziehungen zu Konſtantinopelbisherigen Biſchof von Neutra gegenüber und riefen die Entſcheidung des Papſtes an. Stefan V., ſoeben im Zwieſpalt erhoben, auf die Aner - kennung des Kaiſers angewieſen, hatte allen Grund, ſie ſich nicht durch Parteinahme gegen die Deutſchen zu erſchweren. Man hatte überdies verſtanden, die Gegenpartei griechiſcher Jrrlehren zu verdächtigen, und mit den Griechen lag Stefan, wie wir noch ſehen werden, in offener Fehde. Er gab der deutſchen Klage recht. Ohne ſich an die Verfügung ſeines Vorgängers zu kehren, ordnete er eine ſtattliche Geſandtſchaft ab — einen Biſchof und zwei Geiſtliche — die den Gebrauch des Slawiſchen im Gottesdienſt rundweg verbieten und im Glauben und Ritus die Be - folgung des römiſchen Brauches ſtrengſtens vorſchreiben ſollte. Zum Erzbiſchof wurde der deutſche Biſchof von Neutra eingeſetzt. Das be - deutete, daß die junge mähriſche Kirche dem deutſchen Einfluß ausge - liefert wurde. Ob dabei die Abſicht feſtgehalten wurde, ſie als eigene Provinz unmittelbar von Rom aus zu leiten, iſt fraglich, gelungen ſcheint es nicht zu ſein. Zu Beginn des folgenden Jahrhunderts iſt man noch einmal darauf zurückgekommen, ein Erzbiſchof und zwei Biſchöfe, die ihren Auftrag in Rom erhalten haben wollten, erſchienen im Lande, riefen damit aber eine Beſchwerde der bairiſchen Biſchöfe und der ge - ſamten Mainzer Kirchenprovinz hervor, die dem Papſt mit der Be - hauptung entgegentraten, Mähren gehöre zu Paſſau. Das iſt das letzte, was wir von der Sache erfahren. Unmittelbar darauf hat das Vor - dringen der Ungarn allen kirchlichen Plänen und Streitigkeiten an dieſer Stelle ein Ende gemacht.
Am meiſten von den Überlieferungen der vorausgegangenen Zeiten iſt in den Beziehungen zum Oſten zu ſpüren. Sie waren ſchon in den letzten Zeiten Johannes 'VIII. getrübt geweſen; die Erhebung des Marinus zum Papſt, der ſoeben als Legat in Konſtantinopel Anſtoß erregt hatte, führte alsbald zum Bruch. Die Griechen hatten es leicht, ihm die An - erkennung zu verweigern, war er doch, was bisher als ſtreng verboten gegolten hatte, von einem Bistum in ein anderes, von Caere auf den römiſchen Stuhl übergegangen. Die Antwort blieb nicht aus, Photios verlor aufs neue die Anerkennung in Rom. Das muß man drüben als unbequem empfunden haben, denn noch immer gab es in der griechiſchen Geiſtlichkeit eine ſtarke Partei, die in Photios einen Eindringling ſah. Sie konnte ſich nun auf Rom berufen. Jnzwiſchen ſtarb Kaiſer Baſi - leios (886), und ſein Sohn Leo V., einſt Schüler des Patriarchen, ſuchte174Beziehungen zu Konſtantinopelden Frieden, indem er ſeinen Lehrer zum Rücktritt zwang. Photios zog ſich ins Privatleben zurück und iſt nach fünf Jahren geſtorben, aber den Frieden hinterließ er nicht. War ſeine Perſon kein Hindernis mehr, ſo waren es jetzt die Weihen, die er und die von ihm geweihten Biſchöfe erteilt hatten, und denen die Unbeugſamen unter ſeinen Gegnern die Anerkennung hartnäckig verweigerten. Jn erſter Linie betraf das ſeinen Nachfolger Stephanos, den Bruder des Kaiſers, der noch von Photios in den Klerus aufgenommen war. Wieder war es wertvoll, den Wider - ſtrebenden das Anſehen Roms entgegenhalten zu können. Aber die Päpſte ſträubten ſich. Der Grund lag wie früher in der bulgariſchen Frage.
Zwiſchen Griechen und Bulgaren war unter dem neuen Fürſten Simeon Krieg ausgebrochen, und Simeon hatte die Gelegenheit benutzt, ſich Rom wieder zu nähern. Bis zu förmlicher Unterwerfung ließ er es nicht kommen, aber in Rom beurteilte man die Ausſichten ſo günſtig, daß man gegenüber Konſtantinopel ſtrenge Saiten aufzog. Man dachte ſogar daran, nach dem Beiſpiel Nikolaus 'I. den Patriarchenwechſel zum Gegenſtand eines Verfahrens auf einer römiſchen Synode zu machen, zu der auch die Franzoſen aufgeboten waren. Aber wir wiſſen ſchon, die Synode kam nicht zuſtande, und die Beziehungen zu Kon - ſtantinopel blieben in der Schwebe, bis endlich im Jahr 900, nachdem der Bulgare Frieden geſchloſſen hatte, eine zweideutige Erklärung des derzeitigen Papſtes den Griechen die Möglichkeit gab, den Zwiſt für beendet zu erklären. Die Spaltung der öſtlichen Kirche verlor ſich all - mählich, und Rom hatte keine Waffe mehr, den Streit fortzuſetzen. Nach einigen Jahren wurde es ſogar gegen den griechiſchen Patriarchen zu Hilfe gerufen vom Kaiſer, der durch eine vierte Ehe die Satzungen der Kirche verletzt hatte und mit Hilfe Roms dazu die nachträgliche Er - laubnis zu erhalten hoffte. Er wurde nicht enttäuſcht, eine Synode, an der römiſche Legaten teilnahmen, beſchloß in gewünſchtem Sinne, und der widerſtrebende Patriarch mußte den Platz räumen. Wenn wir ſeiner Darſtellung trauen dürfen, ſo hätte der Kaiſer den günſtigen Spruch des Papſtes erwirkt durch Preisgabe von Provinzen, die zu Konſtanti - nopel gehörten. Damit kann nur Bulgarien gemeint ſein. Jſt die Be - hauptung richtig, ſo hat Rom bei dem Handel doch nichts gewonnen, auch nicht als Fürſt Simeon im Jahre 912 den Entſcheidungskrieg eröffnete, der ihn zum Kaiſer von Konſtantinopel machen ſollte und erſt nach ſeinem Tode fünfzehn Jahre ſpäter mit Wiederherſtellung des175Photios 'Lehre vom Heiligen Geiſtfrüheren Zuſtands und nun auch mit ſtillſchweigender Anerkennung der kirchlichen Unabhängigkeit Bulgariens endete. An dieſem Punkt waren von jeher die Verſuche geſcheitert, die bulgariſche Kirche feſt an Rom zu binden. Für die Griechen war der Verzicht auf die förmliche Unter - werfung unter ihren Patriarchen kein ſo großes Opfer, da ſie auch ohne - dies als unmittelbare Nachbarn Handhaben genug beſaßen, ihren Ein - fluß geltend zu machen, während für Rom auf die unmittelbare Unter - ordnung der bulgariſchen Kirche alles ankam.
Der Riß zwiſchen Oſt und Weſt muß damals tiefer gegangen ſein, als die mehr denn kümmerliche Überlieferung ſagt. Er war ſogar bis in das Gebiet gedrungen, auf dem kirchliche Gegenſätze von jeher am gefähr - lichſten waren und ſind: das Gebiet der Glaubenslehre. Aus der Erbſchaft des Photios hatte die Kirche des Oſtens einen Beſitz angetreten, der bei ſeinen Lebzeiten die Beziehungen zum Weſten noch nicht dauernd geſtört hatte, mit der Zeit aber zur Urſache bleibender Trennung werden ſollte. Wir erinnern uns, daß die ganze Kirche urſprünglich darin einig geweſen war, zu lehren, der Heilige Geiſt gehe ebenſo vom Sohn wie vom Vater aus, und daß nur im Bekenntnis ein Unterſchied beſtand, inſofern Rom ebenſo wie Konſtantinopel und der Orient an der Formel von 381 feſt - hielten, die den Sohn nicht nannte, während der übrige Weſten, von Spanien beeinflußt, den Ausgang vom Vater und vom Sohn (a patre filioque) ausdrücklich bekannte. Wir wiſſen auch, daß auf der Synode zu Konſtantinopel 880 unter Teilnahme Roms die alte Formel für un - abänderlich erklärt und jeder Zuſatz mit dem Fluch bedroht worden war. Jm Abendland hatte man darauf keine Rückſicht genommen, es vermut - lich nicht einmal erfahren. Photios aber genügte das nicht. Er war ſchon dazu übergegangen, aus der Formel des Bekenntniſſes die entſprechende Lehre zu entwickeln und ſie theologiſch zu begründen. Dieſe Lehre ſollte durch den Synodalbeſchluß von 880 geſchützt werden. Jn ſeinen letzten Amtsjahren hat er in einer eigenen Abhandlung von beträchtlichem Um - fang, die er nach ſeinem Sturz überarbeitete und herausgab, den Nach - weis unternommen, daß nach der Schrift der Vater allein Ausgangs - punkt des Geiſtes und die entgegengeſetzte Lehre ketzeriſch ſei. Jm Oſten fand er damit keinen Widerſpruch, er ſuchte aber auch im Weſten dafür zu werben. Ein langes Schreiben von ihm iſt vorhanden, in dem er den Patriarchen von Venedig aufruft zum Kampf gegen die „ unerhörte Neuerung “, die in der Nennung des Sohnes neben dem Vater liege. 176Photios 'Lehre vom Heiligen GeiſtVon einem Erfolg hören wir nichts, er kann höchſtens darin beſtanden haben, immer weiteren Kreiſen des Weſtens zum Bewußtſein zu bringen, daß man ſich von der griechiſchen Kirche nicht nur in der Bekenntnis - formel, ſondern in der Lehre ſelbſt unterſchied. Daß man den Griechen den Vorwurf ketzeriſcher Neuerung zurückgab, war natürlich und — man kann nicht umhin, dies feſtzuſtellen — auch berechtigt. Denn mochten jene die ältere Formel für ſich haben, ſo ſetzten ſie ſich doch neuerdings mit der Lehre der alten Kirche in Widerſpruch, der man im Weſten treu blieb. Jn dieſem Sinn war, wie wir wiſſen, ſchon am Ende der Regierung Nikolaus 'I. auf den Ruf des Papſtes der Federkrieg im fränkiſchen Reich aufgenommen worden, aber infolge des Sturzes von Photios ſogleich wieder zum Stillſtand gekommen. (Vierzig Jahre ſpäter hat nochmals ein Papſt ſich an die fränkiſchen Biſchöfe gewandt mit der Klage, daß im Oſten die Ketzerei eines gewiſſen Photios herrſche, der den Heiligen Geiſt läſtere, er gehe nicht vom Sohn, ſondern nur vom Vater aus.) Die Franken wurden aufgefordert, „ mit ſcharfen Pfeilen aus dem Köcher der Heiligen Schrift dem wiederauflebenden Ungeheuer den Garaus zu machen “. Auf einer Synode der Reimſer Provinz iſt davon die Rede geweſen; ob es ſonſt Folgen hatte, hören wir nicht. Viel - leicht hat Rom den Kampf abgeblaſen, als die Beziehungen zu Kon - ſtantinopel ſich bald darauf freundlicher geſtalteten. Aus allem ergibt ſich, daß zwar in Rom die alte Verbindung mit dem Oſten noch äußer - lich feſtgehalten wurde, daß aber der innere Zuſammenhang loſe gewor - den und die Hefe der Zwietracht angewachſen war, während der übrige Weſten den Griechen kirchlich fremd und im Grunde ſchon feindlich gegenüberſtand. Noch war die förmliche Spaltung nicht eingetreten, auch kein zwingender Anlaß zu ihr vorhanden, aber trennende Kräfte waren reichlich vorhanden und warteten nur auf die Gelegenheit, wirk - ſam zu werden.
Doch das lag in ferner Zukunft. Vorerſt hing das Schickſal Roms von den Machtverhältniſſen des Weſtens und insbeſondere Jtaliens ab. Sie haben ſich in den nächſten Jahren nur inſofern geändert, als der zu - nehmende Zerfall des fränkiſchen Reichs die Einwirkung von jenſeits der Alpen immer ſchwächer werden und ſchließlich ganz aufhören ließ. Jm einzelnen ſind wir ſchlecht genug unterrichtet, da eine erlöſchende Überlieferung uns kaum mehr als Namen und hie und da ein Ereignis meldet, die Zuſammenhänge aber völlig im Dunkeln läßt. Wir ſehen177Karl III. und die PäpſteKarl III. gelegentlich am Werk, ſeinen Willen als König und Kaiſer in den italiſchen Dingen zur Geltung zu bringen, aber ohne bleibenden Erfolg. Dazu war der Umfang ſeiner Reiche zu groß, vollends als nach dem Hinwegſterben ſeiner Brüder und Vettern neben der deutſchen und italiſchen auch die franzöſiſche Krone (884) ihm zugefallen war. Der Aufgaben waren zu viele und zu ſchwere und die Macht des Königs überall durch die Auflöſung des Staatsverbands zu ſehr geſchwächt.
Auf Karls erlöſendes Erſcheinen hatte Johannes VIII. vergeblich gewartet, Marinus war glücklicher. Jm erſten Jahr ſeiner Regierung (883) durfte er dem Kaiſer in Oberitalien begegnen und hatte die Genug - tuung, den Erzfeind der römiſchen Kirche, Wido von Spoleto, ſeines Herzogtums und ſeine Anhänger ihrer ererbten Lehen und Ämter ent - ſetzt zu ſehen. Aber vor dem Unwillen, der ſich darob überall im Lande erhob, und vor der Verbindung, die der Spoletiner mit den Sarazenen einzugehen ſich nicht ſcheute, wich der Kaiſer zurück. Nach anderthalb Jahren wurde alles rückgängig gemacht und Wido ſeine Herrſchaft wiedergegeben. Der Papſt, der das erlebte, Hadrian III., ſchloß ſich gleichwohl um ſo enger an den Kaiſer an, von dem die Welt eben da - mals die Wiederherſtellung des in ſeiner Hand vereinigten fränkiſchen Reiches erwartete. Anſchluß bedeutete in dieſem Fall dienſtwillige Unter - werfung. Auf Karls Ruf machte Hadrian ſich auf, um nördlich der Alpen eine Neubeſetzung von Bistümern und andere Maßnahmen, die der Kaiſer wünſchte, mit ſeinem Anſehen zu decken. Er kam nicht dazu; unweit Modena ereilte ihn der Tod. Gegenüber ſeinem Nachfolger Stefan V. hat Karl verſucht, ſeine kaiſerlichen Rechte in vollem Um - fang auszuüben. Vertreter einer bei der Wahl unterlegenen Partei erſchienen vor ihm und bewogen ihn zum Einſpruch, weil man die Weihe vorgenommen hatte, ohne ihn zu fragen. Er ſandte den Erz - kaplan Leutward nach Rom, um Stefan zu ſtürzen. Aber vor der ge - ſchloſſenen Front von Biſchöfen, Klerus und Adel, die dem Geſandten die Wahlurkunde mit ihren Unterſchriften vorlegten, wich der Kaiſer zurück und erkannte Stefan an. Bald war es auch mit ſeiner eigenen Herrlichkeit vorbei. Sein völliges Verſagen in Ohnmacht und Siech - tum gegenüber der wachſenden Dänennot raubte ihm alles Anſehen, und ehe zwei Jahre vergingen, war er geſtürzt, zur Abdankung gezwungen und ſein Neffe Arnulf zum deutſchen König erhoben. Karls Tod im Januar 888 gab der Einheit des Frankenreichs den letzten Stoß, dieHaller, Das Papſttum II1 12178Stefan V. Kaiſer WidoTeile trennten ſich voneinander, und ein jedes Land ſetzte ſich, nach den Worten eines zeitgenöſſiſchen Chroniſten, „ einen König aus den eigenen Eingeweiden “.
Stefan V., von dem ſoeben die Rede war, hat als letzter den Verſuch gemacht, in die Bahnen Johannes 'VIII. zurückzukehren, aus deſſen engerem Kreis er hervorgegangen war. Ja, ſeine Haltung erinnert faſt an Nikolaus I. Obwohl er den Patriarchen von Konſtantinopel, Photios ſowohl wie Stephanos, die Anerkennung verweigerte und die Entſchei - dung über die Rechtmäßigkeit des zweiten für ſich in Anſpruch nahm, forderte er doch vom griechiſchen Kaiſer Hilfe durch regelmäßige Sen - dung von Kriegsſchiffen. Ebenſo ſelbſtbewußt trat er Karl III. gegen - über, verlangte ſein Erſcheinen in Jtalien, erinnerte ihn daran, daß die römiſche Kirche ihn zum Kaiſer geſalbt habe, damit er ihren Frieden ſchütze, und hielt ihm eine Vorleſung über die Pflichten ſeiner Würde. Eine formloſe Ladung des Kaiſers zum Reichstag in Deutſchland wies er ſtolz zurück, wahrte aber zugleich ſeine Unabhängigkeit gegenüber dem Herzog von Spoleto. Von dem Druck, den dieſer auf Rom übte, wurde er durch Karls Tod zunächſt entlaſtet, da Wido nach Frankreich eilte, um dort das Königtum an ſich zu bringen. Aber als dieſer Plan geſchei - tert war, der Herzog zurückkehrte, den Kampf um die italiſche Krone gegen Berengar von Friaul erfolgreich aufnahm, muß dem Papſt doch ängſtlich zumute geworden ſein. Er erließ eine dringende Einladung an Arnulf, „ Rom und Sankt Peter zu beſuchen und das italiſche Reich, befreit von ſchlechten Chriſten und dräuenden Heiden, in Beſitz zu neh - men “. Arnulf, durch dringendere Aufgaben gefeſſelt, mußte ſich verſagen, und nun blieb dem Papſt nichts übrig, als die Macht der Tatſachen an - zuerkennen. Am 21. Februar 891 vollzog er an Wido die Krönung zum Kaiſer. Der römiſchen Kirche war ihr Beſitzſtand, in welchem Umfang, wiſſen wir leider nicht, vorher beſtätigt worden. Was Stefan noch im Herbſt des Jahres ſterbend ſeinem Nachfolger hinterließ, war die Unterwerfung unter den alten Feind des Kirchenſtaats.
Der Nachfolger war Formoſus, die letzte bedeutende Geſtalt aus den Tagen Nikolaus 'I. und Johannes' VIII. Einſt als Gründer der bul - gariſchen Kirche zu größten Ehren berufen, dann geſtürzt, verbannt, wieder eingeſetzt, beſtieg er nach ſo wechſelvollem Leben nunmehr den Stuhl Petri als das Haupt der Partei, die durch die Ermordung Johan - nes 'VIII. zur Herrſchaft gelangt und durch Stefan V. verdrängt und179Formoſus. Kaiſer Arnulfſchwer getroffen war. Über die Lage, in der er ſein Amt übernahm, hat er ſich in einem Brief an Fulko von Reims offen ausgeſprochen. Er ſcheute ſich nicht, für die römiſche Kirche um Mitleid und eilige Hilfe zu bitten, damit ihr drohender Zuſammenbruch verhütet werde. Allent - halben, ſagt er, ſprießen Jrrlehren und Zwiſt, und niemand iſt, der ihnen begegne. Seit langem ſchon verwirren gefährliche Ketzereien und ſchädliche Spaltungen die Kirche von Konſtantinopel, in Afrika ſtreiten die Biſchöfe und begehren Entſcheid aus Rom. Dem allem ſoll die Synode abhelfen, zu der er die franzöſiſchen Biſchöfe wiederholt auf - ruft, und die er nicht zuſtande bringt. Die Herrſchaft des Spoletiners hat auch er zunächſt dulden müſſen, ſogar ihre Fortdauer äußerlich be - ſiegelt, indem er Lambert, den jungen Sohn Widos, als Mitkaiſer krönte. Aber er hat ſich doch bald veranlaßt geſehen, alles zu verſuchen, um das Joch abzuſchütteln. Auch er wandte ſich an den deutſchen König, und auf ſein dringendes Bitten machte ſich Arnulf zu Anfang 894 nach Jtalien auf, ſah ſich aber ſchon in der Lombardei zur Umkehr genötigt. Widos Tod noch im gleichen Jahr und ein erneuter Hilferuf des Papſtes bewogen ihn, im Herbſt 895 den Verſuch zu wiederholen, und diesmal glückte es ihm, in ſchwierigen und verluſtreichen Märſchen mitten im Winter bis vor Rom zu gelangen. Er fand die Tore verſchloſſen. Eine dem Papſt feindliche Partei hatte den Spoletinern Einlaß verſchafft, und geführt von der Kaiſerin-Witwe Ageltrud, der tatkräftigen Tochter Herzog Adelgis 'von Benevent, verteidigten ſie die Stadt. Arnulf ließ ſich nicht abſchrecken und befahl den Sturm, der auch im erſten Anlauf glückte. Das Tor bei Sankt Pankratius, weſtlich der Peterskirche, wurde gebrochen und die Mauer erſtiegen, worauf die Feinde die Stadt räumten. Feierlich eingeholt, wie es alter Brauch vor - ſchrieb, hielt Arnulf ſeinen Einzug als Kaiſer und wurde von Formoſus am 22. Februar 896 in Sankt Peter gekrönt. Die Römer ließ er Treue ſchwören und ſich die Anführer der Gegenpartei ausliefern. Nur zwei Wochen verweilte er, dann machte er ſich auf, um die Macht der Spoletiner in ihrem eigenen Lande zu brechen. Da traf ihn der erbliche Fluch ſeines Geſchlechts, der ſchon ſeinen Vater und ſeine Oheime in ein frühes Grab geſtürzt hatte: ein Schlagfluß warf ihn nieder, und halb - gelähmt mußte man ihn heimwärts nach Deutſchland tragen. Nicht ganz vier Jahre hat er hier noch in zunehmendem Siechtum gelebt, bis der Tod ihn am 8. Dezember 899 erlöſte.
180Blutige ParteikämpfeJn Jtalien triumphierten die Spoletiner. Formoſus hat den Wechſel des Glücks nicht überlebt, am 4. April 896 iſt er geſtorben. Sofort er - hoben ſich die Gegner. Ein Aufſtand der Volksmaſſen — es iſt das ein - zige Mal, daß in dieſer Zeit von ihnen die Rede iſt — ſetzte Boni - fatius VI., einen Geiſtlichen, dem früher die Weihen aberkannt waren, auf Petri Stuhl. Er war ein gichtbrüchiger Mann, der ſchon nach vier - zehn Tagen ſtarb. Aber die Feinde des Formoſus beherrſchten nun die Stadt, und ſie ließen ſich ihre Rache nicht nehmen. Da ſie den Lebenden nicht mehr erreichten, hielten ſie ſich an den Toten. Der neue Papſt, Stefan VI., ſelbſt von Formoſus zum Biſchof von Anagni geweiht, hob deſſen Maßregeln auf. Damit nicht genug, machte er dem Ver - ſtorbenen nachträglich in aller Form den Prozeß, ließ den Leichnam aus - graben, den Verweſenden vor eine Synode ſchleppen und verurteilte ihn nach dreitägiger Verhandlung wegen Eidbruchs. Formoſus hatte ja einſt (878 in Troyes) geſchworen, nach keiner geiſtlichen Würde zu ſtreben und Rom zu meiden. Sein Leichnam, nachdem ihm die Schwur - finger abgehauen waren, wurde in den Tiber geworfen. Das war ſelbſt dieſer rauhen Zeit zu arg, mochte ſie ſonſt an vieles gewohnt ſein. Nach fünf Vierteljahren traf Stefan VI. die Vergeltung. Die Anhänger des Formoſus erhoben ſich, bemächtigten ſich ſeiner und entthronten ihn. Er wurde in ein Kloſter geſperrt und hier erdroſſelt.
Ein neuer Papſt, ein zweiter wurden erhoben und ſtarben jeder ſchon nach wenigen Wochen. Sie haben gerade noch Zeit gehabt, das An - denken des Formoſus wiederherzuſtellen. Wie in ſolchen Fällen zu ge - ſchehen pflegt, hatte die Leiche ſich wiedergefunden, der Strom hatte ſie ans Land getragen und ein Mönch ſie gerettet. Mit hohen Ehren wurde ſie beſtattet. Bei der Neuwahl zu Anfang 898 gewannen für einen Augenblick die Gegner die Oberhand und erhoben den Biſchof Sergius von Caere. Es war das dritte Mal binnen weniger Jahre, daß man ſich über das Verbot des Übergangs von einem Bistum zum andern hinwegſetzte. Aber ehe man den Gewählten weihen konnte, kam es zum Straßenkampf, die Formoſianer ſiegten, Sergius mußte weichen, Johannes IX. ward geweiht. Jm Einvernehmen mit Kaiſer Lambert ſuchte er die Ordnung wiederherzuſtellen. Eine Synode in Rom, von oberitaliſchen Biſchöfen beſucht und geführt, verdammte das Gericht über den toten Formoſus, die Akten wurden verbrannt, die Teilnehmer baten und erhielten Verzeihung. Nur die Leichenſchänder, desgleichen181Blutige Parteikämpfedie Häupter der ſoeben geſchlagenen Gegenpartei traf der Fluch, an erſter Stelle natürlich Sergius. Die Hauptſache war eine Beſtimmung über die Papſtwahl. Sie ſollte künftig auf Antrag von Senat und Volk von den Biſchöfen und Geiſtlichen vorgenommen und der Gewählte wie - der wie in Vorzeiten nur in Gegenwart eines kaiſerlichen Vertreters geweiht werden. Daß dies außer acht gelaſſen worden, erklärte man für die Urſache der vorgekommenen Gewalttaten. Eine zweite Synode, in Ravenna in Gegenwart von Papſt und Kaiſer tagend und von vierund - ſiebzig Biſchöfen beſucht, beſtätigte alles und verfügte außerdem, daß kein Römer gehindert werden dürfe, ſich klagend an den Kaiſer zu wen - den. Die kaiſerliche Regierung in Stadt und Kirchenſtaat war damit der Form nach wiederhergeſtellt, die ſo unheilvoll wirkende Unabhängig - keit aufgehoben. Aber der erhoffte Erfolg blieb aus, denn ſchon nach wenigen Monaten fand der vielverſprechende junge Kaiſer durch einen Unfall auf der Jagd den Tod. Seine Grabſchrift preiſt ihn als zweiten Konſtantin und Theodoſius, womit in der großſprecheriſchen Art der Verfallszeit ſeine Verdienſte um die Kirche anerkannt werden ſollten, ohne daß wir ſagen könnten, ob ſie nur allgemeiner Natur waren oder vielleicht in Bereicherung an Land und Leuten beſtanden haben.
Jn Rom behauptete ſich vorerſt die Partei des Formoſus, ſie fand auch ihren Kaiſer in dem jungen König Ludwig von der Provence, dem Sohne Boſos von Vienne und Enkel Kaiſer Ludwigs II. Jm Februar 901 wurde Ludwig III. gekrönt, aber regiert hat er nicht. Jm Kampf um das italiſche Königreich konnte er ſich gegen Berengar von Friaul nicht durchſetzen, fiel ſchon nach wenigen Jahren (905) dem Gegner in die Hand, wurde geblendet und endete ſein Leben ruhmlos und tatenlos in der Provence. Jn Rom lebte indeſſen der Parteikampf in aller Schärfe auf. Noch regierten die Formoſianer, Benedikt IV. (900 ‒ 903) gehörte zu ihnen. Nach ſeinem Tode aber ſpaltete ſich die Partei, Leo V. wurde nach weniger als zwei Monaten durch einen Prieſter Chriſtoforus ge - ſtürzt und eingekerkert, der ſich ſelbſt zum Papſt machte. Nur wenige Monate hat er ſich ſeiner Würde erfreuen können. Jener Sergius, der gegen Johannes IX. unterlegen war, aber nicht aufgehört hatte, ſich als rechtmäßigen Papſt zu betrachten, hatte die Zeit benutzt, ſich draußen Anhang zu werben. Unterſtützt von auswärtigen Kräften er - ſchien er in Rom und machte ſich zum Herrn der Stadt. Chriſtoforus teilte jetzt das Schickſal ſeines Vorgängers, auch er wanderte in den182Sergius III., Alberich und TheophylaktKerker, wo man ſie beide lange Hungerqualen leiden ließ und ſchließlich umbrachte.
Mit Sergius III. (904 ‒ 911) hatten die Gegner des Formoſus ge - ſiegt. Jhr erſter Schritt war, alle Weihen, die auf Formoſus zurück - gingen, für ungültig zu erklären und das Andenken Stefans VI., des Leichenrichters, wiederherzuſtellen. Durch die Drohung, jeden Wider - ſtrebenden auf bereitliegenden neapolitaniſchen Schiffen der Verbannung und elendem Tod zu überliefern, hatte Sergius der römiſchen Synode dieſe Maßregel abgezwungen. Auf die Beſeitigung der Gegner aus allen kirchlichen Ämtern war es abgeſehen, und die Folge war eine tiefgehende Verwirrung in der Geiſtlichkeit Roms und der Nachbar - ſchaft bis weit nach Unteritalien. Die unterlegenen Formoſianer fügten ſich nicht, Sergius erkannten ſie nicht an, und da ſie ihn nicht zu ſtürzen vermochten, erfüllten ſie die Welt mit ihren Klagen und erreichten wenigſtens ſo viel, daß in der ſchriftlichen Überlieferung ein völlig ver - zerrtes und verfärbtes Bild von den Führern der ſiegreichen Partei ſich feſtſetzte und das Urteil über ſie bis in die neueſte Zeit beherrſchte. Doch nicht darum allein iſt es der Mühe wert, die Wendung, die ſich im Jahre 904 vollzog, genauer ins Auge zu faſſen. Sie iſt für die Geſchichte von mehr als einem Jahrhundert entſcheidend geworden.
Während in Rom die Parteien einander auf den Tod und über den Tod hinaus befehdeten, war das Königreich Jtalien im Kampf um die Krone der Auflöſung verfallen. Wohl führte Berengar, der Markgraf von Friaul, durch ſeine Mutter ein Enkel Kaiſer Ludwigs I., ſeit dem Tode Lamberts und dem Verſchwinden Ludwigs III. allein den Königs - titel, aber eben nur den Titel. Königliche Macht beſaß er über die Gren - zen ſeiner Markgrafſchaft hinaus allenfalls noch nördlich des Apennin, zufrieden, daß ihm ſeine Würde im übrigen von niemand mehr beſtritten wurde. Die wirkliche Herrſchaft übten örtliche Machthaber, Mark - grafen und Grafen, ſo gut wie unabhängig, allen voran der Markgraf von Toskana und der Herzog von Spoleto, dieſer durch perſönliche Eigenſchaften nicht weniger alle andern Fürſten überragend als durch den Umfang ſeines Gebietes, das von den Sabinerbergen bis an die Adria und vom Sangro bis nahe an Ancona ſich erſtreckte. Alberich, einſt mit hundert Rittern aus Frankreich herübergekommen, hatte ſich unter Widos und Lamberts Fahnen aufgedient und nach Lamberts Tode das183Sergius III., Alberich und TheophylaktHerzogtum an ſich geriſſen, das er wie ein ſelbſtändiger Landesherr un - angefochten regierte. Gegenüber Rom hatte er bald die Politik ſeiner Vorgänger, der Spoletiner Herzöge und Kaiſer, aufgenommen, die auf Beherrſchung der Stadt durch Beherrſchung des Papſtes abzielte, und der Erfolg hatte nicht gefehlt. Er war es, der den Formoſusgegnern in Rom zur Macht verhalf. An der Spitze dieſer Partei ſtand damals ein ge - wiſſer Theophylakt, deſſen Geſchlecht ſeinen Palaſt an der Via Lata, dem heutigen Corſo, ſtehen hatte und ſeinen Stammbaum vielleicht auf einen andern Theophylakt, den Neffen Hadrians I., zurückführte. Der Familie muß Sergius III. wenn nicht angehört haben, ſo doch eng verbunden geweſen ſein. Jn den Jahren, wo er als vertriebener und verfluchter Anwärter auf den Papſtthron draußen weilte, kam — vielleicht durch ſeine Vermittlung — eine enge Verbindung zwiſchen Alberich und Theophylakt zuſtande: der Herzog heiratete die Tochter Theophylakts, der nun, geſtützt auf die Macht des Schwiegerſohns, ſich zum Herrn in Rom machen, Sergius auf den päpſtlichen Thron ſetzen und fortan Stadt und Kirche beherrſchen konnte. Als Haupt des Adels, geſchmückt mit den Titeln Senator und Konſul, als Befehlshaber der bewaffneten Macht (magister militum), zugleich als Schatzmeiſter der höchſte Ver - waltungsbeamte der römiſchen Kirche, nimmt er eine Stellung ein, die ſich von der eines Fürſten nur der Form nach unterſcheidet. Jn der ſpär - lichen Üb[e]rlieferung kommt ſeine Geſtalt nicht zu ihrem Recht. Die haß - getränkte Legende der Formoſianer hat ihn in den Hintergrund geſcho - ben, dafür ſeiner Gattin Theodora die führende Rolle zugewieſen und dieſe als ein Weib von verworfenſten Sitten geſchildert. Schlimmer noch als ſie ſoll ihre Tochter Marozia geweſen ſein, die Gemahlin Herzog Alberichs, die mit ihren Lüſten Stadt und Kirche geſchändet, mit Papſt Sergius, vermutlich ihrem Oheim, unerlaubte Beziehungen unterhalten, aus denen der ſpätere Papſt Johannes XI. entſproſſen ſei, während die Mutter ihrem Liebhaber, dem Erzbiſchof Johannes von Ravenna, zur päpſtlichen Würde verholfen habe. Dieſe Geſchichten, von einem Schriftſteller des nächſten Menſchenalters, dem klatſch - ſüchtigen Biſchof Liutprand von Cremona, aus dem Gerede erbitterter Feinde geſammelt und mit lüſternem Behagen weitergetragen, haben ſpäteren Darſtellern willkommenen Stoff zu ſittlicher Entrüſtung ge - liefert, die ſich unter der Feder des Kardinals Cäſar Baronius zu einem gern wiederholten Schlagwort verdichtet hat: als ein „ Dirnenregiment “184Römiſche Zuſtände(Pornokratie) brandmarkt der amtliche Geſchichtſchreiber des Papſt - tums dieſe angebliche Herrſchaft ſchamloſer Weiber in Stadt und Kirche. Der Widerſpruch angeſehenſter Forſcher in alter und neuer Zeit iſt nicht imſtande geweſen, dieſes Urteil zu beſeitigen, allzu ſtark iſt das leidige Bedürfnis nach moraliſierender Deklamation, dieſes zweifel - hafte Vermächtnis des achtzehnten Jahrhunderts in der Geſchicht - ſchreibung, und ſo erſcheinen immer noch in volkstümlichen Schilde - rungen die verkommenen Töchter des römiſchen Adels als Trägerinnen der Geſchichte, während ihre Männer, der Führer des Senats von Rom und der Herzog von Spoleto, ſich mit der wenig beneidenswerten Rolle vornehmer Hahnreie begnügen müſſen.
Die Wahrheit ſieht anders aus. Wohl iſt es eine ſchreckliche Zeit, an wilder Roheit den verrufenſten Jahrhunderten der ſogenannten Völkerwanderung kaum nachſtehend. Blut und Eiſen ſind ihre Kenn - zeichen überall im Abendland, nördlich wie ſüdlich der Alpen. Sind Frankreich und Deutſchland von Bürgerkriegen, Eroberungen der Dä - nen und Raubzügen der Ungarn heimgeſucht, ſo erleidet Jtalien kein beſſeres Los. Früher als nach Deutſchland haben die Ungarn hierher (898) den Weg gefunden, die lombardiſche Ebene geplündert und ver - wüſtet, ſogar die Hauptſtadt Pavia zerſtört, während im Süden die Sarazenen von ihrer Niederlaſſung am Garigliano aus das Tal des Liris aufwärts zogen, ſich Stützpunkte in den Sabinerbergen ſchufen und das umliegende Land bis zur Verödung brandſchatzten. Schon 883 ſind die größten Klöſter Unteritaliens, Sankt Vinzenz am Volturno und Monte Caſſino, von ihnen zerſtört worden, im Sabinerland hat Farfa 905 das gleiche Los getroffen. Allenthalben herrſchten Gewalttat und Schrecken, das Recht war ein toter Buchſtabe, wenn nicht gar ein heuchleriſch gebrauchter Vorwand der Machtgier, und jedes Ver - brechen ward durch den Erfolg gerechtfertigt.
Das Schickſal ihrer Umwelt hat die römiſche Kirche teilen müſſen. Auch ihre Güter lagen vielfach wüſt und entvölkert, ſie verarmte. Schon im Jahre 886 fand Stefan V. Schatzkammer und Scheuern leer und in der Stadt Hungersnot herrſchend. Aber die Kirche Sankt Peters lebte ja nicht nur von ihrem Grundbeſitz, ihr floſſen aus der Ferne die Abgaben und Geſchenke von ihr gehörigen Klöſtern in Frankreich und Deutſchland zu, und ſtändig erneuerte ſich der Strom der Pilger, die nicht mit leeren Händen kamen. Das hat ihr wirtſchaftlich über die185Römiſche Zuſtändeſchlimmen Zeiten weggeholfen, den Päpſten eine nie erlahmende Bau - tätigkeit und unter anderem die Wiederherſtellung der 897 abgebrann - ten Baſilika des Laterans möglich gemacht.
Von dem Sittenzuſtand, der im römiſchen Adel herrſchte und die hohe Geiſtlichkeit in ſeinen Strudel zog, haben wir Proben genug kennengelernt. Es war ſchon nicht anders: was ſich damals heilige apoſtoliſche römiſche Kirche nannte, ſtellt ſich dem Betrachter dar als ein Gebäude ſehr weltlicher Herrſchaft, wo unter dem Decknamen Sankt Peters der Ehrgeiz und die Habſucht um Thron und Ämter ringen, wo dieſelben Waffen wie anderswo gebraucht werden und der Kampf um die Macht noch rohere, abſtoßendere Formen annimmt als irgend ſonſt.
Man ſage nicht, daß die Zeitgenoſſen das nicht empfunden hätten. An Zeugniſſen für das Gegenteil fehlt es ſelbſt in dieſer faſt literatur - loſen Zeit nicht ganz. Mit Worten des Propheten Jeremias beginnt ein Schriftſteller ſeine Anklage gegen die römiſche Kirche. „ Wer “, ruft er aus, „ erbebt nicht, wenn in der Feſte ſo großer Heiligkeit der Lärm tempelſchänderiſchen Einbruchs erſchallt? “ „ O heiligſter Apoſtelfürſt, ja, wir wiſſen es, dein Eifer, allzu ſchwer beleidigt, hat ſich von deinem Heiligtum abgewandt. Wie ſpielende Knaben wetteifern deine Stell - vertreter, einander abzuſetzen und mit Banden des Fluches zu feſſeln. Erwache, o Herr, warum ſchläfſt du? Erwache und richte deine Sache und vergiß nicht der Stimmen derer, die dich ſuchen! “ Härtere Töne ſchlägt ein unbekannter Dichter an, der das Rom ſeiner Tage an der großen Vergangenheit mißt und dabei auch gegen Kirche und Papſt Worte von einer Schärfe findet, wie ſie in Jahrhunderten nicht wieder gehört worden ſind:
Einſtmals warſt du ſtattlich von vornehmen Herren errichtet, Heute dienſt du als Magd, ſinkeſt, unſeliges Rom. Lange ſchon iſt es her, daß dich deine Kaiſer verließen Und dein Nam ', deine Ehr' wurden den Griechen zuteil. Von deiner edlen Beherrſcher Schar verblieb dir nicht einer, Deiner Vornehmen Stolz ſiedelt in griechiſchem Land. Niederes Volk, von den Enden der Erde zuſammengelaufen, „ Knechte der Knechte “fürwahr, heißen jetzt deine Herrn. Blühend ſchmückt ſich als Neues Rom nun Konſtantinopel, Du, das Alte, indes ſinkeſt an Sitten und Macht ...
186Römiſche Zuſtände
Käme dir nicht das Anſehen Petri und Pauli zu Hilfe, Wäreſt, Rom, du ſchon längſt elend und kläglich dahin. Schmutzigen Baſtarden liegeſt du jetzt im Staube zu Füßen, Die ehedem du weithin ſtrahlteſt in adligem Stolz. Deine Herrſchaft entſchwand, dein Hochmut iſt dir geblieben, Allzu ſehr überwand Habſucht und Geiz deinen Sinn ... Grauſam haſt du der Heiligen Leiber im Leben verſtümmelt; Jetzt iſt der Toten Gebein gut dir zu jeglichem Kauf, Und wenn die Erde gierig des Lebens Reſte vertilgte, Hältſt du immerhin noch falſche Reliquien feil.
Wenn man die Taten der Männer, die ſeit dem Regierungsantritt Sergius 'III. in Rom die Zügel führten, wenn man ihre Leiſtungen kennt, ſo erſcheinen die Alkovengeſchichten eines Liutprand von Cre - mona einfach lächerlich. Dieſe Gewaltmenſchen, denen das Schwert locker in der Scheide ſaß, mögen rohe Kriegsleute geweſen ſein, Weiber - knechte waren ſie gewiß nicht. Hat die römiſche Kirche als religiöſe An - ſtalt ihnen nichts zu danken, ſo haben ſie doch für ihren Staat geſundere Verhältniſſe geſchaffen. Dem Parteiweſen, den blutigen Machtkämpfen eiferſüchtiger Vetternſchaften, dieſen unzertrennlichen Begleiterſchei - nungen jeder Adelsherrſchaft, für immer ein Ende zu machen, iſt auch ihnen nicht gelungen. Aber eine andere Aufgabe, um die vor ihnen mancher Papſt vergeblich ſich gemüht hatte, haben ſie gelöſt: ſie haben Jtalien von der Sarazenenplage befreit.
Jn Unteritalien war um die Jahrhundertwende eine Verſchiebung eingetreten, ausgehend von Capua. Dem Fürſten Atenolf war es ge - lungen, ſowohl Salerno von ſich abhängig zu machen wie ſelbſt die Herrſchaft in Benevent zu ergreifen. Solchergeſtalt zum ſtärkſten Machthaber emporgeſtiegen, machte er ſich mit Eifer und Erfolg an die Aufgabe, an der Johannes VIII. geſcheitert war, das Bündnis aller chriſtlichen Mächte gegen die Sarazenen zu ſtiften. Er war auch einſichtig genug, die Führung den Griechen zu überlaſſen, und es gelang ihm, den Hof in Konſtantinopel dafür zu gewinnen. Nach ſeinem Tode (910) führte das begonnene Werk ſein Sohn Landulf zu Ende. Mit Neapel kam ſchon 911 das Bündnis zuſtande, dann wurden Rom und Spoleto gewonnen. Ein großer Raubzug der Sarazenen, der bis an die Nordgrenze des Kirchenſtaats im römiſchen Toskana gelangte, war187Johannes X. — Vertreibung der Sarazenenhier zwar auf erfolgreichen Selbſtſchutz der Bevölkerung geſtoßen, hatte aber in ſeinem Verlauf den Regierenden die Notwendigkeit vor Augen geführt, dieſer Gefahr für immer ein Ende zu machen. An der Spitze der Kirche ſtand ſeit 914 Papſt Johannes X., früher Erzbiſchof von Ravenna, durch Theophylakt auf den römiſchen Stuhl berufen, für die Formoſianer ein rechtloſer Eindringling, auch kaum eine ſehr geiſtliche Natur, aber ein Mann von Tatkraft und Mut, wie Rom ihn damals brauchte, wo Mars die Stunde regierte. Zwiſchen den herrſchenden Geſchlechtern Roms und Neapels muß ſchon ſeit dem Umſchwung von 904 Einverſtändnis geherrſcht haben, jetzt fand man ſich auch mit Capua. Als im Mai 915 ein griechiſches Heer in Unteritalien erſchien, deſſen Führer dem Fürſten von Capua und den Herren von Neapel und Gaeta die Würde des kaiſerlichen Patritius überbrachte, gab es nur noch einen Punkt zu klären. Gaeta, deſſen Mitwirkung unentbehrlich war, ver - langte als Preis, daß ihm das Land zuteil werde, das Johannes VIII. einſt (877) der Stadt geſchenkt hatte, auf dem aber jetzt die Sarazenen ſaßen. Als Theophylakt und Johannes X. ſich dazu herbeiließen, die frühere Schenkung zu erneuern, war die Liga fertig und ſchlagbereit. Sie umfaßte den Papſt und Spoleto, Benevent und die Griechen, Neapel, Gaeta und Salerno. Schon waren die Truppen zuſammen - gezogen, die römiſchen geführt von Johannes X. und Theophylakt in Perſon. Jm Auguſt 915 begann die Einſchließung der Sarazenen, und als nach drei Monaten die Belagerten den Durchbruch wagten, wurden ſie in offener Schlacht vernichtet. Es war ein großer Erfolg: Jtalien durfte aufatmen, ein vierzigjähriger Druck war von ihm genommen. Kein Zweifel, daß das militäriſche Verdienſt in erſter Linie den Griechen, das politiſche dem Fürſten von Capua-Benevent gebührte. Jn Rom feierte man als Sieger neben dem Papſt, der ſich rühmte, perſönlich am Kampf teilgenommen zu haben, den Herzog von Spoleto. Jm Triumph hielt Alberich ſeinen Einzug, als Befreier aus der Not be - grüßt.
Wir wiſſen viel zu wenig von den Verhältniſſen, um ſagen zu können, was Theophylakt bewogen hat, ſchon nach wenigen Monaten Rom einen Kaiſer zu ſetzen. Nur vermuten können wir, daß es ſein Wunſch war, der eigenen Macht den geſetzlichen Rückhalt zu geben, den nach allen Überlieferungen und Anſchauungen der Zeit am eheſten ein in recht - mäßigen Formen erhobener Kaiſer zu bieten vermochte. Den geeigneten188Kaiſerkrönung Berengars I. — MaroziaMann dafür brauchte man nicht zu ſuchen. König Berengar von Jtalien hatte ſchon unter Sergius III. ſich um die Krönung bemüht, aber eine Ablehnung erfahren, vermutlich weil er damals die Stellung Theo - phylakts beeinträchtigt haben würde. Jetzt waren die Verhältniſſe ſo - weit befeſtigt, daß ein Kaiſer dem Herrn der Stadt nicht mehr gefährlich werden konnte, vollends einer von ſo beſcheidener eigener Macht wie Berengar. Mit ihm hatte Johannes X. ſchon als Erzbiſchof von Ra - venna in Beziehung geſtanden, jetzt lud er ihn zur Krönung nach Rom. Anfangs Dezember 915 fand ſie ſtatt in den hergebrachten Formen. Wie einſt Karl den Großen begrüßten Berengar I. vor den Toren Roms die Körperſchaften und geleiteten ihn unter Lobgeſängen zur Treppe von Sankt Peter, wo der Papſt mit der Geiſtlichkeit ihn erwartete, um ihn in die Kirche zu führen und die Feier in der altüblichen Weiſe mit Huldi - gung, Salbung und Aufſetzen des Diadems zu vollziehen. Wir erfahren bei dieſer Gelegenheit auch, was bei früheren Kaiſerkrönungen ebenſo geſchehen ſein wird, daß die Urkunde, in der der neue Kaiſer der römi - ſchen Kirche ihren Beſitz und ihre Rechte beſtätigte, öffentlich verleſen worden iſt. Rom hatte wieder einen Kaiſer — dem Namen und der Form nach. Regiert hat Berengar I. als Kaiſer freilich nicht, dem großen Karl nur darin ähnlich, daß er ſeine Hauptſtadt ſo bald wie möglich verließ, um ſie nicht wiederzuſehen. Vielleicht daß er vor dem Abzug dem Stadtherrn ſeine Ämter beſtätigt hat. Wir wiſſen darüber nichts.
An Theophylakts Stellung änderte ſich keinesfalls etwas. Seine Macht verblieb auch nach ſeinem Tode — das Jahr iſt unbekannt — der Familie, und jetzt war es allerdings eine Frau, ſeine Tochter, Al - berichs Witwe Marozia, die ſie ausübte. Man rühmte ihr männliche Eigenſchaften nach, und jedenfalls war ſie alles eher als die mannstolle Buhlerin, als die Liutprands verleumderiſche Bosheit ſie ſchildert. Aus ihrer Ehe mit Alberich hatte ſie mindeſtens vier Söhne, deren älteſter, Alberich genannt wie der Vater, bei deſſen Tode noch unmündig war. Für ihn regierte einſtweilen die Mutter. Aber bei allen Herrſchereigen - ſchaften muß ſie doch das Bedürfnis nach Anlehnung gefühlt haben und erſah ſich dazu, nachdem Kaiſer Berengar (924) von ſeinen Vaſſallen ermordet war, den Markgrafen Wido von Toskana, den ſie (926) heiratete. Die vereinte Macht von Toskana-Spoleto bot allerdings ſtarken Schutz.
Jn Rom muß das doch nicht allen recht geweſen ſein, und in der189König Hugo. Alberich der JüngereUmgebung Johannes 'X. war man nicht geſonnen, ſich der neuen Herr - ſchaft zu fügen. Der Bruder des Papſtes, Petrus, trat an die Spitze des Widerſtands, entſchloſſen, Marozia und ihren Anhang zu ſtürzen. Aber die Kräfte reichten dazu nicht aus. Toskaniſche Truppen beſetzten die Stadt, drangen in den Palaſt am Lateran und erſchlugen Petrus an der Seite des Papſtes. Johannes X. ſelbſt wurde ins Gefängnis ge - worfen und iſt hier binnen Jahresfriſt geſtorben, welches Todes, wußte man nicht genau, doch ſprach man von Erdroſſeln. An ſeine Stelle ſetzte Marozia ihren jüngern Sohn, Johannes XI. Jhre Herrſchaft ſchien feſter zu ſtehen denn je.
Da ſtarb nach einigen Monaten ihr zweiter Gemahl, Markgraf Wido, und ſeine Erben vermochten Toskana nicht zu behaupten. Ein neuer König von Jtalien, Graf Hugo von Vienne, Widos Stiefbruder, glücklicher, weil rückſichtsloſer als ſeine Vorläufer im Streben nach Macht, beſeitigte ſie und lieh die Markgrafſchaft ſeinem eigenen Sohn. Marozia, mehr Staatsmann als Weib, hielt es für das beſte, ſich dem Erfolgreichen anzuvertrauen, und bot Hugo die Hand zu einer dritten Ehe. Hugo zögerte nicht, den Antrag anzunehmen, der möglicherweiſe ſchon von ihm ſelbſt eingegeben war, er erſchien in Rom, und in der Engelsburg ward Hochzeit gefeiert. Ohne Zweifel wird das letzte Ziel die Kaiſerkrönung geweſen ſein. Die Vereinigung von Kaiſertum und italiſchem Königtum ſtand bevor wie in den Zeiten Ludwigs II.
Es ſollte anders kommen. Der junge Alberich, inzwiſchen etwa fünfundzwanzig Jahre alt geworden, war nicht geſonnen, ſein väter - liches Erbe einem fremden Stiefvater zu überlaſſen. Man hat ſpäter erzählt, er habe erfahren, daß er durch Blendung unſchädlich gemacht werden ſollte. Andere wollten wiſſen, er habe abſichtlich einen Zuſam - menſtoß mit Hugo herbeigeführt, wobei dieſer ihn tätlich beleidigte. Er beſchloß, für ſeine Sicherheit zu ſorgen oder ſich zu rächen, fand Geſinnungsgenoſſen, eine Verſchwörung bildete ſich, und eines Tages ſchallte Hörnerklang durch die Straßen, die Glocken läuteten Sturm, und bewaffnete Maſſen ſtürmten die Engelsburg, wo Marozia und Hugo ihren Wohnſitz hatten. Hugo verzweifelte am Widerſtand und ergriff die Flucht, indem er ſich von der Mauer der Engelsburg ins Freie hinabgleiten ließ. Marozia wurde gefangen und blieb in Haft, Alberich war Herr der Stadt wie ſein Vater.
König Hugo hat ſeinen Plan nicht ſo bald aufgegeben. Er rückte vor190Alberich der JüngereRom, belagerte es, konnte es aber nicht nehmen. Jahrelang dauerte mit Unterbrechungen der Krieg, erſt 946 kam der endgültige Friede zuſtande. Alberich verlor dabei ſein väterliches Herzogtum Spoleto, aber in Rom behauptete er ſich, im Rücken gedeckt durch Bündnis mit Neapel. Von der Mutter hatte er gute Beziehungen zu Konſtantinopel geerbt. Dort lagen ums Jahr 932 die Dinge wieder einmal ſo, daß dem Kaiſer eine Unterſtützung durch den römiſchen Biſchof erwünſcht war. Bei dem Beſtreben, ſeinen Sohn zum Patriarchen zu machen, war er bei den Biſchöfen auf Widerſtand geſtoßen, den zu brechen der Papſt ihm helfen ſollte. Marozia forderte dafür als Gegendienſt eine Ver - bindung ihres Hauſes mit dem kaiſerlichen, ihre Tochter ſollte den grie - chiſchen Thronfolger heiraten. Das fand Anklang in Konſtantinopel, und Johannes XI. ſandte ſeine Vertreter hinüber, unter deren Mit - wirkung die Patriarchenfrage nach den Wünſchen des Kaiſers geordnet wurde. Jn welcher Form die Mitwirkung geübt wurde, erfahren wir nicht, aber in ſeinem Dankſchreiben hielt der Kaiſer für nötig, die Unabhängigkeit der Kirche von Konſtantinopel gegenüber Rom zu be - tonen. Hier, ſchrieb er, pflege man wohl in Fragen des Glaubens die Hilfe Roms anzurufen, den Patriarchen aber habe man ſich von Rom niemals geben laſſen. Jnzwiſchen hatte Alberich die Mutter geſtürzt. Er ſuchte die Verbindung mit dem Oſten noch enger zu knüpfen, indem er für ſich ſelbſt um eine Kaiſertochter warb. Einen ſeiner höchſten Be - amten ſandte er deswegen nach Konſtantinopel, es heißt auch, ſchon ſeien für das Hochzeitsfeſt alle Vorbereitungen getroffen, ſogar die Ehrendamen für die Prinzeſſin beſtellt geweſen, als die Sache aus un - bekannten Gründen ſich zerſchlug. Alberich heiratete nun in einer Pauſe des Krieges (936) eine Tochter König Hugos. Jm Zuſammenhang mit jenen Verhandlungen muß es geweſen ſein, daß ihm vom Kaiſer der Titel eines Patritius verliehen wurde, eine Auszeichnung, die unter - italiſchen Fürſten ſchon mehrfach zuteil geworden war. Nach dem Scheitern des griechiſchen Heiratsplanes hat Alberich den Titel nicht mehr geführt, er nannte ſich jetzt Fürſt von Gottes Gnaden, Senator aller Römer, Konſul und Herzog. Jn Wirklichkeit beruhte ſeine Herr - ſchaft lediglich auf ſeiner Macht als Haupt der Standesgenoſſen, die ihm als ihrem Führer gehorchten. Das war in jener Zeit nicht ohne Beiſpiel: in den unteritaliſchen Nachbarſtädten, in Neapel vor allem, aber auch in Gaeta und Amalfi war man die gleiche Regierungsform191Alberich der Jüngerelängſt gewohnt. Auch darin ging man in Rom denſelben Weg wie anderswo, daß die kirchliche Macht der weltlichen zur Stütze dienen mußte. Wie in Neapel, in Capua, in Benevent das Bistum dem Herrſcherhaus gehörte, ſo verfügte in Rom der Fürſt der Stadt über den päpſtlichen Thron. Zunächſt fand Alberich den eigenen Bruder als Papſt Johannes XI. vor; deſſen Nachfolger waren ſeine willenloſen Werkzeuge, die „ nicht wagten, ohne ſeinen Befehl einen Finger zu rühren “, wie ein franzöſiſcher Chroniſt ſich ausdrückt, der damals Rom beſuchte. Nur inſofern war Alberichs Stellung eine beſondere, als er den heiligen Petrus und deſſen Vertreter, den Papſt, als Eigentümer von Stadt und Land anerkannte, ſeine Urkunden nach Regierungsjahren der Päpſte datierte und auf ſeinen Münzen zwar auch ſich ſelbſt, in erſter Linie aber doch den Papſt nennen ließ. Wer das Bedürfnis fühlt, die Verhältniſſe nach Rechtsbegriffen zu ordnen, mag im Fürſten von Rom das Haupt einer Selbſtregierung ſehen, die dem Namen nach unter der Oberhoheit des geiſtlichen Stadtherrn geübt wurde, in Wirk - lichkeit aber dieſen ſelbſt beherrſchte. Von der Souveränität des Kaiſers war dabei nicht die Rede. Sie mochte in Gedanken vorbehalten ſein, genannt wurde ſie nirgends.
Alberichs Verdienſt war neben der Wahrung von Roms Unabhängig - keit die Ordnung des Kirchenſtaats. Wieweit die Regierung über die entfernteren Teile, Emilia und Romagna, tatſächlich ausgeübt wurde, iſt in dieſen Jahren ſowenig wie früher zu erkennen. Dafür wurde das Sabinerland jetzt zum erſtenmal der römiſchen Verwaltung unterworfen, Kloſter Farfa, das mit ſeiner ausgedehnten Grundherrſchaft den beſten Teil der Provinz einnahm, verlor ſeine Reichsunmittelbarkeit. Dem gleichen Zweck diente es, wenn Alberich ſich die Wiederherſtellung ver - wilderter oder verfallener Klöſter angelegen ſein ließ: er brachte ſie da - durch in Abhängigkeit und konnte über ihre Macht verfügen.
Die ſchwache Stelle ſeiner Regierung war die Frage ihrer Fortdauer. Alberichs einziger Sohn war erſt nach 936 geboren, und in der Familie be - ſtand keine Einigkeit. Sogar in eine Verſchwörung, die einmal ſein Leben bedrohte, aber rechtzeitig entdeckt wurde, waren Verwandte von ihm ver - wickelt. Er hielt es darum für nötig, als er noch bei jungen Jahren ſein Ende nahen fühlte, dafür zu ſorgen, daß geiſtliche Oberhoheit und weltliche Verwaltung wieder in einer Hand vereinigt würden. Die Häupter des Adels verpflichtete er, beim Tode des derzeitigen Papſtes ſeinen Sohn,192Johannes XII. auf den die Stadtherrſchaft übergehen ſollte, zum Papſt zu wählen. Dann ließ er ſich, für ſeine Geſinnung bezeichnend, nach Sankt Peter bringen und erwartete dort in der Gruft des Apoſtels den Tod (954).
Er hat vielleicht nicht angenommen, daß der vorausgeſehene Fall ſchon nach etwas mehr als Jahresfriſt eintreten werde. Jm Dezember 955 ſtarb Agapet II. und Alberichs Sohn beſtieg den Stuhl Petri. Er hatte bisher Oktavian geheißen, hielt es aber jetzt für nötig, ſeinen Namen zu ändern, und nannte ſich Johannes XII. Hätte er nur damit auch ſein Weſen ändern können! Der höchſtens achtzehnjährige Jüngling war bis dahin ein lebensluſtiger Kavalier geweſen, und das iſt er geblieben. Reiten und Jagen und die Geſellſchaft der Frauen zog er auch weiterhin ſeinen geiſtlichen Amtspflichten vor, die er äußerſt nachläſſig verſah. Entſprechend war ſeine Redeweiſe, man hörte ihn beim Spiel die heid - niſchen Götter anrufen. Seine Gegner haben es ſpäter nicht ſchwer ge - habt, mit den in ſolchen Fällen üblichen Übertreibungen darzutun, wie unwürdig er ſeines hohen Amtes ſei. Für das, was weiterhin geſchah, wird man dem jugendlichen Papſt perſönlich nicht zuviel aufbürden dürfen. Mindeſtens ebenſoviel, wahrſcheinlich mehr als er haben die zu verantworten, die ihn umgaben und berieten, und ihr Rat war ſchlecht.
Alberich hatte ſich behauptet, indem er nach außen große Zurück - haltung übte. Wie er ſein väterliches Herzogtum fahren ließ, ſo ver - zichtete er auch darauf, verlorengegangene Teile des Kirchenſtaats zurückzugewinnen oder gar nach neuen Erwerbungen zu ſtreben. Unter Johannes-Oktavian wurde die Linie der Entſagung verlaſſen, in ſeinem Rat lebten Entwürfe auf, die an die Zeiten Johannes 'VIII. erinnern, ja über deſſen Abſichten noch hinausgingen. Zunächſt ſollte ein Feldzug im Bunde mit dem Herzog von Spoleto die Oberhoheit über Capua wiederherſtellen. Ob dies das letzte Ziel war? Das Fürſtenhaus von Capua regierte auch Benevent, und dieſes Herzogtum ſtand in der Liſte der Länder, die Pippin und Karl der Große dem heiligen Petrus zu ſchenken verſprochen, aber nicht verſchafft hatten, die Karl II. nochmals geſchenkt hatte. Möglich, daß es ſeitdem aus Gewohnheit mitgenannt wurde, ſo oft ein neuer Kaiſer die Rechte und Beſitzungen der römiſchen Kirche beſtätigte. Wenn jetzt die Abſicht beſtand, ſich das Verſprochene ſelbſt zu holen, ſo ſcheiterte ſie völlig. Dem Angegriffenen eilte der Fürſt von Salerno zu Hilfe, und der König von Jtalien — ſeit 950 Beren - gar II., Markgraf von Jvrea und von Mutterſeite Enkel Kaiſer193Eingreifen Ottos I.Berengars I. — benutzte die Gelegenheit, dem Verbündeten des Papſtes, dem Herzog von Spoleto, in den Rücken zu fallen und das Herzogtum zu erobern. Angrenzende Gebiete des Kirchenſtaats teilten dieſes Schickſal.
Es war die Frage, wer künftig in Jtalien gebieten werde. Wich der Papſt zurück, ſo war vorauszuſehen, daß Berengar ſich zum Herrn machen werde. Jn ſeinem Königreich hatte er begonnen, ein ſtraffes Regiment aufzurichten, der Willkür der örtlichen Großen ein Ende zu bereiten war er auf dem beſten Wege. Die nördlichen Teile des Kirchen - ſtaats, die Emilia, Ravenna, der alte Exarchat, die Pentapolis, ge - horchten ihm ſchon. Behielt er dazu noch Spoleto, ſo umklammerte ſeine Macht den Staat des Papſtes und konnte ſeiner Unabhängigkeit das Lebenslicht ausblaſen. Jn der Umgebung Johannes 'XII. beſchloß man, das nicht zuzulaſſen. Zunächſt wurde der Fürſt von Salerno zum Abfall vom Beneventer bewogen. Jn perſönlicher Begegnung zu Terracina ſchloß der Papſt mit ihm ein Bündnis. Aber das genügte natürlich nicht, darum ſah Johannes XII. ſich nach auswärtiger Hilfe um. Das hatten ſeine Vorgänger ſeit zwei Jahrhunderten in gleicher Lage ſtets getan. Wie dieſe gegen Liutprand, Aiſtulf, Deſiderius die Franken herbei - gerufen, wie Johannes VIII. und ſeine Nachfolger zu ihrer Zeit von Karl II. und Karl III., zuletzt von Arnulf Rettung aus ihren Nöten erwartet hatten, ſo wandte ſich Johannes XII. an den deutſchen König Otto I. Es gab ſonſt niemand, der hätte helfen können, Otto konnte es, und von ihm durfte man annehmen, daß er dazu bereit ſein werde. Unbeſtritten hatte das deutſche Reich die Führung des Abendlands über - nommen, alle inneren Schwierigkeiten, alle feindlichen Nachbarn über - wunden, Dänen und Wenden zur Unterwerfung gezwungen, ſoeben erſt in der Schlacht bei Augsburg (955) die ungariſche Macht gebrochen. Jn Frankreich entſchied ſein Wille im Kampf der Fürſten gegen die Krone, der König von Burgund ſtand in ſeinem Schutz, für Jtalien hatte Berengar II. ſeine Oberhoheit ſchon einmal anerkannt, ſie dann freilich wieder abgeſchüttelt und das abgetretene Gebiet öſtlich der Etſch zurückgenommen. Damit war er des deutſchen Königs Feind geworden — was lag näher, als daß dieſer dem Papſt gegen den gemeinſamen Gegner die Hand reichte? Und wenn die Deutſchen mit ihrer über - legenen Macht die Alpen überſchritten, war dann nicht die Gelegenheit ſo günſtig wie noch nie, im Bunde mit ihnen den Verhältniſſen Jtaliens eine neue Geſtalt zu geben, auf Pläne zurückzukommen, die in merkwürdigHaller, Das Papſttum II1 13194Eingreifen Ottos I.ähnlicher Lage zu Pippins und Karls des Großen Zeiten einmal das gemein - ſame Programm Roms und der Franken geweſen waren, und in Erfüllung gehen zu laſſen, was damals aufgegeben, aber nie ganz vergeſſen war?
Mit dieſem Auftrag begaben ſich im Jahre 960 zwei Geſandte des Papſtes, der Kardinal Johannes und der Kanzleivorſtand Azzo, in aller Heimlichkeit über die Alpen. Sie ſollten Otto erſuchen, in Jtalien ein - zuſchreiten, und ihm zum Lohn die Kaiſerwürde anbieten. Zugleich liefen dringende Bitten von Biſchöfen und Fürſten des italiſchen Königreichs ein, die gegen Berengar um Hilfe riefen. Otto zögerte nicht, darauf einzugehen. Es ſprach ja auch alles dafür. Daß Berengar ſich zum Herrn in Jtalien mache, den Deutſchen den Handelsweg nach Venedig verlege und ſie damit vom Welthandel abſchneide, durfte Otto nicht gleichgültig ſein. Daß der Jtaliener den Papſt unter ſeine Botmäßig - keit bringe, bedeutete für den König, deſſen Regierung im eigenen Lande von den Biſchöfen getragen wurde, eine nicht zu unterſchätzende Ge - fahrenquelle. Dagegen mußte es ihm um ſo erwünſchter ſein, daß er ſelbſt für die kirchlich-politiſchen Ausbreitungspläne in den öſtlichen Nachbarländern Deutſchlands, die ihm ſo ſehr am Herzen lagen, über die Autorität des Papſtes verfügen könne. Und ſchließlich: Otto, der Sachſe, betrachtete ſich als Erben und Rechtsnachfolger der fränkiſchen Herrſcher. Konnte er ohne Einbuße an Ehre, Anſehen und Einfluß einer Aufgabe ſich entziehen, die ſeine karolingiſchen Vorgänger feierlich für alle Zeiten übernommen hatten? Die Geſandten des Papſtes verfehlten nicht, ihm dies nachdrücklich vorzuhalten: von ſeinen Vorfahren habe er die Schutzherrſchaft über die römiſche Kirche überkommen; dieſe Ehre würde er verlieren, wenn er die damit verbundene Pflicht nicht erfülle. Auf den König, deſſen Vorbild Karl der Große war, konnte der Gedanke ſeinen Eindruck nicht verfehlen: er ſtellte ſein Kommen in Ausſicht. Wie unrecht hat man doch gehabt, in dieſem Entſchluß eine romantiſche Verirrung zu ſehen! Er war eingegeben von klarer Er - kenntnis der Wirklichkeit und nüchternem Abwägen der lebendig wir - kenden Kräfte der Zeit, gewieſen von den Überlieferungen der Ver - gangenheit, gefordert von den Möglichkeiten der Zukunft.
Daß Otto keine Abſage erteilen werde, wußte man in Rom, hatte er doch ſchon zu Alberichs Zeiten einmal die Hand nach der Kaiſerkrone ausgeſtreckt, aber bei dem klugen und vorſichtigen Fürſten keine Bereit - willigkeit gefunden. So brauchten die Geſandten des Papſtes weder195Ottos I. Kaiſerkrönung und Schenkungzu bitten noch zu überreden, ſie konnten ſogar Bedingungen machen. Das Ergebnis ihrer Verhandlung war ein Vertrag, deſſen Wortlaut er - halten iſt. Otto verſprach, wenn er nach Rom käme, die römiſche Kirche nach Kräften zu erhöhen, gegen den Papſt nichts zu unternehmen, in der Stadt nur mit des Papſtes Rat Gericht zu halten und Verfügungen zu erlaſſen, ihm auszuliefern, was er vom Lande Sankt Peters einnehmen würde, und den künftigen Regenten des italiſchen Reiches zur Ver - teidigung des Kirchenſtaats zu verpflichten. Dies beſchworen für den König deſſen Getreue. Was der Papſt dagegen verſprach, verſteht ſich von ſelbſt: die Kaiſerwürde und Anerkennung kaiſerlicher Hoheit.
Jm Auguſt 961 überſchritt das deutſche Heer die Alpen. Seine Über - legenheit war vom erſten Augenblick an erdrückend, zumal die meiſten Biſchöfe und Grafen ſich ihm anſchloſſen. Es wiederholte ſich, was vor mehr als zweihundert Jahren geſchehen war, als Karl der Große das Reich der Langobarden über den Haufen warf. Berengar und ſein Sohn und Mitregent, König Adalbert, verſuchten im offenen Felde keinen Wider - ſtand, ſie zogen ſich auf ihre Feſtungen zurück. Ungehindert gelangte Otto Ende Januar 962 vor Rom, am 2. Februar hielt er ſeinen feierlichen Ein - zug und wurde in Sankt Peter zum Kaiſer ausgerufen und gekrönt, alles in den gleichen altrömiſch-byzantiniſchen Formen wie ſeine Vorgänger ſeit dem Jahr 800. Papſt und Römer leiſteten ihm den Treueid, wäh - rend er der römiſchen Kirche ihre Beſitzungen und Rechte beſtätigte.
Die Urkunde, in einem Prachtexemplar mit Goldtinte auf purpurnem Pergament geſchrieben, iſt noch vorhanden und hat den Forſchern viel Mühe gemacht. An ihrer Echtheit wird nicht mehr gezweifelt und iſt nicht zu zweifeln; um ſo größeren Anſtoß gibt der Jnhalt. Er will eine Verbriefung alles deſſen ſein, was der römiſchen Kirche von früheren Kaiſern geſchenkt war, vermehrt um die Gebiete von Rieti bis Aquila und Teramo, die Otto als ſeine eigene Gabe hinzufügt. Aber ein gut Teil deſſen, was als alter und rechtmäßiger Beſitz aufgezählt wird, iſt in Wirklichkeit nur Ziel der jüngſten Eroberungspolitik. Da erſcheinen Gaeta und Neapel, die nie zum Kirchenſtaat gehört hatten, Fondi, das von Johannes X. an Gaeta abgetreten war, und die Herzogtümer Spo - leto und Benevent. Schließlich taucht ſogar die Grenzlinie Spezia - Monſelice wieder auf, längs deren man im Jahre 754 das lango - bardiſche Königreich hatte teilen wollen*)Siehe Bd. 1, S. 394.. Geographiſch an dieſer Stelle196Ottos I. Schenkungohne jeden Sinn, bildet ſie nicht den einzigen Punkt, in dem die Urkunde ſich ſelbſt widerſpricht. Deren Entſtehung läßt ſich nur erklären, wenn man annimmt, daß die päpſtlichen Unterhändler, um ein Höchſtmaß von Anſprüchen auf Land und Leute verbrieft zu erhalten, alles, was an Belegen über frühere Schenkungen vorhanden war, mit Einſchluß der nicht ausgeführten Verſprechungen Pippins und Karls des Großen, vorwieſen, und daß die Umgebung des deutſchen Königs, in der Landes - und Ortskunde Jtaliens wie in der Geſchichte der kaiſerlich-päpſtlichen Beziehungen nicht bewandert, ſich beſtimmen ließ, aus den vorgelegten Stücken die neue Urkunde zuſammenzuſtellen, ohne den Jnhalt zu prüfen und die Widerſprüche und Unrichtigkeiten gewahr zu werden.
Denſelben Eindruck machen die Sätze, in denen das ſtaatsrechtliche Verhältnis des neuen Kaiſers zu Rom und dem Papſt geregelt wird. Auch ſie ſind wörtlich den kaiſerlichen Verordnungen des vergangenen Jahrhunderts, insbeſondere denen Lothars I. und Ludwigs II. entlehnt, laſſen Otto Dinge ſagen, die in ſeinem Munde ſinnlos ſind, und paſſen auf die Verhältniſſe, wie ſie inzwiſchen geworden waren, wie die Fauſt aufs Auge. Daß die Päpſtlichen nach allem, was ſeit 875 geſchehen war, ein ſo kräftiges Wiederaufleben kaiſerlicher Herrſchaft in Rom, wie es hier verbrieft wurde, gewünſcht oder auch nur freiwillig eingeräumt haben ſollten — Vereidigung des neuen Papſtes vor der Weihe, ſtän - dige Aufſicht eines kaiſerlichen Vertreters in Rom — iſt nicht zu glau - ben. Aber man konnte offenbar nicht umhin, die Erneuerung dieſer Be - ſtimmungen zuzulaſſen, fanden ſie ſich doch in denſelben Urkunden, auf die man die territorialen Anſprüche ſtützte.
So iſt das Schriftſtück entſtanden, das in ſpäteren Jahrhunderten als Rechtsgrundlage des päpſtlichen Landesſtaats gegolten hat, zuſam - mengeſchweißt aus alten und neuen, echten und untergeſchobenen, mit - einander unvereinbaren Beſtandteilen, ein Denkmal der hochfliegenden Pläne, die in der Umgebung Johannes 'XII. lebten, und die man für altes Recht ausgab, um ihre Natur zu verſchleiern; eben damit aber zugleich ein Zeugnis dafür, daß es nicht nur Rettung der Kirche vor drohender Unterjochung war, weswegen man die Deutſchen gerufen hatte, mochte dies öffentlich noch ſo laut betont werden, vielmehr ebenſo - ſehr das Beſtreben und die Hoffnung, die eigenen Grenzen auszudehnen; mit einem Worte: nicht nur Verteidigung, auch Angriff.
Jn der Geſchichte des Papſttums bildet die Begründung des deutſch - römiſchen Kaiſertums nicht den tiefen Einſchnitt wie in der deutſchen und abendländiſchen Geſchichte. Man könnte ſogar finden, eigentlich habe ſich damals nicht viel geändert. Auch weiterhin ſind die Geſchicke der höchſten kirchlichen Würde beſtimmt worden durch den feindlichen Gegen - ſatz ſtädtiſcher Adelsgeſchlechter, und wenn dazu nunmehr als entſcheiden - der Faktor die Macht des deutſchen Königs trat, ſo iſt dieſe doch immer nur mit kürzeren oder längeren Unterbrechungen gleichſam ſtoßweiſe geltend gemacht worden. Sie hat auch nicht verhindern können, daß die Kämpfe gelegentlich mit der gleichen Gewaltſamkeit geführt wurden, die in früheren Zeiten die Annalen der römiſchen Kirche mit Blut gefärbt hatte.
Der große Machtzuwachs für den Kirchenſtaat, den Johannes XII. und ſeine Sippe erwartet hatten, trat nicht ein. Der neue Kaiſer hatte verſprochen, die römiſche Kirche im Beſitz alles deſſen, was er ihr be - ſtätigte und ſchenkte, zu ſchützen und ihr nach Kräften dazu zu verhelfen. Das Verſprechen hat er ſo wenig erfüllt wie einſt Karl das ſeine. Es mag Mißtrauen gegen den Papſt und ſeine Umgebung geweſen ſein, was ihn zunächſt zögern ließ, ein Mißtrauen, das ſich nur zu bald als begründet erwies. Otto mag aber auch bei genauerem Einblick in die italiſchen Verhältniſſe erkannt haben, daß er über den Umfang der wahren päpſtlichen Rechte getäuſcht worden war. Am deutſchen Hof hat ſich eine Überlieferung erhalten, auf die Kaiſer Otto III. ſich ſpäter einmal berufen hat, wonach ein gewiſſer Diakon Johannes, in dem man den unterhandelnden Kardinal von 960 erkennt, mit Urkundenfälſchung gearbeitet habe, um die Rechte des Papſtes auf Koſten des Kaiſers zu erweitern. Wie immer es ſich damit verhalten mag, Otto I. hat nichts dazu getan, daß der Jnhalt ſeiner großen Schenkung Wirklichkeit würde. Gelegenheit dazu hätte die Überwindung des Widerſtands im Königreich Jtalien geboten. Während Berengars Söhne den Kampf198Abſetzung Johannes 'XII. in Toskana fortſetzten, hatte ſich der alte König in die uneinnehmbare Burg San Leo bei Montefeltro geworfen. Sie lag in dem Teil des Kirchenſtaats, um deſſen Wiedererlangung es dem Papſt zu tun war. Otto belagerte die Burg, nahm die Umgebung in Beſitz, aber dem Papſt ließ er nirgends huldigen. Vorſtellungen, die dieſer ihm machen ließ, wies er als unangebracht zurück. Von Überweiſung der Landſchaft, die er ſelbſt neu geſchenkt hatte, war vollends nicht die Rede.
Des Kaiſers Verhalten bewirkte, daß in Rom die Stimmung um - ſchlug. Eine Richtung, die wohl ſchon vorher das Bündnis mit den Deutſchen mißbilligt hatte, gewann die Oberhand und zog den jungen Papſt mit ſich. Jm geheimen knüpfte er mit König Adalbert an. Ge - ſandte wurden abgefertigt, die die Griechen zu Hilfe rufen und die Ungarn zum Einfall in Deutſchland veranlaſſen ſollten. Sie wurden abgefangen, und die Briefe, die man bei ihnen fand, lieferten den Be - weis für des Papſtes Verrat. Dieſer ließ nun die Maske fallen, ge - währte Adalbert Aufnahme in die Stadt und richtete ſich zur Ver - teidigung ein. Jn voller Rüſtung ſah man ihn unter den Truppen ſich bewegen, wo er ſich ohne Zweifel beſſer am Platz fühlte als am Altar. Aber als Otto, von Gegnern des Papſtes herbeigerufen, vor Rom er - ſchien, zogen Johannes und Adalbert es vor, die Stadt zu verlaſſen. Adalbert ging zu den Sarazenen nach Korſika, Johannes nahm ſeinen Sitz in Tivoli. Die Römer öffneten dem Kaiſer die Tore, erneuerten den Treueid und gelobten, künftig keinen Papſt zu wählen oder zu weihen ohne die Zuſtimmung des Kaiſers und ſeines Sohnes. Otto konnte nun darangehen, den Gegner unſchädlich zu machen, indem er ihn an ſeiner kirchlichen Würde faßte. Eine Synode, der er perſönlich vor - ſaß, wie es die Kaiſer des Oſtens ſo oft getan hatten, trat zuſammen, über fünfzig Biſchöfe aus dem römiſchen Gebiet und dem italiſchen Königreich, darunter der Patriarch von Aquileja, die Erzbiſchöfe von Mailand und Ravenna, auch vier Deutſche, ferner ſiebzehn Kardinäle, die Beamten der Kurie, zwölf Herren vom Adel und ein Vertreter des römiſchen Volkes. Die Anklage gegen Johannes XII. zählte eine Menge Verfehlungen gegen Amtspflicht und Sitte auf: Ehebruch, Blutſchande, ungeiſtliches Gebaren, Verhöhnung der Sakramente, Ämterhandel und heidniſche Reden. Ob alles der Wahrheit entſprach, laſſen wir dahingeſtellt, wiewohl die ganze Verſammlung aus einem Munde auf des Kaiſers Frage die Wahrheit der Anſchuldigungen bei199Abſetzung Johannes 'XII. Gefahr der Seligkeit bezeugte. Man lud Johannes vor, er antwortete nur mit kurzer Androhung des Ausſchluſſes aus der Gemeinſchaft, falls man einen andern Papſt wähle. Eine zweite Ladung traf ihn nicht an, er war auf die Jagd geritten. Nun trat der Kaiſer ſelbſt als Ankläger auf: Johannes habe durch Aufnahme Adalberts ſeinen Eid gebrochen. Darauf wurde einſtimmig ſeine Abſetzung ausgeſprochen und an ſeiner Stelle der Kanzleivorſtand Leo mit Zuſtimmung des Kaiſers zum Papſt erhoben. Er war noch Laie und mußte ſich in drei Tagen ſämtliche Weihen geben laſſen. Am 6. Dezember 963 empfing er die Biſchofs - weihe, der erſte Papſt, bei deſſen Erhebung ein deutſcher Kaiſer mit - gewirkt hatte.
Das eingeſchlagene Verfahren war ohne Vorgang. Auf die übliche dreimalige Ladung hatte man verzichtet, und an den Grundſatz, der bei den Prozeſſen Leos III. und Paſchalis 'I. zur Richtſchnur gedient hatte, daß der höchſte Biſchof von niemand gerichtet werde, hatte man ſich nicht erinnert. Bald zeigte ſich, daß durch die Beſchlüſſe der römiſchen Synode nichts entſchieden war. Einen Aufſtand in der Stadt konnte der Kaiſer wohl in blutigem Straßenkampf niederſchlagen, aber als er abgezogen war, um Adalbert, der im Spoletiniſchen ſich feſtgeſetzt hatte, zu bekämpfen — Berengar hatte ſich inzwiſchen ergeben und war nach Deutſchland abgeführt worden, um ſein Leben als Staatsgefangener in Bamberg zu beſchließen — da ſchlug in Rom der Wind um. Leo VII. wurde verjagt und flüchtete zum Kaiſer, während Johannes XII. zu - rückkehren und ſeine Rache an denen nehmen konnte, die ihn auf dieſen Weg geführt hatten. Die beiden Geiſtlichen, die als ſeine Geſandten den Vertrag mit Otto geſchloſſen hatten, ließ er verſtümmeln, Azzo verlor die rechte Hand, dem Kardinal Johannes wurden Naſe, Zunge und zwei Finger abgeſchnitten. Wieder trat eine Synode zuſammen: ſechzehn Biſchöfe aus der Nachbarſchaft und zwölf Kardinäle, zum größten Teil dieſelben wie das vorige Mal, erklärten die Synode des Kaiſers für nichtig und Leo VII. als unbefugten und eidbrüchigen Ein - dringling der geiſtlichen Weihen verluſtig. Johannes XII. gab ſich noch der Hoffnung hin, mit Otto zu einem Abkommen zu gelangen. Er er - öffnete Verhandlungen. Aber ſchon nach wenigen Wochen fand er bei einem Liebesabenteuer einen plötzlichen Tod (14. Mai 964). Seine An - hänger fühlten ſich ſtark genug, ihm einen Nachfolger zu geben. Bene - dikt VI., für den ſie die Genehmigung des Kaiſers erbaten, ein durch200Natur des deutſchen KaiſertumsFrömmigkeit und Gelehrſamkeit ausgezeichneter Geiſtlicher, wäre ſeines Amtes ſicher würdig geweſen, Otto aber konnte und wollte ſeinen Papſt nicht fallen laſſen, den die in Rom herrſchend gewordene Partei ablehnte. So mußten die Waffen entſcheiden. Der Belagerung, bei der die Stadt von allen Seiten eingeſchloſſen wurde, hielt die Bevölkerung nicht ſtand, obgleich ihr Papſt ſie durch perſönliche Teilnahme an der Verteidigung ermutigte. Am 23. Juni öffneten ſich die Tore, Benedikt unterwarf ſich, bat um Gnade, wurde zum Diakon degradiert und nach Hamburg verbannt, wo er ein vorbildliches Leben geführt haben ſoll. Es heißt, er ſei geſtorben, als man eben daran dachte, ihn auf den er - ledigten päpſtlichen Thron zurückzuberufen. Leo VIII., in ſeine Würde wieder eingeſetzt, behauptete ſich auch nach dem Abzug der Deutſchen unangefochten bis zu ſeinem Tode.
Die Ereigniſſe von 962 bis 964 haben die Stellung des neuen Kaiſer - tums zu Rom grundſätzlich beſtimmt. Die Regierung hat Otto I. völlig dem Papſt überlaſſen, nicht einmal einen ſtändigen Vertreter beſtellt, der die Aufſicht geübt hätte wie unter den fränkiſchen Kaiſern zwiſchen 824 und 875, wozu er nach dem Wortlaut der Urkunde vom 13. Februar 962 berechtigt geweſen wäre. Um ſo nachdrücklicher beſtand er darauf, bei der Erhebung des Papſtes entſcheidend mitzuwirken. Einfluß auf ſie hatten ſchon die byzantiniſchen Kaiſer ſeit Juſtinian ſich gewahrt, indem ſie ſich die Beſtätigung des Gewählten vor der Weihe vorbehielten. Jn etwas anderer Form war das gleiche im neunten Jahrhundert für längere Zeit wieder in Kraft getreten. Es bedeutete ohne Zweifel ein ſtärkeres Anziehen der Zügel, daß Otto ſchon bei der Wahl des Papſtes die Entſcheidung für ſich verlangte, und daß die Römer ihm dieſes Recht zugeſtanden. Es mag auf beiden Seiten als notwendig empfunden wor - den ſein, beim Kaiſer um ſo mehr, je größere Selbſtändigkeit er dem einmal eingeſetzten Papſt einräumte, während im römiſchen Adel die Einſicht nicht gefehlt haben wird, daß bei der Schärfe der beſtehenden Gegenſätze nur ein Papſt ſich halten könne, der auf den Kaiſer zählen durfte, und daß es darum beſſer ſei, ſich ſchon vor der Wahl dieſes Rückhalts zu verſichern. Dies iſt ſozuſagen das ſtaatsrechtliche Syſtem, das Otto I. begründet hat. Geſtützt auf die Beherrſchung des lango - bardiſch-italiſchen Königreichs übt der Kaiſer eine Oberhoheit über Rom und den Kirchenſtaat, deſſen jeweiliger Regent, der Papſt, ihm ſeine201Natur des deutſchen KaiſertumsErhebung verdankt, im übrigen jedoch unbehelligt in Stadt und Land regieren darf.
Daß eine loſe Oberhoheit dieſer Art nur zu leicht Erſchütterungen ausgeſetzt war, liegt auf der Hand. Sie haben ſich des öfteren wieder - holt, und man kann ſich denken, daß Römerſtolz, der ſich gegen die Herr - ſchaft des „ barbariſchen “Königs ſträubte, dabei nicht unbeteiligt ge - weſen iſt. Jndeſſen die eigentliche Triebfeder der Kämpfe, die in den folgenden Jahrzehnten immer wieder um den Stuhl Petri tobten, iſt dies nicht geweſen. Wir verfallen in den Fehler, der Vergangenheit Gefühle und Gedanken unſerer Zeit anzudichten, wenn wir uns das deutſche Kaiſertum als widerwillig geduldete Fremdherrſchaft in ſtetem Kampf mit römiſchem Nationalgefühl vorſtellen*)So hat es Gregorovius mit der bei ihm üblichen Rhetorik geſchildert. Man kann vor ſeiner Darſtellung nur nachdrücklich warnen; ſie entſpricht nicht den Tatſachen.. Der Mönch am Fuße des Soratte, der wenig ſpäter ſeine Chronik mit einem Weheruf auf Rom, das ſo oft von Feinden, Galliern, Goten, und jetzt gar von den Sachſen unterworfene und ausgeplünderte abbrach, hat ſchwerlich den Sinn derer getroffen, die in der Stadt befahlen. Römiſche Adels - geſchlechter haben kein Arg gehabt, ihren eigenen Vorteil zu ſuchen, indem ſie einem fremden Kaiſer huldigten, und wenn ſie ſich gegen ihn erhoben, ſo geſchah es nicht, weil er ein Fremder war, ſondern weil er ihre einheimiſchen Gegner begünſtigte. Nichts iſt verkehrter, als von einem deutſchen Joch zu reden, gegen das das Volk von Rom ſeine Freiheit in immer erneuten Aufſtänden zu verteidigen geſucht hätte. Ein deutſches Joch drückte nicht auf Rom, römiſche Geſchlechter waren es, die das Regiment ausübten und einander nach alter Gewohnheit ſtreitig machten, und wenn dabei etwa auch das Schlagwort von der Fremdherrſchaft erklungen ſein ſollte, ſo hat es doch nur die wahren Beweggründe und Leidenſchaften verhüllt. Denn jede Partei iſt bereit geweſen, dem fremden Herrn zu dienen, ſobald der Dienſt ſich belohnte.
Das hatte ſich ſchon in den erſten Anfängen gezeigt. Johannes XII. hätte ſich Otto unterworfen, wenn dieſer bereit geweſen wäre, ihn wieder einzuſetzen. Nach ſeinem Tode ſträubte ſeine Partei ſich nicht gegen das Kaiſertum Ottos, das niemand anfocht, ſondern gegen die Perſon ſeines Papſtes. Dasſelbe Bild zeigte ſich, als Leo VIII. (965) geſtorben war. Eine römiſche Geſandtſchaft ſuchte Otto in Deutſchland auf, deutſche Geſandte gingen nach Rom, um die Wahl zu leiten. Sie fiel auf den202Johannes XIII. Biſchof Johannes von Narni, einen Sohn, wie es ſcheint, von Theo - phylakts jüngerer Tochter Theodora, der Schweſter der Marozia, alſo einen leiblichen Vetter Alberichs. Johannes XIII. nutzte ſeine Macht rückſichtslos zum Vorteil ſeiner Verwandten aus. Das führte bald zu einem Rückſchlag. Als im italiſchen Königreich ein Aufſtand ſich erhob, Adalbert dort wieder auftrat und bisherige Anhänger Ottos zu ihm übergingen, wurde auch der Papſt geſtürzt und von Gegnern gefangen - genommen (Dezember 965). Aber ſeine Verwandten befreiten ihn, er konnte nach Capua entkommen und mit Hilfe des dortigen Fürſten nach Rom zurückkehren (November 966). Als Otto nach Niederwerfung des Aufſtands im Königreich zu Weihnachten 966 vor Rom erſchien, fand er die Tore offen und den Papſt ſchon wieder auf ſeinem Thron. Die Führer der Gegenpartei, ſoweit ſie noch lebten, wurden ihm ausgeliefert. Er ſchickte die Vornehmen unter ihnen in die Verbannung nach Deutſch - land und ließ die Gebeine der im Kampf Erſchlagenen ausgraben und zerſtreuen. Aber auch das Volk, Kaufleute und Handwerker, waren be - teiligt geweſen, und gegen ihre Führer war die Strafe härter: die zwölf Zunftmeiſter der Stadt wurden gehängt. Damit war jeder Wider - ſtand gebrochen, die Herrſchaft der jüngeren Linie von Theophylakts Nachkommen geſichert in engſter Verbindung mit dem deutſchen Kaiſer. Jm Einvernehmen mit dem Papſt ordnete wiederum der Kaiſer die Verhältniſſe Jtaliens.
Das erſte war die Wiederherſtellung des Kirchenſtaats. Otto vollzog ſie im April 967, indem er dem Papſt Ravenna und andere ihm ent - riſſene Gebiete zurückgab. Welche Grenzen dabei feſtgeſetzt wurden, wiſſen wir nicht; doch kann es ſich um mehr, als was die römiſche Kirche früher beſeſſen hatte, keinesfalls gehandelt haben. Von den großen Zu - gaben, die Ottos Schenkung genannt hatte, von Spoleto, Benevent und den Abruzzenſtädten, vollends Neapel und Gaeta, war nicht mehr die Rede. Dem Papſt genügte auch dies, dankbar nannte er Otto als dritten nach Konſtantin unter den Kaiſern, die die römiſche Kirche erhöht hätten. Dies geſchah in einer Urkunde, mit der er dem Kaiſer einen wichtigen Dienſt leiſtete. Ottos Wunſch, ſeine Stiftung Magdeburg zum Erz - bistum erhoben zu ſehen, fand ſeine Erfüllung. Johannes ſorgte auch weiter dafür, des Kaiſers Reichsgründung in Jtalien für die Dauer zu ſichern. Sie war von Anfang an auf Fortbeſtand über Ottos Lebenszeit hinaus berechnet geweſen, darum war in dem Eid, der die Römer zur203Johannes XIII. Die CrescentierEinholung kaiſerlicher Zuſtimmung bei der Papſtwahl verpflichtete, neben Otto auch ſein Sohn genannt. Jetzt wurde der junge deutſche König Otto II. nach römiſchem Staatsrecht am Weihnachtstag 967 in Sankt Peter zu Rom zum Mitkaiſer ausgerufen und gekrönt und damit die Nachfolge für ein Menſchenalter geſichert.
Von den Feldzügen und Verhandlungen, durch die in den folgenden Jahren das Verhältnis zu Unteritalien geordnet wurde, brauchen wir nicht zu reden. Das Ergebnis war eine Teilung des Landes zwiſchen den Herrſchern von Rom und Konſtantinopel, dergeſtalt, daß Capua und Benevent dem deutſchen Kaiſer als König von Jtalien unterworfen wurden, während Apulien, Kalabrien und die Oberhoheit über Saler - no, Neapel und Gaeta dem Griechen verblieben. Den Frieden beſiegelte die Vermählung Ottos II. mit der griechiſchen Prinzeſſin Theophano, die im April 972 in Rom gefeiert wurde. Der Papſt iſt bei all dem nicht hervorgetreten, außer daß er bei des Kaiſers Verhandlungen in Kon - ſtantinopel ſein Fürwort herlieh. Aber ohne ſeine ſtille Unterſtützung oder gar gegen ſeinen offenen oder heimlichen Widerſtand wäre ſchwer - lich viel zu erreichen geweſen. Dafür hatte Otto ihm freie Hand gelaſſen, Macht und Beſitz ſeiner Sippe im Kirchenſtaat zu mehren, ſo daß ſie als eines der ſtärkſten Geſchlechter des Adels galt. Und doch war ſie es, die ſchon bald die Führung im Kampf gegen den deutſchen Kaiſer übernahm.
Am 6. September 972 ſtarb Johannes XIII., am 19. Januar 973 wurde Benedikt VI. geweiht. Der lange Zeitabſtand zeigt, daß auch diesmal die Zuſtimmung des nach Deutſchland zurückgekehrten Kaiſers eingeholt worden iſt. Warum Benedikt VI. der bisher herrſchenden Partei nicht genehm war, wiſſen wir nicht. Unter der Führung des Crescentius, den man für den Bruder des verſtorbenen Papſtes zu halten hat, erhob ſie ſich, Benedikt wurde geſtürzt, eingekerkert und an ſeiner Stelle ein gewiſſer Franco geweiht, der ſich Bonifatius VII. nannte. Nachrichten aus Deutſchland, wo Otto II. mit ernſten Schwierigkeiten kämpfte, mögen zu dieſem Vorgehen ermutigt haben. Als ein Geſandter des Kaiſers mit Truppen — wohl italiſchen — vor Rom erſchien und die Befreiung Benedikts verlangte, wurde dieſer im Gefängnis er - droſſelt und die Stadt in Verteidigungszuſtand geſetzt. Aber die Be - lagerung hielt ſie nicht aus. Franco-Bonifatius packte den Kirchenſchatz zuſammen und flüchtete nach Konſtantinopel, Crescentius iſt zehn Jahre204Die Crescentierſpäter als Mönch in einem römiſchen Kloſter geſtorben, und ſeine Grab - ſchrift deutet an, daß er für ſeine Fehler gebüßt und ſie bereut habe. Es ſcheint, daß er ſich zurückgezogen hat und geſchont worden iſt. Seine Familie behauptete jedoch ihre Stellung, denn der nächſte Papſt, Bene - dikt VII., mit kaiſerlicher Genehmigung geweiht, gehörte ihr an. Er hat neun Jahre regiert, ohne daß von ihm etwas gemeldet würde. Als er im Juli 983 ſtarb, weilte Kaiſer Otto II. in Jtalien, nach ſeinem unglück - lichen Feldzug gegen die Araber mit den Vorbereitungen zu einem zweiten beſchäftigt. Er konnte die Erhebung ſeines Kanzlers, des Biſchofs Johannes von Pavia, bewirken. Aber wenig ſpäter ſtarb er ſelbſt, von kurzer Krankheit weggerafft (7. Dezember 983), ſeinen Papſt ohne Schutz und Rückhalt im fremden Rom zurücklaſſend. Es dauerte denn auch kaum drei Vierteljahre, ſo wurde Johannes XIV. geſtürzt. Boni - fatius-Franco war aus Konſtantinopel zurückgekehrt, gerufen von einem Sohn des Crescentius gleichen Namens und von ihm auf den Thron erhoben. Johannes XIV. wurde gefangengenommen und nach vier - monatiger Kerkerqual umgebracht. Aber nicht lang erfreute ſich Boni - fatius VII. ſeiner Würde. Schon nach elf Monaten verſchied er plötz - lich. Sein Tod erinnert an den Johannes 'VIII. Ob man ihn er - mordet hat, iſt nicht klar, aber ſeinen eigenen Leuten war er ſo verhaßt geweſen, daß ſie ſeinen Leichnam durchſtachen, ihn nackt an den Füßen ins Freie ſchleiften und über Nacht dort liegen ließen. Andern Morgens fanden ihn vorübergehende Geiſtliche und beſtatteten ihn (Juli 985).
Einen Kaiſer gab es ſeit dem Tode Ottos II. nicht mehr. Der drei - jährige Otto III. wurde zwar im Königreich Jtalien und nach einigen Kämpfen auch in Deutſchland als König anerkannt, das römiſche Kaiſertum jedoch, das keine erbliche Würde war, beſaß er nicht. Rom war wieder unabhängig, und die Crescentier regierten. Mit ihrem Grundbeſitz und ihren Burgen beherrſchten ſie ſelbſt die Umgebung der Stadt im Oſten und Norden, die Sabina und das römiſche Toskana, während ihre nächſten Verwandten, Nachkommen einer Tochter Albe - richs, im Süden, in der Campagna, von Tuskulum aus ihre Macht ausübten. Dieſe wie jene nannten ſich comites, Grafen, denn ſchon waren mit den Formen und Begriffen des Lehnrechts auch die entſprechenden fränkiſchen Bezeichnungen aus dem italiſchen Königreich ins römiſche Gebiet eingedrungen. Einſtweilen hatte der Zweig der Crescentier die Führung des Geſamthauſes, und ihr Haupt, der vorhin erwähnte205Die Crescentierjüngere Crescentius, ſtand an der Spitze des Adels und der Gemeinde, hieß Konſul und Dux wie ſein Ahnherr Theophylakt, und nannte ſich ſogar Patritius wie Alberich, ob auf Grund kaiſerlicher Verleihung oder aus eigener Machtvollkommenheit, iſt nicht zu erkennen. Das Kaiſertum grundſätzlich zu leugnen, war dabei ſo wenig die Abſicht, daß man einmal im Winter 989 auf 990, wir wiſſen nicht aus welchem An - laß, die Witwe Ottos II., Theophano, als regierende Kaiſerin in Rom aufnahm und walten ließ. Ein deutſcher Annaliſt bemerkt dazu, ſie habe „ das geſamte Land ihrem Sohn unterworfen “, was höchſtens ſo viel bedeuten kann, daß dem Knaben die Anwartſchaft auf das Kaiſertum zuerkannt wurde. Den herrſchenden Gewalten fügte ſich der Papſt, der nach dem Tode Bonifatius 'VII. erhoben wurde, Johannes XV. Er war der Sohn eines Prieſters, als Gelehrter und Schriftſteller ange - ſehen, aber kein Freund der Geiſtlichen, und begünſtigte ſeine Ver - wandten auf jede Art. Wenn er nicht durch Abſtammung ſelbſt zu den Crescentiern gehörte, ſo war er doch ihr Geſchöpf und verſchwägerte ſein Haus mit dem ihren. Wegen Habgier und Käuflichkeit war ſeine Regierung weithin verrufen. Daß ſie nicht ſelbſtändig war, wußte man: der Patritius befahl auch in kirchlichen Dingen, und wer etwas erreichen wollte, mußte ſeine Gunſt erkaufen.
Da geſchah es, daß Papſt und Patritius Feinde wurden. Die Ur - ſache iſt ebenſo unbekannt wie der Hergang. Wir erfahren nur, daß Johannes XV. zeitweilig gefangen war, daß es ihm aber gelang, frei zu werden, Rom zu verlaſſen und im Norden der Stadt, im römiſchen Toskana, Aufenthalt zu nehmen. Vielleicht hat es ſich um eine Spal - tung im regierenden Hauſe gehandelt, bei der die Anhänger des Papſtes dem offenen Kampf auswichen, da ſie wußten, daß Hilfe für ſie ſchon unterwegs war. Denn um dieſelbe Zeit war König Otto III., ſoeben mit fünfzehn Jahren für mündig erklärt, von Jtalienern und Römern zu - gleich eingeladen worden, ſein italiſches Königreich in Beſitz zu nehmen und in Rom die Kaiſerkrone zu empfangen. Jn Rom müſſen damals Parteikämpfe geſpielt haben, von denen wir nichts wiſſen; ihr Ergebnis war, daß Geſandte des Papſtes Otto III. die Einladung überbrachten und eine zuſtimmende Antwort erhielten. Jm Frühjahr 996 machte der König ſich auf, zu Oſtern war er in Pavia. Jn Ravenna empfing er Geſandte der Römer, die ihm meldeten, Johannes XV. ſei geſtorben. Er hatte nach Rom zurückkehren dürfen, es wird alſo beim Herannahen206Otto III. in Romdes künftigen Kaiſers eine Verſöhnung der Parteien ſtattgefunden haben. Nun wurde Otto gebeten, den neuen Papſt zu beſtimmen. Er entſchied ſich für ſeinen Vetter Brun, den jungen Sohn eines Herzogs von Kärnten und Urenkel Ottos I. Es war das erſte Mal, daß der römiſchen Kirche ein Deutſcher vorgeſetzt wurde, ein völlig Fremder, der Land und Leute, die er regieren ſollte, ſo wenig kannte wie ſie ihn. Wie ſtark muß der Eindruck der deutſchen Überlegenheit geweſen ſein, daß ein Herrſcher, der noch nicht einmal Kaiſer war, den Römern ſo etwas zumuten konnte! Sie erhoben keinen Widerſpruch, auch Crescentius fügte ſich, und durch die Erzbiſchöfe von Mainz und Köln nach Rom geleitet wurde Brun in einſtimmiger Wahl von Geiſtlichkeit und Volk zum Papſt erhoben. Er nannte ſich Gregor V.; durch die Erinnerung an den bekannteſten unter ſeinen Vorgängern hoffte er wohl die Herzen der Römer zu ge - winnen. Bald folgte der König ſelbſt und empfing am Himmelfahrtstag (21. Mai) Huldigung und Krönung als Kaiſer.
Die Einſetzung eines Fremden, der in der Stadt keine Partei und hinter ſich nichts weiter hatte als die Macht des Kaiſers, war ein Ver - ſuch, über den Parteien zu regieren. Der Verſuch erwies ſich ſogleich als verfehlt. Otto hatte den Mißgriff begangen, den bisherigen Stadt - herrn wegen ſeiner Gegnerſchaft gegen den verſtorbenen Papſt zwar zur Verbannung verurteilen zu laſſen, aber zu begnadigen. Damit hatte er ihn nicht gewonnen. Kaum hatte der Kaiſer Jtalien verlaſſen, ſo benutzte Crescentius die Abweſenheit Gregors, der in Pavia eine Synode abhielt, um einen Gegenpapſt zu erheben. Er hieß Philagathos und war ein Grieche aus Kalabrien. Durch die Gunſt Theophanos am Hofe Ottos II. emporgekommen, mit dem Bistum Piacenza ausgeſtattet und mit dem erzbiſchöflichen Titel ausgezeichnet, war er von Otto III. vor zwei Jahren nach Konſtantinopel geſandt worden, um für ſeinen Herrn die Hand einer griechiſchen Kaiſertochter zu erbitten. Auf der Rückreiſe be - fand er ſich in Begleitung eines griechiſchen Geſandten gerade in Rom, als Crescentius zum Sturze Gregors ſchritt, und der Ehrgeiz verleitete ihn, die angebotene Rolle zu übernehmen. Er nannte ſich Johannes XVI. und wird geglaubt haben, dank ſeinen alten Beziehungen zum deutſchen Hof ſich behaupten zu können. Die Rechnung erwies ſich als falſch. Nichts nutzte es dem Griechen, der nirgends Anerkennung fand, daß er ſich Otto unterwürfig näherte. Otto eilte, ſobald die deut - ſchen Angelegenheiten ihn freiließen, über die Alpen, um zum Rechten207Silveſter II. zu ſehen. Bei ſeinem Herannahen flüchtete Philagathos aus Rom und verbarg ſich in einer Burg, wurde aber von ſeinen Feinden entdeckt und ſofort aufs gräßlichſte verſtümmelt. Man ſchnitt ihm Naſe und Zunge ab und ſtach ihm die Augen aus, damit nicht etwa der Kaiſer ihn ſtraflos ausgehen laſſe. Otto erſchien zu Oſtern 998 in Rom, von der Stadt ohne Widerſtand aufgenommen, und eröffnete die Belagerung der Engels - burg, in die ſich Crescentius zurückgezogen hatte. Sie wurde geſtürmt, Crescentius enthauptet, ſein Leichnam von der Zinne herabgeſtürzt und mit zwölf Genoſſen am Galgen aufgehängt. Den unglücklichen Gegen - papſt verurteilte eine Synode zur Abſetzung. Jn ſchimpflichem Aufzug, rückwärts auf einem Eſel ſitzend, ein Euter auf dem Kopf, wurde der Blinde durch die Straßen geführt. Jn Kloſterhaft hat er noch einige Jahre gelebt. Gregor V. konnte ſeinen Platz wieder einnehmen, freilich nur, um ſchon zu Anfang des nächſten Jahres (Februar 999) zu ſterben.
Wieder beherrſchte der junge Kaiſer die Lage ſo völlig, daß er den Römern die Wahl eines Fremden vorſchreiben konnte, die ſie ohne Weigerung vollzogen. Und wiederum war es ein Vertrauensmann des Kaiſers, den ſie zu wählen hatten; diesmal kein Deutſcher, ſondern ein Franzoſe, Gerbert, die wiſſenſchaftliche Leuchte der franzöſiſchen Geiſt - lichkeit, berühmt in Deutſchland und Jtalien, unbeſtritten der größte Ge - lehrte ſeiner Zeit. Erzogen im Kloſter Aurillac, dann Domſchulmeiſter in Reims, wo ihm die Schüler von überall zuſtrömten, war er dem ſächſiſchen Herrſcherhaus von früherher verbunden und mit Otto III. ſeit kurzem in einem brieflichen und perſönlichen Verkehr, der die Züge hochgeſtimmter Geiſtesgemeinſchaft und perſönlicher Freundſchaft trägt. Gerbert hatte von Otto II. die Abtei Bobbio im Genueſiſchen erhalten, ſie aber wegen des Widerſtands einheimiſcher Kreiſe aufgegeben. Zum Erzbiſchof von Reims erhoben, hatte er ſich dort, vom König, ſeinem undankbaren einſtigen Schüler, im Stich gelaſſen, ebenſowenig wie in Bobbio behaupten können. Nach einem lebhaften Kampf, von dem wir in anderem Zuſammenhang zu reden haben werden, hatte er ſich in den Schutz Ottos III. geflüchtet, der ihn mit dem Erzbistum Ravenna entſchädigte. Nun war er Papſt und nannte ſich Silveſter II. Eine der merkwürdigſten Geſtalten in Jahrhunderten: Gelehrter von wunder - barer Vielſeitigkeit, Philoſoph, Mathematiker, Aſtronom und Schön - geiſt, Kenner der alten Schriftſteller und Schöpfer der muſikaliſchen Theorie, iſt er den Zeitgenoſſen mit ſeinem erſtaunlichen Wiſſen un -208Silveſter II. heimlich erſchienen, ſo daß ſie ihn für einen Hexenmeiſter hielten und fabelten, er habe dem Teufel ſeine Seele verkauft, um von ihm alle Geheimniſſe des Seins zu erlernen — das geſchichtliche Urbild des Doktor Fauſt. Aber ſo viel der Mann in der Geſchichte der Wiſſen - ſchaft bedeutet, ſo wenig bedeutet er als Papſt. Jſt er dort ein wahres Wunder durch die Selbſtändigkeit ſeines Geiſtes, ſo hat er auf dem Stuhl Petri nur im Schutze, um nicht zu ſagen im Schatten ſeines kaiſerlichen Herrn ſeine Rolle ſpielen können, wirkſam allein durch den Einfluß, den er auf den Geiſt des Kaiſers ausübte.
Man hat in ihm den Mann ſehen wollen, der ſeine eigenen Gedanken Otto eingeflößt und durch ihn zur Ausführung gebracht habe, gleichſam den Einſager der kaiſerlichen Politik. Damit aber behauptet man mehr, als ſich beweiſen läßt, vielleicht mehr, als wahrſcheinlich iſt. Denn bei aller Eindrucksfähigkeit hat der junge Kaiſer ſtets ein großes Maß von Eigenwillen und Selbſtgefühl gezeigt. Wir verzichten beſſer darauf, die Art ſeines Verhältniſſes zu dem Papſt, den er öffentlich ſeinen Lehrer nannte, zu beſtimmen. Nie wird ſich feſtſtellen laſſen, ob die Grundſätze, nach denen Otto III. in ſeinen ſpäteren Jahren zu regieren unternahm, ihm von Gerbert-Silveſter eingegeben waren, ob der große Gelehrte mit ſeinen Briefen und Reden eine ſchon keimende Pflanze zur vollen Entfaltung gebracht, oder ob ſeine Worte in geſchmeidiger Anpaſſung an die Wünſche des Herrn nur den verſtärkten Widerhall kaiſerlicher Lieblingsgedanken hören ließen. Die Frage iſt nicht zu beantworten, ob Otto der gelehrige Schüler des geiſtvollen Franzoſen war, oder ob dieſer nur mit kluger Berechnung auf den hochfliegenden Ehrgeiz ſeines jungen Freundes einging, als unter den vereinten Bemühungen beider das römiſch-deutſche Kaiſertum eine neue, auch für das Papſttum be - deutſame Geſtalt anzunehmen begann.
Wir wiſſen, wie Otto I., ſolange er lebte, auf unmittelbare Re - gierung in Rom verzichtet hatte. Worauf es ihm ankam, war nicht Rom, nicht Kaiſertum, ſondern die Herrſchaft im Königreich Jtalien. Jn Rom genügte es ihm, wenn ſeine Oberhoheit anerkannt wurde, ſo daß er von dieſer Seite vor Angriffen auf ſein italiſches Königtum ſicher war. Durch beſtimmenden Einfluß auf die Papſtwahl war dieſer Zweck erreicht, die eigentliche Regierung in Stadt und Land konnte den herrſchenden Adelsfamilien und ihrem Anhang, aus denen der Papſt hervorging, überlaſſen bleiben. Nicht anders hatte Otto II. ſein Kaiſer -209Ottos III. Kaiſertumtum aufgefaßt. Daß er kurz vor dem Tode ſeinen Kanzler zum Papſt wählen ließ, war ſchwerlich ſchon als bewußtes Abweichen von den Grundſätzen des Vaters gedacht. Weiter ging Otto III., als er in Gregor V. einen Deutſchen auf den Stuhl Petri ſetzte. Daß ein ſolcher ſich nur halten konnte, wenn der Kaiſer ſtärker als bisher ſeine Macht fühlen ließ, war eigentlich vorauszuſehen und wurde durch die Ereigniſſe bald genug beſtätigt. Es war darum in gewiſſem Sinne nur folgerichtige Fortſetzung des Begonnenen, wenn man ſeit der Erhebung Silveſters den Kaiſer neue Bahnen einſchlagen ſah. Daß er für ein ganzes Jahr (998 / 999) ſein Hauptquartier in Rom nahm, war un - gewohnt und durch kein erkennbares örtliches Bedürfnis veranlaßt. Dann entführte ihn eine Rundreiſe durch Deutſchland für elf Monate der Hauptſtadt, aber ſchon im November 1000 war er wieder da, auch jetzt ohne daß irgend etwas ſeine Anweſenheit gefordert hätte. Jmmer deutlicher trat hervor, was er im Schilde führte, wenn er in ſeinen Erlaſſen von Erneuerung des römiſchen Reiches ſprach. Es waren äußere Züge, aber ſie waren bedeutungsvoll: die alte ſchlichte Formel „ von Gottes Gnaden Kaiſer der Römer “genügte ihm nicht, er ſuchte und taſtete nach neuen Wendungen, nannte ſich einmal „ Kaiſer des römiſchen Erdkreiſes “, ein andermal, den Brauch altrömiſcher Jmpera - toren nachahmend, Romanus, Saxonicus, Jtalicus. Damit ſprach er aus, daß er als Kaiſer nicht mehr nur, wie ſeine Vorfahren, in den römiſch gebliebenen Teilen Jtaliens, in Rom und dem Kirchenſtaat, regieren wollte, ſondern ebenſo in Deutſchland und im italiſchen Königreich. Jn dieſer Vorſtellung hatte Gerbert ihn beſtärkt, als er ihm einmal ſchrieb: „ Unſer, unſer iſt das römiſche Reich! Seine Kraft geben ihm das frucht - bringende Jtalien, das an Kriegern reiche Gallien und Germanien, und auch die mächtigen Gebiete der Skythen fehlen uns nicht. “ Das auf - erſtandene Römerreich im Abendland ſollte die Lande des Weſtens be - herrſchen in der Perſon des römiſchen Kaiſers. So hat Otto III. ſich malen laſſen, auf dem Throne ſitzend, vor dem die Völker ihre Gaben darbringen. Römer, Jtaliener, Deutſche und Slawen, alles, was ihm gehorchte, faßte er als ein einziges Reich, das er als Kaiſer regierte. Der Gedanke war nicht ſchlechthin neu: wir wiſſen, daß das abendländiſche Einheitsreich ſchon unter Ludwig I. einmal ernſthaft erſtrebt worden, dann völlig geſcheitert und aufgegeben war. Hier lebte es wieder auf, und jetzt auch, ſeinem Namen entſprechend, mit dem Schwerpunkt in Rom.
Haller, Das Papſttum II1 14210Ottos III. KaiſertumEs war weder freie Neuſchöpfung noch künſtliche Wiederbelebung begrabener Vergangenheit, auch nicht ein Verſuch, romantiſchen Phan - taſien feſte Geſtalt zu geben. Noch war ja das römiſche Reich nicht unter - gegangen, noch beſtand es als lebendige Wirklichkeit, nannte ſich römiſch und war es dem Rechte nach. Wer erfahren wollte, wie es ausſehe, brauchte nur nach Oſten zu blicken, wo römiſche Kaiſer ſeit bald ſieben - hundert Jahren in ununterbrochener Folge den römiſchen Reichsgedan - ken vertraten mit dem Anſpruch, die Welt zu regieren. Jm Weſten war es verfallen, hier bedurfte es der Erneuerung, hier wollte Otto es wiederherſtellen. Er am wenigſten brauchte das Vorbild der äußeren Geſtalt in der Ferne zu ſuchen. Jhm, dem Sohne der Griechin Theo - phano, dem halb griechiſch Erzogenen, mußte es doppelt naheliegen, ſich an die Formen zu halten, die in Konſtantinopel gepflegt wurden. Darum richtete er ſich einen Hofhalt ein nach dem Muſter des kaiſerlich griechiſchen. Ämter, die es bisher nur dort gegeben hatte, erſchienen in Ottos Umgebung, zum Teil ſogar mit ihren griechiſchen Namen; man ſprach vom Protoſpathar, nannte den Kanzler den Logotheten, ein Flottenpräfekt tauchte auf, vorläufig ohne Flotte, und der Titel Patri - tius wurde verliehen. Auch die griechiſche Etikette wurde übernommen, zum Befremden der Abendländer ſah man den Kaiſer allein auf er - höhtem Platz an halbrunder Tafel ſpeiſen.
Mit der Wiederherſtellung des Reiches ſollte eine Erneuerung der Kirche Hand in Hand gehen, das Reich in kirchlicher Verklärung neu erſtehen. Es entſprach der leidenſchaftlichen Erregbarkeit des Zwanzig - jährigen, wenn dieſe Seite beſonders hervorgekehrt wurde. Wie ſeine religiöſe Jnbrunſt im Faſten, Beten, Wallfahren und hingegebenem Verkehr mit frommen Einſiedlern ſich nicht genug tun konnte, ſo wollte er dieſe ſeine Geſinnung auch als Regent zur Schau geſtellt wiſſen. Darum fügte er ſeinem Herrſchertitel neue Bezeichnungen bei, zuerſt „ Knecht Jeſu Chriſti “, dann wurde „ Knecht der Apoſtel “ein ſtehendes Beiwort. Das wiederhergeſtellte Römerreich ſollte vor allem chriſtlich ſein und im Dienſt Chriſti und der Apoſtel ſeinen Beruf finden. Auch das war im Weſen nichts Neues, ſchon die Regierung Karls des Großen iſt ohne dieſen Gedanken nicht zu verſtehen, und inſofern hatte Otto ein Recht, ſich als Erben Karls zu fühlen und zu bekennen, wie es durch Wallfahrt nach Aachen zum Grabe des großen Vorgängers ge - ſchah. Vor allem aber wandelte er auch hier die Wege der Kaiſer des211Ottos III. KaiſertumOſtens, die von jeher nicht müde wurden, den Dienſt Gottes und der Heiligen für die vornehmſte Aufgabe ihrer Regierung zu erklären. Da - mit aber war dem Papſt von vornherein ſeine Stellung in dem kirchlich erneuten Reich zugewieſen: wie im Oſten der Patriarch von Konſtanti - nopel, war er als Reichspatriarch des Weſtens Oberhaupt der Reichs - kirche, ein Werkzeug der Regierung, der kirchliche Exponent des Kaiſertums.
