Von Hrn. v. Humboldt.
Der Verfaſſer giebt eine Reihe von Tabellen uͤber die ſtuͤndlichen Variationen des Barometers nach Beob - achtungen, die er zu Cumana, zu La Guayra, zu Lima, zu Callao, zu Sierra Leone, auf Taiti, auf dem Pla - teau von Myſore, zu Caracas, zu Jbagua, in Neugre - nada, zu Popayan, zu Mexico, zu Quito und auf dem Plateau von Antiſana gemacht hat. Dieſe Beobachtun - gen, an der Zahl 757, ſind erſt jetzt bekannt gemacht worden, bis auf die des Capitain Sabine, welche aus Daniell's Meteorologie ausgezogen ſind.
Mit den ſtuͤndlichen Variationen des Barometers verhaͤlt es ſich, wie der Verfaſſer ſagt, wie mit einer großen Menge von wichtigen Erſcheinungen, die wir aus der Geſchichte der phyſikaliſchen Entdeckungen als man - gelhaft beobachtet, oder als ſorgfaͤltig unterſucht, aber von einzelnen und wenig bekannten Beobachtern zur oͤf - fentlichen Kunde gebracht, kennen lernen. Dieſe Erſchei - nungen bleiben in der Vergeſſenheit, wenn die Gelehr - ten oder die Akademiker, welche in jedem Jahrhundert einen großen Einfluß auf den Gang der Wiſſenſchaften aͤußern, nicht Luft gehabt haben, daraus einen Gegen - ſtand fuͤr ihre Forſchungen zu machen. Wenn in der Folge durch die Vereinigung mehrerer Beobachter, die durch andere Leiſtungen bekannt geworden ſind, oder durch vollſtaͤndigere Wuͤrdigung jener Erſcheinungen, die Zwei - fel beſeitigt ſind, ſo betrachtet man gern als etwas laͤngſt Erkanntes dasjenige, was man nun nicht mehr unter der Rubrik mangelhafter Beobachtungen vernachlaͤſſigen darf. Jm Jahr 1682 bemerkten die HH. Varin, Des Hayes und de Glos, daß zu Gorée das Barometer in der Regel viel tiefer ſtehe, wenn das Thermometer am hoͤchſten ſteht, und, daß erſteres gemeiniglich um 2 bis 4Linien des Nachts hoͤher ſtehe, als am Tage; daß auch dieſes Jnſtrument mehr Veraͤnde - rungen vom Morgen bis zum Abend, als vom Abend bis zum Morgen erfahre. (Mém. de l'Acad. des sc. t. 7. p. 452.) Der Pater de Bèze machte aͤhnliche Bemerkungen zu Pondicheri und zu Ba - tavia im Jahr 1690. Aber erſt im Jahr 1722 wurde dieſes regelmaͤßige Steigen und Fallen bei Tag und bei Nacht ganz vollſtaͤndig von einem hollaͤndiſchen Arzte beobachtet. Der Name deſſelben iſt uns nicht bekannt geworden. (Journ. lit. de La Haye, 1722, p. 234.) Jn einem aus Surinam geſchriebenen Brief laͤßt er ſich folgendermaßen vernehmen: „ Das Queckſilber ſteigt alle Tage regelmaͤßig von 9 Uhr des Morgens bis gegen 11½ Uhr, dann faͤllt es wieder bis gegen 2 oder 3 Uhr des Nachmittags, und noch ſpaͤter hin erlangt es wieder ſeine erſte Hoͤhe. Es erfaͤhrt un - gefaͤhr dieſelben Variationen zu denſelben Stunden der Nacht. Die Variation betraͤgt ungefaͤhr ½ Linie oder hoͤchſtens ¾ Linien. Man wuͤnſcht, daß die europaͤiſchen Naturforſcher hieruͤber ihre Vermuthungen mittheilen moͤchten.”
Der Pater Boudier hatte das Barometer zu Chandernagor vom Jahr 1740 bis zum Jahr 1750 be - obachtet (Cotte, météorolog. p. 343.) und fand, daß die groͤßte Elevation des Queckſilbers alle Tage um 9 oder um 10 Uhr des Morgens und die geringſte um 3 oder 4 Uhr des Nachmittags ſtattfindet.
Die HH. Bouguer und de la Condamine, welchen die in Surinam gemachten Beobachtungen nicht bekannt waren, ſchreiben die Entdeckung dieſer Variatio - nen einem gewiſſen Godin zu. (Voyage à l'équateur, p. 50 u. 109.) Jm Jahr 1751 brachte Thibault de Chanvalon ſeine auf den Antillen gemachten ſtuͤndlichen Beobachtungen in tabellariſche Ueberſichten. (Voyage à la Martinique, p. 135.) Seit dem Jahre 1761 be - obachtete der Dr. Mutis zu Santa Fé de Bogota mit der groͤßten Ausdauer 40 Jahre nach einander die at - moſphaͤriſche Ebbe und Fluth, aber ſeine Beobachtungen5ſind nicht bekannt gemacht worden. Der Pater Alzate ſpricht von den Stunden des Maximum und des Mi - nimum, die in Mexico beobachtet worden ſind. (Ob - serv. metéorolog. 1769.)
