Ludwig Emil Grimm〈…〉〈…〉
Stahlstich u. Druck v. Carl Mayer in Nuͤrnberg
An die Frau Elisabeth von Arnim.
[IV][V]Liebe Bettine, dieses Buch kehrt abermals bei Jhnen ein, wie eine ausgeflogene Taube die Heimath wieder sucht, und sich da friedlich sonnt. Vor fuͤnf und zwanzig Jahren hat es Jhnen Arnim zuerst, gruͤn eingebunden mit goldenem Schnitt, unter die Weihnachtsgeschenke gelegt. Uns freute daß er es so werth hielt, und einen schoͤnern Dank konnte er uns nicht sagen. Er war es, der uns, als er in jener Zeit einige Wochen bei uns in Cassel zubrachte, zur Herausgabe angetrieben hatte. Wie nahm er an allem Theil, was eigenthuͤmliches Leben zeigte: auch das kleinste beachtete er, wie er ein gruͤnes Blatt, eine Feldblume mit besonderem Geschick anzufassen und sinnvoll zu betrachten wußte. Von unsern Sammlungen gefielen ihm diese Maͤrchen am besten. Er meinte wir sollten nicht zu lange damit zuruͤckhalten, weil bei dem Streben nach Vollstaͤndigkeit die Sache am Ende liegen bleibe. ‘Es ist alles schonVI so reinlich und sauber geschrieben’ fuͤgte er mit gutmuͤthiger Jronie hinzu, denn bei den kuͤhnen, nicht sehr lesbaren Zuͤgen seiner Hand schien er selbst nicht viel auf deutliche Schrift zu halten. Jm Zimmer auf und abgehend las er die einzelnen Blaͤtter, waͤhrend ein zahmer Kanarienvogel, in zierlicher Bewegung mit den Fluͤgeln sich im Gleichgewicht haltend, auf seinem Kopfe saß, in dessen vollen Locken es ihm sehr behaglich zu seyn schien. Dies edle Haupt ruht nun schon seit Jahren im Grab, aber noch heute bewegt mich die Erinnerung an ihn, als haͤtte ich ihn erst gestern zum letztenmal gesehen, als stehe er noch auf gruͤner Erde, wie ein Baum, der seine Krone in der Morgensonnen schuͤttelt.
Jhre Kinder sind groß geworden, und beduͤrfen der Maͤrchen nicht mehr: Sie selbst haben schwerlich Veranlassung sie wieder zu lesen, aber die unversiegbare Jugend Jhres Herzens nimmt doch das Geschenk treuer Freundschaft und Liebe gerne von uns an.
W.
Wir finden es wohl, wenn Sturm oder anderes Ungluͤck, das der Himmel schickt, eine ganze Saat zu Boden geschlagen, daß noch bei niedrigen Hecken oder Straͤuchen, die am Wege stehen, ein kleiner Platz sich gesichert hat, und einzelne Ähren aufrecht geblieben sind. Scheint dann die Sonne wieder guͤnstig, so wachsen sie einsam und unbeachtet fort: keine fruͤhe Sichel schneidet sie fuͤr die großen Vorrathskammern, aber im Spaͤtsommer, wenn sie reif und voll geworden, kommen arme Haͤnde, die sie suchen, und Ähre an Ähre gelegt, sorgfaͤltig gebunden und hoͤher geachtet, als sonst ganze Garben, werden sie heim getragen, und winterlang sind sie Nahrung, vielleicht auch der einzige Samen fuͤr die Zukunft.
So ist es uns vorgekommen, wenn wir gesehen haben wie von so vielem, was in fruͤherer Zeit gebluͤht, nichtsVIII mehr uͤbrig geblieben, selbst die Erinnerung daran fast ganz verloren war, als unter dem Volke Lieder, ein paar Buͤcher, Sagen, und diese unschuldigen Hausmaͤrchen. Die Plaͤtze am Ofen, der Kuͤchenherd, Bodentreppen, Feiertage noch gefeiert, Triften und Waͤlder in ihrer Stille, vor allem die ungetruͤbte Phantasie sind die Hecken gewesen, die sie gesichert und einer Zeit aus der andern uͤberliefert haben.
Es war vielleicht gerade Zeit, diese Maͤhrchen festzuhalten, da diejenigen, die sie bewahren sollen, immer seltner werden. Freilich, die sie noch wissen, wissen gemeinlich auch recht viel, weil die Menschen ihnen absterben, sie nicht den Menschen; aber die Sitte selber nimmt immer mehr ab, wie alle heimlichen Plaͤtze in Wohnungen und Gaͤrten, die vom Großvater bis zum Enkel fortdauerten, dem staͤtigen Wechsel einer leeren Praͤchtigkeit weichen, die dem Laͤcheln gleicht, womit man von diesen Hausmaͤrchen spricht, welches vornehm aussieht, und doch wenig kostet. Wo sie noch da sind, leben sie so, daß man nicht daran denkt, ob sie gut oder schlecht sind, poetisch, oder fuͤr gescheidte Leute abgeschmackt: man weiß sie und liebt sie, weil man sie eben so empfangen hat, und freutIX sich daran, ohne einen Grund dafuͤr. So herrlich ist lebendige Sitte, ja auch das hat diese Poesie mit allem unvergaͤnglichen gemein, daß man ihr selbst gegen einen andern Willen geneigt seyn[muß]. Leicht wird man uͤbrigens bemerken daß sie nur da gehaftet hat, wo uͤberhaupt eine regere Empfaͤnglichkeit fuͤr Poesie, oder eine noch nicht von den Verkehrtheiten des Lebens ausgeloͤschte Phantasie vorhanden war. Wir wollen in gleichem Sinne hier diese Maͤrchen nicht ruͤhmen, oder gar gegen eine entgegengesetzte Meinung vertheidigen; ihr bloßes Daseyn reicht hin, sie zu schuͤtzen. Was so mannigfach und immer wieder von neuem erfreut bewegt und belehrt hat, das traͤgt seine Nothwendigkeit in sich, und ist gewiß aus jener ewigen Quelle gekommen, die alles Leben bethaut, und wenn auch nur ein einziger Tropfen, den ein kleines, zusammenhaltendes Blatt gefaßt hat, doch in dem ersten Morgenroth schimmernd.
Darum auch geht innerlich durch diese Dichtungen jene Reinheit, um derentwillen uns Kinder so wunderbar und selig erscheinen; sie haben gleichsam dieselben blaulich-weißen mackellosen glaͤnzenden Augen*)in die sich Kinder selbst so gern greifen (Fischarts Gargantua 129b 131b), und die sie sich holen moͤchten., die nicht mehrX wachsen koͤnnen, waͤhrend die andern Glieder noch zart, schwach, und zum Dienst der Erde ungeschickt sind. Das ist der Grund, warum wir durch unsere Sammlung nicht bloß der Geschichte der Poesie und Mythologie einen Dienst erweisen wollten, sondern es zugleich Absicht war, daß die Poesie selbst, die darin lebendig ist, wirke und erfreue, wen sie erfreuen kann, also auch, daß es als ein Erziehungsbuch diene. Wir suchen fuͤr ein solches nicht jene Reinheit, die durch ein aͤngstliches Ausscheiden alles dessen, was Bezug auf gewisse Zustaͤnde und Verhaͤltnisse hat, wie sie taͤglich vorkommen, und auf keine Weise unverborgen bleiben koͤnnen und sollen, erlangt wird, und wobei man in der Taͤuschung ist, daß was in einem gedruckten Buche ausfuͤhrbar, es auch im wirklichen Leben sey. Wir suchen die Reinheit in der Wahrheit, und geraden nichts Unrechtes im Ruͤckhalt bergenden Erzaͤhlung. Dabei haben wir jeden fuͤr das Kindesalter nicht passenden Ausdruck in dieser neuen Auflage sorgfaͤltig geloͤscht. Sollte man dennoch einzuwenden haben daß Eltern eins und das andere in Verlegenheit setze, und ihnen anstoͤßig vorkomme, so daß sie das Buch Kindern nicht geradezu in die Haͤnde geben wollten, so mag fuͤr einzelne Faͤlle die Sorge begruͤndetXI seyn, und sie koͤnnen dann leicht eine Auswahl treffen; im Ganzen, das heißt fuͤr einen gesunden Zustand, ist sie gewiß unnoͤthig. Nichts besser kann uns vertheidigen als die Natur selber, welche diese Blumen und Blaͤtter in solcher Farbe und Gestalt hat wachsen lassen; wem sie nicht zutraͤglich sind, nach besonderen Beduͤrfnissen, der kann nicht fordern, daß sie deshalb anders gefaͤrbt und geschnitten werden sollen. Oder auch, Regen und Thau faͤllt als eine Wohlthat fuͤr alles herab, was auf der Erde steht, wer seine Pflanzen nicht hineinzustellen getraut, weil sie zu empfindlich sind, und Schaden nehmen koͤnnten, sondern lieber in der Stube mit abgeschrecktem Wasser begießt, wird doch nicht verlangen daß Regen und Thau darum ausbleiben sollen. Gedeihlich aber kann alles werden, was natuͤrlich ist, und danach sollen wir trachten. Übrigens wissen wir kein gesundes und kraͤftiges Buch, welches das Volk erbaut hat, wenn wir die Bibel obenan stellen, wo solche Bedenklichkeiten nicht in ungleich groͤßerm Maaß eintraͤten; der rechte Gebrauch aber findet nichts Boͤses heraus, sondern, wie ein schoͤnes Wort sagt, ein Zeugnis unseres Herzens. Kinder deuten ohne Furcht in die Sterne, waͤhrendXII andere, nach dem Volksglauben, die Engel damit beleidigen.
Gesammelt haben wir an diesen Maͤrchen seit etwa dreizehn Jahren, der erste Band, welcher im Jahre 1812 erschien, enthielt meist was wir nach und nach in Hessen, in den Main - und Kinziggegenden der Grafschaft Hanau, wo wir her sind, von muͤndlichen Überlieferungen aufgefaßt hatten. Der zweite Band wurde im Jahre 1814 beendigt, und kam schneller zu Stande, theils weil das Buch selbst sich Freunde verschafft, die es nun, wo sie bestimmt sahen was und wie es gemeint waͤre, unterstuͤtzten, theils weil uns das Gluͤck beguͤnstigte, das Zufall scheint, aber gewoͤhnlich beharrlichen und fleißigen Sammlern beisteht. Jst man erst gewoͤhnt auf dergleichen zu achten, so begegnet es doch haͤufiger als man sonst glaubt, und das ist uͤberhaupt mit Sitten und Eigenthuͤmlichkeiten Spruͤchen und Scherzen des Volkes der Fall. Die schoͤnen plattdeutschen Maͤrchen aus dem Fuͤrstenthum Muͤnster und Paderborn verdanken wir besonderer Guͤte und Freundschaft, das Zutrauliche der Mundart bei der innern Vollstaͤndigkeit zeigt sich hier besonders guͤnstig. Dort, in den altberuͤhmten Gegenden deutscher Freiheit, haben sich an manchen OrtenXIII die Sagen und Maͤrchen als eine fast regelmaͤßige Vergnuͤgung der Feiertage erhalten, und das Land ist noch reich an ererbten Gebraͤuchen und Liedern. Da, wo die Schrift theils noch nicht durch Einfuͤhrung des Fremden stoͤrt, oder durch Überladung abstumpft, theils, weil sie sichert, dem Gedaͤchtniß noch nicht nachlaͤssig zu werden gestattet, uͤberhaupt bei Voͤlkern, deren Literatur unbedeutend ist, pflegt sich als Ersatz die Überlieferung staͤrker und ungetruͤbter zu zeigen. So scheint auch Niedersachsen mehr als alle andere Gegenden behalten zu haben. Was fuͤr eine viel vollstaͤndigere und innerlich reichere Sammlung waͤre im 15ten Jahrhundert, oder auch noch im 16. zu Hans Sachsens und Fischarts Zeiten in Deutschland moͤglich gewesen. *)Merkwuͤrdig ist daß es bei den Galliern nicht erlaubt war, die uͤberlieferten Gesaͤnge aufzuschreiben, waͤhrend man sich der Schrift in allen uͤbrigen Angelegenheiten bediente. Caͤsar, der dies anmerkt (de B. G. VI. 4.), glaubt daß man damit habe verhuͤten wollen, im Vertrauen auf die Schrift, leichtsinnig im Erlernen und Behalten der Lieder zu werden. Auch Thamus haͤlt dem Theuth (im[Phaͤdrus] des Plato) bei Erfindung der Buchstaben den Nachtheil vor, den die Schrift auf die Ausbildung des Gedaͤchtnisses haben wuͤrde.
Einer jener guten Zufaͤlle aber war es, daß wir ausXIV dem bei Cassel gelegenen Dorfe Niederzwehrn eine Baͤuerin kennen lernten, die uns die meisten und schoͤnsten Maͤrchen des zweiten Bandes erzaͤhlte. Die Frau, Namens Viehmaͤnnin, war noch ruͤstig, und nicht viel uͤber fuͤnfzig Jahre alt. Jhre Gesichtszuͤge hatten etwas Festes, Verstaͤndiges und Angenehmes, und aus großen Augen blickte sie hell und scharf. *)Unser Bruder Ludwig Grimm hat eine recht aͤhnliche und natuͤrliche Zeichnung von ihr radiert, sie wird einmal in der Sammlung seiner Blaͤtter, wovon bei Artaria ein Heft erschienen ist, zu haben sein. Einen zwar verkleinerten doch wohlgerathenen Nachstich davon liefert das Titelkupfer vor dem zweiten Band. Durch den Krieg gerieth die gute Frau in Elend und Ungluͤck, das wohlthaͤtige Menschen lindern aber nicht heben konnten. Der Vater ihrer zahlreichen Enkel starb am Nervenfieber, die Waisen brachten Krankheit und die hoͤchste Noth in ihre schon arme Huͤtte. Sie wurde siech, und starb am 17. Nov. 1816.Sie bewahrte die alten Sagen fest im Gedaͤchtniß, eine Gabe, die, wie sie wohl sagte, nicht jedem verliehen sey, und mancher gar nichts im Zusammenhange behalten koͤnne. Dabei erzaͤhlte sie bedaͤchtig, sicher und ungemein lebendig mit eigenem Wohlgefallen daran, erst ganz frei, dann, wenn man es wollte, noch einmal langsam, so daß man ihr mit einiger Uebung nachschreiben konnte. Manches ist auf diese Weise woͤrtlich beibehalten, und wird in seiner Wahrheit nicht zu verkennenXV seyn. Wer an leichte Verfaͤlschung der Überlieferung, Nachlaͤssigkeit bei Aufbewahrung, und daher an Unmoͤglichkeit langer Dauer als Regel glaubt, der haͤtte hoͤren muͤssen, wie genau sie immer bei der Erzaͤhlung blieb, und auf ihre Richtigkeit eifrig war; sie aͤnderte niemals bei einer Wiederholung etwas in der Sache ab, und besserte ein Versehen, sobald sie es bemerkte, mitten in der Rede gleich selber. Die Anhaͤnglichkeit an das Überlieferte ist bei Menschen, die in gleicher Lebensart unabaͤnderlich fortgefahren, staͤrker als wir, zur Veraͤnderung geneigt, begreifen. Eben darum hat es, so vielfach bewaͤhrt, eine gewisse eindringliche Naͤhe und innere Tuͤchtigkeit, zu der anderes, das aͤußerlich viel glaͤnzender erscheinen kann, nicht so leicht gelangt. Der epische Grund der Volksdichtung gleicht dem durch die ganze Natur in mannigfachen Abstufungen verbreitete Gruͤn, das saͤttigt und saͤnftigt, ohne je zu ermuͤden.
Wir erhielten außer den Maͤrchen des zweiten Bandes auch reichliche Nachtraͤge zu dem ersten, und bessere Erzaͤhlungen vieler dort gelieferten gleichfalls aus jener oder andern aͤhnlichen Quellen. Hessen hat als ein bergichtes, von großen Heerstraßen abseits liegendes, und zumeistXVI mit dem Ackerbau beschaͤftigtes Land den Vortheil, daß es alte Sitten und Überlieferungen besser aufbewahren kann. Ein gewisser Ernst, eine gesunde, tuͤchtige und tapfere Gesinnung, die von der Geschichte nicht wird unbeachtet bleiben, selbst die große und schoͤne Gestalt der Maͤnner in den Gegenden, wo der eigentliche Sitz der Chatten war, haben sich auf diese Art erhalten, und lassen den Mangel an dem Bequemen und Zierlichen, den man im Gegensatz zu andern Laͤndern, etwa aus Sachsen kommend, leicht bemerkt, eher als einen Gewinn betrachten. Dann empfindet man auch daß die zwar rauheren aber oft ausgezeichnet herrlichen Gegenden, wie eine gewisse Strenge und Duͤrftigkeit der Lebensweise, zu dem Ganzen gehoͤren. Ueberhaupt muͤssen die Hessen zu den Voͤlkern unseres Vaterlandes gezaͤhlt werden, die am meisten wie die alten Wohnsitze so auch die Eigenthuͤmlichkeit ihres Wesens durch die Veraͤnderung der Zeit festgehalten haben.
Was wir nun bisher fuͤr unsere Sammlung gewonnen, wollten wir bei dieser zweiten Auflage dem Buch einverleiben. Daher ist der erste Band fast ganz umgearbeitet, das Unvollstaͤndige ergaͤnzt, manches einfacher und reiner erzaͤhlt, und nicht viel Stuͤcke werden sich finden, dieXVII nicht gewonnen haͤtten. Es ist noch einmal gepruͤft, was verdaͤchtig schien, d. h. was etwa haͤtte fremden Ursprungs oder durch Zusaͤtze verfaͤlscht seyn koͤnnen, und dann alles ausgeschieden. Dafuͤr sind die neuen Stuͤcke, die wir seitdem erhalten haben, und worunter wir auch Beitraͤge aus Östreich und Deutschboͤhmen zaͤhlen, eingeruͤckt, so daß manches bisher ganz unbekannte begegnen wird. Fuͤr die Anmerkungen war uns fruͤher nur ein enger Raum gegeben, bei dem erweiterten Umfange des Buchs konnten wir fuͤr jene nun einen eigenen dritten Band bestimmen. Hierdurch ist es moͤglich geworden, nicht nur das, was wir fruͤher ungern zuruͤck behielten, mitzutheilen, sondern auch neue, hierher gehoͤrige Abschnitte zu liefern, die, wie wir hoffen, den wissenschaftlichen Werth dieser Überlieferungen noch deutlicher machen werden.
Was die Weise betrifft, in der wir gesammelt haben, so ist es uns zuerst auf Treue und Wahrheit angekommen. Wir haben naͤmlich aus eigenen Mitteln nichts hinzugesetzt, keinen Umstand und Zug der Sage selbst verschoͤnert, sondern ihren Jnhalt so wiedergegeben, wie wir ihn empfangen; daß der Ausdruck großentheils von uns herruͤhrt versteht sich von selbst, doch haben wir jede Eigenthuͤmlichkeit, dieXVIII wir bemerkten, zu erhalten gesucht, um auch in dieser Hinsicht der Sammlung die Mannigfaltigkeit der Natur zu lassen. Jeder, der sich mit aͤhnlicher Arbeit befaßt, wird es uͤbrigens begreifen, daß dies kein sorgloses und unachtsames Auffassen kann genannt werden, im Gegentheil ist Aufmerksamkeit und ein Takt noͤthig, der sich erst mit der Zeit erwirbt, um das Einfachere, Reinere, und doch in sich Vollkommnere, von dem Verfaͤlschten zu unterscheiden. Verschiedene Erzaͤhlungen haben wir, sobald sie sich ergaͤnzten, und zu ihrer Vereinigung keine Widerspruͤche wegzuschneiden waren, als Eine mitgetheilt, wenn sie aber abwichen, wo dann jede gewoͤhnlich ihre eigenthuͤmlichen Zuͤge hatte, der besten den Vorzug gegeben, und die andern fuͤr die Anmerkungen aufbewahrt. Diese Abweichungen naͤmlich erscheinen uns merkwuͤrdiger, als denen, welche darin bloß Abaͤnderungen und Entstellungen eines einmal dagewesenen Urbildes sehen, da es im Gegentheil vielleicht nur Versuche sind, einem im Geist bloß vorhandenen, unerschoͤpflichen, auf mannichfachen Wegen sich zu naͤhern. Wiederholungen einzelner Saͤtze, Zuͤge und Einleitungen, sind wie epische Zeilen zu betrachten, die, sobald der Ton sich ruͤhrt, der sie anschlaͤgt, immer wiederkehren,XIX und in einem andern Sinne eigentlich nicht zu verstehen.
Eine entschiedene Mundart haben wir gerne beibehalten. Haͤtte es uͤberall geschehen koͤnnen, so wuͤrde die Erzaͤhlung ohne Zweifel gewonnen haben. Es ist hier ein Fall, wo die erlangte Bildung, Feinheit, und Kunst der Sprache zu Schanden wird, und man fuͤhlt daß eine gelaͤuterte Schriftsprache, so gewandt sie in allem uͤbrigen seyn mag, heller und durchsichtiger aber auch schmackloser geworden, und nicht mehr so fest dem Kerne sich anschließe. Schade, daß die niederhessische Mundart in der Naͤhe von Cassel, als in den Graͤnzpunkten des alten saͤchsischen und fraͤnkischen Hessengaues, eine unbestimmte und nicht reinlich aufzufassende Mischung von niedersaͤchsischem und hochdeutschem ist.
Jn diesem Sinne gibt es unseres Wissens sonst keine Sammlungen von Maͤrchen in Deutschland. Entweder waren es nur ein paar zufaͤllig erhaltene, die man mittheilte, oder man betrachtete sie als bloßen rohen Stoff, um groͤßere Erzaͤhlungen daraus zu bilden. Gegen solche Bearbeitungen erklaͤren wir uns geradezu. Zwar ist es unbezweifelt, daß in allem lebendigen Gefuͤhl fuͤr eine DichtungXX ein poetisches Bilden und Fortbilden liegt, ohne welches auch eine Überlieferung etwas Unfruchtbares und Abgestorbenes waͤre, ja eben dies ist mit Ursache, warum jede Gegend nach ihrer Eigenthuͤmlichkeit, jeder Mund anders erzaͤhlt. Aber es ist doch ein großer Unterschied zwischen jenem halb unbewußten, dem stillen Forttreiben der Pflanzen aͤhnlichen, und von der unmittelbaren Lebensquelle getraͤnkten Entfalten, und einer absichtlichen, alles nach Willkuͤr zusammenknuͤpfenden und auch wohl leimenden Umaͤnderung; diese aber ist es, welche wir nicht billigen koͤnnen. Die einzige Richtschnur waͤre dann die von seiner Bildung abhaͤngende, gerade vorherrschende Ansicht des Dichters, waͤhrend bei jenem natuͤrlichen Fortbilden der Geist des Volkes in dem Einzelnen waltet, und einem besondern Geluͤsten vorzudringen nicht erlaubt. Raͤumt man den Überlieferungen wissenschaftlichen Werth ein, das heißt gibt man zu daß sich in ihnen Anschauungen und Bildungen der Vorzeit erhalten, so versteht sich von selbst daß dieser Werth durch solche Bearbeitungen fast immer zu Grunde gerichtet wird. Allein auch die Poesie gewinnt nicht dadurch, denn wo lebt sie wirklich als da, wo sie die Seele trifft, wo sie in der That kuͤhlt und erfrischt, oder waͤrmtXXI und staͤrkt? Aber jede Bearbeitung dieser Sagen, welche ihre Einfachheit Unschuld und prunklose Reinheit wegnimmt, reißt sie aus dem Kreiße, welchem sie angehoͤren, und wo sie ohne Überdruß immer wieder begehrt werden. Es kann seyn, und dies ist der beste Fall, daß man Feinheit, Geist, besonders Witz, der die Laͤcherlichkeit der Zeit mit hineinzieht, ein zartes Ausmahlen des Gefuͤhls, wie es einer von der Poesie aller Voͤlker genaͤhrten Bildung nicht allzu schwer faͤllt, dafuͤr gibt; aber diese Gabe hat doch mehr Schimmer als Nutzen: sie denkt an das einmalige Anhoͤren oder Lesen, an das sich unsere Zeit gewoͤhnt hat, und sammelt und spitzt dafuͤr die Reize. Doch in der Wiederholung ermuͤdet uns der Witz, und das Dauernde ist etwas Ruhiges Stilles und Reines. Die geuͤbte Hand solcher Bearbeitungen gleicht doch jener ungluͤcklich begabten, die alles, was sie anruͤhrte, auch die Speisen, in Gold verwandelte, und kann uns mitten im Reichthum nicht saͤttigen und traͤnken. Gar, wo aus bloßer Einbildungskraft die Mythologie mit ihren Bildern soll angeschafft werden, wie kahl, innerlich leer und gestaltlos sieht dann trotz den besten und staͤrksten Worten alles aus! Übrigens ist dies nur gegen sogenannte BearbeitungenXXII gesagt, welche die Maͤrchen bloß zu verschoͤnern und poetischer auszustatten vorhaben, nicht gegen ein freies Auffassen derselben zu eigenen, ganz der Zeit angehoͤrenden Dichtungen; denn wer haͤtte Lust der Poesie Graͤnzen abzustecken?
Wir uͤbergeben dies Buch wohlwollenden Haͤnden, dabei denken wir an die segnende Kraft, die in diesen liegt, und wuͤnschen daß denen, welche solche Brosamen der Poesie Armen und Genuͤgsamen nicht goͤnnen, es gaͤnzlich verborgen bleiben moͤge.
Cassel am 3. Julius 1819.
Durch eine Anzahl neuer, dem zweiten Theile zugefuͤgter Maͤrchen, unter welchen einige in schweizerischer Mundart sich auszeichnen, ist unsere Sammlung in gegenwaͤrtiger dritten Auflage wiederum gewachsen, und der Vollstaͤndigkeit, so weit sie moͤglich ist, naͤher geruͤckt. Außerdem sind die fruͤhern Stuͤcke abermals großentheils umgearbeitet und durch Zusaͤtze und einzelne, aus muͤndlichen Erzaͤhlungen gewonnene Zuͤge ergaͤnzt und bereichert.
XXIIIDer dritte Theil, dessen Jnhalt sich lediglich auf den wissenschaftlichen Gebrauch der Sammlung bezieht, und daher nur in einem viel engern Kreiß Eingang finden konnte, ist diesmal nicht mit abgedruckt, weil davon noch Exemplare in der Reimerschen Buchhandlung zu Berlin vorraͤthig sind. Jn der Folge soll dieser dritte Theil als ein fuͤr sich bestehendes Werk erscheinen, in welchem auch die der vorigen Ausgabe vorangesetzten Einleitungen von dem Wesen der Maͤrchen und von Kindersitten einen Platz finden werden.
Die treue Auffassung der Überlieferung, der ungesuchte Ausdruck und, wenn es nicht unbescheiden klingt, der Reichthum und die Mannigfaltigkeit der Sammlung haben ihr fortdauernde Theilnahme unter uns, und Beachtung im Auslande verschafft. Unter den verschiedenen Übersetzungen verdient die englische, als die vollstaͤndigste, und weil die verwandte Sprache sich am genausten anschließt, den Vorzug. *)Nachdem Francis Cohen im Quarterly Review (1819. Mai) die aͤltere Ausgabe ausfuͤhrlich angezeigt hatte, erschien nach der zweiten eine Übersetzung von Taylor in zwei Theilen mit geistreichen Kupfern von Cruikshank (German popular stories. London 1823 und 1826), welche nochmals aufgelegt wurde.Eine Auswahl, alsXXIV kleinere Ausgabe in einem Baͤndchen, wobei zugleich die Bedenklichkeit derer beruͤcksichtigt ist, welche nicht jedes Stuͤck der groͤßeren Sammlung bei Kinder angemessen halten, veranstalteten wir zuerst 1825, sie ist 1833 und 1836 wieder aufgelegt worden.
Der wissenschaftliche Werth dieser Überlieferungen hat sich in mancher uͤberraschenden Verwandtschaft mit alten Goͤttersagen bewaͤhrt, und die deutsche Mythologie nicht selten Gelegenheit gehabt darauf zuruͤckzukommen, ja sie hat in der Übereinstimmung mit nordischen Mythen einen Beweis des urspruͤnglichen Zusammenhangs gefunden.
Wenn die Gunst fuͤr dieses Buch fortdauert, so soll es an fortwaͤhrender Pflege von unserer Seite nicht fehlen.
Goͤttingen am 15. Mai 1837.
*)Eine hollaͤndische (Sprookjes-boek voor Kinderen. Amsterdam 1820) im Auszug, wie eine daͤnische von Hegermann-Lindencrone (Börne Eventyr. Kopenhagen 1820 oder 21); einzelne Stuͤcke hat Molbech (Julegave for Boͤrn 1835 u. 1836) uͤbersetzt, andere Öhlenschlaͤger. Das Iournal des Débats vom 4ten August 1832 enthelt sinnreiche Äußerungen uͤber das Buch, und als Probe eine Übersetzung des Maͤrchens von dem armen Heinrich: ferner das Blatt vom 1. Jan. 1834 ein Bruchstuͤck aus dem Machandelboom; spaͤterhin (Paris 1836) erschienen Contes choisis de Grimm traduits par F. C. Gérard mit Kupfern.
Jn den alten Zeiten, wo das Wuͤnschen noch geholfen hat, lebte ein Koͤnig, dessen Toͤchter waren alle schoͤn, aber die juͤngste war so schoͤn, daß sich die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, daruͤber verwunderte so oft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Koͤnigs lag ein großer dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen: wenn nun der Tag recht heiß war, so gieng das Koͤnigskind hinaus in den Wald, und setzte sich an den Rand des kuͤhlen Brunnens, und wenn sie Langeweile hatte, so nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Hoͤhe und fieng sie wieder; und das war ihr liebstes Spielwerk.
Nun trug es sich einmal zu, daß die goldene Kugel der Koͤnigstochter nicht in das Haͤndchen fiel, das sie ausgestreckt hatte, sondern neben vorbei auf die Erde schlug, und geradezu ins Wasser hinein rollte. Die Koͤnigstochter folgte ihr mit den Augen nach, aber die Kugel verschwand, und der Brunnen war tief, und gar kein Grund zu sehen. Da fieng sie an zu2 weinen, und weinte immer lauter, und konnte sich gar nicht troͤsten. Und wie sie so klagte, rief ihr jemand zu ‘was hast du vor, Koͤnigstochter, du schreist ja daß sich ein Stein erbarmen moͤchte.’ Sie sah sich um, woher die Stimme kaͤme, da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken haͤßlichen Kopf aus dem Wasser streckte. ‘Ach, du bists, alter Wasserpatscher,’ sagte sie, ‘ich weine uͤber meine goldne Kugel, die mir in den Brunnen hinab gefallen ist.’ ‘Gib dich zufrieden,’ antwortete der Frosch, ‘ich kann wohl Rath schaffen, aber was gibst du mir, wenn ich dein Spielwerk wieder heraufhole?’ ‘Was du willst, lieber Frosch,’ sagte sie, ‘meine Kleider, meine Perlen und Edelsteine, dazu die goldne Krone, die ich trage.’ Der Frosch antwortete ‘deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine, deine goldne Krone, die mag ich nicht: aber wenn du mich lieb haben willst, und ich soll dein Geselle und Spielkamerad seyn, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldnen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen: wenn du mir das versprichst, so will ich dir die goldne Kugel wieder aus dem Grunde hervor holen.’ ‘Ach ja,’ sagte sie, ‘ich verspreche dir alles, wenn du mir nur die Kugel wieder bringst.’ Sie dachte aber ‘was der einfaͤltige Frosch schwaͤtzt, der sitzt im Wasser bei seines Gleichen, und quackt, und kann keines Menschen Geselle sein.’
Der Frosch, als er die Zusage erhalten hatte, tauchte seinen Kopf unter, sank hinab, und uͤber ein Weilchen kam er wieder herauf gerudert, hatte die Kugel im Maul, und warf sie ins3 Gras. Die Koͤnigstochter war voll Freude, als sie ihr schoͤnes Spielwerk wieder erblickte, hob es auf, und sprang damit fort. ‘Warte, warte,’ rief der Frosch, ‘nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du.’ Aber was half ihn daß er ihr sein quack quack so laut nachschrie als er konnte! sie hoͤrte nicht darauf, eilte nach Haus, und hatte bald den armen Frosch vergessen, der wieder in den tiefen Brunnen hinab steigen mußte.
Am andern Tage, als sie mit dem Koͤnig und allen Hofleuten an der Tafel saß, und von ihrem goldnen Tellerlein aß, da kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas die Marmortreppe herauf gekrochen, und als es oben angelangt war, klopfte es an der Thuͤr, und rief ‘Koͤnigstochter, juͤngste, mach mir auf.’ Sie lief und wollte sehen wer draußen waͤre, als sie aber aufmachte, so saß der Frosch davor. Da warf sie die Thuͤr hastig zu, setzte sich wieder an den Tisch, und war ihr ganz angst. Der Koͤnig sah daß ihr das Herz gewaltig klopfte, und sprach ‘ei, was fuͤrchtest du dich, steht etwa ein Riese vor der Thuͤr, und will dich holen?’ ‘Ach nein,’ antwortete das Kind, ‘es ist kein Riese, sondern ein garstiger Frosch, der hat mir gestern im Wald meine goldene Kugel aus dem Wasser geholt, dafuͤr versprach ich ihm er sollte mein Geselle werden, ich dachte aber nimmermehr daß er aus seinem Wasser heraus koͤnnte: nun ist er draußen, und will zu mir herein.’ Jndem klopfte es zum zweitenmal und rief
Da sagte der Koͤnig ‘hast du’s versprochen, mußt du’s auch halten; geh und mach ihm auf.’ Sie gieng und oͤffnete die Thuͤre, da huͤpfte der Frosch herein, ihr immer auf dem Fuße nach, bis zu ihrem Stuhl. Da saß er und rief ‘heb mich herauf zu dir.’ Sie wollte nicht bis es der Koͤnig befahl. Als der Frosch auf den Stuhl gekommen war, sprach er ‘nun schieb mir dein goldenes Tellerlein naͤher, damit wir zusammen essen.’ Das that sie auch, aber man sah wohl daß sies nicht gerne that. Der Frosch ließ sichs gut schmecken, aber ihr blieb fast jedes Bißlein im Halse. Endlich sprach er ‘nun hab ich mich satt gegessen, und bin muͤde, trag mich hinauf in dein Kaͤmmerlein, und mach dein seiden Bettlein zurecht, da wollen wir uns schlafen legen.’ Da fieng die Koͤnigstochter an zu weinen, und fuͤrchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie nicht anzuruͤhren getraute, und der nun in ihrem schoͤnen reinen Bettlein schlafen sollte. Der Koͤnig aber blickte sie zornig an, und sprach ‘was du versprochen hast, sollst du auch halten, und der Frosch ist dein Geselle.’ Es half nichts, sie mochte wollen oder nicht, sie mußte den Frosch mitnehmen. Da packte sie ihn, ganz bitterboͤse, mit zwei Fingern, und trug ihn hinauf, und als sie im Bett lag, statt ihn hinein zu heben, warf sie ihn aus allen5 Kraͤften an die Wand und sprach ‘nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch.’
Was aber herunter fiel war nicht ein todter Frosch, sondern ein lebendiger junger Koͤnigssohn mit schoͤnen und freundlichen Augen. Der war nun von Recht und mit ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl. Da schliefen sie vergnuͤgt zusammen ein, und am andern Morgen, als die Sonne sie aufweckte, kam ein Wagen herangefahren mit acht weißen Pferden bespannt, die waren mit Federn geschmuͤckt, und giengen in goldenen Ketten, und hinten stand der Diener des jungen Koͤnigs, das war der treue Heinrich. Der treue Heinrich hatte sich so betruͤbt, als sein Herr war in einen Frosch verwandelt worden, daß er drei eiserne Bande hatte muͤssen um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspraͤnge. Der Wagen aber sollte den jungen Koͤnig in sein Reich abholen; der treue Heinrich hob beide hinein, und stellte sich wieder hinten auf, voller Freude uͤber die Erloͤsung. Und als sie ein Stuͤck Wegs gefahren waren, hoͤrte der Koͤnigssohn hinter sich daß es krachte, als waͤre etwas zerbrochen. Da drehte er sich um, und rief
Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und der Koͤnigssohn meinte immer der Wagen braͤche, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr wieder erloͤst und gluͤcklich war.
Eine Katze hatte Bekanntschaft mit einer Maus gemacht, und ihr so viel von der großen Liebe und Freundschaft vorgesagt, die sie zu ihr truͤge, daß die Maus endlich einwilligte mit ihr zusammen in einem Hause zu wohnen, und gemeinschaftliche Wirthschaft zu fuͤhren. ‘Aber fuͤr den Winter muͤssen wir Vorsorge tragen, sonst leiden wir Hunger,’ sagte die Katze, ‘du Maͤuschen kannst dich nicht uͤberall hinwagen, und geraͤthst mir am Ende in eine Falle.’ Der gute Rath ward also befolgt, und ein Toͤpfchen mit Fett angekauft. Sie wußten aber nicht wo sie es hinstellen sollten, endlich nach langer Überlegung sprach die Katze ‘ich weiß keinen Ort, der sicherer waͤre als die Kirche, da getraut sich niemand etwas wegzunehmen, wir stellen es unter den Altar, und ruͤhren es nicht eher an als bis wir es noͤthig haben.’ Das Toͤpfchen ward also in Sicherheit gebracht, aber es dauerte nicht lange so trug die Katze Geluͤsten danach, und sprach zur Maus ‘was ich dir sagen wollte, Maͤuschen, ich bin von meiner Base zu Gevatter gebeten: sie hat ein Soͤhnchen zur Welt gebracht, weiß mit braunen Flecken, daß soll ich uͤber die Taufe halten. Laß mich ausgehen, und besorge du heute das Haus allein.’ ‘Ja, ja,’ antwortete die Maus, ‘geh in Gottes Namen8 wenn du was Gutes issest, so denk an mich: von dem suͤßen rothen Kindbetterwein traͤnk ich auch gerne ein Troͤpfchen.’ Es war aber alles nicht wahr, die Katze hatte keine Base, und war nicht zu Gevatter gebeten. Sie gieng geradeswegs nach der Kirche, schlich zu dem Fetttoͤpfchen, fieng an zu lecken und leckte die fette Haut ab. Dann machte sie einen Spatziergang auf den Daͤchern der Stadt, besah sich die Gelegenheit, ruhte sich dann in der Sonne, und wischte sich den Bart so oft sie an das Fetttoͤpfchen dachte. Erst als es Abend war, gieng sie wieder nach Haus. ‘Nun, da bist du ja wieder,’ sagte die Maus, ‘du hast einen lustigen Tag gehabt. Was hat denn das Kind fuͤr einen Namen bekommen?’ ‘Hautab’ antwortete die Katze ganz trocken. ‘Hautab,’ rief die Maus, ‘das ist ja ein wunderlicher und seltsamer Name, ist der in eurer Familie gebraͤuchlich?’ ‘Was ist da weiter,’ sagte die Katze, ‘er ist nicht schlechter als Broͤseldieb, wie deine Pathen heißen.’
Nicht lange danach uͤberkam die Katze wieder ein Geluͤsten. Sie sprach zur Maus ‘du mußt mir den Gefallen thun und nochmals das Hauswesen allein besorgen, ich bin zum zweitenmal zu Gevatter gebeten, und da das Kind einen weißen Ring um den Hals hat, so kann ichs nicht absagen.’ Die gute Maus willigte ein, die Katze aber schlich hinter der Stadtmauer zu der Kirche, und fraß den Fetttopf halb aus. ‘Es schmeckt nichts besser,’ sagte sie, ‘als was man selber ißt,’ und war mit ihrem Tagewerk ganz zufrieden. Als sie heimkam, fragte die Maus ‘wie ist denn dieses Kind getauft worden?’ ‘Halbaus’ antwortete9 die Katze. ‘Halbaus! was du sagst! den Namen habe ich mein Lebtag noch nicht gehoͤrt, ich wette der steht nicht in dem Kalender.’
Der Katze waͤsserte das Maul bald wieder nach dem Leckerwerk. ‘Aller guten Dinge sind drei,’ sprach sie zu der Maus, ‘da soll ich wieder Gevatter stehen, das Kind ist ganz schwarz und hat bloß weiße Pfoten, sonst kein weißes Haar am ganzen Leib, das trifft sich alle paar Jahr nur einmal: du laͤssest mich doch ausgehen?’ ‘Hautab! Halbaus!’ antwortete die Maus, ‘es sind so kuriose Namen, die machen mich so nachdenksam.’ ‘Da sitzest du daheim in deinem dunkelgrauen Flausrock und deinem langen Haarzopf,’ sprach die Katze, ‘und faͤngst Grillen, das kommt davon wenn man bei Tage nicht ausgeht.’ Die Maus raͤumte waͤhrend der Abwesenheit der Katze auf, und brachte das Haus in Ordnung, die naschhafte Katze aber fraß den Fetttopf rein aus. ‘Wenn erst alles aufgezehrt ist, so hat man Ruhe’ sagte sie zu sich selbst, und kam satt und dick erst in der Nacht nach Haus. Die Maus fragte gleich nach dem Namen, den das dritte Kind bekommen haͤtte. ‘Er wird dir wohl auch nicht gefallen,’ sagte die Katze, ‘es heißt Ganzaus.’ ‘Ganzaus!’ rief die Maus, ‘das ist der allerbedenklichste Namen, gedruckt ist er mir noch nicht vorgekommen. Ganzaus! was soll das bedeuten?’ Sie schuͤttelte den Kopf, rollte sich zusammen, und legte sich schlafen.
Von nun an wollte niemand mehr die Katze zu Gevatter bitten, als aber der Winter herangekommen und draußen nichts mehr zu finden war, gedachte die Maus ihres Vorraths und10 sprach ‘komm, Katze, wir wollen zu unserm Fetttopfe gehen den wir uns aufgespart haben, der wird uns schmecken.’ ‘Ja wohl,’ antwortete die Katze, ‘der wird dir schmecken als wenn du deine feine Zunge zum Fenster hinaus streckst.’ Sie machten sich auf den Weg, und als sie anlangten stand zwar der Fetttopf noch an seinem Platz, war aber leer. ‘Ach,’ sagte die Maus, ‘jetzt merke ich was geschehen ist, jetzt kommts an den Tag, du bist mir die wahre Freundin! aufgefressen hast du alles, wie du zu Gevatter gestanden hast: erst Haut ab, dann halb aus, dann ... ’ ‘Willst du schweigen’ rief die Katze, ‘noch ein Wort, und ich fresse dich auf.’ ‘Ganz aus’ hatte die arme Maus schon auf der Zunge, kaum war es heraus, so that die Katze einen Satz nach ihr, packte sie, und schluckte sie hinunter.
Vor einem großen Walde lebte ein Holzhacker mit seiner Frau und seinem einzigen Kind, das war ein Maͤdchen und drei Jahre alt. Sie waren aber so arm, daß sie nicht mehr das taͤgliche Brot hatten, und nicht wußten was sie ihm sollten zu essen geben. Eines Morgens gieng der Holzhacker voller Sorgen hinaus in den Wald an seine Arbeit, und wie er da Holz hackte, stand auf einmal eine schoͤne große Frau vor ihm, die hatte eine Krone von leuchtenden Sternen auf dem Haupt, und sprach zu ihm ‘ich bin die Jungfrau Maria, die Mutter des Christkindleins: du bist arm und duͤrftig, bring mir dein Kind, ich will es mit mir nehmen, seine Mutter seyn und fuͤr es sorgen’. Der Holzhacker gehorchte, holte sein Kind, und uͤbergab es der Jungfrau Maria, die nahm es mit sich hinauf in den Himmel. Da gieng es ihm wohl, es aß Zuckerbrot und trank suͤße Milch, und seine Kleider waren von Gold, und die Englein spielten mit ihm. Als es nun vierzehn Jahr alt geworden war, rief es einmal die Jungfrau Maria zu sich, und sprach ‘liebes Kind, ich habe eine große Reise vor, da nimm die Schluͤssel zu den dreizehn Thuͤren des Himmelreichs in Verwahrung: zwoͤlf darfst du davon aufschließen, und die Herrlichkeiten12 betrachten, aber die dreizehnte, die dieser kleine Schluͤssel oͤffnet, die ist dir verboten, und huͤte dich daß du sie nicht aufschließest, sonst wirst du ungluͤcklich.’ Das Maͤdchen versprach ihr gehorsam zu seyn, und als nun die Jungfrau Maria weg war, fieng es an und besah die Wohnungen des Himmelreichs: jeden Tag schloß es eine auf, bis die zwoͤlfe herum waren. Jn jeder aber saß ein Apostel, und war so viel Glanz umher, daß es sein Lebtag solche Pracht und Herrlichkeit nicht gesehen hatte: und es freute sich daruͤber, und die Englein, die es immer begleiteten, freuten sich mit ihm. Nun war nur noch die verbotene Thuͤre uͤbrig, da empfand es eine große Lust zu wissen was dahinter verborgen waͤre, und sprach zu den Englein ‘ganz aufmachen will ich sie nicht, aber ein bischen aufschließen, damit wir durch den Ritz sehen’. ‘Ach nein,’ sagten die Englein, ‘das waͤre Suͤnde: die Jungfrau Maria hats verboten, und es koͤnnte leicht dein Ungluͤck werden.’ Da schwieg es still, aber die Lust und Neugier in seinem Herzen schwieg nicht still, sondern pickte ordentlich daran, und ließ ihm keine Ruhe. Und als die Englein einmal weggegangen waren, dachte es ‘nun bin ich ganz allein, wer siehts dann!’ und holte den Schluͤssel. Und als es ihn geholt hatte, steckte es ihn auch in das Schluͤsselloch, und als es ihn hineingesteckt hatte, drehte es auch um. Da sprang die Thuͤre auf, und es sah im Feuer und Glanz die Dreieinigkeit sitzen, und ruͤhrte ein klein wenig mit dem Finger an den Glanz, da ward er ganz golden. Da ward ihm angst, und es schlug die Thuͤre heftig zu, und lief fort. Die Angst wollt auch13 nicht wieder weichen, es mochte anfangen was es wollte, und das Herz klopfte in einem fort und wollte nicht ruhig werden: auch das Gold blieb an dem Finger, und gieng nicht ab, es mochte waschen so viel es wollte.
Nach wenigen Tagen kam die Jungfrau Maria von ihrer Reise zuruͤck, rief das Maͤdchen zu sich, und forderte ihm die Himmelsschluͤssel wieder ab. Jndem es den Bund hinreichte, blickte es die Jungfrau an, und sprach ‘hast du auch nicht die dreizehnte Thuͤre geoͤffnet?’ ‘Nein’ antwortete es. Da legte sie ihre Hand auf sein Herz, fuͤhlte wie es klopfte und klopfte, und sah wohl daß es ihr Gebot uͤbertreten, und die Thuͤre aufgeschlossen hatte. Da sprach sie noch einmal ‘hast du es gewiß nicht gethan?’ ‘Nein’ sagte das Maͤdchen zum zweitenmal. Da erblickte sie den Finger, der von der Beruͤhrung des himmlischen Feuers golden geworden war, und wußte nun gewiß daß es schuldig war, und sprach zum drittenmal ‘hast du es nicht gethan?’ ‘Nein’ sagte das Maͤdchen zum drittenmal. Da sprach die Jungfrau Maria ‘du hast mir nicht gehorcht, und hast gelogen, du bist nicht mehr wuͤrdig im Himmel zu seyn’.
Da versank das Maͤdchen in einen tiefen tiefen Schlaf, und als es erwachte, lag es unten auf der Erde bei einem hohen Baum, der rings mit dichtem Gebuͤsch umzaͤunt war, durch welches es nicht dringen konnte. Der Mund war ihm auch verschlossen, und es konnte kein Wort reden. Jn dem Baum war eine Hoͤhle, darin schlief es in der Nacht, und darin saß es bei Regen und Gewitter; Wurzeln und Waldbeeren waren14 seine Nahrung, die suchte es sich, so weit es kommen konnte. Jm Herbst sammelte es die Blaͤtter des Baumes, und trug sie in die Hoͤhle, und wenn es dann schneite und fror, barg es sich darin. Auch verdarben seine Kleider, und fielen ihm ab, da mußte es sich in die Blaͤtter einhuͤllen. Sobald dann die Sonne wieder warm schien, gieng es heraus, und setzte sich vor den Baum, und seine langen Haare bedeckten es von allen Seiten wie ein Mantel. So saß es lange Zeit, und fuͤhlte den Jammer und das Elend der Welt.
Einmal zur Fruͤhlingszeit jagte der Koͤnig des Landes in dem Wald, und verfolgte ein Wild, und weil es in das Gebuͤsch geflohen war, das den hohlen Baum umschloß, stieg er ab, riß es von einander, und hieb sich mit seinem Schwert einen Weg. Als er nun hindurchgedrungen war, sah er unter dem Baum ein wunderschoͤnes Maͤdchen sitzen, das von seinem goldenen Haar bis zu den Fußzehen bedeckt war. Er betrachtete es voll Erstaunen, und sprach ‘wie bist du in die Einoͤde gekommen?’ Es schwieg aber still, denn es konnte seinen Mund nicht aufthun. Der Koͤnig sprach weiter ‘willst du mit mir auf mein Schloß gehen?’ Da nickte es bloß ein wenig mit dem Kopf. Der Koͤnig nahm es auf seinen Arm, trug es auf sein Pferd, und fuͤhrte es heim, wo er ihm Kleider anziehen ließ, und ihm alles im Ueberfluß gab. Und ob es gleich nicht sprechen konnte, so war es doch so schoͤn und lieblich, daß er es von Herzen lieb gewann, und sich mit ihm vermaͤhlte.
Als etwa ein Jahr verflossen war, brachte die Koͤnigin15 einen Sohn zur Welt. Darauf in der Nacht, wo sie allein in ihrem Bette lag, erschien ihr die Jungfrau Maria, und sprach ‘willst du nun die Wahrheit sagen, und gestehen daß du die verbotene Thuͤr aufgeschlossen hast, so will ich deinen Mund oͤffnen, und dir die Sprache wieder geben: verharrst du aber in der Suͤnde, und leugnest hartnaͤckig, so nehm ich dein neugebornes Kind mit mir’. Da war der Koͤnigin verliehen zu antworten, aber sie sprach ‘nein, ich habe die verbotene Thuͤr nicht geoͤffnet’, und die Jungfrau Maria nahm das neugeborne Kind ihr aus dem Arme, und verschwand damit. Am andern Morgen, als das Kind nicht zu finden war, gieng ein Gemurmel unter den Leuten, die Koͤnigin waͤre eine Menschenfresserin, und haͤtte ihr eigenes Kind umgebracht. Sie hoͤrte alles, und konnte nichts dagegen sagen, der Koͤnig aber hatte sie zu lieb als daß ers glauben wollte.
Nach einem Jahr gebar die Koͤnigin wieder einen Sohn, da trat in der Nacht auch wieder die Jungfrau Maria vor sie, und sprach ‘willst du nun gestehen daß du die verbotene Thuͤre geoͤffnet hast, so will ich dir dein Kind wiedergeben, und deinen Mund loͤsen: verharrst du aber in der Suͤnde, und leugnest, so nehme ich auch dieses neugeborne mit mir’. Da sprach die Koͤnigin wiederum ‘nein, ich habe die verbotene Thuͤre nicht geoͤffnet’, und die Jungfrau nahm ihr das Kind aus den Armen weg und mit sich in den Himmel. Am Morgen, als die Leute hoͤrten daß das Kind abermals verschwunden sey, sagten sie laut die Koͤnigin haͤtte es gegessen, und des Koͤnigs Raͤthe verlangten16 daß sie sollte gerichtet werden. Der Koͤnig aber hatte sie so lieb daß er es nicht glauben wollte, und befahl den Raͤthen bei Leibes - und Lebensstrafe nichts mehr daruͤber zu sprechen.
Jm dritten Jahre gebar die Koͤnigin ein schoͤnes Toͤchterlein, da erschien ihr auch wieder Nachts die Jungfrau Maria, und sprach ‘folge mir’. Und sie nahm sie bei der Hand, und fuͤhrte sie in den Himmel, und zeigte ihr da ihre beiden aͤltesten Kinder, die lachten sie an, und spielten mit der Weltkugel. Und als sich die Koͤnigin daruͤber freuete, sprach die Jungfrau Maria ‘willst du nun eingestehen daß du die verbotene Thuͤr geoͤffnet hast, so will ich dir deine beiden Soͤhnlein zuruͤck geben’. Die Koͤnigin antwortete zum drittenmal ‘nein, ich habe die verbotene Thuͤr nicht geoͤffnet’. Da ließ sie die Jungfrau wieder zur Erde hinabsinken, und nahm ihr auch das dritte Kind.
Am andern Morgen, als es ruchbar ward, riefen alle Leute laut ‘die Koͤnigin ist eine Menschenfresserin, sie muß verurtheilt werden!’ und der Koͤnig konnte seine Raͤthe nicht mehr zuruͤckweisen. Es wurde ein Gericht uͤber sie gehalten, und weil sie nicht antworten und sich nicht vertheidigen konnte, ward sie verurtheilt auf dem Scheiterhaufen zu sterben. Das Holz wurde zusammengetragen, und als sie nun an den Pfahl festgebunden war und das Feuer rings umher zu brennen anfieng, da ward ihr Herz von Reue bewegt, und sie dachte ‘koͤnnt ich vor meinem Tode gestehen daß ich die Thuͤre geoͤffnet habe’ und rief ‘ja, Maria, ich habe es gethan!’ Und wie der Gedanke in ihr Herz kam, da fieng der Himmel an zu regnen, und loͤschte17 die Feuerflammen, und uͤber ihr brach ein Licht hervor, und die Jungfrau Maria kam herab, und hatte die beiden Soͤhnlein zu ihren Seiten, das neu geborne Toͤchterlein auf dem Arm. Sie sprach freundlich zu ihr ‘wer seine Suͤnde gesteht und bereut, dem ist sie vergeben,’ und reichte ihr die Kinder, loͤste ihr den Mund, und gab ihr Gluͤck fuͤr das ganze Leben.
Ein Vater hatte zwei Soͤhne, davon war der aͤlteste klug und gescheidt und wußte sich in alles wohl zu schicken, der juͤngste aber war dumm, konnte nichts begreifen und lernen: und wenn ihn die Leute sahen, sprachen sie ‘mit dem wird der Vater noch seine Last haben!’ Wenn nun etwas zu thun war, so mußte es der aͤlteste allzeit ausrichten: hieß ihn aber der Vater noch spaͤt oder gar in der Nacht etwas holen, und der Weg gieng dabei uͤber den Kirchhof oder sonst einen schaurigen Ort, so antwortete er wohl ‘ach, Vater, es gruselt mir!’ denn er fuͤrchtete sich. Oder, wenn Abends beim Feuer Geschichten erzaͤhlt wurden, wobei einem die Haut schaudert, so sprachen die Zuhoͤrer manchmal ‘ach, es gruselt mir!’ Der juͤngste saß in einer Ecke, und hoͤrte das mit an, und konnte nicht begreifen was es heißen sollte. ‘Jmmer sagen sie es gruselt mir! es gruselt mir! mir gruselts nicht: das wird wohl eine Kunst seyn, von der ich auch nichts verstehe.’
Nun geschah es, daß der Vater einmal zu ihm sprach ‘hoͤr du, in der Ecke dort, du wirst groß und stark, du mußt auch etwas lernen, womit du dein Brod verdienst. Siehst du, wie19 sich dein Bruder sich Muͤhe giebt, aber an dir ist Hopfen und Malz verloren.’ ‘Ei, Vater’, antwortete er, ‘ich will gerne was lernen; ja, wenn’s angienge, so moͤchte ich lernen daß mirs gruselte; davon verstehe ich noch gar nichts.’ Der aͤlteste lachte als er das hoͤrte, und dachte bei sich ‘du lieber Gott, was ist mein Bruder ein Dummbart, aus dem wird mein Lebtag nichts: was ein Haͤckchen werden will, muß sich bei Zeiten kruͤmmen.’ Der Vater seufzte, und antwortete ihm ‘das Gruseln, das sollst du schon lernen, aber dein Brod wirst du damit nicht verdienen.’
Bald danach kam der Kuͤster zu Besuch ins Haus, da klagte ihm der Vater seine Noth, und erzaͤhlte wie sein juͤngster Sohn in allen Dingen so schlecht beschlagen waͤre, er wisse nichts und lerne nichts. ‘Denkt euch, als ich ihn gefragt, womit er sein Brod verdienen wollte, hat er gar verlangt das Gruseln zu lernen!’ ‘Wenns weiter nichts ist,’ antwortete der Kuͤster, ‘das kann er bei mir lernen; thut ihn nur zu mir, ich werde ihn schon abhobeln.’ Der Vater war es zufrieden, weil er dachte ‘der Junge wird doch ein wenig zugestutzt;’ und der Kuͤster nahm ihn ins Haus, und er mußte die Glocken laͤuten. Nach ein paar Tagen weckte er ihn um Mitternacht, hieß ihn aufstehen, in den Kirchthurm steigen und laͤuten. ‘Da wirst du schon lernen was Gruseln ist’ dachte er, doch um ihm noch einen rechten Schrecken einzujagen, gieng er heimlich voraus, und stellte sich ins Schallloch, da sollte der Junge meinen es waͤr ein Gespenst. Der Junge stieg ruhig den Thurm hinauf, als er oben hinkam, sah er eine Gestalt im Schallloch. ‘Wer steht dort?’ rief er, aber20 er regte und bewegte sich nicht. Da sprach er ‘was willst du hier in der Nacht? mach daß du fortkommst, oder ich werfe dich hinunter.’ Der Kuͤster dachte ‘es wird so arg nicht gemeit seyn,’ schwieg und blieb unbeweglich stehn; da rief ihn der Junge zum drittenmal an, und als er immer noch keine Antwort erhielt, nahm er Anlauf, und stieß das Gespenst hinab, daß es Hals und Bein brach. Darauf laͤutete er die Glocke, und wie das geschehen war, stieg er wieder hinab, legte sich ohne ein Wort zu sprechen ins Bett, und schlief fort. Die Kuͤsterfrau wartete auf ihren Mann lange Zeit, aber der kam immer nicht wieder. Da ward ihr endlich Angst, daß sie den Jungen weckte und fragte ‘weißt du nicht, wo mein Mann geblieben ist? er ist mit auf den Thurm gestiegen.’ ‘Nein,’ antwortete der Bube, ‘aber da hat einer dem Schallloch gestanden, und weil er nicht weggehn und keine Antwort geben wollte, so habe ich ihn herunter geschmissen; geht einmal hin, so werdet ihr sehen, ob ers ist.’ Die Frau eilte voll Angst auf den Kirchhof, und fand ihren Mann todt auf der Erde liegen.
Da lief sie schreiend zu dem Vater des Jungen, und weckte ihn, und sprach ‘ach, was hat euer Taugenichts fuͤr ein Ungluͤck angerichtet! meinen Mann hat er zum Schallloch hinunter gestuͤrzt, daß er todt auf dem Kirchhof liegt.’ Der Vater erschrak, kam herbei gelaufen, und schalt den Jungen, ‘was sind das fuͤr gottlose Streiche! die muß dir der Boͤse eingegeben haben.’ ‘Vater,’ antwortete er, ‘ich bin ganz unschuldig: er stand da in der Nacht, wie einer der Boͤses vor hat, ich wußte nicht wers war, ich21 habs ihm ja dreimal vorausgesagt, warum ist er nicht weggegangen!’ ‘Ach,’ sprach der Vater, ‘mit dir erleb ich nur Ungluͤck geh mir vor den Augen weg, ich will dich nicht mehr ansehn.’ ‘Ja, Vater, recht gerne, wartet nur bis Tag ist, da will ich ausgehen, und das Gruseln lernen, so versteh ich doch eine Kunst, die mich ernaͤhren kann.’ ‘Lerne was du willst,’ sprach der Vater, ‘mir ist alles einerlei. Da hast du funfzig Thaler, damit geh mir aus den Augen, und sage keinem Menschen wo du her bist und wer dein Vater ist, denn ich muß mich deiner schaͤmen.’ ‘Ja, Vater, wie ihrs verlangt, das kann ich leicht in Acht behalten.’
Als nun der Tag anbrach, steckte der Junge seine funfzig Thaler in die Tasche, gieng hinaus auf die große Landstraße, und sprach immer vor sich hin ‘wenn mirs nur gruselte! wenn mirs nur gruselte!’ Da gieng ein Mann neben ihm, der hoͤrte das Gespraͤch mit an, und als sie ein Stuͤck weiter waren, daß man den Galgen sehen konnte, sagte er zu dem Jungen ‘siehst du, dort ist der Baum, wo siebene mit des Seilers Tochter Hochzeit gehalten haben, setz dich darunter, und warte bis die Nacht kommt, so wirst du schon das Gruseln lernen.’ ‘Wenn weiter nichts dazu gehoͤrt,’ antwortete der Junge, ‘das will ich gerne thun; lern ich aber so geschwind das Gruseln, so sollst du meine funfzig Thaler haben: komm nur Morgen fruͤh wieder zu mir.’ Da gieng der Junge zu dem Galgen, und setzte sich darunter, und wartete bis der Abend kam. Und weil ihn fror, machte er sich ein Feuer an, aber um Mitternacht gieng der22 Wind so kalt, daß es trotz des Feuers nicht warm werden wollte. Und als der Wind die Gehenkten gegen einander stieß, das sie sich hin und her bewegten, so dachte er ‘du frierst unten bei dem Feuer, was moͤgen die da oben erst frieren und zappeln.’ Und weil er mitleidig war, legte er die Leiter an, stieg hinauf, knuͤpfte einen nach dem andern los, und holte sie alle siebene herab. Darauf schuͤrte er das Feuer, und blies es an, und setzte sie rings herum, daß sie sich waͤrmen sollten. Aber sie saßen da, und regten sich nicht, und das Feuer ergriff ihre Kleider. Da sprach er ‘nehmt euch in Acht, sonst haͤng ich euch wieder hinauf.’ Die Todten aber hoͤrten nicht, schwiegen, und ließen ihre Lumpen fort brennen. Da ward er boͤs, und sprach ‘wenn ihr nicht Acht geben wollt, so kann ich euch nicht helfen, ich will nicht mit euch verbrennen,’ und hieng sie nach der Reihe wieder hinauf. Nun setzte er sich zu seinem Feuer, und schlief ein, und am andern Morgen, da kam der Mann zu ihm, wollte die funfzig Thaler haben, und sprach ‘nun, weißt du was gruseln ist?’ ‘Nein,’ antwortete er, ‘woher sollte ichs wissen? die da droben haben das Maul nicht aufgethan, und waren so dumm, daß sie die paar alten Lappen, die sie am Leibe haben, brennen ließen.’ Da sah der Mann daß er die funfzig Thaler heute nicht davon tragen wuͤrde, gieng fort, und sprach ‘so einer ist mir noch nicht vorgekommen.’
Der Junge gieng auch seines Weges, und fieng wieder an vor sich hin zu reden ‘ach, wenn mirs nur gruselte! ach, wenn mirs nur gruselte!’ Das hoͤrte ein Fuhrmann, der hinter ihm23 her schritt, und fragte ‘wer bist du?’ ‘Jch weiß nicht’ antwortete der Junge. Der Fuhrmann fragte weiter ‘wo bist du her?’ ‘Jch weiß nicht.’ ‘Wer ist dein Vater?’ ‘Das darf ich nicht sagen.’ ‘Was brummst du bestaͤndig in den Bart hinein?’ ‘Ei,’ antwortete der Junge, ‘ich wollte, daß mirs gruselte; aber niemand kann mirs lehren.’ ‘Laß dein dummes Geschwaͤtz,’ sprach der Fuhrmann, ‘komm, geh mit mir, ich will sehn daß ich dich unterbringe.’ Nun gieng der Junge mit dem Fuhrmann. Abends gelangten sie zu einem Wirthshaus, wo sie uͤbernachten wollten, da sprach er beim Eintritt in die Stube wieder ganz laut ‘wenn mirs nur gruselte! wenn mirs nur gruselte!’ Der Wirth, der das hoͤrte, lachte und sprach ‘wenn dich danach luͤstet, dazu sollte hier wohl Gelegenheit seyn.’ ‘Ach schweig stille,’ sprach die Wirthsfrau, ‘so mancher Vorwitzige hat schon sein Leben eingebuͤßt, es waͤre Jammer und Schade um die schoͤnen Augen, wenn die das Tageslicht nicht wieder sehen sollten.’ Der Junge aber sagte ‘wenns noch so schwer waͤre, ich wills einmal lernen, deshalb bin ich ja ausgezogen.’ Er ließ dem Wirth auch keine Ruhe, bis dieser erzaͤhlte nicht weit davon staͤnde ein verwuͤnschtes Schloß, worin einer wohl lernen koͤnnte was gruseln waͤre, wenn er nur drei Naͤchte darin wachen wollte. Der Koͤnig haͤtte dem, ders wagen wollte, seine Tochter zur Frau versprochen, und die waͤre die schoͤnste Jungfrau, welche die Sonne beschien: in dem Schlosse steckten auch große Schaͤtze, von Geistern bewacht, die wuͤrden dann frei, und koͤnnten einen Armen reich genug machen. Schon viele waͤren wohl hinein24 aber noch keiner wieder heraus gekommen. Da gieng der Junge am andern Morgen vor den Koͤnig, und sprach: ‘wenns erlaubt waͤre, so wollte ich wohl drei Naͤchte in dem verwuͤnschten Schloß wachen.’ Der Koͤnig sah ihn an, und weil er ihm gefiel, sprach er: ‘du darfst dir noch dreierlei ausbitten, aber von leblosen Dingen, das du mit ins Schloß nimmst.’ Da antwortete er ‘so bitt ich um ein Feuer, eine Drehbank und eine Schnitzbank mit dem Messer.’
Der Koͤnig ließ ihm das alles bei Tag in das Schloß tragen. Als es Nacht werden wollte, gieng der Junge hinauf, machte sich in einer Kammer ein helles Feuer an, stellte die Schnitzbank mit dem Messer daneben, und setzte sich auf die Drehbank. ‘Ach, wenn mirs nur gruselte!’ sprach er, ‘aber hier werd ichs auch nicht lernen.’ Gegen Mitternacht wollt er sich sein Feuer einmal aufschuͤrren, wie er so hinein blies, da schries ploͤtzlich aus einer Ecke ‘au, miau! was uns friert!’ ‘Jhr Narren,’ rief er, ‘was schreit ihr? wenn euch friert, kommt, setzt euch ans Feuer, und waͤrmt euch.’ Und wie er das gesagt hatte, kamen zwei große schwarze Katzen in einem gewaltigen Sprunge herbei, und setzten sich ihm zu beiden Seiten, und sahen ihn mit feurigen Augen ganz wild an. Ueber ein Weilchen, als sie sich gewaͤrmt hatten, sprachen sie ‘Kamerad, wollen wir eins in der Karte spielen?’ ‘Ja,’ antwortete er, ‘aber zeigt einmal eure Pfoten her.’ Da streckten sie die Krallen aus. ‘Ei,’ sagte er, ‘was habt ihr lange Naͤgel! wartet, die muß ich euch erst abschneiden.’ Damit packte er sie beim Kragen hob sie auf25 die Schnitzbank, und schraubte ihnen die Pfoten fest. ‘Euch habe ich auf die Finger gesehen,’ sprach er, ‘da vergeht mir die Lust zum Kartenspiel;’ und schlug sie todt, und warf sie hinaus ins Wasser. Als er aber die zwei zur Ruhe gebracht hatte, und sich wieder zu seinem Feuer setzen wollte, da kamen aus allen Ecken und Enden schwarze Katzen und schwarze Hunde an gluͤhenden Ketten, immer mehr und mehr, daß er sich nicht mehr bergen konnte: die schrien graͤulich, traten ihm auf sein Feuer, zerrten es auseinander, und wollten es ausmachen. Das sah er ein Weilchen ruhig mit an, als es ihm aber zu arg ward, faßte er sein Schnitzmesser, ‘du Gesindel, fort mir dir,’ und hieb hinein. Ein großer Theil sprang fort, die andern schlug er todt, und warf sie hinaus in den Teich. Als er wieder gekommen war, blies er aus den Funken sein Feuer frisch an, und waͤrmte sich. Und als er so saß, wollten ihm die Augen nicht laͤnger offen bleiben, und er bekam Lust zu schlafen. Da blickte er um sich, und sah in der Ecke ein großes Bett, gieng und legte sich hinein. Als er aber die Augen eben zuthun wollte, so fieng das Bett von selbst an zu fahren, und fuhr im ganzen Schloß herum. ‘Recht so,’ sprach er, ‘nur besser zu.’ Da fieng das Bett an zu fahren, als waͤren sechs Pferde vorgespannt, fort uͤber Schwellen und Treppen auf und ab: hopp hopp! warf es um, das unterste zu oberst, und er lag mitten drunter. Aber er schleuderte Decken und Kissen in die Hoͤhe, stieg heraus und sagte ‘nun mag fahren wer Lust hat,’ legte sich an sein Feuer, und schlief bis es Tag war. Am Morgen kam der Koͤnig,26 und als er ihn da auf der Erde liegen sah, meinte er die Gespenster haͤtten ihn umgebracht, und er waͤre todt. Da sprach er ‘es ist doch Schade um den schoͤnen Menschen.’ Das hoͤrte der Junge, richtete sich auf und sprach ‘so weit ists noch nicht!’ Da verwunderte sich der Koͤnig, freute sich aber, und fragte wie es ihm gegangen waͤre. ‘Recht gut,’ antwortete er, ‘eine Nacht waͤre herum, die zwei andern werden auch herum gehen.’ Als er zum Wirth kam, da machte der große Augen, und sprach ‘ich dachte nicht, daß ich dich wieder lebendig sehen wuͤrde; hast du nun gelernt, was gruseln ist?’ ‘Nein,’ sagte er, ‘ich weiß es nicht, wenn mirs nur einer sagen koͤnnte!’