Daß Otto ſo dachte, hat er mit Wort und Tat zu erkennen gegeben. Unverblümt ſprach er davon, er habe Gerbert-Silveſter zum Papſt erwählt und eingeſetzt, rückſichtslos kraft allerhöchſten Beliebens wies er ihm die Grenzen ſeiner Landesherrſchaft zu. Sie waren ſtreitig ſeit langem. Niemals war die große Schenkung Ottos I. (962) in Kraft geſetzt worden, weder Otto II. noch Otto III. hatten ſie beſtätigt. Das Gebiet von Ravenna, die Romagna, wie es heute heißt, das Otto I. 967 dem Papſt überlaſſen hatte, war von dieſem nicht behauptet worden, ſchon Johannes XV. hatte es dem Erzbiſchof der Stadt abtreten müſſen. Die Emilia — Bologna, Jmola, Faenza — ſcheinen längſt im italiſchen Königreich aufgegangen und von den Päpſten aufgegeben geweſen zu ſein. Nur um den ſüdlichen Teil des alten Exarchats, die einſtige Pentapolis, ſpäter Mark von Ancona genannt, wurde noch gekämpft. Otto III. entſchied den Streit, indem er alle Rechtsanſprüche des Papſtes kurzweg beiſeiteſchob. Jn einer Urkunde, die in jeder Zeile den Kaiſer ſelbſt als Verfaſſer verrät, beſchuldigte er die Päpſte, aus Sorgloſigkeit und Unwiſſenheit verſchleudert zu haben, was Rom, das Haupt der Welt und die Mutter der Kirchen, beſeſſen habe. Dann, als ihre Kirche ſo weit heruntergekommen, hätten ſie ſich zu helfen geſucht, indem ſie einen großen Teil des Reiches für ſich in Anſpruch nahmen, als ob das Kaiſertum ſchuld an ihrem Niedergang geweſen wäre. Mit Hilfe von Betrug hätten ſie ihren Zweck verfolgt. Durch eine mit goldenen Lettern geſchriebene angebliche Urkunde Konſtantins habe jener Diakon Jo - hannes mit den verſtümmelten Fingern — es iſt der Kardinal, der den Vertrag mit Otto I. ſchloß und ſpäter dafür büßen mußte — der Lüge die Beglaubigung hohen Alters zu geben verſucht. Ebenſolche Erfindung ſei es, wenn ein gewiſſer Karl — wir erkennen Karl II. und die Schen - kung von Ponthion — kaiſerliche Rechte dem Papſt abgetreten, da er doch, von einem beſſern Karl vertrieben — gemeint iſt Karl III. — nicht habe geben können, was er ſelbſt nicht beſaß. Dieſe erfundenen212Stellung des PapſtesUrkunden und eingebildeten Schriften weiſt Otto verächtlich zurück, ſie binden ihn nicht; aber aus freier kaiſerlicher Gnade ſchenkt er dem heiligen Petrus, was dem Reich gehört, oder vielmehr er ſchenkt es ſeinem Lehrer Silveſter, damit der habe, was er dem Apoſtel dar - bringen könne; nämlich das erwähnte Gebiet der alten Pentapolis, die Mark am Adriatiſchen Meer von Peſaro bis Oſimo.
Die Urkunde iſt ein höchſt perſönliches Bekenntnis. Wer in dieſer Weiſe über alte verbriefte Rechtsanſprüche hinwegſchritt — denn gegen die Schenkungen Karls des Großen und Ludwigs I. ließ ſich kein be - gründeter Einwand machen — der fühlte ſich als Herrn, und wer eine freie Gnade in ſo barſcher Sprache mit einer ſcharfen Verurteilung einleitete, der wollte, daß man ſeine Herrſchaft fühle. Ein Zeitgenoſſe mochte Kaiſer und Papſt wohl als die beiden Lichter beſingen, die die Kirche erhellten und die Finſternis, der eine mit dem Schwert, der andere mit dem Wort, verſcheuchten, in Wirklichkeit war von Gleich - ſtellung zwiſchen ihnen nicht die Rede. Niemand konnte im Zweifel ſein, wer in Sachen der Kirche die letzte Entſcheidung gab.
Es war mehr als äußere Form, wenn auf römiſchen Synoden — nicht erſt unter Silveſter, ſchon unter Gregor V. — der Kaiſer neben dem Papſt den Vorſitz führte und mehr als einmal Erlaſſen des Papſtes ſeine Unterſchrift hinzufügte. Daß die Ausbreitung römiſcher Kirchenhoheit im Oſten, die in die Regierungszeit Silveſters II. fällt, nur unter dem Schutz, ja im Gefolge der deutſchen Vormacht möglich war, werden die Zeitgenoſſen beſſer gewußt haben als ſpätere Betrachter, denen die Zuſammenhänge nicht ſo klar vor Augen lagen. Jmmerhin war ſchon der äußere Vorgang beredt genug, wenn eine polniſche Landeskirche auf einer Synode zu Gneſen unter dem Vorſitz des Kaiſers geſchaffen wurde. Möglich war es nur, wenn der Kaiſer es wollte, erfolgte doch die Gründung des neuen Erzbistums Gneſen auf Koſten Magdeburgs. So ſprechen denn auch die zeitgenöſſiſchen Berichte nur vom Kaiſer als Urheber der Maßregel und bemerken höchſtens, ſie ſei „ mit Erlaubnis des Papſtes “getroffen worden. Daß in Ottos Begleitung römiſche Kardinäle ſich befanden, wird nicht beachtet, und in der Tat, dieſe Ver - tretung des Papſtes war für ſolchen Anlaß mehr als beſcheiden; nach alter Überlieferung hätte man erwarten dürfen, wie es zuletzt noch in Magdeburg 968 geſchehen war, einen Biſchof als Legaten und Vikar auftreten und das Geſchäft mit Entfaltung voller römiſch-päpſtlicher213Stellung des PapſtesÜberlegenheit leiten zu ſehen. Weniger augenfällig, aber im Grunde nicht anders ging es in Ungarn zu, wo ein einheimiſcher Häuptling, mit einer bairiſchen Herzogstochter und Baſe des Kaiſers vermählt, den Königstitel und in der Taufe den Namen Stefan angenommen hatte und nun für ſich vom Papſt eine geweihte Krone, für ſein Land ein eigenes Erzbistum erbat. Silveſter gab ihm beides auf Fürſprache des Kaiſers; er hätte es nicht gegeben, hätte Otto widerſprochen. Denn wie Magde - burg in Polen, ſo verlor Paſſau in Ungarn ſein Miſſionsfeld. Schon die Zeitgenoſſen haben es gerügt, und die Erfahrungen der Folgezeit haben beſtätigt, daß damit an beiden Stellen deutſche Jntereſſen ge - ſchädigt wurden. Aber Otto konnte den Schaden nicht wahrnehmen, da er ſich als römiſcher, nicht als deutſcher Kaiſer fühlte und für ihn Polen wie Ungarn nun erſt recht Teile des römiſchen Reiches waren.
Wir haben früher von der Möglichkeit geſprochen, daß ſchon unter den nächſten Erben Karls des Großen in einem das geſamte Abendland umfaſſenden Einheitsreich ein römiſches Papſttum ſich entwickelte, die Kirche des Abendlands ebenſo zur Einheit zuſammenfaſſend und re - gierend wie das Kaiſertum die Länder und Völker. Die Ausſicht ver - ſchwand, als das fränkiſche Reich zerfiel. Unter Otto III. erſchien ſie aufs neue. Mochte der Papſt nun auch ungleich mehr als vor zwei - hundert Jahren an den Herrſcherwillen des Kaiſers gebunden ſein, er fand an ihm doch zugleich einen ſo ſtarken Rückhalt, daß ſein Regiment, ſo weit des Kaiſers Macht reichte, mit Widerſtänden innerhalb der Kirche nicht mehr zu rechnen brauchte. Um den Preis der eigenen Unter - werfung unter den Kaiſer konnte er die Kirche des Abendlands ſich unter - tan machen, wie es Nikolaus I. gedacht hatte. Eine Lücke freilich hatte das Syſtem: Frankreich war ein ſelbſtändiges Königreich geworden, in dem auch Kirchen und Biſchöfe von den ſtaatlichen Gewalten, König und Fürſten, abhängig waren. Unter Otto I. war die Überlegenheit des deutſchen Königs gegenüber dem weſtlichen Nachbarn unbeſtritten ge - weſen, ſeitdem hatte ſie abgenommen, und mit ihrem König liebte die franzöſiſche Kirche ihre Unabhängigkeit zu betonen. Das hatte ſchon Gregor V. erfahren, als er franzöſiſche Biſchöfe zur Verantwortung vor eine Synode in die italiſche Hauptſtadt Pavia lud und den Nicht - erſchienenen die Ausübung ihres Amtes unterſagte: ſein Spruch blieb ohne Wirkung. Ob das mit der Zeit anders werden würde, hing von der Geſtaltung der deutſch-franzöſiſchen Beziehungen ab. Vor allem214Römiſcher Aufſtandaber war die Frage, ob die neue Schöpfung Ottos III., das römiſche Geſamtreich, nicht an Widerſtänden im Jnnern ſcheitern würde.
Sie meldeten ſich bald. Jn Deutſchland wurden des Kaiſers Maß - regeln nicht verſtanden, ſeine Mißachtung deutſcher Jntereſſen an der Oſtgrenze, ſein langes Fernſein in Jtalien, ſeine Vorliebe für Rom und die Römer und deren unverhohlene Bevorzugung fanden herben Tadel ſogar in den Kreiſen asketiſcher Einſiedlermönche, denen er ſich innerlich ſo nahe glaubte. Offene Auflehnung trat ihm in Rom gegenüber. Eben das, womit er die Stadt zu gewinnen glaubte, ſeine dauernde Anweſen - heit, verſtimmte dort am meiſten. An dem ſtolzen Bewußtſein, wieder die wirkliche Hauptſtadt des Abendlands zu ſein, lag dem römiſchen Adel weniger als an der Unabhängigkeit, die er bis dahin beſeſſen und nun mit der Regierung eines Kaiſers vertauſcht hatte, der ſeine Rechte ebenſo ernſt nahm wie ſeine Würde. Daß Otto die Häupter des Adels durch Übertragung von Ämtern in Hof und Regierung zu entſchädigen und an ſich zu feſſeln ſuchte, erwies ſich als unwirkſam. Es wird auch nicht zu vermeiden geweſen ſein, daß das kaiſerliche Stadt - regiment Anſprüche nicht erfüllte, Hoffnungen enttäuſchte. Mißmut und Unzufriedenheit ſammelten ſich an, und eines Tages — es war im Februar 1001 — brach der Aufſtand aus, vor dem der Kaiſer ſich mit Mühe retten konnte, indem er die Stadt verließ wie einſt König Hugo.
Das war noch keine Entſcheidnng, und Otto dachte nicht daran, ſeine Pläne aufzugeben. Die erlittene Schmach wollte er rächen, den Wider - ſtand mit Gewalt bezwingen. Seine Macht war noch nicht erſchüttert, wenn auch Rom ihm die Tore ſchloß: das italiſche Königreich gehorchte ihm wie zuvor, in Konſtantinopel kam eben damals ſeine Verlobung mit der Kaiſertochter zuſtande, die Braut war unterwegs. Wenn nun aus Deutſchland das beſtellte Truppenaufgebot eintraf, war der Sieg kaum zweifelhaft. Es ließ auf ſich warten. Kam darin die Verſtimmung der deutſchen Fürſten über des Kaiſers undeutſche Politik zum Ausdruck, oder wirkten andere Urſachen? Ehe der Gehorſam der Deutſchen die Probe hätte beſtehen können, hatte das Schickſal eingegriffen. Am 23. Januar 1002 ſtarb Kaiſer Otto III., einundzwanzig Jahre alt, nach kurzer Krank - heit. Mit ihm verſank der Plan des römiſch-abendländiſchen Geſamt - reichs, den fortzuführen niemand da war, und die Dinge kehrten zu der Geſtalt zurück, die ſie vor ihm getragen hatten.
215Crescentier und TuskulanerWieder ſetzte das Kaiſertum für länger als ein Jahrzehnt aus. Heinrich II., in Deutſchland erhoben, fand zunächſt nicht einmal im italiſchen Reich überall Anerkennung, ein Enkel Berengars II., Hart - win von Jvrea, trat ihm als König in einem Teil des Landes entgegen. So konnte Johannes, der Bruder des vor vier Jahren hingerichteten Crescentius, als Haupt des Adels ungehindert die Macht in Rom an ſich reißen. Er nannte ſich Patritius, mit welchem Recht, iſt unbekannt. Möglich, daß er ſich den Titel in Konſtantinopel verſchafft hat, doch waren ſeine Beziehungen zu Heinrich II. nicht ſchlecht. An die Kaiſer - würde konnte dieſer vorerſt nicht denken, die deutſchen Angelegenheiten hielten ihn feſt. Über den Papſt verfügte der Patritius wieder wie in früheren Jahren. Silveſter II. ſcheint ſich ihm freiwillig unterworfen zu haben, iſt aber ſchon nach fünf Vierteljahren ſeinem Kaiſer ins Grab gefolgt. Dann wurde dreimal der Stuhl Sankt Peters mit Angehörigen des regierenden Geſchlechts beſetzt. So hätte es auch ferner bleiben können, wären nicht im Jahre 1012 raſch nacheinander Johannes ſelbſt und ſein Papſt, Sergius IV., geſtorben. Bei der Neuwahl ſpaltete ſich der Adel, den Crescentiern traten ihre Verwandten, die Tuskulaner, entgegen, jene erhoben einen gewiſſen Gregor, dieſe einen der Jhren, den Grafen Theophylakt, der ſich Benedikt VIII. nannte und in der Stadt die Oberhand gewann. Der Verdrängte rief den deutſchen König an. Am Hof in Sachſen erſchien Gregor, mit den Abzeichen der päpſtlichen Würde bekleidet, vor Heinrich und forderte ſeine Einſetzung. Heinrich verſprach auch zu kommen, behielt ſich aber den Entſcheid bis nach Prüfung der Rechtslage vor. Als er in den erſten Wochen des Jahres 1014 vor Rom erſchien, war er bereits von den Tuskulanern gewonnen. Ohne daß von Unterſuchung und Urteil die Rede geweſen wäre, erkannte er Bene - dikt VIII. an und ließ ſich von ihm am 14. Februar 1014 als Kaiſer krönen. Damit hatten die Tuskulaner Papſttum und Stadtherrſchaft für die Dauer eines Menſchenalters an ſich gebracht. Das Stadt - regiment führte des Papſtes Bruder Alberich. Als Benedikt VIII. 1024 ſtarb, folgte ihm der dritte Bruder, Graf Romanus, als Johan - nes XIX., und nach deſſen Tode (1033) erhob Alberich ſeinen eigenen Sohn Theophylakt, der ſich wie der Oheim Benedikt nennen ließ, der neunte des Namens. Er muß ein noch recht junger Mann, wenn auch nicht, wie man ſpäter fabelte, ein Knabe von zwölf Jahren geweſen ſein. Rom und Kirchenſtaat waren ein geiſtliches Fürſtentum im Erb -216Kämpfe in Unteritalien:beſitz eines Grafenhauſes geworden. Das Kaiſertum des deutſchen Königs bildete dabei kein Hindernis, bot vielmehr der regierenden Familie Rechtsbürgſchaft und Rückhalt gegen innere und äußere Feinde und genoß dafür Flankenſchutz für ſeine eigene Herrſchaft im Königreich Jtalien und bereitwillige Dienſte des Papſtes auf kirchlichem Gebiet. So war es unter Heinrich II., ſo blieb es unter Konrad II., der am 26. März 1027 von Johannes XIX. die Kaiſerkrönung erhielt. Wer dabei mehr empfing, wer mehr gab, iſt ſchwer auszumachen.
Einmal ſchien es, als ſollte der Bund mit dem deutſchen Kaiſer dem Papſttum reiche Früchte tragen. Wie in den Anfängen unter Otto I. iſt zur Zeit Heinrichs II. der Plan aufgetaucht, dem Staat des heiligen Petrus die Ausdehnung zu geben, die er nach der Abſicht ſeiner Gründer ſchon bei ſeinem Entſtehen hätte haben ſollen. Der Anſtoß dazu kam von Süden, von den Griechen.
Unter der Regierung des makedoniſchen Kaiſerhauſes, der Nach - kommen Baſileios 'I., des Zeitgenoſſen Nikolaus' I. und Johannes 'VIII., hatte das griechiſche Reich einen mächtigen Aufſchwung genommen. Zu derſelben Zeit, als der deutſche König die Führung des Abendlands und die Kaiſerwürde in Alt-Rom übernahm, gelang es den Griechen, längſt verlorene Provinzen im Oſten wiederzugewinnen. Jm Jahre 961 wurde mit der Eroberung Kretas die Seeherrſchaft erworben, 968 Antiochia genommen, Damaskus, Beirut und Aleppo folgten, und wenig fehlte, ſo wäre auch Jeruſalem den Moslim entriſſen worden. Dann wandten ſich die ſiegreichen Waffen gegen Norden. Jn einem Menſchenalter zäher und blutiger Kriege (986 ‒ 1018) zerſtörte Baſi - leios II. das Reich der Bulgaren und unterwarf das Land bis zur Donau. Als „ Bulgarentöter “feierte er im Jahr 1019 ſeinen Triumph nach alter Art. Waren nun im Oſten und Norden die einſtigen Grenzen annähernd wiederhergeſtellt, was ſtand im Wege, die Gedanken auch nach Weſten zu richten? Niemals hatte man in Konſtantinopel vergeſſen, daß Jtalien, daß Rom, nach dem man ſich nannte, einem von Rechts wegen gehörte, nur die eigene Schwäche, die Gefahren, mit denen man im Oſten zu kämpfen hatte, waren Urſache, daß man notgedrungen darauf ver - zichtete, das Recht geltend zu machen. Jetzt fielen dieſe Hemmungen fort.
Ob Baſileios ernſthaft an Eroberung Jtaliens gedacht hat, läßt ſich nicht ſagen. Vielleicht ſtand dieſes letzte Ziel als ferne Möglichkeit im Hintergrund. Aber ſeine Herrſchaft im Süden der Halbinſel auszu -217Benedikt III. dehnen und zu befeſtigen, hat er nicht gezögert, ſobald die Unterwerfung Bulgariens ihm die Hände frei ließ. Das legten ihm überdies die Er - fahrungen der jüngſten Zeit nahe. Die griechiſche Herrſchaft in Apulien hatte keine Wurzeln im Volk, dem ſie verhaßt war. Während der letzten Jahre des Bulgarenkriegs und ſchwerlich ohne Zuſammenhang mit ihm hatte es ſogar einen Aufſtand gegeben, geführt von dem Schwägerpaar Meles und Dattus. Der Aufſtand war mißlungen (1009 ‒ 1011), die Häupter waren geflüchtet, hatten bei den Fürſten von Benevent, Capua und Salerno vergeblich um Hilfe gebeten, beim Papſt aber Zuflucht und Teilnahme gefunden. Benedikt VIII. war ein tatkräftiger und unternehmender Herrſcher, wie Rom ihn lange nicht geſehen hatte. Seine Regierung im Kirchenſtaat hatte er ausgebaut, die Verwandten, die Crescentier, durch Feſtigkeit und Klugheit zur Unterwerfung gebracht, den Piſanern und Genueſen im ſiegreichen Kampf gegen die ſpaniſchen Araber mit Wort und Tat beigeſtanden (1016). Jetzt glaubte er, ähn - lich wie einſt Johannes XII., auswärtige Politik mit hohen Zielen machen zu können. Ohne ſein Zutun kann es nicht geſchehen ſein, daß im Jahr 1017 der Aufſtand in Apulien wieder auflebte und raſche Fort - ſchritte machte. Binnen kurzem hatte Meles den Norden der Provinz erobert. Dann aber wandte ſich das Blatt. Eben damals ging der Krieg in Bulgarien zu Ende, und mit den freigewordenen Truppen erſchien ein neuer Statthalter, Bojoannes, der das Heer des Meles auf dem alten Schlachtfeld von Cannae vernichtend ſchlug (Oktober 1018), den Aufſtand endgültig unterdrückte und die griechiſche Verwaltung überall wiederherſtellte. Auch die unſicher gewordenen Nachbarfürſten in Bene - vent, Capua und Salerno unterwarfen ſich wieder und huldigten dem griechiſchen Kaiſer.
Damit hatten die Griechen die Rechte des Königs von Jtalien ver - letzt, deſſen Hoheit über Capua und Benevent im Vertrag von 972 an - erkannt worden war. Benedikt VIII. verfügte nun über das Stichwort, mit dem er den deutſchen Kaiſer zum Eingreifen veranlaſſen konnte. Es wird auf ſein Betreiben geweſen ſein, daß Meles ſich nach Deutſchland begab, um die Hilfe Heinrichs II. anzurufen. Jn Bamberg iſt er bald darauf geſtorben, Benedikt aber gab das Spiel keineswegs auf. Jn eigener Perſon machte er ſich auf; den Vorwand bot die Einweihung des Doms zu Bamberg, der Lieblingsſtiftung des Kaiſers, den wahren Zweck deutet er ſelbſt an, wenn er in einer Urkunde ſagt, er habe „ zum218Feldzug Heinrichs II. Nutzen der heiligen römiſchen Kirche und des römiſchen Reiches Kaiſer Heinrich, den allerwürdigſten Schutzvogt des heiligen apoſtoliſchen Stuhles, aufgeſucht “. Was damit gemeint war, iſt kein Geheimnis: das Reich ſollte ſeine Rechte in Unteritalien wahrnehmen, womöglich die Griechen vertreiben und alles Land ſich unterwerfen, die Kirche aber endlich in den Beſitz der Gebiete gelangen, auf die ſie ſeit den Tagen Pippins und Karls des Großen Anſpruch zu haben meinte. Von dieſem Plan zeugt eine Urkunde, die Heinrich II. zu Oſtern 1020 in Bamberg dem Papſt ausſtellen ließ. Da erneuerte und beſtätigte er der römiſchen Kirche die — niemals in Kraft getretene — große Schenkung Ottos I. und fügte noch das Reichsgut um Narni, Terni und Spoleto hinzu. Erinnern wir uns, daß jene Schenkung unter anderem — nach dem Vorgang der unausgeführten Verſprechungen Pippins und Karls — das ganze Herzogtum Benevent betraf, das in ſeinem urſprünglichen Beſtande den größern Teil Unteritaliens umfaßte, ſo wiſſen wir, worin der Nutzen der römiſchen Kirche beſtand, um deſſentwillen der Papſt die weite und mühſame Reiſe nach Bamberg nicht geſcheut hatte.
So große Dinge konnten nur durchs Schwert erreicht werden. Bevor aber der Kaiſer den Feldzug nach Jtalien anzutreten in der Lage war, verging über ein Jahr. Erſt Ende 1021 überſchritt er die Alpen mit einem ſtarken Heer, dem die italiſchen Truppen ſich anſchloſſen. Es war hohe Zeit. Ob Benedikt VIII. den Abſichten der Griechen nur zuvor - gekommen, ob ihr Vorgehen die Antwort auf ſeine Reiſe nach Deutſch - land war, Tatſache iſt, daß in dem Augenblick, wo Heinrich in Jtalien erſchien, das griechiſche Heer die Südgrenze des Kirchenſtaats ſchon überſchritten hatte. Bojoannes hatte den Fürſten von Capua genötigt, den Durchmarſch freizugeben, und war an die Mündung des Gari - gliano gerückt, wo Dattus, das überlebende Haupt des apuliſchen Auf - ſtands, auf einer vom Papſt ihm eingeräumten Burg ſich aufhielt. Nach nur zweitägiger Belagerung hatte Dattus ſich ergeben und war hin - gerichtet worden. Rühmend verzeichnet der byzantiniſche Chroniſt, Bo - joannes habe ganz Jtalien bis nach Rom dem Baſileus unterworfen; er meinte damit Unteritalien — denn dies bedeutet in der griechiſchen Ver - waltungsſprache der Name Jtalia — bis an die Grenzen des Kirchen - ſtaats, und hatte damit nicht ganz unrecht.
Die Griechen alſo hatten den Krieg gegen den Papſt bereits eröffnet, als das deutſche Heer mit gewaltiger Übermacht, wie ſie der Zweck er -219Feldzug Heinrichs II. forderte, in drei getrennten Säulen auf verſchiedenen Straßen anrückte. Ohne Widerſtand zu finden — die Griechen zogen ſich zurück und die abtrünnigen Fürſten unterwarfen ſich oder wurden überwältigt — ge - langte es im März 1022 nach Benevent und vereinigte ſich dann vor der Feſtung Troja, die Bojoannes unlängſt zur Sperrung der Straße nach Bari angelegt hatte. Hier aber kam der Siegeslauf zum Stehen. Die Belagerung der Feſte zog ſich hin, der April, der Mai vergingen, die Junihitze ſetzte ein und brachte eine Seuche. Heinrich ſah ſeine Truppen dahinſchmelzen und mußte froh ſein, daß die Beſatzung von Troja ſich zum Schein ergab. Dann machte er kehrt und wandte ſich, während in ſeinem Heer die Krankheit täglich neue Opfer forderte, in Eilmärſchen über Rom zurück nach Norden. Jm Oktober war er wieder in Deutſch - land. Das großangelegte Unternehmen war mißlungen, ſein einziges Ergebnis die wiederhergeſtellte Oberhoheit über Benevent und Capua und nun auch über Salerno. Ob ſie würde behauptet werden, mußte die Zukunft lehren. Es war ein Glück, daß Baſileios II. ſchon drei Jahre ſpäter (1025) ſtarb und ſeine Nachfolger ſich begnügten, die Eroberung Siziliens, die er noch hatte beginnen können, fortzuſetzen, das Feſtland aber unbehelligt ließen.
Wie der Kaiſer, ſo hatte auch der Papſt nichts gewonnen. Am Feld - zug in Unteritalien hatte er teilgenommen, Siege und Mißerfolg mit den Deutſchen geteilt und ihren Rückzug nicht verhindern können. Hein - rich II. hat keine Anſtalten gemacht, die große Schenkung, die er in Bamberg ſo freigebig verſprochen, zur Tat werden zu laſſen. Sie iſt ein totes Pergament geblieben, das letzte ſeiner Art, und hat im Schrein der römiſchen Kirche geruht wie ein nicht eingelöſter Wechſel, bis nach faſt zweihundert Jahren der Tag kam, wo auch dieſer Schein unter gänzlich veränderten Umſtänden hervorgeholt und ſamt ſeinen Vor - gängern als Rechtstitel für eine Neugründung des Kirchenſtaats benutzt werden konnte.
Wenn Heinrich II. daran gedacht haben ſollte, auf den mißglückten Plan zurückzukommen, ſo hat ihm die Zeit dazu gefehlt. Ein Jahr und neun Monate nach ſeiner Rückkehr aus Jtalien iſt er geſtorben (12. Juli 1024). Benedikt VIII. war ihm ſchon um ein Vierteljahr vorausge - gangen (9. April), und ſeine großen Entwürfe wurden mit ihm begraben. Unter einem Kaiſer wie Konrad II. war für dergleichen kein Platz. Wir werden in anderem Zuſammenhang davon zu reden haben, wie rück -220Konrad II. ſichtslos dieſer die Päpſte für ſeine Zwecke zu benutzen wußte, und wie unbedingt ſie ſich ihm zur Verfügung ſtellten; von irgendwelchen beſon - dern Vorteilen für ſie war dabei keine Rede. Bei zweimaligem Auf - enthalt in Jtalien hat Konrad ſich begnügt, ſeine Oberhoheit über die Fürſtentümer des Südens in Erinnerung zu bringen und ihre Beſitz - verhältniſſe zu ordnen, der letzte der deutſchen Kaiſer, die ihr Kaiſer - tum nach der Art Karls des Großen aufgefaßt haben als Oberhoheit und Schutzherrſchaft, die auch aus der Ferne ihre Wirkung tat und nur im Notfall durch tatkräftiges Eingreifen an Ort und Stelle aus - geübt wurde.
Wir haben bisher vom Papſt als Fürſten des Kirchenſtaats geſpro - chen. Das Bild, das wir dabei ſahen, iſt nicht erfreulich. Sankt Peter, der unſichtbare Landesherr, und ſein irdiſcher Vertreter ſind zum Fir - menſchild geworden, hinter dem ſich weltliche Herrſchaft mit weltlichen Zielen und Mitteln verbirgt. So weit geht die Verweltlichung mehr - fach, daß der Gegenſatz zwiſchen der Geſtalt, die das Papſttum angenom - men hat, und der Sendung, auf die es ſich beruft, nicht greller gedacht werden kann. Wäre es ganz zum italiſchen Fürſtentum herabgeſunken und als religiöſe Macht für immer untergegangen, wir dürften uns nicht wundern, ja, es erſchiene nur natürlich. Das iſt nicht geſchehen. Jm Gegenteil: muſtert man das Verzeichnis der päpſtlichen Erlaſſe von Johannes VIII. bis Benedikt IX., ſo ſieht es aus, als ob der Papſt als Oberhaupt der Kirche um ſo häufiger in Tätigkeit getreten und ſein kirchlicher Einfluß um ſo höher geſtiegen wäre, je weiter ſeine Perſon und ſein geſamtes Daſein ſich von dem entfernte, was der erſte chriſtliche Biſchof und Stellvertreter des Apoſtelfürſten hätte ſein müſſen. Häu - figer als früher hat er als oberſter Richter in ſchwebende kirchliche Streitigkeiten oder in die Verwaltung anderer Biſchöfe außerhalb ſeines eigenen Sprengels eingegriffen, immer zahlreicher werden die Urkunden, in denen er Rechte verleiht oder beſtätigt, beſtehende Rechte aufhebt und Ausnahmen von der gewöhnlichen Ordnung verfügt. Mehr als bisher tritt er als Oberhaupt der abendländiſchen Kirche auf, und ſo wenig hat er von ſeinem religiöſen Anſehen verloren, daß wir in eben dieſer Zeit die erſten Fälle kennenlernen, wo die Verehrung eines Hei - ligen am Ort ſeiner Wirkſamkeit durch einen Spruch des Papſtes und Aufnahme in den römiſchen Gottesdienſt ihre volle Anerkennung erhält. Nachdem ſchon Johannes XV. dem Biſchof Ulrich von Augsburg, Johannes XIX., der Tuskulanerpapſt, dem heiligen Martialis von Limoges dieſe Ehre erwieſen, iſt ſie durch Benedikt IX. auf Wunſch des Erzbiſchofs von Trier einem Simeon von Syrakus zuteil geworden,222Einfluß des Papſtes in der Kircheder damals als Einſiedler in Trier gelebt hatte und geſtorben war. Benedikt IX., über deſſen Lebenswandel man bald nicht genug Schlim - mes erzählen konnte, als Bürge der Heiligkeit eines Verſtorbenen — kann man Zuſtände und Geſinnungen der Zeit greller beleuchten?
Darin, daß das Papſttum trotz ſtärkſter äußerer Verleugnung ſeiner Jdee ſich behauptet hat, wollen ſeine Verteidiger den Beweis ſeiner überirdiſchen Natur finden. Wäre es, ſagen ſie, eine menſchliche Ein - richtung, ſo hätte es untergehen müſſen; weil es göttlicher Anordnung entſprungen und im Beſitz göttlicher Verheißung iſt, konnte es fort - beſtehen und aus tiefſtem Sturz zu neuer Größe ſich erheben. Fluctuat, ſed non ſubmergitur: das Schifflein Petri kann vom Sturm gepeitſcht werden, aber die Wellen verſchlingen es nicht.
Aber ſo iſt es nicht geweſen. Hier ſowenig wie irgendwo ſonſt iſt ein Wunder geſchehen, hier wie überall iſt es auf natürliche Weiſe zuge - gangen. Wer Entſtehung und Art des Petrusglaubens kennt, findet keinen Anlaß zur Verwunderung.
Wäre die Stellung, die der Papſt ſeit dem achten Jahrhundert in der Kirche des Abendlands einnahm, von ihm erobert, einer widerſtrebenden Welt aufgenötigt worden; hätte Rom ſeine Lehre von Petrus dem Himmelspförtner, durch den allein man ins Paradies gelange, den Völ - kern des Abendlands wie einen Fremdſtoff eingeimpft und ſie mit über - legenen Künſten dazu gebracht, im Biſchof der alten Welthauptſtadt den Erben von Petri Vollmacht zu ſehen, dem gehorchen müſſe, wer nicht zur Hölle fahren wolle, — die Gegenkräfte hätten ſich mit der Zeit geregt, und die Gelegenheit, das Joch abzuſchütteln, wäre ſchwerlich unbenutzt geblieben. Und weiter: hätte es ſich bei der Verehrung, die man dem Apoſtelfürſten und ſeinen Nachfolgern zollte, um das Bekennt - nis zu einem ſittlich-religiöſen Jdeal gehandelt, zu deſſen Vertretung und Verwirklichung der römiſche Biſchof die göttliche Vollmacht mit - ſamt der geiſtigen Herrſchaft über Menſchen und Völker erhalten habe, der ſchreiende Widerſpruch zwiſchen der Sendung und ihren Trägern hätte jedes nachdenkliche Gemüt an der Echtheit der römiſchen Anſprüche irre machen müſſen. Weder das eine noch das andere war der Fall. Die Völker des Weſtens waren keinem fremden Glauben mit Liſt oder Ge - walt unterworfen worden, ſie ſelbſt hatten dieſen Glauben aus ſich her - aus geſchaffen. Er beſtand auch nicht in Hingabe an ein ſittliches Jdeal, das im erſten der Apoſtel und ſeinen Nachfolgern verkörpert geweſen223Glaube der Zeitwäre, er war nichts anderes als die Furcht vor einer unſichtbaren, über - natürlichen Macht über die Seelen der Menſchen, die dieſem Apoſtel verliehen war und in den Prieſtern lebte, die an der Stätte, wo ſein wunderkräftiger Leichnam ruhte, ihr Amt verſahen. Nichts hatte Rom dazu getan, daß die neubekehrten Völker den alten Worten von den Schlüſſeln des Himmelreichs und vom Binden und Löſen einen Sinn gaben, den bis dahin noch niemand darin gefunden hatte. So brauchte es auch keine Anſtrengung zu machen, um einen Glauben wach zu er - halten, den es nicht geſchaffen hatte, der ihm freiwillig dargebracht wurde. Aus der Vorſtellungswelt kindlicher Völker hervorgegangen, erhielt er ſich ſelbſt, weil er einem inneren Bedürfnis entſprach, ſolange dieſe Welt die gleiche blieb. Jn den Menſchenaltern aber, von denen wir ſprechen, war nichts geſchehen, ſie zu wandeln, im Gegenteil. Der dauernde Kriegszuſtand, verwüſtende Einfälle benachbarter Barbaren, Fehden und Bürgerkriege hatten die hoffnungsvollen Anſätze zu reiferer Geſittung großenteils zerſtört und die herrſchende Oberſchicht zurück - ſinken laſſen in die ungebrochene Wildheit ihrer urſprünglichen Natur. Da waren die Vorausſetzungen für eine vergeiſtigte Auffaſſung reli - giöſer Dinge nicht gegeben, ungeſchwächt konnten die grobſinnlichen Vorſtellungen ſich behaupten, die man mit den überlieferten Worten verband, und der Anſtoß, den ein feineres Gefühl an der menſchlichen Verkörperung genommen hätte, in der die Jdee ſich darbot, wurde nicht empfunden, weil man ſittliche Anforderungen nicht ſtellte.
Es war nicht Unkenntnis der Dinge, was die Kritik nicht hätte auf - kommen laſſen. Wie es in Rom ausſah, wer die Päpſte waren, wie ſie lebten und regierten, ihre Würde erlangten und ihr Ende fanden, wußte man jenſeits der Alpen recht wohl. An Zeugniſſen dafür iſt kein Mangel. Aus franzöſiſchen und deutſchen Chroniken erfahren wir das meiſte, was wir von der Geſchichte der Päpſte dieſer Zeit wiſſen. Man leſe, was der ſonderbare Wandermönch Rudolf der Kahle um die Mitte des elften Jahrhunderts über die Päpſte ſeines Zeitalters ſchreibt. Er weiß, daß Johannes XIX., Benedikt IX. durch Geld zu ihrer Würde gelangt ſind, der erſte als Laie, der zweite — wie er meint — ſogar als zehn - bis zwölfjähriger Knabe. Die Sitte des Namenswechſels, die ſich in dieſer Zeit einbürgert, erfährt hier eine ungünſtige Deutung: die Annahme eines ehrwürdigen Namens ſoll die perſönliche Unwürdigkeit verdecken. Das Buch, in dem das ſteht, iſt in Cluny, dem Hauptſitz der Kloſter -224Glaube der Zeitreform, geſchrieben und dem Abt des Hauſes gewidmet. Sorgſamer als anderswo pflegte man dort die Beziehungen zu Rom, genauere Kenntnis der römiſchen Zuſtände darf dort alſo beſtimmt vorausgeſetzt werden, und doch ließ man ſich durch ſie nicht irre machen. Man ertrug ſie, nahm ſie als gegeben hin, weil das, was man vom Stellvertreter Petri ver - langte, davon nicht berührt wurde. Der Satz, der noch heute gilt, daß die Würde auch bei einem unwürdigen Träger keinen Abbruch erleidet, bedeutete für jene Zeit: wie der Papſt beſchaffen iſt, iſt gleichgültig; es genügt, daß er die Weihe richtig empfangen habe und durch ſie über die Kräfte verfüge, die der Apoſtel ſeinen Nachfolgern hinterlaſſen hat. Jſt das der Fall, ſo mag er tun und laſſen, was ihm gefällt, ſein Segen und ſein Fluch verlieren dadurch nichts von ihrer Wirkung.
Wie tief der Glaube, wie echt die Überzeugung war, dürfen wir nicht fragen, weil es darauf keine Antwort gibt. Niemand wird an der auf - richtigen Geſinnung der Pilger zweifeln, die das Bedürfnis der Sünden - vergebung in Scharen nach Rom führte. Es gemahnt an die Tage des Bonifatius, die Zeiten der erſten Liebe, wenn wir den ſächſiſchen Mark - grafen Gero nach dem Tode ſeines einzigen Sohnes nach Rom wandern und dort am Grabe Sankt Peters ſeine Rüſtung niederlegen ſehen. Ein Seitenſtück dazu iſt der Graf von Rouſſillon, der (955) als Pilger dem heiligen Petrus Beſitzungen in ſeinem Lande ſchenkte. Es werden ihrer mehr geweſen ſein, als wir wiſſen, die es ähnlich machten. Auf der andern Seite kennen wir gar manchen, der ſeine trotzige Gleichgültigkeit gegen Kirche und Chriſtentum nicht verbarg. Kaiſer Konrad II., von dem man behauptete, daß er „ im Glauben nicht feſt “ſei, iſt ein Beiſpiel dieſer Geſinnung, und ſein Zeitgenoſſe Heinrich I. von Frankreich ſcheint ihm darin nichts nachgegeben zu haben. Dennoch hat auch Konrad kein Be - denken getragen, die Strafen, die der Papſt verhängen konnte, für ſeine Zwecke zu benutzen. Wenn er ſelbſt ſich aus dem Segen Petri nichts machte, ſo gab es doch genug andere, die ſeinen Fluch fürchteten. Er iſt gewiß nicht der einzige geweſen, der ſo verfuhr: wer ſich römiſcher Drohungen und Strafen bediente, brauchte von ihrer Kraft nicht ſelbſt überzeugt zu ſein, er dachte an die andern, die an ſie glaubten und ſich durch ſie ſchrecken ließen. Mitunter ſind die Gegenſätze nahe beieinander in einem Hauſe zu treffen, wie bei den Grafen von Cerdaña-Beſalù in den Pyrenäen, wo der Vater ſich in Beteuerungen der Ergebenheit gegen den Papſt, „ der das Zepter der Welt ſo gut handhabt “, nicht225Päpſtlicher Schutzgenug tun kann und der Sohn ſchon drei Jahre ſpäter (1020) ein päpſt - liches Strafurteil wegen Aneignung von Kirchengut trotzig zurückweiſt: er kümmert ſich nicht um den Befehl. Wie hier, entſprach der Erfolg päpſtlicher Sprüche oft genug den Erwartungen nur ſchlecht, aber im allgemeinen blieb ein Wort des Stellvertreters Petri eine Waffe, auf die man nicht verzichtete, wenn ſie zu haben war. Daß ſie immer öfter in Anſpruch genommen wurde, während das ſittliche Anſehen Roms tiefer und tiefer ſank, hat danach nichts Befremdliches.
Was in dieſen rauhen Zeiten am meiſten begehrt wurde, war Schutz gegen Unrecht und Gewalt. Jhn zu bieten, wäre Sache der weltlichen Herrſcher, Könige und Fürſten, geweſen. Aber ſie hatten dazu nicht im - mer die Macht und auch nicht immer den Willen, ſie waren es mitunter ſelbſt, gegen die man des Schutzes bedurfte. Das gilt in erſter Linie von den Klöſtern, deren reicher Beſitz verbunden mit ihrer Wehrloſigkeit die Begierden der Mächtigen anzog. Kloſtergut war die Beute, nach der der Laienadel allenthalben die Hände ausſtreckte. Einſt hatte der König dagegen Schutz geboten, indem er ein Kloſter für ſein Eigentum und als ſolches für frei und unantaſtbar erklärte. Königliche Jmmunität, gleich - bedeutend mit Reichsunmittelbarkeit, war ein geſuchtes Vorrecht ge - weſen. Aber ſie verlor ihren Wert, wenn der König ſelbſt ſie nicht ver - teidigen konnte oder wollte. Da blieb die Zuflucht zu den geiſtlichen Machtmitteln der Kirche. Wir wiſſen ſchon, daß im neunten Jahr - hundert Biſchofsſynoden wiederholt kirchliche Stiftungen in ihren Schutz genommen haben. Stärker, gefährlicher und darum wertvoller war der Fluch, den der Apoſtelfürſt durch ſeinen irdiſchen Vertreter ausſprach. Sein Schutz wurde daher um ſo begehrenswerter, je mehr andere Mächte verſagten; ihn zu erlangen beſtrebte ſich, wer konnte. Seine einfachſte Form war, daß der Papſt einer Stiftung ihre Be - ſitzungen und Rechte beſtätigte und über jeden, der ſie antaſten würde, den Ausſchluß aus der Gemeinſchaft und ewigen Fluch ausſprach. Jm - mer häufiger iſt das — frühere Fälle ſind gefälſcht oder der Fälſchung verdächtig — ſeit der Mitte des neunten Jahrhunderts geſchehen, ſeit die Macht der Krone durch Bürgerkriege und Reichsteilungen zu ſinken begann. Jn ſtattlicher Menge ziehen ſeitdem die Urkunden dieſer Art, die päpſtlichen „ Privilegien “für Klöſter, ſeltener für Bistümer, an uns vorüber, meiſt, um gegen Veralten geſchützt zu ſein, bei jedem Wechſel auf dem Stuhl Petri erneuert und bekräftigt.
Haller, Das Papſttum II1 15226Päpſtlicher SchutzVon ſtärkerer Wirkung war es, wenn eine Anſtalt dem heiligen Petrus und der römiſchen Kirche als Eigentum übergeben oder ſeiner unmittelbaren Schutzherrſchaft unterſtellt wurde. Wie in vielem andern ſcheinen auch hierin die Angelſachſen das Beiſpiel gegeben zu haben. Schon um 680 ſind Yarrow und Herham, die Gründungen Wilfrieds von York, in dieſer Weiſe gegen Entfremdung oder Ausbeutung ge - ſichert worden. Das mag öfter vorgekommen ſein, als wir behaupten können, da die Echtheit der überlieferten Urkunden ſtarken Zweifeln unterliegt. Die angelſächſiſche Art übertrug Bonifatius aufs Feſtland, als er im Jahr 751 ſeine Stiftung Fulda der römiſchen Kirche zu eigen gab. Über ein Jahrhundert hat es gedauert, bis andere Orte den gleichen Vorzug erreichten, allmählich aber hat der Kreis ſich erweitert. Wieder iſt es die Mitte des neunten Jahrhunderts, die Zeit Nikolaus 'I., die darin den Anfang macht. Für damals etwas Neues war es, als dieſer Papſt ſich das Eigentum am Kloſter Vézelay vom Stifter übertragen ließ und damit die Pflicht, es zu ſchützen, übernahm. Das Beiſpiel lockte, andere weſtfränkiſche Anſtalten folgten bald, und nun mehrten ſich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die Fälle, wo die Übertragung auf den Papſt dazu diente, eine geiſtliche Stiftung ihrem Zweck zu erhalten und gegen Beraubung und Ausbeutung zu ſichern. Um die Mitte des elften Jahrhunderts überzog ein Netz von päpſtlichen Schutz - oder Eigen - klöſtern Jtalien, Deutſchland und Frankreich bis in die ſpaniſche Mark hinein. Der Unterſchied, ob Schutz oder förmliches Eigentum, iſt im Grunde nur Sache der Form, denn auch das volle Eigentum bedeutete in der Regel nicht mehr als Schutz gegen fremde Angriffe. Sehr ſelten nur haben die Päpſte von ihm einen weiteren Gebrauch gemacht, indem ſie etwa ein ihnen gehöriges Kloſter einem andern oder einer Biſchofs - kirche unterwarfen. Man nannte dieſes Vorrecht Freiheit, wie man auch die königliche Jmmunität als Befreiung auffaßte, und allerdings durfte ein Kloſter, das als Eigentum oder Schutzbefohlener Sankt Peters vor jedem andern Herrſchaftsanſpruch ſicher war, ſich als frei betrachten, da ſein Herr, der Papſt, keine andere Leiſtung von ihm for - derte als die regelmäßige Entrichtung einer geringfügigen Abgabe „ zum Zeichen der Unterwerfung “. Wie groß in Wirklichkeit der Kreis rom - freier Klöſter und Kirchen war, iſt nicht leicht feſtzuſtellen, da das Feld überwuchert iſt von Urkundenfälſchungen, deren Entſtehungszeit ſich nicht immer ermitteln läßt. Sie beweiſen indes, wie begehrt das Vor -227Befreiung von biſchöflicher Gewaltrecht war, verraten aber zugleich, wie man im ſtillen ſelbſt über den römiſchen Fluch dachte, mit dem man andere zu ſchrecken ſuchte.
Ein noch größeres Vorrecht war es, wenn zum Eigentum oder Schutz des Papſtes die Befreiung von der geiſtlichen Gewalt des Biſchofs trat. Wir wiſſen, daß ſchon Gregor I. in mehreren Fällen die Unabhängigkeit eines Kloſters gegenüber dem Biſchof des Ortes in Schutz genommen hatte. Daran hat man ſich erinnert und das, was der Mönchspapſt innerhalb ſeines eigenen Sprengels verſucht hatte, zum Vorbild für ähnliche Anordnungen in der geſamten Kirche genommen. Einen frühen, aber vereinzelten Fall ſtellt die Urkunde dar, die Honorius im Jahre 628 dem Kloſter Bobbio im genueſiſchen Apennin, der Stiftung des Jren Columban, ausſtellen ließ. Jm langobardiſchen Königreich herrſchten da - mals noch keine geordneten kirchlichen Verhältniſſe, nicht einmal das Bekenntnis war vor arianiſchen Einflüſſen geſichert. Um ſich vor ſolchen Gefahren zu ſchützen, erbaten und erhielten die landfremden Mönche vom Papſte das Recht, unabhängig von jeder andern biſchöflichen Ge walt unmittelbar unter ihm zu ſtehen. Die Maßregel, ohne Vorgang wie ſie war, iſt von den beteiligten Biſchöfen nicht anerkannt worden, und Bobbio hat lange und meiſt erfolglos um ſeine Freiheit gekämpft, bis Kaiſer Heinrich II. (1014) ſeine Erhebung zum Bistum erwirkte. Ob in den angelſächſiſchen Reichen am Ende des ſiebenten Jahrhunderts ſchon Ähnliches vorgekommen iſt, läßt die Überlieferung nicht erkennen. Vielleicht folgte Bonifatius auch darin einem Brauch ſeiner Heimat, als er Fulda ſowohl dem Eigentum wie der unmittelbaren geiſtlichen Leitung des Papſtes unter Ausſchluß jeder andern biſchöflichen Gewalt unterwarf. Dieſe Gewalt übte damals er ſelbſt als päpſtlicher Vikar, ſo daß niemand da war zu widerſprechen. Nachahmung aber hat das Bei - ſpiel auf fränkiſchem Boden nicht ſo bald gefunden. Als Hadrian I. das Veltlin, das ſoeben von Karl, nach Eroberung des langobardiſchen Reiches, aus leicht erkennbaren militärpolitiſchen Gründen dem Kloſter St. Denis geſchenkt war, von der biſchöflichen Verwaltung befreite, leiſteten die davon betroffenen Biſchöfe von Como und Aquileja heftigen Widerſtand, wie es ſcheint mit Erfolg. Erſt im zehnten Jahrhundert, als der päpſtliche Schutz bereits eine anerkannte und mehr und mehr ſich ausbreitende Einrichtung geworden war, werden auch die Fälle häufiger, daß mit ihnen die Befreiung von der biſchöflichen Gewalt ver - bunden wird. Doch iſt die Zahl dieſer vollfreien, in doppeltem Sinn228Unſelbſtändigkeit der Päpſteromunmittelbaren Anſtalten auch ſpäter nicht groß geweſen. Vereinzelt ſteht es da, daß ein Bistum der neuen römiſchen Freiheit teilhaftig wurde. Es geſchah, als Kaiſer Heinrich II. das von ihm geſtiftete Bam - berg der römiſchen Kirche zu Eigentum ſchenkte und es zugleich von der Unterordnung unter den Erzbiſchof von Mainz befreien ließ.
Der Gedanke iſt verlockend, die Päpſte hätten in weitblickender Be - rechnung die Bevorrechtung von Klöſtern planmäßig betrieben, um ſich dadurch eine ausgedehnte Gefolgſchaft zu verſchaffen, die Landeskirchen und Provinzverbände zu zerſetzen und die eigene unmittelbare Herrſchaft aufzurichten. Aber von ſolchen Abſichten und Überlegungen läßt ſich nichts nachweiſen, ſie würden auch der damaligen Lage des Papſttums in keiner Weiſe entſprechen. Nicht einen Fall kennen wir, in dem ein Papſt an der Schaffung oder Erhaltung klöſterlicher Freiheit aus eige - nem Entſchluß teilgenommen hätte, immer geht der Anſtoß von den Empfängern der Vorrechte aus, immer iſt es das Kloſter ſelbſt oder ſein Stifter, mehrfach auch der Ortsbiſchof, der um den Schutz des Papſtes ſich bemüht. Die weltliche Obrigkeit hat an ſolchen Privilegien noch weniger Anſtoß genommen, hat ſie oft beantragt. Mehrfach geſchieht es ſogar, daß der König ſelbſt die von ihm verliehene ſtaatliche Jmmuni - tät durch den Papſt beſtätigen läßt. Königliche und römiſche Freiung gehen nebeneinander her und ergänzen einander. Die Päpſte wiederum begnügen ſich damit, die gewünſchten Urkunden ausfertigen zu laſſen, ohne ſich um ihre Wirkung viel zu kümmern. Wo ſich Widerſtand er - hob, kam wohl eine Mahnung oder Drohung aus Rom, aber ohne Nachdruck und denn auch ohne nachweisbare Folgen. Wenn das mäch - tige Cluny, das ſich der Gunſt von Königen und Kaiſern erfreute, über Mißachtung ſeiner Vorrechte klagte, ſo ſchrieb der Papſt wohl ſtrafend an die beteiligten Biſchöfe, unterließ aber nicht, den Fall auch dem franzöſiſchen König zu empfehlen, damit er dem Kloſter zu ſeinem Recht verhelfe. Es war ſchon viel, wenn ein beſonderer Bote zur Unterſuchung ausgeſchickt wurde, nachdem eine Synode franzöſiſcher Biſchöfe das Privileg des Kloſters Fleury zurückgewieſen hatte. Natürlich handelte auch hier der Papſt auf Betreiben des betroffenen Kloſters, und der Erfolg iſt mehr als zweifelhaft, ſeiner Vorladung ſind die Parteien nicht gefolgt. Der Papſt verhält ſich im allgemeinen paſſiv: er gewährt, worum er gebeten wird, ohne damit eigene Abſichten zu verbinden, und die Art, wie man ihn bittet, ſpricht dafür, daß an der Bewilligung nicht229Unſelbſtändigkeit der Päpſtegezweifelt wird. Es klingt faſt gönnerhaft, wenn ein franzöſiſcher Abt Johannes XVIII. um zwei Beſitzbeſtätigungen erſucht, für die er den Wortlaut fertig einreicht. Er erinnert den Papſt daran, es ſei angebracht, dem Beiſpiel ſeiner Vorgänger in der Fürſorge für den Frieden der Klöſter zu folgen, und verſichert ihm treuherzig: „ Wir werden eifrig für Euch im Leben und im Tode zu Gott beten. “
Man fragt ſich ſchließlich, was wohl die Päpſte bewogen haben mag, ſo freigebig in der Bewilligung von Vorrechten zu ſein. Die Abgaben, die dafür zu entrichten waren, können es nicht geweſen ſein. Dazu waren ſie zu unbedeutend, höchſtens ein Pfund Silber im Jahr, oft viel weniger. Sie können, ſelbſt wenn ſie regelmäßig eingingen, woran man zweifeln darf, im Haushalt der römiſchen Kirche nicht allzu ſchwer ins Gewicht gefallen ſein. Die Erklärung ergibt ſich von ſelbſt, wenn man ſich er - innert, daß Freiheitsbriefe ſo wenig wie andere Gnaden umſonſt gegeben wurden. Was ſie koſteten, erfahren wir zwar nirgends, aber daß ſie nicht gerade billig zu haben waren, kann man ſich denken. Dies erklärt denn auch, warum die Freiungen ſo viel ſeltener ſind als die allgemeinen Rechts - beſtätigungen, während doch den Päpſten, hätten ſie an Ausbreitung ihrer eigenen Macht und ihres Einfluſſes gedacht, daran hätte liegen müſſen, die Zahl ihrer Schutzbefohlenen nach Möglichkeit zu vermehren, wo nicht gar die Romfreiheit der Klöſter ſchlechtweg zum allgemeinen Rechtsgrundſatz zu erheben. Das Vorrecht koſtete wohl zuviel, nicht jeder konnte es bezahlen oder fand einen mächtigen Fürſprecher ſeiner Wünſche.
Nicht anders iſt es mit den Fällen, wo die Päpſte als höchſte Richter in ſchwebende Streitigkeiten eingreifen. Hier wird noch deutlicher, wie wenig ſie aus eigenem Antrieb und mit eigenen Zwecken handeln, wie ſehr ſie im Dienſt fremder Wünſche ſtehen. Hier erkennen wir auch, wie ſehr die Wirkung ihrer Maßregeln davon abhängt, daß eine andere Macht ihnen zum Erfolg verhilft, wenn auch keiner von ihnen ſo weit gegangen iſt wie Benedikt VII., der (978) ein Privileg für das Bistum Vich in Katalonien vom Metropoliten und den Biſchöfen der Provinz beſtätigen ließ. Der Legat, der im Jahr 916 eine Synode auf deutſchem Boden abhielt, auf der in höchſt erbaulicher Weiſe von Ver - fehlungen des geiſtlichen Standes geredet und ein ganzes Bündel beſſernder Vorſchriften erlaſſen wurde, war in Wirklichkeit auf Be - treiben König Konrads I. abgeſandt, um dieſem im Kampf gegen ſeine230Unſelbſtändigkeit der PäpſteGegner in Schwaben und Sachſen mit kirchlichen Waffen beizuſtehen. Alles andere war Einkleidung. Als Johannes X. aufgerufen wurde, eine zwieſpältige Biſchofswahl in Lüttich (920) zu entſcheiden, handelte es ſich darum, ob Deutſchland oder Frankreich der Beſitz des linken Rhein - ufers zufallen werde. Johannes machte auch kein Hehl daraus, daß er die franzöſiſche Partei ergreife, und zwar auf Veranlaſſung Kaiſer Berengars, der als Enkel Ludwigs des Frommen zu den Karolingern in Frankreich gegen den deutſchen König hielt. Daß der Entſcheid des Papſtes Erfolg hatte, war auch nur dem damaligen Übergewicht Karls des Einfältigen zu verdanken, der das ſtrittige Gebiet vorerſt noch be - hauptete.
Lehrreich iſt die Geſchichte des zwanzigjährigen Streites um das Erz - bistum Reims. Er bildet eine Teilhandlung in den Anfängen des Kamp - fes zwiſchen den letzten Karolingern und dem Herzog von Francien, des Kampfes, der erſt 987 mit der Thronbeſteigung Hugo Capets enden ſollte. Jm Jahr 925 bemächtigte ſich ein Angehöriger des Herzogs - hauſes, der Graf von Vermandois, des Erzbistums und übertrug es ſeinem fünfjährigen Sohn Hugo. Johannes X. beſtätigte die anſtößige Maßregel und ſtellte ſich, als zwiſchen König und Graf Fehde ausbrach, ganz auf die Seite des Grafen. Sein Nachfolger Johannes XI. wech - ſelte die Haltung und gab dem von Karl dem Einfältigen eingeſetzten Artold das Pallium. Es geſchah nach dem Willen Alberichs, der ver - mutlich in den Gegnern des franzöſiſchen Königs die Freunde ſeines Feindes, des Königs Hugo von Jtalien, ſah. Die wechſelvollen Kämpfe des nächſten Jahrzehnts verfolgen wir nicht. Der jugendliche Hugo behauptete ſich im Beſitz von Reims und erhielt, als er herangewachſen war (941), die Weihen. Ein Verſuch, den der Papſt, zweifellos wiederum im Sinne Alberichs, machte, durch Anerkennung Hugos den Herzog von Francien zur Unterwerfung unter den König zu beſtimmen, ſcheiterte völlig. Der Legat, der den ſtrengen Befehl überbrachte (942), bei Strafe des Fluches dem König zu gehorchen, erreichte nichts, ob - gleich die Biſchöfe der Provinz ihn unterſtützten. Auch das Pallium für Hugo, das einen wiederholten und verſchärften Befehl begleitete, blieb ohne Wirkung, und Reims hatte nun zwei Erzbiſchöfe, beide von Rom beſtätigt. Erſt das Eingreifen des deutſchen Königs ſchaffte nach ſechs Jahren den ärgerlichen Fall aus der Welt. Otto I. brach mit Waffengewalt den Widerſtand Hugos von Francien und erwirkte beim231DienſtwilligkeitPapſt, nachdem ein Auftrag an den Erzbiſchof von Trier nicht zum Ziel geführt hatte, die Entſendung eines Legaten mit unbeſchränkter Voll - macht. Unter deſſen Vorſitz, aber in Gegenwart der beiden Könige von Deutſchland und Frankreich, tagte im Juni 948 zu Jngelheim eine Synode und fällte das Urteil, wie es nach Lage der Dinge zu erwarten war: Artold wurde als rechtmäßiger Biſchof anerkannt, Hugo aus - geſchloſſen, wenn er ſich nicht unterwürfe. Er tat es, nachdem die Burg, auf der er ſich gehalten hatte, von deutſchen Truppen genommen und zerſtört war. Hugo hatte in Jngelheim ein Schreiben des Papſtes vor - legen laſſen, das ihm recht gab. Es wurde als erſchlichen von der Synode ohne Prüfung beiſeitegeſchoben und verrät wohl, daß man in Rom gegen einen andern Ausgang nichts gehabt hätte. Was in Jngelheim den Ausſchlag gab, waren nicht die einander widerſprechenden Weiſungen des Papſtes, ſondern der Wille des deutſchen Königs, dem der Papſt nachträglich die Beſtätigung nicht verſagte. Ein Nachſpiel machte das noch deutlicher. Auf Verlangen Ottos — „ er befahl es unbedingt “, ſagt der gleichzeitige Geſchichtſchreiber von Reims — wurde Herzog Hugo von Francien durch den Legaten vor eine Synode nach Trier geladen und über ihn der Ausſchluß verhängt. Die Biſchöfe ſeiner Partei traf das gleiche Schickſal. Papſt und Legat, man ſieht es, waren Werkzeuge des deutſchen Königs. Nicht umſonſt hatte der vornehmſte der deutſchen Kirchenfürſten, Erzbiſchof Friedrich von Mainz, ſich per - ſönlich nach Rom begeben, um das zu erreichen.
Als römiſche Kaiſer hatten die deutſchen Herrſcher es vollends leicht, ſich der Päpſte für ihre Zwecke zu bedienen. Schon lange vor ſeiner Krönung hatte Otto I. erwirkt, daß der Erzbiſchof von Mainz, wie einſt Bonifatius, zum Vikar des Papſtes für Deutſchland beſtellt und ihm ſelbſt Vollmacht erteilt wurde, über die Bistümer des Reiches nach Gutdünken zu verfügen. Otto verfehlte nicht, davon ſo ausgiebigen Ge - brauch zu machen, daß er mit ſeinem eigenen Sohn, Erzbiſchof Wil - helm von Mainz, in Gegenſatz geriet. Mit erregten Worten beſchwerte dieſer ſich beim Papſt und zählte die Fälle auf, in denen ſeine und anderer Biſchöfe Rechte verletzt waren. Er erreichte nichts, in allen Stücken ſetzte Otto, Kaiſer geworden, bei den Päpſten durch, was er wollte. Durch päpſtliche Verfügung entſtand das Erzbistum Magdeburg auf Koſten von Halberſtadt, das einen Teil ſeines Sprengels, und von Mainz, das ſeine Metropolitanrechte hergeben mußte. Erzbiſchof232DienſtwilligkeitHerold von Salzburg, im Kampf gegen den Baiernherzog gefangen, ge - blendet und abgeſetzt, wurde, als er fortfuhr als Erzbiſchof aufzutreten, mit dem päpſtlichen Fluch bedroht, ſein Nachfolger anerkannt. Wie die Dinge unter Otto III. ſtanden, haben wir ſchon bei Gelegenheit der Erhebung Gueſens zum Erzbistum geſehen. Jm Streit zwiſchen Mainz und Halberſtadt um das Kloſter Gandersheim entſandte Silveſter II. wohl einen Legaten, der auch ein Urteil fällte, die Entſcheidung aber nicht herbeizuführen vermochte. Sie brachte erſt nach Jahren das Ein - greifen des Kaiſers, ohne daß der Papſt zugezogen worden wäre. Hein - rich II. hat (1004) das Bistum Merſeburg, das Otto I. durch den Papſt hatte aufheben laſſen, wiederhergeſtellt, ohne der päpſtlichen Ge - nehmigung ausdrücklich zu gedenken, obgleich ein römiſcher Legat an - weſend war. Rückſichtsvoller verfuhr in ähnlichem Fall Konrad II. : die Verlegung des Biſchofsſitzes von Zeitz nach Naumburg ließ er durch Johannes XIX. verfügen. Gegenüber dem aufſtändiſchen Erzbiſchof von Mailand hat er (1036), da die weltlichen Waffen nicht verfingen, den Papſt in Bewegung geſetzt, und Benedikt IX. hat nicht gezögert, Ab - ſetzung, Ausſchluß und Fluch zu verhängen, obgleich der Kaiſer mit einem abſetzenden Urteil des weltlichen Hofgerichts dem Spruch der Kirche vorgegriffen hatte.
Über alles Wahrſcheinliche hinaus geht die Gefälligkeit gegen welt - liche Mächte, die die Tuskulanerpäpſte in den Verwicklungen zwiſchen dem Kaiſer und Venedig bewieſen. Dem am deutſchen Hof einfluß - reichen Patriarchen Poppo von Aquileja war es gelungen, unter Be - nutzung venezianiſcher Parteikämpfe ſich Grados zu bemächtigen und den dortigen Patriarchenſtuhl einzunehmen. Es konnte der Anfang zur Einverleibung Venedigs in das deutſche Reich werden und ſollte das wohl auch ſein. Ohne weiteres gab Johannes XIX. dazu ſeinen Segen, denn Grado gehöre ja von alters her zu Aquileja! Die Spaltung war, wie wir wiſſen, ſchon im ſechſten Jahrhundert eingetreten. Als Poppo noch im gleichen Jahr (1024) vertrieben wurde und der rechtmäßige Patriarch zurückkehrte, wechſelte auch der Papſt die Partei und ſtellte den früheren Zuſtand wieder her. Drei Jahre vergingen, Konrad II. erſchien zur Kaiſerkrönung in Rom (1027), und wieder zögerte der Papſt nicht, den deutſchen Wünſchen entgegenzukommen. Auf einer Synode unter gemeinſamem Vorſitz von Papſt und Kaiſer wurde der Venezianer verurteilt und die Vereinigung von Grado mit Aquileja233Käuflichkeitverfügt. Aber auch dabei blieb es nicht. Nach Konrads Tode, als die deutſchen Abſichten auf Venedig geſcheitert und aufgegeben waren, zog Benedikt IX. (1044) daraus die Folgerung und ſtellte die Unabhängig - keit von Grado in aller Form wieder her. So hatte das Papſttum im Laufe von zwanzig Jahren entſprechend den jeweiligen Machtverhält - niſſen vier einander entgegengeſetzte Entſcheidungen gefällt. Konrad II. hatte nicht ſo unrecht, als er, der vor den Geiſtlichen überhaupt wenig Achtung hegte, in einer ſeiner Urkunden den Papſt einfach in die Reihe ſeiner „ Getreuen “ſtellte.
Unter den Maßnahmen dieſer Art wird man keine finden, die aus freiem Entſchluß und eigner Abſicht des Papſtes hervorgegangen, keine, die nicht von außen her angeregt, erbeten oder gefordert wäre. Dem entſpricht es, daß man ſich in Rom um den Erfolg keine Sorgen machte. Mit vollendeter Gleichgültigkeit wurde es hingenommen, daß — ein klaſſiſcher Fall — das neu geſchaffene Erzbistum Vich noch im gleichen Jahr (971) wieder verſchwand, nachdem ſein erſter Jnhaber ermordet war, wie auch Benedikt VIII. ſich nicht darum kümmerte, daß das Bistum Beſalù in Katalonien, das er auf Wunſch des Grafen errichtet und dem römiſchen Stuhl unmittelbar unterſtellt hatte, den Tod des Grafen nicht überlebte. Knapp drei Jahre hatte es beſtanden.
Daß unter ſolchen Umſtänden römiſche Verfügungen und Richter - ſprüche recht verſchiedene Aufnahme fanden, wen könnte das wundern? Nur zu gut wußte man ja, wie ſie zu erlangen waren. Kein Geringerer als Erzbiſchof Wilhelm von Mainz, der Sohn Ottos I., hat dem Papſt unverblümt zu verſtehen gegeben, mit Beſtechung könne man bei ihm alles erreichen. Ein deutſcher Bote habe nach der Rückkehr aus Rom ſich gerühmt, für hundert Pfund bringe er ſo viele Pallien, wie man wolle; das Geld des Abtes von Fulda wiege ſchwerer als die Beſtimmung des heiligen Bonifaz. Offen erklärte Wilhelm, lieber als Miſſionar zu den Heiden gehen, als ſolchen Mißbrauch dulden zu wollen. Er iſt nicht gegangen, hat geduldet, was er nicht ändern konnte, und geſchwiegen. Einige Jahrzehnte ſpäter ſagte der Sprecher einer franzöſiſchen Synode dem Legaten des Papſtes ins Geſicht, die koſtſpielige Sendung nach Rom lohne ſich nicht, da der apoſtoliſche Stuhl doch nur das Urteil fällen dürfe, das ein Haufen Gold bei Crescentius, dem Teufelsbraten, erkaufe; von dem käuflichen Tyrannen hingen Freiſpruch oder Strafe ab. Ein ſpäterer Papſt, Clemens II., hat bekannt, ſeine Vorgänger ſeien durch234Zwieſpältige Anſichten der Zeitgenoſſendie Gewaltherrſchaft ſchlechter Menſchen zu Handlungen bewogen wor - den, die keinen Beſtand haben dürften.
Über das rechtliche Verhältnis des Papſtes zu den Kirchen außerhalb des engeren römiſchen Amtsbezirks iſt dies Zeitalter ſich nicht einig. Erheben die einen ſeine Machtvollkommenheit mit Wort und Tat in den Himmel, ſo widerſprechen ihr die andern. Daß zur erſten Gruppe hält, wer von Rom etwas für ſich erhofft, iſt natürlich. So preiſt Biſchof Rather von Verona (966) Rom als die Quelle aller Weisheit, als er von dort Beiſtand gegen ſeine aufſäſſige Geiſtlichkeit erwartet. Auf Grün - dung und Unterwerfung aller Kirchen des Weſtens durch Rom berufen ſich, den Worten Jnnozenz 'I. folgend, franzöſiſche Biſchöfe, als ſie gegen die Lehre des Photios über den Heiligen Geiſt zu Felde ziehen. Nichts iſt natürlicher, als daß römiſche Macht ihre eifrigſten Verfechter in den Klöſtern findet, war doch Rom die Quelle ihrer eigenen Vorrechte. Von einem burgundiſchen Abt erhält Johannes XIX. die Verſicherung: „ Weltbekannt iſt es, daß der Biſchof der römiſchen Kirche die Stelle des Apoſtels einnimmt, ſo daß auf ewig feſt und unverletzlich daſteht, was er in der Kirche verfügt. “ „ Wie der Schlüſſelwart des Himmel - reichs das Fürſtentum über die Apoſtel hat, ſo erteilt die römiſche Kirche allen andern in der ganzen Welt als ihren Gliedern die Ermächtigung. Wer alſo der römiſchen Kirche widerſpricht, der löſt ſich aus ihrem Zuſammenhang und tritt in die Gegnerſchaft Chriſti ein “, ſo ſchreibt in den neunziger Jahren Abbo, der Abt von Fleury (St. Benoit ſur Loire). Niemand hat aus dem römiſchen Gnadenquell reichlicher ge - ſchöpft als er. Als Lohn für die Dienſte, die er dem Papſt beim König leiſtete, verſchaffte er ſeinem Kloſter neben andern Vorteilen die völlige Befreiung von der Aufſicht des Ortsbiſchofs und vom Verbot des Gottesdienſtes, ſelbſt wenn das ganze Königreich betroffen wäre.
Man begreift, daß die Bevorzugung der Klöſter den Biſchöfen Anlaß gab, die päpſtliche Machtvollkommenheit anzufechten. Daß es nicht öfter geſchah, iſt eigentlich zu verwundern. Jmmerhin kennen wir eine Anzahl von Fällen, wo römiſches Eingreifen auf Widerſpruch geſtoßen iſt. Als ein päpſtlicher Legat an der Weihe eines Kloſters in Anjou teil - nahm, legten die Biſchöfe der Grafſchaft dagegen Verwahrung ein. Sie beriefen ſich auf die Kanones, die einem Biſchof verböten, unauf - gefordert in den Sprengel eines andern einzugreifen. Ein ernſter Zwi -235Streit um Reims 991 ‒ 999ſchenfall ereignete ſich (992 ‒ 995) in St. Denis. Verſammelte Bi - ſchöfe ſetzten ſich über die Vorrechte des Kloſters hinweg: was gegen die Geſetze der Kirche verfügt ſei, wollten ſie als Recht nicht gelten laſſen. Die Mönche wußten das Volk aufzuwiegeln, die Biſchöfe mußten flüchten. Ähnlich ging es einige Jahre ſpäter in Fleury, auch hier wurde der Biſchof von Orleans, als er trotz des päpſtlichen Freibriefs ungerufen zu einer Amtshandlung erſchien, durch einen Volksauflauf zum Weichen genötigt. Jm Falle von St. Denis zogen die Biſchöfe den kürzeren, weil der König für ſein Hauskloſter Partei ergriff, in Fleury geſchah es um - gekehrt: auf einer Biſchofsſynode, der der König beiwohnte, wurde der Abt gezwungen, die päpſtliche Urkunde zu verbrennen. Seine Be - ſchwerde in Rom hatte keinen Erfolg. Nicht beſſer erging es im Jahr 1033 der Reichenau. Die Erlaubnis, bei der Meſſe biſchöfliche Abzeichen zu führen, beſaß der Abt ſchon ſeit Gregor V. Jetzt wurde er vom Biſchof von Konſtanz gezwungen, Urkunde und Tracht zu öffentlicher Ver - brennung auszuliefern. Wie in Fleury der König, ſo hatte hier der Kaiſer den Ausſchlag gegeben.
Einmal hat in dieſem Zeitalter eine grundſätzliche Erörterung über Art und Umfang der Rechte des Papſtes gegenüber Biſchöfen und Landeskirchen ſtattgefunden. Den Anlaß bot ein Streit um das Erz - bistum Reims. Erzbiſchof Arnulf, dem 987 entthronten Königshaus der Karolinger angehörig, wurde beſchuldigt, die Hand dazu geboten zu haben, daß ſeine Stadt von den Gegnern des regierenden Königs Hugo Capet eingenommen wurde. Hugo gelang es, Arnulf zu fangen, worauf er ihn zu beſeitigen ſuchte, zunächſt durch den Papſt. Den Antrag auf Abſetzung unterſtützten die Biſchöfe der Provinz. Aber ſie erreichten nichts, die Geſandtſchaft mußte unverrichteter Dinge abziehen. Die Gegenpartei hatte den Stadtherrn Crescentius, der den Papſt beherrſchte, durch reiche Geſchenke gewonnen. Was in Rom mißlungen war, ſollte nun eine franzöſiſche Reichsſynode bringen. Jm Mai 991 trat ſie in Verzy bei Reims zuſammen*)Man nennt ſie gewöhnlich die Synode von Saint Bâle. Das iſt aber nur der Name des Kloſters, in dem ſie tagte., ſie endete damit, daß der angeklagte Erz - biſchof ſeine Schuld geſtand, abgeſetzt wurde und ſich dem Urteil unter - warf. Dazu ſoll er, wie ſpäter behauptet wurde, durch ſtärkſte Drohungen gebracht worden ſein. Ob er ſchuldig war, iſt ſchwer zu entſcheiden. An ſeiner Stelle wurde Gerbert als Erzbiſchof eingeſetzt und geweiht. Schon236Streit um Reims 991 ‒ 999vorher aber hatte der deutſche Hof, der für die verdrängten Karolinger Partei nahm, ſich eingemiſcht und den Papſt zum Einſchreiten veranlaßt. Jn deſſen Auftrag ſollte ein römiſcher Abt Leo den Fall unterſuchen. Er fand die vollendete Tatſache vor, und als er eine deutſch-franzöſiſche Synode nach Aachen berief, blieben die Franzoſen aus. Sie folgten auch nicht, als ſie zur Verantwortung nach Rom geladen wurden, verſammel - ten ſich vielmehr im Mai 992 in Chelles unter dem Vorſitz des Königs, beſtätigten, was in Verzy geſchehen war, und wieſen die Einmiſchung des Papſtes ſchroff zurück. Seine Verfügungen, wenn gegen die Geſetze der Väter, ſeien ungültig, nach dem Wort des Apoſtels: „ Den Ketzer meide, und der ſich von der Kirche trennt. “ Daß der Papſt geantwortet habe, iſt nicht erkennbar. Dagegen ſcheint König Hugo das Zerwürfnis, in das Johannes XV. eben damals mit Crescentius geriet, zu einem Ver - ſuch benutzt zu haben, den Papſt zu ſich herüberzuziehen. Er bot ihm eine Begegnung in Grenoble und ehrenvolle Aufnahme an und wollte ihn glauben machen, es ſei nichts gegen ihn geſchehen. Johannes ging nicht darauf ein, warf ſich vielmehr dem deutſchen König in die Arme. Wäh - rend Otto III. auf ſeinen Ruf ſich nach Rom aufmachte, erſchien zum zweitenmal Abt Leo, um den Fall im Namen des Papſtes mit den Biſchöfen Deutſchlands und Frankreichs zu entſcheiden. Er erreichte auch, nachdem ein erſter Verſuch am Ausbleiben der Franzoſen geſchei - tert war, daß die gemiſchte Synode in Reims zuſammentrat, aber ein Beſchluß kam weder dort noch bei der Fortſetzung in Jngelheim zu - ſtande (Februar 996). Nun nahm der Papſt ſelber — es war Gregor V., der Deutſche — die Sache in die Hand. Er lud die franzöſiſchen Biſchöfe zur Verantwortung vor die Synode, die er im Januar 997 in Pavia abhielt. Da ſie auf Befehl des Königs ausblieben — Hugo Capet war kürzlich (Oktober 996) geſtorben und ſein Sohn Robert ihm gefolgt — wurde ihnen die Ausübung ihres Amtes bis auf weiteres unterſagt. Zugleich eröffnete Gregor das Verfahren gegen König Robert ſelbſt wegen Verheiratung mit einer Verwandten, die noch dazu ihrem erſten Gemahl geraubt war. Das führte zu einer Wendung. Um ſeine Ge - mahlin behalten zu können, war Robert bereit, in der Reimſer Ange - legenheit nachzugeben. Wohl war Gerbert einſt ſein Lehrer geweſen, aber von der ungeſetzlichen Heirat hatte er abgeraten und damit die Gunſt des Königs verſcherzt. Robert, dem von ſchlauen Unterhändlern Hoffnung auf Nachſicht in ſeinem Eheprozeß gemacht wurde, opferte237Synode zu VerzyGerbert und ließ Arnulf den Stuhl zu Reims wieder einnehmen. Er ſah ſich bald enttäuſcht: auf einer Synode in Rom wurde er bei Strafe des Fluches zur Trennung von der Königin und ſiebenjähriger Kirchenbuße verurteilt. Arnulf von Reims erhielt das Pallium, Gerbert dagegen hatte ſich, alte Beziehungen zum ſächſiſchen Königshaus benutzend, zu Otto III. geflüchtet und war von dieſem mit dem Erzbistum Ravenna entſchädigt worden. Bald darauf wurde er Papſt. Als ſolcher hat er, die Maßregel ſeines Vorgängers unbeachtet laſſend, Arnulf aus Gnaden als Erzbiſchof wieder eingeſetzt und ihm das Pallium nochmals verliehen. König Robert kümmerte ſich nicht um das kirchliche Urteil, an das ihn Silveſter auch nicht erinnerte, und ſetzte ſeine verbotene Ehe noch fünf Jahre lang fort, bis die Kinderloſigkeit der Königin ihn zur Scheidung und zum Eingehen einer neuen Verbindung bewog.
Die Unregelmäßigkeiten in dieſem Hergang ſind kaum zu übertreffen, doch ſind ſie nicht das Merkwürdigſte, wiewohl ſie deutlicher als vieles andere verraten, wie man im ſtillen über den inneren Wert päpſtlicher Machtſprüche ſelbſt dort dachte, wo man ſie in Anſpruch nahm oder ſich nach ihnen zu richten ſchien. Das Merkwürdigſte ſind gewiſſe grund - ſätzliche Erörterungen, die bei dieſer Gelegenheit ſtattgefunden haben. Auf der Synode zu Verzy war Erzbiſchof Arnulf nicht ohne Vertei - diger geblieben. Zwei Äbte und ein Schulmeiſter hatten dem Verfahren widerſprochen, weil der Angeklagte nicht im Beſitz ſeiner Würde, die Synode nicht vom Papſt ermächtigt ſei und Ankläger wie Zeugen den geſetzlichen Anforderungen nicht entſprächen. Die päpſtlichen Dekre - talen, auf die der Sprecher ſich ſtützte, entnahm er aus Pſeudoiſidor. Jhm erwiderte im Namen der Mehrheit der Biſchof von Orleans. Ohne die Echtheit der angeführten Beweisſtellen anzufechten, ſtellte er ihnen die ewig gültigen Geſetze der Konzilien gegenüber. Durch eine neue Ver - fügung des römiſchen Biſchofs könne beſtehendes Recht nicht aufgehoben noch ſeine Geltung von dem Ausſpruch eines Papſtes abhängig gemacht werden. Wäre es anders, ſo müßten alle Geſetze ſchweigen. Denn was nützten ſie, wenn alles von dem Urteil eines Einzelnen abhinge? Dann gäbe es überhaupt kein Recht. Nicht von ungefähr erinnern dieſe Sätze an die Gedanken, mit denen Hinkmar von Reims einſt gegen Nikolaus I. die Sache der Biſchöfe und Synoden geführt hatte. Aus Hinkmars Schriften hat der Redner — hinter dem man Gerbert als Einſager zu vermuten hat — ſeine Gründe und Beweiſe geholt. Aber er iſt über238Synode zu Verzyſein Vorbild hinausgeſchritten, er iſt zum Angriff übergegangen. Dem Vorrecht des römiſchen Biſchofs, fährt er fort, wollen wir keinen Ab - bruch tun, wenn er nach Leben und Wiſſen ſo iſt, wie er ſein ſoll. Wenn er jedoch aus Unwiſſenheit oder Furcht oder Habgier irrt, ſo iſt weder ſein Schweigen noch eine Verfügung von ihm zu beachten. Denn wer ſelbſt gegen die Geſetze iſt, kann das Geſetz nicht aufheben. Dann bricht der Redner in eine Wehklage aus über Rom, das einſt helles Licht ſpendete, jetzt Finſternis verbreitet. Einſt überſtrahlten dort Leo und Gregor, Gelaſius und Jnnozenz alle an Wiſſen und Beredſamkeit; lang iſt die Reihe derer, die mit ihrer Lehre die Welt erfüllten. Jhnen war mit Recht die ganze Kirche anvertraut, obwohl auch ihnen ſchon die Biſchöfe Afrikas widerſprochen haben. Daran ſchließt ſich ein Rück - blick auf die Geſchichte der zeitgenöſſiſchen Päpſte, von Johannes XII. bis Johannes XIV. Schonungslos werden ſie gezeigt, wie ſie waren. „ Und ſolchen Ungeheuern, mit menſchlicher Schande beladen, des Wiſ - ſens um göttliche und menſchliche Dinge bar, ſollen ungezählte Biſchöfe des Erdkreiſes, durch Wiſſen und Leben ausgezeichnet, unterworfen ſein? Wie darf auf dem höchſten Thron einer ſitzen, der nicht einmal im niedern Klerus Anſpruch auf einen Platz hätte? Bläht er ſich ohne Liebe mit ſeinem Wiſſen, ſo iſt er der Antichriſt, der im Tempel Gottes ſitzt und ſich als Gott gebärdet; hat er weder Wiſſen noch Liebe, ſo iſt er im Tempel Gottes wie eine Bildſäule, wie ein Götzenbild, von dem ein Ur - teil erbitten ſoviel hieße wie einen Stein befragen. Halten wir uns alſo an unſere Erzbiſchöfe und an Gottes Wort. Jm deutſchen Reich finden wir angeſehene Männer, die wir, hinderte es nicht der Zwieſpalt der Könige, eher befragen könnten als jenes Rom, das käufliche, das ſeine Sprüche nach der Menge der Geldſtücke wägt. Wer etwa mit Gelaſius behauptet, der römiſche Biſchof richte alles und werde ſelbſt von niemand gerichtet, der gebe uns in Rom einen, deſſen Urteil niemand richten kann — obwohl die Afrikaner auch das für unmöglich erklärt haben. Da aber dort zu dieſer Zeit faſt niemand zu finden iſt, der die Wiſſen - ſchaft gelernt hat, ohne die man kaum Türhüter wird, mit welcher Stirn will einer lehren, was er nicht gelernt hat? Unwiſſenheit iſt bei andern Biſchöfen zu ertragen, beim Römer, der über alles richten ſoll, iſt ſie unerträglich. Auch Petrus hat ſich dem beſſern Urteil Pauli unter - worfen. “ Auf die Erinnerung an einen — pſeudoiſidoriſchen — Erlaß des Damaſus antwortete der Redner: „ Wir werden uns an ein allgemeines239Synode zu VerzyKonzil wenden oder an einen Damaſus, falls wir hören, daß einer in Rom weile; obgleich auch das von den afrikaniſchen Konzilien “— zum drittenmal dieſer Hinweis — „ verboten wird “.
So ſprach der Biſchof von Orleans. Er fand den ungeteilten Beifall der Verſammlung, auch die Gegner erklärten ſich für überzeugt. Der römiſche Legat, Abt Leo, hat auf die Rede, als ſie ihm überſandt wurde, in einem Schreiben an den König zu erwidern verſucht. Mit giftigem Seitenblick auf Gerberts Gelehrſamkeit will er den Vorwurf wegen der Unwiſſenheit des römiſchen Hofes entkräften: Petri Stellvertreter wollen nicht Plato noch Vergil oder Terenz zu Lehrern haben noch das übrige „ Philoſophenpack “(pecudes philosophorum). Auch Petrus wußte davon nichts und iſt doch Türhüter des Himmels geworden. Von An - fang der Welt hat Gott nicht Redner und Philoſophen erwählt, ſondern Unwiſſende und Bauern. Geſchenke haben auch alle Apoſtel und ihre Nachfolger angenommen, ja der Herr ſelbſt, der die Gaben der Magier nicht verſchmähte. “ Sehr glücklich kann man dieſe Erwiderung nicht nennen, ſie ging an der Hauptſache vorbei und beſtritt nicht einmal die Vorwürfe. Auch die Hinweiſe auf geſchichtliche Vorgänge, wie das Vorgehen Nikolaus 'I. gegen Photios, König Lothar und ſeine Biſchöfe, treffen den Kern der Frage ſowenig wie die Berufung darauf, daß noch im vergangenen Jahr Alexandria und Jeruſalem das Urteil Roms, die afrikaniſchen Gemeinden einen Erzbiſchof vom Papſt erbeten und daß der Erzbiſchof von Cordova einen ſchwierigen Fall Johannes XII. vor - gelegt habe, ohne nach deſſen Vorzügen oder Fehlern zu fragen. Das wird auf die Franzoſen ſchwerlich mehr Eindruck gemacht haben als die übliche ſtolze Betonung von Roms unvergänglicher Größe und unver - rückbaren Vorrechten. Nicht Gründe, ſondern lediglich der Wille des Königs und die beſtehenden Machtverhältniſſe haben ſchließlich den Ausſchlag zugunſten der vom Papſt begünſtigten Partei gegeben, und an der Geſinnung, mit der die franzöſiſche Reichskirche dem Papſt - tum der Zeit gegenüberſtand, wird ſich dadurch nichts geändert haben.
Den Bedeutendſten zum Maßſtab für die Geſamtheit und ſeine An - ſchauung zum Gemeingut des Durchſchnitts zu machen, wäre übereilt. Jmmerhin iſt es beachtenswert, wie ein ſcharfer Denker und gelehrter Kenner der Vergangenheit am Ende des zehnten Jahrhunderts in dieſer Frage gedacht hat. Wir bemerkten ſchon, daß hinter den Ausführungen des Biſchofs von Orleans niemand anders geſtanden haben dürfte als240Gerberts Anſicht vom PapſttumGerbert. Einige Jahre ſpäter (995), als ſein Kampf um das Erzbistum auf dem Höhepunkt ſtand, hat er Veranlaſſung genommen, in einem langen Schreiben an den Biſchof von Straßburg, durch das er offenbar auf die Gegenpartei, die deutſchen Biſchöfe, wirken wollte, den Fall auseinanderzuſetzen und den Einſpruch des Papſtes gegen die Abſetzung Arnulfs zu entkräften. Er ſchließt ſich dabei eng an Hinkmar an, deſſen Sätze er großenteils wörtlich wiederholt, aber zugleich weiterentwickelt und ſchärfer zuſpitzt. Für die Geltung einer Rechtsvorſchrift, ſagt er, iſt das Gewicht deſſen, der ſie erlaſſen hat, entſcheidend. Darum ſteht an oberſter Stelle, was von Chriſtus, den Apoſteln und Propheten ausgeht, an zweiter das, was im Einklang mit jenen von allen Katholiken ein - hellig bekräftigt iſt. Erſt in dritter Linie kommen die Erklärungen ein - zelner Männer, ausgezeichnet durch Wiſſen und Beredſamkeit. Daraus ergibt ſich, daß die Erlaſſe der Päpſte hinter den Worten der Schrift und den Beſchlüſſen der Konzilien zurückzutreten haben. An der Echtheit der vornikäniſchen angeblichen Papſtbriefe äußert auch Gerbert keinen Zweifel. Sie paßten für ihre Zeit. Aber ſie ſind überholt durch die Ver - ordnungen der Konzilien und darum nur ſo weit verbindlich, wie ſie mit dieſen übereinſtimmen. Von ihnen gilt das Wort — Gerbert entnimmt es dem Erlaß über die anerkannten kirchlichen Schriftſtücke, der unter dem Namen des Gelaſius ging —: „ Prüfet alles, und das Gute behaltet. “ Gelaſius war einer der Kronzeugen für den römiſchen Primat, darum war es ein ſchlauer Griff, gerade ihn gegen die römiſchen Anſprüche auf - treten zu laſſen. Jn derſelben Weiſe wird noch eine zweite römiſche Autorität gegen Rom ins Feld geführt. Eine Verfügung des Papſtes, ſagt Gerbert, die dem Recht widerſpricht, bindet nicht, wie Papſt Leo geſagt hat: „ Das Vorrecht des Petrus gilt nicht, wo nicht nach ſeiner Gerechtigkeit geurteilt wird. “ Das wird in Anwendung auf den vor - liegenden Fall ausgeführt, um den Schluß zu begründen: Arnulf iſt mit Recht verurteilt gemäß den Geſetzen der Evangelien, Apoſtel, Propheten und Konzilien und den mit dieſen übereinſtimmenden Erlaſſen römiſcher Biſchöfe. Mit einer Wendung von äußerſter Schärfe gegen das Rom ſeiner Zeit ſchließt das Schreiben. Bisher, ſo heißt es da, wurde Rom für die Mutter aller Kirchen gehalten, aber es flucht den Guten, ſegnet die Böſen und hält Gemeinſchaft mit denen, die man nicht grüßen ſoll. Es verdammt, die für Chriſti Geſetz eifern, und miß - braucht ſeine Binde - und Löſegewalt. Denn Chriſtus fragt nicht nach241Päpſtliche und biſchöfliche Bußgewaltdem Urteil der Biſchöfe, ſondern nach dem Tun der Schuldigen, und keinem Menſchen ſteht es zu, den Gottloſen zu rechtfertigen und den Gerechten zu verdammen. Solche Worte ſcheinen ein Bekenntnis zu ſein, wie es klarer und überzeugter nicht zu verlangen wäre. Und doch hat derſelbe Gerbert den Standpunkt, den er hier einnimmt, wenige Jahre ſpäter, als er Papſt Silveſter II. geworden war, nicht behauptet. Unter den Gründen für die Begnadigung ſeines ehemaligen Gegners beruft er ſich ganz im Geiſte Pſeudoiſidors, aber ohne Stütze im alten Recht der Kirche darauf, daß Arnulfs Abdankung — um eine ſolche handelte es ſich ja der Form nach — der Zuſtimmung Roms entbehrt habe. Alſo nicht einmal ein Gerbert hatte in dieſem Punkte eine uner - ſchütterliche Überzeugung. Wenn das am grünen Holz geſchah, darf man von Geringeren eine klare, folgerichtige Stellung nicht erwarten.
Unklarheit beſtand auch auf dem Gebiet, auf dem man dem apoſtoli - ſchen Stuhl am wenigſten ſein Vorrecht grundſätzlich beſtritt. Daß der Papſt befugt ſei, reuigen Sündern aus der ganzen Welt gegen ange - meſſene Buße Losſprechung zu erteilen, hat niemand geleugnet. Man billigte ihm in dieſer Hinſicht ſogar mehr zu als andern. So verſtand man das angebliche Herrenwort zu Petrus vom Binden und Löſen: die Vollmacht ſeines Stuhles reichte weiter, ihm traute man tiefere Einſicht und ſichereres Urteil zu. Biſchöfe, die ſich ſelbſt die Entſchei - dung über ſchwere Verbrechen nicht zutrauten, pflegten die Schuldigen nach Rom zu ſchicken, des Papſtes Spruch galt als Urteil der ganzen Kirche. Aber in der Ausübung dieſes Rechts ergaben ſich Reibungen und Widerſprüche, die zu Beſchlüſſen führten, die ſich ſeiner Aufhebung näher - ten. Es kam vor, daß Schuldige ſich der Buße, die ihr Biſchof ihnen auferlegte, zu entziehen ſuchten, indem ſie ſich nach Rom wandten, und daß der Papſt, ohne nähere Kenntnis der Umſtände, das Urteil des Biſchofs durchkreuzte. Das hat im Jahr 1023 zu einem ſcharfen Zu - ſammenſtoß zwiſchen Rom und der deutſchen Kirche geführt. Den Anlaß hatte die Gräfin von Hammerſtein gegeben, die die Scheidung ihrer Ehe durch ein deutſches Gericht — Kaiſer Heinrich II. hatte ſie betrieben — nicht anerkannte, dafür aus der Kirche ausgeſchloſſen, aber in Rom wie - der aufgenommen wurde. Hierdurch fühlten die Biſchöfe der Mainzer Provinz ſich herausgefordert und erließen auf einer Synode in Seligen - ſtadt ein allgemeines Verbot, daß jemand ohne Erlaubnis ſeines Biſchofs, und ohne die auferlegte Buße geleiſtet zu haben, ſich nach Rom wende. Haller, Das Papſttum II1 16242Päpſtliche und biſchöfliche BußgewaltAuf andere Art erlangte Losſprechungen ſollten ungültig ſein. Das war ſelbſt Benedikt VIII., trotz aller Rückſicht auf den Kaiſer, zu ſtark, er ſchritt gegen den Mainzer Erzbiſchof ein, aber nur mit einer halben Maßregel: er entzog ihm das Pallium. Da bekam er aber von den Mainzer Suffraganen eine deutliche Antwort. Entſchloſſen traten ſie hinter ihren Erzbiſchof, erinnerten den Papſt daran, daß ſeine eigenen Vertreter zuerſt gegen die unerlaubte Ehe eingeſchritten ſeien, und mahnten ihn, „ an ſeine Würde zu denken “. Benedikt hat das gehar - niſchte Schreiben wahrſcheinlich nicht mehr erhalten, jedenfalls nicht beantwortet, und ſein Nachfolger ließ es dabei bewenden.
Wenige Jahre ſpäter gaben zwei ähnliche Fälle einer aquitaniſchen Synode Gelegenheit zu grundſätzlichen Beſchlüſſen. Der Graf der Auvergne, von ſeinem Biſchof wegen Ehebruchs ausgeſchloſſen, hatte ſich in Rom Losſprechung geholt. Auf des Biſchofs Beſchwerde ant - wortete Johannes XIX. mit halben Entſchuldigungen und nahm die Verfügung zurück. Der Biſchof von Angoulême ferner hatte einen Ausgeſchloſſenen, der ſich auf römiſche Losſprechung berief, zurück - gewieſen. Das Konzil wollte zwar die Befugnis des Papſtes nicht an - zweifeln: ihm ſtehe es frei, wenn der Biſchof ſelbſt einen Büßer nach Rom ſchicke, die Strafe zu beſtätigen, zu mildern oder zu verſchärfen, aber ohne Wiſſen ſeines Biſchofs dürfe niemand ſich in Rom los - ſprechen laſſen. „ Die römiſchen Päpſte ſollen die Urteile der Biſchöfe bekräftigen, nicht zerſtören, denn ſo wie die Glieder ihrem Haupte folgen müſſen, ſo iſt es auch nötig, daß das Haupt die Glieder nicht kränke. “ Man ſieht: bei aller grundſätzlichen Anerkennung des päpſtlichen Vor - rechts ſcheuen die Biſchöfe ſich nicht, die Grenzen ſeiner Ausübung abzuſtecken. Solche Vorgänge laſſen es glaubhaft erſcheinen, wenn Gerbert, der ſpätere Silveſter II., einmal an den derzeitigen Papſt ſchreibt: „ Lege ich an den apoſtoliſchen Stuhl Berufung ein, ſo werde ich ausgelacht. “
Einen klaren Ausdruck der herrſchenden Auffaſſung vom Papſttum darf man von den gebräuchlichen Rechtsbüchern der Zeit erwarten, deren es nicht wenige gibt. Daß die Geſetze der alten Kirche, im ſechſten bis achten Jahrhundert geſammelt, den tatſächlichen Verhältniſſen nicht mehr genügten, hat man allenthalben empfunden und ſich wiederholt bemüht, dem Mangel durch neue Arbeiten abzuhelfen. Dabei iſt die243Kirchliche Rechtsbüchergewaltige Vermehrung des Stoffes, die in der Sammlung Pſeudo - iſidors vorlag, nicht verſchmäht, aber die Abſicht der Fälſchung, die Verfaſſung der Kirche zur unumſchränkten Monarchie des Papſtes um - zugeſtalten, nur ein einziges Mal aufgenommen worden von einem Un - bekannten, der dem Kreiſe des Anaſtaſius angehört zu haben ſcheint und jedenfalls deſſen Geſinnung geteilt hat. Von Pſeudoiſidor macht er den ausgiebigſten Gebrauch. Aber es iſt bezeichnend, daß ſein Werk, ge - wöhnlich nach der Widmung an den Erzbiſchof Anſelm von Mailand (882 ‒ 896) benannt, nur wenig bekannt geworden iſt und nachweislich keinen Einfluß geübt hat. Dagegen das verbreitetſte Buch dieſer Art, das „ Dekret “des Biſchofs Burchard von Worms, verfaßt zwiſchen 1008 und 1012, ſchöpft zwar auch aus den Fälſchungen des neunten Jahr - hunderts — etwa der ſiebente Teil des Stoffes iſt ihnen entnommen — aber ihren leitenden Gedanken eignet es ſich nicht an. Es wiederholt eine Anzahl von Satzungen über die Rechte des Papſtes — die Ein - ſetzung des Biſchofsamtes in der Perſon des Petrus, den Übergang ſeines Vorrangs auf den Biſchof von Rom, deſſen Stellung als Be - rufungsrichter für angeklagte Biſchöfe, die Notwendigkeit ſeiner Teil - nahme bei Verſammlung einer allgemeinen Synode, ja ſogar die Be - hauptung, daß nur mit ſeiner Ermächtigung ein Biſchof verurteilt werden könne — aber dieſe Sätze ſind nirgends zuſammengefaßt. Über das ganze Buch zerſtreut, kommen ſie in ihrer Tragweite gar nicht zur Wir - kung, ja ſie verſchwinden unter der Maſſe völlig anders gearteter Be - ſtimmungen. Wohl führt der erſte Teil den Titel „ Vom Primat der Kirche “, doch iſt damit nicht der römiſche Primat über die Kirche ge - meint, ſondern die Stellung der Kirche ſelbſt, die auf den Biſchöfen ruht. Burchard teilt durchaus die Anſchauung, die einmal in einer Er - klärung franzöſiſcher Biſchöfe hundert Jahre früher zum Ausdruck kam: „ Die Kirche beſteht aus den Biſchöfen und Prieſtern, denen das Volk Gottes anvertraut iſt, und ruht auf ihnen, wie ein Haus auf ſeinen Säulen. “ Der Papſt tritt dem gegenüber ganz zurück, er iſt nicht der allzeit tätige, überall wirkende, unentbehrliche Regent, ſondern gleichſam nur ein letzter Rückhalt, an den man ſich wendet, wenn andere verſagen, der aber im gewöhnlichen Leben der Kirche ſich nicht bemerkbar macht. Burchards Werk iſt das maßgebende Rechtsbuch der Zeit, überall ver - breitet, allgemein gebraucht. Das konnte es werden, weil es ſowohl den Bedürfniſſen wie den Anſichten der Zeitgenoſſen aufs beſte entſprach. 244Kirche und StaatsgewaltAuch die herrſchende Anſchauung vom Papſttum und ſeinen Rechten ſpiegelt ſich darin wider. Mit den Tatſachen, wie wir ſie kennengelernt haben, ſtimmt ſeine Lehre durchaus überein, ſie ſtellt das Papſttum dar, wie die Zeitgenoſſen im allgemeinen es geſehen haben.
Das Bild iſt ungeklärt und nicht einheitlich. Auf der einen Seite nimmt man den Papſt faſt täglich als ſelbſtändige Rechtsquelle, recht - ſetzend und rechtwandelnd, in Anſpruch, auf der andern ſtellt man ihn unter das überlieferte Recht der Kirche und will ſich ihm nur ſo weit beugen, wie er durch geiſtige und ſittliche Überlegenheit Anſehen ver - dient. Religiöſe Auffaſſung einerſeits, der römiſchen Welt unbekannt, geſchaffen durch die Bekehrung der Germanen, und kirchliches Ver - faſſungsrecht andererſeits, ererbt aus dem Zeitalter der römiſchen Reichs - kirche, gehen nebeneinander einher in unausgeglichenem Widerſpruch. Die Fälſchungen Pſeudoiſidors, die, folgerichtig angewandt, die über - lieferte Ordnung der Kirche ſprengen müßten, ſind nicht vergeſſen, man kennt ſie überall, in Frankreich, Deutſchland und Jtalien. Aber ſie dringen nicht durch, vermögen das Beſtehende nicht zu ändern. Die Kirche bleibt in ihrer Rechtsordnung, wie ſie aus dem römiſchen Reich hervorgegangen iſt.
Sie bleibt es auch im Verhältnis zum Staat, deſſen eine weſentliche Hälfte ſie bildet. Jhre Verſchmelzung mit ihm iſt enger denn je, ſeit in allen weſtlichen Ländern der hohe Adel der Grundherren den Beamten - ſtaat verdrängt hat und Bistümer und Klöſter die größten und reichſten Grundherrſchaften geworden ſind. Seitdem iſt in der Kirche und über die Kirchen die weltliche Gewalt zum Herrn geworden, ihr Wille ent - ſcheidet. Jhr iſt auch das Papſttum dienſtbar. Äußerlich betrachtet hat das zur Erweiterung ſeiner Machtbefugniſſe im Sinne Pſeudoiſidors gedient, ſind es doch vor allem die Könige, die um ihrer Zwecke willen die Päpſte zu Eingriffen in die Verhältniſſe der Landeskirchen und zu immer neuen Überſchreitungen der Grenzen veranlaſſen, die ihnen die geſchichtliche Verfaſſung der Kirche zog. Aber der Gewinn iſt nur ſcheinbar, denn vom Willen des Herrſchers hängt es ab, ob das Wort des Papſtes gehört wird oder nicht, und der ſcheinbare Machtzuwachs iſt in Wirklichkeit nur der handgreiflichſte Beweis der Abhängigkeit und Dienſtbarkeit.
Hätte die Entwicklung ſich auf der Linie weiter bewegt, die ſie ſeit dem Ende des neunten Jahrhunderts eingeſchlagen hatte, ſo ſpricht245Ausſichten des Papſttumsalles dafür, daß die Geſchichte des Papſttums von weiterem Nieder - gang bis zu völliger Bedeutungsloſigkeit zu erzählen haben würde. So wie es unter der nominellen Oberhoheit der deutſchen Kaiſer und der tatſächlichen Herrſchaft römiſcher Adelsgeſchlechter geworden war, hätte es im Anſehen der Welt nur noch mehr verlieren können. Die voraus - zuſehende Vermehrung römiſcher Gnadenverleihungen hätte das nicht aufgehalten, eher wohl zu einer Entwertung ſolcher Sonderrechte ge - führt und damit der Geltung Roms weiteren Abbruch getan.
Es iſt anders gekommen. Eine neue religiös-kirchliche Bewegung im Verein mit einem Wandel in der Politik des Kaiſertums haben die Stellung des Papſttums in Kirche und Welt von Grund aus verändert und ihm die Bahn auf die Höhe glanzvoller Macht und größter ge - ſchichtlicher Bedeutung geöffnet.
Seit Jahrhunderten bekannten ſich die neuen Völker, die den Weſten beherrſchten, Angelſachſen, Franken und Langobarden, zum Chriſten - tum, aber wie viel fehlte daran, daß ſie von ihm innerlich durchdrungen geweſen wären, ja daß ſie es nur begriffen hätten! Einen Anlauf zu geiſtiger Vertiefung und ſittlicher Veredlung hatte das Zeitalter Karls des Großen und Ludwigs I. gebracht, manche Saat war damals aus - geſtreut worden und die Frucht nicht ausgeblieben. Trotz wachſender Ungunſt der Verhältniſſe konnte man ſie unter Karl dem Kahlen und Ludwig dem Deutſchen ſich entwickeln ſehen. Dann aber hatte das eherne Zeitalter der Bürgerkriege, der Normannen - und Ungarnnot die Anfänge zerſtört. Wie ein einſamer Baum ragt aus dem Sumpf einer ſtockenden Geiſtesentwicklung die Geſtalt Gerbert-Silveſters, des ein - zigen, von dem die Literaturgeſchichte eines ganzen Jahrhunderts nähere Kenntnis zu nehmen Anlaß hat. Nicht beſſer, ja noch ſchlimmer ſtand es auf dem Gebiet der Sitte, da ging ſogar verloren, was ſchon gewonnen war. Der Kampf, den Karl der Große geführt hatte, um ſeine Völker an die Ordnung des Rechtsſtaats zu gewöhnen, war erfolglos geblieben und aufgegeben, Selbſthilfe in allen Formen, Fehde und Blutrache be - haupteten das Feld als das natürliche Recht des Freien. Stets erneuter Erbſtreit, mit den Waffen ausgefochten, ſchuf einen Dauerzuſtand, bei dem der Friede zum Wunſchtraum ward, und wie wenig unterſchieden ſich davon die Kriege der Könige!
Von dem Schickſal der Geſellſchaft konnten Kirche und Geiſtlichkeit ſich nicht losſagen, wie der Staat ſo waren auch ſie ihrem Weſen und247Kirche und Staat in den romaniſch-germaniſchen Reichenihrer Aufgabe entfremdet. Jeremiaden von Bußpredigern ſind ſtets der Übertreibung verdächtig, hier aber beſtätigen die Tatſachen in vollem Chor die Anklage, die von einzelnen Stimmen gegen die eigene Zeit erhoben wird. Daß es damals wie zu allen Zeiten neben vielen Böſen auch Gute gegeben habe, wird niemand beſtreiten, dem Schatten hat auch Licht gegenübergeſtanden. Aber die Seite, die ſich dem Beſchauer zukehrt, iſt die finſtere. Wir ſprechen nicht von Einzelnen und ihrem Tun, die allgemeinen Zuſtände, die Grundſätze und leitenden Vor - ſtellungen ſind es, die bewirken, daß Kirche und Geiſtlichkeit ſich von der umgebenden Welt nur wenig abheben.
Aus dem römiſchen Reich war die Kirche hervorgegangen, von ihm hatte ſie ihre Geſtalt erhalten. Sie war — wir haben es mehrfach bemerkt — ein Teil des Staates und vom Staat abhängig, ihm ver - dankte ſie ihre Rechte. Auch ihre Lebensformen ſtammten aus Ver - hältniſſen der ſpätrömiſchen Zeit, waren dieſen gemäß. Mit beidem, äußerer Stellung und innerer Ordnung, hatten die germaniſch-romani - ſchen Reiche ſie übernommen als römiſches Erbe, aber ſie hatten beides ihrer Art gemäß umgeſtaltet. Auch für ſie war die Kirche ein Stück des Staates, ſie war es noch viel mehr als früher. Auf den perſönlichen und ſachlichen Leiſtungen der Geiſtlichkeit ruhte zu einem weſentlichen Teil der Staat, Biſchöfe und Prieſter waren dem Herrſcher unentbehr - lich als Ratgeber und Werkzeuge, aus den Einkünften der Kirche wurden große Teile der Staatsausgaben beſtritten. Das war mehr und anderes, als die römiſche Zeit gekannt hatte, und neu war vollends der Rechts - begriff, auf den das Verhältnis ſich gründete. Nach wie vor galten die Satzungen, die die Kirche ſich einſt gegeben hatte, als Richtſchnur für ihr inneres Leben, aber in weſentlichen Stücken wurden ſie ſtillſchweigend außer acht gelaſſen, weil die Vorſtellungen, aus denen man ſie einſt abgeleitet hatte, den neuen Völkern fremd und gleichgültig waren.
Schon das ſpätrömiſche Reich kannte die Einrichtung, daß der Edel - mann auf ſeinem Grund und Boden, bei ſeinem Herrenhaus eine Kirche errichtete, die ihm gehörte, über die er, nicht der Gemeindebiſchof, ver - fügte, deren Prieſter ſein Diener war. Römiſchen, nicht erſt germani - ſchen Urſprungs iſt das, was man gemeinhin Eigenkirche nennt und beſſer Privatkirche nennen ſollte. Sie fanden die Germanen vor, als ſie auf römiſchem Boden ihre Reiche gründeten und katholiſche, das heißt römiſche Chriſten wurden. Aber in ihren Händen wurde etwas anderes248Verbreitung der Eigenkirchendaraus. Was bisher eine wenn auch häufige Ausnahme geweſen war, wurde jetzt zur Regel, zum herrſchenden Grundſatz, ſchließlich auf die öffentlichen Kirchen, die Bistümer ſelbſt übertragen. Wenn ſchon im ehemals römiſchen altkirchlichen Land die Zahl der Privatkirchen an - ſchwoll, ſeit das Staatsgebiet immer mehr in eine Summe von Grund - herrſchaften ſich auflöſte, ſo mußte vollends dort, wo das Chriſtentum neu eingeführt wurde, wie in England und Deutſchland, die Eigenkirche zur vorherrſchenden Einrichtung werden. Überall waren es die reichen und mächtigen Herren, die durch ihren Übertritt den Sieg des neuen Glaubens entſchieden. Sie gaben für die zu errichtenden Kirchen und deren Ausſtattung das Land her. Die neuen Kirchen waren alſo ihre Kirchen und die Prieſter, die ſie verſahen, ihre Diener. Ebenſo und erſt recht bei den Klöſtern. Vom König oder einem reichen Herrn auf ſeinem Boden geſtiftet, ſtanden ſie von Anfang an dem Biſchof unabhängiger gegenüber, gehörten dafür aber um ſo mehr dem Stifter und ſeinen Erben. Das Kloſter iſt in der Regel Eigenkloſter. Hatte man ſich nun daran gewöhnt, daß die Kirche einen Herrn habe, ſo gehörte nicht viel dazu, auch die Biſchofskirchen in das gleiche Verhältnis zu bringen. Sie ſtanden auf öffentlichem Boden, als deſſen Eigentümer der Träger der öffentlichen Gewalt, der König, ſich betrachtete, auch wenn er nicht, wie bei den Neugründungen in Deutſchland, den Grund und Boden dazu hergegeben hatte. Er war folglich der Herr, der über ſie verfügen konnte ſo gut wie jeder Edelmann über ſeine Privatkirchen. Wie dieſer den Pfarrer ſeines Gutes, den Abt ſeines Kloſters, ſo ſetzte der König den Biſchof ein. Und nicht nur der König übte dieſes Recht. Bei der Zerſplitterung des Staates in feudale Herrſchaften waren ſeine Befug - niſſe auf örtliche Magnaren übergegangen, und mit andern Königs - rechten übten Herzöge, Grafen, Vizgrafen die Beſetzung der Bistümer ihres Bezirks. So völlig war dies Verfahren in das Rechtsbewußtſein der Zeit übergegangen, daß der Brauch ſich einbürgern konnte, dem Biſchof die Abzeichen ſeines geiſtlichen Amtes, Ring und Stab, durch den weltlichen Bistumsherrn als Zeichen der Einſetzung übergeben zu laſſen. Wie ein Vaſſall ſein Lehen empfing der Biſchof ſeine Würde durch Jnveſtitur, Einkleidung mit den entſprechenden Sinnbildern, aus der Hand eines weltlichen Herrn. Wenn gemäß altkirchlichem Recht daneben eine Wahl durch Geiſtlichkeit und Volk ſtattfand — vielen Kirchen war ſie durch Privileg ausdrücklich verbrieft — ſo249Reichtum der Kirchenhing es doch ſtets vom Herrſcher ab, ob er ſie achten, den Gewählten inveſtieren, in ſein Amt einſetzen wollte. Nicht viel mehr bedeutete tat - ſächlich das Wahlrecht, als daß die Gemeinde Gelegenheit hatte, Wünſche zu äußern, deren Erfüllung vom Herrn abhing. Mit ihm zu ſtreiten, hatte für die Wähler ſelten einen Sinn, in der Regel taten ſie klüger, ſich von ihm ſagen zu laſſen, wen ſie wählen ſollten. Es war dasſelbe Verfahren, das wir bei der Beſetzung des päpſtlichen Stuhles zuerſt die Stadtherren, Tuskulaner wie Crescentier, ſpäter die deutſchen Kaiſer üben ſahen. Jm ganzen Abendland war es allgemeine Gewohn - heit und ſomit nach den Vorſtellungen der Zeit unbeſtreitbares Recht. Der altkirchlichen Vorſchrift glaubte man zu genügen, wenn der Form halber vor der Jnveſtitur, mitunter auch erſt nach ihr, eine Wahlhand - lung vorgenommen wurde.
Mit jeder Kirche, jedem Kloſter waren Beſitz und Einkünfte ver - bunden. Die geiſtliche Anſtalt, auch die kleinſte, war zugleich ein Wirt - ſchaftskörper und oft ein ſolcher von gewaltigem Vermögen. Dafür hatte der religiöſe Eifer der Bekehrungszeit mit der Fülle der Schen - kungen geſorgt. Um die Mitte des ſechſten Jahrhunderts, als in Kon - ſtantinopel um Glaubensformeln geſtritten wurde, erklärte ein abend - ländiſcher Beobachter die Gefügigkeit der Synode gegenüber Wünſchen des Kaiſers mit der Bemerkung, die griechiſchen Biſchöfe hätten reiche und üppige Kirchen, deren Einkünfte ſie nicht zwei Monate miſſen könnten, darum wagten ſie nicht, der Regierung zu widerſprechen. Was würde derſelbe Mann geſagt haben, hätte er die Stellung ſehen können, die ein halbes Jahrtauſend ſpäter die Biſchöfe und Äbte des Abend - landes mit ihren ausgedehnten Beſitzungen an Land und Leuten, ihren ritterlichen Vaſallen und Lehensträgern einnahmen, jeder ein kleines, mancher ein großes Fürſtentum regierend und deſſen Macht und Reich - tum genießend! Wenn ſchon zu allen Zeiten bei denen, die ſich dem Dienſt der Kirche weihen, neben innerem Beruf das Streben nach materieller Verſorgung eine Rolle ſpielt, hier bot das geiſtliche Amt dem Ehrgeiz, der Herrſchſucht und Genußſucht die ſtärkſten Lockungen. Sollten dieſe niederen Beweggründe nicht überwiegen, ſo bedurfte es ernſteſter Auffaſſung und gewiſſenhafteſter Handhabung von ſeiten derer, die zu verfügen hatten. Wie oft waren dieſe Eigenſchaften bei dem rauhen Waffenadel kriegeriſcher Zeiten zu finden?
Jn den Jrrtum, die Menſchen der romaniſch-germaniſchen Herren -250Ausnutzung der Kirchenſchicht des zehnten und elften Jahrhunderts alle im gleichen Bilde uns vorzuſtellen, werden wir nicht verfallen. Wir kennen manchen, der ſich durch fromme Geſinnung und Taten bei kirchlichen Richtern Lob ver - dient, manchen, der ſeine Kloſterſtiftung durch Unterſtellung unter die römiſche Schutzherrſchaft Sankt Peters gegen Mißbrauch zu ſchützen geſucht hat. Aber ſchon die beſondere Anerkennung, die das findet, ver - rät, daß es ſich um Ausnahmen handelt. Die Regel iſt das Gegenteil: der Herr behandelt ſeine Kirche etwa wie ein weltliches Lehen, er ſchätzt ſie nach ihrem wirtſchaftlichen Wert und nutzt ſie entſprechend aus. Er verfährt damit der Kirche gegenüber nicht anders als gegenüber dem Staat. Dem Germanen mit ſeinem mangelnden Staatsgefühl fehlt urſprünglich der Begriff des öffentlichen Amtes, er hat ihn auch von den Römern die längſte Zeit nicht zu lernen gewußt. Amt verwechſelt er mit Herrſchaft und macht aus der Ausübung amtlicher Pflichten den Genuß nutzbarer Herrenrechte. Aus dem verantwortlichen Grafenamt wird in ſeiner Hand die erbliche Grafenwürde mit entſprechender Herr - ſchaft aus eigenem Recht und zum eigenen Vorteil. Entwickeltes Staats - gefühl ſieht in den Einkünften des Amtes die Entſchädigung für übernom - mene Pflichten. Germaniſches Denken kehrt das Verhältnis um: die amtlichen Pflichten ſind die Laſt, die auf der Herrſchaft ruht und mit ihr übernommen werden muß wie die Hypothek mit dem Gut. Die Könige ſelbſt denken nicht anders: ſie vergeben die Ämter zu Lehen, das heißt zur Nutzung gegen Abgaben und Dienſt. Beide Teile, Ver - leiher wie Empfänger, ſehen im Amt das Wirtſchaftsobjekt und be - handeln es danach.
Dementſprechend wird mit den Kirchen verfahren. Auch hier ſtehen die geiſtlichen Amtspflichten in zweiter Linie, im Vordergrund ſteht der Beſitz, mag es ſich um die Widme einer Pfarrei handeln oder um das Stiftsgut eines Bistums oder Kloſters. Dieſen Beſitz vergibt der Herr der Kirche wie ein Lehen; wer ihn empfängt, hat die darauf ruhenden Amtspflichten zu erfüllen, er hat aber vor allem dem Herrn außer regel - mäßigen Dienſten und Abgaben vom laufenden Ertrag eine einmalige größere Zahlung zu leiſten. Auch die Kirche iſt in den germaniſch-romani - ſchen Staaten des zehnten und elften Jahrhunderts ein Wirtſchafts - objekt. Sie iſt es für den Empfänger nicht weniger als für den Verleiher. Aus ſeiner Kirche die Zinſen des angelegten Kapitals herauszuwirt - ſchaften, iſt das Beſtreben des Geiſtlichen, des Pfarrers wie des Biſchofs. 251Ausnutzung der KirchenDas kirchliche Amt iſt, wenn man es ſo anſieht, ein wirtſchaftliches Ge - ſchäft, mit dem gewiſſe geiſtliche Funktionen verbunden ſind.