Auf der Reiſe von La Pérouſe machten de Lama - non und Mongès im Jahr 1785 von Stunde zu Stun - de die erſten Beobachtungen, welche 3 Tage und 3 Naͤchte unter dem Äquator fortgeſetzt wurden. (Voyage de la Pérouse, 1797, t. 4, p. 257.) Dieſe Beobachtungen wurden 8 Jahre fruͤher angeſtellt, als diejenigen von Trail, Farguhar, Pearce und Balfour zu Calcutta, nur daß letztere 2 Jahre fruͤher, naͤmlich 1795 im 4. Ban - de der asiatic researches bekannt gemacht wurden und groͤßere Celebritaͤt erhielten. Hr. v. Humboldt hat die Reihe ſeiner Beobachtungen in Verbindung mit Bonpland den 18. Julius 1799 zu Cumana begon - nen und ſie 5 Jahre lang zwiſchen dem zwoͤlften Grad ſuͤdlicher Breite und dem drei und zwanzigſten Grad noͤrdlicher Breite fortgeſetzt. Zu den neuern Beobach - tern muß auch Horsburgh in China und Jndien (Phil. Transact., 1825 p. 173 und Nicholson, 1806, t. 13, p. 16 u. 56); der Capitain Kater auf den Ebenen von Myſore; Ramond in Auvergne; Langs - dorff und Horner auf Kruſenſterns Reiſe (Mém. de l'Acad. de Petersb. 1809. t. I. p. 450.); Hr. v. Eſchwege in Braſilien (Journ. von Braſilien, t. I., p. 174 u. t. II. p. 142); Arago in Spanien und in Frankreich (Annales de chim. et de phys. ſeit dem Jahr 1816); Hr. v. Freycinet zu Rio de Janeiro und im Suͤdmeer; Simonoff zwiſchen dem 10° u. 30° ſuͤdlicher Breite, wo er im Jahre 1820 und 1821 mehr als 4300 Beobachtungen gemacht hat; (Jwan Simonoff, Beſchreibung der Bellinghauſiſchen Entdeckungsreiſe in das ſuͤdliche Eismeer, 1824, p. 33.); der Capitain Sabi - ne an den weſtlichen Kuͤſten von Afrika; Boussin - gault und Rivero zu La Guayra und in den Cordil - leren von Columbia; und Duperrey an den Kuͤſten von Peru gezaͤhlt werden.
Humboldt discutirt hierauf dieſe verſchiedenen Beobachtungen (und eine große Menge anderer, die wir nicht anfuͤhren) in Bezug
Jhm in dieſer wichtigen Arbeit, wo alle Thatſachen geordnet, discutirt und mit der groͤßten Sorgfalt ver - glichen worden, zu folgen, iſt fuͤr uns unmoͤglich. Alle Schriftſteller, welche in der Folge uͤber dieſen Gegen - ſtand ſchreiben wollen, ſollten dieſe Vorarbeit benutzen, wenn ſie ſich Arbeiten und unnuͤtzen Zeitverluſt erſparen wollen. Wir ſtellen hier fuͤr unſere Leſer die Schluß - folgerungen auf, zu denen der Verfaſſer gelangt iſt, und die Tabelle, welche uͤber alle ſeine Forſchungen einen Ueberblick gewaͤhrt.
1) Die ſtuͤndlichen Oscillationen des Barometersfinden an allen Punkten der Erde und bis zu einer Hoͤhe von 2000 Toiſen ſtatt; ſie ſind periodiſch und be - ſtehen aus 2 aufſteigenden und 2 niederſteigenden Be - wegungen, die innerhalb des Zeitraums eines Tages ſtatt finden. Die Zeitpunkte der Maxima und Minima ſind nicht gleich weit abſtehend von einander. Sie laſ - ſen Abweichungen von 2 Stunden wahrnehmen. Das Maximum des Morgens faͤllt zwiſchen 8½ und 10½ Uhr; das Minimum des Nachmittags zwiſchen 3 und 5 Uhr; das Maximum des Abends zwiſchen 9 und 11 Uhr und das Minimum der Nacht zwiſchen 3 und 5 Uhr.
Jn der heißen Zone*)So ſteht im Original; welche Zahl zwiſchen 3 und 5 ge - meint ſey, laͤßt ſich nach den aufgeſtellten Saͤtzen nicht mit Wahrſcheinlichkeit angeben. kann man fuͤr dieſe Zeitpunkte annehmen 21½, 16, 10½, 16; und in der gemaͤßigten Zone 20½, 3½, 9½, 17. Dieſe Zahlen druͤcken naͤmlich die Stunden aus, wenn man vom Mittag an zu zaͤh - len beginnt.