Die zweite Nacht gieng er wieder hinauf ins alte Schloß, setzte sich zum Feuer, und fieng sein altes Lied wieder an ‘wenn mirs nur gruselte!’ Wie Mitternacht herankam, ließ sich ein Laͤrm und Gepolter hoͤren, erst sachte, dann immer staͤrker, dann wars ein bischen still, endlich kam mit lautem Geschrei ein halber Mensch den Schornstein herab, und fiel vor ihn hin ‘Heda!’ rief er, ‘noch ein halber gehoͤrt dazu, das ist zu wenig.’ Da gieng der Laͤrm von frischem an, es tobte und heulte, und fiel die andere Haͤlfte auch herab. ‘Wart,’ sprach er, ‘ich will dir erst das Feuer ein wenig anblasen.’ Wie er das gethan hatte, und sich wieder umsah, da waren die beiden Stuͤcke zusammen gefahren, und saß da ein graͤulicher Mann auf seinem Platz. ‘So ists nicht gemeint,’ sprach der Junge, ‘die Bank ist mein.’ Der Mann wollte ihn wegdraͤngen, aber der Junge ließ sichs nicht gefallen, schob ihn mit Gewalt weg, und setzte sich wieder27 auf seinen Platz. Da fielen noch mehr Maͤnner herab, die hatten neun Todtenbeine und zwei Todtenkoͤpfe, setzten auf, und spielten Kegel. Der Junge bekam auch Lust, und fragte ‘hoͤrt ihr, kann ich mit seyn?’ ‘Ja, wenn du Geld hast.’ ‘Geld genug,’ antwortete er, ‘aber eure Kugeln sind nicht recht rund.’ Da nahm er sie, setzte sie in die Drehbank, und drehte sie rund. ‘So, jetzt werden sie besser schuͤppeln,’ sprach er, ‘heida! nun gehts lustig!’ Er spielte mit, und verlor etwas von seinem Geld, als es aber zwoͤlf Uhr schlug, war alles vor seinen Augen verschwunden, und er legte sich nieder, und schlief ruhig ein. Am andern Morgen kam der Koͤnig und wollte sich erkundigen: ‘wie ist dirs diesmal gegangen?’ fragte er. ‘Jch habe gekegelt,’ antwortete er, ‘und ein paar Heller verloren.’ ‘Hats dir denn nicht gegruselt?’ ‘Ei was,’ sprach er, ‘lustig hab ich mich gemacht. Wenn ich nur wuͤßte was Gruseln waͤre!’
Jn der dritten Nacht setzte er sich wieder auf seine Bank, und sprach ganz verdrießlich ‘wenn es mir nur gruselte!’ Als es spaͤt ward, kamen sechs große Maͤnner, und brachten eine Todtenlade hereingetragen. Da sprach er ‘ha ha, das ist gewiß mein Vetterchen, das erst vor ein paar Tagen gestorben ist,’ winkte mit dem Finger, und rief ‘komm, Vetterchen, komm!’ Sie stellten den Sarg auf die Erde, er aber gieng hinzu, und nahm den Deckel ab, da lag ein todter Mann darinn: er fuͤhlte ihm ans Gesicht, aber es war kalt wie Eis. ‘Wart,’ sprach er, ‘ich will dich ein bischen waͤrmen,’ gieng ans Feuer, waͤrmte seine Hand, und legte sie ihm aufs Gesicht, aber der Todte blieb kalt. Nun28 nahm er ihn heraus, setzte sich ans Feuer, und legte ihn auf seinen Schooß, und rieb ihm die Arme, damit das Blut wieder in Bewegung kommen sollte. Als auch das nichts helfen wollte, fiel ihm ein, ‘wenn zwei zusammen im Bett liegen, so waͤrmen sie sich,’ brachte ihn ins Bett, deckte ihn zu, und legte sich neben ihn. Ueber ein Weilchen ward auch der Todte warm, und fieng an sich zu regen. Da sprach der Junge ‘siehst du, Vetterchen, haͤtt ich dich nicht gewaͤrmt!’ Der Todte aber hub an und rief ‘jetzt will ich dich erwuͤrgen.’ ‘Was,’ sagte er, ‘ist das mein Dank? nun sollst du wieder in deinen Sarg,’ hob ihn auf, warf ihn hinein, und machte den Deckel zu; da kamen die sechs Maͤnner, und trugen ihn wieder fort. ‘Es will mir nicht gruseln,’ sagte er, ‘hier lerne ichs mein Lebtag nicht.’
Da trat ein Mann herein, der war groͤßer als alle andere, und sah fuͤrchterlich aus, doch war er schon alt, und hatte einen langen weißen Bart. ‘O du Wicht,’ rief er, ‘nun sollst du bald lernen was gruseln ist, denn du sollst sterben.’ ‘Nicht so schnell,’ antwortete er, ‘soll ich sterben, so muß ich auch dabei seyn.’ ‘Dich will ich schon packen,’ sprach der Unhold. ‘Sachte, mach dich nicht gar so breit: so stark wie du bin ich auch, und wohl noch staͤrker.’ ‘Das will ich sehn,’ sprach der Alte, ‘bist du staͤrker als ich, so will ich dich lassen; komm, wir wollens versuchen.’ Da fuͤhrte er ihn durch dunkle Gaͤnge zu einem Schmiedefeuer, und nahm eine Axt, und schlug den einen Amboß mit einem Schlag in die Erde. ‘Das kann ich noch besser,’ sprach der Junge, und gieng zu dem andern Amboß, und der Alte stellte29 sich neben hin und wollte zusehen, und sein weißer Bart hieng herab. Da faßte der Junge die Axt, zerspaltete den Amboß auf einen Hieb, und klemmte den Bart mit hinein. ‘Nun hab ich dich,’ sprach der Junge, ‘jetzt ist das Sterben an dir.’ Dann faßte er eine Eisenstange, und schlug auf ihn los, bis der Alte wimmerte und bat er moͤchte aufhoͤren, er wollte ihm große Reichthuͤmer geben. Der Junge zog die Axt raus, ließ den Alten los, der fuͤhrte ihn wieder ins Schloß zuruͤck, und zeigte ihm im Keller drei Kasten voll Gold. ‘Davon,’ sprach er, ‘ist ein Theil den Armen, der andere dem Koͤnig, der dritte dein.’ Jndem schlug es zwoͤlfe, und der Geist verschwand, also daß der Junge im finstern stand. ‘Jch werde mir doch heraushelfen koͤnnen,’ sprach er, tappte herum, fand den Weg in die Kammer, und schlief bei seinem Feuer ein. Am andern Morgen kam der Koͤnig und sagte ‘nun wirst du gelernt haben was gruseln ist?’ ‘Nein,’ antwortete er, ‘was ists nur? mein todter Vetter war da, und ein baͤrtiger Mann ist gekommen, der hat mir da unten viel Geld gezeigt, aber was Gruseln ist hat mir keiner gesagt.’ Da sprach der Koͤnig ‘du hast das Schloß erloͤst, und sollst meine Tochter heirathen.’ ‘Das ist all recht gut,’ antwortete er, ‘aber ich weiß immer noch nicht was gruseln ist.’
Da ward das Gold gehoben, und die Hochzeit gefeiert, aber der junge Koͤnig, so lieb er seine Gemahlin hatte, und so vergnuͤgt er war, sagte doch immer ‘wenn mir nur gruselte, wenn mir nur gruselte.’ Das verdroß sie endlich. Jhr Kammermaͤdchen sprach ‘ich will Huͤlfe schaffen, das Gruseln soll er schon noch30 lernen.’ Und gieng hinaus, und ließ sich einen ganzen Eimer voll Gruͤndlinge holen. Und Nachts als der junge Koͤnig schlief, mußte seine Gemahlin ihm die Decke wegziehen, und den Eimer voll kalt Wasser mit den Gruͤndlingen uͤber ihn herschuͤtten, daß die kleinen Fische um ihn herum zappelten. Da wachte er auf und rief ‘ach was gruselt mir, was gruselt mir, liebe Frau! Ja, nun weiß ich was gruseln ist.’
Eine Geis hatte sieben junge Geislein, die sie muͤtterlich liebte, und sorgfaͤltig vor dem Wolf huͤtete. Eines Tags, als sie ausgehen mußte, Futter zu holen, rief sie alle zusammen und sagte ‘liebe Kinder, ich muß ausgehen und Futter holen, wahrt euch vor dem Wolf und laßt ihn nicht herein; seyd auf eurer Hut, denn er verstellt sich oft, aber an seiner rauhen Stimme und an seinen schwarzen Pfoten koͤnnt ihr ihn erkennen: ist er erst einmal im Hause, so frißt er euch alle mit Haut und Haar.’ Nicht lange darauf, als sie weggegangen war, kam auch schon der Wolf vor die Hausthuͤre, und rief mit seiner rauhen Stimme ‘liebe Kinder, macht auf, ich bin eure Mutter, und hab euch schoͤne Sachen mitgebracht,’ Die sieben Geiserchen aber sprachen ‘unsere Mutter bist du nicht, die hat eine feine liebliche Stimme, deine Stimme aber ist rauh: du bist der Wolf, und wir machen dir nicht auf.’ Der Wolf aber besann sich auf eine List, gieng fort zu einem Kraͤmer, und kaufte sich ein groß Stuͤck Kreide, die aß er, und machte seine Stimme fein damit. Darnach gieng er wieder zu der sieben Geislein Hausthuͤre, und rief mit feiner Stimme ‘liebe Kinder, laßt mich ein, ich bin eure Mutter: jedes von euch soll etwas haben.’ Er hatte aber seine Pfote in das32 Fenster gelegt, das sahen die sieben Geiserchen, und sprachen ‘unsere Mutter bist du nicht, die hat keinen schwarzen Fuß, wie du: du bist der Wolf, und wir machen dir nicht auf.’ Der Wolf gieng fort zu einem Baͤcker, und sprach ‘Baͤcker, bestreich mir meine Pfote mit frischem Teig,’ und als der Baͤcker das gethan hatte, gieng er zum Muͤller, und sprach ‘Muͤller, streu mir fein weißes Mehl auf meine Pfote.’ Der Muͤller wollte nicht. ‘Wenn du es nicht thust,’ sprach der Wolf, ‘so freß ich dich.’ Da that es der Muͤller, denn er fuͤrchtete sich.
Nun gieng der Wolf wieder vor der sieben Geiserchen Hausthuͤre, und sagte ‘liebe Kinder, laßt mich ein, ich bin eure Mutter: jedes von euch soll etwas geschenkt kriegen.’ Die sieben Geiserchen wollten erst die Pfote sehen, und wie sie sahen daß sie schneeweiß war, und hoͤrten wie fein die Stimme des Wolfes klang, so glaubten sie es waͤre ihre Mutter, und machten die Thuͤre auf, und ließen den Wolf herein. Wie sie aber sahen wer es war, da erschracken sie, und versteckten sich geschwind so gut es gieng: das eine unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Kuͤche, das fuͤnfte in den Schrank, das sechste unter eine große Schuͤssel, das siebente in die Wanduhr. Aber der Wolf fand sie alle, und verschluckte sie, außer das juͤngste in der Wanduhr, das blieb am Leben. Darauf, als er seine Lust gebuͤßt hatte, gieng er fort.
Bald darauf kam die Mutter nach Haus. Was mußte sie sehen! die Hausthuͤr stand offen; Tisch, Stuhl und Baͤnke waren umgeworfen; die Schuͤsseln in der Kuͤche waren zerbrochen;33 Decke und Kissen aus dem Bett gezogen: das war ein Jammer! ‘Ach,’ rief sie, ‘der Wolf ist da gewesen und hat meine lieben Kinder gefressen, meine sieben Geiserchen sind todt!’ und fieng an zu weinen. Da sprang das juͤngste aus der Wanduhr, und rief ‘eins lebt noch, liebe Mutter,’ und erzaͤhlte ihr wie das Ungluͤck gekommen war.
Der Wolf aber, nachdem er die starke Mahlzeit gehalten, war satt und muͤde geworden, hatte sich auf eine gruͤne Wiese in den Sonnenschein gelegt, und war eingeschlafen. Die alte Geis aber, die klug und listig war, dachte hin und her wie sie ihre Kinder noch retten koͤnnte. Endlich kam ihr ein guter Gedanke, und sie sagte zu dem juͤngsten Geislein ‘nimm Zwirn Nadel und Scheere, und folge mir.’ Nun giengen sie beide hinaus, und fanden den Wolf, wie er in tiefem Schlafe auf der Wiese lag. ‘Da liegt das Ungethuͤm und schnarcht’ sagte die Mutter, und betrachtete ihn von allen Seiten, ‘zum Abendessen hat er meine sechs Kindlein hinuntergewuͤrgt, und hat nicht weiter laufen koͤnnen, und sich da hingestreckt! geschwind gieb mir die Scheere her, vielleicht sind sie noch am Leben, ich will ihm den Bauch aufschneiden.’ Damit ritzte sie dem Wolf den Bauch auf, und die sechs Geiserchen, die er in der Gier und Hast ganz verschluckt hatte, als sie Luft bekamen, sprangen heraus, hatten keinen Schaden genommen, und freuten sich daß sie aus dem dunkeln Gefaͤngnis erloͤst waren. Sie herzten ihre Mutter, aber die sprach ‘geht, und tragt große und schwere Wackersteine herbei.’ Damit mußten sie dem Wolf den Leib anfuͤllen,34 und die Alte naͤhte ihn so geschwind wieder zu, daß er nichts merkte, und sich nicht einmal in seinem Schlafe regte. Darnach sprangen sie alle davon, und versteckten sich hinter eine Hecke.
Als der Wolf ausgeschlafen hatte, so fuͤhlte er daß es ihm so schwer im Leibe war, und sprach ‘es rumpelt und pumpelt mir im Leib herum, und habe doch nur sechs Geiserchen gegessen.’ Da dachte er ein frischer Trunk werde ihm helfen, machte sich in die Hoͤhe, und suchte einen Brunnen. Wie er sich aber uͤber das Wasser buͤckte, und trinken wollte, konnte er sich vor der Schwere der Steine nicht mehr halten, stuͤrzte hinab und ertrank. Wie das die sieben Geiserchen sahen, kamen sie herzu gelaufen, riefen ‘der Wolf ist todt! der Wolf ist todt!’ und tanzten vor Freude um den Brunnen.
Es war einmal ein alter Koͤnig, der war krank, und dachte ‘es wird wohl das Todtenbett seyn, darauf ich liege;’ da sprach er ‘laßt mir den getreuen Johannes kommen.’ Der getreue Johannes war aber sein liebster Diener, und hieß so, weil er ihm sein Lebelang so treu gewesen war. Als er nun vor das Bett kam, sprach der Koͤnig zu ihm ‘getreuester Johannes, ich fuͤhle daß mein Ende sich naht, und da hab ich keine andere Sorge als um meinen Sohn: er ist noch in jungen Jahren, wo er sich nicht immer zu rathen weiß, und wenn du mir nicht versprichst ihn zu unterrichten in allem, was er wissen muß, und sein Pflegevater zu seyn, so kann ich meine Augen nicht in Ruhe zuthun.’ Da antwortete der getreue Johannes ‘ich will ihn nicht verlassen, und will ihm mit Treue dienen wenns auch mein Leben kostet.’ Da sagte der alte Koͤnig ‘so sterb ich getrost und in Frieden.’ Und sprach dann weiter ‘nach meinem Tode sollst du ihm das ganze Schloß zeigen, alle Kammern, Saͤle und Gewoͤlbe, und alle Schaͤtze, die darin liegen: aber eine Kammer sollst du ihm nicht zeigen, die, worin das Bild von der Koͤnigstochter vom goldenen Dache verborgen steht: denn wenn er sie erblickt, wird er eine heftige Liebe zu36 ihr empfinden, und wird in Ohnmacht niederfallen, und wird ihretwillen in große Gefahren gerathen; davor sollst du ihn huͤten.’ Und als der treue Johannes nochmals dem alten Koͤnig die Hand darauf gegeben hatte, ward dieser still, legte sein Haupt auf das Kissen, und starb.
Als der alte Koͤnig nun zu Grabe getragen war, da erzaͤhlte der treue Johannes dem jungen Koͤnig was er seinem Vater auf dem Sterbelager versprochen hatte, und sagte ‘das will ich gewißlich halten, und will dir treu seyn, wie ich ihm gewesen bin, und sollte es mein Leben kosten.’ Die Trauer gieng voruͤber, da sprach der treue Johannes zu ihm ‘es ist nun Zeit, daß du dein Erbe siehst: ich will dir dein vaͤterliches Schloß zeigen.’ Da fuͤhrte er ihn uͤberall herum, auf und ab, und ließ ihn alle die Reichthuͤmer und praͤchtigen Kammern sehen: nur die eine Kammer oͤffnete er nicht, worin das gefaͤhrliche Bild stand. Das Bild war aber so gestellt, daß, wenn die Thuͤre aufgieng, man gerade darauf sah, und war so herrlich gemacht, daß man meinte es leibte und lebte, und es gaͤbe nichts lieblicheres und schoͤneres auf der ganzen Welt. Der junge Koͤnig aber merkte wohl daß der getreue Johannes immer an dieser Thuͤr voruͤbergieng, und sprach ‘warum schließest du mir die eine nicht auf?’ ‘Es ist etwas darin,’ antwortete er, ‘vor dem du erschrickst.’ Aber der Koͤnig antwortete ‘ich habe das ganze Schloß gesehen, so will ich auch wissen was darin ist,’ und gieng, und wollte die Thuͤre mit Gewalt oͤffnen. Da hielt ihn der getreue Johannes zuruͤck, und sagte ‘ich habe es deinem Vater37 vor seinem Tode versprochen, daß du nicht sehen sollst was in der Kammer steht: es koͤnnte dir und mir zu großem Ungluͤck ausschlagen.’ ‘Nein,’ anwortete der junge Koͤnig, ‘mein Ungluͤck ist, wann ich nicht hineinkomme, ich wuͤrde Tag und Nacht keine Ruhe haben, bis ichs mit meinen Augen gesehen haͤtte; nun gehe ich nicht von der Stelle, bis du aufgeschlossen hast.’
Da sah der getreue Johannes daß es nicht mehr zu aͤndern war, und suchte mit schwerem Herzen und vielem Seufzen aus dem großen Bund den Schluͤssel heraus. Darnach oͤffnete er die Thuͤr der Kammer, und trat zuerst hinein, und dachte der Koͤnig sollte das Bildnis vor ihm nicht sehen: aber der Koͤnig war zu neugierig, stellte sich auf die Fußspitzen, und sah ihm uͤber die Schulter. Und als er das Bildnis der Jungfrau erblickte, das so herrlich war und von Gold glaͤnzte, da fiel er alsbald ohnmaͤchtig auf die Erde nieder. Der getreue Johannes hob ihn auf, und trug ihn in sein Bett, und dachte voll Sorgen ‘das Ungluͤck ist geschehen, Herr Gott, was will daraus werden!’ dann staͤrkte er ihn mit Wein, bis er wieder zu sich selbst kam; das erste aber, das er sprach, war ‘ach! wer ist das schoͤne Bild?’ ‘Das ist die Koͤnigstochter vom goldnen Dache’ antwortete der treue Johannes. Da sprach der Koͤnig weiter ‘meine Liebe zu ihr ist so groß, wenn alle Blaͤtter an den Baͤumen Zungen waͤren, sie koͤnntens nicht aussagen; mein Leben setze ich daran, sie zu erlangen; du bist mein getreuster Johannes, du mußt mir beistehen.’
Der treue Diener sann lange nach wie es anzufangen waͤre,38 denn bloß vor das Angesicht der Koͤnigstochter zu gelangen hielt schon so schwer. Endlich hatte er ein Mittel ausgedacht, und sprach zu dem Koͤnig ‘alles, was sie um sich hat, ist von Gold: Tische, Stuͤhle, Schuͤsseln, Becher, Naͤpfe, und alles Hausgeraͤth: in deinem Schatze liegen fuͤnf Tonnen Goldes, davon laß eine von den Goldschmieden des Reichs verarbeiten zu allerhand Gefaͤßen und Geraͤthschaften, zu allerhand Voͤgeln, Gewild und wunderbaren Thieren, damit wollen wir hinfahren und unser Gluͤck versuchen.’ Der Koͤnig ließ alle Goldschmiede zusammenkommen: sie arbeiteten Tag und Nacht, bis endlich die herrlichsten Dinge fertig waren. Nun ließ der getreue Johannes alle auf ein Schiff laden, und zog Kaufmannskleider an, und der Koͤnig mußte ein gleiches thun, so daß er unkenntlich war; dann fuhren sie uͤber das Meer, und fuhren lange bis sie zu der Stadt kamen, worin die Koͤnigstochter vom goldnen Dache wohnte.
Der treue Johannes hieß den Koͤnig auf dem Schiffe zuruͤckbleiben, und auf ihn warten. ‘Vielleicht,’ sprach er, ‘bring ich die Koͤnigstochter mit, darum sorgt daß alles in Ordnung ist, laßt die Goldgefaͤße aufstellen, und das ganze Schiff ausschmuͤcken.’ Darauf suchte er sich in sein Schuͤrzchen allerlei von den Goldsachen zusammen, stieg ans Land, und gieng gerade nach dem koͤniglichen Schloß. Und als er in den Schloßhof kam, stand da beim Brunnen ein schoͤnes Maͤdchen, das hatte zwei goldene Eimer in der Hand, und schoͤpfte damit. Und als es das goldblinkende Wasser forttragen wollte, und sich umdrehte, sah es39 den fremden Mann, und fragte ihn wer er waͤre? Da antwortete er ‘ich bin ein Kaufmann,’ und oͤffnete sein Schuͤrzchen, und ließ sie hineinschauen. Da rief sie ‘ei, was fuͤr schoͤnes Goldzeug!’ und setzte die Eimer nieder, und betrachtete eins nach dem andern. Da sprach das Maͤdchen ‘das muß die Koͤnigstochter sehen, die hat so große Freude an den Goldsachen, daß sie euch alles abkauft.’ Es nahm ihn bei der Hand, und fuͤhrte ihn hinauf, denn es war die Kammerjungfer. Als die Koͤnigstochter die Waare sah, war sie ganz vergnuͤgt, und sprach ‘es ist so schoͤn gearbeitet, daß ich dir alles abkaufen will.’ Aber der getreue Johannes sprach ‘ich bin nur der Diener von einem reichen Kaufmann, was ich hier habe ist nichts gegen das, was mein Herr auf seinem Schiff stehen hat, und das ist das kuͤnstlichste und koͤstlichste, was je in Gold ist gebildet worden.’ Sie wollte alles herauf gebracht haben, aber er sprach ‘dazu gehoͤren viele Tage, so groß ist die Menge, und so viel Saͤle um es aufzustellen, als ein großes Haus nicht hat.’ Da ward ihre Neugierde und Lust immer mehr angeregt, so daß sie endlich sagte ‘fuͤhre mich hin zu dem Schiff, ich will selbst hingehen und deines Herrn Schaͤtze betrachten.’
Da fuͤhrte sie der getreue Johannes zu dem Schiffe hin, und war ganz freudig, und der Koͤnig, als er sie erblickte, meinte nicht anders als das Herz wollte ihm zerspringen: und nur mit großer Muͤhe konnte er sich zuruͤckhalten. Nun stieg sie in das Schiff, und der Koͤnig fuͤhrte sie hinein; der getreue Johannes aber blieb zuruͤck bei dem Steuermann, und hieß das40 Schiff abstoßen, ‘spannt alle Segel auf, daß es fliegt wie der Vogel in der Luft.’ Der Koͤng aber zeigte ihr drinnen das goldene Geschirr, jedes einzeln, die Schuͤsseln, Becher, Naͤpfe, die Voͤgel, das Gewild und die wunderbaren Thiere; so giengen viele Stunden herum, sie besah alles, und in ihrer Freude merkte sie nicht daß das Schiff dahin fuhr. Nachdem sie das letzte betrachtet hatte, dankte sie dem Kaufmann, und wollte heim: aber als sie an des Schiffes Rand kam, sah sie daß es fern vom Land auf hohem Meere gieng, und mit vollen Segeln forteilte. ‘Ach’, rief sie erschrocken, ‘ich bin betrogen, ich bin entfuͤhrt und in die Gewalt eines Kaufmanns gerathen; lieber wollt ich sterben!’ Der Koͤnig aber faßte sie bei der Hand und sprach ‘ein Kaufmann bin ich nicht, ich bin ein Koͤnig und nicht geringer an Geburt, als du bist: aber daß ich dich mit List entfuͤhrt habe, das ist aus uͤbergroßer Liebe geschehen. Das erstemal, als ich dein Bildnis gesehen, bin ich ohnmaͤchtig zur Erde gefallen.’ Als die Koͤnigstochter vom goldenen Dache das hoͤrte, ward sie getroͤstet, und ihr Herz ward ihm geneigt, so daß sie gerne einwilligte seine Gemahlin zu werden.
Es trug sich aber zu, waͤhrend sie nun auf dem hohen Meere fuhren, daß der getreue Johannes, als er vornen auf dem Schiffe saß und Musik machte, in der Luft drei Raben erblickte, die daher geflogen kamen: da hoͤrte er auf zu spielen, und horchte was sie miteinander sprachen, denn er verstand das wohl. Die eine rief ‘ei, da fuͤhrt er die Koͤnigstochter vom goldenen Dache heim.’ ‘Ja’ antwortete die zweite, ‘er hat sie noch nicht.’ 41Sprach die dritte ‘er hat sie doch, sie sitzt bei ihm im Schiffe.’ Da fieng die erste wieder an und rief ‘was hilft ihm das! wenn sie ans Land kommen, wird ihm ein fuchsrothes Pferd entgegen springen: da wird er sich aufschwingen wollen, und thut er das, so sprengt es mit ihm fort und in die Luft hinein, daß er nimmer mehr seine Jungfrau wieder sieht.’ Sprach die zweite ‘ist gar keine Rettung?’ ‘O ja, wenn ein anderer schnell aufsitzt, das Feuergewehr, das in den Halftern stecken muß, heraus nimmt und das Pferd damit todt schießt so ist der junge Koͤnig gerettet. Aber wer weiß das! und wers weiß und sagts ihm, der wird zu Stein von den Fußzehen bis zum Knie.’ Da sprach die zweite ‘ich weiß noch mehr, wenn das Pferd auch getoͤdtet wird, so behaͤlt der junge Koͤnig doch nicht seine Braut: wenn sie zusammen ins Schloß kommen, so liegt dort ein gemachtes Brauthemd in einer Schuͤssel, und sieht aus als waͤrs von Gold und Silber gewebt, ist doch nichts als Schwefel und Pech: wenn ers anthut, verbrennt es ihn bis auf Mark und Knochen.’ Sprach die dritte ‘ist da gar keine Rettung? ’ ‘O ja,’ antwortete die zweite, ‘wenn einer mit Handschuhen das Hemd packt, und wirft es ins Feuer, daß es verbrennt, so ist der junge Koͤnig gerettet. Aber was hilfts! wers weiß und es ihm sagt, der wird halbes Leibes Stein vom Knie bis zum Herzen.’ Da sprach die dritte ‘ich weiß noch mehr, wird das Brauthemd auch verbrannt, so hat der junge Koͤnig seine Braut doch noch nicht: wenn nach der Hochzeit der Tanz anhebt, und die junge Koͤnigin tanzt, wird sie ploͤtzlich erbleichen42 und wie todt hinfallen: und hebt sie nicht einer auf, und zieht aus ihrer rechten Brust drei Tropfen Blut, und speit sie wieder aus, so stirbt sie. Aber verraͤth das einer, der es weiß, so wird er ganzes Leibes zu Stein vom Wirbel bis zur Fußzehe.’ Als die Raben das mit einander gesprochen, flogen sie weiter, und der getreue Johannes hatte alles wohl verstanden, aber von der Zeit an war er still und traurig; denn verschwieg er seinem Herrn, was er gehoͤrt hatte, so war dieser ungluͤcklich, entdeckte er es ihm, so mußte er selbst sein Leben hingeben. Endlich aber sprach er bei sich ‘meinen Herrn will ich retten, und sollt ich selbst daruͤber zu Grunde gehen.’
Als sie nun ans Land kamen, da geschah es, wie die Rabe vorher gesagt hatte, und es sprengte ein praͤchtiger fuchsrother Gaul daher. ‘Ei,’ sprach der Koͤnig, ‘der soll mich in mein Schloß tragen,’ und wollte sich aufsetzen, doch der treue Johannes kam ihm zuvor, schwang sich schnell darauf, zog das Gewehr aus den Halftern, und schoß ihn nieder. Da riefen die anderen Diener des Koͤnigs, die dem treuen Johannes doch nicht gut waren, ‘wie schaͤndlich, das schoͤne Thier zu toͤdten, das den Koͤnig in sein Schloß tragen sollte!’ Aber der Koͤnig sprach ‘schweigt und laßt ihn gehen, es ist mein getreuester Johannes, wer weiß wozu das gut ist!’ Nun giengen sie ins Schloß, und da stand im Saal eine Schuͤssel, und das gemachte Brauthemd lag darin und sah aus nicht anders als waͤr es von Gold und Silber. Der junge Koͤnig gieng darauf zu, und43 wollt es ergreifen, aber der treue Johannes schob ihn weg, packte es mit Handschuhen an, trug es dann ins Feuer und ließ es verbrennen. Die anderen Diener fiengen wieder an zu murren, und sagten ‘seht, nun verbrennt er gar des Koͤnigs Brauthemd.’ Aber der junge Koͤnig sprach ‘wer weiß wozu es gut ist, laßt ihn gehen, es ist mein getreuester Johannes.’ Nun ward die Hochzeit gefeiert: der Tanz hub an, und die Braut trat auch hinein, da hatte der treue Johannes Acht, und schaute ihr ins Antlitz; auf einmal erbleichte sie und fiel wie todt zur Erde. Da sprang er eilends hinzu, hob sie auf und trug sie in eine Kammer, da legte er sie nieder, kniete und sog die drei Blutstropfen aus ihrer rechten Brust, und speite sie aus. Alsbald athmete sie wieder und erholte sich, aber der junge Koͤnig hatte es mit angesehen, und wußte nicht warum es der getreue Johannes gethan, ward zornig daruͤber, und rief ‘werft ihn ins Gefaͤngnis.’ Am andern Morgen ward der getreue Johannes verurtheilt und zum Galgen gefuͤhrt, und als er oben stand und gerichtet werden sollte, sprach er ‘jeder der sterben soll, darf vor seinem Ende noch einmal reden, soll ich das Recht auch haben?’ ‘Ja,’ antwortete der Koͤnig, ‘es soll dir vergoͤnnt seyn.’ Da sprach der treue Johannes ‘Jch bin mit Unrecht verurtheilt und bin dir immer treu gewesen,’ und erzaͤhlte wie er auf dem Meer das Gespraͤch der Raben gehoͤrt habe und beschlossen seinen Herrn zu retten, darum er das alles habe thun muͤssen. Da rief der Koͤnig ‘o mein getreuester Johannes, Gnade! Gnade! fuͤhrt ihn herunter.’ Aber der treue Johannes war bei dem44 letzten Wort, das er geredet hatte, leblos herabgefallen, und war ein Stein.
Daruͤber trug nun der Koͤnig und die Koͤnigin großes Leid, und der Koͤnig sprach ‘ach, was hab ich große Treue so uͤbel belohnt!’ und ließ das steinerne Bild aufheben und in seine Schlafkammer neben sein Bett stellen. So oft er es ansah, weinte er und sprach ‘ach, koͤnnt ich dich wieder lebendig machen, mein getreuester Johannes.’ Es gieng eine Zeit herum, da gebar die Koͤnigin Zwillinge, zwei Soͤhnlein, die wuchsen heran, und waren ihre Freude. Einmal, als die Koͤnigin in der Kirche war, und die zwei Kinder bei dem Vater saßen und spielten, sah dieser wieder das steinerne Bildnis voll Trauer an, seufzte und rief ‘ach koͤnnt ich dich wieder lebendig machen, mein getreuester Johannes.’ Da fieng der Stein an zu reden und sprach ‘ja, du kannst mich wieder lebendig machen, wenn du dein Liebstes daran wenden willst.’ Da rief der Koͤnig ‘alles, was ich auf der Welt habe, will ich fuͤr dich hingeben.’ Sprach der Stein weiter ‘wenn du mit deiner eigenen Hand deinen beiden Kindern den Kopf abhaust, und mich mit ihrem Blute bestreichst, so erhalte ich das Leben wieder.’ Der Koͤnig erschrack, als er hoͤrte daß er seine liebsten Kinder selbst toͤdten sollte, doch dachte er an die große Treue, und daß der getreue Johannes fuͤr ihn gestorben war, zog sein Schwert und hieb mit eigener Hand den Kindern den Kopf ab, und bestrich mit ihrem Blute den Stein: und als das geschehen war, kehrte das Leben zuruͤck, und der getreue Johannes stand wieder frisch und gesund vor ihm. 45Er aber sprach zum Koͤnig ‘deine Treue will ich dir wieder lohnen,’ und nahm die Haͤupter der Kinder, und setzte sie an, und bestrich die Wunde mit ihrem Blut, davon wurden sie im Augenblick wieder heil, und sprangen herum und spielten fort, als waͤr ihnen nichts geschehen. Nun war der Koͤnig voll Freude, und als er die Koͤnigin kommen sah, versteckte er den getreuen Johannes und die beiden Kinder in einen großen Schrank. Wie sie hereintrat, sprach er zu ihr ‘hast du gebetet in der Kirche?’ ‘Ja,’ antwortete sie, ‘aber ich habe bestaͤndig an den treuen Johannes gedacht, daß er so ungluͤcklich durch uns geworden ist.’ Da sprach er ‘liebe Frau, wir koͤnnen ihm das Leben wiedergeben, aber es kostet uns unsere beiden Soͤhnlein, die muͤssen wir opfern.’ Die Koͤnigin ward bleich und erschrack im Herzen, doch sprach sie ‘wir sinds ihm schuldig wegen seiner großen Treue.’ Da freute er sich daß sie dachte wie er gedacht hatte, gieng hin und schloß den Schrank auf, und holte die Kinder und den treuen Johannes heraus, und sprach ‘Gott sey gelobt, er ist erloͤst, und unsere Soͤhnlein haben wir auch wieder,’ und erzaͤhlte ihr wie sich alles zugetragen hatte. Da lebten sie zusammen in Gluͤckseligkeit bis an ihr Ende.
Ein Bauer, der hatte seine Kuh auf den Markt getrieben, und fuͤr sieben Thaler verkauft. Auf dem Heimweg mußte er an einem Teich vorbei, und da hoͤrte er schon von weitem wie die Froͤsche riefen ‘ak, ak, ak, ak. ‘Ja’, sprach er fuͤr sich, ‘die schreien auch ins Haberfeld hinein: sieben Thaler sinds, die ich geloͤst habe, keine acht.’ Als er an das Wasser heran kam, rief er ihnen zu ‘dummes Vieh, das ihr seyd! wißt ihrs nicht besser? sieben Thaler sinds und keine acht.’ Die Froͤsche blieben aber bei ihrem ‘ak, ak, ak, ak!’ ‘Nun, wenn ihrs nicht glauben wollt, ich kanns euch vorzaͤhlen;’ holte das Geld aus der Tasche und zaͤhlte die sieben Thaler ab, immer vierundzwanzig Groschen auf einen. Die Froͤsche kehrten sich aber nicht an sein Rechnen, und riefen abermals ‘ak, ak, ak, ak.’ ‘Ei,’ rief der Bauer ganz boͤs, ‘wollt ihrs besser wissen als ich, so zaͤhlt selber,’ und warf ihnen das Geld miteinander ins Wasser hinein. Er blieb stehen, und wollte warten bis sie fertig waͤren, und ihm das Seinige wiederbraͤchten, aber die Froͤsche beharrten auf ihrem Sinn, schrien immerfort ‘ak, ak, ak, ak,’ und warfen auch das Geld nicht wieder heraus. Er wartete noch eine gute47 Weile, bis der Abend einbrach, und er nach Haus mußte, da schimpfte er die Froͤsche aus, und rief ‘ihr Wasserpatscher, ihr Dickkoͤpfe, ihr Klotzaugen, ein groß Maul habt ihr, und koͤnnt schreien daß einem die Ohren weh thun, aber sieben Thaler koͤnnt ihr nicht zaͤhlen, meint ihr, ich wollte da stehen bis ihr fertig waͤrt?’ Damit gieng er fort, aber die Froͤsche riefen ihm nach ‘ak, ak, ak, ak,’ daß er ganz verdrießlich heim kam.
Ueber eine Zeit erhandelte er sich wieder eine Kuh, die schlachtete er, und machte die Rechnung, wenn er das Fleisch gut verkaufte, koͤnnte er so viel loͤsen, als die beiden Kuͤhe werth waͤren, und das Fell haͤtte er obendrein. Als er nun mit dem Fleisch zu der Stadt kam, war vor dem Thore ein ganzes Rudel Hunde zusammengelaufen, voran ein großer Windhund: der sprang um das Fleisch, schnupperte und bellte ‘was, was, was, was.’ Als er gar nicht aufhoͤren wollte, sprach der Bauer zu ihm ‘ja, ich merke wohl, du sagst ‘was, was’ weil du etwas von dem Fleisch verlangst, da sollt ich aber schoͤn ankommen, wenn ich dirs geben wollte.’ Der Hund antwortete nichts als ‘was, was.’ ‘Willst dus auch nicht wegfressen, und fuͤr deine Cameraden da gut stehen?’ ‘Was, was’ sprach der Hund, ‘Nun, wenn du dabei beharrst, so will ich dirs lassen, ich kenne dich wohl, und weiß bei wem du dienst: aber das sage ich dir in drei Tagen muß ich mein Geld haben, du kannst mirs nur hinausbringen.’ Darauf lud er das Fleisch ab, und kehrte wieder um: die Hunde machten sich daruͤber her und bellten laut ‘was, was.’ Der Bauer, der es von weitem hoͤrte, sprach zu48 sich ‘horch, jetzt verlangen sie alle was, aber der große muß mir einstehen.’
Als drei Tage herum waren, dachte der Bauer ‘heute Abend hast du dein Geld in der Tasche,’ und war ganz vergnuͤgt. Aber es wollte niemand kommen und auszahlen. ‘Es ist kein Verlaß mehr auf jemand,’ sprach er, und endlich riß ihm die Geduld, daß er in die Stadt zu dem Fleischer gieng, und sein Geld foderte. Der Fleischer meinte, es waͤre ein Spaß; als aber der Bauer sagte ‘Spaß beiseite, ich will mein Geld: hat der große Hund euch nicht die ganze geschlachtete Kuh vor drei Tagen heim gebracht?’ da ward der Fleischer zornig, griff nach einem Besenstiel, und jagte ihn hinaus. ‘Wart,’ sprach der Bauer, ‘es giebt noch Gerechtigkeit auf der Welt!’ und gieng in das koͤnigliche Schloß, und bat sich Gehoͤr aus. Er ward vor den Koͤnig gefuͤhrt, der da saß mit seiner Tochter, und fragte was ihm fuͤr ein Leid wiederfahren waͤre? ‘Ach,’ sagte er, ‘die Froͤsche und Hunde haben mir das Meinige genommen, und der Metzger hat mich dafuͤr mit dem Stock bezahlt,’ und erzaͤhlte weitlaͤuftig wie es zugegangen war. Daruͤber fieng die Koͤnigstochter laut an zu lachen, und der Koͤnig sprach zu ihm ‘Recht kann ich dir hier nicht geben, aber dafuͤr sollst du meine Tochter zur Frau haben, ihr Lebtag hat sie noch nicht gelacht, als eben uͤber dich, und ich habe sie dem versprochen, der sie zum Lachen braͤchte. Du kannst Gott fuͤr dein Gluͤck danken.’ ‘O,’ antwortete der Bauer, ‘ich will sie gar nicht: ich habe daheim nur eine einzige Frau, und wenn ich nach Haus komme, so ist mir doch als49 ob in jedem Winkel eine staͤnde.’ Da ward der Koͤnig zornig, und sprach ‘bist du so ein Grobian, so mußt du einen andern Lohn haben: jetzt pack dich fort, aber in drei Tagen komm wieder, so sollen dir fuͤnfhundert vollgezaͤhlt werden.’
Wie der Bauer hinaus vor die Thuͤr kam, sprach die Schildwache ‘du hast die Koͤnigstochter zum Lachen gebracht, da wirst du was rechtes bekommen haben.’ ‘Ja, das mein ich,’ antwortete der Bauer, ‘fuͤnfhundert werden mir ausgezahlt.’ ‘Hoͤr,’ sprach der Soldat, ‘gib mir etwas davon: was willst du mit all dem Geld anfangen!’ ‘Nun,’ sprach der Bauer, ‘weil dus bist, so sollst du zweihundert haben, melde dich in drei Tagen beim Koͤnig, und laß dirs aufzaͤhlen.’ Ein Jude, der in der Naͤhe gestanden und das Gespraͤch mit angehoͤrt hatte, lief dem Bauer nach, hielt ihn beim Rock, und sprach ‘Gotteswunder, was seyd ihr ein Gluͤckskind! ich wills euch wechseln, ich wills euch umsetzen in Scheidemuͤnz, was wollt ihr mit den harten Thalern?’ ‘Mauschel,’ sagte der Bauer, ‘dreihundert kannst du noch haben, gib mirs gleich in Muͤnze, heut uͤber drei Tage wirst du dafuͤr beim Koͤnig bezahlt werden.’ Der Jude freute sich uͤber das Profitchen, und brachte die Summe in schlechten Groschen, wo drei so viel werth sind als zwei gute. Nach Verlauf der drei Tage gieng der Bauer, dem Befehl gemaͤß, vor den Koͤnig. ‘Zieht ihm den Rock aus,’ sprach dieser, ‘er soll seine fuͤnfhundert haben.’ ‘Ach,’ sagte der Bauer, ‘sie gehoͤren nicht mehr mein, zweihundert habe ich an die Schildwache verschenkt, und dreihundert hat mir der Jude eingewechselt, von50 Rechtswegen gebuͤhrt mir gar nichts.’ Jndem kam der Soldat und der Jude herein, verlangten das Jhrige, das sie dem Bauer abgewonnen haͤtten, und erhielten die Schlaͤge richtig zugemessen. Der Soldat ertrugs geduldig, und wußte schon wie’s schmeckte: der Jude aber that jaͤmmerlich, ‘au weih geschrien! sind das die harten Thaler?’ Der Koͤnig mußte uͤber den Bauer lachen, und da aller Zorn verschwunden war, sprach er ‘weil du deinen Lohn schon verloren, eh du ihn empfangen hast, so will ich dir einen Ersatz geben: geh in meine Schatzkammer und hol dir Geld, so viel du willst.’ Der Bauer ließ sich das nicht zweimal sagen und fuͤllte in seine weiten Taschen was nur hinein wollte. Darnach gieng er ins Wirthshaus, und uͤberzaͤhlte sein Geld. Der Jude war ihm nachgeschlichen, und hoͤrte wie er mit sich allein brummte ‘nun hat mich der Spitzbube von Koͤnig doch hinters Licht gefuͤhrt! haͤtte er mir nicht selbst das Geld geben koͤnnen, so wuͤßte ich was ich haͤtte, wie kann ich nun wissen ob das richtig ist, was ich so eingesteckt habe!’ ‘Gott bewahre,’ sprach der Jude fuͤr sich, ‘der spricht despectirlich von unserm Herrn, ich lauf und gebs an, so krieg ich eine Belohnung, und er wird obendrein noch bestraft.’ Als der Koͤnig die Reden des Bauern erfuhr, ward er zornig, und hieß den Juden hingehen und den Suͤnder herbeiholen. Der Jude lief zum Bauer, ‘ihr sollt gleich zum Herrn Koͤnig kommen, wie ihr geht und steht.’ ‘Jch weiß besser, was sich schickt,’ antwortete der Bauer, ‘erst laß ich mir einen neuen Rock machen; meinst du ein Mann, der so viel Geld in der Tasche hat sollte in dem alten Lumpenrock51 hingehen?’ Der Jude, wie er sah daß der Bauer ohne einen andern Rock nicht wegzubringen war, und weil er fuͤrchtete wenn der Koͤnig seinen Zorn verliere, so verliere er seine Belohnung und der Bauer die Strafe, so sprach er ‘ich will euch fuͤr die kurze Zeit einen schoͤnen Rock leihen aus bloßer Freundschaft; was thut der Mensch nicht alles aus Liebe!’ Der Bauer ließ sich das gefallen, zog den Rock vom Juden an, und gieng mit ihm fort. Der Koͤnig hielt dem Bauer die boͤsen Reden vor, die der Jude hinterbracht hatte. ‘Ach,’ sprach der Bauer, ‘was ein Jude sagt ist immer gelogen, dem geht kein wahres Wort aus dem Munde; der Kerl da ist im Stand und behauptet ich haͤtte seinen Rock an.’ ‘Was soll mir das?’ schrie der Jude, ‘ist der Rock nicht mein? hab ich ihn nicht aus Freundschaft geborgt, damit ihr vor den Herrn Koͤnig treten konntet?’ Wie der Koͤnig das hoͤrte, sprach er ‘einen hat der Jude gewiß betrogen, mich oder den Bauer,’ und ließ ihm noch etwas in harten Thalern nachzahlen; der Bauer aber gieng in dem guten Rock und mit dem guten Geld in der Tasche heim, und sprach ‘diesmal hab ichs getroffen.’
Es war einmal ein wunderlicher Spielmann, der gieng durch einen Wald mutterselig allein, und dachte hin und her, und als fuͤr seine Gedanken nichts mehr uͤbrig war, sprach er zu sich selbst ‘mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen guten Gesellen herbei holen.’ Da nahm er die Geige vom Ruͤcken, und fidelte eins daß es durch die Baͤume schallte. Nicht lange, so kam ein Wolf durch das Dickicht daher getrabt. ‘Ach, ein Wolf kommt! nach dem trage ich kein Verlangen’ sagte der Spielmann, aber der Wolf schritt naͤher, und sprach zu ihm ‘ei, du lieber Spielmann, was fidelst du so schoͤn! das moͤcht ich auch lernen.’ ‘Das ist bald gelernt,’ antwortete ihm der Spielmann, ‘du mußt nur alles thun, was ich dich heiße.’ ‘O Spielmann,’ sprach der Wolf, ‘ich will dir gehorchen, wie ein Schuͤler seinem Meister.’ Der Spielmann hieß ihn mitgehen, und als sie ein Stuͤck Wegs zusammen gegangen waren, kamen sie an einen alten Eichbaum, der innen hohl und in der Mitte aufgerissen war. ‘Sieh hier,’ sprach der Spielmann, ‘willst du fideln lernen, so lege die Vorderpfoten in diesen Spalt.’ Der Wolf gehorchte, aber der Spielmann hob schnell einen Stein auf53 und keilte ihm die beiden Pfoten mit einem Schlag so fest daß er wie ein Gefangener da liegen bleiben mußte. ‘Warte da so lange bis ich wieder komme’ sagte der Spielmann, und gieng seines Weges.
Ueber eine Weile sprach er abermals zu sich selber ‘mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen andern Gesellen herbei holen,’ nahm seine Geige und fidelte wieder in den Wald hinein. Nicht lange, so kam ein Fuchs durch die Baͤume daher geschlichen. ‘Ach, ein Fuchs kommt!’ sagte der Spielmann, ‘nach dem trage ich kein Verlangen.’ Der Fuchs kam zu ihm heran, und sprach ‘ei, du lieber Spielmann, was fidelst du so schoͤn! das moͤcht ich auch lernen.’ ‘Das ist bald gelernt,’ sprach der Spielmann, ‘du mußt nur alles thun, was ich dich heiße.’ ‘O Spielmann,’ antwortete der Fuchs, ‘ich will dir gehorchen, wie ein Schuͤler seinem Meister. ‘Folge mir,’ sagte der Spielmann, und als sie ein Stuͤck Wegs gegangen waren, kamen sie auf einen Fußweg, zu dessen beiden Seiten hohe Straͤuche standen. Da hielt der Spielmann still, bog von der einen Seite ein Haselnußbaͤumchen zur Erde herab und trat mit dem Fuß auf die Spitze, dann bog er von der andern Seite noch ein Baͤumchen herab, und sprach ‘wohlan, Fuͤchslein, wenn du etwas lernen willst, so reich mir deine linke Vorderpfote.’ Der Fuchs gehorchte, und der Spielmann band ihm die Pfote an den linken Stamm. ‘Fuͤchslein,’ sprach er, ‘nun reich mir die rechte’ und band sie ihm an den rechten Stamm. Dann lies er los, und die Baͤumchen fuhren in die Hoͤhe, und schnellten das Fuͤchslein54 hinauf daß es in der Luft schwebte und zappelte. ‘Warte da so lange bis ich wiederkomme,’ sagte der Spielmann und gieng seines Weges.
Wiederum sprach er zu sich ‘Zeit und Weile wird mir hier im Walde lang; ich will einen andern Gesellen herbei holen,’ nahm seine Geige, und der Klang erschallte durch den Wald. Da kam ein Haͤschen daher gesprungen. ‘Ach, ein Hase kommt!’ sagte der Spielmann, ‘den wollte ich nicht haben.’ ‘Ei, du lieber Spielmann,’ sagte das Haͤslein, was fidelst du so schoͤn, das moͤchte ich auch lernen.’ ‘Das ist bald gelernt,’ sprach der Spielmann, ‘du mußt nur alles thun was ich dich heiße.’ ‘O Spielmann,’ antwortete das Haͤslein, ‘ich will dir gehorchen wie ein Schuͤler seinem Meister.’ Sie giengen ein Stuͤck Wegs zusammen bis sie zu einer lichten Stelle im Wald kamen, wo ein Espenbaum stand. Der Spielmann band dem Haͤschen einen langen Bindfaden um den Hals, wovon er das andere Ende an den Baum knuͤpfte. ‘Munter, Haͤschen, jetzt spring mir zwanzigmal um den Baum herum’ rief der Spielmann, und das Haͤschen gehorchte, und wie es zwanzigmal herumgelaufen war, so hatte sich der Bindfaden zwanzigmal um den Stamm gewickelt, und das Haͤschen war gefangen, und es mochte ziehen und zerren wie es wollte, es schnitt sich nur den Faden in den weichen Hals. ‘Warte da so lange bis ich wiederkomme,’ sprach der Spielmann, und gieng weiter.
Der Wolf indessen hatte geruͤckt, gezogen, an den Stein gebissen und so lange gearbeitet, bis er die Pfoten frei gemacht55 und wieder aus der Spalte gezogen hatte. Voll Zorn und Wuth eilte er hinter dem Spielmann her, und wollte ihn zerreißen. Als ihn der Fuchs laufen sah, fieng er an zu jammern, und schrie aus Leibeskraͤften ‘Bruder Wolf, komm mir zu Hilfe, der Spielmann hat mich betrogen.’ Der Wolf zog die Baͤumchen herab, und biß die Schnuͤre entzwei, und machte den Fuchs frei, der mit ihm gieng und an dem Spielmann Rache nehmen wollte. Sie fanden das gebundene Haͤschen, das sie ebenfalls erloͤsten, und dann suchten alle zusammen ihren Feind auf.
Der Spielmann hatte auf seinem Weg abermals seine Fidel erklingen lassen, und diesmal war er gluͤcklicher gewesen. Die Toͤne drangen zu den Ohren eines armen Holzhauers, der alsbald, er mochte wollen oder nicht, von der Arbeit abließ, und mit dem Beil unter dem Arme heran kam die Musik zu hoͤren. ‘Endlich kommt doch der rechte Geselle,’ sagte der Spielmann, ‘denn einen Menschen suchte ich, und keine wilden Thiere.’ Und fieng an und spielte so schoͤn und lieblich, daß der arme Mann wie bezaubert da stand, und ihm das Herz vor Freude aufgieng. Und wie er so stand, kamen der Wolf, der Fuchs und das Haͤslein heran, und er merkte wohl daß sie etwas Boͤses im Schilde fuͤhrten. Da erhob er seine blinkende Axt, und stellte sich vor den Spielmann als wollte er sagen ‘wer ihm etwas thun will, der hat es mit mir zu thun.’ Da ward den Thieren Angst, und sie liefen in den Wald zuruͤck, der Spielmann aber spielte dem Manne noch eins zum Dank, und zog dann weiter.
Es war einmal ein Koͤnig und eine Koͤnigin, die lebten in Frieden mit einander, und hatten zwoͤlf Kinder, das waren aber lauter Buben. Nun sprach der Koͤnig zu seiner Frau ‘wenn das dreizehnte Kind, das du zur Welt bringst, ein Maͤdchen ist, so sollen die zwoͤlf Buben sterben, damit sein Reichthum groß wird, und das Koͤnigreich ihm allein zufaͤllt.’ Er ließ auch zwoͤlf Saͤrge machen, die waren schon mit Hobelspaͤnen gefuͤllt, und in jedem lag das Todtenkißchen, und ließ sie in eine verschlossene Stube bringen, davon gab er der Koͤnigin den Schluͤssel, und sprach, ‘sie sollte niemand davon etwas sagen.’
Die Mutter aber saß nun den ganzen Tag, und trauerte so daß der kleinste Sohn, der immer bei ihr war und den sie nach der Bibel Benjamin nannte, zu ihr sprach ‘liebe Mutter, warum bist du so traurig?’ ‘Liebstes Kind,’ antwortete sie, ‘ich darf dirs nicht sagen.’ Er ließ ihr aber keine Ruhe, bis sie gieng und die Stube aufschloß, und ihm die zwoͤlf mit Hobelspaͤnen schon gefuͤllten Todtenladen zeigte, und sprach ‘mein liebster Benjamin, diese Saͤrge hat dein Vater fuͤr dich und deine elf Bruͤder machen lassen, denn wenn ich ein Maͤdchen zur Welt bringe, so sollt ihr allesammt getoͤdtet und darin begraben werden.’ Und57 als sie weinte, wie sie das sprach, so troͤstete sie der Sohn und sagte ‘weine nicht, liebe Mutter, wir wollen uns helfen, und wollen fortgehen.’ Sie aber sprach ‘geh mit deinen elf Bruͤdern hinaus in den Wald, und einer setze sich immer auf den hoͤchsten Baum, der zu finden ist, und halte Wacht, und schaue nach dem Thurm hier im Schloß. Gebaͤr ich ein Soͤhnlein so will ich eine weiße Fahne aufstecken, und dann duͤrft ihr wiederkommen: gebaͤr ich ein Toͤchterlein, so will ich eine rothe Fahne aufstecken, und dann flieht fort, so schnell ihr koͤnnt, und der liebe Gott behuͤte euch. Alle Nacht will ich aufstehn und fuͤr euch beten, im Winter, daß ihr an einem Feuer euch waͤrmen koͤnnt, im Sommer, daß ihr nicht in der Hitze schmachtet.’
Nachdem sie also ihre Soͤhne gesegnet hatte, giengen sie hinaus in den Wald. Einer hielt um den andern Wacht, saß auf der hoͤchsten Eiche, und schauete nach dem Thurm. Als elf Tage herum waren, und die Reihe an Benjamin kam, da sah er wie eine Fahne aufgesteckt wurde, es war aber nicht die weiße sondern die rothe Blutfahne, die verkuͤndigte daß sie alle sterben sollten. Wie die Bruͤder das nun hoͤrten, wurden sie zornig, und sprachen ‘sollten wir um eines Maͤdchens willen den Tod leiden! wir schwoͤren daß wir uns raͤchen wollen, wo wir ein Maͤdchen finden, soll sein rothes Blut fließen.’
Darauf giengen sie tiefer in den Wald hinein, und mitten drein, wo er am dunkelsten war, fanden sie ein kleines verwuͤnschtes Haͤuschen, das leer stand. Da sprachen sie ‘hier wollen58 wir wohnen, und du, Benjamin, du bist der juͤngste und schwaͤchste, du sollst daheim bleiben und haushalten, wir andern wollen ausgehen und Essen holen.’ Nun zogen sie in den Wald und schossen Hasen, wilde Rehe, Voͤgel und Taͤuberchen und was zu essen stand: das brachten sie dem Benjamin, der mußts ihnen zurecht machen, damit sie ihren Hunger stillen konnten. Jn dem Haͤuschen lebten sie zehn Jahre zusammen, und die Zeit ward ihnen nicht lang.
Das Toͤchterchen, das ihre Mutter, die Koͤnigin, geboren hatte, war nun herangewachsen, war gar schoͤn, und hatte einen goldenen Stern auf der Stirne. Einmal, als große Waͤsche war, sah es darunter zwoͤlf Mannshemden, und fragte seine Mutter ‘wem gehoͤren diese zwoͤlf Hemden, fuͤr den Vater sind sie doch viel zu klein?’ Da antwortete sie mit schwerem Herzen ‘liebes Kind, die gehoͤren deinen zwoͤlf Bruͤdern.’ Sprach das Maͤdchen ‘wo sind denn meine zwoͤlf Bruͤder, von denen habe ich noch niemals gehoͤrt.’ Sie antwortete ‘das weiß Gott, wo sie sind: sie irren in der Welt herum.’ Da nahm sie das Maͤdchen, und schloß ihm das Zimmer auf, und zeigte ihm die zwoͤlf Saͤrge mit den Hobelspaͤnen und den Todtenkißchen. ‘Diese Saͤrge,’ sprach sie, ‘waren fuͤr deine Bruͤder bestimmt, aber sie sind heimlich fortgegangen, eh du geboren warst,’ und erzaͤhlte ihm wie sich alles zugetragen hatte. Da sagte das Maͤdchen ‘liebe Mutter, weine nicht, ich will gehen und meine Bruͤder suchen.’
Nun nahm es die zwoͤlf Hemden, und gieng fort und geradezu59 in den großen Wald hinein. Es gieng den ganzen Tag, und am Abend kam es zu dem verwuͤnschten Haͤuschen. Da trat es hinein, und fand einen jungen Knaben, der fragte ‘wo kommst du her und wo willst du hin?’ und erstaunte daß sie so gar schoͤn war, koͤnigliche Kleider trug, und einen Stern auf der Stirne hatte. Da antwortete sie ‘ich bin eine Koͤnigstochter, und suche meine zwoͤlf Bruͤder und will gehen so weit der Himmel blau ist, bis ich sie finde.’ Und zeigte ihm die zwoͤlf Hemden, die ihnen gehoͤrten. Da sah Benjamin daß es seine Schwester war, und sprach ‘ich bin Benjamin, dein juͤngster Bruder.’ Und sie fieng an zu weinen vor Freude, und Benjamin auch, und sie kuͤßten und herzten einander vor großer Liebe. Hernach sprach er ‘liebe Schwester, es ist noch ein Vorbehalt da, wir hatten verabredet daß ein jedes Maͤdchen, das uns begegnete, sterben sollte, weil wir um ein Maͤdchen unser Koͤnigreich verlassen mußten.’ Da sagte sie ‘ich will gerne sterben, wenn ich damit meine zwoͤlf Bruͤder erloͤsen kann.’ ‘Nein,’ antwortete er, ‘du sollst nicht sterben, setze dich unter diese Buͤtte bis die elf Bruͤder kommen, dann will ich schon einig mit ihnen werden.’ Also that sie; und wie es Nacht ward, kamen die andern von der Jagd, und die Mahlzeit war bereit. Und als sie am Tische saßen und aßen, fragten sie ‘was giebts neues?’ Sprach Benjamin ‘wißt ihr nichts?’ ‘Nein’ antworteten sie. Sprach er weiter ‘ihr seyd im Walde gewesen, und ich bin daheim geblieben, und weiß noch mehr als ihr.’ ‘So erzaͤhl uns’ riefen sie. Antwortete er ‘versprecht ihr mir auch daß das60 erste Maͤdchen, das uns begegnet, nicht soll getoͤdtet werden?’ ‘Ja,’ riefen sie alle, ‘das soll Gnade haben, erzaͤhl uns nur.’ Da sprach er ‘unsere Schwester ist da,’ und hub die Buͤtte auf, und die Koͤnigstochter kam hervor in ihren koͤniglichen Kleidern mit dem goldenen Stern auf der Stirne, und war so schoͤn, zart und fein. Da freuten sie sich alle, fielen ihr um den Hals und kuͤßten sie, und hatten sie von Herzen lieb.
Nun blieb sie bei Benjamin zu Haus, und half ihm in der Arbeit. Die elfe zogen in den Wald, suchten Gewild, Rehe, Hasen, Voͤgel und Taͤuberchen, damit sie zu essen hatten, und die Schwester und Benjamin sorgten daß es zubereitet wurde. Sie suchte das Holz zum Kochen, und die Kraͤuter zum Gemuͤs, und stellte zu am Feuer also daß die Mahlzeit immer fertig war, wenn die elfe kamen. Sie hielt auch sonst Ordnung im Haͤuschen, und deckte die Bettlein huͤbsch weiß und rein, und die Bruͤder waren immer zufrieden, und lebten in großer Einigkeit mit ihr.
Auf eine Zeit hatten die beide daheim eine schoͤne Kost zurecht gemacht, und wie sie nun alle beisammen waren, setzten sie sich, aßen und tranken, und waren voller Freude. Es war aber ein kleines Gaͤrtchen an dem verwuͤnschten Haͤuschen, darin standen zwoͤlf Lilienblumen, die man auch Studenten heißt: nun wollte sie ihren Bruͤdern ein Vergnuͤgen machen, brach die zwoͤlf Blumen ab, und dachte jedem aufs Essen eine zu schenken. Wie sie aber die Blumen abgebrochen hatte in demselben61 Augenblick waren die zwoͤlf Bruͤder in zwoͤlf Raben verwandelt, und flogen uͤber den Wald hin fort, und das Haus mit dem Garten war auch verschwunden. Da war nun das arme Maͤdchen allein in dem wilden Wald, und wie es sich umfah, so stand eine alte Frau neben ihm, die sprach ‘mein Kind, was hast du angefangen? warum hast du die zwoͤlf weißen Blumen nicht stehen lassen, das waren deine Bruͤder, die sind nun auf immer in Raben verwandelt.’ Das Maͤdchen sprach weinend ‘ist denn kein Mittel, sie zu erloͤsen?’ ‘Nein,’ sagte die Alte, ‘es ist keins auf der ganzen Welt, als eins, das ist aber so schwer, daß du sie damit nicht befreien wirst, denn du mußt sieben Jahre stumm seyn, darfst nicht sprechen und nicht lachen, und sprichst du ein einziges Wort, und es fehlt nur eine Stunde an den sieben Jahren, so ist alles umsonst, und deine Bruͤder werden von deinem Wort getoͤdtet.’
Da sprach das Maͤdchen in seinem Herzen ‘ich will meine Bruͤder gewiß erloͤsen,’ und gieng und suchte einen hohen Baum, setzte sich darauf, und spann, und sprach nicht, und lachte nicht. Nun trugs sich zu, daß ein Koͤnig in dem Wald jagte, der hatte einen großen Windhund, der lief zu dem Baum, wo das Maͤdchen drauf saß, sprang herum, schrie und bellte hinauf. Da kam der Koͤnig herbei, und sah die schoͤne Koͤnigstochter mit dem goldnen Stern auf der Stirne, und war so entzuͤckt uͤber ihre Schoͤnheit, daß er ihr zurief ob sie seine Gemahlin werden wollte. Sie gab keine Antwort, nickte aber ein wenig mit dem Kopf. Da stieg er selbst auf den Baum, trug sie62 herab, setzte sie auf sein Pferd, und fuͤhrte sie heim. Da ward die Hochzeit, obgleich die Braut stumm war und nicht lachte mit großer Pracht und Freude gefeiert. Als sie ein paar Jahre mit einander vergnuͤgt gelebt hatten, fieng die Mutter des Koͤnigs, die eine boͤse Frau war, an, die junge Koͤnigin zu verlaͤumden, und sprach zum Koͤnig ‘es ist ein gemeines Bettelmaͤdchen, das du dir mitgebracht hast, wer weiß was fuͤr gottlose Streiche sie heimlich treibt. Wenn sie stumm ist und nicht sprechen kann, so koͤnnte sie doch einmal lachen, aber wer nicht lacht, der hat ein boͤses Gewissen.’ Der Koͤnig wollte zuerst nicht daran glauben, aber die Alte trieb es so lange, und beschuldigte sie so viel boͤser Dinge, daß der Koͤnig sich endlich uͤberreden ließ, und sie zum Tod verurtheilte.
Nun ward im Hof ein großes Feuer angezuͤndet, darin sie sollte verbrannt werden, und der Koͤnig stand oben am Fenster und sah mit weinenden Augen zu, weil er sie noch immer so lieb hatte. Und als sie schon an den Pfahl festgebunden war und das Feuer schon an ihren Kleidern mit rothen Zungen leckte, da war eben der letzte Augenblick von den sieben Jahren verflossen. Da ließ sich in der Luft ein Geschwirr hoͤren, und zwoͤlf Raben kamen hergezogen, und senkten sich nieder: und wie sie die Erde beruͤhrten, waren es ihre zwoͤlf Bruͤder, die sie erloͤst hatte. Sie rissen das Feuer auseinander, loͤschten die Flammen, machten ihre liebe Schwester frei, und kuͤßten und herzten sie. Nun aber, da sie ihren Mund aufthun und reden durfte, erzaͤhlte sie dem Koͤnige warum sie stumm gewesen63 waͤre und niemals gelacht haͤtte. Der Koͤnig freute sich daß sie unschuldig war, und sie lebten nun alle zusammen in Einigkeit bis an ihren Tod. Die boͤse Stiefmutter ward in ein Faß gesteckt, daß mit siedendem Oel und giftigen Schlangen angefuͤllt war, und starb eines boͤsen Todes.
Haͤhnchen sprach zum Huͤhnchen ‘die Nuͤsse sind reif geworden, da wollen wir mit einander auf den Berg gehen, und uns einmal recht satt daran essen, ehe sie das Eichhorn alle wegholt.’ ‘Ja,’ antwortete das Huͤhnchen, ‘komm, wir wollen uns eine Lust miteinander machen.’ Da giengen sie zusammen fort auf den Berg, und weil es ein heller Tag war, blieben sie bis zum Abend. Nun weiß ich nicht ob sie sich so dick gegessen hatten, oder ob sie so uͤbermuͤthig geworden waren, kurz, sie wollten nicht zu Fuß nach Haus gehen, und das Haͤhnchen mußte einen kleinen Wagen von Nußschalen bauen. Als er fertig war, setzte sich Huͤhnchen hinein und sagte zum Haͤhnchen ‘du kannst dich nur immer vorspannen.’ ‘Du kommst mir recht,’ sagte das Haͤhnchen, ‘lieber geh ich zu Fuß nach Haus, als daß ich mich vorspannen lasse, nein, so haben wir nicht gewettet. Kutscher will ich wohl seyn und auf dem Bock sitzen, aber selbst ziehen, das thu ich nicht.’
Wie sie so stritten, schnatterte eine Ente daher ‘ihr Diebsvolk, wer hat euch geheißen in meinen Nußberg gehen, wartet, das soll euch schlecht bekommen!’ gieng damit auf das Haͤhnchen los. Aber Haͤhnchen war auch nicht faul, und stieg der Ente65 tuͤchtig zu Leib, endlich hackte es mit seinen Sporn so gewaltig, daß sie um Gnade bat, und sich gern zur Strafe vor den Wagen spannen ließ. Haͤhnchen setzte sich nun auf den Bock, und war Kutscher, und darauf gieng es fort in einem Jagen, ‘Ente, lauf zu was du kannst!’ Als sie ein Stuͤck Weges gefahren waren, begegneten sie zwei Fußgaͤngern, einer Stecknadel und einer Naͤhnadel. Die riefen ‘halt! halt!’ und sagten es wuͤrde gleich stichdunkel werden, da koͤnnten sie keinen Schritt weiter, dabei waͤr es so schmutzig auf der Straße, ob sie nicht ein wenig einsitzen koͤnnten: sie waͤren auf der Schneiderherberge vor dem Thor gewesen, und haͤtten sich beim Bier verspaͤtet. Haͤhnchen, da es magere Leute waren, die nicht viel Platz einnahmen, ließ sie beide einsteigen, doch mußten sie versprechen ihm und seinen Huͤhnchen nicht auf die Fuͤße zu treten. Spaͤt Abends kamen sie zu einem Wirthshaus, und weil sie die Nacht nicht weiter fahren wollten, die Ente auch nicht gut zu Fuß war und von einer Seite auf die andere fiel, so kehrten sie ein. Der Wirth machte anfangs viel Einwendungen, sein Haus sei schon voll, gedachte auch wohl es moͤchte keine vornehme Herrschaft seyn, endlich aber, da sie suͤße Reden fuͤhrten, er sollte das Ei haben, welches das Huͤhnchen unterwegs gelegt hatte, auch die Ente behalten, die alle Tage eins lege, so gab er nach. Nun ließen sie sich wieder frisch auftragen, und lebten in Saus und Braus. Fruͤh Morgens, als es erst daͤmmerte, und noch alles schlief, weckte Haͤhnchen das Huͤhnchen, holte das Ei, pickte es auf, und sie verzehrten es zusammen; die Schalen aber66 warfen sie auf den Feuerherd. Dann giengen sie zu der Naͤhnadel, die noch schlief, packten sie beim Kopf, und steckten sie in das Sesselkissen des Wirths, die Stecknadel aber in sein Handtuch, darauf flogen sie, mir nichts dir nichts, uͤber die Heide davon. Die Ente, die gern unter freiem Himmel schlief, und im Hof geblieben war, hoͤrte sie fortschnurren, machte sich munter, und fand einen Bach, auf dem sie hinab schwamm, und das gieng geschwinder als vor dem Wagen. Ein paar Stunden darnach hob sich der Wirth aus den Federn, wusch sich und wollte sich am Handbuch abtrocknen, da fuhr ihm die Stecknadel uͤber das Gesicht, und machte ihm einen rothen Strich von einem Ohr zum andern; dann gieng er in die Kuͤche, und wollte sich eine Pfeife anstecken, wie er aber an den Herd kam, sprangen ihm die Eierschalen in die Augen. ‘Heute Morgen will mir Alles an meinen Kopf,’ sagte er, und ließ sich verdrießlich auf seinen Großvaterstuhl nieder; aber wie geschwind fuhr er wieder in die Hoͤhe, und schrie ‘auweh!’ denn die Naͤhnadel hatte ihn noch schlimmer und nicht in den Kopf gestochen. Nun war er vollens boͤse, und hatte Verdacht auf die Gaͤste, die so spaͤt gestern Abend gekommen waren; und wie er gieng und sich nach ihnen umsah, waren sie fort. Da that er einen Schwur, kein Lumpengesindel mehr in sein Haus zu nehmen, das viel verzehrt, nichts bezahlt, und obendrein zum Dank Schabernack treibt.
Bruͤderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand, und sprach ‘seit die Mutter todt ist, haben wir keine gute Stunde mehr; die Stiefmutter schlaͤgt uns alle Tage, und wenn wir zu ihr kommen, stoͤßt sie uns mit den Fuͤßen fort. Die harten Brotkrusten, die uͤbrig bleiben, sind unsere Speise, und dem Huͤndlein unter dem Tisch geht’s besser: dem wirft sie doch manchmal was Gutes zu. Daß Gott erbarm, wenn das unsere Mutter wuͤßte! Komm, wir wollen miteinander in die weite Welt gehen.’ Sie giengen den ganzen Tag uͤber Wiesen, Felder und Steine, und wenn es regnete, sprach das Schwesterchen ‘Gott und unsere Herzen, die weinen zusammen!’ Abends kamen sie in einen großen Wald, und waren so muͤde von Jammer, Hunger und dem langen Weg, da sie sich in einen hohlen Baum setzten und einschliefen.
Am andern Morgen, als sie aufwachten, stand die Sonne schon hoch am Himmel, und schien heiß in den Baum hinein. Da sprach das Bruͤderchen ‘Schwesterchen, mich duͤrstet, wenn ich ein Bruͤnnlein wuͤßte, ich gieng und traͤnk einmal; ich mein, ich hoͤrt eins rauschen.’ Bruͤderchen stand auf, nahm68 Schwesterchen an der Hand, und sie wollten das Bruͤnnlein suchen. Die boͤse Stiefmutter aber war eine Hexe, und hatte wohl gesehen wie die beiden fortgegangen waren, war ihnen nachgeschlichen, heimlich, wie die Hexen schleichen, und hatte alle Brunnen im Walde verwuͤnscht. Als sie nun ein Bruͤnnlein fanden, das so glitzerig uͤber die Steine sprang, wollte das Bruͤderchen daraus trinken; aber das Schwesterchen hoͤrte wie es im Rauschen sprach ‘wer aus mir trinkt, wird ein Tiger; wer aus mir trinkt, wird ein Tiger.’ Da rief das Schwesterchen ‘ich bitte dich, Bruͤderchen, trink nicht, sonst wirst du ein wildes Thier, und zerreißest mich.’ Das Bruͤderchen trank nicht, ob es gleich so großen Durst hatte, und sprach ‘ich will warten bis zur naͤchsten Quelle.’ Als sie zum zweiten Bruͤnnlein kamen, hoͤrte das Schwesterchen wie auch dieses sprach ‘wer aus mir trinkt, wird ein Wolf; wer aus mir trinkt, wird ein Wolf.’ Da rief das Schwesterchen ‘Bruͤderchen, ich bitte dich, trink nicht, sonst wirst du ein Wolf, und frissest mich.’ Das Bruͤderchen trank nicht, und sprach ‘ich will warten, bis wir zur naͤchsten Quelle kommen, aber dann muß ich trinken, du magst sagen, was du willst: mein Durst ist gar zu groß.’ Und als sie zum dritten Bruͤnnlein kamen, hoͤrte das Schwesterlein, wie es im Rauschen sprach ‘wer aus mir trinkt, wird ein Reh; wer aus mir trinkt, wird ein Reh.’ Das Schwesterchen sprach ‘ach Bruͤderchen, ich bitte dich, trink nicht, sonst wirst du ein Reh, und laͤufst mir fort.’ Aber das Bruͤderchen hatte sich gleich beim Bruͤnnlein nieder geknieet, hinab69 gebeugt und von dem Wasser getrunken, und wie die ersten Tropfen auf seine Lippen gekommen waren, lag es da als ein Rehkaͤlbchen.
Nun weinte das Schwesterchen uͤber das arme verwuͤnschte Bruͤderchen, und das Rehchen weinte auch, und saß so traurig neben ihm. Da sprach das Maͤdchen endlich ‘sey still, liebes Rehchen, ich will dich ja nimmermehr verlassen.’ Dann band es sein goldenes Strumpfband ab, und that es dem Rehchen um den Hals, und rupfte Binsen, und flocht ein weiches Seil daraus. Daran band es das Thierchen, und fuͤhrte es weiter, und gieng immer tiefer in den Wald hinein. Und als sie lang lang gegangen waren, kamen sie endlich in ein kleines Haus, und das Maͤdchen schaute hinein, und weil es leer war, dachte es ‘hier koͤnnen wir bleiben und wohnen.’ Da suchte es dem Rehchen Laub und Moos zu einem weichen Lager, und jeden Morgen gieng es aus, und sammelte sich Wurzeln, Beeren und Nuͤsse, und fuͤr das Rehchen brachte es zartes Gras mit, das fraß es ihm aus der Hand, und war vergnuͤgt, und spielte vor ihm herum. Abends wenn Schwesterchen muͤde war und sein Gebet gesagt hatte, legte es seinen Kopf auf den Ruͤcken des Rehkaͤlbchens, das war sein Kissen, darauf es sanft einschlief. Und haͤtte das Bruͤderchen nur seine menschliche Gestalt gehabt, es waͤre ein herrliches Leben gewesen.
Das dauerte nun eine Zeitlang, daß sie so allein in der Wildnis waren, da trug es sich zu, daß der Koͤnig des Landes eine große Jagd in dem Wald hielt. Da schallte darin das70 Hoͤrnerblasen, Hundegebell und das lustige Geschrei der Jaͤger, und das Rehlein hoͤrte es, und waͤre gar zu gerne dabei gewesen. ‘Ach,’ sprach es zum Schwesterlein, ‘laß mich hinaus in die Jagd, ich kanns nicht laͤnger mehr aushalten,’ und bat so lange, bis es einwilligte. ‘Aber,’ sprach es zu ihm, ‘komm mir ja Abends wieder, vor den wilden Jaͤgern schließ ich mein Thuͤrlein; und damit ich dich kenne, so klopf und sprich mein Schwesterlein, laß mich herein: und wenn du nicht so sprichst, so schließ ich mein Thuͤrlein nicht auf.’ Nun sprang das Rehchen hinaus, und war ihm so wohl, und war so lustig in freier Luft. Der Koͤnig und seine Jaͤger sahen das schoͤne Thier, und setzten ihm nach, aber sie konnten es nicht einholen, und wenn sie meinten, sie haͤtten es gewiß, da sprang es uͤber das Gebuͤsch weg, und war verschwunden. Wies dunkel ward, lief es zu dem Haͤuschen, klopfte und sprach ‘mein Schwesterlein, laß mich herein.’ Da ward ihm die kleine Thuͤre aufgethan, es sprang hinein, und ruhte sich die ganze Nacht auf seinem weichen Lager aus. Am andern Morgen gieng die Jagd von neuem an, und als das Rehlein wieder das Huͤfthorn hoͤrte und das ho, ho! der Jaͤger, da hatte es keine Ruhe, und sprach ‘Schwesterchen, mach mir auf, ich muß hinaus.’ Das Schwesterchen oͤffnete ihm die Thuͤre, und sprach ‘aber zu Abend mußt du wieder da seyn, und dein Spruͤchlein sagen.’ Als der Koͤnig und seine Jaͤger das Rehlein mit dem goldenen Halsband wieder sahen, jagten sie ihm alle nach, aber es war ihnen zu schnell und behend. Das waͤhrte den ganzen Tag; endlich aber hatten es71 die Jaͤger Abends umzingelt, und einer verwundete es ein wenig am Fuß, so daß es hinken mußte, und langsam fortlief. Da schlich ihm ein Jaͤger nach bis zu dem Haͤuschen, und hoͤrte wie es rief ‘mein Schwesterlein, laß mich herein,’ und sah daß die Thuͤre ihm aufgethan und alsbald wieder zugeschlossen wurde. Der Jaͤger behielt das alles wohl im Sinn, gieng zum Koͤnig und erzaͤhlte ihm was er gesehn und gehoͤrt hatte. Da sprach der Koͤnig ‘morgen soll noch einmal gejagt werden.’
Das Schwesterchen aber war recht erschrocken, als das Rehkaͤlbchen verwundet herein kam; es wusch ihm das Blut ab, legte Kraͤuter auf, und sprach ‘geh auf dein Lager, lieb Rehchen, daß du wieder heil wirst.’ Die Wunde war aber so gering, daß das Rehchen am Morgen nichts mehr davon spuͤrte; und als es die Jagdlust wieder draußen hoͤrte, sprach es ‘ich kanns nicht aushalten, ich muß dabei seyn; so bald soll mich auch keiner kriegen.’ Das Schwesterchen weinte, und sprach ‘nun werden sie dich toͤdten, ich laß dich nicht hinaus.’ ‘So sterb ich dir hier vor Betruͤbnis, wenn du mich abhaͤltst,’ antwortete es ‘wenn ich das Huͤfthorn hoͤre, so mein ich, ich muͤßt aus den Schuhen springen!’ Da konnte das Schwesterchen nicht anders, und schloß ihm mit schwerem Herzen die Thuͤre auf, und das Rehchen sprang gesund und froͤhlich in den Wald. Als es der Koͤnig erblickte, sprach er zu seinen Jaͤgern ‘nun jagt ihm nach den ganzen Tag bis in die Nacht, aber daß ihm keiner etwas zu Leide thut.’ Wie die Sonne untergegangen war, da sprach72 der Koͤnig zum Jaͤger ‘nun komm, und zeige mir das Waldhaͤuschen.’ Und als er vor dem Thuͤrlein war, klopfte er an, und rief ‘lieb Schwesterlein, laß mich herein.’ Da gieng die Thuͤr auf, und der Koͤnig trat hinein, und da stand ein Maͤdchen, das war so schoͤn wie er noch keins gesehen hatte. Das Maͤdchen aber war erschrocken daß nicht sein Rehlein sondern ein Koͤnig mit goldener Krone hereingekommen war. Aber der Koͤnig sah es freundlich an, reichte ihm die Hand, und sprach ‘willst du mit mir gehen auf mein Schloß, und meine liebe Frau werden?’ ‘Ach ja,’ antwortete das Maͤdchen, ‘aber das Rehchen muß auch mit, das verlaß ich nicht.’ Sprach der Koͤnig ‘es soll bei dir bleiben, so lange du lebst, und soll ihm an nichts fehlen.’ Jndem kam es herein gesprungen, da band es das Schwesterchen wieder an das Binsenseil, nahm es selbst in die Hand, und gieng mit ihm zum Waldhaͤuschen hinaus.
Der Koͤnig fuͤhrte das schoͤne Maͤdchen in sein Schloß, wo die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert wurde, und war es nun die Frau Koͤnigin, und lebten sie lange Zeit vergnuͤgt zusammen; das Rehlein ward gehegt und gepflegt, und sprang in dem Schloßgarten herum. Die boͤse Stiefmutter aber, um derentwillen die Kinder in die Welt hinein gegangen waren, die meinte nichts anders, als Schwesterchen waͤre von den wilden Thieren im Walde zerrissen worden, und Bruͤderchen als ein Rehkalb von den Jaͤgern todt geschossen. Als sie nun hoͤrte daß sie so gluͤcklich waren, und es ihnen so wohl gieng, da wurden Neid und Mißgunst in ihrem Herzen rege, und zwickten73 und nagten daran, und sie hatte keinen andern Gedanken, als wie sie die beiden doch noch ins Ungluͤck bringen koͤnnte. Jhre rechte Tochter, die haͤßlich war wie die Nacht, und nur ein Auge hatte, die machte ihr Vorwuͤrfe und sprach ‘eine Koͤnigin zu werden, das Gluͤck haͤtte mir gebuͤhrt.’ ‘Sei nur still,’ sagte die Alte und sprach sie zufrieden, ‘wenn’s Zeit ist, will ich schon bei der Hand seyn.’ Als nun die Zeit heran geruͤckt war, und die Koͤnigin ein schoͤnes Knaͤbchen zur Welt gebracht hatte, und der Koͤnig gerade auf der Jagd war, da nahm die alte Hexe die Gestalt der Kammerfrau an, trat in die Stube, wo die Koͤnigin lag, und sprach zu der Kranken ‘kommt, das Bad ist fertig, das soll euch wohlthun und staͤrken; geschwind, eh es kalt wird.’ Jhre Tochter war auch bei der Hand, und sie trugen die schwache Koͤnigin in die Badstube, legten sie hinein, giengen schnell fort und schlossen die Thuͤre ab. Jn der Badstube aber hatten sie ein rechtes Hoͤllenfeuer angemacht, daß die schoͤne junge Koͤnigin bald ersticken mußte.
Als das geschehen war, nahm die Alte ihre Tochter, und setzte ihr eine Haube auf, und legte sie ins Bett an der Koͤnigin Stelle. Sie gab ihr auch die Gestalt und das Ansehen der Koͤnigin, nur das verlorene Auge konnte sie ihr nicht wieder geben. Damit aber der Koͤnig es nicht merken sollte, mußte sie sich auf die Seite legen wo sie kein Auge hatte. Am Abend, als der Koͤnig heim kam, und hoͤrte daß ihm ein Soͤhnlein geboren war, freute er sich herzlich, und wollte ans Bett zu seiner lieben Frau gehen, und wollte sehen was sie machte. Da rief die74 Alte geschwind ‘bei Leibe, laßt die Vorhaͤnge zu, die Koͤnigin darf noch nicht ins Licht sehen, und muß Ruhe haben.’ Der Koͤnig gieng zuruͤck, und wußte nicht daß eine falsche Koͤnigin im Bette lag.
Als es aber Mitternacht war und alles schlief, da sah die Kinderfrau, die in der Kinderstube neben der Wiege saß und allein noch wachte, wie die Thuͤre aufgieng, und die rechte Koͤnigin herein trat. Sie nahm das Kind aus der Wiege, legte es in ihren Arm, und gab ihm zu trinken. Dann schuͤttelte sie ihm sein Kißchen, und legte es wieder hinein, und deckte es mit dem Deckbettchen zu. Sie vergaß aber auch das Rehchen nicht, gieng in die Ecke, wo es lag, und streichelte ihm uͤber den Ruͤcken. Darauf gieng sie ganz stillschweigend wieder zur Thuͤre hinaus, und die Kinderfrau fragte am andern Morgen die Waͤchter ob jemand waͤhrend der Nacht ins Schloß gegangen waͤre; aber sie antworteten ‘nein, wir haben niemand gesehen.’ So kam sie viele Naͤchte, und sprach niemals ein Wort dabei; die Kinderfrau sah sie immer, aber sie getraute nicht jemand etwas davon zu sagen.
Als nun so eine Zeit verflossen war, da hub die Koͤnigin in der Nacht an zu reden und sprach
Die Kinderfrau antwortete ihr nicht, aber als sie wieder verschwunden war, gieng sie zum Koͤnig und erzaͤhlte ihm alles. Sprach der Koͤnig ‘Ach Gott, was ist das! ich will in der75 naͤchsten Nacht bei dem Kinde wachen.’ Abends gieng er auch in die Kinderstube, aber um Mitternacht erschien die Koͤnigin wieder und sprach
Und pflegte dann des Kindes, wie sie gewoͤhnlich that, eh sie verschwand. Der Koͤnig getraute sich nicht sie anzureden; aber die folgende Nacht wachte er wieder, da sprach sie abermals
Da konnte sich der Koͤnig nicht zuruͤckhalten, sprang zu ihr, und sprach ‘du kannst niemand anders sein, als meine liebe Frau.’ Da antwortete sie ‘ja, ich bin deine liebe Frau,’ und hatte in dem Augenblick durch Gottes Gnade das Leben wieder erhalten, war frisch, roth und gesund. Darauf erzaͤhlte sie dem Koͤnig den Frevel, den die boͤse Hexe und ihre Tochter an ihr begangen hatten. Der Koͤnig ließ beide vor Gericht fuͤhren, und sie wurden verurtheilt; die Tochter ward in Wald gefuͤhrt, wo sie die wilden Thiere zerrissen, wie sie sie erblickten; die Hexe aber ward ins Feuer gelegt, und mußte jammervoll verbrennen. Und wie sie davon verzehrt war, verwandelte sich auch das Rehkaͤlbchen, und erhielt seine menschliche Gestalt wieder; und Schwesterchen und Bruͤderchen lebten gluͤcklich zusammen bis an ihr Ende.
Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wuͤnschten sich schon lange vergeblich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoffnung der liebe Gott werde ihren Wunsch erfuͤllen. Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen praͤchtigen Garten sehen, der voll der schoͤnsten Blumen und Kraͤuter stand, er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hinein zu gehen, weil er einer Zauberin gehoͤrte, die große Macht hatte, und von aller Welt gefuͤrchtet wurde. Eines Tags stand die Frau an diesem Fenster, und sah in den Garten hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den schoͤnsten Rapunzeln bepflanzt war, und sie sahen so frisch und gruͤn aus, daß sie luͤstern wurde, und das groͤßte Verlangen empfand von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wußte daß sie keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blaß und elend aus. Da erschrack der Mann, und fragte ‘was fehlt dir liebe Frau?’ ‘Ach,’ antwortete sie, ‘wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm Hause zu essen kriege, so sterbe ich.’ Der Mann, der sie gar lieb hatte, dachte ‘eh du eine Frau sterben laͤssest, holst77 du ihr von den Rapunzeln, es mag kosten was es will.’ Jn der Abenddaͤmmerung stieg er also uͤber die Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile eine Hand voll Rapunzeln, und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich sogleich Salat daraus, und aß sie in voller Begierde auf. Sie hatten ihr aber so gut, so gut geschmeckt daß sie den andern Tag noch dreimal so viel Lust bekam. Sollte sie Ruhe haben, so mußte der Mann noch einmal in den Garten steigen. Er machte sich also in der Abenddaͤmmerung wieder hinab, als er aber die Mauer herabgeklettert war, wie erschrack er als er die Zauberin vor sich stehen sah. ‘Wie kannst du es wagen,’ sagte sie zornig, ‘in meinen Garten wie ein Dieb zu kommen, und mir meine Rapunzeln zu stehlen?’ ‘Ach,’ antwortete er, ‘ungern habe ich mich dazu entschlossen, und nur aus Noth: meine Frau hat eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt, und hat ein so großes Geluͤsten danach daß sie sterben wuͤrde wenn sie nicht davon zu essen bekaͤme.’ Da ließ die Zauberin in ihrem Zorne nach, und sprach zu dem Mann ‘verhaͤlt es sich so, wie du sagst, so will ich dir gestatten Rapunzeln mitzunehmen so viel du willst, allein ich mache eine Bedingung: du mußt mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will fuͤr es sorgen wie eine Mutter.’ Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als die Frau in Wochen kam, so erschien gleich die Zauberin, gab dem Kind den Namen Rapunzel, und nahm es mit sich fort.
Rapunzel wurde das schoͤnste Kind unter der Sonne. Als78 es zwoͤlf Jahr alt war schloß es die Zauberin in einen Thurm, der in einem Walde lag, und weder Treppe noch Thuͤre hatte, nur ganz oben war ein kleines Fensterchen. Wenn die Zauberin hinein wollte, so stellte sie sich unten hin, und rief
Rapunzel hatte lange praͤchtige Haare, fein wie gesponnen Gold. Wenn sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, so band sie ihre Zoͤpfe los, wickelte sie oben um einen Fensterhacken, und dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin stieg daran hinauf.
Nach ein paar Jahren trug es sich zu, daß der Sohn des Koͤnigs durch den Wald ritt, und an dem Thurm voruͤber kam. Da hoͤrte er einen so lieblichen Gesang, daß er still hielt, und horchte. Das war Rapunzel, die in ihrer Einsamkeit sich die Zeit damit vertrieb, ihre suͤße Stimme erschallen zu lassen. Der Koͤnigssohn suchte vergeblich nach einer Thuͤre des Thurms, der Gesang hatte ihm aber so sehr das Herz geruͤhrt, daß er jeden Tag hinaus in den Wald gieng und darauf horchte. Als er einmal so hinter einem Baume stand, sah er die Zauberin herankommen, und hoͤrte wie sie hinauf rief
Da ließ Rapunzel die Haarflechten herab, und die Zauberin stieg zu ihr hinauf. ‘Jst das die Leiter auf welcher man hinauf kommt,’ sprach der Koͤnigssohn, ‘so will ich auch einmal mein79 Gluͤck versuchen.’ Und den folgenden Tag, als es anfieng dunkel zu werden, gieng er zu dem Thurme, und rief
Alsbald fielen die Haare herab, und der Koͤnigssohn stieg hinauf.
Anfangs erschrack Rapunzel gewaltig als ein Mann zu ihr herein kam, wie ihre Augen noch nie einen erblickt hatten, doch der Koͤnigssohn fieng an ganz freundlich mit ihr zu reden, und erzaͤhlte ihr daß von ihrem Gesang sein Herz so sehr sey bewegt worden, daß es ihm keine Ruhe gelassen, und er sie selbst habe sehen muͤssen. Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte ob sie ihn zum Manne nehmen wolle, und sie sah daß er jung und schoͤn war, so dachte sie ‘der wird mich lieber haben als die alte Frau Gothel,’ und sagte ja, und reichte ihm ihre Hand. Sie verabredeten daß er alle Abend zu ihr kommen sollte, aber die Zauberin die nur bei Tage kam, merkte nichts davon, bis einmal Rapunzel anfieng und zu ihr sagte ‘sag sie mir doch, Frau Gothel, wie kommt es nur, sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen, als der junge Koͤnigssohn, der ist in einem Augenblick bei mir.’ ‘Ach du gottloses Kind,’ rief die Zauberin ‘was muß ich von dir hoͤren, so hast du mich doch betrogen!’ Und in ihrem Zorne packte sie die schoͤnen Haare der Rapunzel, schlug sie ein paar Mal um ihre linke Hand, griff eine Scheere mit der rechten, und ritsch, ritsch, waren sie abgeschnitten, und die schoͤnen Flechten lagen auf der Erde. Und sie war so unbarmherzig80 daß sie die arme Rapunzel in eine Wuͤstenei brachte, wo sie in großem Jammer und Elend leben mußte.
Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstossen hatte, machte die Zauberin Abends die abgeschnittenen Haare oben am Fensterhacken fest, und als der Koͤnigssohn kam und rief
so ließ sie die Haare hinab, aber der arme Koͤnigssohn fand oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit boͤsen und giftigen Blicken ansah, und zu ihm sprach ‘fuͤr dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder erblicken’ Der Koͤnigssohn gerieth außer sich vor Schmerz, und in der Verzweiflung stuͤrzte er sich den Thurm herab: das Leben brachte er davon, aber die beiden Augen waren verletzt. Blind irrte er im Walde umher, aß nichts als Wurzeln und Beeren, und that nichts als jammern und weinen uͤber den Verlust seiner liebsten Frau. So irrte er einige Jahre umher, und gerieth endlich in die Wuͤstenei, wo Rapunzel mit den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und Maͤdchen, kuͤmmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und sie daͤuchte ihn so bekannt: da gieng er darauf zu, und wie er heran kam, erkannte ihn Rapunzel, und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Thraͤnen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und er konnte damit sehen wie sonst. Er fuͤhrte sie in sein Reich, und sie lebten noch lange gluͤcklich und vergnuͤgt.
Es war ein Mann, dem starb seine Frau, und eine Frau, der starb ihr Mann; und der Mann hatte eine Tochter, und die Frau hatte auch eine Tochter. Die Maͤdchen waren mit einander bekannt, und giengen zusammen spazieren, und kamen hernach zu der Frau ins Haus. Da sprach sie zu des Mannes Tochter ‘hoͤr, sag deinem Vater, ich wollt ihn heirathen, dann sollst du jeden Morgen dich in Milch waschen und Wein trinken, meine Tochter aber soll sich in Wasser waschen und Wasser trinken.’ Das Maͤdchen gieng nach Haus, und erzaͤhlte seinem Vater was die Frau gesprochen hatte. Der Mann sprach ‘was soll ich thun? das Heirathen ist eine Freude und ist auch eine Qual.’ Endlich, weil er keinen Entschluß fassen konnte, zog er seinen Stiefel aus, und sagte ‘nimm diesen Stiefel, der hat in der Sohle ein Loch, geh damit auf den Boden, haͤng ihn an den großen Nagel, und gieß dann Wasser hinein. Haͤlt er das Wasser, so will ich wieder eine Frau nehmen, laͤufts aber durch, so will ich nicht.’ Das Maͤdchen that wie ihm geheißen war: aber das Wasser zog das Loch zusammen, und der Stiefel ward voll bis obenhin. Nun verkuͤndigte es seinem Vater wies ausgefallen war; er stieg selbst hinauf, und als er sah82 daß es seine Richtigkeit hatte, gieng er zu der Wittwe und freite sie, und die Hochzeit ward gehalten.
Am andern Morgen, als die beiden Maͤdchen sich aufmachten, da stand vor des Mannes Tochter Milch zum Waschen und Wein zum Trinken, vor der Frau Tochter aber stand Wasser zum Waschen und Wasser zum Trinken. Am zweiten Morgen stand Wasser zum Waschen und Wasser zum Trinken so gut vor des Mannes Tochter als vor der Frau Tochter. Und am dritten Morgen stand Wasser zum Waschen und Wasser zum Trinken vor des Mannes Tochter, und Milch zum Waschen und Wein zum Trinken vor der Frau Tochter, und dabei bliebs. Die Frau ward ihrer Stieftochter spinnefeind, und wußte nicht wie sie es ihr von einem Tag zum andern schlimmer machen sollte. Auch war sie neidisch, weil ihre Stieftochter schoͤn und lieblich, ihre rechte Tochter aber haͤßlich und widerlich war.
Einmal im Winter, als es steinhart gefroren hatte, und Berg und Thal vollgeschneit lag, machte die Frau ein Kleid von Papier, rief dann das Maͤdchen, und sprach ‘da zieh das Kleid an, und geh in den Wald, und hol mir ein Koͤrbchen voll Erdbeeren, ich habe Lust danach.’ ‘Du lieber Gott,’ sagte das Maͤdchen, ‘im Winter wachsen ja keine Erdbeeren, die Erde ist gefroren, und der Schnee hat auch alles zugedeckt. Wie soll ich in dem Papierkleide gehen? es ist draußen so kalt, daß einem der Athem friert, da weht ja der Wind hindurch, und die Dornen reißen mirs vom Leib.’ ‘Willst du mir noch widersprechen?’ sagte die Stiefmutter, ‘mach daß du fortkommst, und83 laß dich nicht eher wieder sehen als bis du das Koͤrbchen voll Erdbeeren hast.’ Dann gab sie ihm noch ein Stuͤckchen hartes Brot, und sprach ‘davon kannst du fuͤr den Tag essen,’ und dachte ‘draußen wirds erfrieren und verhungern, und mir nimmermehr wieder vor die Augen kommen.’
Nun war das Maͤdchen gehorsam, that das Papierkleid an, und gieng mit dem Koͤrbchen hinaus. Da war nichts als Schnee die Weite und Breite, und war kein gruͤnes Haͤlmchen zu merken. Als es in den Wald kam, sah es ein kleines Haͤuschen, daraus guckten drei kleine Haulemaͤnnerchen, denen wuͤnschte es die Tageszeit, und klopfte an der Thuͤre. Sie riefen herein, und es gieng in die Stube, und setzte sich auf die Bank am Ofen, da wollte es sich waͤrmen und sein Fruͤhstuͤck essen. Die Haulemaͤnnerchen sprachen ‘gieb uns auch etwas davon.’ ‘Gerne’ sprach es, theilte sein Stuͤckchen Brot entzwei, und gab ihnen die Haͤlfte. Sie fragten ‘was willst du zur Winterzeit in deinem duͤnnen Kleidchen hier im Wald?’ ‘Ach,’ antwortete es, ‘ich soll ein Koͤrbchen voll Erdbeeren suchen, und darf nicht eher nach Hause kommen, als bis ich es mitbringe.’ Als es nun sein Brot gegessen, gaben sie ihm einen Besen, und sprachen ‘damit kehre an der Hinterthuͤre den Schnee weg.’ Wie es aber draußen war, sprachen die drei Maͤnnerchen untereinander ‘was sollen wir ihm schenken, weil es so artig und gut ist, und sein Brot mit uns getheilt hat?’ Da sagte der erste ‘ich schenk ihm daß es jeden Tag schoͤner wird.’ Der zweite sprach ‘ich schenk ihm daß die Goldstuͤcke ihm aus dem Mund fallen, so oft es84 ein Wort spricht.’ Der dritte sprach ‘ich schenk ihm daß ein Koͤnig kommt, und es zu seiner Gemahlin macht.’
Das Maͤdchen aber kehrte mit dem Besen der Haulemaͤnnerchen den Schnee hinter dem kleinen Hause weg, und fand darunter alles roth von schoͤnen reifen Erdbeeren. Da raffte es in seiner Freude sein Koͤrbchen voll, dankte den kleinen Maͤnnern, nahm Abschied von ihnen, und lief nach Haus, und wollte es der Stiefmutter bringen. Und wie es eintrat und ‘guten Abend’ sagte, fiel ihm schon ein Goldstuͤck aus dem Mund. Darauf erzaͤhlte es was ihm im Walde begegnet war, aber bei jedem Worte das es sprach, fielen ihm die Goldstuͤcke aus dem Mund so daß bald die ganze Stube damit bedeckt wurde. ‘Nun sehe einer den Uebermuth,’ sagte die Stiefschwester, ‘das Geld so hinzuwerfen,’ aber heimlich war sie neidisch daruͤber, und lag der Mutter bestaͤndig an daß sie es auch in den Wald schicken moͤchte. Die Mutter wollte aber nicht, und sprach ‘nein, mein liebes Toͤchterchen, es ist zu kalt, du koͤnntest mir erfrieren.’ Weil es sie aber plagte, und ihr keine Ruhe ließ, gab sie endlich nach, naͤhte ihm aber vorher einen praͤchtigen Pelzrock, den es anziehen mußte, und gab ihm Butterbrot und Kuchen mit auf den Weg.
Das Maͤdchen gieng in den Wald und gerade nach dem kleinen Haͤuschen. Die drei kleinen Haulemaͤnner guckten wieder, aber es gruͤßte sie nicht, gieng geradezu in die Stube hinein, setzte sich an den Ofen, und fieng an sein Butterbrot und seinen Kuchen zu essen. ‘Gieb uns doch davon’ riefen die Kleinen,85 aber es antwortete ‘es schickt mir selber nicht, wie kann ich andern noch davon abgeben?’ Als es nun fertig war mit dem Essen, sprachen sie ‘da hast du einen Besen, kehr uns vor der Hinterthuͤr rein.’ ‘Ei, kehrt euch selber,’ antwortete es, ‘ich bin eure Magd nicht.’ Wie es sah daß sie ihm nichts schenken wollten, gieng es zur Thuͤre hinaus. Da sprachen die kleinen Maͤnner untereinander ‘was sollen wir ihm schenken, weil es so unartig ist, und ein boͤses neidisches Herz hat, das niemand etwas goͤnnt?’ Der erste sprach ‘ich schenk ihm daß es jeden Tag haͤßlicher wird.’ Der zweite sprach ‘ich schenk ihm daß ihm bei jedem Wort, das es spricht, eine Kroͤte aus dem Mund springt.’ Der dritte sprach ‘ich schenk ihm daß es eines ungluͤcklichen Todes stirbt.’ Das Maͤdchen suchte draußen nach Erdbeeren, als es aber keine fand, gieng es verdrießlich nach Haus. Und wie es den Mund aufthat, und seiner Mutter erzaͤhlen wollte was ihm im Walde begegnet war, da sprang ihm bei jedem Wort eine Kroͤte aus dem Mund, so daß alle einen Abscheu vor ihm bekamen.
Nun aͤrgerte sich die Stiefmutter noch viel mehr, und dachte nur darauf wie sie der Tochter des Mannes alles Herzeleid anthun wollte, deren Schoͤnheit doch alle Tage groͤßer ward. Endlich nahm sie einen Kessel, setzte ihn zum Feuer, und sott Garn darin. Als es gesotten war, gab sie es dem armen Maͤdchen und eine Axt dazu, damit sollte es auf den gefrornen Fluß gehen, ein Eisloch hauen, und das Garn schlittern. Nun war es gehorsam, gieng hin, und haute ein Loch, und als es mitten im86 Hauen war, kam ein praͤchtiger Wagen hergefahren, worin der Koͤnig saß. Er hielt still, und fragte ‘mein Kind, wer bist du, und was machst du da?’ ‘Jch bin ein armes Maͤdchen, und schlittere Garn.’ Da fuͤhlte der Koͤnig Mitleiden, und als er sah wie es so gar schoͤn war, sprach er ‘willst du mit mir fahren?’ ‘Ach ja, von Herzen gern’ antwortete es, denn es war froh daß es der Mutter und Schwester aus den Augen kommen sollte.
Also stieg es in den Wagen, und fuhr mit dem Koͤnig fort, und als sie auf sein Schloß gekommen waren, ward die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert, wie es die kleinen Maͤnnlein dem Maͤdchen geschenkt hatten. Ueber ein Jahr gebar die junge Koͤnigin einen Sohn, und als die Stiefmutter von dem großen Gluͤcke gehoͤrt hatte, so kam sie mit ihrer Tochter gegangen, und that als wollte sie einen Besuch machen. Als aber der Koͤnig einmal hinaus gegangen und sonst niemand zugegen war, packte das boͤse Weib die Koͤnigin am Kopf, und ihre Tochter an den Fuͤßen, hoben sie aus dem Bett, und warfen sie zum Fenster hinaus in den vorbei fließenden Strom. Dann nahm sie ihre haͤßliche Tochter, legte sie ins Bett, und deckte sie zu bis uͤber den Kopf. Als der Koͤnig wieder zuruͤck kam, und mit seiner Frau sprechen wollte, rief die Alte ‘still, still! jetzt geht das nicht, sie liegt in großem Schweiß, ihr muͤßt sie heute ruhen lassen.’ Der Koͤnig dachte nichts Boͤses dabei, und kam erst den andern Morgen wieder, und wie er mit seiner Frau sprach, und sie ihm antworten mußte, sprang bei jedem Wort eine Kroͤte hervor, waͤhrend sonst ein Goldstuͤck herausgefallen87 war. Da fragte er was das waͤre, aber die Alte sprach das haͤtte sie von dem großen Schweiß gekriegt, und wuͤrde sich schon wieder verlieren.
Jn der Nacht aber sah der Kuͤchenjunge wie eine Ente durch die Gosse geschwommen kam, die sprach
Und als er keine Antwort gab, sprach sie
Da antwortete der Kuͤchenjunge
Fragte sie weiter
Antwortete er
Da gieng sie in der Koͤnigin Gestalt hinauf, gab ihm zu trinken, schuͤttelte ihm sein Bettchen, deckte es zu, und schwamm als Ente wieder durch die Gosse fort. So kam sie zwei Naͤchte, in der dritten sprach sie zu dem Kuͤchenjungen ‘geh und sage dem Koͤnig daß er sein Schwert nimmt, und auf der Schwelle dreimal uͤber mir schwingt.’ Da lief der Kuͤchenjunge, und sagte es dem Koͤnig, der kam mit seinem Schwert, und schwang es dreimal uͤber dem Geist; und beim drittenmal stand seine Gemahlin vor ihm, frisch, lebendig und gesund, wie sie vorher gewesen war.
Nun war der Koͤnig in großer Freude, und hielt die Koͤnigin88 in einer Kammer verborgen bis auf den Sonntag, wo das Kind getauft werden sollte. Und als es getauft war, sprach er ‘was gehoͤrt einem Menschen, der den andern aus dem Bett traͤgt und ins Wasser wirft?’ ‘Nichts besseres,’ antwortete die Alte, ‘als daß er in ein Faß gesteckt wird, das mit Naͤgeln ausgeschlagen ist, und den Berg hinab ins Wasser gerollt.’ Da ließ der Koͤnig ein solches Faß holen, und die Alte mit ihrer Tochter hineinstecken, dann ward der Boden zugehaͤmmert, und das Faß bergab gekullert, bis es in den Fluß rollte.
Es war ein Maͤdchen faul und wollte nicht spinnen, und die Mutter mochte sagen was sie wollte, sie konnte es nicht dazu bringen. Endlich uͤbernahm die Mutter einmal Zorn und Ungeduld, daß sie ihm Schlaͤge gab, woruͤber es laut zu weinen anfieng. Nun fuhr gerade die Koͤnigin vorbei, und als sie das Weinen hoͤrte, ließ sie anhalten, trat in das Haus, und fragte die Mutter, warum sie ihre Tochter schluͤge, daß man draußen auf der Straße das Weinen hoͤrte. Da schaͤmte sich die Frau daß sie die Faulheit ihrer Tochter offenbaren sollte, und sprach ‘ich kann sie nicht vom Spinnen abbringen, sie will immer und ewig spinnen, und ich bin arm und kann den Flachs nicht herbeischaffen.’ Da antwortete die Koͤnigin ‘ich hoͤre nichts lieber als spinnen, und bin nicht vergnuͤgter als wenn die Raͤder schnurren; gebt mir eure Tochter mit ins Schloß, ich habe Flachs genug, da soll sie spinnen, so viel sie Lust hat.’ Die Mutter wars von Herzen gerne zufrieden, und die Koͤnigin nahm das Maͤdchen mit. Als sie ins Schloß gekommen waren, fuͤhrte sie es hinauf zu drei Kammern, die lagen von unten bis oben voll vom schoͤnsten Flachs. ‘Nun spinn mir diesen Flachs,’ sprach sie, und wenn du es fertig bringst, so sollst du meinen aͤltesten Sohn90 zum Gemahl haben; bist du gleich arm, so acht ich nicht darauf, dein unverdroßner Fleiß ist Ausstattung genug.’ Das Maͤdchen erschrack innerlich, denn es konnte den Flachs nicht spinnen, und waͤrs dreihundert Jahr alt geworden, und haͤtte jeden Tag von Morgen bis Abend dabei gesessen. Als es nun allein war, fieng es an zu weinen, und saß so drei Tage ohne die Hand zu ruͤhren. Am dritten Tage kam die Koͤnigin, und als sie sah daß noch nichts gesponnen war, verwunderte sie sich, aber das Maͤdchen entschuldigte sich damit, daß es vor großer Betruͤbnis uͤber die Entfernung aus seiner Mutter Hause noch nicht haͤtte anfangen koͤnnen. Das ließ sich die Koͤnigin gefallen, sagte aber beim Weggehen ‘morgen mußt du mir anfangen zu arbeiten.’
Als nun das Maͤdchen wieder allein war, wußte es sich nicht mehr zu rathen und zu helfen, und trat in seiner Betruͤbnis vor das Fenster. Da sah es drei Weiber herkommen, davon hatte die erste einen breiten Platschfuß, die zweite hatte eine so große Unterlippe, daß sie uͤber das Kinn herunterhing, und die dritte hatte einen breiten Daumen. Als sie vor dem Fenster waren, blieben sie stehen, schauten hinauf, trugen dem Maͤdchen ihre Huͤlfe an, und sprachen ‘willst du uns zur Hochzeit einladen, dich unser nicht schaͤmen, und uns deine Basen heißen, auch an deinen Tisch setzen, so wollen wir dir den Flachs wegspinnen, und das in kurzer Zeit.’ ‘Von Herzen gern,’ antwortete es, ‘kommt nur herein, und fangt gleich die Arbeit an.’ Da ließ es die drei seltsamen Weiber herein, und machte in der ersten Kammer eine Luͤcke, wo sie sich hinein setzten, und ihr Spinnen anhuben. 91Die eine zog den Faden und trat das Rad; die andere netzte den Faden, die dritte drehte ihn, und schlug mit dem Finger auf den Tisch, und so oft sie schlug, fiel eine Zahl Garn zur Erde, und das war aufs feinste gesponnen. Vor der Koͤnigin verbarg sie die drei Spinnerinnen, und zeigte ihr, so oft sie kam, die Menge des gesponnenen Garns, daß diese des Lobes kein Ende fand. Als die erste Kammer leer war, giengs an die zweite, endlich an die dritte, und die war auch bald zu Ende. Nun nahmen die drei Weiber Abschied und sagten zum Maͤdchen ‘vergiß nicht, was du uns versprochen hast: es wird dein Gluͤck seyn.’
Als das Maͤdchen der Koͤnigin die leeren Kammern und den großen Haufen Garn zeigte, richtete sie die Hochzeit aus, und der Braͤutigam freute sich daß er eine so geschickte und fleißige Frau bekaͤme, und lobte sie gar sehr. ‘Jch habe drei Basen, sprach das Maͤdchen, ‘da sie mir viel Gutes gethan, so wollte ich sie nicht gern in meinem Gluͤck vergessen: erlaubt doch daß ich sie zu der Hochzeit einlade, und daß sie mit an dem Tisch sitzen.’ Die Koͤnigin und der Braͤutigam gaben gern ihre Einwilligung. Als nun das Fest anhub, traten die drei Jungfern in wunderlicher Tracht herein, und die Braut sprach ‘seyd willkommen, liebe Basen.’ ‘Ach,’ sagte der Braͤutigam, ‘wie kommst du zu der garstigen Freundschaft?’ Darauf gieng er zu der einen mit dem breiten Platschfuß, und fragte ‘warum habt ihr einen solchen breiten Fuß? ‘Vom Treten,’ antwortete sie, ‘vom Treten.’ Da gieng der Braͤutigam zur zweiten, und92 sprach ‘wovon habt ihr nur die herunterhaͤngende Lippe?’ ‘Vom Lecken,’ antwortete sie, ‘vom Lecken.’ Da fragte er die dritte ‘wovon habt ihr den breiten Daumen?’ ‘Vom Faden drehen,’ antwortete sie, ‘vom Faden drehen.’ Da erschrack der Koͤnigssohn und sprach ‘so soll mir nun und nimmermehr meine schoͤne Braut ein Spinnrad anruͤhren.’ Damit war sie das boͤse Flachsspinnen los.
Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker, der hatte nichts zu beißen und zu brechen, und kaum das taͤgliche Brot fuͤr seine Frau und seine zwei Kinder, Haͤnsel und Grethel. Endlich kam die Zeit da konnte er auch das nicht schaffen, und wußte keine Huͤlfe mehr fuͤr seine Noth. Wie er sich nun Abends vor Sorge im Bett herumwaͤlzte, sprach seine Frau zu ihm ‘hoͤr, Mann, morgen fruͤh nimm die beiden Kinder, gieb jedem noch ein Stuͤckchen Brot, dann fuͤhre sie hinaus in den Wald, mitten inne, wo er am dicksten ist, da mach ihnen ein Feuer an, und dann geh weg, und laß sie dort allein: wir koͤnnen sie nicht laͤnger ernaͤhren.’ ‘Nein, Frau,’ sagte der Mann, ‘wie soll ich uͤbers Herz bringen, meine eigenen lieben Kinder den wilden Thieren im Wald zu uͤberliefern, die wuͤrden sie bald zerrissen haben. ‘Wenn du das nicht thust,’ sprach die Frau, ‘so muͤssen wir alle miteinander Hungers sterben,’ und ließ ihm keine Ruhe, bis er einwilligte.
Die zwei Kinder waren auch noch vor Hunger wach gewesen, und hatten mit angehoͤrt was die Mutter zum Vater gesagt hatte. Grethel dachte ‘nun ist es um mich geschehen,’94 und fieng erbaͤrmlich an zu weinen, Haͤnsel aber sprach ‘sey still, Grethel, und graͤme dich nicht, ich will uns schon helfen.’ Damit stieg er auf, zog sein Roͤcklein an, machte die Unterthuͤre auf, und schlich hinaus. Da schien der Mond hell, und die weißen Kieselsteine glaͤnzten wie lauter Batzen. Haͤnsel buͤckte sich, und steckte so viel in sein Rocktaͤschlein als nur hinein wollten, dann gieng er zuruͤck ins Haus. ‘Troͤste dich, Grethel, und schlaf nur ruhig’ sprach er, legte sich wieder ins Bett und schlief ein.
Morgens fruͤh, ehe die Sonne noch aufgegangen war, kam die Mutter und weckte die beiden Kinder ‘steht auf, wir wollen in den Wald gehen. Da hat jedes von euch ein Stuͤcklein Brot, aber haltets zu Rath, und hebts euch fuͤr den Mittag auf.’ Grethel nahm das Brot unter die Schuͤrze, weil Haͤnsel die Steine in der Tasche hatte, dann machten sie sich auf den Weg zum Wald hinein. Wie sie ein Weilchen gegangen waren, stand Haͤnsel still, und guckte nach dem Haus zuruͤck, bald darauf wieder und immer wieder. Der Vater sprach ‘Haͤnsel, was guckst du da und bleibst zuruͤck, hab Acht und heb deine Beine auf.’ ‘Ach, Vater, ich seh nach meinem weißen Kaͤtzchen, das sitzt oben auf dem Dach und will mir Ade sagen.’ Die Mutter sprach ‘Narr, das ist dein Kaͤtzchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint.’ Haͤnsel aber hatte nicht nach dem Kaͤtzchen gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen aus seiner Tasche auf den Weg geworfen.
95Wie sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater ‘nun sammelt Holz, ihr Kinder, ich will ein Feuer anmachen, daß wir nicht frieren.’ Haͤnsel und Grethel trugen Reisig zusammen, einen kleinen Berg hoch. Da steckten sie es an, und wie die Flamme recht groß brannte, sagte die Mutter ‘nun legt euch ans Feuer und schlaft, wir wollen in dem Wald das Holz faͤllen: wartet bis wir wieder kommen, und euch abholen.’
Haͤnsel und Grethel saßen an dem Feuer bis zu Mittag, da aß jedes sein Stuͤcklein Brot; sie glaubten, der Vater waͤre noch im Wald, weil sie die Schlaͤge einer Axt hoͤrten, aber das war ein Ast, den er an einen Baum gebunden hatte, und den der Wind hin und her schlug. Nun warteten sie bis zum Abend, aber Vater und Mutter blieben aus, und niemand wollte kommen und sie abholen. Wie es nun finstere Nacht wurde, fieng Grethel an zu weinen, Haͤnsel aber sprach ‘wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist.’ Und als der Mond aufgegangen war, faßte er Grethel bei der Hand, da lagen die Kieselsteine, und schimmerten wie neugeschlagene Batzen, und zeigten ihnen den Weg. Da giengen sie die ganze Nacht durch, und wie es Morgen war, kamen sie wieder bei ihres Vaters Haus an. Der Vater freute sich als er seine Kinder wieder sah, denn es war ihm zu Herzen gegangen, wie er sie so allein gelassen hatte; die Mutter stellte sich auch als wenn sie sich freute, heimlich aber war sie boͤs.
Nicht lange darnach war wieder kein Brot im Hause,96 und Haͤnsel und Grethel hoͤrten wie Abends die Mutter zum Vater sagte ‘einmal haben die Kinder den Weg zuruͤckgefunden, und da habe ichs gut seyn lassen: aber jetzt ist wieder nichts als nur noch ein halber Laib Brot im Haus, du mußt sie morgen tiefer in den Wald fuͤhren, daß sie den Weg nicht zuruͤck finden, es ist sonst keine Huͤlfe mehr fuͤr uns.’ Dem Mann fiels schwer aufs Herz, und er dachte ‘es waͤre doch besser wenn du den letzten Bissen mit deinen Kindern theiltest;’ weil er aber einmal eingewilligt hatte, so durfte er nicht nein sagen. Als die Kinder das Gespraͤch gehoͤrt hatten, stand Haͤnsel auf, und wollte wieder Kieselsteine auflesen, wie er aber an die Thuͤre kam, da hatte sie die Mutter zugeschlossen Doch troͤstete er die Grethel, und sprach ‘schlaf nur, Grethel, der liebe Gott wird uns schon helfen.’
Morgens fruͤh erhielten sie ihr Stuͤcklein Brot, noch kleiner als das vorigemal. Auf dem Wege broͤckelte es Haͤnsel in der Tasche, stand oft still, und warf ein Broͤcklein an die Erde. ‘Was bleibst du immer stehen, Haͤnsel, und guckst dich um?’ sagte der Vater, ‘geh deiner Wege.’ ‘Jch sehe nach meinem Taͤubchen, das sitzt auf dem Dach, und will mir Ade sagen.’ ‘Du Narr,’ sagte die Mutter, das ist dein Taͤubchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein oben scheint.’ Haͤnsel aber zerbroͤckelte all sein Brot, und warf die Broͤcklein auf den Weg.
Die Mutter fuͤhrte sie noch tiefer in den Wald hinein, wo sie ihr Lebtag nicht gewesen waren, da sollten sie wieder bei97 einem großen Feuer sitzen und schlafen, und Abends wollten die Eltern kommen und sie abholen. Zu Mittag theilte Grethel ihr Brot mit Haͤnsel, weil der seins all auf den Weg gestreut hatte, aber der Mittag vergieng, und der Abend vergieng, und niemand kam zu den armen Kindern. Haͤnsel troͤstete die Grethel und sagte ‘wart, wenn der Mond aufgeht, dann seh ich die Broͤcklein Brot, die ich ausgestreut habe, die zeigen uns den Weg nach Haus.’ Der Mond gieng auf, wie aber Haͤnsel nach den Broͤcklein sah, da waren sie weg: die viel tausend Voͤglein in dem Wald, die hatten sie gefunden und aufgepickt. Haͤnsel meinte doch den Weg nach Haus zu finden, und zog die Grethel mit sich: aber sie verirrten sich bald in der großen Wildnis, und giengen die Nacht und den ganzen Tag, da schliefen sie vor Muͤdigkeit ein. Dann giengen sie noch einen Tag, aber sie kamen nicht aus dem Wald heraus, und waren so hungrig, denn sie hatten nichts zu essen, als ein paar kleine Beeren, die auf der Erde standen.
Als sie am dritten Tage wieder bis zu Mittag gegangen waren, da kamen sie an ein Haͤuslein, das war ganz aus Brot gebaut, und war mit Kuchen gedeckt, und die Fenster waren von hellem Zucker. ‘Da wollen wir uns niedersetzen, und uns satt essen,’ sagte Haͤnsel, ‘ich will vom Dach essen, iß du vom Fenster, Grethel, das ist fein suͤß fuͤr dich.’ Wie nun Grethel an dem Zucker knuperte, rief drinnen eine feine Stimme
Die Kinder antworteten
Und aßen weiter. Grethel brach sich eine ganze runde Fensterscheibe heraus, und Haͤnsel riß sich ein großes Stuͤck Kuchen vom Dach ab. Da gieng die Thuͤre auf, und eine steinalte Frau kam heraus geschlichen. Haͤnsel und Grethel erschracken so gewaltig, daß sie fallen ließen was sie in Haͤnden hatten. Die Alte aber wackelte mit dem Kopf, und sagte ‘ei, ihr lieben Kinder, wo seyd ihr denn hergelaufen, kommt herein mit mir, ihr sollts gut haben,’ faßte beide an der Hand, und fuͤhrte sie in ihr Haͤuschen. Da ward gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannkuchen mit Zucker, Aepfel und Nuͤsse, und dann wurden zwei schoͤne Bettlein bereitet: da legten sich Haͤnsel und Grethel hinein, und meinten sie waͤren im Himmel.
Die Alte aber war eine boͤse Hexe, die lauerte den Kindern auf, und hatte bloß um sie zu locken ihr Brothaͤuslein gebaut, und wenn eins in ihre Gewalt kam, da machte sie es todt, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Da war sie nun recht froh wie Haͤnsel und Grethel ihr zugelaufen kamen. Fruͤh, ehe sie noch erwacht waren, stand sie schon auf, gieng an ihr Bettlein, und wie sie die zwei so lieblich ruhen sah, freute sie sich, und murmelte ‘das wird ein guter Bissen fuͤr mich seyn.’ Darauf packte sie Haͤnsel, und steckte ihn in einen kleinen Stall; wie er nun aufwachte, war er von einem Gitter umschlossen, wie man junge Huͤhnlein einsperrt, und99 konnte nur ein paar Schritte gehen. Dann aber ruͤttelte sie die Grethel aus dem Schlaf, und rief ‘steh auf, du Faullenzerin, hol Wasser, und geh in die Kuͤche, und koch was gutes zu Essen, dort steckt dein Bruder in einem Stall, den will ich erst fett machen, und wenn er fett ist, dann will ich ihn essen; jetzt sollst du ihn fuͤttern.’ Grethel erschrack und weinte, mußte aber thun was die boͤse Hexe verlangte. Da ward nun alle Tage dem Haͤnsel das beste Essen gekocht, daß er fett werden sollte: Grethel aber bekam nichts, als die Krebsschalen. Alle Tage kam die Alte und sagte ‘Haͤnsel, streck deine Finger heraus, daß ich fuͤhle ob du bald fett genug bist.’ Haͤnsel streckte ihr aber immer statt des Fingers ein Knoͤchlein heraus: da verwunderte sie sich daß er so mager blieb, und gar nicht zunehmen wollte.
Nach vier Wochen sagte sie eines Abends zu Grethel ‘sey flink, geh und trag Wasser herbei, dein Bruͤderchen mag nun fett sein oder nicht, morgen will ich es schlachten und sieden; ich will derweile den Teig anmachen, daß wir auch dazu backen koͤnnen.’ Da gieng Grethel mit traurigem Herzen, und trug das Wasser, worin Haͤnsel sollte gesotten werden. Fruͤh Morgens mußte Grethel aufstehen, Feuer anzuͤnden, und den Kessel mit Wasser aufhaͤngen. ‘Gieb nun Acht,’ sagte die Hexe, ‘ich will Feuer in den Backofen machen, und das Brot hineinschieben.’ Grethel stand in der Kuͤche, und weinte blutige Thraͤnen, und dachte ‘haͤtten uns lieber die wilden Thiere im Walde gefressen, so waͤren wir zusammen gestorben, und muͤßten nun nicht das Herzeleid tragen: und ich muͤßte nicht selber das100 Wasser heiß machen zu dem Tode meines lieben Bruders: barmherziger Gott, hilf uns armen Kindern aus der Noth.’
Da rief die Alte ‘Grethel, komm her zu dem Backofen.’ Wie Grethel kam, sagte sie ‘guck hinein ob das Brot schon huͤbsch braun und gar ist, meine Augen sind schwach, ich kann nicht so weit sehen, und wenn du auch nicht kannst, so setz dich auf das Brett, so will ich dich hineinschieben, da kannst du darin herum gehen und nachsehen.’ Sobald aber Grethel darin war, wollte sie zumachen, und Grethel sollte in dem heißen Ofen backen, und dann wollte sie es auch aufessen. Gott gab es aber dem Maͤdchen in den Sinn, daß es sprach ‘ich weiß nicht wie ich das anfangen soll, zeige mirs erst, und setz dich auf, ich will dich hineinschieben.’ Da setzte sich die Alte auf das Brett, und weil sie leicht war, schob Grethel sie hinein, so weit der Stiel an dem Brett reichte, und dann machte es geschwind die Thuͤre zu, und steckte den eisernen Riegel vor. Nun fieng die Alte an in dem heißen Bockofen zu schreien und zu jammern; Grethel aber lief fort, und die gottlose Hexe mußte elendiglich verbrennen.
Da lief Grethel zum Haͤnsel, machte ihm sein Thuͤrchen auf, und rief ‘spring heraus, Haͤnsel, wir sind erloͤst.’ Da sprang Haͤnsel heraus, wie ein eingesperrtes Voͤglein aus dem Kaͤfig springt, wenn ihm das Thuͤrchen geoͤffnet wird. Und sie weinten vor Freude, und kuͤßten einander herzlich. Das ganze Haͤuschen aber war voll von Edelsteinen und Perlen, damit fuͤllten sie ihre Taschen, giengen fort, und suchten den Weg101 nach Haus. Sie kamen aber vor ein großes Wasser, und konnten nicht hinuͤber. Da sah das Schwesterchen ein weißes Entchen hin und her schwimmen, dem rief es ‘ach, liebes Entchen, nimm uns auf deinen Ruͤcken.’ Als das Entchen das hoͤrte, kam es geschwommen, und trug Grethel hinuͤber, und dann holte es auch Haͤnsel. Darnach fanden sie bald ihre Heimath. Der Vater freute sich herzlich als er sie wieder sah, denn er hatte keinen vergnuͤgten Tag gehabt, seit seine Kinder fort waren. Die Mutter aber war gestorben. Nun brachten die Kinder Reichthuͤmer genug mit, und sie brauchten fuͤr Essen und Trinken nicht mehr zu sorgen.
Es war einmal ein armer Mann, der konnte seinen einzigen Sohn nicht mehr ernaͤhren. Da sprach der Sohn ‘lieber Vater, es geht euch so kuͤmmerlich, ich falle euch zur Last, lieber will ich selbst fortgehen und sehen wie ich mein Brot verdiene.’ Da gab ihm der Vater seinen Segen, und nahm mit großer Trauer von ihm Abschied. Zu dieser Zeit fuͤhrte der Koͤnig eines maͤchtigen Reichs Krieg, der Juͤngling begab sich zu dem Heer, und zog mit ins Feld. Und als er vor den Feind kam, so ward eine Schlacht geliefert, und es war große Gefahr, und regnete blaue Bohnen, daß seine Kammeraden von allen Seiten niederfielen. Und als auch der Anfuͤhrer blieb, so wollten die uͤbrigen die Flucht ergreifen, aber der Juͤngling trat heraus, sprach ihnen Muth zu, und rief ‘wir wollen unser Vaterland nicht zu Grunde gehen lassen.’ Da folgten ihm die andern, und er drang ein, und schlug den Feind. Der Koͤnig, als er hoͤrte daß er ihm allein den Sieg zu danken habe, erhob ihn uͤber alle andern, gab ihn große Schaͤtze, und machte ihn zum ersten in seinem Reich.
Der Koͤnig hatte eine Tochter, die ebenso schoͤn als wunderlich103 war. Sie hatte das Geluͤbde gethan, keinen zum Herrn und Gemahl zu nehmen der nicht verspreche, wenn sie zuerst sterbe, sich lebendig mit ihr begraben zu lassen. ‘Hat er mich von Herzen lieb,’ sagte sie, ‘wozu dient ihm dann noch das Leben?’ Dagegen wollte sie ein Gleiches thun, und wenn er zuerst stuͤrbe, mit ihm in das Grab steigen. Dieses seltsame Geluͤbde hatte bis jetzt alle Freier abgeschreckt, aber der Juͤngling wurde von ihrer Schoͤnheit so eingenommen, daß er auf nichts achtete, sondern bei ihrem Vater um sie anhielt. ‘Weißt du auch,’ sprach der Koͤnig, ‘was du versprechen mußt?’ ‘Jch muß mit ihr in das Grab gehen,’ antwortete er, ‘wenn ich sie uͤberlebe, aber meine Liebe ist so groß daß ich der Gefahr nicht achte.’ Da willigte der Koͤnig ein, und die Hochzeit ward mit großer Freude gefeiert.
Nun lebten sie eine Zeitlang gluͤcklich und vergnuͤgt mit einander, da geschah es daß die junge Koͤnigin in eine schwere Krankheit fiel, und kein Arzt ihr helfen konnte. Und als sie todt da lag, da erinnerte sich der junge Koͤnig was er hatte versprechen muͤssen, und es grauste ihm davor, aber es war kein Ausweg: der Koͤnig hatte alle Thore mit Wachen besetzen lassen, und es war nicht moͤglich dem Schicksal zu entgehen. Als der Tag kam wo die Leiche in das koͤnigliche Gesetz beigesetzt wurde, da ward er mit hinabgefuͤhrt, und dann das Thor verriegelt und verschlossen.
Neben dem Sarg stand ein Tisch, darauf vier Lichter, vier Laibe Brot und vier Flaschen Wein. Sobald dieser Vorrath zu104 Ende gieng mußte er verschmachten. Nun saß er da voll Schmerz und Trauer, aß jeden Tag nur ein Bißlein Brot, trank nur einen Schluck Wein, und sah doch wie der Tod immer naͤher ruͤckte. Jndem er so vor sich hinstarrte, sah er aus der Ecke des Gewoͤlbes eine Schlange hervor kriechen, die sich der Leiche naͤherte. Und weil er dachte sie kaͤme um sie zu verletzen, zog er sein Schwert, und sprach ‘so lange ich lebe sollst du sie nicht anruͤhren,’ und hieb sie in drei Stuͤcke. Ueber ein Weilchen kroch eine zweite Schlange aus der Ecke hervor, als sie aber die andere todt und zerstuͤckt liegen fand, gieng sie zuruͤck, und kam bald wieder, und hatte drei gruͤne Blaͤtter im Munde. Dann nahm sie die drei Stuͤcke von der Schlange, legte sie, wie sie zusammen gehoͤrten, und that auf jede Wunde eins von den Blaͤttern. Alsbald fuͤgte sich das Getrennte an einander, die Schlange regte sich und war lebendig, und beide eilten mit einander fort. Die Blaͤtter blieben auf der Erde liegen, und der Ungluͤckliche, der alles mit angesehen hatte, kam auf den Gedanken daß die wunderbare Kraft der Blaͤtter, welche die Schlange wieder lebendig gemacht, auch einem Menschen helfen koͤnnte. Er hob also die Blaͤtter auf, und legte eins davon auf den Mund der Todten, die beiden andern auf ihre Augen. Und kaum war es geschehen, so bewegte sich das Blut in den Adern, stieg in das bleiche Angesicht, und roͤthete es wieder. Da zog sie Athem, schlug die Augen auf und sprach ‘ach, Gott, wo bin ich?’ ‘Du bist bei mir, liebe Frau,’ antwortete er, und erzaͤhlte ihr wie alles gekommen war und er sie wieder ins Leben105 erweckt hatte. Dann reichte er ihr etwas Wein und Brot, und als sie wieder zu Kraͤften gekommen war, erhob sie sich, und sie giengen zu der Thuͤre, und klopften und riefen so laut daß es die Wachen hoͤrten und dem Koͤnige meldeten. Der Koͤnig kam selbst herab und oͤffnete die Thuͤre, da fand er beide frisch und gesund, und freute sich mit ihnen daß nun alle Noth uͤberstanden war. Die drei Schlangenblaͤtter aber nahm der junge Koͤnig mit, gab sie einem Diener, und sprach ‘verwahr sie mir sorgfaͤltig, und trag sie zu jeder Zeit bei dir, wer weiß in welcher Noth sie uns noch helfen koͤnnen.’
Es war aber in der Frau, nachdem sie wieder ins Leben war erweckt worden, eine Veraͤnderung vorgegangen: es war als ob alle Liebe zu ihrem Manne aus ihrem Herzen gewichen waͤre. Und als nach einiger Zeit eine Fahrt nach seinem alten Vater geschehen sollte und sie aufs Meer kamen, so vergaß sie gaͤnzlich der großen Liebe und Treue, die er ihr bewiesen und womit er sie vom Tode gerettet hatte, und faste eine boͤse Neigung zu dem Schiffer. Und als der junge Koͤnig einmal da lag und schlief, rief sie den Schiffer herbei, und faßte den schlafenden am Kopfe, und der Fischer mußte ihn an den Fuͤßen fassen, und so warfen sie ihn hinab ins Meer. Als die Schandthat vollbracht war, sprach sie zu ihm ‘nun laß uns heimkehren und sagen er sey unterwegs gestorben. Jch will dich schon bei meinem Vater so herausstreichen und ruͤhmen, daß er mich mit dir vermaͤhlt und zum Erben seiner Krone einsetzt.’ Aber der treue Diener, der alles mit angesehen hatte, machte unbemerkt ein kleines106 Schifflein von dem großen los, setzte sich hinein, schiffte seinem Herrn nach, und ließ die Verraͤther fortfahren. Er fischte den Todten wieder auf, und mit Hilfe der drei Schlangenblaͤtter, die er bei sich trug, und auf die Augen und den Mund legte, brachte er ihn gluͤcklich wieder ins Leben.
Sie ruderten beide aus allen Kraͤften Tag und Nacht, und ihr kleines Schiff flog so schnell dahin daß sie fruͤher als das andere bei dem alten Koͤnige anlangten. Er verwunderte sich als er sie allein kommen sah, und fragte was ihnen begegnet sey. Als er die Bosheit seiner Tochter vernahm, sprach er ‘ich kanns nicht glauben, daß sie so schlecht gehandelt hat, aber die Wahrheit wird bald an den Tag kommen,’ und hieß sie in eine verborgene Kammer gehen, und sich vor jedermann heimlich halten. Bald hernach kam das große Schiff herangefahren, und die gottlose Frau erschien vor ihrem Vater mit einer betruͤbten Miene. Er sprach ‘warum kehrst du allein zuruͤck? wo ist dein Mann?’ ‘Ach, lieber Vater,’ antwortete sie ‘ich komme in großer Trauer wieder heim, mein Mann ist waͤhrend der Fahrt ploͤtzlich erkrankt und gestorben, und wenn der gute Schiffer mir nicht Beistand geleistet haͤtte, so waͤre es mir schlimm ergangen; er ist bei seinem Tode zugegen gewesen, und kann euch alles erzaͤhlen.’ Der Koͤnig sprach ‘ich will den Todten wieder lebendig machen’ und oͤffnete die Kammer, und hieß die beiden herausgehen. Die Frau, als sie ihren Mann erblickte, war wie vom Donner geruͤhrt, sank auf die Knie, und bat um Gnade. Der Koͤnig sprach ‘da ist keine Gnade, er war bereit mit dir zu sterben, und107 hat dir dein Leben wieder gegeben, du aber hast ihn im Schlaf umgebracht, und sollst deinen verdienten Lohn empfangen.’ Da ward sie mit ihrem Helfershelfer in ein durchloͤchertes Schiff gesetzt, und hinaus ins Meer getrieben, wo sie bald in den Wellen versanken.
Es ist nun schon lange her, da lebte ein Koͤnig dessen Weisheit im ganzen Lande beruͤhmt war. Nichts blieb ihm unbekannt, und es war als ob ihm Nachricht von den verborgensten Dingen durch die Luft zugetragen wuͤrde. Er hatte aber eine seltsame Sitte. Jeden Mittag, wenn von der Tafel alles abgetragen und niemand mehr zugegen war, mußte ein vertrauter Diener noch eine Schuͤssel bringen. Sie war aber zugedeckt, und der Diener wußte selbst nicht was darin lag, und kein Mensch wußte es, denn der Koͤnig deckte sie nicht eher auf und aß nicht davon bis er ganz allein war. Das hatte schon lange Zeit gedauert, da uͤberkam eines Tages den Diener, als er die Schuͤssel wieder wegtrug, die Neugierde so heftig, daß er nicht widerstehen konnte, sondern die Schuͤssel in seine Kammer brachte. Er verschloß die Thuͤre sorgfaͤltig, hob den Deckel auf, und da sah er daß eine weiße[Schlange] darin lag. Bei ihrem Anblick konnte er die Lust nicht zuruͤckhalten, sie zu kosten; er schnitt ein Stuͤckchen davon ab, und steckte es in den Mund. Kaum aber hatte es seine Zunge beruͤhrt, so hoͤrte er vor seinem Fenster ein seltsames Gewisper von feinen Stimmen Er gieng und horchte,109 da merkte er daß es die Sperlinge waren, die mit einander sprachen und sich allerlei erzaͤhlten, was sie im Felde und Walde gesehen hatten. Der Genuß der Schlange hatte ihm die Faͤhigkeit verliehen, die Sprache der Thiere zu verstehen.
Nun trug es sich zu, daß gerade an diesem Tage der Koͤnigin ihr schoͤnster Ring fort kam, und auf den vertrauten Diener, der uͤberall Zugang hatte, der Verdacht fiel er habe ihn gestohlen. Der Koͤnig ließ ihn vor sich kommen, und drohte ihm unter heftigen Scheltworten wenn er bis Morgen den Thaͤter nicht zu nennen wisse, so solle er dafuͤr angesehen und gerichtet werden. Es half nichts daß er seine Unschuld betheuerte, er ward mit keinem bessern Bescheid entlassen. Jn seiner Unruhe und Angst gieng er hinab auf den Hof, und bedachte wie er sich aus seiner Noth helfen koͤnne. Da saßen die Enten an einem fließenden Wasser friedlich neben ein ander, ruhten sich, putzten sich mit ihren Schnaͤbeln glatt, und hielten ein vertrauliches Gespraͤch. Der Diener blieb stehen und hoͤrte ihnen zu. Sie erzaͤhlten sich wo sie heute Morgen all herumgewackelt waͤren, und was fuͤr gutes Futter sie gefunden haͤtten, da sagte eine verdrießlich ‘mir liegt etwas schwer im Magen, ich habe einen Ring, der unter der Koͤnigin Fenster lag, in der Hast mit hinunter geschluckt.’ Da packte sie der Diener gleich beim Kragen, trug sie in die Kuͤche, und sprach zum Koch ‘schlachte doch diese fette zuerst ab.’ ‘Ja,’ sagte der Koch, und wog sie in der Hand, ‘die hat schon lange darauf gewartet, und gibt einen guten Braten,’ und schnitt ihr den Hals ab. Und als sie ausgenommen wurde,110 so fand sich der Ring der Koͤnigin in ihrem Magen. Der Diener konnte nun leicht vor dem Koͤnige seine Unschuld beweisen, und da dieser sein Unrecht wieder gut machen wollte, erlaubte er ihm sich eine Gnade auszubitten, und versprach ihm die groͤßte Ehrenstelle, die er sich an seinem Hofe wuͤnschte.