Gegen Kauf und Verkauf von Weihen und Sakramenten, Kirchen und kirchlichen Würden hatte ſchon die alte Kirche zu kämpfen gehabt. Sie hatte für dieſen Unfug den Begriff der Simonie geſchaffen, ab - geleitet aus der Legende vom Zauberer Simon, der dem Apoſtel Petrus ſeine Geiſteskräfte habe abkaufen wollen. Gegen Simonie enthielt das alte Kirchenrecht ſcharfe Beſtimmungen, Papſt Gregor I. hatte gegen ſie geſchrieben, zahlreiche Synoden hatten ſie verboten, ſie galt als eines der ſchlimmſten Laſter und wurde oft der Ketzerei gleichgeſtellt. Schon die ſteten Wiederholungen lehren, daß die Wirkung ausblieb. Es ſieht aus, als hätte man ſich durch Verbot und Strafdrohung nicht getroffen gefühlt. War denn das Simonie, was in allen Ländern ſeit alters täglich geübt wurde? Gewohnheit bedeutete den Menſchen jener Zeit ſo viel wie Recht — konnte Unrecht ſein, was man als allgemeinen alten Brauch kannte? Was ihm entgegenſtand, waren kirchliche Geſetze, von Geiſtlichen für Geiſtliche erlaſſen, und mochte für ſie verpflichtend ſein, aber banden ſie den Laien? Mochte die Geiſtlichkeit ſich mit ihrem Recht abfinden, wie ſie konnte, den Laien ging das Kirchenrecht nichts an in einer Welt, wo jeder Stand nach eigenem Recht lebte. Wer alſo wollte ihm verbieten, mit dem Seinigen hauszuhalten? Die Kirche gehörte ihm, zwar nicht ſo, daß er ſie hätte zerſtören, ihr Gut einziehen oder anderweit verwenden dürfen, denn zum Gottesdienſt war ſie von ſeinen Vorfahren geſtiftet, und dieſem Zweck durfte er ſie nicht entfremden. Aber die Verwaltung des Vermögens ſtand ihm zu wie dem Familien - haupt die Verwaltung und der Genuß einer Familienſtiftung. Darin war er frei, ſofern der Zweck der Stiftung erfüllt wurde, und von ſeinem Ermeſſen hing es ab, in welchen Grenzen er ſein Recht ausüben wollte. Es war noch beſcheiden und war nicht ſelten, daß die Kirchen zur Ver - ſorgung von Töchtern, jüngeren Söhnen und Verwandten benutzt wurden. Herzog Richard von der Normandie, der Vater Wilhelms des Eroberers, gab das Erzbistum Rouen ſeinem Sohne und zwei Bis - tümer ſeinen Neffen. Ein Graf in der Bretagne ging weiter: er machte ſich ſelbſt zum Biſchof von Quimper. Nach ſeinem Tode kam das Bis - tum an den Sohn, der ſich verheiratete und ſeine Würde wiederum ſeinem Sohn vererbte. Da war man ſchon auf dem Wege zur Säku - lariſation. Es iſt auch kein ganz vereinzelter Fall, wenn ein Graf von252Geltendes RechtToulouſe ſeiner Gemahlin als Wittum die Einkünfte des Bistums Albi und der Abtei St. Gilles anwies. Dieſelbe Dame erhielt zum gleichen Zweck, als ſie ſpäter den Grafen von Barcelona heiratete, das Bistum Gerona. Auch König Heinrich I. von Frankreich ſcheute ſich nicht, zur Ausſtattung ſeiner Tochter die Abtei Corbie zu verwenden. Über die Bistümer ihres Landes verfügten die Grafen von Barcelona letztwillig zugunſten ihrer Erben wie über ihre Grafſchaften. An ſeinem grund - ſätzlichen Recht wird keiner dieſer Herren gezweifelt haben. Wurde ihnen doch ſogar von kirchlicher Seite beſtätigt, daß ſie die Vögte, die Vormünder ihrer Kirchen ſeien. Die Rechte des Vogtes aber gingen nach germaniſcher Auffaſſung ſehr weit. Da mochten die kirchlichen Kanones ſagen, was ſie wollten, ihnen war man als Laie keinen Ge - horſam ſchuldig — falls man ſie überhaupt kannte! Geſchriebenes Recht der Pfaffen und lebendige Gewohnheit der Laien gingen auseinander. Die Entſcheidung hing von den Laien ab, ſie waren die Herren und handelten, wie ſie es gewohnt waren.
Man darf dieſe Zuſtände nicht, wie es meiſt geſchieht, mit bequemen Schlagworten wie Verweltlichung, Entartung oder Verwilderung ab - tun, die nichts erklären. Erklärlich iſt das Bild, das das chriſtliche Abend - land in allen ſeinen Teilen durch Menſchenalter in auffallender Gleich - artigkeit bietet, nur unter der Vorausſetzung einer allgemein verbreiteten Denkweiſe, kraft deren die Herren glauben durften, in ihrem Recht zu ſein, wenn ſie mit den Kirchen verfuhren, wie ſie taten. Dieſes Recht wurde ihnen nicht einmal von der Kirche beſtritten. Gibt es ein ſtärkeres Zeugnis zu ihren Gunſten, als daß wir bis zum Jahr 1058 kaum eine Äußerung von kirchlicher Seite kennen, die das Recht der Herren an ihren Kirchen grundſätzlich leugnete? Nur gegen ſeinen Mißbrauch wendet man ſich, das Recht ſelbſt iſt unangefochten. Man kann daran nicht nachdrücklich genug erinnern: was in den Augen Späterer als unerträglicher Unfug erſchien, war zu ſeiner Zeit allgemein herrſchen - des, allgemein anerkanntes Recht.
So war es wirklich: mochten einzelne eine Ausnahme machen, indem ſie, den Mahnungen der Geiſtlichen gehorchend, auf ihre Rechte ver - zichteten, ſie blieben Ausnahmen, die man vielleicht bewunderte, die aber die große Menge nicht hindern konnten, an dem, was ſie als ihr Recht anſah, feſtzuhalten. Jn Frankreich und Deutſchland, in Jtalien und England ſehen wir Könige, Fürſten und Herren die Kirchen ganz253Geltendes Rechtunbefangen als Teile ihres ererbten Vermögens behandeln, die nicht als totes Kapital daliegen ſollen. Die Kapetinger in Frankreich unterſchieden ſich darin nicht von den Ottonen in Deutſchland. Von Kaiſer Konrad II. wußte jedermann, und ſein höfiſcher Biograph mußte es eingeſtehen, daß er ohne Zahlung nicht leicht ein Bistum hergab. Jn Jtalien ſollen nach einem zeitgenöſſiſchen Zeugnis um die Mitte des elften Jahr - hunderts alle Biſchöfe ihre Würde gekauft haben, was nicht allzuſehr übertrieben ſein kann, da ſpäter, wie wir noch ſehen werden, die ſtrenge Durchführung der Strafvorſchriften ſich als unmöglich herausſtellen ſollte. An einzelnen Beiſpielen, die das Verfahren beleuchten, fehlt es nicht. Jn Narbonne vergaben Graf und Vizgraf im Jahr 1016 das Erz - bistum für 100000 Goldſchillinge an den Meiſtbietenden und teilten ſich in die Summe. Albi koſtete, als es 1038 bei Lebzeiten des Biſchofs verkauft wurde, 5000 Schillinge. Jn Laon borgte 1052 der König von England dem Bewerber die erforderliche Summe, in Regensburg ver - wandte 972 der Biſchof den Kirchenſchatz, um ſeinem Neffen die Nach - folge zu ſichern.
Von feſten Taxen für die Bistümer iſt nichts bekannt, die Forde - rungen werden ſich nach den Umſtänden und nach dem Angebot gerichtet haben. Einen Anhalt gibt es immerhin, daß der Sitz von Florenz um die Mitte des elften Jahrhunderts 3000 Pfund gekoſtet haben ſoll. Der Graf von Cerdaña erwarb das Erzbistum Narbonne für ſeinen zehnjährigen Sohn um 100000 Schillinge und dieſer nachher um die gleiche Summe für ſeinen Bruder das Bistum Urgel.
Weniger hören wir von der niederen Geiſtlichkeit, aber es ſpricht doch laut genug, wenn in einem Geſetz König Alfreds des Großen von Eng - land ohne weiteres als Regel vorausgeſetzt wird, daß der Pfarrer ſeine Kirche gekauft hat. Jrren wir nicht, ſo hat in Deutſchland die Abgabe, die für den Empfang der Pfarre an den Herrn zu zahlen war, unter dem Namen des Kirchenſatzes noch fortbeſtanden, als das Eigentumsrecht längſt zum bloßen Patronat ſich verflüchtigt hatte. Daß der Biſchof die Unkoſten ſeiner Einſetzung abzuwälzen ſuchte, indem er die Pfründen und Ämter ſeines Sprengels nicht umſonſt hergab, der Pfarrer aus dem gleichen Grunde darauf ſah, daß ihm ſeine Amtshandlungen nicht zu karg vergütet wurden, wird man nicht unnatürlich finden. Es war gewiß die Regel, wenn auch nicht viele es ſo toll getrieben haben mögen, wie jener Erzbiſchof von Sens in der Mitte des zehnten Jahrhunderts, von254Prieſterehedeſſen Handel mit Kirchen man noch nach mehr als 150 Jahren erzählte. So konnte ein Papſt — es war Nikolaus II. auf der römiſchen Synode des Jahres 1059 — in Bauſch und Bogen behaupten, die giftige Seuche der Simonie habe ſich ſo eingefreſſen, daß man kaum mehr eine Kirche finde, die von ihr nicht irgendwie angeſteckt ſei.
Die Auffaſſung, die ſich in dieſer Behandlung des kirchlichen Amtes ausſpricht, könnte nicht äußerlicher ſein. Was man von ſeinem Träger verlangte, war wenig. Um die Mitte des zehnten Jahrhunderts hat der gelehrte Biſchof Rather von Verona die Anforderungen zuſammen - geſtellt, die er an die Pfarrer ſeines Sprengels erhob, nämlich außer freier Geburt oder dem urkundlichen Nachweis der Freilaſſung nur Kenntnis des Glaubens, Verſtändnis der Meßgebete, Epiſteln und Evangelien, Beherrſchung der Riten von Taufe und Losſprechung und der hauptſächlichen Formen des Gottesdienſtes. So beſcheiden dieſe Anforderungen waren, ſie erregten doch allgemeine Empörung, und der Biſchof, der umſonſt den Papſt zu Hilfe rief, konnte ſich nicht halten. Wir ſehen alſo, was die Zeit ſich unter einem chriſtlichen Pfarrer vor - ſtellte: einen Mann, der gewiſſe Formeln in einer fremden Sprache herzuſagen und eine Reihe von geheimnisvollen Handlungen richtig zu vollziehen verſtand, aber ſich ſonſt vom übrigen Volke kaum unterſchied.
Auch nicht in dem Punkt, auf den die römiſche Kirche als auf ihren beſonderen Vorzug vor den Griechen ſo ſtolz war. Sie forderte vom Prieſter Eheloſigkeit und Enthaltſamkeit. Woher die Forderung ſtammte, was urſprünglich mit ihr gemeint war, können wir auf ſich beruhen laſſen; den germaniſchen Völkern iſt ſie unverſtändlich geweſen und lange Zeit geblieben, vielleicht das Unverſtändlichſte unter dem vielen Fremd - artigen, das ihnen mit der römiſchen Form des Chriſtentums zugemutet wurde. Daß es um die Erfüllung dieſer Pflicht nach Ort und Zeit ſehr verſchieden geſtanden hat, iſt bekannt und unbeſtritten. Von der Zeit, von der wir hier reden, muß man ſchon ſagen, daß die Forderung ſelbſt weithin nicht anerkannt wurde. Überall lebte ein großer Teil der Geiſt - lichen in geſetzlicher Ehe oder einem Verhältnis, das von einer ſolchen nicht zu unterſcheiden war und auch kaum unterſchieden wurde. Was darüber berichtet wird, erhält ſeine Beſtätigung durch die Schwierig - keiten, auf die ſpäter die Forderung ſtrenger Eheloſigkeit geſtoßen iſt. Aus Mailand hören wir, daß dort das Zölibat eine ſeltene Ausnahme ſei; alle Prieſter und Diakone hätten Frauen. Jn Bremen begnügte255Prieſtereheſich der Erzbiſchof, beweibten Prieſtern das Wohnen in der Stadt zu verbieten. Die Wirkung des Verbots muß ausgeblieben ſein, da es von zwei Nachfolgern wiederholt wurde. Es wird auch richtig ſein, was ein Biſchof des zehnten Jahrhunderts ſeinen Geiſtlichen vorhielt, ſie hätten alleſamt nach Empfang der Weihe und Antritt einer Pfarre nichts Eiligeres zu tun, als ſich eine Frau zu ſuchen, die ihr Leben teile. Um jene Zeit ſtieß Biſchof Rather von Verona auf unüberwindlichen Widerſtand, als er ſeine Geiſtlichen zur Eheloſigkeit zwingen wollte. Nicht immer waren die Biſchöfe befugt, in dieſem Punkt zum Rechten zu ſehen, Ehe oder Konkubinat kamen auch bei ihnen vor und Schlim - meres. Es iſt noch ſauber und entbehrt nicht eines gewiſſen Humors, wenn der Maler der Wandgemälde im Aachener Dom das italiſche Bistum ausſchlug, das Otto III. ihm zum Lohn anbot, weil der Landesherzog verlangte, daß er ſeine Tochter heirate. Regelrecht vermählt war Biſchof Hildebrand von Florenz (um 1020). Er ließ ſeine Frau im öffentlichen Gericht neben ſich ſitzen und das Wort ergreifen. Aus Rouen hören wir von zwei Erzbiſchöfen, die mehrere Söhne hinterließen. Über die Aus - ſchweifungen der franzöſiſchen Biſchöfe beklagte ſich Papſt Johan - nes XIX. beim König. Einem Biſchof von Piacenza wurde nachgeſagt, er ſei zuſtändiger, weibliche Reize als die Fähigkeiten eines Bewerbers um die Prieſterweihe zu beurteilen. Sein Amtsbruder von Fieſole be - gnügte ſich nicht mit einer „ gleichſam rechtmäßigen “Frau und deren zahlreichem Nachwuchs, er wird geſchildert als umgeben von einem Schwarm von Weibern. Das klaſſiſche Bild des weltlich leben - den Biſchofs, das Rather von Verona entwirft, die Kleiderpracht und üppige Tafel, das koſtbare Gerät, das luſtige Leben auf der Jagd mit Pferden und Hunden, daheim bei Spiel, Geſang und Tanz, die läſſige, teilnahmloſe und oberflächliche Erfüllung der Amtspflichten, der Ehr - geiz, an weltlichem Pomp ſogar den Königen es vorauszutun, das alles mag nur zu oft der Wirklichkeit entſprochen haben. Nicht einmal der Mönchsſtand entging dem allgemeinen Loſe. Vom Kloſter Farfa be - richtet ſein eigener Chroniſt, um 950 hätten die Mönche ganz offen mit ihren Mätreſſen gelebt.
Neben dem ſittlichen Makel hatte die Mißachtung des Zölibats für die Kirche die Gefahr, daß entweder das Amt ſich vererbte, oder die Jnhaber, wo ſie die Nachfolge nicht ihrer Familie ſichern konnten, ihr wenigſtens eine gute Ausſtattung zu geben ſuchten. Für das zweite ſind256Bedürfnis nach Reformdie Vorſchriften Zeuge, die das Abwandern von Kirchengut in die Hände von Prieſterſöhnen verhindern ſollen, vom erſten kennen wir ein Beiſpiel in der Familie des vorhin erwähnten Biſchofs von Fieſole, deſſen Vater der erſte Geiſtliche des Bistums geweſen war, das er ſeinem Sohn ver - ſchaffte. Jn der Bretagne begegnet uns ein Biſchof von Nantes, der das Bistum ſeinem Sohn übergibt, nachdem er die Einwilligung des Grafen erkauft hat. Jn Jtalien muß es förmlich Herkommen geweſen ſein, daß Prieſterſöhne ſich dem geiſtlichen Stande widmeten und die Familie fortpflanzten, und in England kam es nicht ſelten vor, daß eine Pfarre durch mehrere Geſchlechter vom Vater auf den Sohn überging. Bis in die Zeiten der Bekehrung läßt ſich gelegentlich ſolch eine Pfarrer - dynaſtie zurückverfolgen.
Man kann nicht behaupten, daß der Rechtsgedanke, auf dem dies alles beruhte, mit Weſen und Wohl der Kirche ſchlechthin unvereinbar ſei. Jn ſpäteren Zeiten hat er in der abgeſchwächten Form des Laien - patronats in proteſtantiſchen Ländern nicht gehindert, daß die Kirche ihre Aufgaben erfüllte. Aber die Zeiten ſind verſchieden und fordern Verſchiedenes. Jn den Jahrhunderten, von denen hier die Rede iſt, bedurfte die Geſellſchaft einer geiſtigen Macht, die über ihr ſtand, ihr die Gebote der Sittlichkeit mit Wort und Beiſpiel predigte und ſich ihres ſittlichen Richteramtes würdig zeigte. Die Kirche, wie ſie war, konnte das nicht ſein. Wo die Bistümer durch Dienſte bei Hof und im Felde erworben werden mußten, Klöſter, Stifter und Pfarren zur Aus - ſtattung von ledigen Töchtern, Dienern und jüngern Söhnen des Adels benutzt wurden, da konnte die Geiſtlichkeit, hoch und niedrig, ihrer idealen Aufgabe nicht genügen und die Kirche ihrer Sendung, eine geſunkene Welt zu beſſern und zu heben, nicht gerecht werden, weil ſie ſelbſt dieſer Welt angehörte.
Gegen die eigenen Gebrechen iſt keine Zeit ganz blind, und am wenig - ſten in der Kirche iſt die Selbſtkritik jemals erſtorben. Die anderthalb Jahrhunderte ſeit dem Zerfall des fränkiſchen Reiches machen darin keine Ausnahme, auch da hat es weder an Klagen über die vorhandenen Schäden noch an Beſtrebungen, ſie zu bekämpfen, gefehlt. Vor allem im Mönchtum war man darum bemüht, und das mit Erfolg. Hier hatte man ein einfaches, unwiderſprochenes Jdeal in Geſtalt der Regel Sankt Benedikts vor Augen, hier konnte man auch auf Unterſtützung bei den257Einfluß des MönchtumsLaien rechnen. Aufgabe der Klöſter war es ja, für das Seelenheil der Stifter und ihrer Nachkommen durch Gebet und Gottesdienſt zu ſorgen. Daß beides nicht vernachläſſigt werde und Gott wohlgefällig ſei, war Bedürfnis der Herren, ſie hatten alſo nichts dagegen, drangen wohl auch ſelbſt darauf, daß die Mönche ihre Pflicht taten und den Anforderungen ihres Standes genügten, damit ihre Stimme im Himmel gehört werde. So iſt denn die Zeit, von der wir reden, erfüllt wie kaum eine andere von Bemühungen um die Reform des Mönchtums. Von Biſchöfen und Königen, Fürſten und Herren wird ſie im ganzen Abendland betrieben und begünſtigt. Man möchte ſagen, es ſei ein herrſchendes Verlangen geweſen, daß, je wilder, unkirchlicher das übrige Leben war, deſto reiner und heiliger die Mönche ſeien, um durch ihr Verdienſt auszugleichen, was andere ſchuldig blieben.
Reformen im Mönchtum wurden ferner dadurch erleichtert, daß ſeine Lebensordnung — der Abt Herrſcher über die Mönche — außerordent - lichen Perſönlichkeiten zu ſtärkſter Wirkung verhilft. Eine Reihe großer Äbte hat die Zeit aufzuweiſen, deren Tätigkeit über das eigene Haus hinausgreift und ganze Familien reformierter Klöſter ſchafft. Burgund und Lothringen — Dijon, Metz, Verdun — ſind die bevor - zugte Heimat dieſer Bewegung, in der Cluny unbeſtritten die Führung hat. Jn Cluny iſt auch zuerſt der Gedanke entſtanden, die Klöſter, die man gegründet oder reformiert hatte, zu einer Körperſchaft unter feſter Leitung des Mutterhauſes, zu einem Orden zuſammenzufaſſen. Keiner dieſer mönchiſchen Reformatoren hat daran gedacht, ſeine Tätigkeit über die Schranken des Mönchtums hinauszutragen, alle haben ſie ſich damit begnügt, ihre Klöſter durch ſtrenge Beobachtung, auch Ver - ſchärfung der Regel zu dem zu machen, was ſie ſein ſollten. Der weitgehende Einfluß, den ſie auf Biſchöfe und Laien erſtrebten und er - langten, ſollte nur dazu dienen, die beſonderen Aufgaben ihres Standes zu fördern. Aber der Eindruck ihrer Perſönlichkeit in Wort und Tat konnte ſeine Wirkung auf die Umgebung nicht verfehlen. Sie muß un - gewöhnlich geweſen ſein. Seit der Mitte des zehnten Jahrhunderts, noch mehr ſeit dem Beginn des zweiten Jahrtauſends iſt eine Zunahme kirchlichen Sinnes allenthalben unverkennbar. Weltgeiſtliche und Laien, Biſchöfe, Fürſten und Herren bieten die Hand zur Kloſterreform, leihen den Führern der Bewegung ihr Ohr, räumen ihnen Einfluß ein. An den Fürſtenhöfen gehen zumal die Äbte von Cluny ein und aus, man ſucht ihreHaller, Das Papſttum II1 17258Gottesfrieden. — Heinrichs II. AbſichtenGunſt, überhäuft ſie mit Gaben aller Art, bemüht ſich um ihre Fürbitte. Das Anſehen Clunys ſpiegelt ſich in der Erzählung, ſogar ein Papſt, Benedikt VIII., ſei nur durch das Gebet des Abtes Odilo vor der Hölle bewahrt worden. Jn Deutſchland war es vor allem Kaiſer Heinrich II., der ſich die Kloſterreform mit Nachdruck und Erfolg zur Aufgabe machte.
Aber es gibt ein ſtärkeres Zeugnis für die Zunahme kirchlicher Denk - weiſe in Laienkreiſen: das Aufkommen des Gottesfriedens. Wenn Bi - ſchöfe mit oder ohne Teilnahme von Laien ſich zuſammenſchließen konnten, um für gewiſſe Zeiten die Ausübung des Fehderechts, ja das Waffentragen überhaupt zu verbieten und Zuwiderhandelnde mit Aus - ſchluß aus der Gemeinde zu bedrohen, ſo müſſen ſie ſich ihres überlegenen Einfluſſes bewußt geweſen ſein. Sie haben ſich nicht getäuſcht. Die Ent - wicklung, die der Gottesfriede nahm, von ſeinen erſten beſcheidenen An - fängen am Ende des zehnten Jahrhunderts bis um 1040, wo er als feſte Ordnung ganz Frankreich, Oberitalien und das burgundiſche Königreich zu erobern begann, und für die Zeit von Mittwoch abend bis Montag früh in dieſem geſamten Gebiet jede Waffenhandlung den ſchwerſten Kirchenſtrafen unterlag, hat vielleicht die Erwartungen über - troffen. Was die ſtaatlichen Mächte nicht erreichten, den Waffenadel zur Einſchränkung ſeines Rechts auf Selbſthilfe zu nötigen, das gelang der Kirche.
Einmal iſt in dieſen Jahrzehnten von einem Verſuch zu umfaſſender Beſſerung der kirchlichen Zuſtände geſprochen worden. Kaiſer Hein - rich II. war es, der den Plan faßte und den franzöſiſchen König Robert in perſönlicher Unterredung (1023) dafür gewann. Jn Pavia ſollte zu dieſem Zweck eine Synode unter dem Vorſitz des Papſtes und in Gegen - wart beider Herrſcher zuſammentreten. Es kam nicht dazu, da der Kaiſer ſchon im folgenden Jahre ſtarb. So wiſſen wir nicht, wie weit die Ab - ſichten gingen. Zweifellos würde das Gebot der Eheloſigkeit und Ent - haltſamkeit für die Prieſter aufs neue eingeſchärft worden ſein, wie das ſchon im Jahr vorher auf einer Synode in Pavia geſchehen war, zu der der Kaiſer, aus Rom heimkehrend, den Papſt mitgebracht hatte. Sieht man ſich freilich die dort gefaßten Beſchlüſſe und die Rede an, mit der Benedikt VIII. ſie begründete, ſo ſpringt der entſcheidende Beweg - grund in die Augen: das Kirchenvermögen ſoll gegen die Schmälerung geſchützt werden, der es durch die Heiraten der Prieſter ausgeſetzt iſt. Ob Heinrichs Abſichten weiter gingen, was er etwa ſonſt im Schilde259Konrad II. — Heinrichs III. Reformplangeführt haben mag, wiſſen wir nicht. Der Haltung, die er im allgemeinen gegenüber den Kirchen beobachtete, würde es entſprechen, wenn er ſich begnügt hätte, die beſtehenden Vorſchriften einzuſchärfen und Anord - nungen für ihre Beobachtung zu treffen, damit die Geiſtlichkeit, hoch und niedrig, nach Bildung und Geſittung ihrer Aufgabe gewachſen und durch ſorgſame Verwaltung ihrer Einkünfte in den Stand geſetzt ſei, die Dienſte zu leiſten, die der Staat von ihr forderte. Nach dieſen Geſichts - punkten hat er unter glücklicher Auswahl der Perſonen die deutſche Kirche regiert und ſchon damit eine merkliche Hebung ihres Zuſtands bewirkt. An eine Änderung des Rechts hat er ſicher ſo wenig wie ſonſt jemand zu ſeiner Zeit gedacht. Hätte ſeine Arbeit ſtetige Fortſetzung gefunden, ſo wäre für Deutſchland ein Bedürfnis nach tiefgreifenden Reformen kaum mehr empfunden worden. Aber ſein Nachfolger, Kon - rad II., der Kirche gegenüber mindeſtens gleichgültig geſinnt, ſah in ihr vor allem finanzielle Werte und Werkzeuge der Macht, behandelte ſie dementſprechend und wies Vorſtellungen, die man ihm deswegen machte, von der Hand. Er könne, ſagte er, anders das Reich nicht regieren. Jn Frankreich hatte der Thronwechſel 1025 einen ähnlichen Umſchlag gebracht, auf den kirchlich geſinnten König Robert war Heinrich I. gefolgt, der es Konrad in der Ausbeutung der Kirchen noch zuvortat, ſo daß ein eifernder Zeitgenoſſe ihn mit dem Schwanz des apokalyptiſchen Drachen verglich, der die Menge der Sterne, das heißt die Kirchen ſeines Reiches in die hölliſche Finſternis hinabziehe. Überall, in Deutſchland wie in Jtalien und Frankreich, und am meiſten, wenn wir den Berichten glauben dürfen, in Jtalien, waren Dinge an der Tagesordnung, die auf den nun ſchon geſchärften Sinn vieler Zeit - genoſſen verletzend, ja herausfordernd wirkten.
Da ſtarb Kaiſer Konrad am 4. Juni 1039, ſein Sohn Heinrich III. beſtieg den deutſchen Thron, und eine neue Zeit brach an. Heinrich war von der kirchlichen Strömung aufs tiefſte ergriffen, von ernſter, ſtrenger Frömmigkeit — den „ Mönch “nannte man ihn ſpottend — aber er war nicht weniger erfüllt von ſeiner königlichen Würde und ein Mann von ſtarkem Willen, zum Herrſchen entſchloſſen und befähigt. Wie er dachte, wollte er auch regieren, berechtigten kirchlichen Forderungen nicht nur für ſeine Perſon genugtun, ſondern ſie, ſoweit ſein Wille gebot, zur Anerkennung bringen. Einen Feldzug eröffnete er mit einer allgemeinen Bußübung, einen Sieg feierte er, indem er das ganze Heer vor einer260Heinrichs III. ReformplanReliquie knieend Gott danken ließ. Den Gottesfrieden, deſſen wohl - tätige Wirkungen er in Burgund kennengelernt hatte, wollte er wo - möglich übertreffen, predigte ſelbſt für den Frieden, gebot jedermann, den Feinden zu verzeihen, und ging mit dem Beiſpiel voran. Gewaltig war der Eindruck ſeines Auftretens, die Fehden verſchwanden für eine Weile, „ unerhörten Frieden “verzeichnete der ſtaunende Chroniſt, Karl der Große ſchien wiedergekehrt zu ſein. Vom jungen König durfte man er - warten, daß er der Reform ſeinen Arm leihen werde. Jn der Behand - lung der Kirchen ſpürte man ſogleich die neue Hand. Heinrich hatte zum Vater in offenem Gegenſatz geſtanden, ſein Verfahren rückhaltlos ge - tadelt. König geworden, machte er aus ſeiner Geſinnung noch weniger ein Hehl. Mit einem Schlage hörten die Zahlungen für Bistümer und Abteien auf, die „ Simonie “war vom deutſchen Hofe verbannt, das ſchlimmſte Ärgernis beſeitigt. Man hörte, daß er den Biſchöfen ihren Ämterhandel ſtrafend vorgehalten und die Fortſetzung ſtrengſtens ver - boten habe. Wenn es für Deutſchland, Burgund und Jtalien dauernd dabei blieb, konnte die übrige Welt dann anders als dem Beiſpiel folgen?
Auf ſie zu wirken, beſaß Heinrich ein Mittel, wenn er ſich in Rom zum Herrn von Stadt und Kirche machte. Das mußte ihm leicht fallen, die Kaiſerwürde wartete auf ihn. Seit mehr als zwei Menſchenaltern hatten nur deutſche Könige ſie erworben; ſchon fing man an, ihnen ein erbliches Recht auf ſie zuzuſchreiben. Und mehr als das. Lange Gewohn - heit hatte die Vorſtellung aufkommen laſſen, daß die Kronen von Deutſchland, Jtalien und Rom, zu denen ſeit kurzem (1034) auch die burgundiſche getreten war, untrennbar verbunden ſeien, daß die vier Reiche eine höhere Einheit bildeten, und daß in ihrer Vereinigung das römiſche Reich fortlebe. Ein römiſches Geſamtreich hatte ſchon Otto III. regieren wollen, aber, dem Namen getreu, von Rom aus. Jetzt ſah man in dem Reich des deutſchen Königs das römiſche, ſein Schwerpunkt lag in Deutſchland, und das Kaiſertum war gleichſam nur eine höhere Stufe des deutſchen Königtums. So eng und natürlich erſchien dieſe Verbindung, daß man anfing — eben unter Heinrich III. iſt es zuerſt vorgekommen — den deutſchen König, bevor er in Rom gekrönt war, zwar noch nicht Kaiſer, aber doch König der Römer zu nennen. Ein deutſches Reich, das ſich für das römiſche hielt, auf ſeinem Thron ein Herrſcher, der ſich perſönlich in den Dienſt der Kirche ſtellte — wenn der261Benedikt IX. ſeine Rechte geltend machte, ſeine Mittel gebrauchte, den Hebel an der richtigen Stelle anſetzte, den römiſchen Stuhl für den Plan gewann, das Anſehen und die geiſtige Macht des Papſttums in die Wagſchale warf, dann war die Reform geſichert, nicht nur für einzelne Länder und für begrenzte Zeit, ſondern für die ganze Kirche und für die Dauer. Kaiſer und Papſt im Verein mußten ihr in der ganzen Welt zum Siege verhelfen.
Wann Heinrich III. dieſen Plan gefaßt hat, wiſſen wir nicht. Seine erſten Jahre vergingen in angeſtrengten Bemühungen, die deutſche Vormacht im Oſten und die eigene Herrſchaft im Jnnern zu befeſtigen. Wiederholte Feldzüge nach Böhmen und Ungarn, ein Aufſtand des Herzogs Gotfried von Lothringen gaben ihm bis ins Jahr 1045 genug zu tun. Kaum aber waren dieſe Aufgaben gelöſt, ſo machte er ſich auf nach Jtalien. Wie ſtark es ihn dorthin zog, verriet er, als ihn im Herbſt 1046, nachdem er eben die Alpen überſchritten hatte, die Nachricht er - eilte, in Ungarn ſei die Ordnung, die er in drei ſchweren Feldzügen auf - gerichtet hatte, durch Aufſtand zerſtört, der König geſtürzt und ein blutiger Rückfall ins Heidentum im Gange. So bedenklich das klang, Heinrich ſetzte ſeinen Weg fort; ſein Ziel war Rom. Was er von dort gehört hatte, ſchien ihm ſein Eingreifen noch dringender zu fordern.
Die Herrſchaft der Tuskulaner in Rom ſtand wohl niemals ſehr feſt. Was es ſchließlich war, das ſie zu Fall brachte, wiſſen wir nicht. Daß die Unwürdigkeit Benedikts IX. daran ſchuld geweſen ſei, iſt nicht wahr - ſcheinlich. An ſchlechte Päpſte war man in Rom gewöhnt, und ob Bene - dikt ſchlechter war als andere vor ihm, iſt die Frage. Zwar hat ſchon ſeine Zeit nicht gut von ihm geſprochen, und die Nachwelt iſt darüber einig, in ihm den ſchwärzeſten Unhold zu ſehen, der je den Stuhl Sankt Peters verunziert habe. Wer aber fragt, worin denn ſeine Schuld be - ſtanden haben ſoll, erhält keine Antwort. Die Zeitgenoſſen reden nur in allgemeinen Wendungen von ſeiner Schlechtigkeit, beſondere Schand - taten, wie ſeinerzeit von Johannes XII., erwähnen ſie nicht. Das ver - ſtärkt die Vermutung, daß das Bedürfnis, ſeine Verdrängung nach - träglich zu rechtfertigen, die Farben zu ſeinem Bild geliefert habe. Wir hören von Willkür und Härte ſeines Stadtregiments, das dem Volk unerträglich geworden ſei. Aber auch das gibt kein klares Bild. Viel - leicht war es nur eine der herkömmlichen Spaltungen im Adel, vielleicht262Benedikt IX., Silveſter III., Gregor VI. wiederaufflammende Familienfehde, die im September 1044 zum er - folgreichen Aufſtand führte. Der Papſt, deſſen Leben bedroht war, flüchtete auf ſeine Burgen im Albanergebirge. Während nun in der Stadt ſeine Anhänger den Kampf mit wenig Glück fortſetzten, gelang es einer Seitenlinie der Crescentier, die in der Sabina herrſchte, den dortigen Biſchof als Silveſter III. zum Papſt zu erheben (Januar 1045). Deſſen Herrlichkeit war von kurzer Dauer, nach einigen Wochen ſchon erſchien Benedikt wieder im Feld, eroberte die Stadt und nötigte den Gegner zur Rückkehr in ſein früheres Bistum. Aber er wird gefühlt haben, daß er nicht der Mann ſei, der beſtehenden Spaltung Herr zu werden. Er war zum Rücktritt bereit, wenn ihm für die Unkoſten, die der Erwerb der päpſtlichen Würde verurſacht hatte, Entſchädigung gezahlt würde. Es fanden ſich auch wohlgeſinnte Leute, die darauf eingingen, an der Spitze ſein eigener Taufpate, Johannes Gratianus, Erzprieſter an der Kirche Sankt Johann vor dem Latiniſchen Tor, der für den frömm - ſten unter den römiſchen Geiſtlichen galt. Das Geld, 1000 Pfund Silber nach den einen, 1500, ja 2000 nach andern, gab ein getaufter Jude Baruch genannt Benedikt her, dem ſein Reichtum die Einheirat in den römiſchen Adel ermöglicht hatte. So kam das Geſchäft zuſtande: Benedikt IX. trat zurück, und Johannes Gratianus nahm als Gregor VI. am 1. Mai 1045 ſeinen Platz ein. Der Friede war wiederhergeſtellt und eine Geſundung der kirchlichen Verhältniſſe eingeleitet. Auf ſie war es bei der Erhebung Gregors VI. abgeſehen, und als Wiederbringer des goldenen Zeitalters der Apoſtel wurde der neue Papſt begrüßt. Er fand auch keinen Widerſpruch, in Jtalien, Deutſchland und Frankreich wurde er anerkannt, ließ man ſich von ihm Rechte und Beſitzungen be - ſtätigen. Nach den bisherigen Erfahrungen hatte man in Rom keinen Grund gehabt, nach der Stellung des künftigen Kaiſers zu dieſen Er - eigniſſen zu fragen. Daß ein einhellig erkorener, allſeitig anerkannter Papſt dem deutſchen König genehm ſein werde, wird man angenommen haben, zumal dieſer Papſt aus den Kreiſen der Reform hervorgegangen war. Darin aber täuſchte man ſich. Heinrich III. ſah die Dinge anders an. Ende Oktober 1046 war er in Pavia, der italiſchen Hauptſtadt, ein - gezogen, hatte hier mit den Biſchöfen Oberitaliens eine Synode abgehalten, an der außer den Deutſchen ſeines Gefolges auch zwei burgundiſche Erzbiſchöfe teilnahmen, und hatte dann ſeinen Weg nach Rom fortgeſetzt. Jn Piacenza ſtellte ſich ihm Gregor VI. vor, Heinrich263Heinrichs III. Eingreifen. Sutri und Romaber verſagte ihm die Anerkennung und verlangte Unterſuchung ſeines Anſpruchs.
Sie erfolgte am 20. Dezember 1046 in Sutri. Eine Synode, über deren Zuſammenſetzung nichts verlautet, kam unter dem Vorſitz des Kaiſers zu dem Urteil, daß Gregor ſowenig wie Silveſter einen An - ſpruch auf die päpſtliche Würde hätten. Der Abſchluß erfolgte drei Tage ſpäter in Rom. Hier wurde Benedikt IX., deſſen freiwilligen Rücktritt man nicht anerkannte, als unwürdig abgeſetzt und tags darauf die Neu - wahl vorgenommen. Sie fiel nach dem Willen des Kaiſers und dem Rat der ihn umgebenden deutſchen Biſchöfe — auch der zufällig an - weſende Abt Odilo von Cluny nahm zuſtimmend teil — auf Biſchof Swidger von Bamberg. Als Clemens II. empfing er die Weihe und vollzog am Weihnachtstag an Heinrich III. die Krönung zum römiſchen Kaiſer.
Es hat bald nicht an Stimmen gefehlt, die das Geſchehene als unbe - fugten Übergriff des weltlichen Herrſchers in die kirchliche Sphäre nicht anerkennen wollten. Gewiß mit Unrecht. Kein Anzeichen deutet darauf, daß die Form verletzt worden ſei. Biſchöfe hatten in Sutri und Rom die Urteile geſprochen, an deren Richtigkeit nach den Beſtimmungen des kirchlichen Rechts nicht gezweifelt werden konnte. Benedikt IX. hatte ſeine Würde durch Zahlung erlangt und gegen Zahlung abgetreten, war alſo in aller Form der Simonie ſchuldig, Silveſter III. ein offenbarer Eindringling, und auch bei Gregor VI. war der Makel ſimoniſtiſcher Machenſchaften nicht wegzuwiſchen, mochten ſeine Abſichten noch ſo gut geweſen ſein. Dürfen wir einer Überlieferung glauben, die aus ſeiner nächſten Umgebung zu ſtammen ſcheint, ſo hat er ſelbſt in Sutri ſeine Schuld eingeſtanden. Wollte man ſich aber darauf berufen, daß der Papſt auf Erden keinen Richter habe, ſo genügte der Hinweis auf die Abſetzung Johannes 'XII., abgeſehen von der poſtumen Verurteilung des Formoſus, zum Beweiſe, daß der erwähnte Satz keine unbedingte Geltung beanſpruchen könne. Wenn gleichwohl bei allem der Wille des Kaiſers entſcheidend geweſen war, ſo tat das der Rechtmäßigkeit der Beſchlüſſe keinen Eintrag. Heinrich hatte dafür geſorgt, daß in den vorgeſchriebenen Formen geſchah, was er wollte und das Recht forderte.
Das gilt auch von der Erhebung Clemens II. Auch bei ihr iſt die her - kömmliche Form beobachtet, ohne Widerſpruch iſt er von Geiſtlichkeit und Volk gewählt worden. Es geſchah allerdings nach dem Vorſchlag264Deutſches Papſttumdes Kaiſers, und der bedeutete in der gegebenen Lage ſoviel wie einen Be - fehl. Aber auch hier hatte Heinrich den Rechtsgewohnheiten der Zeit vor - ſorglich Rechnung getragen, indem er ſich vom römiſchen Volk zum Patri - tius erheben ließ, ausdrücklich mit der Befugnis, die Papſtwahl zu leiten. Was der Titel Patritius damals beſagte, wiſſen wir. Die Geſchichte des Wortes ſpiegelt einen mehr als tauſendjährigen Wandel ſtaatlich - geſellſchaftlicher Verhältniſſe. Aus dem urſprünglichen Namen einer Standesklaſſe war es zur Bezeichnung eines amtlichen, vom Kaiſer verliehenen Ranges geworden und bildete ſeit dem Verſchwinden der byzantiniſchen Herrſchaft den Titel des weltlichen Stadtherrn von Rom, der dort die kaiſerlichen Rechte ausübte. Pippin und Karl der Große hatten ihn geführt, Alberich und die Crescentier ſich ſeiner bedient. Daß jetzt der Kaiſer ihn ſich — und zugleich dem Sohn, den er künftig haben würde — übertragen ließ, bedeutete nichts anderes, als daß der deutſche König die Regierung der Stadt erblich an ſich nahm. Auszuüben gedachte er ſie wie die Stadtherren ſeit bald anderthalb Jahrhunderten, indem er befahl, wen Geiſtlichkeit und Gemeinde zum Papſt zu wählen hätten.
Daß er von ſeinem Recht Gebrauch machte, indem er die Wahl eines deutſchen Biſchofs veranlaßte, läßt uns einen Blick in ſeine weiteren Abſichten tun. Kirchliche Schriftſteller haben mitunter als Grund an - gegeben, die Geiſtlichkeit Roms, ganz von Simonie und Fleiſchesſünden beherrſcht, habe keinen geeigneten Träger des Amtes aufzuweiſen gehabt. Der Gedanke mag auch dem Kaiſer nicht fremd geweſen ſein. Die Re - form der Kirche, in erſter Linie der römiſchen Kirche, ließ für den Augen - blick einen Römer als Papſt ungeeignet erſcheinen. Aber der einzige Beweggrund kann das nicht geweſen ſein. Noch dreimal iſt Heinrich in die Lage gekommen, den Papſt zu benennen, und jedesmal hat er ſich für einen Deutſchen entſchieden, obwohl es mit der Zeit im römiſchen Klerus an tauglichen Bewerbern nicht fehlte. Nicht nur an die Kirche und ihre Reform hatte Heinrich zu denken, ihm war es ebenſoſehr um eine neue Geſtalt des Kaiſertums zu tun. Als Kaiſer wollte er Rom regieren, als deutſcher König konnte er dort ſeinen Sitz nicht nehmen. Er bedurfte eines Werkzeugs, durch das er von Deutſchland aus in Rom herrſchte. Wer anders konnte das ſein als der Papſt, der folglich ein Deutſcher ſein mußte. Dies iſt es, worin das Kaiſertum Heinrichs III. von dem ſeiner Vorgänger ſeit Otto I. ſich unterſcheidet. Dieſe hatten265Deutſches Papſttumſich — die kurze Unterbrechung unter Otto III. abgerechnet — damit begnügt, daß Rom ihre Oberhoheit anerkannte, die Regierung aber hatten ſie dem Adel und ſeinen Häuptern oder Kreaturen überlaſſen. Heinrich III. beſeitigte mit dem Syſtem der Adelspäpſte auch die Herr - ſchaft des Adels in der Stadt und ſetzte an ihre Stelle die eigene, die deutſche, ausgeübt durch einen deutſchen Papſt.
Übrigens wurde damit nur auf Rom und den Kirchenſtaat übertragen, was für das Königreich Jtalien ſchon in Geltung war. Von jeher hatte hier die königliche Regierung wie in Deutſchland auf den Biſchöfen geruht. Seit Otto III. waren die Könige mehr und mehr dazu über - gegangen, die Bistümer mit Deutſchen zu beſetzen, deren Ergebenheit ſie ſicher waren. Wenn nun auch auf dem römiſchen Stuhl ein Deutſcher ſaß, ſo war die deutſche Herrſchaft in Jtalien ſo feſt gegründet, wie man es in den damaligen Verhältniſſen fordern konnte, und damit zugleich die Einheit des Reiches, das ſich das römiſche nannte und in Wahrheit das deutſche war, in den Grenzen des Möglichen ſichtbar und wirkſam hergeſtellt. Daß der Einfluß des deutſchen Kaiſers jenſeits der eigenen Grenzen geſtärkt wurde, wenn ein deutſcher Papſt, vom Kaiſer erhoben und auf ihn als Rückhalt angewieſen, an der Spitze der Kirche des Abendlandes ſtand, verſteht ſich von ſelbſt, und daß die Reform der Kirche, von Rom aus betrieben, Gelegenheiten in Fülle bot, dieſen Einfluß geltend zu machen, wird Heinrich III. und ſeinen Beratern nicht ent - gangen ſein. Wenn man noch in Erinnerungen an das römiſche Welt - reich lebte, ausſichtsreicher konnte ſeine Erneuerung nicht erſtrebt werden, als wenn zwei Deutſche als Kaiſer und als Papſt vereint Reich und Kirche regierten und die ſtaatliche wie die geiſtige Führung des Abendlandes übernahmen.
Ohne Mühe hatte der Kaiſer ſeinen Willen durchgeſetzt. Die Dinge in Rom müſſen ſich in völliger Auflöſung befunden haben, ſo daß an Widerſtand niemand denken konnte. Darum war es auch unnötig, über die abgeſetzten Päpſte Strafen zu verhängen. Es wurde kein Fluch ausgeſprochen, keine Kerkerhaft befohlen, ganz zu ſchweigen von dem grauſamen Verfahren, das im gleichen Fall in früheren Zeiten an - gewandt worden war. Um für die Zukunft vorzuſorgen, ordnete Heinrich nur an, daß Gregor, der wohl am meiſten Anhang in der Stadt beſaß, ihn nach Deutſchland begleite. Zum Aufenthalt wurde ihm Köln an -266Unteritalien. Die Normannengewieſen, und hier iſt er ſchon vor Ablauf eines Jahres geſtorben. Sil - veſter war keiner Beachtung wert, und gegen Benedikt gebrauchte der Kaiſer ſeine militäriſche Überlegenheit. Er nahm einige Burgen der Tuskulaner, die Grafen unterwarfen ſich oder zogen ſich in ihre letzten Schlupfwinkel in den Albanerbergen zurück. Dann brach Heinrich nach Süden auf, um die Verhältniſſe Unteritaliens zu ordnen.
Hier hatte ſich ſeit dem mißglückten Feldzug Heinrichs II.*)Siehe oben S. 218 f. manches zugetragen. Zuerſt war es Capua geweſen, deſſen Fürſt Pandulf IV. erobernd um ſich griff, Gaeta und vorübergehend ſogar Neapel unter - warf und die ausgedehnte Herrſchaft des Kloſters Monte Caſſino ſich aneignete. Von dieſem herbeigerufen, hatte Kaiſer Konrad II. (1038) eingegriffen, Pandulf vertrieben und Capua dem Fürſten Waimar von Salerno übertragen, der nun ſeinerſeits die Rolle des Eroberers über - nahm, Gaeta und Amalfi unterwarf und ſich zur führenden Macht Süditaliens aufſchwang. Was ihm dazu verhalf, war militäriſche Überlegenheit. Er beſaß eine Truppe, mit der ſich nichts vergleichen ließ: Normannen. Mit dieſen war eine neue Größe aufgetreten, die, aus kleinen Anfängen zu immer bedeutenderer Macht anwachſend, mit der Zeit den Geſchicken ganz Südeuropas eine neue Wendung geben und in der Geſchichte des Papſttums eine entſcheidende Rolle ſpielen ſollte, ein letzter, ſpäter Nachſchub der großen Wanderbewegung ger - maniſcher Völker, die das römiſche Weltreich zerſchlagen und das Abendland neu geſtaltet hatte.
Jn den Jahren, als Meles den Aufſtand in Apulien gegen den griechiſchen Kaiſer führte, landete eine kleine Schar von Rittern aus der Normandie, von der Pilgerfahrt nach Paläſtina heimkehrend, in Salerno und ließ ſich vom dortigen Fürſten zum Kampf gegen die Sarazenen brauchen. Es waren Nachkommen jener nordiſchen See - fahrer, die einſt den Schrecken Weſteuropas gebildet hatten, ſeit 910 in Nordfrankreich angeſiedelt und dort zu Franzoſen geworden. Mit ihrer angeborenen Tapferkeit und Kampfluſt und der neuerlernten franzöſiſchen Kriegskunſt, dem Gefecht zu Pferde im Panzer und mit der Lanze in geſchloſſenen Einheiten, waren ſie jedem Gegner überlegen. Jhre Leiſtungen befriedigten ſo ſehr, und ihre eigenen Eindrücke waren ſo günſtig, daß die Normandie alsbald zum Truppenwerbeplatz für die Machthaber Unteritaliens wurde. Mit normänniſchen Rittern kämpfte267Unteritalien. Die Normannenauch Meles gegen die Griechen. Er erlag, die Normannen aber ließen ſich nicht abſchrecken. Jmmer neue Scharen zogen über die Alpen, um im Süden ihr Glück mit dem Schwert zu ſuchen. Sie dienten jedem, der ſie bezahlte, heute dieſem, morgen jenem Herrn, hielten weder Wort noch Eid und dachten allein an Kampf und Beute, „ habgierig und herrſchbegierig “, wie einer ihrer eigenen Geſchichtſchreiber, „ ein treu - loſes Volk und von unerſättlicher Habſucht “, wie der Chroniſt von Monte Caſſino ſie nennt. Mit ihrem wilden Benehmen wurden ſie die Plage des Landes, bald ſtellte man ſie den Ungläubigen gleich und belegte ſie mit dem Schimpfnamen der Sarazenen: Agarener, Söhne der Hagar. Aber den Fürſten waren ſie nützlich, und ſo konnten ſie ſich im Lande feſtſetzen. Jm Jahre 1030 erhielt als erſter einer ihrer Führer ein Gebiet im Neapolitaniſchen, wo er die Burg Averſa errichtete. Fürſt Waimar von Salerno bediente ſich ihrer ſeit 1041 mit beſtem Erfolg zu Eroberungen in Apulien. Drei griechiſche Heere ſchlugen ſie und nahmen zuletzt den feindlichen Feldherrn ſelbſt gefangen. Jhnen verdankte Waimar, daß er ſich — etwas vorſchnell — Herzog von Apulien und Calabrien nennen durfte. Er belohnte ſie durch Anweiſung von Landſchaften und Städten, unter ſeiner Oberhoheit entſtand die normänniſche Grafſchaft Apulien.
Dieſe Lage fand Heinrich III. vor: die griechiſche Macht im Zurück - weichen, Unteritalien im Begriff, ein einziges ſalernitaniſch-normänni - ſches Fürſtentum zu werden, nur Benevent und Neapel noch unab - hängig. Es war eine Gefahr ebenſo für das Reich wie für Rom und den Kirchenſtaat. Heinrich war ſtark genug, ihr zu begegnen. Er lud Waimar vor und zwang ihn, Capua herauszugeben, in das der abgeſetzte Pan - dulf zurückkehren durfte. Dann erſchienen vor ihm die Führer der Nor - mannen und empfingen aufs neue aus der Hand des Kaiſers, was ſie ſchon beſaßen. Als unmittelbare Lehnsträger des Reiches ſtanden ſie nun dem Fürſten von Salerno, ihrem bisherigen Herrn, gegenüber. Auch ausbreiten ſollten ſie ſich dürfen. Das Gebiet des Fürſten von Benevent, der dem Kaiſer die Unterwerfung verweigert hatte, wurde ihnen preis - gegeben. Die alte Zerſplitterung in viele kleinere Herrſchaften, die einander die Wage hielten und ſich gegeneinander benutzen ließen, war wiederhergeſtellt. Von Süden her, ſo durfte man annehmen, waren Reich und Kirchenſtaat nicht mehr bedroht. Unbeſorgt konnte der Kaiſer nach Deutſchland zurückkehren, begleitet von ſeinem Papſt.
268Clemens II. Damaſus II.Die Aufgabe, die Clemens II. geſtellt war, deutet der Name an, den er ſich wählte. Dieſe ganz ungewöhnliche Anknüpfung an einen ſagen - haften Vorgänger aus den früheſten Zeiten — einzig Gerbert-Silveſter bot dafür ein Beiſpiel — enthielt ein Programm: es hieß Rückkehr zu den Grundſätzen der großen Vergangenheit, der guten alten Zeit. Clemens II. hat keine Zeit gehabt, es zu erfüllen. Auf der Reiſe nach Deutſchland ſchwer erkrankt, iſt er am 9. Oktober 1047 in einem Kloſter bei Peſaro geſtorben. Was von ſeiner Amtsführung übrigblieb, war außer einigen Privilegien, die beweiſen, daß er auch außerhalb Deutſch - lands anerkannt wurde, eine Verfügung, die ſich nur auf den römi - ſchen Klerus bezog, aber die ungeheure Schwierigkeit der Reform ent - hüllte. Wer ſich wiſſentlich von einem Simoniſten hatte weihen laſſen, ſollte vierzig Tage lang Buße tun, aber ſein Amt behalten. Das ſtrenge Recht, wonach die Weihe eines Simoniſten ungültig ſein mußte, wagte der Papſt nicht in Kraft zu ſetzen.
Als Clemens tot war, zeigte ſich, daß die ſo ſchnell geglückte Unter - werfung Roms doch zu wünſchen übrig ließ. Während mit dem deutſchen Hof über die Nachfolge verhandelt und vom Kaiſer der Biſchof Poppo von Brixen dazu beſtimmt wurde, wagte ſich Benedikt IX. hervor und nahm ſeinen Sitz wieder ein. Der Markgraf Bonifaz von Toskana aber, der Poppo den Weg nach Rom bahnen ſollte, verſagte ſich. Seit der Auflöſung des fränkiſchen Reiches nahm Toskana gegenüber dem König von Jtalien eine ſehr ſelbſtändige Stellung ein. Sie war in Frage geſtellt, wenn in Rom ein Deutſcher als Werkzeug des Kaiſers regierte und die Markgrafſchaft von drei Seiten durch die kaiſerliche Macht umklammert wurde. Bonifaz, obwohl kirchlichen Forde - rungen nicht unzugänglich — unter dem Einfluß eines Bußpredigers hatte er gelobt, keine Kirchen mehr zu verkaufen — handelte nach den Überlieferungen ſeines Vorgängers, wenn er für den römiſchen Adelspapſt gegen den deutſchen Reformpapſt Partei ergriff. Aber ſo groß war die Achtung vor der deutſchen Macht, daß ein drohender Befehl des Kaiſers den Eigenwilligen zum Gehorſam brachte. Er tat, wie ihm geheißen war, Benedikt IX. verſchwand zum zweitenmal und hat, obwohl er noch mehrere Jahre lebte, keinen Verſuch mehr gemacht, wieder aufzutreten. Am 16. Juli 1048 konnte unter dem Schutz tos - kaniſcher Truppen der deutſche Papſt ſeinen Einzug in Rom halten und tags darauf in Sankt Peter die Weihe empfangen. Er nannte269Leo IX. ſich Damaſus II. und bekannte damit, daß er wie ſein Vorgänger in der Wiederanknüpfung an die Jdeale der kirchlichen Urzeit ſeine Auf - gabe ſah. Er iſt nicht dazu gekommen, ihr zu dienen, denn ſchon nach dreiundzwanzig Tagen (9. Auguſt 1048) war er tot, ein Opfer des römiſchen Fiebers.
Sein Nachfolger fand kein Hindernis auf dem Weg zum Thron. Nach Beratung mit den geiſtlichen Reichsfürſten beſtimmte der Kaiſer — es war zu Weihnachten 1048 in Worms — den Biſchof Brun von Toul. Wenn es wahr iſt, daß die römiſche Geſandtſchaft einen andern gewünſcht hatte, ſo hat doch niemand an Auflehnung gegen den Willen des Kaiſer-Patritius gedacht. Jm Februar 1049 konnte der neue Papſt in Rom einziehen und in den hergebrachten Formen ſeine Wahl und Einſetzung vornehmen laſſen. Jn Erinnerung an einen der bekannteſten ſeiner Vorgänger aus alten Tagen nannte er ſich Leo IX.
Brun war der Sproß des elſäſſiſchen Grafengeſchlechts von Egis - heim, dem Königshaus nahe verwandt, damals fünfundvierzig Jahre alt, ein ſchöner Mann von gebietender und zugleich gewinnender Er - ſcheinung, hochgebildet, Schriftſteller und Muſiker. Mehrere kirchliche Geſänge ſeiner Erfindung waren verbreitet. Das Kind zweiſprachiger Eltern, war er in Toul erzogen, und dieſes Bistum erhielt er mit vier - undzwanzig Jahren von Konrad II. Die Grenzſtadt war ein wichtiger Platz, der einen Vertrauensmann des Königs als Biſchof forderte, und Brun hat trotz ſeiner Jugend nicht enttäuſcht. Seine Vorfahren hatten als rüſtige Degen in Nachbarfehden ſich wacker getummelt, zugleich aber durch reichliche Stiftungen für ihr Seelenheil geſorgt und ihr Ende fromm im Kloſter erwartet. Etwas von dieſen zwei Seelen lebte auch in Brun. Als Dreiundzwanzigjährigen ſah man ihn die Truppen des Biſchofs von Toul auf dem italiſchen Feldzug befehligen, als Papſt hat er ſeinen kriegeriſchen Neigungen zu ſeinem Unheil allzuſehr nachge - geben. Daneben aber war er erfüllt von kirchlichem Eifer. Seine Regie - rung als Biſchof hatte er mit durchgreifender Reform einiger Klöſter er - öffnet. Das war der Mann, in deſſen Hand Heinrich III. die doppelte Aufgabe legte, den Zuſtand der Kirche zu beſſern und die Jntereſſen des Reiches wahrzunehmen. Er hat beides getan, auch auf dem Stuhl Sankt Peters zu Rom ein deutſcher Reichsbiſchof, wie er ſein ſollte, für den das Wohl von Kirche und Reich eins war, Staatsmann und Kriegs - herr ebenſoſehr wie Prieſter und Seelenhirt, und beides in beſter Prägung.
270Reformatoriſche Strömungen in RomNur fünf Jahre hat Leo IX. ſeines Amtes gewaltet, und doch be - deutet ſeine Regierung einen Wendepunkt in der Geſchichte des Papſt - tums, ja des Abendlands. Das haben ſchon die Zeitgenoſſen gewußt und nach ſeinem Tode mit einiger Übertreibung bekannt. Alle kirchlichen Beſtrebungen ſollte er neu erweckt haben, mit ihm ſollte der Welt ein neues Licht aufgegangen ſein. Wie lange ſprach man ſchon von Reform der Kirche, ohne daß etwas Durchgreifendes für ſie geſchehen wäre! Leo führte ſie aus dem Stadium der Forderungen und Pläne hinüber in das Reich der Tat, er ſorgte dafür, daß ſie mit ſeinem Tode nicht erloſch, und ſicherte damit dem Papſttum die Führung in der wichtigſten Aufgabe der Zeit.
Den Anfang mußte er im eigenen Hauſe machen, in Rom und Jtalien. Nirgend war es nach dem Urteil der Zeitgenoſſen nötiger, nirgend die Kirche weiter vom rechten Wege abgeirrt. Der apoſtoliſche Stuhl, einſt der Ruhm des Erdkreiſes, war zur Werkſtatt Simons des Zauberers ge - worden, von ihm hatten alle Übel in der Kirche ihren Ausgang genommen; ſo hieß es. Die Ausſchweifungen der römiſchen Geiſtlichen insbeſondere, wird behauptet, ſeien ſo offen geduldet worden, daß alle Welt die Namen der beteiligten Frauenzimmer kannte. Freilich ſind das nach - trägliche Urteile, und wie jede ſiegreiche neue Richtung haben die Re - former des elften Jahrhunderts ihr eigenes Verdienſt dadurch zu ver - klären geſucht, daß ſie den Hintergrund ſo ſchwarz wie möglich malten. Ohne Übertreibung iſt es dabei nicht abgegangen. Auch in Jtalien waren Reformatoren ſchon vor 1046 erſchienen und hatten nicht ohne Erfolg gewirkt. Jn Florenz hatte das Auftreten des Ordensſtifters von Val - lombroſa, Johannes Gualberti, ſchon in den dreißiger Jahren Früchte getragen, in der Romagna wirkte der geiſtreiche und formgewandte Petrus Damiani, Abt von Fonte Avellana, durch Wort und Schrift bei Biſchöfen und weltlichen Herren. Jn Rom ſelbſt hatte die ſtrengere Geſinnung ſeit hundert Jahren eine Heimat im Kloſter auf dem Aventin, das mit Cluny in engen Beziehungen ſtand. Es war eine Stiftung Alberichs, deſſen Teilnahme für die Kloſterreform wir ſchon kennen, und kann als Hauskloſter der Tuskulaner gelten. Vor 1046 bildete es unter einem Abt, der vielleicht ſelbſt der regierenden Familie angehörte, einen Mittelpunkt der Reform. Dort lebte der vertriebene Erzbiſchof Lorenz von Amalfi, ein vorbildlicher Geiſtlicher und be - wunderter Gelehrter, dort nahm der Abt von Cluny Wohnung, ſooft271Leos IX. Mitarbeiterer in Rom war. Jn dieſem Kreiſe war der Plan entſtanden, durch Ver - zicht Benedikts IX. den Platz frei zu machen für Gregor VI., von dem man die Beſſerung der Zuſtände erwartete. Das war doch nur möglich, wenn in der Bevölkerung der Gedanke der Reform ſchon ſeine An - hänger hatte. Zu ihren Freunden muß kein Geringerer als der Stadt - präfekt Cencius gehört haben, der im Briefwechſel mit Petrus Da - miani ſtand und ſich von dieſem einen Tadel zuzog, weil er über dem Gebet ſein Amt vernachläſſige. Noch andere Korreſpondenten hatte der Abt von Fonte Avellana im römiſchen Adel: den ſpäteren Kardinal Alberich, ehemals Mönch in Monte Caſſino und, nach dem Namen zu ſchließen, Mitglied des Tuskulaner Grafenhauſes, einen gleich - namigen Senator, und einen Petrus, ebenfalls Senator. Man hat alſo kein Recht, dieſe Kreiſe ſchlechtweg für reformfeindlich zu halten.
Es werden ihrer mehr geweſen ſein, als die Überlieferung erkennen läßt, die dem deutſchen Papſt bereitwillig entgegenkamen, Leo konnte alſo auf Mitarbeiter an Ort und Stelle zählen, er konnte dort an - knüpfen, wo Gregor VI. hatte aufhören müſſen. Mit deſſen Kreis wurde die Verbindung hergeſtellt in der Perſon eines jüngeren römi - ſchen Mönches namens Hildebrand. Sein Vater Bonizo war im Städtchen Soana nördlich von Rom zu Hauſe, ſeine Mutter aber gehörte dem römiſchen Adel, wahrſcheinlich ſogar dem Hauſe der Tusku - laner an und war, wie es ſcheint, dem reichen Baruch-Benedikt ver - ſchwägert, deſſen Geld Gregor VI. den Weg zum päpſtlichen Thron ge - bahnt hatte. Erzogen war Hildebrand von klein auf im Kloſter auf dem Aventin, deſſen Abt ſein Oheim, vermutlich der Bruder ſeiner Mutter, war. Hier genoß er den Unterricht des vorhin erwähnten Lorenz von Amalfi, hier hat er das Mönchsgelübde abgelegt. Zu Gregor VI. muß er in nahen Beziehungen geſtanden haben, denn er begleitete ihn in die Verbannung nach Deutſchland. Nach Gregors Tode nach Rom zurück - kehrend, traf er unterwegs mit Leo IX. zuſammen, der ihn in ſein Gefolge aufnahm und ihn, in Rom angekommen, zum Subdiakon weihte mit Anſtellung an der Kirche Sankt Peters. Daß Hildebrand einmal die Hauptrolle in dem beginnenden Drama übernehmen würde, konnte damals niemand wiſſen. Für den Augenblick wichtig war, daß durch ihn die Verbindung zwiſchen Leo und den römiſchen Freunden der Reform hergeſtellt war, ein nicht zu unterſchätzender Vorteil für das Gelingen des Unternehmens.
272Leos IX. MitarbeiterJndeſſen, ſeine bedeutendſten Mitarbeiter — das iſt das Neue und Folgenreichſte, was ſeine Regierung auszeichnet — brachte Leo IX. aus ſeiner bisherigen nächſten Umwelt mit. Jn den Klöſtern Lothringens und der Nachbarſchaft war die Reform längſt heimiſch und gut ver - treten, in einem von ihnen, St. Evre in Toul, war er ſelbſt erzogen, aus lothringiſchen und burgundiſchen Klöſtern wählte er die Männer, die in Rom ſeine Helfer ſein ſollten. Mit ihnen beſetzte er die Stellen an den Kirchen von Rom und Umgebung, die durch Tod oder Abſetzung der bisherigen Jnhaber frei wurden. Biſchof von Sutri wurde Azolin, ein Mönch aus Compiègne; Udo, der erſte Beamte der Kirche von Toul, erhielt das Kanzleramt; Hugo, genannt der Weiße, aus Remirémont die Kirche des heiligen Clemens, während Friedrich, Bruder des Her - zogs Gotfried von Lothringen, einſtweilen ohne Amt an der Seite des Papſtes blieb. Auch Erzbiſchof Halinard von Lyon, ehedem Mönch in Dijon und einer der Führer der Kloſterreform, ſtand bei dauerndem Aufenthalt in Rom dem Papſt zur Verfügung. Sie alle überragte Humbert aus dem Kloſter Moyenmoutier, den Leo ſogleich zum Biſchof von Silva Candida machte. Humbert war unſtreitig der größte Ge - lehrte des Kreiſes, auch des Griechiſchen mächtig; aber er war mehr als das: ein ſelbſtändiger Kopf, ein Denker, der ſich nicht ſcheute, letzte Folgerungen zu ziehen, wo andere auswichen, und ein Mann von leiden - ſchaftlichem Eifer für das, was ihm Wahrheit war. Mit Leo ver - banden ihn nahe perſönliche Beziehungen: ſeine geiſtlichen Dichtungen hatte Brun in Muſik geſetzt. Man wundert ſich nicht, ihn als ſteten Begleiter des Papſtes und mit wichtigſten Aufträgen betraut zu ſehen. Nach Leos Tode iſt Humberts Einfluß noch größer geworden, da hat er der Entwicklung die entſcheidende Wendung gegeben. Wieviel er ſchon vorher bedeutete, wie manche Maßregel des Papſtes von Humbert eingegeben war, entzieht ſich unſerem Urteil.
Helfer am Werk brauchte Leo für ſeine nächſte Aufgabe, die Säu - berung des römiſchen Klerus, um ſo mehr, da er ſelbſt meiſt abweſend war. Von den fünf Jahren ſeiner Regierung hat er, alles zuſammen - gerechnet, nicht viel über ſechs Monate in Rom zugebracht. Die meiſte Zeit war er auf Reiſen. Als hätte er die Regierungsweiſe der deutſchen Könige nachahmen wollen, durchwanderte er ſein weites Reich, von der Champagne bis Ungarn und von Unteritalien bis zum Niederrhein, mit einer raſchen Beweglichkeit, die angeſichts der damaligen Verhältniſſe273Leos IX. kirchliche Wirkſamkeitin Erſtaunen ſetzt, Synoden haltend, richtend und ſtrafend, Kirchen weihend und ein Füllhorn von Privilegien ausſchüttend. Nur zur Oſter - zeit, wenn die alljährliche Synode fällig war, iſt Leo regelmäßig in Rom erſchienen, im übrigen mußten andere ihn dort vertreten, einmal Halinard von Lyon, ein andermal Humbert. Sie hatten für Hand - habung der Geſetze zu ſorgen, die der Papſt erließ.
Um zwei Dinge handelte es ſich, wie wir wiſſen, Beſeitigung der Simonie und Durchführung des Zölibats. Leo hat bald eingeſehen, daß er beides zugleich nicht erreichen konnte. Den Zölibat ließ er zurücktreten, es blieb bei einem allgemeinen Verbot an die Geiſt - lichen, mit Frauen zuſammenzuleben. Gegenüber dem römiſchen Klerus beſchränkte er ſich darauf, alle Prieſterfrauen für Hörige des Papſtes zu erklären, womit wenigſtens die Nachkommenſchaft im Stande herabgeſetzt und die Gefahr der Vererbung abgewandt wurde. Aber auch gegen die Simonie war rückſichtsloſes Durchgreifen nicht möglich. Auf ſeiner erſten Synode in Rom (Mitte April 1049) wollte Leo dem ſtrengen Recht gemäß alle von ſimoniſtiſchen Biſchöfen erteilten Weihen für ungültig erklären. Er fand ſtürmiſchen Wider - ſpruch: die Kirchen würden verwaiſt ſein, das Volk Gottesdienſt und Sakramente entbehren. Er mußte ſich bequemen, die Verordnung Clemens 'II. zu wiederholen, die ſich mit vierzigtägiger Buße be - gnügte. Leo iſt überhaupt keineswegs ſtreng verfahren, er ſah durch die Finger, übte im einzelnen Nachſicht, verzieh dem, der ſich unter - warf, und forderte nur das Notwendigſte. Aber ſelbſt damit ſtieß er auf Widerſtand.
Zu ſeiner erſten Synode hatte er die Biſchöfe aus Deutſchland und Frankreich nach Rom aufgeboten. Es ſollte wohl das allgemeine Re - formkonzil fürs Abendland werden, auf das man ſeit Heinrich II. und Benedikt VIII. wartete, aber es kam nicht zuſtande. Aus Burgund erſchien Halinard von Lyon, aus Deutſchland war der Erzbiſchof von Trier noch zugegen, der den Papſt im Auftrag des Kaiſers nach Rom ge - führt hatte, ſonſt niemand von jenſeits der Alpen. Nicht viel beſſer ging es im Oktober in Reims. Dort hatte Leo ſich angeſagt, um die neue Kirche des heiligen Remigius zu weihen, und da es ſich um den Apoſtel der Franken handelte, der Chlodwig getauft hatte, ſo hatte König Heinrich I. zu kommen verſprochen. Aber als bekannt wurde, daß der Papſt gleichzeitig alle Biſchöfe des Königreichs geladen hatte, um dieHaller, Das Papſttum II1 18274Leos IX. kirchliche Wirkſamkeitfranzöſiſche Kirche zu reformieren, da hatten die Gegner der Reform es nicht ſchwer, den König zu überzeugen, daß es gegen Herkommen und Ehre Frankreichs verſtoße, wenn der Papſt, ein ausländiſcher Biſchof, auf franzöſiſchem Boden Gericht halte. Ganz verhindern konnte oder wollte Heinrich die Synode nicht, aber er nahm ihr das Gewicht, indem er ſelbſt ausblieb und die meiſten ſeiner Prälaten zurückhielt. Unter den zwanzig Biſchöfen, die erſchienen, waren nur fünf königliche, die übrigen kamen aus benachbarten Ländern. An eine allgemeine Reform der franzöſiſchen Reichskirche war unter ſolchen Umſtänden nicht zu denken, und die Beſchlüſſe hielten ſich in vorſichtigen Grenzen: daß ohne Wahl von Klerus und Volk kein Biſchof oder Abt eingeſetzt, Weihen und Ämter nicht gekauft werden und Laien ſich nicht in Beſitz von Kirchenämtern ſetzen dürften, war nichts Neues, und die Wieder - holung alter Vorſchriften änderte an den Zuſtänden nichts. Eine Straf - beſtimmung enthielt nur der zweite Punkt, und keine ſtrenge: wer ein Amt gekauft hatte, ſollte es aufgeben und Buße tun. Daß es ihm wieder verliehen werde, ward nicht verboten. Vom Zölibat aber war überhaupt nicht die Rede. Eine durchgreifende Reform konnte man es auch nicht nennen, wenn über drei Biſchöfe, die ſich dem Gericht der Synode nicht ſtellten, der Ausſchluß und über einen vierten die Abſetzung ver - hängt, andere zur nächſten Synode vorgeladen, wieder andere frei - geſprochen und gegen einige weltliche Herren wegen unerlaubter Ehe und ähnlicher Dinge mit Strafen eingeſchritten wurde. Angeſichts der in Frankreich herrſchenden Zuſtände hätte der reformierende Papſt kaum vorſichtiger auftreten können.
Jn Mainz, wohin Leo ſich ſogleich begab, hatte er äußerlich den größten Erfolg: vierzig Biſchöfe, an der Spitze die ſämtlichen Metro - politen Deutſchlands, umgaben ihn, der Kaiſer ſtand ihm zur Seite. Und doch waren auch hier die Beſchlüſſe ſo vorſichtig wie möglich. Die Simonie wurde verboten, das Zölibat eingeſchärft — das war nichts Neues; aber Maßnahmen, um die Beobachtung zu erzwingen, wurden nicht getroffen, gegen Übertreter keine Strafen verhängt. Nicht einmal Verurteilungen wie in Frankreich fanden ſtatt. Nur ein Biſchof war wegen Simonie verklagt, konnte ſich aber reinigen. Soll man glauben, der deutſche hohe Klerus — nicht wenige Biſchöfe hatten ihr Amt von Konrad II. erhalten — ſei durchweg vorwurfsfrei geweſen? Wie es mit der Durchführung der Beſchlüſſe ſtand, lehrt das Beiſpiel des Erz -275Papſt und Kaiſer. Unteritalienbiſchofs von Bremen. Er begnügte ſich damit, die Verordnung ſeiner Vorgänger zu wiederholen, daß verheiratete Prieſter außerhalb der Stadt wohnen müßten.
Offenem Widerſtand begegnete Leo in Oberitalien. Eine Synode, die er in Mantua im Februar 1053 abhielt, wurde durch das Gefolge widerſtrebender Biſchöfe geſprengt, und der Papſt, der ſich vergeblich bemühte, den Aufruhr zu ſtillen, mußte das Feld räumen und die Urheber ſtraflos laſſen.
Leos weite Reiſen dienten nur zum kleineren Teil kirchlichen Zwecken, ebenſo wichtig waren ihm als deutſchem Reichsbiſchof — ſogar ſein Bio - graph, der ihn als Kirchenheiligen zeigen will, kann es nicht verſchweigen — die Angelegenheiten des Reiches. Sie mußte er perſönlich behandeln, rein kirchliche Dinge konnte er ſeinen Mitarbeitern überlaſſen. Das führte ihn immer wieder an den Hof des Kaiſers, in der Zuſammen - arbeit mit ihm zeigte ſich die engſte Verbindung geiſtlicher und weltlicher Gewalt. Wie Leos geſamte Stellung und Tätigkeit auf dem Rückhalt beruhte, den ihm die Macht des Kaiſers bot, ſo ſtellte er wiederum ſeine Perſon und ſeine geiſtlichen Machtmittel in den Dienſt der kaiſerlichen Politik. Brach Heinrich durch Urteil des Hofgerichts den Widerſtand des Erzbiſchofs von Ravenna gegen Anſprüche des Papſtes, ſo unter - ſtützte dieſer den Kaiſer bei der Niederwerfung des aufſtändiſchen Her - zogs Gotfried von Lothringen und lieh ſeine Vermittlung, wiewohl vergeblich, im Krieg gegen Ungarn.
Nirgend jedoch fielen die Jntereſſen der römiſchen Kirche mit denen des Reiches ſo völlig zuſammen wie in Unteritalien. Hier hatten die Normannen ſeit dem Abzug Heinrichs III. (1047) von der erhaltenen Erlaubnis nur zu gründlichen Gebrauch gemacht und ſo ziemlich das ganze Fürſtentum Benevent erobert. Nur die Hauptſtadt, wichtig als Kreuzungspunkt der Straßen von Rom nach dem Süden, hielt ſich noch hinter ihren ſtarken Befeſtigungen. Fürſt und Volk waren wegen Widerſtands gegen den Kaiſer von Clemens II. aus der Kirchen - gemeinſchaft ausgeſchloſſen. Leo, kaum Papſt geworden, nahm ſich der Sache an, bereiſte perſönlich das Land — eine Pilgerfahrt nach Sankt Michael am Monte Gargano bot den äußeren Anlaß — und ſuchte zu vermitteln. Jm nächſten Jahr (1050) wiederholte er den Verſuch, hielt Synoden in Salerno und Melfi, der Hauptſtadt der apuliſchen Normannen, und hatte den Erfolg, daß dieſe ſowohl wie der Fürſt von276Krieg gegen die NormannenSalerno ihm und dem Kaiſer huldigten. Benevent allein ſträubte ſich noch und blieb aus der Kirche ausgeſchloſſen. Dann aber ſchlug in der Stadt die Stimmung um, der Fürſt wurde vertrieben, und die Bürger - ſchaft erklärte ſich zur Unterwerfung bereit. Jm Juli 1051 konnte Leo ihre Huldigung entgegennehmen und den Frieden zwiſchen ihr und den Normannen ſchließen. Unteritalien, ſoweit es nicht mehr griechiſch war, erkannte die Hoheit von Kaiſer und Papſt an; daß der Reſt, den die Griechen noch behaupteten, folgen würde, war nur eine Frage der Zeit. Handgreiflich offenbarte ſich die innige Einheit von Reich und Kirche, der Papſt aber ſah nach drei Jahrhunderten endlich Ausſicht, daß die Hoffnung ſich erfülle, die Pippin und Karl der Große geweckt hatten, als ſie dem heiligen Petrus das langobardiſche Herzogtum Benevent zu ſchenken verſprachen.
Die Freude über den Erfolg war kurz, ſchon im nächſten Jahr flammte der Krieg wieder auf. Die Normannen, Richard von Averſa auf der einen, Humfried von Apulien auf der andern Seite, brachen den Ver - trag, griffen Benevent an, und der Fürſt von Salerno ſtand ihnen bei. Jhre Unzuverläſſigkeit bewog den Papſt, ſeine Haltung zu ändern. Bis dahin war er, die Politik Heinrichs III. fortſetzend, ihnen günſtig ge - weſen, jetzt wandte er ſich gegen ſie und lieh einem Plane das Ohr, der auf nichts Geringeres zielte als ihre Vernichtung. Der Plan war in jedem Fall ein Wagnis, die Art aber, wie er ausgeführt wurde, hat Leos Regierung ein frühes und unrühmliches Ende bereitet und dazu den ungewollten Bruch mit der Kirche des Oſtens herbeigeführt.
Kaiſerlicher Statthalter des griechiſchen Unteritalien war damals Argyros, der Sohn jenes Meles, der zur Zeit Heinrichs II. und Bene - dikts VIII. den apuliſchen Aufſtand leitete. Er hatte anfangs mit den Normannen gegen die Griechen gekämpft, war dann zum Kaiſer über - gegangen und mit hohen Ehren belohnt worden. Nach mehrjährigem Aufenthalt in Konſtantinopel kehrte er (1051) mit reichen Mitteln zurück, um den Krieg gegen die Normannen nachdrücklich zu führen. Aber der Feldzug, den er ſogleich unternahm, brachte ihm nur Mißer - folge. So kam er auf den Gedanken eines Bündniſſes mit Rom und dem deutſchen Kaiſer. Vereint ſollten die Herrſcher von Oſt und Weſt die Macht der Normannen, ihrer gemeinſamen Gegner, vernichten. Seine Eröffnungen fielen bei Leo IX. auf fruchtbaren Boden, und im Spät - ſommer 1052 brach der Papſt, der die letzten Monate in Unteritalien277Krieg gegen die Normannengeweilt hatte, nach Deutſchland auf, um den Kaiſer für das Unter - nehmen zu gewinnen. Heinrich ging bereitwillig auf den Kriegsplan ein. Jm folgenden Jahr ſollte ein Reichsheer nach Jtalien ziehen, um zu - ſammen mit den Griechen der normänniſchen Macht den Garaus zu machen. Zugleich wurden die ſtaatsrechtlichen Verhältniſſe geregelt. Leo hatte bisher in Unteritalien aus eigenem Antrieb die Sache des Reiches geführt. Jetzt übertrug ihm der Kaiſer in aller Form als ſeinem Ver - treter gegen Abtretung deſſen, was die römiſche Kirche in Deutſchland beſaß — Fulda, Bamberg und anderes — die Ausübung der Reichs - gewalt im ehemaligen Fürſtentum Benevent. Es ſchien alles auf beſtem Wege zu ſein, da erhob der Reichskanzler, Biſchof Gebhard von Eich - ſtätt, Einſpruch, und es gelang ihm, den Kaiſer zu überzeugen, daß eine Entblößung Deutſchlands von Truppen zur Zeit nicht tunlich ſei. Aber Leo hatte ſich ſo ſehr für den Plan erwärmt, vielleicht auch den Griechen gegenüber ſich ſo feſt gebunden, daß er ihn ohne den Kaiſer auszuführen beſchloß. Aus eigenen Mitteln warb er in Deutſchland Truppen, ſeine Verwandten im ſüddeutſchen Adel kamen ihm zu Hilfe, und es gelang ihm, ein Heer zuſammenzubringen, das im Frühjahr 1053 über die Alpen zog. Es beſtand zum Teil aus Untauglichen, Abenteurern, Ge - ächteten, Landſtreichern und ähnlichem Volk, das bei dieſem gott - gefälligen Unternehmen für Diesſeits und Jenſeits zu gewinnen hoffte. Der Papſt aber nahm die Dienſte auch ſolcher Leute an, weil er ſie brauchte. Aus dem Kirchenſtaat und benachbarten Gebieten erhielt er weiteren Zuzug, und zu Anfang Juni 1054 führte er ſein Heer von Benevent nach Apulien, um ſich mit den von Bari her entgegenrücken - den Griechen zu vereinigen. Aber ehe es dazu kam, ſah ſich das päpſtliche Heer am 18. Juni bei Civitate, einem untergegangenen Städtchen am Fortore, den Normannen gegenüber. Es ſoll immer noch an Zahl über - legen geweſen ſein, an Gefechtswert aber war es den Gegnern nicht zu vergleichen. Auch hieß es ſpäter, unter den italiſchen Truppen, die den linken Flügel bildeten, habe ein Führer Verrat geübt. Vor dem Anſturm der normänniſchen Lanzenreiter ſtoben die Jtaliener auseinander und ent - blößten damit die Flanke der Deutſchen, die nun umfaßt, eingekreiſt und bei tapferſter Gegenwehr bis auf den letzten Mann niedergemacht wur - den. Mit ihrer rückſtändigen Bewaffnung und Taktik — ſie fochten ab - geſeſſen zu Fuß mit Schwert und Schild — waren ſie den Gegnern nicht gewachſen. Die Niederlage war vollſtändig und entſcheidend.
278Leos IX. Gefangenſchaft und Tod. Rom und KonſtantinopelPapſt Leo hatte der Schlacht von der Stadtmauer aus zugeſehen. Jetzt fiel die Bevölkerung über ihn her, plünderte ſein Gepäck und lieferte ihn den Siegern aus. Dieſe erwieſen ihm die Ehren, die ſeinem Amte zu - kamen, und führten ihn nach Benevent. Hier iſt er acht Monate als ihr Gefangener geblieben, von Kummer über das Geſchehene und ſchwerer Krankheit niedergeworfen. Erſt im März durfte er ſich unter nor - männiſcher Bewachung nach Capua begeben, erkrankte aufs neue und wurde ſchließlich Anfang April ſchwer leidend in der Sänfte nach Rom gebracht. Am 19. April 1054 gab er an der Gruft Sankt Peters den Geiſt auf.
Eine ungewollte Begleiterſcheinung des Normannenkriegs trat erſt nach ſeinem Tode hervor, der offene Bruch mit der griechiſchen Kirche.
Zwiſchen Rom und Konſtantinopel waren die lebendigen Wechſel - beziehungen ſeit langem erloſchen, ohne daß wir von Streit und Ent - zweiung hören. Das letzte, wovon wir eine unbeſtimmte, ſchwer zu ver - ſtehende Kunde erhalten, ſollen Verhandlungen über die Titelfrage zwi - ſchen Johannes XIX. und dem Patriarchen Euſtathios (um 1030) ge - weſen ſein. Es heißt, die Griechen hätten vorgeſchlagen, daß jedes der beiden Oberhäupter in ſeiner Sphäre als das höchſte gelte, Rom alſo ſeinen Anſpruch auf Vorrang dem Oſten gegenüber aufgebe. Um materieller Vorteile willen habe der Papſt darauf eingehen wollen, ſei aber durch den Einſpruch franzöſiſcher Mönchskreiſe zurückgehalten worden. Jn welchen Zuſammenhang das gehört, iſt völlig dunkel. Ver - muten kann man, daß Konſtantinopel, nachdem Syrien dem Reich wiedergewonnen war, den Stuhl von Antiochia habe unterwerfen und für den entſprechenden Titel die Anerkennung Roms gewinnen wollen. Wie die Verhandlung geendet, erfahren wir nicht, ein Ergebnis hat ſie nach keiner Seite gehabt, doch iſt es möglich, daß infolge ihres Scheiterns die längſt ſchon ſpärlichen Beziehungen zwiſchen den beiden Haupt - ſtädten ganz erſtarben, ſo daß in Konſtantinopel nicht einmal mehr der Name des Papſtes im Kirchengebet genannt wurde. Jn Antiochia, Jeruſalem und Alexandria wird dieſe Sitte aufgehört haben, ſeit man dort unter arabiſcher Herrſchaft lebte und von Rom nichts mehr wußte. Während nun das Abendland ſich eine gewiſſe Hochachtung für das Alter der griechiſchen Kirche und ihre ſtrengen Bräuche bewahrte, herrſchte in Volk und Geiſtlichkeit des Oſtens längſt tiefe Abneigung gegen279Rom und Konſtantinopeldie Lateiner. Jhr Klerus galt als entartet, ihre fremdartigen Gebräuche erregten Anſtoß: daß die Prieſter nicht verheiratet waren, bartlos gingen wie Weiber, beim Abendmahl ungeſäuertes Brot verwendeten, und was dergleichen Dinge mehr waren. Auch ihr Glaube ſollte nicht einwandfrei ſein, lehrten ſie doch, daß der Heilige Geiſt außer vom Vater auch vom Sohn ausgehe. Zu förmlicher Trennung hätte das nicht zu führen brauchen, wie es denn bisher nicht dazu geführt hatte. Aber wenn man einander auch gegenſeitig noch als Chriſten anerkannte, in Rom den Gottesdienſt griechiſcher Mönche, in Konſtantinopel den lateiniſchen der dortigen abendländiſchen Kolonie duldete, ſo war die Entfremdung doch tief. Auseinandergegangen war man noch nicht, aber man kehrte ein - ander den Rücken zu.
An einem greifbaren Streitpunkt hatte es gefehlt, ſeit Bulgarien endgültig dem Griechentum anheimgefallen war. Das änderte ſich mit der Neugeſtaltung der unteritaliſchen Verhältniſſe. Das Land gehörte ſeit den Anfängen des Bilderſtreits (732) kirchlich zu Konſtantinopel, dort empfingen ſeine Metropoliten ihre Beſtätigung, griechiſcher Brauch herrſchte im Gottesdienſt. Durch die Eroberungen der Normannen wurde das in Frage geſtellt: ſie hielten zu Rom, jeder ihrer Fortſchritte bedeutete für den Patriarchen von Konſtantinopel eine Beſchneidung ſeines Amtsbezirks. Jn Rom aber hat man ſogleich die Gelegenheit wahrgenommen, das vor mehr als dreihundert Jahren verlorene, nie - mals vergeſſene Gebiet wiederzugewinnen. Schon gingen die Pläne ſehr weit: Humbert von Silva Candida, der Kenner des Griechiſchen, wurde von Leo IX. beim erſten Beſuch Unteritaliens (Frühjahr 1050) unter Beibehaltung ſeines Bistums zum Erzbiſchof für Sizilien ernannt*)Das Doppelamt iſt nicht befremdlich. Leo ſelbſt hat als Papſt ſein Bistum Toul über zwei Jahre behalten.. Das eilte freilich den Ereigniſſen weit voraus, denn noch gehörte die Jnſel den Arabern. Aber die wiederholten Reiſen des Papſtes nach Apulien, die Synoden, die er dort hielt, die Abſetzung zweier Erz - biſchöfe, und daß er öffentlich über den Ausgang des Heiligen Geiſtes vom Sohne ſprach, ließen keinen Zweifel, daß er die Frucht der nor - männiſchen Erfolge zu ernten beabſichtigte. Jhrer kriegeriſchen Erobe - rung ging die kirchliche durch Rom zur Seite.
An der Spitze der griechiſchen Kirche ſtand ſeit 1043 Michael Kerul - larios, ein ſtolzer, herrſchluſtiger Mann, dem willensſchwachen, kränk -280Michael Kerullarios und Humbertlichen Kaiſer Konſtantin IX. Monomachos weit überlegen. Jn ſeinem Streben, mit der Kirche und durch ſie den Staat zu beherrſchen, man - chem der römiſchen Päpſte ähnlich, war er der letzte, eine Verſtümmelung ſeines Patriarchates hinzunehmen. Als es im Jahre 1051 dem Papſt gelungen war, zwiſchen den unteritaliſchen Mächten Frieden und Einig - keit herzuſtellen, die ſich gegen Konſtantinopel kehren mußten, ging er entſchloſſen zum Gegenangriff über. Die Kirchen der Lateiner in Kon - ſtantinopel ließ er ſchließen und veranlaßte den griechiſchen Erzbiſchof der Bulgaren, einen offenen Brief an einen unteritaliſchen Amtsbruder zu richten, in dem der lateiniſchen Kirche ihr Sündenregiſter vorgehalten wurde: daß ſie das Abendmahl mit ungeſäuertem Brot feiere, am Samstag faſte, in beidem jüdiſchem Brauch folgend; daß ſie erſtickte Tiere eſſe, in der Faſtenzeit kein Halleluja ſinge. Von Unterſcheidungen in der Glaubenslehre war nicht die Rede; die ging zuvörderſt nur die Gebildeten an, das Schreiben aber ſollte die Abneigung des Volkes gegen die Lateiner wecken und ſteigern, und dazu eigneten ſich die hervor - gehobenen Punkte beſſer, am beſten die Frage der „ Azyma “, der un - geſäuerten Brote. Die Schrift wurde in Jtalien bald bekannt, Hum - bert übertrug ſie ins Lateiniſche, legte ſie dem Papſte vor und ſetzte in deſſen Namen eine geharniſchte Erwiderung auf. Sie war eine Streit - ſchrift ſchärfſter Art. Jn der Form unerfreulich, breit und ſalbungsvoll, konnte ſie durch Jnhalt und Ton die andere Seite nur verletzen. Mit Schmähworten wie Anmaßung, Frechheit, Unverſchämtheit wurde nicht gekargt und das Hohelied von Petrus und der römiſchen Kirche in einer Tonart geſungen, die griechiſchen Ohren unerträglich klang. Auf Petrus iſt die Kirche gegründet, durch Petrus und von Rom aus ſind alle Ketzereien überwunden worden, deren die griechiſche Kirche ſo viele — das Verzeichnis wird ihr nicht erſpart — aufgebracht hat. Jhrer „ verderbten Unverſchämtheit “ſteht der „ lautere Gehorſam “der Lateiner gegenüber, ſeinen Rang in der Kirche hat Konſtantinopel von Rom erhalten, deſſen Tochterkirche es durch Verlegung der Hauptſtadt geworden iſt. Zu Patriarchen hat es mehrfach Eunuchen erhoben, einmal ſogar — man ſagt ſo, und es iſt nicht unglaublich — ein Weib. Michael ſelbſt iſt in ſeiner Würde anfechtbar, weil aus dem Laienſtand erhoben. Rom dagegen, der Angelpunkt der geſamten Kirche, wird im Glauben nie verſagen, richtet alle und wird ſelbſt von niemand gerichtet; wer ihm widerſpricht, verſündigt ſich gegen Gott. Jeder Satz war eine Heraus -281Römiſche Legaten in Konſtantinopelforderung für die Griechen, auf Beweiſe gegründet, die ſie nicht aner - kannten, zum Teil nie geſehen hatten: alte Fälſchungen, an der Spitze die Konſtantiniſche Schenkung. Aus der Gedankenwelt des fränkiſchen Abendlands hervorgegangen, enthüllt die Schrift den ganzen weiten Abſtand, die ganze geiſtige Entfremdung, die zwiſchen griechiſcher und lateiniſcher Kirche im Laufe der letzten Jahrhunderte entſtanden war.
Was Humbert mit ſeinem Pamphlet bezweckte — Leo IX. war ſchwerlich beteiligt — iſt nicht leicht zu ſagen. So wie er ſchrieb, konnte er nur Öl ins Feuer gießen. Zum Glück hat ſein Schreiben ſeine Be - ſtimmung nicht erreicht. Es ſcheint unterwegs, vermutlich von Argyros, abgefangen zu ſein, deſſen Bundesplan es im Keim zerſtört haben würde. Um dieſen Plan zu fördern, das griechiſch-römiſche Bündnis zu feſtigen, war es vielmehr notwendig, daß die beiden Kirchen ſich fanden. Es gelang auch, den Kaiſer dafür zu gewinnen, daß er auf den Patriarchen einen Druck ausübte, und von beiden gingen entgegenkommende Schreiben an den Papſt. Sogar der Patriarch von Antiochia wurde veranlaßt, die Verbindung mit Rom aufzunehmen, indem er in altüblicher Weiſe ſeine Wahl anzeigte.
Jnzwiſchen war die Schlacht bei Civitate geſchlagen und Leo der Gefangene der Normannen. Um ſo eifriger griff er nach der ausge - ſtreckten Hand der Griechen. Die Antworten, die er erteilte, waren nicht von ihm. Körperlich und ſeeliſch gebrochen, hat er höchſtens die allge - meine Linie angeben können, alles übrige aber ſeiner Umgebung über - laſſen müſſen, in der neben Humbert der nunmehrige Kanzler der Kirche, Friedrich von Lothringen, den meiſten Einfluß hatte. Dieſe beiden, be - gleitet vom Erzbiſchof Peter von Amalfi, ließen ſich als Legaten nach Konſtantinopel ſenden und überbrachten dem Kaiſer wie dem Patriarchen die Antworten des Papſtes.
Sie waren von Humbert verfaßt, der dabei ſein geringes diplomati - ſches Geſchick glänzend bewies. Jn dem Brief an den Kaiſer leitete er den Wunſch nach gemeinſamem Vorgehen gegen die Normannen ein mit einer ſchroffen Hervorkehrung des römiſchen Standpunkts: Rom das Haupt aller Kirchen, gegen das niemand ſich auflehnen darf, der zu den Gliedern gehören will. Nicht einmal den Kaiſer perſönlich verſagte ſich Humbert die römiſche Oberherrlichkeit fühlen zu laſſen, indem er fabelte, Konſtantin der Große, deſſen Erbe er ſei, habe der römiſchen Kirche ſein Emporkommen zu verdanken gehabt. Den Tatſachen ent -282Vergebliche Verhandlungenſprach es kaum beſſer, wenn er vom demnächſtigen Erſcheinen Hein - richs III. in Jtalien ſprach, und den Umſtänden war es ſchwerlich ange - paßt, daß der Hilferuf in die Form einer Mahnung an die Pflicht ge - kleidet und begleitet war von der Forderung nach Rückgabe von Rechten und Beſitzungen in den Grenzen des griechiſchen Reiches. So hätte der Papſt allenfalls ſchreiben dürfen, wenn er Hilfe zu bieten ge - habt und der Kaiſer ſie erbeten hätte.
War die Antwort an den Kaiſer ungeſchickt, ſo iſt man in Verlegen - heit, was man zu dem Schreiben ſagen ſoll, das Humbert unter Leos Namen an den Patriarchen richtete. Es war von Anfang bis zu Ende eine zornige Strafpredigt. Als hätte es gegolten nicht der Einigung vorzuarbeiten, ſondern den Bruch herauszufordern, reihte ſich Vorwurf an Vorwurf: Hochmut, widerrechtliche Thronbeſteigung, Entrechtung der Stühle von Antiochia und Alexandria, Gebrauch des Titels „ All - biſchof “, der eher Rom zukäme, Verfolgung und Beleidigung der la - teiniſchen Kirche. Eine Wendung im Schreiben des Patriarchen, die vielleicht nicht ſo bös gemeint war, ſcheint den Verfaſſer beſonders ge - reizt zu haben. Michael hatte bemerkt, ſeine Anerkennung in Rom würde mit der Anerkennung Leos in der ganzen Kirche erwidert werden. Das entſprach der byzantiniſchen Auffaſſung, wonach Rom einen Pa - triarchat neben den vier gleichberechtigten des Oſtens darſtellte. Auf - brauſend erwiderte Humbert im Sinne der abendländiſchen Vorſtel - lung: Rom, Haupt und Mutter der andern, ſei nicht eine, ſondern die ganze Kirche, außerhalb deren es keine Kirchen, nur Sekten, Ketzer und Schismatiker und die Synagogen Satans gebe.
Verhandlungen, die mit ſolchem Auftakt begannen, verſprachen wenig Gutes. Konſtantin IX., der die Dinge politiſch anſah, lag alles an der Einigung, er unterſtützte die Legaten, ſtellte ſich ihnen faſt zur Ver - fügung. Humbert erhielt Gelegenheit, den offenen Brief des bulgariſchen Erzbiſchofs und eine Streitſchrift des angeſehenen Abtes Niketas von Studion in zwei Abhandlungen eingehend zu widerlegen. Wohl unter einem Druck von ſeiten des Kaiſers erklärte Niketas ſich für überwunden, ſchwor ſeinen Jrrtum ab und ging zu den Römern über. Das geſchah am 24. Juni 1054. Aber dieſer Sieg nützte wenig. Mit dem Patriarchen kam nicht einmal eine Ausſprache zuſtande. Michael, daran iſt nicht zu zweifeln, wollte ſie nicht. An dem Bündnis mit Rom gegen die Nor - mannen lag ihm nichts, weil die Koſten, wie ſich vorausſehen ließ, die283Wechſelſeitige VerfluchungKirche von Konſtantinopel zu tragen haben würde. Ob ſie ihre unter - italiſche Provinz durch Vernichtung der Normannen oder durch deren Sieg an Rom verlor, konnte dem Patriarchen gleich ſein, er wollte die Verhandlung zum Scheitern bringen. Das iſt ihm gelungen, und mehr als das, dank unabſichtlicher Unterſtützung durch die Legaten. Sie kehrten von vornherein den Anſpruch heraus, einen Höheren zu vertreten, Michael dagegen verweigerte ihnen ſogar den Ehrenplatz, auf den ſie als römiſche Legaten ein Recht hatten: ſie ſollten, entſprechend ihrem perſönlichen Rang, als Biſchöfe hinter den griechiſchen Metro - politen ſitzen. Ohne ſich geſprochen zu haben, ging man auseinander. Vergebens bemühte ſich der Kaiſer, es kam zu keiner Verhandlung. Endlich riß den Römern die Geduld, und am 16. Juli 1054, morgens vor der Meſſe, legten ſie auf den Altar der Sophienkirche eine Urkunde, in der ſie über den Patriarchen und ſeine Anhänger als hartnäckige Ketzer im Namen des apoſtoliſchen Stuhles den Fluch ausſprachen. Begründet war das Urteil mit Aufzählung aller Punkte, in denen die Griechen von den Lateinern abwichen, und mit der Weigerung, ſich der Zurecht - weiſung durch den Papſt zu unterwerfen — lauter Dinge, in denen der Patriarch mit der ganzen griechiſchen und orientaliſchen Kirche einig war. Dieſe alſo in ihrer Geſamtheit war durch den römiſchen Fluch getroffen. Die Römer reiſten ſogleich ab, wurden aber vom Kaiſer zurückgerufen, der noch immer nach Verſtändigung ſuchte. Der Pa - triarch indes war ſtärker. Jhm hatten die Römer ſelbſt mit der Urkunde ihres Fluches die ſchärfſte Waffe in die Hand gegeben. Michael brauchte die Schrift nur in der Hauptſtadt zu verbreiten, um einen Volksaufſtand zu entfeſſeln. Daß er den Wortlaut habe verfälſchen laſſen, iſt nicht nachzuweiſen, wäre auch nicht nötig geweſen, der echte genügte vollkommen, um jeden rechtgläubigen Griechen in Wut zu ver - ſetzen. Vor dieſer Gefahr wich der Kaiſer zurück, er riet den Legaten zu ſchleuniger Abreiſe. Michael Kerullarios aber verſammelte am 21. Juli die in der Hauptſtadt anweſenden Metropoliten und ſprach nun auch ſeinerſeits den Fluch über die Römer aus. Dies gab er durch Rundſchreiben an die andern Patriarchen des Oſtens bekannt und fügte eine gründlich verlogene, aber wirkſame Darſtellung der Vorgänge hinzu.
Wir ſind ihnen ausführlicher als ſonſt gefolgt, handelt es ſich doch um ein Ereignis von weiteſttragenden Folgen. Die wechſelſeitige Ver -284Urſachen und Folgenfluchung vom 16. und 21. Juli 1054 iſt nie aufgehoben worden, bis zum heutigen Tage beſteht keine Gemeinſchaft zwiſchen griechiſch-orthodoxer und römiſch-katholiſcher Kirche, ſooft auch verſucht worden iſt, ſie wiederherzuſtellen. Fragen wir, wie es dazu kam und wen etwa die Schuld trifft, ſo kann kein Zweifel ſein, daß der Patriarch das Scheitern der Verhandlung wollte, die Römer aber den Bruch vollzogen. Sie haben den Gegner das Spiel gewinnen laſſen, indem ſie ſeine Weige - rung, ſie als römiſche Legaten zu empfangen, mit dem Fluch beant - worteten. Ob ſie dazu befugt waren, muß auf ſich beruhen, da wir ihre Vollmachten nicht kennen; nötig war es auf keinen Fall, und dem Zweck ihrer Sendung entſprach es nicht. War es von Anfang an ſchwierig geweſen, mit den Griechen nur ins Geſpräch zu kommen, ſo war jetzt jeder Verſuch dazu beinahe ausſichtslos. Die Brücken waren abge - brochen, und zwar, wie ſich mit der Zeit herausſtellte, für immer.
Dieſe Wirkung freilich hätte nicht eintreten können, wären die Dinge nicht ſchon zum Bruche reif geweſen. Daß ſie es waren, wiſſen wir, es erklärt auch, daß in dieſem Streit, anders als in früheren Fällen, wo Rom immer auf eine Partei im Oſten hatte zählen können, die ganze griechiſch-orientaliſche Kirche geſchloſſen zu ihrem Patriarchen hielt. Längſt ſchon beſtand zwiſchen Oſt und Weſt nur eine äußerliche, keine innere Gemeinſchaft mehr. Wie zahlreich die trennenden Momente waren, wurde bei dem Verſuch der Annäherung feſtgeſtellt und durch die Aufzählung in der Fluchurkunde der Legaten aller Welt zum Be - wußtſein gebracht. Aber waren die Abweichungen wirklich von ſolchem Gewicht, daß ſie den förmlichen Bruch rechtfertigten? Ein Zeitgenoſſe, dem man ein Urteil zutrauen darf, der Patriarch Petrus von Antiochia, hat es beſtritten, und nur einen Punkt, die Lehre vom Heiligen Geiſt, das „ Filioque “der Römer, ausgenommen. Alles übrige, meinte er, ſei zwar nicht zu billigen, aber zu dulden. Nun hat gerade das „ Filioque “damals eine untergeordnete Rolle geſpielt, anderes war wichtiger. Auf die große Maſſe der Griechen mußte es in der Tat aufreizend wirken, wenn ſie erfuhren, daß ſie mit den verabſcheuungswürdigſten Ketzern früherer Zeiten in die gleiche Verdammnis getan ſeien, weil ſie Eunuchen zu Prieſtern und Biſchöfen weihten, Ketzertaufen wiederholten, alles Ge - ſäuerte für belebt hielten, Neugebornen, die vor dem achten Tage ſtarben, die Taufe vorenthielten, vom Prieſter verlangten, daß er Haar und Bart ungeſchoren trage uſw. Wenn dieſe Dinge ſchon bis -285Urſachen und Folgenher die Gemeinſchaft geſtört hatten, ſo machten ſie ſie jetzt unmöglich, ſeit Rom ſie mit dem Fluch belegt hatte.
Denn dahinter ſtand als größtes Hindernis und letzte Unmöglichkeit der Anſpruch Roms, daß ſein Brauch, ſeine Lehre allein richtig und wahr ſeien und alle andern Kirchen ſich nach ihm zu richten, ihm zu unterwerfen hätten; mit andern Worten, daß Rom die Kirche ſei und alles, was zur Kirche gehören wolle, römiſch ſein müſſe. Der Anſpruch war gewiß nicht neu, mehrfach war er in vergangenen Zeiten erhoben worden, aber ſtets als Waffe im Kampf und nur dann, wenn die Um - ſtände hoffen ließen, ihn anerkannt zu ſehen. So war es unter Gelaſius, ſo unter Nikolaus geſchehen. Hier dagegen ſollte eine Entfremdung be - ſeitigt, die Einheit wieder enger geknüpft werden. Jn früheren Fällen hatten hinter dem römiſchen Vorgehen politiſche Abſichten geſtanden, denen die zeitweilige Trennung entſprach, diesmal forderte die Poli - tik, daß man ſich die Hand reiche. Daß Humbert in ſolcher Lage alles herauskehrte, was die Griechen reizen mußte, darunter in erſter Linie das, was ſie am wenigſten vertrugen, die Forderung, ſich Rom zu unterwerfen, könnte den Verdacht wecken, auch er habe im Grunde nicht die Verſtän - digung, ſondern das Gegenteil gewollt. Aber dagegen ſpricht doch alles. Eher könnte er gehofft haben, durch ſeine Kriegserklärung zum Sturz des Patriarchen beizutragen. Dann hätte er ſich allerdings furchtbar geirrt und nur das Waſſer auf die Mühle des Gegners geleitet. Er war gewiß kein Diplomat, und ſein Genoſſe, der Kanzler, wird ihn in dieſem Punkte nicht ergänzt haben. Jhr Vorgehen, das man nicht anders als unklug und plump nennen kann, war wohl nichts weiter als der Ausdruck ihrer innerſten Überzeugung. Für ſie war Rom in buchſtäblichem Sinn das Haupt, die Herrſcherin der Geſamtkirche und jeder Widerſpruch gegen römiſches Gebot, mochte er kommen, woher er wollte, Empörung gegen Gott und Abfall vom Glauben. Daß man im Oſten ganz anders dachte, war in ihren Augen abſcheuliche Ketzerei. Ein Römer alten Schlages hätte den Standpunkt der Gegner beſſer zu würdigen gewußt, ohne ihn darum anzuerkennen. Er hätte die eigenen Anſprüche minde - ſtens zurücktreten laſſen, wie es ſo manches Mal um guten Zweckes willen geſchehen war. Aber Rom war damals ſchon nicht mehr römiſch, Franken hatten von ihm Beſitz ergriffen, und fränkiſche Auffaſſung des römiſchen Primats ſprach aus den Worten der Legaten und beſtimmte ihre Schritte. Dieſe Auffaſſung aber vertrug ſich nicht mit den Lehren286Leos IX. Verdienſte um die Kirchenreformund Überlieferungen der alten Kirche, die im Oſten fortlebten, darum konnte es damals eine aufrichtige und innerliche Verſtändigung zwiſchen Oſt und Weſt nicht mehr geben. Der altkirchliche Oſten und die ger - maniſch-römiſche Kirche des Weſtens waren verſchiedene Welten, die wohl getrennt nebeneinander beſtehen konnten, aber ſich abſtoßen mußten, ſobald ſie verſuchten, ſich zu vereinigen.
Leos auswärtige Politik war kläglich geſcheitert, und in dem, was man ſeine innere Politik nennen darf, in der Kirchenreform, waren die un - mittelbaren Erfolge nicht groß. Er hat ſich darauf beſchränkt, alte Geſetze wieder einzuſchärfen, neue hat er nicht erlaſſen. An eine Änderung der Kirchenverfaſſung hat er nicht gedacht, das Verhältnis zu den weltlichen Gewalten, Königen, Fürſten und der ganzen Maſſe der Kirchenherren, nicht angetaſtet. Er hatte nichts dagegen, daß die Biſchöfe nach wie vor die Einſetzung aus der Hand des Landesherrn empfingen, wenn nur die Form der Wahl durch Klerus und Volk gewahrt blieb. Mehr beſagte der Beſchluß des Reimſer Konzils (1049) nicht, als daß einer Gemeinde kein Biſchof aufgedrängt werden dürfe, den ſie nicht wollte. Die Herr - ſchaft des hohen Adels über ſeine Hausklöſter hat Leo nicht beſeitigen wollen, ja er hat ſie mitunter befeſtigt, indem er in den Privilegien, die er zahlreich verlieh, die Rechte der Gründer und ihrer Erben in Form der Vogtei regelte. Ein durchaus konſervativer Reformer alſo, der die Zu - ſtände auf dem Boden des geltenden Rechts zu beſſern ſucht. Geltendes Recht aber war für ihn das Eigentum des Grundherrn an ſeiner Kirche nicht weniger als die Kanones der älteſten Zeit, er hielt dieſe mit jenem nicht für unvereinbar. Sein Kampf galt nur dem Mißbrauch des Rechts, dem Handel mit kirchlichen Würden und Ämtern, dem Kauf und der Beſtechung. Darum begnügte er ſich mit einem Vorgehen von Fall zu Fall: wo ein Biſchof offenkundiger Verfehlungen angeklagt wurde, griff er ein, unterſuchte und richtete. Sein Ziel ſcheint eine all - mähliche Säuberung des hohen Klerus von ſchlechten Elementen und eine Wandlung der herrſchenden Anſchauungen geweſen zu ſein. Hob ſich der Stand der Biſchöfe, ſiegte die ſtrengere Auffaſſung des kirch - lichen Amtes, ſo ergab ſich alles Weitere von ſelbſt.
Was Leo perſönlich dafür getan hat, iſt außerhalb des engeren römi - ſchen Sprengels ſehr wenig. Es war wohl nicht nur die Kürze ſeiner Regierung, was ihm eine umfaſſendere Tätigkeit nicht erlaubte. Unver -287Leos IX. Verdienſte um die Kirchenreformkennbar iſt er von der zu Anfang mit Eifer ergriffenen Reform bald ab - gelenkt worden durch ſeine unteritaliſchen Beſtrebungen. Er war nun einmal ein deutſcher Reichsbiſchof, dem die irdiſchen Angelegenheiten ſeiner Kirche ebenſo nahe ſtanden wie die geiſtlichen. So konnten auch die greifbaren Erfolge ſeiner Reform nur gering ſein. Sie liegen in Frank - reich. Der bedeutendſte war, daß es ihm gelang, den Erzbiſchof von Sens zu ſtürzen, der am meiſten dazu beigetragen hatte, daß das Konzil in Reims nicht wurde, was es ſein ſollte. Auf dem Konzil war er deswegen ausgeſchloſſen worden, und ſeine Feinde benutzten den Spruch des Papſtes, um einen Gegenbiſchof zu erheben. Der Erzbiſchof wandte ſich nun ſelber klagend an den Papſt, wurde aber auf der Synode in Rom 1050 der Simonie überführt und abgeſetzt. Hätte er am König Rück - halt gehabt, ſo wäre die Maßregel ohne Folgen geblieben. Heinrich I. aber, wir wiſſen nicht warum, ließ ihn fallen. Unklar war der Ausgang an zwei andern Stellen. Jn Reims war der Biſchof von Nantes abgeſetzt worden, behauptete ſich aber und konnte eine Neuwahl verhindern. Leo beſtimmte darauf den Abt von Sankt Paul in Rom, einen der mit - gebrachten Franzoſen, zum Biſchof und ſandte ihn nach der Bretagne. Er handelte dabei an Stelle des nächſtbefugten, aber im Lande nicht an - erkannten Metropoliten, des Erzbiſchofs von Tours. Offene Ablehnung empfing den Kandidaten des Papſtes; er hat ſich nicht durchgeſetzt. Den tiefſten Eingriff erlaubte ſich Leo in der Auvergne. Hier hatte der König den gewählten Biſchof zurückgewieſen und einen andern eingeſetzt. Leo gab mit Übergehung des Erzbiſchofs von Bourges, der offenbar auf Seiten des Königs ſtand, dem Gewählten die Beſtätigung und weihte ihn ſelbſt. Ob er ihm damit auch zum Beſitz verholfen hat, iſt eine andere Frage; es ſieht nicht danach aus.
Aber mit dieſen wenigen Handlungen von zweifelhaftem Erfolg er - ſchöpft ſich nicht, was Leo für die Reform gewirkt hat. Die Hauptſache war der Eindruck ſeines Auftretens. Mit ſeiner einnehmenden Perſön - lichkeit, ſeiner betonten Einfachheit — im Pilgerkleid war er in Rom zuerſt erſchienen, barfuß ſah man ihn auch ſpäter zu den Heiligtümern der Stadt ziehen — und nicht zuletzt durch die Milde ſeines Verfahrens gewann er der Reform Anhänger, wohin er kam. Seine weiten Wan - derfahrten ſorgten dafür, daß die Welt ihn kannte, und die Umſtände ſeines frühen Todes ließen ihn als Märtyrer erſcheinen. Seine An - hänger zögerten auch nicht, ihn als ſolchen im wohlverdienten Heiligen -288Dauernde Wirkung. Viktor II. ſchein der Nachwelt zu zeigen. Als Heiliger iſt er ſchon bald verehrt worden.
Ungleich mehr iſt, was er für das Papſttum getan hat. Für den größeren Teil der abendländiſchen Kirche war der Papſt bis dahin eine ferne, unperſönliche, wenig bekannte und oft umſtrittene Größe geweſen, die man benutzen konnte, aber nicht ſonderlich zu fürchten brauchte, weil er ſich, ohne dazu aufgefordert zu ſein, um die außeritaliſche Welt nicht kümmerte. Mit Leo IX. trat das Papſttum in glänzender menſchlicher Geſtalt lebendig wirkend unter die Völker, nicht mehr der Automat, der Verfügungen und Privilegien hergab, wenn er die entſprechenden Ge - bühren und Geſchenke empfing oder einem ſtarken Druck gehorchte, ſondern ein tätiges Oberhaupt, das an allem Anteil nahm und aus eigenem Antrieb handelte. Das hatte man noch nicht geſehen, es war etwas völlig Neues, Leo aber hatte dafür geſorgt, daß es mit ſeinem Tode nicht ſein Ende fand. Jndem er die wichtigſten Kirchen Roms mit ſeinen Geſinnungsgenoſſen, zum Teil ſolchen von auswärts, beſetzte, hatte er die Fortſetzung ſeines Werkes geſichert. Dieſe Männer, deren perſönliches Schickſal untrennbar mit der Reform verknüpft war, mußten ſchon um ihrer ſelbſt willen weiter für ſie kämpfen. Sie haben es getan und damit bewirkt, daß die Regierung Leos IX., die durch ihre Kürze verurteilt ſchien, eine Epiſode zu bleiben, zur Epoche wurde.
Sie fanden zunächſt keine Schwierigkeiten. Eine römiſche Geſandt - ſchaft, geführt vom Subdiakon Hildebrand, der von ſeinem früheren Auf - enthalt her die deutſchen Verhältniſſe kannte, erſchien beim Kaiſer, um einen neuen Papſt zu erbitten. Diesmal dauerte es länger, bis der rich - tige Mann gefunden war: niemand Geringeres als der Reichskanzler, Biſchof Gebhard von Eichſtätt, der zweite Mann im Reich, erprobt in Regierungsgeſchäften wie kein anderer. Man hielt ihn geradezu für den Mitregenten des Kaiſers. Faſt ein Jahr war vergangen, als er am 13. April 1055 in Sankt Peter eingeſegnet wurde. Jndem er ſich Viktor II. nannte, wiederum auf älteſte Erinnerungen der römiſchen Kirche zurückgreifend, deutete er an, daß er fortſetzen wolle, was ſeine Vorgänger begonnen hatten. Ein wirklicher Regent der allgemeinen Kirche wollte auch er ſein; in die inneren Angelegenheiten anderer Bis - tümer hat er ſogar noch entſchiedener eingegriffen als Leo. Die praktiſche Reform, die in den letzten Jahren geſtockt hatte, nahm er entſchloſſen wieder auf. Einen übelberufenen Erzbiſchof von Narbonne hat er ab -289Viktor II. geſetzt, über den Kopf des Metropoliten von Ravenna hinweg in Fer - rara eine Verfügung des Biſchofs betreffend die Vermögensverwaltung aufgehoben, in der Provence zwei Bistümer zu einem zuſammengelegt, für Embrun, das durch Fehden und Einfälle der Sarazenen zerrüttet war, einen Erzbiſchof geweiht, den Klerus und Volk erſt nachträglich zu wählen hatten. Ein weiterer Schritt war es, daß er die Arbeit in den Provinzen durch andere ausführen ließ. Als ſeine Vertreter hielten die Erzbiſchöfe von Arles und Aix in Toulouſe ein Konzil ab, das den Ämter - kauf verbot und den Prieſtern die Eheloſigkeit einſchärfte. Mit großer Entſchiedenheit trat Hildebrand als ſein Legat in Frankreich auf. Unter ſeiner Leitung wurden auf einem Konzil in Lyon nicht weniger als ſechs Biſchöfe wegen Simonie abgeſetzt. Jn der Normandie wirkte in glei - cher Eigenſchaft der Biſchof von Sitten, entfernte den ſimoniſtiſchen Erzbiſchof von Rouen und erſetzte ihn durch einen Mönch aus Florenz.
Dieſe Arbeit mußte Viktor II. wohl oder übel Vertretern übertragen, da er ſelbſt durch Geſchäfte anderer Art in Anſpruch genommen war. Leo IX. hatte ihm in Unteritalien eine unklare und ſchwierige Lage hinterlaſſen, eine andere Verwicklung war in Toskana dadurch ent - ſtanden, daß der mit Mühe unterworfene Feind des Kaiſers, Gotfried der Bärtige von Lothringen, ſich mit Beatrix, der Witwe des (1052) verſtorbenen Markgrafen Bonifaz, vermählt hatte (1054). Daß in dieſem Lande, das die Verbindungen zwiſchen Rom und dem Norden beherrſchte, ein Gegner ſaß, konnte der Kaiſer nicht dulden, und der Papſt hatte allen Grund, ihn dabei zu unterſtützen. Als Heinrich im Sommer 1055 ſelbſt in Toskana erſchien, Gotfried vertrieb und Beatrix gefangennahm, war der Papſt an ſeiner Seite und hielt in Florenz eine geſamtitaliſche Synode ab. Dafür hatte ihm der Kaiſer für die Regelung der unteritaliſchen Verhältniſſe von Anfang an nachdrückliche Hilfe ge - leiſtet, indem er ihm — Viktor ſoll es zur Bedingung für die Annahme der päpſtlichen Würde gemacht haben — die Verwaltung des Herzog - tums Spoleto in derſelben Weiſe übertrug, wie Leo das Fürſtentum Benevent erhalten hatte. Dieſe Stärkung ſeiner Machtmittel muß Viktor für notwendig gehalten haben, um ſeine Rolle als Markgraf mit Erfolg zu ſpielen. Wer da wollte, mochte darin eine Auslieferung deſſen erblicken, was der römiſchen Kirche ſeit den Tagen Pippins und Karls und gemäß den Schenkungen Ottos I. und Heinrichs II. von Rechts wegen zukam, aber bisher vorenthalten war.