2) Jn der gemaͤßigten Zone ſind die Zeitpunkte des Maximums des Morgens und des Minimums des Abends im Winter dem wahren Mittag um 1 bis 2 Stunden naͤher; als im Sommer. Beobachtungen uͤber das Mi - nimum nach Mitternacht fehlen, und Hr. v. Humboldt ladet ein, dergleichen zu machen.
3) Jn der heißen Zone ſind die Stunden fuͤr die hoͤchſten und niedrigſten Barometerſtaͤnde am Meeres - ſpiegel dieſelben, wie auf 1300 bis 1400 Toiſen hohen Plateaux. Man verſichert, daß dieſes in einigen Thei - len der gemaͤßigten Zone anders ſey. Auf dem St. Bernhardsberg z. B. faͤllt das Barometer zu denſelben Stunden, wo es zu Genf ſteigt.
4) Jn der Naͤhe der Maxima und der Minima iſt das Barometer, waͤhrend einer mehr oder weniger betraͤchtlichen Zeit, faſt ſtationaͤr. Dieſe Zeit variirt von 15 Minuten bis zu 2 Stunden.
5) Zwiſchen dem Äquator und den Parallelkreiſen von 15° noͤrdlich und ſuͤdlich, unterbrechen die ſtaͤrkſten Winde, die Orkane, die Erdbeben, die auffallendſten Wechſel der Temperatur und der Feuchtigkeit eben ſo wenig den periodiſchen Eintritt der Variationen, als ſie ſonſt eine Modification bei ihnen hervorbringen. Jn Jndien dagegen verbirgt blos die Regenzeit den Typus der ſtuͤndlichen Variationen auf dem Feſtlande, auf den Kuͤſten und in den Meerengen gaͤnzlich.
6) Zwiſchen den Wendekreiſen iſt ein Tag und eine Nacht ausreichend, um die aͤußerſten Punkte und die Dauer der Variationen kennen zu lernen. Jn den Breiten von 44° und 48° kann man ſie nur in einer Zeit von 15 bis 20 Tagen ganz deutlich beobachten.
7) Die Extenſion der taͤglichen Variationen zu denſelben Stunden und in verſchiedenen Monaten iſt ſich nicht gleich. Sie nimmt auch in dem Maaße ab, wie die Breite zunimmt (ſiehe die beigefuͤgte Tabelle); end - lich iſt das Maximum des Morgens etwas hoͤher, alsdas Maximum des Abends. Die Hoͤhe des Ortes ſcheint auf dieſe Reſultate keinen Einfluß zu haben.
8) Die barometriſchen Mittel der Monate differi - ren unter einander, unter den Wendekreiſen von 1 bis 2 und von 1 bis 5 Millimeter; in der Naͤhe der Wen - dekreiſe um 7 bis 8 Millimeter, alſo faſt eben ſo, wiein der gemaͤßigten Zone. Die aͤußerſten Abweichungen des Jahres betragen zu denſelben Stunden unterm Äquator 4 bis 4½ Millimeter; unter dem Wendekreiſe des Steinbocks 21 Millimeter; unter dem Wendekreiſe des Krebſes 25 bis 30 Millimeter.
9) Unter den Wendekreiſen, wie in der gemaͤßig - ten Zone, findet man durch eine Vergleichung der aͤußer - ſten Abweichungen des Barometers in jedem Monat die Graͤnzen der aufſteigenden Oscillationen um 2 oder 3Mal naͤher, als die Graͤnzen der niederſteigenden Os - cillationen.
10) Die Beobachtungen, welche man bis jetzt hat ſammeln koͤnnen, haben keinen merklichen Einfluß des5 *Mondes auf die Oscillationen der Atmoſphaͤre angezeigt. Dieſe Oscillationen ſcheinen durch die Sonne bewirkt zu werden, welche hier nicht durch Anziehungskraft ihrer Maſſe, ſondern als Waͤrme erzeugendes Geſtirn wirkt. Wenn die Sonnenſtrahlen periodiſche Veraͤnderungen in der Atmoſphaͤre hervorbringen, ſo bleibt noch zu erklaͤren uͤbrig, warum die beiden niedrigſten Barometerſtaͤnde faſt mit den heißeſten und kaͤlteſten Punkten des Tages und der Nacht zuſammenfallen.
CLARIN-DNote: Langfristige Bereitstellung der DTA-Ausgabe
Beobachtungen über die stündlichen Variationen des Barometers zwischen den Wendekreisen vom Meeresspiegel an, bis auf den Rücken Cordillera der Anden. Alexander von Humboldt. . I+4 S. 1826. Notizen aus dem Gebiete der Natur- und Heilkunde (12) pp. 65-71.
Fraktur
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