Der Diener schlug alles aus, und bat nur um ein Pferd und Reisegeld, denn er hatte Lust die Welt zu sehen, und eine Weile darin herum zu ziehen. Er machte sich auf den Weg und kam eines Tags zu einem Teich, da bemerkte er drei Fische, die sich im Rohr gefangen hatten, und nach Wasser schnappten. Da er die Thiersprache verstand, so hoͤrte er wie sie klagten daß sie so elend umkommen muͤßten. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, so stieg er vom Pferde ab, und setzte die drei Gefangenen wieder ins Wasser. Sie zappelten vor Freude, und riefen ihrem Erretter zu ‘wir wollen dirs gedenken und dirs vergelten.’ Er ritt darauf weiter, und nach einem Weilchen kam es ihm vor als hoͤrte er zu seinen Fuͤßen in dem Sand eine Stimme. Er horchte und vernahm wie sich ein Ameisenkoͤnig beklagte, ‘wenn uns nur die Menschen mit den plumpen Thieren vom Leib blieben! da tritt mir das ungeschickte Pferd mit seinen schweren Hufen meine Leute ohne Barmherzigkeit nieder!’ Er lenkte auf einen Seitenweg ein, und der Ameisenkoͤnig rief ihm zu ‘wir wollen dirs gedenken und dirs vergelten.’ Da fuͤhrte ihn der Weg in einen Wald, und er sah zwei Rabeneltern, die standen bei ihrem Nest, und warfen ihre Jungen heraus. ‘Fort mit euch, ihr Galgenschwengel,’ riefen sie, ‘wir koͤnnen euch nicht mehr satt machen,111 ihr seyd groß genug und koͤnnt euch selbst ernaͤhren.’ Die armen Jungen lagen auf der Erde, flatterten und schlugen mit ihren Fittichen, und schrien ‘wir hilflosen Kinder, wir sollen uns ernaͤhren, und koͤnnen noch nicht fliegen! uns bleibt nichts uͤbrig als hier Hungers zu sterben.’ Da stieg der gute Juͤngling ab, toͤdtete das Pferd mit seinem Degen, und uͤberließ es den jungen Raben zum Futter. Die kamen herbeigehuͤpft, saͤttigten sich, und riefen ‘wir wollen dirs gedenken und dirs vergelten.’
Er mußte jetzt zu Fuße weiter gehen, und als er lange Wege gegangen war, kam er in eine große Stadt. Da war großer Laͤrm und Gedraͤnge in den Straßen, und kam einer zu Pferde, und machte bekannt, die Koͤnigstochter suche einen Gemahl, wer sich aber um sie bewerben wolle, der muͤsse eine schwere Aufgabe vollbringen, und koͤnne er es nicht gluͤcklich ausfuͤhren, so habe er sein Leben verwirkt.’ Viele hatten es schon versucht, aber vergeblich ihr Leben daran gesetzt. Der Juͤngling, als er die Koͤnigstochter in ihrer großen Schoͤnheit sah, vergaß alle Gefahr, trat vor den Koͤnig, und meldete sich als Freier.
Er ward hinaus ans Meer gefuͤhrt, und vor seinen Augen ein goldner Ring hineingeworfen; dann ward ihm aufgegeben den Ring aus dem Grunde herauszuholen, und ihm gedroht wenn er ohne ihn wieder in die Hoͤhe kaͤme, so wuͤrde er aufs neue hinabgestuͤrzt, und muͤsse in den Wellen umkommen. Alle bedauerten den schoͤnen Juͤngling, und ließen ihn einsam am Meer zuruͤck. Da stand er unentschlossen am Ufer, und uͤberlegte was er wohl thun sollte, als er auf einmal drei Fische daher112 schwimmen sah, und es waren keine anderen, als jene, welchen er das Leben gerettet hatte. Der mittelste hielt eine Muschel im Munde, die er an den Strand zu Fuͤßen des Juͤnglings hinlegte, und als dieser sie aufhob und oͤffnete, so lag der Goldring darin. Voll Freude brachte er ihn dem Koͤnige, und erwartete daß er ihm dafuͤr den verheißenen Lohn gewaͤhren wuͤrde. Die stolze Koͤnigstochter aber, als sie vernahm, daß er ihr nicht ebenbuͤrtig war, verschmaͤhte ihn, und verlangte er solle erst eine zweite Aufgabe loͤsen. Sie gieng hinab in den Garten, und streute selbst zehn Saͤcke voll Hirsen ins Gras. ‘Die muß er Morgen, eh die Sonne hervor kommt, aufgelesen haben,’ sprach sie ‘und darf kein Koͤrnchen fehlen.’ Vergeblich sann der Juͤngling wie er diese Forderung erfuͤllen koͤnnte, er saß traurig im Garten, und erwartete bei Anbruch des Morgens zum Tode gefuͤhrt zu werden. Als aber die ersten Sonnenstrahlen in den Garten fielen, so sah er die zehn Saͤcke rund um gefuͤllt neben einander stehen, und kein Koͤrnchen fehlte darin. Der Ameisenkoͤnig war mit seinen viel tausend Ameisen in der Nacht herangekommen, und die dankbaren Thiere hatten den Hirsen mit großer Emsigkeit aufgelesen und in die Saͤcke gesammelt. Die Koͤnigstochter kam selbst in den Garten herab, und sah mit Verwunderung daß der Juͤngling vollbracht hatte was ihm aufgegeben war. Aber sie konnte ihr stolzes Herz noch nicht bezwingen, und sprach ‘hat er auch die beiden Aufgaben geloͤst, so soll er doch nicht eher mein Gemahl werden, bis er mir einen Apfel vom Baume des Lebens gebracht hat.’ Der Juͤngling haͤtte aber niemals den Baum des113 Lebens gefunden, wenn die jungen Raben, um dankbar fuͤr ihre Erhaltung zu seyn, sich seiner nicht angenommen haͤtten. Sie waren indessen groß geworden, und waren ihrem Erretter nachgezogen, und als sie hoͤrten was die Koͤnigstochter forderte, flogen sie zu dem Baume des Lebens, und einer brachte im Schnabel einen Apfel, den er in die Hand des Juͤnglings fallen ließ. Er uͤberreichte ihn der schoͤnen Jungfrau, und da auch die letzte Bedingung erfuͤllt war, so blieb keine Ausrede mehr uͤbrig. Sie ward seine Gemahlin, und als der alte Koͤnig starb, erhielt er die Krone, und da sie den Apfel von dem Baume des Lebens gegessen hatten, so erreichten sie in ungestoͤrtem Gluͤck ein hohes Alter.
Jn einem Dorfe wohnte eine arme alte Frau, die hatte ein Gericht Bohnen zusammen gebracht, und wollte sie kochen. Sie machte also auf ihrem Herd ein Feuer zurecht, und damit es desto schneller brennen sollte, zuͤndete sie es mit einer Hand voll Stroh an. Als sie die Bohnen in den Topf schuͤttete, entfiel ihr unbemerkt eine, die auf dem Boden neben einen Strohhalm zu liegen kam; bald darnach sprang auch eine gluͤhende Kohle vom Herd zu ihnen herab. Da fing der Strohhalm an, und sprach: ‘liebe Freunde, von wannen kommt ihr her?’ Die Kohle antwortete: ‘ich bin zu gutem Gluͤck dem Feuer entsprungen, und haͤtte ich das nicht mit Gewalt durchgesetzt, so war mir der Tod gewiß: ich waͤre zu Asche verbrannt.’ Die Bohne sagte: ‘ich bin auch noch mit heiler Haut davon gekommen, aber haͤtte mich die Alte in den Topf gebracht, ich waͤre ohne Barmherzigkeit zu Brei gekocht worden, wie meine Kameraden.’ ‘Waͤre mir denn ein besser Schicksal zu Theil geworden?’ sprach das Stroh, ‘alle meine Bruͤder hat die Alte in Feuer und Rauch aufgehen lassen, sechzig hat sie auf einmal gepackt, und ums Leben gebracht. 115Gluͤcklicherweise bin ich ihr zwischen den Fingern durchgeschluͤpft.’ ‘Was sollen wir aber nun anfangen?’ sprach die Kohle. ‘Jch meine,’ antwortete die Bohne, ‘weil wir so gluͤcklich dem Tode entronnen sind, so wollen wir uns als gute Gesellen zusammen halten, und, damit uns hier nicht wieder ein neues Ungluͤck ereilt, gemeinschaftlich auswandern, und in ein fremdes Land ziehen.’
Der Vorschlag gefiel den beiden andern, und sie machten sich miteinander auf den Weg. Bald aber kamen sie an einen kleinen Bach, und da keine Bruͤcke oder Steg da war, so wußten sie nicht, wie sie hinuͤber kommen sollten. Der Strohhalm fand guten Rath, und sprach: ‘ich will mich quer uͤber legen, so koͤnnt ihr auf mir wie auf einer Bruͤcke hinuͤber gehen.’ Der Strohhalm streckte sich also von einem Ufer zum andern, und die Kohle, die von hitziger Natur war, trippelte auch ganz keck auf die neugebaute Bruͤcke. Als sie aber in die Mitte gekommen war, und unter ihr das Wasser rauschen hoͤrte, ward ihr doch angst, sie blieb stehen, und getraute sich nicht weiter. Der Strohhalm aber fieng an zu brennen, zerbrach in zwei Stuͤcke und fiel in den Bach: die Kohle rutschte nach, zischte wie sie ins Wasser kam, und gab den Geist auf. Die Bohne, die vorsichtigerweise noch auf dem Ufer zuruͤckgeblieben war, mußte uͤber die Geschichte lachen, konnte nicht aufhoͤren, und lachte so gewaltig daß sie zerplatzte. Nun war es ebenfalls um sie geschehen, wenn nicht zu gutem Gluͤck ein Schneider, der auf der116 Wanderschaft war, sich an dem Bach ausgeruht haͤtte. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, so holte er Nadel und Zwirn heraus, und naͤhte sie zusammen. Die Bohne bedankte sich bei ihm aufs schoͤnste, aber da er schwarzen Zwirn gebraucht hatte, so haben seit der Zeit alle Bohnen eine schwarze Naht.
Daar was mal eens een Fischer un siine Fru, de waanten tosamen in’n Pispott, dicht an de See, un de Fischer gieng alle Dage hen un angelt, un gieng he hen lange Tid.
Daar satt he eens an de See bi de Angel, und sach in dat blanke Water, und he sach uͤmmer na de Angel: daar gieng de Angel to Grun’n, deep unner, un as he se herruttreckt, sa haalt he eenen groten Butt herut. De Butt sed to em ‘ick bidd di datt du mi lewen laͤttst: ick bin keen rechte Butt, ick bin een verwuͤnscht Prins, sett mi wedder in dat Water, un laat mi swemmen.’ ‘Nu,’ sed de Mann, ‘du bruukst nich so veele Woord to maken, eenen Butt, de spreken kan, hadd ick doch woll swemmen laten.’ Daar sett’t he en wedder in dat Water, un de Butt gieng fuurts weg to Grun’n, un leet eenen langen Stripen Bloot hinner sich.
De Mann averst gieng to siine Fru in’n Pispott, un vertellt eer, dat he eenen Butt fangen hadd, de hadd to em segt he weer een verwuͤnscht Prins, daar hadd he em wedder swemmen laten. ‘Hest du di den nix wuͤnscht?’ sed de Fru. ‘Nee,’ sed de Mann, ‘wat sull ick mi wuͤnschen?’ ‘Ach,’ sed de Fru, dat is doch oͤvel, uͤmmer in’n Pispott to wanen, dat is so118 stinkig und dreckig hier, ga du noch hen, un wuͤnsch uns ne luͤtte Huͤtt.’ Den Mann was dat nich so recht, doch gieng he hen na de See, un as he hen kamm, so was de See gans geel un groͤn, da gieng he an dat Water staan, und sed
Daar kam de Butt answemmen un sed ‘na, wat will se denn? ‘Ach!’ sed de Mann, ‘ick hev di doch fangen haͤtt, nu sed miine Fru, ich hadd mi doch wat wuͤnschen sullt, se mag nich meer in Pispott wanen, se wull geern ne Huͤtt hebben.’ ‘Ga man hen’ sed de Butt, ‘se is all daar in.’
Daar gieng de Mann hen, un siine Fru stund in eene Huͤtt in de Doͤoͤr, un sed to em ‘kumm man herin; suͤ, nu is dat doch veel beter.’ Und daar was eene Stuwe un Kammer un eene Koͤk daar in, un da achter was een luͤtte Gaaren mit allerhand Groͤnigkeiten, un een Hoff, da weeren Hoͤner und Aanten. ‘Ach,’ sed de Mann, ‘nu willn wi vergnoͤgt lewen.’ ‘Ja,’ sed de Fru, ‘wi willnt versoͤken.’
So gieng dat nu woll een acht oder veertein Daag, daar sed de Fru ‘Mann, de Huͤtt wart mi to eng, de Hoff un Gaarn is to luͤtt, ich will in een grot steenern Slott wanen; ga hen tom Butt, he sall uns een Slott schaffen. Ach, Fru,’ sed de Mann, ‘de Butt hett uns eerst de Huͤtt gewen, ick mag nu nich all wedder kamen, den Butt muͤgt et verdreeten.’ ‘J119 watt,’ sed de Fru, ‘he kann dat recht good, un deit dat geern, ga du man hen.’ Daar gieng der Mann hen, und siin Hart was em so swar; as he awerst bi de See kam, was dat Water gans vigelett und grag und dunkelblag, doch was’t noch still, dar gieng he staan, un sed
‘Na, wat will se denn?’ sed de Butt ‘Ach,’ sed de Mann, ganz bedroͤvd, ‘miine Fru will in een steenern Slott wanen.’ ‘Ga man hen, se steit voͤr de Doͤoͤr,’ sed de Butt.
Daar gieng de Mann hen, un siine Fru stund voͤr eenen groten Pallast. ‘Suͤ Mann,’ sed se, ‘wat is dat nu schoͤn!’ Mit des giengen se tosamen herin, daar weeren so veel Bedeenters, un de Waͤnde weeren all blank, un goldne Stoͤoͤl un Dische weeren in de Stuw, un achter dat Slott was een Gaaren un Holt, woll eene halve Miil lang, daar in weeren Hirsche, Reeh un Hasen, un up den Hoff Koͤh - und Peerdstaͤll ‘Ach,’ sed de Mann, nu willn wi ook in dat schoͤne Slott bliwen, un tofreden sin.’ ‘Dat willn wi uns bedenken,’ sedd de Fru, ‘un willn’t beschlapen.’ Mit des giengen se to Bed.
Den annern Morgen waakt de Fru up, da was’t all Dag: da stoͤdd se den Mann mit den Ellbagen in de Siid, un sed ‘Mann, stah up, wi moͤten Koͤnig warden oͤver all dat Land’ ‘Ach, Fru,’ sed de Mann, ‘wat wulln wi Koͤnig warden, ick120 mag nich Koͤnig sin.’ ‘Na, denn will ick Koͤnig sin.’ ‘Ach, Fru,’ sed de Mann, ‘wo kannst du Koͤnig sin, de Butt muͤgt dat nich doon.’ ‘Mann,’ sed de Fru, ‘ga stracks hen, ick moͤt Koͤnig sin.’ Daar gieng de Mann, und was gans bedroͤvd dat siin Fru Koͤnig warden wull. Un as he an de See kamm, was se all gans swartgrag, un dat Water geert so van unnen up. Daar gieng he staan, und sed
‘Na, wat will se denn?’ sed de Butt. ‘Ach,’ sed de Mann, ‘miine Fru will Koͤnig warden.’ ‘Ga man hen, se is’t all’ sed de Butt.
Daar gieng de Mann hen, un as he na den Pallast kamm, da weren daar so veele Soldaten un Pauken un Trumpeten, un siine Fru satt up eenen hogen Troon von Gold un Demant, un had eene goldne Kron up, un up beiden Siiden bi eer daar stunden loͤs Jumfern, uͤmmer eene eenen Kops luͤttjer as de annre. ‘Ach,’ sed de Mann, ‘bist du nu Koͤnig?’ ‘Ja,’ sed se, ‘ick bin Koͤnig.’ Un as he eer so ne Wile anseen had, so sed he ‘ach, Fru, wat leet dat schoͤn, wenn du Koͤnig bist, nu willn wi ook nich mehr wuͤnschen.’ ‘Nee, Mann,’ sed se, ‘mi duurt dat all te lang, ick kan dat nich meer uthollen, Koͤnig bin ick, nu moͤt ick ook Kaiser warden!’ ‘Ach, Fru,’ sed de Mann, ‘wat willst du Kaiser warden.’ ‘Mann,’ sed se, ‘ga tom Butt, ick121 wull Kaiser sin.’ ‘Ach, Fru,’ sed de Mann, ‘Kaiser kann he nich maken, ick mag den Butt dat nich segen.’ ‘Jck bin Koͤnig,’ sed de Fru, ‘un du bist miin Mann, ga gliik hen.’ Daar gieng de Mann weg, un as he so gieng, dacht he ‘dit geit un geit nich good, Kaiser is to utverschamt, de Butt ward am Ende moͤde.’ Mit des kamm he an de See, dat Water was gans swart un dick, un et gieng so een Keekwind aͤver hen, dat dat sik so koͤret. Daar gieng he staan, un sed
‘Na, wat will se denn?’ sed de Butt. ‘Ach,’ sed he, ‘miin Fru will Kaiser warden.’ Ga man hen,’ sed de Butt, ‘se is’t all.’
Daar gieng de Mann hen, un as he daar kamm, so satt siine Fru up eenen seer hogen Troon, de was van een Stuͤck Gold, un had eene grote Kroon up, de was wol twee Ellen hoch, bi eer up de Siiden daar stunnen de Trabanten, uͤmmer een luͤttjer as de anner, von den allergroͤtsten Risen, bet to den luͤttsten Dwark, de was man so lang, as miin luͤttje Finger. Vor eer daar stunden so veele Fuͤrsten und Graven, daar gieng de Mann unner staan, un sed ‘Fru, bist du nu Kaiser?’ ‘Ja,’ sed se, ‘ick bin Kaiser.’ ‘Ach,’ sed de Mann un sach se so recht an, ‘Fru, wat lett dat schoͤn, wenn du Kaiser bist.’ ‘Mann,’ sed se, ‘wat steist du daar, ick bin nu Kaiser, nu Will ick aͤwerst ook Pabst warden.’ ‘Ach, Fru,’ sed de Mann, ‘wat122 willst du Pabst warden, Pabst is man eemal in de Christenheit. ‘Mann,’ sed se, ‘ick moͤt huͤuͤt noch Pabst warden.’ ‘Ne Fru,’ sed he, ‘to Pabst kan de Butt nich maken, dat geit nich good.’ ‘Mann, wat Snack, kan he Kaiser maken, kan he ook Pabst maken, ga fuurts hen. Daar gieng de Mann hen, un em was gans flau, dee Knee un de Waden slakkerten em, un buten gieng de Wind, un dat Water was as kaakt dat, de Scheep schoten in de Noot, un dansten un sprungen up de Buͤlgen, doch was de Himmel in de Midde noch so’n beeten blag: awerst an de Siiden, daar toog dat so recht rood up, as een swaar Gewitter. Da gieng he recht voͤrzufft staan, un sed
‘Na, wat will se denn?’ sed de Butt. ‘Ach,’ sed de Mann, ‘miin Fru will Pabst warden.’ ‘Ga man hen,’ sed de Butt, ‘se ist all.’
Daar gieng he hen, un as he daar kamm, satt siine Fru up eenen Troon, de was twee Mil hoch, un had dree groote Kroonen up, un um eer da was so veel van geistlike Staat, un up he Siiden bi eer daar stunden twee Reegen Lichter, dat groͤtste so dick un grot as de aller groͤtste Torm, bet to dat alle luͤttste Koͤkenlicht. ‘Fru,’ sed de Mann, un sach se so recht an, ‘bist du nu Pabst?’ ‘Ja,’ sed se, ‘ick bin Pabst.’ ‘Ach, Fru, sed de Mann, ‘wat lett dat schoͤn, wenn du Pabst bist. Fru, nu123 wes tofreden, nu du Pabst bist, kannst du nix meer warden.’ ‘Dat will ick mi bedenken’ sed de Fru, daar giengen see beede to Bed, awerst se was nich tofreden, un de Girigkeit leet eer nich slapen, se dacht uͤmmer wat se noch wol warden wull. Mit des gieng de Suͤnn up. ‘ha,’ dacht se, as se se ut den Fenster so herup kamen sach, ‘kann ick nich ook de Suͤnn upgaan laten?’ Daar wurde se recht so grimmig, un stoͤdd eeren Mann an, ‘Mann, ga hen tom Butt, ick will warden as de lewe Gott.’ De Mann was noch meist im Slap, awerst he verschrack sich so, dat he ut den Bed feel. ‘Ach, Fru,’ sed he, ‘ga in di un bliw Pabst.’ ‘Ne,’ sed de Fru, un reet sich dat Liivken up, ‘ick bin nich ruhig, un kan dat nich uthollen, wenn ick de Suͤnn un de Mann upgaan see, un kan se nich ook upgaan laten, ick moͤt warden as de lewe Gott.’ ‘Ach, Fru,’ sed de Mann, ‘dat kan de Butt nich, Kaiser un Pabst kan he maken, awerst dat kan he nich.’ ‘Mann,’ sed se, un sach so recht graͤsig ut, ‘ick will warden as de lewe Gott, ga gliik hen tom Butt.’
Dat fuur den Mann so doͤrch de Gleder, dat he bewt voͤr Angst, buten awer gieng de Storm, dat alle Boͤme un Felsen umweigten, un de Himmel was gans swart, un dat dunnert un blitzt: daar sach man in de See so swarte hoge Buͤlgen as Barg, un hadden haben all eene witte Kroon van Schuum up. Da sed he
Na, wat will se denn?’ sed de Butt. ‘Ach,’ sed he, ‘se will warden as de lewe Gott.’ ‘Ga man hen, se sitt allwedder in’n Pispott.’ Daar sitten se noch huͤt up dissen Dag.
An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tisch am Fenster, war guter Dinge, und naͤhte aus Leibeskraͤften. Da kam eine Bauersfrau die Straße herab, und rief: ‘Gut Mus feil! Gut Mus feil!’ Das klang dem Schneiderlein lieblich in die Ohren, es steckte sein zartes Haupt zum Fenster hinaus, und rief: ‘Hier herauf, liebe Frau, hier wird Sie Jhre Waare los.’ Die Frau stieg die drei Treppen mit ihrem schweren Korbe zu dem Schneider herauf, und mußte die Toͤpfe saͤmtlich vor ihm auspacken. Er besah sie alle, hob sie in die Hoͤhe, hielt die Nase dran und sagte endlich: ‘Das Mus scheint mir gut, wieg sie mir doch vier Loth ab, liebe Frau, wenns auch ein Viertelpfund ist, es kommt mir nicht darauf an.’ Die Frau, welche gehofft hatte, einen guten Absatz zu finden, gab ihm, was er verlangte, gieng aber ganz aͤrgerlich und brummig fort. ‘Nun das Mus soll mir Gott gesegnen,’ rief das Schneiderlein, ‘und soll mir Kraft und Staͤrke geben,’ holte das Brot aus dem Schrank, schnitt sich ein Stuͤck uͤber den ganzen Laib, und strich das Mus daruͤber. ‘Das wird nicht bitter schmecken,’ sprach er, ‘aber erst will ich den Wams fertigmachen, eh ich anbeiße.’ 126Er legte das Brot neben sich, naͤhte weiter, und machte vor Freude immer groͤßere Stiche. Jndeß stieg der Geruch von dem suͤßen Mus hinauf an die Wand, wo die Fliegen in großer Menge saßen, so daß sie herangelockt wurden, und sich scharenweis darauf nieder ließen. ‘Ei, wer hat euch eingeladen?’ sprach das Schneiderlein, und jagte die ungebetenen Gaͤste fort. Die Fliegen aber, die kein deutsch verstanden, ließen sich nicht abweisen, sondern kamen in immer groͤßerer Gesellschaft wieder. Da lief dem Schneiderlein endlich, wie man sagt, die Laus uͤber die Leber, es langte aus seiner Hoͤlle nach einem Tuchlappen, und ‘wart, ich will es euch geben!’ schlug es unbarmherzig drauf. Als es abzog und zaͤhlte, so lagen nicht weniger als sieben vor ihm todt, und streckten die Beine. ‘Bist du so ein Kerl?’ sprach er, und mußte selbst seine Tapferkeit bewundern, ‘das soll die ganze Stadt erfahren.’ Und in der Hast schnitt sich das Schneiderlein einen Guͤrtel, naͤhte ihn, und stickte mit großen Buchstaben darauf ‘siebene auf einen Streich!’ ‘Ei was Stadt!’ sprach er weiter, ‘die ganze Welt solls erfahren!’ und sein Herz wackelte ihm vor Freude wie ein Laͤmmerschwaͤnzchen.
Der Schneider band sich den Guͤrtel um den Leib, und wollte in die Welt hinaus, weil er meinte die Werkstaͤtte sey zu klein fuͤr seine Tapferkeit. Eh er abzog, suchte er im Haus herum ob nichts da waͤre, was er mitnehmen koͤnnte, er fand nichts als einen alten Kaͤs, den er einsteckte. Vor dem Thore bemerkte er einen Vogel, der sich im Gestraͤuch gefangen hatte, der mußte zu dem Kaͤse in die Tasche. Nun nahm er den Weg127 tapfer zwischen die Beine, und weil er leicht und behend war fuͤhlte er keine Muͤdigkeit. Der Weg fuͤhrte ihn auf einen Berg, und als er den hoͤchsten Gipfel erreicht hatte, so saß da ein gewaltiger Riese, und schaute sich ganz gemaͤchlich um. Das Schneiderlein ging beherzt auf ihn zu, redete ihn an, und sprach ‘guten Tag, Kamerad, gelt, du sitzest da und besiehst dir die weitlaͤuftige Welt? ich bin eben auf dem Wege dahin, und will mich versuchen. Hast du Lust mit zu gehen?’ Der Riese sah den Schneider veraͤchtlich an, und sprach ‘du miserabler Kerl!’ ‘Das waͤre!’ antwortete das Schneiderlein, knoͤpfte den Rock auf, und zeigte dem Riesen den Guͤrtel, ‘da kannst du lesen was ich fuͤr ein Mann bin.’ Der Riese las ‘sieben auf einen Streich,’ meinte das waͤren Menschen gewesen, die der Schneider erschlagen haͤtte, und kriegte ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Doch wollte er ihn erst pruͤfen, nahm einen Stein in die Hand, und druͤckte ihn zusammen daß das Wasser heraus tropfte. ‘Das mach mir nach’ sprach der Riese, ‘wenn du Staͤrke hast.’ ‘Jst weiter nichts?’ sagte das Schneiderlein. ‘das ist bei unser einem Spielwerk,’ griff in die Tasche, holte den weichen Kaͤs und druͤckte ihn daß der Saft heraus lief. ‘Gelt,’ sprach er, ‘das war ein wenig besser?’ Der Riese wußte nicht was er sagen sollte, und konnte es von dem Maͤnnlein nicht glauben. Da hob der Riese einen Stein auf, und warf ihn so hoch, daß man ihn mit Augen kaum noch sehen konnte: ‘nun, du Erpelmaͤnnchen, das thu mir nach.’ ‘Gut geworfen,’ sagte der Schneider, ‘aber der Stein hat doch wieder zur Erde herabfallen128 muͤssen, ich will dir einen werfen, der soll gar nicht wieder kommen’ griff in die Tasche, nahm den Vogel und warf ihn in die Luft. Der Vogel, froh uͤber seine Freiheit, stieg auf, flog fort, und kam nicht wieder. ‘Wie gefaͤllt dir das Stuͤckchen, Kamerad?’ fragte der Schneider. ‘Werfen kannst du wohl,’ sagte der Riese, ‘aber nun wollen wir sehen ob du im Stande bist etwas ordentliches zu tragen.’ Er fuͤhrte das Schneiderlein zu einem maͤchtigen Eichbaum, der da gefaͤllt auf dem Boden lag, und sagte ‘wenn du stark genug bist, so hilf mir den Baum aus dem Wald heraus tragen.’ ‘Gerne,’ antwortete der kleine Mann, ‘nimm du nur den Stamm auf deine Schulter, ich will die Aeste mit dem Gezweige aufheben und tragen, das ist doch das schwerste.’ Der Riese nahm den Stamm auf die Schulter, der Schneider aber setzte sich auf einen Ast, und der Riese, der sich nicht umsehen konnte, mußte den ganzen Baum und das Schneiderlein noch obendrein forttragen. Es war da hinten ganz lustig und guter Dinge, pfiff das Liedchen ‘es ritten drei Schneider zum Thore hinaus,’ und that als waͤre das Baumtragen ein Kinderspiel. Der Riese, nachdem er ein Stuͤck Wegs die schwere Last fortgeschleppt hatte, konnte nicht weiter, und rief ‘hoͤr, ich muß den Baum fallen lassen.’ Der Schneider sprang behendiglich herab, faßte den Baum mit beiden Armen, als wenn er ihn getragen haͤtte, und sprach zum Riesen ‘du bist ein so großer Kerl, und kannst den Baum nicht einmal tragen.’
Sie giengen zusammen weiter, und als sie an einem Kirschbaum129 vorbei kamen, faßte der Riese die Krone des Baumes, wo die zeitigsten Fruͤchte hiengen, bog sie herab, gab sie dem Schneider in die Hand und hieß ihn essen. Das Schneiderlein aber war viel zu schwach, um den Baum zu halten, und als der Riese los ließ, fuhr der Baum in die Hoͤhe, und der Schneider ward mit in die Luft geschnellt. ‘Was ist das?’ sprach der Riese, ‘hast du nicht die Kraft, die schwache Gerte zu halten?’ ‘An der Kraft fehlt es nicht,’ antwortete das Schneiderlein, ’meinst du das waͤre etwas fuͤr einen, der siebene mit einem Streich getroffen hat? ich bin uͤber den Baum gesprungen, weil die Jaͤger da unten in das Gebuͤsch schießen. Spring nach, wenn dus vermagst.’ Der Riese machte den Versuch, konnte aber nicht uͤber den Baum kommen, sondern blieb in den Aesten haͤngen, also daß das Schneiderlein auch hier die Oberhand behielt.
Der Riese sprach ‘wenn du ein so tapferer Kerl bist, so komm mit in unsere Hoͤhle, und uͤbernachte bei uns.’ Das Schneiderlein war bereit, und folgte ihm. Als sie in der Hoͤhle anlangten, saßen da noch andere Riesen beim Feuer, und jeder hatte ein gebratenes Schaf in der Hand, und aß davon. Das Schneiderlein sah sich um, und dachte, ‘es ist doch hier viel weitlaͤuftiger als in meiner Werkstatt.’ Der Riese wies ihm ein Bett an, und sagte er solle sich hinein legen und ausschlafen. Dem Schneiderlein war aber das Bett zu groß, es legte sich nicht hinein, sondern kroch in eine Ecke. Als es Mitternacht war, und der Riese meinte das Schneiderlein laͤge in tiefem Schlafe, so stand er auf, nahm eine große Eisenstange und130 schlug das Bett mit einem Schlag durch, und meinte er haͤtte dem Grashuͤpfer den Garaus gemacht. Mit dem fruͤhsten Morgen giengen die Riesen in den Wald, und hatten das Schneiderlein ganz vergessen, da kam es auf einmal ganz lustig und kecklich daher geschritten. Die Riesen erschracken, fuͤrchteten es schluͤge sie alle todt, und liefen in einer Hast fort.
Das Schneiderlein zog weiter, immer seiner spitzen Nase nach. Nachdem es lange gewandert war, kam es in den Hof eines koͤniglichen Palastes, und da es muͤde war, so legte es sich ins Gras, und schlief ein. Waͤhrend es da lag, kamen die Leute, betrachteten es von allen Seiten, und lasen auf dem Guͤrtel ‘siebene auf einen Streich!’ ‘Ach,’ sprachen sie, ‘was will der große Kriegsheld hier mitten im Frieden? Das muß ein maͤchtiger Herr sein.’ Sie giengen und meldeten es dem Koͤnig, und meinten, wenn Krieg ausbrechen sollte, waͤre das ein wichtiger und nuͤtzlicher Mann, den man um keinen Preis fortlassen duͤrfte. Dem Koͤnig gefiel der Rath, und er schickte einen von seinen Hofleuten an das Schneiderlein ab, der sollte ihm, wenn es aufgewacht waͤre, Kriegsdienste anbieten. Der Abgesandte blieb bei dem Schlaͤfer stehen, wartete bis er seine Glieder streckte und die Augen aufmachte, und brachte dann seinen Antrag vor. ‘Eben deshalb bin ich hierher gekommen,’ antwortete er, ‘ich bin bereit in des Koͤnigs Dienste zu treten.’ Also ward er ehrenvoll empfangen, und ihm eine besondere Wohnung angewiesen.
Die Kriegsleute aber waren dem Schneiderlein aufgesessen, und wuͤnschten es waͤre tausend Meilen weit weg. ‘Was soll131 daraus werden,’ sprachen sie untereinander, ‘wenn wir Zank mit ihm kriegen, und er haut zu, so fallen auf jeden Streich siebene. Da kann unser einer nicht bestehen.’ Also faßten sie einen Entschluß, begaben sich allesammt zum Koͤnig, und baten um ihren Abschied. ‘Wir sind nicht gemacht,’ sprachen sie, ‘neben einem so starken Mann auszuhalten, der siebene auf einen Streich schlaͤgt.’ Der Koͤnig war traurig daß er um des Einen willen alle seine treuen Diener verlieren sollte, wuͤnschte daß seine Augen ihn nie gesehen haͤtten, und waͤre ihn gerne wieder los gewesen. Aber er getraute sich nicht ihm den Abschied zu geben, weil er fuͤrchtete, er moͤchte ihn sammt seinem Volke todt schlagen, und sich auf den koͤniglichen Thron setzen. Er sann lange hin und her, endlich fand er einen Rath. Er schickte zu dem Schneiderlein, und ließ ihm sagen weil er ein so großer Kriegsheld waͤre, so wollte er ihm ein Anerbieten machen. Jn einem Walde seines Landes hausten zwei Riesen, die mit Rauben, Morden, Sengen und Brennen großen Schaden stifteten: niemand duͤrfte sich ihnen nahen, ohne sich in Lebensgefahr zu setzen. Wenn er diese beiden Riesen uͤberwaͤnde und toͤdtete, so wollte er ihm seine einzige Tochter zur Gemahlin geben und das halbe Koͤnigreich zur Ehesteuer; auch sollten hundert Reiter mit ziehen und ihm Beistand leisten. ‘Das waͤre so etwas fuͤr einen Mann, wie du bist,’ dachte das Schneiderlein, ‘die schoͤne Koͤnigstochter und ein halbes Koͤnigreich wird einem nicht alle Tage angeboten.’ ‘O ja,’ gab er zur Antwort, ‘die Riesen will ich schon baͤndigen, und habe die hundert Reiter dabei nicht noͤthig: wer132 siebene auf einen Streich trifft, braucht sich vor zweien nicht zu fuͤrchten.’
Das Schneiderlein zog aus und die hundert Reiter folgten ihm. Als er zu dem Rand des Waldes kam, sprach er zu seinen Begleitern ‘bleibt hier nur halten, ich will schon allein mit den Riesen fertig werden.’ Dann sprang er in den Wald hinein, und schaute sich rechts und links um. Ueber ein Weilchen erblickte er beide Riesen, sie lagen unter einem Baume und schliefen und schnarchten dabei, daß sich die Aeste auf und nieder bogen. Das Schneiderlein, nicht faul, las beide Taschen voll Steine und stieg damit auf den Baum. Als es in der Mitte war rutschte es auf einen Ast bis es gerade uͤber die Schlaͤfer zu sitzen kam, und ließ dem einen Riesen einen Stein nach dem andern auf die Brust fallen, bis er endlich aufwachte, ganz aͤrgerlich seinen Gesellen anstieß und sprach ‘ei, was schlaͤgst du mich?’ ‘Du traͤumst,’ sagte der andere, ‘ich schlage dich nicht.’ Sie legten sich wieder zum Schlaf, da warf der Schneider auf den zweiten einen Stein herab. ‘Was soll das seyn?’ rief er, ‘warum wirfst du mich?’ ‘Jch werfe dich nicht, du mußt traͤumen’ antwortete der erste. Sie zanketen sich eine Weile herum, doch weil sie muͤde waren, ließen sies gut seyn, und die Augen fielen ihnen wieder zu. Das Schneiderlein fieng sein Spiel von neuem an, und warf den dicksten Stein dem ersten Riesen mit aller Gewalt auf die Brust. ‘Das ist mir zu arg!’ schrie er, sprang wie ein Unsinniger auf, und fiel uͤber seinen Gesellen her; dieser zahlte ihn mit gleicher Muͤnze, und sie geriethen in solche133 Wuth, daß sie Baͤume ausrissen und auf einander los schlugen, und ließen nicht eher ab bis sie beide todt auf der Erde lagen. Nun sprang das Schneiderlein herab. ‘Ein Gluͤck nur,’ sprach es, ‘daß sie den Baum, auf dem ich saß, nicht ausgerissen haben, sonst haͤtt ich wie ein Eichhoͤrnchen auf einen andern springen mussen: doch unser einer ist fluͤchtig!’ Es zog sein Schwert und versetzte jedem ein paar tuͤchtige Hiebe in die Brust, dann gieng es hinaus zu den Reitern und sprach ‘ich habe beiden den Garaus gemacht, hart ist es hergegangen, und sie haben in der Noth Baͤume ausgerissen und sich gewehrt, aber es hilft alles nicht wenn einer kommt wie ich, der siebene auf einen Streich schlaͤgt.’ ‘Seid Jhr denn nicht verwundet?’ fragten die Reiter. ‘Das hat gute Wege,’ antwortete der Schneider, ‘kein Haar haben sie mir gekruͤmmt.’ Die Reiter wollten ihm keinen Glauben beimessen, und ritten in den Wald hinein, da fanden sie die Riesen in ihrem Blute schwimmend, und rings herum lagen die ausgerissenen Baͤume.
Das Schneiderlein verlangte von dem Koͤnig die versprochene Belohnung, diesen aber reute sein Versprechen, und er sann aufs neue wie er sich den Helden vom Halse schaffen koͤnnte. ‘Ehe du meine Tochter und das halbe Reich erhaͤltst,’ sprach er zu ihm, ‘mußt du noch eine Heldenthat vollbringen. Jn dem Walde lauft ein Einhorn, das großen Schaden anrichtet, das mußt du erst einfangen.’ ‘Vor einem Einhorne fuͤrchte ich mich noch weniger als vor zwei Riesen: siebene auf einen Streich, das ist meine Sache.’ Er nahm sich einen Strick134 und eine Axt mit, und gieng hinaus in den Wald, und hieß abermals die, welche ihm zugeordnet waren, außen warten. Er brauchte nicht lange zu suchen, das Einhorn kam bald daher gesprungen und geradezu auf den Schneider los, als wollte es ihn ohne Umstaͤnde aufspießen. ‘Sachte, sachte,’ sprach er, ‘so geschwind geht das nicht,’ blieb stehen, und wartete bis das Thier ganz nahe war, dann sprang er behendiglich hinter den Baum, und das Einhorn rannte mit aller Kraft gegen den Baum, und spießte sein Horn so fest in den Stamm, daß es nicht Kraft genug hatte es wieder heraus zu ziehen, und gefangen war. ‘Jetzt hab ich das Voͤglein,’ sagte der Schneider, kam hinter dem Baum hervor, legte dem Einhorn den Strick um den Hals, hieb mit der Axt das Horn aus dem Baum, und fuͤhrte es vor den Koͤnig.
Der Koͤnig aber wollte ihm den verheißenen Lohn noch nicht gewaͤhren, sondern verlangte von dem Schneiderlein es muͤßte ihm vor der Hochzeit erst ein Wildschwein fangen, das in dem Wald großen Schaden that; die Jaͤger sollten ihm Beistand leisten. ‘Gerne,’ sprach der Schneider, ‘das ist ein Kinderspiel.’ Die Jaͤger nahm er nicht mit in den Wald, und sie warens wohl zufrieden, denn das Wildschwein hatte sie schon mehrmals so empfangen daß sie keine Lust hatten ihm nachzustellen. Das Schwein, als es den Schneider erblickte, lief mit schaͤumendem Munde und wetzenden Zaͤhnen auf ihn zu, und wollte ihn zur Erde werfen, der fluͤchtige Held aber sprang in eine Kapelle, die in der Naͤhe war, und auch gleich oben zum Fenster in einem135 Satz wieder hinaus. Das Schwein war hinter ihm her gelaufen, er aber sprang außen herum, und schlug die Thuͤre hinter ihm zu; da war das wuͤthende Thier gefangen, das viel zu plump war und um zu dem Fenster hinauf zu springen. Das Schneiderlein rief die Jaͤger herbei, die mußten den Gefangenen mit eigenen Augen sehen; der Held aber begab sich zum Koͤnige, der nun, er mochte wollen oder nicht, sein Versprechen halten und ihm seine Tochter und das halbe Koͤnigreich uͤbergeben mußte. Haͤtte er gewußt daß kein Kriegsheld sondern ein Schneiderlein vor ihm stand, es waͤre ihm noch mehr zu Herzen gegangen. Die Hochzeit ward also mit großer Pracht und kleiner Freude gehalten, und aus einem Schneider ein Koͤnig gemacht.
Nach einiger Zeit hoͤrte die junge Koͤnigin in der Nacht wie ihr Gemahl im Traume sprach ‘Junge, mach mir den Wams und flick mir die Hosen, oder ich will dir die Elle uͤber die Ohren schlagen.’ Da merkte sie in welcher Gasse der junge Herr geboren war, klagte am andern Morgen ihrem Vater ihr Leid, und bat er moͤchte ihr von dem Manne helfen, der nichts anders als ein Schneider waͤre. Der Koͤnig sprach ihr Trost zu, und sagte ‘laß in der naͤchsten Nacht deine Schlafkammer offen, meine Diener sollen außen stehen und, wenn er eingeschlafen ist, hineingehen, ihn binden und auf ein Schiff tragen, das ihn fortfuͤhrt.’ Die Frau war damit zufrieden, des Koͤnigs Waffentraͤger aber, der alles mit angehoͤrt hatte, war dem jungen Herrn gewogen, und hinterbrachte ihm den ganzen Anschlag. ‘Dem Ding will ich einen Riegel vorschieben’ sagte das Schneiderlein. Abends legte136 es sich zu gewoͤhnlicher Zeit mit seiner Frau zu Bett, als sie glaubte, er sey eingeschlafen, stand sie auf, oͤffnete die Thuͤre, und legte sich wieder. Das Schneiderlein, das sich nur stellte als wenn es schlief, fieng an mit heller Stimme zu rufen ‘Junge mach mir den Wams, und flick mir die Hosen, oder ich will dir die Elle uͤber die Ohren schlagen! ich habe siebene mit einem Streich getroffen, zwei Riesen getoͤdtet, ein Einhorn fortgefuͤhrt, und ein Wildschwein gefangen, und sollte mich vor denen fuͤrchten, die draußen vor der Kammer stehen!’ Als diese den Schneider also sprechen hoͤrten, uͤberkam sie eine große Furcht, sie liefen, als wenn das wilde Heer hinter ihnen waͤre und keiner wollte sich mehr an ihn wagen. Also war und blieb das Schneiderlein sein Lebtag ein Koͤnig.
Einem reichen Manne dem wurde seine Frau krank, und als sie fuͤhlte daß ihr Ende heran kam, rief sie ihr einziges Toͤchterlein zu sich ans Bett, und sprach ‘liebes Kind, bleib fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen, und ich will vom Himmel auf dich herab blicken, und will um dich seyn.’ Darauf that sie die Augen zu, und verschied. Das Maͤdchen gieng jeden Tag hinaus zu dem Grabe der Mutter und weinte, und blieb fromm und gut. Der Schnee aber deckte ein weißes Tuͤchlein auf das Grab, und als die Sonne es wieder herabgezogen hatte, nahm sich der Mann eine andere Frau.
Die Frau hatte zwei Toͤchter mit ins Haus gebracht, die schoͤn und weiß von Angesicht waren, aber garstig und schwarz von Herzen. Da gieng eine schlimme Zeit fuͤr das arme Stiefkind an. ‘Was soll das Geschoͤpf in den Stuben,’ sprachen sie, ‘wer Brot essen will, muß es verdienen: hinaus mit der Kuͤchenmagd.’ Sie nahmen ihm seine schoͤnen Kleider weg, zogen ihm einen grauen alten Kittel an, lachten es dann aus, und fuͤhrten es in die Kuͤche. Da mußte es so schwere Arbeit thun, fruͤh vor Tag aufstehn, Wasser tragen, Feuer anmachen, kochen und waschen. Obendrein thaten ihm die Schwestern alles138 ersinnliche Herzeleid an, verspotteten es, und schuͤtteten ihm die Erbsen und Linsen in die Asche, so daß es sitzen und sie wieder auslesen mußte. Abends, wenn es sich muͤde gearbeitet hatte, kam es in kein Bett, sondern mußte sich neben den Heerd in die Asche legen. Und weil es darum immer staubig und schmutzig aussah, nannten sie es Aschenputtel.
Es trug sich zu, daß der Vater einmal in die Messe ziehen wollte, da fragte er die beiden Stieftoͤchter, was er ihnen mitbringen sollte? ‘Schoͤne Kleider’ sagte die eine, ‘Perlen und Edelsteine’ die zweite. ‘Nun, Aschenputtel,’ sprach er, ‘was willst du haben?’ ‘Vater, das erste Reis, das euch auf eurem Heimweg an den Hut stoͤßt, das brecht fuͤr mich ab.’ Er kaufte nun fuͤr die beiden Stiefschwestern schoͤne Kleider, Perlen und Edelsteine, und auf dem Ruͤckweg, als er durch einen gruͤnen Busch ritt, streifte ihn ein Haselreis, und stieß ihm den Hut ab. Da brach er das Reis ab, und nahm es mit. Als er nach Haus kam, gab er den Stieftoͤchtern was sie sich gewuͤnscht hatten, und dem Aschenputtel gab er das Reis von dem Haselbusch. Aschenputtel dankte ihm, gieng zu seiner Mutter Grab, und pflanzte das Reis darauf, und weinte so sehr, daß es von seinen Thraͤnen begossen ward. Es wuchs aber und ward ein schoͤner Baum. Aschenputtel gieng alle Tage dreimal darunter, weinte und betete, und allemal kam ein Voͤglein auf den Baum, und das Voͤglein gab ihm was es sich wuͤnschte.
Es begab sich aber, daß der Koͤnig ein Fest anstellte, das drei Tage dauern sollte, damit sich sein Sohn eine Braut aussuchen139 moͤchte. Die zwei Stiefschwestern waren auch dazu eingeladen, riefen Aschenputtel und sprachen ‘kaͤmm uns die Haare, buͤrste uns die Schuhe und schnalle uns die Schnallen, wir tanzen auf des Koͤnigs Fest.’ Das that Aschenputtel und weinte, weil es auch gern zum Tanz mitgegangen waͤr, und bat die Stiefmutter gar sehr sie moͤchte es ihm erlauben. ‘Du Aschenputtel,’ sprach sie, ‘hast nichts am Leib, und hast keine Kleider, und kannst nicht tanzen, und willst zur Hochzeit!’ Als es noch weiter bat, sprach sie endlich ‘da habe ich dir eine Schuͤssel Linsen in die Asche geschuͤttet, und wenn du die Linsen in zwei Stunden wieder ausgelesen hast, so sollst du mitgehen. Das Maͤdchen gieng vor die Hinterthuͤre nach dem Garten zu, und rief ‘ihr zahmen Taͤubchen, ihr Turteltaͤubchen, all ihr Voͤglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen,
Da kamen zum Kuͤchenfenster zwei weiße Taͤubchen herein, und darnach die Turteltaͤubchen, und endlich schwirrten und schwaͤrmten alle Voͤglein unter dem Himmel herein, und ließen sich um die Asche nieder. Und die Taͤubchen nickten mit den Koͤpfchen, und fiengen an pik, pik, pik, pik, und da fiengen die uͤbrigen auch an pik, pik, pik, pik, und lasen alle guten Koͤrnlein in die Schuͤssel. Wie eine Stunde herum war, waren sie schon fertig, und flogen alle wieder hinaus. Da brachte das Maͤdchen die Schuͤssel der Stiefmutter, und freute sich, und glaubte es duͤrfte nun mit auf die Hochzeit gehen. Aber sie sprach ‘nein140 du Aschenputtel, du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen, du sollst nicht mitgehen.’ Als es nun weinte, sprach sie ‘wenn du mir zwei Schuͤsseln voll Linsen in einer Stunde aus der Asche rein lesen kannst, so sollst du mitgehen, und dachte dabei ‘das kann es nimmermehr.’ Nun schuͤttete sie zwei Schuͤsseln Linsen in die Asche; aber das Maͤdchen gieng vor die Hinterthuͤre nach dem Garten zu, und rief ‘ihr zahmen Taͤubchen, ihr Turteltaͤubchen, all ihr Voͤglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen,
Da kamen zum Kuͤchenfenster zwei weiße Taͤubchen herein, und danach die Turteltaͤubchen, und endlich schwirrten und schwaͤrmten alle Voͤglein unter dem Himmel herein, und ließen sich um die Asche nieder. Und die Taͤubchen nickten mit ihren Koͤpfchen, und fiengen an pik, pik, pik, pik, und da fiengen die uͤbrigen auch an pik, pik, pik, pik, und lasen alle guten Koͤrner in die Schuͤsseln. Und eh eine halbe Stunde herum war, waren sie schon fertig, und flogen alle wieder hinaus. Da brachte das Maͤdchen der Stiefmutter die Schuͤsseln, und freute sich, und glaubte nun duͤrfte es mit auf die Hochzeit gehen. Aber sie sprach ‘es hilft dir alles nichts: du kommst nicht mit, denn du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen, und wir muͤßten uns nur schaͤmen.’ Darauf gieng sie mit ihren zwei Toͤchtern fort.
141Als nun niemand mehr daheim war, gieng Aschenputtel zu seiner Mutter Grab unter den Haselbaum, und rief
Da warf ihm der Vogel ein golden und silbern Kleid herunter, und mit Seide und Silber ausgestickte Pantoffeln. Da zog es das Kleid an, und gieng zur Hochzeit. Seine Schwestern aber und die Stiefmutter kannten es nicht, und meinten es muͤßte eine fremde Koͤnigstochter seyn, so schoͤn sah es in den reichen Kleidern aus. An Aschenputtel dachten sie gar nicht, und glaubten es laͤge daheim im Schmutz. Der Koͤnigssohn kam ihm entgegen und nahm es bei der Hand, und tanzte mit ihm. Er wollte auch mit sonst niemand tanzen also daß er ihm die Hand nicht los ließ, und wenn ein anderer kam, es aufzufordern, sprach er ‘das ist meine Taͤnzerin.’
Es tanzte bis es Abend war, da wollte es nach Haus gehen. Der Koͤnigssohn aber sprach ‘ich gehe mit und begleite dich,’ denn er wollte sehen wem das schoͤne Maͤdchen angehoͤrte. Sie entwischte ihm aber, und sprang in das Taubenhaus. Nun, wartete der Koͤnigssohn bis der Vater kam, und sagte ihm das fremde Maͤdchen waͤr in das Taubenhaus gesprungen. Da dachte er ‘sollte es Aschenputtel seyn’, und sie mußten ihm Axt und Hacken bringen, damit er das Taubenhaus entzwei schlagen konnte: aber es war niemand darin. Und als sie ins Haus kamen, lag Aschenputtel in seinen schmutzigen Kleidern in der Asche, und ein truͤbes Oehllaͤmpchen brannte im Schornstein; denn142 Aschenputtel war geschwind durch das Taubenhaus gesprungen und zu dem Haselbaͤumchen gegangen, da hatte es die schoͤnen Kleider ausgethan und aufs Grab gelegt, und der Vogel hatte sie wieder weggenommen, und dann hatte es sich in seinem grauen Kittelchen in die Kuͤche zur Asche gesetzt.
Am andern Tag, als das Fest von neuem anhub, und die Eltern und Stiefschwestern wieder fort waren, gieng Aschenputtel zu dem Haselbaum und sprach
Da wars der Vogel ein noch viel stolzeres Kleid herab, als am vorigen Tag. Und als es mit diesem Kleide auf der Hochzeit erschien, erstaunte jedermann uͤber seine Schoͤnheit: der Koͤnigssohn aber hatte gewartet bis es kam, nahm es gleich bei der Hand, und tanzte nur allein mit ihm. Wenn die andern kamen und es aufforderten, sprach er ‘das ist meine Taͤnzerin.’ Als es nun Abend war, wollte es fort, und der Koͤnigssohn gieng mit, und wollte sehen in welches Haus es gienge: aber es sprang ihm fort und in den Garten hinter dem Haus. Darin stand ein schoͤner großer Birnbaum voll herrlichem Obst, auf den stieg es gar behend, und der Koͤnigssohn wußte nicht wo es hingekommen war. Er wartete aber bis der Vater kam, und sprach zu ihm ‘das fremde Maͤdchen ist mir entwischt, und ich glaube es ist auf den Birnbaum gesprungen.’ Der Vater dachte ‘sollte es Aschenputtel seyn’, und ließ sich die Axt holen, und hieb den Baum um, aber es war niemand darauf. Und143 als sie in die Kuͤche kamen, lag Aschenputtel da in der Asche, wie gewoͤhnlich, denn es war auf der andern Seite vom Baum herabgesprungen, hatte dem Vogel auf dem Haselbaͤumchen die schoͤnen Kleider wieder gebracht, und sein graues Kittelchen angezogen.
Am dritten Tag, als die Eltern und Schwestern fort waren, gieng Aschenputtel wieder zu seiner Mutter Grab, und sprach zu dem Baͤumchen
Nun warf ihm der Vogel ein Kleid herab, das war so praͤchtig wie es noch keins gehabt hatte, und die Pantoffel waren ganz golden. Als es zu der Hochzeit kam, wußten sie alle nicht was sie vor Verwunderung sagen sollten, der Koͤnigssohn tanzte ganz allein mit ihm, und wenn es einer aufforderte, sprach er ‘das ist meine Taͤnzerin.’
Als es nun Abend war, wollte Aschenputtel fort, und der Koͤnigssohn wollte es begleiten, aber es entsprang ihm. Doch verlor es seinen linken ganz goldenen Pantoffel, denn der Koͤnigssohn hatte Pech auf die Treppe streichen lassen, und daran blieb er haͤngen. Nun nahm er den Schuh, und gieng am andern Tag damit zu dem Mann, und sagte die sollte seine Gemahlin werden, an deren Fuß dieser goldene Schuh paste. Da freuten sich die beiden Schwestern, weil sie schoͤne Fuͤße hatten. Die Aelteste gieng mit dem Schuh in die Kammer, und wollte ihn anprobieren, und die Mutter stand dabei. Aber sie144 konnte mit der großen Zehe nicht hineinkommen, und der Schuh war ihr zu klein, da reichte ihr die Mutter ein Messer, und sprach ‘hau die Zehe ab, wann du Koͤnigin bist, so brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.’ Das Maͤdchen hieb die Zehe ab, zwaͤngte den Fuß hinein, und gieng zum Koͤnigssohn. Der nahm sie als seine Braut aufs Pferd, und ritt mit ihr fort. Sie mußten aber an dem Grabe vorbei, da saßen die zwei Taͤubchen auf dem Haselbaͤumchen und riefen
Da blickte er auf ihren Fuß, und sah wie das Blut herausquoll. Er wendete sein Pferd um, brachte die falsche Braut wieder nach Haus, und sagte das waͤre nicht die rechte, die andere Schwester sollte den Schuh anziehen. Da gieng diese in die Kammer, und kam mit den Zehen in die Schuh, aber hinten die Ferse war zu groß. Da reichte ihr die Mutter ein Messer, und sprach ‘hau ein Stuͤck von der Ferse ab, wann du Koͤnigin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu geben.’ Das Maͤdchen hieb ein Stuͤck von der Ferse ab, zwaͤngte den Fuß in den Schuh, und gieng heraus zum Koͤnigssohn. Der nahm sie als seine Braut aufs Pferd, und ritt mit ihr fort. Als sie an dem Haselbaͤumchen vorbeikamen, saßen die zwei Taͤubchen darauf und riefen
145Er blickte nieder auf ihren Fuß, und sah wie das Blut aus dem Schuh quoll, und an den weißen Struͤmpfen ganz roth heraufgestiegen war. Da wendete er sein Pferd, und brachte die falsche Braut wieder zuruͤck. ‘Das ist auch nicht die rechte,’ sprach er, ‘habt ihr keine andere Tochter?’ ‘Nein,’ sagte der Mann, ‘nur von meiner verstorbenen Frau ist noch ein kleines garstiges Aschenputtel da, das kann aber nicht die Braut seyn.’ Der Koͤnigssohn sprach er sollt es heraufschicken, die Mutter aber antwortete ‘ach nein, daß ist viel zu schmutzig, das darf sich nicht sehen lassen.’ Er wollte es aber durchaus haben, und Aschenputtel mußte gerufen werden. Da wusch es sich erst Haͤnde und Angesicht rein, gieng dann hin und neigte sich vor dem Koͤnigssohn, der ihm den goldenen Schuh reichte. Nun streifte es den schweren Schuh vom linken Fuß ab, setzte diesen auf den goldenen Pantoffel, und druͤckte ein wenig, so stand es darin, als waͤr er ihm angegossen. Und als es sich aufbuͤckte, erkannte er es im Angesicht und sprach ‘das ist die rechte Braut!’ Die Stiefmutter und die beiden Schwestern erschracken, und wurden bleich vor Aerger, er aber nahm Aschenputtel aufs Pferd, und ritt mit ihm fort. Als sie an dem Haselbaͤumchen vorbei kamen, riefen die zwei weißen Taͤubchen
146Und als sie das gerufen hatten, kamen sie beide herab geflogen, und setzten sich dem Aschenputtel auf die Schultern, eine rechts, die andere links, und blieben da sitzen.
Als die Hochzeit mit dem Koͤnigssohn sollte gehalten werden, kamen die falschen Schwestern, wollten sich einschmeicheln, und Theil an seinem Gluͤck nehmen. Als die Brautleute nun zur Kirche giengen, war die aͤlteste zur rechten, die juͤngste zur linken Seite, da pickten die Tauben einer jeden das eine Auge aus; hernach als sie heraus gieng, war die aͤlteste zur linken, und die juͤngste zur rechten, da pickten die Tauben einer jeden das andere Auge aus: und waren sie also fuͤr ihre Bosheit und Falschheit mit Blindheit auf ihr Lebtag gestraft.
Es war einmal ein Koͤnigssohn, der bekam Lust in der Welt umher zu ziehen, und nahm niemand mit als einen treuen Diener. Eines Tags gerieth er in einen großen Wald, und als der Abend kam, konnte er keine Herberge finden, und wußte nicht wo er die Nacht zubringen sollte. Da sah er ein Maͤdchen, das nach einem kleinen Haͤuschen zu gieng, und als er naͤher kam, sah er daß das Maͤdchen sehr schoͤn war, und redete es an und sprach ‘liebes Kind, kann ich und mein Diener in dem Haͤuschen fuͤr die Nacht ein Unterkommen finden?’ ‘Ach ja,’ sagte das Maͤdchen mit trauriger Stimme ‘das koͤnnt ihr wohl, aber ich rathe euch nicht dazu.’ ‘Warum raͤthst du mir nicht dazu?’ fragte der Koͤnigssohn. Das Maͤdchen seufzte und sprach ‘meine Stiefmutter treibt boͤse Kuͤnste, sie meints nicht gut mit den Fremden.’ Da merkte er wohl daß er zu dem Haus einer Hexe gekommen war, doch weil er nicht weiter konnte, und sich nicht fuͤrchtete, so trat er ein. Die Alte saß auf einem Lehnstuhl beim Feuer, und sah mit ihren rothen und feurigen Augen die Fremden an. ‘Guten Abend,’ schnarrte sie, und that ganz freundlich, ‘laßt euch nieder und ruht euch aus.’ Sie blies die Kohlen an, bei welchen sie in einem kleinen Topf etwas kochte. Die Tochter warnte die beiden vorsichtig zu seyn nichts zu essen und148 nichts zu trinken, denn die Alte braue boͤse Getraͤnke. Sie schliefen ruhig bis zum fruͤhen Morgen; als sie sich zur Abreise fertig machten und der Koͤnigssohn schon zu Pferde saß, sprach die Alte ‘wartet einen Augenblick, ich will euch erst einen Abschiedstrank reichen.’ Waͤhrend sie ihn holte, ritt der Koͤnigssohn fort, und der Diener, der den Sattel noch fest schnallen mußte, war allein zugegen, als die boͤse Hexe mit dem Trank kam. ‘Da bring ihn deinem Herrn’ sagte sie, aber in dem Augenblick sprang das Glas, und das Gift spritzte auf das Pferd, und war so heftig daß das Thier gleich todt hinstuͤrzte. Der Diener lief seinem Herrn nach, und erzaͤhlte ihm was geschehen war, der Diener aber wollte den Sattel nicht im Stich lassen, und lief zuruͤck um ihn zu holen. Wie er aber zu dem todten Pferde kam, saß schon ein Rabe darauf und fraß davon. ‘Wer weiß ob wir heute noch etwas besseres finden’ sagte der Diener, toͤdtete den Raben, und nahm ihn mit. Nun zogen sie in dem Walde den ganzen Tag weiter, konnten aber nicht herauskommen. Bei Anbruch der Nacht fanden sie ein Wirthshaus, und giengen hinein. Der Diener gab dem Wirth den Raben, und sagte er sollte ihn zum Abendessen zubereiten. Sie waren aber in eine Moͤrdergrube gerathen, und in der Dunkelheit kamen zwoͤlf Moͤrder, und wollten die Fremden umbringen und berauben. Eh sie sich aber ans Werk machten, verzehrten sie erst den Raben, der da gebraten auf dem Tische stand. Dem Raben aber hatte sich das Gift von dem genossenen Pferdefleisch mitgetheilt, und kaum hatten sie ein paar Bißen hinunter geschluckt,149 so fielen sie alle todt nieder. Es war niemand mehr im Hause uͤbrig als die Tochter des Wirths, die es redlich meinte, und an den gottlosen Dingen keinen Theil genommen hatten. Sie oͤffnete dem Fremden alle Thuͤren, und zeigte ihm die angehauften Schaͤtze. Der Koͤnigssohn aber sagte sie moͤchte alles behalten, und ritt mit seinem Diener weiter.
Nachdem sie lange herum gezogen waren, kamen sie in eine Stadt, worin eine schoͤne aber uͤbermuͤthige Koͤnigstochter war, die hatte bekannt machen lassen wer ihr ein Raͤthsel vorlegte das sie nicht errathen koͤnnte, der sollte ihr Gemahl werden; erriethe sie es aber, so muͤßte er sich das Haupt abschlagen lassen. Drei Tage hatte sie Zeit sich zu besinnen, sie war aber so klug daß sie immer die vorgelegten Raͤthsel vor der bestimmten Zeit errieth. Schon hatten neune sich hingeopfert, als der Koͤnigssohn kam, und von ihrer großen Schoͤnheit geblendet, sein Leben daran wagte. Er trat vor sie hin, und gab ihr sein Raͤthsel auf, ‘was ist das,’ sagte er, ‘einer schlug keinen, und schlug doch zwoͤlfe.’ Sie wußte nicht was das war, sie sann und sann, aber sie brachte es nicht heraus: sie schlug ihre Raͤthselbuͤcher auf, aber es stand nicht darin; ihr Latein war zu Ende. Da sie sich nicht zu helfen wußte, befahl sie ihrer Magd in das Schlafgemach des Herrn zu schleichen, da sollte sie seine Traͤume behorchen, und dachte er rede vielleicht im Schlaf und verrathe das Raͤthsel. Aber der kluge Diener hatte sich statt des Herrn ins Bett gelegt, und als die Magd heran kam, nahm er ihr den Mantel weg, und jagte sie mit Ruthen150 hinaus. Jn der zweiten Nacht schickte die Koͤnigstochter ihre Kammerjungfer, die sollte sehen ob es ihr mit Horchen besser gluͤckte, aber der Diener nahm auch ihr den Mantel weg, und jagte sie mit Ruthen hinaus. Nun glaubte der Herr fuͤr die dritte Nacht sicher zu seyn, und legte sich in sein Bett, da kam die Koͤnigstochter selbst, hatte einen nebelgrauen Mantel umgethan, und setzte sich neben ihn. Und als sie dachte er schliefe und traͤumte, so redete sie ihn an, und hoffte er werde im Traume antworten, wie viele thun; aber er war wach, und verstand und hoͤrte alles sehr wohl. Da fragte sie ‘einer schlug keinen, was ist das?’ Er antwortete ‘ein Rabe der von einem todten und vergifteten Pferde fraß und davon starb.’ Weiter fragte sie ‘und schlug doch zwoͤlfe, was ist das?’ ‘Das sind zwoͤlf Moͤrder, die den Raben verzehrten und daran starben.’ Als sie das Raͤthsel wußte, wollte sie sich fortschleichen, aber er hielt ihren Mantel fest, daß sie ihn zuruͤck lassen mußte. Am andern Morgen verkuͤndigte die Koͤnigstochter sie habe das Raͤthsel errathen, und ließ die zwoͤlf Richter kommen, und loͤste es vor ihnen. Aber der Juͤngling bat sich Gehoͤr aus, und sagte ‘sie ist in der Nacht zu mir geschlichen und hat mich ausgefragt, denn sonst haͤtte sie es nicht errathen.’ Die Richter sprachen ‘bringt uns Wahrzeichen.’ Da wurden die drei Maͤntel von dem Diener herbei gebracht, und als die Richter den nebelgrauen erblickten, den die Koͤnigstochter zu tragen pflegte, so sagten sie ‘laßt den Mantel sticken mit Gold und Silber, damit ein Hochzeitsmantel daraus wird.’
Es waren einmal ein Maͤuschen, ein Voͤgelchen und eine Bratwurst in Gesellschaft gerathen, hatten einen Haushalt gefuͤhrt, lange wohl und koͤstlich im Frieden gelebt, und trefflich an Guͤtern zugenommen. Des Voͤgelchens Arbeit war, daß es taͤglich im Wald fliegen und Holz beibringen muͤßte. Die Maus sollte Wasser tragen, Feuer anmachen und den Tisch decken, die Bratwurst aber sollte kochen.
Wem zu wohl ist, den geluͤstet immer nach neuen Dingen! Also eines Tages stieß dem Voͤglein unterweges ein anderer Vogel auf, dem es seine treffliche Gelegenheit erzaͤhlte und ruͤhmte. Derselbe andere Vogel schalt es aber einen armen Tropfen, der große Arbeit, die beiden zu Haus aber gute Tage haͤtten. Denn, wenn die Maus ihr Feuer angemacht und Wasser getragen hatte, so begab sie sich in ihr Kaͤmmerlein zur Ruhe bis man sie heiße den Tisch decken. Das Wuͤrstlein blieb beim Hafen, sahe zu daß die Speise wohl kochte, und wann es bald Essenszeit war, schlingte es sich ein mal viere durch den Brei oder das Gemuͤs, so war es geschmalzen, gesalzen und bereitet: kam dann das Voͤglein heim, und legte seine Buͤrde ab, so152 saßen sie zu Tisch, und nach gehabtem Mahl schliefen sie sich die Haut voll bis den andern Morgen, und das war ein herrlich Leben.
Das Voͤglein anderes Tages wollte aus Anstiftung nicht mehr ins Holz, sprechend es waͤre lang genug Knecht gewest, und haͤtte gleichsam ihr Narr sein muͤssen, sie sollten einmal umwechseln, und es auf eine andere Weise auch versuchen. Und wie wohl die Maus heftig dafuͤr bate, auch die Bratwurst, so ward der Vogel doch Meister, es mußte gewagt seyn, spieleten derowegen, und kam das Loos auf die Bratwurst, die mußte Holz tragen, die Maus ward Koch, und der Vogel sollte Wasser holen.
Was geschicht? das Bratwuͤrstchen zog fort gen Holz, das Voͤglein machte Feuer an, die Maus stellte den Topf zu, und erwarteten allein, bis Bratwuͤrstchen heim kaͤme, und Holz fuͤr den andern Tag braͤchte. Es blieb aber das Wuͤrstlein so lang unterwegs, daß ihnen beiden nichts guts vorkam, und das Voͤglein ein Stuͤck Luft hinaus entgegen floge. Unfern aber findet es einen Hund am Weg, der das arme Bratwuͤrstlein als freie Beut angetroffen, angepackt und niedergemacht. Das Voͤglein beschwerte sich auch dessen als eines offenbaren Raubes sehr gegen den Hund, aber es half kein Wort, denn, sprach der Hund, er haͤtte falsche Briefe bei der Bratwurst gefunden, deswegen waͤre sie ihm des Lebens verfallen gewesen.
Das Voͤglein, traurig, nahm das Holz auf sich, flog heim, und erzaͤhlete was es gesehn und gehoͤret. Sie waren sehr betruͤbt, verglichen sich aber das beste zu thun, und beisammen153 zu bleiben. Derowegen so deckte das Voͤglein den Tisch, und die Maus ruͤstete das Essen, und wollte anrichten, und in den Hafen, wie zuvor das Wuͤrstlein, durch das Gemuͤs schlingen und schlupfen, dasselbe zu schmelzen: aber ehe sie in die Mitte kam, ward sie angehalten, und mußt Haut und Haar und dabei das Leben lassen.
Als das Voͤglein kam, und wollte das Essen auftragen, da war kein Koch vorhanden. Das Voͤglein warf bestuͤrzt das Holz hin und her, rufte und suchte, konnte aber seinen Koch nicht mehr finden. Aus Unachtsamkeit kam das Feuer in das Holz, also daß eine Brunst entstunde; das Voͤglein eilte Wasser zu langen, da entfiel ihm der Eimer in den Brunnen, und es mit hinab, daß es sich nicht mehr erholen konnte, und da ersaufen mußte.