Haller, Das Papſttum II1 19290Viktor II.An kriegeriſchen Gebrauch ſeiner Macht hat übrigens Viktor II. zunächſt nicht gedacht. Die Normannen behielten von ihm den Eindruck eines freundlichen, entgegenkommenden Herrn, der mit ihnen in Frieden und Freundſchaft leben wollte. Das war indes ſchwerlich ſein letztes Wort. Da er es vermied, die Beſitzfragen, die Leo ungeklärt hinterlaſſen hatte, irgendwie zu regeln, wird ſeine Abſicht geweſen ſein, Zeit zu ge - winnen und Kräfte zu ſammeln. Etwas anderes war vorerſt nicht mög - lich. Mit dem kaum unterworfenen Toskana im Rücken einen neuen Feldzug zu wagen, wäre nach den Erfahrungen Leos IX. eine Tollkühn - heit geweſen. Daran konnte man erſt denken, wenn die Mitwirkung der Griechen ſicher war. Um ſie bemühte ſich der Kaiſer mit Erfolg, ſeine Geſandten brachten aus Konſtantinopel ein fertiges Bündnis heim. Aber zur Wirkung ſollte es nicht mehr kommen.
Viktor hatte ſich im Herbſt 1056 zum Kaiſer nach Deutſchland be - geben. Er fand ihn krank und ſtand am 5. Oktober zu Bodfeld im Harz am Sterbebett des Herrſchers, der ihm die Regentſchaft für ſeinen ſechsjährigen Sohn, Heinrich IV., übertrug. Heinrich hatte in der letzten Zeit mit vielen Widerſtänden zu kämpfen gehabt, denen eine Regent - ſchaft nicht gewachſen war. Viktors erſtes Geſchäft war darum die Ausſöhnung mit dem Hauptgegner des Verſtorbenen. Gotfried der Bärtige erhielt Niederlothringen zurück, das Heinrich ihm genommen hatte, und dazu die Markgrafſchaft Toskana. Damit war er der mäch - tigſte Fürſt im ganzen Reich diesſeits und jenſeits der Alpen, an ihm ſuchte der Papſtregent ſeine Stütze. Ob er ſich darin nicht irrte, hat er zu erfahren keine Zeit gehabt. Jm Februar 1057 nach Jtalien zurückge - kehrt, hielt er im April eine große Synode in Rom, bereiſte im Mai und Juni Toskana und Piemont in Reichsgeſchäften und ſuchte im Juli wiederum Toskana auf. Hier erkrankte er und ſtarb in Arezzo am 28. Juli.
Der Tod Viktors II. ſtellte mit einem Schlag alles in Kirche und Reich in Frage. Unter dem Schutz der deutſchen Macht hatte das Papſttum neue Wege eingeſchlagen und ſie nach des Kaiſers Tode fortſetzen können, da der Papſt ſelber als Vormund die Regentſchaft im Reich führte. Nun war auch der Papſt tot und der deutſche König ein Kind von ſieben Jahren, die Regierung lag in der Hand der Kaiſerin - witwe Agnes, einer ſchwachen und unbedeutenden Frau, die ganz unter dem Einfluß geiſtlicher Ratgeber ſtand. Was war da von Deutſchland noch zu erwarten? Wenn die Kardinäle ihr Werk fortſetzen wollten, mußten ſie ſich nach anderem Schutz umſehen. Unter ihnen war kein einziger Deutſcher, das lothringiſch-franzöſiſche Element überwog, die Lothringer aber brauchten den Fürſten nicht zu ſuchen, der ihnen Bei - ſtand bot. Auf den leergewordenen Platz des Kaiſers hatte ſich ſchon unter Viktor ſein einſtiger Hauptgegner geſchoben, Herzog Gotfried der Bärtige von Lothringen, Markgraf von Toskana, der Mächtigſte im Reich, ohne Nebenbuhler in Jtalien. Für die Reform war er längſt gewonnen, durch das Bedürfnis, eine ſchwere Sündenſchuld zu büßen, geiſtlichen Einflüſſen ausgeliefert. Man pries ihn, weil er mit Beatrix, der er ſein italiſches Fürſtentum verdankte, eine Joſephsehe zu führen gelobt hatte. Auf ihn allein blickten die Augen ſeiner Landsleute unter den Kardinälen.
Danach entſchied ſich die Frage der Papſtwahl. Kaum war die Nach - richt vom Tode Viktors in Rom eingetroffen, ſo wurde Friedrich, der Bruder des Herzogs, gewählt. Er war nach ſeiner Rückkehr aus Kon - ſtantinopel Mönch in Monte Caſſino geworden, um nicht in Gotfrieds Schickſal verwickelt zu werden, gegen den der Kaiſer damals vorging. Viktor II. aber hatte ihn nach der Ausſöhnung mit dem Herzog zum Abt ſeines Kloſters und Kardinalprieſter in Rom geweiht. Am 3. Auguſt wurde er zum Papſt erhoben und nach dem Märtyrerpapſt des zweiten Jahrhunderts, deſſen Gedächtnis die Kirche an dieſem Tag feierte,292Stefan IX. Stefan IX. genannt. Über das Recht des deutſchen Königs, den zu Wählenden zu beſtimmen, hatte man ſich hinweggeſetzt. Brechen wollte man nicht mit ihm, aber es ſchien genügend, wenn er nachträglich zu - ſtimmte. Zu dieſem Zweck wurde Hildebrand an den Hof nach Deutſch - land geſandt, und es gelang ihm, den anfänglichen Unwillen der Kaiſerin - regentin zu beſchwichtigen und ihre Genehmigung zu erwirken.
Daß Stefan die Arbeit ſeiner Vorgänger fortſetzte, verſtand ſich von ſelbſt. Gegen den römiſchen Klerus ging er mit größerer Strenge vor: wer gegen das Verbot Leos IX. geheiratet hatte, ſollte den Kirchendienſt verlaſſen und lebenslänglich Buße tun. Weiteres ſollte im nächſten Frühjahr eine große Synode beſchließen, zu der aus Frankreich Teil - nehmer geladen wurden. Zur Unterſtützung berief Stefan den ange - ſehenſten der italiſchen Reformer, Petrus Damiani, ſehr gegen ſeinen Willen als Biſchof von Oſtia an ſeine Seite nach Rom. Gegenüber den Normannen nahm er die Pläne auf, mit denen Leo IX. geſcheitert war. Um die Mitwirkung der Griechen zu gewinnen, ſollte der Abt von Monte Caſſino nach Konſtantinopel gehen. Auf den ſtarken Arm Herzog Gotfrieds durfte man dabei zählen. Die Macht des Bruders erhöhte der Papſt, indem er ihm die Verwaltung des Herzogtums Spoleto und der Mark von Ancona abtrat. Noch Größeres ſoll er mit ihm vorgehabt haben: man behauptete, er wolle ihn zum Kaiſer krönen. Jn ſeinem niederlothringiſchen Herzogtum ſprach man von Gotfried ſchon als vom Patritius der Stadt Rom. Wenn das mehr war als ein falſches Gerücht, ſo iſt es bei der Abſicht geblieben. Denn ſchon am 29. März 1058, nach kaum achtmonatiger Regierung, wurde Stefan in Florenz, wo er mit dem Herzog zuſammengetroffen war, vom Fieber dahingerafft, an dem er ſchon länger gelitten hatte.
Er hatte bei der Abreiſe von Rom ſein Ende kommen ſehen und für dieſen Fall die Anordnung getroffen, daß mit der Wahl gewartet werde, bis Hildebrand vom Königshof zurückgekehrt wäre. Jn Rom aber hielten die verdrängten Adelsgeſchlechter, Tuskulaner, Crescentier und andere im Verein, den Augenblick für gekommen, die verlorene Herrſchaft in Stadt und Kirche zurückzuerobern. Die Zerſtreuung der Kardinäle, von denen ein Teil den Papſt nach Florenz begleitet hatte, kam ihnen zuſtatten, am 5. April beſetzten ſie die Stadt und erhoben einen Neffen Benedikts IX., den Biſchof Johannes von Velletri, in tumultuariſcher Weiſe unter dem Namen Benedikt X. zum Papſt. Gegen die Reform ſollte ſich das293Benedikt X. — Erhebung Nikolaus 'II. nicht richten, wenigſtens wollte man dieſen Anſchein vermeiden. Der Gewählte hatte bisher zum Kreiſe der Reformer gehört, war von Leo IX. zum Biſchof erhoben worden, darum war er der rechte Mann, wenn man einen einheimiſchen Papſt wollte, der zugleich den Anforde - rungen der Zeit entſprach. Aber es glückte nicht, ſeine Erhebung in den vorgeſchriebenen Formen durchzuführen. Petrus Damiani, der als Bi - ſchof von Oſtia ihn hätte weihen müſſen, weigerte ſich, und da auch kein anderer Biſchof ſich dazu bereit fand, wurde der Archidiakon von Oſtia gezwungen, die Handlung vorzunehmen. Daß ſie ungültig war, konnte alſo niemand beſtreiten.
Verwirrung und Ratloſigkeit herrſchten zunächſt unter den Kar - dinälen. Erſt allmählich — Hildebrand war inzwiſchen aus Deutſch - land zurückgekehrt — klärte ſich die Lage. Wie das letztemal, ſo war auch jetzt die Rückſicht auf Herzog Gotfried entſcheidend. Jhm zuliebe, wenn nicht geradezu auf ſein Verlangen wurde Biſchof Gerhard von Florenz, ein franzöſiſcher Burgunder, zum Papſt auserſehen. Aber man wagte doch nicht — Hildebrand mag davor gewarnt haben — die Rechte des deutſchen Königs ein zweites Mal gröblich zu verletzen, und ſchob wenigſtens die förmliche Wahlhandlung auf, bis die nachgeſuchte Zu - ſtimmung der Kaiſerin eingetroffen war. Am deutſchen Hof müſſen Be - denken erwacht ſein, ob das Recht des Königs nicht durch ein ſolches Vor - gehen der Wähler in Frage geſtellt ſei. Man beruhigte ſich jedoch, als jene durch den italiſchen Reichskanzler die Verſicherung abgaben, an den Vorrechten des Königs ſolle nicht gerüttelt werden. Darüber waren faſt drei Vierteljahre vergangen, während deren die Kardinäle ſich um den künftigen Papſt ſammelten. Jm Dezember endlich vollzogen ſie, ſchon auf dem Wege nach Rom, in Siena die Wahl. Was man von dem Gewählten erwartete, verrät der Name, den man ihm gab: Nikolaus II.
Ehe wir die Ereigniſſe weiter verfolgen, werden wir uns klarzumachen haben, was das bisher Geſchehene bedeutete. Daß die deutſche Regent - ſchaft die Führung des Papſttums verloren hatte, bewieſen die beiden letzten Wahlen handgreiflich. Die Kaiſerin hatte ſich das erſte Mal jeden Einfluſſes berauben laſſen, ein zweites Mal ſich mit Zuſtimmung zu fremden Wünſchen begnügt, anſtatt ſelbſt zu beſtimmen. Das refor - mierte Papſttum, vertreten durch eine Gruppe von Geiſtlichen aus nicht - deutſchem Gebiet, geſtützt durch einen nichtdeutſchen Fürſten, der des294Erhebung Nikolaus 'II. letzten deutſchen Kaiſers Feind geweſen war und im Rufe ſtand, ſelbſt nach den höchſten Ehren zu ſtreben, löſte ſich von der Verbindung mit Deutſchland. Jndeſſen das iſt nicht alles. Nikolaus II. war ein unbe - deutender Mann, von andern geleitet. Großen Einfluß hatte auf ihn der Mönch Hildebrand, den er vor Ablauf eines Jahres vom Subdiakon zum Archidiakon der römiſchen Kirche erhoben hat, nicht weniger die Biſchöfe Bonifaz von Albano, von dem wir nur den Namen kennen, und der uns wohlbekannte Humbert von Silva Candida. Sie werden die beiden Augen des Papſtes genannt. Wie dieſe Augen — und andere mit ihnen — die Dinge ſahen, hatte die Art der letzten Wahl verraten. Sie wich durchaus von den überlieferten Formen ab.
Daß der römiſche Biſchof wie jeder andere von Klerus und Volk zu wählen ſei, war bisher nie beſtritten worden, mochte die Wahl auch oft genug nicht mehr ſein als äußere Form. Hier hatte man ſich darüber hinweggeſetzt, indem man die Handlung außerhalb Roms vollzog, wo der Klerus nur durch wenige Mitglieder vertreten, das Volk überhaupt nicht beteiligt ſein konnte. An Stelle von Klerus und Volk hatten die Kardinäle, in erſter Linie aber die Biſchöfe der Nachbarſchaft Roms gehandelt. Eine Satzung, die dazu berechtigte, gab es nicht. Sooft man in früheren Zeiten Anordnungen über die Papſtwahl getroffen hatte, ſei es um Spaltungen und Kämpfe zu verhüten, ſei es um übermächtig gewordene Laienelemente in ihre Schranken zu weiſen, wie 769 oder 898, immer war die ſtillſchweigende Vorausſetzung geweſen, daß die Wahl in Rom ſtattfinde und der geſamte Klerus, das ganze Volk, Adel und Bürgerſchaft, an ihr teilnehme. Gemeſſen an Herkommen und Satzung, war die Wahl Nikolaus 'II. ungültig, weil unter Nicht - achtung vorgeſchriebener Formen zuſtande gekommen. Nikolaus hatte alſo auf ſeine Würde kein beſſeres Recht als ſein Gegner. Das einzige, was ſeine Erhebung rechtfertigte, war der Zweck, der für Notwendig - keit ausgegeben wurde. Weil die Kirche eine längere Unterbrechung päpſtlicher Regierung nicht vertrug und es den Biſchöfen und Kardinälen unmöglich gemacht war, ihr Recht in Rom auszuüben, mußten ſie anders - wo zur Wahl ſchreiten, und weil das Volk von Rom ſein Recht zum Schaden der Kirche mißbraucht haben würde, ſo durfte, mußte man es beiſeiteſchieben. Mit andern Worten: die Wähler in Siena handelten gegen das geltende Recht um eines höheren Zweckes willen. Für dieſes Verfahren gibt es einen Ausdruck, den man ſich anzuwenden nicht ſcheuen295Humberts Schrift „ Wider die Simoniſten “darf: es war revolutionär. Der Schritt iſt nicht vereinzelt geblieben, andere folgten, die den Stempel der Auflehnung gegen das Hergebrachte und Geltende noch deutlicher an der Stirne trugen, und bald war es nicht mehr zu verkennen, daß das Papſttum mit der Erhebung Nikolaus 'II. die Bahn der Reform verlaſſen und die Fahne der Revolution entrollt hatte.
Revolutionen pflegen ein Programm zu haben; auch hier hat es nicht gefehlt. Jn der Schrift „ Wider die Simoniſten “, die Humbert in der Zeit zwiſchen dem Tode Stefans IX. und der Erhebung Nikolaus 'II. verfaßt hat, liegt es vor. Humbert wendet ſich gegen einen Ungenannten, der behauptet hatte, Weihen, die von Simoniſten erteilt worden, ſeien gültig und brauchten nicht wiederholt zu werden. Unter vielen Schmähun - gen gegen den Gegner ſucht er das Gegenteil zu beweiſen. Simonie iſt Ketzerei, ſchlimmere Ketzerei als jede andere, Ketzerweihen aber ſind ungültig. Das wird in endloſen Wiederholungen mit paſtoraler Dekla - mation und maſſenhaften Belegſtellen vorgetragen. Allmählich aber kommt der Verfaſſer vom Thema ab, um einen leidenſchaftlichen An - griff gegen das Recht der Laien an der Beſetzung der Kirchen, vor allem der Bistümer zu richten. Die Laien ſind ſchuld daran, daß die Kirche der Simonie verfallen iſt. Denn ſie alle, vom Höchſten bis zum Niedrig - ſten, benutzen ihr Recht zu Handelsgeſchäften, Kaiſer, Könige, Fürſten, Beamte und wer irgend in der Welt Macht beſitzt, denken an nichts anderes. Dem Beiſpiel der Laien folgen Biſchöfe und Geiſtliche, ſie beſtärken ſie noch, indem ſie ihnen nachlaufen und keine Koſten ſcheuen.
Herrſchende Übelſtände hatten auch andere gegeißelt, um durch Schär - fung der Gewiſſen die Mißbräuche verſchwinden zu laſſen und einer würdigen Übung die Wege zu bahnen. Das war Reform auf dem Boden des geltenden Rechts. Humbert geht weiter, er tadelt nicht nur den Miß - brauch, er greift das Recht ſelbſt an. Jn ihm ſieht er die Quelle der Simonie, erklärt es für Unrecht und Anmaßung und fordert, daß es verſchwinde. Die alte Zeit, noch die Karolinger, ſagt er, haben es nicht gekannt. Damals ſetzte der Papſt den Metropoliten, dieſer die Biſchöfe ein. Erſt als die Ottonen zur Macht gelangten, ſank der Einfluß der römiſchen Biſchöfe. Jn ihrer Trägheit und Torheit ließen die Päpſte es geſchehen, daß durch die Anmaßung neubekehrter Fürſten alles kirchliche Amt und Recht allmählich ihren Händen entwunden wurde und ihnen296Humberts Schrift „ Wider die Simoniſten “kaum der Schatten ihrer früheren Würde blieb. Nachdem ſo das Haupt des geiſtlichen Standes geſchwächt und geſtürzt war, riß die weltliche Gewalt nach Belieben bald den ganzen Leib an ſich, um ſich ſtraflos ſeiner zu bemächtigen. Das geſchah allmählich, erſt durch Bitten, dann Drohungen, ſchließlich Befehle. Niemand wagte zu widerſprechen, ja nur den Mund zu öffnen. Unter dem Namen der Jnveſtitur reichte man zuerſt Zettel oder Stäbchen dar, dann weltliche Stäbe, ſchließlich die geiſtlichen. Dieſer ungeheure Frevel hat ſich ſo ſehr eingebürgert, daß er allein für kanoniſch gilt und man nicht mehr weiß noch beachtet, welches die kirchliche Vorſchrift iſt. Sie ſchreibt vor, daß gemäß dem Spruch des Metropoliten der Klerus wähle und die Volkswahl durch Zuſtimmung des Fürſten bekräftigt werde. Das wird jetzt umgekehrt, die weltliche Gewalt hat den Vortritt, die andern Wähler müſſen ihr folgen, ob ſie wollen oder nicht. Ganz zuletzt kommt der Metropolit an die Reihe, der dann nur noch zu beten und zu ſalben hat. Die ſo Er - hobenen ſind keine Biſchöfe, weil bei ihrer Beſtellung das Unterſte zu - oberſt gekehrt iſt. Was geht die Laien Ring und Krummſtab an, auf denen die Biſchofsweihe vornehmlich ruht? Wer ſie zur Einſetzung ver - wendet, der legt die Hand auf das Biſchofsamt. Verleiht der Metro - polit ſie nachträglich nochmals, ſo wird damit nur der vorausgehende Verkauf bemäntelt oder Gelegenheit zu wiederholtem Verkauf gegeben. So kommt es, daß ein Bistum viermal erkauft werden muß, zuerſt vom Fürſten und ſeinem Geſinde, dann vom Metropoliten und den Seinen.
Man müßte die Schrift ſeitenweiſe ausſchreiben, um einen Begriff zu geben von der flammenden Leidenſchaft, die dem Verfaſſer die Feder führt. Vor uns ſteht ein gelehrter Fanatiker. Mit welcher Verachtung ſpricht er von den Ottonen, deren Vorfahren doch ſchon ſeit zweihundert Jahren Chriſten waren, als von Neubekehrten! Wie wettert er gegen die weltlichen Fürſten im allgemeinen, dieſe untreuen Vormünder deſſen, was den Armen Chriſti gehört! Sie führen ihr Schwert umſonſt, da ſie es nie oder kaum je zur Strafe gegen die Böſen gebrauchen, ſie vernach - läſſigen den Schutz des Landes und die Pflege des Rechts und wenden alle Kraft, allen Eifer darauf, ſich der Kirchengüter zu bemächtigen. Nicht zufrieden mit ihrem eigenen Tribunal, leiten ſie Synoden der Kirche, um alles nach ihrem Wunſch und Willen zu lenken. Jhre Anmaßung und Habgier kennt keine Grenzen, alles reißen ſie an ſich, nehmen alles in Beſitz, ſo daß kein Geiſtlicher etwas benutzen kann, es ſei denn von297Humberts Schrift „ Wider die Simoniſten “ihnen gegeben oder verkauft. Sogar Frauen — gemeint iſt die Kaiſerin — üben die Herrſchaft über Kirchen aus, erteilen die Jnveſtitur mit Bis - tümern und Abteien, ſetzen ein und ab. So geſchieht es, daß verachteter daſtehen, die freier ſein ſollten als alle, weil ihr Erbteil Gott ſelbſt iſt, während ſie hinwiederum Gott gehören. Auch der niedrigſte Laie dient nur einem Herrn, Geiſtliche und Kirchen ſind jedermann preisgegeben. Am meiſten aber werden ſie ausgenutzt und verhandelt von denen, die ſich für ihre Vögte und Schirmer ausgeben, von Kaiſern, Fürſten und Gefolge. Tempelräuber vor Gott, deſſen Eigentum ſie ſich aneignen, wollen dieſe für fromm und katholiſch gelten, während ſie in Wahrheit Feinde Gottes ſind. Für das Unrecht, das ſie an der Kirche begehen, ſtraft ſie Gott mit Krieg und Hungersnot, ihre Geſchlechter ſterben aus, auch ihre Stiftungen aus geraubtem Kirchengut helfen ihnen nichts.
Humberts Schrift hat keine Verbreitung gehabt und keinen nach - weisbaren Einfluß geübt. Vielleicht waren ſchon die Zeitgenoſſen von dieſer langatmigen Breite der Form und Unordnung der Gedanken abgeſtoßen. Für uns haben die Sätze, die hier zum erſtenmal zu hören ſind, den einzigartigen Wert, Aufſchluß darüber zu geben, wie man in dem nunmehr regierenden Kreiſe der römiſchen Kirche dachte. Sie enthalten faſt alles, was ſeitdem in ſtetig zunehmendem Maße die neue kirchliche Bewegung kennzeichnet und ihre Ziele bildet: Kampf gegen das Eigentum der Laien an Kirchen mit allem, was ſich daraus ergibt; Befreiung des Klerus von der Herrſchaft der Laien, des Papſtes von der Herrſchaft des Kaiſers durch Wiederherſtellung eines urſprünglichen Biſchofswahlrechts, das den Herrſcher zwar nicht ganz ausſchließt, aber ihn hinter die geiſtlichen Teilnehmer zu - rücktreten läßt; Heilung der kirchlichen Schäden durch ein befreites Papſttum, von dem die Biſchöfe abhängen; Feindſeligkeit und Ge - ringſchätzung gegen den Fürſtenſtand und dahinter ſchon deutlich er - kennbar der Anſpruch, daß die Kirche als geſchloſſener Verband der Geiſtlichen gegenüber der geſamten Laienſchaft die weltliche Gewalt zu leiten habe „ wie die Seele den Körper “. Endlich fehlt auch nicht der Hinweis auf das Mittel, mit dem das Ziel, wenn anders nicht, erreicht werden kann: Aufwiegelung der Maſſen gegen ihre Biſchöfe. Wenn die Geiſtlichen, ſagt Humbert, es an ſich fehlen laſſen, ſo müſſen ſchließ - lich die weltlichen Fürſten und gläubigen Laien aufſtehen und ihrer Mutter zu ihrem Recht verhelfen. Seine Schrift iſt das Programm,298Humberts Schrift „ Wider die Simoniſten “der Zukunft, ein wahrhaft revolutionäres Programm, da es dem gelten - den Recht — Humbert ſelbſt bezeugt ſeine allgemeine Geltung — den Krieg erklärt. Seinen Kern bildet der Ruf: Fort mit der Jnveſtitur, der Einſetzung der Biſchöfe durch Laien! „ Hüten ſollen ſich die weltlichen Machthaber davor, jemand mit Ring und Stab auszuſtatten! Wiſſen ſollen ſie, daß dies nicht ihre Sache, ſondern die der Biſchöfe iſt! “
Humberts Beweisführung iſt nicht immer überzeugend. Den Ein - wand, daß die Zahlung an den Kirchenherrn nicht dem geiſtlichen Amt, der Biſchofsweihe, ſondern dem weltlichen Beſitz des Bistums gelte, kann er nicht widerlegen, obwohl er ihn für ein Feigenblatt der Lüge er - klärt, das nur anlegen könne, wer keinen Funken Verſtand und keine Spur von Schamgefühl habe. Sein Schimpfen verrät die Schwäche ſeiner Gründe. Was er über das Aufkommen des Laienrechts der Jn - veſtitur ſeit der Unterwerfung des Papſttums durch die Ottonen ſagt, iſt Phantaſie, und das Bild der allein rechtmäßigen Biſchofswahl, wie er es nach angeblichem altem Kirchenrecht zeichnet, findet in keiner kirchlichen Rechtsquelle eine Stütze. Es iſt darum auch nicht richtig, daß er lediglich das alte Recht wieder habe zu Ehren bringen wollen, mag er ſich noch ſo oft darauf berufen. Er iſt Revolutionär und wäre es, ſelbſt wenn er ſich ſtreng an die alten Texte hielte, denn dieſe waren auf gänzlich andere allgemeine Verhältniſſe berechnet. Der Verſuch, in einer gründlich veränderten Welt ſich ausſchließlich nach ihnen zu richten, mußte, wie jede folgerichtig erſtrebte Wiederherſtellung der Vergangenheit, zu einer Umwälzung des Beſtehenden führen. Aber Humbert hält ſich, wie wir ſchon ſahen, nicht einmal genau an das, was er geſchrieben findet. Wie alle Revolutionäre hat er im voraus eine Vorſtellung von den Dingen, wie ſie ſein ſollen, und ſchafft ſich die Be - weiſe, wie er ſie braucht. Für dieſes Bild hat er die Farben von ver - ſchiedenen Stellen hergenommen. Ohne Bedeutung wird es nicht ge - weſen ſein, daß er bei ſeinem Aufenthalt in Konſtantinopel eine Kirchen - verfaſſung kennengelernt hatte, die von Laieneigentum und Abgaben an weltliche Gewalten nichts wußte. Kaiſer Konſtantin ſelbſt hat ihn dar - über aufgeklärt, und aus der Art, wie er davon berichtet, hört man das Erſtaunen heraus, in das ihn dieſe Entdeckung verſetzt hat. Welchen An - teil an der Geſtaltung ſeiner Anſichten und Forderungen ſeine eigene Natur, vielleicht auch perſönliche Erfahrungen gehabt haben, entzieht ſich unſerm Urteil. Jn der Erbitterung, mit der er über den König von299Einfluß PſeudoiſidorsFrankreich ſpricht, den Verderber der franzöſiſchen Kirche, klingt ſo etwas mit. Nach dem, was er ſich dachte und wünſchte, was er geſehen oder erlebt hatte und was ihn bis zu leidenſchaftlicher Erregung be - herrſchte, deutete er auch die Quellen, die er las. Da war es aber von größter Bedeutung, daß er neben den echten, aus denen er ſich ſeine Vorſtellung von der urſprünglichen Kirchenverfaſſung bilden konnte, eine unechte fand, die ihm einen Zuſtand, den es nie gegeben hatte, vorſpiegelte: Pſeudoiſidor.
Humbert hat ihn gekannt. Jn der Schrift „ Wider die Simoniſten “ſchöpft er aus ihm die Belegſtellen mit vollen Händen. Über Bedeutung und Befugniſſe des Papſtes ſich zu äußern, hatte er dort keine Gelegen - heit, aber in den von ihm verfaßten Schreiben Leos IX. an Kaiſer und Patriarchen von Konſtantinopel hatte er ſie, und hier zeigt ſich, daß ſeine Vorſtellung vom Papſttum durch die falſchen Dekretalen beherrſcht iſt. Aus Pſeudoiſidor ſtammt der Satz, den er im Anſchluß an die Lukas - ſtelle — „ ich habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht wanke, und du ... ſtärke die Brüder “— dem Patriarchen entgegenhält: „ Niemand, der nicht den Worten des Herrn widerſtreitet, kann leugnen, daß, wie die Tür in der Angel ruht, ſo von Petrus und ſeinen Nachfolgern das Heil der ganzen Kirche abhängt. Und wie die Angel, ſelbſt unbeweglich, die Tür hin und her dreht, ſo ſind Petrus und ſeine Nachfolger unum - ſchränkte Richter über die ganze Kirche, da niemand ihre Stellung ver - rücken darf, weil der höchſte Stuhl von niemand gerichtet wird. “ Auf die angeblichen Erlaſſe der älteſten römiſchen Biſchöfe ſich ausdrücklich zu berufen, hat Humbert zwar den Griechen gegenüber vermieden, weil er von ihrer Literatur genug kannte, um zu wiſſen, daß ihnen dieſe Autoritäten nichts bedeuteten. Dafür hat er aber ein Aktenſtück ſich nicht entgehen laſſen, mit dem er glaubte Eindruck zu machen: die an - gebliche Schenkung Konſtantins des Großen, aus der er einen ganzen Abſchnitt über die Ehrenrechte des Papſtes wörtlich wiedergab. Sie fand er bei Pſeudoiſidor, durch den die erdichtete Urkunde ihre eigentliche Verbreitung erhalten hat.
Humbert iſt nicht der einzige Zeuge dafür, daß die große Fälſchung des neunten Jahrhunderts im Kreiſe der Reformkardinäle bekannt war und benutzt wurde. Jn jenen Jahren, vielleicht noch zu Lebzeiten Leos IX., iſt dort ein Handbuch des Kirchenrechts zuſammengeſtellt worden, das ſeinen Stoff faſt zu fünf Sechſteln aus dieſer Quelle300Einfluß Pſeudoiſidorsſchöpft. Zum erſtenmal werden hier die Rechte des Papſtes an die Spitze geſtellt und mit den Worten beſtimmt, die Pſeudoiſidor erfunden hatte: daß die römiſche Kirche ihren Vorrang von Gott allein empfangen habe, daß ſie jedermann nach ihrem Befinden den Himmel öffnen und ſchließen könne, daß ſie die Mutter aller andern Kirchen ſei und dieſe ſich nach ihr zu richten, ihrem Willen zu gehorchen haben; daß jedermann ihr Urteil anrufen könne, alle wichtigen Fälle ihrer Entſcheidung zu unterbreiten ſeien, ſie ſelbſt aber von niemand gerichtet werde. Was vielleicht noch mehr bedeutete, in dieſer Zuſammenſtellung erſchien der geſamte Rechtszuſtand der Kirche faſt ausſchließlich auf Erlaſſe der römiſchen Biſchöfe gegründet. Neben ihnen treten alle andern Quellen bis zur Bedeutungsloſigkeit zurück, auch die Kanones der Konzilien, die bis dahin die Grundlage des Kirchenrechts und ſeine letzte Autorität geweſen waren. Sie ſind verdrängt durch die Dekretalen der Päpſte.
Um Pſeudoiſidor hatte man ſich in Rom ſeit dem Ende des neunten Jahrhunderts nicht mehr gekümmert, kein Papſt hat ſich ſeiner bedient, er muß dort völlig verſchollen geweſen ſein. Erſt die Franzoſen und Lothringer, die mit Leo IX. herüberkamen, brachten ihn aus ihrer Heimat mit und ſorgten dafür, daß er bekannt wurde. Welchen Ein - druck mußte es da machen, wenn man aus dem Munde ehrwürdigſter, unanfechtbarſter Zeugen, römiſcher Biſchöfe der Märtyrerzeit, die man längſt als heilig zu verehren gewohnt war, allen voran des Apoſtelſchülers Clemens, wenn man von ihnen erfuhr, wie unbegrenzt die Macht - vollkommenheit des Papſtes gegenüber Synoden und Biſchöfen und der ganzen Kirche einſt geweſen ſei! Wenn man hörte, daß keine Synode ohne ſeine Ermächtigung ſtattfinden dürfe, kein Beſchluß ohne ſeine Beſtätigung gelte; daß ein Angeklagter jeden Augenblick an ihn Be - rufung einlegen, er ſelbſt ein ſchwebendes Verfahren jeden Augenblick vor ſeinen Richterſtuhl ziehen dürfe; daß, mit einem Wort, jeder Bi - ſchof ſein unmittelbarer Untergebener und die ganze Welt ſein Amts - ſprengel ſei ſo gut wie die Bistümer in ſeiner nächſten Nachbarſchaft. Wenn man außerdem in der angeblichen Schenkung Konſtantins las, welche außerordentlichen äußeren Ehren ihm gebührten, wie er in Rom die Stelle des nach dem Oſten verzogenen Kaiſers einnahm und von dieſem die Herrſchaft über Jtalien und die weſtlichen Länder erhalten hatte, ſo ſtieg aus den Blättern Pſeudoiſidors ein Bild des Papſttums empor, wie es angeblich einſt geweſen war in der guten alten Zeit, ehe301Einfluß Pſeudoiſidorsdie Kirche verfiel und ſich ſelbſt untreu wurde: untrüglicher Lehrer und Richter, unumſchränkter Herrſcher, dem jeder zu gehorchen habe, der zur Herde Chriſti gehören wolle, lebendiger Mittelpunkt und Kraft - quell für die ganze Kirche, nach allen Seiten wirkend durch Lehre und Zucht, die Angel, in der die Tür der Kirche ſich drehte, wie Humbert mit Worten Pſeudoiſidors ſich ausgedrückt hatte. Wie viele und koſt - bare, wie heilſame Rechte hatten die Päpſte ſeit Jahrhunderten — aus Trägheit und Unwiſſenheit, ſagte Humbert — unbenutzt gelaſſen, zum Schaden der Kirche! War es nicht hohe Zeit, das Verſäumte gut - zumachen, die alte Verfaſſung wiederherzuſtellen, das allzulang ver - geſſene Recht des Papſttums wieder zur Geltung zu bringen und mit ihm die Mißbräuche einer entarteten Zeit hinwegzufegen, damit die Kirche wieder ſei, was ſie ſein ſollte und urſprünglich geweſen war? War das nicht der ſicherſte Weg zur Reform, ja recht eigentlich die Wurzel, aus der ſie von ſelbſt erwachſen mußte?
Die Reformer des elften Jahrhunderts brauchten den Pſeudoiſidor nicht zu entdecken, wir wiſſen, daß er außerhalb Roms nicht vergeſſen war. Jn Frankreich und Deutſchland, in Lothringen beſonders hat man ihn immer gekannt, und viele hatten die Stellen geleſen, die von den unbegrenzten Rechten des römiſchen Biſchofs handelten. Aber ſeit bald zweihundert Jahren war niemand mehr auf den Gedanken gekommen, daraus praktiſche Nutzanwendungen zu ziehen und die Wirklichkeit nach dieſen Sätzen geſtalten zu wollen. Jm Gegenteil, die Bearbeiter des Kirchenrechts, Burchard von Worms und andere, hatten den Pſeudoiſidor wohl für ihre Zwecke benutzt, ſeine Lehre vom Papſttum jedoch ſtillſchweigend beiſeitegeſchoben. Sie mag ihnen als graue Theorie erſchienen ſein, für die im Leben kein Platz war, die einem angeſichts des Zuſtands, in dem ſich Rom befand, auch nichts nützen konnte. Jetzt wurde es anders. Wenn zwei dasſelbe leſen, iſt es nicht dasſelbe, und die Reformer um Leo IX. laſen mit andern Augen als frühere Generationen. Viel gäben wir darum zu wiſſen, wer es war, der zuerſt im Pſeudoiſidor mehr ſah als eine Sammlung ehrwürdiger, aber zum Teil veralteter, mit der Wirklichkeit unvereinbarer Texte; der hier das Heilmittel zu entdecken glaubte, mit dem der Kirche geholfen werden, die Handhabe, deren er und ſeinesgleichen ſich bedienen könne, und der entſchloſſen war, ſie zu benutzen. War es Humbert, war es ein anderer? Wer immer es war, er hat zu Pſeudoiſidor gegriffen,302Nikolaus 'II. Regierungsantrittweil er hier das beſtätigt und beglaubigt fand, was er wollte und er - ſtrebte. Hinkmar und Gerbert hatten den Fälſcher verworfen, weil er ihnen im Wege war, unvereinbar mit ihren Vorſtellungen von der richtigen Ordnung der Kirche, die ſie zu beſitzen meinten und erhalten wollten. Humbert und ſeine Genoſſen verabſcheuten die beſtehende Ord - nung und ſuchten nach einer beſſeren. Jm Pſeudoiſidor glaubten ſie den Wegweiſer zu ihr zu finden und griffen zu. Sie machten ihn ſich zu eigen, weil ſie ihn brauchten. So kamen die Erfindungen eines Fälſchers zu Ehren, die ihre Zeit abgelehnt hatte. Zweihundert Jahre hatten ſie dagelegen, ohne zu wirken, wie das Saatkorn, das ſeine Zeit erwartet, um zu keimen und zu ſprießen. Die Zeit war gekommen, und Pſeudoiſidor wurde die Richtſchnur, nach der die Verfaſſung der Kirche ſich neu geſtaltete.
Nikolaus II. war nach der Wahl von Siena, geleitet vom tos - kaniſchen Heer, das Herzog Gotfried ſelbſt führte, langſam auf Rom vorgerückt. Obgleich noch nicht geweiht, hatte er doch ſchon begonnen, als Papſt zu amtieren, und eine Synode nach Sutri einberufen, die über Benedikt X. als Eindringling den Fluch ausſprach. Der Reichs - kanzler Jtaliens, Wibert, ein Geiſtlicher aus Parma, war zugegen. Welche Rolle dieſer Mann dereinſt ſpielen würde, konnte damals niemand ahnen. Seine Anweſenheit war ein Zeugnis, daß Nikolaus II. der Papſt des deutſchen Königs und künftigen Kaiſers ſei. Das kann in Rom nicht ohne Wirkung geblieben ſein, und Hildebrand, der hier zum erſtenmal ſelbſtändig handelnd hervortritt, ſorgte für das übrige. Seine alten Beziehungen benutzend, ließ er durch Leo, den Sohn des getauften Juden Baruch-Benedikt, Geld unter das Volk verteilen. Jm Stadtteil jenſeits des Tiber, in dem Leo ſeinen Wohnſitz hatte, brach daraufhin ein Aufſtand aus, ein Teil des Adels ſchloß ſich an, der Stadtpräfekt wurde geſtürzt und durch ein Geſchöpf Leos erſetzt. Benedikt X. ſah ſeinen Anhang ſchwinden, gab den Widerſtand auf und verließ die Stadt. Während er auf einer Burg nördlich von Rom Zuflucht fand, konnte Nikolaus am 24. Januar 1059 ſeinen Einzug halten, vom Lateran Beſitz nehmen und in Sankt Peter die Weihe empfangen.
Er war nun rechtmäßiger Papſt, und um das aller Welt deutlich zu machen, berief er für die Zeit nach Oſtern, wie das ſeit Leo IX. üblich303Wahlordnung von 1059geworden war, eine Synode nach Rom. Sie hat um die Mitte des April ſtattgefunden und ſoll nach amtlicher Angabe von 113, nach andern von 125 Biſchöfen, alſo ſtärker als jede frühere beſucht geweſen ſein. Die Zahlen unterliegen jedoch Bedenken, und es dürfte ſich in Wirklichkeit nur um die übliche römiſch-italiſche Synode gehandelt haben. Jhre Beſchlüſſe freilich gehen ſo weit über den herkömmlichen Rahmen hinaus, daß man mit Recht in ihr ſtets eine entſcheidende Wendung der Geſchicke geſehen hat.
Jhre erſte Aufgabe war, jeden Zweifel an der Rechtmäßigkeit des nunmehrigen Papſtes niederzuſchlagen. Es geſchah durch Erlaß einer Wahlordnung, die das Verfahren, dem Nikolaus ſeine Würde ver - dankte, unregelmäßig und mit der Überlieferung unvereinbar wie es war, für die Zukunft zur Regel und Richtſchnur machte.
Sie legte das Geſchäft in die Hand der Kardinäle, in erſter Linie der Kardinalbiſchöfe. Unter dieſen verſtand man die Biſchöfe der kleinen Nachbarſtädte Roms, ohne daß bereits feſtgeſtanden hätte, wer dazu gehörte und wer nicht. Sie ſollten den zu Wählenden ausfindig machen, hierauf die Zuſtimmung zunächſt der übrigen Kardinäle, dann erſt des geſamten Klerus und Volkes einholen. Der Gewählte ſollte womöglich der römiſchen Gemeinde angehören; fände ſich dort kein Geeigneter, ſo ſei er von anderswo zu berufen. Falls eine reine und unbeſtochene Wahl in Rom unmöglich ſei, ſo ſollten die Kardinalbiſchöfe befugt ſein, ſie anderswo an geeignetem Ort mit frommen Geiſtlichen und rechtgläubigen Laien, ob auch nur wenigen, zu vollziehen. Wäre der Gewählte durch Kriegswirren oder andere Widerſtände an der Thronbeſteigung ver - hindert, ſo dürfte er doch ſogleich die Regierung der römiſchen Kirche ausüben und über ihre Mittel verfügen. Jede dieſer Beſtimmungen entſprach dem, was bei der Erhebung Nikolaus 'II. geſchehen war: ein auswärtiger Biſchof, außerhalb Roms gewählt durch die Kardinäle unter Zuſtimmung einiger weniger Vertreter von Klerus und Volk, hatte er ſogleich die Regierung ergriffen. Das ſollte hinfort als Muſter und Vorſchrift gelten. Klerus und Volk von Rom, bis dahin gemäß altkirchlichem Brauch Wähler des Papſtes wie jedes andern Biſchofs, waren ihres Wahlrechts beraubt und auf nachträgliche Zuſtimmung beſchränkt zugunſten einer bevorzugten Gruppe, der Kardinäle, die nun - mehr als die eigentlichen Wähler galten. Mit dem Recht der alten Kirche, auf das die Reformer ſich ſo gern beriefen, hatte das nichts304Wahlordnung von 1059gemein, es war Neuerung, und zwar Neuerung mit beſtimmtem, augen - blicklichem Zweck. Durch die Verhältniſſe gefordert, war es allerdings eine Notwendigkeit, wenn die Partei, die im letzten Wahlkampf ge - ſiegt hatte, die Herrſchaft behalten ſollte. Wollten die Kardinäle, eine Gruppe von meiſt Fremden in Rom, ſich an ihrem Platz behaupten und ihre Richtung zum Siege führen, ſo konnten ſie die Wahl nicht unter allen Umſtänden der Menge der Einheimiſchen überlaſſen, die ſie nicht beherrſchten, ſie mußten ſich die Möglichkeit ſichern, ſie ſelbſt in die Hand zu nehmen und ſie nach Bedarf auch außerhalb Roms an jedem beliebigen Ort zu vollziehen. Das überlieferte Recht bot dafür keine Handhabe; daß man nicht davor zurückwich, es abzuändern, kennzeichnet ſeine Urheber als das, was ſie waren, als Revolutionäre. Um jeden Zweifel am Charakter der Maßregel zu zerſtreuen, genügt es feſtzu - ſtellen, daß die Wahlvorſchriften von 1059 niemals beachtet worden ſind. Sie hatten ihren Zweck erfüllt, indem ſie der Erhebung Nikolaus 'II. nachträglich den Schein der Rechtmäßigkeit verliehen. Dagegen trat ſchon bald der Fall ein, daß ſie als unbequem empfunden wurden. Da hat denn einer der eifrigſten Reformer ſich nicht geſcheut, ſie als wider - rechtlich, weil im Widerſpruch zur alten Ordnung, zu verwerfen und den Papſt, der ſie verkündigt hatte, offen zu tadeln.
An der Erhebung Nikolaus 'II. war der deutſche König beteiligt geweſen. Auch in der neuen Wahlordnung wurde ſeines Rechtes ge - dacht, aber die Art, wie es geſchah, ließ wenig davon beſtehen. „ Unter Vorbehalt “, hieß es dort, „ der Würde und Verehrung (honor et reverentia) Heinrichs, des jetzigen Königs und künftigen Kaiſers, wie wir ſie ihm jüngſt eingeräumt haben, und ſeiner Nachfolger, die für ihre Perſon vom apoſtoliſchen Stuhl dieſes Recht erlangt haben werden. “ Worin es beſtehe, war nirgends geſagt; das Recht, das Hein - rich III. vom römiſchen Volk für ſich und ſeinen Sohn erhalten hatte, war es keinesfalls. Vom Patritiat, der Stadtherrſchaft, aus der die Befugnis, den Papſt zu beſtimmen, ſich ergab, war mit keinem Wort die Rede; der Anteil des Kaiſers war zu einer Gunſt geworden, die der Papſt verliehen habe und ſich für ſpäter zu verleihen vorbehielt. Es wäre allerdings ſchwer geweſen, das Benennungsrecht des Kaiſers und Patritius mit dem Vorzugswahlrecht der Kardinäle in Einklang zu bringen. Was ihm blieb, war ein Ehrenrecht, deſſen Natur und Grenzen mit offenkundiger Abſicht unklar gelaſſen wurden. Das war weniger,305Sonſtige Geſetzeals man ihm noch im jüngſten Fall eingeräumt hatte. Erſt nachdem ſie ſich des Einverſtändniſſes der deutſchen Regierung verſichert hatten, waren die Kardinäle zur förmlichen Wahl geſchritten, die Kaiſerin als Regentin hatte, wenn auch keineswegs die Stellung ihres Gemahls behauptet, ſo doch immerhin ihren Platz unter den Erſtwählern ein - genommen. Ob das künftig ſo bleiben ſollte, erſchien zweifelhaft, wenn man die Ausdrücke wog. Jn ſeiner unbeſtimmten Faſſung ſollte der Satz gegenüber etwaigen Beſchwerden des deutſchen Hofes Deckung bieten. Noch wagte man nicht, das Recht des Kaiſers beiſeitezuſchieben, mit der Zeit aber konnte und ſollte es ganz verſchwinden. Alſo auch hier Neuerung, Beſeitigung beſtehenden Rechts, Revolution.
Als Urheber und Verfaſſer des Wahlgeſetzes verrät ſich Humbert. Seiner Abhandlung gegen die Simoniſten iſt es in Gedanken und Aus - drucksweiſe eng verwandt, ſein Einfluß muß alſo groß geweſen ſein. Dennoch hat er die Synode nicht beherrſcht und nicht alles durchſetzen können, was wir als ſein Programm kennen. Jn ſeinem Sinn war es ſicherlich, daß und wie jetzt ſchärfer als bisher gegen die Prieſterehe eingeſchritten wurde. Den Geiſtlichen, die ſeit dem Verbot Leos IX. öffentlich mit einer Frau gelebt hatten, wurde die Ausübung ihres Amtes bis zum Urteilsſpruch des Papſtes unterſagt, den übrigen ge - meinſames Wohnen zur Pflicht gemacht als ſicherſter Schutz gegen Verfehlungen. Wenn ſodann den Laien verboten wurde, die Meſſe eines beweibten Prieſters zu hören, ſo entſprach auch das dem Ge - danken Humberts, die Laien gegen den pflichtvergeſſenen Klerus auf - zubieten. Ebenſo wird ihn das Verbot, daß Laien über Geiſtliche zu Gericht ſäßen, befriedigt haben. Jn anderer Beziehung blieben die Beſchlüſſe hinter dem zurück, was er gefordert hatte. Jn der Frage der Weihen von Simoniſten hat er ſeinen Standpunkt nicht durch - ſetzen können. Wir wiſſen, daß er ſie für ſchlechthin nichtig erklärt wiſſen wollte. Der Papſt aber entſchied „ in Anbetracht der Not der Zeit und ohne daraus eine Regel für die Zukunft zu machen: Da das Gift der Simonie ſo tief eingedrungen iſt, daß kaum eine Kirche ge - funden wird, die von dieſer Seuche nicht angeſteckt wäre, ſo ſind die von Simoniſten geweihten Geiſtlichen begnadigt. “ Es konnte ferner wie die Erfüllung des hauptſächlichſten Punktes in Humberts Pro - gramm klingen, wenn die Synode verfügte, daß kein Geiſtlicher, kein Prieſter eine Kirche aus der Hand eines Laien annehmen dürfe, wederHaller, Das Papſttum II1 20306Sonſtige Geſetzeumſonſt noch gegen Entgelt. Aber bei genauerem Zuſehen findet man, daß Humbert damit nicht zufrieden ſein konnte. Die Vorſchrift enthielt keine Strafe für Zuwiderhandeln, war alſo unvollſtändig, eine lex imperfecta, und darum vorausſichtlich unwirkſam. Es fällt auch auf, daß Nikolaus II. in dem Rundſchreiben an die franzöſiſchen Biſchöfe, in dem er die Beſchlüſſe der Synode verkündigte, dieſen Punkt mit Stillſchweigen überging. Augenſcheinlich ſind Papſt und Synode vor dem Äußerſten zurückgeſchreckt; ſie begnügten ſich mit einer allgemeinen Erklärung, der ſie praktiſche Folgen zu geben ſich ſcheuten, und Hum - bert iſt mit ſeiner radikalen Forderung unterlegen.
Aber auch ſo, wie er lautete, bewies der Satz, neben dem Verbot, die Meſſen beweibter Prieſter zu hören, daß in der Kirche des Abend - lands die Revolution von oben ausgerufen war. Man ſtelle ſich vor, was es bedeutete, wenn von nun an wirklich keine Kirche, keine Pfarre, kein Bistum oder Kloſter mehr von einem Laien hätte vergeben werden können. Sehen wir ab von den Folgen — über ſie wird ſpäter zu reden ſein — die das für Verfaſſung und Regierung der Staaten haben mußte: der geſamte Stand der Grundherren in allen Ländern hätte ein wertvolles Recht, das er ſeit Menſchenaltern beſaß und übte, das einen erheblichen Teil ſeines Erbguts und ſeiner Stellung in der Ge - ſellſchaft ausmachte, ohne jeden Erſatz, jede Entſchädigung verloren. Und was ſollte an die Stelle treten? Für Bistümer und Klöſter mochte das alte Recht der Gemeindewahl ohne weiteres wieder allein in Geltung ſein, aber was ſollte mit den unzähligen Pfarrkirchen geſchehen, die ſeit Menſchengedenken von ihren Stiftern und deren Erben verliehen zu werden pflegten? Jn einem Geſetz, bei dem man auf praktiſche An - wendung rechnete, durfte eine Beſtimmung hierüber nicht fehlen. Wenn der Beſchluß der römiſchen Synode keine enthielt, ſo war er eben nicht ſo ſehr als praktiſche Maßregel wie als grundſätzliche Erklärung ge - dacht, als ſolche freilich von größter Bedeutung. Das Papſttum hatte die Umwälzung, den Umſturz der geltenden Kirchenverfaſſung zwar noch nicht wirklich unternommen, aber in aller Öffentlichkeit ſich grundſätz - lich dazu bekannt.
Als dies in Rom geſchah, hatte an anderm Ort die kirchliche Revo - lution von unten ſchon begonnen. Jn Mailand war ſie ſeit einiger Zeit in vollem Gange. Mehr und mehr hatte die große und blühende Stadt ſich über die alte Königsſtadt Pavia zur wirklichen Hauptſtadt der Lom -307Religiöſer Aufſtand in Mailandbardei aufgeſchwungen. Jn ihrer wirtſchaftlichen Entwicklung eilte ſie allen Städten des Abendlands voraus, ihre Bürgerſchaft, Kaufleute und Handwerker, bot an Zahl und Reichtum ein Bild, das man anderswo nicht kannte. Und ſchon war als unvermeidliche Folge hiervon der feindſelige Gegenſatz der Stände erwacht. Unwillig wurde die Herrſchaft der Edelleute und Ritter von den Bürgern ertragen. Schon zu Anfang der vierziger Jahre war es darüber zu offenem Krieg ge - kommen, in dem die Bürgerſchaft ſich dem Adel gewachſen zeigte, bis das Eingreifen des Königs den Frieden herſtellte. Um die Gegenſätze nicht neu zu wecken, hatte Heinrich III. (1045) zum Erzbiſchof nicht, wie üblich, einen Angehörigen der ſtädtiſchen Herrenklaſſe beſtellt, ſon - dern einen Landgeiſtlichen aus niederem Adel namens Wido, der ſich aber weder an Bildung noch an Willensſtärke ſeiner ſchwierigen Auf - gabe gewachſen zeigte. Solange Heinrich lebte, erhielt ſeine Autorität den Frieden, nach ſeinem Tode brach der Zwieſpalt der Stände offen aus. Das Feld aber, auf dem die Kräfte ſich jetzt maßen, war die Kirche.
Sie trug in Mailand reiner als irgendwo ſonſt den ariſtokratiſchen Charakter, der die Geſellſchaft des frühen Mittelalters kennzeichnet. Die Geiſtlichkeit, zahlreich, wohlhabend, gebildet, ergänzte ſich aus den höheren Ständen, Adel und Ritterſchaft, von denen ihre Mitglieder ſich in der Lebensführung nicht immer unterſchieden, zumal da ſie im allgemeinen verheiratet waren. Unvermeidlich mußte alſo die Auf - lehnung der Bürger gegen die Herrſchaft des Adels ſich auch gegen die Geiſtlichkeit richten, während im Klerus, der dem ſtreng kirchlichen Urteil ſo breite Angriffsflächen bot, zugleich die herrſchende Ariſtokratie getroffen wurde. Jn den Zündſtoff für eine kirchlich-ſoziale Revolution, der da bereitlag, fiel der Funke, der ihn zur Flamme anfachte, in Geſtalt des Eheverbots Leos IX. Es wurde, da die Geiſtlichen es nicht beachteten, zur Loſung einer Volksempörung, als deren Führer, wie ſo oft in ähn - lichen Fällen, zwei Männer der höheren Stände auftraten, aus der Ritterſchaft der Diakon Ariald und aus dem Hochadel der Subdiakon Landulf. Mit allen Gaben des Demagogen ausgeſtattet, führten ſie die Maſſen, dabei die Hefe des Proletariats — Mailand war der Sitz einer blühenden Waffeninduſtrie — zur Verfolgung der verheirateten Prieſter. Auf Überfälle, Mißhandlungen Einzelner, Plünderung der Häuſer und erzwungene Verpflichtungen zur Eheloſigkeit folgten An - griffe auf die Kirchen und ſchließlich eine allgemeine Hetze, die mit der308Religiöſer Aufſtand in MailandVertreibung der Geiſtlichen endete. Erzbiſchof Wido ſtand den Ereig - niſſen machtlos gegenüber. Er wandte ſich zuerſt perſönlich an den deutſchen Hof und, als er dort nichts erreichte, mit einem Hilferuf an den Papſt. Stefan IX., in deſſen letzte Zeit das fiel, wies den Fall vor eine Synode der Mailänder Provinz als das zuſtändige Gericht. Sie fand, da Mailand von den Aufſtändiſchen beherrſcht war, im Gebiet von Novara ſtatt, aber Ariald und Landulf erſchienen nicht. Als ſie daraufhin verflucht wurden, antworteten ſie, indem ſie die Menge ſchwören ließen, keine Geiſtlichen anzuerkennen, die verheiratet oder Simoniſten wären. Damit war der Bürgerkrieg erklärt, geführt mit der ganzen Erbitterung, die die Vereinigung ſozialer und religiöſer Leidenſchaften erzeugt. Damals kam für die Aufſtändiſchen, die in der Hauptſache dem niedern Volk angehörten, der Schimpfname Pataria, das Lumpenpack, auf.
So weit hatten die Dinge ſich ohne Zutun Roms entwickelt, jetzt wurde der Papſt mit ihnen befaßt. Nikolaus II. hatte ſoeben von ſeiner Würde Beſitz ergriffen, als die Führer des Aufſtands ſich kla - gend an ihn wandten. Anders als ſein Vorgänger zögerte er nicht, der Revolution die Hand zu reichen, und ſandte zunächſt, um ſich zu unter - richten, Hildebrand nach Mailand, deſſen Auftreten die Aufſtändiſchen in ihrem Vorhaben nur beſtärkt haben ſoll. Dann machte ſich eine zweite ſtattliche Geſandtſchaft auf, um in Vertretung des Papſtes den Streit zu entſcheiden. Es waren der Biſchof Anſelm von Lucca, ein Mailänder, der ſelbſt an den Anfängen der Bewegung beteiligt ge - weſen war, und Petrus Damiani, der Kardinalbiſchof von Oſtia. Sie traten mit dem vollen Anſpruch römiſcher Oberhoheit auf, übernahmen in der Verſammlung des Klerus an Stelle des Erzbiſchofs Vorſitz und Leitung und bewirkten damit, daß im Volk die Stimmung umſchlug. Denn auf nichts waren die Mailänder ſo ſtolz wie auf den Ruhm und die Unabhängigkeit ihrer Kirche, die im heiligen Ambroſius einen Kirchenvater, ebenbürtig den Leo und Gregor, beſeſſen und ſich niemals Rom untergeordnet hatte. Daß römiſche Legaten nun über ſie richten wollten, erregte Empörung, die Verſammlung wurde geſtürmt, die Römer und ſogar Landulf ſelbſt fürchteten für ihr Leben. Aber dem feſten und gewandten Auftreten des Ehrfurcht gebietenden Petrus Damiani gelang es, durch eine äußerſt geſchickte Rede den Sturm zu beſchwichtigen, indem er den Mailändern neben andern Beweiſen für309Unterwerfung des Erzbiſchofs unter Romdie römiſche Oberhoheit einen Ausſpruch ihres eigenen Heiligen, Ambro - ſius, entgegenhielt, der bekannt habe, er folge in allem der römiſchen Kirche als Lehrmeiſterin. Damit brach er dem Widerſtand die Spitze ab, und gehorſam fügte man ſich ſeinem Spruch, zumal er klug genug war, den Umſtänden weithin Rechnung zu tragen. Eine Unterſuchung hatte ergeben, daß ſo gut wie der geſamte Mailänder Klerus eigentlich hätte entfernt werden müſſen. Das war unmöglich, alſo begnügte ſich Damiani damit, den Erzbiſchof und die Spitzen der Geiſtlichkeit ſchwören zu laſſen, daß in Zukunft für Weihen keine Abgaben mehr erhoben und beweibte Geiſtliche, ſoweit möglich, nicht geduldet werden ſollten. Für ihre früheren Verfehlungen wurden den Einzelnen ange - meſſene Bußen auferlegt, angefangen vom Erzbiſchof, der unter an - derem eine Wallfahrt nach Santiago geloben mußte.
Es war ein unbeſtreitbarer Triumph für Rom, auch in den äußeren Formen. Das ſtolze Mailand, das auf ſeine Unabhängigkeit zu pochen liebte, hatte ſich römiſcher Zucht unterworfen, der Erzbiſchof ſich vor römiſchen Legaten zu fußfälligem Sündenbekenntnis gedemütigt. Jn Rom alſo konnte man zufrieden ſein. Weniger zufrieden war man in Mailand. Die Konſervativen murrten, man habe ihrer Kirche ein hartes Geſetz an Stelle der alten Ordnung aufgezwungen, ſie ver - wünſchten ihr wankelmütiges Volk, das die Würde ſeiner Stadt und des heiligen Ambroſius leichthin preisgegeben hatte. Den Gegnern wiederum, Ariald, Landulf und Genoſſen, war das Urteil der Legaten zu milde, ſie wandten ſich mit einer Klage gegen den Erzbiſchof an den Papſt. Nikolaus lud beide Teile vor, und auf der Frühjahrsſynode des nächſten Jahres erſchienen ſowohl Wido mit ſieben ſeiner Suffragane wie auch Ariald, während Landulf, unterwegs bei einem Überfall ſchwer verwundet, hatte umkehren müſſen. Da zeigte ſich aber, worum es den Römern in erſter Linie zu tun war. Nach lebhaftem Wortgefecht wurde Ariald mit ſeiner Klage abgewieſen, Wido dagegen mit Auszeichnung behandelt und durch Überreichung eines Ringes „ als Zeichen päpſtlicher Gnade und kirchlicher Vollgewalt “geehrt. Die Handlung war nicht mißzuverſtehen, ſie bedeutete nichts anderes als Beſtätigung oder Wie - dereinſetzung in die erzbiſchöfliche Würde. Somit war durch einen feierlichen und öffentlichen Vorgang die Unterordnung des Mailänder Stuhles unter Rom vollzogen und anerkannt. Um ſich gegenüber dem Volksaufſtand zu behaupten, hatte der Erzbiſchof ſich vor Rom gebeugt310Belehnung der Normannenund die alte Unabhängigkeit ſeiner Kirche geopfert. Für den Papſt aber war dieſer Preis wertvoll genug, um durch die Finger zu ſehen, wenn in Mailand die Reform auch künftig, wie es im Gelöbnis des Erzbiſchofs hieß, nur „ ſoweit möglich “durchgeführt wurde.
Wir ſind den Ereigniſſen vorausgeeilt, Ereigniſſen von gleich großer Tragweite wie die bisher beſprochenen. Der Wandlung, die das Papſt - tum ſeit dem Regierungsantritt Nikolaus 'II. auf kirchlichem Gebiet vollzogen hatte, trat bald eine nicht minder tiefgreifende Änderung ſeiner weltlichen Politik zur Seite. Die Losſagung vom deutſchen Kaiſertum, die ſich im Papſtwahlgeſetz von 1059 ſchon ankündigte, wurde wenige Wochen ſpäter offenkundig in einer völligen Neugeſtaltung der Be - ziehungen zu den Normannen. Jn ihnen hatte man in Rom ſeit Leo IX. Feinde geſehen, die zu bekämpfen, womöglich zu vernichten waren. Die Zurückhaltung, die Viktor II. ſeit dem Tode Heinrichs III. beobachtete, war nur durch die augenblickliche Lage bedingt. Dieſe Politik hat Niko - laus II. aufgegeben und die bisherigen Feinde von Reich und Kirche zu Bundesgenoſſen der Kirche gewonnen. Der Entſchluß, ſo überraſchend er erſcheint, erklärt ſich aus der völlig veränderten Lage der Dinge in Unteritalien.
Jn der Zeit zwiſchen dem Tode Stefans IX. und dem Regierungs - antritt Nikolaus 'II. hatte die normänniſche Eroberung nach allen Seiten entſcheidende Fortſchritte gemacht. Damals (1058) nahm Richard von Averſa die Stadt Capua und zwang den Fürſten zur Flucht. Seitdem nannte er ſich ſelbſt Fürſt von Capua. Gleichzeitig bereitete Robert Guiscard, der von Apulien und Kalabrien ſchon den größten Teil er - obert hatte, die Beſitznahme von Salerno vor, indem er nach Scheidung von ſeiner erſten Gemahlin die Schweſter des Fürſten heiratete. An Vernichtung der normänniſchen Macht zu denken, war unter den da - maligen Verhältniſſen, bei der Schwäche des griechiſchen Reichs und des deutſchen Königtums, unmöglich. Mit den neuen Nachbarn mußte der Herr des Kirchenſtaats hinfort rechnen. Waren ſie als Feinde ge - fährlich, ſo konnten ſie als Freunde nützlich ſein, und in der Lage, in der er ſich befand, hatte Nikolaus ſtarke Freundſchaften nötig. Rom hatte er eingenommen, aber den Gegenpapſt nicht beſeitigt. Jm Schutz ſeines hauptſächlichſten Anhängers, des Grafen von Galeria, behauptete ſich Benedikt X. draußen, in Stadt und Umgebung hielten nicht wenige311Belehnung der Normannenheimlich oder offen an ihm feſt. Um ihn zu überwinden, die gegneriſchen Burgen zu brechen, reichten die Kräfte des Papſtes nicht aus, auch Herzog Gotfried ſcheint dazu nicht imſtande geweſen zu ſein. Daß es den Nor - mannen mit ihrer überlegenen Kriegskunſt gelingen würde, konnte nach ihren bisherigen Leiſtungen niemand bezweifeln. Es lag alſo nahe, ihre Hilfe zu ſuchen und etwa einen ihrer Unterführer mit ſeinen Leuten in Gold und Dienſt zu nehmen. Nikolaus II. tat mehr: er machte das augenblickliche Bedürfnis zum Ausgangspunkt einer dauernden Ver - bindung. Die beiden Fürſten der Normannen, Richard und Robert, traten als Vaſſallen in den Dienſt des Papſtes und nahmen ihre Er - oberungen von ihm zu Lehen.
Wer zuerſt dieſen kühnen Gedanken gefaßt und durchgeſetzt hat, wiſſen wir nicht ſicher. Stadtrömiſche Überlieferung ſtellt Hildebrand in den Vordergrund, und wenn es auch bald bei Freund und Feind üblich geworden iſt, ihm alle wichtigen Maßregeln, auch ſolche, an denen er nicht beteiligt war, als Verdienſt oder Schuld zuzuſchreiben, ſo ſpricht doch die Wahrſcheinlichkeit in dieſem Falle dafür, daß man in ihm den Urheber der neuen Politik zu ſehen hat. Perſönlich ſoll er ſich zu Richard und Robert begeben und mit beiden abgeſchloſſen haben. Sogleich nach ſeiner Rückkehr machte der Papſt ſelber ſich auf, um die Unterwerfung Unteritaliens entgegenzunehmen. Jn Capua empfing er die Huldigung Richards, in Melfi, der normänniſchen Hauptſtadt von Apulien, wurde Robert vereidigt. Beide leiſteten dem Papſt den herkömmlichen Schwur als Vaſſallen, verſprachen ihm ihre Hilfe zur Behauptung und Er - langung ſeiner Rechte und Beſitzungen, überlieferten ihm die Kirchen ihres Landes ſamt allem Eigentum und verpflichteten ſich, bei einer künf - tigen Papſtwahl dem Erwählten des beſſeren Teiles zum Beſitz zu ver - helfen. Dafür empfingen ſie, Richard als Fürſt von Capua, Robert als Herzog von Apulien, Kalabrien und künftig auch Sizilien, dieſe ihre Länder als Lehen der römiſchen Kirche gegen Entrichtung eines jähr - lichen Zinſes. Für Robert betrug er zwölf Pfennige italiſcher Münze von jedem Ochſen. Robert verſprach außerdem, das Fürſtentum Sa - lerno nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis anzugreifen.
Was die beiden Fürſten zu dieſem Schritt bewog, iſt nicht ſchwer zu erraten. Für ihre Eroberungen brauchten ſie einen Rechtstitel, ſowohl gegenüber ihren neuen Untertanen wie gegenüber den eigenen Leuten, die immer zur Empörung neigten. Robert war überdies Uſurpator: als312Belehnung der NormannenBruder des Grafen Humfred von Apulien hatte er dieſen beerbt, indem er deſſen Sohn beiſeiteſchob. Die Belehnung durch Heinrich III. (1047) genügte als Rückhalt nicht; durch den Krieg Leos IX. war ihre Geltung aufgehoben. Nichts konnte ihnen willkommener ſein, als ihr Recht in den Schutz der Kirche, der höchſten Autorität, geſtellt zu ſehen. Bei aller ſonſtigen Rückſichtsloſigkeit hatten ſie doch ſtets gegenüber Kirchen und Heiligen eine befliſſene Ergebenheit zur Schau getragen. Deſſen hatte das Kloſter Monte Caſſino ſich zu erfreuen gehabt, ſo daß Abt Deſiderius, ſelbſt ein Mitglied des Fürſtenhauſes von Capua, offen auf ihre Seite getreten war. Vaſſallen Sankt Peters zu ſein, war für ſie Ehre und Stolz und in den Augen der Jhrigen ſtärkſter Rechtsſchutz. Dürfte man ihrer eigenen Überlieferung glauben, ſo hätten ſie in dieſem Sinne ſchon Leo IX. ſich vergeblich angeboten. Danach wären die Verträge von Capua und Melfi für ſie die Erfüllung eines alten Wunſches geweſen.
Schwerer iſt die Handlungsweiſe des Papſtes zu erklären. Welches Recht beſaß er auf die Länder, die er hier als ſein Eigentum vergab? Vom unteritaliſchen Feſtland hatte der größere Teil ſeit dem ſiebenten Jahrhundert zum langobardiſch-italiſchen Königreich, der Reſt zum byzantiniſchen Reich gehört, und Sizilien, zu deſſen Eroberung Robert Guiscard erſt die Vorbereitungen traf, gehörte ſeit zweihundert und mehr Jahren den Arabern. Worauf konnte Nikolaus ſich berufen, als er über Capua, Apulien, Kalabrien und Sizilien verfügte? Es gibt auf dieſe Frage nur eine Antwort: die Konſtantiniſche Schenkung. Bei Pſeudoiſidor las man die Urkunde, in der der erſte chriſtliche Kaiſer dem Papſt Silveſter und der römiſchen Kirche Jtalien und die weſtlichen Länder zu Eigentum überwieſen hatte. Nikolaus II. griff alſo nur auf ſein urſprüngliches Recht zurück, wenn er einen Teil der Halbinſel, die ihm von Rechts wegen ganz gehörte, wieder in Anſpruch nahm und zur Ausſtattung ſeiner Vaſſallen benutzte. Eine Fälſchung, erfunden vor 300 Jahren, um den Widerwillen der Franken gegen einen Feldzug zum Nutzen Roms zu überwinden, diente, für echt gehalten, dazu, den Papſt zum Lehnsherrn eines neuen, zukunftsreichen Staates zu machen.
Die Vorteile, die das bot, ſpringen in die Augen. Durch die beſon - deren Verpflichtungen, die die Lehnseide enthielten, gewann das Reform - papſttum für Gegenwart und Zukunft die Verfügung über die beſten Truppen, die es gab. Es wurde dadurch unabhängig von der ſchon ſehr ungewiſſen Hilfe des deutſchen Königs, war auch nicht mehr auf Toskana313Belehnung der Normannenallein angewieſen, deſſen Verſagen man ſoeben ſpürte und deſſen Macht unbequem werden konnte. Dem Herzog hatte Nikolaus ſchon ein ſchwe - res Opfer bringen müſſen: ein Stück des Kirchenſtaats, die alte Penta - polis, hatte er ihm überlaſſen und, als Ancona ſich dagegen wehrte, die Stadt aus der Kirche ausgeſchloſſen. Solche Abhängigkeit brauchte nun nicht mehr ewig zu dauern. Noch höher aber ſtieg der Wert des Er - reichten, wenn man über die Bedürfniſſe des Augenblicks hinweg die Dinge in größerem Zuſammenhang ſah. Wünſche, die ſeit dreihundert Jahren, ſeit den Tagen Stefans II. und Hadrians I., genährt wurden, die unter Johannes VIII. und Johannes XII., Benedikt VIII. und Leo IX. lebendig geworden waren, jetzt waren ſie erfüllt: Sankt Peter war Oberherr der größeren Hälfte von Jtalien, zwiſchen den Mächten in Nord und Süd, dem italiſchen König, dem Herzog von Toskana und den Normannenfürſten das Gleichgewicht haltend. Die Biſchöfe Unter - italiens und Siziliens kehrten zurück unter die Botmäßigkeit Roms, der alte kirchliche Amtsſprengel war wiederhergeſtellt. Auch der bare Nutzen fehlte nicht; für den verlorengegangenen Grundbeſitz im Süden und auf Sizilien bot der Lehnszins der Fürſten Erſatz. Die Habenſeite der Rechnung wies ſtattliche Poſten auf.
Freilich fehlte auch die Sollſeite nicht. Die Normannen waren Vaſſallen des Papſtes geworden; aber welche Bürgſchaft gab es, daß die Diener nicht bei weiterer Entwicklung ihrer Macht verſuchen wür - den, die Herren zu ſpielen? Einſtweilen bot die Teilung des Landes in zwei Fürſtentümer die Möglichkeit, eines gegen das andere zu benutzen. Gegen die Gefahr eines geeinten und dadurch allzu ſtarken Unteritalien ſollte ferner das Verſprechen der Unantaſtbarkeit von Salerno ſchützen. Aber würde es auch gehalten werden? Die Normannen waren bekannt dafür, daß ſie ſich durch Verträge und Eide nicht binden ließen. Zählte man zuſammen, ſo ergab ſich, daß das neue Verhältnis, ſo vorteilhaft es ſich im Augenblick ausnahm, für die Zukunft auch Gefahren enthielt. Nur zu leicht konnte die Politik des Gleichgewichts den Papſt in Ab - hängigkeit von dem einen oder andern Machthaber bringen. Die Schwierigkeiten, die unter allen Umſtänden entſtehen, wenn ein ſchwacher Staat zwiſchen ſtärkeren Nachbarn die Wage zu halten hat, konnten auch dem Herrn des Kirchenſtaats nicht erſpart bleiben. Die fernere Geſchichte des Papſttums in acht Jahrhunderten legt davon Zeugnis ab.
Doch das waren Zukunftsſorgen, und wir wiſſen nicht einmal, ob ſie314Verhältnis zu Frankreichden Schöpfern der Verträge von Capua und Melfi die Freude an ihrem Werk geſtört haben. Sie durften die unmittelbaren Vorteile genießen: Truppen, die Richard von Capua ſandte, ſäuberten die Umgebung Roms vom Anhang des Gegenpapſtes. Dieſer ſelbſt ergab ſich noch im Herbſt gegen das Verſprechen, unbehelligt in Rom als Privatmann leben zu dürfen. Dem Schickſal, auf der nächſten Oſterſynode zu öffentlichem Schuldbekenntnis gezwungen und in ſchimpflichen Formen ſeiner Würde entkleidet zu werden, entging er darum doch nicht. Den Reſt ſeiner Tage durfte er erſt als Laie, dann als Subdiakon und Diakon bei einer römi - ſchen Kirche verbringen. Als Prieſter zu amtieren wurde ihm nicht ge - ſtattet, weil ſeiner Anhänger in der Stadt noch zu viele waren.
Das Verfahren, das Viktor II. zuerſt aufgebracht hatte, die Reform der Kirche außerhalb Jtaliens durch Vertreter betreiben zu laſſen, hat Nikolaus II. in Frankreich und Burgund, den Ländern, die ihm nach ſeiner Herkunft am nächſten ſtanden, angewendet. Jn der Provence und Languedoc hat in ſeinem Auftrag Abt Hugo von Cluny gewirkt und zwei Biſchöfe abgeſetzt, die der Simonie geſtändig waren. Jn Vienne und Tours hielt der Kardinalprieſter Stefan, auch ein geborener Bur - gunder, Synoden ab und ließ entſprechend den Geſetzen von 1059 Be - ſchlüſſe faſſen. Wie das geſchah, iſt lehrreich. Unerbittlich wurde die Pflicht der Eheloſigkeit eingeſchärft: wer künftig dagegen verſtoße, ſollte ſeine Stelle ohne Ausſicht auf Gnade verlieren. Jn dieſem Punkt alſo muß der franzöſiſche Klerus zugänglich geweſen ſein. Jn anderen war er es offenbar weniger. Auch gegen den Stellenkauf faßten beide Syn - oden ſcharfe Beſchlüſſe, ermächtigten ſogar die Geiſtlichen, gegen den eigenen Biſchof bei den Biſchöfen der Nachbarſchaft oder in Rom Klage zu erheben. Aber von einem Verbot der Annahme von Kirchen aus Laienhand war keine Rede. Wir wiſſen, daß der Papſt ſelbſt in der Kundgabe der Beſchlüſſe von 1059 an die franzöſiſchen Biſchöfe dieſen Punkt unterdrückt hatte. Sein Legat mußte noch vorſichtiger ſein. Jn Vienne wie in Tours wurde nur verfügt, daß niemand eine Kirche von einem Laien ohne Wiſſen des Ortsbiſchofs annehme. Damit war das römiſche Geſetz tatſächlich aufgehoben. Es wird die Rückſicht auf den Adel des Landes geweſen ſein, die dazu nötigte. So weit war man damals noch davon entfernt, die revolutionären Grundſätze, die Humbert vertrat, praktiſch zur Geltung zu bringen.
315Verhältnis zu FrankreichEs iſt nicht zu verkennen, Frankreich erfreute ſich beſonderer Scho - nung, obgleich dort Anlaß zu ſtrengem Vorgehen reichlich vorhanden war. Wir kennen das harte Urteil Humberts über König Heinrich I., den Verderber der Kirche. Soeben erſt hatte er erneuten Anſtoß gegeben, in Mâcon einen unmöglichen Biſchof zwangsweiſe eingeſetzt, Beauvais gegen Zahlung vergeben und den Simoniſten über den Kopf des Erz - biſchofs von Reims hinweg weihen laſſen. Dieſer war ſelbſt keineswegs einwandfrei. Aber Nikolaus drückte ein Auge zu. Anſtatt zu ſchelten und zu drohen, ſchrieb er dem Erzbiſchof in verbindlichſter Art, das Ver - gangene ſolle vergeſſen ſein in Hoffnung auf künftige Dienſte. Er er - ſuchte ihn, auf den König einzuwirken, daß er ſich den heiligen Kanones und dem heiligen Petrus unterwerfe, und überließ es ihm, gegen den Ein - dringling in Beauvais im Namen des Papſtes einzuſchreiten. Die Gunſt war nicht verſchwendet: bereitwilligſt ergriff der Erzbiſchof die dargereichte Hand, und zwiſchen Rom und Reims entwickelte ſich ein Briefwechſel in der Tonart gegenſeitigen Vertrauens. Nicht ſo leicht war der König zu gewinnen. Zwei Legaten, die bei der Krönung des Kronprinzen in Reims erſchienen, wurden nur „ aus Rückſicht und Ver - ehrung für den Papſt “mit der ausdrücklichen Verwahrung zugelaſſen, daß ihre Teilnahme nicht erforderlich ſei. Eine Mahnung an die Königin, ihren Gemahl im Sinne der Kirche zu beeinfluſſen, hatte kaum Zeit zu wirken, Heinrich ſtarb ſchon am 4. Auguſt 1060, und der Graf von Flandern, einſt Bundesgenoſſe Gotfrieds des Bärtigen gegen Heinrich III., ergriff für den unmündigen Philipp I. die Regierung. Für einige Jahre war nun die romfreundliche Richtung am Ruder.
Dieſe weitgehende Rückſicht auf einen Herrſcher, der ſie durch ſein bisheriges Verhalten am wenigſten verdiente, entſprang politiſcher Be - rechnung. Zwiſchen Frankreich und dem deutſchen Reich beſtanden ſeit der Zeit Heinrichs III. geſpannte Beziehungen. Es paßte alſo zu der neuen Linie, die ſeit 1059 in Rom verfolgt wurde, wenn der Papſt bei Frankreich Anlehnung ſuchte, während er ſich von Deutſchland ent - fernte. Die Regentſchaft der Kaiſerin Agnes ſcheint die Wendung, die in Rom eingetreten war, nur langſam in ihrer Tragweite erkannt zu haben. Noch zu Anfang 1060 hat ein Geſandter des Papſtes an einem Hoftag des Königs und an der Einſetzung des Erzbiſchofs Siegfried von Mainz teilgenommen, ohne daß ein Mißklang zu hören wäre. Aber ehe das Jahr ſich wandte, war der offene Bruch da. Was ihn herbei -316Bruch mit Deutſchlandgeführt hat, ſagt kein Bericht, doch kann es nicht zweifelhaft ſein. Das Geſetz über die Papſtwahl mag Befremden erregt haben, iſt aber augen - ſcheinlich ohne Widerſpruch hingenommen worden. Man hat ſich wohl mit dem ausdrücklichen Vorbehalt zugunſten des Königs getröſtet. Über die Verträge mit den Normannen dagegen konnte ſich niemand täuſchen. Sie bedeuteten den Anſchluß an die Feinde und einen Eingriff in die Rechte des Reiches. Durch die Belehnung Richards und Roberts hatte der Papſt ſich das Eigentum an Gebieten angemaßt, die ſeit alters zum Reich gehörten, über die noch Heinrich III. vor zwölf Jahren verfügt hatte. Jn Deutſchland kann die Tatſache nicht ſogleich bekannt geworden ſein, ſie war vielleicht mit Abſicht geheimgehalten worden und ſickerte erſt allmählich durch. Aber als man am Hof davon erfuhr, war die Wirkung entſprechend. Kardinal Stefan, der mit geheimen Eröffnungen erſchien, um zu beſchwichtigen, fand verſchloſſene Türen. Daß gleich - zeitig dem neuen Erzbiſchof von Mainz das Pallium verweigert wurde, wenn er es ſich nicht perſönlich hole, goß Öl ins Feuer. Ohne empfangen zu ſein, mußte der Kardinal abreiſen. Die deutſchen Biſchöfe aber traten am Hof zuſammen und ſagten dem Papſt die Gemeinſchaft auf. Seine Maßregeln ſollten ungültig ſein, ſein Name bei der Meſſe nicht mehr genannt werden. Eine Spaltung, wie man ſie noch nicht erlebt hatte, war ausgebrochen.
Nikolaus II. befand ſich in Rom auch nach Beſeitigung des Gegen - papſtes in keiner angenehmen Lage. Nach wie vor wurde die Nachbar - ſchaft von Gegnern unſicher gemacht, die Pilgerfahrten waren geſtört. Jm Frühjahr 1061 geſchah es ſogar, daß eine Geſandtſchaft des Königs von England auf der Rückreiſe vom Grafen von Galeria überfallen und ausgeplündert wurde. Jhr Haupt, Graf Toſtig, ſoll daraufhin anzüg - liche Reden geführt haben über einen Papſt, den man in der Ferne nicht zu fürchten brauche, wenn er nicht einmal in nächſter Nähe Herr ſei. Nikolaus konnte nichts weiter tun als auf der Oſterſynode über den Räuber den Fluch ausſprechen laſſen. Dann verließ er die Hauptſtadt und zog ſich nach Florenz zurück, deſſen Bistum er — wie übrigens auch Clemens II., Viktor II. und zu Anfang ſogar Leo IX. — als Papſt bei - behalten hatte. Hier iſt er ſchon am 20. Juli 1061 geſtorben.
Bei der Wahl des Nachfolgers mußte es ſich zeigen, ob das refor - mierte Papſttum imſtande ſein würde, ſich im Gegenſatz zum deutſchen317Alexander II. und Honorius II. Kaiſertum zu behaupten, nachdem es ſchon begonnen hatte, ſich von ihm loszuſagen. Zeigen mußte ſich ebenſo, ob Deutſchland den Willen und die Kraft beſaß, die Rechte ſeines Königs in Stadt und Kirche von Rom gegen den Widerſtand des Papſtes und der ihm dienſtbaren Mächte feſtzuhalten. Gemeinſam hatten Papſttum und Kaiſertum die neue Zeit eingeleitet, dann hatten ſie ſich voneinander entfernt und waren zuletzt Gegner geworden. Jetzt ſtanden ſie vor dem Ent - ſcheidungskampf.
Nahezu drei Jahre hat er gedauert. Jm Adel und Volk von Rom überwog das Verlangen, dem Fremdenregiment der Franzoſen, das man ſeit dem Schwinden des deutſchen Einfluſſes kennengelernt hatte, ein Ende zu machen. Die Kardinäle, unter denen der Archidiakon Hilde - brand unbeſtritten die Führung hatte, ſeit der einzige, der ſie ihm hätte ſtreitig machen können, Humbert, ſeinem Herrn um einige Wochen (5. Mai) im Tode vorausgegangen war, ſahen ſich außerſtande, eine Wahl nach ihrem Sinn vorzunehmen. Jn der Bevölkerung ſiegte der Entſchluß, den König ſein Recht als Patritius ausüben zu laſſen, wie es ihm im Jahre 1046 verliehen war. Eine Geſandtſchaft, geleitet vom Grafen von Galeria und vom Abt des Kloſters Sankt Gregor, begab ſich nach Deutſchland, um ſich von ihm, wie unter Heinrich III., den Papſt benennen zu laſſen, den man wählen ſolle. Für Hildebrand und Genoſſen war dies das Zeichen, die letzte Rückſicht beiſeitezuſetzen und ihre Abſichten mit Gewalt durchzuführen. Auf ihren Ruf erſchien der Fürſt von Capua, ſeinem Vaſſalleneid getreu, mit Truppen in der Stadt. Aber auch er fand hartnäckigen Widerſtand, erſt nach blutigem Kampf führte ein Handſtreich zum Ziele. Jn der Nacht vom 30. Sep - tember zum 1. Oktober bemächtigten ſich die Normannen der Kirche Sankt Peters (ad Vincula) auf dem Kapitol, ließen hier in tumultuari - ſcher Weiſe die Wahl vornehmen und führten den Gewählten in der Frühe zur Thronbeſteigung in den Lateran und zur Einſegnung nach Sankt Peter. Es war der uns ſchon bekannte Biſchof Anſelm von Lucca. Mit ſeiner Perſon wollte man wohl nach mehreren Seiten entgegen - kommen. Als Biſchof der toskaniſchen Hauptſtadt — das war damals Lucca, nicht Florenz — war er Herzog Gotfried genehm, als ehemaliger kaiſerlicher Kaplan, der von Heinrich III. ſein Bistum erhalten hatte, konnte er ſich dem deutſchen Hof empfehlen, während er als Mailänder und als geiſtiger Miturheber der Pataria die Volksmaſſen der Lom -318Alexander II. und Honorius II. bardei für ſich hatte. Dazu kam, daß er keine ſtarke Perſönlichkeit und Hildebrand ergeben war, der ihn völlig beherrſchte.
Derweilen war die römiſche Geſandtſchaft in Deutſchland angelangt. Jn der Lombardei hatten ſich ihr der Kanzler Wibert und einige Bi - ſchöfe des Landes angeſchloſſen. Jn Baſel empfing ſie die Kaiſerin und gab ihrem Verlangen ſtatt. Am 28. Oktober wurde der ſelbſt anweſende Biſchof Kadaloh von Parma zum Papſt beſtimmt und Honorius II. genannt. Es geſchah unter dem Einfluß des italiſchen Kanzlers, im Gegenſatz zur Anſicht der deutſchen geiſtlichen Fürſten, den lombardiſchen Biſchöfen zuliebe. Sie ſtellten auch die Truppen und Geldmittel, mit denen man Rom zu erobern gedachte. Trotz anfänglichen Widerſtands der Markgräfin Beatrix — Gotfried weilte in Lothringen — wurde der Marſch durch Toskana erzwungen, und Ende März ſtand das lombardiſche Heer vor Rom.
Hier hatte Hildebrand nach dem Abzug Richards von Capua ſeinen Anhang bewaffnet, erlitt aber mit dieſer Truppe auf den Wieſen Neros — dem heutigen Marsfeld zwiſchen Engelsburg und Vatikan — eine vernichtende Niederlage. Honorius konnte Leoſtadt und Peters - kirche einnehmen. Aber ſeiner Einſegnung mußte gemäß dem Zeremo - niell die Thronbeſteigung im Lateran vorausgehen, und obgleich es ſeinen Truppen in den nächſten Tagen gelang, in die eigentliche Stadt auf dem rechten Flußufer einzudringen und ſich in der Burg des Cencius einen Brückenkopf zu ſichern, ſo vermochten ſie trotz heftiger Straßenkämpfe den Lateran nicht zu erreichen. So wurde die Eroberung aufgegeben und ſtatt deſſen die Belagerung unternommen. Nachdem der Adel der Land - ſchaft für Honorius gewonnen war, darunter auch die Grafen von Tuskulum, legte ſich das lombardiſche Heer im Süden vor die Stadt, wo es den zu erwartenden Normannen die Straßen ſperrte. Aber ehe es hier zum Kampfe kam, wandte ſich das Blatt. Jn Deutſchland war die Kaiſerin geſtürzt, der junge König ſeiner Mutter geraubt und eine Regentſchaft gebildet worden, in der Erzbiſchof Anno von Köln die Hauptperſon war. Anno beeilte ſich, die Verfügung der Kaiſerin in der römiſchen Frage rückgängig zu machen, und ſandte Herzog Gotfried, der ihm naheſtand, nach Jtalien, um für eine neue Regelung die Bahn zu bereiten. Etwa im Mai erſchien der Herzog vor Rom und nötigte die ſtreitenden Parteien, einen Waffenſtillſtand anzunehmen, während deſſen im Namen des Königs die Entſcheidung gefällt werden ſollte. Beide319Alexander II. und Honorius II. Teile fügten ſich und zogen ſich in ihre früheren Bistümer zurück, Honorius in der Meinung, daß man den Papſt des Königs nicht fallen laſſen werde, Alexander und die Seinen im Vertrauen auf ihre Be - ziehungen zu dem neuen Regenten, die Herzog Gotfried vermittelte. Sie täuſchten ſich nicht. Ein Reichstag zu Augsburg im Oktober 1062 kam nach erregtem Wortſtreit, denn die Meinungen waren geteilt, unter Annos beherrſchendem Einfluß zu dem Beſchluß, das endgültige Urteil zu vertagen, bis das Ergebnis einer Unterſuchung vorläge. Jnzwiſchen ſollte Alexander ſeinen Sitz wieder einnehmen dürfen. Zur Unter - ſuchung an Ort und Stelle wurde Annos Neffe, Biſchof Burchard von Halberſtadt, ausgeſandt. Dieſer überſchritt ſeinen Auftrag, ſprach noch vor Ablauf des Jahres die Anerkennung Alexanders im Namen des Königs aus und ſorgte für ſeine Aufnahme in Rom. Seinen Lohn erhielt er in Geſtalt des Palliums. Die Hauptperſon, Anno von Köln, empfing die Ernennung zum Erzkanzler der römiſchen Kirche. Kein Zweifel, die deutſchen Biſchöfe hatten das Recht ihres Königs ſelbſtſüchtig verkauft. Der Preis wäre einem Linſengericht gleichzuachten, wenn man nicht an - nehmen müßte, daß er nebenher auch in klingender Münze gezahlt wor - den iſt. So konnte Alexander II. Ende März 1063 ſeinen Sitz in Rom einnehmen, einen Monat ſpäter die übliche Oſterſynode halten und über ſeinen Gegner den Fluch ausſprechen.
Entſchieden war damit freilich der Streit noch nicht, Honorius behielt Anhang in und um Rom und in der Lombardei, in Deutſchland hatte Anno Gegner, die ſein Verfahren mißbilligten, und aus Konſtantinopel kamen durch Vermittlung von Amalfi, der Griechenſtadt, Anerbie - tungen zu gemeinſamem Vorgehen gegen die Normannen und ihren Papſt. Denn als deren Geſchöpf wurde Alexander von ſeinen Gegnern angeſehen. Jn Erwartung der Hilfe, die ihm aus dem Oſten und aus Deutſchland kommen ſollte, unternahm Honorius einen zweiten Ver - ſuch zur Eroberung Roms, konnte auch die Engelsburg und nach langen blutigen Kämpfen die Peterskirche nehmen; im Lateran aber behauptete ſich Alexander unter dem Schutz normänniſcher Truppen. Die Kräfte hielten ſich die Wage. Das von Honorius erhoffte deutſch-griechiſche Eingreifen blieb freilich aus — es war wohl von jeher ein Jrrlicht ge - weſen — aber in der Umgebung Alexanders hielt man die Lage doch für ſo bedenklich, daß man ſich widerſtrebend zu einer erneuten Prüfung und Entſcheidung des Streites bereit finden ließ. Für den Papſt, der den320Alexander II. und Honorius II. ſtolzen Anſpruch erhob, von niemand in der Welt gerichtet zu werden, war das mehr als ein Zugeſtändnis, es war ein demütigender Verzicht, der die gefährliche Spannung der Lage verrät. Es wurde ausgemacht, daß ein deutſch-italiſches Reichskonzil über den Anſpruch beider Päpſte befinden ſollte. Jn der Ausſicht hierauf verlor Honorius die Unter - ſtützung, die ihm bis dahin den Krieg fortzuſetzen erlaubt hatte. Seine Lombarden zogen ab, das Geld ging ihm aus, er wurde von ſeinen römi - ſchen Anhängern abhängig und mußte ſich ſchließlich mit einer hohen Summe bei ihnen loskaufen. Zu Anfang 1064 verließ er die Engelsburg, auf der er bis dahin ſich noch gehalten hatte, und zog als Pilger uner - kannt heimwärts nach Parma. Was dieſen Ausgang herbeigeführt hatte, war neben der Treuloſigkeit der Deutſchen die überlegene Geld - macht Hildebrands geweſen, dem die reichen Mittel Leos des Neu - chriſten, des Sohnes Benedikt-Baruchs, zu Gebote ſtanden.
Jm Mai 1064 trat das Konzil zuſammen, das unter den zu Ende gegangenen Abſchnitt den Schlußſchnörkel ſetzen ſollte. Wie es ent - ſcheiden würde, konnte man im voraus wiſſen, denn es tagte in Mantua, mitten in der Herrſchaft der Markgräfin Beatrix und ihres Gemahls, Gotfrieds von Lothringen. Es war eine Komödie, bei der jeder ſeine Rolle kannte. Die Verſammlung war ſtattlich, deutſche Biſchöfe und Fürſten unter Führung Annos waren vereinigt mit italiſchen. Alexander gewann es über ſich, zu erſcheinen und ſich vom Vorwurf der Simonie durch Eid zu reinigen. Wegen ſeiner Verbindung mit den Normannen wollte er ſich in Rom vor dem König ſelbſt verantworten. Das ließ man gelten und erklärte ihn für den rechtmäßigen Papſt. Honorius war ausge - blieben, wartete in der Nähe den Ausgang ab und ließ durch ſeine Leute einen Überfall ausführen, der die Verſammlung um ein Haar geſprengt hätte. Nur die Geiſtesgegenwart eines deutſchen Abtes und das recht - zeitige Erſcheinen der Markgräfin Beatrix retteten die Lage. Mit dem herkömmlichen Fluch über Kadaloh-Honorius konnte das Konzil ſeinen Abſchluß finden, und als Sieger durfte Alexander nach Rom zurück - kehren, das Hildebrand inzwiſchen für ihn behütet hatte.
Die Spaltung des Papſttums war damit noch nicht aus der Welt geſchafft. Wohl mußte Honorius ſich in ſein Bistum Parma zurück - ziehen, aber den päpſtlichen Titel legte er nicht ab und behielt in der Lombardei und anderswo in Jtalien Anhang. Auch in Deutſchland wer - den nicht alle mit Annos Taten einverſtanden geweſen ſein, und da mit321Alexander II. und Honorius II. dem nächſten Jahr der junge König das Alter der Mündigkeit erreichte, Anno entlaſſen wurde und die tatſächliche Regierung auf ſeinen Gegner Adalbert von Bremen überging, ſo wagte die lombardiſche Partei zu hoffen, daß die Entſcheidung von Mantua rückgängig gemacht werde. Umgekehrt wünſchte Alexander II., der König möge in Jtalien er - ſcheinen, die Kaiſerkrone empfangen und dem Gegenpapſttum ein Ende machen. Das fand am deutſchen Hofe Beifall, für den Mai 1065 wurde der Zug beſchloſſen und in ganz Jtalien angekündigt. Jn Monte Caſſino traf man ſchon Vorbereitungen zum Empfang des neuen Kaiſers. Da gelang es Adalbert, dem die Entfernung des Königs aus mancherlei Gründen unwillkommen war, im letzten Augenblick einen Aufſchub bis zum Herbſt durchzuſetzen. Damit war der Plan vorläufig aufgegeben, und das Doppelpapſttum beſtand weiter. Erſt Adalberts Sturz im folgenden Jahr bewirkte, daß der Herzog von Baiern als Königsbote nach Jtalien geſandt wurde. Er ſcheint den Lombarden klargemacht zu haben, daß ſie für ihren Papſt auf den König nicht zählen dürften. Seit - dem war es mit Honorius II. vorbei. Er hat zwar in ſeinem Bistum die Rolle des Papſtes noch einige Jahre bis zu ſeinem Tode (1071 / 1072) weitergeſpielt, aber für die übrige Welt bedeutete er nichts mehr. Gegen Ende des Jahres (1066) konnte Alexander II. dem Erzbiſchof von Reims ſchreiben, er freue ſich der errungenen Sicherheit und Freiheit, Kadaloh brauche er nicht mehr zu fürchten.
Er freute ſich zu früh. Nicht lange dauerte es, ſo ſah er ſich von anderer Seite durch ernſte Gefahren unmittelbar bedroht.
Fürſt Richard von Capua hatte im dreijährigen Kampf um Rom die Dienſte, die der Papſt von ihm kraft ſeines Lehenseides erwarten durfte, nicht leiſten können. Bald nachdem er die Wahl Alexanders II. bewirkt, war er abgezogen und hatte ſich um die römiſchen Dinge nicht weiter gekümmert, feſtgehalten durch ſchwierige Kämpfe gegen Nachbarn und aufſtändiſche Große im eigenen Lande, die mit Honorius II. in Ver - bindung ſtanden. Er war ihrer Herr geworden und hatte dabei noch Gaeta gewonnen, das er im Sommer 1063 in Beſitz nehmen konnte. Dann aber war er mit einem ſeiner fähigſten Unterführer, dem eigenen Schwiegerſohn Wilhelm von Montreuil, zerfallen, dem er Gaeta, Kampanien und benachbarte Grafſchaften als noch zu erobernde Lehen übertragen hatte. Wilhelm trennte ſich von ſeiner Gemahlin wegen an -Haller, Das Papſttum II1 21322Krieg mit Capuageblich zu naher Verwandtſchaft, heiratete die Witwe des letzten Herrn von Gaeta und erhob im Bunde mit andern Gegnern ſeines bisherigen Schwiegervaters die Waffen gegen dieſen. Rückhalt ſuchte und fand er beim Papſt, der ihn als Bannerträger der Kirche in ſeine Dienſte nahm und ihm die Belehnung mit Gaeta und Kampanien erteilte.
Wenn Alexander II. geglaubt hat, dadurch die päpſtliche Lehnshoheit ausdehnen und zwiſchen ſeinen normänniſchen Vaſſallen Zwietracht ſäen zu können, ſo täuſchte er ſich. Fürſt Richard erwies ſich als über - legener Diplomat, machte dem Gegner ſeine Bundesgenoſſen und ſogar ſeine neue Gattin abſpenſtig, indem er ihr ſeinen Erben als Gemahl an - trug, und begnadigte den Sünder, als er ſich unterwarf und reuig zu ſeiner erſten Frau zurückkehrte. Alexander II., aufs ſchwerſte bloßgeſtellt, hatte das Nachſehen. Gegen ihn wandte ſich nun Richard, drang in den Kirchenſtaat ein, nahm die Grenzſtadt Ceprano weg, trug ſeinen Angriff bis vor Rom und forderte ſeine Erhebung zum Patritius. Alexander konnte nichts tun als gegen ihn den Fluch der Kirche ſchleudern und den deutſchen König zu Hilfe rufen.
Am Hofe Heinrichs IV. ſah man den Augenblick gekommen, mit ſtarker Hand in Jtalien einzugreifen. Die Fürſten des Reichs wurden aufgeboten. Aber als zu Anfang Februar 1067 die Truppen in Augs - burg ſich zu ſammeln begannen, kam die Nachricht, Herzog Gotfried von Lothringen, der zum Führer beſtimmt war, ſei bereits mit ſeiner Abteilung über die weſtlichen Alpenpäſſe aufgebrochen. Er war dem König zuvorgekommen, deſſen Erſcheinen in Jtalien ihm unerwünſcht war. Darauf löſte das königliche Heer ſich auf.
Gotfried nahm nun die Sache allein in die Hand, zwang den Ca - puaner, das päpſtliche Gebiet zu räumen und ſich hinter den Garigliano zurückzuziehen, und rückte ihm bis Aquino nach. Da ihm dieſe Stadt zu nehmen nicht gelang und die Verpflegung ſchwierig wurde, eröffnete er Verhandlungen, die denn auch bald (Juni 1067) zum Frieden führten. Richard gab heraus, was er von päpſtlichem Gebiet noch beſetzt hielt, verzichtete auf alle Forderungen, zahlte dem Herzog eine beträchtliche Entſchädigung und wurde von den Kirchenſtrafen befreit. Der frühere Zuſtand war wiederhergeſtellt. Jn Deutſchland iſt man von dieſem Aus - gang enttäuſcht geweſen, Alexander II. aber war befriedigt. Als Sieger durchzog er das normänniſche Gebiet, hielt am 1. Auguſt eine Synode in Melfi, zwang einige normänniſche Ritter, weggenommene Be -323Alexander II. und die deutſchen Kirchenſitzungen der Kirche von Salerno herauszugeben, und beſuchte auf dem Rückweg das zum Gehorſam zurückgekehrte Capua. Der Zwiſchenfall war ohne Folgen vorübergegangen, in Rom aber hatte man zum erſten - mal erfahren, daß die Vaſſallen, auf deren Dienſte man rechnete, unter Umſtänden gefährlich werden konnten.
Wer etwa noch gezweifelt hätte, den mußten die letzten Ereigniſſe davon überzeugt haben, daß die Zeit vorüber war, wo ein deutſcher König oder Kaiſer die Geſchicke des Papſttums beſtimmte. Es ging ſeinen eigenen Weg, nahm wohl gelegentlich deutſche Hilfe in An - ſpruch, war aber nicht auf ſie allein angewieſen und konnte ſeine Helfer und Schützer wählen. Von der deutſchen Herrſchaft hatte es ſich befreit; dank der Schwäche der deutſchen Regierung und der Treuloſigkeit ihrer Vertreter hatte es über die Krone geſiegt.
Den Siegespreis holte es ſich von der deutſchen Kirche. Hier konnte man es erleben, wie ſehr Anſehen und Einfluß des Königtums geſchwun - den waren, während der Papſt die Erbſchaft antrat. Über die Beſetzung von Bistümern und Reichsabteien hatte bis dahin der Wille des Königs allein entſchieden. Jetzt kam es vor, daß örtliche Anſprüche über eine königliche Verleihung mit Hilfe des Papſtes den Sieg davontrugen. So geſchah es in Konſtanz, wo der König das Bistum einem ſächſiſchen Propſt verliehen hatte. Die Geiſtlichkeit erhob gegen ihn Anklage in Rom, der Papſt befahl Unterſuchung und behielt ſich das Urteil vor. Zum Äußerſten kam es nicht, da der Beſchuldigte nach mehrtägiger Verhandlung auf einer Mainzer Synode es vorzog, zu verzichten (1071). Dramatiſcher verlief ein ähnlicher Fall in der Reichenau. Gegen den vom König zum Abt ernannten Sachſen ſträubten ſich die ſchwäbiſchen Mönche, klagten in Rom, und da das Kloſter dem päpſtlichen Schutz unterſtand, konnte Alexander II. ſich erlauben, ſelbſt das abſetzende Ur - teil zu ſprechen, das der Stiftsadel durch Vertreibung des Abtes aus - führte. Jn beiden Fällen lautete die Anklage auf Simonie. Ob ſie ge - gründet war? Dieſen Vorwurf zu erheben, war niemals ſchwer, auch wenn nichts weiter vorlag als Zahlung der Lehensabgabe, die nach der Überlieferung jeder Empfänger eines Reichsfürſtentums zu leiſten hatte. Daß Heinrich III. im Übermaß der Gewiſſenhaftigkeit auf die Abgaben verzichtet hatte, hob das Recht des Nachfolgers nicht auf, und Heinrich IV. muß es wieder geltend gemacht haben. Die Abgaben waren324Alexander II. und die deutſchen Kirchenhoch, ſie entſprachen der Größe der geiſtlichen Fürſtentümer, und wenn ſie vor oder zugleich mit der Jnveſtitur entrichtet wurden, entſtand der Eindruck eines Kaufes, und das Gerücht hatte es leicht, von Bergen Goldes und Silbers zu erzählen, die als Preis für Ring und Stab gezahlt worden ſeien. Jn den Chroniken der Mönche dieſer Zeit kann man das mehrfach leſen. Man hatte es eben mit zweierlei Recht zu tun: dem alten Reichsrecht widerſprach die neue kirchliche Forderung, die mit dem Anſpruch auftrat, das höhere, das ſittliche Recht zu ſein, ohne daß ſie ſelbſt einwandfrei umſchrieben geweſen wäre. Denn noch war der Be - griff der Simonie keineswegs geklärt, und aus Handlungen, die an ſich nichts Verwerfliches hatten, ließ ſich jederzeit mühelos ein Strick drehen.
Das hatte mehr als ein deutſcher Biſchof zu erfahren. Jm Jahre 1070 ſah man ihrer drei, darunter die vornehmſten, Siegfried von Mainz und Anno von Köln, nach Rom ziehen, um ſich wegen des Vor - wurfs der Simonie zu verantworten. Mainz und Köln waren ange - klagt, die Weihen für Geld erteilt zu haben. Es handelte ſich vermut - lich um die herkömmlichen Gebühren, aber beide mußten ſchwören, dergleichen künftig zu unterlaſſen. Der Biſchof von Bamberg ſollte ſeine Würde gekauft haben, beſchwor aber ſeine Unſchuld. Man ſagte ihm nach, er habe falſch geſchworen und des Papſtes Gunſt mit Geſchenken erkauft. Anders der Biſchof von Straßburg, der einige Jahre ſpäter unter der gleichen Anklage nach Rom geladen wurde. Er geſtand ſeine Schuld, tat Buße und durfte begnadigt heimkehren.
Konnte man im letztgenannten Fall ſchon fragen — die Erzbiſchöfe und das exemte Bamberg unterſtanden unmittelbar dem Papſt — mit welchem Recht ein Suffragan des Mainzers mit Übergehung ſeines Metropoliten in Rom zur Rechenſchaft gezogen wurde, ſo iſt dieſe Frage vollends am Platz, wenn wir ſehen, wie der Papſt in untergeordneten Fällen die Urteile deutſcher Biſchöfe aufhob, milderte oder ihnen vor - griff. Ein Abt, den der Biſchof von Konſtanz wegen tödlicher Miß - handlung abgeſetzt hatte, erhielt von Alexander nach nur ſechsmonatiger Buße ſeine Würde wieder. Einem Geiſtlichen, der Mönch zu werden gelobt, dann aber ſeinen Vorſatz geändert hatte, wurde die inzwiſchen einem andern verliehene Pfründe wieder zugeſprochen. Ein Mönch, der aus dem Kloſter gelaufen und ſich im Gottesdienſt über ſeinen Weihe - grad hinaus Befugniſſe angemaßt hatte, wurde begnadigt und aller Weihen fähig erklärt.
325Alexander II. und die deutſchen KirchenSo unbedeutend dieſe Fälle ſein mögen, ſie zeigen dasſelbe, wie wenn zur Unterſuchung gegen den ſchuldigen Biſchof von Prag mit Über - gehung des Erzbiſchofs von Mainz Legaten ausgeſandt wurden: daß man in Rom darauf ausging, über die Köpfe der Metropoliten und Biſchöfe hinweg die deutſche Kirche unmittelbar zu regieren. Wohin es führen mußte, wenn bekannt wurde, daß man der Strenge des eigenen Biſchofs durch Anrufung des Papſtes entgehen konnte, liegt auf der Hand. Wüßten wir es nicht ſchon, ſo würden wir aus ſolchen Maß - regeln, aus der Mißachtung der Metropolitanrechte, aus der Bloß - ſtellung biſchöflicher Kirchenzucht lernen, daß man ſich am päpſtlichen Hof nicht ſcheute, die beſtehende Ordnung aufzulöſen. Eine Revolution von oben ſollte die Vorausſetzungen ſchaffen für Aufrichtung der eigenen Herrſchaft. Dazu gehörte, daß der Stolz der deutſchen Biſchöfe ge - demütigt wurde. Das erfuhr ſogar Anno. Wem wäre Alexander mehr zu Dank verpflichtet geweſen als ihm? Aber als er verſuchte, dem Papſt ſeine Unabhängigkeit zu beweiſen, indem er als Geſandter des Reichs auf dem Wege nach Rom die Gaſtfreundſchaft des ausgeſchloſſenen Erzbiſchofs von Ravenna ſich gefallen ließ und ſogar den Beſuch des Gegenpapſtes Honorius II. empfing, mußte er erleben, daß Alexander ihn erſt vorließ, nachdem er als Büßer barfuß durch die Straßen Roms gepilgert war. Seitdem war auch ſein Stolz gebrochen. Siegfried von Mainz hatte dieſe Regung nie gekannt. Ein weicher, willensſchwacher Kloſterbruder, der ſich mehrfach mit Rücktrittsgedanken trug, war er nur durch einen Mißgriff Heinrichs III. an die Spitze der deutſchen Kirche erhoben, die er in ſeiner Unzulänglichkeit ſchlecht geführt und ſchwächlich vertreten hat.
Es hätte anders nur ſein können, wenn an der Spitze des Reiches ein anderer Herrſcher geſtanden wäre. Mit Unrecht ſprechen wir von einer deutſchen Reichskirche. Die gab es nicht und hatte es nie gegeben. Es gab wohl deutſche Reichskirchen, Bistümer und Abteien des Reiches, aber ſie bildeten keine Einheit, keinen feſten Verband und hatten kein geiſtliches Haupt. Nicht gewohnt und nicht fähig, ſelbſtändig und ein - heitlich zu handeln, gehorchten ſie dem König, der allein ſie führen und nach außen vertreten konnte. Der junge Heinrich IV., kaum zwanzig Jahre alt, von Natur der Mutter ähnlicher als dem Vater, in der Er - ziehung vernachläſſigt, war in keiner Weiſe geeignet für dieſe Aufgabe, auch wenn man annimmt, daß die Gerüchte von ausſchweifender Lebens -326Frankreichführung und unwürdiger Umgebung, die über ihn umliefen, übertrieben waren. Zum Überfluß gab er ſich perſönlich die ſchwerſte Blöße, indem er die Scheidung von ſeiner Gemahlin erſtrebte, aber vor dem Verbot des Papſtes zurückwich, das ihm der ehrwürdige Petrus Damiani als apoſtoliſcher Legat überbrachte (1069). So glitt denn unmerklich und wie nach dem Naturgeſetz von Anziehung und Schwere die Regierung der deutſchen Kirche nach Rom hinüber.
Es fügte ſich, daß zu gleicher Zeit in Frankreich ähnliche Zuſtände herrſchten. Auch hier hatte es Alexander II. zuerſt mit einer vormund - ſchaftlichen Regierung, dann mit einem jungen, unerfahrenen Herrſcher zu tun; ſeine Eingriffe in die Kirchenverwaltung fanden keinen Wider - ſtand. Er beſaß außerdem ein williges Werkzeug am vornehmſten der Prälaten. Erzbiſchof Gervaſius von Reims brauchte in eigenen Nöten die Hilfe des römiſchen Stuhles und ſtand dieſem ſchon darum jeder - zeit zu Dienſten, durch Vorwürfe wegen Säumigkeit wiederholt angeſtachelt. Der Papſt hatte wohl Grund, Erzbiſchof und Hof zu danken, in großen Dingen geſchah, was er wollte. Jn Soiſſons und Chartres mußten die inveſtierten Biſchöfe weichen, dem von Orleans half es nichts, daß er ſich vor dem Legaten freigeſchworen hatte, in Le Mans wurde ſogar der Graf von Anjou ſelbſt in den Sturz ſeines Schützlings verwickelt, den Regierung und Papſt gemeinſam bekämpften. Nicht anders war es im Süden, wohin die Macht des Königs nicht reichte. Die Biſchöfe von Gap und Saintes wurden wegen Simonie abgeſetzt, der von Nimes dagegen, den ein Legat entfernt hatte, wieder eingeſetzt.
Auch in Frankreich begnügte ſich Alexander nicht mit den causae maiores der Bistümer, ſeine Eingriffe galten ebenſo der Abſetzung von Äbten, dem Schutz einer Äbtiſſin, dem Rechtsſtreit von zwei Reimſer Geiſtlichen und der Rückgabe einer entführten Reliquie. Nichts war zu klein und nichts zu groß, um Gegenſtand ſeiner Verfügungen zu ſein, die, wie er den König belehrte, den heiligen Kanones gleichzuachten ſeien. Dabei kehrte er ſich nirgends an die amtliche Rangordnung; die Rechte der Metropoliten gegenüber ihren Suffraganen wurden ſo - wenig beachtet wie die Befugniſſe der Biſchöfe innerhalb ihrer Diözeſen, als gäbe es überall nur einen Biſchof, den Papſt zu Rom.
Die Eingriffe wurden ſeltener, ſeit Philipp I. ſelbſtändig zu regieren begonnen hatte. Der König wagte ſogar, auf dem Erzſtuhl von Tours327Normandieſeinen Kandidaten gegen römiſchen Einſpruch zu halten, und die Rund - reiſe eines Legaten, des Biſchofs Gerald von Oſtia (1072), hat deutliche Spuren nur im Süden hinterlaſſen, wo der Erzbiſchof von Auch und der Biſchof von Tarbes abgeſetzt wurden. Ob darin der Anfang einer ver - änderten Haltung der Krone gegenüber römiſchen Anſprüchen zu er - blicken ſei, mußte die Zukunft lehren. Leicht konnte das Einlenken in andere Bahnen nicht ſein, nachdem die Jahre der Vormundſchaft die hohe Geiſtlichkeit Frankreichs mit dem Gedanken vertraut gemacht hatten, daß ſie im Papſt nicht nur ihr Haupt, ſondern auch ihren Herrn zu ſehen habe.
Eine beſondere Stellung behauptete unter den franzöſiſchen Land - ſchaften das Herzogtum der Normandie. Entſtanden im Jahre 911 durch Anſiedlung der Dänen und Belehnung ihres Führers Rolf, war es nach Umfang und innerer Kraft von allen Fürſtentümern das bedeu - tendſte und der Krone gegenüber das unabhängigſte. Auch kirchlich zeigte es ein eigenes Bild, inſofern hier ſeit dem Beginn des Jahrhunderts gründlicher als irgendwo ſonſt das reformierte Mönchtum der loth - ringiſch-burgundiſchen Richtung zur Herrſchaft gelangt war. Es füllte und leitete die Klöſter des Landes, erzog den Nachwuchs der Geiſtlichkeit und beſetzte bald auch mehrere Bistümer mit ſeinen Angehörigen und Schülern. So kam es, daß ſchon im Jahre 1042 der Gottesfrieden für die ganze Provinz verkündigt und um dieſelbe Zeit, früher als ſonſt irgendwo, ein Verbot der Simonie erlaſſen wurde. Ohne die Gunſt der Herzöge wäre das nicht möglich geweſen. Sie haben bald erkannt, welches Mittel zur Beherrſchung der Kirche die Reform der Geiſtlich - keit darbot, wenn ſie im Einvernehmen mit dem Landesherrn betrieben wurde, und haben darum den ſtrengen Mönchen jeden Vorſchub geleiſtet. Als ſeit 1049 die Loſung der Reform durch das Papſttum für das ge - ſamte Abendland ausgegeben wurde, fiel ſie nirgends auf fruchtbareren Boden als in der Normandie. Herzog Wilhelm, genannt der Baſtard, ſtreng kirchlich geſinnt in der Weiſe ſeiner Zeit, dem reformierten Mönchtum innerlich zugetan, in der Erfüllung gottesdienſtlicher Pflich - ten von vorbildlicher Gewiſſenhaftigkeit, ging ſofort auf die Abſichten Leos IX. ein, beſchickte das Konzil des Papſtes in Reims (1049), das der König zu verhindern ſuchte, mit fünfen ſeiner Biſchöfe und öffnete einem päpſtlichen Legaten ſein Land zur Verkündigung des ſchwerſten aller328NormandieGebote, der Eheloſigkeit des geiſtlichen Standes (1055). Jn Rom wußte man das zu würdigen. Was konnte auch wertvoller ſein, als wenn der ſiegreiche, vielbewunderte Fürſt, der es verſtanden hatte, den unbot - mäßigen Adel ſeines Landes zu bändigen und ſein Gebiet durch Erobe - rung zu erweitern, wenn der unſtreitig bedeutendſte Herrſcher ſeiner Zeit offen die Partei der Reform ergriff! Jhm mußte und konnte man vieles nachſehen, was bei andern nicht geduldet worden wäre. Gegen ein aus - drückliches Verbot Leos IX. auf der Reimſer Synode (1049) hatte er die Schweſter des Grafen von Flandern trotz naher Verwandtſchaft geheiratet, ließ ſich auch nicht bewegen, die Ehe zu löſen, als der Papſt ihm und ſeinem ganzen Gebiet den Gottesdienſt verbot. Nikolaus II. mußte ſchließlich nachgeben und ſich damit begnügen, daß der Herzog als Buße zwei Klöſter und einiges andere ſtiftete. Nachgeben mußte ebenſo Alexander II., als Wilhelm den Abt eines ſeiner Klöſter ent - fernte, um einen andern einzuſetzen. Umſonſt verſchaffte der Vertriebene ſich in Rom einen Befehl zur Wiedereinſetzung. Wilhelm antwortete mit der Drohung, jeden, der der Weiſung des Papſtes nachkommen würde, aufzuhängen. Alexander, damals noch ſeiner Stellung nicht ſicher, nahm es hin und entſchädigte den Kläger in Unteritalien.
Das war im Jahre 1063. Drei Jahre ſpäter empfing der Papſt einen Geſandten des Herzogs mit hochwichtiger Botſchaft. Jn England war der letzte König aus einheimiſchem Herrſcherhaus, Edward III. der Be - kenner, geſtorben, über die Erbanſprüche, die Herzog Wilhelm erhob, waren die Großen hinweggegangen und hatten den Grafen Harald zum König gewählt. Nun ſollte der Papſt urteilen, wem die Krone gebühre, ob Wilhelm, den der verſtorbene König zum Erben beſtimmt und Harald ſelbſt als ſolchen eidlich anerkannt, oder dieſem, der ſeinen Eid gebrochen und die Krönung — ſo wurde wenigſtens behauptet — von ungeweihter Hand empfangen hatte. Erzbiſchof Stigand von Canterbury nämlich, der ſie vollzogen haben ſollte, hatte ſeine Würde im Bürgerkrieg unter Verdrängung des Vorgängers erlangt, war dafür ſchon von Leo IX., dann von den folgenden Päpſten ausgeſchloſſen worden und hatte ſein Pallium von Benedikt X., dem Gegner Nikolaus 'II., erhalten. Wie einſt im Jahre 751, als die Franken zur Entthronung des letzten Mero - wingers die Ermächtigung in Rom erbaten, wurde Alexander II. auf - gerufen, eine politiſche Frage von größter Tragweite zu entſcheiden. Daß in ſeinen Augen von vornherein vieles zugunſten des Normannen329Eroberung Englandsſprach, kann man ſich denken. Doch es gab auch Widerſpruch, und die Beratung der Kardinäle war lebhaft. Die Rechtsfrage ließ ſich ver - ſchieden beantworten, ſelbſt wenn man nicht wußte, daß Harald die Vor - ſicht begangen hatte, ſich nicht vom angefochtenen Erzbiſchof von Canter - bury, ſondern von dem von York krönen zu laſſen. Schwerer fielen in die Wagſchale die Eröffnungen, die Wilhelm machen ließ. Er verſprach, als König die engliſche Kirche nach römiſchen Grundſätzen zu refor - mieren, die in Vergeſſenheit geratene jährliche Steuer, den Peters - pfennig, regelmäßig zu entrichten und — ſo wenigſtens wurden die Er - öffnungen des Geſandten verſtanden — ſein Königreich vom heiligen Petrus zu Lehen zu nehmen. Daraufhin ſiegte im Rat des Papſtes die Meinung, daß ſeinem Wunſch zu willfahren ſei. Jn feierlicher Form erklärte Alexander ſeinen Anſpruch für gerecht und ſandte ihm zum Unterpfand deſſen die geweihte Fahne des heiligen Petrus. Unter dem Banner des Apoſtelfürſten iſt das Heer der Normannen zur Eroberung Englands ausgezogen, unter dieſem Banner hat es bei Haſtings geſiegt, und mit dem Segen des Papſtes iſt Wilhelm der Eroberer König von England geworden.