Eine Wittwe hatte zwei Toͤchter, davon war die eine schoͤn und fleißig, die andere haͤßlich und faul. Sie hatte aber die haͤßliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere mußte alle Arbeit thun, und der Aschenputtel im Hause seyn. Das arme Maͤdchen mußte sich taͤglich hinaus auf die große Straße bei einem Brunnen setzen, und so viel spinnen, daß ihm das Blut aus den Fingern sprang. Nun trug es sich zu, daß die Spuhle einmal ganz blutig war, da buͤckte es sich damit in den Brunnen, und wollte sie abwaschen: sie sprang ihm aber aus der Hand, und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter, und erzaͤhlte ihr das Ungluͤck: sie schalt es heftig, und war so unbarmherzig, daß sie sprach ‘hast du die Spuhle hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.’ Da gieng das Maͤdchen zu dem Brunnen zuruͤck, und wußte nicht was es anfangen sollte, und sprang in seiner Angst in den Brunnen hinein. Als es erwachte, und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schoͤnen Wiese, da schien die Sonne, und waren viel tausend Blumen. Auf der Wiese gieng es fort,155 und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief ‘ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon laͤngst ausgebacken.’ Da trat es fleißig herzu, und holte alles heraus. Danach gieng es weiter, und kam zu einem Baum, der hieng voll Aepfel, und rief ihm zu ‘ach schuͤttel mich, schuͤttel mich, wir Aepfel sind alle mit einander reif.’ Da schuͤttelte es den Baum, daß die Aepfel fielen als regneten sie, so lang bis keiner mehr oben war; und dann gieng es wieder weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zaͤhne hatte, ward ihm Angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach ‘fuͤrchte dich nicht, liebes Kind, bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich thun willst, so soll dirs gut gehn; nur mußt du Acht geben daß du mein Bett gut machst, und es fleißig aufschuͤttelst, daß die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt;*)Darum sagt man in Hessen, wenn es schneit, die Frau Holle macht ihr Bett. ich bin die Frau Holle.’ Weil die Alte ihm so gut zusprach, willigte das Maͤdchen ein, und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit, und schuͤttelte ihr das Bett immer gewaltig auf; dafuͤr hatte es auch ein gut Leben bei ihr, kein boͤses Wort, und alle Tage Gesottenes und Gebratenes. Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig in seinem Herzen: und ob es hier gleich viel tausendmal besser war als zu Haus, so hatte156 es doch ein Verlangen dahin; endlich sagte es zu ihr ‘ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier geht, so kann ich doch nicht laͤnger bleiben.’ Die Frau Holle sagte ‘es gefaͤllt mir, daß du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinauf bringen.’ Sie nahm es darauf bei der Hand, und fuͤhrte es vor ein großes Thor. Das ward auf gethan, und wie das Maͤdchen gerade unter dem Thor stand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm haͤngen, so daß es uͤber und uͤber davon bedeckt war. ‘Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist’ sprach die Frau Holle, und gab ihm auch die Spuhle wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf ward das Thor verschlossen, und das Maͤdchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus, und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief
Da gieng es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt ankam, ward es gut aufgenommen.
Als die Mutter hoͤrte wie es zu dem Reichthum gekommen war, wollte sie der andern haͤßlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Gluͤck verschaffen, und sie mußte sich auch an den Brunnen setzen und spinnen; damit ihr die Spuhle blutig ward, stach sie sich157 in die Finger, und zerstieß sich die Hand an der Dornhecke. Danach warf sie die Spuhle in den Brunnen, und sprang selber hinein. Sie kam, wie die andere, auf die schoͤne Wiese, und gieng auf demselbem Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brod wieder ‘ach, zieh mich raus, zieh mich raus sonst verbrenn ich, ich bin schon laͤngst ausgebacken.’ Die Faule aber antwortete ‘da haͤtt ich Lust mich schmutzig zu machen. ’ und gieng fort. Bald kam sie zu dem Aepfelbaum, der rief ‘ach, schuͤttel mich, schuͤttel mich, wir Aepfel sind alle mit einander reif.’ Sie antwortete aber ‘du kommst mir recht, es koͤnnte mir einer auf den Kopf fallen,’ und gieng damit weiter. Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fuͤrchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zaͤhnen schon gehoͤrt hatte, und verdingte sich gleich zu ihr. Am ersten Tag that sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken wuͤrde; am zweiten Tag aber fieng sie schon an zu faullenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie Morgens gar nicht aufstehen: sie machte auch der Frau Holle das Bett schlecht, und schuͤttelte es nicht daß die Federn aufflogen. Das ward die Frau Holle bald muͤde, und sagte der Faulen den Dienst auf. Die war es wohl zufrieden, und meinte nun werde der Goldregen kommen; die Frau Holle fuͤhrte sie auch zu dem Thor, als sie aber darunter stand, ward statt des Golds ein großer Kessel voll Pech ausgeschuͤttet. ‘Das ist zur Belohnung deiner Dienste’ sagte die Frau Holle, und schloß das Thor zu. Da kam die Faule158 heim ganz mit Pech bedeckt; der Hahn aber auf dem Brunnen, als er sie sah, rief
Das Pech aber wollte, so lange sie lebte, nicht abgehen und blieb an ihr haͤngen.
Ein Mann hatte sieben Soͤhne, und immer noch kein Toͤchterchen, so sehr er sichs auch wuͤnschte; endlich gab ihm seine Frau wieder gute Hoffnung zu einem Kinde, und wie’s zur Welt kam, wars ein Maͤdchen. Ob es gleich schoͤn war, so wars doch auch schmaͤchtig und klein, und sollte wegen seiner Schwachheit die Nothtaufe haben. Da schickte der Vater einen der Knaben eilends zur Quelle, Taufwasser zu holen, aber die andern sechs liefen mit. Jeder wollte aber der erste beim Schoͤpfen seyn, und daruͤber fiel ihnen der Krug in den Brunnen. Da standen sie, und wußten nicht was sie thun sollten, und keiner getraute sich heim. Dem Vater ward unter der Weile angst das Maͤdchen muͤßte ungetauft verscheiden, und wußte gar nicht warum die Jungen so lange ausblieben. ‘Gewiß,’ sprach er, ‘haben sies wieder uͤber ein Spiel vergessen;’ und als sie immer nicht kamen, fluchte er im Aerger ‘ich wollte daß die Jungen alle zu Raben wuͤrden.’ Kaum war das Wort ausgeredet, so hoͤrte er ein Geschwirr uͤber seinem Haupt in der Luft, blickte auf, und sah sieben kohlschwarze Raben auf und davon fliegen. 160Die Eltern konnten die Verwuͤnschung nicht mehr zuruͤcknehmen, und so traurig sie uͤber den Verlust ihrer sieben Soͤhne waren, troͤsteten sie sich einigermaßen durch ihr liebes Toͤchterchen, das bald zu Kraͤften kam, und mit jedem Tage schoͤner ward. Es wußte lange Zeit nicht einmal daß es Geschwister gehabt hatte, denn die Eltern huͤteten sich ihrer zu erwaͤhnen, bis es eines Tags von ungefaͤhr die Leute von sich sprechen hoͤrte, das Maͤdchen waͤre wohl schoͤn, aber doch eigentlich Schuld an dem Ungluͤck seiner sieben Bruͤder. Da wurde es ganz betruͤbt, gieng zu Vater und Mutter, und fragte ob es denn Bruͤder gehabt haͤtte, und wo sie hingerathen waͤren? Nun durften die Eltern das Geheimnis nicht laͤnger verschweigen, sagten jedoch es sey so des Himmels Verhaͤngnis, und seine Geburt nur der unschuldige Anlaß gewesen. Allein das Maͤdchen machte sich taͤglich ein Gewissen daraus, und glaubte sich fest verbunden seine Geschwister zu erloͤsen, und hatte nicht Ruhe und Rast, bis es sich heimlich aufmachte, und in die weite Welt gieng, seine Bruͤder irgendwo aufzuspuͤren und zu befreien, es koste was es wolle. Es nahm nichts mit sich als ein Ringlein von seinen Eltern zum Andenken, einen Laib Brot fuͤr den Hunger, ein Kruͤglein Wasser fuͤr den Durst, und ein Stuͤhlchen fuͤr die Muͤdigkeit.
Nun gieng es immer zu, weit weit bis an der Welt Ende. Da kam es zur Sonne, aber die war zu heiß und fuͤrchterlich, und fraß die kleinen Kinder; eiligst lief es weg, und hin zu dem Mond, aber der war gar zu kalt, und auch grausig und boͤs159 und als er das Kind merkte, sprach er ‘ich rieche rieche Menschenfleisch.’ Da machte es sich geschwind fort, und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut, und jeder saß auf seinem besondern Stuͤhlchen. Der Morgenstern aber stand auf, gab ihm ein Hinkelbeinchen und sprach ‘wenn du das Beinchen nicht hast, kannst du den Glasberg nicht aufschließen, und in dem Glasberg da sind deine Bruͤder.’
Das Maͤdchen nahm das Beinchen, wickelte es wohl in ein Tuͤchlein, und gieng wieder fort so lange bis es an den Glasberg kam, dessen Thor verschlossen war. Nun wollte es das Beinchen hervor holen, aber wie es das Tuͤchelchen aufmachte, so war es leer, und es hatte das Geschenk der guten Sterne verloren. Was sollte es nun anfangen? seine Bruͤder wollte es erretten, und hatte keinen Schluͤssel zum Glasberg. Das gute Schwesterchen nahm ein Messer, schnitt sich sein kleines Fingerchen ab, steckte es in das Thor, und schloß gluͤcklich auf. Als es hinein getreten war, kam ihm ein Zwerglein entgegen, das sprach ‘mein Kind, was suchst du?’ ‘Jch suche meine Bruͤder, die sieben Raben’ antwortete es. Der Zwerg sprach ‘die Herren Raben sind nicht zu Haus, aber willst du hier so lang warten, bis sie kommen, so tritt ein.’ Darauf brachte das Zwerglein die Speise der Raben getragen auf sieben Tellerchen und in sieben Becherchen, und von jedem Tellerchen aß das Schwesterchen ein Broͤckchen, und aus jedem Becherchen trank es ein Schluͤckchen; in das letzte Becherchen aber ließ es das Ringlein fallen, das es mitgenommen hatte. 160Auf einmal hoͤrte es in der Luft ein Geschwirr und ein Geweh: da sprach das Zwerglein ‘jetzt kommen die Herren Raben heim geflogen.’ Da kamen sie, wollten essen und trinken, und suchten ihre Tellerchen und Becherchen. Da sprach einer nach dem andern ‘wer hat von meinem Tellerchen gegessen? wer hat aus meinen Becherchen getrunken? das ist eines Menschen Mund gewesen.’ Und wie der siebente auf den Grund des Bechers kam, rollte ihm das Ringlein entgegen; da sah er es an, und erkannte daß es ein Ring von Vater und Mutter war, und sprach ‘Gott gebe, unser Schwesterlein waͤr da, so waͤren wir erloͤst.’ Wie das Maͤdchen, das hinter der Thuͤre stand und lauschte, den Wunsch hoͤrte, so trat es hervor, und da bekamen alle die Raben ihre menschliche Gestalt wieder. Und sie herzten und kuͤßten einander, und zogen froͤhlich heim.
Es war einmal eine kleine suͤße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wußte gar nicht, was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Kaͤppchen von rothem Sammet, und weil ihm das so wohl stand, und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rothkaͤppchen. Da sagte einmal seine Mutter zu ihm: ‘komm, Rothkaͤppchen, da hast du ein Stuͤck Kuchen und eine Flasche Wein, die bring der Großmutter hinaus: weil sie krank und schwach ist, wird sie sich daran laben; sey aber huͤbsch artig und gruͤß sie von mir, geh auch ordentlich, und lauf nicht vom Weg ab, sonst faͤllst du, und zerbrichst das Glas, dann hat die kranke Großmutter nichts.’
Rothkaͤppchen sagte ‘ich will schon alles gut ausrichten’, und gab der Mutter die Hand darauf. Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rothkaͤppchen in den Wald kam, begegnete ihm der Wolf. Rothkaͤppchen aber wußte nicht was das fuͤr ein boͤses Thier war, und fuͤrchtete sich nicht vor ihm. ‘Guten Tag, Rothkaͤppchen,’ sprach er. ‘Schoͤnen Dank, Wolf.’ ‘Wo hinaus so fruͤh, Rothkaͤppchen?’ 162‘Zur Großmutter.’ ‘Was traͤgst du unter der Schuͤrze?’ ‘Kuchen und Wein fuͤr die kranke und schwache Großmutter; gestern haben wir gebacken, da soll sie sich etwas zu gut thun und sich staͤrken.’ ‘Rothkaͤppchen, wo wohnt deine Großmutter?’ ‘Noch eine gute Viertelstunde im Wald, unter den drei großen Eichbaͤumen, da steht ihr Haus, unten sind die Nußhecken, das wirst du ja wissen’ sagte Rothkaͤppchen. Der Wolf dachte bei sich ‘das junge zarte Maͤdchen, das ist ein guter Bissen fuͤr dich: wie faͤngst dus an, daß du den kriegst.’ Da ging er ein Weilchen neben Rothkaͤppchen her, dann sprach er ‘Rothkaͤppchen, sieh einmal die schoͤnen Blumen, die im Walde stehen, warum guckst du nicht um dich? ich glaube du hoͤrst gar nicht darauf, wie die Voͤglein so lieblich singen? du gehst ja fuͤr dich hin als wenn du zur Schule giengst, und ist so lustig haußen in dem Wald.’
Rothkaͤppchen schlug die Augen auf, und als es sah wie die Sonne durch die Baͤume hin und her sprang und alles voll schoͤner Blumen stand, dachte es ‘wenn ich der Großmutter einen Strauß mitbringe, der wird ihr auch lieb seyn; es ist ja noch fruͤh, daß ich doch zu rechter Zeit ankomme,’ und sprang in den Wald und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meinte es weiter hinaus staͤnde eine noch schoͤnere, und lief darnach, und lief immer tiefer in den Wald hinein. Der Wolf aber gieng geradeswegs nach dem Haus der Großmutter, und klopfte an die Thuͤre. ‘Wer ist draußen?’ ‘Rothkaͤppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf.’ ‘Druͤck nur auf die163 Klinke,’ rief die Großmutter, ‘ich bin zu schwach, und kann nicht aufstehen.’ Der Wolf druͤckte auf die Klinke, trat hinein, und gieng, ohne ein Wort zu sprechen, geradezu an das Bett der Großmutter, und verschluckte sie. Dann nahm er ihre Kleider, that sie an, setzte sich ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett, und zog die Vorhaͤnge vor.
Rothkaͤppchen aber war herum gelaufen nach Blumen, und als es so viel hatte, daß es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein, und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es wunderte sich daß die Thuͤre aufstand, und wie es in die Stube kam, sahs so seltsam darin aus, daß es dachte: ‘ei, du mein Gott, wie aͤngstlich wird mirs heute zu Muth, und bin sonst so gerne bei der Großmutter!’ Darauf gieng es zum Bett, und zog die Vorhaͤnge zuruͤck: da lag die Großmutter und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus. ‘Ei, Großmutter, was hast du fuͤr große Ohren!’ ‘Daß ich dich besser hoͤren kann.’ ‘Ei, Großmutter, was hast du fuͤr große Augen!’ ‘Daß ich dich besser sehen kann.’ ‘Ei, Großmutter, was hast du fuͤr große Haͤnde!’ ‘Daß ich dich besser packen kann.’ ‘Aber, Großmutter, was hast du fuͤr ein entsetzlich großes Maul!’ ‘Daß ich dich besser fressen kann.’ Und wie der Wolf das gesagt hatte, sprang er aus dem Bette und auf das arme Rothkaͤppchen, und verschlang es.
Wie der Wolf den fetten Bissen im Leibe hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein, und fieng an uͤberlaut zu schnarchen. Der Jaͤger gieng eben vorbei, und dachte bei sich ‘wie164 kann die alte Frau so schnarchen, du mußt einmal nachsehen ob ihr etwas fehlt.’ Da trat er in die Stube, und wie er vor das Bett kam, so lag der Wolf darin, den er lange gesucht hatte. Nun wollte er seine Buͤchse anlegen, da fiel ihm ein ‘vielleicht hat er die Großmutter gefressen, und ich kann sie noch retten,’ und schoß nicht, sondern nahm eine Scheere, und schnitt dem schlafenden Wolf den Bauch auf. Wie er ein paar Schnitte gethan, da sah er das rothe Kaͤppchen leuchten, und wie er noch ein wenig geschnitten, da sprang das Maͤdchen heraus, und rief ‘ach, wie war ich erschrocken, was wars so dunkel in dem Wolf seinem Leib!’ Und dann kam die alte Großmutter auch lebendig heraus. Rothkaͤppchen aber holte große schwere Steine, damit fuͤllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, daß er gleich niedersank und sich todt fiel.
Da waren alle drei vergnuͤgt; der Jaͤger nahm den Pelz vom Wolf, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein den Rothkaͤppchen gebracht hatte, und Rothkaͤppchen dachte bei sich ‘du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dirs die Mutter verboten hat.’
Es wird auch erzaͤhlt, daß einmal, als Rothkaͤppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm zugesprochen, und es vom Wege habe ableiten wollen. Rothkaͤppchen aber huͤtete sich, und gieng gerade fort seines165 Wegs, und sagte der Großmutter daß es dem Wolf begegnet waͤre, der ihm guten Tag gewuͤnscht, aber so boͤs aus den Augen geguckt habe: ‘wenns nicht auf offner Straße gewesen waͤre, er haͤtte mich gefressen.’ ‘Komm,’ sagte die Großmutter, ‘wir wollen die Thuͤre verschließen, daß er nicht herein kann.’ Bald darnach klopfte der Wolf an, und rief ‘mach auf, Großmutter, ich bin das Rothkaͤppchen, ich bring dir Gebackenes,’ Sie schwiegen aber still, und machten die Thuͤre nicht auf, da gieng der Boͤse etlichemal um das Haus, und sprang endlich aufs Dach, und wollte warten bis Rothkaͤppchen Abends nach Haus gienge, dann wollt er ihm nachschleichen, und wollts in der Dunkelheit fressen. Aber die Großmutter merkte was er im Sinn hatte. Nun stand vor dem Haus ein großer Steintrog; da sprach sie zu dem Kind ‘nimm den Eimer, Rothkaͤppchen, gestern hab ich Wuͤrste gekocht, da trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog.’ Rothkaͤppchen trug so lange, bis der große große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Wuͤrsten dem Wolf in die Nase, er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals so lang, daß er sich nicht mehr halten konnte, und anfieng zu rutschen: so rutschte er vom Dach herab, gerade in den großen Trog hinein, und ertrank. Rothkaͤppchen aber gieng froͤhlich nach Haus, und that ihm niemand etwas zu Leid.
Es hatte ein Mann einen Esel, der ihm schon lange Jahre treu gedient hatte, dessen Kraͤfte aber nun zu Ende giengen, so daß er zur Arbeit immer untauglicher ward. Da wollt ihn der Herr aus dem Futter schaffen, aber der Esel merkte daß kein guter Wind wehte, lief fort, und machte sich auf den Weg nach Bremen, ‘dort,’ dachte er, ‘kannst du ja Stadtmusikant werden.’ Als er ein Weilchen fortgegangen war, fand er einen Jagdhund auf dem Wege liegen, der jappte wie einer, der sich muͤde gelaufen. ‘Nun, was jappst du so?’ sprach der Esel. ‘Ach,’ sagte der Hund, ‘weil ich alt bin, und jeden Tag schwaͤcher werde, und auf der Jagd nicht mehr fort kann, hat mich mein Herr wollen todtschlagen, da hab ich Reißaus genommen; aber womit soll ich nun mein Brot verdienen?’ ‘Weißt du was,’ spach der Esel, ‘ich gehe nach Bremen, dort Stadtmusikant zu werden, geh mit und laß dich auch bei der Musik annehmen.’ Der Hund wars zufrieden, und sie giengen weiter. Es dauerte nicht lange, so saß da eine Katze an dem Weg, und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. ‘Nun, was ist dir denn in die Queere gekommen?’ sprach der Esel. ‘Wer kann167 da lustig seyn, wenns einem an den Kragen geht,’ antwortete die Katze, ‘weil ich nun zu Jahren komme, meine Zaͤhne stumpf werden, und ich lieber hinter dem Ofen sitze und spinne, als nach den Maͤusen herum jage, hat mich meine Frau ersaͤufen wollen; ich habe mich zwar noch fortgemacht, aber nun ist guter Rath theuer: wo soll ich hin?’ ‘Geh mit uns nach Bremen, du verstehst dich doch auf die Nachtmusik, da kannst du ein Stadtmusikant werden.’ Die Katze wars zufrieden, und gieng mit. Darauf kamen die drei Landesfluͤchtigen an einem Hof vorbei, da saß auf dem Thor der Haushahn, und schrie aus Leibeskraͤften. ‘Du schreist einem durch Mark und Bein,’ sprach der Esel, ‘was hast du vor.’ ‘Da hab ich gut Wetter prophezeit,’ sprach der Hahn, ‘weil unserer lieben Frauen Tag ist, wo sie dem Christkindlein die Tuͤcher gewaschen hat, und sie trocknen will: aber weil Morgen zum Sonntag Gaͤste kommen, so hat die Hausfrau doch kein Erbarmen, und hat der Koͤchin gesagt sie wollte mich Morgen in der Suppe essen, und da soll ich mir heut Abend den Kopf abschneiden lassen. Nun schrei ich aus vollem Hals, so lang ich noch kann.’ ‘Ei was, du Rothkopf,’ sagte der Esel, ‘zieh lieber mit uns fort nach Bremen, etwas besseres als den Tod findest du uͤberall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musicieren, so muß es eine Art haben.’ Der Hahn ließ sich den Vorschlag gefallen, und sie giengen alle viere zusammen fort.
Sie konnten aber die Stadt Bremen in einem Tag nicht erreichen, und kamen Abends in einen Wald, wo sie uͤbernachten168 wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze und der Hahn machten sich hinauf, der Hahn aber flog bis in die Spitze, wo es am sichersten fuͤr ihn war. Ehe er einschlief, sah er sich noch einmal nach allen vier Winden um, da daͤuchte ihn er saͤhe in der Ferne ein Fuͤnkchen brennen, und rief seinen Gesellen zu es muͤßte nicht gar weit ein Haus seyn, denn es scheine ein Licht. Sprach der Esel ‘so muͤssen wir uns ausmachen und noch hingehen, denn hier ist die Herberge schlecht;’ und der Hund sagte ‘ja ein paar Knochen und etwas Fleisch daran thaͤten mir auch gut.’ Nun machten sie sich auf den Weg nach der Gegend, wo das Licht war, und sahen es bald heller schimmern, und es ward immer groͤßer, bis sie vor ein hell erleuchtetes Raͤuberhaus kamen. Der Esel, als der groͤßte, machte sich ans Fenster, und schaute hinein. ‘Waß siehst du, Grauschimmel?’ fragte der Hahn. ‘Was ich sehe?’ antwortete der Esel, ‘einen gedeckten Tisch mit schoͤnem Essen und Trinken, und Raͤuber sitzen daran, und lassens sich wohl seyn.’ ‘Das waͤre was fuͤr uns’ sprach der Hahn. ‘Ja, ja, ach, waͤren wir da!’ sagte der Esel. Da rathschlagten die Thiere wie sie es anfangen muͤßten, um die Raͤuber fortzubringen, endlich fanden sie ein Mittel. Der Esel mußte sich mit den Vorderfuͤßen auf das Fenster stellen, der Hund auf des Esels Ruͤcken, die Katze auf den Hund klettern, und endlich flog der Hahn hinauf, und setzte sich der Katze auf den Kopf. Wie das geschehen war, fiengen sie insgesammt auf ein Zeichen an ihre Musik zu machen: der Esel schrie, der Hund bellte,169 die Katze miaute, und der Hahn kraͤhte; dann stuͤrzten sie durch das Fenster in die Stube hinein daß die Scheiben klirrend niederfielen. Die Raͤuber fuhren bei dem entsetzlichen Geschrei in die Hoͤhe, meinten nicht anders, als ein Gespenst kaͤme herein, und flohen in groͤßter Furcht in den Wald hinaus. Nun setzten sich die vier Gesellen an den Tisch, nahmen mit dem vorlieb, was uͤbrig geblieben war, und aßen als wenn sie vier Wochen hungern sollten.
Wie die vier Spielleute fertig waren, loͤschten sie das Licht aus, und suchten sich eine Schlafstaͤtte, jeder nach seiner Natur und Bequemlichkeit. Der Esel legte sich auf den Mist, der Hund hinter die Thuͤre, die Katze auf den Herd bei die warme Asche, und der Hahn setzte sich auf den Hahnenbalken: und weil sie muͤde waren von ihrem langen Weg, schliefen sie auch bald ein. Als Mitternacht vorbei war, und die Raͤuber von weitem sahen daß kein Licht mehr im Haus war, auch alles ruhig schien, sprach der Hauptmann ‘wir haͤtten uns doch nicht sollen ins Bockshorn jagen lassen,’ und hieß einen hingehen und das Haus untersuchen. Der Abgeschickte fand alles still, gieng in die Kuͤche, wollte ein Licht anzuͤnden, und nahm ein Schwefelhoͤlzchen, und weil er die gluͤhenden, feurigen Augen der Katze fuͤr lebendige Kohlen ansah, hielt er es daran, daß es Feuer fangen sollte. Aber die Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm in das Gesicht, spie und kratzte. Da erschrack er gewaltig, lief und wollte zur Hinterthuͤre hinaus, aber der Hund, der da lag, sprang auf und biß ihn ins Bein; und als170 er uͤber den Hof an dem Miste vorbei rennte, gab ihm der Esel noch einen tuͤchtigen Schlag mit dem Hinterfuß; der Hahn aber, der vom Laͤrmen aus dem Schlaf geweckt und munter geworden war, rief vom Balken herab ‘kikeriki!’ Da lief der Raͤuber, was er konnte, zu seinem Hauptmann zuruͤck, und sprach ‘ach, in dem Haus sitzt eine graͤuliche Hexe, die hat mich angehaucht, und mit ihren langen Fingern mir das Gesicht zerkratzt: und vor der Thuͤre steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen: und auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungethuͤm, das hat mit einer Holzkeule auf mich losgeschlagen: und oben auf dem Dache, da sitzt der Richter, der rief ‘bringt mir den Schelm her.’ Da machte ich daß ich fortkam.’ Von nun an getrauten sich die Raͤuber nicht weiter in das Haus, den vier Bremer Musikanten gefiels aber so wohl darin, daß sie nicht wieder heraus wollten. Und der das zuletzt erzaͤhlt hat, dem ist der Mund noch warm.
Es war einmal in einem Lande große Klage uͤber ein Wildschwein, das den Bauern die Aecker umwuͤhlte, das Vieh toͤdtete, und den Menschen mit seinen Hauern den Leib aufriß. Der Koͤnig versprach einem jeden, der das Land von dieser Plage befreien wuͤrde, eine große Belohnung, aber das Thier war so groß und stark, daß sich niemand in die Naͤhe des Waldes wagte, worin es hauste. Endlich ließ der Koͤnig bekannt machen wer das Wildschwein einfange oder toͤdte, solle seine einzige Tochter zur Gemahlin haben.
Nun lebten zwei Bruͤder in dem Lande, Soͤhne eines armen Mannes, die meldeten sich und wollten das Wagnis uͤbernehmen. Der aͤlteste, der listig und klug war, that es aus Hochmuth, der juͤngste, der unschuldig und dumm war, aus gutem Herzen. Der Koͤnig sagte ‘damit ihr desto sichrer das Thier findet, so sollt ihr von entgegengesetzten Seiten in den Wald gehen.’ Da gieng der aͤlteste von Abend und der juͤngste von Morgen hinein. Und als der juͤngste ein Weilchen gegangen war, so trat ein kleines Maͤnnlein zu ihm, das hielt einen schwarzen Spieß in der Hand, und sprach ‘diesen Spieß gebe ich dir, weil dein Herz unschuldig und gut ist, damit kannst du getrost auf das wilde Schwein eingehen, es wird dir keinen Schaden zufuͤgen.’ Er172 dankte dem Maͤnnlein, nahm den Spieß auf die Schulter, und gieng ohne Furcht weiter. Nicht lange so erblickte er das Thier, das auf ihn los rennte, er hielt ihm aber den Spieß entgegen, und in seiner blinden Wuth rennte es so gewaltig hinein, daß ihm das Herz entzwei geschnitten ward. Da nahm er das Ungethuͤm auf die Schulter, gieng heimwaͤrts, und wollte es dem Koͤnige bringen.
Als er auf der andern Seite des Waldes heraus kam, stand da am Eingang ein Haus, wo die Leute sich mit Tanz und Wein lustig machten. Sein aͤltester Bruder war da eingetreten, und hatte gedacht das Schwein laufe ihm doch nicht fort, erst wolle er sich einen rechten Muth trinken. Als er nun den juͤngsten erblickte, der mit seiner Beute beladen aus dem Wald kam, so ließ ihm sein neidisches und boshaftes Herz keine Ruhe. Er rief ihm zu ‘komm doch herein, lieber Bruder, ruhe dich aus, und staͤrke dich mit einem Becher Wein.’ Der juͤngste, der nichts arges dahinter vermuthete, gieng hinein und erzaͤhlte ihm von dem guten Maͤnnlein, das ihm einen Spieß gegeben, womit er das Schwein getoͤdtet habe. Der aͤlteste hielt ihn bis zum Abend zuruͤck, da giengen sie zusammen fort. Als sie aber in der Dunkelheit zu der Bruͤcke uͤber einen Bach kamen, ließ der aͤlteste den juͤngsten vorangehen, und als er mitten uͤber dem Wasser war, gab er ihm von hinten einen Schlag, daß er todt hinabstuͤrzte. Er begrub ihn unter der Bruͤcke, nahm dann das Schwein, und brachte es dem Koͤnig mit dem Vorgeben er habe es getoͤdtet; worauf er die Tochter des Koͤnigs zur Gemahlin173 erhielt. Als der juͤngste Bruder nicht wiederkommen wollte, sagte er ‘das Schwein wird ihm den Leib aufgerissen haben,’ und das glaubte jedermann.
Weil aber vor Gott nichts verborgen bleibt, so sollte auch diese schwarze That ans Licht kommen. Nach langen Jahren trieb ein Hirt einmal seine Heerde uͤber die Bruͤcke, und sah unten im Sande ein schneeweißes Knoͤchlein liegen, und dachte das gaͤbe ein gutes Mundstuͤck. Da stieg er herab, und hob es auf, und schnitzte ein Mundstuͤck daraus fuͤr sein Horn. Als er zum erstenmal darauf geblasen hatte, so fieng das Knoͤchlein zu großer Verwunderung des Hirten von selbst an zu singen
‘Was fuͤr ein wunderliches Hoͤrnchen,’ sagte der Hirt, ‘das von selber singt, das muß ich dem Herrn Koͤnig bringen.’ Als er damit vor den Koͤnig kam, fieng das Hoͤrnchen abermals an sein Liedchen zu singen. Der Koͤnig verstand es wohl, und ließ die Erde unter der Bruͤcke ausgraben, da kam das ganze Gerippe des Erschlagenen zum Vorschein. Der boͤse Bruder konnte die That nicht laͤugnen, ward in einen Sack genaͤht und lebendig ersaͤuft, die Gebeine des Gemordeten aber wurden in den Kirchhof in ein schoͤnes Grab zur Ruhe gelegt.
Es war einmal eine arme Frau, die gebar ein Soͤhnlein, und weil es eine Gluͤckshaut um hatte, als es zur Welt kam, so ward ihm geweissagt es wuͤrde im vierzehnten Jahr die Tochter des Koͤnigs zur Frau haben. Es trug sich zu, daß der Koͤnig bald darauf ins Dorf kam, und niemand wußte daß es der Koͤnig war, und als er die Leute fragte was es neues gaͤbe, so antworteten sie ‘es ist eben ein Kind mit einer Gluͤckshaut geboren, was so einer unternimmt das schlaͤgt ihm zum Gluͤck aus, es ist ihm auch voraus gesagt, in seinem vierzehnten Jahre solle er die Tochter des Koͤnigs zur Frau haben.’ Dem Koͤnige gefiel das schlecht, er gieng zu den Eltern, und sagte ‘ihr armen Leute, uͤberlaßt mir euer Kind, ich will euch viel dafuͤr geben.’ Anfangs weigerten sie sich, da aber der fremde Mann schweres Gold dafuͤr bot, und sie dachten es ist ein Gluͤckskind, es muß ihm doch zum Guten ausschlagen, so willigten sie endlich ein, und gaben ihm das Kind.
Der Koͤnig legte es in eine Schachtel, und ritt damit weiter bis er zu einem tiefen Wasser kam, da warf er die Schachtel hinein, und dachte von dem unerwarteten Freier habe er seiner175 Tochter geholfen. Die Schachtel aber schwamm wie ein Schiffchen, und durch Gottes Gnade geschah es daß kein Troͤpfchen Wasser hinein kam. Sie schwamm bis zwei Meilen von des Koͤnigs Hauptstadt, wo eine Muͤhle war, an dessen Wehr sie haͤngen blieb. Ein Mahlbursche, der sie bemerkte, zog sie mit einem großen Hacken heran, und dachte es laͤgen große Schaͤtze darin, als er sie aufmachte lag ein kleiner schoͤner Knabe darin, der ganz frisch und munter war. Er brachte ihn zu den Muͤllersleuten, und weil diese keine Kinder hatten, freuten sie sich daruͤber, und sprachen ‘Gott hat es uns bescheert.’ Sie pflegten den Fuͤndling wohl, und zogen ihn in allen Tugenden groß.
Es trug sich zu, als der Junge herangewachsen war, daß der Koͤnig einmal bei einem Gewitter in die Muͤhle trat und die Muͤllersleute fragte ob das ihr Sohn waͤre. ‘Nein,’ antworteten sie ‘es ist ein Fuͤndling, er ist vor vierzehen Jahren in einer Schachtel ans Wehr geschwommen, und der Mahlbursche hat ihn aus dem Wasser gezogen.’ Da merkte der Koͤnig daß es das Gluͤckskind war, das er ins Wasser geworfen hatte, und sprach ‘mein, ihr guten Leute, koͤnnte der Junge nicht einen Brief an die Frau Koͤnigin bringen, ich will ihm zwei Goldstuͤcke zum Lohn geben?’ ‘Wie der Herr Koͤnig gebietet’ antworteten die Leute, und hießen den Jungen sich bereit halten. Da schrieb der Koͤnig einen Brief an die Koͤnigin, worin stand ‘sobald der Knabe mit diesem Schreiben angelangt ist, soll er getoͤdtet und begraben werden, und das alles soll geschehen seyn ehe ich ankomme.’
176Der Knabe machte sich mit diesem Briefe auf den Weg, verirrte sich aber, und kam Abends in einen großen Wald. Jn der Dunkelheit sah er ein kleines Licht, gieng darauf zu und gelangte zu einem Haͤuschen. Als er hinein trat, saß eine alte Frau beim Feuer ganz allein: sie erschrack als sie den Knaben erblickte, und sprach ‘wo kommst du her und wo willst du hin?’ ‘Jch komme von der Muͤhle,’ antwortete er ‘und will zur Frau Koͤnigin, der ich einen Brief bringen soll, weil ich mich aber in dem Walde verirrt habe, so wollte ich hier gerne uͤbernachten.’ ‘Du armer Junge,’ sprach die Frau, ‘du bist in ein Raͤuberhaus gerathen, wenn sie heim kommen, so bringen sie dich um.’ Mag kommen wer will,’ sagte der Junge, ‘ich fuͤrchte mich nicht, ich bin aber so muͤde, daß ich nicht weiter kann,’ streckte sich auf eine Bank und schlief ein. Bald hernach kamen die Raͤuber, und fragten was das fuͤr ein fremder Knabe waͤre. ‘Ach,’ sagte die Alte, ‘es ist ein unschuldiges Kind, es hat sich im Walde verirrt, und ich habe ihn aus Barmherzigkeit aufgenommen: er soll einen Brief an die Frau Koͤnigin bringen.’ Die Raͤuber erbrachen den Brief und lasen ihn, und es stand darin daß der Knabe sogleich wie er ankaͤme sollte ums Leben gebracht werden. Da hatten sie Mitleid mit dem armen Knaben, und der Anfuͤhrer zerriß den Brief, und schrieb einen andern, und es stand darin so wie der Knabe ankaͤme sollte er sogleich mit der Koͤnigstochter vermaͤhlt werden. Sie ließen den Knaben ruhig bis zum andern Morgen auf der Bank liegen, und als er aufgewacht war, gaben sie ihm den Brief, und zeigten ihm den rechten Weg. Die Koͤnigin aber, als sie den Brief177 empfangen und gelesen hatte, that wie darin stand, hieß ein praͤchtiges Hochzeitsfest anstellen, und die Koͤnigstochter ward mit dem Gluͤckskind vermaͤhlt, und da der Juͤngling schoͤn und freundlich war, so lebte sie vergnuͤgt und zufrieden mit ihm.
Nach einiger Zeit kam der Koͤnig wieder in sein Schloß, und sah daß die Weissagung erfuͤllt und das Gluͤckskind mit seiner Tochter vermaͤhlt war. ‘Wie ist das zugegangen?’ sprach er, ‘ich habe in meinem Brief einen ganz andern Befehl ertheilt.’ Da reichte ihm die Koͤnigin den Brief, und sagte er moͤchte selbst sehen was darin staͤnde. Der Koͤnig las den Brief, und sah wohl daß er mit einem andern war vertauscht worden. Er fragte den Juͤngling wie es mit dem anvertrauten Briefe zugegangen waͤre, warum er einen andern dafuͤr gebracht haͤtte. ‘Jch weiß von nichts,’ antwortete er, er muß mir in der Nacht vertauscht seyn, als ich im Walde geschlafen habe.’ Voll Zorn sprach der Koͤnig ‘so leicht soll es dir nicht werden, wer meine Tochter haben will, der muß mir aus der Hoͤlle drei goldene Haare von dem Haupte des Teufels holen; bringst du mir was ich verlange, so sollst du meine Tochter behalten.’ Damit dachte der Koͤnig ihn auf immer los zu seyn. Das Gluͤckskind aber antwortete ‘die goldenen Haare will ich wohl holen, ich fuͤrchte mich vor dem Teufel nicht.’ Darauf nahm er Abschied, und begann seine Wanderschaft.
Der Weg fuͤhrte ihn zu einer großen Stadt, wo ihn der Waͤchter an dem Thore ausfragte was fuͤr ein Gewerb er verstehe und was er wisse. ‘Jch weiß alles’ antwortete das Gluͤckskind. ‘So kannst du uns einen Gefallen thun’ sagte der Waͤchter,178 wenn du uns sagst, warum aus unserm Marktbrunnen, aus dem sonst Wein quoll, nicht einmal mehr Wasser quillt.’ ‘Das sollt ihr erfahren,’ antwortete er, ‘wartet nur bis ich wiederkomme.’ Da gieng er weiter und kam vor eine andere Stadt, da fragte der Thorwaͤchter wiederum was fuͤr ein Gewerb er verstehe und was er wisse. ‘Jch weiß alles’ antwortete er. So kannst du uns einen Gefallen thun, und uns sagen warum ein Baum in unserer Stadt, der sonst goldene Aepfel trug, jetzt nicht einmal Blaͤtter hervor treibt.’ ‘Das sollt ihr erfahren,’ antwortete er, ‘wartet nur bis ich wiederkomme.’ Da gieng er weiter, und kam an ein großes Wasser, uͤber das er hinuͤber mußte. Der Faͤhrmann fragte ihn was er fuͤr ein Gewerb verstehe und was er wisse? ‘Jch weiß alles’ antwortete er. ‘So kannst du mir einen Gefallen thun,’ sprach der Faͤhrmann, ‘und mir sagen warum ich immer hin und her fahren muß, und niemals abgeloͤst werde?’ ‘Das sollst du erfahren,’ antwortete er, ‘warte nur bis ich wiederkomme.’
Als er uͤber das Wasser hinuͤber war, so fand er den Eingang zur Hoͤlle. Es war schwarz und rustig darin, und der Teufel war nicht zu Haus, aber seine Ellermutter saß da in einem breiten Sorgenstuhl. ‘Was willst du?’ sprach sie zu ihm, sah aber gar nicht so boͤse aus. ‘Jch wollte gerne drei goldne Haare von des Teufels Kopf,’ antwortete er, ‘sonst kann ich meine Frau nicht behalten.’ ‘Das ist viel verlangt,’ sagte sie, ‘wenn der Teufel heim kommt und findet dich, so geht dirs an den Kragen; aber du dauerst mich, ich will sehen ob ich dir helfen179 kann.’ Sie verwandelte ihn in eine Ameise, und sprach ‘kriech in meine Rockfalten, da bist du sicher.’ ‘Ja,’ antwortete er, ‘das ist schon gut, aber drei Dinge moͤchte ich gerne noch wissen, warum aus einem Brunnen, aus dem sonst Wein quoll, jetzt nicht einmal Wasser quillt, warum ein Baum, der sonst goldne Aepfel trug, nicht einmal mehr Laub treibt, und warum ein Faͤhrmann immer fahren muß und nicht abgeloͤst wird.’ ‘Das sind schwere Fragen,’ antwortete sie, ‘aber halte dich nur still und ruhig, und hab acht was der Teufel spricht, wann ich ihm die drei goldnen Haare ausziehe.’
Als der Abend einbrach, kam der Teufel nach Haus. Kaum war er eingetreten, so merkte er daß die Luft nicht rein war. ‘Jch rieche, rieche Menschenfleisch,’ sagte er ‘es ist hier nicht richtig.’ Dann guckte er in alle Ecken, und suchte, konnte aber nichts finden. Die Ellermutter schalt ihn aus, und sprach ‘eben ist erst gekehrt und alles in Ordnung gebracht, nun wirfst du es wieder untereinander; immer hast du Menschenfleisch in der Nase! Setz dich nieder und iß dein Abendbrot.’ Als er gegessen und getrunken hatte, war er muͤde, legte der Ellermutter seinen Kopf in den Schooß, und sagte sie sollte ihn ein wenig lausen. Es dauerte nicht lange, so schlummerte er ein, blies und schnarchte. Da faßte die Alte ein goldenes Haar, riß es aus, und legte es neben sich. ‘Autsch!’ schrie der Teufel, was hast du vor?’ ‘Jch habe einen schweren Traum gehabt,’ antwortete die Ellermutter, ‘da habe ich dir in die Haare gefaßt.’ ‘Was hat dir denn getraͤumt?’ fragte der Teufel. ‘Mir hat180 getraͤumt ein Marktbrunnen, aus dem sonst Wein quoll, sey versiegt, und es habe nicht einmal Wasser daraus quellen wollen, was ist wohl Schuld daran?’ ‘Ha, wenn sies wuͤßten!’ antwortete der Teufel, ‘es sitzt eine Kroͤte unter einem Stein im Brunnen, wenn sie die toͤdten, so wird der Wein schon wieder anfangen zu fließen.’ Die Ellermutter lauste ihn wieder, bis er einschlief und schnarchte daß die Fenster zitterten. Da riß sie ihm das zweite Haar aus. ‘Hu! was machst du?’ schrie der Teufel zornig. ‘Nimms nicht uͤbel,’ antwortete sie, ‘ich habe es im Traum gethan.’ ‘Was hat dir wieder getraͤumt?’ fragte er. ‘Mir hat getraͤumt in einem Koͤnigreiche staͤnd ein Obstbaum, der haͤtte sonst goldene Aepfel getragen, und wollte jetzt nicht einmal Laub treiben. Was war wohl die Ursache davon?’ ‘He, wenn sies wuͤßten!’ antwortete der Teufel, ‘an der Wurzel nagt eine Maus, wenn sie die toͤdten, so wird er schon wieder goldene Aepfel tragen, nagt sie aber noch laͤnger, so verdorrt der Baum gaͤnzlich. Aber laß mich mit deinen Traͤumen in Ruhe, wenn du mich noch einmal im Schlafe stoͤrst, so kriegst du eine Ohrfeige.’ Die Ellermutter sprach ihn zu gut, und lauste ihn wieder bis er eingeschlafen war und schnarchte. Da faßte sie das dritte goldene Haar und riß es ihm aus. Der Teufel fuhr in die Hoͤhe, und wollte uͤbel mit ihr wirthschaften, aber sie besaͤnftigte ihn nochmals, und sprach, ‘wer kann fuͤr boͤse Traͤume!’ ‘Was hat dir denn getraͤumt’ fragte er, und war doch neugierig. ‘Mir hat von einem Faͤhrmann getraͤumt, der sich beklagte daß er immer hin und her fahren muͤsse und181 nicht abgeloͤst werde. Was ist wohl Schuld?’ ‘He, der Dummbart!’ antwortete der Teufel, ‘wenn einer kommt und will uͤberfahren, so muß er ihm die Stange in die Hand geben, dann muß der andere uͤberfahren, und er ist frei.’ Da die Ellermutter ihm die drei goldnen Haare ausgerissen hatte und die drei Fragen beantwortet waren, so ließ sie den Teufel in Ruhe, und er schlief bis der Tag anbrach.
Als der Teufel wieder fortgezogen war, holte die Alte die Ameise aus der Rockfalte, und gab dem Gluͤckskind die menschliche Gestalt zuruͤck. ‘Da hast du die drei goldenen Haare,’ sprach sie, ‘was der Teufel zu deinen drei Fragen gesagt hat, wirst du wohl gehoͤrt haben.’ ‘Ja’ antwortete er, ‘ich habe es gehoͤrt, und wills auch wohl behalten.’ ‘So ist dir geholfen,’ sagte sie, ‘und nun kannst du deiner Wege ziehen.’ Er bedankte sich bei der Alten fuͤr die Hilfe in der Noth, verließ die Hoͤlle, und war vergnuͤgt daß ihm alles so wohl gegluͤckt war. Als er zu dem Faͤhrmann kam, sollte er ihm die versprochene Antwort geben. ‘Fahr mich erst hinuͤber,’ sprach das Gluͤckskind, ‘so will ich dir sagen wie du erloͤst wirst,’ und als er auf dem jenseitigen Ufer angelangt war, gab er ihm des Teufels Rath, ‘wenn wieder einer kommt, und will uͤbergefahren seyn, so gib ihm die Stange in die Hand.’ Er gieng weiter, und kam zu der Stadt, worin der unfruchtbare Baum stand, und wo der Waͤchter auch Antwort haben wollte. Da sagte er ihm, wie er vom Teufel gehoͤrt hatte, ‘toͤdtet die Maus, die an seiner Wurzel nagt, so wird er wieder goldne Aepfel tragen.’ Da dankte ihm182 der Waͤchter, und gab ihm zur Belohnung zwei mit Gold beladene Esel, die mußten ihm nachfolgen. Zuletzt kam er zu der Stadt, deren Brunnen versiegt war. Da sprach er zu dem Waͤchter, wie der Teufel gesprochen hatte, ‘es sitzt eine Kroͤte im Brunnen unter einem Stein, die muͤßt ihr aufsuchen und toͤdten, so wird er wieder reichlich Wein geben.’ Der Waͤchter dankte ihm, und gab ihm ebenfalls zwei mit Gold beladene Esel.
Endlich langte das Gluͤckskind daheim bei seiner Frau an, die sich herzlich freute als sie ihn wiedersah, und hoͤrte wie wohl ihm alles gelungen war. Dem Koͤnig brachte er was er verlangt hatte, die drei goldnen Haare des Teufels, und als dieser die vier Esel mit dem Golde sah, ward er ganz vergnuͤgt, und sprach ‘nun sind alle Bedingungen erfuͤllt, und du kannst meine Tochter behalten. Aber, lieber Schwiegersohn, sag mir doch woher ist das viele Gold? das sind ja gewaltige Schaͤtze!’ ‘Jch bin uͤber einen Fluß gefahren,’ antwortete er, ‘und da habe ich es mitgenommen, es liegt dort wie der Sand am Ufer.’ ‘Kann ich mir auch davon holen?’ sprach der Koͤnig und war ganz begierig. ‘So viel ihr nur wollt,’ antwortete er, ‘es ist ein Faͤhrmann auf dem Fluß, von dem laßt euch uͤberfahren, so koͤnnt ihr druͤben eure Saͤcke fuͤllen.’ Der alte Koͤnig machte sich in aller Eile auf den Weg, und als er zu dem Fluß kam, so winkte er dem Faͤhrmann, der sollte ihn uͤbersetzen. Der Faͤhrmann kam und hieß ihn einsteigen, und als sie an das jenseitige183 Ufer kamen, gab er dem Koͤnige die Ruderstange in die Hand, und sprang davon. Der Alte aber mußte von nun an fahren zur Strafe fuͤr seine Suͤnden.
‘Faͤhrt er wohl noch?’ ‘Was dann? es wird ihm niemand die Stange abgenommen haben.’
Ein Laͤuschen und ein Floͤhchen die lebten zusammen in einem Haushalt, und brauten das Bier in einer Eierschale. Da fiel das Laͤuschen hinein, und verbrannte sich. Daruͤber fieng das Floͤhchen an laut zu schreien. Da sprach die kleine Stubenthuͤre ‘was schreist du, Floͤhchen?’ ‘Weil Laͤuschen sich verbrannt hat.’
Da fieng das Thuͤrchen an zu knarren. Da sprach ein Besenchen in der Ecke ‘was knarrst du, Thuͤrchen?’ ‘Soll ich nicht knarren?
Da fieng das Besenchen an entsetzlich zu kehren. Da kam ein Waͤgelchen vorbei, und sprach ‘Was kehrst du Besenchen? ‘Soll ich nicht kehren?
Da sprach das Waͤgelchen ‘so will ich rennen,’ und fieng an entsetzlich zu rennen. Da sprach das Mistchen, an dem es vorbei rannte, was rennst du, Waͤgelchen?’ ‘Soll ich nicht rennen? 185
Da sprach das Mistchen ‘so will ich entsetzlich brennen,’ uud fieng an in hellem Feuer zu brennen. Da stand ein Baͤumchen neben dem Mistchen, das sprach ‘Mistchen, warum brennst du?’ ‘Soll ich nicht brennen?
Da sprach das Baͤumchen ‘so will ich mich schuͤtteln,’ und fieng an sich zu schuͤtteln daß all seine Blaͤtter abfielen. Das sah ein Maͤdchen, das mit seinem Wasserkruͤgelchen heran kam, und sprach ‘Baͤumchen, was schuͤttelst du dich?’ ‘Soll ich mich nicht schuͤtteln?
Da sprach das Maͤdchen ‘so will ich mein Wasserkruͤgelchen zerbrechen,’ und zerbrach sein Wasserkruͤgelchen. Da sprach das186 Bruͤnnlein, aus dem das Wasser quoll, ‘Maͤdchen, was zerbrichst du dein Wasserkruͤgelchen?’ ‘Soll ich mein Wasserkruͤgelchen nicht zerbrechen?
‘Ei,’ sagte das Bruͤnnchen ‘so will ich anfangen zu fließen,’ und fieng an entsetzlich zu fließen. Und in dem Wasser ist alles ertrunken, das Maͤdchen, das Baͤumchen, das Mistchen, das Waͤgelchen, das Besenchen, das Thuͤrchen, das Floͤhchen, das Laͤuschen, alles miteinander.
Ein Muͤller war nach und nach in Armuth geraten, und hatte nichts mehr als seine Muͤhle und einen großen Apfelbaum dahinter. Einmal war er in den Wald gegangen Holz zu holen, da trat ein alter Mann zu ihm, den er noch niemals gesehen hatte, und sprach ‘was quaͤlst du dich mit Holzhacken, ich will dich reich machen, wenn du mir versprichst was hinter deiner Muͤhle steht.’ ‘Was kann das anders seyn als mein Apfelbaum?’ dachte der Muͤller, sagte ja, und verschrieb es dem fremden Manne. Der aber lachte hoͤhnisch, und gieng fort. Als der Muͤller nach Haus kam, trat ihm seine Frau entgegen, und sprach ‘ei, Muͤller, woher kommt der ploͤtzliche Reichthum in unser Haus? auf einmal sind alle Kisten und Kasten voll, kein Mensch hats hereingebracht, und ich weiß nicht wie es zugegangen ist.’ Er antwortete, ‘das kommt von einem fremden Manne, der mir im Walde begegnet ist, und mir große Schaͤtze verheißen hat: ich habe ihm dagegen verschrieben was hinter der Muͤhle steht; den großen Apfelbaum koͤnnen wir wohl dafuͤr geben.’ ‘Ach, Mann,’ sagte die Frau erschrocken, ‘das ist der Teufel gewesen: den Apfelbaum hat er nicht gemeint, sondern unsere Tochter, die stand hinter der Muͤhle und kehrte den Hof.’ 188Die Muͤllerstochter war ein schoͤnes und frommes Maͤdchen, und lebte die drei Jahre in Gottesfurcht und ohne Suͤnde. Als nun die Zeit herum war, und der Tag kam, wo sie der Boͤse holen wollte, da wusch sie sich rein und machte mit Kreide einen Kranz um sich. Der Teufel erschien ganz fruͤhe, aber er konnte sich ihr nicht naͤhern. Zornig sprach er zum Muͤller ‘thu ihr alles Wasser weg, damit sie sich nicht mehr waschen kann! denn sonst habe ich keine Gewalt uͤber sie.’ Der Muͤller fuͤrchtete sich, und that es. Am andern Morgen kam der[Teufel] wieder, aber sie hatte auf ihre Haͤnde geweint, und sie waren ganz rein. Da konnte er ihr wiederum nicht nahen, und sprach wuͤthend zu dem Muͤller ‘hau ihr die Haͤnde ab, sonst kann ich ihr nichts anhaben.’ Der Muͤller entsetzte sich, und antwortete ‘wie koͤnnte ich meinem eigenen Kinde die Haͤnde abhauen!’ Da drohte ihm der Boͤse und sprach ‘wo du es nicht thust, so bist du mein, und ich hole dich selber.’ Dem Vater ward Angst und er versprach ihm zu gehorchen. Da gieng er zu dem Maͤdchen und sagte ‘mein Kind; wenn ich dir nicht beide Haͤnde abhaue, so fuͤhrt mich der Teufel fort, und in der Angst habe ich es ihm versprochen. Hilf mir doch in meiner Noth, und verzeihe mir was ich boͤses an dir thue.’ Sie antwortete, ‘lieber Vater, macht mit mir was ihr wollt, ich bin Euer Kind.’ Darauf legte sie beide Haͤnde hin und ließ sie sich abhauen. Der Teufel kam zum drittenmal, aber sie hatte so lange und so viel auf die Stuͤmpfe geweint daß sie doch ganz rein war. Da mußte er weichen, und hatte alles Recht auf sie verloren. 189Der Muͤller sprach zu ihr ‘ich habe so großes Gut durch dich gewonnen, ich will dich zeitlebens aufs koͤstlichste halten.’ Sie antwortete aber ‘hier kann ich nicht bleiben; ich will fortgehn; mitleidige Menschen werden mir schon so viel geben als ich brauche.’ Darauf ließ sie sich die verstuͤmmelten Arme auf den Ruͤcken binden, und mit Sonnenaufgang machte sie sich auf den Weg, und gieng den ganzen Tag bis es Nacht ward. Da kam sie zu einem koͤniglichen Garten, und beim Mondschimmer sah sie daß Baͤume voll schoͤner Fruͤchte darin standen; aber sie konnte nicht hinein, denn es war ein Wasser darum. Und weil sie den ganzen Tag gegangen war und keinen Bißen genossen hatte und der Hunger sie quaͤlte, so dachte sie ‘ach, waͤre ich darin, damit ich etwas von den Fruͤchten aͤße, sonst muß ich verschmachten.’ Da kniete sie nieder, rief Gott den Herrn an, und betete. Auf einmal kam ein Engel daher, der machte eine Schleuße in dem Wasser zu, so daß der Graben trocken ward und sie hindurch gehen konnte. Nun gieng sie in den Garten, und der Engel gieng mit ihr. Sie sah einen Baum mit Obst, das waren schoͤne Birnen, aber sie waren alle gezaͤhlt. Da trat sie hinzu, und aß eine mit dem Munde vom Baume ab, ihren Hunger zu stillen, aber nicht mehr. Der Gaͤrtner sah es mit an, weil aber der Engel dabei stand, fuͤrchtete er sich, und meinte das Maͤdchen waͤre ein Geist, schwieg still und getraute nicht zu rufen oder den Geist anzureden. Als sie die eine Birne gegessen hatte, war sie gesaͤttigt, und gieng und versteckte sich in das Gebuͤsch. Der Koͤnig, dem der Garten gehoͤrte, kam am190 andern Morgen herab, da zaͤhlte er, und sah, daß eine der Birnen fehlte, und fragte den Gaͤrtner, wo sie hingekommen waͤre: sie liege nicht unter dem Baume und sey doch weg. Da antwortete der Gaͤrtner ‘vorige Nacht kam ein Geist herein, der hatte keine Haͤnde, und aß eine mit dem Munde ab.’ Der Koͤnig sprach ‘wie ist der Geist uͤber das Wasser herein gekommen? und wo ist er hingegangen, nachdem er die Birne gegessen hatte?’ Der Gaͤrtner antwortete ‘es kam jemand in schneeweißem Kleide vom Himmel, der hat die Schleuße zugemacht, und das Wasser gehemmt, damit der Geist durch den Graben gehen konnte. Und weil es ein Engel muß gewesen seyn, so habe ich mich gefuͤrchtet, nicht gefragt und nicht gerufen. Als der Geist die Birne gegessen hatte, ist er wieder zuruͤckgegangen.’ Der Koͤnig sprach ‘verhaͤlt es sich wie du sagst, so will ich diese Nacht bei dir wachen.’
Als es dunkel ward, kam der Koͤnig in den Garten, und brachte einen Priester mit, der sollte den Geist anreden. Alle drei setzten sich unter den Baum, und gaben acht. Um Mitternacht kam das Maͤdchen aus dem Gebuͤsch gekrochen, trat zu dem Baum, und aß wieder mit dem Munde eine Birne ab; neben ihr aber stand der Engel im weißen Kleide. Da gieng der Priester hervor und sprach ‘bist du von Gott gekommen oder von der Welt? bist du ein Geist oder ein Mensch?’ Sie antwortete ‘ich bin kein Geist, sondern ein armer Mensch, von allen verlassen nur von Gott nicht.’ Der Koͤnig sprach ‘wenn du von aller Welt verlassen bist, so will ich dich nicht verlassen.’ 193Er nahm sie mit sich in sein koͤnigliches Schloß, und weil sie so schoͤn und fromm war, liebte er sie von Herzen, ließ ihr silberne Haͤnde machen, und nahm sie zu seiner Gemahlin.
Nach einem Jahre mußte der Koͤnig uͤber Feld ziehen, da befahl er die junge Koͤnigin seiner Mutter, und sprach ‘wenn sie ins Kindbett kommt, so haltet und verpflegt sie wohl, und schreibt mirs gleich in einem Briefe.’ Nun gebar sie einen schoͤnen Sohn. Da schrieb es die alte Mutter eilig, und meldete ihm die frohe Nachricht. Der Bote aber ruhte unterwegs an einem Bache, und da er von dem langen Wege ermuͤdet war, schlief er ein. Da kam der Teufel, welcher der frommen Koͤnigin immer zu schaden trachtete, und vertauschte den Brief mit einem andern, darin stand daß die Koͤnigin einen Wechselbalg zur Welt gebracht haͤtte. Als der Koͤnig den Brief las, erschrak er und betruͤbte sich sehr, doch schrieb er zur Antwort, sie sollten die Koͤnigin wohl halten und pflegen bis zu seiner Ankunft. Der Bote gieng mit dem Brief zuruͤck, ruhte an der naͤmlichen Stelle, und schlief wieder ein. Da kam der Teufel abermals, und legte ihm einen andern Brief in die Tasche, darin stand sie sollten die Koͤnigin mit ihrem Kinde toͤdten. Die alte Mutter erschrak heftig als sie den Brief erhielt, konnte es nicht glauben, und schrieb dem Koͤnige noch einmal, aber sie bekam keine andere Antwort, da der Teufel dem Boten jedesmal einen falschen Brief unterschob, und in dem letzten Briefe stand noch sie sollten zum Wahrzeichen Zunge und Augen der Koͤnigin aufheben.
Aber die alte Mutter weinte daß so unschuldiges Blut sollte194 vergossen werden, ließ in der Nacht eine Hirschkuh holen, schnitt ihr Zunge und Augen aus, und hob sie auf. Dann sprach sie zu der Koͤnigin ‘ich kann dich nicht toͤdten lassen, wie der Koͤnig befiehlt, aber laͤnger darfst du nicht hier bleiben: geh mit deinem Kinde in die weite Welt hinein, und komm nie wieder zuruͤck.’ Sie band ihr das Kind auf den Ruͤcken, und die arme Frau gieng mit weiniglichen Augen fort. Sie kam in einen großen wilden Wald, da setzte sie sich auf ihre Knie, und betete zu Gott, und der Engel des Herrn erschien ihr, und fuͤhrte sie zu einem kleinen Haus, daran war ein Schildchen mit den Worten ‘hier wohnt ein jeder frei.’ Aus dem Haͤuschen kam eine schneeweiße Jungfrau, die sprach ‘willkommen, Frau Koͤnigin,’ und fuͤhrte sie hinein. Da band sie ihr den kleinen Knaben von dem Ruͤcken, und hielt ihn an ihre Brust, damit er trank, und legte ihn dann auf ein schoͤnes gemachtes Bettchen. Da sprach die arme Frau ‘woher weißt du daß ich eine Koͤnigin war?’ Die weiße Jungfrau antwortete ‘ich bin ein Engel, von Gott gesandt, dich und dein Kind zu verpflegen.’ Da blieb sie in dem Hause sieben Jahre, und war wohl verpflegt, und durch Gottes Gnade wegen ihrer Froͤmmigkeit wuchsen ihr die abgehauenen Haͤnde wieder.
Der Koͤnig kam endlich aus dem Felde wieder nach Haus, und sein erstes war daß er seine Frau mit dem Kinde sehen wollte. Da fieng die alte Mutter an zu weinen, und sprach ‘du boͤser Mann, was hast du mir geschrieben daß ich zwei unschuldige Seelen ums Leben bringen sollte!’ und zeigte ihm die beiden195 Briefe, die der Boͤse verfaͤlscht hatte, und sprach weiter ‘ich habe gethan wie du befohlen hast,’ und wies ihm die Wahrzeichen, Zunge und Augen. Da fieng der Koͤnig an noch viel bitterlicher zu weinen uͤber seine arme Frau und sein Soͤhnlein, daß es die alte Mutter erbarmte, und sie zu ihm sprach ‘gib dich zufrieden, sie lebt noch. Jch habe eine Hirschkuh heimlich schlachten lassen, und von dieser die Wahrzeichen genommen, deiner Frau aber habe ich ihr Kind auf den Ruͤcken gebunden, und sie geheißen in die weite Welt zu gehen, und sie hat versprechen muͤssen nicht wieder hierher zu kommen, weil du so zornig uͤber sie waͤrst.’ Da sprach der Koͤnig ‘ich will gehen so weit der Himmel blau ist, und nicht essen und nicht trinken bis ich meine liebe Frau und mein Kind wieder gefunden habe, wenn sie nicht in der Zeit umgekommen oder Hungers gestorben sind.’
Darauf zog der Koͤnig umher, an die sieben Jahre lang, und suchte sie in allen Steinklippen und Felsenhoͤhlen, aber er fand sie nicht, und dachte, sie waͤre verschmachtet. Er aß nicht und trank nicht waͤhrend dieser ganzen Zeit, aber Gott erhielt ihn. Endlich kam er in einen großen Wald, und fand darin das kleine Haͤuschen, daran das Schildchen war mit den Worten ‘hier wohnt ein jeder frei.’ Da kam die weiße Jungfrau heraus, nahm ihn bei der Hand, fuͤhrte ihn hinein, und sprach ‘seyd willkommen, Herr Koͤnig,’ und fragte ihn wo er her kaͤme. Er antwortete ‘ich bin bald sieben Jahre umher gezogen, und suche meine Frau mit ihrem Kinde, ich kann sie aber nicht finden.’ Der Engel bot ihm Essen und Trinken an, er nahm es196 aber nicht, und wollte nur ein wenig ruhen. Da legte er sich schlafen, und deckte sein Tuch uͤber sein Gesicht.
Darauf gieng der Engel in die Kammer, wo die Koͤnigin mit ihrem Sohne saß, den sie gewoͤhnlich Schmerzenreich nannte, und sprach zu ihr ‘geh heraus mit sammt deinem Kinde, dein Gemahl ist gekommen.’ Da gieng sie hin wo er lag, und das Tuch fiel ihm vom Angesicht. Da sprach sie ‘Schmerzenreich, heb deinem Vater das Tuch auf, und decke ihm sein Gesicht wieder zu.’ Das Kind hob es auf, und deckte es wieder uͤber sein Gesicht. Das hoͤrte der Koͤnig im Schlummer, und ließ das Tuch noch einmal gerne fallen. Da ward das Knaͤbchen ungeduldig, und sagte ‘liebe Mutter, wie kann ich meinem Vater das Gesicht zudecken, ich habe ja keinen Vater auf der Welt? Jch habe das Beten gelernt, unser Vater, der du bist im Himmel; da hast du gesagt mein Vater waͤr im Himmel und waͤre der liebe Gott: wie soll ich einen so wilden Mann kennen? der ist mein Vater nicht.’ Wie der Koͤnig das hoͤrte, richtete er sich auf, und fragte wer sie waͤre. Da sagte sie ‘ich bin deine Frau, und das ist dein Sohn Schmerzenreich.’ Und er sah ihre lebendigen Haͤnde, und sprach ‘meine Frau hatte silberne Haͤnde.’ Sie antwortete ‘die natuͤrlichen Haͤnde hat mir der gnaͤdige Gott wieder wachsen lassen’; und der Engel gieng in die Kammer, holte die silbernen Haͤnde, und zeigte sie ihm. Da sah er erst gewiß daß es seine liebe Frau und sein liebes Kind war, und kuͤßte sie, und war froh, und sagte ‘ein schwerer Stein ist von197 meinem Herzen gefallen.’ Da speiste sie der Engel Gottes noch einmal zusammen, und dann giengen sie nach Haus zu seiner alten Mutter. Da war große Freude uͤberall, und der Koͤnig und die Koͤnigin hielten noch einmal Hochzeit, und sie lebten vergnuͤgt bis an ihr seliges Ende.
Hansens Mutter fragt ‘wohin, Hans?’ Hans antwortet ‘zur Grethel.’ ‘Machs gut, Hans.’ ‘Schon gut machen. Adies, Mutter.’ ‘Adies, Hans.’
Hans kommt zur Grethel. ‘Guten Tag, Grethel.’ ‘Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?’ ‘Bring nichts, gegeben han.’ Grethel schenkt dem Hans eine Nadel. Hans spricht ‘Adies, Grethel.’ ‘Adies, Hans.’
Hans nimmt die Nadel, steckt sie in einen Heuwagen, und geht hinterher nach Haus. ‘Guten Abend, Mutter.’ ‘Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?’ ‘Bei der Grethel gewesen.’ ‘Was hast du ihr gebracht?’ ‘Nichts gebracht, gegeben hat.’ ‘Was hat dir Grethel gegeben?’ ‘Nadel gegeben.’ ‘Wo hast du die Nadel, Hans?’ ‘Jn Heuwagen gesteckt.’ ‘Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest die Nadel an den Ermel stecken.’ ‘Thut nichts, besser machen.’
‘Wohin, Hans?’ ‘Zur Grethel, Mutter.’ ‘Machs gut, Hans.’ ‘Schon gut machen. Adies, Mutter.’ ‘Adies, Hans.’
Hans kommt zur Grethel. ‘Guten Tag, Grethel.’ ‘Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?’ ‘Bring nichts, gegeben199 han.’ Grethel schenkt dem Hans ein Messer. ‘Adies, Grethel.’ ‘Adies, Hans.’
Hans nimmt das Messer, steckts an den Ermel, und geht nach Haus. ‘Guten Abend, Mutter.’ ‘Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?’ ‘Bei der Grethel gewesen.’ ‘Was hast du ihr gebracht?’ ‘Nichts gebracht, gegeben hat.’ ‘Was hat dir Grethel gegeben?’ ‘Messer gegeben.’ ‘Wo hast du das Messer, Hans?’ ‘An den Ermel gesteckt.’ ‘Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest das Messer in die Tasche stecken.’ ‘Thut nichts, besser machen.’
‘Wohin, Hans?’ ‘Zur Grethel, Mutter.’ ‘Machs gut, Hans.’ ‘Schon gut machen. Adies, Mutter.’ ‘Adies, Hans.’
Hans kommt zur Grethel. ‘Guten Tag, Grethel.’ ‘Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?’ ‘Bring nichts, gegeben han.’ Grethel schenkt dem Hans eine junge Ziege. ‘Adies, Grethel.’ ‘Adies, Hans.’
Hans nimmt die Ziege, bindet ihr die Beine, und steckt sie in die Tasche. Wie er nach Hause kommt ist sie erstickt. ‘Guten Abend, Mutter.’ ‘Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?’ ‘Bei der Grethel gewesen.’ ‘Was hast du ihr gebracht?’ ‘Nichts gebracht, gegeben hat.’ ‘Was hat dir Grethel gegeben?’ ‘Ziege gegeben.’ ‘Wo hast du die Ziege, Hans?’ ‘Jn die Tasche gesteckt.’ ‘Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest die Ziege an ein Seil binden.’ ‘Thut nichts, besser machen.’
‘Wohin, Hans?’ ‘Zur Grethel, Mutter.’ ‘Machs gut, Hans.’ ‘Schon gut machen. Adies, Mutter.’ ‘Adies, Hans.’
200Hans kommt zur Grethel. ‘Guten Tag, Grethel.’ ‘Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?’ ‘Bring nichts, gegeben han.’ Grethel schenkt dem Hans ein Stuͤck Speck. ‘Adies Grethel.’ ‘Adies, Hans.’
Hans nimmt den Speck, bindet ihn an ein Seil, und schleifts hinter sich her. Die Hunde kommen und fressen den Speck ab. Wie er nach Haus kommt, hat er das Seil an der Hand, und ist nichts mehr daran. ‘Guten Abend, Mutter.’ ‘Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?’ ‘Bei der Grethel gewesen.’ ‘Was hast du ihr gebracht?’ ‘Nichts gebracht, gegeben hat.’ ‘Was hat dir Grethel gegeben?’ ‘Stuͤck Speck gegeben.’ ‘Wo hast du den Speck, Hans?’ ‘Ans Seil gebunden, heim gefuͤhrt, Hunde weggeholt.’ ‘Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest den Speck auf dem Kopf tragen.’ ‘Thut nichts, besser machen.’
‘Wohin Hans?’ ‘Zur Grethel, Mutter.’ ‘Machs gut, Hans.’ ‘Schon gut machen. Adies, Mutter.’ ‘Adies, Hans.’
Hans kommt zur Grethel. ‘Guten Tag, Grethel.’ ‘Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?’ ‘Bring nichts, gegeben han.’ Grethel schenkt dem Hans ein Kalb. ‘Adies, Grethel.’ ‘Adies, Hans.’
Hans nimmt das Kalb, setzt es auf den Kopf, und das Kalb zertritt ihm das Gesicht. ‘Guten Abend, Mutter.’ ‘Guten Abend, Hans.’ ‘Wo bist du gewesen?’ ‘Bei der Grethel gewesen.’ ‘Was hast du ihr gebracht.’ ‘Nichts gebracht, gegeben hat.’ ‘Was hat dir Grethel gegeben?’ ‘Kalb gegeben.’ ‘Wo hast du das Kalb, Hans?’ ‘Auf den Kopf gesetzt, Gesicht zertreten.’ 201‘Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest das Kalb leiten, und an die Raufe stellen.’ ‘Thut nichts, besser machen.’
‘Wohin, Hans?’ ‘Zur Grethel, Mutter.’ ‘Machs gut, Hans.’ ‘Schon gut machen. Adies, Mutter.’ ‘Adies, Hans.’
Hans kommt zur Grethel. ‘Guten Tag, Grethel.’ ‘Guten Tag, Hans.’ ‘Was bringst du Gutes?’ ‘Bring nichts, gegeben han.’ Grethel sagt zum Hans ‘ich will mit dir gehen.’
Hans nimmt die Grethel, bindet sie an ein Seil, leitet sie, fuͤhrt sie vor die Raufe, und knuͤpft sie fest. Drauf geht Hans zu seiner Mutter. ‘Guten Abend, Mutter.’ ‘Guten Abend, Hans.’ ‘Wo bist du gewesen?’ ‘Bei der Grethel gewesen.’ ‘Was hast du ihr gebracht?’ ‘Nichts gebracht.’ ‘Was hat dir Grethel gegeben?’ ‘Nichts gegeben, mitgegangen.’ ‘Wo hast du die Grethel gelassen?’ ‘Geleitet, vor die Raufe gebunden, Gras vorgeworfen.’ ‘Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest ihr freundliche Augen zuwerfen’ ‘Thut nichts, besser machen.’
Hans geht in den Stall, sticht allen Kaͤlbern und Schafen die Augen aus, und wirft sie der Grethel ins Gesicht. Da wird Grethel boͤse, reißt sich los, und lauft fort, und ist Hansens Braut gewesen.
Jn der Schweiz lebte einmal ein alter Graf, der hatte nur einen einzigen Sohn, aber er war dumm, und konnte nichts lernen. Da sprach der Vater ‘hoͤr, mein Sohn, ich bringe nichts in deinen Kopf, ich mag es anfangen wie ich will. Jetzt sollst du fort, und ein beruͤhmter Meister es mit dir versuchen’. Der Junge ward in eine fremde Stadt geschickt, und blieb bei dem Meister ein ganzes Jahr. Nach Verlauf dieser Zeit kam er wieder heim, und der Vater fragte ‘nun mein Sohn, was hast du gelernt?’ ‘Vater, ich habe gelernt was die Hunde bellen’ antwortete er. ‘Daß Gott erbarm,’ rief der Vater aus, ‘ist das alles was du gelernt hast? ich will dich in eine andere Stadt zu einem andern Meister thun.’ Der Junge ward hingebracht, und blieb bei diesem Meister auch ein Jahr, und als er zuruͤckkam fragte der Vater wiederum ‘mein Sohn, was hast du gelernt?’ Er antwortete ‘Vater, ich habe gelernt was die Voͤgli sprechen.’ Da gerieth der Vater in Zorn, und sprach ‘o du verlorner Mensch, hast die kostbare Zeit hingebracht, und nichts gelernt, und schaͤmst dich nicht mir unter die Augen zu treten? ich will dich zu einem dritten Meister schicken, aber lernst du203 auch diesmal nichts, so will ich dein Vater nicht mehr seyn.’ Der Sohn blieb bei dem dritten Meister ebenfalls ein ganzes Jahr, und als er wieder nach Haus kam und der Vater fragte ‘mein Sohn, was hast du gelernt?’ so antwortete er ‘lieber Vater, ich habe dieses Jahr gelernt was die Froͤsche quacken.’ Da gerieth der Vater in den hoͤchsten Zorn, sprang auf, und rief seine Leute, und sprach ‘dieser Mensch ist mein Sohn nicht mehr, ich stoße ihn aus, und gebiete euch daß ihr ihn hinaus in den Wald fuͤhrt, und ihm das Leben nehmt’. Sie nahmen ihn, und fuͤhrten ihn hinaus, aber als sie ihn toͤdten sollten, konnten sie nicht vor Mitleiden, und ließen ihn gehen. Sie schnitten einem Reh Augen und Zunge aus, damit sie dem Alten die Wahrzeichen bringen konnten.
Der Juͤngling wanderte fort, und kam nach einiger Zeit zu einer Burg, wo er um Nachtherberge bat. ‘Ja,’ sagte der Burgherr, ‘wenn du da unten in dem alten Thurm uͤbernachten willst, so gehe hin, aber ich warne dich, es ist lebensgefaͤhrlich, denn er ist voll wilder Hunde, die bellen und heulen in einem fort, und zu gewissen Stunden muͤssen sie einen Menschen ausgeliefert haben, den sie auch gleich verzehren.’ Die ganze Gegend war daruͤber in Trauer und Leid, und konnte doch niemand helfen. Der Juͤngling aber, der sich nicht fuͤrchtete, sprach ‘laßt mich nur hinab zu den bellenden Hunden, und gebt mir etwas das ich ihnen vorwerfen kann; mir sollen sie nichts thun.’ Weil er nun selber nicht anders wollte, so gaben sie ihm etwas Essen fuͤr die wilden Thiere, und brachten ihn hinab zu dem204 Thurm. Als er hinein trat, bellten ihn die Hunde nicht an, wedelten mit den Schwaͤnzen ganz freundlich um ihn herum, fraßen was er ihnen hinsetzte, und kruͤmmten ihm kein Haͤrchen. Am andern Morgen kam er zu jedermanns Erstaunen gesund und unversehrt heraus, und sagte zu dem Burgherrn ‘die Hunde haben mir in ihrer Sprache offenbart warum sie da hausen und dem Lande Schaden bringen. Sie sind verwuͤnscht einen großen Schatz so lange im Thurme zu huͤten bis der Schatz gehoben ist, dann kommen sie zur Ruhe. Auf was Art und Weise dies geschehen muß, habe ich ebenfalls aus ihren Reden vernommen.’ Da freuten sich alle die das hoͤrten, und der Burgherr versprach ihm seine Tochter wenn er den Schatz heben koͤnnte. Er vollfuͤhrte es gluͤcklich, die wilden Hunde verschwanden, und das Land war von der Plage befreit. Da ward ihm die schoͤne Jungfrau angetraut, und sie lebten vergnuͤgt zusammen.
Ueber eine Zeit setzte er sich mit ihr in einen Wagen, und wollte nach Rom fahren. Auf dem Weg kamen sie an einem Sumpf vorbei, in welchem Froͤsche saßen und quackten. Der junge Graf horchte, und als er vernahm was sie sprachen, ward er ganz nachdenklich und traurig, sagte aber seiner Frau die Ursache nicht. Endlich langten sie in Rom an, da war gerade der Pabst gestorben, und unter den Kardinaͤlen großer Zweifel wen sie zum Nachfolger bestimmen sollten. Sie wurden zuletzt einig derjenige sollte zum Pabst erwaͤhlt werden, an dem sich ein goͤttliches Wunderzeichen offenbaren wuͤrde. Und als das eben beschlossen war, in demselben Augenblick trat der junge Graf in205 die Kirche, und ploͤtzlich flogen zwei schneeweiße Tauben auf seine beiden Schultern, und blieben da sitzen. Die Geistlichkeit erkannte darin das Zeichen Gottes, und fragte ihn auf der Stelle ob er ihr Pabst werden wolle. Er war unschluͤßig und wußte nicht ob er dessen wuͤrdig sey, aber die Tauben redeten ihm zu daß er es thun moͤchte, und er antwortete ‘ja.’ Da wurde er gesalbt und geweiht, und damit war eingetroffen, was ihm die Froͤsche unterwegs gesagt hatten, und was ihn so bestuͤrzt gemacht, daß er der heilige Pabst werden sollte. Darauf mußte er eine Messe singen, und wußte kein Wort davon, aber die zwei Tauben saßen stets auf seinen Schultern, und sagten ihm alles ins Ohr.
Es war ein Mann, der hatte eine Tocher, die hieß die kluge Else. Als sie nun erwachsen war, sprach der Vater ‘wir wollen sie heirathen lassen.’ ‘Ja,’ sagte die Mutter, ‘wenn nur einer kaͤme, der sie haben wollte.’ Endlich kam von weither einer, der hieß Hans, und hielt um sie an unter der Bedingung, daß die kluge Else auch recht gescheidt waͤre. ‘O,’ sprach der Vater, ‘die hat Zwirn im Kopf,’ und die Mutter sagte ‘ach, die sieht den Wind auf der Gasse laufen, und hoͤrt die Fliegen husten.’ ‘Ja,’ sprach der Hans, ‘wenn sie nicht recht gescheidt ist, so nehm ich sie nicht.’ Als sie nun zu Tisch saßen und gegessen hatten, sprach die Mutter ‘Else geh in den Keller, und hol Bier.’ Da nahm die Else den Krug von der Wand, gieng in den Keller, und klappte unterwegs brav mit dem Deckel, damit ihr die Zeit ja nicht lang wuͤrde. Als sie unten war, holte sie ein Stuͤhlchen, und stellte es vors Faß, damit sie sich nicht zu buͤcken brauchte, und ihrem Ruͤcken etwa nicht wehe thaͤte, und unverhofften Schaden naͤhme. Dann that sie die Kanne vor sich, und drehte den Hahn auf, und waͤhrend der Zeit daß das Bier hinein lief, wollte sie doch ihre Augen207 nicht muͤßig lassen, und sah oben an die Wand hinauf, und erblickte nach vielem Hin - und Herschauen eine Kreuzhacke gerade uͤber sich, welche die Maurer da aus Versehen hatten stecken lassen. Da fieng die kluge Else an zu weinen, und sprach ‘wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und wir schicken das Kind in den Keller, daß es hier soll Bier zapfen, so faͤllt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlaͤgts todt.’
Da blieb sie sitzen, und weinte aus Jammer uͤber das bevorstehende Ungluͤck. Die oben saßen warteten auf den Trank, aber die kluge Else kam immer nicht. Da sprach die Frau zur Magd ‘geh doch hinunter in den Keller, und sieh wo die Else bleibt.’ Die Magd gieng und fand sie vor dem Fasse sitzend und laut schreiend. ‘Else, was weinst du?’ fragte die Magd. ‘Ach,’ antwortete sie, ‘soll ich nicht weinen! wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und soll hier Trinken zapfen, so faͤllt ihm vielleicht die Kreuzhacke auf den Kopf und schlaͤgts todt. Da sprach die Magd ‘was haben wir fuͤr eine kluge Else!’ setzte sich zu ihr, und fieng auch an uͤber das Ungluͤck zu weinen. Ueber eine Weile, als die Magd nicht wiederkam, und die droben durstig nach dem Trank waren, sprach der Mann zum Knecht ‘geh doch hinunter in den Keller, und sieh wo die Else und die Magd bleibt.’ Der Knecht gieng hinab, da saß die kluge Else und die Magd, und weinten beide zusammen, da fragte er ‘was weint ihr denn?’ ‘Ach,’ sprach die Else, ‘soll ich nicht weinen! wenn ich den Hans kriege, und208 wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und soll hier Trinken zapfen, so faͤllt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlaͤgts todt.’ Da sprach der Knecht ‘was haben wir fuͤr eine kluge Else!’ setzte sich zu ihr, und fieng auch an laut zu heulen. Oben warteten sie auf den Knecht, als er aber immer nicht kam, sprach der Mann zur Frau ‘geh doch hinunter in den Keller, und sieh wo die Else bleibt.’ Die Frau gieng hinab, und fand alle drei in Wehklagen, und fragte nach der Ursache, da erzaͤhlte ihr die Else auch daß ihr zukuͤnftiges Kind wohl wuͤrde von der Kreuzhacke todtgeschlagen werden, wenn es erst groß waͤre, und Bier zapfen sollte, und die Kreuzhacke fiele herab. Da sprach die Mutter gleichfalls ‘ach, was haben wir fuͤr eine kluge Else!’ setzte sich hin, und weinte mit. Der Mann oben wartete auch ein Weilchen, als aber seine Frau nicht wieder kam, und sein Durst immer staͤrker ward, sprach er ‘ich muß nur selber in den Keller gehn und sehen wo die Else bleibt.’ Als er aber in den Keller kam, und alle da bei einander saßen und weinten, und er die Ursache hoͤrte, daß das Kind der Else schuld waͤre, das sie vielleicht einmal zur Welt braͤchte, und von der Kreuzhacke koͤnnte todtgeschlagen werden, wenn es gerade zur Zeit, wo sie herab fiele, darunter saͤße, Bier zu zapfen: da rief er ‘was fuͤr eine kluge Else!’ setzte sich, und weinte auch mit. Der Braͤutigam blieb lange oben allein, da niemand wiederkommen wollte, dachte er ‘sie werden unten auf dich warten, du mußt auch hingehen, und sehen was sie vorhaben.’ Als er hinab kam, saßen da fuͤnfe, und schrien und jammerten209 ganz erbaͤrmlich, einer immer besser als der andere. ‘Was fuͤr ein Ungluͤck ist denn geschehen?’ fragte er. ‘Ach, lieber Hans,’ sprach die Else, ‘wann wir einander heirathen, und haben ein Kind, und es ist groß, und wir schickens vielleicht hierher Trinken zu zapfen, da kann ihm ja die Kreuzhacke, die da oben ist stecken geblieben, wenn sie herabfallen sollte, den Kopf zerschlagen, daß es liegen bleibt; sollen wir da nicht weinen?’ ‘Nun,’ sprach Hans, ‘mehr Verstand ist fuͤr meinen Haushalt nicht noͤthig; weil du so eine kluge Else bist, so will ich dich haben,’ packte sie bei der Hand, und nahm sie mit hinauf, und hielt Hochzeit mit ihr.
Als sie der Hans eine Weile hatte, sprach er ‘Frau, ich will ausgehen arbeiten, und uns Geld verdienen, geh du ins Feld, und schneid das Korn, daß wir Brot haben.’ ‘Ja, mein lieber Hans, das will ich thun.’ Nachdem der Hans fort war, kochte sie sich einen guten Brei, und nahm ihn mit ins Feld. Als sie vor den Acker kam, sprach sie zu sich selbst ‘was thu ich? schneid ich ehr, oder eß ich ehr? hei, ich will erst essen.’ Nun aß sie ihren Topf mit Brei aus, und als sie dick satt war, sprach sie wieder ‘was thu ich? schneid ich ehr, oder schlaf ich ehr? hei, ich will erst schlafen.’ Da legte sie sich ins Korn, und schlief ein. Der Hans war laͤngst zu Haus, aber die Else wollte nicht kommen, da sprach er ‘was hab ich fuͤr eine kluge Else, die ist so fleißig, daß sie nicht einmal nach Haus kommt und ißt.’ Als sie aber noch immer ausblieb, und es Abend ward, gieng der Hans hinaus, und wollte sehen was sie geschnitten210 haͤtte: aber es war nichts geschnitten, sondern sie lag im Korn und schlief. Da eilte Hans geschwind heim, und holte ein Vogelgarn mit kleinen Schellen, und haͤngte es um sie herum; und sie schlief noch immer fort. Dann lief er heim, setzte sich auf seinen Stuhl, und schloß die Hausthuͤre zu. Endlich erwachte die kluge Else, wie es schon ganz dunkel war, und als sie aufstand, rappelte es um sie herum, bei jedem Schritte, den sie that. Da erschrack sie, und ward irre ob sie auch wirklich die kluge Else waͤre, und sprach ‘bin ichs, oder bin ichs nicht?’ Sie wußte aber nicht was sie darauf antworten sollte, und stand eine Zeitlang zweifelhaft: endlich dachte sie ‘ich will nach Haus gehen, und fragen ob ichs bin oder nicht, die werdens ja wissen.’ Sie lief vor ihre Hausthuͤre, aber die war verschlossen, da klopfte sie an das Fenster, und rief ‘Hans, ist die Else drinnen?’ ‘Ja,’ antwortete der Hans, ‘sie ist drinnen.’ Da erschrack sie, und sprach ‘ach Gott, dann bin ichs nicht,’ und gieng vor eine andere Thuͤr; aber als die Leute das Klingeln der Schellen hoͤrten, wollten sie nicht aufmachen, und sie konnte nirgends unterkommen: da lief sie fort zum Dorf hinaus.
Es trug sich zu, daß ein Schneider starb, der lahm war, und deshalb in den Himmel nicht gegangen sondern gehinkt kam. Er klopfte an die Pforte, der heilige Petrus aber, der dabei die Wache hat, wollte nicht gleich aufthun, sondern fragte ‘wer ist da?’ ‘Ein armer ehrlicher Schneider, der um Einlaß bittet.’ ‘Ja, ehrlich wie der Dieb am Galgen,’ sagte der heilige Petrus ‘du hast lange Finger gemacht, und den Leuten das Tuch abgezwickt. Geh in die Hoͤlle, wohin du das Gestohlne doch schon geworfen hast, in den Himmel kommst du nicht.’ ‘Ach, barmherziger Gott!’ rief der Schneider, ‘ich hinke, und habe von dem Weg daher Blasen an den Fuͤßen, ich kann unmoͤglich wieder umkehren. Laßt mich doch hineinschluͤpfen, ich will gerne hinter dem Ofen sitzen, und die schlechte Arbeit thun. Jch will die kleinen Kinder halten und reinigen, die Windeln waschen, die Baͤnke, darauf sie gespielt haben abwischen und saͤubern, ihre zerrissenen Kleider flicken, laßt mich nur ein.’ Der heilige Petrus war mitleidig, ließ sich erweichen, und machte dem lahmen Schneiderlein die Himmelspforte so weit auf daß es hinein schluͤpfen konnte. 212Das geschah etwa um Mittag als der Herr gerade mit den Erzengeln und dem himmlischen Heer in dem Garten sich ergehen und erlustigen wollte. Er befahl dem Schneider, dieweil niemand zugegen waͤre, den Himmel in Ordnung zu halten, und darauf zu achten, daß nicht jemand kaͤme und etwas hinaus truͤge. ‘Ja, Herr,’ sprach der Schneider, ‘es soll alles gar wohl besorgt werden.’ Als der Herr mit dem Gefolge fortgegangen und der Schneider allein war, so besah er sich alle Gelegenheit im Himmel, und stieg zuletzt vollends auf den Stuhl des Herrn, von welchem herab man alles sehen konnte, was auf dem ganzen Erdreich geschah. Da sah er unten auf der Welt ein altes, wuͤstes Weib bei einem Bache stehen und waschen, und sah wie es heimlich zwei Frauenschleier bei Seite that und stahl. Und ob nun gleich der Schneider bei Lebzeiten sich oft mit diesem Geschaͤft abgegeben, und der heilige Petrus ihm deshalb den Eingang zum Himmel fast versagt hatte, so gerieth er doch in einen solchen Zorn daß er des Herrn Schemel, der vor dem Stuhl stand, erwischte, und ihn der alten Diebin hinab in die Rippen warf daß sie umfiel. Das Weib erschrack, wußte nicht welcher Teufel nach ihr geworfen, lief heim, und ließ die beiden Schleier liegen, welche nun wieder an die Eigenthuͤmerin kamen.
Als der Herr und Meister mit dem himmlischen Heer zuruͤckkam, sah er daß vor seinem Stuhl der Schemel mangelte, und fragte den Schneider wer ihn weggethan haͤtte. ‘O Herr,’ antwortete er freudig, ‘ich habe ihn nach einem alten Weibe geworfen,213 das ich unten auf der Erde bei der Wasche zwei Schleier stehlen sah.’ Da sprach der Herr ‘mein lieber Sohn, wollt ich richten wie du richtest, wie meinst du daß es dir schon laͤngst ergangen waͤre? Jch haͤtte schon lange keine Stuͤhle, Baͤnke, Sessel, ja keine Ofengabel mehr hier gehabt, sondern alles nach den Suͤndern hinab geworfen. Fortan kannst du aber nicht mehr im Himmel bleiben, sondern mußt wieder hinaus vor das Thor, da sieh zu wo du hinkommst, hierinnen soll niemand strafen denn ich, der Herr.’
Der heilige Petrus mußte den Schneider wieder hinaus vor das Thor bringen, und weil er zerrissene Schuhe hatte und die Fuͤße voll Blasen, nahm er einen Stecken in die Hand, und zog nach Warteinweil, wo die frommen Soldaten sitzen und sich lustig machen.
Vor Zeiten war ein Schneider, der drei Soͤhne hatte, und nur eine einzige Ziege. Aber die Ziege, weil sie alle zusammen mit ihrer Milch ernaͤhrte, mußte ihr gutes Futter haben, und taͤglich hinaus auf die Weide gefuͤhrt werden; und die Soͤhne thaten das nach der Reihe. Einmal brachte sie der aͤlteste auf den Kirchhof, wo die schoͤnsten Kraͤuter standen, ließ sie da fressen und herumspringen. Abends, als es Zeit war heim zu gehn, fragte er ‘Ziege, bist du satt?’ Die Ziege antwortete
‘So komm nach Haus’ sprach der Junge, faßte sie am Strickchen, fuͤhrte sie in den Stall, und band sie fest. ‘Nun,’ sagte der alte Schneider ‘hat die Ziege ihr gehoͤriges Futter?’ ‘O,’ antwortete der Sohn, ‘die ist so satt, sie mag kein Blatt.’ Der Vater aber wollte sich selbst uͤberzeugen, gieng hinab in den Stall, streichelte das liebe Thier, und fragte ‘Ziege, bist du auch satt?’ Die Ziege antwortete
‘Was muß ich hoͤren!’ rief der Schneider, lief hinauf, und sprach zu dem Jungen ‘ei, du Luͤgner, sagst die Ziege waͤre satt, und hast sie hungern lassen?’ und in seinem Zorn nahm er die Elle von der Wand, und jagte ihn hinaus.
Am andern Tag war die Reihe am zweiten Sohn, der suchte einen Platz aus, wo lauter gute Kraͤuter standen, und die Ziege fraß sie rein ab. Abends, als er heim wollte, fragte er ‘Ziege, bist du satt?’ Die Ziege antwortete
‘So komm nach Haus,’ sprach der Junge, zog sie heim, und band sie im Stalle fest. ‘Nun,’ sagte der alte Schneider, ‘hat die Ziege ihr gehoͤriges Futter?’ ‘O,’ antwortete der Sohn, ‘die ist so satt, sie mag kein Blatt.’ Der Schneider wollte sich darauf nicht verlassen, gieng hinab in den Stall, und fragte ‘Ziege, bist du auch satt?’ Die Ziege antwortete
‘Der gottlose Boͤsewicht!’ schrie der Schneider, ‘so ein frommes Thier hungern zu lassen!’ lief hinauf, und schlug mit der Elle den Jungen zur Hausthuͤre hinaus.
Die Reihe kam jetzt an den dritten Sohn, der wollte seine Sache gut machen, suchte Buschwerk mit dem schoͤnsten Laube216 aus, und ließ die Ziege daran fressen. Abends, als er heim wollte, fragte er ‘Ziege, bist du auch satt?’ Die Ziege antwortete
‘So komm nach Haus’, sagte der Junge, fuͤhrte sie in den Stall, und band sie fest. ‘Nun,’ sagte der alte Schneider, ‘hat die Ziege ihr gehoͤriges Futter?’ ‘O,’ antwortete der Sohn, ‘die ist so satt, sie mag kein Blatt.’ Der Schneider traute nicht, gieng hinab und fragte ‘Ziege, bist du auch satt?’ Das boshafte Thier antwortete
‘O die Luͤgenbrut!’ rief der Schneider, ‘einer so gottlos und pflichtvergessen wie der andere! ihr sollt mich nicht laͤnger zum Narren haben!’ und vor Zorn ganz außer sich sprang er hinauf, und gerbte dem einen Jungen mit der Elle den Ruͤcken so gewaltig, daß er zum Haus hinaus sprang.
Der alte Schneider war nun mit seiner Ziege allein. Am andern Morgen gieng er hinab in den Stall, liebkoste die Ziege, und sprach ‘komm, mein liebes Thierlein, ich will dich selbst zur Weide fuͤhren’. Er nahm sie am Strick und brachte sie zu gruͤnen Hecken und unter Schafrippe und was die Ziegen gerne fressen. ‘Da kannst du dich einmal nach Herzenslust saͤttigen’ sprach er zu ihr, und ließ sie weiden bis zum Abend. Da fragte er ‘Ziege bist du satt?’ Sie antwortete
217‘So komm nach Haus’ sagte der Schneider, fuͤhrte sie in den Stall, und band sie fest. Als er wegging, kehrte er sich noch einmal um, und sagte ‘nun bist du doch einmal satt!’ Aber die Ziege machte es ihm nicht besser, und rief
Als der Schneider das hoͤrte, stutzte er, und sah wohl daß er seine drei Soͤhne unschuldig verstoßen hatte. ‘Wart,’ rief er, ‘du undankbares Geschoͤpf, dich fortzujagen ist noch zu wenig, ich will dich zeichnen daß du dich unter ehrlichen Schneidern nicht mehr darfst sehen lassen.’ Jn einer Hast sprang er hinauf, holte sein Bartmesser, seifte der Ziege den Kopf ein, und schor sie so glatt wie seine flache Hand. Und weil die Elle zu ehrenvoll gewesen waͤre, holte er die Peitsche, und versetzte ihr solche Hiebe, daß sie in gewaltigen Spruͤngen davon lief.
Der Schneider, als er so ganz einsam in seinem Hause saß, verfiel in große Traurigkeit, und haͤtte seine Soͤhne gerne wieder gehabt, aber niemand wußte wo sie hingerathen waren. Der aͤlteste war zu einem Schreiner in die Lehre gegangen, da lernte er fleißig und unverdrossen, und als seine Zeit herum war, daß er wandern sollte, schenkte ihm der Meister ein Tischchen, das gar kein besonderes Ansehen hatte, und von gewoͤhnlichem Holz war, aber es hatte eine gute Eigenschaft. Wenn man es hin218 stellte und sprach ‘Tischchen, deck dich’, so war das gute Tischchen auf einmal mit einem saubern Tuͤchlein bedeckt, und stand da ein Teller, und Messer und Gabel daneben, und Schuͤsseln mit Gesottenem und Gebratenem, so viel Platz hatten, und ein großes Glas mit rothem Wein leuchtete daß einem das Herz lachte. Der junge Gesell dachte ‘damit hast du genug fuͤr dein Lebtag,’ zog guter Dinge in der Welt umher, und bekuͤmmerte sich gar nicht darum ob ein Wirthshaus gut oder schlecht war, ob etwas darin zu finden, oder nicht. Wenn es ihm einfiel, so kehrte er gar nicht ein, sondern im Feld, im Wald, auf einer Wiese, wo er Lust hatte, nahm er sein Tischchen vom Ruͤcken, stellte es vor sich, und sprach ‘deck dich,’ so war alles da, was sein Herz begehrte. Endlich kam es ihm in den Sinn, er wollte zu seinem Vater zuruͤckkehren, sein Zorn wuͤrde sich gelegt haben, und mit dem Tischchen deck dich wuͤrde er ihn gern wieder aufnehmen. Es trug sich zu, daß er auf dem Heimweg Abends in ein Wirthshaus kam, das mit Gaͤsten angefuͤllt war; sie hießen ihn willkommen, und luden ihn ein sich zu ihnen zu setzen und mit ihnen zu essen, sonst wuͤrde er schwerlich noch etwas bekommen. ‘Nein,’ antwortete der Schreiner, ‘die paar Bissen will ich euch nicht vor dem Munde nehmen, lieber sollt ihr meine Gaͤste seyn.’ Sie lachten und meinten er triebe seinen Spaß mit ihnen. Er aber stellte sein hoͤlzernes Tischchen mitten in die Stube, und sprach ‘Tischchen, deck dich.’ Augenblicklich war es mit Speisen besetzt, so gut wie sie der Wirth nicht haͤtte herbeischaffen koͤnnen, und wovon der Geruch den Gaͤsten lieblich in die Nase stieg. 219‘Zugegriffen, liebe Freunde,’ sprach der Schreiner, und die Gaͤste, als sie sahen wie es gemeint war, ließen sich nicht zweimal bitten, ruͤckten heran, zogen ihre Messer, und griffen tapfer zu. Und was sie am meisten verwunderte, wenn eine Schuͤssel leer geworden war, so stellte sich gleich von selbst eine volle an ihren Platz. Der Wirth stand in einer Ecke und sah dem Dinge zu, wußte gar nicht was er sagen sollte, dachte aber ‘einen solchen Koch koͤnntest du in deiner Wirthschaft wohl brauchen.’ Der Schreiner und seine Gesellschaft waren lustig bis in die spaͤte Nacht, endlich aber legten sie sich schlafen, und der junge Gesell gieng auch zu Bett, und stellte sein Wuͤnschtischchen an die Wand. Dem Wirthe aber ließen seine Gedanken keine Ruhe, es fiel ihm ein daß in seiner Rumpelkammer ein altes Tischchen staͤnde, das gerade so aussaͤhe: das holte er ganz sachte herbei, und vertauschte es mit dem Wuͤnschtischchen. Am andern Morgen zahlte der Schreiner sein Schlafgeld, packte sein Tischchen auf, dachte gar nicht daran daß er ein falsches haͤtte, und gieng seiner Wege. Zu Mittag kam er bei seinem Vater an, der ihn mit großer Freude empfieng. ‘Nun, mein lieber Sohn, was hast du gelernt?’ sagte er zu ihm. ‘Vater, ich bin ein Schreiner geworden.’ ‘Ein gutes Handwerk,’ erwiederte der Alte, ‘aber was hast du von deiner Wanderschaft mitgebracht?’ ‘Vater, das beste was ich mitgebracht habe ist das Tischchen.’ Der Schneider betrachtete es und sagte ‘daran hast du kein Meisterstuͤck gemacht, das ist ein altes und schlechtes Tischchen’. ‘Aber es ist ein Tischchen deck dich,’ antwortete der Sohn, ‘wenn ich es hinstelle, und sage ihm220 es sollte sich decken, so stehen gleich die schoͤnsten Gerichte darauf und ein Wein dabei, der das Herz erfreut. Ladet nur alle Verwandte und Freunde ein, die sollen sich einmal laben und erquicken, denn das Tischchen macht sie alle satt.’ Als die Gesellschaft beisammen war, stellte er sein Tischchen mitten in die Stube, und sprach ‘Tischchen, deck dich.’ Aber das Tischchen regte sich nicht, und blieb so leer wie ein anderer Tisch, der die Sprache nicht versteht. Da merkte der arme Geselle daß ihm das Tischchen vertauscht war, schaͤmte sich daß er wie ein Luͤgner da stand, und die Verwandten lachten ihn aus, und mußten ungetrunken und ungegessen wieder heim wandern. Der Vater holte seine Lappen wieder herbei und schneiderte fort, der Sohn aber mußte bei einem Meister in die Arbeit gehen.
Der zweite Sohn war zu einem Muͤller gekommen, und bei ihm in die Lehre gegangen. Als er seine Jahre herum hatte, sprach der Meister ‘weil du dich so wohl gehalten hast, so schenke ich dir einen Esel von einer besondern Art, er zieht nicht am Wagen, und traͤgt auch keine Saͤcke’. ‘Wozu ist er denn nuͤtze?’ fragte der junge Geselle. ‘Er speit Gold,’ antwortete der Muͤller, ‘wenn du ihn auf ein Tuch stellst, und sprichst Bricklebrit, so speit dir das gute Thier Goldstuͤcke aus, hinten und vorn.’ ‘Das ist eine schoͤne Sache’ sprach der Geselle, dankte dem Meister und zog in die Welt. Wenn er Gold noͤthig hatte, brauchte er nur zu seinem Esel Bricklebrit zu sagen, so regnete es Goldstuͤcke, und er hatte weiter keine Muͤhe als sie von der Erde aufzuheben. Wo er hinkam, war ihm das beste gut221 genug, und je theurer, je lieber, denn er hatte immer einen vollen Beutel. Als er sich eine Zeit lang in der Welt umgesehen, dachte er ‘du mußt deinen Vater aufsuchen wenn du mit dem Goldesel kommst, so wird er seinen Zorn vergessen und dich gut aufnehmen.’ Es trug sich zu, daß er in dasselbe Wirthshaus gerieth, in welchem seinem Bruder das Tischchen vertauscht war. Er fuͤhrte seinen Esel an der Hand, und der Wirth wollte ihm das Thier abnehmen und anbinden, der junge Geselle aber sprach ‘gebt euch keine Muͤhe, meinen Grauschimmel fuͤhre ich selbst in den Stall, und binde ihn auch selbst an, denn ich muß wissen wo er steht.’ Dem Wirth kam das wunderlich vor, und er meinte einer, der seinen Esel selbst besorge, habe nicht viel zu verzehren, als aber der Fremde in die Tasche griff und zwei Goldstuͤcke heraus holte, und sagte er sollte nur etwas gutes fuͤr ihn einkaufen, so machte er große Augen, lief und suchte das beste das er auftreiben konnte. Nach der Mahlzeit fragte der Gast was er schuldig sey, der Wirth wollte die doppelte Kreide nicht sparen, und sagte noch ein paar Goldstuͤcke muͤsse er zulegen. Der Geselle griff in die Tasche, aber sein Gold war eben zu Ende. ‘Wartet einen Augenblick, Herr Wirth,’ sprach er, ‘ich will nur gehen und Gold holen;’ nahm aber das Tischtuch mit. Der Wirth wußte nicht was das heißen sollte, war neugierig, schlich ihm nach, und da der Gast die Stallthuͤre zuriegelte, so guckte er durch ein Astloch. Der Fremde breitete unter dem Esel das Tuch aus, rief Bricklebrit, und augenblicklich fieng das Thier an Gold zu speien von hinten und vorn, daß es ordentlich222 auf die Erde herabregnete. ‘Ei der tausend,’ sagte der Wirth, ‘da sind die Ducaten bald gepraͤgt! so ein Geldbeutel ist nicht uͤbel!’ Der Gast bezahlte seine Zeche, und legte sich schlafen, der Wirth aber schlich in der Nacht herab in den Stall, fuͤhrte den Muͤnzmeister weg, und band einen andern Esel an seine Stelle. Den folgenden Morgen in der Fruͤhe zog der Geselle mit seinem Esel ab, und meinte er haͤtte seinen Goldesel. Mittags kam er bei seinem Vater an, der sich freute als er ihn wiedersah, und ihn gerne aufnahm. ‘Was ist aus dir geworden, mein Sohn?’ fragte der Alte. ‘Ein Muͤller, lieber Vater’ antwortete er. ‘Was hast du von deiner Wanderschaft mitgebracht?’ ‘Weiter nichts als einen Esel.’ ‘Esel gibts hier genug,’ sagte der Vater, ‘da waͤre mir doch eine gute Ziege lieber gewesen.’ ‘Ja,’ antwortete der Sohn, ‘aber es ist kein gemeiner Esel, sondern ein Goldesel: wenn ich sage Bricklebrit, so speit euch das gute Thier ein ganzes Tuch voll Goldstuͤcke. Laßt nur alle Verwandte herbei rufen, ich mache sie alle zu reichen Leuten.’ ‘Das laß ich mir gefallen’ sagte der Schneider, ‘dann brauch ich mich mit der Nadel nicht weiter zu quaͤlen,’ sprang selbst fort, und rief die Verwandten herbei. Sobald sie beisammen waren, hieß sie der Muͤller Platz machen, breitete sein Tuch aus, und brachte den Esel in die Stube. ‘Jetzt gebt acht’ sagte er, und rief Bricklebrit, aber es waren keine Goldstuͤcke die herabfielen, und es zeigte sich, daß das Thier nichts von der Kunst verstand, denn es bringts nicht jeder Esel so weit. Da machte der arme Muͤller ein langes Gesicht, sah daß er betrogen war, und bat die223 Verwandten um Verzeihung, die so arm heim giengen, als er gekommen war. Es blieb nichts uͤbrig, der Alte mußte wieder nach der Nadel greifen, und der Junge sich bei einem Muͤller verdingen.
Der dritte Bruder war bei einem Drechsler in die Lehre gekommen, und weil das ein kunstreiches Handwerk ist, mußte er am laͤngsten lernen. Seine Bruͤder aber meldeten ihm in einem Briefe wie es ihnen ergangen waͤre, und wie sie der Wirth noch am letzten Abende um ihre schoͤnen Wuͤnschdinge gebracht haͤtte. Als der Drechsler nun ausgelernt hatte und wandern sollte, so schenkte ihm sein Meister, weil er sich so wohl gehalten, einen Sack, und sagte ‘es liegt ein Knuͤppel darin.’ ‘Den Sack kann ich umhaͤngen, und er kann mir gute Dienste leisten, aber was soll der Knuͤppel darin, der macht ihn nur schwer.’ ‘Das will ich dir sagen,’ antwortete der Meister, ‘hat dir jemand etwas zu Leid gethan, so sprich nur Knuͤppel, aus dem Sack, so springt dir der Knuͤppel heraus unter die Leute, und tanzt ihnen so lustig auf dem Ruͤcken herum, daß sie sich acht Tage lang nicht regen und bewegen koͤnnen; und eher laͤßt er nicht ab als bis du sagst Knuͤppel, in den Sack,’ der Gesell dankte ihm, hieng den Sack um, und wenn ihm jemand zu nahe kam, und auf den Leib wollte, so sprach er Knuͤppel aus dem Sack, so sprang der Knuͤppel heraus, und klopfte einem nach dem andern den Rock oder Wams auf dem Ruͤcken aus, und wartete nicht erst bis er ihn ausgezogen hatte; und das gieng so geschwind, daß eh sichs einer versah die Reihe schon an ihm224 war. Der junge Drechsler langte zur Abendzeit auch in dem Wirthshaus an, wo seine Bruͤder waren betrogen worden. Er legte seinen Ranzen vor sich auf den Tisch, und fieng an zu erzaͤhlen was er alles merkwuͤrdiges in der Welt gesehen habe. ‘Ja,’ sagte er, ‘man findet wohl ein Tischchen deck dich, einen Goldesel und dergleichen: lauter gute Dinge, die ich nicht verachte, aber das ist alles nichts gegen den Schatz, den ich erworben habe, und mit mir da in meinem Sack fuͤhre.’ Der Wirth spitzte die Ohren: ‘was in aller Welt mag das seyn?’ dachte er, ‘der Sack ist wohl mit lauter Edelsteinen angefuͤllt; den sollte ich billig auch noch haben, denn aller guten Dinge sind drei.’ Als Schlafenszeit war, streckte sich der Gast auf die Bank, und legte seinen Sack als Kopfkissen unter. Der Wirth wartete bis er dachte er laͤge in tiefem Schlaf, dann gieng er herbei, ruͤckte und zog ganz sachte und vorsichtig an dem Sack, ob er ihn vielleicht wegziehen und einen andern unterlegen koͤnnte. Der Drechsler hatte schon lange gewartet, wie nun der Wirth eben einen herzhaften Ruck thun wollte, rief er Knuͤppel, aus dem Sack. Alsbald fuhr das Knuͤppelchen heraus, dem Wirth auf den Leib, und rieb ihm die Naͤhte daß es eine Art hatte. Der Wirth schrie zum Erbarmen, aber je lauter er schrie, desto kraͤftiger schlug der Knuͤppel ihm dem Tact dazu auf dem Ruͤcken, bis er endlich erschoͤpft zur Erde fiel. Da sprach der Drechsler ‘wo du das Tischchen deck dich und den Goldesel nicht wieder heraus gibst, so soll der Tanz von neuem angehen.’ ‘Ach nein,’ rief der Wirth ganz kleinlaut, ‘ich gebe alles gerne wieder heraus,225 laßt nur den Kobold wieder in den Sack kriechen.’ Da sprach der Geselle ‘ich will Gnade fuͤr Recht ergehen lassen, aber huͤte dich vor Schaden!’ dann rief er ‘Knuͤppel, in den Sack!’ und ließ ihn ruhen.
Der Drechsler zog am andern Morgen mit dem Tischchen deck dich und dem Goldesel heim zu seinem Vater. Der Schneider freute sich als er ihn sah, und fragte ihn wie seine Bruͤder was er gelernt habe. ‘Lieber Vater’, antwortete er, ‘ich bin ein Drechsler geworden.’ ‘Ein kunstreiches Handwerk,’ sagte der Vater, ‘was hast du von der Wanderschaft mitgebracht?’ ‘Ein kostbares Stuͤck, lieber Vater,’ sprach der Sohn, ‘einen Knuͤppel in dem Sack.’ ‘Was!’ rief der Vater, ‘einen Knuͤppel! das ist der Muͤhe werth! den kannst du dir von jedem Baume abhauen.’ ‘Aber einen solchen nicht, lieber Vater: sage ich Knuͤppel aus dem Sack, so springt der Knuͤppel heraus, und macht mit dem, der es nicht gut mit mir meint, einen schlimmen Tanz, und laͤßt nicht eher nach als bis er auf der Erde liegt, und um gut Wetter bittet. Seht ihr, mit diesem Knuͤppel habe ich das Tischchen deck dich und den Goldesel wieder herbeigeschafft, die der diebische Wirth meinen Bruͤdern abgenommen hatte. Jetzt laßt sie herbei rufen, und ladet alle Verwandten ein, ich will sie speisen und traͤnken, und will ihnen die Taschen noch mit Gold fuͤllen.’ Der alte Schneider wollte nicht recht trauen, brachte aber doch die Verwandten zusammen. Da deckte der Drechsler ein Tuch in die Stube, brachte den Goldesel herein, und sagte zu seinem Bruder, ‘nun, lieber Bruder, sprich mit ihm.’ Der Muͤller226 sagte Bricklebrit, und augenblicklich sprangen die Goldstuͤcke auf das Tuch herab, als kaͤme ein Platzregen, und der Esel hoͤrte nicht eher auf als bis alle so viel hatten daß sie nicht mehr tragen konnten. (Jch sehe dirs an, du waͤrst auch gerne dabei gewesen.) Dann holte der Drechsler das Tischchen, und sagte ‘lieber Bruder, nun sprich mit ihm.’ Und kaum hatte der Schreiner Tischchen, deck dich gesagt, so war es gedeckt und mit den schoͤnsten Schuͤsseln voll auf besetzt. Da ward eine Mahlzeit gehalten, wie der gute Schneider noch keine in seinem Hause erlebt hatte, und die ganze Verwandtschaft blieb beisammen bis in die Nacht, und waren alle lustig und vergnuͤgt. Der Schneider verschloß Nadel und Zwirn, Elle und Buͤgeleisen in einen Schrank, und lebte mit seinen drei Soͤhnen in Freude und Herrlichkeit.
Wo ist aber die Ziege hingekommen, die Schuld war daß der Schneider seine drei Soͤhne fortjagte? Das will ich dir sagen. Sie schaͤmte sich daß sie einen kahlen Kopf hatte, lief in eine Fuchshoͤhle, und verkroch sich hinein. Als der Fuchs nach Haus kam, funkelten ihm ein paar große Augen aus der Dunkelheit entgegen, daß er erschrack und wieder zuruͤcklief. Der Baͤr begegnete ihm, und da der Fuchs ganz verstoͤrt aussah, so sprach er ‘was ist dir, Bruder Fuchs, was machst du fuͤr ein Gesicht?’ ‘Ach,’ antwortete der Rothe, ‘ein grimmig Thier sitzt in meiner Hoͤhle, und hat mich mit feurigen Augen angeglotzt.’ ‘Das wollen wir schon austreiben’ sprach der Baͤr, gieng mit zu der Hoͤhle, und schaute hinein; als er aber die feurigen Augen erblickte, wandelte ihn ebenfalls die Furcht an: er227 wollte mit dem grimmigen Thiere nichts zu thun haben, und nahm Reiß aus. Die Biene begegnete ihm, und da sie merkte daß es ihm in seiner Haut nicht wohl zu Muthe war, sprach sie ‘Baͤr, du machst ja ein gewaltig verdrießlich Gesicht, wo ist deine Lustigkeit geblieben?’ ‘Du hast gut reden,’ antwortete der Baͤr, ‘es sitzt ein grimmiges Thier mit Glotzaugen in dem Hause des Rothen, und wir koͤnnen es nicht herausjagen.’ Die Biene sprach ‘du dauerst mich, Baͤr, ich bin ein armes, schwaches Geschoͤpf, das ihr im Wege nicht anguckt, aber ich will sehen ob ich euch helfen kann.’ Sie flog in die Fuchshoͤhle, setzte sich der Ziege auf den glatten, geschorenen Kopf und stach sie so gewaltig, daß sie aufsprang, meh! meh! schrie, und wie toll in die Welt hineinlief, und weiß niemand auf diese Stunde wo sie hingelaufen ist.
Es war ein armer Bauersmann, der saß Abends beim Herd, und schuͤrte das Feuer, und die Frau saß und spann. Da sprach er ‘wie ists so traurig, daß wir keine Kinder haben! es ist so still bei uns, und in den andern Haͤusern ists so laut und lustig.’ ‘Ja,’ antwortete die Frau, und seufzte, ‘wenn’s nur ein einziges waͤre, und wenns auch ganz klein waͤre, nur Daumens groß, so wollt ich schon zufrieden seyn: wir haͤttens doch von Herzen lieb.’ Nun geschah es, daß die Frau kraͤnklich ward, und nach sieben Monaten ein Kind gebar, das zwar an allen Gliedern vollkommen aber nicht laͤnger als ein Daumen war. Da sprachen sie ‘es ist wie wir es gewuͤnscht haben, und es soll unser liebes Kind seyn,’ und nannten es nach seiner Gestalt Daumesdick. Sie ließens nicht an Nahrung fehlen, aber das Kind ward nicht groͤßer, sondern blieb wie es in der ersten Stunde gewesen war, doch schaute es verstaͤndig aus den Augen, und zeigte sich bald als ein kluges und behendes Ding, dem alles gluͤckte was es anfieng.
Der Bauer machte sich einmal fertig in den Wald zu gehen und Holz zu faͤllen, da sprach er so vor sich hin ‘nun wollt ich229 daß einer da waͤre, der mir den Wagen nachbraͤchte.’ ‘O Vater, rief Daumesdick, ‘den Wagen will schon bringen, verlaßt euch drauf, er soll zur bestimmten Zeit im Walde seyn.’ Da lachte der Mann, und sprach ‘wie sollte das zugehen, du bist viel zu klein, um das Pferd mit dem Zuͤgel zu leiten.’ ‘Das thut nichts, Vater, wenn nur die Mutter anspannen will, ich setze mich dem Pferd ins Ohr, und rufe ihm zu wie es gehen soll.’ ‘Nun,’ antwortete der Vater, ‘einmal wollen wirs versuchen.’ Als die Stunde kam, spannte die Mutter an, und setzte den Daumesdick dem Pferd ins Ohr, drauf rief der Kleine, wie das Pferd gehen sollte, juͤh und hoh! hott und har! Nun gieng es ganz ordentlich als wie bei einem Meister, und der Wagen fuhr den rechten Weg nach dem Walde. Es trug sich zu, als er eben um eine Ecke bog, und der Kleine har, har! rief, daß zwei fremde Maͤnner daher kamen. ‘Mein,’ sprach der eine, ‘was ist das? da faͤhrt ein Wagen, und ein Fuhrmann ruft dem Pferde zu, und ist doch nicht zu sehen.’ ‘Das geht nicht mit rechten Dingen zu,’ sagte der andere, ‘wir wollen dem Karren folgen, und sehen wo er anhaͤlt.’ Der Wagen aber fuhr vollends in den Wald hinein, und richtig zu dem Platze wo das Holz gehauen wurde. Als Daumesdick seinen Vater erblickte, rief er ihm zu ‘siehst du, Vater, da bin ich mit dem Wagen, nun hol mich herunter.’ Der Vater faßte das Pferd mit der linken, und holte mit der rechten sein Soͤhnlein aus dem Ohr, das sich ganz lustig auf einen Strohhalm niedersetzte. Als die beiden fremden Maͤnner den Daumesdick erblickten, wußten sie nicht was sie vor Verwunderung sagen sollten. 230Da nahm der eine den andern beiseit, und sprach ‘hoͤr, der kleine Kerl koͤnnte unser Gluͤck machen, wenn wir ihn in einer großen Stadt vor Geld sehen ließen, wir wollen ihn kaufen.’ Sie giengen zu dem Bauer, und sprachen ‘verkauft uns den kleinen Mann, er solls gut bei uns haben.’ ‘Nein,’ antwortete der Vater, ‘es ist mein Herzblatt, und ist mir fuͤr alles Gold in der Welt nicht feil.’ Daumesdick aber, als[er] von dem Handel gehoͤrt, war an den Rockfalten seines Vaters hinaufgekrochen, stellte sich ihm auf die Schulter, und sagte ihm ins Ohr ‘Vater, gieb mich nur hin, ich will schon wieder zu dir kommen.’ Da gab ihn der Vater fuͤr ein schoͤnes Stuͤck Geld den beiden Maͤnnern hin. ‘Wo willst du sitzen?’ sprachen sie zu ihm. ‘Ach, setzt mich nur auf den Rand von eurem Hut, da kann ich auf und ab spazieren, und die Gegend betrachten, und falle doch nicht herunter.’ Sie thaten ihm den Willen, und als Daumesdick Abschied von seinem Vater genommen hatte, machten sie sich mit ihm fort. So giengen sie bis es Abend und daͤmmerig ward, da sprach der Kleine ‘hebt mich einmal herunter, es ist noͤthig.’ ‘Bleib nur droben, sprach der Mann, auf dessen Kopf er saß, ‘ich will mir nichts draus machen, die Voͤgel lassen mir auch manchmal was drauf fallen.’ ‘Nein,’ sprach Daumesdick, ‘ich weiß auch, was sich schickt: hebt mich nur geschwind herab.’ Der Mann nahm den Hut ab, und setzte den Kleinen auf einen Acker am Weg, da sprang und kroch er ein wenig zwischen den Schollen hin und her, und schluͤpfte dann auf einmal in ein Mausloch, das er sich gesucht hatte. ‘Guten231 Abend, ihr Herrn, geht nur ohne mich heim,’ rief er ihnen zu, und lachte sie aus. Sie liefen herbei, und stachen mit Stoͤcken in das Mausloch, aber das war vergebliche Muͤhe: Daumesdick kroch immer weiter zuruͤck; und da es bald ganz dunkel ward, so mußten sie mit Aerger und mit leerem Beutel wieder heim wandern.
Als Daumesdick merkte daß sie fort waren, kroch er aus dem unterirdischen Gang wieder hervor. ‘Es ist hier auf dem Acker in der Finsternis so gefaͤhrlich gehen,’ sprach er, ‘wie leicht bricht einer Hals und Bein!’ Zum Gluͤck stieß er an ein leeres Schneckenhaus. ‘Gottlob,’ sagte er, ‘da kann ich die Nacht sicher zubringen,’ und setzte sich hinein. Nicht lang, als er eben einschlafen wollte, so hoͤrte er zwei Maͤnner voruͤber gehen, davon sprach der eine ‘wie wirs nur anfangen, um dem reichen Pfarrer sein Geld und sein Silber zu holen?’ ‘Das koͤnnt ich dir sagen,’ rief Daumesdick dazwischen. ‘Was war das?’ sprach der eine Dieb erschrocken, ‘ich hoͤrte jemand sprechen.’ Sie blieben stehen und horchten, da sprach Daumesdick wieder ‘nehmt mich mit, so will ich euch helfen.’ ‘Wo bist du denn?’ ‘Sucht nur hier auf der Erde, und merkt wo die Stimme herkommt’ antwortete er. Da fanden ihn endlich die Diebe, und hoben ihn in die Hoͤhe. ‘Du kleiner Wicht, was willst du uns helfen!’ sprachen sie. ‘Seht,’ antwortete er, ‘ich krieche zwischen den Eisenstaͤben in die Kammer des Pfarrers hinein, und reiche euch heraus was ihr haben wollt.’ ‘Wohlan,’ sagten sie, ‘wir wollen sehen was du kannst.’ Als sie bei dem Pfarrhaus kamen, kroch232 Daumesdick in die Kammer, schrie aber gleich aus Leibeskraͤften ‘wollt ihr alles haben, was hier ist?’ Die Diebe erschracken, und sagten ‘so sprich doch leise, damit niemand aufwacht.’ Aber Daumesdick that als haͤtte er sie nicht verstanden, und schrie von neuem ‘was wollt ihr? wollt ihr alles haben was hier ist?’ Das hoͤrte die Koͤchin, die in der Stube daran schlief, richtete sich im Bette auf und horchte. Die Diebe aber waren vor Schrecken ein Stuͤck Wegs zuruͤck gelaufen, endlich faßten sie wieder Muth, dachten ‘der kleine Kerl will uns necken,’ kamen zuruͤck, und fluͤsterten ihm hinein ‘nun mach Ernst, und reich uns etwas heraus.’ Da schrie Daumesdick noch einmal so laut er konnte ‘ich will euch ja alles geben, reicht nur die Haͤnde herein.’ Das hoͤrte nun die horchende Magd ganz deutlich, sprang aus dem Bett, und stolperte zur Thuͤre herein. Die Diebe liefen fort und rannten als waͤre der wilde Jaͤger hinter ihnen, die Magd aber, als sie nichts bemerken konnte, gieng ein Licht anzuzuͤnden. Wie sie damit herbei kam, machte sich Daumesdick, ohne daß er gesehen wurde, hinaus in die Scheune: die Magd aber, nachdem sie alle Winkel durchgesucht und nichts gefunden hattte, legte sich endlich wieder zu Bett, und glaubte sie haͤtte mit offnen Augen und Ohren doch nur getraͤumt.
Daumesdick war in den Heuhaͤlmchen herumgeklettert, und hatte einen schoͤnen Platz zum Schlafen gefunden: da wollte er sich ausruhen bis es Tag waͤre, und dann zu seinen Eltern wieder heim gehen. Aber er mußte andere Dinge erfahren! ja, es giebt viel Truͤbsal und Noth auf der Welt! Die Magd stieg,233 wie gewoͤhnlich, als der Tag graute, schon aus dem Bett, und wollte das Vieh fuͤttern. Jhr erster Gang war in die Scheune, wo sie einen Arm voll Heu packte, und gerade dasjenige, worin der arme Daumesdick lag und schlief. Er schlief aber so fest, daß er nichts gewahr wurde, und nicht eher aufwachte als bis er in dem Maul der Kuh war, die ihn mit dem Heu aufgerafft hatte. ‘Ach, Gott,’ rief er, ‘wie bin ich in die Walkmuͤhle gerathen!’ merkte aber bald, wo er war. Da hieß es aufpassen, daß er nicht zwischen die Zaͤhne kam und zerdruͤckt wurde, und darnach mußte er doch mit in den Magen hinabrutschen. ‘Jn dem Stuͤbchen sind die Fenster vergessen,’ sprach er, ‘und scheint keine Sonne herein: ein Licht wird auch nicht wohl zu haben seyn!’ Ueberhaupt gefiel ihm das Quartier schlecht, und was das schlimmste war, es kam immer mehr neues Heu zur Thuͤr hinein, und der Platz ward immer enger. Da rief er endlich in der Angst, so laut er konnte, ‘bringt mir kein frisch Futter mehr, bringt mir kein frisch Futter mehr.’ Die Magd melkte gerade die Kuh, und als sie sprechen hoͤrte ohne jemand zu sehen, und es dieselbe Stimme war, die sie auch in der Nacht gehoͤrt hatte, erschrack sie so, daß sie von ihrem Stuͤhlchen herabglitschte, und die Milch verschuͤttete. Sie lief in der groͤßten Hast zu ihrem Herrn, und rief ‘ach Gott, Herr Pfarrer, die Kuh hat geredet.’ ‘Du bist verruͤckt’ antwortete der Pfarrer, gieng aber doch selbst in den Stall nachzusehen was vor waͤre. Aber kaum hatte er den Fuß hineingesetzt, so rief Daumesdick eben aufs neue ‘bringt mir kein frisch Futter mehr, bringt mir kein frisch Futter234 mehr.’ Da erschrack der Pfarrer selbst, meinte es waͤr ein boͤser Geist, und hieß die Kuh toͤdten. Nun ward sie geschlachtet, der Magen aber, worin Daumesdick steckte, hinaus auf den Mist geworfen. Daumesdick suchte sich heraus zu arbeiten, das war nicht leicht, doch endlich brachte er es so weit, daß er Platz bekam, aber, als er eben sein Haupt herausstrecken wollte, kam ein neues Ungluͤck. Ein hungriger Wolf sprang vorbei, und verschlang den ganzen Magen mit einem Schluck. Daumesdick verlor den Muth nicht, ‘vielleicht,’ dachte er, ‘laͤßt der Wolf mit sich reden,’ und rief ihm aus dem Wanste zu ‘lieber Wolf, ich weiß dir einen herrlichen Fraß.’ ‘Wo ist der zu holen?’ sprach der Wolf. ‘Jn dem und dem Haus, da mußt du durch die Gosse hinein kriechen, und wirst Kuchen, Speck und Wurst finden, so viel du essen willst,’ und beschrieb ihm genau seines Vaters Haus. Der Wolf ließ sich das nicht zweimal sagen, draͤngte sich in der Nacht zur Gosse hinein, und fraß in der Vorrathskammer nach Herzenslust. Als er satt war, wollte er wieder fort, aber er war so dick geworden, daß er denselben Weg nicht wieder hinaus konnte. Darauf hatte Daumesdick gerechnet, und fieng nun an, in dem Leib des Wolfs einen gewaltigen Laͤrmen zu machen, tobte und schrie, was er konnte. ‘Willst du stille seyn,’ sprach der Wolf, ‘du weckst die Leute auf.’ ‘Ei was,’ antwortete der Kleine, ‘du hast dich satt gefressen, ich will mich auch lustig machen,’ und fieng von neuem an aus allen Kraͤften zu schreien. Davon erwachte nun sein Vater und seine Mutter, liefen an die Kammer, und235 schauten durch die Spalte hinein. Wie sie sahen daß ein Wolf darin hauste, erschracken sie, und der Mann holte die Axt, und die Frau die Sense.’ ‘Bleib dahinten,’ sprach der Mann, als sie in die Kammer traten, ‘wann ich ihm einen Schlag gegeben habe, und er davon noch nicht todt ist, so haust du auf ihn, und zerschneidest ihm den Leib.’ Da hoͤrte Daumesdick die Stimme seines Vaters, und rief ‘lieber Vater, ich bin hier, ich stecke im Leibe des Wolfs.’ Sprach der Vater voll Freuden ‘gottlob, unser liebes Kind hat sich wieder gefunden,’ und hieß die Frau die Sense wegthun, damit es nicht beschaͤdigt wuͤrde. Darnach holte er aus, und schlug dem Wolf einen Schlag auf den Kopf daß er todt niederstuͤrzte, dann suchten sie Messer und Scheere, schnitten ihm den Leib auf, und zogen den Kleinen wieder hervor. ‘Ach,’ sprach der Vater, ‘was haben wir fuͤr Sorge um dich ausgestanden!’ ‘Ja, Vater, in bin viel in der Welt herumgekommen; gottlob, daß ich wieder frische Luft schoͤpfe!’ ‘Wo bist du denn all gewesen?’ ‘Ach, Vater, ich war in einem Mauseloch, in einer Kuh Bauch und eines Wolfes Wanst: nun bleib ich bei euch.’ ‘Und wir verkaufen dich um alle Reichthuͤmer der Welt nicht wieder.’ Da herzten und kuͤßten sie ihren lieben Daumesdick, gaben ihm zu essen und trinken, und ließen ihm neue Kleider machen, denn die seinigen waren ihm auf der Reise verdorben.
Es war einmal ein alter Fuchs mit neun Schwaͤnzen, der glaubte seine Frau waͤre ihm nicht treu, und da wollte er sie in Versuchung fuͤhren. Er streckte sich unter die Bank, regte kein Glied, und stellte sich als wenn er mausetod waͤre. Die Frau Fuͤchsin gieng auf ihre Kammer, schloß sich ein, und ihre Magd, die Jungfer Katze, saß auf dem Herd und kochte. Als es nun bekannt wurde, daß der alte Fuchs gestorben war, so meldeten sich die Freier. Da hoͤrte die Magd das jemand vor der Hausthuͤre stand und anklopfte; sie gieng und machte auf, und da wars ein junger Fuchs, der sprach
Sie antwortete
‘Jch bedanke mich, Jungfer,’ sagte der Fuchs, ‘was macht die Frau Fuͤchsin?’ Die Magd antwortete
‘Sag sie ihr doch, Jungfer, es waͤre ein junger Fuchs da, der wollte sie gerne freien.’ ‘Schon gut, junger Herr.’
Hat er denn auch neun so schoͤne Zeiselschwaͤnze wie der selige Herr Fuchs?’ ‘Ach nein,’ antwortete die Katze, ‘er hat nur Einen.’ ‘So will ich ihn nicht haben.’
Die Jungfer Katze gieng hinab, und schickte den Freier fort. Bald darauf klopfte es wieder an, und war ein anderer Fuchs vor der Thuͤre, her wollte die Frau Fuͤchsin freien; er hatte zwei Schwaͤnze, aber es gieng ihn nicht besser als dem ersten. Darnach kamen noch andere, immer mit einem Schwanz mehr, die alle abgewiesen wurden, bis zuletzt einer kam der neun Schwaͤnze hatte wie der alte Herr Fuchs. Als die Wittwe das hoͤrte, sprach sie voll Freude zu der Katze
238Als aber eben die Hochzeit sollte gefeiert werden, da regte sich der alte Herr Fuchs unter der Bank, pruͤgelte das ganze Gesindel durch, und jagte es mit der Frau Fuͤchsin zum Haus hinaus.
Als der alte Herr Fuchs gestorben war, kam der Wolf als Freier, klopfte an die Thuͤre, und die Katze, die als Magd bei der Frau Fuͤchsin diente, machte auf. Der Wolf gruͤßte sie, und sprach
Die Katze antwortete
‘Dank schoͤn, Frau Katze,’ antwortete der Wolf, ‘die Frau Fuͤchsin nicht zu Haus?’
Die Katze sprach
Der Wolf antwortete
239Die Frau Fuͤchsin fragte ‘hat der Herr rothe Hoͤslein an, und hat er ein spitz Maͤulchen?’ ‘Nein’ antwortete die Katze. ‘So kann er mir nicht dienen.’
Als der Wolf abgewiesen war, kam ein Hund, ein Hirsch, ein Hase, ein Baͤr, ein Loͤwe, und nacheinander alle Waldthiere. Aber es fehlte immer eine Eigenschaft, die der alte Herr Fuchs gehabt hatte, und die Katze mußte den Freier jedesmal wegschicken. Endlich kam ein junger Fuchs. Da sprach die Frau Fuͤchsin ‘hat der Herr rothe Hoͤslein an, und hat er ein spitz Maͤulchen?’ ‘Ja,’ sagte die Katze, ‘das hat er.’ ‘So soll er herauf kommen’ sprach die Frau Fuͤchsin, und hieß die Magd das Hochzeitfest bereiten.
Da ward Hochzeit gehalten mit dem jungen Herrn Fuchs, und ward gejubelt und getanzt, und wenn sie nicht aufgehoͤrt haben, so tanzen sie noch.
Es war ein Schuster ohne seine Schuld so arm geworden daß ihm endlich nichts mehr uͤbrig blieb als Leder zu einem einzigen Paar Schuhe. Nun schnitt er am Abend die Schuhe zu, und wollte sie den naͤchsten Morgen in Arbeit nehmen, und weil er ein gutes Gewissen hatte, so legte er sich ruhig zu Bett, befahl sich dem lieben Gott, und schlief ein. Morgens, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte, und sich zur Arbeit niedersetzen wollte, so standen die beiden Schuhe ganz fertig auf seinem Tisch. Er verwunderte sich, wußte nicht was er dazu sagen sollte, und nahm die Schuhe in die Hand um sie naͤher zu betrachten: sie waren so sauber gearbeitet, daß kein Stich daran falsch war, gerade als wenn es ein Meisterstuͤck seyn sollte. Bald darauf trat auch schon ein Kaͤufer ein, und weil ihm die Schuhe so gut gefielen, so bezahlte er mehr als gewoͤhnlich dafuͤr, und der Schuster konnte von dem Geld Leder zu zwei Paar Schuhen erhandeln. Er schnitt sie Abends zu, und wollte den naͤchsten Morgen mit frischem Muth an die Arbeit gehen, aber er brauchte es nicht, denn als er aufstand waren sie schon fertig, und es242 blieben auch nicht die Kaͤufer aus, die ihm so viel Geld gaben, daß er Leder zu vier Paar Schuhen einkaufen konnte. Er fand fruͤh Morgens auch die vier Paar fertig; und so giengs immer fort, was er Abends zuschnitt das war am Morgen verarbeitet, also daß er bald wieder sein ehrliches Auskommen hatte, und endlich ein wohlhabender Mann ward. Nun geschah es eines Abends, nicht lange vor Weihnachten, als der Mann wieder zugeschnitten hatte, daß er vor Schlafengehen zu seiner Frau sprach ‘wie waͤrs wenn wir diese Nacht aufblieben um zu sehen wer uns solche hilfreiche Hand leistet?’ Die Frau wars zufrieden und steckte ein Licht an, darauf verbargen sie sich in den Stubenecken hinter den Kleidern, die da aufgehaͤngt waren, und gaben acht. Als es Mitternacht war, da kamen zwei kleine niedliche nackte Maͤnnlein, setzten sich vor des Schusters Tisch, nahmen alle zugeschnittene Arbeit zu sich, und fiengen an mit ihrem Fingerlein so behend und schnell zu stechen, zu naͤhen, zu klopfen, daß der Schuster vor Verwunderung die Augen nicht abwenden konnte. Sie ließen nicht nach bis alles zu Ende gebracht war und fertig auf dem Tische stand, dann sprangen sie schnell fort.
Am andern Morgen sprach die Frau ‘die kleinen Maͤnner haben uns reich gemacht, wir muͤßten uns doch dankbar dafuͤr bezeigen. Sie laufen so herum, haben nichts am Leib, und muͤssen frieren. Weißt du was? ich will Hemdlein, Rock, Wams und Hoͤslein fuͤr sie naͤhen, auch jedem ein Paar Struͤmpfe stricken; mach du jedem ein Paar Schuͤhlein dazu.’ Der Mann war das243 wohl zufrieden. Abends, wie sie alles fertig hatten, legten sie die Geschenke statt der zugeschnittenen Arbeit zusammen auf den Tisch, und versteckten sich dann, um mit anzusehen wie sich die Maͤnnlein dazu anstellen wuͤrden. Um Mitternacht kamen sie herangesprungen, und wollten sich gleich an die Arbeit machen, als sie aber kein zugeschnittenes Leder, sondern die niedlichen Kleidungsstuͤcke fanden, verwunderten sie sich erst, dann aber bezeigten sie eine gewaltige Freude. Mit der groͤßten Geschwindigkeit zogen sie sich an, strichen die schoͤnen Kleider am Leib, und sangen
Dann huͤpften und tanzten sie, und sprangen uͤber Stuͤhle und Baͤnke. Endlich tanzten sie zur Thuͤre hinaus. Von nun an kamen sie nicht wieder, dem Schuster aber gieng es wohl so lang er lebte, und es gluͤckte ihm alles was er unternahm.
Es war einmal ein armes Dienstmaͤdchen, das war fleißig und reinlich, kehrte alle Tage das Haus, und schuͤttete das Kehricht auf einen großen Haufen vor die Thuͤre. Eines Morgens, als es eben wieder an die Arbeit gehen wollte, fand es einen Brief darauf, und weil es nicht lesen konnte, so stellte es den Besen in die Ecke, und brachte den Brief seiner Herrschaft, und da war es eine Einladung von den Wichtelmaͤnnern, die baten das Maͤdchen ihnen ein Kind aus der Taufe zu heben. Das Maͤdchen wußte nicht was es thun sollte, endlich auf vieles Zureden,244 und weil sie ihm sagten so etwas duͤrfe man nicht abschlagen, so willigte es ein. Da kamen drei Wichtelmaͤnner, und fuͤhrten es in einen hohlen Berg, wo die Kleinen lebten. Es war da alles klein, aber so zierlich und praͤchtig daß es nicht zu sagen ist. Die Kindbetterin lag in einem Bett von schwarzem Ebenholz mit Knoͤpfen von Perlen, die Decken waren mit Gold gestickt, die Wiege war von Elfenbein, die Wanne von Gold. Das Maͤdchen stand nun Gevatter, und wollte dann wieder nach Haus gehen, die Wichtelmaͤnnlein baten es aber instaͤndig drei Tage bei ihnen zu bleiben. Es blieb also, und verlebte die Zeit in Lust und Freude, und die Kleinen thaten ihm alles zu Liebe. Als es sich nun auf den Ruͤckweg machen wollte, steckten sie ihm die Taschen erst ganz voll Gold, und fuͤhrten es dann wieder zum Berge heraus. Als es nach Haus kam, wollte es seine Arbeit beginnen, nahm den Besen in die Hand, der noch in der Ecke stand, und fieng an zu kehren. Da kamen fremde Leute aus dem Haus, die fragten wer es waͤre, und was es da zu thun haͤtte. Da war es nicht drei Tage, wie es gemeint hatte, sondern sieben Jahre bei den kleinen Maͤnnern im Berge gewesen, und seine vorige Herrschaft war in der Zeit gestorben.