Ein Vorgang, nur von wenigen Chroniſten mit kurzen Worten er - wähnt, von der ſonſtigen Überlieferung faſt verſchwiegen und doch be - deutungsvoll wie kaum ein zweiter. Daß der Papſt ſich die Befugnis beilegte, über das Recht eines Bewerbers um eine Königskrone zu ent - ſcheiden, war ſchlechterdings unerhört. Mehr als ein bei den Haaren herbeigeholter Vorwand war es doch nicht, daß man ſich auf den Eid - bruch Haralds und ſeine angebliche Krönung durch einen exkommuni - zierten Erzbiſchof bezog als auf Dinge, die dem Urteil der Kirche unter - ſtehen ſollten. Keinesfalls aber reichte es aus, darüber zu täuſchen, daß die Grenzen des Kirchlichen weit überſchritten waren, wenn dem Herzog der Normandie das Recht auf das Königreich zugeſprochen und der Er - oberung eine religiöſe Weihe erteilt wurde. Das Rechtsgutachten, in dem Zacharias die Entthronung des letzten Merowingers anriet, ließ ſich für den vorliegenden Fall kaum als Vorgang benutzen und lag überdies um mehr als dreihundert Jahre zurück. Daß es eine Fahne Sankt Peters gebe, die den Kriegern auf blutiger Walſtatt blutrot voranwehte, hatte man vor den Tagen Alexanders II. nicht gewußt.
Beim Angriff auf England wurde ſie nicht zum erſtenmal entrollt. Als den Normannen Robert Guiscards auf Sizilien in der Schlacht330Päpſtliche Kriegsfahnebei Cerami der erſte größere Erfolg geglückt war (1063), legte ihr Führer, Graf Roger, dem Papſt reiche Geſchenke aus der Beute zu Füßen. Alexander aber erwiderte, indem er ihm und allen, die an der Eroberung und Behauptung der Jnſel teilnehmen würden, Losſprechung von ihren Sünden gewährte und dem Heer eine Fahne mit der Weihe des apoſto - liſchen Stuhles verlieh, „ damit ſie “, wie ihr Geſchichtſchreiber ſagt, „ im Vertrauen auf den Schutz des heiligen Petrus zuverſichtlicher zur Niederwerfung der Sarazenen ausrückten “. Sie kämpften gegen Un - gläubige, deren Blut zu vergießen — wie Alexander einmal den Erz - biſchof von Narbonne belehrt hat — die Kirche nicht als Sünde anſah. Einen Schritt weiter kam man, als Wilhelm von Montreuil Kampa - nien zu erobern verſuchte. Als Bannerträger des Papſtes beſeitigte er nebenbei die Reſte der Anhängerſchaft des Gegenpapſtes. Jn England fochten zwei Chriſtenheere gegeneinander, der Apoſtel war unbeteiligt, und doch wehte ſeine Fahne dem Eroberer voran, „ um ihn “— es ſind Worte des normänniſchen Chroniſten — „ durch ihre Kraft vor aller Gefahr zu ſchützen “. Der heilige Petrus als Schutzpatron des Krieges, Partei ergreifend in den Händeln der Welt, fürwahr ein neues Bild, das an eigentümlichem Reiz noch gewinnt, wenn man hört, daß die normänniſchen Ritter, die bei Haſtings unter ſeinem Banner fochten, mit dem Schlachtruf ihrer heidniſchen Vorfahren „ Thor, hilf “gegen den Feind anſtürmten. Da hatte Sankt Peter den Platz und die Aufgabe des nordiſchen Donnergottes eingenommen. Nur zu gut begreift man, daß im Kreiſe der Kardinäle ſich Widerſpruch erhob gegen ſolche Ver - ſtrickung der Kirche in weltliche Händel und Blutvergießen. Der Wider - ſpruch drang nicht durch, und auf der betretenen Bahn iſt das Papſttum mit raſchen Schritten weitergegangen. Nicht zufrieden, andere für ſich kämpfen zu laſſen, hat es immer öfter ſelbſt Truppen geworben, Schlach - ten geſchlagen und mit dem Schwert ſiegen wollen, wo das Wort ver - ſagte. Zu der gründlichen Wandlung, die es durchmachte, ſeit die Erben der Franken, die Franzoſen, von ihm Beſitz ergriffen hatten, gehört auch dies: mit dem kriegeriſchen Geiſt, den die germaniſchen Völker nach Annahme des Chriſtentums ungebrochen ſich bewahrt hatten, erfüllte ſich die römiſche Kirche, huldigte ihm an ihrem Teil und nährte ihn, in - dem ſie ihm Aufgaben ſtellte und Ziele wies. Das kriegeriſche Zeitalter der abendländiſchen Kirche hatte begonnen, und oberſter Kriegsherr der chriſtlichen Heerſcharen war Sankt Peter, der Papſt.
331Unterwerfung der engliſchen KircheDie glückliche Eroberung Englands war mehr als ein moraliſcher Er - folg des Papſtes, ſie brachte ihm die Unterwerfung der engliſchen Kirche. Nicht als ob ſeine Autorität auf der Jnſel vor 1066 nicht mehr aner - kannt worden wäre. An Beweiſen der Ergebenheit haben die angel - ſächſiſch-däniſchen Könige es niemals fehlen laſſen. Wie von jeher, ſo hat man dort bis zuletzt im Papſt das geiſtliche Oberhaupt geſehen, haben die Erzbiſchöfe von Canterbury und York das Pallium aus Rom erbeten und erhalten, haben Bistümer und Klöſter ſich Rechte beſtätigen und Vorrechte verleihen laſſen, nicht zu reden von dem Strom der Pilger, der ſich zu allen Zeiten nach Rom ergoß. Unter ihnen ſah man dort eines Tages (1026) den König Knut ſelber, den däniſchen Eroberer, der die Verbindung mit Rom wieder enger zu knüpfen ſuchte, indem er ſich und ſein Reich dem beſondern Schutz des heiligen Petrus empfahl. Es klingt wie ein Nachhall aus den Zeiten der Bekehrung, wenn man ihn dieſen Schritt begründen hört: „ Jch habe von den Weiſen gelernt, daß Sankt Peter von Gott große Gewalt empfangen hat, zu löſen und zu binden, und daß er Schlüſſelwart des Himmelreichs iſt. “ Aber auf die inner - kirchlichen Verhältniſſe hatte das keinen erkennbaren Einfluß. Wenn man ſich in der Jdee noch ſo abhängig von Sankt Peter und dem Papſt bekannte, ſo brachten doch Entfernung und Beſonderheiten in den Zu - ſtänden des Landes es mit ſich, daß die angelſächſiſche Kirche tatſächlich in größerer Unabhängigkeit von Rom dahinlebte als die deutſche oder franzöſiſche. Jhre Verfaſſung, ihr Recht, ihre Bräuche wichen von den feſtländiſchen ab, und von Einmiſchungen in ihr inneres Leben war, ſolange in Rom das Stadtpapſttum herrſchte, noch weniger als anders - wo die Rede. Jn mehr als zweihundert Jahren hat England nur ein - mal (990 / 991) einen römiſchen Legaten empfangen, und da lediglich zur Vermittlung des Friedens mit der Normandie. Auch als das refor - mierte Papſttum ſelbſt reformierend überall einzugreifen begann, ward England davon zunächſt nur wenig berührt. Wohl brachte Edward III., in der Normandie erzogen, bei ſeiner Thronbeſteigung franzöſiſche Geiſt - liche mit, deren mehrere zu Biſchöfen erhoben wurden, darunter ſogar der Primas Robert von Canterbury. Aber vor der Auflehnung des ſäch - ſiſchen Selbſtgefühls mußte Robert weichen, Stigand nahm ſeine Stelle ein. Die Beſchwerde des Vertriebenen führte nach langer Zeit wieder einmal zum Eingreifen des Papſtes: Leo IX. ſchloß Stigand aus, und ſeine Nachfolger wiederholten die Strafe. Aber der Erfolg332Unterwerfung der engliſchen Kirchewar gering: Stigand behauptete ſich, ließ ſich das Pallium von Benedikt X., dem Gegner Nikolaus 'II., geben, und die normänniſche Gruppe unter den Biſchöfen war nicht ſtark genug, ſich durchzuſetzen. Daß der König ſich durch Leo IX. vom Gelübde einer Wallfahrt nach Rom ausdrücklich befreien und dies durch Nikolaus beſtätigen ließ, iſt wohl ein Zeichen ſeiner perſönlichen Ergebenheit, verſchaffte aber dem Papſt keinen größeren Einfluß. Abſeits vom Strom, der die abendländiſche Welt ergriffen hatte, ging England ſeiner Wege nach alter Art.
Das wurde mit einem Schlage anders, als Wilhelm I. in England Herr geworden war. Sogleich ging er daran, die kirchlichen Verhält - niſſe der Jnſel denen des Feſtlands anzugleichen. Man braucht ihm nicht unterzuſchieben, daß ihm die Sache ſelbſt gleichgültig geweſen ſei, aber mindeſtens ebenſo wichtig war ihm, daß die Kirche ſeines neuen Reiches ihm gehorche und als Werkzeug zur Beherrſchung des Landes diene. Unter doppeltem Geſichtspunkt betrieb er die Reform: den Klerus zu ſäubern und zu heben, zugleich aber alle höheren Ämter, Bistümer und Abteien, mit zuverläſſigen Dienern zu beſetzen. Dieſes ſollte durch jenes erreicht werden. Auf die Sachſen war im allgemeinen kein Verlaß, darum mußten die einheimiſchen Prälaten abtreten und durch ſolche aus der Normandie erſetzt werden, allen voran Erzbiſchof Stigand von Canterbury, die Stütze von Haralds Königtum. Eine ſo gründliche Um - wälzung konnte im Rahmen des gewöhnlichen Kirchenrechts nicht durch - geführt werden, außerordentliche Maßregeln bedurften zu ihrer Deckung einer außerordentlichen Autorität. Darum wurde der Papſt angerufen und in ſeinem Namen das Werk ausgeführt. Drei Legaten kamen im Jahr 1070 ins Land, hielten Synoden ab und vollzogen die gewünſchten Abſetzungen und Ernennungen. Den Rechtsgrund bot wie überall das Vergehen der Simonie, wenn nicht, wie bei Stigand, dem längſt aus - geſchloſſenen Anhänger eines Gegenpapſtes, ſchlimmere Dinge vorlagen. Die neuen Biſchöfe, unterſtützt von Mönchen der ſtrengen Richtung, ſorgten dafür, daß die Grundſätze, nach denen ſchon ſeit zwei Jahr - zehnten die Reform auf dem Feſtland von Rom aus betrieben wurde, nun auch in der Kirche Englands ſich einbürgerten. An ihrer Spitze wirkte als neuer Primas Lanfrank, ein vornehmer Langobarde aus Pavia, der auf unbekannten Wegen ins Kloſter Bec in der Normandie geraten, dann Abt in Caen und vertrauter Rat des Herzogs geworden war und jetzt333Unteritalienauf Geheiß von König und Papſt den Erzſtuhl von Canterbury beſtieg. Der gefeierte Gelehrte und Lehrer war am päpſtlichen Hof von wieder - holten Sendungen her wohlbekannt. Alexander II., der geborne Mai - länder, dem er ſchon als Landsmann naheſtand, zeichnete ihn in un - gewöhnlicher Weiſe aus und hätte ihn am liebſten dauernd bei ſich behalten. Lanfrank wiederum fühlte ſich innerlich von Rom abhängig. Die römiſche Kirche war ihm die Geſamtkirche, alle andern ihre Teile; was Sankt Peter gebilligt, galt ihm als Recht. Man iſt an Bonifatius erinnert, wenn man ihn in Rom um Rat und Anweiſung bitten ſieht in Fällen, die er als Metropolit ſehr wohl ſelbſtändig hätte entſcheiden können. Dieſem Mann konnte Alexander getroſt Vertretung und Voll - macht für ſtrittige Fälle übertragen: ſein Urteil ſollte gelten wie das des Papſtes ſelber. Unter der Herrſchaft des Eroberers hatte die Kirche Englands ihre Sonderſtellung aufgegeben und ſchickte ſich an, in die Reihe derer einzutreten, die ſich von Rom aus regieren ließen.
Wie in England, ſo erweiterte ſich in Unteritalien durch normänniſche Eroberung der Umfang päpſtlichen Kirchenregiments. Jn die Zeit Alex - anders II. fallen die entſcheidenden Erfolge Robert Guiscards. Wir haben ſie hier im einzelnen nicht zu verfolgen, uns genügt das Ergebnis, das auf dem Feſtland nach harten Kämpfen und manchen Rückſchlägen im Frühling 1071 erreicht wurde. Am 16. April dieſes Jahres ergab ſich nach faſt dreijähriger Belagerung der letzte griechiſch gebliebene größere Ort, die Hauptſtadt Bari. Damit war Apulien unterworfen, Kalabrien war es ſchon ſeit drei Jahren. Gleichzeitig hatte mit der Ein - nahme von Meſſina (1061) die Eroberung Siziliens begonnen. Zunächſt mit geringen Kräften betrieben und darum nur langſam fortſchreitend, führte ſie doch ſchon im Januar 1072 zur Einnahme von Palermo und damit zur Beherrſchung der Nordküſte. Daß die ganze Jnſel nor - männiſch werden würde, war nur noch eine Frage der Zeit. Mit vollem Recht konnte der Papſt die Siege ſeiner Vaſallen als eigene Erfolge buchen. Denn wo immer ſie die Herren wurden, da wurde er als Lehns - herr Obereigentümer des Landes und gehörten ihm nach dem Lehns - vertrag von 1059 Kirchen und Klöſter. Großgriechenland wurde römiſch. Verſchwunden war mit der ſtaatlichen zugleich die kirchliche Oberhoheit Konſtantinopels, ungehindert konnte der Papſt die Kirchen, die Bistümer organiſieren und reformieren und aus den Erzbiſchöfen und Biſchöfen Unteritaliens ſich eine ergebene Gefolgſchaft bilden. Was Hadrian I. 334Spanienund Nikolaus I. und zuletzt noch Leo IX. auf dem Wege der Unter - handlung vergeblich erſtrebt hatten, war durch die Waffen der Nor - mannen erreicht, der Primat Roms über Unteritalien wiederhergeſtellt.
Jn Unteritalien handelte es ſich um verlorengegangenen Beſitz; ein völliges Neuland, das niemals zum kirchlichen Hoheitsbereich des Bi - ſchofs von Rom gehört hatte, wurde um dieſelbe Zeit gewonnen in Spanien.
Wir ſind gewohnt, von Spanien als von einer Einheit zu reden. Die Vorſtellung, ſchon für die Gegenwart nur bedingt richtig, wäre für das Mittelalter und vollends für die Zeit, mit der wir es zu tun haben, durchaus falſch. Um die Mitte des elften Jahrhunderts zeigt die Halb - inſel das Bild größter Zerſplitterung. Die Einheit fehlt ſowohl dem iſlamiſchen wie dem chriſtlichen Teil. Das Khalifat Cordova, ſeit 1030 erloſchen, hat ſich in eine Anzahl kleinerer und größerer Herrſchaften aufgelöſt, die ſich Königreiche nennen und durch nichts mehr zuſammen - gehalten werden. Jn dieſer Hinſicht ſind ihnen die chriſtlichen Reiche des Nordens, trotz häufiger Bruderkriege und Erbſtreitigkeiten, immer - hin überlegen. Eine unbeſtrittene Führung behauptet unter ihnen der König von Leon-Kaſtilien, der ſich als Erbe und Fortſetzer des Weſt - gotenreiches fühlt und ſich zum Zeichen ſeines Vorranges mit dem Kaiſertitel ſchmückt. Jhm ordnen ſich unter beſtändigen Grenzverſchie - bungen die Königreiche von Navarra und Aragon unter, zuſammen - gehalten durch die gemeinſame Aufgabe des ſteten Kampfes gegen die Ungläubigen, der „ Rückeroberung “(reconquista) und ſeit 1036 auch durch ein gemeinſames Herrſcherhaus. Abſeits ſteht Katalonien, die von Karl dem Großen geſchaffene Spaniſche Mark, noch immer zum fränkiſchen Reich gerechnet und von den chriſtlichen Nachbarn auf der Halbinſel abgeſperrt durch das Berberreich von Zaragoza.
So ſcharf dieſe Staaten geographiſch vom übrigen Abendland ge - ſchieden waren, es fehlte doch keineswegs an Beziehungen. Über die Pyrenäenpäſſe hinweg hing Katalonien mit dem Languedoc, Navarra mit der Gaſcogne zuſammen, dieſelben Herrengeſchlechter regierten dies - ſeits und jenſeits der Berge. Um ſo vollſtändiger war das Sonderdaſein der ſpaniſchen Kirchen. Sie hatten ihr eigenes Recht, ihre eigenen gottesdienſtlichen Formen, und mit Rom fehlte jeder Zuſammenhang. Nicht einmal von Pilgerfahrten zu den Gräbern der Apoſtelfürſten haben wir aus Spanien vor dem elften Jahrhundert ſichere Kunde, während335Spanienumgekehrt aus Jtalien und Frankreich die Reiſe zum Grabe des Apoſtels Jakobus in Santiago de Compoſtela nichts Ungewöhnliches war.
Anders wurde es erſt im Anfang des elften Jahrhunderts durch Ver - mittlung von Cluny. König Sancho der Große oder der Alte von Na - varra (1000 ‒ 1035), der auch Aragon und Kaſtilien regierte, ſtand unter dem Einfluß des Abtes Odilo und ließ durch ihn die Klöſter ſeines Landes reformieren. Sanchos Sohn und Erbe, Ferdinand von Kaſtilien, zahlte an Cluny jährlich eine große Summe, ſein Beiſpiel fand Nach - ahmung beim Adel des Landes. Die franzöſiſche Frömmigkeit hielt ihren Einzug in Spanien und gewann in der Geiſtlichkeit Anhang und Ein - fluß. Drei Biſchöfe ſind zwiſchen 1025 und 1065 nach Cluny gezogen, um dort als Mönche ihr Leben zu beſchließen. Auch zu Rom wurden jetzt die Beziehungen aufgenommen. Es war ein Ereignis, daß ein Sohn König Sanchos bei Lebzeiten des Vaters als Pilger die Ewige Stadt aufſuchte und mit Schätzen von Heiligtümern heimkehrte. Von Unter - werfung unter den Papſt, von römiſchen Eingriffen in das ſpaniſche Kirchenweſen iſt freilich noch während eines ganzen Menſchenalters nichts zu ſpüren. Dazu wurde der Anfang erſt unter Alexander II. gemacht.
Jm Jahre 1065, als Alexander eben auf ſeinem Thron ſich zu be - feſtigen begonnen hatte, zog ein römiſcher Legat über die Pyrenäen, Hugo, genannt der Weiße, Kardinalprieſter vom heiligen Clemens, einer der merkwürdigſten Männer dieſer Zeit. Leo IX. hatte ihn aus dem Kloſter Remirémont in den Vogeſen nach Rom mitgenommen, und hier hatte er unter fünf Päpſten gewirkt. Bei der Spaltung des Jahres 1061 war er zu Honorius II. übergegangen und mit dieſem ausgeſchloſſen und verflucht worden, hatte aber bald den Rückweg nach Rom und in die Dienſte Alexanders II. gefunden. Wie es kam, daß er den Auftrag nach Spanien erhielt, wiſſen wir nicht. Wollte man ihn entfernen oder hatte er beſondere Erfolge in Ausſicht zu ſtellen gewußt? Beides iſt möglich. Auch von ſeiner Tätigkeit in Spanien ſind die Spuren ſchwach. Über zwei Jahre hat er ſich dort aufgehalten, in Navarra und Kaſtilien Synoden vorgeſeſſen, deren Ergebnis unbekannt iſt, dann in Katalonien den Gottesfrieden und die Grundſätze der Reform verkündigt — Verbot des Stellenkaufs, Pflicht der Eheloſigkeit — und zuletzt Aragon beſucht. Hier endlich ward ihm ein außerordentlicher Erfolg zuteil. Unter ſeinem Einfluß muß es geſchehen ſein, daß der König des Landes, Sancho, ein336SpanienEnkel Sanchos des Alten, ſich entſchloß, nach Rom zu gehen und ſich und ſein Land der Schutzherrſchaft des heiligen Petrus zu unterwerfen. Zu Oſtern 1068 war es, daß die Lehnshoheit des Papſtes in dieſer Weiſe auf der Jberiſchen Halbinſel Fuß faßte.
Eine andere Aufgabe hatte Hugo nicht gelöſt, zur Annahme des römiſchen Gottesdienſtes hatte er die ſpaniſchen Kirchen nicht bewegen können. Zwei Legaten, die ihm folgten, waren nicht glücklicher, vielmehr ſandten nun die Biſchöfe von Leon-Kaſtilien und Navarra drei aus ihrer Mitte nach Rom, denen es nach ſpaniſcher Überlieferung gelungen ſein ſoll, beim Papſt die ausdrückliche Billigung des alten Ritus zu erwirken. Aragon dagegen zog die Folgerung aus ſeiner Unterwerfung unter Rom. Bei einem zweiten Aufenthalt in dieſem Land im Frühjahr 1071 er - reichte Hugo der Weiße, daß hier die einheimiſche Liturgie abgeſchafft und die römiſche eingeführt wurde. Für ihn perſönlich bekam der Erfolg einen bitteren Nachgeſchmack: von den Mönchen von Cluny, deren Kreiſe er geſtört hatte, wurde er in Rom der Käuflichkeit angeklagt und im Frühjahr 1073 aus der Gemeinſchaft ausgeſchloſſen. Seinem Werk tat das keinen Abbruch, zwiſchen Rom und den ſpaniſchen Kirchen war die Beziehung hergeſtellt.
Es waren Anfänge, aber ſie verſprachen guten Fortgang. Nirgends war für die Predigt der Kirche der geiſtige Boden empfänglicher. Jm ſteten Krieg gegen Araber und Berbern, der ſeit der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mit wachſendem Erfolg geführt wurde, ſchlug im Volk jene erhitzte, leidenſchaftliche Religioſität Wurzeln, die ſeitdem für Jahrhunderte einen Charakterzug der ſpaniſchen Nation gebildet hat. Da ſah man bald Könige für ihre Sünden öffentlich Buße tun, einen von ihnen den Sohn einem Kloſter übergeben, einen andern abdanken und ſelber Mönch werden, einen dritten ſeine Reiche geiſt - lichen Orden vermachen. Reichlicher als irgendwo ſonſt in dieſer Zeit floſſen hier die Stiftungen und Schenkungen. Wie nahe mußte es ſolchem Empfinden liegen, den Kampf gegen die Ungläubigen unter das Zeichen des Heiligen und Apoſtels zu ſtellen, von dem man hörte, daß ihn der Heiland zum Hüter am Tor des Paradieſes beſtellt habe! Das bot neben der ſicheren Ausſicht für das Jenſeits nicht zu unterſchätzende unmittelbare Vorteile: der Segen des Papſtes ſtärkte nicht nur den Mut der Streiter, er vermehrte unter Umſtänden ihre Zahl, denn er konnte die Kräfte des Abendlands für den Krieg der „ Reconquiſta “in337Spanien. — MailandBewegung ſetzen. Schon hatten die Loſung des Glaubenskampfes und die Ausſicht auf Beute ihre verlockende Wirkung auf den abenteuernden Sinn franzöſiſcher Ritter zu üben begonnen. Mit Unterſtützung einer herbeigekommenen Schar, an der wiederum die Normannen in erſter Reihe beteiligt waren, glückte im Jahr 1064 die Einnahme der wichtigen Feſtungsſtadt Barbaſtro. Sie ging freilich dank der Zuchtloſigkeit der Eroberer bald wieder verloren, aber der Gedanke, ein Chriſtenheer zum Kampf gegen die Ungläubigen nach Spanien aufzubieten, war da - mit nicht abgetan, die Erfolge des Papſtes auf kirchlichem Gebiet gaben ihm neue Nahrung, und im Jahre 1072 nahm er feſte Geſtalt an. Ein ehrgeiziger Herr aus der Champagne, der Graf von Roucy, deſſen Schweſter die Gemahlin Sanchos von Aragon war, faßte den Plan oder ließ ſich für ihn gewinnen, mit bewaffneter Macht ſeinem Schwa - ger zu Hilfe zu eilen. Der Papſt zögerte nicht, jedem, der ſich am Zuge beteiligen würde und gebeichtet hätte, die Buße zu erlaſſen und Ver - gebung der Sünden zu erteilen. Mit dem Grafen kam außerdem, ver - mutlich im geheimen, ein Vertrag zuſtande, wonach er alles, was er vom Lande der Ungläubigen erobern würde, als Lehen des heiligen Petrus beſitzen ſollte. Da konnte alſo auf ſpaniſchem Boden ein päpſt - licher Lehnsſtaat entſtehen, ähnlich denen, die in Unteritalien bereits beſtanden. Weiteres hat Alexander II. nicht mehr erlebt, zur Erbſchaft, die er dem Nachfolger hinterließ, gehörte mit vielem andern das ſpaniſche Unternehmen.
Einen ſchwierigen Teil dieſer Erbſchaft bildete die Mailänder An - gelegenheit. Jhr kommt für die weitere Entwicklung der Dinge größte Bedeutung zu. Wir werden ſie daher zurückgreifend näher kennenzu - lernen haben.
Der Friede, den Erzbiſchof Wido ſich durch Unterwerfung unter Rom erkauft hatte*)Siehe oben S. 309 f., konnte nicht von langer Dauer ſein. Die Pataria war gedämpft, aber erloſchen war ſie nicht. Jn den Jahren, da zwiſchen Alexander II. und Honorius II. die Wage ſchwankte, ſcheint der Erz - biſchof die Oberhand gehabt zu haben; als die Entſcheidung über das Papſttum gefallen war, lebte die revolutionäre Bewegung wieder auf. Daß ſie von Rom aus geſchürt wurde, wie die mailändiſche Über - lieferung meldet, iſt kaum zu bezweifeln. Ein Wechſel in der FührungHaller, Das Papſttum II1 22338Mailandbrachte ihr neue Kraft. An die Stelle Landulfs, der einem Lungenleiden erlag, trat ſein Bruder Erlembald, in der Geſinnung ihm gleich, im übrigen überlegen. Seine glänzende ritterliche Perſönlichkeit gewann neue Anhänger, beſonders in den obern Schichten von Adel und Bürger - ſchaft. Jn die Verwaltung der Kirche griff er ein, verhinderte Maß - regeln, die er für ſimoniſtiſch erklärte, und berief ſich auf Weiſungen aus Rom. Deren ſind einige in der Tat vorhanden: Befehle an Klerus und Laien, ſimoniſtiſchen und verheirateten Geiſtlichen ihre Pfründen zu entziehen, ihren Gottesdienſt zu meiden. Daraufhin begann von neuem die Verfolgung der Geiſtlichen, die den Verſchworenen Anſtoß gaben, und als der Erzbiſchof dagegen einzuſchreiten verſuchte, wurde er ſelbſt das Ziel der Angriffe. Es ſcheint, daß man ihm vorwerfen konnte, ſich nicht an die Ordnung zu halten, die unter Petrus Damiani im Jahr 1060 aufgeſtellt war. Alexander II. beobachtete zunächſt Zurückhaltung. Es iſt ein Bruchſtück aus einem Erlaß von ihm an die Mailänder erhalten, worin ſie angewieſen werden, ihrem Erzbiſchof zu gehorchen, ſolange er dem heiligen Petrus gehorche. Als aber Erlembald perſönlich in Rom erſchien, um gegen Wido Anklage zu erheben, hatte er Erfolg. Er durfte mit einer Erklärung zurückkehren, daß der Mailänder Erz - biſchof als offenkundiger Simoniſt ausgeſchloſſen ſei.
Das brachte das glimmende Feuer zum Auflodern. Jm Vertrauen darauf, daß der Stolz der Bürgerſchaft dieſen Angriff auf die Würde der Kirche nicht ertragen werde — denn einen Vorgang, der die Unter - ſtellung Mailands unter römiſches Strafurteil erwieſen hätte, kannte man nicht — raffte ſich Erzbiſchof Wido zum Widerſtand auf. Am Pfingſttag (4. Juni) 1066 erhob er vor verſammelter Gemeinde im Dom laute Beſchwerde gegen den Papſt. Ariald und Erlembald wider - ſprachen ihm und waren in dem ausbrechenden Tumult die Stärkeren, der Erzbiſchof ſelbſt wurde halbtot geſchlagen. Tags darauf aber wandte ſich das Blatt, die Erzbiſchöflichen fielen über die Patarener her und brachten ihnen eine Niederlage bei. Als Wido das Jnterdikt verhängte, hielt Ariald ſelbſt es für geraten, die Stadt zu verlaſſen und ſich draußen verſteckt zu halten. Er wurde entdeckt, gefangen und grauſam umgebracht.
Die folgenden Ereigniſſe ſind ſchwer zu erkennen. Zunächſt gehorchte wieder die Stadt dem Erzbiſchof, auch Erlembald verhielt ſich ſtill. Dann aber zeigte ſich, daß die Pataria durch das Geſchehene gewonnen hatte. Sie hatte jetzt einen Märtyrer, an deſſen Leiche Wunder ge -339Mailandſchahen, und von Rom aus kam man ihr zu Hilfe. Eine römiſche Synode verhängte über den Erzbiſchof „ wegen hochmütiger Auflehnung gegen den apoſtoliſchen Stuhl “das Verbot der Amtsausübung. Die Maß - regel blieb nicht ohne Wirkung, Wido räumte die Stadt, in die Er - lembald als Sieger einzog. Er hatte ſeine Anhänger geſammelt und Rache für die Ermordung Arialds ſchwören laſſen, die er dem Erzbiſchof ſchuld gab.
Die begleitenden Umſtände, unter denen dieſe Vorgänge ſich ab - ſpielten, Plünderungen, Brand und Blutvergießen, gaben dem Papſt Gelegenheit, zum zweitenmal ſchlichtend einzuſchreiten. Anders als vor ſieben Jahren fand er keinen Widerſpruch. Am 1. Auguſt 1067 konnten ſeine Legaten den Frieden diktieren. Wie er zuſtande gekommen iſt, wiſſen wir nicht, aber er trägt das Gepräge von Zugeſtändniſſen nach beiden Seiten. Der Erzbiſchof durfte ſein Amt wieder übernehmen, und das Volk wurde angewieſen, ſich ihm zu unterwerfen. Wegen der ſtattgehabten Untaten erfolgte keine Strafe, nur ſollten ſie ſich nicht wiederholen. Den Geiſtlichen wurden Kauf von Kirchenämtern und Zu - ſammenleben mit Frauen aufs neue gemäß früheren Verfügungen, zu - gleich aber den Laien eigenmächtiges Vorgehen gegen Verdächtige und Schuldige verboten; erſt wenn die geiſtlichen Oberen verſagten, ſollten ſie eingreifen dürfen. Nach den vorausgegangenen ſchroffen Maßregeln war das von päpſtlicher Seite ein Rückzug, entſchieden aber war damit noch nichts. Die Verſchwörung der Pataria blieb beſtehen, die Beob - achtung des Friedens hing vom guten Willen der Parteien ab, und an ihren Geſinnungen hatte ſich nichts geändert.
Etwas mehr als drei Jahre währte die Ruhe. Jnzwiſchen ſammelte Erlembald, jetzt der einzige Führer, weitere Anhänger unter Laien und Geiſtlichen und feſtigte ſeine Partei. Dann begann er aufs neue zu wühlen, nunmehr mit dem Ziel, den Erzbiſchof zu verdrängen und einen anderen zu erheben, gemäß den Grundſätzen der neuen Zeit. Darüber verſtändigte er ſich bei einem Beſuche Roms mit dem Papſt, dann er - öffnete er den Angriff auf Wido. Dieſer, alt und gebrechlich und der Kämpfe müde, willigte in die Abdankung, wahrte aber das Recht der Krone und ſandte Ring und Stab an den König. Heinrich IV. hatte bis dahin in die Mailänder Wirren nicht in erkennbarer Weiſe einge - griffen, jetzt erteilte er dem Boten des Erzbiſchofs, einem vornehmen Geiſtlichen namens Gotfried, der auch am deutſchen Hofe wohlbekannt340Mailandwar, die Jnveſtitur. Es war ein Mißgriff, den der König ſelbſt bald bereute, denn Gotfried fand in Stadt und Land mehr Ablehnung als Anerkennung, und Erlembald eröffnete gegen ihn den Krieg. Mit ſeinen bewaffneten Anhängern belagerte er Gotfried auf ſeinen Burgen und lieferte ihm Gefechte, wußte ſich auch der Perſon Widos zu be - mächtigen, der ſeine Abdankung zurücknahm, ſo daß die Verwirrung kaum größer ſein konnte. Widos Tod im Auguſt 1071 brachte keinen Frieden, denn nicht ſeiner Perſon hatte der Kampf gegolten, ſondern dem Recht des Königs. Der Jnveſtierte wurde verworfen, einen frei gewählten Erzbiſchof forderte man. Dabei hatte man die volle Unter - ſtützung des Papſtes, der Gotfried ſogleich ſamt ganzem Anhang aus - ſchloß.
Doch ſchon beſchränkte ſich der Kampf nicht mehr auf Mailand. Von Anfang an waren die römiſchen Reformgeſetze, beſonders das Ehe - verbot, in der Lombardei auf ſtärkſten Widerſtand geſtoßen, die Mehr - zahl der Biſchöfe hatte gar nicht gewagt, ſie zu verkündigen, und wo es etwa geſchah, wie in Breſcia, da wurde der Biſchof von ſeinen Geiſt - lichen durchgeprügelt. Dann aber hatte die Mailänder Bewegung doch auch auf andere Städte übergegriffen. Jn Cremona verjagte das Volk die für ſimoniſtiſch gehaltenen und die verheirateten Geiſtlichen, in Piacenza wurde das Beiſpiel nachgeahmt und der Biſchof vertrieben. Jhre Loſungen erhielten die Aufſtändiſchen aus Rom. Das Schreiben, womit Alexander II. die Cremoneſen zu ihrer Tat beglückwünſchte, iſt ein Schlachtruf, wie er aufreizender nicht klingen könnte. Zum Kampf gegen die Glieder des Antichriſt ſtellt der Papſt „ den Arm und Schild der römiſchen Kirche “zur Verfügung, und wie er ſich dieſen Kampf denkt, zeigen die anſchließenden Worte: „ So rufe denn jeder von euch, gegürtet mit dem Dolch göttlicher Kraft: ‚ Her zu mir, wer dem Herrn angehört‘ (2. Moſe 32, 26), und ſtürze ſich kampfglühend auf die Tempelſchänder, um die Tore ſimoniſtiſcher Käuflichkeit und geiſtlichen Ehebruchs, durch die der Teufel in eure Kirche eingedrungen war, mit den Leichen der Erſchlagenen zu ſperren! “ Um jeden Zweifel zu beſei - tigen, wer in dieſem blutigen Bürgerkrieg der oberſte Kriegsherr ſei, führte Erlembald das geweihte Banner des heiligen Petrus, das ihm, wie ſchon den Normannen in Sizilien und England, der Papſt ver - liehen hatte.
Durch Widos Tod war für Erlembalds Abſichten die Bahn frei341Kriegeriſcher Charakter des Papſttumsgeworden. Jm Januar 1072 wurde auf ſein Betreiben in Gegenwart eines Kardinallegaten ein junger Geiſtlicher namens Atto zum Erz - biſchof gewählt. Wie bei Parteiwahlen meiſt, war das Verfahren willkürlich, es fand alsbald eine gewaltſame Antwort. Der Erwählte wurde beim Feſtmahl überfallen, an Händen und Füßen in den Dom geſchleift und zu eidlichem Verzicht gezwungen. Auch dem Kardinal - legaten ging es ſchlecht, mit zerfetzten Kleidern konnte er ſich eben noch retten. Aber die Herrſchaft in der Stadt behauptete Erlembald dennoch. Auf ſeinen Anruf erklärte der Papſt den Verzichtseid für nichtig und Attos Wahl für rechtmäßig, unterſtützte dieſen auch mit Geldmitteln, während die Gegner zögerten. Erſt nach Jahresfriſt, indes die Pataria ſich ſchon nach andern Orten ausbreitete, wurde auf Befehl des Königs die Weihe Gotfrieds vollzogen, außerhalb Mailands, in Novara. Der Kampf zwiſchen altem und neuem Recht des geiſtlichen Standes war zum Kampf um das Recht der Krone geworden; im Streit um das Mailänder Erzbistum ſollten Papſt und König als Gegner ihre Kräfte meſſen.
Wie ſehr ſticht doch das Papſttum Alexanders II. in ſeinen letzten Zeiten von allem Früheren ab! Eine kriegführende Macht iſt es ge - worden; in Nord und Süd und Weſt, in Sizilien, Spanien, der Lom - bardei fechten die Anhänger unter ſeinem Feldzeichen, Eroberungen ſind das Ziel, und keineswegs nur ſolche auf geiſtigem Boden. Mit was für Plänen man in Rom ſich ſchon getragen haben mag? Es ſcheint, man hat mindeſtens auf kriegeriſche Verwicklungen vorbereitet ſein wollen, in denen es gelten würde, mit eigener Macht aufzutreten. Wir ſehen den Papſt im voraus Truppen anwerben, die ihm nach Bedarf zur Ver - fügung ſtehen ſollen, wir hören von franzöſiſchen Herren, die vor Alex - ander II. am Grabe des Apoſtels in feierlichſter Weiſe, „ mit zum Him - mel erhobenen Händen “gelobt haben, für die Sache Sankt Peters zu kämpfen, wo immer es nötig ſein würde. Von den Grafen von Burgund, von Savoyen und von St. Gilles wird es gemeldet; ob ihrer nicht mehr waren, die dieſe Verpflichtung übernahmen, wiſſen wir nicht, und die Abſichten können wir nicht nennen. Aber das ſehen wir, daß das Papſt - tum eine Zeitwende durchſchreitet und das ganze Abendland mit ſich fort - zureißen beginnt, und wir kennen den Mann, der es auf dieſen Weg ge - führt und die Zügel der Leitung in die Hand genommen hat.
342Hildebrands EinflußEs iſt nicht Alexander II., nicht der Papſt, ſondern ſein Archidiakonus Hildebrand. Daß er der wirkliche Lenker der römiſchen Kirche war, haben die Zeitgenoſſen gewußt und mit Wort und Tat bezeugt. An ihn wandte man ſich mit beſonderen Wünſchen, ihm ſchmeichelte man, in ihm beſang man den Mann, der mit einem Wort mehr ausrichte als Marius und Cäſar mit Strömen von Blut und an wohlverdientem Ruhm alle Römer des Altertums übertreffe. Jhn nannte man gelegent - lich ſogar in der Datierung: „ unter Papſt Alexander in ſeinem neunten Jahr und unter Hildebrand dem Archidiakon “heißt es in einer Urkunde aus der Provence. Am unverblümteſten ſpricht ſich Petrus Damiani aus, in einigen bitter ironiſchen Verſen redet er ihn an:
Ehr 'ich geziemend den Papſt, ſo lieg' ich vor Dir in Anbetung. Du erhebſt jenen zum Herrn, er ſieht in Dir ſeinen Gott.
Ein andermal:
Willſt Du leben in Rom, ſo bekenne mit ſchallender Stimme: Mehr noch als den Herrn Papſt ehr 'ich den Herrn überm Papſt.
Hildebrandt ſelbſt ſcheute ſich nicht, dieſes Verhältnis zur Schau zu tragen. Es kam vor, daß er ein Geſuch im eigenen Namen abſchlug und von „ unſern Legaten “ſprach. Kein Zweifel, daß er den Papſt beherrſcht hat, ſoweit ein Diener ſeinen Herrn beherrſchen kann. Man munkelte, Alexander ertrage ihn ungern, aber davon merkte die Welt nichts. Nicht immer mag geſchehen ſein, was Hildebrand wollte — Unterlaſ - ſungen Alexanders zu rügen hat er ſich ſpäter nicht geſcheut — aber nichts geſchah gegen ſeinen Willen, und der päpſtlichen Politik gab er die Richtung.
Am 21. April 1073 ſtarb Alexander II. nach längerer Krankheit. Tags darauf trat ein, was ſchwerlich jemanden überraſcht haben wird: Hildebrand war Papſt — Gregor VII.
Nicht in regelmäßigen Formen nach alten und neueſten Vorſchriften iſt Gregor VII. gewählt worden, eine ſtürmiſche Aufwallung der Volks - maſſen hob ihn von der Leiche ſeines Vorgängers hinweg auf den Thron. Sprecher der Menge und Führer war der Kardinalprieſter Hugo der Weiße, vor kurzem noch aus der Gemeinſchaft ausgeſchloſſen; die übri - gen Kardinäle hatten nur den Volkswillen zu vollziehen, indem ſie als ihren Entſchluß zu Protokoll nehmen ließen, was geſchehen war. Dabei wurde nicht einmal verſchwiegen, daß die Biſchöfe, im Widerſpruch zur Wahlordnung von 1059, nur als Zeugen an der Handlung teilgenommen hatten. Vom Recht des deutſchen Königs war weder damals noch ſpäter die Rede; was die jüngſte Wahlordnung darüber enthielt, wurde nicht beachtet. Vom Recht des deutſchen Königs war weder damals noch ſpäter die Rede; was die jüngſte Wahlordnung darüber enthielt, wurde nicht beachtet. Widerſpruch war nicht lautgeworden, zu Meinungsäuße - rungen keine Gelegenheit geweſen, höhere Eingebung ſollte dieſe wunder - bare Einigkeit bewirkt haben. Die Einigkeit war ſo groß, daß die Menge im voraus ſogar den Namen kannte, den der neue Papſt zu tragen wünſchte: mit dem Rufe „ Papſt Gregor hat der heilige Petrus erwählt “begrüßte ſie ihn. Wir dürfen darin den Beweis ſehen, daß das Stück gut vorbereitet war und gut aufgeführt wurde. Als Spielleiter hatte Hugo der Weiße ſich bewährt. Daß er gegen den Willen Hildebrands gehandelt habe, wird niemand glauben. Hat er ſich damit am Ende die Begnadigung verdient? Was die Feinde ſonſt zu erzählen gewußt haben von großen Summen Geldes, die Hildebrand unter das Volk habe ver - teilen laſſen, mag auf ſich beruhen.
Gregor hat ſeine Biſchofsweihe um zwei Monate aufgeſchoben. Der Nachfolger und Stellvertreter des Apoſtelfürſten wollte nicht vor deſſen Feſttag geweiht werden, erſt am darauffolgenden Sonntag, dem 30. Juni, wurde die Handlung vollzogen. Es war ein Schritt von ſinnbildlicher Bedeutung, bezeichnend für den Mann und die Auffaſſung, die er von ſeinem Amt hegte; die Übernahme der Regierung erlitt darum keinen Verzug.
344Gregor VII.Gregor hatte ſchon als Archidiakon die Geſchäfte geleitet. Aber es iſt doch etwas anderes, ob man in fremdem oder in eigenem Namen regiert. Jetzt erſt trug jeder Entſchluß, jedes Wort und jedes Schreiben den vollen Stempel ſeiner Perſönlichkeit.
Unvergleichlich viel mehr als von irgendeinem Menſchen ſeiner Epoche wiſſen wir von ihm. Er hat die Zeitgenoſſen ſo ſehr beſchäftigt, daß ſie nicht müde werden, von ihm zu reden, im Böſen wie im Guten, aber noch mehr und deutlicher redet er ſelbſt zu uns. Ein günſtiges Ge - ſchick hat den größten Teil ſeiner Briefe auf die Nachwelt kommen laſſen; aus ihnen vor allem tritt er uns entgegen, wie er war. Er hat es immer verſchmäht, ſeine Gedanken zu verbergen, in Taten und Worten trägt er die Aufrichtigkeit zur Schau, die das Kennzeichen des großen Menſchen iſt. Seine Briefe ſind der getreue Spiegel ſeines Weſens.
Was einem da auf jeder Seite auffällt, iſt ein unbeugſamer Wille und eine ſtürmiſche Leidenſchaft. Hinderniſſe ſieht er nicht, Widerſtände will er nicht kennen, ſie reizen ihn nur zu verdoppelter Kraftentfaltung. So iſt auch ſeine Sprache: kurz angebunden, häufig ſchroff und barſch, ohne Anmut, mit offenkundiger Vernachläſſigung der Form. Man ahnt, mit welcher fortreißenden Gewalt er geredet, gepredigt haben muß. Gewiß wohnten auch in ſeiner Bruſt zwei Seelen. Verehrer rühmten ſeine Liebenswürdigkeit im Umgang, und wie leicht zugänglich er ſich zeige. Die Herrſchergabe, Menſchen zu gewinnen und an ſich zu feſſeln, hat auch er, der unanſehnlich kleine und unſchöne Mann, in hohem Maß beſeſſen und treue Anhänglichkeit, hingebende Verehrung gefun - den bei Männern und noch mehr bei Frauen. Beim Meßopfer, das er täglich darbrachte, zerfloß er in Tränen, und für die Laſt ſeines Amtes, das Bewußtſein der eigenen Schwäche, das Gefühl der Einſamkeit hat er ergreifenden Ausdruck gefunden. Aber auf ſein Handeln hatte das keinen Einfluß, und wo er Freunden gegenüber weiche Töne anzuſchlagen ſich bemüht, klingt ſeine Sprache kalt und gemacht. Die eigentliche Ton - art ſeiner Natur, die er die Welt beſtändig hören ließ, war eiſerne Härte. Was die Zeitgenoſſen ihm am meiſten vorwarfen, war ſeine Maßloſigkeit. Seine Unerbittlichkeit gegen Schuldige ging ſogar den nächſten Anhängern zu weit, und gegen Feinde konnte er grauſam wer - den. Die Geſchichten von Hinrichtungen, Verſtümmelungen und Fol - tern, die er ohne Not befohlen habe, brauchen nicht alle wahr zu ſein, es345Perſönlichkeitbleibt genug, was ſich nicht anzweifeln läßt. Ein Abt, der aufſäſſigen Mönchen Augen und Zunge hatte ausreißen laſſen, war von ſeinem Obern geſtraft worden. Hildebrand allein widerſprach; er fand das Ver - fahren des Abtes ganz in der Ordnung und hat den Wüterich ſpäter zum Biſchof befördert. Aber auch gegen Freunde konnte er ſchroff und aus - fallend werden, keinen Augenblick waren ſie vor rauhem Tadel und kränkenden Vorwürfen ſicher. Kein Wunder, daß ſich mancher abge - ſtoßen fühlte, der ſein Freund hätte ſein ſollen. Petrus Damiani hat unter ſeiner Gewaltſamkeit und ſchnöden Kälte gelitten, ihn ſeinen „ heiligen Satan “genannt und ſeinen Gefühlen in ſpitzen Verſen Luft gemacht:
Wer des Tigers Wut bezähmt und den blutigen Rachen des Löwen, Mag zum Lamme den machen, der bisher Wolf mir geweſen.
Er hat ihm ſchließlich ſein Bistum Oſtia vor die Füße geworfen und ſich in ſeine Heimat zurückgezogen.
So war der Mann beſchaffen, der nun den Apoſtel Chriſti auf Erden vertreten ſollte, eine Kampfnatur durch und durch. Von evangeliſcher Milde iſt nicht viel an ihm. Wenn er gehaßt worden iſt, wie wenige Menſchen vor und nach ihm, ſo hat er geerntet, was er ſäte.
Manche Wandlungen hatte er durchgemacht, als er, um 1025 ge - boren, mit etwa fünfzig Jahren Papſt wurde. Jm Kloſter auf dem Aventin hatte er ſich unter Lorenz von Amalfi zum Theologen ausge - bildet, ſo daß Leo IX. dem jungen Subdiakonus ſeine Vertretung auf einem Konzil in Tours übertragen konnte, wo es galt, in einer der ſchwierigſten theologiſchen Fragen, in der Abendmahlslehre, eine Ent - ſcheidung zu fällen. Seitdem, und vollends als er mit der Erhebung zum Archidiakonus in die Leitung der Geſchäfte berufen war, trat die Theo - logie für ihn zurück und das Kirchenrecht in den Vordergrund. Mit ihm muß er ſich eingehend beſchäftigt haben. Dabei erkannte er, daß die gebräuchlichen Geſetzbücher den Bedürfniſſen der Zeit nicht genügten, weil in ihnen die Rechte des Papſtes nicht zur Geltung kamen. Die früher erwähnte Sammlung aus der Zeit Leos IX. iſt vielleicht auf ſeine Anregung entſtanden. Daß die Bekanntſchaft mit Pſeudoiſidor ihn darauf gebracht hat, liegt auf der Hand. Er wird ſie Hundert von Moyenmoutiers verdankt haben. Seitdem hat er ſich mit der Pſeu - doiſidoriſchen Auffaſſung des Primates ganz durchdrungen, auf die346Perſönlichkeitfalſchen Dekretalen beruft er ſich, wenn er auf dieſe Dinge zu ſprechen kommt, ja, man darf wohl ſagen, daß ſeine Vorſtellungen von dem, was der Papſt in der Kirche bedeute, zum weſentlichen Teil aus Pſeudoiſidor ſtammen und ohne ihn nicht möglich wären. An ſie glaubt er felſenfeſt, ſie in die Wirklichkeit zu überſetzen, ſie überall zur Anerkennung zu bringen, iſt ſein Streben.
Die Mittel dazu nimmt er, wo er ſie findet, ſeine Werkzeuge wählt er, wie jeder, dem der Zweck über alles geht, ohne Vorurteil. Gleich - gültig gegen die Eigenſchaften derer, die ihm dienten, braucht er darum nicht geweſen zu ſein, aber daß man ihm diene, genügte ihm, Gehorſam tilgte die Schuld. Jmmerhin, die Zeitgenoſſen haben Anſtoß daran ge - nommen, daß er für ſolche Leute ein beſonderes Maß hatte. Noch mehr Anſtoß nahmen ſie an der Unbedenklichkeit, mit der er ſich des Geldes bediente. Es hat bei ihm von Anfang an und bis zuletzt eine faſt ent - ſcheidende Rolle geſpielt. Perſönlich war er durch die Erbſchaft Gre - gors VI. reich, bei den Erben Baruch-Benedikts fand er ſtets freigebige Hilfe, und da er hauszuhalten verſtand, wohl auch von dem befreundeten Bankhaus gut beraten war, ſo fehlten ſeiner Verwaltung die Mittel niemals in einer Zeit, wo der Schatz der Kirche ſo leer und ihre Ein - künfte ſo geſchmälert waren, daß von Clemens II. bis Alexander II. alle Päpſte ihre früheren Bistümer mindeſtens für den Anfang bei - behielten, Stefan IX. ſich genötigt ſah, den Schatz von Montecaſſino einzuziehen, und Nikolaus II. ſowohl wie Alexander ihren Hofhalt in der Hauptſache aus den Erträgniſſen von Florenz und Lucca be - ſtritten.
Was aber die Zeitgenoſſen am meiſten befremdete, war die Unbe - denklichkeit, mit der er ſich für kirchliche Zwecke weltlicher Waffen bediente. Der Grundſatz, daß die Kirche kein Blut vergieße, ſchien für ihn nicht zu beſtehen, ungeſcheut hat er Truppen geworben und Schlach - ten ſchlagen laſſen, um der Sache, die ihm die gerechte war, zum Siege zu verhelfen. Darin iſt er ſeiner ganz perſönlichen Neigung gefolgt. Von früher Jugend an hegte er für die Kriegskunſt lebhafte Teilnahme, ſpäter ſah man ihn hoch zu Roß wie einen Feldherrn in glänzendem Schmuck inmitten ſeiner Truppen. Daß die Sache der Kirche nicht weniger als die Händel der Welt mit der Schärfe des Schwertes ent - ſchieden werden und mit ihr verfochten werden ſollen, ſtand für ihn feſt, mochten auch unter den Zeitgenoſſen viele ſich daran ärgern.
347Kriegspläne in Spanien und im OrientKriegeriſche Unternehmungen hatten ſchon Alexander II. beſchäftigt, mit kriegeriſchen Unternehmungen hat Gregor VII. ſeine Regierung eröffnet. Vorbereitet war der Feldzug gegen die Mauren in Spanien, den der Graf von Roucy führen ſollte. Gregor genügte das nicht, Kar - dinal Hugo der Weiße wurde nach Frankreich geſandt, um weitere Teilnehmer zu werben. Auch ſie ſollten, was ſie erobern würden, vom heiligen Petrus zu Lehen nehmen, denn — ſo erklärte ihnen Gregor — ſeit alters ſei Spanien Eigentum der römiſchen Kirche. Ohne Zweifel hat er dabei an die Konſtantiniſche Schenkung gedacht, in der ja außer Jtalien die weſtlichen Lande genannt ſind. Mit großem Heer, wie es für einen König zieme, ſoll der Graf von Roucy ausgerückt ſein, was er getan oder erlitten, meldet keine Chronik, keine Urkunde. Darf man ſchon daraus auf einen gründlichen Mißerfolg ſchließen, ſo zeugt dafür auch das Schickſal des beteiligten Kardinallegaten. Hugo der Weiße, der Papſtmacher, erſcheint bald als Gegner, ja als erbitterter Feind Gregors. Wie er es geworden, iſt völlig dunkel und für Vermutungen das Feld weit, ſicher nur, daß ſeine Sendung diesmal keinen Erfolg hatte. Die ſpaniſchen Dinge kamen in andere, glücklichere Hände.
Jnzwiſchen hatte Gregor einen andern Kriegsplan von ungleich größerer Ausdehnung und Tragweite gefaßt. Konſtantinopel, der Orient waren das nächſte Ziel, in der Ferne winkte die Befreiung Jeruſalems.
Als Gregor VII. zur Regierung kam, ſchwebte das griechiſche Reich in Lebensgefahr wie ſeit Jahrhunderten nicht mehr. Jm gleichen Jahr 1071, wo mit Bari der letzte Platz auf dem Feſtland Unteritaliens an die Normannen verlorenging, erlitt Kaiſer Romanos bei Manzikert in Armenien eine Niederlage durch die Türken, die ſein Heer vernichtete und ihn ſelbſt die Freiheit koſtete. Mit Recht hat man dieſe Schlacht die Todesſtunde des byzantiniſchen Großreichs genannt: ſeine militäriſche Kraft war gebrochen, zur Abwehr der in Kleinaſien vorrückenden türki - ſchen Eroberung war es nicht mehr imſtande, nur mit Mühe erwehrte es ſich der Petſchenegen, die über die Donau und den Balkan bis nahe vor die Hauptſtadt eindrangen. Kaiſer Michael VII., der den unglück - lichen Romanos ablöſte, dachte an Hilfe aus dem Weſten und bemühte ſich deshalb zunächſt um Wiederanknüpfung der kirchlichen Beziehungen, die ſeit 1054 unterbrochen waren. Gregor ging ſogleich darauf ein, die Eintracht der Kirchen ſei auch ſein Wunſch. Wie er ſich dieſe Eintracht vorſtellte, verriet er, indem er die Kirche von Konſtantinopel die Tochter348Bruch mit Robert Guiscardder römiſchen nannte. Mit Führung der Verhandlungen betraute er den Patriarchen von Venedig. Nirgends hatte man ja ein größeres Jnter - eſſe an dieſer Sache als in der Stadt, die vor andern den Verkehr zwi - ſchen Oſt und Weſt vermittelte. Der Patriarch muß zurückkehrend eine Bitte um Kriegshilfe überbracht haben, denn bald ſehen wir Gregor die Grafen von Burgund, Savoyen, Toulouſe, und wer ſonſt dem Apoſtel geſchworen, mit Berufung auf ihren Eid aufbieten, ſich mit ihrer Ritterſchaft bereitzumachen, um im Dienſt Sankt Peters den Chriſten in Konſtantinopel die dringend begehrte Hilfe gegen die Sarazenen zu bringen. Dann erließ er einen Aufruf in beweglichen Worten, „ an alle, die den Chriſtenglauben verteidigen wollen “, auszuziehen zur Rettung des chriſtlichen Kaiſerreichs und zur Befreiung der Brüder.
Die Glaubensſtreiter, auf deren Zuſammenſtrömen Gregor rechnete, ſollten unterwegs eine näher liegende Aufgabe löſen. An der Südgrenze des Kirchenſtaats war der Horizont ſeit kurzem verdunkelt.
Werfen wir einen Blick auf die Lage der Dinge in Unteritalien, die Gregor bei ſeiner Thronbeſteigung vorfand! Schon gehorchte faſt das ganze Land den Normannen. Neapel und Amalfi und der Fürſt von Salerno hielten ſich noch unabhängig, doch war es nur eine Frage der Zeit, daß auch ſie ſich den Eroberern würden unterwerfen müſſen. Ebenſo bedroht war die Stadt Benevent, deren Fürſten ſeit Leo IX. die päpſt - liche Oberhoheit auf ſich genommen hatten, um gegen die normänniſche Gefahr Deckung zu haben. Auf Benevent, Amalfi und Salerno hatte Herzog Robert von Apulien längſt ein Auge geworfen, Neapel lag mehr im Bereich der Wünſche des Fürſten Richard von Capua. Daß dieſe Pläne nicht zur Ausführung kämen und die ſüdliche Nachbarſchaft unter verſchiedenen Machthabern geteilt bliebe, war das Jntereſſe des Papſtes, desgleichen daß die Reibungen zwiſchen Robert und Richard nicht aufhörten.
Mit ſolchen Abſichten begab ſich Gregor im Auguſt 1073 nach Bene - vent, wohin er Robert zum Empfang der Belehnung geladen hatte. Robert kam auch, doch über die Bedingungen des Lehnsvertrags wurde man nicht einig. Ohne den Papſt geſprochen zu haben, entfernte ſich der Herzog, und in hellem Zorn reiſte Gregor nach Capua ab, um Richard die Belehnung zu erteilen. Jm Bündnis mit dieſem und dem Fürſten Giſulf von Salerno glaubte er Robert die Spitze bieten zu können. Er täuſchte ſich, Robert erwies ſich auch bei dieſer Gelegenheit als der349Bruch mit Robert GuiscardStärkere und Geſchicktere, unterwarf Amalfi, fiel ins Fürſtentum Capua ein und überſchritt die Grenze des Kirchenſtaats, während ſeine Vaſſallen Teile des Herzogtums Spoleto beſetzten, die ſeit Viktor II. von den Päpſten in Anſpruch genommen wurden. Dagegen gedachte Gregor das Heer zu gebrauchen, das er zum Zuge nach Konſtantinopel aufbot.
Er zählte dabei in erſter Linie auf die Truppen von Toskana. Gotfried der Bärtige war ſchon 1070 geſtorben. Jn ſeinen letzten Jahren hatte es Reibungen geſetzt, deren Urſachen nicht alle erkennbar ſind, die aber ſo weit führten, daß man in Rom die Ehe des Herzogs wegen zu naher Verwandtſchaft anfocht — Gotfrieds und Beatrix 'Urgroßväter waren Brüder geweſen — und die Trennung erzwang. Gotfried mußte Toskana räumen und ſeiner bisherigen Gemahlin die Regierung des Landes über - laſſen. Erbin des ausgedehnten Hausguts, das ſich von Mantua über den Apennin bis nach Lucca und Siena erſtreckte, war Mathilde, Beatrix' Tochter aus ihrer erſten Ehe mit Bonifatius von Canoſſa, dem Markgrafen von Toskana. Mit ihr hatte Gotfried ſeinen gleichnamigen Sohn vermählt. Von dieſem, von Beatrix und Mathilde erwartete Gre - gor nun die wirkſamſte Unterſtützung ſeiner Pläne. Auf der Synode, die er in der erſten Faſtenwoche 1074 (Anfang Februar) in Rom verſam - melte, erließ er die Kriegserklärung gegen Robert in Form der Exkom - munikation, im Juni begannen ſeine Truppen ſich nördlich von Rom zu ſammeln.
Da jedoch erlebte er die erſte bittere Enttäuſchung. Jn ſeinem Aufruf an die Vaſſallen Sankt Peters hatte er geprahlt, er bedürfe ihrer nicht gegen die Normannen, mit denen er allein fertig zu werden ſich getraue. Er wurde raſch eines Beſſern belehrt. Zunächſt ließ Gotfried von Loth - ringen ihn im Stich; er blieb aus. Dann verſagte Giſulf von Salerno: er erſchien wohl ſelbſt, aber ohne das verſprochene Geld. Dagegen wirkte die Anweſenheit dieſes Fürſten aufreizend auf die Piſaner im toskaniſchen Heer, die an ihm frühere Übeltaten zu rächen hatten; ſie drohten, ihn umzubringen, er mußte abziehen. Als nun gar unter den Vaſſallen in Toskana ein Aufſtand ausbrach, der Beatrix und Mathilde abrief, löſte das ganze Heer ſich auf.
Der Feldzug gegen Robert von Apulien mußte zunächſt aufgegeben werden, um ſo mehr hielt Gregor an ſeinem urſprünglichen Plane feſt, ja, er gab ihm noch größere Ausdehnung: perſönlich wollte er den Zug führen, für den er auf ein Heer von 50000 Mann aus Jtalien und350Kirchenreformandern Ländern rechnete, und das Ziel ſollte Jeruſalem ſein. So ſchrieb er noch im Dezember 1074 dem König, den er um Rat und womöglich Hilfe anging, und erließ alsbald einen erneuten Aufruf „ an alle Getreuen Sankt Peters, vor allem die jenſeits der Alpen “. Von der Gräfin Ma - thilde erwartete er, daß ſie ihn begleite. Er bewegte ſich in Täuſchungen: das Heer, von dem er ſprach, beſtand nur in ſeiner tatendurſtigen Vor - ſtellung, und Heinrich IV. war weit davon entfernt, ihm zu helfen, ſelbſt wenn er es gekonnt hätte. Kein Jahr hat es gedauert, ſo war zwiſchen ihm und Gregor der große Kampf ausgebrochen, der für beide Teile zum Schickſal werden ſollte.
Jnzwiſchen war Gregor in dem, was ſeine Hauptaufgabe war, in der Reform der Kirche nicht müßig geweſen. Seine erſte Synode, die er für den Faſtenbeginn des Jahres 1074 anſagte, ſollte das unter den Vor - gängern begonnene Werk fortſetzen. Jhre Bedeutung unterſtrich er durch Aufgebot der lombardiſchen Biſchöfe und Einladung an den Patriarchen von Aquileja und deſſen Suffragane. Die Kirche, ſchrieb er dieſem, iſt in den ſtürmiſchen Fluten ihrer verzweifelten Lage beinahe ſchiffbrüchig untergegangen. „ Denn die Richter und Fürſten dieſer Welt ſuchen nur das Jhre, treten alle Ehrfurcht mit Füßen und unter - drücken und knechten die Braut Chriſti wie eine gemeine Magd. Die Prieſter aber, und die das Regiment der Kirche empfangen haben, miß - achten Gottes Geſetz, entziehen Gott und ihren anvertrauten Schafen den ſchuldigen Dienſt, erſtreben mit kirchlichen Würden nur weltliche Herrlichkeit und verzehren in hochmütigem Pomp und überflüſſigem Aufwand, was in geiſtlicher Verwaltung dem Nutzen und Heil vieler dienen ſollte. “ Trotz dieſem feierlichen Aufruf war die Synode nicht ſtark beſucht; wir hören von fünfzig anweſenden Biſchöfen, und die Beſchlüſſe brachten nichts Neues. Daß die Verbote des Stellenkaufs und der Prieſterehe in der bereits bekannten Form wiederholt wurden, verſtand ſich von ſelbſt; worauf es ankam, war ihre Durchführung.
Jn dieſer Beziehung war das Augenmerk des Papſtes vor allem auf Frankreich gerichtet. Hier hatte die lange Arbeit der großen Klöſter den Boden in geiſtlichen und Laienkreiſen aufgelockert, hier war die Staats - gewalt zerſplittert, der König nur über einen kleinen Teil des Landes Herr, die Fürſten ſelbſtändig und uneins, hier, in der Heimat der Re - formgedanken, kamen Verhältniſſe und Geſinnungen am weiteſten ent -351Frankreichgegen. Zumal in den ſüdlichen Provinzen und im angrenzenden burgundi - ſchen Königreich. Dort wirkten ſchon ſeit Alexanders II. letzter Zeit als Legaten der Biſchof Gerald von Oſtia und ein Kardinal. Man findet ihre Spur im Burgundiſchen und in der Gascogne, wo ſie Biſchöfe ab - ſetzen und ausſchließen, ohne auf Widerſtand zu ſtoßen. Wird ihr Urteil angefochten, ſo erfolgt Berufung an den Papſt. Anders im Norden, wo die Kirchen dem König gehörten. Philipp I. erwies ſich den Forde - rungen des Papſtes wenig zugänglich, verſprach mitunter wohl, ſich zu fügen, hielt aber nicht Wort, ſo daß Gregor in ihm den ſchlimmſten Bedrücker der Kirche ſah. Jn Mâcon verweigerte er die Einſetzung eines Gewählten, den zu weihen der Erzbiſchof von Lyon darum trotz päpſtlichen Befehls nicht wagte, ſo daß Gregor ſchließlich die Weihe ſelbſt vollzog, aber ohne damit ſeinem Mann zum Beſitz verhelfen zu können. Den Biſchof von Beauvais hatte der König durch die Gemeinde vertreiben laſſen, den von Orleans hielt er gegen die Strafen, die ſchon Alexander verhängt hatte. Weder Mahnungen noch Drohungen wirk - ten, ſo daß Gregor entſchloſſen war, zum Äußerſten zu ſchreiten.
Der Anlaß iſt bezeichnend dafür, wie er ſein Verhältnis zum welt - lichen Herrſcher auffaßte. Kaufleute aus Jtalien, die die franzöſiſchen Märkte beſuchten, hatten durch den König Verluſte erlitten*)Die Entrüſtung, mit der Gregor ſich ihrer annahm, berechtigt zur Vermutung, daß ſie zu dem römiſchen Bankhaus gehörten, das Gregor nahe ſtand. Es mag ſich entweder um unbillig erhöhte Zollabgaben oder um Gegenmaß - nahmen gehandelt haben, wie ſie im Mittelalter üblich waren, Gregor aber ſprach von Beraubung und von ungeheuren Summen und gab den franzöſiſchen Biſchöfen Befehl, in ſeinem Namen den König zur Ent - ſchädigung der Kaufleute und im allgemeinen zur Beſſerung ſeines Re - giments zu mahnen. Weigere er ſich, ſo ſollte im ganzen Lande der Gottesdienſt verboten werden. Erweiſe der König ſich auch dagegen un - verbeſſerlich, ſo ſollte jedermann wiſſen, daß der Papſt entſchloſſen ſei, ihm ſein Reich mit Gottes Hilfe zu entreißen. Den Anfang dazu machte Gregor alsbald, indem er den Grafen Wilhelm von Poitou, den größten der franzöſiſchen Fürſten nächſt Wilhelm von England, ins Vertrauen zog: im Verein mit andern ſollte er den König zur Beſſerung mahnen und ihm mit Ausſchluß aus der Kirche und Abſetzung drohen. Lange genug habe die Kirche Geduld mit ihm gehabt, jetzt aber ſei ſeine Ver - derbtheit nicht mehr zu ertragen, und wäre er ſelbſt ſo mächtig und furcht -352Anfängliche Beziehungen zu Deutſchlandbar wie die heidniſchen Kaiſer der Verfolgungszeit. Die Ausdrücke, mit denen Gregor den König belegt, laſſen an Schärfe nichts zu wünſchen übrig: nicht König, ſondern Tyrann, leihe er dem Teufel ſein Ohr, beflecke ſich mit Schandtaten, gebe ſeinen Untertanen das Beiſpiel des Laſters durch Zerrüttung der Kirchen, Ehebruch, Raub, Meineid und Betrug. Aber auch die Biſchöfe erhalten ihr Teil: faſt als Mitſchuldige werden ſie behandelt und mit Amtsverluſt bedroht, „ Hunde, die nicht zu bellen wagen “. Sie müſſen gleichwohl gezögert haben, denn der Papſt beſchloß, ſelber Hand ans Werk zu legen. Da die früheren Legaten mittlerweile nach Spanien gegangen waren, von wo ſie bald Gutes melden konnten, ſo faßte Gregor die Sendung neuer Vertreter ins Auge, die bis zum Herbſt in Frankreich ſein ſollten. Wenn ihnen der König für Genugtuung und Beſſerung keine Bürgſchaft gebe, ſollte er für ausgeſchloſſen aus der Gemeinſchaft gelten.
So weit waren die franzöſiſchen Angelegenheiten im Frühjahr 1075 gediehen; da ſchlug der Wind plötzlich um: die Fanfarentöne verſtumm - ten und der drohende Streit kam nicht zum Ausbruch. Philipp I. muß es nicht ſchwer gefunden haben, den zürnenden Papſt zu beſchwichtigen, denn dieſer hatte inzwiſchen die Front gegen einen andern, größeren Feind genommen.
Zu Deutſchland hatte Gregor von ſeinem Vorgänger geſpannte Be - ziehungen geerbt, deren Urſache in Mailand zu ſuchen war. Anderes mag hinzugekommen ſein, ſo daß Alexander auf der Jahresſynode im Frühjahr 1073 gegen den Königshof den erſten Schlag führte: Heinrich ſelbſt ließ er unangetaſtet, aber einige ſeiner Räte ſchloß er aus der Gemeinſchaft aus. Daß bei der Erhebung Gregors keinerlei Rückſicht auf den Herrſcher genommen wurde, iſt danach nicht befremdlich. Nicht einmal eine Anzeige der Thronbeſteigung erhielt der König, die Be - ziehungen waren unterbrochen. Jn ſeinen Äußerungen gegenüber dritten Perſonen behandelte Gregor Heinrich als einen Verirrten, für den er ſchon in Erinnerung an ſeinen unvergeßlichen Vater das größte Wohl - wollen hege, der aber durch väterliche Vermahnung von ſeinen kindiſchen Neigungen auf den rechten Weg zurückgeführt werden müſſe, um die Kaiſerkrone in gebührender Form zu empfangen. Da geſchah es, daß Heinrich, durch den Aufſtand der Sachſen in Gefahr gebracht, die Krone zu verlieren, ſich dem Papſt förmlich zu Füßen warf. Jn einem Schrei -353Anfängliche Beziehungen zu Deutſchlandben, von dem Gregor mit Recht ſagen durfte, noch nie habe ein deutſcher König ſo an einen Papſt geſchrieben, bekannte er ſich ſchuldig, dem Prieſterſtand nicht immer ſein Recht und gebührende Ehre gegeben, ſein Richterſchwert nicht immer gegen die Schuldigen geführt zu haben. Jn mehr als demütiger Sprache bat er um Losſprechung von den Sünden, zu denen ihn Jugend und Übermut oder ſchlechte Ratſchläge verführt hätten. „ Wir haben geſündigt wider den Himmel und wider Euch, nicht wert ſind wir mehr Eurer Kindſchaft. Denn nicht nur haben wir der Kirche Gut angetaſtet, wir haben Unwürdigen, von der Galle der Simo - nie vergifteten, die nicht durch die Tür eintraten, die Kirchen ſelbſt ver - kauft, ſtatt ſie zu ſchützen, wie wir ſollten. “ Zur Beſſerung erbat er Rat und Hilfe vom Papſt und verſprach, ſeinem Befehl zu folgen, in erſter Linie betreffs der Kirche von Mailand, an deren Verirrung er ſich ſelbſt die Schuld zuſchrieb. Bekenntnis und Bitte wurden in einem zweiten Brief wiederholt.
Ohne Zögern griff Gregor zu. Zwiſchen dem König und den Auf - ſtändiſchen nahm er die Entſcheidung für ſich in Anſpruch und gebot bis dahin Waffenruhe. Zu Trägern der Sendung erſah er die Biſchöfe von Paleſtrina und Oſtia neben der Kaiſerin Agnes, die ſich meiſt in Rom aufhielt und ihm völlig ergeben war. Um Weihnachten machten ſie ſich auf, Ende April 1074 in Nürnberg trafen ſie den König. Zur Friedensvermittlung hatten ſie keine Gelegenheit mehr, notgedrungen hatte Heinrich bereits die Forderungen der Aufſtändiſchen bewilligt. Aber noch erlaubte ſeine Lage ihm nicht, Schwierigkeiten zu machen, allen Forderungen des Papſtes unterwarf er ſich, wiederholte ſeine ſchrift - lich gegebenen Verſprechungen und ſchwor auf die Reliquien, die Be - ſeitigung der Simoniſten unterſtützen zu wollen. Desgleichen verſprachen ſeine Räte eidlich, den unrechten Gewinn, den ſie aus Bistumsver - leihungen gezogen hätten, zurückzugeben.
Auf Widerſtand ſtießen die Legaten erſt, als ſie darangingen, die Reform der deutſchen Kirche in die Hand zu nehmen. An einem durch - greifenden Verſuch hierzu hatte es ſeit den Tagen Leos IX. gefehlt. Wohl war in einzelnen Fällen auf Grund des Simonieverbots einge - ſchritten worden, aber an eine Säuberung des Prälatenſtandes im ganzen hatte man nicht gedacht. Kein Legat war, wie in Frankreich und Bur - gund, in England und ſogar in Spanien, erſchienen, um, ſei es auch nur in begrenztem Umkreis, Synoden zu berufen, Gericht zu halten und dieHaller, Das Papſttum II1 23354Anfängliche Beziehungen zu DeutſchlandBiſchöfe auf die neuen Geſetze zu verpflichten. Jnsbeſondere mit der Durchführung des Verbots der Prieſterehe war noch kein Anfang ge - macht, darin ſtand Deutſchland hinter andern Ländern zurück. Um das Verſäumte nachzuholen, forderten die Legaten das Zuſammentreten einer Reichsſynode unter ihrem Vorſitz. Die deutſchen Biſchöfe wider - ſprachen: die Legaten hätten dazu keinen ausdrücklichen Auftrag, außer - dem ſei Berufung und Leitung einer geſamtdeutſchen Synode Vorrecht des Erzbiſchofs von Mainz, der ſeit alter Zeit die Vertretung des Papſtes in Deutſchland habe. Nicht der Mainzer war es, der als Sprecher der Geſamtheit ſein eigenes Recht verteidigte. Erzbiſchof Siegfried hatte ſchon Alexander II. beſondere Ergebenheit gezeigt, hatte Hildebrand umworben und ſeine Thronbeſteigung mit einer Wolke von Schmeicheleien begrüßt. Dabei war er nicht frei von eigennütziger Be - rechnung. Seit Jahren kämpfte er um die Zehnten in Thüringen, ohne ſeinen Anſpruch durchſetzen zu können. Die Klage hierüber kehrte in ſeinen Briefen nach Rom beſtändig wieder: der Papſt ſollte helfen, wo - möglich einen eigenen Legaten ſenden. Neuerdings war der Erzbiſchof zwar verſtimmt, weil der Papſt — es war noch unter Alexander ge - ſchehen — über ſeinen Kopf hinweg in Prag und Olmütz eingriff. Dar - über ſich zu beklagen, hatte Siegfried im Glückwunſchbrief an Gregor nicht unterlaſſen können. Zur Antwort erhielt er einen ſtrengen Ver - weis: ſeine Berater verſtänden nichts von der „ apoſtoliſchen Autorität “, er ſolle gefälligſt einmal die kanoniſchen Überlieferungen und Erlaſſe der heiligen Väter durchgehen. Nachdem der Streit in Böhmen durch ſeine eigene Nachläſſigkeit ſo weit gediehen, maße er jetzt ſich an, das friedenſtiftende Urteil des Papſtes anzufechten. Eingedenk ſolle er bleiben, daß ohne die übergroße Milde der römiſchen Kirche er ſich auf ſeinem Platze nicht halten könne. Auch ohne dieſes harte Schreiben zu kennen — er kann es damals noch nicht bekommen haben — wagte der ängſt - liche Siegfried bei der Nürnberger Verhandlung nicht, die Führung der deutſchen Biſchöfe zu übernehmen, wie es das Anſehen ſeines Stuhles verlangte; er überließ das ſeinem Amtsbruder von Bremen, dem durch Charakter und Geiſt hochangeſehenen Liemar. Dieſer vertrat den deut - ſchen Standpunkt mit ſolchem Nachdruck, daß die Legaten ihre Abſicht aufgeben mußten. Sie luden Liemar zur Verantwortung nach Rom.
Der Plan einer umfaſſenden Reform der deutſchen Kirche durch den Papſt war vorläufig geſcheitert, nicht durch die Schuld des Königs, und355Anfängliche Beziehungen zu DeutſchlandGregor ließ ihn ſeine Enttäuſchung auch nicht entgelten. Wie er der Kaiſerin dafür dankte, daß ſie geholfen hatte, ihren Sohn in die Ge - meinſchaft der Kirche zurückzuführen, die er zu verlieren im Begriff ge - weſen war, ſo ſandte er gegen Ende des Jahres an Heinrich ein Schrei - ben, das er perſönlich verfaßte, in warmen Ausdrücken der Liebe und des Vertrauens: „ Liebte ich dich nicht, wie ich ſoll, ſo wäre mein Glaube an Gottes Barmherzigkeit eitel ... Das ſollen die wiſſen, die täglich zwi - ſchen uns Zwietracht zu ſäen ſuchen ... Leihe ihnen nicht dein Ohr! “ Er weiht den König ein in ſeinen Plan, mit Heeresmacht nach dem Oſten zu ziehen, die unterjochten Chriſten und das Heilige Grab zu befreien und die Einheit mit der Kirche von Konſtantinopel wiederherzuſtellen. Kommt es dazu, ſo will er die römiſche Kirche nächſt Gott dem Schutze des Königs anvertrauen. „ Wenn ich von dir nicht mehr erwartete, als die meiſten glauben, ſo redete ich ins Leere. Gibt es aber keinen Menſchen, der dich meiner aufrichtigen Liebe verſichern kann, ſo überlaſſe ich es dem Heiligen Geiſt, der alles kann, dir zu zeigen, was ich dir wünſche und wie ſehr ich dich liebe, und dir die gleiche Geſinnung gegen mich einzuflößen. “ Den Zweck dieſer Beteuerung verrät ein zweites, geſchäftlich gehaltenes Schreiben vom gleichen Tag (7. Dezember 1074). Nur leiſe beſchwert ſich hier der Papſt, daß in der Mailänder Sache nicht das geſchehen ſei, was er nach des Königs Verſprechungen habe erwarten dürfen. Er erbietet ſich zu Verhandlungen: gebe es einen Weg, die früheren Ent - ſcheidungen abzuändern, ſo werde er ihn nicht verſchmähen; wenn nicht, ſo möge der König der Kirche ihr Recht wiedergeben und einſehen, daß er erſt dann wirklich König ſei, wenn er ſich zur Beſſerung und Ver - teidigung der Kirchen vor dem König der Könige beuge.
Unverkennbar liegt der Ton auf den Schlußworten: Gregor fordert von Heinrich, daß er in der Mailänder Frage nachgebe. Er glaubt das nach der bisherigen Haltung des Königs, aber nicht minder wegen der beengten Lage, in der dieſer ſich auch nach dem Frieden mit den Sachſen befindet, erwarten zu dürfen und trifft die Vorbereitungen zu weiteren Schritten. Zur nächſten römiſchen Synode ergehen Ladungen nach Deutſchland. Der Erzbiſchof von Mainz ſoll mit ſechs Suffraganen erſcheinen, Liemar von Bremen ſich perſönlich verantworten. Das er - regte nicht geringen Unwillen. Liemar klagte einem Amtsbruder über das rückſichtsloſe Verfahren des Papſtes, der ihn mit Friſt von nur vier Wochen vorgefordert hatte; der gefährliche Menſch wolle den Biſchöfen356Widerſtand der deutſchen Geiſtlichkeitbefehlen, als wären ſie ſeine Gutsverwalter. Sogar Siegfried von Mainz wagte in aller Beſcheidenheit die Bitte, der Papſt wolle künftig ſeine Befehle ſo einrichten, daß ihre Befolgung nicht unmöglich ſei, und im Urteilen die Grenzen apoſtoliſcher Mäßigung und väterlicher Milde nicht überſchreiten. Beſondere Erregung hatte es verurſacht, daß Gregor den Erzbiſchof von Trier beauftragt hatte, die Klage eines Domherrn von Toul gegen ſeinen Biſchof zu unterſuchen, der beſchuldigt wurde, durch Simonie ins Amt gelangt zu ſein, Ämter und Weihen zu ver - kaufen und mit Weib und Kind zu leben. Der Erzbiſchof hatte die Unter - ſuchung vorgenommen, die nichts Belaſtendes ergab, erklärte aber dem Papſt im Namen von einigen zwanzig Amtsbrüdern, die er zu Rate gezogen hatte, es ſei eine neue und nicht zu billigende Art, ein unerträg - liches Joch, die Untergebenen zur Aufdeckung des Privatlebens ihrer Vorgeſetzten zu nötigen, die Söhne gegen die Väter zu bewaffnen, Ehrfurcht und fromme Geſinnung zu zerſtören. Jn Zukunft möge der Papſt ſolche Aufträge unterlaſſen, durch die er ſein eigenes Anſehen ſchädige. Der Biſchof von Toul forderte Genugtuung. Groß war in weiteſten Kreiſen die Empörung gegen das Gebot der Eheloſigkeit. Wer etwa von den Biſchöfen es zu verkündigen wagte, der ſetzte ſich perſön - licher Gefahr aus. Das erfuhr der Biſchof von Paſſau, als er am Weih - nachtsfeſt den Verſuch machte; die Geiſtlichen hätten ihn umgebracht, wäre er nicht von ſeinem ritterlichen Gefolge geſchützt worden.
Es war unverkennbar: die große Mehrzahl der deutſchen Geiſtlich - keit, hoch und niedrig, empörte ſich gegen die Art, wie der Papſt die Re - form der Kirche betrieb. Unter den Biſchöfen wußte er nur einen, Burchard von Halberſtadt, der ſeine Partei ergriff, aber er zählte auf die Unterſtützung weltlicher Fürſten, des Grafen von Calw, der Herzöge von Schwaben und Kärnten. Sie rief er auf, Geiſtliche, die ſich der Simonie ſchuldig gemacht hätten oder in Fleiſchesſünden lebten, nicht zu dulden, ſie überall öffentlich anzuzeigen und, wo nötig, mit Gewalt zu vertreiben und ſich durch den Widerſpruch der Biſchöfe nicht irre machen zu laſſen. An alle Geiſtlichen und Laien im Reich der Deutſchen erging der lakoniſche Befehl, den Biſchöfen, die den Weiſungen des Papſtes nicht gehorchen wollten, keinerlei Gehorſam zu leiſten. Es war nichts anderes als ein Verſuch, den religiöſen Volksaufſtand der Lom - bardei, die Pataria, nach Deutſchland zu verpflanzen.
Jn dieſen Wochen geſchah es, daß Gregor einmal gegenüber dem Abt357Allgemeine Lage des Papſtesvon Cluny ſein Herz ausſchüttete. Er hadert mit Gott, der ihn gezwungen hat, nach Rom zurückzukehren und hier, ſeufzend unter der Laſt des eignen Tuns, in tauſend Stürmen wie ein Sterbender zu leben. Wohin er blickt, nichts als ungeheurer Schmerz und allgemeine Traurigkeit: die Kirche des Oſtens vom Glauben abgefallen, die Biſchöfe mit wenigen Ausnahmen von weltlichem Ehrgeiz geleitet, und unter den weltlichen Fürſten nicht einer, der die Ehre Gottes der eignen Ehre und die Ge - rechtigkeit dem Vorteil vorzöge; vollends die nächſten Nachbarn, Rö - mer, Lombarden und Normannen, ſchlimmer als Juden und Heiden. Von ſolchen Stimmungen laſſen die Handlungen des Papſtes nichts erkennen. Entſchloſſen und kräftig greift er die verſchiedenſten Dinge an. Drei Tage, nachdem der Brief an den Abt aufgeſetzt iſt, ſehen wir ihn an den Dänenkönig ſchreiben, ihn zur Sendung von Vertretern auf - fordern, mit denen die kirchliche Organiſation ſeines Reiches vereinbart werden kann, ſeine bewaffnete Hilfe in Anſpruch nehmen und einem der Königsſöhne, der in den Dienſt des Papſtes treten wird, ein Fürſten - tum — es ſcheint Dalmatien zu ſein — zum Lehen anbieten. Und hat er denn nicht Grund genug, zuverſichtlich zu ſein? Aus der Ferne kommen gute Nachrichten. England hält feſt zu ihm, in Spanien macht der römiſche Einfluß Fortſchritte. Jn Navarra und Kaſtilien haben die Legaten Verfügungen treffen dürfen, das Urteil des Papſtes wird an - gerufen, er kann einen Bistumsſtreit entſcheiden und die Könige dringend auffordern, ſich in der Form des Gottesdienſtes der römiſchen Kirche an - zuſchließen, von der ihre Länder vorzeiten das Chriſtentum empfangen haben. So günſtig ſah es in der nächſten Nachbarſchaft wohl nicht über - all aus. Robert von Apulien und ſeine Leute ſetzten ihre Eroberungen auf Koſten des Kirchenſtaats fort, ohne ſich durch päpſtliche Sprüche ein - ſchüchtern zu laſſen, und in der Lombardei ſchwankte die Wage nach wie vor zwiſchen der Pataria und ihren Gegnern. Dafür konnte Gregor über die Kräfte Toskanas verfügen. Herzog Gotfried von Lothringen, mit ſeiner Gemahlin zerfallen, hatte Jtalien verlaſſen, Beatrix und Mathilde regierten die Markgrafſchaft, geſtützt auf ihren gewaltigen Hausbeſitz, und ſie hingen am Papſt wie an ihrem Herrn und Vater in Bewunderung und hingebendem Gehorſam.
Am 24. Februar 1075 eröffnete Gregor die angeſagte Synode. Jhre vornehmſten Beſchlüſſe betrafen, wie es ſich von ſelbſt verſtand, Simo -358Synode 1075nie und Prieſterehe. Hinfort ſollte kein Geiſtlicher höherer Weihe mehr ſeine Frau behalten dürfen, wer ſich nicht von ihr trennte und Buße täte, ſeine Stelle verlieren, wer durch Simonie, d. h. durch Geld, ein Amt erlangt hätte, ohne weiteres abgeſetzt werden. Jm übrigen war die Synode ein Gerichtstag. Zwei lombardiſchen Biſchöfen wurde die Aus - übung ihres Amtes unterſagt, ein dritter, der von Piacenza, der Patare - nerſtadt, abgeſetzt, der König von Frankreich mit Ausſchluß bedroht. Die meiſten Strafen fielen auf Deutſchland. Von den geladenen Bi - ſchöfen war kein einziger perſönlich erſchienen, nur einer hatte Ver - treter geſchickt. Vieren von ihnen verbot Gregor die Ausübung ihres Amtes, gegen den Bremer fügte er „ wegen hochmütigen Ungehorſams “noch das Verbot des Meſſeleſens hinzu, dem König aber erteilte er eine deutliche Warnung. Heinrich IV. befand ſich nicht mehr in der beengten Lage, in der ihn vor Jahresfriſt die päpſtlichen Legaten angetroffen hatten. Ein grober Vertragsbruch der Sachſen hatte ihm die Teil - nahme und Unterſtützung der meiſten Fürſten verſchafft, er rüſtete ſich, an den Aufſtändiſchen Rache zu nehmen. Seitdem zeigte er dem Papſt kühle Zurückhaltung, eröffnete keine Verhandlungen über Mailand und rührte für die Reform der Kirchen keinen Finger. Gregor hielt für an - gezeigt, ſeinen Eifer zu ſpornen. Fünfen der königlichen Räte unterſagte er das Betreten der Kirche; wenn ſie bis zum 1. Juni ſich nicht in Rom eingeſtellt und Genugtuung geleiſtet hätten, ſollten ſie ausgeſchloſſen ſein. Es wird ſich um die verſprochene, aber nicht geleiſtete Rückerſtattung von Beſtechungsgeldern gehandelt haben. Dann traf den König ſelbſt der erſte Schlag: der Papſt verbot ihm, Biſchöfe einzuſetzen. Das war vorläufig als Strafe gedacht, das Recht der Jnveſtitur ſollte noch nicht grundſätzlich aufgehoben, nur ſeine Ausübung einſtweilen ge - ſperrt ſein.
Alle dieſe Maßregeln verraten ein gehobenes Machtbewußtſein. Gregor fühlt ſich auf der Höhe ſeines Amtes und im Beſitz der Mittel, es ungeſchmälert auszuüben. Jn den Wochen nach der Synode hat er eine Aufzeichnung gemacht, ſiebenundzwanzig knapp geformte Sätze, die den Umfang päpſtlicher Machtvollkommenheit angeben, wie er ſie ſich dachte. Als Dictatus papae, perſönlicher Entwurf des Papſtes, ſind ſie dem amtlichen Briefbuch einverleibt. Vermutlich ſollten ſie als Grund - lage für eine neue Rechtsſammlung dienen, die Gregor ſchon als Archi - diakon gefordert hatte. Nicht alles darin iſt neu. Daß die römiſche Kirche359Dictatus papaevon Gott allein gegründet ſei, nie geirrt habe noch jemals irren werde, daß ihrem Biſchof allein der Titel eines Allbiſchofs zukomme, daß wich - tige Streitfragen vor ihn zu bringen, ſeine Urteile unumſtößlich ſeien, daß er von niemand gerichtet werde, jeder an ihn Berufung einlegen könne — das waren alte, zum Teil anerkannte Anſprüche. Daß der römiſche Legat auf jeder Synode den Vorſitz führe, war eigentlich erſt jüngſt in Deutſchland beſtritten worden. Daß keine allgemeine, d. h. mehr als eine Kirchenprovinz umfaſſende Synode ohne Befehl des Papſtes berufen werde, war zwar bisher nicht anerkannt, blieb aber hinter dem zurück, was Nikolaus I. gefordert hatte. Neu war, daß kein Rechtsſatz und keine Geſetzesſammlung ohne Ermächtigung des Papſtes Geltung habe, neu ebenſo, daß ihm allein zuſtehe, nach Bedarf Geſetze zu erlaſſen, während die Befugnis, kirchliche Anſtalten umzuwandeln und Kirchen - bezirke zu ändern, ſeit der Karolingerzeit oft und allenthalben unbean - ſtandet ausgeübt war. Daß der Papſt allein Biſchöfe abſetzen und be - gnadigen dürfe, konnte man aus Pſeudoiſidor herausleſen, wenn es dort auch nicht ausdrücklich geſagt war, aber daß er es ohne Synode, d. h. ſo - viel wie ohne gerichtliches Verfahren und in Abweſenheit des Beklagten dürfe, war ſchlechthin revolutionär. Eine weitere Neuerung enthielten die Sätze, daß der Papſt Geiſtliche aus jeder Kirche weihen, ein von ihm Geweihter aber einer andern Kirche nicht mehr dienen, nur ſie leiten dürfe. Es bedeutete nichts Geringeres, als daß der Papſt Biſchof für jedermann und die römiſche Kirche das allumfaſſende Bistum ſei. Der Provinzverband nicht nur, auch die Körperſchaft der Diözeſe beſtanden danach nur noch ſoweit fort, wie es dem Papſt beliebte, ſein Recht als Allbiſchof nicht auszuüben. Dem entſprach die Forderung, daß ſein Name, einzig in ſeiner Art wie er ſei, allein im Kirchengebet genannt werde. Daß er die kaiſerlichen Abzeichen führe, fand man in der Kon - ſtantiniſchen Schenkung bei Pſeudoiſidor, aber daß alle Fürſten ſeine Füße zu küſſen hätten, war neu, vollends neu und unerhört, daß ihm er - laubt ſei, Kaiſer abzuſetzen und die Untertanen vom Gehorſam gegen ungerechte Herrſcher zu entbinden. Daß man mit denen, die er ausge - ſchloſſen habe, nicht im gleichen Hauſe weilen dürfe, war auch noch nie gehört worden. Den Gipfel der Neuerung aber erſteigt Gregor — er muß es ſelbſt gefühlt haben, da er nur hier eine Begründung verſucht — mit der Behauptung: „ Jeder rechtmäßig eingeſetzte römiſche Biſchof wird zweifellos kraft des Verdienſtes Sankt Peters heilig. “Man360Mancherlei Pläne. — Umſchwung in Mailandmöchte glauben, höher ließen ſich die Vorſtellungen und Anſprüche nicht treiben. Und doch — wir werden ſehen, daß Gregor VII. mit den Theſen des Dictatus ſein letztes Wort noch nicht geſprochen hat.
Jn den Wochen nach der Synode ſehen wir den Papſt die Durch - führung der gefaßten Beſchlüſſe beſonders in Deutſchland betreiben. Befehle gehen deswegen an eine Anzahl von Erzbiſchöfen. Daneben be - ſchäftigen ihn zahlreiche Einzelfälle in franzöſiſchen und deutſchen Kir - chen und der Lombardei. Den Biſchof von Bamberg, der ſich dem Simonieprozeß durch Nichterſcheinen zu entziehen verſucht, dann frei - willige Abdankung verſprochen, aber ſein Wort nicht gehalten hat, trifft Abſetzung und Ausſchluß, zwiſchen Prag und Olmütz wird eine Entſcheidung gefällt. Auch in ſtaatliche Fragen greift der Papſt unge - ſcheut ein. Jn Ungarn bekämpft er den Anſpruch des deutſchen Königs auf Oberhoheit, ſucht einen Häuptling, der den König, Heinrichs IV. Schwager, geſtürzt hat, zu gewinnen, denn Ungarn, wie er mit kecker Verdrehung der Tatſachen behauptet, ſei Eigentum der römiſchen Kirche, von König Stefan Sankt Peter geſchenkt. Seine Pläne reichen in weite Ferne. Den König von Dänemark fragt er, ob ſein Wille noch ſei, in die Schutzherrſchaft Sankt Peters ſich zu begeben, wie er früher einmal hat wiſſen laſſen. Nach Polen fertigt er Legaten ab, um die verwilderten kirchlichen Verhältniſſe des Landes zu ordnen, und bis ins Rußland von Kiew reicht ſein Arm. Ein vertriebener Großfürſt hat durch einen Sohn ſein Land vom heiligen Petrus zu Lehen nehmen laſſen, und Gregor begrüßt gnädig den neuen Vaſſallen. Mit vollen Segeln fährt ſein Schiff auf die hohe See weit ausgreifender politiſcher Ent - würfe. Da müſſen ihn die Nachrichten ſchwer getroffen haben, die ihn noch im April 1075 erreicht haben werden: in Mailand war die Herr - ſchaft der Pataria gebrochen, Erlembald tot. Wie es gekommen, iſt nicht ganz zu durchſchauen. Eine Feuersbrunſt, die die halbe Stadt und den Dom zerſtörte, hatte den erſten Anſtoß gegeben, man hielt Patarener für die Brandſtifter. Dazu kamen Eigenmächtigkeiten der Aufſtändi - ſchen bei der öſterlichen Taufe, die das Volk aufbrachten — die Stim - mung ſchlug um, es bildete ſich ein Gegenbund, und dieſer ſiegte in der Straßenſchlacht, in der Erlembald fiel. Die Sieger wandten ſich an den König, um von ihm die Neuordnung der Dinge zu erbitten.
Daß Heinrich IV. bei dieſem Umſchwung die Hand im Spiel gehabt,361Eingreifen Heinrichs IV. iſt nicht erweisbar. Aber als die Mailänder bei ihm erſchienen, zögerte er nicht, ſein Recht auszuüben. Er hat wohl niemals ernſtlich gemeint, dem Papſt den Willen zu tun. So wenig man ihn für weitblickend und beſonnen halten kann, ſo leicht er ſich im Augenblick entmutigen ließ, an ſeiner Würde und ſeinem Recht hat er ſein Leben lang mit Zähigkeit feſtgehalten. Die Verſprechungen, die er dem Papſt machte, waren ihm von der Not abgepreßt, er hielt ſich nicht an ſie gebunden, als die Not vorüber war. Und eben jetzt trat die Wendung ein, die ihm die Freiheit der Entſchließung wiedergab. Am 9. Juni 1075 wurde das Heer der Sachſen bei Homburg an der Unſtrut entſcheidend geſchlagen, ihre Sache war verloren. Ende Oktober unterwarfen ſich ihre Führer und blieben in Haft, der König war wieder Herr des Reiches, Rückſicht auf den Papſt ſchien jetzt überflüſſig. Gern willfahrte er daher dem Wunſch der Mailänder und ſandte den Grafen von Nellenburg in die Lombardei, der dort einen Reichstag abhielt, die Patarener aus Piacenza und Cre - mona verjagte und in Mailand den vom König inveſtierten neuen Erz - biſchof einſetzte und weihen ließ. Es war Tedald, ein vornehmer Mai - länder, der in der königlichen Kapelle diente. Auf Gotfried, den bis - herigen königlichen Erzbiſchof, der in einem Winkel der Provinz faſt verſchollen ſaß, wurde ebenſowenig Rückſicht genommen wie auf Atto, der unter dem Schutz des Papſtes in Rom lebte.
Des Königs Verfahren war eine kecke Herausforderung, bei der er ſich vollſtändig ins Unrecht ſetzte. Dem Papſt ſchrieb er hinhaltende Briefe, die aber ſchon einen andern Ton als früher hören ließen, kündigte Bevollmächtigte an, die vertraulich verhandeln ſollten, und ſchickte ſie nicht. Gregor dagegen beobachtete ungewöhnliche Zurückhaltung. Er ſchenkte dem König ſchon kein Vertrauen mehr, ließ es ihn aber nicht fühlen, ſchrieb ihm ſogar wohlwollend und erkannte ſein Verhalten in der Bamberger Sache an, wo er den abgeſetzten Biſchof hatte fallen laſſen. Gregor wartete offenbar ab. War es die neue Machtſtellung Heinrichs, die ihm Vorſicht gebot, war es das Gefühl, mit der Wendung in Mailand den Boden unter den Füßen verloren zu haben — er ſtellte ſich ſogar gegen Tedald vorſichtig, faſt rückſichtsvoll, verhängte keine Strafe über ihn, lud ihn vielmehr zur nächſten Synode ein, auf der über ſeinen Anſpruch entſchieden werden könne, und verbot ihm nur, ſich vorher weihen zu laſſen. So vergingen Sommer und Herbſt. Jnzwiſchen kehrte ſich Heinrich nicht an das Verbot der Jnveſtitur, ohne Fühlung362Ultimatum Gregorsmit dem Papſt übte er ſie in Fermo und Spoleto, im engeren römiſchen Sprengel. Was aber Gregor am meiſten beunruhigen mußte: der König nahm Verbindung auf mit Robert Guiscard. Zu dieſem begaben ſich der Nellenburger und der Kanzler des italiſchen Reichs und forderten ihn auf, ſein Land vom König zu Lehen zu nehmen. Das lehnte der Herzog zwar ab, aber die Vermittlung im Krieg mit Richard von Capua ließ er ſich gefallen, und ſo kam mit dieſem der Friede zuſtande. Mit ver - einten Kräften wandten ſich die beiden Normannenfürſten gegen die letzten noch unabhängigen Plätze, Neapel und Salerno. Die ganze unteritaliſche Politik des Papſtes war zuſammengebrochen, fortan mußte er damit rechnen, daß ihm die geſchloſſene Front der Nachbarn gegen - überſtand.
So entſchloß er ſich zu einem letzten Verſuch, mit Heinrich zur Ver - ſtändigung zu gelangen. Anfang Dezember ſandte er ihm ein längeres Schreiben, das Vorwürfe mit Anerbietungen verband und in einem Ultimatum ausklang. Mit ernſten Worten hielt er dem König vor, wie wenig ſeine Handlungen ſeinen Verſicherungen entſprächen; daß er im Papſt den heiligen Petrus ſelbſt enttäuſcht habe; erinnerte ihn ferner an das Anerbieten, über ein gewiſſes Dekret, an dem manche Anſtoß nähmen — es kann nur das Jnveſtiturverbot gemeint ſein — zu ver - handeln, um es unter Umſtänden zu mildern; er ſchloß mit der väterlichen Mahnung, nicht zu vergeſſen, wie gefährlich es ſei, die eigene Ehre der Ehre Chriſti vorzuziehen. Für den errungenen Sieg über die Feinde ſei der König Gott und Sankt Peter um ſo mehr verpflichtet. Erſt der Schluß des Schreibens enthielt eine ſcharfe Spitze: Heinrich ſolle be - denken, wie es Saul ergangen ſei, als er ſich ſeines Triumphes rühmte und die Mahnungen des Propheten nicht befolgte; wie er vom Herrn verworfen worden und welche Gnade David zum Lohn für ſeine Demut zuteil geworden ſei. Der Satz war an ſich ſchon deutlich genug, die Über - bringer ſollten ihn unterſtreichen, indem ſie Heinrich ganz im Vertrauen aufforderten, ſeine ausgeſchloſſenen Räte zu entfernen und Buße zu tun für ſeine „ Verbrechen “, durch die er nach göttlichem und menſch - lichem Recht nicht nur den Ausſchluß aus der Gemeinſchaft, ſondern die Abſetzung verdient hätte.
Ob es angebracht war, dieſe Drohung auszuſprechen, wenn man noch an die Möglichkeit einer Verſtändigung glaubte, läßt ſich bezweifeln. Aber mehr als zweifelhaft iſt, ob Heinrich noch an Verſtändigung dachte. 363Reichstag in WormsSein ganzes Verhalten ſeit dem Sieg über die Sachſen macht den Eindruck, daß er in Gregor nur noch den Gegner ſah, den er zu bekämpfen entſchloſſen war und zu überwinden ſich getraute. So verfuhr er auch jetzt. Das Schreiben des Papſtes und die mündlichen Eröffnungen der Überbringer nahm er auf wie einen hingeworfenen Fehdehandſchuh, brachte beides ſogleich vor die Öffentlichkeit und holte zum Gegenſchag aus. Um die Jahreswende empfing er die Botſchaft des Papſtes, drei Wochen ſpäter hielt er in Worms einen Reichstag ab, an dem außer weltlichen Fürſten die Mehrzahl der deutſchen Biſchöfe teilnahm. Auch aus dem Burgundiſchen und aus Jtalien war je einer anweſend. Und noch jemand hatte ſich eingefunden, Kardinal Hugo der Weiße. Seit er in Ungnade gefallen war, fuhr er in der Welt herum und wühlte gegen Gregor, zu deſſen Erhebung er ſelbſt das meiſte beigetragen hatte. Er war in der Lage, über die Perſon des Papſtes, ſein Vorleben und die Art ſeiner Thronbeſteigung Enthüllungen zu machen. Die häßlichen Dinge, die ſeitdem von Gregor erzählt und vielfach geglaubt wurden, daß er die Kardinäle nicht befrage, mit einer bedenklichen Umgebung regiere, foltern und töten laſſe, Zauberei treibe und ähnliches, gehen wohl auf dieſen ehemaligen Freund und Helfer zurück. Er hat auch in Worms mit ſeinen gehäſſigen Schilderungen dazu beigetragen, die Ge - müter gegen den Papſt zu erhitzen. Damit mag er den Entſchluß er - leichtert haben, der für den König von vornherein feſtgeſtanden haben wird. Wenn Heinrich überblickte, was er von Gregor erlebt hatte, in Jtalien und Deutſchland, in kirchlichen und weltlichen Dingen, ſo konnte er wohl zu der Überzeugung kommen, daß es mit dieſem Mann keinen aufrichtigen Frieden gebe. Sah man über Einzelheiten hinweg, ſelbſt über ſolche wie die moraliſche Unterſtützung des Aufſtandes gegen die deutſche Oberhoheit in Ungarn, ſo war doch kein Zweifel, daß Gregor in letzter Linie Gehorſam auch vom König und Kaiſer verlange. Die deutſche Krone ſollte den Geboten des Papſtes unterworfen ſein. Das aber traf den Punkt, in dem auch Heinrich — wir berührten es ſchon — freiwillig niemals nachgeben konnte. Darum war der Kampf zwiſchen König und Papſt unvermeidlich, und darum war es von Anfang an ein Kampf auf Tod und Leben. So hatte, wie dem König hinterbracht wurde, auch Gregor ſich offen ausgeſprochen: er wolle entweder ſelbſt ſterben oder dem König Seele und Reich nehmen. Nur um die Art, wie der Kampf zu führen ſei, konnte es ſich noch handeln.
364Abſetzung GregorsVom Wormſer Reichstag kennen wir nur das Ergebnis, den Be - ſchluß, Gregor VII. nicht als Papſt anzuerkennen und ſeine Beſeitigung zu erſtreben. Er wurde auf einer gleichzeitig tagenden Synode von vier - undzwanzig deutſchen Biſchöfen und je einem burgundiſchen und itali - ſchen unter dem Vorſitz des Erzbiſchofs von Mainz gefaßt und fand ſeinen Ausdruck in einem Schreiben an „ Bruder Hildebrand “, in dem die Verſammelten dieſem erklärten, daß ſie ihn als Papſt nicht mehr anerkennen könnten. Mit ſeinen unheiligen Beſtrebungen ſpalte er in Anmaßung und Hochmut die Kirche und verbreite überall Zwietracht und Verwirrung, indem er den Biſchöfen ihre Amtsgewalt raube und alles an ſich zu reißen ſuche. Den Thron habe er beſtiegen unter Ver - letzung des Wahlgeſetzes von 1059 und doppeltem Eidbruch; denn auch er habe unter Heinrich III. den Patritiat des Königs beſchworen, des - gleichen ſpäter gelobt, die päpſtliche Würde niemals anzunehmen. Dazu kamen perſönliche Beſchuldigungen häßlichſter Art. Mit der Gattin eines andern habe er gelebt, regiere mit einem Weiberſenat und ergehe ſich in Schmähungen gegen die Biſchöfe. Darum ſei er für keinen der Unterzeichner künftig mehr Papſt. Dieſer Erklärung trat der König bei und richtete ſeinerſeits ein Schreiben an „ Hildebrand “, ſeinen und des Reiches verderblichſten Feind, der ihm ſeine erbliche Würde, den Patritiat, geraubt und das Königreich Jtalien zu entreißen verſucht, an die Biſchöfe, „ die uns als teuerſte Glieder verbunden ſind “, Hand an - zulegen ſich nicht geſcheut und ſie mit hochmütigen Schmähungen ver - folgt habe. Jhrem gerechten Urteil beitretend, kündigt der König Gregor den Gehorſam und befiehlt ihm, herabzuſteigen vom römiſchen Stuhl. Dieſes Schreiben wurde Geiſtlichkeit und Volk von Rom mitgeteilt mit der Aufforderung, den Mönch Hildebrand zwar nicht umzubringen — denn das Leben werde ihm künftig ſchwerere Strafe ſein als der Tod — aber ihn zum Verzicht zu zwingen und einen andern, mit ihrem und ſämt - licher Biſchöfe Rat gewählten Papſt anzunehmen, der heilen werde, was dieſer verletzt habe.
Heinrich IV. wagte viel mit dieſem Schritt und ſollte bald erfahren, daß er zu viel gewagt hatte. Er begann einen Krieg, deſſen Ende er nicht mehr erlebt, der ihn ins Unglück geſtürzt, ſeine Regierung zum Trauerſpiel gemacht und auf die ferneren Geſchicke des deutſchen Reiches einen langen und finſteren Schatten geworfen hat. Alle Not und alles Ungemach, die ſeitdem über König und Reich gekommen ſind, haben an365Abſetzung Gregorsjenem 24. Januar 1076 zu Worms ihren Anfang genommen. Bequem iſt es, nachträglich die Überhebung des jugendlich unreifen Herrſchers zu tadeln, der mehr unternahm, als er leiſten konnte. Es iſt wahr, Heinrich überſchätzte die eigenen Kräfte und unterſchätzte den Gegner. Er war gar nicht ſo ſehr Herr ſeines Reiches, wie er nach dem ſchwer errungenen Siege über die Sachſen geglaubt haben mag. Wieweit die um ihn ver - ſammelten Biſchöfe ihren Beſchluß aus voller Überzeugung faßten, wird er nicht gewußt haben. An Bedenken, die erſt überwunden werden muß - ten, hat es in ihrer Mitte nicht gefehlt, und daß jeder einzelne die Ver - pflichtung zu unterſchreiben hatte, Hildebrand fortan nicht mehr als Papſt anzuerkennen, könnte dafür ſprechen, daß nicht allen ganz zu trauen war. Auch durfte man nicht überſehen, daß von den achtunddreißig Biſchöfen, die das deutſche Reich nördlich der Alpen zählte, vierzehn nicht beteiligt waren, darunter die Erzbiſchöfe von Salzburg, Magdeburg, Bremen und Köln, wo Anno ſoeben geſtorben war. Namentlich fällt das Fehlen des hochangeſehenen Liemar von Bremen auf. Ein erfahrener, vorſich - tiger Herrſcher hätte alſo in dem Beſchluß der vierundzwanzig Anweſen - den noch keine ſichere Bürgſchaft dafür geſehen, daß er in einem ernſten Kampf gegen Rom auf die geeinte Kraft der deutſchen Reichskirche werde zählen können. Heinrich war jung, unerfahren und unbeſonnen, ihm ſind ſolche Gedanken wohl gar nicht gekommen. Aber der Beſchluß von Worms war keine Willkürtat des Herrſchers, er war hervor - gegangen aus den Beratungen von Reichstag und Reichsſynode. Daß der König ihn erzwungen habe, wie die Gegner nachher behaupteten, iſt nicht zu glauben; dazu war Heinrich nicht mächtig genug. Höchſtens von einer Stimme glaubt man zu wiſſen, daß ſie nicht frei abgegeben ſein kann: Burchard von Halberſtadt, einer der Führer des ſächſiſchen Auf - ſtands, war als Gefangener zum Reichstag gebracht worden. Eher läßt ſich annehmen, daß der König von andern zum Vorgehen gedrängt wor - den iſt. Deſſen beſchuldigte man vor allen den Herzog Gotfried von Lothringen, der allerdings beſondern Grund hatte, Gregor nicht zu lieben; denn dieſer hatte das Zerwürfnis mit Mathilde, ſeiner Ge - mahlin, vertieft, ſtatt es beizulegen. Neben dem Lothringer werden die vom Papſt ausgeſchloſſenen königlichen Räte das Jhre getan haben, die Erregung ihres Herrn zu ſchüren. Was vollends die Biſchöfe be - trifft, ſo hat die Behauptung einiger Zeitgenoſſen, ſie hätten den König zum Vorgehen getrieben, alle Wahrſcheinlichkeit für ſich. Sie waren366Abſetzung Gregorsja nicht weniger als er durch die Maßregeln des Papſtes getroffen, manch einer hatte perſönliche Demütigung erfahren, und alle mußten ſich als Stand herabgeſetzt und entwürdigt fühlen, wie es Liemar von Bremen ausgedrückt hatte: ſie ſahen ſich behandelt wie Gutsverwalter, nicht wie Amtsbrüder und Biſchöfe. Endlich durfte man auch auf die Empörung weiteſter Kreiſe über das Eheverbot hinweiſen, die der Erzbiſchof von Mainz unlängſt ebenſo zu fühlen bekommen hatte wie früher der Biſchof von Paſſau. Siegfried war im Frühling in Rom geweſen, hatte dort den Befehl erhalten, das neue Gebot auf einem Konzil zu verkündigen, hatte ſich dem mit allerhand Ausreden zu entziehen verſucht, dann aber, als er mit Abſetzung bedroht wurde, doch zu gehorchen unternommen und im Oktober 1075 eine Synode ſeines Sprengels nach Erfurt berufen. Da war er aber auf ſtärkſten Widerſtand geſtoßen, hatte hören müſſen, daß man dem Papſt die Befugnis beſtritt und ihn ſelbſt am Leben be - drohte, ſo daß er ſein Vorhaben aufgab und verſprach, Schritte für eine Milderung des Geſetzes zu tun. Dieſe Erfahrung mag dazu bei - getragen haben, dem ängſtlichen Mann den Mut zu dem Entſchluß zu ſtärken, den er als Vorſitzender der Wormſer Verſammlung in erſter Linie mit ſeinem Namen zu decken hatte.
Der Entſchluß, den Papſt, den man faſt drei Jahre lang ohne Vor - behalt anerkannt, dem man gehorcht, vor dem man ſich gebeugt hatte, durch eine Handvoll deutſcher Biſchöfe ſeines Amtes verluſtig zu er - klären, war ein Fehler an ſich, politiſch unklug, rechtlich nicht zu begrün - den. Der Fehler wurde unnötig vergrößert, indem man perſönliche Ver - unglimpfungen hinzufügte, unerwieſene Beſchuldigungen als Tatſachen hinſtellte und nicht einmal die Unzartheit ſcheute, die Mutter des Königs hineinzuziehen. Denn daß zu dem Weiberſenat, den man dem Papſte vor - warf, neben Beatrix und Mathilde von Toskana die Kaiſerin Agnes gehörte, wußte jedermann. Fehler über Fehler! Aber wer ſie feſtſtellt, darf nicht vergeſſen, daß mit dem König die Fürſten des Reiches, welt - liche und geiſtliche und vor allem die Biſchöfe, die Schuld zu teilen haben. Jhr erfahrenes Alter hätte ſeiner unbeſonnenen Jugend Zügel anlegen ſollen, ſie tragen darum mit an der Verantwortung für das, was folgte.
Wie wenn ein losgeriſſener Felsblock zu Tale rollt, ſo überſtürzen ſich nun die Ereigniſſe. Um den Anſchluß des ſüdlichen Königreichs zu be - wirken, wurden zwei Biſchöfe nach Jtalien geſandt. Sie fanden bereit -367Vorgänge in Rom. Synode 1076willigſte Aufnahme. Nur wenige der lombardiſchen Biſchöfe hielten zu Gregor, und ſo machtlos war die Pataria ſchon geworden, daß an einem ihrer Hauptherde, in Piacenza, die Synode tagen konnte, die den Beitritt zum Wormſer Beſchluß erklärte. Ein Domherr und ein Ritter eilten nach Rom, um den Aufſtand zu entfachen, der Gregor ſtürzen ſollte.
Gregor war vorbereitet und wachſam. Unlängſt erſt war er einem Anſchlag mit Mühe entgangen. Jener Cencius, der die Hauptſtütze Honorius 'II. geweſen war, hatte ihn aus Rache über Entziehung von Gütern bei der Frühmeſſe in der Chriſtnacht am Altar in Santa Maria Maggiore überfallen, in ſeinen Turm geſchleppt und durch Todes - drohungen zur Abdankung zu zwingen geſucht. Auf die Nachricht hiervon war die Menge zuſammengeſtrömt, hatte den Turm geſtürmt und den Papſt befreit, der, am Kopfe leicht verletzt, aber nicht im mindeſten er - ſchüttert, in die Kirche zurückkehrte und die Meſſe beendete. Seitdem beherrſchte er die Stadt feſter denn je. Was in Worms und Piacenza geſchehen war, hatte er längſt erfahren und ließ die Boten bei ihrer An - kunft verhaften und in den Kerker werfen. Dann ſtellte er ſie vor die Synode, die eben damals wie alle Jahre bei Beginn der Faſtenzeit zu - ſammengetreten war, und ließ ſie die mitgebrachten Schriftſtücke ver - leſen. Von der erregten Verſammlung wurden ſie ſchwer mißhandelt und wären umgebracht worden, hätte Gregor ſelbſt ſie nicht mit eigener Gefahr geſchützt.