Einer Mutter war ihr Kind von den Wichtelmaͤnnern aus der Wiege geholt und ein Wechselbalg mit dickem Kopf und starren Augen hineingelegt, der nichts als essen und trinken245 wollte. Jn ihrer Noth gieng sie zu ihrer Nachbarin, und fragte sie um Rath. Die Nachbarin sagte sie sollte den Wechselbalg in die Kuͤche tragen, auf den Herd setzen, Feuer anmachen, und in zwei Eierschalen Wasser kochen; das bringe den Wechselbalg zum Lachen, und wenn er lache, dann sey es aus mit ihm. Die Frau that alles wie die Nachbarin gesagt hatte. Wie sie die Eierschalen mit Wasser uͤber das Feuer setzte, sprach der Klotzkopf
Und fieng an daruͤber zu lachen. Jndem er lachte kam auf einmal eine Menge von Wichtelmaͤnnerchen, die brachten das rechte Kind, setzten es auf den Herd, und nahmen den Wechselbalg wieder mit fort.
Es war einmal ein Muͤller, der hatte eine schoͤne Tochter, und als sie herangewachsen war, so wuͤnschte er sie waͤre versorgt und gut verheirathet, und dachte ‘kommt ein ordentlicher Freier, und haͤlt um sie an, so will ich sie ihm geben.’ Nicht lange so kam ein Freier, der schien sehr reich zu seyn, und da der Muͤller nichts an ihm auszusetzen wußte, so versprach er ihm seine Tochter. Das Maͤdchen aber hatte ihn nicht so recht lieb wie eine Braut ihren Braͤutigam lieb haben soll, hatte kein Vertrauen zu ihm, und so oft es ihn ansah, oder an ihn dachte, fuͤhlte es ein Grauen in seinem Herzen. Einmal sprach er zu ihr ‘du bist meine Braut, und besuchst mich nicht einmal.’ Das Maͤdchen antwortete ‘ich weiß nicht wo euer Haus ist.’ Da sprach der Braͤutigam ‘mein Haus ist draußen im dunkeln Wald.’ Es suchte Ausreden, und meinte es koͤnnte den Weg dahin nicht finden. Der Braͤutigam sagte ‘kuͤnftigen Sonntag mußt du hinaus zu mir kommen, ich habe die Gaͤste schon eingeladen, und damit du den Weg durch den Wald findest, so will ich dir Asche streuen.’ Als der Sonntag kam, und das Maͤdchen sich auf den Weg machen sollte, ward ihm so angst, es wußte selbst247 nicht recht warum, und es steckte sich beide Taschen voll Erbsen und Linsen. Jn dem Wald fand es Asche gestreut, die ihm den Weg zeigen sollte; es gieng darauf weiter, warf aber bei jedem Schritt rechts und links ein paar Erbsen auf die Erde. Nun gieng es fast den ganzen Tag bis es zu einem Hause kam, das mitten im dunkelsten Walde stand. Das Haus gefiel ihm nicht, es sah so finster und unheimlich aus. Es trat hinein, aber es war niemand darin und alles still. Ploͤtzlich rief eine Stimme
Das Maͤdchen sah sich um, und sah daß die Stimme von einem Vogel kam, der da in einem Bauer an der Wand hieng, und er nochmals rief
Da gieng die schoͤne Braut weiter aus einer Stube in die andere, und gieng durch das ganze Haus, aber es war alles leer und[keine] Menschenseele zu finden. Endlich kam sie auch in den Keller da saß eine steinalte Frau, und wackelte mit dem Kopfe. ‘[Koͤnnt] ihr mir nicht sagen,’ sprach das Maͤdchen, ‘ob mein Braͤutigam hier wohnt?’ ‘Ach, du armes Kind,’ antwortete die Alte ‘wo bist du hingerathen! du bist in einer Moͤrdergrube. Du meinst du waͤrst eine Braut, die bald Hochzeit macht, aber deine Hochzeit soll mit dem Tode seyn. Dein Braͤutigam will dir das Leben nehmen. Siehst du, da hab ich einen großen Kessel mit Wasser aufsetzn muͤssen, wenn sie dich in ihrer Gewalt haben, so zerhacken248 sie dich ohne Barmherzigkeit, kochen dich und essen dich, denn es sind Menschenfresser. Wenn ich nicht Mitleiden mit dir habe und dich rette, so bist du verloren.’
Darauf mußte sich das Maͤdchen hinter ein großes Faß verstecken. ‘Sey wie ein Maͤuschen still,’ sagte die Alte, ‘und reg dich nicht, und beweg dich nicht, sonst ists um dich geschehen. Nachts wenn die Raͤuber schlafen, wollen wir entfliehen, ich habe schon lange auf eine Gelegenheit gewartet, die mich aus ihrer Gewalt erloͤste.’ Kaum hatte sich das Maͤdchen versteckt, so kam die gottlose Rotte nach Haus. Sie brachten eine andere Jungfrau mitgeschleppt, waren trunken, und hoͤrten nicht auf ihr Schreien und Jammern. Sie gaben ihr Wein zu trinken, drei Glaͤser voll, ein Glas weißen, ein Glas rothen, und ein Glas gelben, davon zersprang ihr das Herz. Darauf rissen sie ihr die feinen Kleider ab, legten sie auf einen Tisch, und zerhackten ihren schoͤnen Leib in Stuͤcke, und streuten Salz daruͤber. Die arme Braut hinter dem Faß zitterte und bebte, denn sie[sah] wohl daß ihr die Raͤuber ein gleiches Schicksal zugedacht hatten. Einer von ihnen bemerkte an dem kleinen Finger der Gemordeten einen goldenen Ring, und als er sich nicht gleich abziehen ließ, so nahm er ein Beil und hackte den Finger ab, aber der Finger sprang in die Hoͤhe, und fiel der Braut gerade in den Schooß. Der Raͤuber nahm ein Licht, und wollte ihn suchen, konnte ihn aber nicht finden. Da sprach ein anderer ‘[hast] du auch schon hinter dem großen Fasse gesucht?’ ‘Ei,’ rief die Alte,249 ‘kommt und eßt, und laßt das Suchen bis Morgen: der Finger lauft euch nicht fort.’
Da riefen die Raͤuber ‘die Alte hat Recht,’ ließen vom Suchen ab, setzten sich zum Essen, und die Alte troͤpfelte ihnen einen Schlaftrunk in den Wein, daß sie sich bald in den Keller hinlegten, schliefen und schnarchten. Als die Braut das hoͤrte, kam sie hinter dem Faß hervor, und mußte uͤber die Schlafenden wegschreiten, die da reihenweise auf der Erde lagen, und hatte große Angst sie moͤchte einen aufwecken. Aber Gott half ihr daß sie gluͤcklich durchkam, und die Alte stieg mit ihr hinauf, schloß die Thuͤre auf und sie eilten so schnell sie konnten aus der[Moͤrdergrube] fort. Die gestreute Asche hatte der Wind weggeweht, aber die Erbsen und Linsen hatten gekeimt und waren aufgegangen, und zeigten im Mondschein den Weg. Sie giengen die ganze Nacht bis sie Morgens in der Muͤhle ankamen. Da erzaͤhlte das Maͤdchen seinem Vater alles, wie es sich zugetragen hatte.
Als der Tag kam, wo die Hochzeit sollte gehalten werden, erschien der Braͤutigam, der Muͤller aber hatte alle seine Verwandte und Bekannte einladen lassen. Wie sie bei Tische saßen, ward einem jeden aufgegeben etwas zu erzaͤhlen. Die Braut saß still und redete nichts. Da sprach der Braͤutigam zur Braut ‘nun, mein Herz, weißt du nichts? erzaͤhl uns auch etwas.’ Sie antwortete ‘so will ich einen Traum erzaͤhlen. Jch gieng allein durch einen Wald, und kam endlich zu einem Haus, da war250 keine Menschenseele darin, aber an der Wand war ein Vogel in einem Bauer, der rief
Und rief es noch einmal. Mein Schatz, das traͤumte mir nur. Da gieng ich durch alle Stuben, und alle waren leer, und es war so unheimlich darin; ich stieg endlich hinab in den Keller, da saß eine steinalte Frau darin, die wackelte mit dem Kopfe. Jch fragte sie ‘wohnt mein Braͤutigam in diesem Haus?’ Sie antwortete ‘ach, du armes Kind, du bist in eine Moͤrdergrube gerathen, dein Braͤutigam wohnt hier, aber er will dich zerhacken und toͤdten, und will dich dann kochen und essen. Mein Schatz, das traͤumte mir nur. Aber die alte Frau versteckte mich hinter ein großes Faß, und kaum war ich da verborgen, so kamen die Raͤuber heim, und schleppten ein Jungfrau mit sich, der gaben sie dreierlei Wein zu trinken, weißen, rothen und gelben, davon zersprang ihr das Herz. Mein Schatz, das traͤumte mir nur. Darauf zogen sie ihr die feinen Kleider ab, zerhackten ihren schoͤnen Leib auf einen Tisch in Stuͤcke, und bestreuten sie mit Salz. Mein Schatz, das traͤumte mir nur. Und einer von den Raͤubern sah daß an dem Goldfinger noch ein Ring steckte, und weil er schwer abzuziehen war, so nahm er ein Beil, und hieb ihn ab, aber der Finger sprang in die Hoͤhe, und sprang hinter das große Faß, und fiel mir in den Schooß. Und da ist der Finger mit dem Ring.’ Bei diesen Worten zog sie ihn hervor, und zeigte ihn den Anwesenden. 251Der Raͤuber, der bei der Erzaͤhlung ganz kreideweiß geworden war, sprang auf und wollte entfliehen, aber die Gaͤste hielten ihn fest und uͤberlieferten ihn den Gerichten. Da ward er und seine ganze Bande fuͤr ihre Schandthaten gerichtet.
Es war einmal ein Huͤhnchen und ein Haͤhnchen, die wollten zusammen eine Reise machen. Da baute das Haͤhnchen einen schoͤnen Wagen, der vier rothe Raͤder hatte, und spannte vier Maͤuschen davor. Das Huͤhnchen setzte sich mit dem Haͤhnchen auf, und sie fuhren miteinander fort. Nicht lange, so begegnete ihnen eine Katze, die sprach ‘wo wollt ihr hin?’ Haͤhnchen antwortete
‘Nehmt mich mit’ sprach die Katze. Haͤhnchen antwortete ‘recht gerne, setz dich hinten auf, daß du vornen nicht herabfaͤllst.
Darnach kam ein Muͤhlstein, dann ein Ei, dann eine Ente, dann eine Stecknadel, und zuletzt eine Naͤhnadel, die setzten sich auch253 alle auf den Wagen, und fuhren mit. Wie sie aber zu des Herrn Korbes Haus kamen, so war der Herr Korbes nicht da. Die Maͤuschen fuhren den Wagen in die Scheune, das Huͤhnchen flog mit dem Haͤhnchen auf eine Stange, die Katze setzte sich ins Kamin, die Ente in die Bornstande, das Ei wickelte sich ins Handtuch, die Stecknadel steckte sich ins Stuhlkissen, die Naͤhnadel ins Bett ins Kopfkissen, und der Muͤhlstein legte sich uͤber die Thuͤre. Da kam der Herr Korbes nach Haus, gieng ans Kamin und wollte Feuer anmachen, da warf ihm die Katze das Gesicht voll Asche. Er lief geschwind in die Kuͤche und wollte sich abwaschen, da spruͤtzte ihm die Ente Wasser ins Gesicht. Er wollte sich an dem Handtuch abtrocknen, aber das Ei rollte ihm entgegen, zerbrach und klebte ihm die Augen zu. Er wollte sich ruhen und setzte sich auf den Stuhl, da stach ihn die Stecknadel. Er wurde ganz verdrießlich, und warf sich aufs Bett, wie er aber den Kopf aufs Kissen niederlegte, stach ihn die Naͤhnadel so daß er aufschrie und ganz ausser sich fortlaufen wollte. Wie er aber an die Hausthuͤre kam, sprang der Muͤhlstein herunter, und schlug ihn todt.
Ein armer Mann hatte so viel Kinder daß er schon alle Welt zu Gevatter gebeten hatte, und als er noch eins bekam, so war niemand mehr uͤbrig, den er bitten konnte. Er wußte nicht was er anfangen sollte, legte sich in seiner Betruͤbnis nieder, und schlief ein. Da traͤumte ihm er sollte vor das Thor gehen, und den ersten, der ihm begegnete, zu Gevatter bitten. Als er aufgewacht war, beschloß er dem Traume zu folgen, gieng hinaus vor das Thor, und den ersten, der ihm begegnete, bat er zu Gevatter. Der Fremde schenkte ihm ein Glaͤschen mit Wasser, und sagte ‘das ist ein wunderbares Wasser, damit kannst du die Kranken gesund machen, du mußt nur sehen wo der Tod steht. Steht er beim Kopf, so gib dem Kranken von dem Wasser, und er wird wieder gesund werden, steht er aber bei den Fuͤßen, so ist alle Muͤhe vergebens, er muß sterben.’ Der Mann konnte von nun an immer sagen ob ein Kranker zu retten war oder nicht, ward beruͤhmt durch seine Kunst, und verdiente viel Geld. Einmal ward er zu dem Kinde des Koͤnigs gerufen, und als er eintrat, sah er den Tod bei dem Kopfe stehen, und heilte es mit dem Wasser, und so war es auch bei dem zweitenmal,255 aber das drittemal stand der Tod bei den Fuͤßen, da mußte das Kind sterben.
Der Mann wollte doch einmal seinen Gevatter besuchen, und ihm erzaͤhlen wie es mit dem Wasser gegangen war. Als er aber ins Haus kam, war eine so wunderliche Wirthschaft darin. Auf der ersten Treppe zankten sich Schippe und Besen, und schmissen gewaltig auf einander los. Er fragte sie ‘wo wohnt der Herr Gevatter?’ Der Besen antwortete ‘eine Treppe hoͤher.’ Als er auf die zweite Treppe kam, sah er eine Menge todter Finger liegen. Er fragte ‘wo wohnt der Herr Gevatter?’ Einer antwortete ‘eine Treppe hoͤher.’ Auf der dritten Treppe lag ein Haufen todter Koͤpfe, die wiesen ihn wieder eine Treppe hoͤher. Auf der vierten Treppe sah er Fische uͤber dem Feuer stehen, die britzelten in der Pfanne, und backten sich selber. Sie sprachen auch ‘eine Treppe hoͤher.’ Und als er die fuͤnfte hinauf gestiegen war, so kam er vor eine Stube, und guckte durch das Schluͤsselloch, und sah den Gevatter, der ein paar lange lange Hoͤrner hatte. Als er die Thuͤre aufmachte, und hinein gieng, legte sich der Gevatter geschwind aufs Bett, und deckte sich zu. Da sprach der Mann ‘Herr Gevatter, was ist fuͤr eine wunderliche Wirthschaft in eurem Hause? als ich auf eure erste Treppe kam, so zankten sich Schippe und Besen mit einander und schlugen gewaltig auf einander los.’ ‘Wie seyd ihr so einfaͤltig,’ sagte der Gevatter, ‘das war der Knecht und die Magd, die sprachen mit einander.’ ‘Aber auf der zweiten Treppe sah ich todte Finger liegen.’ ‘Ei, wie seyd ihr dumm! das waren256 Skorzenerwurzel.’ ‘Auf der dritten Treppe lag ein Haufen Todtenkoͤpfe.’ ‘Dummer Mann, das waren Krautkoͤpfe.’ ‘Auf der vierten Treppe sah ich Fische in der Pfanne, die britzelten und backten sich selber.’ Wie er das gesagt hatte, kamen die Fische und trugen sich selber auf. ‘Und als ich die fuͤnfte Treppe heraufgekommen war, guckte ich durch das Schluͤsselloch einer Thuͤr, und da sah ich Euch, Gevatter, und ihr hattet lange lange Hoͤrner.’ ‘Ei, das ist nicht wahr.’ Dem Mann ward angst, und er lief fort, und wer weiß was ihm der Herr Gevatter sonst angethan haͤtte.
Es war einmal ein kleines Maͤdchen, das war eigensinnig und vorwitzig, und wenn ihm seine Eltern etwas sagten, so gehorchte es nicht; wie konnte es dem gut gehen? Eines Tages sagte es zu seinen Eltern ‘ich habe so viel von der Frau Trude gehoͤrt, ich will einmal zu ihr hingehen, die Leute sagen es sehe so wunderlich bei ihr aus, und erzaͤhlen es seyen so seltsame Dinge in ihrem Hause, da bin ich ganz neugierig geworden.’ Die Eltern verboten es ihr streng, und sagten ‘die Frau Trude ist eine boͤse Frau, die gottlose Dinge treibt, und wenn du zu ihr hingehst so bist du unser Kind nicht mehr.’ Aber das Maͤdchen kehrte sich nicht an das Verbot seiner Eltern, und gieng doch zu der Frau Trude. Und als es zu ihr kam fragte die Frau Trude ‘warum bist du so bleich?’ ‘Ach,’ antwortete es, und zitterte am Leibe, ‘ich habe mich so erschrocken uͤber das was ich gesehen habe.’ ‘Was hast du gesehen?’ ‘Jch sah auf eurer Stiege einen schwarzen Mann.’ ‘Das war mein Koͤhler.’ ‘Dann sah ich einen gruͤnen Mann.’ ‘Das war mein Jaͤger.’ ‘Darnach sah ich einen blutrothen Mann.’ ‘Das war mein Metzger.’ ‘Ach, Frau Trude, mir grauste, ich sah durchs Fenster und sah statt258 Euch den Teufel mit feurigem Schopf.’ ‘Oho,’ sagte sie, ‘so hast du die Hexe in ihrem rechten Schmuck gesehen, ich habe schon lange auf dich gewartet, und nach dir verlangt, du sollst mir leuchten.’ Da verwandelte sie das Maͤdchen in einen Holzblock, warf ihn ins Feuer, setzte sich daneben, waͤrmte sich daran, und sprach ‘das leuchtet einmal hell!’
Es hatte ein armer Mann zwoͤlf Kinder, und mußte Tag und Nacht arbeiten damit er ihnen nur Brot geben konnte. Als nun das dreizehnte zur Welt kam, wußte er sich in seiner Noth nicht zu helfen, lief hinaus auf die große Landstraße, und wollte den ersten, der ihm begegnete, zu Gevatter bitten. Der erste der ihm begegnete, das war der liebe Gott, der wußte schon was er auf dem Herzen hatte, und sprach zu ihm ‘armer Mann, du dauerst mich, ich will dein Kind aus der Taufe heben, will fuͤr es sorgen und es gluͤcklich machen auf Erden.’ Der Mann sprach ‘wer bist du?’ ‘Jch bin der liebe Gott.’ ‘So begehr ich dich nicht zu Gevatter,’ sagte der Mann, ‘du gibst den Reichen und laͤssest den Armen hungern.’ Das sprach der Mann, weil er nicht wußte wie weislich Gott Reichthum und Armuth vertheilt. Also wendete er sich von dem Herrn, und gieng weiter. Da trat der Teufel zu ihm, und sprach ‘was suchst du? willst du mich zum Pathen deines Kindes nehmen, so will ich ihm Gold die Huͤlle und Fuͤlle, und alle Lust der Welt geben.’ Der Mann fragte ‘wer bist du?’ ‘Jch bin der Teufel.’ ‘So begehr ich260 dich nicht zum Gevatter,’ sprach der Mann, ‘du betruͤgst und verfuͤhrst die Menschen.’ Er gieng weiter, da kam der Tod auf ihn zugeschritten, und sprach ‘nimm mich zu Gevatter.’ Der Mann fragte ‘wer bist du?’ ‘Jch bin der Tod, der alle gleich macht.’ Da sprach der Mann ‘du bist der rechte, du holst den Reichen wie den Armen ohne Unterschied, du sollst mein Gevattersmann seyn.’ Der Tod antwortete ‘ich will dein Kind reich und beruͤhmt machen, denn wer mich zum Freunde hat, dem kanns nicht fehlen.’ Der Mann sprach ‘kuͤnftigen Sonntag ist die Taufe da stelle dich zu rechter Zeit ein.’ Der Tod erschien, wie er versprochen hatte, und hielt das Kind uͤber die Taufe.
Als der Knabe zu Jahren gekommen war, trat zu einer Zeit der Pathe ein, und hieß ihn mitgehen. Er fuͤhrte ihn hinaus in den Wald, zeigte ihm ein Kraut, das da wuchs, und sprach ‘jetzt sollst du dein Pathengeschenk empfangen. Jch mache dich zu einem beruͤhmten Arzt. Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, so will ich dir jedesmal erscheinen: steh ich zu Haͤupten des Kranken, so kannst du keck sprechen, du wolltest ihn wieder gesund machen, und gibst du ihm dann von jenem Kraut ein, so wird er genesen; stehe ich aber zu Fuͤßen des Kranken, so ist er mein, und du mußt sagen alle Hilfe sey umsonst, und kein Arzt in der Welt koͤnne ihn retten. Aber huͤte dich daß du das Kraut nicht gegen meinen Willen gebrauchst, es koͤnnte dir schlimm ergehen.’
Es dauerte nicht lang, so ward der Juͤngling der beruͤhmteste261 Arzt auf der ganzen Welt. ‘Wenn er den Kranken nur ansieht, so weiß er schon wie es steht, ob er wieder gesund wird, oder ob er sterben wird,’ so hieß es von ihm, und weit und breit kamen die Leute herbei, holten ihn zu den Kranken, und gaben ihm so viel Gold daß er bald ein reicher Mann war. Nun trug es sich zu, daß der Koͤnig schwer erkrankte; der Arzt ward berufen, und sollte sagen ob Genesung moͤglich waͤre. Wie er aber zu dem Bette trat, so sah er den Tod zu den Fuͤßen des Kranken, und da war fuͤr ihn kein Kraut mehr gewachsen. Da kam es dem Arzt in den Sinn ob er vielleicht den Tod uͤberlisten koͤnnte, und troͤstete sich damit, weil er sein Pathe waͤre, wuͤrde er es nicht uͤbel nehmen wenn er ihn einmal hinters Licht fuͤhrte. Er faßte also den Kranken, und legte ihn verkehrt, so daß der Tod zu Haͤupten desselben zu stehen kam. Dann gab er ihm von dem Kraute ein, und der Koͤnig erholte sich, und ward wieder gesund. Der Tod aber kam zu dem Arzte, machte ein boͤses und finsteres Gesicht, drohte mit dem Finger, und sagte ‘diesmal will ich dirs nachsehen, weil du mein Pathe bist, aber wagst du noch einmal mich zu betruͤgen, so nehme ich dich selbst mit fort.’
Bald hernach verfiel des Koͤnigs einzige Tochter in eine schwere Krankheit. Der alte Koͤnig weinte Tag und Nacht, daß ihm die Augen erblindeten, und ließ bekannt machen wer sie vom Tode errette, der solle ihr Gemahl werden, und die Krone erben. Da kam der Arzt zu dem Bette der Kranken262 und erblickte den Tod zu ihren Fuͤßen. Er haͤtte sich der Warnung seines Pathen erinnern sollen, aber die große Schoͤnheit der Koͤnigstochter nahm ihn so ein, daß er alle Gedanken in den Wind schlug. Wie zornig und boͤse ihn der Tod auch ansah, und ihm mit geballter Faust drohte, so aͤnderte er doch die Lage der Kranken, und gab ihr sein Kraut, so daß sich das Leben in ihr neu zu regen anfieng.
Der Tod, der sich zum zweitenmal um sein Eigenthum betrogen sah, trat zu dem Arzt, und sprach ‘nun folge mir,’ packte ihn hart mit seiner eiskalten Hand, und fuͤhrte ihn in eine unterirdische Hoͤhle. Da brannten tausend und tausend Lichter in unuͤbersehbaren Reihen, einige groß, andere halbgroß, andere klein. Jeden Augenblick verloschen einige und neue brannten wieder auf, also daß die Flaͤmmchen in bestaͤndigem Wechsel hin und her zu huͤpfen schienen. ‘Siehst du,’ sprach der Tod, ‘das sind die Lebenslichter der Menschen. Die großen gehoͤren Kindern, die halbgroßen Eheleuten in ihren besten Jahren, die kleinen gehoͤren Greisen. Doch haben auch Kinder und junge Leute oft nur ein kleines Lichtchen.’ Der Arzt bat er moͤchte ihm auch sein Lebenslicht zeigen. Der Tod deutete auf ein kleines Endchen, das eben auszugehen drohte, und sagte ‘siehst du, da ist es.’ ‘Ach, lieber Pathe,’ sagte der erschrockene Arzt, ‘zuͤndet mir ein neues an, thut mirs zu liebe, damit ich meines Lebens genießen kann, Koͤnig werde und Gemahl der schoͤnen Koͤnigstochter.’ ‘Jch kann nicht,’ antwortete der Tod, ‘erst muß eins verloͤschen, eh ein263 neues anbrennt.’ ‘So setzt das alte auf ein neues, das gleich fortbrennt wenn jenes zu Ende ist,’ sprach der Arzt. Der Tod stellte sich an als ob er seinen Wunsch erfuͤllen wollte, langte ein frisches großes Licht herbei; aber beim Umstecken versah ers, um sich zu raͤchen, absichtlich, und das Stuͤckchen fiel und verlosch. Da sank der Arzt um, und war nun selbst in die Hand des Todes gefallen.
Ein Schneider hatte einen Sohn, der war klein gerathen und nicht groͤßer als ein Daumen, darum hieß er der Daumerling. Er hatte aber Courage im Leibe, und sagte zu seinem Vater ‘Vater, ich soll und muß in die Welt hinaus.’ ‘Recht, mein Sohn,’ sprach der Alte, nahm eine Stopfnadel, und machte am Licht einen Knoten von Siegellack daran, ‘da hast du auch einen Degen mit auf den Weg.’ Nun wollt das Schneiderlein noch einmal mitessen, gieng in die Kuͤche um zu sehen was die Frau Mutter zu guter Letzt gekocht haͤtte. Es war aber eben angerichtet, und die Schuͤssel stand auf dem Herd. Da sprach es ‘nun, was giebts heute zu essen?’ ‘Sieh selbst zu’ sagte die Mutter. Da sprang Daumerling auf den Herd, und guckte in die Schuͤssel: weil er aber den Hals zu weit hineinstreckte, faßte ihn der Dampf von der Speise, trieb ihn zum Schornstein hinaus, und fuͤhrte ihn eine Weile in der Luft herum bis er endlich wieder auf die Erde herabsank. So kam das Schneiderlein in die Welt hinein, zog umher, und gieng bei einem Meister in die Arbeit; da war ihm aber das Essen nicht gut genug. ‘Frau Meisterin, wenn sie uns kein besser265 Essen giebt,’ sagte der Daumerling, ‘so gehe ich fort, und schreibe morgen fruͤh mit Kreide an ihre Hausthuͤre Kartoffel zu viel, Fleisch zu wenig, Adies, Herr Kartoffelkoͤnig.’ ‘Was willst du wohl, Grashuͤpfer?’ sagte die Meisterin, ward boͤs, ergriff einen Lappen, und wollte los schlagen: mein Schneiderlein aber kroch behende unter den Fingerhut, guckte unten hervor, und streckte der Frau Meisterin die Zunge heraus. Sie hob schnell den Fingerhut auf, und wollte ihn packen, aber der Daumerling huͤpfte in die Lappen, und wie die Meisterin die Lappen auseinander warf und ihn suchte, machte er sich in den Tischritz. ‘He, he, Frau Meisterin,’ rief er, und steckte den Kopf in die Hoͤhe, und wenn sie zuschlagen wollte, sprang er in die Schublade hinunter. Endlich aber erwischte sie ihn doch, und jagte ihn zum Haus hinaus.
Das Schneiderlein wanderte und kam in einen großen Wald, da begegnete ihm ein Haufen Raͤuber, die hatten vor des Koͤnigs Schatz zu bestehlen. Als sie das Schneiderlein sahen, dachten sie ‘so ein Jnstrument kann uns viel nuͤtzen.’ ‘Heda,’ rief einer, ‘du Riese Goliath, willst du mit zur Schatzkammer gehen? du kannst dich hineinschleichen und das Geld herauswerfen.’ Der Daumerling besann sich, endlich sagte er ja, und gieng mit zu der Schatzkammer. Da besah er die Thuͤre oben und unten, ob kein Ritz darin waͤre. Gluͤcklicherweise fand er einen, und wollte gleich einsteigen, aber die eine Schildwache sprach zur andern ‘was kriegt da fuͤr eine garstige Spinne? die will ich todt treten.’ ‘Ei, laß das arme Thier gehen,’ sagte die266 andere, ‘es hat dir ja nichts gethan.’ Nun kam der Daumerling durch den Ritz gluͤcklich in die Schatzkammer, machte das Fenster, unter welchem die Raͤuber standen, auf, und warf ihnen einen Thaler nach dem andern hinaus. Als das Schneiderlein in der besten Arbeit war, hoͤrte es den Koͤnig kommen, der seine Schatzkammer besehen wollte, und mußte sich einstweilen verkriechen. Der Koͤnig merkte daß viele harte Thaler fehlten, konnte aber nicht begreifen wer sie sollte gestohlen haben, da die Schloͤsser in gutem Stand waren, und alles wohl verwahrt schien. Da gieng er wieder fort, und sprach zu den zwei Wachen ‘habt acht, es ist einer hinter dem Geld.’ Als der Daumerling nun seine Arbeit von neuem anfieng, hoͤrten sie das Geld drinnen sich regen und klingen klipp, klapp, klipp, klapp, sprangen geschwind hinein, und wollten den Dieb greifen. Aber das Schneiderlein, das sie kommen hoͤrte, war noch geschwinder, sprang in eine Ecke, und deckte einen Thaler uͤber sich, so daß nichts von ihm zu sehen war, neckte die Wachen, und rief ‘hier bin ich.’ Die Wachen liefen dahin, wie sie aber ankamen, war es schon in eine andere Ecke unter einen Thaler gehuͤpft, und rief ‘he, hier bin ich.’ Die Wachen sprangen eilends herbei, Daumerling war aber laͤngst in einer dritten Ecke, und rief ‘he, hier bin ich.’ Und so hatte es sie zu Narren, und trieb sie so lange in der Schatzkammer herum, bis sie muͤde waren, und davon giengen. Nun warf es die Thaler nach und nach alle hinaus, und den letzten schnellte es mit aller Macht, huͤpfte dann selber noch behendiglich darauf, und flog267 damit durchs Fenster hinab. Die Raͤuber machten ihm große Lobspruͤche ‘du bist ein gewaltiger Held,’ sagten sie, ‘willst du unser Hauptmann werden?’ Daumerling bedankte sich aber, und sagte er wollte erst die Welt sehen. Sie theilten nun die Beute, das Schneiderlein aber verlangte nur einen Kreuzer, weil es nicht mehr tragen konnte.
Darauf schnallte es seinen Degen wieder um den Leib, sagte den Raͤubern guten Tag, und nahm den Weg zwischen die Beine. Bei etlichen Meistern gieng er zwar in Arbeit, endlich aber, weils mit dem Handwerk nicht recht fort wollte, verdingte es sich als Hausknecht in einem Gasthof. Die Maͤgde aber konnten es nicht leiden, denn ohne gesehen zu werden sah es alles, was sie heimlich thaten, und gab bei der Herrschaft an was sie sich von den Tellern weg genommen und aus dem Keller fuͤr sich mitgebracht hatten. Da sprachen sie ‘wart, wir wollen dirs eintraͤnken,’ und verabredeten untereinander ihm einen Schabernack anzuthun. Als die eine Magd nun im Garten maͤhte, und den Daumerling da herumspringen, und an den Kraͤutern hinauf und hinabkriechen sah, maͤhte sie ihn mit dem Gras schnell zusammen, band alles in ein großes Tuch, und warf es heimlich den Kuͤhen vor. Nun war eine große schwarze darunter, die verschluckte ihn mit, ohne ihm weh zu thun. Unten gefiels ihm aber schlecht, denn es war ganz finster, und brannte da kein Licht. Als die Kuh gemelkt wurde, da rief er
Doch bei dem Geraͤusch des Melkens wurde er nicht verstanden. Hernach trat der Hausherr in den Stall, und sprach ‘morgen soll die Kuh da geschlachtet werden.’ Da ward dem Daumerling angst, daß er laut rief ‘laßt mich erst heraus, ich sitze ja drin.’ Der Herr hoͤrte ihn wohl, wußte aber nicht, wo die Stimme herkam, und sprach ‘wo bist du?’ ‘Jn der schwarzen,’ antwortete er, aber der Herr verstand nicht was das heißen sollte, und gieng fort.
Am andern Morgen wurde die Kuh geschlachtet; gluͤcklicherweise traf bei dem Zerhacken und Zerlegen den Daumerling kein Hieb, aber er gerieth unter das Wurstfleisch. Wie nun der Metzger herbeitrat und seine Arbeit anfieng, schrie er aus Leibeskraͤften ‘hackt nicht zu tief, hackt nicht zu tief, ich stecke ja drunter.’ Vor dem Laͤrmen der Hackmesser hoͤrte das kein Mensch. Nun hatte der arme Daumerling seine Noth, aber die Noth macht Beine, und da sprang er so behend zwischen den Hackmessern durch, daß ihn keins anruͤhrte, und er mit heiler Haut davon kam. Aber entspringen konnte er auch nicht: es war keine andre Auskunft, er mußte sich mit den Speckbrocken in eine Blutwurst hinunter stopfen lassen. Da war das Quartier etwas enge, und dazu ward er noch in den Schornstein zum Raͤuchern aufgehaͤngt, wo ihm Zeit und Weile gewaltig lang wurde. Endlich im Winter wurde er herunter geholt, weil die Wurst einem Gast sollte vorgesetzt werden. Als nun die Frau Wirthin die Wurst in Scheiben schnitt, nahm er sich in acht, daß er den Kopf nicht zu weit vorstreckte, damit ihm etwa der Hals nicht269 mit abgeschnitten wuͤrde: endlich ersah er seinen Vortheil, machte sich Luft, und sprang heraus.
Jn dem Hause aber, wo es ihm so uͤbel ergangen war, wollte das Schneiderlein nicht laͤnger mehr bleiben, sondern begab sich gleich wieder auf die Wanderung. Doch, als es durch ein Feld gieng, kam es einem Fuchs in den Weg, der schnappte es in Gedanken auf. ‘Ei, Herr Fuchs,’ riefs Schneiderlein, ‘ich bins ja, der in eurem Hals steckt, laßt mich wieder frei.’ ‘Du hast recht,’ antwortete der Fuchs, ‘an dir hab ich doch so viel als nichts; versprichst du mir die Huͤhner in deines Vaters Hof, so will ich dich loslassen.’ ‘Von Herzen gern,’ antwortete der Daumerling, ‘die Huͤhner sollst du alle haben, das gelobe ich dir.’ Da ließ ihn der Fuchs wieder los, und trug ihn selber heim. Als der Vater sein Soͤhnlein wieder sah, gab er dem Fuchs gerne die Huͤhner. ‘Dafuͤr bring ich dir auch ein schoͤn Stuͤck Geld mit’ sprach der Daumerling zu seinem Vater, und reichte ihm den Kreuzer, den er auf seiner Wanderschaft erworben hatte.
‘Warum hat aber der Fuchs die armen Piephuͤhner zu fressen kriegt?’ ‘Ei, du Narr, deinem Vater wird ja wohl sein Kind lieber seyn als die Huͤhner auf dem Hof.’
Es war einmal ein Hexenmeister, der nahm die Gestalt eines armen Mannes an, gieng vor die Haͤuser und bettelte, und fieng die schoͤnen Maͤdchen. Kein Mensch wußte wo er sie hinbrachte, denn sie kamen nimmer mehr wieder zum Vorschein. Nun trat er auch einmal vor die Thuͤre eines Mannes, der drei schoͤne Toͤchter hatte, erschien als ein armer, schwacher Bettler, und trug eine Koͤtze auf dem Ruͤcken, als wollte er die milden Gaben darin sammeln. Er bat um ein bischen Essen, und als die aͤlteste herauskam, und ihm ein Stuͤck Brot reichen wollte, ruͤhrte er sie nur an, und alsbald mußte sie in seine Koͤtze springen. Dann eilte er mit starken Schritten fort, und durch einen finstern Wald in sein Haus, wo alles praͤchtig war. Da gab er ihr, was sie nur wuͤnschte, und sprach ‘es wird dir wohlgefallen bei mir, denn du hast alles, was dein Herz begehrt.’ Das dauerte ein paar Tage, da sagte er ‘ich muß fortreisen und dich eine kurze Zeit allein lassen, da sind die Hausschluͤssel, du kannst uͤberall herumgehen, und alles sehen, nur nicht in eine Stube, die dieser kleine Schluͤssel aufschließt, das verbiet ich dir bei Lebensstrafe.’ Auch gab er ihr ein Ei,271 und sprach ‘das verwahre mir sorgfaͤltig, und trag es lieber bestaͤndig bei dir, denn gienge es verloren, so wuͤrde ein großes Ungluͤck daraus entstehen.’ Sie nahm die Schluͤssel und das Ei, und versprach alles wohl auszurichten. Als er aber fort war, konnte sie der Neugierde nicht widerstehen, und nachdem sie das ganze Haus gesehen hatte, gieng sie auch zu der verbotenen Thuͤre, und oͤffnete sie. Wie erschrack sie aber, als sie hineintrat: da stand in der Mitte ein großes blutiges Becken, und darin lagen todte zerhauene Menschen. Sie erschrack so sehr, daß das Ei, das sie in der Hand hielt, hineinplumpte. Zwar holte sie es geschwind wieder heraus, und wischte das Blut ab, aber es half nichts, denn es kam den Augenblick wieder zum Vorschein; sie wischte und schabte, aber sie konnte es nicht herunter kriegen. Nicht lange, so kam der Mann von der Reise zuruͤck, und das erste war, daß er Schluͤssel und Ei zuruͤckforderte. Sie reichte es ihm mit Zittern hin, er betrachtete beides genau, uud sah wohl daß sie in der Blutkammer gewesen war. Da sprach er ‘bist du gegen meinen Willen in der Kammer gewesen, so sollst du nun gegen deinen Willen wieder hinein. Dein Leben ist zu Ende.’ Darauf ergriff er sie, fuͤhrte sie hinein, zerhackte sie, daß ihr rothes Blut auf der Erde floß, und warf sie zu den uͤbrigen ins Becken.
‘Jetzt will ich mir die zweite holen’ sprach der Hexenmeister, gieng wieder in Gestalt eines armen Mannes vor das Haus, und bettelte. Da brachte ihm die zweite ein Stuͤck Brot, und er fieng sie wie die erste durch ein bloßes Anruͤhren, trug272 sie hinaus, und mordete sie in der Blutkammer, weil sie hineingeschaut hatte. Da gieng er die dritte Schwester noch zu fangen, und brachte sie auch hinaus; die dritte aber war klug und listig. Als er ihr nun die Schluͤssel und das Ei gegeben hatte und fortgereist war, hob sie das Ei erst auf und verschloß es, und dann gieng sie in die verbotene Kammer. Ach, was erblickte sie! ihre beiden lieben Schwestern, die, jaͤmmerlich ermordet, in dem Becken lagen. Aber sie hub an und suchte ihre Glieder zusammen und legte sie zurecht, Kopf, Leib, Arm und Beine. Und als nichts mehr fehlte, da fiengen die Glieder an sich zu regen, und schlossen sich an einander, und beide Maͤdchen oͤffneten die Augen, und wurden wieder lebendig. Da freuten sie sich, kuͤßten und herzten einander: aber die juͤngste fuͤhrte sie heraus und versteckte sie. Der Mann bei seiner Ankunft forderte Schluͤssel und Ei, als er aber keine Spur von Blut daran entdecken konnte, sprach er ‘du hast die Probe bestanden, du sollst meine Braut seyn.’ ‘Ja,’ antwortete sie, ‘aber du mußt mir versprechen, vorher einen Korb voll Gold meinem Vater und meiner Mutter auf deinem Ruͤcken hinzutragen, dieweil ich die Hochzeit bestelle.’ Darauf gieng sie in ihr Kaͤmmerlein wo sie ihre Schwestern versteckt hatte, und sprach ‘jetzt kommt der Augenblick, wo ich euch retten kann, der Boͤsewicht soll euch selbst forttragen; aber sobald ihr zu Hause seyd, laßt mir Hilfe zukommen.’ Dann setzte sie beide in einen Korb, und deckte sie mit Gold ganz zu, daß nichts von ihnen zu sehen war, und rief den Hexenmeister herein, und sprach ‘nun trag273 den Korb fort, aber daß du mir unterwegs nicht stehen bleibst und ruhest! ich schaue hier durch mein Fensterlein, und habe acht.’
Nun hob der Hexenmeister den Korb auf seinen Ruͤcken, und gieng mit fort, er wurde ihm aber so schwer, daß ihm der Schweiß uͤber das Angesicht lief, und er fuͤrchtete todt gedruͤckt zu werden. Da wollte er sich ein wenig ruhen, aber gleich rief eine im Korbe ‘ich schaue durch mein Fensterlein, und sehe daß du ruhst, willst du gleich weiter.’ Er meinte die Braut rief ihm das zu, und machte sich wieder auf. Hernach wollte er sich wieder setzen, aber es rief abermals ‘ich schaue durch mein Fensterlein, und sehe daß du ruhst, willst du gleich weiter.’ Und so oft er stillstand, rief es, und da mußte er fort, und brachte außer Athem den Korb mit dem Gold und den beiden Maͤdchen in ihrer Eltern Haus.
Daheim aber ordnete die Braut das Hochzeitfest an. Sie nahm einen Todtenkopf mit grinsenden Zaͤhnen, und setzte ihm einen Schmuck auf, und trug ihn oben vors Bodenloch, und ließ ihn da herausschauen. Dann ladete sie die Freunde des Hexenmeisters zum Fest ein, und wie das geschehen war, steckte sie sich in ein Faß mit Honig, schnitt das Bett auf, und waͤlzte sich darin, daß sie aussah wie ein wunderlicher Vogel, und kein Mensch sie erkennen konnte. Da gieng sie zum Haus hinaus, und unterwegs begegnete ihr ein Theil der Hochzeitgaͤste, die fragten
274Darauf begegnete ihr der Braͤutigam, der zuruͤckkam; der fragte auch
Der Braͤutigam schaute hinauf, und sah den geputzten Todtenkopf, da meinte er es waͤre seine Braut, und nickte ihr zu, und gruͤßte sie freundlich. Wie er aber sammt seinen Gaͤsten ins Haus gegangen war, da kam die Hilfe von den Schwestern an, und sie schlossen alle Thuͤren des Hauses zu, daß niemand entfliehen konnte, und steckten es an, also daß der Hexenmeister mit sammt seinem Gesindel verbrennen mußte.
Dat is nu all lang her, woll twee dusend Joor, do was daar een riik Mann, de hadde eene schoͤne frame Fru, un se hadden sick beede sehr leef, hadden averst keene Kinner, se wuͤnschten sick averst seer welke, un de Fru bedt so veel dorum Dag un Nacht, man se kregen keen un kregen keen. Voͤr eeren Huse was een Hoff, darup stund een Machandelboom, uͤnner den stund de Fru eens in’n Winter, und schellt sick eenen Appel: un as se sick den Appel so schellt, so sneet se sick in’n Finger, un dat Blood feel in den Snee. ‘Ach,’ sed de Fru, un suͤft so recht hoch up, un sach dat Blood foͤr sick an, un was so recht wehmoͤdig, ‘hadd ick doch een Kind so rood as Blood un so witt as Snee!’ Un as se dat sed, so wurd eer so recht froͤhlich to Moode, eer was recht as sull dat wat warden. Daar gieng se to den Huse, un gieng een Maand hen, de Snee voͤrgieng, un twee Maand, daar was dat groͤn, un dree Maand, daar kemen de Bloͤmer ut de Eerde, un veer Maand, daar drungen sick alle Boͤmer in dat Holt, un de groͤnen Twige weeren all in een anner wussen: daar sungen de Voͤgelkens, dat dat ganze Holt schallt, un de Bleujten felen van de Boͤmer, daar was276 de syste Maand weg, un se stund uͤnner den Machandelboom, de rook so schoͤn: do sprung eer dat Hart voͤr Freuden, un se feel up eere Knee, un kunde sick nich laten, un as de soͤste Maand voͤrbi was, daar wurden de Fruͤchte dick un stark, do wurd se gans still, un de soͤwende Maand, do greep se na de Machandelbeeren, un att se so nidsch, do wurd se trurig un krank: daar gieng de achte Maand hen, un se reep eeren Mann, un weende un sed ‘wenn ick starve, so begrave mi uͤnner den Machandelboom.’ Do wurde se gans getrost un freute sick, bet de neegte Maand voͤrbi was, daar kreeg se een Kind, so witt as Snee un so rood as Blood: un as se dat sach, so freute se sick so, dat se sturv.
Daar begroof eer Mann se uͤnner den Machandelboom, un he fung an to weenen so seer; eene Tiid lang, do wurd dat wat sachter, un daar he noch wat weend hadd, do heel he up, un noch eene Tiid, do nam he sick wedder eene Fru.
Mit de tweete Fru kreeg he eene Dochter, dat Kind averst van de eerste Fru was een luͤttje Soͤn, un was so rood as Blood un so witt as Snee. Wenn de Fru eere Dochter so ansach, so had se se so leef, averst denn sach se den luͤttjen Jung an, un dat gieng eer so dorch’t Hart, und eer duͤcht, as stund he eer allerwegen in’n Weg, un dacht denn man uͤmmer, wo se eer Dochter all dat Voͤrmoͤgent towenden wull: un de Boͤse gav eer dat in, dat se denn luͤttjen Jung ganz gram wurd, un stoͤd em heruͤm van een Ek in de anner, un buft em hier un knuft em daar, so dat dat arme Kind uͤmmer in Angst was;277 wenn he denn ut de School kam, so hadd he keene ruhige Stede.
Eens was de Fru up de Kamer gaan, do kamm de luͤttje Dochter ook herup un sed ‘Moder, giv mi eenen Appel.’ ‘Ja, min Kind’ sed de Fru, un gav eer eenen schoͤnen Appel ut de Kist; de Kist averst had eenen groten swaaren Deckel mit een groot schaarp iisern Slott. ‘Moder,’ sed de luͤttje Dochter, ‘schall Broder nich ook eenen hebben?’ Dat voͤrdrot de Fru, doch sed se ‘ja, wenn he ut de School kuͤmmt.’ Un as se ut dat Finster gewaar wurde dat he kamm, so was dat recht as wenn de Boͤse oͤver eer kamm, un se grapst to, un nam eerer Dochter den Appel wedder weg, un sed ‘du sast nich eer eenen hebben as Broder.’ Daar smeet se den Appel in de Kist, un maakt de Kist to. Daar kamm de luͤttje Jung in de Doͤr, daar gav eer de Boͤse in, dat se fruͤntlich to em sed ‘miin Soͤn, wist du eenen Appel hebben?’ und sach em so hastig an. ‘Moder, sed de luͤttje Jung, wat suͤhst du graͤsig ut! ja, giv mi eenen Appel.’ Daar was er as sull se em toriden; ‘kumm mit mi’ sed se, un maakt den Deckel up, ‘haal di eenen Appel herut. ’[Und] as sick de luͤtt Jung henin buͤckt, so reet er de Boͤse: bratsch, sloog se den Deckel to, dat de Kop af floog un uͤnner de rooden Appel feel. Daar aͤverleep eer dat in de Angst, un dacht ‘kund ick dat van mi bringen.’ Daar gieng se baben na eere Stuve na eeren Draagkasten, und haalt ut de daͤvelste Schuuflade eenen witten Dook, un sett den Kopp wedder up den Hals, un bund den Halsdook so um, dat man niks seen278 kund, un sett em voͤr de Doͤr up eenen Stool, un gav em den Appel in de Hand.
Daar kamm daarna Marleenken to eere Moder in de Koͤke, de stund bi den Fuͤuͤr un had eenen Pott mit heet Water foͤr sick, den ruͤuͤrt se uͤmmer um. ‘Moder,’ sed Marleenken, Broder sitt voͤr de Doͤoͤr, un suͤuͤt ganz witt ut, und hed eenen Appel in de Hand: ick hev em beden, he sull mi den Appel geven, averst he antwoord mi nich, da wurd mi gans gruulig.’ ‘Ga nochmal hen,’ sed de Moder, ‘un wenn he di nicht antwoorden will, so giv em eens an de Ooren.’ Daar gieng Marleenken hen un sed ‘Broder, giv mi den Appel,’ averst he sweeg still. Daar gav se em eens up de Ooren, daar feel de Kopp heruͤnn, daroͤver voͤrschrak se sick, un fung an to weenen un to raaren, un leep to eere Moder un sed ‘ach, Moder, ick hebb minen Bruder den Kopp afslagen,’ un weend un weend, un wull sick nich tofreden geven. ‘Marleenken,’ sed de Moder, ‘wat hest du daan! averst swig man still, dat et keen Minsch markt, dat is nu doch nich to aͤnnern; wi willen em in Suur kaaken.’ Daar nam de Moder den luͤttjen Jungen, un hackt em in Stuͤcken, ded de in den Pott, und kaakt em in Suur; Marleenken averst stund daarbi un weend un weend, un de Traanen feelen all in den Pott, un se bruukten gar keen Salt.
Daar kamm de Vader to Huus, un sett sick to Disch un sed ‘wo is denn miin Soͤn?’ Daar drog de Moder eene groote groote Schoͤttel op mit swart Suur, un Marleenken weend, un kund sick nicht hollen. Da sedd de Vader wedder279 ‘wo is denn miin Soͤn?’ ‘Ach,’ sed de Moder, ‘he is oͤver Land gaan, na Muͤtten eer groot Oem, he wull daar wat bliven.’ ‘Wat deit he denn daar? un hed mi nich mal Adjuͤs segd?’ ‘O, he wulld geern hen, un bed mi, ob he daar woll soͤs Weken bliven kunn, he is jo woll daar uphaben.’ ‘Ach,’ sed de Mann, ‘mi is so recht trurig, dat is doch nich recht, he had mi doch Adjuͤs seggen schullt.’ Mit des fung he an to eeten, un sed ‘Marleenken, wat weenst du? Broder ward woll wedder kamen.’ ‘Ach, Fru,’ sed he do, ‘wat smeckt mi dat Eten schoͤn! giv mi meer.’ Un je meer he at, je meer wuld he hebben, und sed ‘gevt mi meer, gi soͤllt niks daaraf hebben, dat is as wenn dat all miin weer,’ un he att un att, un de Knaken smeet he all unner den Disch, bett he alles up had. Marleenken averst gieng hen na eere Commode, un namm uut de unnerste Schuuf eeren besten siiden Dook, und haalt all de Beenken und Knaken uͤnner den Disch herut, un bund se in den siiden Dook, un drog se voͤr de Doͤoͤr, un weente eere bloͤdigen Traanen: daar legd se se unner den Machandelboom in dat groͤne Gras, un as se se daar henlegd hadd, so was eer mit eenmal so recht licht, un weente nich meer. Da sung de Machandelboom an sick to bewegen, un de Twiige deden sick uͤmmer so recht van eenanner, un denn wedder tohop, so recht as wenn sick eener so recht froͤit un mit de Haͤnde so deit. Mit des, so gieng daar so’n Newel van den Boom, un recht in den Newel da brennt dat as Fuͤuͤr, un ut dat Fuͤuͤr daar flog so’n schoͤnen Vagel herut, de sung so herrlich, un flog hoch in280 de Luft, un as he weg was, do was de Machandelboom, as he voͤrheer west was, un de Dook mit de Knaken was weg. Marleenken averst was so recht licht un vergnoͤgt, recht as wenn de Broder noch leeft: daar gieng se wedder ganz lustig in dat Huus bi Disch, un att.
De Vagel averst floog weg, un sett sick up eenen Goldsmitt siin Huus, un fung an to singen.
De Goldsmitt satt in sine Warkstede, un maakt eene goldne Kede, daar hoͤrd he den Vagel de up siin Dack satt un sung, un dat duͤnkt em so schoͤn. Daar stund he up, un as he aͤver den Suͤll gieng, so voͤrloor he eenen Tuͤffel; he gieng aver so recht midden up de Strate, eenen Tuͤffel un een Sock an, siin Schortfell had he voͤr, un in de een Hand had he de golden Kede, un in de anner de Tang: un de Suͤnn schiint so hell up de Strate. Daar gieng he recht so staan, un sach den Vagel an: ‘Vagel,’ segd he do, ‘wo schoͤn kannst du singen, sing mi dat Stuͤk nochmal.’ ‘Nee,’ segd de Vagel, ‘tweemal sing ick nich umsuͤnst, giv mi de golden Kede, so wil ick di et nochmal singen.’ ‘Da,’ segd de Goldsmitt, ‘hest du de golden Kede, nu sing mi dat281 nochmal.’ Daar kam de Vagel, un nam de golden Ked so in de rechte Krall, un gieng voͤr den Goldsmitt sitten, un sung
Daar flog de Vagel weg na eenen Schooster, un sett sick up den siin Dack, und sung
De Schooster hoͤrd dat, un leep voͤr siin Doͤoͤr in Hemdsarmel, un sach nach siin Dack, un must de Hand voͤr de Oogen holln, dat de Suͤnn em nich blendt. ‘Vagel,’ segd he, ‘wat kanst du schoͤn singen!’ Daar reep he in siin Doͤoͤr herin ‘Fru, kumm mal herut, daar is een Vagel, suͤ mal den Vagel, de kann mal schoͤn singen.’ Daar reep he siin Dochter un Kinner un Gesellen Jung un Magd, un keemen all up de Straat, un segen den Vagel an, wo schoͤn he was, un he hadd so recht roode un groͤne282 Feddern, un um den Hals was dat as luter Gold, un de Oogen blinkten em in Kopp as Steern. ‘Vagel,’ sed de Schooster, ‘nu sing mi dat Stuͤk nochmal.’ ‘Nee,’ segd de Vagel, ‘tweemal sing ick nich umsuͤnst, du moͤst mi wat schenken.’ ‘Fru,’ sedd de Mann, ‘ga an de Doͤnboͤhn up den boͤvelsten Boord, da staan een paar roode Scho, de bring herunn.’ Daar gieng de Fru hen, un haalt de Scho. ‘Da Vagel,’ sed de Mann, ‘nu sing mi dat Stuͤk nochmal.’ Daar kamm de Vagel, un namm de Scho in de linke Klau, und flog wedder up dat Dack, un sung
Un as he utsungen hadd, so floog he weg; de Kede hadd he in de rechte un de Scho in de linke Klau. Un he floog wiit weg na eene Maͤhl, un de Maͤhl gieng klippe klappe, klippe klappe, klippe klappe: un in de Maͤhl daar seeten twintig Maͤhlenburschen, de haugten eenen Steen und hackten hick hack, hick hack, hick hack, un de Maͤhl gieng klippe klappe, klippe klappe, klippe klappe. Daar gieng de Vagel up eenen Lindenboom sitten, de voͤr de Maͤhl stund, un sung
do hoͤrte een up;
283do hoͤrten noch twee up, un hoͤrten dat;
do hoͤrten wedder veer up;
un hackten noch man acht;
nu noch man fife;
nu noch man een;
daar heel de leste ook up, un hadd dat leste noch hoͤrd. ‘Vagel, segd he, wat singst du schoͤn, laat mi dat ook hoͤren, sing mi dat nochmal.’ ‘Nee,’ segd de Vagel, ‘tweemal sing ick nich umsuͤnst, giv mi den Maͤhlensteen, so will ick dat nochmal singen.’ ‘Ja,’ segd he, ‘wenn he mi alleen hoͤrd, so sust du em hebben.’ ‘Ja,’ seden de annern, ‘wenn he nochmal singt, so sall he em hebben.’ Daar kamm de Vagel heruͤn, un de Moͤllers faat’n all twintig mit Boͤoͤm an, un boͤoͤrten den Steen up, hu uh uhp, hu uh uhp, hu uh uhp, daar stack de Vagel den Hals doͤoͤr dat Lock, un nam em uͤm as eenen Kragen, un floog wedder up den Boom, un sung
Un as he dat utsungen hadd, da ded he de Fluͤnk van eenanner, un had in de rechte Klau de Kede, un in de linke de Scho, un uͤm den Hals den Maͤhlensteen, und floog wiit weg na siines Vaders Huus.
Jn de Stuve satt de Vader, de Moder, un Marleenken bi Disch, un de Vader segd ‘ach wat waart mi licht, mi is recht so good to Mode.’ ‘Nee,’ segd de Moder, ‘mi is so angst, so recht as wenn een swaar Gewitter kuͤmmt.’ Marleenken averst satt un weend un weend. Daar kamm de Vagel anflogen, un as he sick up dat Dack sett, ‘ach,’ segd de Vader, ‘mi is so recht fruͤdig, un de Suͤnn schiint buten so schoͤn, mi is recht as suͤll ick eenen ollen Bekannten wedder seen.’ ‘Nee,’ segd de Fru, ‘mi is so angst, de Teene klappern mi, un dat is mi as Fuͤuͤr in de Adern, un se reet sick eer Liisken up un so meer: averst Marleenken satt in een Eck un weende, un had eeren Platen vor de Oogen, un weende den Platen gans messnat. Daar sett sich de Vagel up den Machandelboom, un sung
Daar heel de Moder de Ooren to, un kneep de Oogen to, un wold nich seen un hoͤren, aver dat bruuste eer in de Ooren, as de allerstarkst Storm, un de Oogen brennten eer un zackten as Bliz.
285‘Ach Moder,’ segd de Mann, ‘daar is een schoͤn Vagel, de singt so herlich, de Suͤnn schiint so warm, un dat ruͤckt as luter Zinnemamen.’
Daar led Marleenken den Kopp up de Knee, un weende in eens weg; de Mann averst segd ‘ick ga herut, ick mut den Vagel dicht bi seen.’ ‘Ach, ga nich,’ sed de Fru, ‘mi is as bevt dat ganze Huus, un stuͤnn in Flammen.’ Aver de Mann gieng herut, un sach den Vagel an.
Mit des lett de Vagel de golden Kede fallen, un se feel den Mann juͤst um den Hals, so recht hier heruͤm, dat se recht so schoͤn past. Daar gieng he herin, un segd ‘suͤ, wat is dat voͤr een schoͤn Vagel, hett mi so ne schoͤne goldne Kede schenkt, un suͤht so schoͤne ut.’ De Fru aver was so angst, un feel langs in de Stuve hen, un de Muͤtz feel eer van den Kopp. Daar sung de Vagel wedder
‘Ach, dat ick dusend Fuder unner de Eerde weer, dat ick dat nich hoͤren sull!’
Daar feel de Fru voͤr dood nedder,
286‘Ach,’ sed Marleenken, ‘ick will ook herut gaan un seen op de Vagel mi wat schenkt.’ Daar gieng se herut,
Daar smeet he eer de Scho herun.
Daar was eer so licht un froͤlich, daar trekt se de nien rooden Scho an, un danst un sprung herinn. ‘Ach,’ segd se, ‘ick was so trurig as ick herut gieng, un nu is mi so licht, dat is mal een herlichen Vagel, het mi een Paar roode Scho schenkt.’ ‘Nee, segd de Fru, un sprung up, un de Haar stunnen eer to Barge as Fuͤuͤrsflammen, ‘mi is, as sull de Werld unner gahn, ick wil ook herut, op mi lichter warden sull.’ Un as se ut de Doͤoͤr kamm, bratsch! smeet eer de Vagel den Maͤhlensteen up den Kopp, dat se gans tomatscht. De Vader un Marleenken hoͤrden dat, un giengen herut: daar gieng een Damp un Flam un Fuͤuͤr up van de Steed, un as dat vorbi was, da stund de luͤttje Broder, un he namm siinen Vader un Marleenken bi de Hand, un weeren alle dree so recht vergnoͤgt, un giengen in dat Huus bi Disch, un eeten.
Es hatte ein Bauer einen treuen Hund, der Sultan hieß, der war alt geworden und hatte alle Zaͤhne verloren, so daß er nichts mehr fest packen konnte. Zu einer Zeit stand der Bauer mit seiner Frau vor der Hausthuͤre, und sprach ‘den alten Sultan schieß ich morgen todt, der ist zu nichts mehr nuͤtze.’ Die Frau, die Mitleid mit dem treuen Thiere hatte, antwortete ‘da er uns so lange Jahr gedient hat, und ehrlich bei uns gehalten, so koͤnnten wir ihm wohl das Gnadenbrot geben.’ ‘Ei was,’ sagte der Mann, ‘du bist nicht recht gescheidt, er hat keinen Zahn mehr im Maul, und kein Dieb fuͤrchtet sich vor ihm, er kann jetzt abgehen. Hat er uns gedient, so hat er sein gutes Fressen[dafuͤr] gekriegt.’
Der arme Hund, der nicht weit davon in der Sonne ausgestreckt lag, hatte alles mit angehoͤrt, und war traurig daß morgen sein letzter Tag seyn sollte. Er hatte einen guten Freund, das war der Wolf, zu dem schlich er Abends hinaus in den Wald, und klagte uͤber das Schicksal, das ihm bevorstaͤnde. ‘Hoͤre, Gevatter,’ sagte der Wolf, ‘sey gutes Muthes, ich will dir aus deiner Noth helfen. Jch habe etwas ausgedacht. Morgen288 in aller Fruͤhe geht dein Herr mit seiner Frau ins Heu, und sie nehmen ihr kleines Kind mit, weil niemand im Hause zuruͤckbleibt. Sie pflegen das Kind waͤhrend der Arbeit hinter die Hecke in den Schatten zu legen: leg dich daneben, gleich als wolltest du es bewachen. Jch will dann aus dem Walde heraustraben und das Kind rauben, du mußt mir eifrig nachspringen als wolltest du mir es wieder abjagen. Jch lasse es fallen, und du bringst es den Eltern wieder zuruͤck, die glauben dann du haͤttest es gerettet, und sind viel zu dankbar als daß sie dir ein Leid anthun sollten: im Gegentheil, du kommst in voͤllige Gnade, und sie werden es dir an nichts mehr fehlen lassen.’
Der Anschlag gefiel dem Hund, und wie er ausgedacht war so wurde er auch ausgefuͤhrt. Der Bauer schrie als er den Wolf mit seinem Kinde durchs Feld laufen sah, als es aber der alte Sultan zuruͤckbrachte, da war er froh, streichelte ihn, und sagte ‘dir soll kein Haͤrchen gekruͤmmt werden, du sollst das Gnadenbrot essen, so lange du lebst.’ Zu seiner Frau aber sprach er ‘geh gleich heim, und koche dem alten Sultan einen Weckbrei, den braucht er nicht zu beißen, und bring das Kopfkissen aus meinem Bette, das schenk ich ihm zu seinem Lager.’ Von nun an hatte es der alte Sultan so gut als er sichs nur wuͤnschen konnte. Bald hernach besuchte ihn der Wolf, und freute sich daß alles so wohl gelungen war. ‘Aber Gevatter,’ sagte er, ‘du wirst doch ein Auge zudruͤcken, wenn ich bei Gelegenheit deinem Herrn ein fettes Schaf weghole. Es wird einem heutzutage schwer sich durchzuschlagen.’ ‘Darauf rechne nicht,’ antwortete289 der Hund, ‘meinem Herrn bleibe ich treu, das darf ich nicht zugeben.’ Der Wolf meinte das waͤre nicht im Ernste gesprochen, kam in der Nacht herangeschlichen, und wollte sich das Schaf holen. Aber der Bauer, dem der treue Sultan das Vorhaben des Wolfes verrathen hatte, paßte ihm auf, und kaͤmmte ihm mit dem Dreschflegel garstig die Haare. Der Wolf mußte ausreißen, schrie aber dem Hund zu ‘wart, du schlechter Geselle, dafuͤr sollst du buͤßen.’
Am andern Morgen schickte der Wolf das Schwein, und ließ den Hund hinaus in den Wald fordern, da wollten sie ihre Sache ausmachen. Der alte Sultan konnte keinen Beistand finden als eine Katze, die nur drei Beine hatte, und als sie zusammen hinaus giengen, humpelte die arme Katze daher, und streckte dabei vor Schmerzen den Schwanz in die Hoͤhe. Der Wolf und sein Beistand waren schon an Ort und Stelle, als sie aber ihren Gegner daher kommen sahen, meinten sie er fuͤhrte einen Saͤbel mit sich, weil sie den aufgerichteten Schwanz der Katze dafuͤr ansahen. Und wenn diese so auf drei Beinen huͤpfte dachten sie nicht anders als sie hoͤbe jedesmal einen Stein auf, und wollte damit auf sie werfen. Da ward ihnen beiden angst; das wilde Schwein verkroch sich ins Laub, und der Wolf sprang auf einen Baum. Der Hund und die Katze, als sie heran kamen wunderten sich daß sich niemand sehen ließ. Das wilde Schwein aber hatte sich im Laub nicht ganz verstecken koͤnnen, sondern die Ohren ragten noch heraus. Waͤhrend die Katze sich bedaͤchtig umschaute, zwinste das Schwein mit den Ohren: die Katze290 welche meinte es regte sich da eine Maus, sprang darauf zu, und biß herzhaft hinein. Da erhob sich das Schwein mit großem Geschrei, lief fort, und rief ‘dort auf dem Baum da sitzt der Schuldige.’ Der Hund und die Katze schauten hinauf und erblickten den Wolf, der schaͤmte sich daß er sich so furchtsam gezeigt hatte, und nahm von dem Hund den Frieden an.
Es jagte einmal ein Koͤnig in einem großen Wald, und jagte einem Wild so eifrig nach daß ihm niemand von seinen Leuten folgen konnte. Und als es Abend ward, und er still hielt und um sich blickte, so sah er daß er sich verirrt hatte. Er suchte einen Ausgang, konnte aber keinen finden. Endlich sah er eine alte Frau mit wackelndem Kopfe, die auf ihn zu kam; das war aber eine Hexe. Der Koͤnig redete sie an und sprach ‘liebe Frau, koͤnnt ihr mir nicht den Weg durch den Wald zeigen.’ ‘O ja, Herr Koͤnig,’ antwortete sie, ‘das kann ich wohl, aber es ist eine Bedingung dabei, wenn ihr die nicht erfuͤllt, so kommt ihr nimmermehr aus dem Wald, und muͤßt darin Hungers sterben.’ ‘Was ist das fuͤr eine Bedingung?’ fragte der Koͤnig. ‘Jch habe eine Tochter,’ sagte die Alte, ‘die so schoͤn ist wie ihr eine auf der Welt finden koͤnnt, und die wohl verdient eure Gemahlin zu werden, wollt ihr die heirathen und zur Frau Koͤnigin machen, so zeige ich euch den Weg aus dem Walde.’ Der Koͤnig sagte in der Angst seines Herzens ja, und die Alte fuͤhrte ihn zu ihrem Haͤuschen, wo ihre Tochter beim Feuer saß. Sie empfieng den Koͤnig als wenn sie ihn erwartet haͤtte, und er sah292 wohl daß sie sehr schoͤn war, aber sie gefiel ihm doch nicht, und er konnte sie ohne heimliches Grausen nicht ansehen. Nachdem er das Maͤdchen zu sich aufs Pferd gehoben hatte, zeigte ihm die Alte den Weg, und der Koͤnig gelangte wieder in sein koͤnigliches Schloß, wo die Hochzeit gefeiert wurde.
Der Koͤnig war schon einmal verheirathet gewesen, und hatte von seiner ersten Gemahlin sieben Kinder, sechs Knaben und ein Maͤdchen, die er uͤber alles auf der Welt liebte. Weil er nun fuͤrchtete die Stiefmutter moͤchte sie nicht gut behandeln und ihnen gar ein Leid anthun, so brachte er sie in ein einsames Schloß, das mitten in einem Walde stand. Es lag so verborgen, und der Weg war so schwer zu finden, daß er ihn selbst nicht gefunden haͤtte wenn ihm nicht eine weise Frau ein Knauel Garn von wunderbarer Eigenschaft geschenkt haͤtte; wenn er das vor sich hinwarf, so wickelte es sich von selbst los, und zeigte ihm den Weg. Der Koͤnig gieng oft hinaus zu seinen lieben Kindern, daß der Koͤnigin endlich seine Abwesenheit auffiel; sie ward neugierig, und wollte wissen was er so oft allein in dem Walde zu schaffen habe. Sie gab seinen Dienern viel Geld, und die verriethen ihr das Geheimnis, und sagten ihr auch von dem Knauel, das allein den Weg zeigen koͤnne. Nun hatte sie keine Ruhe bis sie entdeckte wo der Koͤnig das Knauel aufbewahrte, und als sie das herausgebracht hatte, so machte sie kleine Hemdchen, und da sie von ihrer Mutter die Hexenkuͤnste gelernt hatte, so naͤhte sie einen Zauber hinein. Und als der Koͤnig einmal auf die Jagd geritten war, nahm sie die Hemdchen, und gieng in den Wald,293 und das Knauel zeigte ihr den Weg. Die Kinder, die aus der Ferne jemand kommen sahen, meinten ihr lieber Vater kaͤme zu ihnen, und sprangen ihm voll Freude entgegen. Da warf sie uͤber ein jedes eins von den Hemdchen, und wie das ihren Leib beruͤhrt hatte, verwandelten sie sich in Schwaͤne, und flogen davon uͤber den Wald hinweg. Die Koͤnigin gieng ganz vergnuͤgt nach Haus, und glaubte ihre Stiefkinder los zu seyn, aber das Maͤdchen war nicht mitgelaufen, und sie wußte nichts von ihm. Andern Tags kam der Koͤnig, und wollte seine Kinder besuchen, er fand aber niemand als das Maͤdchen. ‘Wo sind deine Bruͤder?’ fragte der Koͤnig. ‘Ach, lieber Vater’ antwortete es, ‘die sind fort, und haben mich allein zuruͤckgelassen,’ und erzaͤhlte ihm daß es aus seinem Fensterlein mit angesehen habe wie seine Bruͤder als Schwaͤne uͤber den Wald weg geflogen waͤren, und zeigte ihm die Federn, die sie in dem Hof hatten fallen lassen, und die es aufgelesen hatte. Der Koͤnig trauerte, aber er dachte nicht daß die Koͤnigin die boͤse That vollbracht haͤtte, und weil er fuͤrchtete das Maͤdchen wuͤrde ihm auch geraubt, so wollte er es mit fortnehmen. Aber es hatte Angst vor der Stiefmutter, und bat den Koͤnig daß es nur noch diese Nacht im Waldschloß bleiben duͤrfte.
Das arme Maͤdchen dachte aber ‘meines Bleibens ist nicht laͤnger hier, ich will gehen und meine Bruͤder suchen.’ Und als die Nacht kam, entfloh es und gieng geradezu in den Wald hinein. Es gieng die ganze Nacht durch und auch den andern294 Tag in einem fort bis es vor Muͤdigkeit nicht weiter konnte. Da sah es eine Wildhuͤtte, stieg hinauf, und fand eine Stube mit sechs kleinen Betten, aber es getraute nicht sich in eins zu legen, sondern kroch unter eins, legte sich auf den harten Boden, und wollte die Nacht da zubringen. Als aber die Sonne bald untergehen wollte, hoͤrte es ein Rauschen, und sah daß sechs Schwaͤne zum Fenster herein geflogen kamen. Sie setzten sich auf den Boden, und bliesen einander an, und bliesen sich alle Federn ab, und ihre Schwanenhaut streifte sich ab wie ein Hemd. Da sah sie das Maͤdchen an, und erkannte ihre Bruͤder, freute sich, und kroch unter dem Bett hervor. Die Bruͤder waren nicht weniger erfreut als sie ihr Schwesterchen erblickten, aber ihre Freude war von kurzer Dauer. ‘Hier kann deines Bleibens nicht seyn,’ sprachen sie zu ihm, ‘das ist eine Herberge fuͤr Raͤuber, wenn die heim kommen, und finden dich, so ermorden sie dich.’ ‘Koͤnnt ihr mich denn nicht beschuͤtzen?’ fragte das Schwesterchen. ‘Nein,’ antworteten sie, ‘denn wir koͤnnen nur eine Viertelstunde lang jeden Abend unsere Schwanenhaut ablegen, und haben in dieser Zeit unsere menschliche Gestalt, aber dann werden wir wieder in Schwaͤne verwandelt.’ Das Schwesterchen weinte, und sagte, ‘koͤnnt Jhr denn nicht erloͤst werden?’ ‘Ach nein,’ antworteten sie, ‘die Bedingungen sind zu schwer. Du darfst sechs Jahre lang nicht sprechen und nicht lachen, und mußt in der Zeit sechs Hemdchen fuͤr uns aus Sternblumen zusammennaͤhen. Kommt ein einziges Wort aus deinem Munde, so ist alle Arbeit verloren.’ Und als die Bruͤder das gesprochen295 hatten, war die Viertelstunde herum, und sie flogen als Schwaͤne wieder zum Fenster hinaus.
Das Maͤdchen aber dachte in seinem Herzen es wollte seine Bruͤder erloͤsen, und wenn es auch sein Leben koste. Am andern Morgen gieng es aus, sammelte Sternblumen, und fieng an zu naͤhen. Reden konnte es mit niemand, und zum lachen hatte es keine Lust: es saß da und sah nur auf seine Arbeit. Als es schon lange Zeit da zugebracht hatte, geschah es, daß der Koͤnig des Landes in dem Wald jagte, und seine Jaͤger zu dem Baum kamen, auf welchem das Maͤdchen saß. Sie riefen es an und sagten ‘wer bist du?’ Es gab aber keine Anwort. ‘Komm herab zu uns,’ sagten sie, ‘wir wollen dir nichts zu Leid thun.’ Es schuͤttelte bloß mit dem Kopf. Als sie es weiter mit Fragen bedraͤngten, so warf es ihnen seine goldene Halskette herab, und dachte sie damit zufrieden zu stellen. Sie ließen aber nicht ab, da warf es ihnen seinen Guͤrtel herab, und als auch dies nicht half, seine Strumpfbaͤnder, und nach und nach alles, was es anhatte und entbehren konnte, so daß es nichts mehr als sein Hemdlein behielt. Die Jaͤger ließen sich aber damit nicht abweisen, stiegen auf den Baum, hoben das Maͤdchen herab, und fuͤhrten es vor den Koͤnig. Der Koͤnig fragte ‘wer bist du? was machst du auf dem Baum?’ Aber es antwortete nicht. Er fragte es in allen Sprachen die er wußte, aber es blieb stumm wie ein Fisch. Weil es aber so schoͤn war, so ward des Koͤnigs Herz geruͤhrt, und er faßte eine große Liebe zu ihm. Er that ihm seinen Mantel um, nahm es vor sich aufs Pferd, und brachte es in sein296 Schloß. Da ließ er ihm reiche Kleider anthun, und es strahlte in seiner Schoͤnheit wie der helle Tag, aber es war kein Wort aus ihm herauszubringen. Er setzte es bei Tisch an seine Seite, und seine bescheidenen Mienen und Sittsamkeit gefielen ihm so sehr daß er sprach ‘diese begehre ich zu heirathen und keine andere auf der Welt,’ und nach einigen Tagen vermaͤhlte er sich mit ihr.
Der Koͤnig aber hatte eine boͤse Mutter, die war unzufrieden mit dieser Heirath und sprach schlecht von der jungen Koͤnigin. ‘Wer weiß, wo die Dirne her ist,’ sagte sie, ‘die nicht reden kann: sie ist eines Koͤnigs nicht wuͤrdig.’ Ueber ein Jahr, als die Koͤnigin das erste Kind zur Welt brachte, nahm es ihr die Alte weg, und bestrich ihr im Schlafe den Mund mit Blut. Dann gieng sie zum Koͤnig, und klagte sie an, sie sey eine Menschenfresserin. Der Koͤnig wollte es nicht glauben, und litt nicht daß man ihr ein Leid anthat. Sie saß aber bestaͤndig, und naͤhte an den Hemden, und achtete auf nichts anderes. Das naͤchstemal, als sie wieder einen schoͤnen Knaben gebar, uͤbte die falsche Schwiegermutter denselben Betrug aus, aber der Koͤnig konnte sich nicht entschließen ihren Reden Glauben beizumessen, und sprach ‘sie ist zu fromm und gut als daß sie so etwas thun koͤnnte, waͤre sie nicht stumm, und koͤnnte sie sich vertheidigen, so wuͤrde ihre Unschuld an den Tag kommen.’ Als aber das drittemal die Alte das neugeborne Kind raubte, und die Koͤnigin anklagte, die kein Wort zu ihrer Vertheidigung vorbrachte, so konnte der Koͤnig nicht anders, er mußte sie dem Gericht uͤbergeben, und das verurtheilte sie den Tod durchs Feuer zu erleiden.
297Als der Tag heran kam, wo das Urtheil sollte vollzogen werden, da war zugleich der letzte Tag von den sechs Jahren herum, in welchen sie nicht sprechen und nicht lachen durfte, und sie hatte ihre lieben Bruͤder aus der Macht des Zaubers befreit. Die sechs Hemden waren fertig geworden, nur daß an dem letzten der linke Ermel noch fehlte. Als sie nun zum Scheiterhaufen gefuͤhrt wurde, legte sie die Hemden auf ihren Arm, und als sie oben stand, und das Feuer eben sollte angezuͤndet werden, so schaute sie sich um, da kamen sechs Schwaͤne durch die Luft daher gezogen. Da sah sie daß ihre Erloͤsung nahte, und ihr Herz regte sich in Freude. Die Schwaͤne rauschten zu ihr her, und senkten sich herab so daß sie ihnen die Hemden uͤberwerfen konnte, und wie sie davon beruͤhrt wurden fielen die Schwanenhaͤute ab, und ihre Bruͤder standen leibhaftig vor ihr, und waren frisch und schoͤn; nur dem juͤngsten fehlte der linke Arm, und er hatte dafuͤr einen Schwanenfluͤgel am Ruͤcken. Sie herzten und kuͤßten sich, und die Koͤnigin gieng zu dem Koͤnige, der ganz bestuͤrzt war, und fieng an zu reden, und sagte ‘liebster Gemahl, nun darf ich sprechen und dir offenbaren daß ich unschuldig bin und faͤlschlich angeklagt,’ und erzaͤhlte ihm von dem Betrug der Alten, die ihre drei Kinder weggenommen und verborgen haͤtte. Da wurden sie zu großer Freude des Koͤnigs herbeigeholt, die boͤse Schwiegermutter aber wurde zur Strafe auf den Scheiterhaufen gebunden und zu Asche verbrannt. Der Koͤnig aber und die Koͤnigin mit ihren sechs Bruͤdern lebten lange Jahre in Gluͤck und Frieden.
Vor Zeiten war ein Koͤnig und eine Koͤnigin, die sprachen jeden Tag, ‘ach, wenn wir doch ein Kind haͤtten!’ und kriegten immer keins. Da trug sich zu, als die Koͤnigin einmal im Bade saß, daß ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch, und zu ihr sprach, ‘dein Wunsch wird erfuͤllt werden, und du wirst eine Tochter zur Welt bringen’. Was der Frosch vorausgesagt hatte, das geschah, und die Koͤnigin gebar ein Maͤdchen, das war so schoͤn, daß der Koͤnig vor Freude sich nicht zu lassen wußte, und ein großes Fest anstellte. Er ladete nicht bloß seine Verwandte, Freunde und Bekannte, sondern auch die weisen Frauen dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wuͤrden. Es waren ihrer dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwoͤlf goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, konnte er eine nicht einladen. Die geladen waren kamen, und als das Fest vorbei war, beschenkten sie das Kind mit ihren Wundergaben: die eine mit Tugend, die andere mit Schoͤnheit, die dritte mit Reichthum, und so mit allem, was Herrliches auf der Welt ist. Als elfe ihre Wuͤnsche eben gethan hatten, kam die dreizehnte herein, die nicht eingeladen war, und sich dafuͤr raͤchen299 wollte. Sie rief ‘die Koͤnigstochter soll sich in ihrem funfzehnten Jahr an einer Spindel stechen, und todt hinfallen.’ Da trat die zwoͤlfte hervor, die noch einen Wunsch uͤbrig hatte: zwar konnte sie den boͤsen Ausspruch nicht aufheben, aber sie konnte ihn doch mildern, und sprach ‘es soll aber kein Tod seyn, sondern ein hundertjaͤhriger tiefer Schlaf, in welchen die Koͤnigstochter faͤllt.’
Der Koͤnig, der sein liebes Kind vor dem Ungluͤck gerne bewahren wollte, ließ den Befehl ausgehen, daß alle Spindeln im ganzen Koͤnigreiche sollten abgeschafft werden. An dem Maͤdchen aber wurden die Gaben der weisen Frauen saͤmmtlich erfuͤllt, denn es war so schoͤn, sittsam, freundlich und verstaͤndig, daß es jedermann, der es ansah, lieb haben mußte. Es geschah, daß an dem Tage, wo es gerade funfzehn Jahr alt ward, der Koͤnig und die Koͤnigin nicht zu Haus waren, und das Maͤdchen ganz allein im Schloß zuruͤckblieb. Da gieng es aller Orten herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Thurm. Es stieg eine enge Treppe hinauf, und gelangte zu einer kleinen Thuͤre. Jn dem Schloß steckte ein verrosteter Schluͤssel, und als es umdrehte, sprang die Thuͤre auf, und saß da in einem kleinen Stuͤbchen eine alte Frau, und spann emsig ihren Flachs. ‘Ei du altes Muͤtterchen,’ sprach die Koͤnigstochter, ‘was machst du da?’ ‘Jch spinne,’ sagte die Alte, und nickte mit dem Kopf. ‘Wie das Ding so lustig herumspringt!’ sprach das Maͤdchen, nahm die Spindel, und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die Spindel angeruͤhrt, so gieng der Zauberspruch in Erfuͤllung, und sie stach sich damit.
300Jn dem Augenblicke aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auch nieder in einen tiefen Schlaf. Und der Koͤnig und die Koͤnigin, die eben zuruͤckgekommen waren, fiengen an mit dem ganzen Hofstaat einzuschlafen. Da schliefen auch die Pferde im Stall ein, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hoͤrte auf zu brutzeln, und der Koch, der den Kuͤchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief, und alles was lebendigen Othem hatte, ward still und schlief.
Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr hoͤher ward, und endlich das ganze Schloß umzog, und druͤber hinaus wuchs, daß gar nichts mehr, selbst nicht die Fahnen auf den Daͤchern, zu sehen war. Es gieng aber die Sage in dem Land von dem schoͤnen schlafenden Dornroͤschen, denn so wurde die Koͤnigstochter genannt, also daß von Zeit zu Zeit Koͤnigssoͤhne kamen, und durch die Hecke in das Schloß dringen wollten. Es war ihnen aber nicht moͤglich, denn die Aeste hielten sich, als haͤtten sie Haͤnde, zusammen, und die Juͤnglinge blieben in den Dornen haͤngen, und starben jaͤmmerlich. Nach langen langen Jahren kam wieder ein Koͤnigssohn durch das Land, dem erzaͤhlte ein alter Mann von der Dornhecke, es sollte ein Schloß dahinter stehen, in welchem eine wunderschoͤne Koͤnigstochter, Dornroͤschen genannt, schliefe, und mit ihr schliefe der ganze Hofstaat. Er erzaͤhlte auch daß er von seinem Großvater301 gehoͤrt wie viele Koͤnigssoͤhne schon versucht haͤtten durch die Dornenhecke zu dringen, aber darin haͤngen geblieben, und eines traurigen Todes gestorben waͤren. Da sprach der Juͤngling ‘das soll mich nicht abschrecken, ich will hindurch, und das schoͤne Dornroͤschen sehen’. Der Alte mochte ihm abrathen, wie er wollte, er hoͤrte gar nicht darauf.
Nun waren aber gerade an dem Tag, wo der Koͤnigssohn kam, die hundert Jahre verflossen. Und als er sich der Dornenhecke naͤherte, waren es lauter große schoͤne Blumen, die thaten sich von selbst auseinander, daß er unbeschaͤdigt hindurch gieng: und hinter ihm thaten sie sich wieder als eine Hecke zusammen. Er kam ins Schloß, da lagen im Hof die Pferde und scheckigen Jagdhunde und schliefen, auf dem Dache saßen die Tauben, und hatten das Koͤpfchen unter den Fluͤgel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen an der Wand, der Koch in der Kuͤche hielt noch die Hand, als wollte er den Jungen anpacken, und die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das sollte gerupft werden. Da gieng er weiter, und sah im Saale den ganzen Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lag der Koͤnig und die Koͤnigin. Da gieng er noch weiter, und alles war so still, daß einer seinen Athem hoͤren konnte, und endlich kam er zu dem Thurm, und oͤffnete die Thuͤre zu der kleinen Stube, in welcher Dornroͤschen schlief. Da lag es und war so schoͤn, daß er die Augen nicht abwenden konnte, und er buͤckte sich, und gab ihm einen Kuß. Wie er es mit dem Kuß beruͤhrt hatte, schlug Dornroͤschen die Augen auf, erwachte, und blickte ihn ganz302 freundlich an. Da giengen sie zusammen herab, und der Koͤnig erwachte und die Koͤnigin, und der ganze Hofstaat, und sahen einander mit großen Augen an. Und die Pferde im Hof standen auf und ruͤttelten sich; die Jagdhunde sprangen und wedelten; die Tauben auf dem Dach zogen das Koͤpfchen unterm Fluͤgel hervor, sahen umher, und flogen ins Feld; die Fliegen an den Waͤnden krochen weiter; das Feuer in der Kuͤche erhob sich, flackerte, und kochte das Essen; und der Braten brutzelte fort; und der Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, daß er schrie; und die Magd rupfte das Huhn fertig. Und da wurde die Hochzeit des Koͤnigssohns mit dem Dornroͤschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnuͤgt bis an ihr Ende.
Es war einmal ein Foͤrster, der gieng in den Wald auf die Jagd, und wie er in den Wald kam, hoͤrte er schreien, als obs ein kleines Kind waͤre, und ging dem Schreien nach, da sah er endlich einen hohen Baum, und oben darauf saß ein kleines Kind. Es war aber die Mutter mit dem Kinde unter dem Baum eingeschlafen, und ein Raubvogel hatte das Kind in ihrem Schooße gesehen, da flog er hinzu, nahm es mit seinem Schnabel weg, und setzte es auf den hohen Baum.
Der Foͤrster stieg hinauf, holte das Kind herunter, und dachte ‘du willst das Kind mit nach Haus nehmen, und mit deinem Lenchen zusammen aufziehn,’ und brachte es heim, und die zwei Kinder wuchsen mit einander auf. Das aber, das auf dem Baum gefunden worden war, und weil es ein Vogel weggetragen hatte, wurde Fundevogel geheißen. Fundevogel und Lenchen hatten sich so lieb, nein so lieb, daß wenn eins das andere nicht sah, wurde es traurig.
Der Foͤrster hatte aber eine alte Koͤchin, die nahm eines Abends zwei Eimer, und fieng an Wasser zu schleppen, und gieng nicht einmal sondern vielemal hinaus an den Brunnen,304 Lenchen sah es und sprach ‘hoͤr einmal, alte Sanne, was traͤgst du denn so viel Wasser zu?’ ‘Wenn dus keinem Menschen wieder sagen willst, so will ich dirs wohl sagen.’ Da sagte Lenchen nein, sie wollte es keinem Menschen wiedersagen, so sprach die Koͤchin ‘morgen fruͤh, wenn der Foͤrster auf die Jagd ist, da koche ich das Wasser, und wenns im Kessel siedet, werf ich den Fundevogel nein, und will ihn darin kochen.’
Und des andern Morgens in aller Fruͤhe stieg der Foͤrster auf, und gieng auf die Jagd, und als er weg war, lagen die Kinder noch im Bett, da sprach Lenchen zum Fundevogel ‘verlaͤßt du mich nicht, so verlaß ich dich auch nicht:’ so sprach der Fundevogel ‘nun und nimmermehr.’ Da sprach Lenchen ‘ich will es dir nur sagen, die Sanne schleppte gestern Abend so viel Eimer Wasser ins Haus, da fragte ich sie warum sie das thaͤte, so sagte sie, wenn ichs keinem Menschen sagen wollte, so wollte sie es mir wohl sagen: sprach ich, ich wollte es gewiß keinem Menschen sagen: da sagte sie, morgen fruͤh, wenn der Vater auf die Jagd waͤre, wollte sie den Kessel voll Wasser sieden, und dich hineinwerfen und kochen. Wir wollen aber geschwind aufsteigen, uns anziehen, und zusammen fortgehen.’
Also standen die beiden Kinder auf, zogen sich geschwind an, und giengen fort. Wie nun das Wasser im Kessel kochte, gieng die Koͤchin in die Schlafkammer, und wollte den Fundevogel holen, um ihn hinein zu werfen. Aber, als sie hinein kam, und zu den Betten trat, waren die Kinder alle beide fort, da wurde ihr grausam angst, und sie sprach vor sich ‘was will305 ich nun sagen, wenn der Foͤrster heim kommt, und sieht daß die Kinder weg sind? Geschwind hinten nach, daß wir sie wieder kriegen.’
Da schickte die Koͤchin drei Knechte nach, die sollten laufen, und die Kinder einlangen. Die Kinder aber saßen vor dem Wald, und als sie die drei Knechte von weitem laufen sahen, sprach Lenchen zum Fundevogel ‘verlaͤßt du mich nicht, so verlaß ich dich auch nicht.’ So sprach Fundevogel ‘nun und nimmermehr.’ Da sagte Lenchen ‘werde du zum Rosenstoͤckchen, und ich zum Roͤschen drauf.’ Wie nun die drei Knechte vor den Wald kamen, so war nichts da, als ein Rosenstrauch und ein Roͤschen oben drauf, die Kinder aber nirgends. Da sprachen sie ‘hier ist nichts zu machen,’ und giengen heim, und sagten der Koͤchin sie haͤtten nichts in der Welt gesehen, als nur ein Rosenstoͤckchen, mit einem Roͤschen oben drauf. Da schalt die alte Koͤchin ‘ihr Einfaltspinsel, ihr haͤttet das Rosenstoͤckchen sollen entzwei schneiden, und das Roͤschen abbrechen, und mit nach Haus bringen; geschwind und thuts.’ Sie mußten also zum zweitenmal hinaus, und suchen. Die Kinder sahen sie aber von weitem kommen, da sprach Lenchen ‘Fundevogel, verlaͤßt du mich nicht, verlaß ich dich auch nicht.’ Fundevogel sagte ‘nun und nimmermehr.’ Sprach Lenchen ‘so werde du eine Kirche, und ich die Krone darin.’ Wie nun die drei Knechte dahin kamen, war nichts da, als eine Kirche, und eine Krone darin. Sie sprachen also zu einander ‘was sollen wir hier machen, laßt uns nach Hause gehen.’ Wie sie nach Haus kamen,306 fragte die Koͤchin ob sie nichts gefunden haͤtten: so sagten sie nein, sie haͤtten nichts gefunden, wie eine Kirche, da waͤre eine Krone darin gewesen. ‘Jhr Narren,’ schalt die Koͤchin, ‘warum habt ihr nicht die Kirche zerbrochen, und die Krone mit heim gebracht?’ Nun machte sich die alte Koͤchin selbst auf die Beine, und gieng mit den drei Knechten den Kindern nach. Die Kinder sahen aber die drei Knechte von weitem kommen, und die Koͤchin wackelte hinten nach. Da sprach Lenchen ‘Fundevogel, verlaͤßt du mich nicht, so verlaß ich dich auch nicht.’ Da sprach der Fundevogel ‘nun und nimmermehr.’ Sprach Lenchen ‘werde du zum Teich, und ich die Ente drauf.’ Die Koͤchin aber kam herzu, und als sie den Teich sahe, legte sie sich druͤber hin, und wollte ihn aussaufen. Aber die Ente kam schnell geschwommen, faßte sie mit ihrem Schnabel beim Kopf, und zog sie ins Wasser hinein: da mußte die alte Hexe ertrinken. Da giengen die Kinder zusammen nach Haus, und waren herzlich froh; und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch.
Ein Koͤnig hatte eine Tochter, die war wunderschoͤn, aber stolz und uͤbermuͤthig, so daß ihr kein Freier gut genug war, und sie einen nach dem andern abwies, und noch dazu Spott mit ihnen trieb. Einmal ließ der Koͤnig ein großes Fest anstellen, und ladete dazu alle heirathslustigen Maͤnner ein, die wurden in eine Reihe, nach ihrem Rang und Stand, geordnet; erst kamen die Koͤnige, dann die Herzoͤge, die Fuͤrsten, Grafen und Freiherrn, zuletzt die Edelleute. Nun wurde die Koͤnigstochter durch die Reihen gefuͤhrt, aber an jedem hatte sie etwas auszusetzen. Der eine war ihr zu dick, ‘das Weinfaß!’ sprach sie. Der andere zu lang, ‘lang und schwank hat keinen Gang’. Der dritte zu kurz, ‘kurz und dick hat kein Geschick’. Der vierte zu blaß, ‘der bleiche Tod!’ der fuͤnfte zu roth, ‘der Zinshahn!’ der sechste war nicht gerad genug, ‘gruͤnes Holz, hinterm Ofen getrocknet!’ Und so hatte sie an einem jeden etwas auszusetzen, besonders aber machte sie sich uͤber einen guten Koͤnig lustig, der ganz oben stand, und dem das Kinn ein wenig krumm gewachsen war. ‘Ei,’ rief sie und lachte, ‘der hat ein Kinn, wie die Drossel einen Schnabel;’ und seit der Zeit bekam er den Namen Drosselbart. Der alte Koͤnig aber, als er sah daß seine308 Tochter nichts that als uͤber die Leute spotten, und alle Freier die da versammelt waren, verschmaͤhte, ward er zornig und schwur sie sollte den ersten besten Bettler zum Mann nehmen, der vor seine Thuͤre kaͤme.
Ein paar Tage darauf hub ein Spielmann an unter dem Fenster zu singen, um damit ein geringes Almosen zu verdienen. Als es der Koͤnig hoͤrte, sprach er ‘laßt ihn herauf kommen.’ Da trat ein schmutziger Spielmann herein, sang vor dem Koͤnig und seiner Tochter, und bat, als er fertig war, um eine milde Gabe. Der Koͤnig sprach ‘dein Gesang hat mir so wohl gefallen, daß ich dir da meine Tochter zur Frau geben will.’ Die Koͤnigstochter erschrack, aber der Koͤnig sagte ‘ich habe den Eid gethan, dich dem ersten besten Bettelmann zu geben, den will ich auch halten’. Es half keine Einrede, der Pfarrer ward geholt, und sie mußte sich gleich mit dem Spielmann trauen lassen. Als das geschehen war, sprach der Koͤnig ‘nun schickt sichs nicht weiter, daß du in meinem Schloß bleibst, du kannst nur mit deinem Manne fortziehen’.
Der Bettelmann nahm sie mit hinaus, und sie kamen in einen großen Wald. Da fragte sie
Darauf kamen sie uͤber eine Wiese, da fragte sie wieder
309Dann kamen sie durch eine große Stadt, da fragte sie wieder
‘Es gefaͤllt mir gar nicht,’ sprach der Spielmann, ‘daß du dir immer einen andern zum Mann wuͤnschest, bin ich dir nicht gut genug?’ Endlich kamen sie an ein ganz kleines Haͤuschen da sprach sie
Der Spielmann antwortete ‘das ist mein und dein Haus, wo wir zusammen wohnen.’ ‘Wo sind die Diener?’ sprach die Koͤnigstochter. ‘Was Diener!’ antwortete der Bettelmann, ‘du mußt selber thun was du willst gethan haben. Mach nur gleich Feuer an und stell Wasser auf, daß du mir mein Essen kochst; ich bin ganz muͤde.’ Die Koͤnigstochter verstand aber nichts vom Feueranmachen und Kochen, und der Bettelmann mußte selber mit Hand anlegen, daß es noch so leidlich gieng. Als sie die schmale Kost gegessen hatten, legten sie sich zu Bett,310 aber am Morgen trieb er sie schon ganz fruͤh heraus, weil sie das Haus besorgen sollte. Ein paar Tage lebten sie auf diese Art schlecht und recht, und zehrten ihren Vorrath auf. Da sprach der Mann ‘Frau, so gehts nicht laͤnger, daß wir hier zehren und nichts verdienen. Du sollst Koͤrbe flechten.’ Er gieng aus, schnitt Weiden, und brachte sie heim: da fieng sie an zu flechten, aber die harten Weiden stachen ihr die zarten Haͤnde wund. ‘Jch sehe das geht nicht,’ sprach der Mann, ‘spinn lieber, vielleicht kannst du das besser.’ Sie setzte sich hin und versuchte zu spinnen, aber der harte Faden schnitt ihr bald in die weichen Finger, daß das Blut daran herunterlief. ‘Siehst du,’ sprach der Mann, ‘du taugst zu keiner Arbeit, mit dir bin ich schlimm angekommen. Nun will ichs versuchen, und einen Handel mit Toͤpfen und irdenem Geschirr anfangen: du sollst dich auf den Markt setzen, und die Waare feil halten.’ ‘Ach,’ dachte sie, ‘wenn auf den Markt Leute aus meines Vaters Reich kommen, und sehen mich da sitzen und feil halten, wie werden sie mich verspotten!’ Aber es half nichts, sie mußte sich fuͤgen, wenn sie nicht Hungers sterben wollten. Das erstemal giengs gut, denn die Leute kauften der Frau, weil sie so schoͤn war, gern ihre Waare ab, und bezahlten was sie forderte: ja, viele gaben ihr das Geld, und ließen ihr die Toͤpfe noch dazu. Nun lebten sie von dem erworbenen so lang es dauerte, da handelte der Mann wieder eine Menge neues Geschirr ein, und sie setzte sich an eine Ecke des Marktes, und stellte es um sich her, und hielt feil. Da kam ploͤtzlich ein trunkener Husar daher gejagt,311 und ritt gerade zu in die Toͤpfe hinein, daß alles in tausend Scherben zersprang. Sie fieng an zu weinen, und wußte vor Angst nicht was sie anfangen sollte. ‘Ach, wie wird mirs ergehen!’ rief sie, ‘was wird mein Mann dazu sagen!’ Sie lief heim, und erzaͤhlte ihm das Ungluͤck. ‘Wer setzt sich auch an die Ecke des Marktes mit irdenem Geschirr!’ sprach der Mann, ‘laß nur das Weinen, ich sehe wohl, du bist zu keiner ordentlichen Arbeit zu gebrauchen; da bin ich in unseres Koͤnigs Schloß gewesen, und habe gefragt ob sie nicht eine Kuͤchenmagd brauchen koͤnnten, und sie haben mir versprochen sie wollten dich dazu nehmen, dafuͤr bekommst du freies Essen.’
Nun ward die Koͤnigstochter eine Kuͤchenmagd, mußte dem Koch zur Hand gehen, und die sauerste Arbeit thun. Sie machte sich an beiden Seiten in den Taschen ein Toͤpfchen fest, darin brachte sie was ihr von dem uͤbrig gebliebenen zu Theil ward nach Haus, und sie lebten zusammen davon. Es trug sich zu, daß die Hochzeit des aͤltesten Koͤnigssohns sollte gefeiert werden, da gieng die arme Frau hinauf, stellte sich vor die Saalthuͤre, und sah zu. Als nun die Lichter angezuͤndet wurden, und immer einer schoͤner als der andere hereintrat, und alles voll Pracht und Herrlichkeit war, da dachte sie mit betruͤbtem Herzen an ihr Schicksal, und verwuͤnschte ihren Stolz und Uebermuth, der sie erniedrigt und in diese Armuth gestuͤrzt hatte. Von den koͤstlichen Speisen, die da ein und ausgetragen wurden, erhielt sie von den Dienern manchmal etwas geschenkt, das that sie in ihr Toͤpfchen, und wollte es heim tragen. Auf312 einmal trat der Koͤnigssohn in goldenen Kleidern daher, und als er die schoͤne Frau in der Thuͤre stehen sah, ergriff er sie bei der Hand, und wollte mit ihr tanzen, aber sie wollte nicht, und erschrack, denn sie sah daß es der Koͤnig Drosselbart war, der um sie gefreit und den sie mit Spott abgewiesen hatte. Als sie sich straͤubte, zog er sie herein, da gieng das Band auf, welches die Taschen hielt, und die Toͤpfe fielen heraus, daß die Suppe floß, und die Brocken umher sprangen. Und wie das die Leute sahen, entstand ein allgemeines Gelaͤchter und Spotten, und sie war so beschaͤmt, daß sie sich lieber tausend Klafter unter die Erde gewuͤnscht haͤtte. Sie sprang zur Thuͤre, und wollte entfliehen, aber auf der Treppe holte sie ein Mann ein, und bracht sie zuruͤck: und wie sie ihn ansah, war es der Koͤnig Drosselbart selbst, der sprach ihr freundlich zu, ‘fuͤrchte dich nicht, ich und der Spielmann, der mit dir in dem elenden Haͤuschen gewohnt hat, sind eins: dir zur Liebe habe ich mich so verstellt, und der Husar, der dir die Toͤpfe entzwei geritten hat, bin ich auch gewesen. Das alles ist geschehen, um deinen stolzen Sinn zu beugen, und dich fuͤr deinen Hochmuth, womit du mich verspottet hast, zu strafen. Nun aber ist’s voruͤber, und jetzt soll unser Hochzeitfest seyn.’ Da kamen die Kammerfrauen, und thaten ihr die praͤchtigsten Kleider an, und ihr Vater kam und der ganze Hof, und wuͤnschten ihr Gluͤck zu ihrer Vermaͤhlung mit dem Koͤnig Drosselbart, und die rechte Freude fieng jetzt erst an. Jch wollte, du und ich, wir waͤren auch dabei gewesen.
Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab, da saß eine Koͤnigin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und naͤhte. Und wie sie so naͤhte und nach dem Schnee aufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee. Und weil das Rothe im weißen Schnee so schoͤn aussah, dachte sie bei sich ‘haͤtt ich ein Kind so weiß wie Schnee, so roth wie Blut, und so schwarz wie der Rahmen.’ Bald darauf bekam sie ein Toͤchterlein, das war so weiß wie Schnee, so roth wie Blut, und so schwarzhaarig wie Ebenholz, und wurde darum das Sneewittchen (Schneeweißchen) genannt. Und wie das Kind geboren war, starb die Koͤnigin.
Ueber ein Jahr nahm sich der Koͤnig eine andere Gemahlin. Es war eine schoͤne Frau, aber sie war stolz und uͤbermuͤthig, und konnte nicht leiden daß sie an Schoͤnheit von jemand sollte uͤbertroffen werden. Sie hatte einen wunderbaren Spiegel, wenn sie vor den trat und sich darin beschaute, sprach sie
so antwortete der Spiegel
Da war sie zufrieden, denn sie wußte daß der Spiegel die Wahrheit sagte.
Sneewittchen aber wuchs heran, und wurde immer schoͤner, und als es sieben Jahr alt war, war es so schoͤn, wie der klare Tag, und schoͤner als die Koͤnigin selbst. Als diese einmal ihren Spiegel fragte
so antwortete er
Da erschrack die Koͤnigin und ward gelb und gruͤn vor Neid. Von Stund an, wenn sie Sneewittchen erblickte, kehrte sich ihr das Herz im Leibe herum, so haßte sie das Maͤdchen. Und der Neid und Hochmuth wuchsen, und wurden so groß in ihr, daß sie Tag und Nacht keine Ruhe mehr hatte. Da rief sie einen Jaͤger, und sprach ‘bring das Kind hinaus in den Wald, ich wills nicht mehr vor meinen Augen sehen. Dort sollst dus toͤdten, und mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen.’ Der Jaͤger gehorchte, und fuͤhrte es hinaus, und als er den Hirschfaͤnger gezogen hatte, und Sneewittchens unschuldiges Herz durchbohren wollte, fieng es an zu weinen, und sprach ‘ach lieber Jaͤger, laß mir mein Leben; ich will in den wilden Wald laufen, und nimmermehr wieder heim kommen.’ Und weil es315 so schoͤn war, hatte der Jaͤger Mitleiden, und sprach ‘so lauf hin, du armes Kind.’ ‘Die wilden Thiere werden dich bald gefressen haben’ dachte er, und doch wars ihm als waͤr ein Stein von seinem Herzen gewaͤlzt, weil er es nicht zu toͤdten brauchte. Und weil gerade ein junger Frischling daher gesprungen kam, stach er ihn ab, nahm Lunge und Leber heraus, und brachte sie als Wahrzeichen der Koͤnigin mit. Der Koch mußte sie in Salz kochen, und das boshafte Weib aß sie auf, und meinte sie haͤtte Sneewittchens Lunge und Leber gegessen.
Nun war das arme Kind in dem großen Wald mutterseelig allein, und ward ihm so angst, daß es alle Blaͤtter an den Baͤumen ansah, und nicht wußte wie es sich helfen sollte. Da fieng es an zu laufen, und lief uͤber die spitzen Steine und durch die Dornen, und die wilden Thiere sprangen an ihm vorbei, aber sie thaten ihm nichts. Es lief so lange nur die Fuͤße noch fort konnten, bis es bald Abend werden wollte, da sah es ein kleines Haͤuschen, und gieng hinein sich zu ruhen. Jn dem Haͤuschen war alles klein, aber so zierlich und reinlich, daß es nicht zu sagen ist. Da stand ein weiß gedecktes Tischlein mit sieben kleinen Tellern, jedes Tellerlein mit seinem Loͤffelein, ferner sieben Messerlein und Gaͤblein, und sieben Becherlein. An der Wand waren sieben Bettlein neben einander aufgestellt, und schneeweiße Laken daruͤber gedeckt. Sneewittchen, weil es so hungrig und durstig war, aß von jedem Tellerlein ein wenig Gemuͤs und Brot, und trank aus jedem Becherlein einen Tropfen Wein; denn es wollte nicht einem allein alles wegnehmen. 316Hernach, weil es so muͤde war, legte es sich in ein Bettchen, aber keins paßte; das eine war zu lang, das andere zu kurz, bis endlich das siebente recht war, und darin blieb es liegen, befahl sich Gott, und schlief ein.
Als es nun ganz dunkel geworden war, kamen die Herren von dem Haͤuslein, das waren sieben Zwerge, die in den Bergen nach Erz hackten und gruben. Sie zuͤndeten ihre sieben Lichtlein an, und wie es nun hell im Haͤuslein ward, sahen sie daß jemand darin gewesen war, denn es stand nicht alles so in der Ordnung wie sie es verlassen hatten. Der erste sprach ‘wer hat auf meinem Stuͤhlchen gesessen?’ Der zweite ‘wer hat von meinem Tellerchen gegessen?’ Der dritte ‘wer hat von meinem Broͤtchen genommen?’ Der vierte ‘wer hat von meinem Gemuͤschen gegessen?’ Der fuͤnfte: ‘wer hat mit meinem Gaͤbelchen gestochen?’ Der sechste ‘wer hat mit meinem Messerchen geschnitten?’ Der siebente ‘wer hat aus meinem Becherlein getrunken?’ Dann sah sich der erste um, und sah daß auf seinem Bett eine kleine Daͤlle war, da sprach er ‘wer hat in mein Bettchen getreten?’ Die andern kamen gelaufen, und riefen ‘in meinem hat auch jemand gelegen.’ Der siebente aber, als der in sein Bett sah, erblickte Sneewittchen, das lag darin und schlief. Nun rief er die andern, die kamen herbeigelaufen, und schrien vor Verwunderung, holten ihre sieben Lichtlein, und beleuchteten Sneewittchen. ‘Ei, du mein Gott! ei du mein Gott!’ riefen sie, ‘was ist das Kind schoͤn!’ und hatten so große Freude, daß sie es nicht aufweckten, sondern im Bettlein fortschlafen ließen. 317Der siebente Zwerg aber schlief bei seinen Gesellen, bei jedem eine Stunde, da war die Nacht herum.
Als es Morgen war, erwachte Sneewittchen, und wie es die sieben Zwerge sah, erschrack es. Sie waren aber freundlich und fragten ‘wie heißt du?’ ‘Jch heiße Sneewittchen’ antwortete es. ‘Wie bist du in unser Haus gekommen?’ sprachen weiter die Zwerge. Da erzaͤhlte es ihnen daß seine Stiefmutter es haͤtte wollen umbringen lassen, der Jaͤger haͤtte ihm aber das Leben geschenkt, und da waͤr es gelaufen den ganzen Tag, bis es endlich ihr Haͤuslein gefunden. Die Zwerge sprachen ‘willst du unsern Haushalt versehen, kochen, betten, waschen, naͤhen und stricken, und willst du alles ordentlich und reinlich halten, so kannst du bei uns bleiben, und es soll dir an nichts fehlen.’ Das versprach Sneewittchen, und blieb bei ihnen. Es hielt ordentlich Haus: Morgens giengen sie in die Berge, und suchten Erz und Gold, Abends kamen sie wieder, und da mußte ihr Essen bereit seyn. Den Tag uͤber war das Maͤdchen allein, da warnten es die guten Zwerglein und sprachen ‘huͤte dich vor deiner Stiefmutter, die wird bald wissen daß du hier bist; laß ja niemand herein.’
Die Koͤnigin aber, nachdem sie Sneewittchens Lunge und Leber glaubte gegessen zu haben, dachte nicht anders als wieder die erste und allerschoͤnste zu seyn, und trat vor ihren Spiegel, und sprach
Da antwortete der Spiegel
Da erschrack sie, denn sie wußte, daß der Spiegel keine Unwahrheit sprach, und merkte daß der Jaͤger sie betrogen hatte, und Sneewittchen noch am Leben war. Und da sann und sann sie aufs neue, wie sie es umbringen wollte; denn so lange sie nicht die schoͤnste war im ganzen Land, ließ ihr der Neid keine Ruhe. Und als sie sich endlich etwas ausgedacht hatte, faͤrbte sie sich das Gesicht, und kleidete sich wie eine alte Kraͤmerin, und war ganz unkenntlich. Jn dieser Gestalt gieng sie uͤber die sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Thuͤre, und rief ‘schoͤne Waare feil! feil!’ Sneewittchen guckte zum Fenster heraus, und rief ‘guten Tag, liebe Frau, was habt ihr zu verkaufen?’ ‘Gute Waare, schoͤne Waare’ antwortete sie, ‘Schnuͤrriemen von allen Farben,’ dabei holte sie einen hervor, der aus bunter Seide geflochten war. ‘Die ehrliche Frau kann ich herein lassen’ dachte Sneewittchen, riegelte die Thuͤre auf, und kaufte sich den huͤbschen Schnuͤrriemen. ‘Kind,’ sprach die Alte, ‘wie du aussiehst! komm, ich will dich einmal ordentlich schnuͤren.’ Sneewittchen hatte kein Arg, stellte sich vor sie, und ließ sich mit dem neuen Schnuͤrriemen schnuͤren; aber die Alte schnuͤrte geschwind, und schnuͤrte so fest, daß dem Sneewittchen319 der Athem vergieng, und es fuͤr todt hinfiel. ‘Nun bist du die schoͤnste gewesen,’ sprach sie, und eilte hinaus.
Nicht lange darauf, zur Abendzeit, kamen die sieben Zwerge nach Haus, aber wie erschracken sie, als sie ihr liebes Sneewittchen auf der Erde liegen fanden, und es regte und bewegte sich nicht, als waͤr es todt. Sie hoben es in die Hoͤhe, und weil sie sahen daß es zu fest geschnuͤrt war, schnitten sie den Schnuͤrriemen entzwei: da fieng es an ein wenig zu athmen, und ward nach und nach wieder lebendig. Als die Zwerge hoͤrten was geschehen war, sprachen sie, ‘die alte Kraͤmerfrau war niemand als die Koͤnigin, huͤte dich, und laß keinen Menschen herein, wenn wir nicht bei dir sind.’
Das boͤse Weib aber, als es nach Haus gekommen war, gieng vor den Spiegel, und fragte
Da antwortete er wie sonst
Als sie das hoͤrte, lief ihr alles Blut zum Herzen, so erschrack sie, denn sie sah wohl daß Sneewittchen wieder lebendig geworden war. ‘Nun aber,’ sprach sie, ’will ich etwas aussinnen, das dich zu Grunde richten soll,’ und mit Hexenkuͤnsten, die sie verstand, machte sie einen giftigen Kamm. Dann verkleidete320 sie sich, und nahm die Gestalt eines andern alten Weibes an. So gieng sie hin uͤber die sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Thuͤre, und rief ‘gute Waare feil! feil!’ Sneewittchen schaute heraus, und sprach ‘geht nur weiter, ich darf niemand hereinlassen.’ ‘Das Ansehen wird dir doch erlaubt seyn,’ sprach die Alte, zog den giftigen Kamm heraus, und hielt ihn in die Hoͤhe. Da gefiel er dem Kinde so gut, daß es sich bethoͤren ließ, und die Thuͤre oͤffnete. Als es den Kamm erhandelt hatte, sprach die Alte ‘nun will ich dich einmal ordentlich kaͤmmen.’ Das arme Sneewittchen dachte an nichts, und ließ die Alte gewaͤhren, aber kaum hatte sie den Kamm in die Haare gesteckt, als das Gift darin wirkte, und das Maͤdchen ohne Besinnung niederfiel. ‘Du Ausbund von Schoͤnheit, jetzt ists um dich geschehen’ sprach das boshafte Weib, und gieng fort. Zum Gluͤck aber war es bald Abend, wo die sieben Zwerglein nach Haus kamen. Als sie Sneewittchen wie todt auf der Erde liegen sahen, hatten sie gleich die boͤse Stiefmutter in Verdacht, suchten nach, und fanden den giftigen Kamm, und wie sie ihn herausgezogen, kam Sneewittchen wieder zu sich, und erzaͤhlte ihnen was vorgegangen war. Da warnten sie es noch einmal auf seiner Hut zu seyn, und niemand die Thuͤre zu oͤffnen.
Die Koͤnigin stellte sich daheim vor den Spiegel, und sprach
Da antwortete er, wie vorher
Als sie den Spiegel so reden hoͤrte, zitterte und bebte sie vor Zorn. ‘Sneewittchen soll sterben,’ rief sie, ‘und wenn es mein eigenes Leben kostet.’ Darauf gieng sie in eine ganz verborgene einsame Kammer, wo niemand hinkam, und machte da einen giftigen giftigen Apfel. Aeußerlich sah er schoͤn aus, weiß mit rothen Backen, daß jeder, der ihn erblickte, Lust darnach bekam, aber wer ein Stuͤckchen davon aß, der mußte sterben. Als der Apfel fertig war, faͤrbte sie sich das Gesicht, und verkleidete sich in eine Bauersfrau, und so gieng sie uͤber die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Sie klopfte an, Sneewittchen streckte den Kopf zum Fenster heraus, und sprach ‘ich darf keinen Menschen einlassen, die sieben Zwerge haben mirs verboten.’ ‘Mir auch recht,’ antwortete die Baͤuerin, ‘meine Äpfel will ich schon los werden. Da, einen will ich dir schenken.’ ‘Nein’, sprach Sneewittchen, ‘ich darf nichts annehmen.’ ‘Fuͤrchtest du dich vor Gift?’ sprach die Alte. ‘Siehst du, da schneide ich den Apfel in zwei Theile; den rothen Backen iß du, den weißen will ich essen.’ Der Apfel war aber so kuͤnstlich gemacht, daß der rothe Backen allein vergiftet war. Sneewittchen lusterte den schoͤnen Apfel an, und als es sah daß die Baͤuerin davon aß, so konnte es nicht laͤnger widerstehen, streckte die Hand hinaus, und nahm die giftige Haͤlfte. Kaum aber hatte es einen Bissen davon im Mund, so fiel es todt zur Erde nieder. Da betrachtete es die322 Koͤnigin mit grausigen Blicken, und lachte uͤberlaut, und sprach ‘weiß wie Schnee, roth wie Blut, schwarz wie Ebenholz! diesmal koͤnnen dich die Zwerge nicht wieder erwecken.’ Und als sie daheim den Spiegel befragte
so antwortete er endlich
Da hatte ihr neidisches Herz Ruhe, so gut ein neidisches Herz Ruhe haben kann.
Die Zwerglein, wie sie Abends nach Haus kamen, fanden Sneewittchen auf der Erde liegen, und es regte sich kein Athem mehr, und es war todt. Sie hoben es auf, suchten ob sie was giftiges faͤnden, schnuͤrten es auf, kaͤmmten ihm die Haare, wuschen es mit Wasser und Wein, aber es half alles nichts; das liebe Kind war todt, und blieb todt. Sie legten es auf eine Bahre, und setzten sich alle siebene daran, und beweinten es, und weinten drei Tage lang. Da wollten sie es begraben, aber es sah noch so frisch aus, wie ein lebender Mensch, und hatte noch seine schoͤnen rothen Backen. Sie sprachen ‘das koͤnnen wir nicht in die schwarze Erde versenken,’ und ließen einen durchsichtigen Sarg von Glas machen, daß man es von allen Seiten sehen konnte, legten es hinein, und schrieben mit goldenen Buchstaben seinen Namen darauf, und daß es eine Koͤnigstochter waͤre. Dann setzten sie den Sarg hinaus auf den Berg, und einer von ihnen blieb immer dabei, und bewachte ihn. 323Und die Thiere kamen auch, und beweinten Sneewittchen, erst eine Eule, dann ein Rabe, zuletzt ein Taͤubchen.
Nun lag Sneewittchen lange lange Zeit in dem Sarg, und verweste nicht, sondern sah aus als wenn es schliefe, denn es war noch so weiß als Schnee, so roth als Blut, und so schwarzhaarig wie Ebenholz. Es geschah aber, daß ein Koͤnigssohn in den Wald gerieth, und zu dem Zwergenhaus kam, da zu uͤbernachten. Er sah auf dem Berg den Sarg und das schoͤne Sneewittchen darin, und las was mit goldenen Buchstaben darauf geschrieben war. Da sprach er zu den Zwergen ‘laßt mir den Sarg, ich will euch geben, was ihr dafuͤr haben wollt’ Aber die Zwerge antworteten ‘wir geben ihn nicht um alles Gold in der Welt.’ Da sprach er ‘so schenkt mir ihn, denn ich kann nicht leben ohne Sneewittchen zu sehen, ich will es ehren und hochachten wie mein Liebstes.’ Wie er so sprach, empfanden die guten Zwerglein Mitleiden mit ihm, und gaben ihm den Sarg. Der Koͤnigssohn ließ ihn nun von seinen Dienern auf den Schultern forttragen. Da geschah es, daß sie uͤber einen Strauch stolperten, und von dem Schuͤttern fuhr der giftige Apfelgruͤtz, den Sneewittchen abgebissen hatte, aus dem Hals, und es ward wieder lebendig. Da richtete es sich auf und sprach ‘ach Gott, wo bin ich?’ Der Koͤnigssohn sagte voll Freude ‘du bist bei mir,’ und erzaͤhlte, was sich zugetragen hatte, und sprach ‘ich habe dich lieber, als alles auf der Welt; komm mit mir in meines Vaters Schloß, du sollst meine Gemahlin werden.’ Da war ihm Sneewittchen gut, und324 gieng mit ihm, und ihre Hochzeit ward mit großer Pracht und Herrlichkeit angeordnet.
Zu dem Fest war aber auch Sneewittchens gottlose Stiefmutter eingeladen. Wie sie sich nun mit schoͤnen Kleidern angethan hatte, trat sie vor den Spiegel, und sprach
Der Spiegel antwortete
Da stieß das boͤse Weib einen Fluch aus, und ward ihr so angst, so angst, daß sie sich nicht zu lassen wußte. Sie wollte zuerst gar nicht auf die Hochzeit kommen: doch ließ es ihr keine Ruhe, sie mußte fort und die junge Koͤnigin sehen. Und wie sie hineintrat, erkannte sie Sneewittchen, und vor Angst und Schrecken stand sie da, und konnte sich nicht regen. Aber es waren schon eiserne Pantoffel uͤber Kohlenfeuer gestellt, und wurden gluͤhend herein gebracht: da mußte sie die feuerrothen Schuhe anziehen, und darin tanzen, daß ihr die Fuͤße jaͤmmerlich verbrannten: und sie durfte nicht aufhoͤren bis sie sich todt getanzt hatte.
Es waren einmal drei Bruͤder, die waren immer tiefer in Armuth gerathen, und endlich war die Noth so groß daß sie Hunger leiden mußten, und nichts mehr zu beißen und zu brechen hatten. Da sprachen sie ‘es kann so nicht bleiben, es ist besser wir gehen in die Welt, und suchen unser Gluͤck.’ Sie machten sich also auf, und waren schon weite Wege und uͤber viele Grashaͤlmerchen gegangen, aber das Gluͤck war ihnen noch nicht begegnet. Da gelangten sie eines Tags in einen großen Wald, und mitten darin war ein Berg, und als sie naͤher kamen, so sahen sie daß der Berg ganz von Silber war. Da sprach der aͤlteste ‘nun habe ich das gewuͤnschte Gluͤck gefunden, und verlange kein groͤßeres.’ Er nahm von dem Silber so viel er nur tragen konnte, kehrte dann um, und gieng wieder nach Haus. Die beiden andern aber sprachen ‘wir verlangen vom Gluͤck noch etwas mehr als bloßes Silber,’ ruͤhrten es nicht an, und giengen weiter. Nachdem sie abermals ein paar Tage gegangen waren, so kamen sie zu einem Berg, der ganz von Gold war. Der zweite Bruder stand, besann sich, und war ungewiß. ‘Was soll ich thun?’ sprach er, ‘soll ich mir von dem Golde so viel nehmen326 daß ich mein Lebtag genug habe, oder soll ich weiter gehen?’ Endlich faßte er einen Entschluß, fuͤllte in seine Taschen was hinein wollte, sagte seinem Bruder Lebewohl, und gieng heim. Der dritte aber sprach ‘Silber und Gold das ruͤhrt mich nicht, ich will meinem Gluͤck nicht absagen, vielleicht ist mir etwas besseres beschert.’ Er zog weiter, und als er drei Tage gegangen war, so kam er in einen Wald, der noch groͤßer war als die vorigen, und gar kein Ende nehmen wollte; und da er nichts zu essen und zu trinken fand, so war er nahe daran zu verschmachten. Da stieg er auf einen hohen Baum, ob er da oben Waldes Ende sehen moͤchte, aber so weit sein Auge reichte sah er nichts als die Gipfel der Baͤume. Da begab er sich von dem Baume wieder herunter zu steigen, aber der Hunger quaͤlte ihn, und er dachte ‘wenn ich nur noch einmal meinen Leib ersaͤttigen koͤnnte. Als er herab kam, sah er mit Erstaunen unter dem Baum einen Tisch, der mit Speisen reichlich besetzt war, die ihm entgegen dampften. ‘Diesmal,’ sprach er, ‘ist mein Wunsch zu rechter Zeit erfuͤllt worden,’ und ohne zu fragen wer das Essen gebracht und wer es gekocht haͤtte, nahte er sich dem Tisch, und aß mit Lust bis er seinen Hunger gestillt hatte. Als er fertig war, dachte er ‘es waͤre doch Schade wenn das feine Tischtuͤchlein hier in dem Walde verderben sollte,’ legte es saͤuberlich zusammen, und steckte es ein. Darauf gieng er weiter, und Abends, als der Hunger sich wieder regte, wollte er sein Tuͤchlein auf die Probe stellen, breitete es aus, und sagte ‘so wuͤnsche ich daß du abermals mit guten Speisen besetzt waͤrest,’ und kaum war der327 Wunsch uͤber seine Lippen gekommen, so standen so viel Schuͤsseln mit dem schoͤnsten Essen darauf, als nur Platz hatten. ‘Jetzt merke ich,’ sagte er, ‘in welcher Kuͤche fuͤr mich gekocht wird; du sollst mir lieber seyn als der Berg von Silber und Gold,’ denn er sah wohl daß es ein Tuͤchlein deck dich war. Das Tuͤchlein war ihm aber doch noch nicht genug um sich daheim zur Ruhe zu setzen, sondern er wollte lieber noch in der Welt herum wandern, und weiter sein Gluͤck versuchen. Eines Abends traf er in einem einsamen Walde einen Koͤhler, der brannte da Kohlen, und hatte Kartoffeln am Feuer stehen, damit wollte er seine Mahlzeit halten. ‘Guten Abend, du Schwarzamsel,’ sagte er, ‘wie geht dirs in deiner Einsamkeit?’ ‘Einen Tag wie den andern,’ erwiederte der Koͤhler, ‘und jeden Abend Kartoffeln; hast du Lust dazu und willst mein Gast seyn?’ ‘Schoͤnen Dank’ antwortete der Reisende, ‘ich will dir die Mahlzeit nicht wegnehmen, du hast auf einen Gast nicht gerechnet, aber wenn du mit mir vorlieb nehmen willst, so sollst du eingeladen seyn.’ ‘Wer soll dir anrichten?’ sprach der Koͤhler, ‘ich sehe daß du nichts bei dir hast, und ein paar Stunden im Umkreiß ist niemand, der dir etwas geben koͤnnte.’ ‘Und doch solls ein Essen seyn,’ antwortete er, ‘so gut, wie du noch keins gekostet hast.’ Darauf holte er sein Tuͤchlein aus dem Ranzen, breitete es auf die Erde, und sprach ‘Tuͤchlein deck dich’, und alsbald stand da Gesottenes und Gebratenes, und war so warm als waͤre es eben aus der Kuͤche gebracht. Der Koͤhler machte große Augen, ließ sich aber nicht lange bitten, sondern langte zu, und schob immer328 groͤßere Bissen in sein schwarzes Maul hinein. Als sie abgegessen hatten, schmunzelte er, und sagte ‘hoͤr, dein Tuͤchlein hat meinen Beifall, das waͤre so etwas fuͤr mich in dem Walde, wo mir niemand etwas gutes kocht; ich will dir einen Tausch vorschlagen, ich habe da einen Soldatenranzen, der zwar alt und unscheinbar ist, in dem aber wunderbare Kraͤfte stecken; da ich ihn doch nicht mehr brauche, so will ich ihn fuͤr das Tuͤchlein geben.’ Erst muß ich wissen was das fuͤr wunderbare Kraͤfte sind’ erwiderte er. ‘Das will ich dir sagen,’ antwortete der Koͤhler, ‘wenn du mit der Hand darauf klopfst, so kommt jedesmal ein Gefreiter mit sechs Mann, die haben Ober - und Untergewehr, und was du befiehlst das vollbringen sie.’ ‘Meintwegen’ sagte er, ‘wenns nicht anders seyn kann, so wollen wir tauschen,’ gab dem Koͤhler das Tuͤchlein fuͤr den Ranzen, und nahm Abschied von ihm. Als er ein Stuͤck Wegs gegangen war, wollte er die Wunderkraͤfte seines Ranzens versuchen, und klopfte darauf. Alsbald traten die sieben Kriegshelden vor ihn, und der Gefreite sprach ‘was verlangt mein Herr und Gebieter?’ ‘Marschiert zu dem Koͤhler, und fordert mein Wunschtuͤchlein zuruͤck.’ Sie machten links um, und gar nicht lange, so brachten sie das Verlangte, und hatten es dem Koͤhler, ohne viel zu fragen, abgenommen. Er hieß sie wieder abziehen, gieng weiter, und hoffte das Gluͤck wuͤrde ihm noch heller scheinen. Bei Sonnenuntergang kam er zu einem andern Koͤhler, der bei dem Feuer seine Abendmahlzeit bereitete. ‘Willst du mit mir essen,’ sagte der rußige Geselle, ‘Kartoffeln mit Salz aber ohne Schmalz, so setz dich zu mir nieder.’ 329‘Nein,’ antwortete er, ‘fuͤr diesmal sollst du mein Gast seyn,’ deckte sein Tuͤchlein auf, das mit den schoͤnsten Gerichten besetzt wurde. Sie aßen und tranken zusammen, und waren guter Dinge. Nach dem Essen sprach der Kohlenbrenner ‘ich habe da ein altes abgegriffenes Huͤtlein, das hat seltsame Eigenschaften: wenn das einer aufsetzt, und dreht es auf dem Kopf herum, so gehen die Feldschlangen, als waͤren zwoͤlfe neben einander aufgefuͤhrt, und schießen alles darnieder, daß niemand dagegen bestehen kann. Mir nuͤtzt das Huͤtlein nichts, und fuͤr dein Tischtuch will ichs wohl hingeben.’ ‘Das laͤßt sich hoͤren. ’ antwortete er, nahm das Huͤtlein, und ließ sein Tuͤchlein zuruͤck. Kaum aber war er ein Stuͤck Wegs gegangen, so klopfte er auf seinen Ranzen, und seine Soldaten mußten ihm das Tuͤchlein wieder holen. ‘Es kommt eins zum andern,’ dachte er, ‘und es ist mir, als waͤre mein Gluͤck noch nicht zu Ende.’ Seine Gedanken hatten ihn auch nicht betrogen. Nachdem er abermals einen Tag gegangen war, kam er zu einem dritten Koͤhler, der ihn nicht anders als die vorigen zu ungeschmelzten Kartoffeln einlud. Er ließ ihn aber von seinem Wunschtuͤchlein mitessen, und das schmeckte dem Koͤhler so gut daß er ihm zuletzt ein Hoͤrnlein dafuͤr bot, das noch ganz andere Eigenschaften hatte als das Huͤtlein. Wenn man darauf blies, so fielen alle Mauern und Festungswerke, endlich alle Staͤdte und Doͤrfer uͤbern Haufen. Er gab dem Koͤhler zwar das Tuͤchlein dafuͤr, ließ sichs aber hernach von seiner Mannschaft wieder abfordern, so daß er endlich Ranzen, Huͤtlein und Hoͤrnlein beisammen hatte. ‘Jetzt,’330 sprach er, ‘bin ich ein gemachter Mann, und es ist Zeit, daß ich heimkehre, und sehe wie es meinen Bruͤdern ergeht.’
Als er daheim anlangte, hatten sich seine Bruͤder von ihrem Silber und Gold ein schoͤnes Haus gebaut, und lebten in Saus und Braus. Er trat bei ihnen ein, weil er aber in einem halb zerrissenen Rock kam, das schaͤbige Huͤtlein auf dem Kopf, den alten Ranzen auf dem Ruͤcken, so wollten sie ihn nicht fuͤr ihren Bruder anerkennen. Sie spotteten, und sagten ‘du gibst dich fuͤr unsern Bruder aus, der Silber und Gold verschmaͤhte, und fuͤr sich ein besseres Gluͤck verlangte; der kommt gewiß in voller Pracht als ein maͤchtiger Koͤnig angefahren, nicht als ein Bettelmann;’ und jagten ihn zur Thuͤre hinaus. Da gerieth er in Zorn, klopfte auf seinen Ranzen so lange bis hundert und funfzig Mann in Reih und Glied vor ihm standen. Er befahl ihnen das Haus seiner Bruͤder zu umzingeln, und zwei sollten Haselgerten mitnehmen und den beiden uͤbermuͤthigen die Haut auf dem Leib so lange weich gerben, bis sie wuͤßten wer er waͤre. Es entstand ein gewaltiger Laͤrm, die Leute liefen zusammen, und wollten den beiden in der Noth Beistand leisten, aber sie konnten gegen die Soldaten nichts ausrichten. Es geschah aber dem Koͤnige Meldung davon, der ward unwillig, und ließ einen Hauptmann mit seiner Schaar ausruͤcken; aber der Mann mit dem Ranzen hatte bald eine groͤßere Mannschaft zusammen, die schlug den Hauptmann mit seinen Leuten zuruͤck, daß sie mit blutigen Nasen abziehen mußten. Der Koͤnig sprach ‘der hergelaufene Kerl ist noch zu baͤndigen,’ und schickte am andern Tage eine groͤßere331 Schar gegen ihn aus, aber sie konnte noch weniger ausrichten. Er stellte noch mehr Volk entgegen, und dann drehte er ein paarmal sein Huͤtlein auf dem Kopf herum, da fieng das schwere Geschuͤtz an zu spielen, und des Koͤnigs Leute wurden geschlagen und in die Flucht gejagt. ‘Jetzt mache ich nicht eher Frieden,’ sprach er, ‘als bis mir der Koͤnig seine Tochter zur Frau gibt, und ich in seinem Namen das ganze Reich beherrsche.’ ‘Muß ist eine harte Nuß: was bleibt mir anders uͤbrig, als daß ich thue was[er] verlangt?’ sagte der Koͤnig zu seiner Tochter; ‘will ich Frieden haben, und die Krone auf meinem Haupte behalten, so muß ich dich hingeben.’
Die Hochzeit war gefeiert, aber die Koͤnigstochter war verdrießlich daß ihr Gemahl ein gemeiner Mann war, der einen schaͤbigen Hut trug, und einen alten Ranzen umhaͤngen hatte. Sie waͤre ihn gerne wieder los gewesen, und sann Tag und Nacht wie sie das bewerkstelligen koͤnnte. Da dachte sie ‘sollten seine Wunderkraͤfte wohl in dem Ranzen stecken?’ und verstellte sich, liebkoste ihm, und sprach ‘wenn du nur den schlechten Ranzen ablegen wolltest, er verunziert dich so sehr, daß ich mich deiner schaͤmen muß.’ ‘Liebes Kind,’ antwortete er, ‘dieser Ranzen ist mein groͤßter Schatz, so lange ich den habe, fuͤrchte ich keine Macht der Welt;’ und erzaͤhlte ihr mit welchen Wunderkraͤften er begabt sey.’ Da fiel sie ihm um den Hals, als wenn sie ihn kuͤssen wollte, nahm ihm aber mit Behendigkeit den Ranzen von der Schulter, und lief damit fort. Sobald sie allein war, klopfte sie darauf, und befahl den Kriegsleuten sie sollten ihren vorigen332 Herrn festnehmen und zum koͤniglichen Palast hinausfuͤhren. Sie gehorchten, und die falsche Frau ließ noch mehr Leute hinter ihm her ziehen, die ihn ganz zum Lande hinausjagen sollten. Da waͤre er verloren gewesen wenn er nicht das Huͤtlein gehabt haͤtte. Kaum aber waren seine Haͤnde frei, so schwenkte er es ein paar mal, alsbald fieng das Geschuͤtz an zu donnern, und schlug alles nieder, und die Koͤnigstochter mußte selbst kommen und um Gnade bitten. Weil sie so beweglich bat und sich zu bessern versprach, so ließ er sich uͤberreden, und bewilligte ihr Frieden. Sie that freundlich mit ihm, und stellte sich an als haͤtte sie ihn sehr lieb, und wußte ihn nach einiger Zeit so zu bethoͤren daß er ihr vertraute wenn auch einer den Ranzen in seine Gewalt bekommen haͤtte, so koͤnnte er doch nichts gegen ihn ausrichten so lange das alte Huͤtlein noch sein waͤre. Als sie das Geheimnis wußte, wartete sie bis er eingeschlafen war, dann nahm sie ihm das Huͤtlein weg, und ließ ihn hinaus auf die Straße werfen. Aber noch war ihm das Hoͤrnlein uͤbrig, und in großem Zorne blies er aus allen Kraͤften hinein. Alsbald fiel alles zusammen, Mauern, Festungswerk, Staͤdte und Doͤrfer, und schlugen den Koͤnig und die Koͤnigstochter todt. Und wenn er nicht abgesetzt, und nur noch ein wenig laͤnger geblasen haͤtte, so waͤre alles uͤber den Haufen gestuͤrzt, und kein Stein auf dem andern geblieben. Da widerstand ihm niemand mehr, und er setzte sich zum Koͤnig uͤber das ganze Reich.
Es war einmal ein Muͤller, der war arm, aber er hatte eine schoͤne Tochter. Nun traf es sich, daß er mit dem Koͤnig zu sprechen kam, und zu ihm sagte ‘ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen.’ Dem Koͤnig, der das Gold lieb hatte, gefiel die Kunst gar wohl, und er befahl die Muͤllerstochter sollte alsbald vor ihn gebracht werden. Dann fuͤhrte er sie in eine Kammer, die ganz voll Stroh war, gab ihr Rad und Haspel, und sprach ‘wenn du diese Nacht durch bis morgen fruͤh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so mußt du sterben.’ Darauf ward die Kammer verschlossen, und sie blieb allein darin.
Da saß nun die arme Muͤllerstochter, und wußte um ihr Leben keinen Rath, denn sie verstand gar nichts davon, wie das Stroh zu Gold zu spinnen war, und ihre Angst ward immer groͤßer, daß sie endlich zu weinen anfieng. Da gieng auf einmal die Thuͤre auf, und trat ein kleines Maͤnnchen herein und sprach ‘guten Abend, Jungfer Muͤllerin, warum weint sie so sehr?’ ‘Ach,’ antwortete das Maͤdchen, ‘ich soll Stroh zu Gold spinnen, und verstehe das nicht.’ Sprach das Maͤnnchen ‘was334 giebst du mir, wenn ich dirs spinne?’ ‘Mein Halsband’ sagte das Maͤdchen. Das Maͤnnchen nahm das Halsband, setzte sich vor das Raͤdchen, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll. Dan steckte es eine andere auf, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war auch die zweite voll: und so giengs fort bis zum Morgen, da war alles Stroh versponnen, und alle Spulen waren voll Gold. Als der Koͤnig kam und nachsah, da erstaunte er und freute sich, aber sein Herz wurde nur noch begieriger, und er ließ die Muͤllerstochter in eine andere Kammer voll Stroh bringen, die noch viel groͤßer war, und befahl ihr das auch in einer Nacht zu spinnen, wenn ihr das Leben lieb waͤre. Das Maͤdchen wußte sich nicht zu helfen und weinte, da gieng abermals die Thuͤre auf, und das kleine Maͤnnchen kam und sprach ‘was giebst du mir wenn ich dir das Stroh zu Gold spinne?’ ‘Meinen Ring von dem Finger’ antwortete das Maͤdchen. Das Maͤnnchen nahm den Ring, und fieng wieder an zu schnurren mit dem Rade, und hatte bis zum Morgen alles Stroh zu glaͤnzendem Gold gesponnen. Der Koͤnig freute sich uͤber die Maßen bei dem Anblick, war aber noch immer nicht Goldes satt, sondern ließ die Muͤllerstochter in eine noch groͤßere Kammer voll Stroh bringen und sprach ‘die mußt du noch in dieser Nacht verspinnen; wenn dir das gelingt, sollst du meine Gemahlin werden.’ ‘Denn,’ dachte er, ‘eine reichere Frau kannst du auf der Welt nicht haben.’ Als das Maͤdchen allein war, kam das Maͤnnlein zum drittenmal wieder, und sprach ‘was giebst du mir, wenn ich dir noch335 diesmal das Stroh spinne?’ ‘Jch habe nichts mehr, das ich geben koͤnnte’ antwortete das Maͤdchen. ‘So versprich mir, wann du Koͤnigin wirst, dein erstes Kind.’ ‘Wer weiß wie das noch geht’ dachte die Muͤllerstochter, und wußte sich auch in der Noth nicht anders zu helfen, und versprach dem Maͤnnchen was es verlangte; dafuͤr spann das Maͤnnchen noch einmal das Stroh zu Gold. Und als am Morgen der Koͤnig kam, und alles fand wie er gewuͤnscht hatte, so hielt er Hochzeit mit ihr, und die schoͤne Muͤllerstochter ward eine Koͤnigin.
Ueber ein Jahr brachte sie ein schoͤnes Kind zu Welt, und dachte gar nicht mehr an das Maͤnnchen, da trat es in ihre Kammer und sprach ‘nun gib mir, was du versprochen hast.’ Die Koͤnigin erschrack, und bot dem Maͤnnchen alle Reichthuͤmer des Koͤnigreichs an, wenn es ihr das Kind lassen wollte, aber das Maͤnnchen sprach ‘nein