Die Synode ſtellt ſich noch ausſchließlicher als die früheren als Ge - richtstag dar, von andern Beſchlüſſen hören wir nichts. Das Straf - gericht war ausgiebig. Aus der Gemeinſchaft ausgeſchloſſen wurden aus Burgund und Frankreich vier Biſchöfe, ein Abt, ein Mönchskonvent und drei Grafen. Mit kluger Abſtufung verfuhr Gregor gegen Teil - nehmer an den Synoden von Worms und Piacenza. Siegfried von Mainz, den Lombarden und denen, die freiwillig unterzeichnet hatten, wurde Ausübung des Amtes und Genuß des Abendmahls unterſagt, die andern, die gezwungen mitgegangen waren, erhielten Zeit zur Buße bis Ende Juni. Es hatte alſo, wer wollte, die Möglichkeit, ſich nachträglich für gezwungen zu erklären. Die volle Wucht der Strafe fiel auf König Heinrich. Am letzten Tage der Synode, dem 22. Februar 1076, ſprach Gregor ihm das Urteil, während zu Füßen ſeines Thrones im Nonnen - ſchleier ſitzend Kaiſerin Agnes die Verdammung ihres Sohnes anhörte. An den heiligen Apoſtelfürſten Petrus wandte ſich der Papſt im Gebet,368Ausſchluß und Abſetzung Heinrichsrief ihn, die Gottesmutter und Sankt Paulus zu Zeugen an, daß er nur gezwungen ſein Amt übernommen habe. „ Deshalb “— ſo fuhr er fort — „ glaube ich, es gefalle Dir, daß das Dir im beſondern anvertraute Chriſtenvolk mir als Deinem Stellvertreter im beſondern gehorche. Um Deinetwillen iſt mir von Gott die Macht gegeben, zu binden und zu löſen im Himmel und auf Erden. Jm Vertrauen hierauf unterſage ich im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geiſtes kraft Deiner Vollmacht zu Ehren und Schutz Deiner Kirche König Hein - rich, dem Sohne Kaiſer Heinrichs, der ſich gegen Deine Kirche in unerhörtem Hochmut erhoben hat, die Regierung des ganzen König - reichs der Deutſchen und Jtaliens, befreie alle Chriſten von der Feſſel des Eides, den ſie ihm geleiſtet haben oder leiſten werden, und verbiete jedermann, ihm als König zu dienen. Und weil er als Chriſt es ver - ſchmäht hat zu gehorchen, nicht zu Gott zurückgekehrt iſt, den er durch Verkehr mit Ausgeſchloſſenen verlaſſen hatte, meine Mahnungen ver - achtet, ſich von Deiner Kirche getrennt und ſie zu ſpalten verſucht hat, ſo binde ich ihn an Deiner Statt mit der Feſſel des Fluches, auf daß die Völker wiſſen und erfahren, daß Du biſt Petrus, und daß auf Deinen Fels der Sohn des lebendigen Gottes ſeine Kirche gebaut hat und die Pforten der Hölle ſie nicht überwältigen werden. “
Der Würfel war gefallen, der offene Kampf zwiſchen König und Papſt, Reich und Kirche ausgebrochen. Daß Gregor Unerhörtes unter - nahm, als er im Namen ſeiner geiſtlichen Gewalt einen König abſetzte, haben alle Zeitgenoſſen gewußt. Nun fragte es ſich, ob die Welt dieſen Anſpruch als Recht anerkennen würde. Die Kraftprobe, die der König gewagt hatte, als er den Papſt abſetzen ließ, unternahm nun von ſeiner Seite auch der Papſt. Zeigen mußte ſich, wer ſtärker ſei.
Zunächſt warben beide Teile um die Zuſtimmung der Welt. Ein literariſcher Streit begann, der, mit ſteigender Schärfe geführt, ein Menſchenalter und länger gedauert hat, der erſte Fall ſeit dem Unter - gang der alten Welt, daß feindliche Parteien um die öffentliche Mei - nung kämpfen. Von ſeiten des Königs wurde die Kundgebung von Worms in wirkſamer Umarbeitung überall verbreitet. Jedermann konnte erfahren, wie und warum Heinrich, geſtützt auf das Urteil einer Reichs - ſynode, nicht dem Papſt, ſondern dem falſchen Mönch Hildebrand be - fohlen habe: „ Steige herab, ſteige herab, auf ewig Verfluchter! “ Auf den Kanzeln hörte man verkündigen, daß die Biſchöfe dem „ falſchen369Abfall vom KönigApoſtel “, dem „ Meineidigen “und „ Ehebrecher “die Gemeinſchaft auf - geſagt hätten. Von der Gegenſeite ging der Urteilsſpruch des Papſtes in alle Welt hinaus, Kaiſerin Agnes ſogar, bis zur Widernatürlichkeit befangen im Gedankenkreis ihres geiſtlichen Herrn, gab ſich dazu her, ihn zu verbreiten und den Thron des eigenen Sohnes zu unterwühlen. Die königliche Seite gedachte darauf mit gleicher Münze zu erwidern: eine Synode in Worms ſollte zu Pfingſten (15. Mai) über Gregor den Ausſchluß verhängen. Da aber zeigte ſich der erſte Riß in der Mauer: die Synode kam nicht zuſtande. Erſt Ende Juni konnte der Schritt in Mainz nachgeholt werden, allzu ſpät. Gregor war nicht müßig geweſen, im Kampf um die öffentliche Meinung übernahm er mit eigener Feder die Führung. Jn einem Sendſchreiben an „ alle Biſchöfe, Herzöge, Grafen und andere Getreue im deutſchen Reich, die den Chriſtenglauben verteidigen, “ſetzte er auseinander, wie er durch Heinrichs Verhalten dazu genötigt worden ſei, das geiſtliche Schwert gegen ihn zu zücken. Zugleich war ſein Bemühen, die Gegenpartei zu ſpalten, nicht vergeb - lich. Die erſten, die abfielen, waren die Lothringer, der Metzer und der von Verdun; der Würzburger folgte. Erzbiſchof Udo von Trier, ein Bruder des Nellenburgers, alſo dem König perſönlich näher verbunden als viele andere, glaubte vermitteln zu ſollen und eilte nach Rom, bereute und ließ ſich losſprechen. Die ſcheinbar ſo geſchloſſene Phalanx wies bereits Lücken auf, die Reihen der Gegner, bisher nur durch Salzburg und Paſſau und die Sachſen vertreten, füllten ſich, der Papſt hatte eine Partei in Deutſchland, die für ihn kämpfte. Er brauchte keine Römer nach Deutſchland zu ſchicken, im Lande ſelbſt fand er Werkzeuge ſeines Willens. Ende Juli konnte Gregor bereits die Pforten der Gnade halb - offen zeigen: er ermächtigte die ihm anhängenden Biſchöfe im allge - meinen, alle Anhänger des Königs, die zur Beſinnung kämen, in den Schoß der Kirche aufzunehmen, und erteilte dem Paſſauer Vollmacht zu ſeiner Vertretung. Nur den König nahm er aus, ſeine Beurteilung behielt er ſich ſelbſt vor. Dem Biſchof von Metz ließ er eine ausführ - liche Widerlegung des Einwands zukommen, daß ein König nicht aus - geſchloſſen werden dürfe. Sein Hinweis auf einige angebliche Beiſpiele aus der Geſchichte hätte genauer Prüfung nicht ſtandgehalten; um ſo wirkſamer war die Frage: ob denn ein König nicht zu den Schafen des Herrn gehöre, deren Hut dem Apoſtel übertragen ſei? Wäre der König von der Bindegewalt der Kirche ausgenommen, ſo könnte er von ihr auchHaller, Das Papſttum II1 24370Abfall vom Könignicht losgeſprochen werden. Auf das Recht der Abſetzung ging er nicht näher ein, er begnügte ſich mit dem kühnen Satz: „ Wenn der apoſtoliſche Stuhl kraft göttlicher Vollmacht über geiſtliche Dinge richtet, warum nicht auch über weltliche? “
Jnzwiſchen hatte ſich im deutſchen Reich vieles geändert. So feſt, wie er glaubte, hatte Heinrich IV. nicht auf ſeinem Thron geſeſſen. Jn Sachſen glomm der Funke der Empörung unter der Aſche, und bei den Fürſten war das Anſehen des Königs niemals groß. Daß er ſeinen Sieg ausnützte, um die Zügel der Herrſchaft feſter anzuziehen, ſchuf ihm Feinde, ohne daß er verſtanden hätte, ihnen Furcht einzuflößen. Für viele war der Spruch des Papſtes ein willkommener Anlaß, dem König den Gehorſam zu kündigen. Zum Unglück war überdies Herzog Gotfried von Lothringen, auf den Heinrich am meiſten gezählt hatte, ſchon Ende Februar ermordet worden, und es gab unter den Weltlichen keinen, der ihn erſetzt hätte. Als nun gar die gefangenen Führer der Sachſen aus ihrer Haft entweichen konnten, der Aufſtand wieder aus - brach, da war der Plan, mit Heeresmacht nach Jtalien zu ziehen und die Kaiſerkrone zu erobern, unausführbar. Dagegen bildete ſich, vom Papſt unterſtützt, eine Verſtändigung der oberdeutſchen Fürſten mit den päpſt - lich geſinnten Biſchöfen, die auf nichts Geringeres zielte als die Wahl eines andern Königs. Auf einer Zuſammenkunft in Ulm, Mitte Auguſt, wurde der Beſchluß gefaßt, die Ausführung ſollte zwei Monate ſpäter in Mainz erfolgen. Gregor war von allem unterrichtet. Anfang Sep - tember gab er ſeinen Anhängern Auskunft, unter welchen Bedingungen er Heinrich begnadigen könne: er müſſe ſeine Räte wechſeln, der Kirche die Freiheit geben. Aber der Papſt glaubte offenbar ſelbſt nicht mehr an dieſen Weg, denn er faßte bereits die Wahl eines andern Königs ins Auge, der das Verlangte erfüllen würde, und ſtellte dieſem die Beſtätigung in Ausſicht. Dabei rechnete er ſogar auf Mitwirkung der Kaiſerin.
Gregor zeigte ungewöhnlichen Mut, denn ſeine Lage war keineswegs glänzend. Die Normannenfürſten hatten ſich ſeiner Einwirkung nicht willfährig gezeigt, ihre Truppen drangen in den Kirchenſtaat ein, das belagerte Salerno ſtand ſchon dicht vor dem Falle. Ehe das Jahr 1076 endete, hat die Stadt ſich Robert Guiscard unterworfen. Fürſt Giſulf, auf den Gregor große Stücke hielt, verteidigte ſich noch eine Weile in der Feſtung, dann mußte er in Rom Zuflucht ſuchen. Jn der Lombardei371Abfall vom Königwar die Pataria zwar nicht erloſchen, aber zurückgedrängt, Unterſtützung von ihr nicht zu erhoffen, und nur auf Beatrix und Mathilde war ſicherer Verlaß. Alles hing ſomit von dem Gang der Dinge in Deutſch - land ab. Behielt der König die Oberhand, ſo war es nicht zweifelhaft, daß er früher oder ſpäter mit überlegener Macht in Jtalien auftreten werde. Es wäre für alle Gegner Gregors das Zeichen geweſen, ſich auf ihn zu ſtürzen.
Die Entſcheidung fiel Ende Oktober. Auf dem Marſch nach Mainz, wo die Wahl des Gegenkönigs ſtattfinden ſollte, waren die aufſtändi - ſchen Fürſten, die Herzöge von Schwaben, Baiern und Kärnten ſamt den ihnen anhängenden Biſchöfen, bis Tribur gekommen. Da ſperrte ihnen der König, der auf dem andern Ufer bei Oppenheim lagerte, den Übergang über den Rhein. Aber auf Kampf ließ er es nicht mehr an - kommen, er geſtattete Verhandlungen. Ausgeſtattet mit päpſtlicher Vollmacht erſchienen der Biſchof von Paſſau und der Patriarch von Aquileja im Lager des Königs und begannen, die Biſchöfe, die Heinrich umgaben, zu bearbeiten. Auf ſie kam nun alles an: blieben ſie feſt, ſo konnte er den ungewiſſen Kampf gegen die Herzöge immer noch auf - nehmen. Aber der Beredſamkeit der Legaten und den Belegſtellen, die ſie aus verfälſchter Geſchichte und erfundenen Urkunden in Menge aus - ſchütten konnten, hielten nicht alle ſtand. Daß dabei die Pſeudoiſidori - ſchen Dekretalen eine hervorragende Rolle geſpielt haben, iſt aus dem beſten der zeitgenöſſiſchen Berichte deutlich zu erſehen. Man kann ſich denken, daß gegenüber dieſer überwältigenden Fülle der Beweiſe manch einer, dem ſie neu waren, ſich wehrlos fühlte. Der Papſt ſchien denn doch im Recht zu ſein! Zehn Tage dauerte das Ringen, dann brach der Widerſtand der Königlichen zuſammen. Zehn Biſchöfe, an ihrer Spitze der Mainzer, der in Worms den Reigen geführt hatte, ließen ihren Herrn im Stich, unterwarfen ſich dem Papſt und ſuchten die Ver - zeihung. Nun blieb auch dem König nichts übrig, als ſich zu unterwerfen. „ Faſt entſeelt vor Schmerz “, fügte er ſich allem, was Papſt und Fürſten ihm auferlegen würden. So wurde denn beſchloſſen, daß er ſich von ſeiner Umgebung trenne, die Regierung niederlege und an den Papſt ein bußfertiges Schreiben richte. Mit dieſem machte der Erzbiſchof von Trier ſich auf den Weg nach Rom.
Aber die Parteien mißtrauten einander, und keine verfuhr ehrlich. Der König änderte den vorgeſchriebenen Wortlaut ſeines Briefes, und die372CanoſſaFürſten verſchworen ſich nachträglich, wenn er länger als ein Jahr aus der Kirche ausgeſchloſſen bliebe, ſollte ein Anderer König ſein. Wie nun in Rom durch nachgeſchickte Geſandte der Fürſten aufgedeckt wurde, daß der König nicht ſo geſchrieben hatte, wie abgemacht war, lehnte der Papſt ab, ihn als Büßer in Rom zu empfangen; er wollte ſelbſt nach Deutſchland kommen und in Augsburg am 2. Februar den Streit der Parteien entſcheiden. Am 8. Januar wollte er in Mantua ſein, bereit, „ für die Freiheit der Kirche und das Heil des Reiches ſein Blut zu ver - gießen “. So ſchrieb er ſeinen deutſchen Anhängern, damit ſie ihm das Geleite entgegenſchickten.
Als Heinrich IV. dies erfuhr, wußte er, was ihm bevorſtand. Kam es zu dem Gerichtstag in Augsburg, ſo hatte er die Wahl, ob er ſeine Krone verlieren oder ſich allen Bedingungen des Papſtes unterwerfen wollte. Er beſchloß, den Augsburger Tag zu vereiteln, indem er die Wieder - aufnahme in die Kirche ſich vorher verſchaffte. Er mußte zuvorkommen, den Papſt ſtellen, bevor er deutſchen Boden betreten hatte. Von Speyer, wo er ſich als Büßender in Zurückgezogenheit aufhielt, brach er noch vor Weihnachten auf und reiſte über Beſançon und den Mont Cenis und Turin dem Papſt entgegen, der auf dem Wege nach Deutſchland ſchon bis Mantua gekommen war. Heinrich war von der Königin und dem Hofſtaat begleitet, einige Biſchöfe ſchloſſen ſich ihm an. Überall, dies - ſeits wie jenſeits der Alpen, nahm man an, er wolle gegen den Papſt Gewalt brauchen, und freudig begrüßten ihn die Königstreuen in der Lom - bardei. Sie erwarteten, er werde ihnen helfen, das Feuer der Pataria vollends auszutreten. Auch Gregor fürchtete einen Handſtreich auf ſeine Perſon und kehrte eilig um. Jn Canoſſa, der uneinnehmbaren Stamm - burg der Gräfin Mathilde, brachte er ſich in Sicherheit. Aber Heinrich hatte ganz anderes im Sinn. Am 26. Januar 1077 erſchien er vor der Burg, nicht in königlichem Aufzug, ſondern als Büßender in vorge - ſchriebener Tracht, rauhem Wollhemd und unbeſchuht. So begehrte er vom Papſt empfangen zu werden. Gregor weigerte ſich. Am folgenden Tage wiederholte ſich das Schauſpiel: der deutſche König am Tor der Burg, barfuß und im Büßergewand, heiſchte Einlaß und Gnade. Gre - gor lehnte nochmals ab. Das gleiche Bild am dritten Tage, und immer blieb der Papſt unerbittlich. Jn ſeiner Umgebung, auch in der Ferne, wohin die Kunde drang, begann man zu murren. Um ihn weilten ſeine ergebenſten Freunde, die Schloßherrin Mathilde, zu der die Mark -373Canoſſagräfin Adelheid von Turin, des Königs Schwiegermutter, und Abt Hugo von Cluny, ſein Taufpate, ſich geſellt hatten. Sie beſtürmten den Papſt mit Tränen, warfen ihm ſeine Härte vor: das ſei nicht mehr apoſtoliſche Strenge, das ſei tyranniſche Grauſamkeit. Da endlich gab er nach. Er hätte ſeinen guten Ruf als Prieſter aufs Spiel geſetzt, hätte er dem Bußfertigen die Losſprechung verweigert. Heinrich war ſchon fortgeritten, Mathilde ließ ihn zurückrufen und übernahm es jetzt, das letzte Hindernis zu beſeitigen.
Während Heinrich vor Canoſſa weilte, und ſchon vorher, war über die Bedingungen ſeiner Losſprechung ohne Ergebnis verhandelt worden. Denn nicht ohne weiteres wollte Gregor ſie gewähren, er verlangte Sicherheit dafür, daß die Reue des Königs aufrichtig ſei. Dies gab ihm die Möglichkeit, Bedingungen zu ſtellen. Unter Mathildens Vermitt - lung kam ſchließlich eine Urkunde zuſtande, für deren Erfüllung ſie mit der Markgräfin Adelheid, dem Abt von Cluny und einigen Biſchöfen und Herren von Heinrichs Seite ſich verbürgte. Heinrich verſprach, im Streit mit ſeinen deutſchen Gegnern ſich dem Spruch des Papſtes zu unterwerfen und die Reiſe Gregors nach Deutſchland nicht zu hindern. Daraufhin durfte er vor den Papſt treten und ſich mit ausgebreiteten Armen, in Kreuzesform, vor ihm niederwerfen. Gregor, zu Tränen gerührt, richtete ihn auf und ſchloß ihn ſegnend in die Arme. Das gleiche geſchah mit den Biſchöfen, die dem König gefolgt waren. Dann las der Papſt die Meſſe und reichte allen das Abendmahl, wor - auf man ſich zu Tiſche ſetzte.
Der Friede war geſchloſſen, aber es war ein fauler Friede. Was in Heinrichs Seele vorgegangen ſein mag, als er, der ſtolze Sproß des edelſten Geſchlechts, der Sohn und Enkel von Königen und Kaiſern, die Rolle des armen Sünders bis aufs letzte zu ſpielen ſich gezwungen ſah, konnte und kann ſich jeder vorſtellen. Heinrich gab ſich auch keine Mühe, es zu verbergen, finſter und wortkarg ſaß er beim Mahle, rührte die Speiſen nicht an und bearbeitete die Tiſchplatte mit dem Fingernagel. Dieſe Tage, dieſe Stunden mußten ihm unvergeßlich bleiben ſein Leben lang. Aber auch der Papſt konnte ſeines Triumphes nicht froh ſein. Den vornehmſten Herrſcher der Chriſtenheit, den künftigen deutſchen Kaiſer hatte er buchſtäblich in den Staub gedemütigt, überwunden hatte er ihn noch nicht. Den wahren Sieg ſollte ihm erſt der Tag zu Augs - burg bringen, an dem er feſthielt. Aber für das Spiel, das er dort ſpielen374Canoſſawollte, fehlte ihm jetzt die ſtärkſte Karte. Wohl war die Abſetzung des Königs noch nicht aufgehoben, aber war ſie überhaupt rechtsgültig und verbindlich? Einzig die Furcht, ſelbſt dem Fluch der Kirche zu verfallen, hatte die Anhänger des Königs genötigt, ſich von ihm zu trennen. Seit dieſer Fluch von ihm genommen war, gab es keinen Grund mehr, warum ſie nicht ſich ihm wieder anſchließen und treu zu ihm ſtehen ſollten. Die Gegner Heinrichs aber konnten nicht erfreut ſein. Jhnen kam es darauf an, daß Heinrich verſchwinde und das Königtum, das er zu feſtigen be - gonnen hatte, geſchwächt werde. Heimlich ſchielte vielleicht ſchon mehr als einer ſelbſt nach der Krone. Wohl bemühte ſich Gregor, ſie zu be - ruhigen: über die Frage der Wiedereinſetzung Heinrichs ſei noch nichts entſchieden, darin habe er ſich nicht gebunden. So ſchrieb er ihnen. Die Fürſten aber wußten nur zu gut, daß der losgeſprochene König ſchwerer zu ſtürzen ſein werde als der verfluchte, und grollten dem Papſt. Der Tag zu Augsburg, das Schiedsgericht des Papſtes, verlor für ſie an Wert, wenn es ihnen überhaupt je willkommen geweſen war. Würde es noch zuſtande kommen?
So iſt es denn nicht zu beſtreiten, in dem Spiel der Staatskunft, das in Canoſſa geſpielt wurde, war Heinrich der Gewinner. Er hatte den Prieſter Gregor zu einem Schritt genötigt, den der Politiker Gregor hätte verweigern müſſen. Mit dieſem Schachzug hatte er dem Gegner eine wichtige Figur geraubt. Aber wer daraufhin von Heinrich als dem Sieger von Canoſſa ſpräche, würde der Bedeutung des Ereigniſſes nicht gerecht. Als Gregor gegen Heinrich den Fluch geſchleudert hatte, mußte er ſich ſogleich gegen den Widerſpruch wehren, einen König dürfe auch der Papſt nicht ausſchließen. So dachten unter den Zeitgenoſſen die meiſten, der Schritt des Papſtes war unerhört, ohne Vorgang, darum für Menſchen, denen für Recht galt, was hergebracht und üblich war, ein Unrecht. Noch zwei Menſchenalter ſpäter ſchreibt ein Enkel Hein - richs IV., Biſchof Otto von Freiſing, als er in ſeiner Weltchronik bei dieſen Ereigniſſen angelangt iſt, kopfſchüttelnd: „ Wieder und wieder leſe ich die Geſchichte der römiſchen Könige und Kaiſer, und nirgends finde ich, daß einer von ihnen vor dieſem von einem römiſchen Biſchof ausgeſchloſſen ſei. “ Der Widerſpruch verlor viel von ſeiner Kraft, ſeit ein König ſelbſt durch die Tat, wenn auch widerwillig und gezwungen, anerkannt hatte, daß die Strafgewalt der Kirche vor ſeinem Thron nicht haltzumachen brauche. Darum wird Canoſſa, mag es für den375Rudolf von Schwaben GegenkönigAugenblick dem König einen Gewinn gebracht haben, in der Kette der Jahrhunderte doch der Name für eine der ſchwerſten Niederlagen des Königsgedankens bleiben. Den Anſpruch, auf Erden keinem Richter, auch nicht der Kirche und dem Papſt, unterworfen zu ſein, das wahre Gottesgnadentum iſt in Canoſſa preisgegeben worden.
Wenn wir das feſtſtellen, ſo gebietet uns die Gerechtigkeit, die Schuld an dieſer Niederlage nicht ſo ſehr dem König aufzubürden wie den deutſchen Fürſten und vor allem den Biſchöfen, die den jugendlich Un - beſonnenen in die Gefahr ſich ſtürzen ließen und ſogar drängten, um ihn alsbald zu verlaſſen. War Heinrich unklug und haltlos, ſo waren ſie es noch viel mehr.
Gregor hat an dem Plan, als Richter in Deutſchland aufzutreten, noch einige Zeit feſtgehalten, ſeinen Sitz in Oberitalien aufgeſchlagen und die römiſche Jahresſynode ausfallen laſſen. Er wollte ſich nicht davon überzeugen, daß ſein perſönliches Erſcheinen jenſeits der Alpen eigentlich von niemand gewünſcht wurde, auch nicht von den aufſtändiſchen Fürſten. Erſt im Juni hat er den Gedanken aufgegeben und iſt nach Rom zurück - gekehrt. Heinrich hatte nach der Trennung vom Papſt die Regierung ſogleich wieder in die Hand genommen und ſeine Anhänger in Jtalien geſammelt, dann war er nach Deutſchland geeilt, wohin ihn die Nach - richt rief, daß die aufſtändiſchen Fürſten, unbekümmert um das, was in Canoſſa geſchehen war, am 15. März in Forchheim den Herzog Rudolf von Schwaben zum König gewählt hatten. Gregor hat ſpäter feierlich verſichert, dieſer Schritt ſei ohne ſein Wiſſen und gegen ſeinen Willen geſchehen. Man glaubt es ihm gern, denn ſeine Rolle als Schiedsrichter wurde nicht leichter, wenn Deutſchland im Bürgerkrieg zweier Könige geſpalten war. Daß die Partei Rudolfs ſich für die kirchliche ausgab und auf ihn berief, erſchwerte es ihm, die Rolle des Unparteiiſchen durchzu - führen, die für ſeinen Schiedsſpruch die Vorausſetzung war. Auch kann man ſich leicht denken, daß es ihm lieber geweſen wäre, Heinrich zur Unterwerfung zu nötigen, als einen Gegenkönig anzuerkennen, deſſen Erfolg immer zweifelhaft blieb. So ſehen wir ihn denn drei Jahre lang eine Politik des Hinhaltens und Zeitgewinnens betreiben, die ſeine An - hänger ungeduldig machte. Daß er im Grunde von Anfang an auf Rudolfs Seite neigte, iſt nicht zu bezweifeln und hat er mit der Zeit nur ſchlecht verbergen können. Aber die Sache des Gegenkönigs ſtand zu - nächſt nicht gut. Seit der Fluch der Kirche von Heinrich genommen war,376Deutſchland geſpaltenwuchs ſein Anhang wieder. Biſchöfe, die ſoeben erſt beim Papſt Ver - zeihung erlangt hatten, ſcheuten ſich nicht, offen auf ſeine Seite zu treten; außerhalb Sachſens war es nur eine Handvoll, die, wie Salzburg und Paſſau, Mainz, Worms und Würzburg, Rudolf treu blieben. Deſſen Sache hatte in der niedern Geiſtlichkeit und im Volke wenig Anklang. Daß ſeine Partei die kirchlichen Reformgeſetze, vor allem das Eheverbot vertrat, machte ſie allgemein verhaßt. Deutſchland ſpaltete ſich in zwei Hälften. Während der Süden und Weſten Heinrich im ganzen treu blieben, war Rudolf in Sachſen allgemein anerkannt.
Gregor tat inzwiſchen ſein Möglichſtes, neutral zu ſcheinen. Da er perſönlich nach Deutſchland zu gehen nicht mehr wagen durfte, ſandte er Legaten aus, die in ſeinem Namen den Streit entſcheiden ſollten. Sie wahrten die Unparteilichkeit nicht immer, einer von ihnen hat ſchon im November 1077 den Fluch über Heinrich ausgeſprochen, den der Papſt weder beſtätigte noch aufhob. Wir brauchen die Fäden der Verhand - lungen nicht zu verfolgen, die da zwiſchen Rom und den deutſchen Parteien geſponnen wurden. Es hat keinen Zweck zu erzählen, wie oft ſowohl Rudolf wie Heinrich in ihrem Namen ſchwören ließen, ſich dem Schiedsgericht des Legaten zu unterwerfen, das nie zuſtande kam, worauf dann jeder Teil dem andern die Schuld gab und deſſen Verurteilung forderte. Am nächſten war man der Schlichtung im Herbſt 1079. Als einer der Legaten damals für Heinrich zu entſcheiden geneigt war, er - klärten ihn die Gegner für beſtochen, und ſein Genoſſe trennte ſich von ihm. Während die Spaltung ſich immer tiefer einfraß, ein Bistum und ein Kloſter nach dem andern ergriff, Biſchöfe und Äbte abgeſetzt, Gegenbiſchöfe und Gegenäbte erhoben wurden, ſchwand die Ausſicht auf friedliche Beilegung immer mehr. Entſcheidung konnten nur die Waffen bringen, und die Wage ſchwankte lang. Ein Verſuch Rudolfs, nach Süden vorzudringen, ſcheiterte im Auguſt 1078, umgekehrt führte der Angriff Heinrichs auf Sachſen im Januar 1080 ſchon in Thüringen zu Niederlage und Rückzug.
Daß in Deutſchland König und Gegenkönig einander feſſelten, war für Gregor nicht unvorteilhaft, es ſicherte ihn gegen das Eingreifen der deutſchen Kräfte in Jtalien. Hier war ſeine Lage nach wie vor nicht gerade die beſte. Die Normannenfürſten kümmerten ſich nicht um die Strafen, die er Mal auf Mal über ſie verhängte, ungeſcheut griffen ſie den Kirchenſtaat an allen Ecken an, drangen ins Sabinerland und bis377Ungewiſſe Lage in Jtalien. — FrankreichTivoli vor, belagerten Benevent und bedrohten Rom. Gegen ſie war Gregor machtlos. Er hatte auf Jordan, den Sohn Richards von Capua, gehofft, der mit dem Vater zerfallen war. Aber als Richard 1078 ſtarb, lenkte der Erbe in die Bahnen des Vaters ein. Es war peinlich, daß man dieſe Feinde nicht abſchütteln konnte, wenn ſie auch einſtweilen nur die Ränder des Kirchenſtaats benagten. Jn Oberitalien feſtigten ſich die Reihen der Gegner, ſeit Erzbiſchof Wibert von Ravenna die Füh - rung übernommen hatte. Aus einer Seitenlinie des Grafenhauſes von Canoſſa ſtammend, war er einſt als italiſcher Kanzler an der Erhebung Nikolaus 'II. beteiligt geweſen, als Erzbiſchof anfangs von Gregor rück - ſichtsvoll behandelt worden, aber bald in die alten, zwiſchen Rom und Ravenna herkömmlichen Rechtsſtreitigkeiten geraten. Seit 1078 ſtand er an der Spitze der Königlichen in Jtalien; daß Gregor ihn abſetzte, blieb wirkungslos, Ravenna, die Romagna und Emilia gehorchten Wi - bert. So war Gregor denn immer noch, außer auf die eigenen Kräfte, auf Toskana und die Hausmacht Mathildens angewieſen, die ihm jetzt, ſeit Beatrix (1076) geſtorben war, unbedingter als je zur Verfügung ſtand. Jn dieſen Jahren, wahrſcheinlich 1078, ſpäteſtens aber um die Wende von 1079 und 1080, hat die Gräfin den außerordentlichen Schritt getan, ihr geſamtes Hausgut, eine dichte Kette von Beſitzungen, die von Mantua bis an den Apennin und bis nach Ferrara und über das Gebirge hinweg bis in die Gegend von Lucca reichte, dem heiligen Petrus zu ſchenken, um es als ſein Lehen auf Lebenszeit zurückzuerhalten.
Gregors Natur hätte es nicht entſprochen, ſich durch die ungewiſſe Lage der Dinge in ſeiner Nachbarſchaft bei der Verfolgung ſeines Hauptziels hemmen zu laſſen. Das war und blieb die Reform oder, wie er es zu nennen liebte, und wie ihm folgend die Welt nun zu ſagen ſich gewöhnte, die Befreiung der Kirche. War ihm Deutſchland zum größeren Teil durch den Widerſtand Heinrichs IV. und ſeiner Anhänger verſperrt, ſo wandte er ſich mit um ſo größerem Eifer Frankreich zu. Daß die franzöſiſche Kirche für ihn im Vordergrund geſtanden hat, zeigt ſchon ein Blick in ſeinen Briefwechſel: die größere Zahl ſeiner Schreiben in kirchlichen Angelegenheiten geht nach Frankreich. Hier greift er fort - während ein mit Verordnungen, Strafen und Gnaden, ohne die mindeſte Rückſicht auf überlieferte Ordnung und Rechte der Metropoliten. Zu - nächſt hat er geglaubt, von Deutſchland aus ſelbſt in Frankreich auf -378Frankreichtreten zu können. Mit dem Verzicht auf die Reiſe nach Deutſchland fiel auch dieſer Plan, die Arbeit mußte Legaten überlaſſen werden. Beſtändig ziehen ſie umher, halten Synoden, erlaſſen Vorladungen, verhören und richten, unterſagen die Amtsführung, ſchließen aus und ſetzen ab. Es ſind ihrer oft mehrere zu gleicher Zeit, ihre Bezirke überſchneiden ſich mit - unter, und es fehlt nicht an Reibungen. Der eifrigſte und erfolgreichſte iſt Biſchof Hugo von Die in der Provence, ſeit 1076 bevollmächtigter Vertreter des Papſtes für ganz Frankreich. Jm Widerſpruch zum Grafen, unter dem Einfluß eines römiſchen Legaten erhoben, vom Papſt ſelber geweiht, da der Erzbiſchof von Arles ſich verſagte, hatte Hugo ſich empfohlen durch die Tatkraft, mit der er ſich in ſeinem Bistum durch - ſetzte und das zerrüttete wiederherſtellte. Als Legat und Vikar ſtieß er zunächſt auf Schwierigkeiten, ſeine Synoden wurden nicht genug be - ſucht. Als er im September 1077 in Autun ein Nationalkonzil ver - ſammeln wollte, blieben die meiſten Erzbiſchöfe aus. Hugo ſtrafte ſie mit dem Verbot der Amtsausübung. Jn Tours im Januar 1078 wurde die Verſammlung ſogar gewaltſam geſtört und nur mit Mühe zu Ende geführt, worauf der Erzbiſchof der gleichen Strafe verfiel. Die Be - troffenen eilten nach Rom und beſchwerten ſich. Gregor mußte einſehen, daß er nicht Frankreich gegen ſich aufbringen durfte, während er um Deutſchland kämpfte. Er verleugnete ſeinen Legaten zu deſſen lebhaftem Unwillen, hob ſeine Strafen auf und verordnete erneute Unterſuchung. Jhm genügte es vorläufig, daß die Erzbiſchöfe Frankreichs ſich vor ſeinem Richterſtuhl gebeugt hatten. Seinem übereifrigen Vertreter aber legte er einen Zügel an, indem er ihm den Abt von Cluny zur Seite ſtellte.
Der beſondere Auftrag, den Hugo auszuführen hatte, enthielt mehr als den Kampf gegen Prieſterehe und Ämterkauf. Jn der Weiſung für das Konzil von Autun befahl ihm Gregor, die Weihe eines jeden zu verbieten, der ſein Bistum von einem Laien erhalten habe. Es war noch kein allgemein gültiges Geſetz, einſtweilen nur eine Maßregel der Ver - waltung, wie früher das entſprechende Verbot an Heinrich IV. Hugo kam dem Befehl nach und verhängte Strafen, wo ihm zuwidergehandelt war. Aber keineswegs alle fügten ſich, und die Folge war Verwirrung. Das mag Gregor bewogen haben, Klarheit zu ſchaffen, indem er auf einer außerordentlichen Synode im November 1078 ein allgemeines Verbot der Jnveſtitur durch Laienhand erließ, bei Strafe des Aus -379Verbot der Laieninveſtiturſchluſſes. Er wiederholte das Verbot auf der Märzſynode 1080, dehnte die Strafe auf zuwiderhandelnde Laien aus und erließ zugleich eine Vor - ſchrift für die Wahl von Biſchöfen. Sie ſollte künftig unter Aufſicht des Metropoliten oder des Papſtes durch Geiſtlichkeit und Volk in voller Freiheit vorgenommen werden.
Ein engliſcher Chroniſt hat ſpäter bemerkt, das Verdienſt Gre - gors VII. ſei geweſen, daß er mit lauter Stimme ausgeſprochen habe, was man vor ihm gemunkelt hatte. So war es: ſeit zwanzig Jahren ſtand im Programm der Reform die Forderung, daß den Laien die Verfügung über kirchliche Ämter genommen werde. Jm Grundſatz mehr als einmal von römiſchen Synoden beſchloſſen, von Nikolaus II. zuerſt ausge - ſprochen, von Alexander II. einmal wiederholt, war ſie bisher toter Buchſtabe geblieben. Es war unverkennbar: die Kirche ſcheute ſich, Ernſt zu machen, ſie ſcheute die Folgen. Auch Gregors Maßregeln waren bisher noch nicht aufs Ganze gegangen und hielten, wie er an Heinrich IV. ſchrieb, die Tür der Verhandlung und Verſtändigung offen. Damit war es nun vorbei, das Wort war gefallen, das den Kampf um die Laieninveſtitur eröffnete.
Um die Tragweite der Maßregel zu beurteilen, muß man die Stel - lung vor Augen haben, die im Staatsleben der Zeit Bistum und Kloſter einnahmen. Sie waren die größten Grundherrſchaften, beſaßen die größten Städte, und das hieß ſoviel wie die ſtärkſten Feſtungen. Ohne ihre Dienſte ließ kein Staat ſich regieren, war jeder Herrſcher wehrlos. Ein jeder bedurfte der Biſchöfe und Äbte und derer, die es werden wollten, zur Führung der Geſchäfte, das fehlende Beamtentum mußten die Geiſt - lichen erſetzen. Und mehr als das. Einen großen, wahrſcheinlich den größeren Teil des Reichsheeres ſtellte die Kirche. Biſchof und Abt waren verpflichtet, dem Aufgebot des Herrſchers mit ihren Stiftsritterſchaften zu folgen. Eben darum hatten die Herrſcher ſich beeifert, das Gut der Kirchen zu mehren: die Stiftungen und Schenkungen kamen dem Staat zugute; je reicher eine Kirche war, deſto größere Leiſtungen durfte man von ihr fordern. Daß dieſe Summe von Machtmitteln in Krieg und Frieden ihm zur Verfügung ſtehe, war ein Lebensbedürfnis jedes Herr - ſchers, keinem konnte es gleich ſein, wer ſie verwaltete, jeder hatte ein zwingendes Jntereſſe daran, nur zuverläſſige Diener an der Spitze der Reichskirchen zu ſehen und ſie mit feſten Banden an ſich zu feſſeln. Das Band war die Jnveſtitur, die Einſetzung ins Amt, und ihr Gegenſtück,380Verbot der Laieninveſtitur. Seine Aufnahmedie Huldigung des Jnveſtierten, bei der er dem Herrſcher den Eid des Vaſſallen ſchwor. Fiel die Jnveſtitur, die Einweiſung durch den König, fort, ſo fielen auch Eid und Huldigung, und im Belieben von Biſchof und Abt ſtand es künftig, welche Dienſte ſie dem König noch leiſten wollten. Auf die weltlichen Vaſſallen war ohnehin wenig Verlaß; war man auch der Treue der Geiſtlichen nicht mehr ſicher, ſo war der Herrſcher macht - los und der Staat aufgelöſt. So lag es in Deutſchland und Jtalien, nicht anders in Frankreich und England. Mit den Biſchöfen vornehm - lich wurde das deutſche Reich regiert, auf ihnen ruhte die deutſche Herrſchaft in Jtalien. Das einzige Regierungsrecht, das dem franzöſi - ſchen König außerhalb ſeiner Hausmacht, in den Gebieten einiger Für - ſten, geblieben war, war die Beſetzung der Bistümer, und einen weſent - lichen Teil ſeines Heeres machten die Truppen der Biſchöfe und Äbte aus. Die Herrſchaft des normänniſchen Eroberers in England wurde in Frage geſtellt, wenn er der Biſchöfe nicht mehr ſicher war. Das Verbot der Laieninveſtitur enthielt die Kriegserklärung der Kirche an den Staat des Abendlands; nirgends konnte er beſtehen, wie er war, wenn dieſes Verbot durchgeführt wurde.
Es hat bei ſeinem Erſcheinen nicht die erſchütternde Wirkung geübt, die man erwarten ſollte, und eine ſofortige allgemeine Gegenwirkung iſt ausgeblieben. Die Welt war wohl ſeit langem darauf vorbereitet, jetzt nahm ſie in verſchiedener Weiſe dazu Stellung. Jn Deutſchland kehrte ſich Heinrich IV. ſo wenig wie früher an das Verbot, während Rudolf, der Gegenkönig, ſich ihm ſogleich fügte. Beim erſten eintretenden Fall überließ er es dem zuſtändigen Erzbiſchof, den Gewählten durch Übergabe von Ring und Stab einzuſetzen. Auch in Frankreich war die Haltung der weltlichen Machthaber nicht einheitlich. Außer dem König war hier eine Anzahl von Fürſten betroffen, die das Recht der Bistumsbeſetzung in ihren Gebieten an ſich gebracht hatten. Für ſie handelte es ſich nicht um eine Lebensfrage. Bei der Enge ihrer Gebiete, der überragenden Stärke ihres Eigenbeſitzes konnten ſie auch ohne die Form der Jnveſtitur den beherrſchenden Einfluß auf die Biſchöfe behaupten. Der größte von ihnen, der Graf von Poitou und Herzog von Aquitanien, ein beſonders kirchenfrommer Herr, Bruder der Kaiſerin Agnes, hat denn auch keine Schwierigkeiten gemacht, die Grafen der Bretagne waren ſogar durch freiwilligen Verzicht auf Jnveſtitur und Lehensabgabe zuvorgekommen. Anders der König; er verlor die Hälfte ſeiner Macht und ſo gut wie381Frankreichjeden Einfluß außerhalb ſeiner Hausmacht, wenn er die Bistümer, die bisher von ihm abhingen, nicht mehr vergeben konnte. Philipp I. hat denn auch das Verbot des Papſtes nicht anerkannt und die Jnveſtitur mit Ring und Stab weiterhin geübt. Ebenſo wie Heinrich IV. gedachte er ſein Recht zu behaupten. Ob ihm das gelingen würde, hing weſentlich von den Erzbiſchöfen ab; ſie mußten bereit ſein, inveſtierte Biſchöfe trotz päpſtlichen Verbots zu weihen, nichtinveſtierten die Weihe zu ver - weigern. Die Erzbiſchöfe nahm darum Gregor zum Ziel ſeines Angriffs, durch eine Neuordnung der Rangverhältniſſe ſuchte er ſie zu lähmen, ihren etwaigen Widerſtand zu brechen. Jm April 1079 erhob er den Erzbiſchof von Lyon zum Primas für den größten Teil Nordfrankreichs und unterſtellte ihm die Kirchenprovinzen Lyon, Sens, Tours und Ronen. Lyon lag im Königreich Burgund, dorthin reichte der Arm des franzöſiſchen Königs nicht, und für einen geeigneten Träger des Amtes hatte Hugo von Die bei der letzten Erledigung des erzbiſchöflichen Stifts geſorgt, vier Jahre ſpäter beſtieg er ihn ſelbſt und vereinigte nun die Vollmachten des Primas mit denen eines apoſtoliſchen Legaten und Vikars. Wo die Gewalt des einen nicht ausreichte, konnte der andere ergänzend eingreifen. Erinnern wir uns, wie im neunten Jahrhundert die Verſuche, für die fränkiſche Kirche einen Primas zu beſtellen, am einhelligen Widerſtand der Erzbiſchöfe geſcheitert waren. Von Wider - ſtand war jetzt nicht viel zu ſpüren, der Lyoner Primat ſetzte ſich im königlichen Frankreich durch, auch dort, wo er nicht ſogleich anerkannt wurde.
Der einzige offene Widerſtand, auf den die Maßregeln Gregors ſtießen, richtete ſich nicht gegen den Primas, ſondern gegen den Legaten. Erzbiſchof Manaſſe von Reims ſtand mit ſeiner Provinz außerhalb des Lyoner Primatbezirks. Ein ſtolzer, üppiger Herr, wenn die Schilde - rungen der Zeitgenoſſen richtig ſind, das Urbild des feudalen Biſchofs der alten Zeit. Man erzählte ſich von ihm den Ausſpruch: „ Erzbiſchof ſein wäre ſchön, wenn nur das Meſſeleſen nicht wäre! “ Er ſcheint aber nicht nur ungeiſtlich, auch gewalttätig geweſen zu ſein, denn er war von Fein - den umgeben, die zum Teil ſeine eigenen Verwandten waren. Man ver - klagte ihn beim Papſt, der Legat ſollte richten. Seinen Ladungen zu folgen, weigerte ſich Manaſſe mit Berufung auf das alte Vorrecht der Erzbiſchöfe von Reims — Hinkmar hatte es erworben*)Siehe oben S. 50. — nur vor dem382FrankreichPapſt ſelber ſich zu verantworten. Außerdem beſtritt er dem Biſchof von Die das Recht, als römiſcher Legat aufzutreten, da er kein Römer ſei. Gregor hatte es nicht ſchwer, dieſen Einwand zurückzuweiſen, und be - lehrte den Erzbiſchof, daß Privilegien nicht ewig gelten könnten; paßten ſie nicht mehr in die Zeit, ſo müßten ſie fallen. Manaſſe blieb bei ſeiner Weigerung, die Richtergewalt Hugos anzuerkennen, und wurde im Frühjahr 1080 abgeſetzt. Zu ſeiner gewaltſamen Entfernung bot Gre - gor ſeine perſönlichen Feinde in der Nachbarſchaft auf, an der Spitze jenen Grafen von Roucy, der den verunglückten Kreuzzug nach Spanien hatte führen wollen, nach dem Urteil des Abtes Suger von Saint Denis, der es wiſſen mußte, einen der übelſten Raubritter. Gegen dieſe Meute konnte der Erzbiſchof ſich nicht behaupten, er wanderte nach Deutſch - land aus und ſchloß ſich Heinrich IV. an. Seitdem fand der päpſtliche Vikar und Primas keinen nachhaltigen Widerſtand mehr im Kleinkrieg um die einzelnen Bistümer.
Eigentümlich war das Verhalten des Königs. Philipp I. hat für den vornehmſten Erzbiſchof und Kanzler ſeines Reiches keinen Finger ge - rührt, auch ſpäter wohl einmal eine Jnveſtitur erteilt, aber einen grund - ſätzlichen Streit mit dem Papſt geſcheut. Ebenſo ſchonte ihn Gregor, verhängte keine Strafen gegen ihn. War es beim König die begreif - liche Beſorgnis, ſeine großen Vaſſallen, die meiſt zum Papſt hielten, könnten von dieſem mit Erfolg gegen ihn in Bewegung geſetzt werden, eine Gefahr, die ja ſchon einmal nahe geweſen war, ſo wünſchte der Papſt, ſolange der Kampf in Deutſchland währte, mit Frankreich in Frieden zu bleiben, zumal hier der König nicht die allein ausſchlaggebende Macht darſtellte. Zweckmäßiger war es, den Widerſtand der Biſchöfe von Fall zu Fall zu beſiegen, und darin hatte der Legat Erfolg. Von feindſeliger Erregung in der Maſſe der Geiſtlichen und Laien iſt in Frankreich nichts zu ſpüren. Nur das Grenzbistum Cambrai, deſſen Hauptſtadt zum deutſchen Reich gehörte, ſcheint eine Ausnahme gemacht zu haben. Dort wurde ein Mann, der gegen den Gottesdienſt nichtre - formierter Prieſter geſprochen hatte, von einer erbitterten Menge ver - brannt, und der Klerus richtete an die Amtsbrüder in der ganzen Reimſer Provinz einen Hilferuf gegen die „ Unverſchämtheit der Römer “, die den bisher ſo angeſehenen geiſtlichen Stand mit ihrem Eheverbot und andern Neuerungen in Schande und Verachtung bringen würden, wenn nicht vereinte Wachſamkeit vorſorgte. Aber der Aufruf fand nur ſchwachen383Frankreich. SpanienWiderhall, und zu irgendwelchen Handlungen iſt es nicht gekommen. Zu Beginn der achtziger Jahre durfte man urteilen, daß zwar der Kampf noch nicht beendet, aber der Sieg des Papſtes nicht mehr zweifel - haft ſei.
Dasſelbe galt vom ſüdlichſten Frankreich, Gascogne, Languedoc und Provence. Jn dieſem Paradies feudaler Zerſplitterung waren es viel weniger die weltlichen Herren, die Grafen und Vizegrafen, die es zu überwinden galt. Vielfach von Haus aus der Kirche tief ergeben, haben ſie ſich meiſt den römiſchen Forderungen mehr oder weniger gutwillig gebeugt, brauchten auch auf Jnveſtitur mit Ring und Stab nicht zu ver - zichten, weil dieſe Form bei ihnen niemals üblich geweſen war. Um ſo mehr Schwierigkeiten machten dafür die Erzbiſchöfe. Die Rolle des Reimſers ſpielte hier der von Narbonne, neben ihm der von Arles. Sie haben zähen Widerſtand geleiſtet und lange Kämpfe verurſacht. Zuletzt aber war der Papſt doch der ſtärkere. Für ihn arbeiteten neben Hugo von Die der Biſchof Amatus von Oloron und der mächtige Einfluß des Kloſters von Sankt Viktor in Marſeille, das die ganze Küſte des Löwengolfes entlang und weit hinein ins Hinterland Kirchen und Klöſter beherrſchte. Die Äbte dieſes Kloſters, das Brüderpaar aus dem Grafenhaus von Milhaud, erſt Bernhard, dann nach deſſen Tode (1079) Richard, dieſer zugleich Kardinal und Abt von Sankt Paul in Rom, wurden mehr und mehr zu bevorzugten Werkzeugen des Papſtes.
Dieſelben Männer waren es auch, die dem Papſt zu einem großen Er - folg in Spanien verhalfen. Wir erinnern uns, daß von den ſpaniſchen Chriſtenreichen das kleinſte, Aragon, ſchon den römiſchen Gottesdienſt angenommen und ſich dem Schutz Sankt Peters unterſtellt hatte*)Siehe oben S. 336.. Die beiden größeren, Kaſtilien und Navarra, ſtanden noch zurück. König Alfons von Kaſtilien, von ſeiner Gemahlin, einer Tochter des Grafen von Poitou und Nichte der Kaiſerin Agnes, beeinflußt, hatte zwar ſchon in den Anfängen Gregors VII. ſeine Ergebenheit und Bereitwilligkeit zur Einführung des römiſchen Ritus erklärt, aber die Erfüllung der Zu - ſage fiel ihm nicht leicht, Geiſtlichkeit und Volk ſträubten ſich dagegen, die alte nationale Form des Gottesdienſtes aufzugeben. Gregor drängte und mahnte: Spanien ſei von Rom aus bekehrt und müſſe nach langer Verirrung zur Mutter zurückfinden, die nicht wolle, daß ihre Kinder384Spanienmit verſchiedener Milch genährt würden. Der Erfolg kam nur ſchritt - weiſe. Jm Jahr 1075 war bereits ein Teil des Klerus zum römiſchen Ritus übergegangen, bei feſtlichem Anlaß wurde damals am Königs - hof die Meſſe ſowohl nach römiſcher wie nach toledaniſcher Weiſe gefeiert. Ein vertriebener Biſchof konnte bei Gregor ſeine Wiederein - ſetzung erkaufen, indem er die Annahme des römiſchen Ritus verſprach. Auf dieſer Forderung beſtand der Papſt mit ſeiner ganzen Unerbittlich - keit, Duldung abweichender Formen, wie „ die Kinder des Todes “ſie begehrten, wies er weit von ſich. Der Kampf muß im Lande ſcharf geweſen ſein, da man zu der merkwürdigen Auskunft griff, die Entſchei - dung durch Gottesgericht zu erzielen. Am Palmſonntag 1077 kämpften zwei Ritter, der eine für Toledo, der andere für Rom, der Vertreter Toledos ſiegte, der König aber war ſchon ſo weit für Rom gewonnen, daß er das Gericht für ungültig erklärte. Endlich im nächſten Jahr tat er unter dem Einfluß zweier Legaten — der eine war Amatus von Oloron — den entſcheidenden Schritt. Zu 1078 verzeichnet die ſpaniſche Chronik kurz und trocken: „ Das römiſche Geſetz hielt ſeinen Einzug in Spanien. “ Mit gehobenen Worten konnte Gregor dem König danken: „ Deiner Zeit war es vorbehalten, die Wahrheit und das Recht Gottes anzuer - kennen, die Deine Vorgänger ſo lange in blinder Unwiſſenheit und hart - näckiger Vermeſſenheit nicht beſaßen. “ Zu ſeinem Schutz ſandte er ihm einen goldenen Schlüſſel, der Teile von den Ketten Petri enthielt. Dem Beiſpiel Kaſtiliens iſt Navarra gefolgt, überall im chriſtlichen Spanien war die Kirche bald der römiſchen angeſchloſſen, und der Papſt regierte die erſt mangelhaft geordnete als ihr oberſter Biſchof wie ein neube - kehrtes Gebiet.
Die Erfolge in der Ferne werden Gregor in der Überzeugung beſtärkt haben, daß er in ſeiner näheren Umgebung etwas wagen dürfe. Drei Jahre waren ſeit Canoſſa im Abwarten und Beobachten vergangen, nachgerade ſchien es Zeit, die Entſcheidung herbeizuführen. Daß ſie auf dem Schlachtfeld fallen müſſe, ſtand für Gregor feſt. Er hatte gerüſtet, aus den Abgaben und Geſchenken der Anhänger in Deutſchland, Frank - reich, Spanien einen Kriegsſchatz geſammelt, Truppen geworben und ein Heer aufgeſtellt. Der Amtseid, den er den Patriarchen von Aquileja zu Anfang 1079 ſchwören ließ, enthielt nach den altüblichen Verpflich - tungen zum Gehorſam den bezeichnenden Zuſatz: „ Die römiſche Kirche385Abſetzung Heinrichs IV. werde ich, wenn aufgefordert, mit weltlicher Kriegsmacht getreulich unterſtützen. “ Mit dieſen Streitkräften und denen der Gräfin Mathilde getraute er ſich, die Gegner in Oberitalien zu überwinden. Von Deutſch - land war nichts zu befürchten, die Niederlage, die Heinrich IV. im Januar 1080 in Thüringen erlitt, hatte den Beweis erbracht, daß auch dort die päpſtliche Partei der königlichen mindeſtens gewachſen, wenn nicht überlegen war. Der Augenblick ſchien gekommen, die Neutralität aufzugeben und ſelbſt in den Kampf einzugreifen, in dem der Sieg winkte.
Zu Anfang 1080 war in Rom die übliche Jahresſynode verſammelt. Gregor wiederholte und verſchärfte auf ihr das Verbot der Jnveſtitur durch Laienhand, das wir ſchon kennen, und erließ die ergänzende Be - ſtimmung über die Form der Biſchofswahl. Er beſtätigte Abſetzung und Ausſchluß Tedalds von Mailand und Wiberts von Ravenna, ver - hängte die gleichen Strafen über den Erzbiſchof von Narbonne, verſagte den Normannen, wenn ſie ihre Eroberungen auf Koſten des Kirchen - ſtaats fortſetzen würden, die Gnade Sankt Peters und verbot ihnen das Betreten der Kirchen. Den Höhepunkt bildete die Erklärung, in der der Papſt offen gegen Heinrich IV. Stellung nahm.
Es geſchah wie vor vier Jahren in Form einer Anrufung der Apoſtel Petrus und Paulus. Gregor warf zunächſt einen Rückblick auf den bis - herigen Verlauf der Dinge, der ihn als Märtyrer erſcheinen ließ: wie er nur gezwungen ſein ſchweres Amt auf ſich genommen und in ihm zur Zielſcheibe von Angriffen der „ Glieder des Teufels “geworden, wie die Könige, die Fürſten der Welt und der Kirche, Hofleute und gemeines Volk ſich gegen den Herrn und ſeine Geſalbten zuſammengetan und ihn zu töten oder zu vertreiben geſucht. Vor andern hat „ Heinrich, den ſie König nennen “, Eide und Verſprechungen nicht gehalten, Schlichtung und Richterſpruch, zu denen ſein Gegner Rudolf ſtets bereit war, ver - eitelt und ſich ſchon dadurch den angedrohten Ausſchluß zugezogen. Darum wird er jetzt mit dem Fluch gefeſſelt und ihm im Namen Gottes und der Apoſtel die Regierung ſeines Reiches und alle königliche Würde genommen, und werden alle, die ihm geſchworen, von ihren Eiden ent - bunden. Rudolf dagegen wird, ebenfalls im Namen der Apoſtel, das Reich übertragen, damit er es in ihrer Treue lenke und verteidige. Die ihm anhängen, erhalten Losſprechung von allen Sünden mit dem Segen der Apoſtel in dieſem und jenem Leben. „ Denn wie Heinrich wegen Hoch - muts, Ungehorſams und Falſchheit mit Recht von ſeiner Würde herab -Haller, Das Papſttum II1 25386Abſetzung Heinrichs IV. geſtürzt wird, ſo wird Rudolf um ſeiner Demut, ſeines Gehorſams und ſeiner Wahrhaftigkeit willen die Macht und Würde des Königreichs verliehen. “ Mit feierlichem Schwung ſchließt Gregor: „ Auf nun, ihr heiligſten Väter und Fürſten, laſſet alle Welt einſehen und erkennen, daß, wenn ihr im Himmel löſen und binden könnt, ihr die Macht habt auf Erden, Kaiſertümer, Königreiche, Fürſtentümer, Herzogtümer, Mar - ken, Grafſchaften und aller Menſchen Beſitzungen einem jeden nach Verdienſt zu nehmen und zu geben. Oft habt ihr Patriarchate, Primate, Erzbistümer und Bistümer den Schlechten und Unwürdigen genommen und frommen Männern gegeben. Wenn ihr nun über geiſtliche Dinge richtet, welche Macht muß man euch im Weltlichen zuſchreiben? Und wenn ihr die Engel richten werdet, die über alle ſtolzen Fürſten gebieten, was dürft ihr nicht gegen ihre Knechte tun? Lernen ſollen jetzt die Könige und alle Fürſten der Welt, wie groß ihr ſeid, was ihr vermögt, fürchten ſollen ſie ſich davor, die Befehle eurer Kirche zu mißachten. Vollſtrecket an Heinrich euer Urteil ſo ſchnell, daß alle wiſſen, er ſei nicht durch Zu - fall, ſondern durch eure Macht geſtürzt und vernichtet, und möge es ihm zur Buße ſein, damit ſeine Seele gerettet werde am Tage des Herrn. “
Es muß ein unvergeßlicher Eindruck für alle geweſen ſein, die dieſe Worte in der ehrwürdigen Baſilika des Lateran erklingen hörten. Uns laſſen ſie einen Blick tun in das Jnnerſte von Gregors Denken und Wollen, in die Auffaſſung, die er von ſeinem Amt hegte. Aus jedem Satz ſpricht zu uns das Selbſtgefühl eines Menſchen, der in dem Be - wußtſein überirdiſcher Sendung ſich berufen und befähigt glaubt, der Welt unumſchränkt zu gebieten. Wie leicht macht er es ſich mit der Begründung ſeines Urteils über Heinrich! Kaum iſt jemals ein ähnlich ſchwerwiegender Spruch auf ſchmälerer Grundlage aufgerichtet wor - den. Hochmut und Ungehorſam ſind Heinrichs Verfehlung, Demut und Gehorſam hat Rudolf bewieſen, alſo verliere Heinrich das Königreich und Rudolf nehme es in Beſitz — kann man das noch den Spruch eines Richters nennen, der ſich bemüht, das Recht zu finden? Jſt es nicht vielmehr die Verfügung eines Herrſchers, der den Anſpruch erhebt, daß ſein Befehl Geſetzeskraft habe und ſein Wille Begründung genug ſei? Wie tritt doch die Kirchenſtrafe des Ausſchluſſes und der Verfluchung zurück hinter den Sätzen, in denen das Königreich dem einen abge - ſprochen, dem andern zugewieſen wird! Jn ihrer harten, unerbittlichen387WeltherrſchaftsgedankeFormung fordern ſie zu der Deutung heraus, daß es Gregor nicht einmal ſo ſehr, jedenfalls nicht nur darum zu tun iſt, die Verfehlung Heinrichs IV. zu ſühnen, mindeſtens ebenſo wichtig iſt es ihm, an einem Beiſpiel, das alle Welt ſich merken ſoll, zu zeigen, wie weit ſein Recht und ſeine Macht reichen.
Er denkt ſie ſich ſchlechthin ſchrankenlos. Sankt Peter und Paul gehört die ganze Welt, ſie leben und handeln auf Erden im Papſt, der folglich in ihrem Namen über alle Lande und jeglichen Beſitz verfügen kann wie über ſein Eigen, zum Schaden der Gottloſen und zum Vorteil der Frommen. Wer erſchrickt nicht, wenn er ſich vorſtellt, welche un - geheure Machtfülle und welche Verantwortung einem Einzelnen mit dieſer Behauptung zugeſprochen und aufgebürdet iſt! Für Gregor iſt es eine ſo einfache Sache, daß er ſich bei der Begründung nicht aufhält. Ein einfacher Schluß a fortiori, vom Höheren auf das Geringere, genügt ihm: die Apoſtel verfügen über geiſtliche Dinge, alſo dürfen ſie es erſt recht über weltliche tun. Auf dieſen einzigen Gedanken, dieſen kurzen Satz iſt die Weltherrſchaft des Papſtes gebaut.
Gregor hätte es ſchwer gehabt, andere Beweiſe, ſei es aus Vorgängen der Geſchichte oder aus der Bibel, den Kirchenvätern und dem kirch - lichen Recht, beizubringen. Er hätte nirgends welche gefunden. Denn was er ausſprach, hatte noch niemand gedacht, geſchweige denn zu behaupten gewagt. Er ſelbſt hatte ſich nicht von jeher ſo hoch verſtiegen. Jm Diktat von 1075 ſteht noch nichts davon. Zum erſtenmal klingt der Gedanke an in einem Schreiben an den König von Aragon vom 20. März 1074, wo Sankt Peter genannt wird als der, „ den der Herr Jeſus Chriſtus, der König der Ehren, zum Fürſten über die Reiche der Welt geſetzt hat “. Aber noch iſt man nicht ſicher, ob damit mehr als eine geiſtliche Herr - ſchaft über die Gewiſſen der Regierenden behauptet werden ſoll. Ähnlich doppelſinnig ſpricht Gregor ſich auch ſpäter mehrfach aus; ſo wenn er (im April 1075) den Dänenkönig darauf hinweiſt, das Geſetz der römi - ſchen Biſchöfe habe mehr Länder unterworfen als das der Kaiſer, oder (im Oktober 1079) an Alfons von Kaſtilien: „ Dem heiligen Petrus hat der allmächtige Gott alle Fürſtentümer und Gewalten des Erdkreiſes unterworfen, indem er ihm das Recht verlieh, zu binden und zu löſen im Himmel und auf Erden. “ Aber man fühlt, wie der Anſpruch im Kampfe wächſt und ſich härtet: ſchon 1076 / 1077 tritt in Kundgebungen nach Deutſchland die Behauptung auf: „ Wenn der Stuhl des heiligen388WeltherrſchaftsgedankePetrus Himmliſches und Geiſtliches löſt und richtet, um wieviel mehr Jrdiſches und Weltliches. “ Damit iſt ſchon beinahe die Form gefunden, mit der Gregor auf der Synode 1080 die ganze Weltöffentlichkeit be - kannt machte. Etwas anders gewendet, womöglich noch ſchärfer zuge - ſpitzt lautet ſie bald (1081) in einem Schreiben nach Deutſchland, das zu weiteſter Verbreitung beſtimmt iſt: „ Soll der, dem die Macht ge - geben iſt, den Himmel zu ſchließen und zu öffnen, nicht über die Erde verfügen dürfen? Das ſei ferne! “
Das Recht Sankt Peters auf Beherrſchung der Welt anerkannt zu ſehen, iſt Gregors Beſtreben. Wo immer ſich Gelegenheit dazu bot, hat er die Forderung angemeldet. Dabei macht es ihm nichts aus, ſich ſelbſt zu widerſprechen und für das Eigentum des Apoſtels, das doch nach ſeiner Anſicht alle Länder ohne Ausnahme umfaßt und aus der Verfügung über den Himmel ſich von ſelbſt ergibt, von Fall zu Fall beſondere irdiſche Rechtstitel geltend zu machen. Auf die Echtheit der Beweiſe kommt es ihm dabei nicht an. Gefälſchte Zeugniſſe, nach denen Karl der Große in ſeinem Reich jährlich 1200 Pfund zum Beſten des päpſtlichen Stuhles habe ſammeln laſſen, geben ihm Anlaß, eine Jahresſteuer von jedem Hauſe in Frankreich zu fordern. Sachſen ſoll Karl dem heiligen Petrus dargebracht haben, Ungarn iſt Eigentum Sankt Peters, weil König Stefan einſt eine Krone aus der Hand Silveſters II. empfangen und Kaiſer Heinrich III. nach Beſiegung des Landes Krone und Lanze nach Rom geſandt hat. Daß Spanien kraft der gefälſchten Schenkung Konſtantins des Großen als altes Eigentum Sankt Peters in Anſpruch genommen wird, erwähnten wir bereits.
Für die Anerkennung päpſtlicher Oberhoheit gab es nach den Rechts - begriffen der Zeit keine andere Form als Vaſſallenhuldigung und Lehns - nahme. Sie war zum erſten Male angewandt worden von den Nor - mannenfürſten Unteritaliens im Jahre 1059. Gregors unausgeſproche - nes Ziel war es, daß alle chriſtlichen Herrſcher dieſem Beiſpiel folgen ſollten. Wie er die Gelegenheit gegenüber einem vertriebenen Ruſſen - fürſten benutzt hat, ſahen wir ſchon. Wirkung hatte das nicht. Den König von Dänemark zur förmlichen Huldigung zu beſtimmen, gelang nicht. Vollſtändig war dagegen der Erfolg in Kroatien, wo Fürſt Zwo - nimir im Jahre 1076 aus der Hand päpſtlicher Legaten Königskrone und Belehnung mit Fahne, Zepter und Schwert empfing und das Ge - lübde unverbrüchlichen Gehorſams und eines Jahreszinſes von 200 Gold -389Weltherrſchaftsgedankeſtücken ablegte. Verhandlungen mit dem Fürſten der Serben hatten das gleiche Ziel, kamen aber nicht zum Abſchluß. Zu Vaſſallendienſt und Lehnszins verpflichtete ſich im Jahr 1077 der Graf von Beſalu in den Pyrenäen. Wertvoller war die Huldigung, zu der ſich im Jahre 1081 der Graf der Provence verſtand, indem er den Apoſtelfürſten und Papſt Gregor ſeine Grafſchaft nebſt allen ihr unterſtehenden Kirchen dar - brachte. Lebhaft muß der Widerſtand geweſen ſein, den der Anſpruch des Papſtes in Kaſtilien fand, da ein Echo davon ſich bis in die Lieder von den Taten des jungen Cid verirrt hat. Mit Entrüſtung wird hier die Forderung des Jahreszinſes zurückgewieſen:
Möge Gott euch übel lohnen, Papſt zu Rom, Daß Jhr jährlich Zins zu zahlen mir befahlt! uſw.
Weniger geräuſchvoll, aber nicht weniger deutlich war die Ablehnung in England. Als Gregor im Mai 1080 durch einen Legaten an die längſt geſchuldete Lehnshuldigung erinnern ließ, antwortete Wilhelm kurz an - gebunden, er habe keine Huldigung verſprochen und werde keine leiſten, wie auch ſeine Vorgänger keine geleiſtet hätten. Erzbiſchof Lanfrank, den der Papſt erſucht hatte, die Forderung zu unterſtützen, entſchuldigte ſich: er habe ſein möglichſtes getan, aber nichts erreicht.
Kein Zweifel, daß es Gregors Abſicht war, auch den deutſchen König zu Lehnsnahme, Zins und Huldigung zu vermögen. Es war das letzte, vielleicht noch nicht offen ausgeſprochene, aber ſtets feſtgehaltene Ziel der Verhandlungen, die während dreier Jahre mit Heinrich IV. und Rudolf von Schwaben geführt wurden. Jn der öffentlichen Erklärung vom 7. März 1080 trat es unverhüllt hervor: durch Entziehung und Ver - leihung der Königswürde nahm Gregor die Unterwerfung vorweg, von Rudolf erwartete er, daß er das anerkennen werde.
Jn voller Zuverſicht ſah er der kommenden Entſcheidung entgegen, ſo ſicher fühlte er ſich ſeiner Sache, daß er ſich nicht ſcheute, den eigenen Erfolg als gewiß zu weisſagen. Bei der Abſetzung Heinrichs hatte er kraft ſeiner apoſtoliſchen Vollmacht den Gegnern den Sieg abge - ſprochen. Jetzt verkündigte er in einer Rede vor verſammeltem Volk den ſicheren Untergang Heinrichs bis zum Feſt Sankt Peters.
Zu den Maßnahmen, die ihn vorbereiten ſollten, gehörte Frieden und Ausgleich mit den Normannenfürſten. Daß Gregor ihnen gegenüber zu〈…〉〈…〉391Abſetzung Gregors VII. — Clemens III. Vorgeben, dem rechtmäßigen Kaiſer wieder auf den Thron helfen zu wollen, wurde jetzt der Krieg eröffnet. Angeblich befand ſich der Ent - thronte ſogar beim Heere Roberts. Es war ein Betrüger, der ſich dazu hergab, die Rolle des falſchen Michael zu ſpielen. Gregor iſt von allem unterrichtet geweſen und hat des Herzogs Abſichten unterſtützt. Er kam damit auf die Pläne zurück, die im Beginn ſeiner Regierung im Vorder - grund geſtanden hatten. Begreiflich genug: der Sieg des Normannen mußte ihm die Unterwerfung der griechiſchen Kirche unter Rom bringen, und dann war die Befreiung des Heiligen Grabes kein ferner Traum mehr.
Jnzwiſchen hatte Heinrich IV. dem Papſt die Antwort auf den Spruch vom 7. März erteilt. Zum Pfingſtfeſt (31. Mai) traten in Mainz neunzehn deutſche Biſchöfe zuſammen und ſprachen über Gregor die Abſetzung aus. Drei Wochen ſpäter (25. Juni) wiederholte eine gemiſchte Synode von dreißig deutſchen und italiſchen Biſchöfen in Brixen in Anweſenheit des Königs das Urteil, begründet mit den furchtbarſten Beſchuldigungen, wie Anſtiftung zu Raub, Brand, Mein - eid und Totſchlag, Jrrlehre und Zauberei. Dann ging man weiter vor und wählte Wibert, den Erzbiſchof von Ravenna, an Stelle des Ab - geſetzten zum Papſt. Er nannte ſich, wohl in Erinnerung an den erſten der deutſchen Reformpäpſte, Clemens III. Man hätte keinen Beſſern finden können, an Klugheit, Bildung und Geſinnung ragte er nach dem Zeugnis ſelbſt der Feinde weit hervor. Gegen ihn mußten die Waffen Gregors ſich richten; gelang es ihm, den Gegner in Ravenna zu fangen oder dem Flüchtenden ſein Erzbistum zu entreißen, ſo hatte er geſiegt. Sogleich ſprach er über Wibert Fluch und Abſetzung aus, für den Herbſt bot er alle Getreuen Sankt Peters auf zum Feldzug gegen Ravenna. Wenn er ſelbſt von Süden, Gräfin Mathilde von Norden her angriff, ſo ſchien der Erfolg nicht zweifelhaft.
Es kam ganz anders, und ehe das Jahr zu Ende ging, wußte die Welt, daß das Blatt ſich gewandt hatte und Gregor VII. aus dem Angriff in immer mühevollere Verteidigung gedrängt war, die ſchließlich in völ - ligem Zuſammenbruch enden ſollte.
Zunächſt ſcheiterte der Feldzugsplan des Papſtes. Von den königstreuen Lombarden angegriffen, mußte das Heer Mathildens, anſtatt gegen Ra - venna zu marſchieren, ſich zur Abwehr wenden und wurde am 15. Ok -392Heinrich IV. vor Romtober 1080 bei Volta im Mantuaniſchen entſcheidend geſchlagen. Der Tag bedeutete das Ende der Pataria, nur der Name hat weitergelebt als Bezeichnung einer Sekte, die für der Ketzerei verdächtig galt. Am gleichen 15. Oktober fiel auch in Deutſchland die Entſcheidung anders, als Gregor erwartete. Bei Hohenmölſen unweit Zeitz wurde Heinrich IV. zwar ge - ſchlagen, aber die Niederlage war mehr als aufgewogen durch den Tod des Gegenkönigs, der noch am Abend des Schlachttags an ſeinen Wun - den ſtarb. Auf den Sinn der Zeitgenoſſen mußte es Eindruck machen, daß ihm die rechte Hand abgehauen war, mit der er einſt ſeinem König Treue geſchworen hatte. Seine Partei hinterließ er führerlos, in ihren Reihen war niemand, der an die Stelle des Verſtorbenen hätte treten können. Vierzehn Monate hat es gedauert, bis ſich im Grafen Hermann von Luxemburg einer fand, der die Rolle des Gegenkönigs übernahm, aber ohne ſie ſpielen zu können. Gregor indes hat ſich nicht irre machen laſſen, ſogar die Formel vorgeſchrieben, nach der der künftige König ihm ſchwören ſollte, um anerkannt zu werden: Treue dem heiligen Petrus und ſeinem Stellvertreter Papſt Gregor, rechten Gehorſam allen ſeinen Befehlen; Fügſamkeit in Sachen der Biſchofswahlen ſowie der Be - ſitzungen und Einkünfte der römiſchen Kirche; Vaſſallenhuldigung bei erſter perſönlicher Begegnung. Ob der Eid geſchworen wurde, wiſſen wir nicht. Heinrich IV. hat dieſen Gegner nicht ernſt genommen, er überließ ihn ſeinem künftigen Schwiegerſohn, dem jungen Herzog von Schwaben, Friedrich von Staufen, und eilte ſelbſt im Frühjahr 1081 mit Heeresmacht über die Alpen, um mit dem Hauptfeind abzurechnen. Zu Oſtern (4. April) war er in Verona und ſammelte die oberitaliſchen Anhänger, dann ging es über den Apennin nach Toskana. Nirgends fand er Widerſtand. Mathildens Kräfte waren durch die Niederlage bei Volta gebrochen, Aufſtände kamen hinzu, man gehorchte ihr nicht mehr, hielt ſie für verrückt. Sie hat ſich auf ihre Burgen zurückgezogen und dem Vormarſch des Königs kein Hindernis bereitet.
Gregor hatte zunächſt an die Gefahr nicht glauben wollen. Den Frieden, zu dem der König bereit war und die eigenen Anhänger dräng - ten, wies er geringſchätzig zurück und gab ſeinen Vertrauensmännern in Deutſchland Weiſungen für die neue Königswahl. Auf der Jahres - ſynode in der Faſtenzeit wiederholte er die Ausſchließung Heinrichs und ſeiner Anhänger. Die Hauptſache ſchien ihm, den Bürgerkrieg in Deutſchland nicht erlöſchen zu laſſen. Um die Freunde in ihrer Geſinnung393Heinrich IV. vor Romzu feſtigen, ſandte er dem getreuen Biſchof Hermann von Metz eine zur Verbreitung beſtimmte ausführliche Rechtfertigung ſeines Ver - fahrens. Mit allen zur Verfügung ſtehenden Gründen wandte er ſich gegen den nie verſtummenden Vorwurf, daß er nicht befugt geweſen ſei, den König auszuſchließen und die Eide der Untertanen zu löſen. Schon näherte Heinrich ſich Rom, aber von Nachgeben wollte Gregor nichts wiſſen: des Königs Drohungen wie Lockungen machten ihm keinen Ein - druck, lieber wollte er ſterben, als die gerechte Sache aufgeben. Aber er erkundigte ſich doch, ob nicht Herzog Robert ihm für den bevorſtehenden Kampf Unterſtützung ſchicken würde. Robert war ſchon zu tief in ſein großes Unternehmen verſtrickt, eben jetzt ſtach er in See zur Eroberung des griechiſchen Reiches. Allein ſtand der Papſt dem Angriff des Königs gegenüber, der Ende Mai 1081 vor Rom erſchien.
Daß die Großſtadt mit ihren ſtarken Mauern nicht im Sturm zu erobern ſei, wenn ſie verteidigt wurde, wußte Heinrich, darum wandte er ſich mit einer Kundgebung an die Römer, um ſie vom Papſt zu trennen. Aber ſeine Berufung auf ihre angeſtammte Ergebenheit fand keinen Widerhall. Als die heiße Zeit mit der Fiebergefahr nahte, mußte er ab - ziehen und benutzte den Reſt des Jahres, um in Spoleto durch Einſetzung eines Herzogs ſeine Oberhoheit wiederherzuſtellen und im übrigen König - reich ſeine Macht zu befeſtigen. Über Mathilde wurde die Acht ver - hängt, ihr Beſitz, ſoweit es möglich war, eingezogen. Jm nächſten Früh - jahr wiederholte der König den Angriff auf Rom. Diesmal ließ er ein längeres Schriftſtück vorausgehen, worin er die Römer wiederum an ihre alte Kaiſertreue mahnte, zugleich aber Verhandlung und Schieds - gericht mit „ Hildebrand “unter ihrer Teilnahme anbot. Er hatte keinen Erfolg, noch beherrſchte Gregor ſeine Stadt, nur die Nachbarn konnte er nicht mehr halten. Die Sabina unterwarf ſich dem König, Kloſter Farfa benutzte die Gelegenheit, wieder reichsunmittelbar zu werden, und Jordan von Capua fiel ab. Die Herrſchaft der Normannen im eroberten Lande ſaß noch lange nicht feſt, jeden Augenblick drohten Aufſtände der Untertanen. Auch jetzt warteten viele nur auf das Erſcheinen des Königs, um ſich zu erheben. Darauf wollte der Fürſt es nicht ankommen laſſen und beugte vor, indem er ſich Heinrich näherte. Zu Oſtern 1082 vollzog er den Übergang, erſchien im Hauptquartier des Königs in Albano bei Rom und empfing von ihm die Belehnung. Dieſem Beiſpiel folgte das Kloſter Montecaſſino, die größte der Grundherrſchaften Unteritaliens,394Gregors wachſende Bedrängnisein kleines Fürſtentum. Abt Deſiderius hatte bisher zu den Vertrauens - männern des Papſtes gehört, jetzt ließ er ihn im Stich, aus Furcht, der König könne das Kloſter dem Fürſten von Capua überlaſſen. Auch er kam nach Albano und unterwarf ſich. Alle Mühe wendet der Geſchicht - ſchreiber des Kloſters auf, um glauben zu machen, der Abt habe den un - mittelbaren Verkehr mit dem ausgeſchloſſenen König zu vermeiden und ſich der Jnveſtitur zu entziehen gewußt. Jhn widerlegt das große könig - liche Privileg, das der Abt heimbrachte, worin dem Kloſter alle Be - ſitzungen und Rechte beſtätigt wurden: Heinrich hätte es gewiß nicht hergegeben ohne förmliche Unterwerfung. Das beſtätigt uns Gregor VII. ſelbſt: am Tage des Täufers, den 24. Juni, verhängte er über den Für - ſten und den Abt den Ausſchluß aus der Gemeinſchaft wegen Verkehrs mit dem verfluchten König.
Heinrich mied auch dieſes Mal in der heißen Jahreszeit die Nähe Roms, ließ aber den Gegenpapſt in Tivoli zurück, um durch ihn die Beob - achtung der Stadt fortſetzen zu laſſen. Hier begann allmählich der Krieg ſeine Wirkung zu tun. Die Regierungstätigkeit des Papſtes kam ins Stocken. Noch war er nicht abgeſchnitten, konnte Beſuche empfangen und Boten ausſenden. Aber das Verſiegen ſeiner Briefſtellerei und die einreißende Unordnung in ſeiner Kanzlei zeigen deutlich, wie ihm die Fühlung mit der Außenwelt verlorenging. Jm Frühjahr 1082 hat er keine Synode mehr gehalten. Dazu kam als Schlimmſtes, daß ihm das Geld ausging. Die Pilger blieben fort, die laufende Einnahme, die ihre Geſchenke brachten, fiel aus, die Zahlungen von auswärts ſtockten. Um die Ebbe in der Kaſſe zu bekämpfen, griff der Papſt zu ungewöhnlichen Mitteln. Damals hat er die früher erwähnte Hausſteuer in Frankreich gefordert, damals auch einen Zins von Schweden, Dänemark und Nor - wegen; beides ſchwerlich mit Erfolg. Gräfin Mathilde, die getreue, ſuchte zu helfen, indem ſie den ganzen Schatz ihrer Hauskapelle in Canoſſa einſchmelzen ließ und den Erlös, 9 Pfund Gold und 700 Pfund Silber, nach Rom ſchickte. Aber auch das genügte natürlich nicht, und als Gregor zu Beſchlagnahme und Verpfändung des Beſitzes der römi - ſchen Kirchen ſchritt, ſtieß er auf Widerſpruch. Die Geiſtlichkeit, Biſchöfe und Kardinäle voran, beſchloß einſtimmig, „ die geheiligten Güter der Kirchen dürften nicht für weltlichen Krieg, ſondern nur für Almoſen, Gottesdienſt und Loskauf von Gefangenen verwendet werden “. Gregor wird ſich kaum dadurch haben abhalten laſſen. Eine dringende395Gregors wachſende BedrängnisMahnung an Robert Guiscard, ſich ſeiner beſchworenen Vaſſallen - pflicht zu erinnern, hatte keinen Erfolg. Aus den Anfängen einer viel - verſprechenden Siegeslaufbahn — Ende Februar 1082 war Durazzo gefallen — hatte Robert heimkehren müſſen, um einen gefährlichen Auf - ſtand ſeiner Vaſſallen zu unterdrücken. Er konnte vorerſt nicht helfen.
Während Gregors Kräfte ſchwanden, hoben ſich die des Gegners. Wertvolle Hilfe kam Heinrich aus dem Oſten. Jn Konſtantinopel war Nikephoros durch den beſten der Feldherrn, Alexios Komnenos, ver - drängt, und der neue Kaiſer faßte den Plan, Robert Guiscard im eigenen Lande durch den deutſchen König zu feſſeln, der ſeinerſeits in Robert den Bundesgenoſſen Gregors zu ſehen hatte. Griechiſche Geſandte meldeten ſich bei Heinrich, brachten reiche Geſchenke und koſtbare Reliquien und trugen ein Bündnis an. Heinrich zauderte nicht; was konnte ihm will - kommener ſein als die Ausſicht auf griechiſche Hilfsgelder? Jn ſeinem Auftrag ging ein deutſcher Graf nach Konſtantinopel, um den Vertrag vorzubereiten. Jnzwiſchen ſcheiterte ein Verſuch des Gegenkönigs, Gre - gor Hilfe zu bringen, völlig. Hermann gelangte zwar bis nach Schwaben, aber nicht weiter, und für Sperrung der Alpenpäſſe hatte Heinrich ohne - hin geſorgt. So blieb der Gegenkönig dauernd auf Sachſen beſchränkt, und in Jtalien überwog Heinrichs Partei noch mehr.
Das Jahr 1083 ſchien die Entſcheidung bringen zu ſollen. Heinrichs Streitkräfte waren jetzt ſo weit vermehrt, daß er im Frühling die Ein - ſchließung Roms unternehmen konnte. An Entſatz war nicht zu denken, Robert noch immer durch eigene Bedrängnis feſtgehalten. Eine bedeu - tende Geldſumme hatte er immerhin dem Papſt geſandt, angeblich 30000 Denare, die es erlaubten, den Widerſtand fortzuſetzen. Wieder - holte Sturmverſuche, die Heinrich unternehmen ließ, ſcheiterten, aber ein Ausfall der Belagerten mißlang ebenſo. Die Stimmung in der Stadt wurde immer ſchlechter, und am 3. Juni glückte es den Königlichen, die mangelhaft bewachte Mauer der Leoſtadt zu erſteigen und den Stadtteil mit der Peterskirche einzunehmen. Den Übergang aufs andere Ufer hinderte die Engelsburg, in der Gregor perſönlich die Verteidigung leitete. Jnzwiſchen war der Bund des Königs mit dem griechiſchen Kaiſer geſchloſſen und wurde ſofort wirkſam. Eine griechiſche Geſandt - ſchaft überbrachte außer reichen Geſchenken und wertvollen Waren 144000 Denare an barem Gelde mit der Ausſicht auf weitere 216000. Dies gab Heinrich die Möglichkeit, den Krieg mit Nachdruck fortzu -396Verhandlungenſetzen, zugleich aber Gregors Stellung in Rom ſelbſt durch Zahlungen und Verſprechungen zu untergraben. Als die Fieberzeit herannahte, zog er unter Zurücklaſſung einer Beobachtungstruppe ab, die Einſchließung der Stadt wurde aufrechterhalten. Jn ihr begann der Hunger im Verein mit dem Gelde des Königs zu wirken. Es gelang, die Häupter des Adels ſo weit für den König zu gewinnen, daß ſie von Gregor die Berufung einer Synode verlangten, die den Streit zwiſchen ihm und Clemens III. entſcheiden ſollte. Jnsgeheim verpflichteten ſie ſich dem König durch Eid, zu bewirken, daß Gregor ihn in beſtimmter Friſt zum Kaiſer kröne, oder einen andern Papſt nach dem Vorſchlag des Königs zu wählen. Worauf es Heinrich ankam, war die Anerkennung ſeiner Herrſchaft in Rom in Form der Kaiſerkrönung. Dafür wollte er das Opfer bringen, ſeinen Papſt fallen zu laſſen. Hatte er doch ſchon ein Jahr zuvor bei der Unter - werfung von Capua und Montecaſſino auf Anerkennung Clemens 'III. nicht beſtanden. Dieſer ſcheint auch keine Schwierigkeiten gemacht zu haben. Es iſt eine Äußerung von ihm überliefert, die alle Glaubwürdig - keit für ſich hat: er habe die päpſtliche Würde ungern übernommen und nur, weil anders das Reich für den König nicht zu retten geweſen wäre.
Während nun Heinrich in Oberitalien gegen Mathildens Beſitzungen vorging, begannen die Verhandlungen mit Gregor. Von königlicher Seite wurden ſie geführt durch den geriſſenen Biſchof Benno von Osna - brück, der es meiſterhaft verſtand, ſeinem König zu dienen, ohne mit Gregor zu brechen. Unermüdlich ritt er zwiſchen Rom und dem Haupt - quartier Heinrichs hin und her. Auch Abt Hugo von Cluny nahm ſich der Sache an. Er hatte dem König ſchon in Canoſſa aus der Not gehol - fen und ſcheute ſich auch jetzt nicht, bei Gregor ein gutes Wort für ihn einzulegen. Es war umſonſt. Alles, wozu Gregor ſich verſtand, war die Berufung der Synode, zu der Heinrich den Teilnehmern ſicheres Geleit verſprach. Aber ſchon die Ankündigung, zu der Gregor ſich herbeiließ, eröffnete ſchwache Ausſichten. Allen nicht ausgeſchloſſenen Geiſtlichen und Laien tat er ſeine Bereitwilligkeit kund, auf einer allgemeinen Synode an ſicherem Ort zu unterſuchen und feſtzuſtellen, wer an der Feindſchaft zwiſchen Kirche und Reich ſchuld ſei, damit der Friede wiederhergeſtellt und ſeine eigene Unſchuld an dem entſtandenen Zwie - ſpalt, insbeſondere an der Erhebung des Gegenkönigs, erwieſen werde. Die Ankündigung war ſo unbeſtimmt wie möglich, nannte weder Zeit noch Ort, machte aber ausdrücklich zur Bedingung, daß vorher der römi -397Verhandlungen. Abfall von Gregorſchen Kirche zurückgegeben werde, was ihr genommen ſei. Man kann es Heinrich nicht verdenken, daß er dieſe zweideutige Erklärung nicht für eine Erfüllung des Vertrags anſah. Geſandte der deutſchen aufſtändi - ſchen Fürſten, die zum Papſt wollten, auch einen Kardinalbiſchof ließ er gefangennehmen. Daraufhin kehrten andere, die ſchon nach Rom unterwegs waren, wieder um, und die Synode, die ſchließlich Ende No - vember in Rom tagte, brachte nicht, was man erwartet hatte. Nur eine Anzahl unteritaliſcher Biſchöfe und Äbte, auch einige wenige Fran - zoſen hatten ſich eingefunden. Was da vorgegangen iſt, erfahren wir nicht, außer daß Gregor nur mit Mühe davon abgehalten wurde, den Fluch gegen Heinrich zu wiederholen. Jm übrigen heißt es in der amt - lichen Aufzeichnung, der Papſt habe „ über Glaubensbekenntnis, chriſt - lichen Lebenswandel und die in derzeitiger Bedrängnis notwendige Gei - ſtesſtärke und Standhaftigkeit nicht mit menſchlichem, ſondern mit engelsgleichem Munde “gepredigt. Beſchlüſſe werden nicht gemeldet. Der Friede war alſo geſcheitert. Er ſcheiterte, weil Gregor forderte und von ſeinem Standpunkt aus fordern mußte, was Heinrich nie und nim - mer zugeſtehen konnte. Heinrich kam ihm ſehr weit entgegen: er war bereit, den Gegenpapſt zu opfern, Gregor anzuerkennen und von ihm die Kaiſerkrone zu empfangen. Gregor dagegen verlangte, daß der König zuvor öffentlich Buße tue. Den Unbußfertigen, mit ungeſühnter Schuld Beladenen loszuſprechen, war für ihn nach ſeinen Grundſätzen unmöglich; daß er auf öffentlicher Buße beſtand, entſprach ſeiner perſönlichen Na - tur. Ob noch andere Bedingungen geſtellt wurden, wiſſen wir nicht, dieſe eine genügte, um die Verſtändigung zu Fall zu bringen. Ein zweites Canoſſa auf ſich zu nehmen, hätte Heinrich ſich ſchwerlich erniedrigt, auch wenn ſeine Lage noch ſo ſchlimm geweſen wäre. Sie war das Ge - genteil: er hatte die Zuſage der römiſchen Großen in der Hand, er ſtand dicht vor dem vollſtändigen Siege, und es war ſchon viel, daß er ſich überhaupt zur Verſtändigung willig zeigte.
So kam das Jahr 1084 heran. Heinrich führte zunächſt einen Streif - zug nach Apulien aus, den er ſeinem griechiſchen Bundesgenoſſen ſchuldig war. Jm März rückte er vor Rom. Hier hatte Gregor die Zügel der Herrſchaft völlig verloren. Nicht nur faſt der ganze Adel wartete auf den Augenblick, dem deutſchen König das Verſprochene zu leiſten, auch die Mehrheit der Kardinäle, dreizehn an Zahl, verließen ihren Papſt, darunter einige, die er ſelbſt ernannt hatte, und die Beamtenſchaft ſchloß398Heinrich IV. in Rom. Kaiſerkrönungſich ihnen an. Am 21. wurden die Tore geöffnet, das Heer des Königs rückte ein. Drei Tage ſpäter, am Palmſonntag, fand eine Verſammlung von Volk und Geiſtlichkeit ſtatt, Hildebrand wurde für abgeſetzt erklärt und Wibert zum Papſt gewählt. Es war die Wiedergutmachung des Fehlers, den man mit der völlig regelwidrigen Brixener Wahl be - gangen hatte, an der als einziger Kardinal Hugo der Weiße beteiligt geweſen war. Der nunmehr in altherkömmlicher Form von Klerus und Volk nach dem Vorſchlag des König-Patritius gewählte Clemens III. wurde ſogleich im Lateran auf den Thron geſetzt und in Sankt Peter geweiht. Mit der Weihe hatte es einige Schwierigkeit, der Biſchof von Oſtia, der ſie zu vollziehen hatte, war Gregor treu geblieben und mußte durch die Biſchöfe von Arezzo und Modena erſetzt werden. Eine Woche ſpäter, am Oſterſonntag, krönte der neue Papſt ſeinen König zum römiſchen Kaiſer. Es ſah aus, als wiederholten ſich die Ereigniſſe von 1046, der Strom der Entwicklung ſchien in das alte Bett zurückzu - kehren, das er vor einem Menſchenalter verlaſſen hatte.
Aber ſo glänzend, wie er ſich dem oberflächlichen Betrachter darſtellte, war Heinrichs Erfolg keineswegs. Noch war Rom nicht ganz in ſeiner Hand, einige Adelsburgen, in denen man an Gregor feſthielt, waren nicht bezwungen, und in der uneinnehmbaren Engelsburg ſaß Gregor ſelbſt, unerreichbar und einſtweilen unüberwindlich in hartnäckigem paſſivem Widerſtand. Am ſüdlichen Horizont aber ballte ſich ein Ge - witter zuſammen. Robert Guiscard beendete ſoeben nach endgültiger Unterdrückung des Aufſtandes die umfaſſenden Rüſtungen, mit denen er den unterbrochenen Krieg gegen Konſtantinopel wieder aufzunehmen ge - dachte. Da ereilte ihn der dringende Hilferuf, den Gregor ihm auf ge - heimen Wegen zukommen ließ. Sobald er konnte, brach er auf, mit einem Heer, das die Zeitgenoſſen als gewaltig, als ungeheuer bezeichnen, und das jedenfalls die in jener Zeit übliche Stärke weit übertroffen haben muß. Jn Eilmärſchen näherte er ſich Rom, zu großem Kampf mit dem Kaiſer entſchloſſen. Dieſer jedoch, vom Abt von Montecaſſino gewarnt, war ausgewichen. Für eine offene Feldſchlacht viel zu ſchwach, konnte er es noch weniger darauf ankommen laſſen, in Rom eingeſchloſſen zu werden. Sein Hauptziel, die Kaiſerkrönung, hatte er ja erreicht. So zog er am 21. Mai ab nach Deutſchland und ließ nur Clemens mit Truppen im feſten Tivoli zurück.
Einige Tage ſpäter ſtand Robert mit ſeinem Heere vor Rom. Er399Gregors Befreiunghatte aufgeboten, was immer er in ſeinem Lande fand, eine wilde, beute - hungrige Maſſe, darunter nicht wenige Sarazenen aus Sizilien, die dem Kampf gegen das Mekka der Ungläubigen mit beſonderem Eifer entgegenſahen. Drei Tage ließ der Herzog die Stadt beobachten, dann, in der Frühe des 28. Mai, wurde der Angriff an drei Stellen zugleich eröffnet. Er führte ſofort zum Erfolg. Zwei Tore wurden erſtürmt, ein drittes von Anhängern Gregors geöffnet, der Papſt aus der Engelsburg befreit und im Triumph in den Lateran geführt. Wie nun die normän - niſch-ſarazeniſchen Truppen zu plündern begannen, die römiſche Bevöl - kerung ſich dagegen zur Wehr ſetzte, entbrannte die Straßenſchlacht. Jn der Bedrängnis griffen die Normannen dazu, die Häuſer in Brand zu ſtecken, und bald ſtanden zwei ganze Stadtteile in Flammen. Der Tag endete, wie nicht anders zu erwarten, mit dem Siege der Normannen, aber die Schandtaten, die ſie verübt, die Verwüſtungen, die ſie ange - richtet hatten, dazu der Mangel an Verpflegung in der ausgemordeten und ausgebrannten Stadt zwangen zu ſchleunigem Abzug. Ein Verſuch, Tivoli zu nehmen und den Gegenpapſt zu fangen, ſcheiterte, und Robert hatte Eile. Jhm ſchloß Gregor ſich an. Jn Rom war ſeines Bleibens nicht mehr, nach dem Vorgefallenen wäre er inmitten der empörten Bevölkerung ſeines Lebens nicht ſicher geweſen. Zum Aufenthalt wurde ihm Salerno angewieſen. Deutlicher konnte man ihn den Wandel ſeines Glückes nicht fühlen laſſen: die Stadt, deren Selbſtändigkeit er gegen die normänniſche Eroberung vor allem hatte ſchützen wollen und nicht ſchützen können, deren Name ſchon ihn an eine der empfindlichſten Schlappen ſeiner Politik erinnerte, jetzt diente ſie ihm als Zuflucht unter normänniſchem Schutz.
Hier lebte er nun als ein Vertriebener, einſam und verlaſſen, von wenigen Getreuſten umgeben. Seine letzte Hoffnung war, aus Spanien Geld zu erhalten, dorthin fertigte er einen Geſandten ab. Robert Guis - card, ganz beſchäftigt mit dem Krieg auf dem Balkan, überließ ihn ſeinem Schickſal, für ſeinen Unterhalt ſorgte der Abt von Monte - caſſino, von dem er die Strafe der Ausſchließung hatte nehmen müſſen. Den Anſchein päpſtlichen Regiments hielt er aufrecht, verſammelte einige benachbarte Biſchöfe um ſich und ſchleuderte aufs neue den Fluch gegen Heinrich IV. und Clemens III. Wie er in Wahrheit die eigene Lage empfand, zeigt der Hilferuf, den er „ an alle, die den apoſtoliſchen Stuhl wahrhaft lieben, “hinausgehen ließ. Es iſt ein Notſchrei und doch400Gregors Todzugleich ein Bekenntnis unerſchütterlichen Glaubens an die eigene Sache. Wie ſtets in ähnlichen Fällen wirft er alle Schuld auf die Feinde, die in ihm den Vorkämpfer des Rechts der Kirche verfolgen, wie ſeit Kon - ſtantin dem Großen niemand verfolgt worden iſt. Er geißelt die Lauheit der Freunde, die den Tod und die Feindſchaft der Menſchen fürchten, und ſchließt mit Bitte und Befehl an alle, die als gläubige Chriſten wiſſen, daß Petrus der Vater und Hirte und die römiſche Kirche die Mutter und Lehrmeiſterin aller Kirchen iſt: „ Stehet bei, eilet zu Hilfe eurem Vater und eurer Mutter, wenn ihr durch ſie Verzeihung für alle eure Sünden und Segen und Gnade in dieſem und im zukünftigen Leben zu finden wünſchet. “
Es war ſein letztes Wort, ſeine Rolle war ausgeſpielt. Am 25. Mai 1085, faſt genau ein Jahr nach ſeiner Befreiung, beſchloß er ſein Leben, ein Trauerſpiel, wenn es je eines gab, gewoben aus Schuld und Schick - ſal. Daß der völlige Zuſammenbruch ſeiner Macht herbeigeführt war durch Ereigniſſe auf dem Schlachtfeld, die ſich nicht vorausberechnen ließen, liegt auf der Hand. Ohne die Niederlage von Volta Mantovana und den Tod des deutſchen Gegenkönigs wäre alles anders gekommen. Aber wer hatte denn die Entſcheidung durchs Schwert herausgefordert, auf das Schlachtenglück ſich verlaſſen und des gewiſſen Siegs ſich ver - meſſen? Die Apoſtelfürſten hatte Gregor beſchworen, ihre Macht durch den Sturz der Gegner zu beweiſen. Damit hatte er ſich ſelbſt jeden Aus - weg abgeſchnitten, die rechtzeitige Verſtändigung mit dem Gegner, durch die er dem Verhängnis hätte entgehen können, unmöglich gemacht. Wie falſch, wie unklug das vom Standpunkt der Staatskunſt war, hat der Ausgang erwieſen. Auch ſonſt ſind der Fälle genug, die Gregor nicht als geſchickten Politiker zeigen. Es war etwas in ſeiner Natur, was es ihm ſchwer machte, ſich in den Grenzen des Möglichen zu halten. Die phantaſtiſchen Entwürfe der erſten Jahre, die falſche Behandlung der unteritaliſchen Dinge, die Zumutungen an die Könige von Kaſtilien und England, die gelegentlich geäußerte Abſicht, ſelbſt nach Spanien zu reiſen, um dort zum Rechten zu ſehen, in einem Augenblick (Juni 1080), wo in Jtalien alles auf des Meſſers Schneide ſtand, zuletzt noch die Steuerforderung in Frankreich, verraten einen auffallenden Mangel an Augenmaß. Dazu kommt die mitunter ſo unglückliche Wahl der Mittel, die Vernachläſſigung des menſchlichen Taktes. Jn der Behandlung der Freunde, auch der verdienteſten, zeigt ſie ſich am deutlichſten. Hatte es401Rückblickeinen Sinn, Lanfrank von Canterbury, deſſen Geſinnung man ſicher ſein konnte, mit Amtsverluſt zu bedrohen, weil er gegen den Willen ſeines Königs nicht aufkam? Und das zu einer Zeit (1081 / 1082), wo Gregor ſelbſt ſchon um ſein Daſein kämpfte. Kein Herrſcher hat bei Gregor eine beſſere Zenſur als Wilhelm von England; die „ Perle unter den Fürſten “wird er genannt. Aber es genügt, daß ſeine Jntereſſen an den Grenzen der Normandie einmal mit den päpſtlichen Abſichten in Wider - ſpruch geraten, und Gregor zögert nicht, von „ geſchwollenem Hochmut “, „ Unehrerbietigkeit “und „ Unverſchämtheit “zu ſprechen. Wie ſchlecht muß er dieſen König gekannt, wie falſch ihn beurteilt haben, daß er ihm von Lehnshuldigung überhaupt zu reden wagte, und dazu mit ſo ſalbungs - voll paſtoraler Begründung! Ähnlich erging es Alfons von Kaſtilien. Erſt mit Lob und Dank überſchüttet, als glänzendes Beiſpiel und wahr - haft chriſtlicher König geprieſen, erfährt er, ſobald ſein Verhalten An - ſtoß gibt, die Drohung mit dem Schwert Petri. Welche Dienſte hatte nicht Hugo von Cluny den Päpſten geleiſtet! Aber als die Jntereſſen des Kloſters in Spanien mit den römiſchen Abſichten in Widerſtreit gerieten, war alles vergeſſen, und mit Drohungen wurde nicht geſpart.
Mag Gregor ſich hie und da zu Vorſicht und Nachgeben zwingen, einmal ſogar gegenüber einem arabiſchen Herrſcher in Afrika die ge - meinſame Verehrung eines einzigen Gottes hervorheben, vom Diplo - maten ſteckt nichts in ihm. Jm Grunde kennt er nur Befehlen und Ge - horchen. Ungehorſam iſt ihm gleichbedeutend mit Götzendienſt, Gehor - ſam verlangt er von jedermann, Geiſtlichen und Laien, Biſchöfen und Königen, ſtets bereit ihn zu erzwingen; wenn Worte nicht ausreichen, mit der Gewalt der Waffen. Alle Augenblicke fließt ihm das Wort des Propheten Jeremias aus der Feder: „ Verflucht ſei der Menſch, der das Schwert aufhält, daß es nicht Blut vergieße. “
Wie oft hat er ſich über die Herrſchſucht der Menſchen, ihre superbia, ereifert; aber wer hat mehr zu herrſchen begehrt als er? Nicht freilich im eigenen Namen; Petrus der Apoſtelfürſt iſt es, für den er bedingungs - loſen Gehorſam fordert, ihn nennt er alle Augenblicke: Aber mit ihm ſetzt er ungeſcheut ſich ſelber gleich. Durch Gregor ſpricht Petrus, wer Gregor nicht gehorcht, lehnt ſich gegen den Apoſtel auf, der über Himmel und Erde gebietet. Es iſt die Jdee, der er lebt, die ihn ſo gänzlich be - herrſcht, daß er darüber den Sinn für die wirkliche Welt verlieren kann: Petrus gebietet über den Himmel und darum auch über die Erde. DasHaller, Das Papſttum II1 26402Rückblickiſt ſein Recht, das iſt die iustitia, die Gregor beſtändig im Munde führt, für die er kämpft, um derentwillen er ſich verfolgt und angefochten ſieht, für die er zu leiden und zu ſterben bereit iſt, und zu der er ſich noch mit dem letzten Atemzug bekannt haben ſoll: „ Jch liebte die Gerechtigkeit und haßte das Unrecht, darum ſterbe ich in der Verbannung. “
Woher kam ihm dieſe Jdee? Daß die Kirche dem Erben Petri zu gehorchen habe, war zu ſeiner Zeit bereits der Glaube vieler; bei Pſeudo - iſidor fand er es durch angebliche Zeugniſſe der älteſten Zeit belegt. Er brauchte es nur in die Tat zu überſetzen und bis ins letzte und einzelne zu verfolgen. Daß Petrus und in ſeinem Namen der Papſt auch die Welt beherrſche, dieſer Gedanke iſt Gregors Eigentum. Jhn zu denken, bedurfte es einer Geringſchätzung der „ Welt “, die dem Mönch geläufig iſt, es bedurfte der Überzeugung von der unendlichen Minderwertigkeit alles Jrdiſchen gegenüber dem Himmel, dem „ Geiſtlichen “. Nur ein Mönch konnte mit ſo ungeheurer Verachtung von den Herrſchern der Erde reden, von denen nur ganz wenige erlöſt würden und, ſeit die Welt ſtehe, kaum ſieben zu den Auserwählten gehörten, während die römiſche Kirche allein an hundert Geiſtliche hervorgebracht habe, die heilig ſeien. Ein Mönch konnte den Prieſterhochmut ſo weit treiben, den niedrigſten der Kleriker, den Exorziſten, über den König zu ſtellen. Auf dieſem Boden konnte der Gedanke Auguſtins, daß der irdiſche Staat die Ge - meinde des Teufels ſei, die eigentümliche Blüte treiben, die in dem Satze Gregors aufbricht: „ Wer wüßte nicht, daß die Könige und Herzöge ihren Anfang in denen genommen haben, die Gott nicht kannten und in blinder Gier und unerträglicher Anmaßung auf Antrieb des Fürſten der Welt, nämlich des Teufels, durch Herrſchſucht, Raub, Mord, kurz durch faſt alle Verbrechen über Menſchen zu gebieten ſtrebten? “ Aber wenn wir in ſolchen Worten aus Gregor VII. den Mönch ſprechen hören, ſo doch noch ungleich mehr den Menſchen Hildebrand, dieſe einzigartige Per - ſönlichkeit mit ihrer Luſt und Fähigkeit zu herrſchen und zu befehlen und ihrer Leidenſchaft und Neigung zur Gewalt. Die Jdee der päpſt - lichen Weltherrſchaft iſt die perſönlichſte Schöpfung Gregors VII.
Verführeriſch iſt es, darin ein Wiedererwachen altrömiſchen Geiſtes und in Hildebrand den mehr oder weniger bewußten Erneuerer römiſchen Jmperiums zu ſehen. Aber das wäre falſch. Nicht die leiſeſte Spur führt zu der Annahme, Gregor VII. habe, wenn er in aller Welt Gehor - ſam verlangte, ſich als Erben altrömiſcher Ahnen gefühlt oder ſei von403RückblickVorſtellungen römiſcher Geſchichte angeregt worden. Sein Herrſcher - tum wurzelt ganz im Jenſeitsglauben, die päpſtliche Weltherrſchaft, wie er ſie denkt, iſt eine religiöſe Jdee. Nur aus der Hingabe an ein Überweltliches, aus der inneren Gebundenheit an eine höhere Macht iſt der fanatiſche Glaube zu begreifen, der ſein Tun beherrſcht, ihn leitet und irreführt und auch den Geſtürzten nicht verläßt. Dieſen Glauben auch andern mitzuteilen, war ihm gegeben, ſo daß die Jdee, die er ver - trat, ihn überleben und die Jahrhunderte nach ihm erfüllen konnte. Darum wird man nicht anſtehen, in ihm vor allem das religiöſe Genie zu ſehen, mehr den Propheten als den Staatsmann. Aus dem Glauben an Gott kam ihm ſeine Kraft, aber ſein Gott war nicht der liebende Vater, nicht der Gott der Gnade und Barmherzigkeit. Es war der Gott des Alten Teſtaments, der zürnende und ſtrafende Richter und Rächer, dem man zu dienen hat mit Furcht und Zittern.
Zu welchem Zuſammenbruch die Regierung Gregors VII. geführt hatte, zeigte ſich nach dem Tode des Papſtes. Obwohl in Deutſchland die anfänglichen Erfolge des zurückgekehrten Kaiſers bald ins Stocken gerieten und in Oberitalien ein Sieg der Truppen Mathildens über die Königlichen ſchon bei Lebzeiten Gregors das Gleichgewicht der Kräfte wiederhergeſtellt hatte, obwohl Clemens III. ſich veranlaßt geſehen hatte, dem verwüſteten Rom den Rücken zu kehren und ſeinen Sitz in Ravenna zu nehmen, dauerte es ein volles Jahr, bis die Trümmer von Gregors Anhang zur Wahl eines neuen Oberhauptes zu ſchreiten ver - mochten. Für dieſe Rolle einen Träger zu finden, hielt offenbar ſchwer. Jm Einverſtändnis mit dem Fürſten von Capua fand ſich das Häuflein der Kardinäle, die inzwiſchen die Geſchäfte der verwaiſten Kirche führten, ſchließlich in Rom zuſammen und wählte am 26. Mai 1086 den Abt von Montecaſſino zum Papſt. Die Perſon bedeutete ein Programm. Daufar, der Prinz aus dem langobardiſchen Fürſtenhaus von Capua - Benevent, mit ſeinem Mönchsnamen Deſiderius, iſt uns ſchon begegnet. Seit 1057 Abt, von Nikolaus II. zum römiſchen Kardinalprieſter er - hoben, hatte er es verſtanden, ſein Kloſter in ſtetem Lavieren zwiſchen den Nachbarmächten durch alle Stürme der Zeit hindurchzuſteuern, ſo daß ſein Beſitz ſich mehrte und rundete und es unter ihm in jeder Hin - ſicht eine Blüte erlebte. Selbſt ein geſchickter Schriftſteller, hatte er bei ſeinen Mönchen Schule gemacht und für den literariſchen Ruhm, der den Namen Montecaſſino ſeitdem umgibt, den Grund gelegt. Jm Kloſter ſelbſt hat man ihn als zweiten Gründer verehrt. Perſönlich genoß er höchſte Achtung bei Freund und Feind, auch Gegner haben ihm das Lob der Heiligmäßigkeit nicht vorenthalten. Zu Gregor VII. war ſein Verhältnis nicht immer ungetrübt geblieben und ſchließlich bis zum offenen Bruch gediehen, als Deſiderius im Jahre 1082, dem Beiſpiel Jordans von Capua notgedrungen folgend, Heinrich IV. die Unter - werfung leiſtete. Die Ausſchließung, die Gregor deswegen über ihn ver -405Viktor III. hängte, hat er über ein Jahr ertragen, wahrſcheinlich bis zu dem Tag, da Gregor aus Rom flüchtend in Montecaſſino Aufnahme ſuchte und fand. Schon dieſe wenigen Züge verraten, daß Papſt und Abt entgegen - geſetzte Naturen waren; wie weit der innere Gegenſatz ging, ſollte ſich noch zeigen.
Seit 1046 bedeutete die Wahl des Namens für jeden Papſt ein Be - kenntnis. Daß Deſiderius ſich Viktor III. nannte, forderte zu der An - nahme heraus, er wolle an den letzten der deutſchen Päpſte erinnern. Sein Verhalten hat dem nicht widerſprochen. Seiner Erhebung ſoll er ſich lange widerſetzt und ſchließlich nur dem Willen des Fürſten von Capua nachgegeben haben, auf den er Rückſicht nehmen mußte. Dem Herzog von Apulien aber war er nicht genehm. Es war nicht mehr Ro - bert Guiscard, der noch keine zwei Monate nach Gregor mitten in ſchwierigen Kämpfen bei Korfu geſtorben war (17. Juli 1085), ſondern deſſen junger Sohn Roger. Zwiſchen dieſem und dem neuen Papſt ſtand die Frage der Beſetzung des eben erledigten Erzbistums Salerno. Die Kardinäle, denen Viktor ſeine Wahl verdankte, hatten in der papſtloſen Zeit — wir erinnern uns, daß Gregor die Einnahme von Salerno durch Robert bis zuletzt nicht anerkannt hatte — die Weihe des herzoglichen Kandidaten verweigert, was Roger nun damit beantwortete, daß er einen Aufſtand in Rom hervorrief, der Viktor veranlaßte, ohne die Weihe empfangen zu haben, ſchon nach vier Tagen die Stadt zu ver - laſſen, die Abzeichen ſeiner Würde abzulegen und in ſein Kloſter zurück - zukehren. Zehn Monate hat er hier verweilt, ein erwählter Papſt, der keiner ſein wollte, dann endlich iſt er dem Druck der Normannenherrſcher gewichen, hat die Kardinäle zu ſich nach Capua berufen, wo außer dem Fürſten auch der Herzog von Apulien mit großem Gefolge eingetroffen war, und ſich bereit gezeigt, die päpſtliche Würde anzunehmen. Herzog Roger hatte er gewonnen durch Nachgeben in der Salernitaner Frage. Da erhob ſich Widerſpruch aus kirchlichen Kreiſen, geführt von dem leidenſchaftlichen Erzbiſchof Hugo von Lyon, der aus Frankreich herbei - geeilt, aber zur Wahl in Rom zu ſpät gekommen war. Zu deutlich hatte Viktor verraten, daß er die Politik Gregors VII. nicht billigte, und hatte damit deſſen wahre Geſinnungsgenoſſen gegen ſich aufgebracht. Weil er länger als ein Jahr aus der Kirche ausgeſchloſſen geweſen, erklärten ſie ihn als Papſt für unmöglich. Aber ſie unterlagen, Viktor ging über ihren Widerſpruch hinweg, legte die Abzeichen des Papſttums wieder an406Viktor III. und ließ ſich von der vereinigten Macht der Normannen nach Rom führen.
Hier hatte ſich inzwiſchen Clemens III. feſtgeſetzt und beherrſchte die Stadt. Mit Waffengewalt mußte wenigſtens die Peterskirche erobert werden, damit Viktor III. am vorgeſchriebenen Ort am 9. Mai 1087 die Weihe als Papſt empfangen konnte. Dann verzog er ſich wieder nach Montecaſſino, und erſt eine dringende Aufforderung Mathildens, die vor Rom erſchienen war, bewog ihn zur Rückkehr. Nun begann ein Ringen um den Beſitz der Stadt, in der Mathildens Truppen das ganze rechte Ufer eroberten. Die Peterskirche ging zwar wieder verloren, am 30. Juni konnte hier Clemens die Meſſe feiern, mußte aber tags darauf den Platz dem Gegner überlaſſen. Die eigentliche Stadt blieb dieſem verſchloſſen. Solche Kämpfe waren Viktors Sache nicht, zum drittenmal kehrte er heim in ſein Kloſter, berief für Ende Auguſt ein Konzil nach Benevent und wiederholte hier den Fluch, den ſchon Gregor über Wibert verhängt hatte. Zugleich aber ſah er ſich genötigt, gegen zwei der wichtigſten Mit - arbeiter ſeines Vorgängers einzuſchreiten. Hugo von Lyon, der päpſtliche Vikar in Frankreich, und Richard von Marſeille, der Kardinal und Legat in Spanien, ſchürten gegen ihn, Hugo ſuchte insbeſondere die Gräfin Mathilde gegen ihn aufzubringen. Ein tiefer Gegenſatz der Geiſter kam darin zum Ausdruck. Viktor bekannte ſich zu jener Richtung, die zwar die Reform der Geiſtlichkeit mit allem Ernſt erſtrebte, gegenüber den Laien aber ſich auf geiſtlichen Einfluß beſchränken und von Be - herrſchung der Welt mit weltlichen Waffen, wie Gregor ſie zu üben verſucht hatte, nichts wiſſen wollte. Daraus ergaben ſich ſogleich weit - tragende Folgerungen im Verhältnis zum Kaiſer. Daß Viktor gegen Heinrich IV. keine kirchliche Strafe ausgeſprochen, den wiederholten Fluch ſeines Vorgängers nicht erneuert hat, zeigt deutlich, daß er in der Kirchenpolitik die Bahnen Gregors zu verlaſſen gedachte. Das mag da - mals vielen, auch gut kirchlich Geſinnten willkommen geweſen ſein. Nicht anders dachte der hochangeſehene Abt Hugo von Cluny, der in den Klö - ſtern ſeines Verbandes, unbekümmert um die Flüche Gregors, nach wie vor für den Kaiſer beten ließ. Es iſt nicht zu verkennen und wird damals ein öffentliches Geheimnis geweſen ſein, daß der neue Papſt den Frieden mit dem Kaiſer ſuchte und um ſeinetwillen zum Entgegenkommen bereit war, auf die Gefahr, eine Spaltung der Partei und den Abfall ihrer einflußreichſten Mitglieder heraufzubeſchwören.
407Urban II.Ob Viktor III. die Rolle des Verſöhnungspapſtes mit Erfolg hätte ſpielen können, wie weit er dabei gegangen wäre, bleibt eine offene Frage. Er hat keine Zeit dazu gehabt. Längſt ſchon leidend, erkrankte er während der Synode in Benevent ſchwer, konnte eben noch nach Montecaſſino gebracht werden und ſtarb hier am 16. September 1087. Jn den Kreiſen der fanatiſchen Gregorianer gedachte man ſeiner mit Erbitterung, die ſich in der Fabelei äußerte, er habe ſeinen Fehler noch erkannt und ſich ſelbſt abgeſetzt.
Wieder verging ein halbes Jahr, bis die Neuwahl glückte. Sie er - innert in den Formen an das Wahlgeſetz Nikolaus 'II., doch ohne daß man ſich genau daran gehalten hätte. Jn Terracina, an der Grenze des Kirchenſtaats, verſammelten ſich Anfang März 1088 die Kardinäle der Partei mit Vertretern von Geiſtlichkeit und Volk von Rom und vierzig Biſchöfen und Äbten aus Unteritalien, wählten nach dreitägiger Be - ratung am 12. des Monats den Biſchof Odo von Oſtia und gaben ihm — eine unerhörte Neuerung — ſogleich an Ort und Stelle die Weihe als Urban II. Odo war ein franzöſiſcher Edelmann aus der Champagne — in Châtillon an der Marne, ſeinem Geburtsort, ſteht ſein Denk - mal — war zuerſt Domherr in Reims geweſen, dann Mönch und Prior in Cluny geworden und 1078 von Gregor VII. zum Biſchof von Oſtia erhoben. Man kannte ihn als den treueſten Anhänger Gregors, der große Stücke auf ihn gehalten, ihm in ſchwierigſter Zeit (1084) die wichtige Legation in Deutſchland übertragen und ihn angeblich zum Nachfolger gewünſcht hatte. Die Wahl Viktors III. dagegen hatte der Biſchof von Oſtia nur ungern anerkannt. Papſt geworden, erließ er ſogleich eine Erklärung, in der er ſich mit Nachdruck als Fortſetzer Gregors bekannte: was dieſer verworfen, verwerfe auch er, was Gregor gebilligt, beſtätige er. Wer aber erwartet haben ſollte, in Urban II. ſei Gregor VII. wie - dererſtanden, der hätte ſich getäuſcht. Mag Urban in Gregor ſeinen Meiſter geſehen haben, ſo laſſen ſich doch kaum verſchiedenere Naturen denken als dieſer Meiſter und dieſer Schüler. Die Art, wie Urban ſeine Zwecke verfolgte, und die Mittel, deren er ſich bediente, waren dem Ver - fahren Gregors entgegengeſetzt. So gewaltſam, gebieteriſch und ſtarr Gregor, ſo geſchmeidig und anpaſſungsfähig war Urban. Jſt das uner - ſchütterliche Feſthalten an laut bekannten Grundſätzen kennzeichnend für Gregor, ſo geht bei Urban die Rückſicht auf die Umſtände faſt bis zur Grundſatzloſigkeit. Augenfällig iſt bei ihm der völlige Verzicht auf den408Schwierige AnfängeGebrauch von Waffengewalt, durch den Gregor ſo großes Aufſehen gemacht hatte. Urban II. hat keine Truppen gehalten und ſelbſt keinen Krieg geführt, andere mußten für ihn kämpfen. Ob er den Glauben Gregors an das Recht Sankt Peters auf Verfügung über alle Länder und Reiche der Erde geteilt hat, iſt nicht zu entſcheiden, bekannt hat er ihn nicht und nicht nach ihm gehandelt. Herrſchen wollte er darum nicht weniger, nur mit andern Mitteln. Seine Wege waren nicht die offenen und geraden des herriſchen Befehls, der keinen Widerſpruch duldet, auf heimlichen und verſchlungenen Pfaden wußte er den Zugang zu den Herzen der Mächtigen zu finden und ihre Entſchlüſſe nach ſeinem Sinn zu lenken. Vielleicht war er im Grunde doch mehr Cluniazenſer als Gregorianer. An die geſchichtliche Größe ſeines Vorgängers reicht er gewiß nicht heran. Und doch — oder ſollen wir ſagen: eben deswegen? — hat er ihn im Erfolg übertroffen. Neue Gedanken bedürfen wohl bei ihrem erſten Auftreten eines rückſichtsloſen Bekenners, der, das letzte Ziel allein im Auge, über Hinderniſſe und Möglichkeiten hinwegſieht. Kleinere Nachfolger mögen dann mit mehr Klugheit und Geduld weiter - kommen, als dem Führer gegeben war. Was das Genie des Propheten verkündete, ohne es verwirklichen zu können, das erreichen die Talente der Epigonen. So iſt die Sache, die beim Tode Gregors VII. ernſtlich gefährdet war, ja verloren ſcheinen konnte, gerettet und dem Siege entgegengeführt worden durch die Geſchicklichkeit Urbans II.
Seine Lage war zunächſt wenig beneidenswert. Erſt im Oktober 1088 hat er ſich nach Rom gewagt, aber vom rechten Ufer aus den Tiber nicht überſchreiten können. Auf der Jnſel im Strom ſaß er bis in den nächſten Sommer, von Almoſen lebend, während die Gegenpartei die Stadt beherrſchte. Ein zweiter Verſuch einzudringen, im Dezember 1089, führte nicht viel weiter und mußte im Frühjahr aufgegeben werden. Clemens war inzwiſchen herbeigeeilt, konnte in der Peterskirche eine Synode abhalten, den Gegner zur Verantwortung vorladen und ihn, da er nicht erſchien, verurteilen. Draußen ſpottete man über die beiden Päpſte, deren keiner ſeinem Namen Ehre mache: Clemens, der Milde, habe nicht die Macht, milde zu ſein, Urbanus, der Städter, ſei aus der Stadt verjagt. Schon war davon die Rede, die angeſehenſten Biſchöfe aus Frankreich, Deutſchland und Jtalien entſcheiden zu laſſen, wer recht - mäßiger Papſt ſei, Urban oder Clemens. Jn Oberitalien ſtand die409Schwierige AnfängeWage im Kampf der Parteien, in Deutſchland war ſeit dem Tode des Gegenkönigs (1088) die Sache des Kaiſers im Fortſchreiten, die Kirchen bis auf wenige in ſeiner Hand, auch von den Sachſen ein Teil zu ihm übergegangen und Welf, der Baiernherzog, mit ſeiner Hausmacht in Schwaben der einzige feſte Rückhalt der Gegner. Auf England war nicht zu zählen. Die Anſprüche Gregors VII. auf Huldigung und andre Dinge hatten König Wilhelm abgeſchreckt, ſo daß die „ Perle der Für - ſten “ihr Ohr der Werbung Clemens 'III. nicht ganz verſchloß. Ob Wilhelm ihn förmlich anerkannt hat, iſt nicht ſicher, aber zu Gregor hat er nicht mehr gehalten. Nach ſeinem Tode (1087) war das König - reich für den römiſchen Papſt verloren. Einzig Frankreich leiſtete Ur - ban Gehorſam, doch war von dort andere Hilfe als Geldſpenden nicht zu erwarten. Auch von den Nachbarn war nichts zu hoffen. Der nächſte, Fürſt Jordan von Capua, hatte — man ſieht nicht, aus welchem An - laß — den ſüdlichen Teil des Kirchenſtaats an ſich gebracht, und der Papſt mußte es dulden, bis der Tod Jordans (1090) die Lage änderte, aber nicht beſſerte. Der Erbe war ein Kind und mußte gegen Aufſtände der Untertanen und Angriffe der Nachbarn geſchützt werden. Das Her - zogtum Apulien endlich hatte unter dem jungen Herzog Roger das ge - wöhnliche Schickſal des Feudalſtaats durchzumachen: Aufſtände der Ba - rone, mit denen ſchon Robert Guiscard immer wieder kämpfen mußte, lockerten die Einheit und lähmten die Kraft des Landes. Für den Papſt hatten dieſe Zuſtände den Vorteil, daß er in ſeiner Eigenſchaft als Lehnsherr und natürlicher Schiedsrichter Einfluß gewann. Die meiſte Zeit in ſeinen erſten Regierungsjahren hat er ſich in normänniſchem Ge - biet aufgehalten, in Capua, Salerno, Melfi und weiter bis nach Bari und Brindiſi, Synoden leitend und die kirchliche Ordnung des Landes, für die ſchon Gregor den Grund gelegt hatte, ausbauend und befeſtigend.
Mit der unteritaliſchen Frage hing auch der Plan zuſammen, den Urban in ſeinen Anfängen kurze Zeit verfolgt hat, die Wiederauf - nahme der Beziehungen zum Oſten. Wir ſind hier freilich ganz auf Vermutungen angewieſen, doch dürfte der Anlaß am eheſten in der Er - oberung Siziliens zu ſuchen ſein, die Graf Roger, der jüngſte Bruder Robert Guiscards, eben in den Tagen, als Urban Papſt wurde, durch Einnahme der letzten noch arabiſchen Plätze zu vollenden im Begriffe ſtand. Die Jnſel, großenteils von Griechen bewohnt, hatte bisher in kirchlicher Beziehung unter Konſtantinopel geſtanden, ihre künftige410Verhandlung mit KonſtantinopelStellung war noch nicht entſchieden. Urban ſcheint gefürchtet zu haben, der neue Landesherr könne, um ſich die Beherrſchung ſeiner griechiſchen Untertanen nicht zu erſchweren, die früheren Beziehungen zum Oſten fortdauern laſſen. Die Unterſtellung der ſiziliſchen Kirchen unter Rom ſchlechtweg zu fordern, wagte er wohl nicht, aber er glaubte der Gefahr begegnen zu können, und er erleichterte dem Grafen in jedem Fall die Be - herrſchung der Jnſel, wenn er die Einheit der Kirchen von Oſt und Weſt wiederherſtellte. Um ſich hierfür der Zuſtimmung des Grafen zu verſichern, brach er alsbald nach ſeiner Erhebung ſelbſt nach Sizilien auf. Jn per - ſönlicher Begegnung, die im Sommer 1088 bei Troina ſtattfand, einigte er ſich mit Roger und richtete alsdann ein Schreiben an Kaiſer Alexios, das den Wunſch nach Wiederanknüpfung ausſprach. Dem Kaiſer kam das höchſt gelegen. Waren die Kirchen wieder vereint, ſo ſtiegen die Ausſichten, Hilfe aus dem Weſten gegen die immer weiter um ſich greifenden Türken zu erhalten. Er verſammelte in Konſtantinopel den Patriarchen und die Metropoliten des Reiches und legte ihnen die Frage vor, ob die Beziehungen zu Rom wieder aufzunehmen ſeien. Die Synode zögerte; ſie wünſchte vorher die beſtehenden Streitfragen ge - klärt zu ſehen. Dem Kaiſer aber lag ſo viel an der Einigung, daß er einen Beſchluß erreichte, der die Mitte hielt. Urban ſollte zunächſt ſein Glaubensbekenntnis einſenden, wie das von jeher bei der Anzeige der Thronbeſteigung üblich geweſen war. Alsdann würden die ſtrittigen Fragen auf einer Synode unter Teilnahme Roms entſchieden werden. Dieſen Beſcheid dem Papſt zu überbringen wurde der von den Nor - mannen vertriebene Metropolit von Kalabrien beauftragt. Er war nicht der rechte Mann für das Geſchäft, forderte, als er in Melfi dem Papſt vorgeſtellt wurde, vor allem ſeine eigene Wiedereinſetzung, verweigerte dabei aber die Unterwerfung unter Rom. Der Verhandlung kann das nicht genutzt haben, ſie ſtockte und iſt nicht weitergeführt worden. Die kirchlichen Kreiſe in Konſtantinopel, denen an der Sache weniger lag als dem Kaiſer, werden nicht unzufrieden geweſen ſein, daß dieſer erſte ernſthafte Anlauf zur Wiedervereinigung mit Rom ſo bald ſchon ſtecken - blieb.
Ganz hat es Urban in dieſen ſchweren Anfangszeiten an Ermutigungen nicht gefehlt. Jn Spanien hatten die Dinge einen glücklichen Verlauf genommen, ſchon 1085 war Toledo durch Alfons von Kaſtilien erobert worden, und Urban kam in die Lage, dem neueingeſetzten Erzbiſchof der411Spanien. — Urbans entgegenkommende HaltungStadt mit dem Pallium zugleich das Amt des Primas der ſpaniſchen Kirche zu verleihen, das ſeine Vorgänger in gotiſcher Zeit geführt hatten (Oktober 1088). Jm folgenden Jahr empfing er die in ſeiner Bedrängnis doppelt wertvolle Anzeige, daß der König von Aragon die vor fünfundzwanzig Jahren erfolgte Unterwerfung ſeines Reiches unter die päpſtliche Schutzherrſchaft durch das Verſprechen eines jährlichen Zinſes von 500 Goldſtücken ergänzt habe. Öfters haben ſeitdem die Ange - legenheiten der ſpaniſchen Kirche die Päpſte beſchäftigt. Die erſte Auf - gabe war, den Streit zwiſchen Cluny und dem von Gregor VII. entſand - ten Legaten Richard von Marſeille aus der Welt zu ſchaffen. Urban tat es, indem er dem Kardinal ſeinen Auftrag nicht erneuerte, ſeine Maß - regeln aufhob und den Primas von Toledo, der ſelbſt Cluniazenſer war, zum Legaten ernannte, jedoch mit der Einſchränkung, daß er in die ſpaniſchen Jntereſſen Clunys nur mit beſonderer Ermächtigung durch den Papſt eingreifen dürfe. Die Politik Gregors, Spanien enger an Rom heranzuziehen, war damit aufgegeben und der frühere Einfluß Clunys, den Gregor zu verdrängen geſucht hatte, wiederhergeſtellt und verſtärkt. Daran ſchloß ſich bald ein greifbarer Erfolg. Graf Berengar von Barce - lona ließ ſich bewegen, ſein ganzes Land dem heiligen Petrus aufzutragen, um es als erbliches Lehen gegen jährlichen Zins von 5 Pfund Silber zurückzuerhalten (1091).
Auf die Lage des Papſtes wirkten dieſe Dinge, ſo wichtig ſie für die Zukunft waren, natürlich nicht ein. Es iſt darum verſtändlich, aber es iſt nicht weniger bezeichnend für ſeine Art, daß er, wo die Gelegenheit ſich bot, um des Vorteils willen auf grundſätzliche Anſprüche verzichtete. Wie er einmal bekannt hat, er müßte die Welt verlaſſen, wenn er von Gottloſen und Räubern kein Geld annehmen wollte, ſo drückte er ein Auge zu, wenn irgendwo ein Biſchof „ nicht auf die richtige Weiſe “ſein Amt erlangt hatte, eine Wendung, hinter der ſich unter Umſtänden mehr verbergen konnte als nur die Jnveſtitur durch den König. Als der inveſtierte, von ausgeſchloſſenen Biſchöfen geweihte Erzbiſchof Anſelm von Mailand den Gehorſamseid zu leiſten bereit war, ſah Urban über alle Mängel hinweg, ſandte dem Abweſenden das Pallium durch einen Kardinal und geſtattete allen, die von Tedald, „ dem Simoniſten “, ge - weiht waren, ihre Plätze zu behalten, wenn ſie nur ſelbſt keine Simonie begangen hätten. Die Unterwerfung der Mailänder Kirche hat er auf dieſe Weiſe durch Preisgabe wichtiger Grundſätze erkauft. Daß er412Urbans entgegenkommende Haltunggeneigt war, gelinde Saiten aufzuziehen, bewies er auch in der Frage der Prieſterſöhne. Sie waren bis dahin unerbittlich von den höhern Weihen ausgeſchloſſen worden, Urban hob die Beſtimmung auf, „ wo es die Not erforderte “. Ähnliche Verfügungen, aus denen man ſehen konnte, daß dieſer Papſt nach Umſtänden fünf gerade ſein ließ, wieder - holten ſich. Die wichtigſte, eine Maßregel von großer Tragweite und zugleich ein deutliches Bekenntnis veränderter Haltung, war die Er - klärung, die er auf Anfrage nach Deutſchland richtete: er halte die Aus - ſchließung Wiberts und Heinrichs IV. aufrecht, desgleichen aller derer, die dieſe beiden unterſtützt oder von ihnen für Dienſte oder Zahlung eine kirchliche Würde erhalten hätten; die hingegen, die nur Verkehr mit ihnen unterhielten, ſchließe er nicht aus, ſondern erlaube ihre Aufnahme in die Kirche nach leichter Buße. Damit trat Urban einen weiten Schritt hinter die Linie zurück, die Gregor gezogen hatte, und nahm dem Kampf der Parteien ein gut Teil ſeiner Schärfe. Fortan konnte jeder, ohne dem Ausſchluß zu verfallen, in Beziehung zu Kaiſer und Gegenpapſt treten, ſofern er nur an ihrem Krieg ſich nicht ſelbſt beteiligte. Wer deuteln wollte, durfte ſogar die Annahme einer königlichen Jnveſtitur für er - laubt halten, wenn ſie nicht durch Leiſtungen oder ausdrückliche Ver - pflichtungen erkauft war. Ja noch mehr. Wenn perſönlicher Verkehr mit dem ausgeſchloſſenen Herrſcher nur noch als leicht zu ſühnende Ver - fehlung galt, war dann nicht die Löſung der Treueide, die Gregor ver - fügt hatte, und damit die Abſetzung des Königs praktiſch zurückgenom - men? Weiter, ſo muß man ſchon ſagen, konnte Urban unter den ge - gebenen Umſtänden nicht entgegenkommen. Das Verfahren ſollte ſich bald bewähren. Wenn in Mailand der Kardinal, der dem Erzbiſchof das Pallium brachte, von der Bevölkerung im Triumph eingeholt wurde, ſo wußte man, daß die Hauptſtadt der Lombardei, um derentwillen der Streit zwiſchen Papſt und König ausgebrochen war, nicht mehr die Front gegen den Papſt nehmen werde.
Das war bereits in Urbans erſtem Jahr geſchehen. Ein Jahr ſpäter, und die kluge und leiſe, man muß ſchon ſagen ſchleichende Diplomatie des Papſtes erntete ihren erſten Erfolg.
Wie in Jtalien Mathilde, ſo war in Deutſchland neben dem größeren Teil Sachſens der Herzog Welf von Baiern der eigentliche Vorkämpfer der Päpſtlichen. Urban gelang es, zwiſchen dieſen beiden die engſte Ver - bindung herzuſtellen. Auf ſein Betreiben heiratete der gleichnamige413Heinrich IV. in Jtalien: Erfolge und ZuſammenbruchSohn des Baiernherzogs die Gräfin Mathilde, er ſiebzehn, ſie vierund - vierzig Jahre alt. Es mag nicht leicht geweſen ſein, den Jüngling zur Ehe mit der Witwe, die ſeine Mutter ſein konnte, noch ſchwerer, das ſtolze Mannweib zu ſolcher Rolle zu bereden, und der Papſt hat viele Briefe deswegen ſchreiben müſſen. Aber die Wirkung blieb nicht aus. Sie ließ ſich zunächſt nicht günſtig an. Heinrich IV. ſah ſich genötigt, die Dinge in Deutſchland ſeinen Anhängern zu überlaſſen, um den Krieg in Jtalien gegen Mathilde ſelbſt zu leiten. Jm Frühjahr 1090 überſchritt er den Brenner und eröffnete den Feldzug gegen die Be - ſitzungen Mathildens nördlich des Po. Langſam kam er vorwärts, aber im April 1091 gelang ihm die Einnahme Mantuas nach elf - monatiger Belagerung, Mathildens Truppen wurden geſchlagen und über den Po zurückgeworfen. Um dieſelbe Zeit wurde in Rom die kaiſerliche Partei durch Einnahme der Engelsburg Herr über die ganze Stadt, Clemens III. konnte dort ſeinen ſtändigen Sitz nehmen. Jm Sommer 1092 begann der Angriff auf Mathildens Burgen, die den Zugang zum Apennin ſperrten. Es ſah aus, als ſollte das Papſttum Urbans II. in ähnlicher Weiſe zuſammenbrechen wie das Gregors. Schon eröffnete die Gräfin Verhandlungen mit dem Kaiſer. Sie ſoll nahe daran geweſen ſein, ſich zu ergeben, und nur der Zuſpruch des Abtes von Canoſſa ſie zurückgehalten haben. Jn dieſem Augenblick wandte ſich das Glück. Während des Auguſt und September 1092 hatte der Kaiſer vor der Burg Monteveglio gelegen und ſie nicht nehmen können. Nachdem er abgezogen war, erlitt er im Oktober bei Canoſſa eine Niederlage, die ihn zum Rückzug hinter den Po nötigte. Von nun an ging es raſch abwärts mit ihm, aber nicht im Felde wurde er beſiegt. Als wäre ein unſichtbares Netz um ihn geſpannt, ſah er ſich plötzlich umſtellt, verlaſſen, ohnmächtig. Wie es gekommen, können wir nicht ſagen, da die Vorbereitungen in tiefem Geheimnis betrieben wurden, nur das Ergebnis kennen wir. Zu Anfang des Jahres 1093 verbanden ſich vier Städte der Lombardei, die alten Patarenerneſter Mailand, Cremona, Piacenza nebſt Lodi, auf zwanzig Jahre zur Bekämpfung des Kaiſers. Dann gelang es, ihm in der Perſon des eigenen Sohnes einen Gegner zu ſtellen. Der junge Konrad, ſeit 1087 deutſcher König, hatte einen großen Teil ſeiner Jugend in Jtalien verbracht. Er wird geſchil - dert als ſtattlich und ſchön, auch körperlich tüchtig, aber dem Kriege ab - geneigt und ohne Ehrgeiz, dafür den Geiſtlichen um ſo mehr ergeben. Sie414Heinrichs IV. Zuſammenbruchwerden ihm die Überzeugung beigebracht haben, daß es ſeine Pflicht ſei, an die Spitze des Aufſtands gegen den Kaiſer zu treten, den die Kirche verfluche, ſo daß er ſich bereden ließ, die Rolle des italiſchen Königs gegen den eigenen Vater zu übernehmen. Jm Dom zu Mailand wurde er vom Erzbiſchof gekrönt, und alsbald lief ihm alles zu. Von Truppen und Anhängern verlaſſen, mußte Heinrich ſich hinter die Etſch zurück - ziehen, ein machtloſer Herrſcher und ein gebrochener Mann, der am Leben verzweifelte. Er ſoll einen Verſuch zum Selbſtmord gemacht haben. Während er nun, in einem Winkel bei Verona eingeſchloſſen, faſt in Vergeſſenheit geriet, triumphierten die Gegner. Rom, das Clemens ſchon verlaſſen hatte, öffnete im November 1093 Urban die Tore. Nur wenige Plätze in der Stadt waren noch in der Hand der Gegner, darunter der Lateran, und ſo armſelig war die Lage des Papſtes immer noch, daß er dem Befehlshaber des Palaſtes den für die Übergabe geforderten Preis nicht hätte zahlen können, wäre ihm nicht der zufällig anweſende Abt von Vendôme zu Hilfe gekommen. Der Kampf um Rom war beendet, Jtalien hatte der Kaiſer verloren, und von Deutſch - land ſah er ſich abgeſchnitten. Um ihn vollends zugrunde zu richten, trat nun auch ſeine zweite Gemahlin, die ruſſiſche Fürſtentochter Eupraxia, genannt Adelheid, die er als Witwe eines ſächſiſchen Markgrafen geheiratet hatte, gegen ihn auf mit Anklagen wegen ſcheußlicher Un - zucht, die ſie mit frecher Stirn in öffentlichen Verſammlungen zum beſten gab. Urban hatte geſiegt und konnte darangehen, die Früchte des Sieges zu ernten.
Wie der Krieg im Felde, ſo flaute nun auch der Federſtreit allmählich ab, den der Kampf zwiſchen König und Papſt entfeſſelt hatte. Diesſeits wie jenſeits der Alpen mit zunehmender Schärfe geführt, hatte er ſeinen Höhepunkt erlebt in den Jahren zwiſchen der zweiten Abſetzung Hein - richs und ſeiner Überwindung in Jtalien. Ein wenig erfreuliches Ka - pitel! Es iſt, als wäre die Luft vergiftet von dem Atem der Parteileiden - ſchaft, die in ihrer Erhitzung nicht mehr zu ſcheiden weiß, nicht einmal ſcheiden will zwiſchen Wahr und Falſch. An Verunglimpfung des Gegners, Entſtellung der Tatſachen leiſten beide Teile das Menſchen - mögliche. Ob Hildebrand rechtmäßig Papſt geworden, ob er ein Recht gehabt, den König auszuſchließen und abzuſetzen, das ſind die Fragen, an denen der Streit ſich zuerſt entzündet. Daran knüpft ſich die Erörterung über Recht oder Unrecht der Laieninveſtitur, über die Pflicht der Ehe -415Federkriegloſigkeit, den Begriff der Simonie und den Wert der Sakramente ſchuldiger Prieſter. Faſt das geſamte Feld des Kirchenrechts und der Kirchenverfaſſung wird durchgepflügt, am tiefſten aber an der Stelle, wo Geiſtliches und Weltliches ſich berühren. So aufreizend die Forde - rungen der Reformer bezüglich Prieſterehe und Amtserwerb auf weiteſte Kreiſe wirkten, am meiſten hat die Zeitgenoſſen doch die Behauptung Gregors erregt, daß es ihm zuſtehe, Könige aus der Kirche zu verbannen und ihrer Herrſchaft zu berauben. Dieſen letzten Schluß aus dem Grund - ſatz von der Überlegenheit des Himmliſchen über das Jrdiſche, des Prieſters über den Laien, hatte man bis dahin nicht gekannt, Gregor hat ihn als erſter gezogen und damit die Welt in zwei Lager geſpalten, die nun einander durch Jahrhunderte bekämpfen. Regiert der Herrſcher, beſteht der Staat aus eigenem Recht, iſt er auf Erden niemand Rechen - ſchaft ſchuldig, oder unterſteht auch er dem Urteil der Kirche als der irdiſchen Verkörperung der Gottesgemeinde? Jſt er von Gottes Gnaden inſofern, als er Recht und Daſein von Gott ſelbſt erhält und darum niemand als Gott zu gehorchen hat, oder muß er ſich der Kirche unter - werfen, um ſeiner göttlichen Sendung gerecht zu werden? Jſt er, wie Gregor einmal geſagt hat, nur der Mond, der ſein Licht von der Sonne der Kirche empfängt? Dieſe Frage, auf die die Welt bis zum heu - tigen Tag keine einheitliche Antwort gefunden hat, iſt damals zuerſt aufgeworfen und umſtritten worden. Frühere Zeiten hatten ſie nicht gekannt, weil es ihnen feſtſtand, daß der König nach Amt und Perſon nicht ein Laie wie andere, ſondern mit geiſtlicher Weihe und geiſtlichen Fähigkeiten ausgeſtattet ſei. Ein Stück aus der geiſtigen Erbſchaft des Altertums, das dem Staat göttliches Weſen zuſchrieb und dem Herr - ſcher göttliche Eigenſchaften beilegte, konnte dieſer Gedanke leicht ins Chriſtliche umgedeutet werden, ſeit Kaiſer und Könige bei ihrer Krönung durch Salbung mit heiligem Öl geiſtliche Weihe erhielten. Daß Gre - gor und ſeine Anhänger dies nicht gelten ließen, im König nichts weiter ſehen wollten als einen Laien, der mit all ſeinem Tun der Zucht der Kirche unterſtehe, hat auf der Gegenſeite den lebhafteſten Widerſpruch gefunden, am eindrucksvollſten bei einem unbekannten Deutſchen, deſſen Schrift „ Über die Wahrung der Einheit in der Kirche “noch Ulrich von Hutten ſo wertvoll erſchien, daß er ſie ſeinen Zeitgenoſſen zur War - nung drucken ließ. Hier hat die Erkenntnis den glücklichſten Ausdruck gefunden, daß der Anſpruch Gregors und der Seinen eine Revolution416Einfluß Pſeudoiſidorsſei nicht gegen eine Regierung oder einen Herrſcher, ſondern gegen den Staat ſelbſt.
Neben der Frage nach dem Recht von König und Staat gegenüber der Kirche tritt die andere nach den Grenzen päpſtlicher Befugniſſe innerhalb der Kirche auffallend zurück. Daß der Papſt die ganze Kirche vertrete und beherrſche, ſcheint bereits im allgemeinen anerkannt zu ſein, wenig - ſtens hat Gregor in dieſem Punkt keinen grundſätzlichen Widerſpruch gefunden. Es wäre auch ſchwer geweſen, eine andere Meinung erfolg - reich zu vertreten, ſeit die Zeugniſſe der gefälſchten Dekretalen mit der Wucht ihrer Maſſe und ihres ſcheinbaren Alters auf die Denkweiſe weiterer Kreiſe zu wirken begonnen hatten. Jn die Jahrzehnte ſeit der Mitte des elften Jahrhunderts fällt ihre eigentliche Verbreitung, aus dieſer Zeit ſtammen die meiſten Handſchriften, die wir von ihnen be - ſitzen. Auch in Deutſchland hat man ſie gekannt und benutzt, ohne an ihrer Echtheit zu zweifeln. Nur einmal iſt es, ſoweit wir wiſſen, vor - gekommen, daß wenigſtens ihre Beweiskraft beſtritten wurde. Auf einer Synode der päpſtlichen Partei, die zu Oſtern 1085 in Quedlinburg unter dem Vorſitz des Biſchofs von Oſtia, des ſpäteren Urban II., ſtattfand, erhob ein ſonſt nicht bekannter Geiſtlicher aus Bamberg Widerſpruch gegen die Verleſung und Bekräftigung von „ Dekreten der heiligen Väter “— es können nur die pſeudoiſidoriſchen geweſen ſein — über den Vorrang des apoſtoliſchen Stuhles und die Unantaſtbarkeit ſeiner Ur - teile. Er behauptete kühn, dieſen Vorrang hätten nur die römiſchen Biſchöfe ſich ſelbſt zugeſchrieben, aber von niemand vererbt erhalten. Von der ganzen Verſammlung wurde er zurückgewieſen: wie nach dem Wort des Evangeliums der Jünger nicht über ſeinen Meiſter ſei, ſo dürfe auch „ dem Vertreter Sankt Peters, den alle Katholiken als Herrn und Meiſter verehren “, das in allen Ständen geltende Recht nicht beſtritten werden, „ daß der Höhere nicht vom Geringeren gerichtet werde “. Daß Pſeudoiſidor auf der kaiſerlichen Seite nicht weniger bekannt war, beweiſt ein Zwiſchenfall, der ſich einige Wochen früher auf einer Verſammlung von Biſchöfen beider Parteien, einer Art von nationalem Religions - geſpräch, zugetragen hatte. Die Kaiſerlichen behaupteten, Gregor ſei rechtswidrig verfahren, als er Heinrich IV. verurteilte, der damals nicht im Vollbeſitz ſeines Reiches geweſen ſei. Zum Beweiſe führten ſie die entſprechenden Stellen aus Pſeudoiſidor an, worauf die Gegner nichts zu antworten wußten. Man ſieht, die Fälſchung des neunten Jahr -417Frankreichhunderts war durchgedrungen, von der deutſchen Kirche als Rechtsquelle angenommen, die pſeudoiſidoriſche Auffaſſung des Papſttums ſetzte ſich als Lehre durch.
Die ſchwere Erſchütterung, die der Kampf mit Rom für Deutſchland brachte, iſt Frankreich erſpart geblieben. Schon Gregor VII. hatte die - ſem Reich gegenüber, nach dem kurzen drohenden Anlauf der erſten Jahre, nicht die gleiche Strenge wie anderswo gezeigt. Er konnte hier ruhiger vorgehen, weil einmal der Hauptgegner, der König, ungefährlicher war, dann auch, weil die Anſprüche des Papſtes in der Geiſtlichkeit ſelbſt weithin anerkannt wurden, in einer Zeit, da in Deutſchland ſeine über - zeugten Anhänger auf den Biſchofsſitzen nur ein winziges Häuflein bildeten. Jmmerhin war auch in Frankreich ſein Einfluß in den letzten Jahren zurückgegangen, insbeſondere das Verbot der Jnveſtitur vom König nicht beachtet worden. Den verlorenen Boden wiederzugewinnen, war dem ſchmiegſamen und geräuſchloſen Verfahren Urbans II. vor - behalten. Dem bisherigen Legaten, dem herausfordernd ſtrengen Hugo von Lyon, wurde die Vollmacht nicht beſtätigt, dem Erzbiſchof von Reims das Vorrecht, das Gregor aufgehoben hatte, nur vor dem Papſt zu Recht zu ſtehen, erneuert. Urban hat keine ſchroffen Befehle erteilt und keine Strafen verhängt, dagegen Nachſicht walten laſſen, wo man zur Unterwerfung bereit war. Biſchöfe, die ſich vom König hatten in - veſtieren laſſen, erhielten Verzeihung und Beſtätigung im Amt, wenn ſie einen Eid ſchworen, der neben der Verſicherung allgemeinen Gehor - ſams die Verpflichtung enthielt, an Weihen von Jnveſtierten nicht teil - zunehmen. Wenn ſich keine Biſchöfe mehr fanden, die Jnveſtierten zu weihen, wurde die Jnveſtitur gegenſtandslos. So iſt es nirgends zu ge - fährlichem Zuſammenſtoß gekommen, obwohl Anläſſe dazu nicht fehlten, wohl aber hat Urban vom König alsbald die ausdrückliche Anerkennung erhalten. Wie weit die materielle Unterſtützung ging, die ihm aus Frank - reich zuteil wurde, iſt nicht abzuſchätzen, aber daß die Summen, die ihm von dort zufloſſen, Abgaben der Schutzklöſter und freiwillige Beiſteuern, ihm das Ausharren in den erſten Jahren erleichtert haben, iſt nicht zu bezweifeln.
Eine Änderung trat ein, als mit dem Sturz des Kaiſers die Lage des Papſtes ſich zu beſſern begann. Das erſte Anzeichen dafür war (Mai 1094), daß Hugo von Lyon die Vertretung in Frankreich wiedererhielt,Haller, Das Papſttum II1 27418Frankreichallerdings mit der vorſichtigen Einſchränkung, er ſolle ſich an den Beirat des Erzbiſchofs von Reims halten. Man tadelte in Frankreich dieſe Zurückhaltung: der Papſt, ſo ſchrieb einer ſeiner Freunde, ſchreite zwar nicht voran, aber wenigſtens nicht zurück. Hugo zögerte nicht, von ſeiner neuen Vollmacht in alter Weiſe Gebrauch zu machen. Nicht um die Jnveſtitur oder ähnliche Dinge handelte es ſich damals, der Fall lag auf einem andern Gebiet. König Philipp hatte zwei Jahre zuvor ſich von der Königin getrennt, die Gräfin von Anjon ihrem Gemahl entführt und ſich mit ihr, ſeiner Baſe, von einem gefälligen Biſchof trauen laſſen. Ein doppeltes Ärgernis, wie es ſeit den Zeiten Lothars II. und Waldrads, an die ſich ſchon die Zeitgenoſſen erinnert haben, nicht mehr vorgekommen war. Urban hatte ſich zunächſt gehütet, ſelbſt dagegen ein - zuſchreiten, und ſich begnügt, durch andere auf den König zu wirken. Jetzt nahm Hugo als ſein Vertreter die Sache in die Hand, berief ein Konzil nach Autun, lud den König vor und ſchloß ihn aus der Kirche aus. Damit war nun auch in Frankreich der Krieg zwiſchen Kirche und Krone an - geſagt, und für Urban fragte es ſich, ob er das Vorgehen ſeines Legaten decken und den Kampf mit allen Waffen, über die er gebot, durch - führen ſollte.
Als dieſe Frage an ihn herantrat, war er bereits mit einer viel größeren beſchäftigt. Ereigniſſe, die weit außerhalb des Umkreiſes der gewöhnlichen Geſchäfte eines Papſtes lagen, hatten bewirkt, daß der Gedanke, den Gregor VII. im Beginn ſeiner Regierung verfolgt und notgedrungen aufgegeben hatte, mit günſtigeren Ausſichten wieder auf - gelebt war und greifbare Geſtalt angenommen hatte. Auch auf dieſem Gebiet war es Urban II. vorbehalten, auszuführen, was Gregor geplant hatte. Er hat damit, wie für das geſamte Abendland, ſo vor allem für das Papſttum ein neues Blatt im Buch der Geſchichte aufgeſchlagen.
Seit dem Zuſammenbruch auf dem Schlachtfeld von Manzikert*)Vgl. oben S. 347. hatte das griechiſche Reich eine jener ſchlimmen Zeiten erlebt, die ſich in ſeiner Geſchichte wiederholen. Unter den Angriffen der Türken im Oſten, der Kumanen und Petſchenegen im Norden, der Normannen im Weſten drohte es zuſammenzubrechen. Daß es ſich dennoch behauptete und aus dem Kampf zwar nicht im alten Umfang, aber innerlich ge - feſtigter hervorging, war das Werk des großen Soldatenkaiſers Alexios419Lage im OrientKomnenos. Aber während er den Angriff Robert Guiscards erfolgreich abwehrte (1084 / 1085), die bis ans Ägäiſche Meer vorgedrungenen Petſchenegen in offener Schlacht vernichtete (1091), konnte er nicht hindern, daß die Türken ihre Eroberung in Kleinaſien bis an die Küſte ausdehnten, Nikäa und Smyrna beſetzten und gleichzeitig Syrien und Paläſtina unterwarfen. Jm Jahr 1085 nahmen ſie Antiochia; Jeru - ſalem, bis dahin von Ägypten beherrſcht, war ihnen ſchon 1076 zur Beute gefallen. Der Tod ihres vielbewunderten Fürſten Melik (1092) änderte die Lage. Jm Streit der Erben zerfiel das Reich, und Kaiſer Alexios, von andern Gegnern befreit, konnte daran denken, das Ver - lorene zurückzuholen. Seine eigenen Kräfte reichten dazu nicht aus, zu - mal ihm gerade die Provinzen fehlten, die früher die meiſten und beſten Soldaten geſtellt hatten, Kleinaſien und Armenien. So kam er auf den Gedanken zurück, der ſchon in der Zeit der höchſten Gefahr aufgetaucht war und Gregor VII. zu ſeinem großen Plan angeregt hatte: Hilfe im Abendland zu ſuchen.
Werbung von Hilfstruppen in weſtlichen Ländern war für den Kaiſer nichts Neues, ſchon in den bisherigen Kämpfen hatte er ſich ihrer be - dienen können. Jetzt indeſſen hatte er Größeres im Auge, ein gewaltiges Aufgebot von Freiwilligen ſollte ihm zur Vernichtung der Türken helfen. Darum wandte er ſich nicht an irgendeinen einzelnen Herrſcher; wollte er ſeinen Zweck erreichen, ſo empfahl es ſich, religiöſe Antriebe zu wecken, und das konnte nur der Papſt. An dieſen richtete Alexios ſein Geſuch. Urban II. hatte ſoeben ſeinen Sitz in Rom einnehmen können, ſein Sieg über die Gegner war entſchieden. Während Gegenpapſt und Kaiſer, zu Ohnmacht und Untätigkeit verurteilt, in Verona eingeſchloſſen waren, gehorchten ihm die wichtigſten Länder des Weſtens, Jtalien und Frank - reich. Es iſt bezeichnend für die Stellung, die Urban in den Augen der Welt einnahm, daß der griechiſche Kaiſer ihm genug Einfluß zutraute, um durch ihn zu erhalten, was er brauchte.
Es war kein phantaſtiſcher Einfall, die Kräfte des Abendlands zum Krieg gegen die Ungläubigen in Bewegung ſetzen zu wollen. Der Ge - danke fiel auf vorbereiteten Boden. So völlig wie in ſpäteren Jahr - hunderten ſeit der türkiſchen Eroberung war der Zuſammenhang zwiſchen Oſt und Weſt nicht verlorengegangen; auch abgeſehen vom niemals unterbrochenen Handelsverkehr gab es Beziehungen genug, zumal auf kirchlichem Gebiet. Der Bruch, den die römiſchen Legaten 1054 herbei -420Glaubenskrieggeführt hatten, ging nicht ſo tief, daß nicht im Oſten lateiniſches Kirchen - tum ebenſo weiterbeſtanden hätte wie griechiſches im Weſten. Jn Kon - ſtantinopel lebte eine Kolonie von Lateinern, auf dem heiligen Berge Athos gab es ein lateiniſches Kloſter, das ſich kaiſerlicher Gunſt erfreute, zwiſchen Montecaſſino und dem griechiſchen Hof beſtanden freundliche Beziehungen. Jn Rom und Umgebung blühten griechiſche Klöſter, in Kalabrien und Sizilien war die Kirche im weſentlichen griechiſch. Seit der Mitte des elften Jahrhunderts hatten die Pilgerfahrten nach dem Oſten beträchtlich zugenommen, begünſtigt durch die Vorſtellung eines nahen Weltendes. Jn ganzen Karawanen, mit bewaffnetem Gefolge, ſah man vornehme Herren ins Heilige Land ziehen. So wanderte im Jahr 1064 Erzbiſchof Siegfried von Mainz nach Jeruſalem, um dort das Ende der Dinge zu erwarten, ihn begleiteten die Biſchöfe von Bam - berg, Regensburg und Utrecht. Für die lateiniſchen Pilger gab es ſeit kurzem (1063) in Jeruſalem eine eigene Herberge, das Hoſpital des hei - ligen Johannes, geſtiftet von Kaufleuten aus Amalfi. Der Orden der Johanniter iſt ſpäter daraus hervorgegangen. So zahlreich waren nach - gerade die Pilgerzüge, daß die griechiſche Regierung es vorteilhaft fand, ſie einer Steuer zu unterwerfen, um deren Aufhebung Viktor III. in ſeiner kurzen Regierung ſich bemüht hat. An Teilnahme für die Lage der morgenländiſchen Chriſten kann es im Weſten alſo nicht gefehlt haben.
Auch der Gedanke des Kampfes gegen die Ungläubigen war den Abendländern längſt nicht mehr fremd, von Spanien aus, wo er nie ruhte, hatte er ſich verbreiten können. Jſt der Anteil der Nachbarn an der „ Reconquiſta “auch nicht ſo groß, wie man wohl gemeint hat, ſo hatte dieſes Ziel doch ſchon mehrfach franzöſiſche Ritter über die Pyre - näen geführt. Jm übrigen ſorgte Cluny mit ſeinen ſpaniſchen Tochter - klöſtern und ſeiner führenden Rolle in der ſpaniſchen Kirche dafür, daß die Kunde von dieſen Dingen ſich verbreitete und die Geiſter beſchäf - tigte. Jn Jtalien hatte Piſa, das ſelbſt einmal (1010) Gegenſtand eines zerſtörenden Angriffs der Sarazenen geweſen war, den Kampf gegen dieſe Feinde Chriſti mit Entſchloſſenheit aufgenommen, am Eroberungs - krieg der Normannen ſich lebhaft beteiligt und im Jahr 1087 / 1088 im Bunde mit Genueſen und andern einen erfolgreichen Feldzug nach Tunis ausgeführt, zu dem Viktor III. die Bevölkerung Jtaliens aufrief und den Kämpfenden die Kriegsfahne Sankt Peters und volle Sünden - vergebung verlieh. An den Gedanken des Glaubenskriegs war die Welt421Synoden in Piacenza und Clermontdurch dieſe Vorſpiele gewöhnt; was bisher fehlte, war ein großes Ziel und ein gemeinſamer Entſchluß. Zu beidem wollte Urban II. ſie aufrufen.
Jm September 1094 machte er ſich auf, um zunächſt ſeinen Sieg über die Gegner durch perſönliches Erſcheinen in Oberitalien zu unterſtützen. Nachdem er den Winter in Toskana verbracht, ſuchte er im Frühjahr die verbündeten lombardiſchen Städte auf, Cremona, Piacenza, Mai - land. Nach Piacenza war auf Anfang März ein Konzil ausgeſchrieben, glänzend beſucht wie kein früheres. So groß war die Menge der Teil - nehmer, daß keine Kirche ſie faſſen konnte und man gegen alle Gewohn - heit im Freien tagen mußte. Was von den Beſchlüſſen überliefert iſt, bietet nichts Merkwürdiges. Aber der Papſt benutzte die Gelegenheit, das Hilfsgeſuch des Kaiſers Alexios bekanntzumachen, und konnte ſo - gleich zahlreiche Freiwillige vereidigen. Dann zog er weiter in langſamer Reiſe von Stadt zu Stadt nach Weſten. Unterwegs begegnete ihm König Konrad, leiſtete ihm den Eid, ihn zu verteidigen gegen jedermann, und empfing Aufnahme in den Schutz der Kirche mit dem Verſprechen der Kaiſerkrone unter der Bedingung, daß er ſich den kirchlichen Ge - ſetzen, vor allem betreffs der Jnveſtitur, füge. Jm Juli wurde zu Schiff nach der Provence übergeſetzt, im September die Auvergne beſucht, dann in der Languedoc und Provence längerer Aufenthalt genommen und, nach einem Abſtecher nach Lyon, Cluny und ins Burgundiſche, in der zweiten Hälfte des November das vorläufige Ziel der Reiſe, Clermont in der Auvergne, erreicht. Hier eröffnete Urban am 18. des Monats die Synode, zu der er die Kirchen des Abendlands aufgeboten hatte.
Der Beſuch übertraf alles Dageweſene, und wieder mußte die Ver - ſammlung im Freien tagen. 13 Erzbiſchöfe, 225 Biſchöfe, 90 Äbte will man gezählt haben, Zahlen, die allerdings das Glaubhafte zum Teil weit überſchreiten. Die Franzoſen waren faſt vollzählig erſchienen; daß der König das verlangte ſichere Geleit verweigerte, hatte ſie nicht abge - halten. Auch Jtalien und Spanien waren vertreten, Deutſchland und England dagegen fehlten ganz. Die Reihe der Beſchlüſſe war lang, darunter befand ſich das Verbot der Laieninveſtitur, das ſchon in Pia - cenza erneuert war und jetzt ſeine endgültige Geſtalt erhielt: den Geiſt - lichen wurde ihr Empfang, Königen und Fürſten die Erteilung, Biſchö - fen und Äbten noch ausdrücklich die Lehnshuldigung unterſagt, damit die Kirche „ frei ſei von jeder weltlichen Gewalt “. Nun durfte auch das Ver - fahren gegen den König von Frankreich nicht länger vertagt werden. 422KreuzzugPhilipp I. war ſchon nach Piacenza geladen geweſen, hatte ſich ent - ſchuldigt und Aufſchub erhalten. Der Termin war verſtrichen, der König nicht erſchienen. So beſtätigte denn der Papſt den Spruch ſeines Legaten. Wie Deutſchland, ſo hatte nun auch Frankreich einen König, den die Kirche nicht zu ihren Söhnen zählte, dem kein Geiſtlicher die Krone auf - ſetzen durfte.
Welcher Macht und Sicherheit mußte der Papſt ſich bewußt ſein, daß er im gleichen Augenblick, wo dieſes Urteil fiel, einen Schritt unter - nahm, der einen Sinn nur hatte, wenn man auf die Gefolgſchaft des geſamten Abendlands zählte: er rief die Chriſtenheit auf zum Kriegszug gegen die Ungläubigen im Morgenland. Aber nun nicht etwa bloß zur Unterſtützung des Griechenkaiſers, wie in Piacenza die Loſung gelautet hatte, viel weiter ſteckte er in Clermont das Ziel: der Befreiung der Chriſten, die unter der Herrſchaft der Ungläubigen lebten, vor allem der Befreiung der heiligen Stätten, Jeruſalems und des Heilandsgrabes, ſollte der Feldzug gelten. Zehn Tage hatte das Konzil ſchon gedauert, als Urban am 28. November 1095 hierüber in eindrucksvoller Rede zu den Verſammelten ſprach. Er ſchilderte das Elend der Kirchen im Orient, die Unterjochung der Heiligen Stadt, rief zu ihrer Befreiung auf und verſprach denen, die daran teilnehmen würden, Vergebung aller ihrer Sünden. Jhm antwortete der einſtimmige Ruf: „ Gott will es! “, und ſogleich meldeten ſich Freiwillige in großer Zahl, denen der Papſt das Gelübde abnahm und ein weißes Kreuz auf das rechte Schulterblatt heftete, das Zeichen, das von jetzt ab die reiſigen Paläſtinafahrer kennt - lich machte.
Wir verfallen nicht in den Fehler, die Rede des Papſtes aus den recht verſchiedenen Berichten der Zeitgenoſſen wiederherſtellen zu wollen. Das wäre vergebene Mühe, denn was die Berichterſtatter bieten, iſt eigenes Gewächs. Es wäre überflüſſig auch darum, weil die Beredſamkeit Urbans, mag man ihren Eindruck noch ſo hoch anſchlagen, nicht das Entſcheidende geweſen iſt. Sie wirkte auf die Maſſe der Anweſenden, und nicht auf dieſe kam es an. Urban ſelbſt ſagt es deutlich in dem Rund - ſchreiben, das er bald danach ausgehen ließ: er habe ſich an die Fürſten und ihre Untertanen gewandt und ihnen die Teilnahme zur Pflicht ge - macht. Auf den Fürſten liegt dabei der Ton, von ihnen hing der Erfolg des Wagniſſeſ ab. Ein Wagnis war es, Urban aber war nicht der Mann, einer plötzlichen Eingebung folgend auf gut Glück etwas zu423Kreuzzugunternehmen. Nun ſprechen die zeitgenöſſiſchen Berichte zwar ausführ - lich von der Wirkung des Aufrufs, wie er von zahlloſen Boten in alle Lande getragen wurde und überall begeiſterten Widerhall fand, bei hoch und niedrig, als ob die Welt nur auf dieſe Loſung gewartet hätte, ſo daß viele Tauſende ſich ſofort das Kreuzeszeichen anheften ließen. Von der Vorbereitung dagegen hören wir nichts, da ſind wir auf Vermutun - gen angewieſen. Wenn wir aber bemerken, daß der erſte Fürſt, der ſo - fort ſchon in Clermont den Kreuzzug gelobte, der Graf Raimund von Toulouſe war, in deſſen Gebiet der Papſt vorher längere Zeit verweilt hatte, daß Urban ferner zum Führer des Feldzugs den Biſchof Ademar von Le Puy in der Auvergne beſtimmte, deſſen Gaſt er bald nach ſeiner Ankunft auf franzöſiſchem Boden geweſen war — ſo dürfen wir für gewiß halten, daß mit dieſen beiden Herren die Sache beſprochen und be - ſchloſſen worden iſt. Biſchof Ademar war vor einiger Zeit ſelbſt im Heiligen Lande geweſen, kannte die Verhältniſſe im Orient und wird ſie dem Papſt ſo geſchildert haben, daß das Unternehmen möglich und aus - ſichtsvoll erſchien. Seine Kirche hatte Beſitzungen in Spanien, ſo daß er auch mit dem Glaubenskrieg vertraut war. Ein anderer Einfluß in der Umgebung Urbans mag ihm vorgearbeitet haben. Wir wiſſen von den Kämpfen Piſas gegen die Sarazenen. Dieſe Stadt erfreute ſich der beſondern Gunſt des Papſtes, die Jnſel Korſika — ſie war im unerfüllten Schenkungsverſprechen Karls des Großen aufgeführt — hatte er ihr gegen 50 Pfund Jahreszins überlaſſen, ihr Bistum zum Erzbistum erhoben, den Jnhaber beſtätigt, obgleich er die niedere Weihe vom kaiſerlichen Erzbiſchof von Mainz erhalten hatte. Dafür war Urban, als er auf der Reiſe nach Norden länger in Piſa verweilte, vom Erz - biſchof freigebig unterhalten worden. Daß man in dieſer wie in allen italiſchen Seeſtädten einem kriegeriſchen Unternehmen gegen den Orient mit hohen Erwartungen entgegenſah, begreift ſich leicht, konnte es doch die Herrſchaft über das Meer und den oſtweſtlichen Handel in ihre Hände bringen. Nimmt man hinzu, daß der Gedanke ſelbſt ſeit den Anfängen Gregors VII. im Kreiſe ſeiner Anhänger lebte, ſo iſt der Entſchluß des Papſtes erklärt.
Für die Ausführung war zunächſt der Graf von Toulouſe gewonnen. Graf Raimund hatte in jüngern Jahren als kleiner Graf von Saint Gilles dem heiligen Petrus den Dienſteid geſchworen, war dann wegen Antaſtung von Kirchengut mit dem Papſt zerfallen, aber wieder zu424KreuzzugGnaden angenommen worden, als er ſich durch rückſichtsloſes Umſich - greifen zum Herrn der ganzen Grafſchaft Toulouſe und dazu der Pro - vence gemacht und für dieſe der römiſchen Kirche die Vaſſallenhuldi - gung geleiſtet hatte. Er war unter den Dynaſten Südfrankreichs der mächtigſte und — das hatte er bewieſen — der unternehmendſte und tatkräftigſte, ſeine Gewinnung für den Kreuzzug ein hoffnungsvoller Anfang. Gleichwohl gehörte viel Mut und ein ſtarker Glaube dazu, auf dieſen Anfang hin das Aufgebot zu erlaſſen. Aber Urban täuſchte ſich nicht, das Beiſpiel des Toloſaners fand ſogleich Nachahmung in Nordfrankreich. Jhm folgte Graf Robert von Flandern, der den Orient von einer Pilgerfahrt her kannte; dann des Königs Bruder, der Graf von Vermandois, ferner Bruder und Schwager des Königs von Eng - land, Herzog Robert von der Normandie und Graf Stefan von Char - tres, und endlich, zuſammen mit zwei Brüdern, der Herzog von Nieder - lothringen, Herr Gotfried von Bouillon, Fürſt des deutſchen Reiches, aber franzöſiſcher Zunge. Damit war das Unternehmen geſichert.
Wir fragen nach den Beweggründen. Was trieb dieſe Fürſten, was trieb die Ritter und Söldner, die ſich unter ihre Fahnen reihten, was die Maſſen niederen Volkes, die unabhängig von den Herren unter zweifel - haften Führern wie jenem Einſiedler Peter von Amiens oder jenem Ritter Walter mit dem bezeichnenden Zunamen Sansavoir, Habe - nichts, hinauszogen — was trieb ſie zum Aufbruch auf unbekannten Straßen einem fernen, unbekannten Ziel entgegen? Kein Zweifel, daß ſie alle überzeugt waren, ſich die Vergebung der Sünden und, wenn ſie auf dem Zuge umkämen, den ſofortigen Eingang ins Paradies zu ver - dienen. Aber mit dem religiöſen Beweggrund miſchten ſich profane, neben dem ewigen Lohn im Himmel lockte zeitlicher Gewinn auf Erden. Wie viele, die das Kreuz nahmen, mögen mit dieſem Schritt den Aus - weg aus einer verzweifelten Lage, aus Arbeitsloſigkeit, Verſchuldung und Not geſucht haben! Sie erhielten ja — ſo verordnete es der Papſt — Aufſchub für alle Verpflichtungen, wurden mit Leib und Gut für un - antaſtbar erklärt und hatten Ausſicht, als Pilger auf fremde Koſten ſich durchzuſchlagen bis ans Ziel, wo dann ein märchenhafter Gewinn allen Sorgen ein Ende machen würde. Auch bei den Herren war es mitunter nicht anders. Mancher von ihnen gedachte mit einem Platz im Paradieſe zugleich eine reichere Herrſchaft auf der Erde ſich zu erobern, und einigen iſt es auch gelungen. Andere, die ſolchen Ehrgeiz nicht hatten, reizte wohl425Päpſtliche Führungdas Abenteuer. Aber der ſtärkſte Antrieb, das dürfen wir unbedenklich annehmen, war doch der religiöſe, den höchſten, wertvollſten Sold bot der Papſt mit der gewiſſen Ausſicht auf Sündenvergebung und ewiges Leben. Er folgte damit — ahnte er es nicht, oder ſollen wir bewußte Nachahmung annehmen, etwa durch die Maurenkriege in Spanien vermittelt? — er folgte dem Vorbild des Feindes, bekämpfte ihn mit der eigenen Waffe. Die Wonnen des Paradieſes, die Mohammed ſeinen Glaubensſtreitern verhieß, ins Chriſtliche überſetzt als Sünden - vergebung und ewige Seligkeit, ſollten die Kampfluſt ſteigern und lenken, die den Völkern des Abendlands mit dem Blut ihrer germaniſchen Vorfahren angeboren war.
Wir haben in einem früheren Teil unſerer Darſtellung davon ge - ſprochen, daß das Chriſtentum ſich germaniſierte, als die neubekehrten Völker des Nordens es mit Vorſtellungen erfüllten, die ſie aus ihrem früheren Daſein mitbrachten; daß insbeſondere die Geſtalt des Apoſtels Petrus als Torhüter des Himmelreiches, wie ſie ſeitdem im Glauben der Abendländer lebte, dieſer Vermiſchung von altgermaniſchen und chriſt - lichen Begriffen ihre Entſtehung verdankt. Wir haben weiter davon gehört, daß die Päpſte Königen und Völkern befahlen, zu Felde zu ziehen im Dienſt des Apoſtelfürſten, indem ſie ihnen kraft der Macht - fülle, die ſie von Petrus geerbt haben wollten, Sieg und Heil in dieſem Leben und ewige Seligkeit im Jenſeits verhießen. Jſt es nicht das gleiche auf erhöhter Stufe, wenn wir jetzt chriſtliche Heerſcharen aus - rücken ſehen zum Kampf für den Gekreuzigten gegen ſeine Feinde, in Hoffnung auf Sieg und Beute und im Vertrauen auf die ewige Selig - keit, die ihnen der Stellvertreter Sankt Peters verkündigt hat? Die Chriſtenheit des Abendlands ein Kriegsheer, gerüſtet und entſchloſſen zum Kampf mit Schwert und Lanze für das Reich Gottes auf Erden, und der Papſt als Vollmachtträger Sankt Peters ihr oberſter Kriegs - herr — hat dieſes Bild noch eine innere Verwandtſchaft mit der Lehre des Evangeliums? Dagegen wie nahe ſteht es dem Glauben, der die Recken des Nordens einſt beſeelte, wenn ſie den Speer ſchleuderten und die Streitaxt ſchwangen im Vertrauen auf Odin und Thor, denen ſie ſich geweiht hatten, um Sieg und reichen Lohn auf Erden und ewige Freude in Walhall zu erkämpfen! Das iſt vollendete Germaniſierung der Kirche, der römiſchen Kirche vor allem.
Über den Gewinn an Macht und Anſehen, den das Papſttum erntete,426Päpſtliche Führungals es den großen Glaubenskrieg entfeſſelte und ihn allen Fürſten als Pflicht gebot, erſcheint jedes Wort überflüſſig. Rom ſicherte ſich die Beherrſchung des Abendlands, nicht mehr nur die Regierung der Kirche, auch die Leitung der Staaten und Herrſcher, und einen beſtimmenden Einfluß auf ihre Politik, als es die Führung ergriff in einem gemein - ſamen Unternehmen, dem man nur zum kleinſten Teil gerecht wird, wenn man es etwa mit dem unſerer Zeit ſo geläufigen Gedanken vergleicht, daß es Beruf der europäiſchen Nationen ſei, allen Völkern die Seg - nungen der abendländiſchen Ziviliſation mitzuteilen, ſei es auch indem man ihre Reiche zerſtört und ihr Land erobert. Wie tief ſchnitt doch die Verfügung Urbans über Unantaſtbarkeit und Schuldenaufſchub der Kreuzfahrer ins tägliche Leben ein! Er durfte ſie erlaſſen, nirgends erhob ſich Widerſpruch. So ſehr wurde von Anfang an der Kreuzzug als gebieteriſche Pflicht aller Chriſten empfunden: wer nicht kämpfen konnte oder wollte, mußte wenigſtens die Kämpfenden unterſtützen. Und noch ſtand man erſt in den Anfängen; was konnte, was mußte ſich nicht mit der Zeit daraus ergeben! Jndem das Papſttum ſich zum Führer aufwarf in einer Sache, die als heilige Pflicht aller Völker und jedes Einzelnen galt, hatte es die einheitliche Leitung der Politik des Abendlands in die Hände genommen, wie man ſie noch nie gekannt hatte, ſeit es verſchiedene Staaten gab.
Freilich hatte es ſich damit auch eine Aufgabe geſtellt, die vom erſten Augenblick an eine ſchwere Laſt bedeutete und es immer mehr werden ſollte, reich an Vorteilen, aber nicht weniger an Gefahren. Mißlang das Unternehmen, ſo war der, der es begonnen hatte und leitete, mit dem Fluch beladen, den die Welt keinem erſpart, der Großes verſpricht, ohne es halten zu können. Darum war mit den Kreuzzügen von nun an das Schickſal des Papſttums verkettet. Jhr Erfolg hat es auf die Höhe der Vollendung begleitet und ihr ſchließliches Scheitern ſeinen Abſtieg ein - geleitet.
Nach Schluß des Konzils in Clermont trat Urban eine Rundreiſe durch das ſüdliche und weſtliche Frankreich an. Von Biſchofsſtadt zu Biſchofsſtadt und von Kloſter zu Kloſter wandernd, überall gaſtlich auf - genommen und feierlich geehrt, gelangte er über Limoges, Poitiers, Angers nach Tours, hielt hier in der Faſtenzeit 1096 mit vierundvierzig Prälaten eine Synode ab, die die Beſchlüſſe von Clermont wiederholte,427Unterwerfung Frankreichsund lenkte ſeine Schritte dann wieder ſüdwärts nach Bordeaux, Tou - louſe, Carcaſſonne und Nîmes. Hierher hatte er auf Anfang Juli die franzöſiſchen Biſchöfe nochmals entboten und erließ mit ihnen wiederum eine lange Reihe von kirchlichen Vorſchriften. Die Heimreiſe führte ihn durch die Provence und Lombardei nach Rom, zum Weihnachtsfeſt 1096 hielt er ſeinen feierlichen Einzug. Bei ſeiner Rundreiſe durch Frank - reich hatte er für den Kreuzzug geworben, unter anderem in Tours unter freiem Himmel wie in Clermont gepredigt. Es war geweſen, wie wenn ein Herrſcher ſeine Lande bereiſt, Huldigungen entgegennehmend und Gnaden ſpendend. Ein Regen von päpſtlichen Privilegien hatte ſich über franzöſiſche Kirchen und Klöſter ergoſſen. Danebenher gingen Verfügungen und Urteile, in denen der Papſt ſo ſehr als Herr und Re - gent auftrat, daß man geradezu von Beſitzergreifung ſprechen kann. Niemand hatte daran gedacht, Widerſpruch zu erheben, wenn ſtreitige Biſchofswahlen entſchieden, zwieſpältig Gewählten die Weihe erteilt wurde ohne Rückſicht auf die Metropoliten. Schon von Jtalien aus hatte Urban über zwei Bistümer verfügt, während und nach Clermont beſetzte er fünf weitere. Der ſtändige Vikariat Hugos von Lyon verlor ſeine Bedeutung, Urban bedurfte ſeiner nicht und hat ſich denn auch nicht geſcheut, wiederholt über ihn hinwegzugehen. Seit 1095 iſt es Tat - ſache und nicht mehr beſtritten: die Kirchen Frankreichs ſind dem Papſt untertan und werden von ihm regiert.
Welch beſcheidene Rolle ſpielte daneben der König! Als Ausge - ſchloſſener hatte er aus der Ferne dem Triumphzug des Papſtes zuſehen dürfen, der die Grenzen der königlichen Hausmacht mied. Jn Frank - reich dachte man königlich genug, um das zu empfinden, Biſchöfe drohten, den Herrſcher von der Strafe zu löſen, und Urban hielt für nötig, ihnen ſehr ernſtlich in Erinnerung zu bringen, daß ſie dazu nicht befugt ſeien. Jndeſſen er ſchien es ſelbſt gar nicht ſo bös zu meinen. Er hat keine Verſchärfung angedroht, geſchweige denn verfügt, überhaupt keine Folgerungen aus dem Urteil gezogen und beide Augen zugedrückt, wenn das Königspaar ſich durch ſeine Hofgeiſtlichen trotz allem Meſſe leſen ließ, als wollte er zu verſtehen geben, daß er nur notgedrungen den Zürnenden ſpiele. Wie anders war Gregor VII. mit Heinrich IV. ver - fahren! Daß auf Philipps Seite der Wunſch nach Losſprechung leb - haft war, verſteht ſich. Wenn er ſeine Gemahlin behalten durfte, war er zu vielem bereit. Das war allerdings unmöglich, immerhin wurde, noch ehe428Erlöſchen des franzöſiſchen Jnveſtiturſtreitsder Papſt Frankreich verlaſſen hatte, ein Vorfriede geſchloſſen. Philipp verſprach, ſich von ſeiner unrechtmäßigen Königin zu trennen, Urban hob den Ausſchluß aus der Kirche auf und hielt nur das Verbot aufrecht, ſich die Krone an Feſttagen aufſetzen zu laſſen. Aber er tat nichts, als ihm gemeldet wurde, daß der Erzbiſchof von Tours zu Weihnachten 1096 den König dennoch gekrönt habe. Der Krieg, in dem beide Teile ſich bemühten, einander möglichſt wenig wehe zu tun, fand Ende April 1098 ſein Ende. Philipp ließ beſchwören, daß die Trennung von ſeiner Ge - mahlin ſchon beſtehe, und das Krönungsverbot wurde aufgehoben.
Bei dieſer Gelegenheit ſcheint auch die Frage der Jnveſtituren, von der inzwiſchen nicht die Rede geweſen war, ihre Löſung gefunden zu haben, eine merkwürdige Löſung allerdings: der Streit wurde ſtill - ſchweigend als beendet angeſehen, indem man ſeinen Gegenſtand bei - ſeiteſchob.
Von jeher hatten die Verteidiger der Jnveſtitur durch Laienhand behauptet, ſie gelte nicht dem kirchlichen Amt, ſondern dem mit ihm verbundenen irdiſchen Beſitz. Gegen dieſe Unterſcheidung hatte ſchon Humbert von Moyenmoutiers gewettert*)Siehe oben S. 298.. Sie ließ ſich in der Tat ſchwer aufrechterhalten, ſolange Ring und Stab bei der Jnveſtitur benutzt wurden, denn dies waren die myſtiſch gedeuteten Sinnbilder des geiſtlichen Amtes, der Ring das Zeichen unlöslicher Verbindung von Biſchof und Gemeinde, die als geiſtige Ehe gedacht wurde, der Hirten - ſtab das Zeichen des geiſtlichen Regiments. Daß Laien über dieſe Sinn - bilder verfügten, mußte einem wachen kirchlichen Empfinden unerträg - lich dünken. Aber dem konnte man Rechnung tragen, ohne die Unter - ſcheidung von Amt und Beſitz preiszugeben. Es handelte ſich nur darum, eine Form zu finden, die das Recht des weltlichen Kirchenherrn am welt - lichen Beſitz der Kirche wahrte, ohne gegen die berechtigte Forderung der Kirche, daß das Amt ihr gehöre, zu verſtoßen. Mit der Auffaſſung, daß der Staat eine urſprünglich ſündhafte Einrichtung und ſeine Fürſten und Könige Diener des Teufels ſeien, wie Gregor VII. gelehrt hatte, war das allerdings nicht zu vereinigen. Ebenſo mußte man auf das Ziel verzichten, dem ſeit Humbert die kirchliche Revolution zuſtrebte, die voll - ſtändige Befreiung der Kirche von jedem Einfluß weltlicher Macht - haber. Solange man an dieſem Ziel feſthielt und ſich zu den Jdeen Gregors VII. bekannte, war ein Friedensſchluß mit der Staatsgewalt429Trennung von Amt und Beſitznur auf der Grundlage ihrer unbedingten Unterwerfung möglich. Aber es dachten auch in gut kirchlichen Kreiſen keineswegs alle ſo wie Gregor, und die völlige Loslöſung der Kirche aus dem Verbande des irdiſchen Staates war durchaus nicht nach dem Sinn der meiſten, vielmehr war wohl von jeher das Programm Gregors VII. nur von einer kleinen Gruppe von Unentwegten ohne Vorbehalt anerkannt worden. Daß ab - weichende Meinungen nicht laut wurden, ſolange der Kampf tobte, war begreiflich; als er ſich legte, durften ſie ungeſcheut hervortreten. Es war ein ſeltenes Glück, daß als Sprecher der gemäßigten Anſicht ein Mann auftrat, der durch Gelehrſamkeit und Charakter überall Achtung einflößte.
Das war Biſchof Jvo von Chartres. An ſeiner kirchlichen Geſinnung und Ergebenheit gegen Rom konnte niemand zweifeln. Gegen den Wil - len des Königs gewählt, von Urban II. (1090) geweiht und darum zeit - weilig in Kerkerhaft gehalten, hatte er ſich deſſenungeachtet die Ver - mittlung zwiſchen König und Papſt angelegen ſein laſſen. Urban II. ſchenkte ihm großes Vertrauen und benutzte ihn als perſönlichen Ver - treter neben und gelegentlich auch gegen Hugo von Lyon. Jn der Kennt - nis des kirchlichen Rechts war Jvo allen Zeitgenoſſen überlegen, ſeine Arbeiten auf dieſem Gebiet ſind länger als ein Menſchenalter maß - gebend geweſen. Dabei war er bei aller Feſtigkeit der ſittlichen Grund - ſätze in der Praxis biegſam und anpaſſungsfähig genug, um den Er - forderniſſen des öffentlichen Lebens entgegenzukommen und überall den Geiſt über den Buchſtaben, den Zweck über die Mittel zu ſtellen. Auch für ihn iſt der Papſt Richter über jeden Einzelnen und jede Kirche, ſein Urteil unanfechtbar, ſein Befehl unbedingt verbindlich, ſolange er nicht gegen den Glauben verſtößt. Aber eine gebieteriſche Forderung iſt der Friede zwiſchen Kirche und Königreich, weil das Gegenteil beiden Teilen zum Verderb ausſchlägt. Um des Friedens willen kann und ſoll darum die Kirche ihre Geſetze nach Bedarf ändern, auch gerechte Anſprüche ermäßigen. „ Was nicht “, ſchreibt er, „ durch ewig gültiges Geſetz ver - ordnet, ſondern um der Ehre und des Nutzens der Kirche willen ein - geführt oder verboten iſt, kann aus dem gleichen Grunde, aus dem es erſonnen iſt, zeitweilig zurückgeſtellt werden. Das iſt keine ſchädliche Geſetzwidrigkeit, ſondern löbliche und höchſt heilſame Anpaſſung. “ Die Jnveſtiturverbote billigt er, aber er deutet ſie in einem Sinn, den Gregor VII: weit von ſich gewieſen haben würde. Nach Jvo iſt dem430Jvo von ChartresKönig wohl die Aushändigung der Abzeichen des Amtes, nicht aber die Überlaſſung des Bistums unterſagt. Unter Bistum aber verſteht er die weltlichen Beſitzungen der Kirche*)Der Ausdruck concessiones episcopatuum, deſſen er im Gegenſatz zur corporalis investitura ſich bedient, iſt zweideutig, da episcopatus (Bistum) ſowohl das Biſchofsamt wie des Biſchofs Herrſchaft, ſein Gebiet, bezeichnet., ſtellt ſich alſo unumwunden auf den Standpunkt der Trennung von Amt und Beſitz. Daß der Beſitz vom König verliehen wird, von dem er herrührt, hat für Jvo nichts Bedenk - liches, ob durch Handreichung, Wink, Wort oder Stab, iſt gleichgültig, wenn nur nichts Geiſtliches mit der Verleihung gemeint iſt. An die Stelle der Jnveſtitur mit Ring und Stab — das iſt Jvos Meinung — mußte die Überlaſſung der Kirchengüter treten, ſo wurde der Kirche gegeben, was der Kirche, und dem König, was des Königs war.
Seine Auffaſſung dem päpſtlichen Vikar Hugo von Lyon freimütig auseinanderzuſetzen, wurde Jvo dadurch veranlaßt, daß Hugo die Weihe des neugewählten Erzbiſchofs von Sens wegen Annahme der könig - lichen Jnveſtitur beanſtandete. Hugo war über das, was er zu leſen bekam, empört. Auf den echten Gregorianer, der er geblieben war, mußte es herausfordernd wirken, wie hier die ganze Frage als eigentlich nicht vorhanden abgetan wurde. Wo blieben da ſo wichtige Dinge wie Zahlung der Lehnsabgabe, Leiſtung des Vaſſalleneids, Freiheit der Wahl von weltlicher Einmiſchung? Dieſe waren es ja, derentwegen die Reformer ſeit Humbert gegen die Laieninveſtitur Sturm liefen, ihrethalben erklärten ſie ſie für Simonie. Simonie konnte nach einer Begriffsbeſtimmung, die ſich mit der Zeit herausgebildet hatte, begangen werden nicht bloß durch nackten Kauf oder Beſtechung, auch durch Ver - pflichtungen oder Verſprechungen für die Zukunft, vor allem durch Über - nahme von Dienſt und Gehorſam. Jn dieſem Sinne war die Lehns - huldigung, wenn ſie zur Bedingung für den Empfang des Amtes gemacht wurde, nicht weniger Simonie als die Zahlung von barem Geld oder Darbringung von Geſchenken, durch die einer die Gunſt des Verleihen - den zu gewinnen ſuchte. Von dem allem ſprach Jvo mit keinem Wort. Statt deſſen enthielt ſein Brief eine ſcharfe Zurückweiſung von An - ſprüchen des Primas-Legaten. Hugo, dadurch noch mehr gereizt, zögerte nicht, den Schreiber in Rom zu verklagen, er habe gegen die römiſche Kirche geſchrieben, und Jvo wurde zur Rede geſtellt. Er rechtfertigte ſich in einem Schreiben an den Papſt und bot ſeinen Rücktritt an, Urban431Stillſchweigende Übereinkunftaber verleugnete ſeinen Legaten, gab dem Erzbiſchof von Sens die Weihe, bevor er den Primat von Lyon anerkannt hatte, und ſtellte ſich in der Frage der Jnveſtitur praktiſch auf den Standpunkt Jvos. Eine förmliche Abmachung, verbindliche Erklärung oder Ähnliches erfolgte zwar nicht, aber wenn nicht alles trügt, ſo iſt damals, im April 1098, zwiſchen Papſt und König ein ſtillſchweigendes Übereinkommen getroffen worden. Der König verzichtete auf die Jnveſtitur mit Ring und Stab, die ſeitdem aus den königlichen Bistümern Frankreichs verſchwindet, der Papſt wiederum ließ es geſchehen, daß der König den gewählten Biſchö - fen ihre weltliche Herrſchaft verlieh gegen Leiſtung eines Treueides. Philipp I. hat den Verzicht ohne Zweifel nur ausgeſprochen, um das Krönungsverbot loszuwerden, das damals in der Tat aufgehoben wurde. Auch der Papſt hat ſchwerlich gemeint, mehr als eine vorläufige Dul - dung des königlichen Verfahrens zu gewähren. Aber die ſtillſchweigend getroffene Regelung hat ſich eingebürgert. Sie wurde nicht geſtört, als Philipp ſein Wort brach, die Königin bei ſich behielt und aufs neue dem Ausſchluß verfiel. Als er vier Jahre vor ſeinem Tode (er ſtarb 1108) endlich der Kirche den Willen tat und die Gemahlin entließ, brauchte von Jnveſtitur und Biſchofswahlen nicht mehr die Rede zu ſein, der Zuſtand hatte ſich eingelebt und konnte weiterbeſtehen. Wurde ein Bistum frei, ſo legte der König Beſchlag auf die weltlichen Einkünfte, ließ eine Wahl vornehmen, behielt ſich aber vor, den Gewählten in Be - ſitz zu ſetzen. Daß damit ſein Einfluß auf die Wahl ſelbſt geſichert war, liegt auf der Hand, und für die fortgefallenen Zahlungen bot der Be - zug der Einkünfte Erſatz. Auf dieſer Grundlage, den Gedanken Jvos folgend, ward Friede gemacht. Förmlich beendet war der Jnveſtitur - ſtreit nicht, aber er war erloſchen, da beide Teile ihre Anſprüche auf - gegeben hatten. Die königliche Jnveſtitur war beſeitigt, die Freiheit der Kirche preisgegeben.
Dabei iſt es geblieben. Wohl hat es auch ſpäter von Zeit zu Zeit Rei - bungen und Streitigkeiten zwiſchen Krone und Geiſtlichkeit, König und Papſt um die Beſetzung von Bistümern gegeben, aber grundſätzlich iſt der Friede zwiſchen Kirche und Staat in Frankreich nicht mehr ernſt - lich in Frage geſtellt worden, bis die große Revolution am Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit allen Überlieferungen aufräumte. Ein immer engeres Verhältnis gegenſeitiger Förderung und Rückſichtnahme bildete ſich zwiſchen Frankreich und dem Papſt, tief genug wurzelnd, um432Englandnach vorübergehenden Trübungen ſich von ſelbſt wiederherzuſtellen, und feſt genug, um auch den heftigſten Stürmen, die über die Kirche hin - weggingen, ſtandzuhalten. Das war für Frankreich die Frucht des Jnveſtiturſtreits; ein dauerndes Einverſtändnis und mehr als das, ein enges Bündnis iſt aus ihm erwachſen, während er in andern Ländern einen Gärungsſtoff hinterlaſſen hat, der das Verhältnis zwiſchen Staat und Kirche noch lange Zeit vergiftete.
Die Kirche hat Frankreich den Friedensſchluß leicht gemacht. Sie brauchte gegen den König nicht hart zu ſein, denn ſie war der Geiſtlich - keit ſicher. Zwiſchen dieſer und Rom beſtand eine enge Geiſtesgemein - ſchaft, ſeit im franzöſiſchen Klerus eine Generation heranwuchs, die bereits in den Jdeen der neuen Zeit erzogen war, Jdeen, die wir als franzöſiſches Geiſtesgut kennen. Da hätte der Papſt nicht einmal ſelbſt Franzoſe ſein müſſen, wie es Urban II. war, um ſeine Politik auf Frank - reich zu ſtützen, das römiſch-franzöſiſche Bündnis ergab ſich faſt mit Notwendigkeit aus der Natur der Dinge.
Etwas kam hinzu, um den Papſt zu nachſichtigem Gewährenlaſſen gegenüber dem König von Frankreich zu beſtimmen: ſie hatten einen gemeinſamen Gegner im König von England.
Zwiſchen dem König von Frankreich und ſeinem übermächtigen Vaſſallen war die Feindſchaft natürlich, verſchärft durch die unvermeid - lichen Grenzſtreitigkeiten. Eine Erleichterung ſchien einzutreten, als die Macht Wilhelms I. bei ſeinem Tode (1087) geteilt wurde: der ältere Sohn, Robert, erbte die Normandie, der jüngere, Wilhelm II., die Krone Englands. Aber keiner der Brüder wollte die Trennung als end - gültig anerkennen, und wie ein Damoklesſchwert hing die Wieder - vereinigung über dem gekrönten Haupt von Frankreich. Als ſie im Jahr 1106 durch den Sieg des Engländers bei Tinchebray und die Gefangen - nahme Herzog Roberts wirklich eintrat, geſchah nur etwas, das man ſo oder anders längſt hatte erwarten müſſen.
Auch der Papſt hatte Grund, im König von England ſeinen Gegner zu ſehen. Wilhelm I., „ die Perle unter den Fürſten “, hatte ſeine Lande der Reform geöffnet, aber dem Papſt verſchloſſen. Den Peterspfennig von England entrichtete er wohl und ließ Kirchen und Klöſter refor - mieren, aber ihr Herr wollte er auch in England ſein und bleiben, wie er es von der Normandie her gewohnt war. Von Freiheit der Kirche war433Englandunter ihm keine Rede. Nachdem die Säuberung des angelſächſiſchen Klerus 1070 im päpſtlichen Auftrag durchgeführt war, hat nur einmal noch ein römiſcher Legat in beſonderer Veranlaſſung engliſchen Boden betreten. Die ſtändige Vertretung des Papſtes übte Lanfrank, der Primas der engliſchen Kirche. Den Verkehr der Biſchöfe mit Rom beaufſichtigte der König, ohne ſein Wiſſen durften ſie weder Briefe noch Boten empfangen. Romreiſen engliſcher Prälaten waren ſelten und nur mit Erlaubnis des Königs möglich; an den alljährlichen römiſchen Synoden hat nie ein Engländer teilgenommen. Nicht viel anders war es in der Normandie: Sonderlegaten durften hier wohl erſcheinen, aber der Primat von Lyon blieb gegenüber der Kirchenprovinz Rouen ein toter Buchſtabe. Gregor hat verſucht in ſeiner Art dagegen anzukämp - fen: er machte Vorwürfe, ſchalt und drohte und ſparte nicht mit harten Worten. Aber er erreichte nicht mehr, als daß Lanfrank ſeinen immer dringenderen Aufforderungen zum Beſuche Roms im Jahr 1082 end - lich Folge leiſtete. Man errät, daß er ſich und den König über den wahren Stand der Dinge unterrichten ſollte. Er wird gemeldet haben, daß die Sache Gregors verloren ſei. Das blieb nicht ohne Wirkung. Wir wiſſen, daß der König ſeitdem Gregor den Rücken gekehrt hat. Jm Streit der Päpſte war England in den letzten Jahren Wilhelms I. neutral. Sein Nachfolger behielt dieſe Politik bei. Clemens III. durfte Lanfrank mit ſchmeichelhaften Briefen umwerben, ihn wiederholt und dringend an den ſchuldigen Beſuch Roms und die Entrichtung des Peterspfennigs mahnen, ſogar der Beſchwerden einer engliſchen Abtei gegenüber dem König ſich annehmen, er erreichte damit ebenſo wenig wie Urban II., als er, die Tatſachen gefliſſentlich nicht beachtend, mit Lanfrank die alten Beziehungen anzuknüpfen verſuchte, wie wenn nichts geſchehen wäre.
Wilhelm II. war ein roher und zyniſcher Menſch, der ſich um Gott und Teufel nicht ſcherte und die Pfaffen verachtete. Die Kirchen ſeines Landes behandelte er als Geldquellen, ließ nach Lanfranks Tode (1089) das Erzbistum Canterbury drei Jahre unbeſetzt, um die Einkünfte ſelbſt zu genießen, und verlieh es ſchließlich dem Manne, den er für den bequemſten hielt. Es traf ſich, daß dieſer zugleich eine Leuchte mönchiſcher Frömmigkeit und kirchlicher Gelehrſamkeit war, die über die Jahr - hunderte ſtrahlt und bis heute ihren Schein nicht verloren hat. Jeder Gebildete kennt den Namen Anſelms von Canterbury, des TheologenHaller, Das Papſttum II1 28434Wilhelm II. und Anſelm von Canterburyund Philoſophen, der die Zahl der angeblichen Vernunftbeweiſe für das Daſein Gottes um einen vermehrt und die Lehre von der Rechtfertigung ausgebaut hat. Gebürtig aus Aoſta, war er, den Spuren Lanfranks folgend, in die Normandie gewandert und im Kloſter Bec, in dem Lan - frank gelehrt hatte, Mönch und Abt geworden. Jm Jahr 1093 berief ihn der König auf den Stuhl von Canterbury.
Er tat es ungern auf Drängen von Biſchöfen und Lords, und er täuſchte ſich in dem Mann ſeiner Wahl. Anſelm, lebensfremd und alles eher als ein Herrſcher, war für die Geſchäfte der Welt nicht geſchaffen, ſie verdroſſen ihn und machten ihn krank, er hatte Heimweh nach der Ruhe des Kloſters und trug ſich ſtets mit dem Gedanken an Rücktritt. Aber die ſtrenge Folgerichtigkeit, die im Denken ſeine Stärke war, übertrug er auch auf ſein Handeln. Zugeſtändniſſe zu machen, wo er ſich im Recht glaubte, brachte er nicht über ſich, und Hinderniſſe vor - ſichtig zu umgehen, war ihm nicht gegeben. So dauerte es nicht lange, und er war mit dem König gründlich überworfen. Nachdem die erſten Streitigkeiten wegen der Leiſtungen des Erzbiſchofs für Staatszwecke mit Mühe beigelegt waren, brach im Jahre 1094 der offene Hader aus, als Anſelm die Erlaubnis verlangte, nach Rom zu reiſen, um ſich das Pallium zu holen. Von der Normandie her an die Anerkennung Ur - bans II. gewöhnt, hatte er in ſeiner Unerfahrenheit verſäumt, ſich über dieſen Punkt vor Annahme des Erzbistums Sicherheit zu verſchaffen. Jetzt verbot der König nicht nur die Reiſe, er wollte Anſelm wegen Auf - lehnung durch das Hofgericht abſetzen laſſen. Damit drang er nicht durch, obgleich die Biſchöfe ihren Primas im Stich ließen. Nun wandte ſich Wilhelm ſelbſt an den Papſt und bot ihm die Anerkennung an, wenn das Pallium ihm überſandt würde, das er nach Beſeitigung Anſelms einem ihm genehmen Erzbiſchof auszuliefern gedachte. Urban II. ergriff gern die Gelegenheit, England für ſeine Partei zu gewinnen, und ent - ſandte den Biſchof von Albano, der ganz offen von Anſelm abrückte und ſich mit dem König dahin einigte, daß dieſer Urban als Papſt anerkennen, aber auf Lebenszeit das Vorrecht erhalten ſollte, keinen Legaten in Eng - land zu ſehen, den er nicht ſelbſt gewünſcht haben würde. Um ſolchen Preis verzichtete Wilhelm auf die Beſeitigung Anſelms, und dieſer empfing das Pallium, aber er grollte dem Römer, der nicht nachdrück - licher für ihn eingetreten war. Jn ſeinem Kreiſe hatte man kein Ver - ſtändnis dafür, daß am päpſtlichen Hof die Anerkennung Urbans durch435Wilhelm II. und Anſelm von CanterburyEngland für wichtiger galt als die Verteidigung eines ungeſchickten und darum unbequemen Anhängers. Man konnte ſich das Verhalten des Legaten nur durch Beſtechung erklären und beklagte ſich, daß in Rom Gold und Silber mehr gälten als Gerechtigkeit.
An der Lage der engliſchen Bistümer und Klöſter hatte ſich dabei nichts geändert, nach wie vor blieben ſie vom König abhängig und wurden von ihm für ſtaatliche Zwecke ausgenutzt. Der Biſchof von Albano hat ſogar zugelaſſen, daß Anſelm genötigt wurde, beim Empfang des Palliums dem heiligen Petrus und dem Papſt den herkömmlichen Eid des Gehorſams „ unter Vorbehalt der Treue gegen den König “zu ſchwören. Ein päpſtlicher Sondergeſandter, der neben anderem wegen der Behandlung der Kirchen dem König Vorſtellungen machen ſollte, richtete nichts aus. Wilhelm ließ dem Papſt eine bedeutende Geldſumme überreichen, er verſprach noch mehr — der Peterspfennig war ja ſeit vielen Jahren nicht gezahlt worden — und erreichte damit, daß Urban einwilligte, die Angelegenheit zu vertagen. Wieder erregten ſich ſtreng - kirchliche Gemüter über „ den unerſättlichen Schlund römiſcher Hab - gier “, für den die Ehre der engliſchen Kirche und das Anſehen Roms nichts gelte.
Es dauerte nicht lange, ſo brach ein neuer Streit aus. Der König warf dem Erzbiſchof vor, daß die Truppen, die er ſtellte, nichts taugten. Der Erzbiſchof beſchwerte ſich, daß der König ihm Güter ſeiner Kirche vorenthalte, er forderte außerdem die Unterſtützung des Königs bei ſeinem Vorhaben, den Zuſtand der Kirchen und die Sitten der Laien zu beſſern. Da er nichts erreichte, erklärte er, den Papſt perſönlich aufſuchen zu wollen, und hielt dieſe Abſicht gegen das Verbot des Königs aufrecht. Daraufhin wurde ihm vor dem Hofgericht der Prozeß wegen Ungehor - ſams und Treubruchs gemacht, der zur Entziehung des Erzbistums führen mußte. Durch ein eidliches Verſprechen, nie mehr den Papſt anrufen zu wollen, hätte Anſelm ſich Begnadigung erkaufen können. Das lehnte er ab: „ Solchen Eid ſchwören, hieße Sankt Peter abſchwören. Wer aber Sankt Peter abſchwört, der ſchwört Chriſtus ab, der ihn zum Fürſten über ſeine Kirche geſetzt hat. “ Daraufhin mußte er das Reich verlaſſen, auf das Erzbistum legte der König die Hand.
Anſelm begab ſich zuerſt nach Lyon zu Erzbiſchof Hugo, der ihm von früher naheſtand und ihn in dieſer Angelegenheit beriet. Dann ging er nach Rom. Er iſt dort perſönlich in jeder Weiſe geehrt und ausgezeichnet436Urbans II. Lage in Romworden, aber erreicht hat er nichts. Abzudanken erlaubte der Papſt ihm nicht, aber unterſtützt hat er ihn auch nicht. Ein Mahnſchreiben an den König, dem Erzbiſchof die Güter ſeiner Kirche zurückzugeben, war alles, wozu Urban ſich aufſchwang. Zwar veranlaßte er Anſelm, gegen den König wegen Unterdrückung der Kirche Klage zu erheben, ſtellte ihm auch in Ausſicht, das Schwert Sankt Peters gegen den Schuldigen zu brauchen. Aber als die Sache auf dem Konzil zu Bari im Oktober 1098 zur Verhandlung kam, erfolgte keine Verurteilung, ſondern Vertagung. Ebenſo im folgenden April auf einer Synode in Rom. Da ſetzte es ſo - gar einen peinlichen Auftritt: ein italieniſcher Biſchof äußerte ſich empört über dieſe Verſchleppung. Urban begütigte ihn und verſchob das Urteil auf Ende September als letzten endgültigen Termin. Aber ehe es dazu kam, war der Papſt geſtorben. Anſelm hatte Rom ſchon vorher verlaſſen und ſeine Zuflucht in Lyon wieder aufgeſucht. Er hatte für Rom gekämpft und ſah ſich von Rom im Stich gelaſſen.
Urban II. iſt deswegen bis in die neueſte Zeit bitter getadelt worden. Man hat ihm vorgeworfen, er habe „ über den niedrigen Jntereſſen des äußeren Preſtige und der finanziellen Rentabilität ganz das ideale Ziel aus dem Auge verloren “. Das Urteil iſt ungerecht, es verkennt die Lage, in der der Papſt ſich befand. Er hatte zu wählen, ob er für die An - ſprüche des Erzbiſchofs eintreten und dadurch England abſtoßen oder es durch einſtweiliges Gewährenlaſſen bei ſeiner Partei feſthalten wollte. Das war keineswegs nur eine Sache des äußeren Anſehens: der Abfall Englands, vollends ſein Übertritt auf die Seite der Gegner konnte die kaum errungenen Erfolge ernſtlich gefährden. Wenn der engliſche Peterspfennig nach Ravenna ſtatt nach Rom floß, verſchoben ſich die Verhältniſſe in Jtalien, und der notdürftig beendete Kampf begann von vorne. Den Peterspfennig aber konnte Urban ſelbſt nicht entbehren. Seine Lage war nach der Rückkehr nach Rom noch keineswegs glänzend, ſie hat ihn nicht nur gegenüber England zu Nachgiebigkeiten genötigt, bei denen man mit demſelben Recht von Preisgabe idealer Ziele reden könnte. Jn Rom ſelbſt wurde er erſt allmählich Herr. Bei ſeiner Rück - kehr im Dezember 1096 waren die Gegner in der Stadt noch ſo ſtark, daß franzöſiſche Kreuzfahrer in der Peterskirche vom Deckengebälk aus mit Steinen beworfen wurden. So erbittert war die Stimmung, daß keiner ſeines Lebens ſicher war, der als Urbaniſt erkannt wurde. Noch im zweiten Jahr nach Urbans Rückkehr haben die Anhänger Clemens 'III. 437Unteritalienmitten in Rom eine förmliche Synode abhalten und die Vertreter des Papſtes, der ſelbſt in Unteritalien weilte, zur Verantwortung vorladen dürfen. Erſt nach ihrer Vertreibung hat Urban die Engelsburg, das Bollwerk ſeiner Gegner, in Beſitz nehmen können, der Umgebung Roms war er noch keineswegs Herr. Jn Oberitalien erlitt die päpſtliche Partei bald einen empfindlichen Verluſt durch den Abfall des Welfenhauſes. Der junge Welf war es müde, die Null an der Seite ſeiner alten Ge - mahlin zu ſein, er verlangte Verfügung über ihren Beſitz, und da ihm das verweigert wurde, trennte er ſich von ihr (1097). Jnfolgedeſſen ſagte ſich auch ſein Vater, der Baiernherzog, von der päpſtlichen Partei los, öffnete dem Kaiſer die Wege zur Rückkehr nach Deutſchland und be - mühte ſich mit Erfolg um Friedensvermittlung. Jm Jahr 1098 kam die Ausſöhnung des Kaiſers mit ſeinen ſüddeutſchen Feinden zuſtande.
Um ſo wichtiger wurde es nun für den Papſt, daß er auf Unteritalien zählen konnte. Aber auch hier entwickelten ſich die Dinge keineswegs günſtig. Der junge Fürſt Richard II. von Capua war durch einen Auf - ſtand aus ſeiner Hauptſtadt vertrieben und genötigt, an die Hilfe des Oheims von Apulien zu appellieren. Herzog Roger brachte ſie auch und ſetzte den Neffen wieder in Beſitz, verlangte aber dafür die Lehns - huldigung, die ihm nicht verweigert wurde. Der Papſt konnte nichts dagegen tun. Schweigend mußte er zuſehen, wie Capua in dauernde Abhängigkeit von Apulien geriet und die römiſche Kirche einen Vaſſallen verlor, der ihr jetzt nur noch durch Vermittlung des Herzogs unterſtand. Wenn man ſich erinnert, welchen Wert Gregor VII. darauf gelegt hatte, daß Unteritalien geſpalten bliebe, ſo ermißt man die Größe des Verzichts, den Urban II. hier auf ſich nahm.
Einen nicht geringeren mutete ihm zur ſelben Zeit Roger von Sizilien zu. Für den Papſt bildete der glückliche Eroberer der reichen Jnſel — Sizilien beherrſchte dank ſeiner Lage bei dem damaligen Zuſtand der Schiffahrt die Handelswege vom Tyrrheniſchen Meer nach Oſten — für den Papſt bildete Roger neben der Gräfin Mathilde den ſtärkſten Rückhalt. Urban hatte es als großen Erfolg buchen dürfen, daß die Ver - lobung König Konrads von Jtalien mit Rogers kleiner Tochter zuſtande kam. Während er unterwegs nach Frankreich war, wurde die Braut dem Bräutigam in Piſa mit reichen Schätzen zugeführt. Aber um - ſonſt wollte auch dieſer Vaſſall nicht dienen, er forderte ſeinen Lohn auf dem Gebiet der Kirche ſeines Landes. Sie war unter arabiſcher Herr -438Sizilienſchaft völlig verfallen und mußte neu aufgebaut und geordnet werden. Eine ſchwierige und heikle Aufgabe, denn was von ihr noch beſtand, war griechiſch wie ein großer Teil der Bevölkerung, namentlich in den Städten. Nur natürlich war es, daß die wiederhergeſtellten Bistümer mit Lateinern beſetzt wurden, aber der Klerus war nach wie vor griechiſch, und griechiſch waren die zahlreichen Klöſter, durch Sprache, Formen des Gottesdienſtes und Recht von den Lateinern geſchieden, nicht zu ver - geſſen die abweichende Lehre vom Heiligen Geiſt. Welche großartige Aufgabe, die Kirche Siziliens mit Rom in Übereinſtimmung zu bringen! Sie hätte von Rechts wegen dem römiſchen Stuhl zufallen müſſen, der hier, in ſeinem eigenen Lehnreich, ein glänzendes Arbeitsfeld, eine ganze Provinz zu erobern vorfand. Aber Graf Roger dachte anders. Er wollte Herr der Kirche ſeines Landes ſein, wie er es aus ſeiner Heimat, der Normandie, von früheren Zeiten her kannte. Wenn er es ſein ſollte, durfte die Neuordnung der kirchlichen Verhältniſſe nicht andern Hän - den, auch nicht dem Papſt, überlaſſen werden. Darum nahm der Graf es ſehr übel, als Urban für Sizilien einen Legaten ernannte. Er verlangte für ſich das gleiche Vorrecht, das ſoeben erſt Wilhelm II. für England erhalten hatte, und mehr noch als das, in Anbetracht der beſondern Verhältniſſe. Urban aber war nicht in der Lage, es zu verſagen. Am 5. Juli 1098 ließ er in Salerno die Urkunde ausſtellen, durch die er die Kirche auf Sizilien dem Landesherrn für zwei Gene - rationen vollſtändig unterwarf. Zum Lohn für ſeine erfolgreichen Kämpfe gegen die Sarazenen und für die dem Heiligen Stuhl geleiſteten Dienſte wurde Graf Roger zum „ beſondern und allerteuerſten Sohn der Kirche “erklärt und ihm das Vorrecht verliehen, daß bei ſeinem und ſeines nächſten Erben Lebzeiten kein Legat nach Sizilien geſchickt werde. Vielmehr würde der Papſt in Ausübung ſeiner Rechte ſich ausſchließlich durch den Grafen vertreten laſſen. Dieſem wurde zugleich anheimgeſtellt, ob und durch wen er die ſiziliſchen Kirchen auf römiſchen Synoden ver - treten laſſen wollte. Jn der Geſchichte der römiſchen Kirche hat dieſe Ur - kunde nicht ihresgleichen, ſie geht ſogar weiter als alles, was das griechiſche Staatskirchentum dem Kaiſer von Konſtantinopel einräumte. Urban II. wird gewußt haben, was er preisgab, in ſeiner dermaligen Lage preisgeben zu müſſen glaubte. Welche Kämpfe einſt um dieſes Pergament entbren - nen ſollten, konnte er nicht ahnen. Er beeilte ſich, dem Grafen durch Beſeitigung einer Hauptſchwierigkeit zu Hilfe zu kommen. Auf einem439Der KreuzzugKonzil zu Bari, das er im Oktober desſelben Jahres abhielt, wurde die Frage nach dem Ausgang des Heiligen Geiſtes verhandelt. Die griechi - ſche Geiſtlichkeit Unteritaliens und Siziliens vertrat die orientaliſche Lehre, Anſelm von Canterbury die abendländiſche. Die Griechen er - klärten ſich für überzeugt, und durch einſtimmigen Beſchluß wurde feſt - geſtellt, daß der Heilige Geiſt vom Vater und vom Sohn ausgehe. Wie aufrichtig die Abſtimmung der Griechen war, iſt eine Sache für ſich. Vor der Welt jedenfalls war es entſchieden, daß das normänniſche Reich in Jtalien ſich in der Glaubenslehre vom Oſten getrennt und dem Weſten angeſchloſſen hatte.
Die große Sorge des Papſtes galt in dieſen Jahren dem Kreuzzug. Jene regelloſen Haufen, die ungeduldig und ungerüſtet vorausgeeilt waren und beim erſten Zuſammentreffen mit den Türken aufgerieben wurden, werden ihn kaum beſchäftigt haben. Den Fürſten und Rittern hatte er neun Monate Zeit zum Rüſten gelaſſen. Sie wurde, wie zu erwarten, von den meiſten überſchritten. Jm Herbſt 1096 brach man auf verſchiedenen Wegen nach dem Oſten auf. Zu den Franzoſen hatten ſich zwei italiſche Normannen geſellt, Boemund von Tarent, der Sohn Robert Guiscards, und ſein Neffe Tankred. Auch in den Städten Jtaliens war die Kreuzpredigt erfolgreich geweſen, Bologna erhielt dafür vom Papſt beſonderes Lob und die Verſicherung, daß allen, die ohne Verlangen nach irdiſchem Gewinn, nur zum Heil ihrer Seelen an dem Zuge teilnehmen würden, die ganze Buße für ihre gebeichteten Sünden erlaſſen ſei.
Wir dürfen die Ausrückenden nur aus der Ferne begleiten, ſo an - ziehend es wäre, ihre verſchiedenen Schickſale näher kennenzulernen. Nur ſoweit ſie auf das Papſttum zurückwirken, gehören die Kreuzzüge in unſere Darſtellung. Jn Konſtantinopel hatten die Fürſten und ihre Heere bis zum Mai 1097 ſich geſammelt, und nach langen und ſchwie - rigen Verhandlungen war man mit Kaiſer Alexios übereingekommen, ihm alles auszuliefern, was an ehemals griechiſchem Gebiet erobert wer - den würde. Als nun Ende Mai 1097 der Vormarſch in Kleinaſien begann, zeigte ſich ſogleich die taktiſche Überlegenheit der Abendländer. Die türkiſchen Feſtungen ergaben ſich, ihre Truppen wurden im Felde geſchlagen. Nach Überſchreitung des Taurus kam man in ein Land mit weſentlich chriſtlicher Bevölkerung. Seit etwa 1020 war das Hinter -440Der Kreuzzugland des Golfes von Alexandrette von armeniſchen Auswanderern be - ſiedelt, die in den Kreuzfahrern ihre Befreier begrüßten. Jm Fürſtentum Edeſſa (heute Urfa) begehrte man einen von ihnen zum Herrſcher, und Graf Balduin, ein Bruder Gotfrieds von Bouillon, übernahm die Rolle. Mit 200 Rittern trennte er ſich vom Hauptheer, marſchierte nach Edeſſa, wurde vom dortigen türkiſchen Fürſten zum Erben und Regen - ten eingeſetzt, vereinfachte ſich aber die Aufgabe, indem er den Mann umbringen ließ. Es war der erſte greifbare und dauernde Erfolg, für die Zukunft wichtig, weil Edeſſa als Kreuzungspunkt die Straßen von und nach Kleinaſien, Armenien, Meſopotamien und Syrien beherrſchte. Jm Oktober 1097 ſtand man vor Antiochia. Die uneinnehmbare Stadt, nach ſiebenmonatiger Belagerung durch Beſtechung und Verrat er - obert, wäre beinahe das Grab der Kreuzfahrer geworden. Denn nun wurden ſie von dem heranrückenden Heer des Sultans von Moſſul eingeſchloſſen, bis ein mit dem Mut der Verzweiflung unternommener Ausfall ſie befreite und den Feind vertrieb (28. Juni 1098). Mit der Siegesbotſchaft ſandte man dem Papſt die Aufforderung, herüberzu - kommen und den erſten Biſchofsſitz des Apoſtels Petrus einzunehmen. Dann brachte der Tod des oberſten Führers, des Biſchofs Ademar von Le Puy (1. Auguſt), eine böſe Hemmung. Unter den Fürſten brachen Zwiſtig - keiten aus, die zu ſchlichten niemand da war, und im Streit um den Be - ſitz von Antiochia verging ein halbes Jahr. Erſt im Januar 1099 er - zwangen die Truppen den Aufbruch, und langſam ging es nun ſüdwärts auf Jeruſalem zu. Hier hatte ſich ſoeben eine wichtige Veränderung zugetragen. Der Emir der Stadt, der die Herrlichkeit der türkiſchen Sultane zuſammenbrechen ſah, hatte Schutz vor den Lateinern geſucht, indem er ſich dem Khalifen von Ägypten unterwarf. Mit dieſem alſo mußten die Kreuzfahrer als mit ihrem Gegner rechnen, als ſie Anfang Juni Jeruſalem angriffen. Die Stadt war ſchlecht befeſtigt und wurde ſchlecht verteidigt, dagegen traf gerade zu rechter Zeit eine Flotte von Ge - nua mit den erforderlichen Belagerungsmaſchinen ein. Am 14. Juli 1099 wurde der Sturm unternommen, am folgenden Tage war Jeruſalem im Beſitz der Chriſten. Es wurde völlig ausgeplündert und ausgemordet. Alle Ungläubigen wurden getötet, wie ein Wall lagen die Leichen rings um die Stadt und verpeſteten noch lange die Umgegend. Nicht einmal der Schatz der Kirche vom Heiligen Grabe wurde geſchont. Tankred war es, der ihn ſich aneignete und gezwungen werden mußte, wenigſtens441Urbans II. Bedeutungden größeren Teil herauszugeben. Den Beſitz der eroberten Stadt ſicherte am 12. Auguſt ein Sieg bei Askalon über das zu ſpät gekommene ägyptiſche Heer. Der Zweck des Unternehmens war erreicht, und ein triumphierender Bericht konnte an den Papſt erſtattet werden.
Urban II. hat den Sieg des Kreuzheeres, ſeines Heeres, wohl noch erlebt, aber nicht mehr erfahren. Die letzte Nachricht, die er erhielt, handelte vom Sieg bei Antiochia, aber auch von der Gefahr, in der die zuſammenſchmelzende Truppe dauernd ſchwebte. Er war daher eifrig um Nachſchub bemüht, und es iſt kein Zweifel, daß auf ſein Betreiben die genueſiſchen Schiffe ausgelaufen ſind, die zur ſchnellen Eroberung Jeruſalems verhalfen. Es heißt ſogar, Urban habe ſelbſt nach dem Orient aufbrechen wollen, wo eine überragende Autorität angeſichts der Un - einigkeit der Führer dringend not tat. Dieſen Gedanken hat er dann doch fallen laſſen und ſtatt ſeiner den Erzbiſchof Dagobert von Piſa, den wir als einen der mutmaßlichen Urheber des Kreuzzugsplanes ſchon kennen, als bevollmächtigten Vertreter ausgeſandt. Dann iſt er am 29. Juli 1099 geſtorben, die Sorge um Erhaltung und Erweiterung des Gewon - nenen ſeinem Nachfolger hinterlaſſend.
Urbans Bild weiſt widerſprechende Züge auf. Gegenüber den An - ſprüchen Gregors VII. bedeutet ſeine Regierung einen ſtarken Rückzug, manche ſeiner Maßregeln ſehen ſogar aus wie Verleugnung des Zieles, das ſeit Nikolaus II. in Rom verfolgt wurde. Daß er über die Rechte ſeines Amtes nicht anders als Gregor dachte, brach bei aller diplomati - ſchen Vorſicht gelegentlich hervor. Ein Biſchof von Cambrai, der ihn im Rechtsſtreit auf die Kanones verwies, bekam zum Erſtaunen der Anweſenden die Antwort: „ Ach was Kanones! Meine Vorſchriften ſollen maßgebend ſein. “ Dem Geſchichtsſchreiber des Bistums kommt dabei der Vers Juvenals in den Sinn. „ Da ſieht man, “bemerkt er, „ daß der Papſt alles war. Wo es ihm paßte, hieß es ‚ So will, ſo befehl 'ich, mein Wille erſetzt die Begründung. ‘“ Bekannt war Urbans Ab - hängigkeit vom Gelde. Seine Willfährigkeit gegen England hatte zum guten Teil dieſe Urſache: er konnte den Peterspfennig nicht entbehren. Man traute ihm zu, ja man behauptete, es ſei ſeine Gewohnheit, ſich für einen zu erwartenden Urteilsſpruch im voraus bezahlen zu laſſen und den Zahlenden nachher zu enttäuſchen. Von dem vorhin erwähnten Biſchof von Cambrai forderte er 300 Mark. Der Biſchof verweigerte ſie und meinte, als er unrecht bekommen hatte, die Zahlung würde ihm442Urbans II. Bedeutungnichts genützt haben; er wäre nur hingehalten worden, wie man es oft erlebt habe und täglich erleben könne. Die Macht, die Silber und Gold beim Papſt ausübten, hat ein Unbekannter in einer ſatiriſchen Schilde - rung unter dem Decknamen der heiligen Märtyrer Albinus und Rufinus — „ Silbermann und Goldberg “könnten wir heute ſagen — gegeißelt, wobei er Urban und ſeine Kardinäle als eine unmäßige Trinkergeſell - ſchaft verhöhnt. Dem Anſehen des Papſttums konnten ſolche Dinge nicht förderlich ſein. Seit den Tagen Urbans II. bildete ſich der Ruf von der Käuflichkeit und Geldgier des römiſchen Hofes.
Dennoch iſt die Frage berechtigt, ob die Neuſchöpfung des Papſttums gelungen wäre ohne die kluge, nötigenfalls auch bedenkenloſe Haltung dieſes Franzoſen, der es verſtand, die Grundſätze zur Anerkennung zu bringen, indem er auf ihre Befolgung verzichtete. Aus dem politiſchen und finanziellen Bankerott, den Gregor VII. hinterließ, konnte das Papſttum nur gerettet werden, wenn es für den Augenblick zu verzichten, Forderungen zurückzuſtellen und ſich den Umſtänden zu fügen nicht ver - ſchmähte. Das war die Kunſt, die Urban II. verſtand. Daß er auch anders konnte, hat er bewieſen. Der Papſt, der Anſelm von Canterbury im Stiche ließ, den unklaren Frieden mit dem König von Frankreich ſchloß und die Kirche Siziliens dem Landesherrn auslieferte, der Papſt der heimlichen Schliche und unſaubern Mittel, der die häßliche Ehe zwiſchen Mathilde und Welf ſtiftete und Heinrich IV. durch Ver - führung des eigenen Sohnes zu Fall brachte, er iſt auch der Papſt, der mit großem Entſchluß das Zeitalter der Kreuzzüge eröffnet hat.
Nach Urbans Tode ſcheint die Neuwahl nicht ohne Schwierigkeiten zuſtande gekommen zu ſein. Erſt am ſechzehnten Tage, dem 14. Auguſt 1099, wurde Paſchalis II. geweiht. Der Prieſter Rainer vom heiligen Clemens war noch von Gregor VII. zum Kardinal erhoben. Gebürtig aus der Romagna, war er Mönch in einem unteritaliſchen Kloſter ge - weſen, dann Abt von Sankt Lorenz in Rom geworden. An Erfahrung in den Geſchäften fehlte es ihm nicht, doch ſeine wiſſenſchaftliche Bil - dung galt für ungenügend. Daß er auch weder ein großer Charakter noch ein gewandter Politiker war, ſollte erſt ſeine Regierung beweiſen. Jn mehr als gewöhnlichem Maß hat er ſich von andern leiten und von den Ereigniſſen beherrſchen laſſen.
Seine Anfänge ſtanden im Zeichen der großen Erfolge im Oſten, von443Anfänge Paſchalis 'II. denen die Kunde im Lauf des Winters 1099 auf 1100 das Abendland durcheilte. Von ihrem gewaltigen Eindruck ließ der Papſt in ſeiner Ant - wort auf den Bericht der Kreuzfahrer nur ein mattes Echo hören: Gott habe die Wunder der Vorzeit erneuert, vor den Gebeten der Prieſter ſeien die Mauern eingeſtürzt wie einſt vor dem Schall der Poſaunen. Die Lage der Sieger war nicht unbedenklich, in der verödeten Stadt mit ihrem menſchenarmen Hinterland hingen ſie faſt in der Luft. Darum war jetzt der Nachſchub die vornehmſte Sorge. Er fand ſich auf den Ruf des Papſtes reichlich ein. Ein förmliches Kreuzzugsfieber ergriff die abendländiſche Welt, und ſchon das Jahr 1100 ſah eine Schar von Fürſten, geiſtlichen und weltlichen, aufbrechen, ſtattlicher als das erſte Mal. Wieder ſtellte Frankreich die meiſten, außer drei Biſchöfen die Herzöge von Burgund und Aquitanien, den Grafen von Nevers. Die Grafen von Vermandois und Chartres, die den erſten Zug vor dem Ende verlaſſen hatten, ſuchten ihre Schuld zu ſühnen, indem ſie nochmals aus - rückten. Aber jetzt waren auch Jtalien und Deutſchland gut vertreten durch zwei Erzbiſchöfe, drei Biſchöfe, den Herzog von Baiern und mehrere Grafen aus der Lombardei. Wir folgen ihnen nicht; unſere Aufmerkſamkeit gilt vorerſt noch dem Abendland.
Zu den großen Dingen, die in der Ferne unter ſeinem Namen ge - ſchahen, ſtand die Lage des Papſtes in ſeiner nächſten Umgebung in pein - lichem Widerſpruch. Paſchalis muß von Anfang an in Stadt und Um - gegend auf ſtarke Gegnerſchaft geſtoßen ſein, wenn gleich nach ſeiner Wahl Clemens III. ſich in der Nachbarſchaft Roms, in Albano, unter dem Schutz der Grafen von Tuskulum feſtſetzen und nur durch herbei - eilende Truppen des Fürſten von Capua genötigt werden konnte, ſeinen Sitz weiter nördlich im Städtchen Civita Caſtellana zu nehmen. Von hier aus ſtörte er den Verkehr mit Rom und nahm unter[a]nderem einen heimkehrenden franzöſiſchen Biſchof gefangen. Nicht einmal ſein Tod im Jahre 1100 brachte Sicherheit. Die Kaiſerlichen hatten an ihm einen bedeutenden Führer verloren, deſſen vortreffliche Eigenſchaften auch die Gegner anerkannten, aber ſtadtrömiſcher Parteihaß war damit nicht beſchwichtigt. Zwei Gegenpäpſte ſah Paſchalis raſch nacheinander auftreten. Der erſte, Biſchof Theodor von Santa Rufina, alſo einer der Kardinäle, wurde in Sankt Peter erhoben und behauptete ſich über hundert Tage. Dann erſt gelang es, ihn zu vertreiben und auf der Flucht zu fangen. Raſcher war der Biſchof Albert von Sabina erledigt. Der rö -444Anfänge Paſchalis 'II. miſche Vornehme, unter deſſen Schutz er mitten in der Stadt gelebt hatte, lieferte ihn für Geld aus. Sie endeten als Gefangene in unteritaliſchen Klöſtern. Den Sieg, den er beide Male normänniſcher Hilfe verdankte, feierte Paſchalis in der Faſtenzeit 1102 durch eine Synode, auf der er den Fluch gegen Heinrich IV. und ſeine Anhänger erneuerte und die Spaltung der Kirche für Ketzerei erklärte. Aber ſchon drei Jahre ſpäter (1105) ſah er ſich aufs neue und ernſter als bisher bedroht. Eine Gruppe des ſtädtiſchen Adels empörte ſich gegen ihn, erhob einen Erzprieſter Maginulf zum Papſt und nannte ihn Silveſter IV. Unter den Wählern befanden ſich alte Anhänger Gregors VII. und Urbans II. Als Grund ihres Abfalls gaben ſie an, Paſchalis habe ſchon als Abt Simonie geübt und für ſein Papſttum die Anerkennung des Tuskulaner Grafen buch - ſtäblich erkauft. Ob nun die ſehr beſtimmt und genau lautenden Angaben der Wahrheit entſprechen oder nicht, die Lage wurde bedenklich, als die Aufſtändiſchen durch den Markgrafen Werner von Ancona Beiſtand erhielten, der mit deutſchen Truppen herbeikam, Paſchalis zur Flucht auf die Tiberinſel nötigte und die Weihe Silveſters deckte. Dieſer ſetzte ſich im Lateran feſt. Ein Verſuch, ihn von dort mit Waffengewalt zu vertreiben, wurde zurückgeſchlagen. Wirkſamer als die Schwerter er - wies ſich das Geld. Den Anhang Paſchalis 'führte Petrus, der Enkel Baruch-Benedikts und Sohn jenes Neuchriſten Leo, der Gregor VII. zur Seite geſtanden hatte. Seine Familie, ſpäter die Pierleoni ge - nannt, hatte bereits ihren Platz unter den angeſehenſten Geſchlechtern der Stadt, ſie bot Paſchalis den ſtärkſten Rückhalt. Mit den Mitteln dieſes Hauſes konnte Silveſter IV. nicht wetteifern. Er räumte den Lateran und verließ unter dem Schutz des abziehenden Markgrafen die Stadt. Jetzt erſt gelang es Paſchalis, das Neſt des Widerſtands, Civita Caſtellana, zu nehmen, wo Clemens III. beſtattet war und an ſeinem Grabe Wunder geſchahen. Um dem ein Ende zu machen, ließ der Papſt die Leiche ausgraben, verbrennen und die Aſche in den Tiber werfen.
Wenn nun auch die wichtigſte Pilgerſtraße wieder frei war, die Lage Paſchalis 'blieb immer noch unſicher, ſolange im Süden die Grafen von Tuskulum unzuverläſſig, im Nordoſten das große Kloſter Farfa offen kaiſerlich war. Die äußere Bedrängnis mag es auch entſchuldigen, daß Paſchalis' Umgebung im Rufe ſtand, „ zahm zu werden, ſobald ſie von Geld reden hörte “. Einer, der dort ein Geſchäft betrieb, erhielt von Jvo von Chartres den Rat, mit Geſchenken und Verſprechungen zu wirken. Die445FrankreichDomherrn von Chartres, die die Pfründen nur gegen Abgaben verleihen wollten, beriefen ſich auf das Vorbild der römiſchen Kirche, wo die Weihe eines Biſchofs oder Abtes viel koſtete und keine Zeile umſonſt geſchrieben würde.
Von einem Herrſcher in ſo beengter und gefährdeter Lage wird nie - mand große Taten erwarten. Was von Paſchalis 'erſten Jahren in der Regierung der Kirche zu melden iſt, zeigt denn auch weder großes Wollen noch feſtes Handeln, es mutet vielmehr an wie ein fortgeſetztes Be - mühen, ſich zu halten. Gegenüber Frankreich hat er die Stellung noch um einige Schritte hinter die von Urban gezogene Linie zurückgenom - men. Die Geſamtvertretung durch Hugo von Lyon wurde aufgehoben, Sonderlegaten traten an die Stelle. Das ergab Verſtimmungen und Unklarheiten, zumal der Papſt die Maßregeln ſeiner Vertreter gelegent - lich durchkreuzte. Daß der Biſchof von Autun, den jene abgeſetzt hatten, in Rom freigeſprochen wurde, tadelten die Legaten offen als ungeſetzlich und zogen ſich vom Papſt zurück. Es kam ſchließlich ſo weit, daß ſogar Jvo ſeinen alten Gegner Hugo von Lyon wieder mit der Geſamtver - tretung für ganz Frankreich betraut zu ſehen wünſchte.
Gegenüber dem König zeigte ſich Paſchalis ebenfalls nicht ſo, wie man in den Kreiſen der Reform verlangte. Philipp I. hatte ſein Wort nicht gehalten, ſeine Gemahlin nicht entlaſſen und ſich damit ſchon von Urban II. ein erneutes Krönungsverbot zugezogen. Paſchalis betraute mit der Angelegenheit zwei Legaten, die deswegen auf einem Konzil in Poitiers im Herbſt 1100 über den König den Fluch ausſprachen. Um - ſonſt hatten Biſchöfe und Laien Einſpruch erhoben, die Legaten blieben feſt, auch als ſich Erregung des Volkes bemächtigte, das ſich wie wild gebärdete und mit Steinen nach ihnen warf. Der Papſt indes gab der Sache keine Folge, er tat und ſagte nichts, als der König den Spruch unbeachtet ließ. Jn eifrig kirchlichen Kreiſen entrüſtete man ſich über die „ römiſche Leichtfertigkeit “und argwöhnte, daß Beſtechung im Spiele ſei. Ebenſowenig griff Paſchalis in einem ſchwebenden Bis - tumsſtreit durch. Jn Beauvais hatte er den Gewählten, den der König ſtützte und der Erzbiſchof geweiht hatte, verworfen und einen andern beſtätigt, der König aber verweigerte dieſem die Bistumsgüter. Die Pflicht, einem päpſtlichen Urteil ſich zu unterwerfen, erkannte er nicht an. Es war eine grundſätzliche Frage von großer Tragweite, und vier Jahre (1100 ‒ 1104) dauerte der Streit. Dann fand man den Ausweg,446Frankreich. Jnveſtiturſtreit in Englanddaß der Schützling des Königs Beauvais behielt und der Gegner mit dem inzwiſchen frei gewordenen Bistum Paris entſchädigt wurde.
Es war der Preis, den der Papſt für den endgültigen Friedensſchluß mit dem König zahlte. Neben und über dem gealterten Vater hatte der Thronfolger Ludwig VI. zunehmenden Einfluß erlangt, und er, ein Ver - treter der neuen Zeit, von Geiſtlichen in der neuen Denkweiſe erzogen, ſah das Verhältnis zur Kirche ſchon mit andern Augen an als die vorige Generation. Ein enges Bündnis zwiſchen Kirche und Staat unter gegenſeitiger Rückſichtnahme entſprach ſeiner Überzeugung. Die Stär - kung, die daraus dem Königtum erwachſen konnte, erſchien ihm groß genug, um auch weitgehende Zugeſtändniſſe zu rechtfertigen. Er bewog den Vater, ſich von der Königin zu trennen, und am 2. Dezember 1104 erfolgte die Losſprechung Philipps durch einen Bevollmächtigten des Papſtes vor einer Verſammlung von neun Biſchöfen, vor der er als Büßender, barfuß mit der Kerze in der Hand, erſchien und einen Eid leiſtete, hinfort mit der Königin keinen Umgang mehr haben, ſie auch nicht unter vier Augen ſprechen zu wollen. Die Krone hatte ſich vor dem Thron des Apoſtelfürſten gebeugt. Es ſah aus wie ein verkleinertes Canoſſa, mindeſtens wie ein vollgültiger Sieg des Papſtes. Wer aber die Vorgeſchichte im Auge behält, muß feſtſtellen, daß es weniger der Papſt war, der hier ſiegte, als die franzöſiſchen Biſchöfe und der Thron - folger, die für ihn den Sieg errangen.
Eine unbequeme Erbſchaft hatte Paſchalis in ſeinem Verhältnis zu England antreten müſſen. Daran erinnerte ihn ſogleich ein Schreiben Anſelms von Canterbury, der ihm aus ſeinem Zufluchtsort in Lyon den Stand ſeiner Angelegenheit vortrug. Er ließ dabei durchblicken, daß es für den Papſt Zeit ſei, über den König den Ausſchluß zu verhängen. Aber ehe Paſchalis darauf geantwortet hatte, trat in England ein völliger Umſchwung ein. Am 2. Auguſt 1100 verunglückte König Wil - helm II. tödlich auf der Jagd, und ſein Bruder Heinrich bemächtigte ſich des Reiches. Sein Recht auf die Krone war zweifelhaft, und ob - gleich er nirgends offenem Widerſtand begegnete, konnte er doch nicht wünſchen, ſich ſeine Stellung durch einen Kampf mit der Kirche zu er - ſchweren. Er war überdies ein anderer Mann als ſein Vorgänger, Ge - waltſamkeiten abgeneigt und der Kirche gegenüber von Achtung und Verſtändnis erfüllt. Jhre Ausbeutung, die Wilhelm II. eingeführt hatte,447Jnveſtiturſtreit in Englandhob er alsbald auf. An Anſelm ließ er eine höchſt zuvorkommend gehaltene Aufforderung zur Rückkehr ergehen. Anſelm zögerte nicht, ihr zu folgen, und betrat am 23. September 1100 engliſchen Boden. Aber ſchon bei der erſten Begegnung geriet er mit dem König in Gegenſatz. Der zurück - kehrende Anſelm war ein anderer, als der vor zwei Jahren außer Landes gegangen war. Bei Übernahme des Erzbistums hatte er anſtandslos vom König die Jnveſtitur mit Ring und Stab empfangen und als Vaſſall gehuldigt, wie es das engliſche Gewohnheitsrecht vorſchrieb. Daß er von den Verboten nichts gewußt haben ſollte, die ſeit 1078 wiederholt von Päpſten und Konzilien erlaſſen waren, wird man nicht glauben. Aber wenn bis dahin niemand auf ihre Beachtung in England gedrungen hatte, ſo fühlte er keine Verpflichtung, päpſtlicher zu ſein als die Päpſte. Wäh - rend ſeines unfreiwilligen Aufenthaltes auf dem Feſtland hatte er dar - über anders denken gelernt. Er hatte ſelbſt an den Synoden in Bari und Rom teilgenommen, auf denen Erteilung und Empfang der Jnveſtitur durch Laienhand und Leiſtung der Vaſſallenhuldigung für Bistümer und Abteien neuerdings verboten wurden. Daneben wird der Einfluß Hugos von Lyon, ſeines Gaſtfreundes, nicht verfehlt haben, auf ihn zu wirken. Als er nun vor dem neuen König ſtand und dieſer von ihm die Huldigung verlangte, weigerte er ſich mit Berufung auf die in Bari und Rom erlaſſenen Geſetze. Er erregte damit Entrüſtung nicht nur beim Herrſcher, Laien und Geiſtliche und ſämtliche Biſchöfe widerſprachen ihm. Man drohte ihm mit Verbannung und Losſagung des Königreichs von Rom. Es war klar, ganz England ſtand völlig auf dem Boden der alten Kirchenverfaſſung, die Umwälzung, die das Feſtland ergriffen hatte, war auf die Jnſel noch nicht vorgedrungen.
Mancher andere hätte nun den Kampf für das neue Recht auf eigene Gefahr eröffnet. Anſelms Natur entſprach das nicht, auch hatte ihn die Erfahrung gelehrt, daß er in ſolchem Kampf auf römiſche Unter - ſtützung nicht ſicher rechnen konnte. Vor allem erkannte er, daß gegen - über dem einheitlichen Widerſtand von König und Reich weder er noch der Papſt etwas ausrichten würden. Auf eigene Verantwortung zu handeln, war er überhaupt nicht der Mann. Er wandte ſich alſo mit der Bitte um Rat an den Papſt. Andererſeits hatte auch der König das Bedürfnis, ein offenes Zerwürfnis mit dem Primas zu vermeiden. Eben jetzt ſah er ſich durch einen Angriff ſeines Bruders, des Herzogs der Nor - mandie, bedroht. Robert, kaum vom Kreuzzug heimgekehrt, machte448Jnveſtiturſtreit in EnglandMiene, ſeinem Anſpruch auf die engliſche Krone mit den Waffen Nach - druck zu verleihen. So ließ denn Heinrich den Erzbiſchof ſeine Weige - rung nicht entgelten, lieferte ihm die Beſitzungen ſeiner Kirche aus und eröffnete Verhandlungen mit dem Papſt. Was er verlangte, war die Fortdauer des Zuſtands, der unter ſeinem Vater und Bruder beſtanden hatte. Von ſeinen ererbten Rechten gedachte er nichts aufzugeben, und wenn er ſelbſt — ſo durfte er hinzufügen — zu einer Demütigung ſich bequemen wollte, ſo würden die Großen, ja das ganze Volk von England es nicht dulden. Dieſe ſtolze Erklärung überbrachte ein Geſandter nach Rom und unterſtützte ſie durch Überreichung des Peterspfennigs. Anſelm konnte nicht umhin, das Begehren des Königs brieflich zu befürworten. Er wurde keiner Antwort gewürdigt, dem König erwiderte der Papſt, ſein Wunſch, die Jnveſtitur der Biſchöfe und Äbte zu behalten, ſei ſo ungehörig, daß die Kirche unter keinen Umſtänden darauf eingehen könne. Von der Lehnshuldigung der Prälaten war in dem Schreiben nicht die Rede. Heinrich gab ſich damit nicht zufrieden, er ſandte den Erz - biſchof von York mit zwei andern Biſchöfen nach Rom, denen Anſelm zwei Mönche als ſeine Vertreter mitgab. Die Antworten lauteten wie - derum abſchlägig. Dem König gegenüber war die Ablehnung eingehüllt in freigebige Anerkennung, daß er die Mißbräuche ſeines Vorgängers abgeſtellt habe. Anſelm wurde in ſchmeichelhaften Wendungen auf das ſoeben (1102) in Rom abgehaltene Konzil verwieſen, wo die Laien - inveſtitur aufs neue verboten worden war. Von der Lehnshuldigung wie - der kein Wort; aber auch kein Befehl, keine Weiſung, geſchweige denn Strafandrohung. Mündlich ſoll Paſchalis ſich gegenüber den Biſchöfen, aber hinter dem Rücken von Anſelms Vertretern, dahin ausgeſprochen haben, wenn der König ſich im übrigen als „ guter Herrſcher “zeige, ſo ſollte ihm die Jnveſtitur nicht verboten ſein und ihn deswegen die Aus - ſchließung nicht treffen; doch könne ihm das ſchriftlich nicht gegeben werden, weil andere Fürſten es ſich zunutze machen würden. Ob Paſchalis wörtlich ſo geſprochen, mag fraglich ſein, aber daß er Andeutungen in dieſer Richtung gemacht hat, iſt nicht zu bezweifeln. Seine Doppel - züngigkeit erregte, als ſie auf dem engliſchen Reichstag im Herbſt des Jahres aufgedeckt wurde, einen ſcharfen Wortwechſel zwiſchen den Biſchöfen, die ſich auf das Wort des Papſtes beriefen, und Anſelms Mönchen, die ihnen den Glauben verſagten. Paſchalis, von Anſelm zur Rede geſtellt, beeilte ſich, hoch und heilig zu beteuern, er habe ſo449Englandweder geſprochen noch jemals gedacht. Sein Wortſchwall zeugt aber nicht eben für ein ganz reines Gewiſſen, und in England ſcheint er auch keinen vollen Glauben gefunden zu haben. Den Biſchöfen, die ihn in ſo ſchlechtes Licht gebracht hatten, entzog er „ die Gnade Sankt Peters “und ſeine eigene Gemeinſchaft — eine halbe Maßregel, die ſeine Un - ſicherheit verriet. Anſelm war klug genug, das Schreiben uneröffnet bei ſich zu behalten, ſo daß es in England zunächſt nicht bekannt wurde. Er ſcheint den Ausreden des Papſtes nicht geglaubt zu haben.
Es iſt ſehr wohl denkbar, daß ein anderer Primas auf Paſchalis 'zweideutiges Verfahren eingegangen wäre, das Jnveſtiturverbot auf - rechtzuerhalten, aber ſeine Übertretung in England nicht zu ſtrafen. An - ſelms Sache war das nicht, er verlangte eine deutliche Anweiſung, ob er auf Beachtung des Verbots beſtehen ſolle oder nicht. Für ſeine Perſon war er bereit, es fallen zu laſſen, aber er wollte das nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Papſtes tun, die er nicht erhielt. Ob König Heinrich ſich mit einem ſo unklaren Zuſtand zufrieden gegeben hätte, der es dem Papſt erlaubt hätte, ihn je nach Umſtänden zu ſchonen oder zur Rechen - ſchaft zu ziehen, iſt ſchwer zu entſcheiden. Jm Grunde wäre es nichts ande - res geweſen, als was unter Wilhelm I. und Wilhelm II. beſtanden hatte, denen gegenüber das Jnveſtiturverbot von keinem der Päpſte jemals geltend gemacht worden war. Die ehrenwerte, aber nicht eben ſtaats - männiſche Haltung ſeines Primas, den er perſönlich verehrte und mit jeder möglichen Rückſicht behandelte, nötigte den König, auch ſeinerſeits auf Klarheit zu beſtehen. Er machte alſo einen erneuten Verſuch, zum Ziel zu kommen, und übertrug die Verhandlung Anſelm ſelbſt, den ein königlicher Geſandter begleitete. Ende April 1103 ſchiffte der Erzbiſchof ſich ein, hielt ſich jedoch lange in der Normandie und Frankreich auf, um nicht in der heißen Jahreszeit in Rom ſein zu müſſen. Erſt im No - vember war er dort. Er wußte, daß er nicht würde heimkehren dürfen, wenn er nicht die Erlaubnis zur Ausübung der Jnveſtitur und Forderung des Vaſſalleneids mitbrächte. Die Verhandlung mit dem Papſt nahm einen erregten Verlauf. Es kam ſo weit, daß der Geſandte des Königs ausrief: man ſolle wiſſen, daß ſein Herr eher ſein Reich als die Jnveſtitu - ren verlieren wolle. Worauf Paſchalis erwiderte: „ Bei Gott, ich würde ſie ihm nicht überlaſſen, und wenn ich damit meinen Kopf retten könnte! “ Am Ende aber wurde doch etwas erreicht. Der einzige Bericht, den wir darüber haben, ſtammt aus der Umgebung Anſelms und verſchleiertHaller, Das Papſttum II1 29450Englandden Kern der Sache. „ Auf den Rat der Römer “, ſo heißt es dort, „ ge - ſtattete der Papſt dem König einige ererbte Gebräuche, verbot ihm aber durchaus die Jnveſtituren. “ Das Verbot ſuchte Paſchalis dem König in einem langen, ſehr verbindlichen Schreiben mundgerecht zu machen.
Die Zugeſtändniſſe, zu denen er bereit war, ſind aus dem ſpäteren Verlauf der Dinge zu erraten /. Ohne Zweifel hat es ſich um die Lehns - huldigung der Biſchöfe und Äbte gehandelt, von der ja der Streit aus - gegangen war. Sie wollte der Papſt dem König einräumen, dazu ver - mutlich den Genuß der Einkünfte geiſtlicher Kronlehen während ihrer Er - ledigung. Vom König hing es ab, ob er ſich damit zufrieden geben würde. Sein Geſandter ſowohl wie Anſelm müſſen es für möglich gehalten haben, denn ſie machten die Heimreiſe zuſammen. Erſt in Lyon erhielt Anſelm die Mitteilung, daß er ausgewieſen und ſein Erzbistum be - ſchlagnahmt ſei. Der König hatte alſo das Angebot des Papſtes abge - lehnt, er beſtand auf dem Recht der Jnveſtitur. Zum zweitenmal mußte nun Anſelm als Verbannter die Gaſtfreundſchaft Erzbiſchof Hugos in Anſpruch nehmen, indes wurde es ihm erleichtert durch die Gunſt des Königs, der ihm aus den Einkünften von Canterbury ſeinen Unterhalt zukommen ließ. Er tue es ungern, ſchrieb er, „ denn keinen ſterblichen Menſchen hätte ich lieber in meinem Reich als Dich “. Anſelm erwiderte mit gleicher Höflichkeit: „ bei keinem andern ſterblichen König möchte ich lieber ſein oder dienen “. Aber in der Sache blieb er feſt, forderte Herausgabe der ganzen Einkünfte, die ihm zuſtanden, und Freiheit zur Ausübung ſeines Amtes „ gemäß Gottes Geſetz “. Er wagte ſogar zu drohen. „ Jch ſcheue mich “, ſchloß er, „ die Anrufung Gottes länger hin - auszuſchieben. Darum bitte, beſchwöre ich Euch: zwinget mich nicht, bedauernd und widerwillig zu rufen: Erhebe Dich, Herr, und richte Deine Sache! “ An Vermittlern fehlte es nicht, die Königin nahm ſich der Dinge eifrig an; aber es war alles umſonſt, der Erzbiſchof wich keinen Schritt, ſolange es ihm nicht vom Papſt befohlen wurde, und daß dieſer Befehl nicht kommen würde, wußte er. Auch eine letzte Sendung des Königs nach Rom blieb erfolglos.
Nachdem darüber ein Jahr vergangen war, fand ſelbſt Paſchalis, es ſei Zeit zu handeln. Auf der Synode, die er in den Faſten 1105 in Rom abhielt, verhängte er über alle, die vom König die Jnveſtitur empfangen hatten, desgleichen über des Königs Räte, den Ausſchluß. Gegen Hein - rich ſelbſt einzuſchreiten, zögerte er noch, wie er Anſelm mitteilte, in451FriedensſchlußErwartung einer angekündigten Geſandtſchaft. Man mußte darauf gefaßt ſein, daß das Äußerſte bald erfolgen werde.
Durch dieſe Ausſicht ſah Heinrich ſich in ſeinen Plänen geſtört. Er hatte alle Anſtalten zur Eroberung der Normandie getroffen; trat er dort als von der Kirche Verfluchter auf, ſo mußte er mit verſtärkten Widerſtänden rechnen. Sein Bruder Robert lebte mit der Kirche auf gutem Fuß, Anſelm war in der Normandie ganz anders einflußreich als in England, wo er ein Fremder war, und das Herzogtum war fran - zöſiſches Kronlehen. Schon hatte Anſelm Lyon verlaſſen und ſich auf franzöſiſchen Boden begeben, von König und Thronfolger dringend ein - geladen, in Frankreich, wo das Klima ſeiner Geſundheit zuträglich ſei, dauernden Wohnſitz zu nehmen. Die einfachſte Klugheit gebot, ſolchen Gefahren zuvorzukommen, wenn der Plan der Eroberung ausgeführt werden ſollte.
So entſchloß ſich Heinrich I., die Hand, die ihm Papſt und Erzbiſchof im Vorjahr entgegengeſtreckt hatten, zu ergreifen und mit der Kirche Frieden zu ſchließen. Er ſtand bereits mit ſeinem Heer in der Normandie, hier ſuchte Anſelm ihn auf. Die Zuſammenkunft, von der Schweſter des Königs, der Gräfin von Chartres, vermittelt, fand in l'Aigle, einer Ort - ſchaft unweit Séez, ſtatt und führte ſchnell zur Einigung. Heinrich ver - zichtete auf das Recht der Jnveſtituren, verſprach dem Erzbiſchof die Wiedereinſetzung und volle Entſchädigung für die entzogenen Einkünfte und empfing dafür die Erlaubnis, von Biſchöfen und Äbten ſich huldigen zu laſſen. Am 22. Juli 1105 wurde das Abkommen geſchloſſen; es be - durfte der Genehmigung des Papſtes. Paſchalis erteilte ſie am 23. März 1106 in der vorſichtigen Form, daß er in einem Schreiben an Anſelm die Bekehrung des Königs zum Gehorſam gegen Gott lobend zur Kenntnis nahm und dem Erzbiſchof Vollmacht erteilte, die bisher Jn - veſtierten loszuſprechen. „ Wenn aber “, fügte er hinzu, „ künftig jemand eine Prälatur ohne Jnveſtitur antritt, ſo ſoll ihm die Weihe nicht vor - enthalten werden, auch wenn er dem König die Hul[d]igung geleiſtet hat, bis mit des allmächtigen Gottes Hilfe das Herz des Königs zum Ver - zicht hierauf durch Deine Predigt erweicht ſein wird. “
Nun fehlte nur noch die Zuſtimmung der Prälaten und Barone des Königreichs. Sie verzögerte ſich zuerſt durch den Krieg in der Nor - mandie, der am 29. September 1106 mit der Niederlage und Gefangen - nahme Herzog Roberts bei Tinchebray entſchieden war. Dann machten452FriedensſchlußErkrankungen Anſelms wiederholten Aufſchub nötig. Am 1. Auguſt 1107 endlich trat in London der Reichstag zuſammen. Der Widerſpruch war hartnäckig, drei volle Tage dauerte die Beratung. Nicht allen wurde es leicht, ein Recht fallen zu ſehen, das drei Könige durch vierzig Jahre geübt hatten. Aber Heinrichs Wille drang ſchließlich durch, vor der ganzen Verſammlung leiſtete er in Anſelms Hand den Verzicht auf Einſetzung mit Ring und Stab, worauf Anſelm verſprach, daß kein Erwählter wegen vollzogener Huldigung ſeiner Würde verluſtig gehen ſolle.
Damit endete der Jnveſtiturſtreit in England. Er hatte nur fünf Jahre gedauert und nicht annähernd die heftigen Formen angenommen wie auf dem Feſtland. Die Urſachen hiervon ſind leicht zu erkennen. Der ganze Streit ſpielte ſich ausſchließlich zwiſchen König und Erzbiſchof ab, zwei Männern, die einander achteten und an Einſicht und Mäßigung ebenbürtig waren. Das ſchloß die perſönliche Gehäſſigkeit aus, die anders - wo, beſonders in Deutſchland, die Auseinanderſetzung vergiftete. Dazu kam, daß Biſchöfe und Barone ausnahmslos zu der gleichen Auffaſſung ſich bekannten, die der König vertrat, wie andererſeits der König klug zu vermeiden wußte, daß die kirchliche Streitfrage zum Vorwand und Deckmantel politiſcher Widerſetzlichkeiten gemacht wurde. So hat der Jnveſtiturſtreit, der anderswo ſo ſchwere Erſchütterungen herbeiführte, in England weder den Staat noch die Kirche geſchädigt.
Daß die Art, wie er beigelegt wurde, ein Seitenſtück zu dem Friedens - ſchluß bildet, der in Frankreich neun Jahre früher zuſtande gekommen war, wird unſere Darſtellung gezeigt haben. Hier wie dort opferte der Staat ein Recht, das die Kirche ihm nicht mehr einräumen konnte, hier wie dort verzichtete die Kirche, aber ohne es ausdrücklich zu erklären, vielmehr nur in ſtillſchweigender Duldung, auf den Grundſatz ihrer Frei - heit, den ſie bis dahin vertreten hatte. Daß dies nur bis auf weiteres gemeint war, wurde gegenüber England ſogar ausgeſprochen. Ein Zu - fall kann dieſe Übereinſtimmung nicht ſein. Für den Papſt lag ja nichts näher, wenn einmal Zugeſtändniſſe gemacht werden mußten, als ſich an das Vorbild zu halten, das ſein Vorgänger mit der Behandlung derſelben Frage in Frankreich aufgeſtellt hatte, und in England konnte das Beiſpiel des Nachbarlandes von Anfang an nicht unbemerkt bleiben. Zum Überfluß iſt es noch in letzter Stunde dem engliſchen König vorgehalten worden in einer Schrift „ Über Königtum und Prie -453Friedensſchlußſtertum “, die der Mönch Hugo von Fleury ihm widmete. Hugo bekämpft hier ausdrücklich die Lehre Gregors VII. vom gottloſen Urſprung der königlichen Gewalt. Aus Geſchichte und Bibel beweiſt er, daß das König - tum ebenſo von Gott eingeſetzt iſt wie das Prieſtertum, daß die Prieſter zwar an Weihen höher, aber um der Ordnung willen unter dem König ſtehen und ihm, ſofern er nicht ungerecht regiert, Gehorſam ſchulden. Ja, er ſcheut ſich nicht, den König mit Gott Vater, den Biſchof mit dem Sohn zu vergleichen. Das Jnveſtiturverbot Gregors erklärt er für ver - kehrt und überflüſſig. Gegen Verleihung des Bistums durch einen from - men Herrſcher an einen frommen Geiſtlichen hat er nichts einzuwenden. Jſt dieſer ohne Gewalt und Störung von Geiſtlichkeit und Volk ge - wählt, ſo ſoll er zwar nicht Ring und Stab, aber die Einweiſung in ſeinen weltlichen Beſitz (investituram rerum saecularium) aus des Königs Hand, die Seelſorge mit Ring und Stab von ſeinem Erzbiſchof empfangen. Das war nichts anderes, als was Jvo von Chartres gelehrt und empfohlen hatte und was unter ſeinem Einfluß in Frankreich zur Richtſchnur genommen war. Jvos Lehre hatte nun auch in England geſiegt. Auch hier wurde es feſtſtehende Übung, daß nach dem Tode eines Biſchofs oder Abtes der König das weltliche Gut in Verwaltung nahm, einen neuen Prälaten wählen ließ — in England geſchah es in Gegen - wart des Königs — der von ihm die Belehnung mit dem Beſitz und vom Erzbiſchof die Weihe empfing. Einziger Unterſchied war, daß in Eng - land der Prälat die Huldigung als Vaſſall leiſten mußte, während in Frankreich ein Treueid genügte.
Paſchalis konnte ſich als Sieger betrachten. Es war gewiß kein voller Sieg, es war wie in Frankreich ein mit eigenen Opfern erkaufter Rück - zug des Gegners, aber es war doch ein Schritt vorwärts, und kein geringer, in der Richtung auf das letzte Ziel. Noch teilte die Kirche die Herrſchaft über Bistümer und Abteien mit dem Staat, noch konnte ſie das Eigentum an ihrem irdiſchen Beſitz und demzufolge die Verfügung über ihn dem Staat nicht entreißen. Aber ſie hatte weder dieſe noch jenes förmlich anerkannt, ſie duldete ſie nur bis auf weiteres und behielt ſich vor, bei günſtiger Gelegenheit darauf zurückzukommen. Denn das war doch der Sinn des frommen Wunſches, daß Anſelms Predigt das Herz des Königs erweichen möge. Wenn man vollends annehmen darf, daß der Papſt ſchon früher während der Verhandlungen, vielleicht ſogar — die Faſſung ſeiner Schreiben legt es nahe — von Anfang an bei Ver -454Deutſchlandzicht auf Ring und Stab die Huldigung zuzulaſſen bereit geweſen war, ſo erſcheint ſein Erfolg noch größer: ſein Ziel hatte er ſich nicht hoch geſteckt, aber was er erſtrebte, hatte er erreicht.
Um dieſelbe Zeit, da in England die Einigung zwiſchen Königtum und Kirche dem Abſchluß entgegenging, eröffnete ſich die Ausſicht, auch in Deutſchland, dem letzten Reich, das des Friedens noch entbehrte, den Streit im Sinne der Kirche zu beenden.
Heinrich IV. war nach ſeiner Rückkehr aus Jtalien und ſeit der Aus - ſöhnung mit den ſüddeutſchen Herzögen (1098) im ganzen Reich von den weltlichen Herren zwar anerkannt, aber wenig geachtet. Seine kirchlichen Gegner hat er weder zu gewinnen noch zu überwinden vermocht, nach wie vor galt er einem Teil der Geiſtlichen als verflucht, ja als Ketzer, und ſtritten die Parteien um Bistümer und Klöſter. Daß Clemens III. ſtarb und keinen Nachfolger erhielt, änderte daran nichts, die Spaltung dauerte fort.
Urban II. hat dazu wenig getan. Seiner Art getreu, hat er zwar grundſätzlich nichts preisgegeben, in der Handhabung jedoch manches nachgeſehen. Denen, die zu ihm wollten, hielt er die Tür offen und er - leichterte den Übertritt. Die ausführlichen Beſtimmungen des Konzils von Piacenza (1095) über die Behandlung von „ Simoniſten “und den von ihnen Geweihten zogen die Grenzen der Gnade ſchon nicht zu eng, Urban aber iſt darüber noch hinausgegangen, wenn er einen vom Kaiſer inveſtierten Erzbiſchof von Mainz mit offenen Armen aufnahm. Jn Deutſchland hat er kaum mehr unmittelbar eingegriffen, den Kampf, den ſein ſtändiger Vertreter, ein deutſcher Biſchof, leitete, überließ er ein - heimiſchen Kräften. Unter dieſen ſtanden in erſter Reihe die Mönche von Hirſau.
Das Kloſter im Schwarzwald, von Abt Wilhelm (1069 — 1091) geleitet und nach dem Vorbild von Cluny umgeſtaltet, war die Hochburg und geiſtige Waffenſchmiede der gregorianiſchen Partei. Es verbreitete den neuen Geiſt durch Predigt und Beiſpiel und Gründung zahlreicher Tochteranſtalten in Schwaben, Baiern, Franken und Thüringen. Wir haben hier nicht von ſeiner Wirkſamkeit zu ſprechen, die in der Geſchichte der deutſchen Kirche zu den bedeutſamſten gehört. Vielleicht darf man ſagen, daß durch die Predigt der Hirſauer, insbeſondere durch die religiöſen Laienverbände, die ſie ſtifteten, die Lehre der Kirche in Deutſch -455Deutſchlandland zum erſtenmal tiefer ins Volk gedrungen iſt. Durch dieſes Hinaus - treten aus den Kloſtermauern in die Welt unterſchied ſich Hirſau von dem älteren Mönchtum, auch von Cluny. Ebenſo griff es offen in den Kampf für die Reform der Kirche ein in der Art, wie ſie von Rom aus verkündigt wurde: Ausrottung von Simonie und Prieſterehe und Beſei - tigung der Laieninveſtitur. Ganz in dieſem Sinn hat Abt Wilhelm ein - mal an den Gegenkönig Hermann geſchrieben: alle chriſtliche Frömmig - keit ſei längſt ins Wanken gekommen, weil bei der Einſetzung von Biſchöfen Adel und Reichtum, aber durchaus nicht geiſtliche Eigen - ſchaften in Betracht gezogen würden.
Trotzdem war um die Wende des Jahrhunderts der kirchliche Wider - ſtand gegen den Kaiſer im Abflauen. Der Ausſchluß verlor allmählich ſeine Wirkung, bisher eifrige Parteigänger ließen die Sache des Papſtes im Stich, um beim Kaiſer ihr Fortkommen zu ſuchen. Heinrich IV. ſelbſt, durch das Schickſal mürbe gemacht, war des Kampfes müde. An der Aufſtellung der Gegenpäpſte war er unbeteiligt, ſeit dem Tode Clemens 'III. ſuchte er die Verſtändigung. So war es gemeint, daß er im Jahr 1103 öffentlich die Abſicht kundgab, zur Tilgung ſeiner Sünden nach Jeruſalem zu ziehen und ſeinem Sohn die Regierung zu überlaſſen. Vielleicht hätte er in Rom ein williges Ohr gefunden, hätte Urban da - mals noch gelebt, Paſchalis blieb unzugänglich. Er bemühte ſich viel - mehr, die deutſchen Gegner Heinrichs zum Kampf zu treiben und den Bürgerkrieg im Reich wieder anzufachen. Süddeutſche Fürſten ſuchte er zum Abfall zu bewegen, er befahl ihnen geradezu den Aufſtand „ zur Vergebung ihrer Sünden “. Ob er Erfolg gehabt hätte, iſt zweifelhaft, wäre ihm nicht zu rechter Zeit eine Thronrevolution in Deutſchland ent - gegengekommen.
Seit 1099 war des Kaiſers gleichnamiger zweiter Sohn König an Stelle des geächteten Konrad. Bei ſeiner Krönung hatte er geſchworen, zu Lebzeiten des Vaters nicht ohne deſſen Willen nach der Macht zu greifen. Er hat es dennoch getan. Jn den letzten Tagen des Jahres 1104 trennte er ſich vom Kaiſer und trat an die Spitze eines Aufſtands, der in kurzem das ganze Reich ergriff. Was ihn dazu trieb, iſt unbekannt, die kirchliche Frage hat keinesfalls etwas damit zu tun gehabt, aber als Vorwand zur Bemäntelung des Verrats leiſtete ſie ebenſo gute Dienſte wie ein Menſchenalter früher, als das halbe Reich ſich gegen den von der Kirche verworfenen König erhob. Der junge Heinrich hat nicht gezögert,456Heinrichs IV. Endemit den kirchlichen Gegnern des Kaiſers ſich zu verbinden und zu erklären, ſein einziges Ziel ſei, den Frieden zwiſchen Reich und Kirche wieder - herzuſtellen. Jn ebenſo geſchickter Verſtellung ſtreckte er die Hand nach römiſcher Unterſtützung aus: er bat den Papſt um Rat wegen des Eides, den er dem Vater geſchworen hatte. An den Papſt wandte ſich auch Heinrich IV., wollte ihm die Anerkennung nicht länger verſagen und bot Verſtändigung an auf der Grundlage, daß ihm die Rechte ſeiner Vorgänger erhalten blieben. Für Paſchalis war die Wahl zwiſchen Vater und Sohn nicht ſchwer. Dem Kaiſer gab er keine Antwort, dem König ſchickte er ſeinen Segen und ſtellte ihm Verzeihung ſeiner Sün - den im Jüngſten Gericht in Ausſicht, „ wenn er der Kirche ein gerechter Herrſcher ſein wolle “.
Wir brauchen die Vorgänge nicht zu verfolgen, die mit der Ge - fangennahme und Entthronung Heinrichs IV. endeten, Vorgänge, die in dem grellen Gegenſatz von ehrlicher Schwäche und törichter Blindheit auf der einen, abgefeimter Heuchelei und ſchnöder Gewalttat auf der andern Seite den Stoff zu einem Trauerſpiel in Shakeſpeares Art enthalten. Weſentlich iſt für uns, daß es das Auftreten von zwei päpſt - lichen Legaten — nur einer war ein Römer, der andere des Papſtes ſtändiger Vikar in Deutſchland, Biſchof Gebhard von Konſtanz — auf dem Reichstag in Mainz in den erſten Tagen des Jahres 1106 war, was die letzten Widerſtände aus dem Wege räumte. Der Nachweis, den ſie erbrachten, daß Heinrich IV. von den Päpſten rechtskräftig ver - flucht ſei, gab den Ausſchlag. Der gefangene Kaiſer wurde gezwungen, ein vorgeſchriebenes Schuldbekenntnis abzulegen und die Abdankung zu vollziehen. Wie das Spiel mit ſeinem Entweichen aus der Haft, un - entſchiedenem Krieg zwiſchen Vater und Sohn und Tod des Vaters am 7. Auguſt 1106 endete, iſt allbekannt.
Jn Rom war der Aufſtand des jungen Königs als Gnade des Himmels begrüßt worden. Von Heinrich V. erwartete man die Unterwerfung, die der Vater ſtets verweigert hatte, ſchien er doch die Hilfe der Kirche nicht entbehren zu können. Darum ließ ihm Paſchalis, noch ehe die Ent - ſcheidung gefallen war, ſeine Bedingungen mitteilen. Dem König wollte er ſein Recht nicht verkürzen, beſtand aber auf dem Recht der Kirche. Wie weit ſich dieſes erſtreckte, ſprach er nicht aus. Aus - drücklich verlangte er nur den Verzicht auf die Jnveſtituren, aber daß damit noch nicht alles geſagt war, wußte jeder, der die Entwicklung in457Verhandlungen mit Heinrich V.Frankreich und England verfolgt hatte. Die Entſcheidung ſollte nach dem Wunſch des Papſtes auf einem Konzil in Deutſchland oder Jtalien fallen.
Der Reichstag in Mainz zu Anfang Januar 1106, der die Abſetzung des Kaiſers und Anerkennung Heinrichs V. beſchloß, antwortete durch eine Geſandtſchaft, ſtattlicher als man ſie je geſehen hatte. Nicht weniger als zwei Erzbiſchöfe und vier Biſchöfe zogen nach Rom, um den Papſt nach Deutſchland einzuladen. Sie kamen nicht ans Ziel, denn bei Trient wurden ſie vom Grafen, der zum Kaiſer hielt, abgefangen. Zwar be - freite ſie der Herzog von Baiern ſogleich, aber ſie zogen es nun doch vor, umzukehren. Paſchalis ſoll trotzdem die Abſicht gehabt haben, nach Deutſchland zu gehen, als er im Herbſt 1106 in der Lombardei eintraf. Einſtweilen verſammelte er hier in Guaſtalla Ende Oktober eine zahl - reich beſuchte Synode, zu der aus Deutſchland zwei Erzbiſchöfe und vier Biſchöfe und als Geſandter des Königs ein Graf erſchienen waren. Es heißt, die Deutſchen hätten das Recht ihres Königs vertreten, der Papſt auf dem Recht der Kirche beſtanden. Längſt war es kein Geheimnis mehr, daß Heinrich V. an der Jnveſtitur genau ſo feſthielt wie ſein Vater, in einer ganzen Reihe von Fällen hatte er ſie geübt. Der Papſt aber, das zeigte ſich jetzt, hatte einen Fehler gemacht, als er, durch die gutgeſpielte Unterwürfigkeit des Königs verführt, ihm die Anerkennung gewährte, ohne ſich Sicherheiten geben zu laſſen. Eine Entſcheidung kam in Gua - ſtalla nicht zuſtande. Über einige deutſche Biſchöfe, die vom König die Jnveſtitur genommen oder Jnveſtierte geweiht hatten, wurde Ausſchluß oder Abſetzung verhängt. Jm übrigen enthielten die Beſchlüſſe des Kon - zils das unvermeidliche Verbot der Laieninveſtitur, aber keines der Hul - digung. Man nahm an, der Papſt werde jetzt ſelbſt nach Deutſchland kommen, Paſchalis aber wandte ſich nach Frankreich. Auf franzöſiſchem Boden erwartete er den deutſchen König, um mit ihm abzuſchließen. Heinrich V. ging darauf ſo weit ein, daß er ſich an die Grenze nach Verdun begab und durch eine Geſandtſchaft die Unterhandlung auf - nahm. Jn Châlons an der Marne trafen die Deutſchen den Papſt. Daß es eine Geſandtſchaft des Reiches war, zeigte die Zuſammen - ſetzung. Die Führung hatte der Erzbiſchof von Trier, neben ihm ſtanden zwei Biſchöfe, der Herzog von Zähringen und zwei Grafen. Der Reichs - kanzler, Adalbert aus dem Grafenhaus von Saarbrücken, der das Ver - trauen des Königs genoß, war außerhalb der Stadt zurückgeblieben. Der458Verhandlungen mit Heinrich V.Papſt ſollte ſpüren, daß er es mit dem Reich, nicht mit dem König zu tun hatte.
Es war ein wichtiger Augenblick, als das deutſche Reich ſich anſchickte, die Sache ſeines Königs gegenüber Kirche und Papſt zu vertreten. Man wird daran erinnert, wie in England der Reichstag zäher als der Herrſcher ſelbſt an deſſen hergebrachten Rechten feſtgehalten hatte. Worum es ſich handelte, wiſſen wir. Recht ſtand gegen Recht, innere Notwendigkeit drängte auf beiden Seiten, und Erwägungen politiſchen Nutzens wirkten hüben wie drüben. Die Kirche konnte nach den in ihr herrſchend gewordenen Überzeugungen die Verfügung eines Laien über das geiſtliche Amt nicht zulaſſen, ſie forderte Freiheit und Selbſtregie - rung. Ließ ſie dem König die Jnveſtitur mit Ring und Stab, ſo lieferte ſie ſeinem Belieben die geiſtliche Würde ſelbſt aus, und ſchon fehlte es nicht an Stimmen, die das für Ketzerei erklärten. Jn dieſem Punkte gab es für das Papſttum kein Nachgeben, wenn es die Kräfte nicht ver - leugnen und gegen ſich in Bewegung ſetzen wollte, durch die es empor - geſtiegen war und regierte. Andererſeits konnten auch die Deutſchen ſich auf ein gutes Recht berufen, das Recht alter Gewohnheit, ſeit undenk - lichen Zeiten geübt, von niemand, auch nicht von der Kirche, angefochten. Sie glaubten, noch mehr geltend machen, Urkunden vorweiſen zu können, in denen die Päpſte ſelbſt deutſchen Herrſchern das Vorrecht der Jn - veſtitur mit Ring und Stab verliehen haben ſollten. Die Menſchen des frühen Mittelalters tragen im allgemeinen wenig Bedenken, für das Recht, an das ſie glauben, die fehlenden Beweiſe zu erfinden. Man mag es als Äußerung kindlichen Geiſtes erklären, der unter der Herr - ſchaft der Einbildungskraft das Gefühl für Wahr und Unwahr verliert, Tatſache iſt, daß die Fälſchung als Mittel zum Zweck nie und nirgends ſo geblüht hat wie bei den Völkern des Abendlands ſeit dem achten Jahr - hundert. Unüberſehbar iſt die Menge gefälſchter Urkunden, mit denen Bistümer, Klöſter, Stifter beſtrittene Rechte zu ſtützen, berechtigte An - ſprüche, oder was ſie dafür hielten, zu erweiſen geſucht haben, nicht zu reden von dem grandioſen Maſſenbetrug der unechten päpſtlichen Dekre - talen. Jm Jnveſtiturſtreit hat auch die kaiſerliche Partei dieſes Mittel nicht verſchmäht. Sie hat von dem Geſetz Nikolaus 'II. über die Papſt - wahl (1059) eine unechte Faſſung verbreitet, die den Anteil des Königs ſtärker hervorhob, ſie hat ſchließlich auch das Recht der deutſchen Könige auf Erteilung der Jnveſtitur mit Ring und Stab zu erhärten geſucht459Verhandlungen mit Heinrich V.durch zwei erfundene Urkunden, die eine angeblich von Hadrian I. für Karl den Großen, die andere von Leo VIII. für Otto I. ausgeſtellt. Plumpe Machwerke alle beide, aber von den Zeitgenoſſen unbedenklich für echt gehalten, haben ſie ſogar in die Sammlungen des Kirchen - rechts Aufnahme gefunden. Durften angeſichts ſolcher Zeugniſſe die Deutſchen nicht behaupten, daß ihr König, der römiſche Kaiſer, vor allen andern Herrſchern das Vorrecht genieße, die Jnveſtitur zu üben, die andern unterſagt war?
Auf dieſes Vorrecht zu verzichten verboten ihm ſtärkſte politiſche Be - denken. Wenn ſchon jeder Herrſcher größten Wert darauf legen mußte, daß Bistümer und Abteien des Reichs von ihm abhängig blieben, ſo war das für den deutſchen König eine doppelte Notwendigkeit. Nirgends war die Summe wirtſchaftlicher und ſtaatlicher Machtmittel im Beſitz der Kirche ſo groß wie in Deutſchland, in Jtalien vollends ruhte die Regie - rung des Königs ganz auf den Biſchöfen. Er wurde in Deutſchland von den Fürſten abhängig und hörte in Jtalien auf zu regieren, wenn ihm die Verfügung über die Kirchen genommen war. Dann aber verlor auch ſein römiſches Kaiſertum alle Bedeutung. Mochte man es auf - faſſen wie Otto I., wie Otto III. oder Heinrich III., behaupten ließ es ſich nur geſtützt auf das Königreich Jtalien. Eben dies aber war der Punkt, an dem königliches und päpſtliches Jntereſſe aufeinanderſtießen. War der König Herr in Jtalien, ſo konnte er als Kaiſer auch in Rom ſeine Macht fühlen laſſen, und mit der Unabhängigkeit der römiſchen Kirche war es vorbei. Als weſentlichen Erfolg hatte darum Urban II. es geprieſen, daß Heinrich IV. durch Vertreibung aus Jtalien „ den Teil ſeines Reiches eingebüßt hatte, durch den er auf die römiſche Kirche drückte “. Sollte das nun wieder verlorengehen, ſollten die Zeiten wieder - kehren, wo der deutſche Kaiſer Päpſte abſetzen und andere wählen ließ, die von ſeiner Gnade abhingen? Die Politik, die ſeit Nikolaus II. in Rom betrieben wurde, konnte, folgerichtig zu Ende geführt, nur das Ziel haben, die deutſche Herrſchaft im Königreich Jtalien wenn nicht ganz zu beſeitigen, ſo doch ſo weit zu ſchwächen, daß ſie der Stützung durch den Papſt bedurfte, ſtatt auf ihn zu „ drücken “. Dann aber mußten die Biſchöfe des Landes aufhören, vom König abhängig, ihm verpflichtet zu ſein.
Die deutſche Reichsgeſandtſchaft, die im Mai 1107 in Châlons ein - zog, hoch zu Roß, mit ſtattlichem Gefolge, hat in der franzöſiſchen Um -460Widerſtand in Deutſchlandgebung nicht angenehm gewirkt. Man fand ſie ſteif und trotzig, laut und anſpruchsvoll. Aber ſie hatte im Erzbiſchof Bruno von Trier einen klugen und gewandten Sprecher. Für den Papſt erwiderte ein italiſcher Biſchof. Was ein anweſender Franzoſe viel ſpäter über die gewechſelten Reden aufgezeichnet hat, wiederholen wir nicht. Von anderer Seite hören wir nur, daß die Geſandten ſich auf die Urkunde Hadrians für Karl den Großen berufen haben. Erfolg konnten ſie damit nicht haben, man verſtändigte ſich nicht. Auch beim Kanzler Adalbert, an den der Papſt ſich nachher wandte, kam man nicht weiter, König und Reich hiel - ten zuſammen. Unverrichteter Dinge ging man auseinander, die Be - gegnung mit dem deutſchen König unterblieb, und auf dem Konzil zu Troyes, das der Papſt gleich darauf eröffnete, glänzten die Deutſchen durch Abweſenheit. Paſchalis ſchüttete Strafen über ſie aus, unterſagte dem Erzbiſchof von Mainz, dem von Köln ſogar mit ſämtlichen Suf - fraganen, die Amtsausübung. Die ſchwebende Frage mußte vertagt werden; übers Jahr, wenn der König nach Rom komme, ſollte die Ent - ſcheidung fallen. Einſtweilen wurde das Verbot der Laieninveſtitur wie - derholt, von einem Verbot der Huldigung hören wir nichts.
Paſchalis hatte wohl Grund zu klagen, er finde in den Herzen der Deutſchen noch nicht die Demut, die er ſuche. Er mußte ſich überzeugen, daß er durch den Thronwechſel nicht gewonnen, ſondern verloren hatte. Früher hatte er es mit einem Herrſcher zu tun gehabt, der ein gebrochener Mann war, ſich nur auf einen Teil der Fürſten ſtützen konnte und kein Anſehen genoß, jetzt ſtand ihm das Reich gegenüber, einig in der Ab - lehnung der römiſchen Anſprüche. Ehemalige Anhänger, von denen man es nicht hätte glauben ſollen, gingen mit dem neuen König oder verhielten ſich ſchweigend. Sogar gegen den alten Vorkämpfer Roms, den lang - jährigen Vikar des Papſtes in Deutſchland, Biſchof Gebhard von Konſtanz — er war ein Bruder des Herzogs von Zähringen — ſah Paſchalis ſich veranlaßt, mit einem Verbot der Amtsausübung einzu - ſchreiten, weil er bei der Weihe von Jnveſtierten mitgewirkt hatte. Der Papſt hatte jeden Stützpunkt in Deutſchland verloren, er konnte nicht daran denken, zu Strafmitteln gegen den König zu greifen, der die Jnveſtitur nach wie vor übte, als wäre ſie nie verboten worden. Das machte bereits Aufſehen im Ausland; Anſelm von Canterbury ſchrieb beſorgt, warum die Jnveſtitur in Deutſchland geduldet werde? Es be - ſtehe Gefahr, daß der engliſche König das Beiſpiel nachahme. Paſchalis461Romfahrt Heinrichs V.erwiderte, nicht ganz den Tatſachen entſprechend, das Gerücht ſei falſch, er dulde die Jnveſtitur nicht und werde ſie nicht dulden, wolle vielmehr den König, wenn er in den Bahnen des Vaters verharre, das Schwert Petri fühlen laſſen, „ das wir ſchon zu zücken begonnen haben “. Davon merkte indes die Welt nichts. Heinrich, mit andern Angelegenheiten beſchäftigt, ließ die ihm geſetzte Friſt verſtreichen, und Paſchalis wartete geduldig ein zweites, ein drittes Jahr. Nach Rom zurückgekehrt, hatte er wieder viel mit Aufſtänden zu tun. Benevent hatte begonnen, ſich unabhängig zu machen, und während der Papſt dort perſönlich mit Er - folg einſchritt, bildete ſich eine Verſchwörung, die Rom und Umgebung in Aufruhr ſetzte. Mit Hilfe des normänniſchen Herzogs von Gaeta gelang es, der Empörung ſo gründlich Herr zu werden, daß der Friede während der nächſten zwei Jahre nicht geſtört wurde. Paſchalis hat in dieſen örtlichen Kämpfen mehr Tatkraft und Geſchick bewieſen als auf der großen Bühne der auswärtigen kirchlichen Beziehungen. Freilich genügten dafür die normänniſchen Hilfskräfte, auf die er ſich ſtützen konnte. Daß ſie für größere Aufgaben nicht ausreichten, ſollte ſich bald zeigen.
Zu Beginn des Jahres 1110 hatte Heinrich V. die deutſchen in - neren Angelegenheiten ſo weit geordnet, daß er an anderes denken konnte. Ein Reichstag zu Regensburg beſchloß einſtimmig den Zug nach Rom; im Auguſt wurde er angetreten. Das Ziel war ein dreifaches: Erwerb der Kaiſerkrone in Rom, Wiederherſtellung des königlichen Regiments in Jtalien, das ſeit 1093 aufgehört hatte, und Einigung mit dem Papſt über die Frage der Jnveſtituren. Eine Geſandtſchaft, der neben den Erzbiſchöfen von Köln und Trier der Kanzler Adalbert an - gehörte, war vorausgegangen, um die Verſtändigung mit dem Papſt vorzubereiten, brachte aber nur die öfter gehörte Verſicherung heim, man fordere lediglich, was der Kirche gebühre, und wolle das Recht des Königs nicht verkürzen. Die Frage war alſo völlig offen, als im Herbſt 1110 das deutſche Heer in zwei ſtarken Säulen über den Sankt Bern - hard und den Brenner in Jtalien einrückte.
Wie man ſich in Deutſchland die Löſung dachte, lehrt eine kleine Schrift „ Über die Jnveſtitur der Biſchöfe “, die zwei Jahre vorher entſtanden war. Nach Ton und Jnhalt von der übrigen Streitliteratur ſich deutlich unterſcheidend, macht ſie den Eindruck einer Denkſchrift für462Heinrichs V. Programmamtliche Stellen, vielleicht für die königlichen Unterhändler. Der Ver - faſſer geht von den angeblichen Urkunden Hadrians I. und Leos VIII. aus, kraft deren die deutſchen Könige das Recht der Jnveſtitur beſäßen. Gregor VII., „ auch Hildebrand genannt “, hätte nicht aufheben dürfen, was ſeine Vorgänger verordnet hatten. „ Dieſe neue Richtung, dreiſt gemacht durch den Beifall der Gläubigen, reißt unter dem Schein der Frömmigkeit mit gierigen Händen alles an ſich. “ Wenn ſchon in andern Ländern die Biſchöfe von den Königen eingeſetzt werden, ſo haben ſie im deutſchen Reich Anſpruch auf noch mehr Rückſicht, weil ihre Be - ſitzungen ausgedehnter und ihre Rechte größer ſind. „ Denn nicht jeder iſt ein Petrus, der auf Petri Stuhle ſitzt. “ Nichts — hier folgt der Verfaſſer Worten Jvos von Chartres — nichts kommt darauf an, in welcher Form die Jnveſtitur geübt wird, ob durch ein Wort, durch einen Stab oder einen andern Gegenſtand, aber am geeignetſten iſt der Stab, der ſowohl als weltliches wie als geiſtliches Sinnbild dient. Wären die Kirchen arm wie in der älteſten Zeit, ſo bedürfte es keiner Jnveſtitur, keiner Huldigung, keiner Bürgſchaft. Die königliche Jnveſtitur ſchützt die Kirche vor Tyrannen und Räubern und hat den Vorzug, daß ein Fehlgriff des Königs durch Vorſtellungen des Papſtes verbeſſert werden kann, während der Papſt von niemand zur Rechenſchaft gezogen ſein will.
So etwa mag das Programm ausgeſehen haben, mit dem Heinrich V. ſich Rom näherte. Paſchalis hatte das ſeine im März 1110 auf einer Synode im Lateran aufgeſtellt. Es enthielt neben dem gewohnten Ver - bot der Jnveſtitur durch Laienhand eine neue Beſtimmung: ein Fürſt oder ſonſt ein Laie macht ſich des Tempelraubs ſchuldig, wenn er die Verfügung über kirchlichen Beſitz für ſich in Anſpruch nimmt; Geiſt - liche oder Mönche, die ſolchen Beſitz von Laien annehmen, werden aus - geſchloſſen. Der Wortlaut war deutungsfähig, legte aber die Ver - mutung nahe, die Kirche wolle die Unterſcheidung zwiſchen geiſt - lichem Kirchenamt und weltlichem Kirchenbeſitz, auf der die Friedens - ſchlüſſe in Frankreich und England beruhten, nicht mehr anerkennen. Unvereinbarer als je ſtanden die Anſprüche einander gegenüber, und die Entſcheidung war zur Machtfrage geworden.
Daß die Macht, mit der der deutſche König auftrat, erdrückend ſei, zeigte ſich ſogleich. Überall unterwarf man ſich, öffnete ihm Städte und Burgen. Novara, das Widerſtand verſucht hatte, wurde entfeſtigt,463Lage des PapſtesMailand und Pavia, die ſich nicht fügten, ließ man liegen. Auch die alte Führerin der päpſtlichen Partei, Gräfin Mathilde, beugte ſich, empfing den König und — es wird ihr ſchwer genug geworden ſein — erkannte an, daß die Schenkung ihres Hausgutes, die ſie einſt dem heiligen Petrus gemacht und vor acht Jahren wiederholt hatte, ungültig ſei. Dafür erließ ihr der König die Teilnahme am Zuge nach Rom. Sie war dort nicht nötig und hätte ſtören können.
Paſchalis hatte ſich über das, was ihm drohte, von Anfang an keiner Täuſchung hingegeben und ſich zu gewaltſamem Widerſtand zu rüſten verſucht. Auf die Nachricht vom bevorſtehenden Erſcheinen der Deut - ſchen war er ſchon im Juni 1110 nach Unteritalien geeilt, hatte alle Fürſten und Grafen von Apulien um ſich verſammelt und ihnen das eid - liche Verſprechen abgenommen, ihm im Notfall gegen Heinrich V. beizuſtehen. Die vornehmen Römer ließ er einen ähnlichen Eid ſchwören. Als nun mit Beginn des neuen Jahres das deutſche Heer ſich Rom näherte, eilten die Boten nach allen Seiten, zu Normannen und Lom - barden, und riefen zum Kampf für die römiſche Kirche auf. Sie wurden mit leeren Verſicherungen heimgeſchickt. „ Weil der Papſt nur Worte zu bieten hatte, erhielt er auch nur Worte “, ſagt der Chroniſt von Montecaſſino. Jn Wahrheit wird man überall erkannt haben, daß gegen die deutſche Übermacht jeder Widerſtand vergeblich ſei. Was ſollte Paſchalis tun? Es aufs Äußerſte ankommen laſſen, ſich in Rom ver - ſchanzen, einer Belagerung trotzen? Das hatte Gregor VII. getan; mit welchem Erfolg, wußte man. Paſchalis hätte ausweichen, zu den Nor - mannen flüchten können. Aber was hätte er damit gewonnen? Der Römer war er keineswegs ſicher, Heinrich hätte einen Gegenpapſt auf - ſtellen, ſich von dieſem krönen laſſen können, wieder hätte die Kirche ſich geſpalten und ein unabſehbarer Kampf in Ausſicht geſtanden. Gregor VII. hätte ihn wahrſcheinlich gewagt, aber Paſchalis war kein Gregor, keine Heldennatur, und die heldiſche Zeit war wohl für die Kirche überhaupt vorbei. Sie hatte genug gekämpft und begehrte Frieden. Paſchalis be - ſchloß, auf den Kampf zu verzichten und ſich mit dem Gegner zu ver - ſtändigen, ſo gut es eben ging.
Jm Januar 1111 empfing er eine Geſandtſchaft Heinrichs, die die bekannte Forderung vorbrachte: Anerkennung des alten Königsrechts der Jnveſtitur. Wie immer lautete die Antwort: Unmöglich! Dafür machten nun die Päpſtlichen einen überraſchenden Gegenvorſchlag. 464Vertrag von SutriSchon früher war in den Erörterungen hie und da bemerkt worden: wären die Kirchen arm, ſo könnte auf die Jnveſtitur verzichtet werden. Jn der ſoeben erwähnten Schrift hieß es: „ Seit die Kirchen durch Könige und Kaiſer an Grundbeſitz und beweglichem Gut bereichert, ſeit ihnen Stadtrechte, Zölle, Münzen, Schultheißen - und Schöffengerichte, Grafſchaften, Vogteien und Gerichtsbänne übertragen ſind, war es an - gemeſſen und folgerichtig, daß der König, der einer im Volk und des Volkes Haupt iſt, den Biſchof beſtelle und einſetze und wiſſe, wem er die Stadt gegen den Einbruch der Feinde anvertraue. “ Jn der Umgebung Paſchalis 'II. hat man dieſen Gedanken aufgegriffen, um den Ausweg aus der Not zu finden. Der Papſt erbot ſich, den Kirchen des deutſchen Reiches die Rückgabe aller Güter und Rechte zu befehlen, die ihnen ſeit den Zeiten Karls des Großen von Königen und Kaiſern geſchenkt waren. Mit dieſem Vorſchlag kehrten die königlichen Geſandten zurück. Er fand den Beifall Heinrichs, der eine zweite Geſandtſchaft abordnete, um auf dieſer Grundlage abzuſchließen. Sie beſtand aus dem Kanzler, drei Grafen und einem Dienſtmann.
Am 4. Februar 1111 wurden in einer kleinen Kirche bei Sankt Peter die Bedingungen vereinbart, am 9. in Sutri namens des Königs von ſeinem Schweſterſohn, Herzog Friedrich von Schwaben, zwölf andern Herren des Laienſtands und dem Kanzler beſchworen. Für den Papſt verbürgte ſich eidlich der Pierleone mit Söhnen und Neffen. Der Ver - trag beſagte, daß Heinrich am Tag ſeiner Krönung den Verzicht auf die Jnveſtitur öffentlich erklären und die Kirchen mit ihrem Beſitz freilaſſen, der Papſt dagegen den Biſchöfen befehlen werde, die „ Regalien “ihrer Kirchen, das heißt alles, was dieſe vom Reich erhalten hätten, nämlich Städte, Herzogtümer, Marken, Grafſchaften, Zölle, Märkte, Reichs - vogteien, Niedergerichte und Höfe mit allem Zubehör, dazu Ritter - ſchaften und Burgen, dem König und dem Reich zurückzugeben. Zur Begründung hieß es in der Urkunde des Papſtes: es ſei durch göttliches Geſetz und kirchliches Recht den Prieſtern unterſagt, ſich mit weltlichen Geſchäften zu belaſten; zum Schaden der Kirche werde dies Verbot im deutſchen Reich nicht beachtet, ſo daß „ die Diener des Altars Diener des Hofes geworden “ſeien. „ Es müſſen aber die Biſchöfe, von welt - lichen Sorgen frei, ſich um ihre Gemeinden kümmern und nicht zu lange von ihren Kirchen fern ſein. “
Reinliche Trennung von Kirche und Staat zum Beſten der Kirche, das465Unausführbaralſo war der Gedanke, auf dem dieſe Abmachungen beruhten. Sie waren vor den am meiſten Betroffenen ſtreng geheimgehalten, kein Biſchof und kein Abt war beim Abſchluß zugezogen worden, der einzige Geiſtliche, der neben den Laienfürſten daran teilgenommen hatte, war der Kanzler Adalbert. Er wird es geweſen ſein, der den König auf das Wagnis einzugehen bewog, das der Vorſchlag des Papſtes enthielt. Das Wag - nis war nicht gering, ja es war ungeheuer. Seit Jahrhunderten waren Reich und Kirche aufs engſte verbunden, Biſchöfe und Äbte die vornehm - ſten Fürſten, und nicht nur ſie, auch das Volk weithin an ihr Regiment gewöhnt. Nun ſollte das alles mit einem Schlage aufhören, der Biſchof nichts weiter ſein als der erſte Prieſter ſeines Sprengels, in evangeliſcher Armut und Beſcheidenheit fern von öffentlichen Angelegenheiten nur dem Seelenheil ſeiner Gemeinde leben — eine ſtarke Zumutung an die ſtolzen, herrſchgewohnten Herren, die die deutſchen Prälaten meiſtens, wenn nicht alle, waren. Noch bedenklicher ſah die Kehrſeite des Bildes aus. Was ſollte mit der Maſſe von Grundbeſitz und Regierungsrechten geſchehen, die da auf einen Schlag an König und Reich zurückfielen? Wer ſollte ſie verwalten? Den Beamtenſtand, den das erforderte, gab es nicht, ihn erſetzten bisher die Biſchöfe. Wer ſollte nun an ihre Stelle treten? Wenn König und Kanzler dafür ſchon einen Plan hatten, ſo kannte ihn niemand, und daß er Beifall finden würde, war nicht aus - gemacht. Es war ein Sprung ins Dunkle.
Am Samstag, dem 11. Februar 1111, erſchien das deutſche Heer vor Rom und lagerte auf dem Monte Mario, dem Berg, der den heutigen Vatikan und die Peterskirche überragt. Tags darauf hielt der König ſeinen Einzug in die Leoſtadt und wurde in der Peterskirche vom Papſt mit ſeinem Hofſtaat empfangen. Man ſchritt zu Verleſung und Aus - tauſch der Urkunden des Vertrags, der König vollzog die ſeine, die den Verzicht auf die Jnveſtitur ausſprach. Als die päpſtliche Urkunde an die Reihe kam, erhob ſich Widerſpruch von allen Seiten. Die deutſchen Biſchöfe, die dieſer Befehl wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf, waren empört. Sollten ſie nicht mehr Fürſten des Reiches ſein, ihre ganze Stellung in Staat und Geſellſchaft verlieren? Aber auch unter den Laien fühlten ſich manche getroffen, die Kirchengut zu Lehen trugen; was ſollte künftig damit geſchehen? Es rächte ſich das Geheimnis und die ungenügende Vorbereitung, mit denen das Geſchäft behandelt wor - den war. Nicht minder heftig war die Erregung unter den ſtreng kirch -Haller, Das Papſttum II1 30466Gefangennahme des Papſteslich Geſinnten. Jn dieſen Kreiſen machte man keinen Unterſchied zwi - ſchen der Kirche als geiſtlicher Anſtalt und dem, was ihr auf Erden gehörte; was einmal einer Kirche gegeben ſei, das ſei auf ewig Eigentum Chriſti. Nun wollte der Papſt es rauben! Man hörte den Ruf, das ſei Ketzerei. Die Erregung ſtieg bis zum Tumult, zornige Reden wurden gewechſelt, und wenig fehlte, ſo wäre es zum Blutvergießen gekommen. Der Reichsmarſchall Heinrich Haupt hatte ſchon ſein Schwert gegen den Erzbiſchof von Salzburg gezogen, der König mußte dazwiſchen - treten. Paſchalis war nicht imſtande, den Aufruhr zu ſtillen. Vor dem lauten Widerſpruch verſagte ihm der Mut, er erklärte die Erfüllung des beſchworenen Vertrags für unmöglich. Darüber wurde es Mittag und hohe Zeit, das Hochamt zu feiern. Unter Schwierigkeiten ging es in der allgemeinen Verwirrung vor ſich, die Kaiſerkrönung war nicht mehr ausführbar. Jnzwiſchen hatte ſich im Volk, das draußen harrte, die Nachricht verbreitet, der Papſt ſei gefangen. Die Deutſchen wurden angegriffen, es gab Verwundete und Tote, und eine Straßenſchlacht ent - wickelte ſich, die die ganze Nacht andauerte, während der Papſt ſamt Kardinälen und Geiſtlichen in der Peterskirche unter Bewachung ge - halten wurde. Am andern Morgen zogen die Deutſchen ab, ihre Ge - fangenen nahmen ſie mit. Ein unerwarteter Angriff, den die Römer mit fliegenden Fahnen auf den König machten, brachte dieſen in ernſte Ge - fahr, er wurde vom Pferde geriſſen und im Geſicht verwundet und konnte nur mit Mühe herausgehauen werden, bis Verſtärkungen heran - kamen, die in hartem Kampf die Angreifer zuſammenhieben und ver - jagten, ſo daß der Abzug des Heeres ungehindert vonſtatten gehen konnte.
Zwei Monate hat Heinrich danach vor Rom gelegen, das ſeine Tore ſchloß, während Papſt und Kardinäle auf benachbarten Burgen ge - fangen ſaßen. Für Paſchalis eine harte Probe! Er hätte ſie vielleicht ausgehalten, wäre er der Römer ſicherer geweſen. Gegner hatte er unter ihnen immer gehabt, jetzt wurden auch die Anhänger wankend. Wie lange ſollten ſie es anſehen, daß ihre Höfe in Flammen aufgingen, ihre Felder verheert wurden? Fielen ſie ab, ſo war die Aufſtellung eines Gegenpapſtes nicht ſchwer, und was dann? Darauf wollte Paſchalis es nicht ankommen laſſen. Ein Verſuch des Fürſten von Capua, Hilfe zu bringen, ſcheiterte daran, daß der ganze Adel der Umgegend zum Kaiſer hielt. Paſchalis ſah keinen Ausweg und entſchloß ſich zur Unter - werfung. Heinrich aber forderte jetzt nichts Geringeres als das Recht467Erzwungenes Jnveſtiturprivilegder Jnveſtitur. Da er erklärte, ſie ſolle ſich nur auf die Beſitzungen der Kirche beziehen, tat Paſchalis ihm den Willen. Jn der Nacht des 12. April wurde im deutſchen Lager an einer alten Brücke in der Cam - pagna, dem Ponte Mammolo, die geforderte Urkunde ausgefertigt. Sie beſtätigte Heinrich V. das Vorrecht ſeiner Vorgänger, die frei und ohne Simonie gewählten Biſchöfe und Äbte ſeines Reiches vor ihrer Weihe zu inveſtieren. Tags darauf öffneten ſich die Tore Roms, Heinrich konnte einziehen und wurde vom Papſt als römiſcher Kaiſer gekrönt. Als Sieger kehrte er nach Deutſchland zurück; was er erſtrebte, hatte er erreicht. Die Kaiſerkrone hatte er erlangt, Jtalien unterworfen, und über die Kirchen des Reichs war er auf Lebenszeit Herr geblieben in der alten Weiſe. Gegen Zurücknahme des Zugeſtandenen glaubte er ſich geſichert zu haben: ſechzehn Kardinäle hatten im Namen des Papſtes ſchwören müſſen, daß dieſer ihm wegen der Jnveſtituren keine Schwierigkeiten machen und keinen Fluch gegen ihn ſchleudern werde. Der Erfolg ſchien vollkommen.
Heinrich V. täuſchte ſich. Für den Augenblick hatte er geſiegt, aber nur zu bald ſollte der Siegeslorbeer welken. Der Kaiſer war ſchlecht beraten geweſen, als er die Zwangslage des Papſtes bis zum äußerſten ausnutzte. Hätte er ſich mit weniger begnügt, etwa mit einem verbrieften Zugeſtändnis betreffend die Lehnshuldigung von Biſchöfen und Äbten nach engliſchem Vorbild, er würde mehr gewonnen haben. Dergleichen hätte die Kirche hinnehmen müſſen und können, die Jnveſtitur mit Ring und Stab konnte ſie nicht dulden. Die Frage ging nicht nur Deutſch - land an. Behielt der Kaiſer ſein Vorrecht, ſo war zu erwarten, daß die Könige von Frankreich und England bald das gleiche fordern würden. Darum erhob ſich allenthalben die Partei der kirchlichen Freiheit mit lautem Widerſpruch gegen das Privilegium Heinrichs, das man mit bequemem Wortſpiel ein Pravilegium, nicht Vorrecht, ſondern Unrecht, nannte. Stürmiſch verlangte man ſeine Beſeitigung. Paſchalis ſah ſich aufs ſchärfſte getadelt, angegriffen, ſogar von Kardinälen angeklagt, er mußte ſich verteidigen. Zu ſeiner Rechtfertigung gab er eine Dar - ſtellung der Vorgänge heraus, die zeigen ſollte, was ihn dazu geführt hatte, die angefochtene Urkunde zu bewilligen. Daß er es nur gezwungen getan habe, leugnete er nicht und gab zu verſtehen, daß er beſtrebt ſein werde, es abzuändern. Er erreichte damit zunächſt nichts. Der Abt von Montecaſſino wühlte ſo arg, daß Paſchalis für nötig hielt, ihn zur Ab -468Widerſtand der Kirchedankung zu zwingen. Er ſoll gefürchtet haben, der Abt könne ſeine Abſetzung bewirken. Davon ſprach man auch ſonſt. Auf der Synode, die in der nächſten Faſtenzeit (März 1112) in Rom tagte, war offen davon die Rede, man müſſe einen andern Papſt wählen, der das Ge - ſchehene rückgängig mache. Paſchalis ſah ſich genötigt, ein förmliches Glaubensbekenntnis abzulegen: er halte feſt an der Schrift Alten und Neuen Teſtaments, an den Kanones der Apoſtel und Konzilien und an den Erlaſſen der römiſchen Päpſte, vornehmlich Gregors VII. und Urbans; was ſie verdammt und verboten hätten, verdamme und ver - biete auch er. Nach einer ſpäten, aber ſehr beachtlichen Überlieferung hätte er ſogar die Abzeichen ſeiner Würde abgelegt und erſt auf Auf - forderung der Verſammelten wieder angenommen. Zum Abſchluß verlas ein franzöſiſcher Biſchof eine Erklärung, die von der ganzen Verſammlung, auch dem Papſt, gebilligt und von den Anweſenden unterſchrieben wurde: das von König Heinrich erzwungene Privileg, ſo lautet die auffallend vorſichtige Faſſung, iſt verdammt und un - gültig, weil in ihm die Weihe eines noch nicht inveſtierten Biſchofs verboten wird. Mit beſonderem Eifer beteiligte man ſich am Kampf gegen das Privileg in Frankreich und Burgund. Der Erzbiſchof von Lyon als Primas von Nordfrankreich wollte es auf einer National - ſynode verurteilen laſſen. Das verhinderte Jvo von Chartres. Er erhob ſeine Stimme zugunſten des Papſtes, der ihm offen geſtanden hatte, unter Zwang gehandelt zu haben. Dasſelbe Geſtändnis machte Paſchalis dem Erzbiſchof Guido von Vienne. Hier ſcheute er ſich nicht mehr, das Privileg zu widerrufen. Worauf der Erzbiſchof die Biſchöfe Burgunds verſammelte, um mit ihnen „ jede Jnveſtitur mit kirchlichen Dingen “aus Laienhand für Ketzerei zu erklären, das „ Pravileg “zu verdammen und über Heinrich den öffentlichen Fluch auszuſprechen. Das ſollte der Papſt beſtätigen, widrigenfalls man ihn zu verlaſſen drohte.
So erwies ſich der Eid, mit dem Heinrich den Papſt gebunden zu haben glaubte, als brüchige Feſſel, und in Jtalien verſagte auch das Privileg den Dienſt. Jn Mailand wurde ein neuer Erzbiſchof von ſeinen Suffraganen geweiht, ohne inveſtiert zu ſein. Die Anhänger des Kaiſers riefen nach ſeinem perſönlichen Erſcheinen. Noch gehöre ihm die Lombardei, noch ſei mit einem Tropfen Waſſers der Funke der Auf - lehnung zu löſchen. Aus Rom kamen bedenkliche Nachrichten: Paſchalis tauſchte mit dem griechiſchen Kaiſer Briefe und Geſandtſchaften,469Aufſtand der deutſchen FürſtenAlexios ſtellte das Erſcheinen ſeines Thronfolgers in Ausſicht, der ſich in Rom würde krönen laſſen. Der Freund, der dies meldete, drang in Heinrich, unverzüglich herbeizukommen. Der große Gewinn des Vor - jahres drohte zu zerrinnen. Noch war Deutſchland ruhig, aber ein Sturmzeichen meldete ſich doch: Adalbert von Saarbrücken, der Lenker der kaiſerlichen Politik, nach der Rückkehr aus Rom zum Lohn für die geleiſteten Dienſte zum Erzbiſchof von Mainz erhoben, ſagte ſich ſchon nach einem Jahr vom Kaiſer los und wurde ſein bitterſter Feind. Wann aber hätte es im altdeutſchen Reich einem Empörer an Genoſſen und Helfern gefehlt? Nicht lange dauerte es, ſo entſtand unter den Fürſten Thüringens und Sachſens Abfall und Aufſtand, der Erzbiſchof von Köln ſchloß ſich an, die alten kirchlichen Gegner des Königtums, die bisher geſchwiegen hatten, erhoben wieder ihre Stimme. Keine drei Jahre waren ſeit ſeiner Rückkehr aus Jtalien vergangen, und Hein - rich V. ſah ſich in der Lage ſeines Vaters: das halbe Reich in einem Auf - ſtand, der ſich ſeine Berechtigung von der Kirche beſcheinigen ließ. Dann verriet ihn das Waffenglück: im Februar 1115 wurde er im Mans - feldiſchen von den ſächſiſchen Fürſten geſchlagen. Darauf hatten ſeine kirchlichen Feinde nur gewartet. Soeben hatte der Biſchof Kuno von Paleſtrina, ein Deutſcher, als römiſcher Legat auf einer Synode fran - zöſiſcher Biſchöfe den Fluch über den Kaiſer ausgeſprochen, nachdem er das gleiche ſchon früher in Jeruſalem und anderswo getan hatte. Jetzt wagte der Mann ſich auch nach Deutſchland und verkündigte den Spruch im April 1115 in Köln, im Juli wiederholte er ihn in Châlons. Dann erſchien im Herbſt ein zweiter Legat, wieder ein Deutſcher, und predigte in Sachſen den Fluch gegen den Kaiſer.
Dieſen litt es nicht mehr in der Heimat, eine wichtige Nachricht rief ihn nach Jtalien. Am 24. Juli 1115 war die Gräfin Mathilde geſtor - ben, mit ihr erloſch das Haus Canoſſa, und Heinrich eilte herbei, um das erbenloſe Gut in Beſitz zu nehmen. Es bot ihm den erwünſchten Stütz - punkt, wenn er den Kampf gegen Rom und den Papſt unmittelbar auf - nehmen wollte, und dazu fand ſich bald Gelegenheit.
Paſchalis hatte bis dahin ſein Verſprechen wenigſtens ſo weit ge - halten, daß er ſelbſt den Fluch über den Kaiſer nicht ausſprach; daß ſeine Bevollmächtigten es taten, hatte er geſchehen laſſen, ohne es ausdrück - lich zu billigen. Auf der Jahresſynode im März 1116 ſah er ſich des - wegen von verſchiedenen Seiten ſo ſcharf angegriffen — wieder fiel das470Aufſtand in RomWort „ Ketzerei “— und ſo heftig zu offener Stellungnahme gedrängt, daß er ſchließlich erklärte, er beſtätigte alles, was ſeine Legaten „ in ſeinem Namen “getan hätten. Der Vorbehalt erlaubte ihm, das Doppelſpiel fortzuſetzen. Noch nach der Synode hat er gegenüber Geſandten des Kaiſers die Legaten verleugnet. Bald aber änderte ſich ſeine eigene Lage von Grund aus. Hatte der Kaiſer einen Teil ſeines Reiches gegen ſich, ſo verlor nun auch der Papſt den Gehorſam ſeiner Stadt.
Paſchalis regierte Rom im weſentlichen geſtützt auf Pierleone, den Enkel Baruch-Benedikts. Die Verdienſte dieſes Hauſes unter Niko - laus II., Alexander II. und Gregor VII. kennen wir. Um Urban II. hatte es ſich kaum geringere erworben. Unter dem Schutz Pierleones hatte dieſer Papſt in ſeinen Anfängen geſtanden, in ſeinem Palaſt war er geſtorben. Der Sieg Urbans war auch der Sieg der Pierleoni, und ihre Macht, ihr Reichtum müſſen dabei zugenommen haben. Unter Paſchalis II. waren ſie einflußreich wie kein anderes Geſchlecht, ihnen übertrug der Papſt, wenn er abweſend war, die Regierung der Stadt. Wie ſie bei dem Vertrag mit Heinrich V. als Bürgen für ihn auftraten, haben wir geſehen. Es konnte nicht fehlen, daß bei andern Familien Neid und Eiferſucht ſich regten. Die Aufſtände, mit denen Paſchalis zu kämpfen hatte, haben zweifellos ſchon der wachſenden Übermacht der Pierleoni gegolten. Allmählich ſteigerte ſich die Gegnerſchaft, und im April 1116 brach ſie in offenem Aufſtand hervor, als der Papſt die Be - ſtätigung eines neugewählten Präfekten verweigerte, der einer andern Gruppe angehörte. Rom ſpaltete ſich in zwei Parteien, gegen die Pierleoni warfen die Frangipani ſich zu Führern auf. Nach blutigen Kämpfen, Zerſtörung befeſtigter Paläſte und Plünderung von Kirchen mußte der Papſt ſich überwunden geben. Er flüchtete bei Nacht aus dem Lateran in ein Kloſter und verließ beim Morgengrauen die Stadt. Während er in der Campagna unter vergeblichen Verſuchen, Rom zu erobern, umherirrte und ſchließlich ganz nach Benevent ſich zurückzog, rief ſeine Hauptſtadt den Kaiſer herbei, der zu Oſtern 1117 erſchien, Huldigungen entgegennahm, ſeine Königin, die Tochter Heinrichs I. von England, als Kaiſerin krönen ließ und den derzeitigen Machthabern ihre Ämter, dem Grafenhaus von Tuskulum ſeinen Beſitz beſtätigte. Bis Pfingſten hat er ſich noch in Rom aufgehalten, dann die Stadt verlaſſen. Jnzwiſchen hatte er mit dem Papſt verhandelt, der die Forde - rung erhob, daß er aufhöre, die Jnveſtitur mit Ring und Stab zu er -471Paſchalis 'Tod. Gelaſius II. teilen; worauf Heinrich geantwortet haben will, daß er nur die Regie - rungsrechte auf dieſe Art vergebe. Eine Einigung wurde nicht erzielt, und Paſchalis ließ die Zweideutigkeit fortbeſtehen, daß der Kaiſer nicht von ihm, wohl aber in ſeinem Namen verflucht war.
Nach Heinrichs Abzug lebte der Kampf der Parteien in Rom wieder auf. Allmählich aber verſchob ſich die Lage zugunſten des Papſtes, er wurde zur Rückkehr aufgefordert und folgte dem Ruf. Jn den erſten Wochen des neuen Jahres (1118) konnte er in den Stadtteil jenſeits des Tiber eindringen und die Belagerung der zur Feſtung umgewandel - ten Peterskirche beginnen. Während dieſe im Gange war, ereilte ihn am 21. Januar der Tod. Eine Regierung ging zu Ende, ereignisreich und keineswegs ergebnislos — man denke an die Beilegung des Jn - veſtiturſtreits in England — und doch abſchließend mit einem Frage - zeichen. Jn der Lage, die Paſchalis hinterließ, konnte für die kommenden Dinge niemand eine Vorbedeutung erkennen.
Dieſe Unſicherheit mußte der Nachfolger ſogleich erfahren. Paſchalis 'Tod hatte in der Stadt ſo weit Ruhe gebracht, daß die Partei des Verſtorbenen ſchon nach drei Tagen in aller Stille zur Neuwahl ſchreiten konnte. Sie traf den bisherigen Kanzler Johannes, aus an - geſehener Familie von Gaeta, Mönch in Montecaſſino, unter Ur - ban II. Leiter der Kanzlei geworden, um deren Hebung er ſich mit Er - folg bemühte. Paſchalis hatte er nahegeſtanden, ſeine Haltung verteidigt und ſich bei den Radikalen damit ein ſchlechtes Zeugnis geholt. Er nannte ſich Gelaſius II. Die Wahl war am 24. Januar in einem Klöſterlein am Palatin ordnungsgemäß verlaufen, aber kaum war ihr Er - gebnis bekannt, ſo ſtürmte ein Frangipane mit Bewaffneten in die Kirche, packte den neuen Papſt an der Kehle, ſchleifte ihn unter Schlägen und Tritten über den Fußboden und legte ihn in dem benachbarten Turm ſeines Hauſes in Ketten. Nicht viel beſſer ging es den Wählern, auch ſie wurden mißhandelt, ausgeplündert und gefeſſelt weggeführt. Das Eingreifen des Präfekten und Pierleones an der Spitze bewaffneten Volkes aus der ganzen Stadt befreite die Gefangenen, und der Neu - gewählte konnte im Lateran auf ſeinen Thron geführt werden. Da er erſt Diakon war, mußte ſeine Weihe bis zum nächſten Quatember - termin (6. März) verſchoben werden. Jnzwiſchen kam, von ſeinen An - hängern gerufen, der Kaiſer herbei und beſetzte überraſchend in der Nacht des 1. März die Leoſtadt. Auf die Nachricht hiervon ſuchte472Gregor VIII. Gelaſius 'Abreiſe und TodGelaſius ſchleunigſt das Weite. Jn abenteuerlicher Flucht, von den Deutſchen beinahe gefangen, gelangte er ans Meer und zu Schiff in ſeine Vaterſtadt Gaeta. Hier ſammelten ſich um ihn die Biſchöfe und Fürſten Unteritaliens und vollzogen am 10. März ſeine Weihe. Jn - zwiſchen aber hatten ſeine Gegner in Rom den Kaiſer gedrängt, die Wahl nicht anzuerkennen, und Heinrich hatte ihnen nachgegeben. Rechtskundige, darunter der berühmte Jrnerius von Bologna, belehrten in öffentlichen Vorträgen das Volk über die wahre und richtige Form der Papſtwahl, und am 8. März wurde ſie vorgenommen. Ein Bewerber hatte ſich ſchon gemeldet in der Perſon des Erzbiſchofs Mauritius von Braga in Portugal, eines Cluniazenſers aus Südfrankreich, der im Streit um ſeine erzbiſchöflichen Rechte nach Rom gekommen, dort unter - legen war und ſich ſchon im Vorjahr dem Kaiſer angeſchloſſen hatte. Jetzt ſtellte der ehrgeizige und unruhige Mann ſich zur Verfügung und wurde als Gregor VIII. erhoben. Die Römer ſcheinen dieſes Werkzeug ihrer Parteileidenſchaft ſelbſt nicht allzu ernſt genommen zu haben, ſie gaben ihm den Spitznamen Burdinus, das Eſelein, und unter dieſem lebt er in der Geſchichte, eine mehr komiſche als tragiſche Geſtalt. Zu - nächſt ſchützte ihn die Macht des anweſenden Kaiſers; als dieſer jedoch im Mai abgezogen war, ſah er ſich auf Peterskirche und Leoſtadt be - ſchränkt. Gelaſius konnte denn auch nach Rom zurückkehren unter be - waffnetem Schutz des Herzogs von Gaeta, aber in ärmlichem Aufzug, unterwegs für Geld Herberge ſuchend wie ein gewöhnlicher Reiſender. Jm Lateran nahm er ſeinen Sitz, und Rom hatte wieder zwei Päpſte. Als aber Gelaſius es wagte, in einer Kirche des Stadtteils, den die Frangipani beherrſchten, das Hochamt zu Ehren der Tagesheiligen zu halten, wurde er am Altar überfallen und konnte ſich nach ſtundenlangem Gefecht nur in jagendem Ritt, mit den Meßgewändern bekleidet, quer - feldein nach Sankt Paul in Sicherheit bringen. Nach ſolchen Er - fahrungen beſchloß er, Rom den Rücken zu kehren. Aber nicht nach Süden, zu den Normannen, wandte er ſich. Sie hatten ſich zu unfähig erwieſen, die Hilfe zu leiſten, die ſie ihm ſchuldig waren. Zu Schiff fuhr er mit fünf Kardinälen und kleinem Gefolge über Piſa nach der Rhone - mündung und reiſte von da über Lyon nach Cluny. Schwerkrank ange - kommen, iſt er hier am 29. Januar 1119 geſtorben.
Mehr denn je hing diesmal die Zukunft der Kirche von der Perſon des nächſten Papſtes ab. Paſchalis II., mag man ihm noch ſo viel zu -473Calixt II. gute halten, hatte durch Mangel an Weitblick und Klarheit und durch völlige Abhängigkeit von örtlichen Einflüſſen eine Lage geſchaffen, aus der ein Ausweg ſchwer zu finden war. Die Lage hatte ſich in der kurzen Regierung des Nachfolgers faſt verzweifelt geſtaltet. Gelaſius 'Flucht nach Frankreich enthielt das Eingeſtändnis, daß das Papſttum in Rom am Ende ſeiner eigenen Kräfte ſei. Sie enthielt aber zugleich eine An - deutung, woher die Hilfe kommen ſollte. Von Frankreich hauptſächlich war der Widerſtand ausgegangen, der die innerkirchlichen Verwick - lungen ſchuf, von Frankreich durfte man erwarten, daß es dem Papſt aus der Not helfe. Es war denn auch nur folgerichtig, daß das kleine Häuflein von Römern, die am Sterbebett Gelaſius' II. ſtanden, bei der Suche nach dem Nachfolger ſeine Augen auf einen franzöſiſchen Prälaten richtete. Der Verſtorbene ſelbſt ſoll auf zwei Franzoſen hin - gewieſen haben, den Abt von Cluny und den Erzbiſchof von Vienne. Man entſchied ſich für den zweiten. Die Wahl hat ſich als glücklich erwieſen.
Guido, der Sohn eines Grafen von Burgund, mit den Königshäuſern Deutſchlands, Frankreichs und Englands entfernt verwandt, war ein anderer Mann als die Mönche, die vor ihm die Kirche regierten. Dreißig Jahre hatte er ſein Erzbistum verwaltet, mit Eifer für die Reform gewirkt und die eigene Ehre nicht vergeſſen. Für Vienne er - ſtrebte er die Wiederherſtellung eines angeblich uralten Primates in Gallien und ließ die fehlenden Beweiſe durch gefälſchte Urkunden er - ſetzen. Den Päpſten hatte er oft gedient, gegen Paſchalis II. aber am lauteſten von allen ſeine Stimme erhoben. Man konnte ihn für das Haupt der widerſtrebenden Richtung, den Führer der Unentwegten halten. Am 2. Februar 1119 wurde er in Cluny gewählt, acht Tage ſpäter in ſeiner eigenen Stadt eingeſegnet. Die in Rom zurückgebliebe - nen Kardinäle mit ihrem Anhang im Klerus und Volk ſtimmten nach - träglich zu. Der neue Papſt nannte ſich Calixtus II., und die Welt ſollte erfahren, daß der Wechſel des Namens bei ihm mehr bedeutete als eine Äußerlichkeit. Calixt II. war nicht mehr Guido von Vienne, der Führer der Heißſporne im kirchlichen Kampf wurde der Papſt des Friedens und Ausgleichs.
Der erſte Schritt, den er ſchon zehn Tage nach ſeiner Weihe tat, war, mit Heinrich V. anzuknüpfen. Jn einem perſönlichen Schreiben wandte er ſich an den Kaiſer, redete ihn als Vetter an und ſprach ihm474Verhandlungen mit Heinrich V.freundlich zu, fahren zu laſſen, was ſeiner Verwaltung nicht gebühre. „ Es erhalte die Kirche, was Chriſti iſt, der Kaiſer, was ſein iſt. “ Durch Nachgeben werde Heinrich ſich Papſt und Kirche verpflichten und erſt wahrhaft König und Kaiſer ſein. Das Wertvolle an dieſem Brief war nicht ſein Jnhalt, denn er ſagte nichts Neues, ſondern daß er überhaupt geſchrieben wurde. Daß der kaum erhobene Papſt dem ausgeſchloſſenen Kaiſer als erſter ſchrieb, war ein außerordentliches Entgegenkommen. Unterſtrichen wurde es durch die Perſon des Überbringers. Der kaiſer - treue Biſchof Azzo von Acqui war ein Verwandter Calixts und Hein - richs, alſo Vertrauensmann beider Teile.
Heinrich V. hatte allen Grund, die dargebotene Hand nicht zu ver - ſchmähen. Während er in Jtalien weilte, hatte der Aufſtand in Deutſch - land ſich ausgebreitet, es drohte Abſetzung und Aufſtellung eines Gegen - königs. Eilend zurückgekehrt, hatte er den Kampf ſchon mit gewohnter Tatkraft aufgenommen, als der Wechſel auf dem päpſtlichen Thron neue Ausblicke eröffnete. Unter ſeinem Eindruck wurde ein Waffen - ſtillſtand geſchloſſen. Die Aufſtändiſchen waren bereit, die Waffen nie - derzulegen, wenn der Kaiſer die kirchliche Streitfrage mit dem Papſt perſönlich ins reine brächte. Für Heinrich bedeutete das die ſofortige Anerkennung Calixts, das Fallenlaſſen Gregors VIII. Aber dieſes Opfer war klein, wenn damit der Friede erkauft wurde, und ihn ließ das Ent - gegenkommen Calixts erhoffen. Gewichtige Vermittler nahmen ſich der Sache an, der Abt von Cluny und der Biſchof von Châlons, Wilhelm von Champeaux, ein angeſehener Gelehrter aus der Schule Jvos von Chartres. Jn Straßburg begegneten ſie dem Kaiſer in den erſten Tagen des Oktober, und hier wurde der Wortlaut der auszutauſchenden Ur - kunden feſtgeſtellt: von ſeiten des Papſtes Losſprechung und Anerken - nung, von ſeiten des Kaiſers Verzicht auf jegliche Jnveſtitur. Am 24. Oktober ſollten Papſt und Kaiſer an der lothringiſch-franzöſiſchen Grenze bei Mouzon zuſammentreffen.
Jnzwiſchen eröffnete Calixt II. am 20. Oktober in Reims ein zahl - reich beſuchtes Konzil, dem der franzöſiſche König beiwohnte. Aus Deutſchland war Adalbert von Mainz mit ſieben andern Biſchöfen erſchienen, auch England war vertreten. Die Erwartungen wurden aufs höchſte geſpannt, als der Papſt Mitteilung von dem bevorſtehenden Friedensſchluß mit dem Kaiſer machte, zu dem er ſich ſelbſt aufmachen wolle. Am 22. ritt er davon. Um ſo größer muß die Enttäuſchung ge -475Mouzon und Reimsweſen ſein, als er am fünften Tage mit leeren Händen zurückkehrte. Vor dem Konzil wurde der Mißerfolg bemäntelt mit einer Erfindung: Hein - rich V. ſei in der Nähe von Mouzon mit großer Heeresmacht erſchienen, das habe Verdacht erregt, der ſich beſtätigte: es habe ſich herausgeſtellt, daß der Kaiſer ſein Verſprechen nicht ehrlich meine. So habe der Papſt, um ſeine Sicherheit beſorgt, die Verhandlung abgebrochen. Jn Wahr - heit hatte Calixt vom Kaiſer die Erklärung verlangt, daß ſein Verzicht auf Jnveſtitur ſich auch auf den Kirchenbeſitz erſtrecke. Das hatte Heinrich abgelehnt, und dem Papſt war nichts übriggeblieben, als un - verrichteter Dinge nach Reims zurückzukehren. Ob er die Faſſung des Verzichts abſichtlich zweideutig gewählt hatte, in der Meinung, der Kaiſer werde in ſeiner Zwangslage jede nachträgliche Deutung zu - geſtehen müſſen, oder ob inzwiſchen Einflüſſe auf ihn gewirkt hatten, die ihn bewogen, mehr zu verlangen, als er anfänglich beabſichtigt hatte — wer will das entſcheiden? Jm Konzil hat er einen Ver - ſuch gemacht, die Auffaſſung der Jnveſtiturfrage, die er dem Kaiſer gegenüber vertreten hatte, als die richtige anerkennen zu laſſen. Er verlangte einen Beſchluß, der die Jnveſtitur von Laienhand ausdrück - lich auch für kirchliche Beſitzungen unterſagte. Da erhob ſich aber ſo heftiger Widerſpruch in der Verſammlung, daß die Sitzung aufge - hoben werden mußte und der Papſt ſeinen Antrag nicht aufrechthielt. Er begnügte ſich mit einem Wortlaut, der den Laien die Jnveſtitur „ mit Kirchen “unterſagte. Ob darunter auch die kirchlichen Beſitzungen zu verſtehen ſeien, blieb offen. Jn dieſer zweideutigen Faſſung fand der Antrag am 30. Oktober einſtimmige Annahme. Den Schluß des Kon - zils bildete die Verfluchung Heinrichs V. in der feierlichſten Form. An - ſtatt des erhofften Friedens war der Krieg verſchärft.
Die geſcheiterte Verhandlung hatte ein Gutes gebracht: Stand - punkte und Anſprüche der ſtreitenden Parteien waren unzweideutig feſt - geſtellt worden. Nicht um Einſetzung in das geiſtliche Amt handelte es ſich mehr, nur noch um Verfügung über den kirchlichen Beſitz. Jene hatte der Kaiſer aufgegeben, dieſe hielt er feſt. Jn der Kirche dagegen herrſchte ſeit dem verunglückten Trennungsverſuch von 1111 die Richtung vor, die von keiner Unterſcheidung zwiſchen Amt und Beſitz wiſſen wollte und den Laien die Jnveſtitur auch mit dem Beſitz verweigerte. Wohl war in Frankreich und England das Gegenteil zugelaſſen, aber dem deutſchen476Calixt II. in RomKönig wollte man nicht das gleiche einräumen. Wir wiſſen, aus welchem Grunde: weil auf der Beſetzung der Bistümer ſeine Herrſchaft in Jtalien beruhte, die das Papſttum, wie es ſeit einem halben Jahrhundert geworden war, nicht mehr vertrug. Jndeſſen das Konzil in Reims hatte gezeigt, daß die Kirche ſelbſt in dieſem Punkte nicht einig war. Nun fragte es ſich, welche Richtung ſiegen und ob der Papſt auf die Dauer dem Kaiſer würde verweigern können, was er anderswo duldete. Es fragte ſich aber ebenſo, ob das deutſche Reich es ſich gefallen laſſen würde, daß ihm nicht recht ſein ſollte, was andern billig war.
Zunächſt lebte in Deutſchland der Bürgerkrieg wieder auf, den Adalbert von Mainz vor andern nicht erlöſchen zu laſſen ſich bemühte. Allmählich aber drang die Einſicht durch, daß der Gegenſtand des Streits den Schaden nicht wert war. Die Beweggründe der Erhebung gegen Heinrich waren mannigfach, hier örtlicher, dort perſönlicher Na - tur, aber zuſammengehalten wurden die Gegner durch die Kirchenfrage. Als nun Heinrich ſo klug war, die Schlichtung dieſer Frage den Fürſten anheimzuſtellen und ſich ihrem Spruch im voraus zu unterwerfen, wurde im Herbſt 1121 Waffenſtillſtand geſchloſſen, und ein Ausſchuß der Fürſten nahm die Verhandlung mit dem Papſt in die Hand.
Calixt II. hatte nach dem Reimſer Konzil mehrere Monate in Frank - reich geweilt, augenſcheinlich Kräfte ſammelnd für die Eroberung Roms. Jm März 1120 trat er die Reiſe nach Jtalien an. Er muß mit beträcht - licher Macht aufgetreten ſein, denn er fand nirgends Auflehnung, nirgends Widerſtand. Jn einem Marſch, den er ſelbſt als Triumphzug bezeichnet hat, rückte er durch die Lombardei und Toskana auf Rom zu, Anfang Juni 1120 traf er hier ein. Er fand die Stadt offen und wurde empfangen, wie es einem Papſt gebührt. Gegenüber dem vornehmen Fremden, der hoch über den Zänkereien römiſcher Familienverbände ſtand, nach keiner Seite verpflichtet und gegen keine voreingenommen, ſchwieg die Parteifehde, und alles unterwarf ſich dem neuen Gebieter, der zu gebieten verſtand. Gregor VIII. hatte ſich nach Sutri zurück - gezogen, und Calixt ließ ihn zunächſt unbeachtet. Erſt im April 1121, nachdem er Unteritalien beſucht und überall Huldigungen entgegen - genommen hatte, wandte er ſich dem Gegner zu, rückte ſelbſt an der Spitze der Truppen vor Sutri und erzwang die Übergabe. Jn ſchimpf - lichem Aufzug, auf einem Kamel rückwärts ſitzend, wurde „ Burdinus “nach Rom geführt, dem Spott des Volkes zur Schau geſtellt und ſeiner477Vertrag von WormsBiſchofswürde entkleidet. Jn einem unteritaliſchen Kloſter hat er geendet, ohne ſeinen Anſpruch aufzugeben.
Calixt II. war unbezweifelter Papſt, von der ganzen Kirche und allen Herrſchern anerkannt. So fanden ihn die Vertreter der deutſchen Fürſten, als ſie vor ihm erſchienen, um über den Frieden mit dem Kaiſer zu ver - handeln. Sie erreichten, daß drei Kardinäle, an ihrer Spitze der Biſchof Lambert von Oſtia, mit Vollmacht zum Abſchluß des Geſchäfts nach Deutſchland geſandt wurden. Jm September 1122 traten zu Worms Reichstag und Synode zuſammen, und nach langem und zähem Wort - gefecht wurde endlich die Form gefunden, die beide Teile annehmen konnten. Die Hauptſache war, daß die Römer das, was der Papſt vor drei Jahren gefordert hatte, nicht mehr feſthielten. Die Unterſcheidung von Amt und Beſitz mußten ſie zulaſſen, weil in dieſem Punkt das Reich, die Fürſten hinter dem Kaiſer ſtanden.
Damit war Deutſchland dasſelbe Zugeſtändnis gemacht, das Eng - land ſeit fünfzehn Jahren genoß, wie denn der Vertrag, den wir mit einem erſt in neuerer Zeit aufgekommenen Namen das Konkordat von Worms nennen, ſein Vorbild überhaupt in den engliſchen Verhält - niſſen hat: hier wie dort Verzicht des Herrſchers auf Jnveſtitur mit Ring und Stab, Wahl in ſeiner Gegenwart, Belehnung des Gewählten mit dem Gut der Kirche — in Worms wurde dafür als Sinnbild das Zepter eingeführt — und Huldigung des Belehnten. Die größte Schwierigkeit, ſo wird berichtet, hatte darin gelegen, daß der Kaiſer hartnäckig auf Wahl in ſeiner Gegenwart beſtand. Die Römiſchen haben ſie ihm ſchließlich eingeräumt, aber nur für Deutſchland. „ Jn den übrigen Teilen des Reichs “, das heißt in Jtalien, ſollte davon abgeſehen werden und der Gewählte die Belehnung innerhalb ſechs Monaten nach - ſuchen. Ob er ſie erhielt oder nicht, die Weihe hatte er ſich ſchon vorher geben laſſen, er war ſomit vollgültiger Biſchof — wer wollte ihm die Regierung verwehren? Damit hatte der Papſt erreicht, worauf es ihm ankam: die Biſchöfe im italiſchen Königreich waren dem Einfluß des Herrſchers entzogen. Der Kaiſer mag gehofft haben, daß die Erbſchaft Mathildens ihm als Mittel zur Beherrſchung ſeines ſüdlichen Reiches Erſatz bieten werde.
Auch darin ſah das ſogenannte Wormſer Konkordat ſeinem engliſchen Vorbild ähnlich, daß es von kirchlicher Seite nicht als endgültiger Friede, ſondern als Waffenſtillſtand aufgefaßt wurde. Wir erinnern478Vertrag von Wormsuns, daß Paſchalis II. den von Anſelm getroffenen Verabredungen nur zugeſtimmt hatte in der Erwartung, der König werde eines Tages auf Belehnung und Huldigung der Biſchöfe verzichten. Von Heinrich V. hat Calixt II. das nicht erwartet, aber er hat in anderer Weiſe dafür geſorgt, daß das, was er einräumte, nicht für alle Zeiten bindend blieb. Seine Urkunde begann mit den Worten: „ Jch, Calixt, gewähre Dir, Heinrich. “ Sie galt alſo nur Heinrich perſönlich, nicht ſeinen Nachfolgern. Sie verpflichtete ſtrenggenommen auch nur den, der ſie ausſtellte, Calixt II. Ob nicht ſchon ein anderer Papſt würde zurücknehmen dürfen, was ſein Vorgänger bewilligt hatte, mochte dahingeſtellt bleiben, die Dauer der von der Kirche gemachten Zugeſtändniſſe war unter allen Umſtänden auf die Lebenszeit Heinrichs V. beſchränkt. Wir wären alſo berechtigt, von einem Wormſer Jnterim ſtatt von einem Konkordat zu ſprechen.
Heinrich V. war durch Erfahrung darüber belehrt, daß auf Wort und Brief eines Papſtes nicht in allen Fällen ſicherer Verlaß ſei. Über dem Papſt, mochte man ſeine Befugniſſe grundſätzlich noch ſo hoch in den Himmel erheben, ſtand unter Umſtänden immer noch die Kirche. Daß die Kirche ausdrücklich anerkenne, was der Papſt ihm zuſagte, wird der Kaiſer gefordert haben. Jm März 1123 trat im Lateran die Synode zuſammen, der dieſe Aufgabe geſtellt war. Sie ſoll ſehr zahlreich beſucht, Jtalien nahezu vollzählig vertreten geweſen ſein. Übertreibend wird von 300 und mehr anweſenden Biſchöfen berichtet. Da ſchien es nun, als ſollte die Einigung noch im letzten Augenblick ſcheitern. Der Verzicht des Kaiſers wurde verleſen und mit lebhaftem Beifall zur Kenntnis genommen, die Urkunde des Papſtes dagegen von vielen Seiten mit lautem Widerſpruch abgelehnt, der ſich erſt legte, als Calixt die Ver - ſicherung abgab, die Zugeſtändniſſe ſollten „ nicht gebilligt, ſondern um des Friedens willen geduldet “werden. Damit beruhigte man ſich: nicht Friede für alle Zukunft, nur Waffenſtillſtand auf abſehbare Zeit.
Vielleicht hat man damals in Rom zu wiſſen geglaubt, daß der Zeit - raum, für den die Abmachungen gelten ſollten, ſchon ſeinem Ende ent - gegenging. Heinrich V. ſtand im beſten Mannesalter, zweiundvierzig Jahre alt. Als er in Worms mit der Kirche einen Vertrag für ſeine Lebenszeit ſchloß, durfte er nach menſchlichem Ermeſſen damit rechnen, daß das, was er für ſich perſönlich errang, im Lauf einer längeren Re - gierung ſich einbürgern und zum bleibenden Recht des Reiches werden würde. Er irrte ſich. Wann die Anzeichen tödlicher Krankheit zuerſt auf -479Heinrichs V. Tod. Neuregelunggetreten ſind, wiſſen wir nicht, aber um die Jahreswende 1124 / 1125 war bei ihm der Krebs feſtgeſtellt. Am 23. Mai 1125 endete ſein Leben. Mit ſeinem Tode erloſch alles, was die Kirche ihm als Ent - ſchädigung für den Verzicht auf die Jnveſtitur mit Ring und Stab eingeräumt hatte: Wahl in Gegenwart des Königs, Belehnung und Huldigung des Gewählten. Beſtehen blieb der Verzicht des Königs, Gott und den heiligen Petrus und Paulus geleiſtet und von den Fürſten des Reichs beglaubigt, mithin für immer gültig. Die Gegenleiſtungen der Kirche fielen dahin, der Nachfolger fand nichts vor. Anſprüche zu erheben hatte er kein formales Recht; wieviel man ihm zugeſtehen würde, ob überhaupt etwas, war eine offene Frage.
Der neue König, Herzog Lothar von Sachſen, wurde unter kirch - lichem Einfluß im Auguſt 1125 erhoben. Leiter der Wahl war Adalbert von Mainz, der Reichskanzler von 1111, längſt Vertreter römiſch - kirchlicher Forderungen, weil Gegner der Königsmacht. Zwei Kardinäle ſtanden ihm als Legaten hilfreich zur Seite. Unmittelbar nach der Wahl ſchritt man dazu, die Lücke auszufüllen, die durch das Erlöſchen der Wormſer Zugeſtändniſſe entſtanden war. Dabei vertraten die Fürſten das Recht des Reichs; was dagegen der König verlangen mußte, blieb unvertreten. Lothar, der ſeine Erhebung der Kirche verdankte, konnte an ſie keine Forderungen ſtellen. Dem entſprach der Beſchluß. Das Eigentum des Reichs an den „ Regalien “der Prälaten wurde aufrecht - erhalten, dementſprechend auch ihre Belehnung und Huldigung; das verlangten die Fürſten. Was Heinrich V. perſönlich durchgeſetzt hatte, Wahl in ſeiner Gegenwart und unmittelbar anſchließende Belehnung und Huldigung, fiel hinweg. Künftig ſollte die Wahl von jedem Einfluß des Königs frei ſein und der Gewählte die Weihe vor der Belehnung empfangen. Daß damit Bistümer und Abteien auch in Deutſchland, ebenſo wie früher ſchon in Jtalien, der Hand des Königs tatſächlich entglitten, iſt nicht zu leugnen.
Ein großer Erfolg für den Papſt! Wieviel unabhängiger wurde er vom König und Kaiſer, wenn dieſer weder in Deutſchland noch in Jtalien mit Sicherheit auf den Gehorſam der geiſtlichen Fürſten zählen konnte, die als Biſchöfe und Äbte dem Papſt unterſtanden! So warf das Schickſal ihm noch nachträglich einen Vorteil zu, auf den er ohne den unerwartet frühen Tod des Kaiſers nicht hätte rechnen dürfen. Es iſt begreiflich, daß Rom ſich als Sieger fühlte und ſeinen Triumph in480Ergebniſſeeinem Wandgemälde im Lateran verewigen ließ. Da ſah man Hein - rich V. dem Papſt die Urkunde des Verzichts überreichen, deren vollen Wortlaut der Beſchauer leſen konnte.
So endete der Jnveſtiturſtreit in Deutſchland. Er brachte dem Papſt einen weſentlich günſtigeren Abſchluß als in andern Ländern. Mit Recht durfte er ſich den Sieg zuſchreiben.
Der volle, endgültige Sieg war es freilich weder dort noch anderswo, die letzten Forderungen der Kirche waren nicht erfüllt. Daß das in ſtreng kirchlichen Kreiſen empfunden wurde, wüßten wir, auch wenn es nicht bezeugt wäre. Aus Deutſchland hören wir bald die Klage, noch ſei die Bundeslade im Lande der Philiſter, da Biſchöfe, Äbte und Äbtiſſinnen genötigt würden, zu Hofe zu gehen, ſich die Regalien geben zu laſſen und Huldigungs - oder Treueide zu ſchwören. Die Klage war berechtigt, wenn man ſich erinnert, worauf urſprünglich die Forderung der Kirche gezielt hatte. Befreiung von weltlicher Herrſchaft hatte Humbert von Moyenmoutiers gefordert, Freiheit der Kirche war die Loſung geweſen, mit der Gregor VII. ſeine Anhänger zum Kampf auf - rief, und ſeine verführeriſche Macht hatte das Schlagwort auch dieſes Mal bewährt. Die Freiheit aber war gewiß nicht erreicht, wenn allent - halben die Häupter der Kirche genötigt waren, einem Laien ſich zu Dienſt zu verpflichten, ſeine „ Mannen “zu werden, indem ſie vor ihm niederknieten und ihm die gefalteten Hände reichten. Schweren Anſtoß nahm kirchliches Empfinden daran, daß — wie ein oft wiederholtes geflügeltes Wort lautete — der Geiſtliche ſeine geweihten Hände, die am Altar den Leib des Herrn berührten, in die blutbefleckten Hände eines Kriegers legen mußte. Wäre es noch bei dieſer äußeren Handlung ge - blieben! Sie hatte dauernde Folgen gewichtigſter Art. Sie zwang Biſchöfe und Äbte, dem König als Vaſſallen mit Tat und Rat zu dienen, mit ihm zu Felde zu ziehen, ſeinen Hof zu beſuchen, ſooft er ſie entbot. Darin hatte man die Hauptwurzel der Übel geſehen, unter denen die Kirche litt, daß „ die Diener des Altars Diener des Hofes geworden “waren. Sie waren es noch und ſollten es bleiben. Nein, die Kirche war noch nicht frei.
Was hatte ſie eigentlich gewonnen? Jn England beherrſchte der König offen und unverkürzt die Bistümer und Abteien, in Frankreich taten es die Landesherren, König und Fürſten, zwar in weniger deutlichen481ErgebniſſeFormen, aber in der Sache nicht minder, und im deutſchen Reich behielt der Herrſcher auch nach 1125 noch das Recht, von der Kirche und ihren Häuptern Dienſte zu fordern. War alſo der ganze Kampf nicht im Grunde umſonſt geführt worden? Zwar die Jnveſtitur mit Ring und Stab war überall gefallen, die Sinnbilder des geiſtlichen Amtes waren der Kirche zurückgegeben, und das Verbot der Laieninveſtitur, bis dahin ein ſtehender Punkt auf der Tagesordnung der Konzilien, verſchwand ſeit der Lateranſynode von 1123 für immer aus ihren Akten. Von Jn - veſtitur ſprach man nicht mehr, das Schlagwort geriet in Vergeſſenheit. Sonſt aber, im praktiſchen Leben, was hatte ſich geändert? Dauerte nicht der alte Zuſtand in neuen Formen fort?
Wer die Frage richtig beantworten will, hat ſich zu erinnern, nicht wogegen die Kirche, ſondern wofür die Herrſcher im Jnveſtiturſtreit kämpften. Sie verteidigten etwas, das ſie für ihr gutes, altes Recht hiel - ten, geltendes Recht ſeit Menſchengedenken. Dieſes Recht hatten ſie preisgegeben. Das geſchichtliche Gewohnheitsrecht des Staates war dem idealen Recht der Kirche geopfert worden. Damit war ſtillſchweigend zugegeben, daß das Recht der Kirche höher ſtehe und der Staat es anzu - erkennen und ſich nach ihm zu richten habe. Unausgeſprochen lag dieſes Bekenntnis den Abmachungen zugrunde, die in England und Deutſchland ſchriftlich und vertragsweiſe, in Frankreich kraft ſtiller Übereinkunft zwi - ſchen Kirche und Staat getroffen waren. Die Rechte, die den Herrſchern verblieben, ſo bedeutend ſie tatſächlich ſein mochten, ſie waren ihnen von der Kirche einſtweilen gelaſſen und konnten ihnen genommen werden. Ob, wann und wie das geſchehen würde, wie lange die Kirche die einſt - weilen zugeſtandene Duldung gewähren wollte, lag bei ihr und war eine Frage der Macht und Gelegenheit. Jn Deutſchland hatte man darauf ſchon nach drei Jahren die Probe gemacht. Das iſt der große und weſent - liche Ertrag des Jnveſtiturſtreits: die Laienwelt, Staaten, Könige und Fürſten, bekannten mit der Tat, daß die Kirche nicht bloß als Verwal - terin der Sakramente, ſondern als Rechtsanſtalt über ihnen ſtehe, daß das Recht der Kirche das beſſere ſei. Die Kirche aber — dies iſt das andere Ergebnis — war der Papſt.
Frühere Zeiten haben weder vom einen noch vom andern etwas gewußt. Die Art, in der die Päpſte ſeit Leo IX. die Kirchen des Abend - lands regierten, als unmittelbare Vorgeſetzte und Richter jedes Biſchofs, jedes Geiſtlichen, jedes Bistums, jedes Kloſters, wenn und ſooft ſie nurHaller, Das Papſttum II1 31482Rückblickwollten, iſt etwas Neues. Ein Anlauf dazu war im neunten Jahr - hundert genommen worden und vor dem einmütigen Widerſtand der fränkiſchen Biſchöfe ſteckengeblieben. Dann iſt 200 Jahre lang Ähn - liches nicht mehr verſucht worden. Jetzt war es eingebürgert, wider - ſpruchslos hingenommen. Die Phantaſien Pſeudoiſidors, von ihrer Zeit abgelehnt, hatten Geſetzeskraft erlangt, die alte, die urſprüngliche Ver - faſſung der Kirche, ihre abgeſtufte Ordnung in Diözeſen und Provinzen, war aufgelöſt, die Rechte der Biſchöfe und Metropoliten galten nur noch, ſoweit der Papſt ſie duldete, und kein Hinkmar, kein Gerbert hatte ſeine Stimme dagegen erhoben. Als Herr und Gebieter der Kirchen und Geiſtlichen, nicht minder denn als Führer der Staaten und Völker ſtand der eine Biſchof von Rom an der Spitze des Abendlands.
Das Papſttum, das als Sieger aus dem Jnveſtiturſtreit hervorging, war eine Neuſchöpfung. Erinnern wir uns nur an die Verfaſſung, in der Heinrich III. es vorfand, in der es vorher anderthalb Jahrhunderte und länger beſtanden hatte, ſo iſt der Unterſchied größer kaum zu denken. Aber auch frühere Zeiten hatten Ähnliches nicht gekannt. Es war kein Zurückgreifen auf urſprüngliche, einſtmals wirkliche, dann abgekommene Verhältniſſe und ehedem lebendige, nur inzwiſchen vergeſſene Rechte, was in der Erneuerung zum Durchbruch kam. Die Revolutionäre, die ſich auf die Vergangenheit beriefen und aus ihr die Richtſchnur ihres Strebens herzuleiten behaupteten, täuſchten ſich, wie alle, die ihr Jdeal in der Vorzeit ſuchen, ſich zu allen Zeiten getäuſcht haben: was ſie wollten, hatte es nie gegeben. Kein römiſcher Gedanke, keine örtliche Überlieferung kam darin zum Ausdruck, ganz im Gegenteil. Die Rolle, die das Papſttum ſeit Heinrich III. und Leo IX. zu ſpielen begann, iſt ihm von Fremden diktiert worden im Gegenſatz zu den einheimiſchen Kräften, denen es bis dahin gehorcht hatte. Gregor VII., der einzige Römer unter den Päpſten dieſer Zeit, iſt darin ein echter Prophet im Vaterland, daß er, um ſein Werk nur beginnen zu können, die eigene Stadt erobern, ihre bisherigen Herren verdrängen und gewaltſam nieder - ringen mußte. So ſehr war dieſes neue Papſttum dem Römertum fremd, daß es noch zu einer Zeit, da es draußen in der Welt ſchon anerkannt war, an ſeinem Sitz mit Widerſtänden um ſein Daſein zu kämpfen hatte, die es nur mit auswärtiger Hilfe beſiegen konnte. Aus der ger - maniſchen Welt des Nordens, aus Frankreich vor allem, kamen, wie483Rückblickder Gedanke, dem es entſprang, ſo die Kräfte, denen es den Sieg ver - dankte.
Von dem gewaltigen Kampf, den das gekoſtet hat, haben dieſe Blätter erzählt, auch von den Waffen, mit denen er geführt wurde. Sie waren nicht alle blank. Die Entſcheidung haben Schwert und Lanze gebracht, Geld und Gut, Treuloſigkeit und Verrat haben mitgeholfen. Die Trup - pen Mathildens und die Reiter der Normannen ſind für den Erfolg des Papſttums ebenſo unentbehrlich geweſen wie der Abfall der Söhne Heinrichs IV. Was ihm Anhänger zuführte, waren oft genug nicht die ſauberſten Beweggründe. Fürſtliche Habgier und niederen Klaſſenhaß hat es vor ſeinen Wagen geſpannt und Gegenſätze profanſter Jntereſſen auszunutzen nicht verſchmäht. Was hat zu der unnatürlichen welfiſchen Heirat geführt, wenn nicht die Rechnung auf eine fette Erbſchaft, was der römiſchen Sache größere Dienſte geleiſtet als der mordende und plün - dernde Pöbel der Pataria? Mit kirchlichen Dingen hatte der Aufſtand der Sachſen gegen Heinrich IV. ſo wenig zu tun wie die Fürſtenerhebung gegen Heinrich V., die den Jnveſtiturſtreit in Deutſchland wieder ent - fachte. Adalbert von Mainz iſt vom Kaiſer abgefallen und Vorkämpfer des Papſtes geworden aus rein perſönlichen, beſtenfalls landesfürſtlichen Gründen, und ſein Vorgänger, von Heinrich IV. erhoben, lief zum Papſt über, weil der Kaiſer ſeine Verwandten zur Rechenſchaft zog, die ſich in einem Judengemetzel bereichert hatten. So und ähnlich iſt es an hundert Stellen geweſen, wo die Überlieferung uns einen Blick in die Hintergründe tun läßt. Die Fürſten, die aus innerer Überzeugung der kirchlichen Fahne folgen, bilden die Ausnahme. Man darf es getroſt ausſprechen: ohne die Aufſtände, die ſich aus anderen Urſachen gegen die Könige erhoben, hätte der Papſt in Deutſchland nicht viel erreicht. Wo ihm ein einiges Reich unter einem willensſtarken Herrſcher gegenüber - ſtand wie England unter Wilhelm I., prallten ſeine Bemühungen ab wie Erbſen von der Wand. Erſt die Unſicherheit, in der Heinrich I. mit ſeinem zweifelhaften Erbrecht ſich fühlte, hat ihm dort die Tür geöffnet.
Wie ſtand es endlich innerhalb der Reformpartei in der Kirche ſelbſt? Waren da die Beweggründe immer ganz rein, waren die Geiſtlichen, die ſo ſtürmiſch auf Beſeitigung ſimoniſtiſcher und beweibter Prieſter drängten, von jeder ſelbſtiſchen Berechnung frei? Wenn wir ſie immer wieder darauf beſtehen ſehen, daß die neuen Grundſätze mit unerbitt - licher Strenge und rückwirkender Kraft überall angewendet würden,484Rückblick und Ausblickſollen wir uns einreden, der Wunſch, möglichſt viele Plätze an der Tafel der kirchlichen Einkünfte freizumachen, ſei dabei nicht beteiligt geweſen? Was wir als unvermeidliche Begleiterſcheinung aller Revo - lutionen kennen, wird gewiß auch hier nicht ausgeblieben ſein.
Das alles braucht man weder zu leugnen noch zu bemänteln, und wird doch feſthalten müſſen, daß die ſtärkſte Waffe, deren die Päpſte ſich bedienen konnten, der Glaube geweſen iſt. Hätten ſich nicht Männer und Frauen gefunden, zuerſt wenige, dann immer mehr, die von der gottgegebenen Macht des heiligen Petrus und ſeiner Amtserben tief durchdrungen waren, ſo hätten weder die Lanzen der Normannen noch das Geld der römiſchen Neuchriſten noch alle diplomatiſchen Künſte und politiſchen Ränke den Sieg des Papſtes herbeigeführt. Was ihn trium - phieren ließ, war in letzter Linie doch die Jdee, die er vertrat: daß ihm zuſtehe, den Himmel zu öffnen und zu verſchließen. Sie gab ihm die geheimnisvolle Kraft, auf die die Anhänger blind vertrauten, vor der auch Widerſtrebende immer wieder zuſammenbrachen und ſich beugten. Wer das leugnete, könnte ebenſogut behaupten, es ſeien die Räder, die den Kraftwagen treiben. Der Sieg des Papſttums war der Sieg einer Jdee. Daß die Gegner über keine gleich ſtarke, gleich mächtige verfügten, hat ihre Niederlage entſchieden.
Jdeen gleichen den Pflanzen: ſie brauchen Zeit, um zu wachſen, ſie bedürfen geeigneter Umgebung, um ſich voll zu entfalten. Die Vor - ſtellung von Petrus dem Türhüter des Paradieſes im buchſtäblichen Sinn war in der Wurzel alt, aber zu ihrer ganzen Größe erwachſen und aufgeblüht iſt ſie erſt im Zeitalter der Kirchenreform, des Jnveſtitur - ſtreits und der Kreuzzüge. Damals konnte ſie mit allem, was ſich aus ihr entwickeln ließ, Gemeingut werden, damals hat ein religiöſes Genie aus ihr die letzte, kühnſte Folgerung gezogen: daß dem, der über den Himmel verfüge, von Rechts wegen auch die Erde gehöre. Ein gewaltiger Ge - danke! Vielleicht hat der Menſchengeiſt nie einen größeren hervorge - bracht: die irdiſche Welt unter der Herrſchaft eines Einzigen zuſammen - gefaßt, der ſie kraft göttlicher Sendung regiert und durch die Vollmacht, die ihm verliehen iſt, ihren Zuſammenhang mit dem Jenſeits herſtellt. Die Zeitgenoſſen ſcheint das erſchreckt zu haben, ſie haben es ſich nicht zu eigen gemacht. Aber offen zurückgewieſen iſt der Gedanke ebenſo - wenig. Er bildet das Vermächtnis, das der Kirche vom Märtyrer ihres Rechts und ihrer Freiheit hinterlaſſen iſt. Sie wird ſich mit dieſer Jdee485Ausblickauseinanderzuſetzen, um ihre Verwirklichung zu bemühen haben. Dann wird ſich zeigen, ob menſchliche Natur fähig iſt zu ertragen, was ſchon in ſeinem Keim übermenſchlich iſt.
Wie in der mittelalterlichen Stadt die Häuſer der Menſchen ſich drängen um das Gotteshaus, das ſie, ſchützend und beherrſchend zugleich, emporweiſt von der Erde zum Himmel, ſo überragt das Papſttum zu Anfang des zwölften Jahrhunderts ſchon Völker und Staaten. Sein Bau, in der Erde wurzelnd und zum Himmel ſtrebend, iſt im Rohen aufgerichtet, er bedarf nur noch der Vollendung. Die Ausſtattung fehlt, der Turm iſt noch nicht fertig. Werden die Mittel reichen, ihn auszu - bauen, wie hoch wird er ſich erheben, und werden die Grundmauern ſtark genug ſein, ihn zu tragen? Wird es möglich ſein, eine Jdee von über - natürlicher Größe und Weite in den Schranken der natürlichen Welt und mit ihren Mitteln zur Wirklichkeit zu machen?
Das ſind die Fragen, die das zu Ende gehende Zeitalter ſeinen Nach - folgern zu löſen hinterläßt.
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CLARIN-DNote: Langfristige Bereitstellung der DTA-Ausgabe
Fraktur
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